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-The Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-
-
-Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819
- Zweites Bändchen
-
-Author: Theodor von Kobbe
-
-Release Date: September 16, 2016 [EBook #53061]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
- vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
-
- Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
- insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
- im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
- wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
- aber sinngemäß ergänzt.
-
- Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander
- abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben
- Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht
- verändert.
-
- In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren
- Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im
- vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger
- Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete
- ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.
-
- Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt
- verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende
- Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
- Bearbeiter eingefügt.
-
- Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (S. 86-93) wurde
- im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken
- Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche
- Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung
- zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche
- Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten.
-
- Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
- abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
- verwendet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
- Zeichen.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Humoristische Erinnerungen
-
- aus meinem
-
- academischen Leben
-
- in
-
- Heidelberg und Kiel
-
- in den Jahren 1817-1819
-
- von
-
- Theodor von Kobbe.
-
-
- Zweites Bändchen.
-
-
- Bremen,
- Verlag von Wilhelm Kaiser.
-
-
- 1840.
-
-
-
-
- Druck von F. W. Buschmann.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Achtes Kapitel. 1
-
- Neuntes Kapitel. 25
-
- Zehntes Kapitel. 77
-
- Elftes Kapitel. 124
-
- Zwölftes Kapitel. 142
-
- Dreizehntes Kapitel. 162
-
- Vierzehntes und letztes Kapitel. 187
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
- Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß.
- Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß
- in Auerbach. Philipp Stieffel.
-
-
-Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten
-meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis
-Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.
-
-Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr
-zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche
-Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in
-Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. -- Aber schon um
-den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste
-Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.
-
-Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers
-»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel
-verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr
-Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche
-Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem
-Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft
-wurde. -- Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich
-unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit
-dem ersten Character belohnt wurde.
-
- Wie einst mit flehendem Verlangen
- Pygmalion den Stein umschloß,
- Bis in des Marmors kalte Wangen
- Empfindung glühend sich ergoß,
- So schlang ich einst mit Liebesarmen
- Um _corpus juris_ mich mit Lust,
- Bis es zu athmen, zu erwarmen
- Begann an des Juristen Brust.
- Und theilend meine Flammentriebe
- Die Stumme eine Sprache fand,
- Mir wiedergab den Kuß der Liebe,
- Und meines Herzens Klang verstand.
- Da klang mir lieblich jede Stelle,
- Gleich reiner Quellen Silberfall,
- Selbst aus der trockensten Novelle
- Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.
- Es dehnte mit allmächt’gem Streben
- Die enge Brust ein kreisend All’,
- Hervorzutreten auf’s Catheder
- Mit Weisheitswort und Witzesschall.
- Wie groß war diese Welt gestaltet,
- So lang’ der Hörsaal mich noch barg,
- Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!
- Dies Wenige wie klein und karg!
- Wie sprang von Savigny beflügelt,
- Beglückt durch theoretschen Wahn,
- Von keiner Praxis noch gezügelt
- Ich da in die gelehrte Bahn!
- Bis an der Glosse bleichste Sterne
- Erhob mich der Entwürfe Flug;
- Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,
- Wohin ihr Flügel mich nicht trug.
- Wie leicht ward ich dahin getragen,
- Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!
- Auf meinem Tische, o! da lagen
- Die Folianten kreuz und queer!
- +Cujaz+ mit civilist’scher Krone,
- +Donell+ in des Systemes Glanz
- Auch +Schulting+ lockt mit reichem Lohne,
- Selbst +Glück+ mit rings verstohlnem Kranz.
- Doch ach! schon in des Sommers Mitte
- Verloren meine Gönner sich,
- Sie wandten treulos ihre Schritte,
- Und einer nach dem Andern wich.
- Zu leicht an sich war +Glück+ entflogen,
- +Cujazius+ blieb unenthüllt,
- In dem +Donell+ las ich zwei Bogen
- Und schnitt mir nur heraus sein Bild.
- Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,
- Doch +Schulting+ führte mich zu weit,
- Ach allzuschnell nach kurzem Lenze
- Entfloh die schöne Quellenzeit.
- Und immer stiller wards und immer
- Verlaß’ner auf dem Burschenpult.
- Von Savigny borgt ich noch Schimmer
- Doch dazu riß auch die Geduld.
- Von all dem rauschenden Geleite,
- Wer harrte liebend bei mir aus?
- Wer steht mir tröstend noch zur Seite,
- In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?
- O! die du alle Wunden heilest,
- Du Thibauts viel gefaßte Hand,
- Für das Examen Kraft ertheilest,
- Du, die ich ungesucht schon fand!
- Und du, der gern sich mit ihm gattet,
- Wie er der Prüfung Quaal beschwört,
- O +Höpfner+ Du, der nie ermattet,
- Der selten schafft, doch nie zerstört;
- Der zu dem Bau der Ewigkeiten
- Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
- Doch dem in des Examens Zeiten
- +Cujaz+ und _corpus juris_ weicht!
-
-»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in
-Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß
-diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß,
-selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung
-nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen
-meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn +»Eminenz«+
-ausgestellt wurden.
-
-Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede
-Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf
-einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen
-Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen
-Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war
-mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und
-Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der
-zweite begrüßt. -- Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt,
-die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem
-Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein
-großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. -- Glaubwürdigen
-Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen
-Loseburg (auch »+Schnurri-Major+, +Carbonädel+« genannt,) zu Bonn
-gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher
-später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll.
-Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die
-Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.
-
-Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe
-zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied
-von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft
-daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß
-ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen
-Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von
-meinen Wangen.
-
-Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst
-genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide
-zu verschmelzen.
-
-Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden,
-obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der
-nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. -- Die Abreise
-mußte aber simulirt werden.
-
-Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.
-
-Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit
-gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.
-
-Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem
-Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war
-schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der
-Scheide, vor sich.
-
-Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht
-Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern
-Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im
-weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen
-in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in
-_escarpins_, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei _Chapeaux d’honneurs_
-auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist.
--- Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.
-
-Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute
-Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach
-Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den
-Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der
-Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in
-+Eminenz+ verwandelten.
-
-Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich,
-nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen
-harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden.
-Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen
-stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg
-zurückführen zu lassen.
-
-Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur,
-nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft
-behandelte uns wie Philister.
-
-Wir hatten uns burschikos überlebt.
-
-Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war
-zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer
-umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte
-auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten
-als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing
-und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher
-Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition
-stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische
-viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als
-eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.
-
-Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt,
-gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht
-nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu
-bringen versprochen hatte.
-
-Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur
-der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz,
-ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden
-der Welt!«
-
-»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm
-herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so
-schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen
-Zweifel wieder.«
-
-Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden
-Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger
-warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der
-Berichterstatter.
-
-»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum
-Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.
-
-Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben,
-daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die
-Zurückbleibenden.
-
-»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«
-
-»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust
-parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich
-glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die
-Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden
-war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir
-wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.
-
-Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!!
-»Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine
-Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg
-auszurichten, so sag es uns doch!«
-
-Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total
-gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins
-Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten
-hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde
-in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.
-
-Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise
-und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen
-Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden
-Blicken.
-
-Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer
-Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe
-Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen
-gemacht. -- Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich
-seiner nicht mehr.
-
-Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von
-den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht
-verblasen hätten. -- Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in
-der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller
-Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. -- Solche Tonkünstler sind
-wahre +Kaspar Hauser+, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen.
-Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß
-sie geigen sollten. -- Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt
-und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders
-nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.
-
-Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen
-Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen
-Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich
-gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station
-trennen zu wollen.
-
-»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir
-reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals
-gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der
-Flasche zukommen lassen wollte.«
-
-»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben
-unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir
-die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger
-willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu
-meinenden älteren Bruder spielen.«
-
-»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe
-das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, _fiat
-justitia pereat mundus_.«
-
-»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.
-
-»Jawohl« entgegnete der Andere. -- »Der ist grade der competente
-Richter dafür.«
-
-Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren
-unbrüderlichen Rechtshandel.
-
-Es handelte sich nur darüber ob das Wort »+Philister+« bei den
-Studenten einen +schlechten Kerl+ oder einen +Nicht-Burschen+ bedeute.
-
-Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren
-Worte
-
-»+Es bedeutet beides+«
-
-und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen
-Cerevisianern zu träumen.
-
-Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es
-aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem
-es ausgemacht hatte das ominöse Wort »+Philister+« nie wieder gegen
-einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.
-
- Den Teufel spürt das Völkchen nie,
- Und wenn er sie beim Kragen hätte.
-
-In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche
-Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht
-gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste
-Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine
-Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer
-Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden
-Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen
-Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald
-dessen Garaus gefolgt ist.
-
-Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen
-bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem
-Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. -- »Ach! der ist ja
-total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen
-kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen
-neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen
-abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden
-Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf
-unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.
-
-Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger
-mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil
-der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf
-unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte.
-Wir entschlossen uns daher den Kutscher _pro rata_ seines Weges, zu
-bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen.
-Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen
-neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei
-oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne
-Unterbrechungen fortsetzen zu können.
-
-Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein
-Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den
-versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt
-zahlen müßten.
-
-Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer
-verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und
-bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des
-verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht
-partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer
-Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.
-
-»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.
-
-»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des _mille
-bocus_, wohnt der Schultheiß.«
-
-Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.
-
-Die Karavane brach auf -- der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich,
-mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen
-der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch
-den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; -- sodann der
-Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die
-Hornisten. --
-
-Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und
-zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der
-Gerechtigkeit an.
-
-Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall
-ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen
-kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den
-körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen
-haben.
-
-Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von
-dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung
-erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten,
-sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht
-suchen wollten, öffnete er die Thür.
-
-»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie
-haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache
-führen.«
-
-Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich
-bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.
-
-Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung
-der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in
-unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.
-
-Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich
-aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte,
-und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und
-gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede
-anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »+Er ist ein
-grober Mensch+« begleitete.
-
-Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben
-werden.
-
-Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten
-Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine
-erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die
-Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das
-ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand
-der ehelichen Liebe.
-
-»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen
-Stuhl steigend, von wo er uns, ein »_mille bocus miniature_«, Alle
-übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen
-nach den göttlichen Gesetzen langte.
-
-»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das
-Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer
-übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für
-incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe
-ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so
-viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser
-Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt
-Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.
-
- »Von Rechts Wege.«
-
-Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit
-Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in
-eine sprachlose Betrübniß.
-
-Wir wandelten schweigend heim. -- »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin,
-sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.
-
-»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht
-gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.
-
-Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar
-ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf
-Rache. --
-
-Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was
-unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern
-können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer
-gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart
-nicht wieder unternommen.
-
-Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein
-Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer
-Stunde bekommen. --
-
-»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs
-Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr
-gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und
-der Proceß haben ihn entnüchtert.«
-
-»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh
-in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«
-
-»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen
-Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den
-Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«
-
-Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht
-hersetzen.
-
-Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er
-sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das
-nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer
-weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« --
-
-Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb
-ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der
-tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.
-
-Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige,
-wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese
-horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs
-Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde
-lagen.
-
-Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen.
-
-Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte
-aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir
-ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. --
-
-In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen
-Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt
-geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf
-unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen
-werden.
-
-Mir schrieb ein Freund:
-
- »In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und
- obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in
- mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe
- Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie
- voriges Jahr mit Dir.«
-
-Ich rescribirte meinen Cerevisianern:
-
- »Habt Ihr immer trüben Sinn
- An den Neckarthoren,
- Weil ich dort geschieden bin
- Und Euch dort verloren;
- Hebt doch Brust und Kopf empor,
- Habt Ihr’s nicht vernommen?
- Glaubt: durch dieses selbe Thor
- Werd’ ich wiederkommen.«
-
-Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit
-bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke
-in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer
-ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich
-hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.
-
-»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,«
-bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig
-gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage:
-
-»Sind Sie verheirathet?«
-
-»Nein! gnädige Frau!«
-
-»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf
-diese Weise selbst verjüngen können!«
-
-»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.
-
-»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel
-Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen,
-von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in
-Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder
-antworten?«
-
-»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig
-bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild
-in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und
-in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete
-Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in
-Carlsruhe.« --
-
-»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein
-wackerer Vater.«
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
- Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W
- -- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen
- Berliner. Kassel.
-
-
-Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen.
-Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt
-zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse
-vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch
-keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete
-das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und
-Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren
-anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben,
-die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen
-Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche
-+Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist
-ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit
-dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen
-treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so
-macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so
-lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie
-der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie
-er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in
-der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und
-wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu
-gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen
-Glauben wie in Israel gefunden. --
-
-Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden.
-Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von
-den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein
-Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem
-Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
-
-Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich
-hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der
-Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten
-sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne
-Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während
-man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen
-unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur,
-lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein
-Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu
-fragen. Was heißt »Falkiren«?«
-
-»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch
-auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz
-zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
-
-Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem
-Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser
-entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben
-gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch
-seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht
-vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben
-erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen.
-Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er
-erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr
-erst wieder verläßt.
-
-Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem
-Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde
-und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von
-einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des
-Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige
-unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse,
-und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das
-unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz
-recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu
-plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion
-über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
-
-»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das
-Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren
-Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu
-ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie.
-Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott,
-als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt,
-beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser
-Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung,
-Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat
-ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt
-und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das
-Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung
-des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles
-nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form
-auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für
-ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der
-zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte
-Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis
-gegeben.« --
-
-Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath
-herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber
-sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner
-eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich
-hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
-
-»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete,
-»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
-
-»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
-
-Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes
-zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in
-der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters
-wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen
-Greises zu hören.
-
-Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß
-er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,«
-von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die
-Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in
-den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er
-behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß
-man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten
-begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
-
-Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der
-Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes,
-überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne
-gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei
-diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange
-hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts
-durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief
-entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine
-Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise
-einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz
-gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon
-Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte
-sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei
-einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als
-er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu
-gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen
-dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe --
-Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist
-der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
-
-Das Desert wurde aufgetragen.
-
-»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine
-Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen
-M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines
-Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht
-habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an
-ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte
-ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem
-Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber
-keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger
-Kalk versprochen.«
-
-»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
-
-»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe,
-daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine
-Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt
-gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig.
-Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne,
-Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt
-zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte
-ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage,
-namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des
-Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte
-zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war
-bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben
-deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum
-Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie
-müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an,
-»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte
-ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu
-belegen.«
-
- * * * * *
-
-K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß
-erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht
-abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
-
- »Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere
- Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon
- geschrieben,« endete er.
-
-»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als
-Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt
-hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte
-der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und
-Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist,
-etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe
-verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns
-alliirt sind.«
-
-»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das
-kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher
-Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch
-bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu
-erweisen.«
-
-Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der
-alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der
-Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«,
-fragte er mich sogar einmal.
-
-»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit
-Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon
-ergriffen.«
-
-»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber
-Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie
-sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche
-Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat
-sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«
-
-Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich,
-mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich
-dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken
-gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß
-ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn
-meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten
-»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker,
-seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O
-lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie
-schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine
-meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch
-nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht
-sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn
-alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das
-Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine
-Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par
-preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.
-
-Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie
-jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so
-haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht,
-die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater
-befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war
-daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf
-Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.
-
-In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die
-Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht
-rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort
-verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel
-Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten
-zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere
-Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu
-wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu
-gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig
-machten sie mir Platz.
-
-Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel
-heller war als das meinige.
-
-Ich forschte nach der Ursache.
-
-»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. --
-
-»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art
-Mitleiden.
-
-»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als
-saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine
-Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«
-
-»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das
-ist ein großer Unterschied.«
-
-»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei
-Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein
-ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem
-Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä
-Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und
-Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
-
-»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl
-von allen Seiten die Antwort.
-
-»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine
-Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich
-gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein
-getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick
-und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu
-geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied?«
-
-»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein
-großer Unterschied.«
-
-»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost
-mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne
-Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die
-Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch
-ä Onkel und ä Braut --«
-
-»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für
-Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«
-
-»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo
-kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die
-Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die
-Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig,
-und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit
-einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und
-de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke
-hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn
-mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so
-spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich
-anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein
-Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« --
-Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken
-rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine
-Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach
-und de Wirth Dieffenbach?«
-
-»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem
-bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast
-verstimmt.
-
-»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort.
--- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz
-und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de
-Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er
-sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die
-Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.
-
-»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.
-
-»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste
-Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann
-ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier,
-wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«
-
-»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer
-Babett,« forschte ich.
-
-»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit
-de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt
-ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm
-trinke.«
-
-»Nun und das wollten Sie nicht?«
-
-»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang
-indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich
-erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch
-gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei
-und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte
-aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr
-mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu,
-ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt,
-der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der
-Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man
-drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«
-
-»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,«
-ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene
-Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich
-obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß
-wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp
-fiel.«
-
-»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von
-Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims.
-Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die
-Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei
-Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort
-ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«
-
-»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde
-dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim
-nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich,
-da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon
-mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der
-Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las,
-daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen
-Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese
-Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte,
-ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de
-Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den
-Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am
-Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine
-Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander
-Städtche ein ander Mädche.«
-
-»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin
-anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der
-Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett
-ist ungesund und harthörig geworde. -- Ich sag oft zu mir selbst wer
-weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein
-hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich
-ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf
-meine Satz. -- Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« --
-
-Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein
-und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen
-Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen
-leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine
-Begeisterung für den Eppelwein verdankte.
-
-Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz
-hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius
-erinnert und an seinen Refrain:
-
- Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,
- Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.
-
-Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse
-entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der
-Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt
-mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied.«
-
-Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten,
-wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten
-Schinkens nur zwei wunderliche Dinge -- ein ganz trüber Punsch und ein
-Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt
-war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger
-Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf
-der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir
-um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die
-Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit
-ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts
-als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei,
-daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung
-zu Stande gebracht habe. -- Solche weise Todtengespräche werden einst
-in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach
-ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine
-traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich
-lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn
-den scheinbar frommen Satz geschaffen: _De mortuis et absentibus nil
-nisi bene_. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit
-ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach
-dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in
-diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange
-ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure
-Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste
-Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker
-entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und
-verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu
-geblendet, in viele kleine -- wie der gute Homer.
-
-Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt
-zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger
-Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren
-zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen
-verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner
-Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
-
-»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister,
-»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so
-geschah’s. -- Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter
-heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden
-Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter
-Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten.
-Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer.
-Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen
-mit den Worten ihm nachstreckte:
-
-»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« --
-
-»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im
-Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß
-die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
-
-Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen
-Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule
-gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen
-Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide
-trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
-
-Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit
-aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst
-seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und
-einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat
-geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner
-Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den
-französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein
-doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast
-ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche
-Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol
-in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen
-werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder
-Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen
-am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde
-an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke
-oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft
-ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine
-Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen
-kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
-
-Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden
-und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei,
-war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche
-Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren
-damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
-
-Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf
-jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die
-andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich
-hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine
-knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner
-waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages.
-Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen
-stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen
-Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr
-Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht
-ganz täuschend reproducire. --
-
-Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der
-Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch
-den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine
-Taschenkalender feil bieten zu können.
-
-»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene
-ein, »dat is der Satiricker Friederich.«
-
-»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.
-
-Ich nickte bejahend.
-
-»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister
-an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des
-sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen
-Lectüre gekommen bin?«
-
-»Wie sollte ich das wissen?«
-
-»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir
-noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de
-Friedrichsstraße Nummer 46.«
-
-Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.
-
-»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier«
-nennen that. -- Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene
-können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will
-mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«
-
-»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der _minor natu_.
-
-»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm
-gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb
-wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder +Defrene und
-Compagnie+« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des
-ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun
-thäten.«
-
-»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war
-damals de rothe Lise?« --
-
-»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de
-Geliebte von den russischen Jelehrten.«
-
-»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch
-Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage
-+hier+ zu besuchen, die Freundschaft thun will.«
-
-»+Jette+, ick meehne +Lise+, sagte, das Ding soll vielleicht wol
-angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung
-dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und
-dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«
-
-»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach
-Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben.
-Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«
-
-»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder,
-den +Franz+,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.
-
-»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so
-hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf
-weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den
-Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von
-die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff
-geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin
-unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den
-leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und
-nich kann. Hu! des ist jräsig!« --
-
-Genug die Geschichte war uff en Donnerstag --
-
-»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.
-
-»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.
-
-»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«
-
-besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff
-den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«
-
-»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den
-unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal
-sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en
-Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste
-junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht
-und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er
-doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr
-sagen will, er trägt die Medaille.
-
-Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus
-Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,«
-ergänzte Defrene junior.
-
-»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.
-
-»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent
-fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre
-neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die
-Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn
-Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.
-
-»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses
-enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen
-kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein
-verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die
-Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und
-präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. --
-
-»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff
-er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den
-Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:
-
-»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich
-bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer
-sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich
-am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine
-Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein
-das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die
-Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war,
-hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist
-und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen
-und den Fremden aufzubieten, -- doch über die Beschmutzung seiner
-Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen,
-und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. -- Als sich der
-Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn
-ejentlich heißen thäte. -- Lise wurde gerufen. Die sagte gleich,
-der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber
-jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, -- Ick hätte aber
-ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die
-Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe
-Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des
-alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären
-mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für
-einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen
-müssen. -- Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt,
-als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »+Friedrichs+,
-+Schriftsteller+,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er
-kann mir dreist noch zehn Male begießen. +Friedrichs+ der +Satiriker+,
-ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende
-und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können
-denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von
-unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören
-und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner
-Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die
-satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden
-kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn
-ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem
-Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter
-seiner Zeit.«
-
-»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des
-Dichters?« forschte ich.
-
-Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene
-etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen
-Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß
-er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte
-mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so
-schrecklich aparti.«
-
-»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den
-großen Jean Paul.
-
-Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen
-Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde
-Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr
-zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige
-Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme
-versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im
-Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station
-mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften
-Fremden ein.
-
-Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen
-wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten
-und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen
-wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und
-Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als
-Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine
-düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person
-schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit
-der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen
-Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die
-Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen
-Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein
-Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.
-
-Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren,
-ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei
-Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als
-natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte
-mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. -- Wir
-plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein
-Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das
-Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz
-erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; -- das Schicksal mit dem
-Henker. -- Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es
-ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an
-die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er
-begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte,
-ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,«
-versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« --
-
-Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem
-Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als
-möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er
-leider einen Collegen besuchen müsse.« -- Mir war das wunderlich daß
-ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. --
-
-Als ich an die _Table d’hôte_ kam fand ich meine Reisegefährten schon
-in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die
-mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo
-zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen
-auf einem Zimmer logirt?«
-
-Ich machte ein verneinendes Zeichen.
-
-»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig
-beträgt, ist nichts anders als ein -- -- --«
-
-Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine
-höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst
-das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein
-»ist ein« -- noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem
-
- »+Scharfrichter+«
-
-herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten
-Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie
-bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht
-zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich
-ausdrückten, +mich nicht dich nichts+ seinen »+hochmüthigen Kopp+« wol
-herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum
-Todtlachen jewesen.
-
-Die Frau von Z--, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie
-in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei
-der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen
-als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und
-deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer
-wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der
-Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen
-ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits
-experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst
-die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister
-durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann
-unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.
-
-Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt
-und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern
-Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt
-etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh
-von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber,
-womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel,
-versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem
-ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die
-Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine
-Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren
-malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische
-Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.
-
-Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure
-Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser
-sind als ihr Ruf. -- Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes
-Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute
-zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten
-Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der
-Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die
-Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« -- ausrief:
-»Es freut mich für den Menschen -- aber, au waih! geschrieen für meine
-Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet
-mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«
-
-Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem
-Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin,
-ausrief:
-
-»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es
-mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber
-spreche.«
-
-»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden
-Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben
-zu erfreuen schien.
-
-»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste
-Defrene.
-
-»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal
-Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«
-
-Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine
-Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei
-seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen
-eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit
-anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett.
-Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept,
-rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den
-Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den
-vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren
-hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in
-der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen.
-Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher
-Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen
-hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter
-den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu
-nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich
-sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld
-mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren
-dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels
-angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante
-Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer
-des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner
-Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im
-Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die
-Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich
-verloren, anbringen könntet.«
-
-Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde
-dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die
-Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den
-Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils
-als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um
-alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger
-unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich
-ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen
-Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren
-wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,«
-pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie
-Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen
-noch Geld zur Rückreise überher geben.«
-
-Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem
-benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren
-leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren,
-und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod
-verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und
-ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat
-ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem
-Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen,
-um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende
-Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung
-derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren.
--- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause
-fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten
-einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch
-gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen
-väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die
-Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der
-Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.
-
-Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich
-fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend,
-ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich
-fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das
-zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der
-Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald
-links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der
-Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines
-Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser
-erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier
-einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.
-
- (Alter Bursch und Fuchs treten auf.)
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ich muß dich vor allen Dingen,
- Hier in dieses Wirthshaus bringen,
- Wo der Bursch fast immer kneipt;
- Kannst am Abend wie am Morgen,
- Beim Philister Porzel borgen,
- Wenn er auch oft doppelt schreibt.
- Ich bin ihm schon höllisch schuldig,
- Doch der Kerl der ist geduldig.
-
- +Fuchs.+
-
- Wenn das Tante wüßte, Fritze
- Mir verbot man Kaffeehäuser.
-
- +Alter Bursch.+
-
- O so sprich doch etwas leiser.
- Hört’ man deine schnöden Witze,
- Könnte man ja Wunder denken.
-
- +Fuchs.+
-
- Gott wie magst du Tante kränken.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Mutter ist ein Frauenzimmer,
- Fürchtet sich bei Allem immer;
- Doch wie die Philister sagen,
- War Papa als Bursche schlimmer
- Hat sich alle Tag’ geschlagen.
- Ist ein Erzsuitier gewesen.
- Hab seinen Namen im Carcer gelesen.
-
- +Fuchs.+
-
- Fritz! nein ich bezweifle dies,
- Onkel der ist so vernünftig.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Nun das werd ich auch zukünftig,
- Wahr ist es auf Cerevis.
-
- +Fuchs.+
-
- In den letzten zwei Semestern
- Sollt’st du wirklich fleißig sein.
- Das versprachst du mir noch gestern,
- So gewiß, und fest; allein --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ja ich will auch, laß das Lästern,
-
- +Fuchs.+
-
- Der verdammte Branntewein!
- Denke dran was du versprochen.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?
- Hab’ die ganze Nacht gewacht,
- Immerfort hab’ ich studirt,
- Nicht gegrockt und nicht gebiert.
-
- +Fuchs.+
-
- Nun, das hast du brav gemacht.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Heute mach ich eine Pause,
- Aber jetzt erzähl mir ja,
- Was macht Mutter und Papa
- Und die Schwestern denn im Hause?
- Und wie gehts in unserm Städtchen,
- Insbesondere mit den Mädchen?
- Sprich, was macht Louise Kranz?
-
- +Fuchs.+
-
- Neulich sah’ ich sie beim Tanz,
- Schwer hob sie die Schwanenbrust,
- Gerne wollt ich mit ihr tanzen,
- Doch sie hatte keine Lust.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Warum machte sie Speranzen?
- Wenn sie mir das abgeschlagen,
- Hätt’ ich wollen sie curanzen!
-
- +Fuchs.+
-
- Gott! wie kannst du so was sagen?
- Denk dir, ihre Augensterne
- Blickten still und schmachtend nieder,
- Immer sprach sie ach! von dir.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ja sie mag mich höllisch gerne.
- Wenn die Besen sich verkeilen
- Sind sie einmal nicht zu heilen.
-
- +Fuchs.+
-
- Könnt wie du, ich, um sie minnen,
- All mein Leben setzt’ ich dran,
- Diesen Engel zu gewinnen. --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Seht mir mal den Crassen an.
-
- +Fuchs.+
-
- Wird Ihr Vetter lange bleiben?
- Fragte sie von Schmerz erweicht,
- Gerne wollte ich an ihn schreiben,
- Doch ich fürchte daß er schweigt.
- Sieh so sprach sie, Du Profaner!
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ach der Besen ist halb toll,
- Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,
- Aber ich war noch Primaner.
-
- +Fuchs.+
-
- Fritz bei dem verwandten Blute
- Das ja in uns beiden fließt,
- Und so wahr das reine Gute
- Ewig unvergänglich ist;
- Reich Louisen deine Rechte
- Wolle ihr dein Leben weihn,
- Eurem kommenden Geschlechte,
- Will ich Freund und Onkel sein.
- Nie mehr wird mein Auge trübe
- Denn ich denk’ an Körners »Durch«
- Ich veredle meine Liebe
- Gleich dem Ritter Toggenburg.
- Wenn ich dann oft einsam weine
- Daß Dein Mädchen mich verkannt,
- Daß die Holde nicht die Meine!
- Einst mich decket Grabes-Sand!
- Fritz! dann mögest Du ihr sagen,
- Opfer kennt die Liebe keine! --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Das ist doch zum Überschlagen!
-
- +Fuchs.+
-
- Marmorstein! wirst du nicht roth?
-
- +Alter Bursch.+
-
- Die Louise Kranz in Ehren,
- Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod
- Eine Frau mir zu ernähren.
-
- +Fuchs.+
-
- Willst du denn des Mädchens Tod?
-
- +Alter Bursch.+
-
- Hör’! ich will sie dir cediren,
- Willst du tüchtig Wein poniren!
- Aber nimm es mir nicht krumm.
-
- +Fuchs.+
-
- Hör Elender! du bist dumm.
- Meines Hasses Fackel lodert. --
- Solch ein schändlicher Betrug!
-
- +Alter Bursch.+
-
- Das Wort »dumm« das ist genug.
- Du touchirst, weist nicht warum.
- Aber Fuchs du bist gefordert.
-
- +Fuchs.+
-
- Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ich bin meiner Seel verplext,
- Wie kann mich der Jung’ touchiren?
- Die verdammte Lise Kranz
- Hat den Bengel wol behext?
- Doch der Fuchs muß revociren
- Millionen Donnerwetter!
- Hört man das im Vaterlande,
- Louis bleibt ja doch mein Vetter,
- Das wär’ eine ew’ge Schande. --
-
-Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines
-Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald
-strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht
-lieber Bruder« an mein Ohr! --
-
-Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen
-gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde,
-an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.
-
-»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair
-der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit
-uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien
-machen.«
-
-Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein
-Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl
-liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr
-von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur
-verstellt zu schlummern schien. --
-
-Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen
-war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der
-Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner
-erzählten.«
-
-»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft
-ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir
-stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«
-
-Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei
-zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel
-alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus
-dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen
-Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle
-dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die
-Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon
-singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.
-
-Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers
-traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten
-mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um
-ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod,
-(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche
-Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose,
-die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel
-hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir
-mit einigen feierlichen Worten kredenzte. --
-
-Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun,
-aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier
-stürzten auf die Erde. -- --
-
-Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte
-nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre
-übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie
-im Schlaf gewesen.
-
-Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend
-anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun
-gehabt,« bemerkte er jetzt. --
-
-Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig
-schweigend. --
-
-Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der
-Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.
-
-»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit
-irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«
-
-Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung
-sogleich gegenwärtig waren.
-
-»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich
-meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben
-habe, Ihnen weh zu thun.« --
-
-»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort
-aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich
-anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh
-wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.
-
-Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen
-erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und
-leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und
-ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von
-Posa sagt:
-
- »Er dachte klein von mir und starb.«
-
-Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich!
-ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses
-Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko
-noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne
-wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen,
-allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür
-bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem
-Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein
-Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_
-enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf
-den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt
-werden.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
- Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine
- Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem
- Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp.
- Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius
- Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der
- Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.
-
-
-Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen
-Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil
-meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie
-werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie
-meine academischen Reminiscenzen haben.
-
-Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der
-Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort
-auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen.
-Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809
-erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau,
-(_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen
-erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke,
-denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das
-wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat,
--- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche
-und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll
-von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie
-stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über
-Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das
-Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_«
--- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl
-unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark
-verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete
-Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger
-Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im
-fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector«
-verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen
-Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im
-Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise
-»+königlich+« bestätigen.
-
-An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht
-diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags
-vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine
-meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich
-für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich
-einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die
-Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug
-hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel
-wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie
-die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin
-Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel,
-aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären,
-verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich
-alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch
-der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und
-zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine
-geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse
-lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch
-auf die plattdeutsche Anfrage:
-
- Hehtst Du nich +Jan+ Matzen?
-
-die Antwort
-
- »Ne, Klas Matzen.«
-
-erhielt.
-
-Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern
-Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner,
-heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den
-Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man
-erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum
-Christum auch besser erkennen. --
-
-Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische
-Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.
-
-Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol
-durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand
-erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr,
-heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden
-Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und
-fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt
-Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend
-ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete,
-als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat.
-Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht
-irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort
-gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels
-nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche
-namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich
-kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres
-Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein
-solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten
-Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser
-Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure
-Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe
-Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor
-allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen!
-
-Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg.
-Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte,
-ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den
-Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und
-verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.
-
-Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen,
-das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem
-Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu
-Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General
-Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000,
-nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die
-Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und
-wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich
-umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche
-die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich
-vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten
-_Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die
-heimathlichen Gegenden versetzt sahen.
-
-Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch,
-vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr
-als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das
-gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen,
-aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit
-einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt
-hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge
-auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das
-man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr
-massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu
-begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!)
-zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu
-haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam
-Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus
-Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. --
-
-Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der
-damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst
-Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.
-
-Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen,
-ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an
-der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die
-Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine
-bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt,
-so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem
-Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte
-eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst
-thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie
-seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten
-dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem
-Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815
-oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet,
-daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von
-Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen
-Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch
-hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht
-ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein
-Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu
-sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied,
-während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause
-saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und
-klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine
-gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die
-ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete.
-In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der
-+Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen
-Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es
-auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann
-allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters
-dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel
-»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung
-die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.
-
-Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und
-des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine
-unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das
-Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm
-dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto
-herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich
-dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.
-
-
-_Actus III. Scena I._
-
-_Thraso. Gnatho. Parmeno._
-
-
- _T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_
-
- _G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._
-
- _Dono, quam abs te datum esse: id vero serio
- Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.
- Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum
- Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._
-
- _G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._
-
- _Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._
-
- _G. Labore alieno magnam partam gloriam
- Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,
- Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_
-
- _T. scilicet._
-
- _G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.
- Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,
- Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,
- Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:
- Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._
-
- _T. tenes._
-
- _Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,
- Regem elegantem narras. T. immo sic homo
- Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,
- Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,
- Mordere clanculum: ego non flocci pendere.
- Illi invidere misere, verum unus tamen,
- Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._
-
- _Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,
- Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_
-
- _G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!
- lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._
-
- _G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum
- Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,
- Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,
- Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.
- Plus millies audivi. T. una in convivio
- Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus
- Fort habui scortum: coepit ad id aludere
- Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?
- Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._
-
- _T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_
-
- _Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._
-
- _T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._
-
- _G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._
-
- _P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._
-
- _Risu omnes, qui aderant emoriri: denique
- Metuebant omnes jam me. G. non injuria._
-
-
-Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]
-
-+Dritter Act. Erste Scene.+
-
-Thraso, Gnatho, Parmeno.
-
-(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und
-begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)
-
- Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?
-
- Gnatho. Unmenschlich.
-
- Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?
-
- Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von
- Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.
-
- Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine
- Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier!
-
- Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne,
- schlägt mir ein.
-
- Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.
-
- Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen
- Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au
- contraire_.
-
- Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe.
- (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.
-
- Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. --
-
- Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie
- gerichtet?
-
- Thraso. Das kannst Du glauben.
-
- Gnatho. Sie waren sein Favorit?
-
- Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine
- Pläne --
-
- Gnatho. Sapperment!
-
- Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er
- sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden?
-
- Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele
- speien wollte --
-
- Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner
- gewesen sein.
-
- Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.
-
- Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.
-
- Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich
- cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie
- barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer
- Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun
- anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir,
- Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden
- Bestien commandiren?«
-
- Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt:
- mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?
-
- Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.
-
- Gnatho. Natürlich.
-
- Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher,
- niederträchtiger Erzschurke!
-
- Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den
- Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?
-
- Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir
- erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als
- tausend Male gehört.
-
- Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem
- Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren
- und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek
- in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«
-
- Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!
-
- Thraso. Was kommt Euch an?
-
- Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber
- ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.
-
- Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?
-
- Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum
- Todtlachen.
-
- Thraso. Der ist von meiner Fabrik.
-
- Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß
- er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.
-
- Parmeno. Hol’ Dich der Henker!
-
- Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?
-
- Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte
- vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.
-
- Gnatho. Und das von Rechtswegen.
-
-Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu
-unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich
-verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen
-einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen
-waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines
-Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort
-trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein
-interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen
-Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts
-desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und
-Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts
-überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen
-Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger
-Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe
-in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die
-Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte
-der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den
-Schillerschen setze.
-
-In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei
-eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn
-man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel
-anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle
-nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache
-weg.«
-
-Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit
-Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist
-mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden
-Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster
-Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber
-warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine
-sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
-
-Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
-
-So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem
-Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem
-ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
-
-Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem
-Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß
-sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner
-und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte
-zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die
-Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß
-ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist
-übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote.
-Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie
-die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version
-aufgenommen werden muß.
-
-
-Das Lied vom Prügel.
-
-_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._
-
-Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.
-
- War ein Prügel je auf Erden,
- Der dem jüngst zerbrochnen glich?
- Dennoch muß ein neuer werden;
- Denn mein alter hielt nicht Stich!
- Hilf mir, Anne, frisch!
- Bring den runden Tisch,
- Hol’ mir Beil und Hammer
- Aus der kleinen Kammer!
- Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,
- Geziemt sich wol ein ernstes Wort;
- Wenn gute Reden sie begleiten,
- Dann fließt die Arbeit munter fort.
- So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,
- Was durch des Prügels Kraft zerspringt;
- Den schlechten Mann muß man verachten,
- Der nie bedacht, was er vollbringt.
- Das ist’s ja, was den Custos zieret,
- Und dazu ward ihm der Verstand,
- Daß er der Schüler Schmerzen spüret,
- Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.
- Reich’ das Holz mir aus der Ecke,
- Doch es sei noch etwas feucht,
- Daß ich es gehörig recke;
- Dann wird mir die Biegung leicht.
- Koch’ des Leimes Brei --
- Schnell den Topf herbei,
- Daß der Leim sich bald zertheile,
- Anne, blas in aller Eile!
- Was unter seines Daches Stube
- Der muth’ge Custos winden muß,
- Das fühlet der geschlag’ne Bube,
- Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.
- Noch jucken wird’s in späten Tagen,
- Er wird vom herben Schmerz gequält,
- Betrübt wird er’s der Mutter klagen,
- Die grimmig auf den Lehrer schmäht;
- Was ihrem Sohn mit einem Stocke
- Das wechselnde Verhängniß bringt,
- Das schlägt sie an die große Glocke,
- Die es erbaulich weiter klingt.
- Blasen seh’ ich sich bewegen:
- Wohl, die Massen sind im Fluß.
- Du mußt Kohlen unterlegen,
- Das befördert schnell den Guß.
- Reich von ungefähr
- Mir ein Messer her,
- Daß den Stock ich ründe,
- Eh’ ich ihn umwinde.
- Denn, frühe in der Bürgerschule
- Begrüßt er das geliebte Kind
- Auf seines Lebens erstem Gange,
- Den er beim ABC beginnt;
- Ihm ruhen in der Zeiten Schooße
- Die schwarzen wie die heitern Loose.
- Der Custos nur allein macht Sorgen,
- Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen --
- Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.
- Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe,
- Er stürmt nach Quarta freudig hin;
- Geleitet nur an meinem Stabe,
- Wächst ihm der Unart wilder Sinn,
- Und herrlich, in der Jugend Prangen,
- Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,
- Mit rothen ungeschminkten Wangen
- Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.
- Doch tönet oft ein schweres Klagen
- Vom Knaben her: er irrt allein,
- Er muß sich mit dem Nepos plagen,
- Er flieht der Brüder wilde Reih’n,
- Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,
- Er wird von seinem Fleiß beglückt,
- Und mit der schönsten aller Uhren
- Wird er vom Vater ausgeschmückt.
- O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen
- Für ihn, der keine Sorgen kennt!
- Er sieht für sich schon Prima offen,
- Er ist im Geiste schon Student,
- O, daß sie Gott ihm doch bewahre,
- Die erste Zeit der Flegeljahre!
- Wie sich schon die Blasen bräunen!
- Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
- Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,
- Wird’s zum Decken zeitig sein.
- Anne, sei zur Hand!
- Leder von der Wand,
- Laß mich jetzt den Stock bekleben,
- Und mit Juchten fest umgeben. --
- Denn wo der Jugendseelen Flügel
- Begleitet wird von einem Prügel,
- Da giebt es eine gute Zucht.
- Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,
- Sobald er böse Jugend findet,
- Dies Mittel keiner unversucht.
- Freudig machen sie Spectakel,
- Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.
- Und mein allzu ernster Bakel
- Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.
- Mancher Kantschuh ist zerbrochen,
- Schaden hab’ ich auch dabei,
- Und auf fühllos derben Knochen
- Ging mein letzter noch entzwei.
- Der Schüler geht fort,
- Der Custos muß bleiben,
- Der wechselt den Ort,
- Mich wird man nicht treiben.
- Gar Mancher steigt auf,
- In Tertia zu streben
- Für’s künftige Leben,
- Muß pflanzen und schaffen,
- Mehr hören, als gaffen,
- Muß Nächte studiren,
- Um was zu capiren,
- Muß wetten und wagen,
- Genie zu erjagen.
- Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:
- Man hört den Director den Fleißigen loben,
- Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.
- Und drinnen studirt
- Der _primus secundae_,
- Die Mutter der Klasse,
- Und herrschet weise
- In der Schüler Kreise,
- Und wehret dem Langen
- Und muthigt den Bangen,
- Und regt ohne Ende
- Die Zung’ und die Hände
- Und mehrt den Gewinn
- Mit ordnendem Sinn,
- Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,
- Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,
- Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank
- Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.
- Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer
- Und ruhet nimmer.
- Und der Primaner mit frohem Blick
- Aus der Prima geöffnetem Fenster
- Ueberdenket sein blühend Glück,
- Wie die Schüler vor Arbeit vergehen
- Und um gnädige Strafe flehen;
- Sieht einen Knaben traurig gefangen,
- Welcher versucht die eisernen Stangen, --
- Rühmt sich mit stolzem Mund:
- Fest, wie der Erde Grund,
- Gegen des Lehrers Macht
- Steht unserer Klasse Pracht!
- Doch mit des Geschickes Mächten
- Ist kein ew’ger Bund zu flechten.
- Und das Unglück waltet schnell.
- Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,
- Schön geründet ist der Stock;
- Doch, bevor ihn Leim bedecket,
- Mache mir ein Gläschen Grock.
- Etwas Aquavit
- Stärke mein Gemüth.
- Bei den so gelehrten Brocken
- Wird mir sonst die Zunge trocken.
- Wohlthätig sind der Schläge Macht,
- Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,
- Und was er bildet, was er schafft,
- Das leite seiner Hände Kraft;
- Doch furchtbar wird der Hände Kraft,
- Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.
- Einher tritt in der Schüler Kreis,
- Und selber führt den Rechtsbeweis. --
- Wehe! wenn da losgelassen
- Treffend voller Unverstand
- An die Ohren der Primaner
- Fliegt, die zornentbrannte Hand!
- Denn die jungen Leute hassen
- Einen Schlag von Lehrers Hand.
- Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,
- Strömt die Klarheit;
- Doch der Lehrer ohne Wahl
- Schlägt auch ’Mal.
- Seht Ihr’s toben dort _in prima_?
- Roth wie Blut
- Ist der Lehrer.
- Das ist bösen Zornes Gut!
- Welche Worte!
- Der steht auf,
- Jener auf.
- Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!
- Eilend fliegt er vom Katheder,
- Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!
- Kochend wie aus Ofensschlunde
- Glüh’n die Augen; aus dem Munde
- Stürzen Buben, Jungen fallen,
- Böse Worte hört man schallen,
- Nicht geberdt sich,
- Nicht mehr wehrt sich
- Steffen, der in’s Freie flüchtet,
- Nach der Thür den Lauf gerichtet,
- Durch der Glieder lange Kette
- Um die Wette.
- Jenen Unfug zu bezahlen,
- Fliegen fast magnet’sche Strahlen.
- Keuchend Töffel kommt geflogen,
- Der den Zwist zu hemmen sucht.
- Steffen in der engen Bucht
- Will den Streit noch weiter führen,
- Hingeworfen an die Thüre,
- Und mit jedem Augenblicke
- Wächst der Lärm. Die junge Zucht
- Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.
- Aber sieh, zu ihrem Glücke
- Thür aufgeht:
- Rektor steht
- Da, und Alles fliegt zum Sitze;
- Auf Befehl nimmt seine Mütze
- Jeder Schüler sich und geht. --
- Leergebrannt
- Ist die Stätte
- Wilder Stürme rauhes Bette,
- In der öden _prima_ Mauern
- Wohnt das Grauen,
- Und nur Secundaner trauren
- Schwitzend dort.
- Einen Blick
- Nach dem letzten
- Der Geschätzten
- Sendet Gurlitt noch zurück,
- Eilt fröhlich dann in seine Kammer.
- Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,
- Ein süßer Trost ist ihm geblieben, --
- Er hat die Klasse seiner Lieben
- Drei volle Tage ausgesetzt. --
- Wohl, der Stock hat angenommen,
- Glücklich ist das Holz beklebt,
- Damit in den Saal zu kommen,
- Und der Stein im Kalk erbebt.
- Wenn man munter singt,
- Heiter scherzt und springt,
- Mache ich die Thüre offen
- Und die Horde schweigt betroffen.
- Des frechen Buben starken Rücken
- Vertrauen wir des Lehrers Saat,
- Und hoffen, daß sie keimen werde
- Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.
- Doch einem undankbaren Herzen
- Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,
- Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,
- Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.
- Aus dem Stadtthor,
- Schwer und bang
- Tönt der Schüler
- Ernster Gang.
- Sie begleiten, die das Feuer schürten,
- Einen armen Relegirten!
- Ach! es ist der theure Steffen,
- Ach! es ist der gute Schüler,
- Der das Scholarchat verkannte,
- Den der Herr Director bannte
- Aus der Schüler muntrer Schaar,
- Deren Eins und All’ er war,
- Denen er so sehr gefiel
- Durch Primaner Widerspiel.
- Weh! der Schule zarte Bande
- Sind gelös’t auf immerdar!
- Er studirt in fernem Lande,
- Der der Klasse Seele war;
- Denn es fehlt sein treues Pochen,
- Seine Sorge wacht nicht mehr,
- Und seit sieben vollen Wochen
- Ist der liebe Karzer leer.
-
-Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:
-
- »Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
- Verderblich ist des Tigers Zahn;
- Jedoch das schrecklichste der Schrecken,
- Das ist der böse Zimmermann!«
-
-lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der
-Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen
-harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt,
-zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und
-mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren
-konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie
-seines Pensionärs und Secundaners gelacht.
-
-Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie
-»+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er
-eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte.
-Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich
-mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.
-
-Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin
-übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner
-mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die
-Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch
-auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina
-scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner
-und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des
-Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die
-gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese
-Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens
-eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken
-durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen
-Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen
-über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und
-er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche
-Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei
-Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage
-hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es
-auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt
-erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die
-Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt
-verwirrt.
-
-Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz
-seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als
-bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur
-deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage:
-»Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus
-primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme
-Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit
-genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte
-heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß
-durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn
-erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie,
-mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so
-desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt
-vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis
-ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte
-und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er
-_litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der
-Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von
-ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem
-jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. --
-»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es
-aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die
-Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der
-Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen
-zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete
-Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«
-
-Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die
-Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte,
-daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich
-der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?«
-den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er
-oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den
-_infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu
-erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der
-Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen
-Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran
-erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte
-der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den
-Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am
-Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus
-historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die
-jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort
-»_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte
-hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte
-Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,«
-entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ --
-
-Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger
-Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn
-Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig
-vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein
-Fünkchen lernen.«
-
-In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen
-Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_
-der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes
-Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis
-Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war
-Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben
-scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege
-Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden
-aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten
-erzählte.
-
-In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist.
-Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die
-symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den
-Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus,
-daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber
-doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können,
-gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«
-
-Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor +Hipp+, der eigentliche
-Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen
-verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus,
-von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und
-Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol
-der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht
-eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet;
-Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine
-Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß
-ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch,
-dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande
-war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets
-in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so
-daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil
-er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges
-Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er
-sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher
-Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es
-sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu
-fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher
-Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten
-Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten
-Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die
-Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war
-übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe.
-Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.
-
-Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor
-Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem
-Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch,
-welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte.
-Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel
-deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.
-
-Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken,
-daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder
-Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst
-unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine
-Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.
-
-
-+Der Strauch und die Eiche.+
-
- In eines Strauches Schatten war gepflanzt
- Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
- Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
- Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
- Allein die Eiche hob sich himmelwärts
- Und sah beschämend auf den Strauch hinab.
-
- * * * * *
-
- So sucht auch oft des Schülers freien Sinn
- Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.
-
-Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast
-alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich
-habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen
-diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen
-das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch
-in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm
-abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie
-gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch
-diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem
-Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner
-Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.
-
- (Der Magister tritt auf.)
-
- Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!
- Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
- Ist das eine Klasse von Studiosen?
- Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?
- Werft Ihr so mit frechem Blick,
- Als hätte der allmächtige Fick[5]
- Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?
- Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,
- Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?
- _Quid hic statis otiosi_?
- Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?
- Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:
- Die Primaner haben sich schlecht betragen,
- Einer ist an die Ohren geschlagen,
- Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,
- Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,
- Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,
- Als in den Unterricht des Herrn Enke;
- Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,
- Als für den gelehrten Doctor Strauch:
- Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,
- Als französische Dictate des feinen Lemenz;
- Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,
- Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.
- Die Lehrer studiren Tag und Nacht,
- Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.
- Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;
- Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,
- Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,
- Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!
- Der Custos steckt seine dicke Ruthe
- Vor seiner Bude Fenster aus,
- Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,
- Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.
- Um unser berühmtes Gymnasium
- Leider Gottes -- giebt man nichts um.
- Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,
- Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:
- Anstatt in Folianten aus Bibliotheken
- Les’t Ihr in alten Romanencharteken,
- Und das beschimpfende Carzer allhie
- Ist worden Euer täglich’ Logis. --
- Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!
- Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,
- Von dem Greuel und Heidenleben,
- Dem sich _primi_ und Schüler ergeben.
- Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,
- Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;
- Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,
- Wie auf den Branntwein das Trunkensein;
- Das zu lieben, erregt das _jus_,
- Das ist die Ordnung im Livius[6].
- »_Sed ubi erit spes literarum_,
- _Me si vexatis_?« Wie soll man siegen,
- Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?
- Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.
- Eine Frau hier in der Nachbarschaft
- Fand ihren bösen Ehemann wieder,
- Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7],
- Napoleon seine vertriebenen Brüder:
- Aber wer bei Schülern sucht
- Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,
- Der wird nie seine Hoffnung erjagen,
- Thut er auch alle Rücken zerschlagen.
- Zu dem König der Franzosen,
- Wie wir lesen im Correspondenten,
- Kamen sogar Soldaten gelaufen,
- Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,
- Fragten ihn: »_Sire! que faire?_«
- Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?
- _Et il repond_, und er sagt:
- _Dites: »Vive le roi!_«
- Wenn Ihr keine Nelken tragt,
- _L’etat c’est moi_,
- Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,
- _Suivez le roi_, Euch begnügt
- _Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, --
- Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. --
- Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen
- Deiner Lehrer nicht übel auskramen;
- Aber wo hört man mehr blasphemiren,
- Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?
- Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,
- Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,
- Müßtet geben ein Zweimarkstück her,
- Es wäre die hamburger Bank bald leer;
- Und wenn für jede Travestie,
- Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,
- Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,
- Das Getränke würde bald schier Wasser sein.
- Der alte Gurlitt war auch Primaner,
- Der gelehrte Hipp lange Tertianer,
- Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,
- Daß die Beiden jemals witzig gewesen?
- Muß man den Mund doch, ich sollte
- Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«
- Zum Exponiren und Butterbrod;
- Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,
- Der als Humor aus Eurem Munde quillt.
- Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!
- Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:
- Ihr studirt auf Ränke immerfort.
- Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,
- Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen
- Ist man nicht sicher, in seinem Haus,
- Ihr hebt mir Nachts die Laden aus
- Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.
- Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_,
- Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!«
- Aber wie soll man die Schüler loben,
- Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,
- Weil der Professor Zimmermann
- Die Menschen ohne Strafe regieren kann!
-
-Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter
-Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod
-herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen
-Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor
-Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein
-gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing
-unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler
-desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem
-Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten
-Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl
-entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen
-läßt:
-
- »Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,
- Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«
-
-Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur
-etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen
-Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt
-wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen«
-vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns,
-oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen
-mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe.
-Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen
-+Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge,
-hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in
-Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres
-Wissen, die erste Rolle spielte.
-
-Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht
-alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben
-ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine
-bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das
-Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine
-gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau
-und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen
-zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen
-nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem
-großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem
-redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom
-Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen
-sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und
-Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der
-Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden
-der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so
-wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine
-interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu
-nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren
-Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent
-der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies
-bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist
-von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den
-Todesengel befreit.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
- v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine
- Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.
-
-
-Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten
-Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der
-noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als
-Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer
-zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen
-Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe
-daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines
-Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben
-scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird,
-von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre
-Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. --
-Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme,
-vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen
-der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter
-beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde
-oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. --
-
-Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das
-Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein
-gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei
-dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war
-ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins
-der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche
-Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit
-denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß,
-und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer
-sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging
-es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine
-vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von
-Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge
-Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später,
-jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die
-literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde.
-Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines
-»+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen
-lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste
-Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als
-Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als
-Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick
-seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte,
-und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige
-Wort »Champagner« aus.
-
-Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in
-Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer.
-Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in
-seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen,
-wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater,
-ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.
-
-Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor
-allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast
-immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem
-leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der
-seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch
-meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen
-und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche
-Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die
-Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte,
-abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur
-je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen
-Geschöpfen begnadigt hat.
-
-Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles
-zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm,
-waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die
-einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten,
-kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da
-fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald
-»_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab
-geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber
-bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und
-Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin
-ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein
-ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«
-
-Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren,
-chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu
-musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf
-einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so
-den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch
-meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren
-Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im
-Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For
-Britons never shall be slaves_.
-
-Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor
-Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch
-keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge
-stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht
-zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles
-wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war
-großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie
-lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor
-meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus,
-schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. --
-
-Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre
-später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen
-liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele
-interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische
-Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+«
-nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut.
-Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner,
-zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns
-zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo
-gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie
-so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben
-gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein
-Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)
-
-Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und
-Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch
-jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in
-seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen
-Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers
-vereinigte.
-
-Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte,
-ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß
-er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_
-ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem
-republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr
-an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt.
-Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte
-eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte.
-Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern
-Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen
-sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von
-ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse
-und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer
-Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister
-bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu
-sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«
-
-Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener
-Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen
-poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders
-Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der
-Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur
-stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben,
-den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale
-Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich
-Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge
-zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im
-schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd
-gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen
-Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch
-in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere
-jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren.
-
-Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger
-Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf
-erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege
-gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren
-Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend
-einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien
-gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent
-als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein
-»+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn
-als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z.
-B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben
-haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director
-zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst
-liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche
-Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen
-Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und
-verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.
-
- »Die Elemente rasten nie,
- Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
- Sagt mir Ihr Philosophen, wie
- Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«
-
-Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller
-Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie
-ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor,
-auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht
-verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben
-kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar
-keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein
-alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine
-niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll,
-wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab,
-wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise
-begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt
-hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit
-einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert
-den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger
-Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste
-Jugendliebe nie alt wird.
-
-Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen
-verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher.
-Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne
-der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt
-er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen
-Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und
-brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters
-aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder
-Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder
-sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter
-Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen
-Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi
-freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt
-haben soll.
-
-Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen
-Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram
-über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich
-in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine
-Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene
-Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem
-Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern
-eingenommen werden könne? --
-
-Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um
-den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den
-sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige
-Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod
-sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber
-einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch
-eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.
-
-Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg
-nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den
-ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war,
-nicht getröstet habe.
-
-»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.«
-»Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann
-zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese
-Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es
-regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau
-vor.
-
-»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte
-zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle
-gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen
-und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen,
-»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei
-anwenden.« -- --
-
-Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens
-Pfarrei. --
-
-Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz,
-ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende
-Freund an, »weine Ranz.« -- --
-
-Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein
-Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu
-einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. --
-
-Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward
-endlich thränenlos.
-
-»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa,
-»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«
-
-Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung
-gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell
-und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man
-doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden
-sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre
-zeigen. --
-
-+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich
-überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz«
-genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es
-niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male,
-ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann
-schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von
-den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche
-übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht.
-Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.
-
-Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle
-+Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die
-allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein
-solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd
-auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als
-Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so
-sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler,
-die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die
-Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige
-Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«
-
-Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! --
-
-Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine
-mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld«
-und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen;
-denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm
-nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen
-von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde
-wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector
-»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen
-mit passenden Stücken aufwarten würde.
-
-Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin
-begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten
-Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der
-dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben
-Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die
-Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst
-ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz
-reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr
-witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. --
-
-Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung
-der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen
-des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist,
-weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von
-einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so
-wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter
-keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln
-können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der
-jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte,
-schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich
-gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen
-mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich
-Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in
-den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit
-einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die,
-nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen
-Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig --
-dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode
-dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf,
-während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte,
-ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand
-hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. --
-
-Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:
-
- »Schon zückt nach jedem Nacken
- Die Schärfe die nach meinem zückt«
-
-verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt
-vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse,
-so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre
-Waffe unwillkührlich fallen, ließen.
-
-Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform,
-während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von
-mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir
-nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst
-empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann
-wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.
-
-Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die
-Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden,
-wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der
-Strafe überbringt.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
- Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie.
- Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy.
- Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.
-
-
-Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und
-organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr
-von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde,
-Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn
-irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes
-Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte.
-Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer
-von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück
-Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen
-und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die
-ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis
-zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu
-zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod
-schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder
-todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen
-Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.
-
-Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges
-Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem
-ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen
-niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger
-Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt,
-dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über
-Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten
-Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg
-französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee
-angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er
-mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert
-haben: _Point de bataille, point de colonel_.
-
-Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal
-von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?«
-worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator
-Meier.«
-
-Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein
-recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in
-Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z.
-B. in Bremen, die Conscription.
-
-Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück
-lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen
-deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch
-ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur
-zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt
-hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel
-Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre
-später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in
-Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so
-lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den
-er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug
-Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch
-patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische
-Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen
-Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders
-mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte
-Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für
-die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der
-Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die
-verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen
-überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. --
-
-Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu
-verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher
-auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit
-gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000
-Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie
-sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt
-gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen
-»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf
-ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand
-damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in
-den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden,
-der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand,
-als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in
-Altona angekommen war. Damals las man:
-
-»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier
-angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.
-
-Altona, den. ..
-
- L. S. Meier,
- (_id est_ Schukelmeier.)«
-
-Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat,
-welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete,
-mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen
-Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in
-Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche
-Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch
-unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen
-brachten.
-
-Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen
-Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum
-eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er.
-Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der
-Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so
-mache ich das ganze menschliche Leben durch.«
-
-»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen
-zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+,
-welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum
-+Jungfernstieg+.«
-
- »O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,
- Der ersten Liebe goldne Zeit!«
-
-»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher
-Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+,
-der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe
-Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische
-Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den
-+Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so
-meinen Weg zur +Börse+.«
-
-Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche
-seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den
-Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit
-ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die
-Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister,
-auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und
-zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen
-Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe
-gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß
-ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit
-gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die
-Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter
-Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so
-daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese
-sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete
-Sieger entflohen.
-
-Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die
-Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren,
-welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos
-verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts
-von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen
-erfahren konnte.
-
-Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten,
-sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß
-sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben.
-Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von
-Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen
-Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der
-jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens
-auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem
-allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz
-mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht
-unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie
-gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen
-dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß
-sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses
-verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten
-Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die
-Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während
-der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie
-einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister
-rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie
-gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr
-Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel
-breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden
-zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst
-aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel
-mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an
-Güte nicht gleich kam.
-
-Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege,
-wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der
-Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen
-Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit
-Resignation ausrufen:
-
-»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is
-min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.«
-(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg,
-da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den
-Teufel kriegt.)« --
-
-Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine
-Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische
-geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht
-erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das
-unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider
-sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.
-
-Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward
-praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen
-wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres.
-Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen,
-und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel
-endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und
-_Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem
-er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.
-
-Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und
-versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx:
-»_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!«
-
-Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in
-Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge
-Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer
-zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg
-vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die
-Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren,
-sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben
-dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger
-Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche
-Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer
-nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief
-er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch
-hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit
-den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das
-ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod
-erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer
-heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte,
-sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.
-
-Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen,
-ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige
-Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo
-auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von
-Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom
-Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht
-weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten
-Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das
-Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten.
-Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der,
-wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die
-Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf
-die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen,
-von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der
-lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß
-die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von
-meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an
-mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge
-oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten
-Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens
-ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer
-erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich
-dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen,
-wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche
-sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen
-Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen
-wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für
-die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der
-Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war
-eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen
-und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich
-aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten
-Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr,
-Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,«
-worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.
-
-Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um
-mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit
-zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame
-Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines
-Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden,
-daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen
-Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht
-ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein
-Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden
-kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich
-werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten
-geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine
-Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben,
-Glauben beimessen wird.
-
-Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich
-übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen
-Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit
-höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste
-veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei
-solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.
-
-Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen.
--- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon
-an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit
-ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der
-jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt,
-brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger
-Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab
-ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt.
--- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette
-lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner
-übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche
-Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er
-verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück:
-wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der
-vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in
-Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.
-
-Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück,
-äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen.
-Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit
-der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft.
-Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die
-Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. --
-
-Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs
-auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen
-Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die
-Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug,
-raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater
-gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der
-selige Herr!«
-
-Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung
-den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so
-schön singt:
-
- »Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,
- Denn er hat es hart gegeben.
- Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,
- Denn er führt das rechte Leben.«
-
-bewegte mein Herzblut.
-
-Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter
-diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen
-Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen.
-Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher
-kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der
-Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem
-sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein
-sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse
-hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht
-am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt
-nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt
-machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden
-Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig
-ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu
-haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor
-ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in
-der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der
-alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort
-ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war
-ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein,
-obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem
-lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur
-Erde.
-
-Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch
-Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.
-
-Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit
-man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die
-Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages
-besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren
-großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm
-die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause
-empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur
-zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei;
-wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an
-Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn
-des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der,
-kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren
-sei.
-
-Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge
-Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche
-mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm
-Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save
-the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen
-Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus
-dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre
-Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.
-
-Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch
-fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit
-lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater
-Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte,
-aber auch einige der Komik hervorrief.
-
-Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden.
-Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer
-Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die
-Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber
-Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein
-Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben
-untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl
-Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern
-Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich
-immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in
-deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und
-Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit
-dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth
-ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem
-Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind
-unsterblich und einige sind es nicht.
-
-Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg
-unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt
-sehr materiell gewordenen Gelehrten.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
- Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus
- E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen.
- Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s
- und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und
- Wegelagerung. Citation vor das Arctius.
-
-
-Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen,
-welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur
-auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte,
-worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus
-belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und
-fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen
-elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen
-Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals«
-erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar
-Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich
-jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem
-Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir,
-ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im
-Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen
-Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht
-einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine
-so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines
-dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen
-sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen,
-so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in
-den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch
-ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- --
-
-Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten
-Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich
-hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker
-aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber
-nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch
-meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim
-Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging;
-dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines
-alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren
-hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise
-seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen
-Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war
-auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in
-dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788
-hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals
-ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut
-predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden
-haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein
-ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in
-meinen Jahren noch bessern wollte.
-
-Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,«
-welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches
-in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und
-andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es
-wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird
-es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen
-Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen
-Skizzen einzuschalten.
-
-»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem
-Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten
-Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und
-andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die
-Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am
-Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und
-Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665
-vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie
-auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese
-sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht
-irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen
-gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen
-Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein,
-Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird.
-Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach
-demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel
-»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen
-Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als
-Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche
-eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in
-solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt,
-das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich
-in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme
-machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr
-Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge
-eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage
-gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre
-Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten
-im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief
-sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das
-vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine
-Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz
-und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter,
-wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage
-duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre
-nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) --
-Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern
-theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf
-eben so viele hundert Thaler an.
-
-»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen
-süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind
-meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von
-allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in
-dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von
-einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt
-findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt
-von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche
-die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine
-grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den
-Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser
-Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des
-Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte,
-antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung
-einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«
-
-Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr
-und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein,
-wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern
-Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger
-zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist
-eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter
-duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder
-ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten
-der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden,
-warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie
-einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und
-Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern
-an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern
-ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches
-Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten
-zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch,
-Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters
-aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr
-das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch
-ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig
-genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer
-vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.
-
-Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+,
-dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor
-allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist
-wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern
-einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm
-gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem
-vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf
-dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch
-aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie
-schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte,
-und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr,
-ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen
-Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen
-aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das
-Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild,
-welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte
-Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf
-Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren.
-Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen,
-Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen
-hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit
-Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um
-Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn
-verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung
-nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen
-Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers
-Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht
-hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.
-
-Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich
-auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum
-ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts
-destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere,
-ein Herr Maas, +Kriegsrath+.
-
-Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere
-Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel
-absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei
-machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das
-eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten,
-und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben
-zurückkehrten.
-
-Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen,
-und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es
-jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche
-geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen
-Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer
-Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in
-den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe
-für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen,
-und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende
-Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche
-heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert
-an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil
-unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen
-eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine
-gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus.
---
-
-Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich
-einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit
-seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine
-ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium.
-Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie,
-dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in
-Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der
-technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte.
-Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz
-hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und
-in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon
-viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu
-verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_«
-denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die
-kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als
-Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo
-sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel
-Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.
-
-Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem
-biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von
-Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner
-und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange
-ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt
-werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner
-juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der
-Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über
-die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz
-einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage,
-und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.
-
-Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche
-waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund
-v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich
-nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm
-an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer
-kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.
-
-»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß
-Sie den verdammten D--r fodern.«
-
-»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?«
-versetzte mein Freund.
-
-»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,«
-versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur
-morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß
-sie in Blut abwaschen.«
-
-»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich
-mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich
-schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht
-gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.
-
-»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine
-Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht
-wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet
-fort.
-
-Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst
-überreden wollte.
-
-»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.
-
- »Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister,
- der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe,
- Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz
- der Heidelberger _Cerevisia_.«
-
-»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung
-überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis
-dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber
-doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose
-Notwendigkeit an.
-
-O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! --
-
-»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.
-
-»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen,
-einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften
-Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme
-und Sie näher instruire?«
-
-»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge
-waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen
-Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r.
-
-D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege
-sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen,
-daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese
-Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich
-verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja
-Alles aus Liebe für Slenz.
-
-D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf
-8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches
-ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine
-jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm
-freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten
-diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte.
-Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu
-improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den
-Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein
-Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des
-Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das
-Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten,
-und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht
-führen wolle.
-
-»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend
-schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« --
-und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz
-andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt
-werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden
-triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden
-Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese
-begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’
-nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr
-Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für
-uns geschrieben haben.« -- -- --
-
-Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich.
-Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald
-eintrat.
-
-»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit
-diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. --
-
-»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort?
-»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war,
-hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie
-der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so
-allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«
-
-»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des
-Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen
-hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell
-eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. --
-
-Ich deprecirte.
-
-»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich
-lasse Sie nicht.«
-
-Er zog mich auf das Sopha. --
-
-»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen
-Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts
-annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --«
-
-»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --«
-
-»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel
-wie, fordern.«
-
-»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der
-Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?«
-
-In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr
-D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht
-beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu
-gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf
-eine unumwundene Erklärung.
-
-»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf
-ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat
-Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
-
-Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte
-Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur
-Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen,
-von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß.
-Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern
-und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu
-brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von
-der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade
-den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen
-am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn
-entfährt.[11]
-
-D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen
-Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet
-haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des
-Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas
-ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber
-sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige
-applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich
-sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr
-Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen
-König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht
-begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«
-
-D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle
-diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s
-die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.
-
-Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich
-beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt
-hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden
-Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir
-geschehenen Forderung zu verweigern.
-
-»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis
-ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr
-von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«
-
-Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die
-verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall
-eingelassen zu haben, ertragen.
-
-Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu
-entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir
-das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht
-sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten,
-und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich
-wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein
-vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich
-mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die
-mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. --
-
-Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen
-Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe
-rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem
-Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei
-Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters
-übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- --
--- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:
-
- »Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von
- Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen,
- Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s.
- w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren
- Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche
- Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich
- zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den
- Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten
- geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit
- zu entweihen.« --
-
-Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom
-Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur
-die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück
-verhütet.
-
-Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen
-Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des
-_delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden
-die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung,
-daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.
-
-Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches,
-wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des
-academischen Senats bestand.
-
-Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer
-angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den
-Herrn Advocaten D--r habe.
-
-Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser,
-und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu
-erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien.
-Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen
-wollten, mußte ich abtreten.
-
-Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete
-innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn
-ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte
-ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu
-schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu
-ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten,
-als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als
-Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase
-Champagner wieder zu erzählen.
-
-»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der
-Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu
-machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten,
-wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen
-worden wäre.«
-
-Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige
-Nichtstrafe sehr lebhaft.
-
-»Schon gut!« bedeutete man mir.
-
-Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr
-hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe,
-als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe.
-Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner
-Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und
-Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte
-zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s
-Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.
-
-Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult
-vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen.
-
-Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte
-Kanonisirung ihres _arctius_.
-
-Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran
-denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob
-vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.
-
-
-
-
-Vierzehntes und letztes Kapitel.
-
- Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der
- Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. --
-
-
-Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte
-mich, ihm zu opponiren.
-
-Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater
-gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem
-ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde,
-abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher
-Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg
-niedergesunken sei.
-
-Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der
-alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung
-sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.
-
-Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und
-Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für
-unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete
-unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es
-thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch,
-Ihr Freunde des Vaters! --
-
-Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück,
-ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der
-älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von
-Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren
-wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen
-Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher
-dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir
-selbst kann ich das leider nicht. --
-
-In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien
-Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da
-sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes
-Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden,
-sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt
-hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.
-
-Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich
-beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir
-nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen
-Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.
-
-Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch
-zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen
-verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe
-er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt
-verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß
-ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde
-sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«
-
-Welche Eventualmaxime!
-
-Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen
-näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora
-verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo
-war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas
-für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er
-hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors
-Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der
-Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung
-des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen
-Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz
-der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur
-Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und
-suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten.
-Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe
-an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn
-eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er,
-was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der
-Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem
-Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber
-doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen
-ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes
-diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem
-Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie
-indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.
-
-Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:
-
- Ewig bleib ich der (die) Deine,
- Ewig bleibst Du die (der) Meine,
- Was auch der Alte spricht
-
-mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte,
-auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man
-eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter
-agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte
-das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen
-Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.
-
-Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in
-Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen
-Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi
-manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars
-eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager
-nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt
-schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender,
-als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß
-er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater
-Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die
-Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er
-dies mit den Worten gethan:
-
- »Auch der Würgengel trat in mein Haus«,
-
-was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+«
-bezogen hatte. --
-
-Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer
-Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große
-Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu
-sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er
-die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: _Sed sat iam verba
-fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque
-adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo._ (Wir haben genug
-geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten
-Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire
-ich Dir.
-
-Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader
-war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen
-mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen _cosus_ für einen
-_casus_ verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr
-»_Cosus_« seiner Frau der »_cosa_« geworden. Die Söhne und Töchter
-wurden aber respective _cosellus_ und _cosella_ genannt. --
-
-Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die
-_medicina forensis_ hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte.
-Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen
-er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte
-und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm
-Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den
-Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die
-Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod,
-allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil
-hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick
-geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder
-in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz
-und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. --
-Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur
-Erwägung.«
-
-Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit
-verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen
-Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch
-Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte
-Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter
-die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer
-gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,«
-pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden
-Theil seines Körpers in _efigie_ Preis geben, um damit die Wissenschaft
-zu bereichern.«
-
-Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit,
-hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von
-ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich
-ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und
-er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der
-Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen _Dr._ L-- aus Plön
-in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein
-Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen
-Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an
-den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten
-seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. -- So schaden
-Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. --
-Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene
-Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen,
-aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere
-Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den
-Worten an:
-
- A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame
- gesagt?«
-
- H. »Ja.«
-
- A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«
-
- H. »Das thue ich nicht.«
-
- A. »Das sollen Sie.«
-
- H. »Das will ich nicht.«
-
- A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«
-
- H. »Das wissen Sie nicht.«
-
-Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun
-hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. --
-
-Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine
-academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser
-Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die
-Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein
-Zweck erreicht. --
-
-Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im
-Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten
-zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes
-Vorbild an Güte des Herzens bleibt. -- Diese Hände bezeugen dabei,
-daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können,
-erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und
-längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten
-Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese
-tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn
-ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich
-und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere
-Unabhängigkeit.
-
-Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige
-Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere
-und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für
-die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich
-beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die
-Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in
-der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und »Demokritslust« nennen.
-Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den
-Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz
-Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe
-einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.
-
-Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz
-und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.
-
-
-Ende des zweiten und letzten Bändchens.
-
-
-
-
-Beim Verleger dieses ist ferner erschienen:
-
- Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen:
- Historischer Roman. 8. 1830.
-
- 1 Rt. 4 ggr.
-
-
- -- -- humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh. 21 ggr.
-
-
- -- -- Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder:
- achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8.
- 1826.
-
- 12 ggr.
-
-
- -- -- Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle,
- der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.
-
-
- -- -- Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch. 1
- Rt. 8 ggr.
-
- -- -- Briefe über Helgoland, nebst poetischen und prosaischen
- Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch. 12 ggr.
-
- * * * * *
-
-Sodann erschien so eben:
-
- Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und
- Griechenland. 2 Bde.
- 1r Bd.: Reise in Italien 1 Rt. 12 ggr.
- 2r Bd.: Reise in Griechenland. 1 Rt. 12 ggr.
-
- Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.
-
- 1 Rt. 16 ggr.
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment »Lieblosigkeit.«
-
-[2] Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der Wirthshäuser
-bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde hergenommen sind,
-als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), Jappob (Japp auf),
-Kruppunner (Kriech unter), und Oha.
-
-[3] Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen
-Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.
-
-[4] _Senex depontanus._ Ein Greis, der nicht mehr über die Brücke zu
-den Volkscomitien gehen durfte.
-
-[5] Name des damaligen Custos.
-
-[6] Die Anspielung ist etwas _à la Pater Abraham a Santa Clara_.
-Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, Freßnarren,
-Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht auch
-geschrieben: _Narraverunt patres et nos narravimus omnes_.«
-
-[7] Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern
-veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter
-Vereinigung zurückgekehrt.
-
-[8] Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule Professor
-+Struve+, den bekannten Virgil’schen Vers
-
-_Superet modo Mantua nobis O Mantua nimium vicina miserae Cremonae_
-
-sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:
-
-_Superet modo Altona nobis O Altona, nimium vicina_ (allzunah) _misero
-Hamburgo_.
-
-
-[9] Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen Excellenzen
-mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde in Gnaden
-abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines Generallieutnants
-bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den Majestäten, während sich
-die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der linken Seite des Wagens
-begnügen mußten.
-
-[10] Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines Freicorps im
-Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde Potentaten
-zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen Tod in
-Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. Seine
-Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« Als
-diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden sie
-von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den
-Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.
-
-[11] Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit Geplagten
-sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der Hafer
-stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn bekanntlich
-nicht bekommen.
-
-[12] Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem abgelegt
-und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen Güter
-ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die Gräflich
-Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den letzten
-gehöre, auch für meinen Magen. -- Wer will meinen Anspruch an die
-dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig Edelgüter
--- Wer bietet Geld?
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
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- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, zweites Bändchen, by Theodor von Kobbe.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819
- Zweites Bändchen
-
-Author: Theodor von Kobbe
-
-Release Date: September 16, 2016 [EBook #53061]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen
-Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische
-Korrekturen vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht
-würde.</p>
-
-<p class="p0">Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
-beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren
-oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
-wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber
-sinngemäß ergänzt.</p>
-
-<p class="p0">Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in
-voneinander abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb
-desselben Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original
-nicht verändert.</p>
-
-<p class="p0">In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge
-genannt, deren Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden
-können. Im vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in
-‚Hamburger Courant‘) mit ‚m&amp;‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort
-verwendete ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.</p>
-
-<p class="p0">Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich
-doppelt verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende
-Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
-Bearbeiter eingefügt.</p>
-
-<p class="p0">Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (<a href="#Seite_86">S. 86&ndash;93</a>)
-wurde im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken
-Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche Fassung.
-In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung zusammengefasst,
-danach folgt die deutsche; die ursprüngliche Formatierung wurde hierbei
-strikt beibehalten. <span class="ebhide">Die Seitennummern
-bleiben den entsprechenden Textstellen zugeordnet, so dass sie in
-diesem Abschnitt nicht fortlaufend erscheinen.</span></p>
-
-<p class="p0">Antiquaschrift in der Originalausgabe wird hier durch
-<em class="antiqua">kursive</em> Schrift dargestellt.</p>
-
-<p class="p0 htmlnoshow"> Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="front">
-
-<h1><span class="s6"><b>Humoristische Erinnerungen</b></span><br />
-
-<span class="s7">aus meinem</span><br />
-
-<b>academischen Leben</b><br />
-
-<span class="s7">in</span><br />
-
-<span class="s6"><b>Heidelberg und Kiel</b></span><br />
-
-<span class="s7"><em class="gesperrt">in den Jahren</em>
-<b class="mleft1">1817&ndash;1819</b></span></h1>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s2 center mtop1"><b><em class="gesperrt">Theodor von Kobbe.</em></b></p>
-
-<hr class="band" />
-
-<p class="s4 center">Zweites Bändchen.</p>
-
-<hr class="band" />
-
-<p class="s4 center"><b>Bremen,</b><br />
-Verlag von Wilhelm Kaiser.</p>
-
-<p class="s4 center"><b>1840.</b></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von F. W. Buschmann.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Achtes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_1">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Neuntes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_25">25</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Zehntes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_77">77</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Elftes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_124">124</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Zwölftes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_142">142</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Dreizehntes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_162">162</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padr1">
- Vierzehntes und letztes Kapitel.
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Seite_187">187</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">&nbsp;1&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß.
-Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß
-in Auerbach. Philipp Stieffel.</p>
-
-<p>Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten
-meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis
-Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.</p>
-
-<p>Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr
-zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche
-Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in
-Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. &mdash; Aber schon um
-den<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">&nbsp;2&nbsp;</a></span> Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste
-Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.</p>
-
-<p>Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers
-»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel
-verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr
-Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche
-Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem
-Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft
-wurde. &mdash; Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich
-unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit
-dem ersten Character belohnt wurde.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Wie einst mit flehendem Verlangen</div>
- <div class="verse">Pygmalion den Stein umschloß,</div>
- <div class="verse">Bis in des Marmors kalte Wangen</div>
- <div class="verse">Empfindung glühend sich ergoß,</div>
- <div class="verse">So schlang ich einst mit Liebesarmen</div>
- <div class="verse">Um <em class="antiqua">corpus juris</em> mich mit Lust,</div>
- <div class="verse">Bis es zu athmen, zu erwarmen</div>
- <div class="verse">Begann an des Juristen Brust.</div>
- <div class="verse mleft1">Und theilend meine Flammentriebe</div>
- <div class="verse">Die Stumme eine Sprache fand,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">&nbsp;3&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Mir wiedergab den Kuß der Liebe,</div>
- <div class="verse">Und meines Herzens Klang verstand.</div>
- <div class="verse">Da klang mir lieblich jede Stelle,</div>
- <div class="verse">Gleich reiner Quellen Silberfall,</div>
- <div class="verse">Selbst aus der trockensten Novelle</div>
- <div class="verse">Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.</div>
- <div class="verse mleft1">Es dehnte mit allmächt’gem Streben</div>
- <div class="verse">Die enge Brust ein kreisend All’,</div>
- <div class="verse">Hervorzutreten auf’s Catheder</div>
- <div class="verse">Mit Weisheitswort und Witzesschall.</div>
- <div class="verse">Wie groß war diese Welt gestaltet,</div>
- <div class="verse">So lang’ der Hörsaal mich noch barg,</div>
- <div class="verse">Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!</div>
- <div class="verse">Dies Wenige wie klein und karg!</div>
- <div class="verse mleft1">Wie sprang von Savigny beflügelt,</div>
- <div class="verse">Beglückt durch theoretschen Wahn,</div>
- <div class="verse">Von keiner Praxis noch gezügelt</div>
- <div class="verse">Ich da in die gelehrte Bahn!</div>
- <div class="verse">Bis an der Glosse bleichste Sterne</div>
- <div class="verse">Erhob mich der Entwürfe Flug;</div>
- <div class="verse">Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,</div>
- <div class="verse">Wohin ihr Flügel mich nicht trug.</div>
- <div class="verse mleft1">Wie leicht ward ich dahin getragen,</div>
- <div class="verse">Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!</div>
- <div class="verse">Auf meinem Tische, o! da lagen</div>
- <div class="verse">Die Folianten kreuz und queer!</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">&nbsp;4&nbsp;</a></span>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujaz</em> mit civilist’scher Krone,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Donell</em> in des Systemes Glanz</div>
- <div class="verse">Auch <em class="gesperrt">Schulting</em> lockt mit reichem Lohne,</div>
- <div class="verse">Selbst <em class="gesperrt">Glück</em> mit rings verstohlnem Kranz.</div>
- <div class="verse mleft1">Doch ach! schon in des Sommers Mitte</div>
- <div class="verse">Verloren meine Gönner sich,</div>
- <div class="verse">Sie wandten treulos ihre Schritte,</div>
- <div class="verse">Und einer nach dem Andern wich.</div>
- <div class="verse">Zu leicht an sich war <em class="gesperrt">Glück</em> entflogen,</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujazius</em> blieb unenthüllt,</div>
- <div class="verse">In dem <em class="gesperrt">Donell</em> las ich zwei Bogen</div>
- <div class="verse">Und schnitt mir nur heraus sein Bild.</div>
- <div class="verse mleft1">Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,</div>
- <div class="verse">Doch <em class="gesperrt">Schulting</em> führte mich zu weit,</div>
- <div class="verse">Ach allzuschnell nach kurzem Lenze</div>
- <div class="verse">Entfloh die schöne Quellenzeit.</div>
- <div class="verse">Und immer stiller wards und immer</div>
- <div class="verse">Verlaß’ner auf dem Burschenpult.</div>
- <div class="verse">Von Savigny borgt ich noch Schimmer</div>
- <div class="verse">Doch dazu riß auch die Geduld.</div>
- <div class="verse mleft1">Von all dem rauschenden Geleite,</div>
- <div class="verse">Wer harrte liebend bei mir aus?</div>
- <div class="verse">Wer steht mir tröstend noch zur Seite,</div>
- <div class="verse">In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?</div>
- <div class="verse">O! die du alle Wunden heilest,</div>
- <div class="verse">Du Thibauts viel gefaßte Hand,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">&nbsp;5&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Für das Examen Kraft ertheilest,</div>
- <div class="verse">Du, die ich ungesucht schon fand!</div>
- <div class="verse mleft1">Und du, der gern sich mit ihm gattet,</div>
- <div class="verse">Wie er der Prüfung Quaal beschwört,</div>
- <div class="verse">O <em class="gesperrt">Höpfner</em> Du, der nie ermattet,</div>
- <div class="verse">Der selten schafft, doch nie zerstört;</div>
- <div class="verse">Der zu dem Bau der Ewigkeiten</div>
- <div class="verse">Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,</div>
- <div class="verse">Doch dem in des Examens Zeiten</div>
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujaz</em> und <em class="antiqua">corpus juris</em> weicht!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in
-Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß diese
-meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß, selbst
-bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung nicht
-unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen meines
-Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn <em class="gesperrt">»Eminenz«</em>
-ausgestellt wurden.</p>
-
-<p>Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede
-Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf
-einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen
-Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen
-Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">&nbsp;6&nbsp;</a></span> war
-mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und
-Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der
-zweite begrüßt. &mdash; Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt,
-die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem
-Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein
-großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. &mdash; Glaubwürdigen
-Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen
-Loseburg (auch »<em class="gesperrt">Schnurri-Major</em>, <em class="gesperrt">Carbonädel</em>« genannt,) zu
-Bonn gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher
-später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll.
-Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die
-Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.</p>
-
-<p>Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe
-zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied
-von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft
-daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß
-ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen
-Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von
-meinen Wangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">&nbsp;7&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst
-genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide
-zu verschmelzen.</p>
-
-<p>Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden,
-obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der
-nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. &mdash; Die Abreise
-mußte aber simulirt werden.</p>
-
-<p>Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.</p>
-
-<p>Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit
-gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.</p>
-
-<p>Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem
-Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war
-schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der
-Scheide, vor sich.</p>
-
-<p>Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht
-Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern
-Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im
-weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen
-in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">&nbsp;8&nbsp;</a></span> schwarzer Tracht,
-in <em class="antiqua">escarpins</em>, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei <em class="antiqua">Chapeaux
-d’honneurs</em> auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein
-Ehrengardist. &mdash; Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten
-erfüllte Wagen.</p>
-
-<p>Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute
-Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach
-Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den
-Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der
-Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in
-<em class="gesperrt">Eminenz</em> verwandelten.</p>
-
-<p>Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich,
-nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen
-harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden.
-Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen
-stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg
-zurückführen zu lassen.</p>
-
-<p>Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur,
-nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft
-behandelte uns wie Philister.</p>
-
-<p>Wir hatten uns burschikos überlebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">&nbsp;9&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war
-zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer
-umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte
-auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten
-als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing
-und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher
-Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition
-stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische
-viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als
-eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.</p>
-
-<p>Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt,
-gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht
-nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu
-bringen versprochen hatte.</p>
-
-<p>Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur
-der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz,
-ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden
-der Welt!«</p>
-
-<p>»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm
-herzlich, »die meinigen<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">&nbsp;10&nbsp;</a></span> sind unsterblich, ja sie werden noch um so
-schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen
-Zweifel wieder.«</p>
-
-<p>Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden
-Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger
-warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der
-Berichterstatter.</p>
-
-<p>»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum
-Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.</p>
-
-<p>Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben,
-daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die
-Zurückbleibenden.</p>
-
-<p>»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«</p>
-
-<p>»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust
-parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich
-glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die
-Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden
-war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir
-wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.</p>
-
-<p>Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!!
-»Adieu liebe Eminenz!« riefen<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">&nbsp;11&nbsp;</a></span> sie mir zu, und warfen mir dabei eine
-Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg
-auszurichten, so sag es uns doch!«</p>
-
-<p>Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total
-gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins
-Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten
-hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde
-in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.</p>
-
-<p>Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise
-und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen
-Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden
-Blicken.</p>
-
-<p>Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer
-Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe
-Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen
-gemacht. &mdash; Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich
-seiner nicht mehr.</p>
-
-<p>Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von
-den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht
-verblasen hätten. &mdash; Sie kamen mir vor wie jene<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">&nbsp;12&nbsp;</a></span> alte Jungfer, die in
-der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller
-Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. &mdash; Solche Tonkünstler sind
-wahre <em class="gesperrt">Kaspar Hauser</em>, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen.
-Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß
-sie geigen sollten. &mdash; Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt
-und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders
-nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.</p>
-
-<p>Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen
-Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen
-Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich
-gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station
-trennen zu wollen.</p>
-
-<p>»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir
-reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals
-gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der
-Flasche zukommen lassen wollte.«</p>
-
-<p>»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben
-unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir
-die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">&nbsp;13&nbsp;</a></span> Nichts destoweniger
-willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu
-meinenden älteren Bruder spielen.«</p>
-
-<p>»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe
-das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, <em class="antiqua">fiat
-justitia pereat mundus</em>.«</p>
-
-<p>»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.</p>
-
-<p>»Jawohl« entgegnete der Andere. &mdash; »Der ist grade der competente
-Richter dafür.«</p>
-
-<p>Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren
-unbrüderlichen Rechtshandel.</p>
-
-<p>Es handelte sich nur darüber ob das Wort »<em class="gesperrt">Philister</em>« bei den
-Studenten einen <em class="gesperrt">schlechten Kerl</em> oder einen <em class="gesperrt">Nicht-Burschen</em>
-bedeute.</p>
-
-<p>Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren
-Worte</p>
-
-<p class="center">»<em class="gesperrt">Es bedeutet beides</em>«</p>
-
-<p class="p0">und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen
-Cerevisianern zu träumen.</p>
-
-<p>Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es
-aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem es
-ausgemacht hatte das ominöse Wort »<em class="gesperrt">Philister</em>« nie wieder gegen
-einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">&nbsp;14&nbsp;</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Den Teufel spürt das Völkchen nie,</div>
- <div class="verse">Und wenn er sie beim Kragen hätte.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche
-Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht
-gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste
-Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine
-Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer
-Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden
-Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen
-Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald
-dessen Garaus gefolgt ist.</p>
-
-<p>Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen
-bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem
-Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. &mdash; »Ach! der ist ja
-total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen
-kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen
-neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen
-abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden
-Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">&nbsp;15&nbsp;</a></span> worauf
-unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.</p>
-
-<p>Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger
-mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil
-der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf
-unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte.
-Wir entschlossen uns daher den Kutscher <em class="antiqua">pro rata</em> seines Weges,
-zu bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu
-nehmen. Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern
-Morgen neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals
-nur drei oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg
-ohne Unterbrechungen fortsetzen zu können.</p>
-
-<p>Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein
-Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den
-versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt
-zahlen müßten.</p>
-
-<p>Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer
-verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und
-bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des
-verwünschten Hauderers. Er negirte<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">&nbsp;16&nbsp;</a></span> sogar dessen sichtbare nicht
-partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer
-Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.</p>
-
-<p>»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.</p>
-
-<p>»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des
-<em class="antiqua">mille bocus</em>, wohnt der Schultheiß.«</p>
-
-<p>Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.</p>
-
-<p>Die Karavane brach auf &mdash; der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich,
-mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen
-der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch
-den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; &mdash; sodann der
-Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die
-Hornisten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und
-zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der
-Gerechtigkeit an.</p>
-
-<p>Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall
-ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">&nbsp;17&nbsp;</a></span>
-kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den
-körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen
-haben.</p>
-
-<p>Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von
-dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung
-erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten,
-sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht
-suchen wollten, öffnete er die Thür.</p>
-
-<p>»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie
-haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache
-führen.«</p>
-
-<p>Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich
-bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.</p>
-
-<p>Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung
-der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in
-unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.</p>
-
-<p>Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich
-aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte,
-und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">&nbsp;18&nbsp;</a></span> und
-gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede
-anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »<em class="gesperrt">Er ist ein
-grober Mensch</em>« begleitete.</p>
-
-<p>Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben
-werden.</p>
-
-<p>Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten
-Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine
-erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die
-Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das
-ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand
-der ehelichen Liebe.</p>
-
-<p>»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen
-Stuhl steigend, von wo er uns, ein »<em class="antiqua">mille bocus miniature</em>«, Alle
-übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen
-nach den göttlichen Gesetzen langte.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das
-Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer
-übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für
-incompetent erkläre<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19"><span class="s4">&nbsp;19&nbsp;</span></a></span> muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe
-ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so
-viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser
-Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt
-Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.</p>
-
-<p class="mleft2">»Von Rechts Wege.«</p>
-
-</div>
-
-<p>Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit
-Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in
-eine sprachlose Betrübniß.</p>
-
-<p>Wir wandelten schweigend heim. &mdash; »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin,
-sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.</p>
-
-<p>»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht
-gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.</p>
-
-<p>Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar
-ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf
-Rache.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was
-unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern
-können, wenigstens wenn das Mehr über einen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">&nbsp;20&nbsp;</a></span> Gulden dreißig Kreuzer
-gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart
-nicht wieder unternommen.</p>
-
-<p>Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein
-Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer
-Stunde bekommen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs
-Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr
-gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und
-der Proceß haben ihn entnüchtert.«</p>
-
-<p>»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh
-in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«</p>
-
-<p>»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen
-Beklagten an. &mdash; »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den
-Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«</p>
-
-<p>Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht
-hersetzen.</p>
-
-<p>Aber ich thue es doch &mdash; Nein, ich thue es nicht. &mdash; Er sagte &mdash; er
-sagte, &mdash; es ist demüthigend &mdash; »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das
-nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">&nbsp;21&nbsp;</a></span> Chausseehaus mit einer
-weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« &mdash;</p>
-
-<p>Das war zu viel. &mdash; Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb
-ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der
-tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.</p>
-
-<p>Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige,
-wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese
-horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs
-Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde
-lagen.</p>
-
-<p>Unsern <em class="antiqua">ci devant</em> Kutscher hörte ich höhnisch lachen.</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte
-aber erst in derselben Stunde zu <em class="gesperrt">Darmstadt</em> an, als die von mir
-ersehnte Post von <em class="gesperrt">Frankfurt</em> nach <em class="gesperrt">Cassel</em> abging.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen
-Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt
-geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf
-unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">&nbsp;22&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Mir schrieb ein Freund:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0">»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und
-obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in
-mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. &mdash; Aber ach ich sehe
-Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie
-voriges Jahr mit Dir.«</p></div>
-
-<p>Ich rescribirte meinen Cerevisianern:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Habt Ihr immer trüben Sinn</div>
- <div class="verse">An den Neckarthoren,</div>
- <div class="verse">Weil ich dort geschieden bin</div>
- <div class="verse">Und Euch dort verloren;</div>
- <div class="verse">Hebt doch Brust und Kopf empor,</div>
- <div class="verse">Habt Ihr’s nicht vernommen?</div>
- <div class="verse">Glaubt: durch dieses selbe Thor</div>
- <div class="verse">Werd’ ich wiederkommen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit
-bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke
-in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer
-ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich
-hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">&nbsp;23&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,«
-bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines <em class="gesperrt">Mannes</em> nicht fähig
-gehalten. &mdash; Erlauben Sie mir eine Frage:</p>
-
-<p>»Sind Sie verheirathet?«</p>
-
-<p>»Nein! gnädige Frau!«</p>
-
-<p>»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf
-diese Weise selbst verjüngen können!«</p>
-
-<p>»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.</p>
-
-<p>»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel
-Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen,
-von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in
-Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder
-antworten?«</p>
-
-<p>»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig
-bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild
-in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und
-in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">&nbsp;24&nbsp;</a></span>
-Professor an der polytechnischen Schule, <em class="gesperrt">Philipp Stieffel</em> in
-Carlsruhe.« &mdash;</p>
-
-<p>»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein
-wackerer Vater.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">&nbsp;25&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W
-&mdash; s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen
-Berliner. Kassel.</p>
-
-<p>Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen.
-Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt
-zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse
-vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch
-keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete
-das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und
-Elend zusammen gepfercht,<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">&nbsp;26&nbsp;</a></span> hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren
-anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen
-haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von
-allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die
-List, welche <em class="gesperrt">Kant</em> »<em class="gesperrt">klein</em>« aber »<em class="gesperrt">schön</em>« nennt.
-Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie
-freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie
-vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die
-Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der
-unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem
-Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine
-leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden
-Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter
-Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine
-Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. &mdash;
-Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in
-Israel gefunden.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt
-Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? &mdash; Von den letzten wie von den
-ersten, durch <em class="gesperrt">Aufhebung</em> des <em class="gesperrt">Druckes</em>. Glaubt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">&nbsp;27&nbsp;</a></span> nur es ist
-kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem
-Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.</p>
-
-<p>Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur <em class="antiqua">table
-d’hôte</em>! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein
-trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu
-setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei,
-und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;«
-und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner
-winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen
-zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir
-lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir
-gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«</p>
-
-<p>»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch
-auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz
-zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.</p>
-
-<p>Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem
-Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W&mdash;s« hatte mir dieser
-entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">&nbsp;28&nbsp;</a></span> meinem Leben
-gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch
-seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht
-vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben
-erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen.
-Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er
-erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr
-erst wieder verläßt.</p>
-
-<p>Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem
-Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde
-und wie es mir schien, in B&mdash;schen Diensten stand. Dieser sprach von
-einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des
-Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige
-unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse,
-und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das
-unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz
-recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu
-plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion
-über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">&nbsp;29&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das
-Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren
-Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu
-ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie.
-Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott,
-als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt,
-beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser
-Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung,
-Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat
-ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt
-und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das
-Verhältnis zum Absoluten <em class="gesperrt">in Form des Gefühls, der Vorstellung
-des Glaubens</em>, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles
-nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form
-auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für
-ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der
-zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte
-Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis
-gegeben.« &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">&nbsp;30&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath
-herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber
-sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner
-eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich
-hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«</p>
-
-<p>»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete,
-»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«</p>
-
-<p>»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.</p>
-
-<p>Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes
-zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in
-der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters
-wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen
-Greises zu hören.</p>
-
-<p>Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß
-er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,«
-von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die
-Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in
-den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er
-behauptete, daß man eigentlich ein so<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">&nbsp;31&nbsp;</a></span> gutes Sujet haben müsse, daß
-man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten
-begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.</p>
-
-<p>Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der
-Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes,
-überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne
-gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei
-diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange
-hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts
-durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief
-entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine
-Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise
-einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz
-gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon
-Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte
-sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei
-einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als
-er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu
-gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">&nbsp;32&nbsp;</a></span> meinen Geschlechtsnamen
-dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe &mdash;
-Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist
-der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.</p>
-
-<p>Das Desert wurde aufgetragen.</p>
-
-<p>»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine
-Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen
-M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines
-Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht
-habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an
-ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte
-ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem
-Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber
-keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger
-Kalk versprochen.«</p>
-
-<p>»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.</p>
-
-<p class="mbot1">»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe,
-daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine
-Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt
-gerade so viele, wie Tage im Jahre,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">&nbsp;33&nbsp;</a></span> dreihundert fünf und sechszig.
-Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne,
-Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt
-zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte
-ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage,
-namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des
-Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte
-zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war
-bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben
-deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum
-Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie
-müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an,
-»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte
-ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu
-belegen.«</p>
-
-<p>K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß
-erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht
-abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">&nbsp;34&nbsp;</a></span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere
-Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon
-geschrieben,« endete er.</p></div>
-
-<p>»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als
-Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt
-hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte
-der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet
-doch wohl haben, daß wenn es bei <em class="gesperrt">großer</em> Strafe verboten ist,
-etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe
-verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns
-alliirt sind.«</p>
-
-<p>»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das
-kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher
-Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch
-bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu
-erweisen.«</p>
-
-<p>Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der
-alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der
-Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«,
-fragte er mich sogar einmal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">&nbsp;35&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit
-Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon
-ergriffen.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber
-Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. &mdash; Denken Sie
-sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche
-Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat
-sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«</p>
-
-<p>Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich,
-mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich
-dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken
-gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß
-ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn
-meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten
-»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker,
-seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. &mdash; O
-lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie
-schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine
-meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch
-nennt »Ideale«<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">&nbsp;36&nbsp;</a></span> seien. &mdash; Das kann man freilich von den jetzigen nicht
-sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn
-alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das
-Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine
-Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, <em class="antiqua">par
-preference</em> vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.</p>
-
-<p>Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie
-jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so
-haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht,
-die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater
-befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war
-daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf
-Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.</p>
-
-<p>In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die
-Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht
-rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort
-verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel
-Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten
-zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">&nbsp;37&nbsp;</a></span> jüngere
-Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu
-wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu
-gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen &mdash; willig
-machten sie mir Platz.</p>
-
-<p>Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel
-heller war als das meinige.</p>
-
-<p>Ich forschte nach der Ursache.</p>
-
-<p>»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art
-Mitleiden.</p>
-
-<p>»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als
-saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine
-Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«</p>
-
-<p>»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das
-ist ein großer Unterschied.«</p>
-
-<p>»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei
-Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein
-ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem
-Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä
-Lamm. Aber das ist<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">&nbsp;38&nbsp;</a></span> natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und
-Eppelwein ist ä großer Unterschied?«</p>
-
-<p>»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl
-von allen Seiten die Antwort.</p>
-
-<p>»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine
-Kunde Eppelwein vorsetze. &mdash; Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich
-gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein
-getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick
-und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu
-geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied?«</p>
-
-<p>»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein
-großer Unterschied.«</p>
-
-<p>»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost
-mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne
-Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die
-Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch
-ä Onkel und ä Braut &mdash;«</p>
-
-<p>»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für
-Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">&nbsp;39&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo
-kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die
-Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die
-Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig,
-und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit
-einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und
-de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke
-hab’. &mdash; Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn
-mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so
-spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich
-anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein
-Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« &mdash;
-Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken
-rothnasigen Oheim nit wenig. &mdash; Da begab es sich, daß wir an eine
-Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. &mdash; Kenne Sie Auerbach
-und de Wirth Dieffenbach?«</p>
-
-<p>»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem
-bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast
-verstimmt.</p>
-
-<p>»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">&nbsp;40&nbsp;</a></span> Apfelwein-Panegyricker fort.
-&mdash; »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz
-und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de
-Onkel vorzutrage. &mdash; Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er
-sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. &mdash; Leider kam er auf die
-Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.</p>
-
-<p>»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste
-Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann
-ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier,
-wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«</p>
-
-<p>»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer
-Babett,« forschte ich.</p>
-
-<p>»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit
-de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt
-ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm
-trinke.«</p>
-
-<p>»Nun und das wollten Sie nicht?«</p>
-
-<p>»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang
-indessen darauf, daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">&nbsp;41&nbsp;</a></span> mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich
-erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch
-gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei
-und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. &mdash; Das reizte
-aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr
-mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu,
-ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt,
-der ist nit von meine Blut. &mdash; Ich blieb die Antwort nit schuldig, der
-Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man
-drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«</p>
-
-<p>»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,«
-ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene
-Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. &mdash; Ihr Schluchze das ich
-obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß
-wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp
-fiel.«</p>
-
-<p>»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von
-Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims.
-Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">&nbsp;42&nbsp;</a></span> die
-Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei
-Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. &mdash; »Sei letztsch Wort
-ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«</p>
-
-<p>»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde
-dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim
-nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich,
-da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon
-mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der
-Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las,
-daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen
-Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese
-Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte,
-ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de
-Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den
-Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am
-Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine
-Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander
-Städtche ein ander Mädche.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">&nbsp;43&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin
-anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der
-Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett
-ist ungesund und harthörig geworde. &mdash; Ich sag oft zu mir selbst wer
-weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein
-hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich
-ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf
-meine Satz. &mdash; Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« &mdash;</p>
-
-<p>Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein
-und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen
-Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen
-leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine
-Begeisterung für den Eppelwein verdankte.</p>
-
-<p>Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz
-hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius
-erinnert und an seinen Refrain:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,</div>
- <div class="verse">Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">&nbsp;44&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse
-entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der
-Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt
-mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied.«</p>
-
-<p>Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten,
-wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten
-Schinkens nur zwei wunderliche Dinge &mdash; ein ganz trüber Punsch und ein
-Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt
-war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger
-Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf
-der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir
-um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die
-Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit
-ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts
-als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei,
-daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung
-zu Stande gebracht habe. &mdash; Solche weise Todtengespräche werden einst
-in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach
-ihrem Tode über die Ori<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">&nbsp;45&nbsp;</a></span>entalische Frage führen. Es ist übrigens eine
-traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich
-lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn
-den scheinbar frommen Satz geschaffen: <em class="antiqua">De mortuis et absentibus nil
-nisi bene</em>. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen.
-Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung
-nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens
-auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so
-lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure
-Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste
-Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker
-entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und
-verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu
-geblendet, in viele kleine &mdash; wie der gute Homer.</p>
-
-<p>Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt
-zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger
-Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren
-zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen
-verwechselt. Allein zum Glück<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">&nbsp;46&nbsp;</a></span> hatte der Conducteur die Häupter seiner
-Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.</p>
-
-<p>»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister,
-»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so
-geschah’s. &mdash; Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter
-heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden
-Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter
-Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten.
-Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer.
-Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen
-mit den Worten ihm nachstreckte:</p>
-
-<p>»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« &mdash;</p>
-
-<p>»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im
-Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß
-die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«</p>
-
-<p>Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen
-Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule
-gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen
-Mondschein hinein nachstarrte, bis ein<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">&nbsp;47&nbsp;</a></span> mitleidiger Baum zwischen beide
-trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.</p>
-
-<p>Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit
-aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst
-seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und
-einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat
-geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner
-Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den
-französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein
-doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast
-ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche
-Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol
-in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen
-werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder
-Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen
-am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde
-an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke
-oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft
-ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">&nbsp;48&nbsp;</a></span>
-Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen
-kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.</p>
-
-<p>Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden
-und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei,
-war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche
-Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren
-damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.</p>
-
-<p>Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf
-jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die
-andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich
-hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine
-knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner
-waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages.
-Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen
-stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen
-Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr
-Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht
-ganz täuschend reproducire.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">&nbsp;49&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der
-Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch
-den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine
-Taschenkalender feil bieten zu können.</p>
-
-<p>»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene
-ein, »dat is der Satiricker Friederich.«</p>
-
-<p>»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.</p>
-
-<p>Ich nickte bejahend.</p>
-
-<p>»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister
-an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des
-sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen
-Lectüre gekommen bin?«</p>
-
-<p>»Wie sollte ich das wissen?«</p>
-
-<p>»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir
-noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de
-Friedrichsstraße Nummer 46.«</p>
-
-<p>Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.</p>
-
-<p>»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier«
-nennen that. &mdash; Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene
-können Sie mich wol ehn Bette leihen uff<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">&nbsp;50&nbsp;</a></span> acht Dage, ein Freund will
-mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«</p>
-
-<p>»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der <em class="antiqua">minor
-natu</em>.</p>
-
-<p>»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm
-gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb
-wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder <em class="gesperrt">Defrene und
-Compagnie</em>« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten,
-des ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben
-thun thäten.«</p>
-
-<p>»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war
-damals de rothe Lise?« &mdash;</p>
-
-<p>»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de
-Geliebte von den russischen Jelehrten.«</p>
-
-<p>»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch
-Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage
-<em class="gesperrt">hier</em> zu besuchen, die Freundschaft thun will.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Jette</em>, ick meehne <em class="gesperrt">Lise</em>, sagte, das Ding soll vielleicht
-wol angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse
-Aeußerung dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">&nbsp;51&nbsp;</a></span>
-Mensch und dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«</p>
-
-<p>»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach
-Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben.
-Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«</p>
-
-<p>»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder,
-den <em class="gesperrt">Franz</em>,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.</p>
-
-<p>»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so
-hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf
-weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den
-Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von
-die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff
-geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin
-unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den
-leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und
-nich kann. Hu! des ist jräsig!« &mdash;</p>
-
-<p>Genug die Geschichte war uff en Donnerstag &mdash;</p>
-
-<p>»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.</p>
-
-<p>»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.</p>
-
-<p>»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«</p>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">&nbsp;52&nbsp;</a></span></p>
-<p>besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff
-den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«</p>
-
-<p>»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den
-unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal
-sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en
-Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste
-junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht
-und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er
-doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr
-sagen will, er trägt die Medaille.</p>
-
-<p>Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus
-Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,«
-ergänzte Defrene junior.</p>
-
-<p>»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.</p>
-
-<p>»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent
-fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre
-neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die
-Thüre, und es trat ein Herr herein, der<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">&nbsp;53&nbsp;</a></span> sich als der Gast vom Herrn
-Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.</p>
-
-<p>»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses
-enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen
-kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein
-verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die
-Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und
-präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff
-er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den
-Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:</p>
-
-<p>»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich
-bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer
-sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich
-am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine
-Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein
-das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die
-Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, hatte
-mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist und ville zu
-ville<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">&nbsp;54&nbsp;</a></span> Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen und den Fremden
-aufzubieten, &mdash; doch über die Beschmutzung seiner Lieblingsbeinkleider
-einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, und fing jetzt an,
-entsetzlich unanjenehm zu werden. &mdash; Als sich der Sturm aber etwas
-verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn ejentlich heißen
-thäte. &mdash; Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, der Herr hätte ein
-Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber jenauer könnte sie
-den Namen jar nicht beschreiben, &mdash; Ick hätte aber ja den Namen für
-die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die Westentasche
-gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe Weste an,
-die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des alles
-so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären mich
-drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für einen
-unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen müssen.
-&mdash; Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, als
-dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »<em class="gesperrt">Friedrichs</em>,
-<em class="gesperrt">Schriftsteller</em>,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt,
-er kann mir dreist noch zehn Male begießen. <em class="gesperrt">Friedrichs</em> der
-<em class="gesperrt">Satiriker</em>, ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch
-leben werdende<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">&nbsp;55&nbsp;</a></span> und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es
-giebt. Sie können denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte
-Bejeisterung von unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte.
-Dieses Lob hören und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war
-das Werk von Ehner Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie
-eingespunnt bei die satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn
-ehner vor den Laden kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb
-uff den Fleck und wenn ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber
-ick stimme mit meinem Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte
-leben werdende Dichter seiner Zeit.«</p>
-
-<p>»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des
-Dichters?« forschte ich.</p>
-
-<p>Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene
-etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen
-Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß
-er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte
-mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so
-schrecklich aparti.«</p>
-
-<p>»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den
-großen Jean Paul.</p>
-
-<p>Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">&nbsp;56&nbsp;</a></span> Genre fort. Da ich keinen
-Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde
-Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr
-zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige
-Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme
-versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im
-Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station
-mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften
-Fremden ein.</p>
-
-<p>Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen
-wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten
-und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen
-wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und
-Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als
-Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine
-düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person
-schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit
-der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen
-Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die
-Herkunft des Mannes umgab,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">&nbsp;57&nbsp;</a></span> dessen Dialekt indessen meinem scharfen
-Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein
-Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.</p>
-
-<p>Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren,
-ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei
-Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als
-natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte
-mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. &mdash; Wir
-plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein
-Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das
-Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz
-erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; &mdash; das Schicksal mit dem
-Henker. &mdash; Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es
-ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an
-die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er
-begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte,
-ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,«
-versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">&nbsp;58&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem
-Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als
-möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er
-leider einen Collegen besuchen müsse.« &mdash; Mir war das wunderlich daß
-ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als ich an die <em class="antiqua">Table d’hôte</em> kam fand ich meine Reisegefährten
-schon in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die
-mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo
-zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen
-auf einem Zimmer logirt?«</p>
-
-<p>Ich machte ein verneinendes Zeichen.</p>
-
-<p>»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig
-beträgt, ist nichts anders als ein &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
-
-<p>Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine
-höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst
-das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein
-»ist ein« &mdash; noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem</p>
-
-<p class="center">»<em class="gesperrt">Scharfrichter</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">&nbsp;59&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten
-Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie
-bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht
-zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich
-ausdrückten, <em class="gesperrt">mich nicht dich nichts</em> seinen »<em class="gesperrt">hochmüthigen
-Kopp</em>« wol herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für
-Menschen zum Todtlachen jewesen.</p>
-
-<p>Die Frau von Z&mdash;, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie
-in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei
-der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen
-als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und
-deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer
-wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der
-Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen
-ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits
-experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst
-die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister
-durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann
-unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">&nbsp;60&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt
-und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern
-Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt
-etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh
-von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber,
-womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel,
-versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem
-ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die
-Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine
-Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren
-malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische
-Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.</p>
-
-<p>Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure
-Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser
-sind als ihr Ruf. &mdash; Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes
-Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute
-zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten
-Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der
-Befragte habe hinge<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">&nbsp;61&nbsp;</a></span>wollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die
-Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« &mdash; ausrief:
-»Es freut mich für den Menschen &mdash; aber, au waih! geschrieen für meine
-Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet
-mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«</p>
-
-<p>Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem
-Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin,
-ausrief:</p>
-
-<p>»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es
-mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber
-spreche.«</p>
-
-<p>»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden
-Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben
-zu erfreuen schien.</p>
-
-<p>»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste
-Defrene.</p>
-
-<p>»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal
-Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«</p>
-
-<p>Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine
-Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei
-seinen Colle<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">&nbsp;62&nbsp;</a></span>gen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen
-eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit
-anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett.
-Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »<em class="antiqua">vingt-sept,
-rouge impair et passe</em>« heraus; das erste Mal aber, als ich in
-den Saal trat und nicht gesetzt hatte. &mdash; Zum Zweiten, als ich den
-vorhergehenden <em class="antiqua">coup</em> mein letztes Achtgutegroschenstück verloren hatte.
-Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in der
-Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen.
-Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher
-Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen
-hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. &mdash; Unter
-den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen <em class="antiqua">guignon</em> zu
-nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich
-sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld
-mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren
-dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels
-angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante
-Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">&nbsp;63&nbsp;</a></span>
-des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner
-Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im
-Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die
-Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich
-verloren, anbringen könntet.«</p>
-
-<p>Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde
-dem Sprichwort »<em class="gesperrt">Bankier ist ein Hund</em>« viel Qualität verleihn.
-Die Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den
-Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils
-als <em class="antiqua">chevaliers de demie fortune</em> in Einspännern, oder auch wol
-um alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger
-unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich
-ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen
-Appetit zum Essen haben, &mdash; und daß sie tüchtig zusammen soupiren
-wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,«
-pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie
-Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen
-noch Geld zur Rückreise überher geben.«</p>
-
-<p>Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">&nbsp;64&nbsp;</a></span> pflegen in einem
-benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren
-leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren,
-und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod
-verzehren. Der Platz hat davon den Namen »<em class="gesperrt">Schinkenhölzchen</em>,«
-und ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum
-hat ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem
-Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen,
-um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende
-Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung
-derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren.
-&mdash; An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause
-fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten
-einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch
-gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen
-väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die
-Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der
-Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.</p>
-
-<p>Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich
-fand meinen Scharfrich<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">&nbsp;65&nbsp;</a></span>ter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend,
-ich hätte ihm gerne ein »<em class="antiqua">dosine tandem carnifex!</em>« zugerufen, ich
-fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das
-zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der
-Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald
-links, der Schlaf floh mich. &mdash; Voll Verzweiflung warf ich mich der
-Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines
-Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser
-erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier
-einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse s5">(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich muß dich vor allen Dingen,</div>
- <div class="verse">Hier in dieses Wirthshaus bringen,</div>
- <div class="verse">Wo der Bursch fast immer kneipt;</div>
- <div class="verse">Kannst am Abend wie am Morgen,</div>
- <div class="verse">Beim Philister Porzel borgen,</div>
- <div class="verse">Wenn er auch oft doppelt schreibt.</div>
- <div class="verse">Ich bin ihm schon höllisch schuldig,</div>
- <div class="verse">Doch der Kerl der ist geduldig.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">&nbsp;66&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wenn das Tante wüßte, Fritze</div>
- <div class="verse">Mir verbot man Kaffeehäuser.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">O so sprich doch etwas leiser.</div>
- <div class="verse">Hört’ man deine schnöden Witze,</div>
- <div class="verse">Könnte man ja Wunder denken.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gott wie magst du Tante kränken.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Mutter ist ein Frauenzimmer,</div>
- <div class="verse">Fürchtet sich bei Allem immer;</div>
- <div class="verse">Doch wie die Philister sagen,</div>
- <div class="verse">War Papa als Bursche schlimmer</div>
- <div class="verse">Hat sich alle Tag’ geschlagen.</div>
- <div class="verse">Ist ein Erzsuitier gewesen.</div>
- <div class="verse">Hab seinen Namen im Carcer gelesen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Fritz! nein ich bezweifle dies,</div>
- <div class="verse">Onkel der ist so vernünftig.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">&nbsp;67&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nun das werd ich auch zukünftig,</div>
- <div class="verse">Wahr ist es auf Cerevis.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">In den letzten zwei Semestern</div>
- <div class="verse">Sollt’st du wirklich fleißig sein.</div>
- <div class="verse">Das versprachst du mir noch gestern,</div>
- <div class="verse">So gewiß, und fest; allein &mdash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ja ich will auch, laß das Lästern,</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der verdammte Branntewein!</div>
- <div class="verse">Denke dran was du versprochen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?</div>
- <div class="verse">Hab’ die ganze Nacht gewacht,</div>
- <div class="verse">Immerfort hab’ ich studirt,</div>
- <div class="verse">Nicht gegrockt und nicht gebiert.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nun, das hast du brav gemacht.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">&nbsp;68&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Heute mach ich eine Pause,</div>
- <div class="verse">Aber jetzt erzähl mir ja,</div>
- <div class="verse">Was macht Mutter und Papa</div>
- <div class="verse">Und die Schwestern denn im Hause?</div>
- <div class="verse">Und wie gehts in unserm Städtchen,</div>
- <div class="verse">Insbesondere mit den Mädchen?</div>
- <div class="verse">Sprich, was macht Louise Kranz?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Neulich sah’ ich sie beim Tanz,</div>
- <div class="verse">Schwer hob sie die Schwanenbrust,</div>
- <div class="verse">Gerne wollt ich mit ihr tanzen,</div>
- <div class="verse">Doch sie hatte keine Lust.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Warum machte sie Speranzen?</div>
- <div class="verse">Wenn sie mir das abgeschlagen,</div>
- <div class="verse">Hätt’ ich wollen sie curanzen!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Gott! wie kannst du so was sagen?</div>
- <div class="verse">Denk dir, ihre Augensterne</div>
- <div class="verse">Blickten still und schmachtend nieder,</div>
- <div class="verse">Immer sprach sie ach! von dir.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">&nbsp;69&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ja sie mag mich höllisch gerne.</div>
- <div class="verse">Wenn die Besen sich verkeilen</div>
- <div class="verse">Sind sie einmal nicht zu heilen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Könnt wie du, ich, um sie minnen,</div>
- <div class="verse">All mein Leben setzt’ ich dran,</div>
- <div class="verse">Diesen Engel zu gewinnen. &mdash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Seht mir mal den Crassen an.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wird Ihr Vetter lange bleiben?</div>
- <div class="verse">Fragte sie von Schmerz erweicht,</div>
- <div class="verse">Gerne wollte ich an ihn schreiben,</div>
- <div class="verse">Doch ich fürchte daß er schweigt.</div>
- <div class="verse">Sieh so sprach sie, Du Profaner!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ach der Besen ist halb toll,</div>
- <div class="verse">Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,</div>
- <div class="verse">Aber ich war noch Primaner.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">&nbsp;70&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Fritz bei dem verwandten Blute</div>
- <div class="verse">Das ja in uns beiden fließt,</div>
- <div class="verse">Und so wahr das reine Gute</div>
- <div class="verse">Ewig unvergänglich ist;</div>
- <div class="verse">Reich Louisen deine Rechte</div>
- <div class="verse">Wolle ihr dein Leben weihn,</div>
- <div class="verse">Eurem kommenden Geschlechte,</div>
- <div class="verse">Will ich Freund und Onkel sein.</div>
- <div class="verse">Nie mehr wird mein Auge trübe</div>
- <div class="verse">Denn ich denk’ an Körners »Durch«</div>
- <div class="verse">Ich veredle meine Liebe</div>
- <div class="verse">Gleich dem Ritter Toggenburg.</div>
- <div class="verse">Wenn ich dann oft einsam weine</div>
- <div class="verse">Daß Dein Mädchen mich verkannt,</div>
- <div class="verse">Daß die Holde nicht die Meine!</div>
- <div class="verse">Einst mich decket Grabes-Sand!</div>
- <div class="verse">Fritz! dann mögest Du ihr sagen,</div>
- <div class="verse">Opfer kennt die Liebe keine! &mdash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das ist doch zum Überschlagen!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Marmorstein! wirst du nicht roth?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">&nbsp;71&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die Louise Kranz in Ehren,</div>
- <div class="verse">Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod</div>
- <div class="verse">Eine Frau mir zu ernähren.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Willst du denn des Mädchens Tod?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Hör’! ich will sie dir cediren,</div>
- <div class="verse">Willst du tüchtig Wein poniren!</div>
- <div class="verse">Aber nimm es mir nicht krumm.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Hör Elender! du bist dumm.</div>
- <div class="verse">Meines Hasses Fackel lodert. &mdash;</div>
- <div class="verse">Solch ein schändlicher Betrug!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das Wort »dumm« das ist genug.</div>
- <div class="verse">Du touchirst, weist nicht warum.</div>
- <div class="verse">Aber Fuchs du bist gefordert.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wohl! ich folg’ zum Waffentanz&nbsp; &nbsp; (ab).</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">&nbsp;72&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich bin meiner Seel verplext,</div>
- <div class="verse">Wie kann mich der Jung’ touchiren?</div>
- <div class="verse">Die verdammte Lise Kranz</div>
- <div class="verse">Hat den Bengel wol behext?</div>
- <div class="verse">Doch der Fuchs muß revociren</div>
- <div class="verse">Millionen Donnerwetter!</div>
- <div class="verse">Hört man das im Vaterlande,</div>
- <div class="verse">Louis bleibt ja doch mein Vetter,</div>
- <div class="verse">Das wär’ eine ew’ge Schande. &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines
-Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald
-strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht
-lieber Bruder« an mein Ohr! &mdash;</p>
-
-<p>Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen
-gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde,
-an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.</p>
-
-<p>»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair
-der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit
-uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien
-machen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">&nbsp;73&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein
-Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. &mdash; »Laßt den Kerl
-liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr
-von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur
-verstellt zu schlummern schien.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen
-war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der
-Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner
-erzählten.«</p>
-
-<p>»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft
-ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir
-stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«</p>
-
-<p>Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei
-zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel
-alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus
-dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen
-Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle
-dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die
-Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">&nbsp;74&nbsp;</a></span>
-singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.</p>
-
-<p>Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers
-traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten
-mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um
-ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod,
-(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche
-Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose,
-die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel
-hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir
-mit einigen feierlichen Worten kredenzte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun,
-aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier
-stürzten auf die Erde. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte
-nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre
-übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie
-im Schlaf gewesen.</p>
-
-<p>Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend
-anblickte. - »Sie haben im<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">&nbsp;75&nbsp;</a></span> Traum viel mit ihren Kameraden zu thun
-gehabt,« bemerkte er jetzt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig
-schweigend.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der
-Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.</p>
-
-<p>»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit
-irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«</p>
-
-<p>Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung
-sogleich gegenwärtig waren.</p>
-
-<p>»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich
-meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben
-habe, Ihnen weh zu thun.« &mdash;</p>
-
-<p>»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort
-aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich
-anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh
-wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.</p>
-
-<p>Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen
-erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und
-leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">&nbsp;76&nbsp;</a></span> Gedanke und
-ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von
-Posa sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Er dachte klein von mir und starb.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich!
-ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses
-Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko
-noch. Wenn’s noch ein scharfer<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl
-einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein
-die sollen <em class="gesperrt">klein</em> von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich
-ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus
-kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn
-Klatschereien, denn sie sollen nichts als die <em class="antiqua">verité</em>
-enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf
-den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt
-werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">&nbsp;77&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine
-Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem
-Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp.
-Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius
-Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der
-Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.</p>
-
-<p>Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen
-Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil
-meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie
-werden auch für Norddeutschland wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">&nbsp;78&nbsp;</a></span> ein gleiches Interesse wie
-meine academischen Reminiscenzen haben.</p>
-
-<p>Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der
-Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um
-dort auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu
-empfangen. Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im
-August 1809 erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten
-Grafen Ranzau, (<em class="antiqua">vulgo</em> Peter Graf genannt,) in der Pension des
-gedachten Andresen erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne
-viel verdanke, denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen,
-Keinem, aber das wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell
-ausgebildet hat, &mdash; meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe
-über das Unsittliche und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen
-Vornehmere, die nur voll von jener Rechtschaffenheit, welche sie
-nichts kostet, und die sie stets auf der gleißnerischen Zunge tragen,
-nur zu gerne den Stab über Menschen brechen, in denen ihnen eine
-höhere Natur ahndet &mdash; und das Motto meiner humoristischen Blätter:
-»<em class="antiqua">nil bonum nisi quod honestum</em>« &mdash; ich verdanke dies alles
-ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl unterrichteten Manne,
-dem<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">&nbsp;79&nbsp;</a></span> schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark verglichen werden kann,
-aus dessen Schule so viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen
-sind, und der nach sechs und dreißigjähriger Dienstzeit im großen
-Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im fürstlichen Blumengarten
-vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« verzeichnet ist. Indessen
-werden ihn die Augen seines neuen geistvollen Königs schon finden,
-und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im Namen von hunderten
-seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise »<em class="gesperrt">königlich</em>«
-bestätigen.</p>
-
-<p>An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht
-diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags
-vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine
-meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich
-für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich
-einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die
-Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug
-hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel
-wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie
-die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin
-Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">&nbsp;80&nbsp;</a></span>schichte die alten Giebel,
-aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären,
-verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich
-alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch
-der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und
-zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine
-geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse
-lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch
-auf die plattdeutsche Anfrage:</p>
-
-<p class="center">Hehtst Du nich <em class="gesperrt">Jan</em> Matzen?</p>
-
-<p>die Antwort</p>
-
-<p class="center">»Ne, Klas Matzen.«</p>
-
-<p>erhielt.</p>
-
-<p>Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern
-Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner,
-heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den
-Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man
-erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum
-Christum auch besser erkennen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische
-Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">&nbsp;81&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol
-durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand
-erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr,
-heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden
-Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und
-fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt
-Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend
-ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete,
-als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat.
-Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht
-irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort
-gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels
-nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche
-namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich
-kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres
-Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein
-solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten
-Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser
-Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">&nbsp;82&nbsp;</a></span> um den Unterleib, und stärkt
-Eure Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine
-halbe Minute in eiskaltem Wasser badet. <em class="antiqua">Probatum est</em>. Merke Du
-Dir es vor allen Dingen, jedesmaliger <em class="antiqua">pro tempore</em> Pastor in
-Kaltenkirchen!</p>
-
-<p>Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> nach Hamburg.
-Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte,
-ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den
-Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und
-verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.</p>
-
-<p>Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen,
-das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem
-Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu
-Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General
-Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">&nbsp;83&nbsp;</a></span> 12,000,
-nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die
-Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und
-wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich
-umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche
-die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich
-vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten
-<em class="antiqua">Skys</em> und <em class="antiqua">Skas</em> und <em class="antiqua">Witschs</em> entströmten, als sie
-sich so in die heimathlichen Gegenden versetzt sahen.</p>
-
-<p>Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch,
-vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr
-als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das
-gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen,
-aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit
-einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt
-hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge
-auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das
-man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr
-massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu
-begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">&nbsp;84&nbsp;</a></span> Druk« (Höre, mein Freund!)
-zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu
-haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam
-Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus
-Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der
-damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst
-Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.</p>
-
-<p>Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen,
-ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an
-der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die
-Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine
-bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt,
-so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem
-Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte
-eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst
-thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie
-seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten
-dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem
-Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815
-oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet,
-daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von
-Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen
-Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch
-hart gestraft, dem Heindorf die<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">&nbsp;85&nbsp;</a></span> letzten Stunden durch eine nicht
-ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein
-Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu
-sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied,
-während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause
-saß. &mdash; Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und
-klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine
-gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die
-ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete.
-In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der <em class="gesperrt">Becker</em> und der
-<em class="gesperrt">Gley</em> nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in
-seinen Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam
-es auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann
-allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters
-dieses <em class="antiqua">epitheton</em>, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel
-»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung
-die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.</p>
-
-<p>Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und
-des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine
-unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das
-Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm
-dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto
-herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich
-dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">&nbsp;86&nbsp;</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container latein">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft7"><em class="antiqua">Actus III. Scena I.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft5"><em class="antiqua">Thraso. Gnatho. Parmeno.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Dono, quam abs te datum esse: id vero serio</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item.</em></div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">&nbsp;88&nbsp;</a></span>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Labore alieno magnam partam gloriam</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis? T. scilicet.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo. T. tenes.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Regem elegantem narras. T. immo sic homo</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Mordere clanculum: ego non flocci pendere.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Illi invidere misere, verum unus tamen,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Impense, elephantis quem Indicis praeceferat.</em></div>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">&nbsp;90&nbsp;</a></span></p>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">lugularas hominem quid ille? T. mutus illico.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Plus millies audivi. T. una in convivio</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Fort habui scortum: coepit ad id aludere</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra</em></div>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">&nbsp;92&nbsp;</a></span></p>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus.</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Risu omnes, qui aderant emoriri: denique</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Metuebant omnes jam me. G. non injuria.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">&nbsp;87&nbsp;</a></span></p>
-
-<p class="s3 center"><b>Aus dem Eunuchen des Terenz.</b><a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor"><span class="s5">[3]</span></a></p>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Dritter Act. Erste Scene.</em></p>
-
-<p class="center mbot1">Thraso, Gnatho, Parmeno.</p>
-
-<p class="center mbot1">(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und
-begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)</p>
-
-<div class="blockquot2">
-
-<p>Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?</p>
-
-<p>Gnatho. Unmenschlich.</p>
-
-<p>Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?</p>
-
-<p>Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von
-Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.</p>
-
-<p>Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine
-Leutchen herzuführen. Aber &mdash; was sehe ich, den Offizier!</p>
-
-<p>Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne,
-schlägt mir ein.</p>
-
-<p>Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.</p>
-
-<p>Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen
-Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer <em class="antiqua">au
-contraire</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">&nbsp;89&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe.
-(Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.</p>
-
-<p>Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie
-gerichtet?</p>
-
-<p>Thraso. Das kannst Du glauben.</p>
-
-<p>Gnatho. Sie waren sein Favorit?</p>
-
-<p>Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine
-Pläne &mdash;</p>
-
-<p>Gnatho. Sapperment!</p>
-
-<p>Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er
-sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen &mdash; &mdash; Verstanden?</p>
-
-<p>Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele
-speien wollte &mdash;</p>
-
-<p>Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner
-gewesen sein.</p>
-
-<p>Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.</p>
-
-<p>Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.</p>
-
-<p>Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich
-cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie
-barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer
-Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">&nbsp;91&nbsp;</a></span>
-nun anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie
-mir, Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden
-Bestien commandiren?«</p>
-
-<p>Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt:
-mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?</p>
-
-<p>Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.</p>
-
-<p>Gnatho. Natürlich.</p>
-
-<p>Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher,
-niederträchtiger Erzschurke!</p>
-
-<p>Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den
-Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?</p>
-
-<p>Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir
-erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als
-tausend Male gehört.</p>
-
-<p>Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem
-Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren
-und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek
-in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«</p>
-
-<p>Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!</p>
-
-<p>Thraso. Was kommt Euch an?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">&nbsp;93&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber
-ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.</p>
-
-<p>Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?</p>
-
-<p>Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum
-Todtlachen.</p>
-
-<p>Thraso. Der ist von meiner Fabrik.</p>
-
-<p>Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß
-er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.</p>
-
-<p>Parmeno. Hol’ Dich der Henker!</p>
-
-<p>Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?</p>
-
-<p>Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte
-vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.</p>
-
-<p>Gnatho. Und das von Rechtswegen.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">&nbsp;94&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu
-unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich
-verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen
-einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen
-waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines
-Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort
-trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein
-interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen
-Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts
-desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und
-Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts
-überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen
-Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger
-Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe
-in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die
-Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte
-der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den
-Schillerschen setze.</p>
-
-<p>In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei
-eine Legende zu er<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">&nbsp;95&nbsp;</a></span>zählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn
-man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel
-anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle
-nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache
-weg.«</p>
-
-<p>Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit
-Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist
-mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden
-Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster
-Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber
-warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine
-sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«</p>
-
-<p>Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.</p>
-
-<p>So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem
-Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem
-ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.</p>
-
-<p>Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem
-Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß
-sie<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">&nbsp;96&nbsp;</a></span> nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner
-und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte
-zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die
-Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß
-ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist
-übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote.
-Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie
-die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version
-aufgenommen werden muß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="s3 center"><b>Das Lied vom Prügel.</b></p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="center mleft7"><em class="antiqua">Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango.</em></p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="center">Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">War ein Prügel je auf Erden,</div>
- <div class="verse">Der dem jüngst zerbrochnen glich?</div>
- <div class="verse">Dennoch muß ein neuer werden;</div>
- <div class="verse">Denn mein alter hielt nicht Stich!</div>
- <div class="verse mleft2">Hilf mir, Anne, frisch!</div>
- <div class="verse mleft2">Bring den runden Tisch,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">&nbsp;97&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft2">Hol’ mir Beil und Hammer</div>
- <div class="verse mleft2">Aus der kleinen Kammer!</div>
- <div class="verse">Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,</div>
- <div class="verse">Geziemt sich wol ein ernstes Wort;</div>
- <div class="verse">Wenn gute Reden sie begleiten,</div>
- <div class="verse">Dann fließt die Arbeit munter fort.</div>
- <div class="verse">So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,</div>
- <div class="verse">Was durch des Prügels Kraft zerspringt;</div>
- <div class="verse">Den schlechten Mann muß man verachten,</div>
- <div class="verse">Der nie bedacht, was er vollbringt.</div>
- <div class="verse">Das ist’s ja, was den Custos zieret,</div>
- <div class="verse">Und dazu ward ihm der Verstand,</div>
- <div class="verse">Daß er der Schüler Schmerzen spüret,</div>
- <div class="verse">Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.</div>
- <div class="verse mleft2">Reich’ das Holz mir aus der Ecke,</div>
- <div class="verse mleft2">Doch es sei noch etwas feucht,</div>
- <div class="verse mleft2">Daß ich es gehörig recke;</div>
- <div class="verse mleft2">Dann wird mir die Biegung leicht.</div>
- <div class="verse mleft4">Koch’ des Leimes Brei &mdash;</div>
- <div class="verse mleft4">Schnell den Topf herbei,</div>
- <div class="verse mleft2">Daß der Leim sich bald zertheile,</div>
- <div class="verse mleft2">Anne, blas in aller Eile!</div>
- <div class="verse">Was unter seines Daches Stube</div>
- <div class="verse">Der muth’ge Custos winden muß,</div>
- <div class="verse">Das fühlet der geschlag’ne Bube,</div>
- <div class="verse">Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">&nbsp;98&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Noch jucken wird’s in späten Tagen,</div>
- <div class="verse">Er wird vom herben Schmerz gequält,</div>
- <div class="verse">Betrübt wird er’s der Mutter klagen,</div>
- <div class="verse">Die grimmig auf den Lehrer schmäht;</div>
- <div class="verse">Was ihrem Sohn mit einem Stocke</div>
- <div class="verse">Das wechselnde Verhängniß bringt,</div>
- <div class="verse">Das schlägt sie an die große Glocke,</div>
- <div class="verse">Die es erbaulich weiter klingt.</div>
- <div class="verse mleft2">Blasen seh’ ich sich bewegen:</div>
- <div class="verse mleft2">Wohl, die Massen sind im Fluß.</div>
- <div class="verse mleft2">Du mußt Kohlen unterlegen,</div>
- <div class="verse mleft2">Das befördert schnell den Guß.</div>
- <div class="verse mleft4">Reich von ungefähr</div>
- <div class="verse mleft4">Mir ein Messer her,</div>
- <div class="verse mleft2">Daß den Stock ich ründe,</div>
- <div class="verse mleft2">Eh’ ich ihn umwinde.</div>
- <div class="verse">Denn, frühe in der Bürgerschule</div>
- <div class="verse">Begrüßt er das geliebte Kind</div>
- <div class="verse">Auf seines Lebens erstem Gange,</div>
- <div class="verse">Den er beim ABC beginnt;</div>
- <div class="verse">Ihm ruhen in der Zeiten Schooße</div>
- <div class="verse">Die schwarzen wie die heitern Loose.</div>
- <div class="verse">Der Custos nur allein macht Sorgen,</div>
- <div class="verse">Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen &mdash;</div>
- <div class="verse">Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.</div>
- <div class="verse">Von <em class="antiqua">mensa</em> reißt sich stolz der Knabe,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">&nbsp;99&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Er stürmt nach Quarta freudig hin;</div>
- <div class="verse">Geleitet nur an meinem Stabe,</div>
- <div class="verse">Wächst ihm der Unart wilder Sinn,</div>
- <div class="verse">Und herrlich, in der Jugend Prangen,</div>
- <div class="verse">Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,</div>
- <div class="verse">Mit rothen ungeschminkten Wangen</div>
- <div class="verse">Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.</div>
- <div class="verse">Doch tönet oft ein schweres Klagen</div>
- <div class="verse">Vom Knaben her: er irrt allein,</div>
- <div class="verse">Er muß sich mit dem Nepos plagen,</div>
- <div class="verse">Er flieht der Brüder wilde Reih’n,</div>
- <div class="verse">Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,</div>
- <div class="verse">Er wird von seinem Fleiß beglückt,</div>
- <div class="verse">Und mit der schönsten aller Uhren</div>
- <div class="verse">Wird er vom Vater ausgeschmückt.</div>
- <div class="verse">O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen</div>
- <div class="verse">Für ihn, der keine Sorgen kennt!</div>
- <div class="verse">Er sieht für sich schon Prima offen,</div>
- <div class="verse">Er ist im Geiste schon Student,</div>
- <div class="verse">O, daß sie Gott ihm doch bewahre,</div>
- <div class="verse">Die erste Zeit der Flegeljahre!</div>
- <div class="verse mleft2">Wie sich schon die Blasen bräunen!</div>
- <div class="verse mleft2">Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,</div>
- <div class="verse mleft2">Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,</div>
- <div class="verse mleft2">Wird’s zum Decken zeitig sein.</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">&nbsp;100&nbsp;</a></span>
- <div class="verse mleft4">Anne, sei zur Hand!</div>
- <div class="verse mleft4">Leder von der Wand,</div>
- <div class="verse mleft2">Laß mich jetzt den Stock bekleben,</div>
- <div class="verse mleft2">Und mit Juchten fest umgeben. &mdash;</div>
- <div class="verse">Denn wo der Jugendseelen Flügel</div>
- <div class="verse">Begleitet wird von einem Prügel,</div>
- <div class="verse">Da giebt es eine gute Zucht.</div>
- <div class="verse">Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,</div>
- <div class="verse">Sobald er böse Jugend findet,</div>
- <div class="verse">Dies Mittel keiner unversucht.</div>
- <div class="verse">Freudig machen sie Spectakel,</div>
- <div class="verse">Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.</div>
- <div class="verse">Und mein allzu ernster Bakel</div>
- <div class="verse">Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.</div>
- <div class="verse">Mancher Kantschuh ist zerbrochen,</div>
- <div class="verse">Schaden hab’ ich auch dabei,</div>
- <div class="verse">Und auf fühllos derben Knochen</div>
- <div class="verse">Ging mein letzter noch entzwei.</div>
- <div class="verse">Der Schüler geht fort,</div>
- <div class="verse">Der Custos muß bleiben,</div>
- <div class="verse">Der wechselt den Ort,</div>
- <div class="verse">Mich wird man nicht treiben.</div>
- <div class="verse">Gar Mancher steigt auf,</div>
- <div class="verse">In Tertia zu streben</div>
- <div class="verse">Für’s künftige Leben,</div>
- <div class="verse">Muß pflanzen und schaffen,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">&nbsp;101&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Mehr hören, als gaffen,</div>
- <div class="verse">Muß Nächte studiren,</div>
- <div class="verse">Um was zu capiren,</div>
- <div class="verse">Muß wetten und wagen,</div>
- <div class="verse">Genie zu erjagen.</div>
- <div class="verse">Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:</div>
- <div class="verse">Man hört den Director den Fleißigen loben,</div>
- <div class="verse">Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.</div>
- <div class="verse">Und drinnen studirt</div>
- <div class="verse">Der <em class="antiqua">primus secundae</em>,</div>
- <div class="verse">Die Mutter der Klasse,</div>
- <div class="verse">Und herrschet weise</div>
- <div class="verse">In der Schüler Kreise,</div>
- <div class="verse">Und wehret dem Langen</div>
- <div class="verse">Und muthigt den Bangen,</div>
- <div class="verse">Und regt ohne Ende</div>
- <div class="verse">Die Zung’ und die Hände</div>
- <div class="verse">Und mehrt den Gewinn</div>
- <div class="verse">Mit ordnendem Sinn,</div>
- <div class="verse">Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,</div>
- <div class="verse">Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,</div>
- <div class="verse">Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank</div>
- <div class="verse">Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.</div>
- <div class="verse">Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer</div>
- <div class="verse">Und ruhet nimmer.</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">&nbsp;102&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Und der Primaner mit frohem Blick</div>
- <div class="verse">Aus der Prima geöffnetem Fenster</div>
- <div class="verse">Ueberdenket sein blühend Glück,</div>
- <div class="verse">Wie die Schüler vor Arbeit vergehen</div>
- <div class="verse">Und um gnädige Strafe flehen;</div>
- <div class="verse">Sieht einen Knaben traurig gefangen,</div>
- <div class="verse">Welcher versucht die eisernen Stangen, &mdash;</div>
- <div class="verse">Rühmt sich mit stolzem Mund:</div>
- <div class="verse">Fest, wie der Erde Grund,</div>
- <div class="verse">Gegen des Lehrers Macht</div>
- <div class="verse">Steht unserer Klasse Pracht!</div>
- <div class="verse">Doch mit des Geschickes Mächten</div>
- <div class="verse">Ist kein ew’ger Bund zu flechten.</div>
- <div class="verse">Und das Unglück waltet schnell.</div>
- <div class="verse mleft2">Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,</div>
- <div class="verse mleft2">Schön geründet ist der Stock;</div>
- <div class="verse mleft2">Doch, bevor ihn Leim bedecket,</div>
- <div class="verse mleft2">Mache mir ein Gläschen Grock.</div>
- <div class="verse mleft4">Etwas Aquavit</div>
- <div class="verse mleft4">Stärke mein Gemüth.</div>
- <div class="verse mleft2">Bei den so gelehrten Brocken</div>
- <div class="verse mleft2">Wird mir sonst die Zunge trocken.</div>
- <div class="verse">Wohlthätig sind der Schläge Macht,</div>
- <div class="verse">Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,</div>
- <div class="verse">Und was er bildet, was er schafft,</div>
- <div class="verse">Das leite seiner Hände Kraft;</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">&nbsp;103&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Doch furchtbar wird der Hände Kraft,</div>
- <div class="verse">Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.</div>
- <div class="verse">Einher tritt in der Schüler Kreis,</div>
- <div class="verse">Und selber führt den Rechtsbeweis. &mdash;</div>
- <div class="verse">Wehe! wenn da losgelassen</div>
- <div class="verse">Treffend voller Unverstand</div>
- <div class="verse">An die Ohren der Primaner</div>
- <div class="verse">Fliegt, die zornentbrannte Hand!</div>
- <div class="verse">Denn die jungen Leute hassen</div>
- <div class="verse">Einen Schlag von Lehrers Hand.</div>
- <div class="verse">Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,</div>
- <div class="verse">Strömt die Klarheit;</div>
- <div class="verse">Doch der Lehrer ohne Wahl</div>
- <div class="verse">Schlägt auch ’Mal.</div>
- <div class="verse">Seht Ihr’s toben dort <em class="antiqua">in prima</em>?</div>
- <div class="verse">Roth wie Blut</div>
- <div class="verse">Ist der Lehrer.</div>
- <div class="verse">Das ist bösen Zornes Gut!</div>
- <div class="verse">Welche Worte!</div>
- <div class="verse">Der steht auf,</div>
- <div class="verse">Jener auf.</div>
- <div class="verse">Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!</div>
- <div class="verse">Eilend fliegt er vom Katheder,</div>
- <div class="verse">Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!</div>
- <div class="verse">Kochend wie aus Ofensschlunde</div>
- <div class="verse">Glüh’n die Augen; aus dem Munde</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">&nbsp;104&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Stürzen Buben, Jungen fallen,</div>
- <div class="verse">Böse Worte hört man schallen,</div>
- <div class="verse">Nicht geberdt sich,</div>
- <div class="verse">Nicht mehr wehrt sich</div>
- <div class="verse">Steffen, der in’s Freie flüchtet,</div>
- <div class="verse">Nach der Thür den Lauf gerichtet,</div>
- <div class="verse">Durch der Glieder lange Kette</div>
- <div class="verse">Um die Wette.</div>
- <div class="verse">Jenen Unfug zu bezahlen,</div>
- <div class="verse">Fliegen fast magnet’sche Strahlen.</div>
- <div class="verse">Keuchend Töffel kommt geflogen,</div>
- <div class="verse">Der den Zwist zu hemmen sucht.</div>
- <div class="verse">Steffen in der engen Bucht</div>
- <div class="verse">Will den Streit noch weiter führen,</div>
- <div class="verse">Hingeworfen an die Thüre,</div>
- <div class="verse">Und mit jedem Augenblicke</div>
- <div class="verse">Wächst der Lärm. Die junge Zucht</div>
- <div class="verse">Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.</div>
- <div class="verse">Aber sieh, zu ihrem Glücke</div>
- <div class="verse">Thür aufgeht:</div>
- <div class="verse">Rektor steht</div>
- <div class="verse">Da, und Alles fliegt zum Sitze;</div>
- <div class="verse">Auf Befehl nimmt seine Mütze</div>
- <div class="verse">Jeder Schüler sich und geht. &mdash;</div>
- <div class="verse">Leergebrannt</div>
- <div class="verse">Ist die Stätte</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">&nbsp;105&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Wilder Stürme rauhes Bette,</div>
- <div class="verse">In der öden <em class="antiqua">prima</em> Mauern</div>
- <div class="verse">Wohnt das Grauen,</div>
- <div class="verse">Und nur Secundaner trauren</div>
- <div class="verse">Schwitzend dort.</div>
- <div class="verse">Einen Blick</div>
- <div class="verse">Nach dem letzten</div>
- <div class="verse">Der Geschätzten</div>
- <div class="verse">Sendet Gurlitt noch zurück,</div>
- <div class="verse">Eilt fröhlich dann in seine Kammer.</div>
- <div class="verse">Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,</div>
- <div class="verse">Ein süßer Trost ist ihm geblieben, &mdash;</div>
- <div class="verse">Er hat die Klasse seiner Lieben</div>
- <div class="verse">Drei volle Tage ausgesetzt. &mdash;</div>
- <div class="verse mleft2">Wohl, der Stock hat angenommen,</div>
- <div class="verse">Glücklich ist das Holz beklebt,</div>
- <div class="verse">Damit in den Saal zu kommen,</div>
- <div class="verse">Und der Stein im Kalk erbebt.</div>
- <div class="verse mleft4">Wenn man munter singt,</div>
- <div class="verse mleft4">Heiter scherzt und springt,</div>
- <div class="verse mleft2">Mache ich die Thüre offen</div>
- <div class="verse mleft2">Und die Horde schweigt betroffen.</div>
- <div class="verse">Des frechen Buben starken Rücken</div>
- <div class="verse">Vertrauen wir des Lehrers Saat,</div>
- <div class="verse">Und hoffen, daß sie keimen werde</div>
- <div class="verse">Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">&nbsp;106&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Doch einem undankbaren Herzen</div>
- <div class="verse">Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,</div>
- <div class="verse">Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,</div>
- <div class="verse">Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.</div>
- <div class="verse mleft2">Aus dem Stadtthor,</div>
- <div class="verse mleft2">Schwer und bang</div>
- <div class="verse mleft2">Tönt der Schüler</div>
- <div class="verse mleft2">Ernster Gang.</div>
- <div class="verse">Sie begleiten, die das Feuer schürten,</div>
- <div class="verse">Einen armen Relegirten!</div>
- <div class="verse">Ach! es ist der theure Steffen,</div>
- <div class="verse">Ach! es ist der gute Schüler,</div>
- <div class="verse">Der das Scholarchat verkannte,</div>
- <div class="verse">Den der Herr Director bannte</div>
- <div class="verse">Aus der Schüler muntrer Schaar,</div>
- <div class="verse">Deren Eins und All’ er war,</div>
- <div class="verse">Denen er so sehr gefiel</div>
- <div class="verse">Durch Primaner Widerspiel.</div>
- <div class="verse">Weh! der Schule zarte Bande</div>
- <div class="verse">Sind gelös’t auf immerdar!</div>
- <div class="verse">Er studirt in fernem Lande,</div>
- <div class="verse">Der der Klasse Seele war;</div>
- <div class="verse">Denn es fehlt sein treues Pochen,</div>
- <div class="verse">Seine Sorge wacht nicht mehr,</div>
- <div class="verse">Und seit sieben vollen Wochen</div>
- <div class="verse">Ist der liebe Karzer leer.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">&nbsp;107&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,</div>
- <div class="verse">Verderblich ist des Tigers Zahn;</div>
- <div class="verse">Jedoch das schrecklichste der Schrecken,</div>
- <div class="verse">Das ist der böse Zimmermann!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der
-Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen
-harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt,
-zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben,
-und mich, da sie selbst <em class="antiqua">mala fide</em> waren, nicht <em class="antiqua">bona fide</em> consiliiren
-konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie
-seines Pensionärs und Secundaners gelacht.</p>
-
-<p>Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie
-»<em class="gesperrt">Gurlitt</em>«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war,
-woselbst er eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin
-eingeführt hatte. Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat,
-wohin er freilich mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein
-Strafgericht zu halten.</p>
-
-<p>Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin
-übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner
-mit militäri<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">&nbsp;108&nbsp;</a></span>scher Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die
-Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch
-auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der <em class="antiqua">disciplina
-scholastica</em> mit eiserner Ruthe handhabte, <em class="antiqua">au fond</em> ein höchst
-humaner und gutmüthiger Mensch war. <em class="antiqua">Incuriosus</em> in Bezug auf die
-Dinge des Lebens, verwechselte er <em class="antiqua">Fouqué</em> und <em class="antiqua">Fouché</em>,
-litt nicht, daß die gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren,
-und obgleich diese Großstädter einen magnetischen Tact haben, die
-Deichsel des Wagens eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen;
-ehe sie den Rücken durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer
-der Pindarschen Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst
-einen Menschen über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine
-komische Weise, und er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz
-ungewöhnliche Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er
-einmal bei Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie
-zwei Tage hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd,
-daß es auch nie zwei Tage hinter einander regne. &mdash; »Wie das?« fragte
-Gurlitt erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn
-die Dame. »Nun das zeigt<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">&nbsp;109&nbsp;</a></span> von mathematischem Verstande!« entgegnete
-Gurlitt verwirrt.</p>
-
-<p>Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz
-seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als bis zur
-<em class="antiqua">classis latina et graeca secunda</em>, und das Letztere nur deshalb
-hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: »Was
-das <em class="antiqua">verbum</em> für eine Zeit sei?« mit großem Glücke <em class="antiqua">aoristus
-primus</em> geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der
-arme Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit
-genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte
-heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß
-durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn
-erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie,
-mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so
-desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt
-vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der <em class="antiqua">Clavis
-ciceronia</em>, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte
-und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er
-<em class="antiqua">litem</em>, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach
-der Abschiedsrede,<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">&nbsp;110&nbsp;</a></span> wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von
-ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem
-jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. &mdash;
-»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es
-aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die
-Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der
-Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen
-zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete
-Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«</p>
-
-<p>Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die
-Erklärung über den <em class="antiqua">infinitivus historicus</em>. Nachdem er gezeigt
-hatte, daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege
-eigentlich der Invinitiv des Affects sei, wie »<em class="antiqua">me hoc pati, me hoc
-ferre</em>?« den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe,
-pflegte er oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich
-bemühten, den <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> durch das ausgelassene
-Wort »<em class="antiqua">coepit</em>« zu erklären. Dieser falschen Meinung war auch
-ein alter Scholarch der Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen,
-der bei einem öffentlichen Examen den examinirenden, den Livius<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">&nbsp;111&nbsp;</a></span>
-docirenden Collaborator daran erinnerte, daß er seine Schüler doch
-fragen solle, von welchem Worte der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em>
-abhänge? Der prüfende Lehrer, der den Ungrund dieser Ansicht kannte,
-vermied die Frage, bis der Scholarch, am Ende ungeduldig, die Schüler
-mit den Worten belehrte: »Der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> hängt von
-<em class="antiqua">coepit</em> ab.« &mdash; Schweigend ließ der Lehrer die jungen Leute
-weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort »<em class="antiqua">coepisse</em>«
-als <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> kam. »Von welchem Worte hängt
-der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> ab?« fragte nun der gekränkte
-Collaborator. »Von dem Worte <em class="antiqua">coepit</em>,« rief die Jugend. »Recht,«
-entgegnete der Lehrer &mdash; <em class="antiqua">coepit</em>, <em class="antiqua">coepisse</em> &mdash;</p>
-
-<p>Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger
-Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn
-Jemand habe beschenken hören: &mdash; »Wenn Sie so fortfahren, fleißig
-vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein
-Fünkchen lernen.«</p>
-
-<p>In <em class="antiqua">politicis</em> war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den
-jungen Hamburgern, die in ihrem <em class="antiqua">vitae curriculo</em> beim Eintritt
-in <em class="antiqua">prima</em> der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum
-Lobe jenes Staats erwähnten, mit der Bemerkung: <em class="antiqua">hoc falsum est, ut
-ex scriptis Hafneri</em> (des dänischen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">&nbsp;112&nbsp;</a></span> Obristen) <em class="antiqua">apparet</em>. &mdash; Am
-empfindlichsten war Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die
-Erwähnung derselben scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie
-still, ich kriege Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal
-seinen Kameraden aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm
-des Arrestanten erzählte.</p>
-
-<p>In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist.
-Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die
-symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den
-Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus,
-daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber
-doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können,
-gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«</p>
-
-<p>Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor <em class="gesperrt">Hipp</em>, der
-eigentliche Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der
-lateinischen verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las
-den Tacitus, von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit
-und Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol
-der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht
-eine schriftliche Version<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">&nbsp;113&nbsp;</a></span> des Tacitus in seinem Nachlasse befindet;
-Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine
-Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß
-ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch,
-dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande
-war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets
-in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so
-daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil
-er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges
-Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er
-sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher
-Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es
-sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu
-fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher
-Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten
-Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten
-Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die
-Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war
-übrigens der fleißigste Mensch,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">&nbsp;114&nbsp;</a></span> den ich in meinem Leben gesehen habe.
-Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.</p>
-
-<p>Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor
-Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem
-Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch,
-welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte.
-Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel
-deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.</p>
-
-<p>Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken,
-daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder
-Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst
-unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine
-Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Der Strauch und die Eiche.</em></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">In eines Strauches Schatten war gepflanzt</div>
- <div class="verse">Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;</div>
- <div class="verse">Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,</div>
- <div class="verse">Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">&nbsp;115&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Allein die Eiche hob sich himmelwärts</div>
- <div class="verse">Und sah beschämend auf den Strauch hinab.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="center">* &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">So sucht auch oft des Schülers freien Sinn</div>
- <div class="verse">Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-<p>Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast
-alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich
-habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen
-diesen depontanen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen
-das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch
-in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm
-abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie
-gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch
-diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem
-Professor Zimmermann gleichsam eine <em class="antiqua">reparation d’honneur</em> wegen
-meiner Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen
-finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">&nbsp;116&nbsp;</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft4">(Der Magister tritt auf.)</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!</div>
- <div class="verse">Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!</div>
- <div class="verse">Ist das eine Klasse von Studiosen?</div>
- <div class="verse">Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?</div>
- <div class="verse">Werft Ihr so mit frechem Blick,</div>
- <div class="verse">Als hätte der allmächtige Fick<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></div>
- <div class="verse">Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?</div>
- <div class="verse">Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,</div>
- <div class="verse">Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Quid hic statis otiosi</em>?</div>
- <div class="verse">Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?</div>
- <div class="verse">Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:</div>
- <div class="verse">Die Primaner haben sich schlecht betragen,</div>
- <div class="verse">Einer ist an die Ohren geschlagen,</div>
- <div class="verse">Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,</div>
- <div class="verse">Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,</div>
- <div class="verse">Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,</div>
- <div class="verse">Als in den Unterricht des Herrn Enke;</div>
- <div class="verse">Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,</div>
- <div class="verse">Als für den gelehrten Doctor Strauch:</div>
- <div class="verse">Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,</div>
- <div class="verse">Als französische Dictate des feinen Lemenz;</div>
- <div class="verse">Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">&nbsp;117&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.</div>
- <div class="verse">Die Lehrer studiren Tag und Nacht,</div>
- <div class="verse">Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.</div>
- <div class="verse">Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;</div>
- <div class="verse">Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,</div>
- <div class="verse">Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,</div>
- <div class="verse">Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!</div>
- <div class="verse">Der Custos steckt seine dicke Ruthe</div>
- <div class="verse">Vor seiner Bude Fenster aus,</div>
- <div class="verse">Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,</div>
- <div class="verse">Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.</div>
- <div class="verse">Um unser berühmtes Gymnasium</div>
- <div class="verse">Leider Gottes &mdash; giebt man nichts um.</div>
- <div class="verse">Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,</div>
- <div class="verse">Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:</div>
- <div class="verse">Anstatt in Folianten aus Bibliotheken</div>
- <div class="verse">Les’t Ihr in alten Romanencharteken,</div>
- <div class="verse">Und das beschimpfende Carzer allhie</div>
- <div class="verse">Ist worden Euer täglich’ Logis. &mdash;</div>
- <div class="verse">Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!</div>
- <div class="verse">Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,</div>
- <div class="verse">Von dem Greuel und Heidenleben,</div>
- <div class="verse">Dem sich <em class="antiqua">primi</em> und Schüler ergeben.</div>
- <div class="verse">Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,</div>
- <div class="verse">Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;</div>
- <div class="verse">Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">&nbsp;118&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Wie auf den Branntwein das Trunkensein;</div>
- <div class="verse">Das zu lieben, erregt das <em class="antiqua">jus</em>,</div>
- <div class="verse">Das ist die Ordnung im Livius<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</div>
- <div class="verse">»<em class="antiqua">Sed ubi erit spes literarum</em>,</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Me si vexatis</em>?« Wie soll man siegen,</div>
- <div class="verse">Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?</div>
- <div class="verse">Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.</div>
- <div class="verse">Eine Frau hier in der Nachbarschaft</div>
- <div class="verse">Fand ihren bösen Ehemann wieder,</div>
- <div class="verse">Der Bäcker fand seine Gesellen wieder<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>,</div>
- <div class="verse">Napoleon seine vertriebenen Brüder:</div>
- <div class="verse">Aber wer bei Schülern sucht</div>
- <div class="verse">Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,</div>
- <div class="verse">Der wird nie seine Hoffnung erjagen,</div>
- <div class="verse">Thut er auch alle Rücken zerschlagen.</div>
- <div class="verse">Zu dem König der Franzosen,</div>
- <div class="verse">Wie wir lesen im Correspondenten,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">&nbsp;119&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Kamen sogar Soldaten gelaufen,</div>
- <div class="verse">Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,</div>
- <div class="verse">Fragten ihn: »<em class="antiqua">Sire! que faire?</em>«</div>
- <div class="verse">Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Et il repond</em>, und er sagt:</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Dites: »Vive le roi!</em>«</div>
- <div class="verse">Wenn Ihr keine Nelken tragt,</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">L’etat c’est moi</em>,</div>
- <div class="verse">Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Suivez le roi</em>, Euch begnügt</div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">Avec les fleurs de lis</em>, mit meinen Orden, &mdash;</div>
- <div class="verse">Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. &mdash;</div>
- <div class="verse">Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen</div>
- <div class="verse">Deiner Lehrer nicht übel auskramen;</div>
- <div class="verse">Aber wo hört man mehr blasphemiren,</div>
- <div class="verse">Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?</div>
- <div class="verse">Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,</div>
- <div class="verse">Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,</div>
- <div class="verse">Müßtet geben ein Zweimarkstück her,</div>
- <div class="verse">Es wäre die hamburger Bank bald leer;</div>
- <div class="verse">Und wenn für jede Travestie,</div>
- <div class="verse">Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,</div>
- <div class="verse">Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,</div>
- <div class="verse">Das Getränke würde bald schier Wasser sein.</div>
- <div class="verse">Der alte Gurlitt war auch Primaner,</div>
- <div class="verse">Der gelehrte Hipp lange Tertianer,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">&nbsp;120&nbsp;</a></span>
- <div class="verse">Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,</div>
- <div class="verse">Daß die Beiden jemals witzig gewesen?</div>
- <div class="verse">Muß man den Mund doch, ich sollte</div>
- <div class="verse">Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«</div>
- <div class="verse">Zum Exponiren und Butterbrod;</div>
- <div class="verse">Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,</div>
- <div class="verse">Der als Humor aus Eurem Munde quillt.</div>
- <div class="verse">Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!</div>
- <div class="verse">Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:</div>
- <div class="verse">Ihr studirt auf Ränke immerfort.</div>
- <div class="verse">Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,</div>
- <div class="verse">Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen</div>
- <div class="verse">Ist man nicht sicher, in seinem Haus,</div>
- <div class="verse">Ihr hebt mir Nachts die Laden aus</div>
- <div class="verse">Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.</div>
- <div class="verse">Was sagt Doctor Gurlitt? »<em class="antiqua">Assidui estote</em>,</div>
- <div class="verse">Spart die <em class="antiqua">clavis Ernesti</em> vom Morgenbrode!«</div>
- <div class="verse">Aber wie soll man die Schüler loben,</div>
- <div class="verse">Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,</div>
- <div class="verse">Weil der Professor Zimmermann</div>
- <div class="verse">Die Menschen ohne Strafe regieren kann!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der Professor <em class="gesperrt">Köstlin</em> war ein interessanter und vielseitig
-gebildeter Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen
-frühen Tod herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. &mdash; Von den<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">&nbsp;121&nbsp;</a></span>
-übrigen Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige
-Professor Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt
-war, ein gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal.
-Müller hing unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als
-Schmeichler desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die
-gewiß aus reinem Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller
-keinesweges dem alten Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch
-aus dem schönen Gefühl entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen
-Don Carlos aus rufen läßt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,</div>
- <div class="verse">Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur
-etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen
-Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg
-bekannt wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch
-Singen« vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich
-unter uns, oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor
-allen Dingen mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile
-erwähnt habe. Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena,
-einem gewissen <em class="gesperrt">Pelt</em> und<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">&nbsp;122&nbsp;</a></span> Bahrdt, beide höchst gemüthliche und
-talentvolle Jünglinge, hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich
-monatlich einmal in Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein
-vielseitigeres Wissen, die erste Rolle spielte.</p>
-
-<p>Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht
-alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben
-ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine
-bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. &mdash; Das
-Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine
-gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau
-und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen
-zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen
-nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem
-großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem
-redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom
-Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen
-sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und
-Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der
-Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden
-der sich ausruht«<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">&nbsp;123&nbsp;</a></span> ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so
-wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine
-interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu
-nennen. &mdash; Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren
-Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent
-der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies
-bekannte Holsteinsche <em class="antiqua">cerveau brulè</em>, voll herrlicher Anlagen,
-ist von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den
-Todesengel befreit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">&nbsp;124&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine
-Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.</p>
-
-<p>Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten
-Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der
-noch in Hamburg lebende Russische Minister <em class="gesperrt">von Struve</em>, ein
-als Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer
-zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen
-Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe
-daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines
-Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">&nbsp;125&nbsp;</a></span> Wien, überflügelt zu haben
-scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird,
-von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre
-Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. &mdash;
-Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme,
-vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen
-der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter
-beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde
-oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das
-Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein
-gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei
-dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war
-ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins
-der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche
-Junggesellensteuer in Hamburg, die <em class="gesperrt">Trinkgelder</em>, abgeschafft,
-mit denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen
-muß, und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer
-sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging
-es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">&nbsp;126&nbsp;</a></span> durch eine
-vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von
-Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge
-Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später,
-jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die
-literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde.
-Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines
-»<em class="gesperrt">Hermann und Dorothee</em>,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen
-lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste
-Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« &mdash; Als
-Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als
-Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick
-seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte,
-und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige
-Wort »Champagner« aus.</p>
-
-<p>Der Sohn des Consuls Mellis’h, <em class="gesperrt">Charles</em>, war mit mir bei
-Zimmermann in Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und
-Schlafzimmer. Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde
-gewiß jetzt in seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres
-Glück machen, wenn er nicht unter die <em class="antiqua">torys</em> gegangen wäre, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">&nbsp;127&nbsp;</a></span>
-denen sein Vater, ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu
-rechnen war.</p>
-
-<p>Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor
-allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast
-immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem
-leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der
-seine zehn Stunden <em class="antiqua">uno tenore</em> wegschnarchte und sich weder durch
-meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen
-und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche
-Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die
-Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte,
-abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur
-je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen
-Geschöpfen begnadigt hat.</p>
-
-<p>Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles
-zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm,
-waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die
-einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten,
-kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da
-fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »<em class="antiqua">God<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">&nbsp;128&nbsp;</a></span> save the king</em>«,
-bald »<em class="antiqua">Rule Britannia</em>« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen
-Zauberstab geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte
-Lied; bald aber bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch
-Schluchzen und Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch
-schlafen; ich bin ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als
-meinen Schlaf; allein ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann
-nicht exponiren.«</p>
-
-<p>Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren,
-chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu
-musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf
-einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so
-den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch meine
-Lebendigkeit bei den Worten: »<em class="antiqua">rule the waves</em>« einen sanfteren
-Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im
-Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: <em class="antiqua">For
-Britons never shall be slaves</em>.</p>
-
-<p>Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor
-Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch
-keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge
-stören lasse und wollte ihm ein<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">&nbsp;129&nbsp;</a></span> <em class="antiqua">privilegium de non cantando</em>
-nicht zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention,
-Charles wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich
-war großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm,
-wie lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor
-meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus,
-schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn
-Jahre später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel
-als einen liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns
-durch viele interessante holländische Epigramme und Anekdoten,
-durch unpoetische Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien
-einen »<em class="gesperrt">Misthaufen</em>« nennen, und durch Erzählungen von seiner
-liebenswürdigen Braut. Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre
-Male, befahl dem Kellner, zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte
-bewegen, noch unter uns zu verweilen. »<em class="antiqua">Het doet mij leed, dat wij
-scheiden moeten, ben u soo gefattigeerd?</em>« (Es thut mir leid, daß
-mir scheiden müssen, sind Sie so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er
-antwortete: <em class="antiqua">Myn Her ik ben gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes
-Uur opstaan moet</em>. (Mein Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um
-sechs Uhr aufstehen muß.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">&nbsp;130&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und
-Mellis’hens rechte Hand, hieß <em class="gesperrt">Wesselhoeft</em> und bekleidet noch
-jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in
-seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen
-Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers
-vereinigte.</p>
-
-<p>Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte,
-ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum <em class="gesperrt">bloß</em>
-gab, daß er nie seine Garderobe, d. h den Titel als <em class="antiqua">maître de la
-garderobe</em> ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich
-in dem republikanischen Hamburg, wo übrigens die <em class="antiqua">haute volée</em>
-oft auch sehr an die <em class="antiqua">noble aristrocraci</em> von Amerika erinnert,
-ganz acclimatisirt. Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen
-Vorzugsrechte eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung
-bedurfte. Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen
-andern Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste
-von ihnen sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man
-erzählte von ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger
-Senat erlasse und namentlich an den mit der Polizei beauftragten
-Rathsherr, bei einer Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">&nbsp;131&nbsp;</a></span>
-wohnender Minister bestohlen war &mdash; geschrieben habe. »Ich suche Ew.
-Hochedlen dafür zu sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in
-meiner Nähe passirt.«</p>
-
-<p>Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt
-gewesener Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch
-einen poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch
-Schröders Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben
-der Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen
-Mimen nur stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen
-zu haben, den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst
-der geniale Devrient nur als »<em class="gesperrt">Franz Moor</em>« erreicht haben soll.
-Nie vergesse ich Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus
-der Freimaurer-Loge zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder
-Bürgers »<em class="gesperrt">Lenore</em>« im schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen
-in der Hand, so begeisternd gesprochen habe, daß alle Anwesenden die
-Geistererscheinung mit eigenen Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt
-hätten &mdash; Schröder war aber auch in seiner Jugend ein vortrefflicher
-Tänzer gewesen, wogegen sich unsere jungen Histrionen höchstens eine
-<em class="antiqua">Radawazka</em> einstudiren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">&nbsp;132&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger
-Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren
-Ruf erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im
-Wege gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen
-älteren Rollen, wie im »<em class="gesperrt">zerbrochnen Krug</em>« eignete, oft aber
-auch sehr störend einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe
-philosophische Studien gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er
-sein entschiedenes Talent als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich
-vernachlässigt, da sein »<em class="gesperrt">leichtsinniger Lügner</em>,« welcher damals
-auch einen Preis erhielt, ihn als so ungemein dazu befähigt darstellt,
-wogegen seine Schauspiele, z. B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger
-Beifall im Publikum erworben haben. In Gesellschaften, deren der
-jetzige Schauspiel-Director zuweilen sehr glänzende und auserlesene
-giebt, ist Schmidt höchst liebenswürdig und unterhaltend und würzt
-dieselbe durch treffliche Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst
-originellen materiellen Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt
-mir so eben ein und verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Die Elemente rasten nie,</div>
- <div class="verse">Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,</div>
- <div class="verse">Sagt mir Ihr Philosophen, wie</div>
- <div class="verse">Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">&nbsp;133&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller
-Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie
-ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor,
-auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht
-verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben
-kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar
-keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein
-alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine
-niedliche Oper »<em class="gesperrt">das Dorf im Gebirge</em>« war immer zum brechen voll,
-wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab,
-wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise
-begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt
-hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit
-einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert
-den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger
-Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste
-Jugendliebe nie alt wird.</p>
-
-<p>Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen
-verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher.
-Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">&nbsp;134&nbsp;</a></span> Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne
-der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt
-er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen
-Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und
-brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters
-aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder
-Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder
-sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter
-Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen
-Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi
-freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt
-haben soll.</p>
-
-<p>Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen
-Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram
-über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich
-in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine
-Unsterblichkeit? &mdash; Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene
-Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem
-Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern
-eingenommen werden könne? &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">&nbsp;135&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um
-den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den
-sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige
-Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod
-sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber
-einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch
-eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.</p>
-
-<p>Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg
-nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den
-ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war,
-nicht getröstet habe.</p>
-
-<p>»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.«
-»Ich muß <em class="gesperrt">Ranz</em> trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann
-zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese
-Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« &mdash; »Aber, lieber Mann! es
-regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau
-vor.</p>
-
-<p>»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte
-zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle
-gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen
-und seinen doch zu Erde werdenden Körper<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">&nbsp;136&nbsp;</a></span> schon als solchen ansehen,
-»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei
-anwenden.« &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens
-Pfarrei.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. &mdash; »Ranz,
-ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende
-Freund an, »weine Ranz.« &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein
-Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu
-einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. &mdash; Ranz ward
-endlich thränenlos.</p>
-
-<p>»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa,
-»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«</p>
-
-<p>Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung
-gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell
-und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man
-doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden
-sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre
-zeigen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">&nbsp;137&nbsp;</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Herzfeld</em> war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich
-überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch <em class="gesperrt">Kühne</em>, jetzt
-»Lenz« genannt, und der alte <em class="gesperrt">Schwarz</em>. Das war ein <em class="antiqua">ensemble</em>,
-wie ich es niemals wiedergesehen. <em class="gesperrt">Lebrun</em> trat zu meiner Zeit
-zum ersten Male, ich glaube als »<em class="gesperrt">Perin</em>« in der Donna Diana
-auf und erkannte Zimmermann schon damals den künftigen Meister
-in ihm. Auch Lebrun ist schon von den Brettern getreten und von
-hartnäckigen körperlichen Leiden, welche übrigens die Kräfte seines
-Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. Indessen habe ich ihn nie
-liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.</p>
-
-<p>Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle
-<em class="gesperrt">Wrede</em>, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und
-die allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein
-solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd
-auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als
-Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so
-sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler,
-die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die
-Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">&nbsp;138&nbsp;</a></span> die richtige
-Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«</p>
-
-<p>Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! &mdash;</p>
-
-<p>Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine
-mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld«
-und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen;
-denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm
-nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen
-von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde
-wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector
-»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen
-mit passenden Stücken aufwarten würde.</p>
-
-<p>Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin
-begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten
-Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der
-dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben
-Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die
-Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst
-ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz
-reumüthig, oder wie<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">&nbsp;139&nbsp;</a></span> Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr
-witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da <em class="antiqua">acta Hamburgensia</em> ergeben sollen, daß die feierliche
-Begleitung der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten
-acht Tagen des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten
-geworden ist, weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten
-Wege, von einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu
-sterben, so wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der
-ihm weiter keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser
-vermitteln können mag, als mancher Geistlicher &mdash; vom Schinderknecht.
-Und der jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep
-hatte, schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn
-sich gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin
-theilen mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen
-ich Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier,
-in den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit
-einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die,
-nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen
-Sätzen immer also: &mdash; Swig man still Magret, &mdash; dat is<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">&nbsp;140&nbsp;</a></span> so slimm nig &mdash;
-dat kann den <em class="gesperrt">Besten paßeeren</em>, und zeigte auch noch nach ihrem
-Tode dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf,
-während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte,
-ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand
-hinfiel. &mdash; Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Schon zückt nach jedem Nacken</div>
- <div class="verse">Die Schärfe die nach meinem zückt«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt
-vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse,
-so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre
-Waffe unwillkührlich fallen, ließen.</p>
-
-<p>Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform,
-während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von
-mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir
-nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst
-empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">&nbsp;141&nbsp;</a></span> dann
-wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.</p>
-
-<p>Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die
-Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden,
-wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der
-Strafe überbringt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">&nbsp;142&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie.
-Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy.
-Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.</p>
-
-<p>Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und
-organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr
-von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde,
-Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn
-irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes
-Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte.
-Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">&nbsp;143&nbsp;</a></span>setzes fußend hatte auch einer
-von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück
-Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen
-und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die
-ihm auferlegten 1000 m&amp;, dann 500 m&amp; bis auf 7 m&amp; 8 ß hinunter, bis
-zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu
-zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht &mdash; Entweder dod
-schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder
-todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen
-Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.</p>
-
-<p>Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges
-Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem
-ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen
-niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger
-Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt,
-dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über
-Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten
-Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg
-französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">&nbsp;144&nbsp;</a></span> französischen
-Armee angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten
-er mitgemacht, »<em class="gesperrt">keine</em>« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl
-erwiedert haben: <em class="antiqua">Point de bataille, point de colonel</em>.</p>
-
-<p>Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal
-von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?«
-worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator
-Meier.«</p>
-
-<p>Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein
-recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in
-Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z.
-B. in Bremen, die Conscription.</p>
-
-<p>Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück
-lateinisch nie <em class="antiqua">tychopolitanus</em>, sondern bescheiden, fast so zu
-sagen deutsch weg, <em class="antiqua">glockstadienis</em> schreib, war ich durch meine Geburt
-doch ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur
-zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt
-hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel
-Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre
-später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">&nbsp;145&nbsp;</a></span> Lehrer in
-Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so
-lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den
-er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug
-Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch
-patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische
-Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen
-Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders
-mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte
-Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für
-die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der
-Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die
-verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen
-überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu
-verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher
-auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit
-gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000
-Ham<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">&nbsp;146&nbsp;</a></span>burger<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, welche der französische Marschall Davoust, weil sie
-sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt
-gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen
-»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf
-ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand
-damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in
-den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden,
-der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand,
-als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in
-Altona angekommen war. Damals las man:</p>
-
-<p>»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier
-angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.</p>
-
-<p>Altona, den...</p>
-
-<p class="right mbot1"><span class="mright4">L. S. Meier,</span><br />
-<span class="mright2">(<em class="antiqua">id est</em> Schukelmeier.)«</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">&nbsp;147&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat,
-welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete,
-mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen
-Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in
-Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche
-Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch
-unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen
-brachten.</p>
-
-<p>Ein geistreicher Hamburger war <em class="gesperrt">Pedro Gabe</em> der Sohn des
-dortigen Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich
-kaum eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er.
-Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der
-Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so
-mache ich das ganze menschliche Leben durch.«</p>
-
-<p>»Ich gehe in die <em class="gesperrt">ABC-Straße</em>; das ABC ist dasjenige, was
-die Menschen zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den
-<em class="gesperrt">Gänsemarkt</em>, welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom
-Gänsemarkt führt es zum <em class="gesperrt">Jungfernstieg</em>.«</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,</div>
- <div class="verse">Der ersten Liebe goldne Zeit!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">&nbsp;148&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Ich gerathe nun auf die <em class="gesperrt">Kunst</em>, die mich an das Streben
-geistreicher Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links
-das <em class="gesperrt">Zuchthaus</em>, der Weg der Gottlosen; gerade aus der <em class="gesperrt">St.
-Petrikirchhof</em>, der frühe Tod; rechts das <em class="gesperrt">Johanniskloster</em>,
-für das beschauliche, ascethische Leben gemacht. Ich aber, als
-rüstiger Geschäftsmann, überwinde den <em class="gesperrt">Berg</em>, denke in der
-<em class="gesperrt">Reichenstraße</em> an den Gewinn und verfolge so meinen Weg zur
-<em class="gesperrt">Börse</em>.«</p>
-
-<p>Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche
-seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den
-Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit
-ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die
-Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister,
-auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und
-zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen
-Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe
-gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß
-ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit
-gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die
-Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter
-Winkelried,<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">&nbsp;149&nbsp;</a></span> sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so
-daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese
-sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete
-Sieger entflohen.</p>
-
-<p>Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die
-Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren,
-welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos
-verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts
-von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen
-erfahren konnte.</p>
-
-<p>Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten,
-sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß sie
-sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. Wer
-kennt nicht den Namen <em class="gesperrt">Salomon Heine</em> als den des Rothschild von
-Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen
-Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der
-jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens
-auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem
-allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz
-mit dem <em class="antiqua">Dr.</em> Hein<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">&nbsp;150&nbsp;</a></span>chen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel
-nicht unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten
-sie gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen
-dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß
-sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses
-verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten
-Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die
-Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während
-der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie
-einst im <em class="antiqua">coin du roi</em> im Theater <em class="antiqua">francais</em> die pariser
-Schöngeister rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen:
-»Haben Sie gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen
-Seiten. »Herr Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht
-Viertel breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der
-die Juden zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der
-damals erst aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der
-Spottvogel mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem
-Gingham an Güte nicht gleich kam.</p>
-
-<p>Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege,
-wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der
-Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">&nbsp;151&nbsp;</a></span> zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen
-Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit
-Resignation ausrufen:</p>
-
-<p>»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is
-min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.«
-(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg,
-da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den
-Teufel kriegt.)« &mdash;</p>
-
-<p>Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine
-Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische
-geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht
-erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das
-unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider
-sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.</p>
-
-<p>Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward
-praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen
-wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres.
-Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen,
-und im<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">&nbsp;152&nbsp;</a></span>mer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel
-endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und
-<em class="antiqua">Saint Peray</em>. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf
-indem er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.</p>
-
-<p>Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und
-versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx:
-»<em class="antiqua">Smollis</em> (Brüderschaft) müssen wir trinken!«</p>
-
-<p>Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in
-Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge
-Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer
-zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg
-vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die
-Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren,
-sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben
-dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger
-Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche
-Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer
-nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief
-er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">&nbsp;153&nbsp;</a></span>
-hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit
-den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das
-ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod
-erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer
-heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte,
-sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.</p>
-
-<p>Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen,
-ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige
-Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo
-auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von
-Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom
-Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht
-weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten
-Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das
-Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten.
-Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der,
-wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die
-Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf
-die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">&nbsp;154&nbsp;</a></span> Treppe stehen,
-von Ihrer Familie?« &mdash; »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der
-lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß
-die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von
-meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an
-mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge
-oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten
-Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens
-ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer
-erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich
-dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen,
-wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche
-sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen
-Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen
-wollte. &mdash; Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für
-die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der
-Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war
-eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen
-und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich
-aber<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">&nbsp;155&nbsp;</a></span> rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten
-Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr,
-Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,«
-worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.</p>
-
-<p>Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um
-mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit
-zu verwandeln, welche man »<em class="gesperrt">Humor</em>« nennt, und nur eine mühsame
-Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines
-Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden,
-daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen
-Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht
-ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein
-Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden
-kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich
-werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten
-geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine
-Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben,
-Glauben beimessen wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">&nbsp;156&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich
-übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen
-Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit
-höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste
-veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei
-solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.</p>
-
-<p>Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen.
-&mdash; Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon
-an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit
-ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der
-jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt,
-brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger
-Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab
-ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt.
-&mdash; Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette
-lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner
-übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche
-Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er
-verschwand darauf und kehrte alsdann<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">&nbsp;157&nbsp;</a></span> mit der Paroli-Antwort zurück:
-wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der
-vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. &mdash; Anders ist es bei uns in
-Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.</p>
-
-<p>Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück,
-äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen.
-Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit
-der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft.
-Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die
-Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs
-auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen
-Windes nur <em class="gesperrt">ein</em> Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die
-Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug,
-raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater
-gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der
-selige Herr!«</p>
-
-<p>Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung
-den zu sehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">&nbsp;158&nbsp;</a></span> von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so
-schön singt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,</div>
- <div class="verse">Denn er hat es hart gegeben.</div>
- <div class="verse">Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,</div>
- <div class="verse">Denn er führt das rechte Leben.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">bewegte mein Herzblut.</p>
-
-<p>Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter
-diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen
-Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen.
-Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher
-kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der
-Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem
-sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein
-sollte, während ein anderer Vierspänner über den <em class="gesperrt">Berg</em> nach der
-Börse hineilte. &mdash; Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht
-am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt
-nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt
-machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden
-Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig
-ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">&nbsp;159&nbsp;</a></span>sen zu
-haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor
-ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in
-der Ordnung sei. &mdash; Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der
-alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort
-ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war
-ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein,
-obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem
-lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur
-Erde.</p>
-
-<p>Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch
-Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.</p>
-
-<p>Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit
-man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die
-Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages
-besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren
-großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm
-die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause
-empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur
-zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei;
-wohl dem der<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">&nbsp;160&nbsp;</a></span> welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an
-Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn
-des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der,
-kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren
-sei.</p>
-
-<p>Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge
-Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche
-mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm
-Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »<em class="antiqua">God save
-the king</em>« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen
-Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus
-dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre
-Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.</p>
-
-<p>Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch
-fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit
-lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater
-Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte,
-aber auch einige der Komik hervorrief.</p>
-
-<p>Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden.
-Einer, bei dem ich dritte<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">&nbsp;161&nbsp;</a></span>halb Jahre gesessen, und den ich nach einer
-Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die
-Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber
-Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein
-Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben
-untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl
-Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern
-Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich
-immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in
-deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und
-Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit
-dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth
-ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem
-Menschen getäuscht sieht. »<em class="antiqua">Distinguendum.</em>« Einige Menschen sind
-unsterblich und einige sind es nicht.</p>
-
-<p>Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg
-unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt
-sehr materiell gewordenen Gelehrten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">&nbsp;162&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus
-E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen.
-Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D&mdash;s
-und D&mdash;r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und
-Wegelagerung. Citation vor das Arctius.</p>
-
-<p>Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen,
-welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur
-auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte,
-worauf man den Ehrenplatz<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">&nbsp;163&nbsp;</a></span> bei demselben oft auf Wochen im Voraus
-belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und
-fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen
-elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen
-Vacanz Hunderte, &mdash; ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals«
-erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar
-Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich
-jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem
-Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir,
-ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen,
-im Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem
-Dänischen Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber
-nicht einmal eine <em class="antiqua">sella curulis</em>, war aber ein vierschrötiger
-Mann, in eine so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast
-schon meines dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst
-da gewesenen sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig
-eingeschlafen, so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die
-ganze Nacht in den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein
-Kind, wenn auch ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">&nbsp;164&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten
-Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich
-hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker
-aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber
-nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch
-meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim
-Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging;
-dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines
-alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren
-hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise
-seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen
-Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war
-auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in
-dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788
-hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals
-ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut
-predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden
-haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein
-ich müßte doch ein <em class="gesperrt">niederträchtiger Kerl</em> sein<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">&nbsp;165&nbsp;</a></span> wenn ich mich in
-meinen Jahren noch bessern wollte.</p>
-
-<p class="mbot2">Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,«
-welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches
-in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und
-andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es
-wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird
-es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen
-Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen
-Skizzen einzuschalten.</p>
-
-<p>»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem
-Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten
-Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und
-andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die
-Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am
-Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und
-Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665
-vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie
-auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese
-sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">&nbsp;166&nbsp;</a></span> nicht
-irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen
-gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen
-Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein,
-Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird.
-Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach
-demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel
-»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen
-Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als
-Excellenzen zur Tafel gezogen werden.<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Sämmtliche Studenten, welche
-eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in
-solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt,
-das trauliche »Du«, das <em class="antiqua">Smollis</em> aufgehoben, und Alles bewegt
-sich in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine
-Amme machte zu mei<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">&nbsp;167&nbsp;</a></span>ner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört,
-daß ihr Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle
-Charge eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben
-Tage gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre
-Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten
-im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief
-sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das
-vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine
-Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz
-und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter,
-wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage
-duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre
-nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) &mdash;
-Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern
-theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf
-eben so viele hundert Thaler an.</p>
-
-<p>»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen
-süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind
-meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">&nbsp;168&nbsp;</a></span> die Schießkunst von
-allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in
-dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von
-einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt
-findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt
-von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche
-die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine
-grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den
-Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser
-Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des
-Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte,
-antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung
-einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«</p>
-
-<p>Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr
-und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein,
-wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern
-Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger
-zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist
-eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">&nbsp;169&nbsp;</a></span>hundert solche Glücksritter
-duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder
-ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten
-der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden,
-warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie
-einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und
-Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern
-an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern
-ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches
-Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten
-zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? &mdash; Wahrlich ich sage Euch,
-Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters
-aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr
-das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch
-ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig
-genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer
-vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.</p>
-
-<p>Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen
-<em class="gesperrt">Pfaff</em>, dem vielgeliebten <em class="gesperrt">Dahlmann</em>, dem Menschen
-rettenden <em class="gesperrt">Ritter</em>, vor allen Dingen der Statsrath <em class="gesperrt">Cramer</em>
-zu merken,<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">&nbsp;170&nbsp;</a></span> der sowohl als Jurist wie als Philolog eine der ersten
-Stellen auf deutschen Kathedern einnahm. Nie habe ich ein fertigeres
-und schöneres Latein als von ihm gehört. Dabei war er ungemein launig.
-Als einst ein Student, seinem vortrefflichen L’hombrespiele zusehend,
-mit dem Gesichte fast auf dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit
-der größten Ruhe sein Sacktuch aus der Tasche, und ergriff damit
-die Nase des Studenten, als ob er sie schneuzen wolle, indem er
-sogleich eine erschrockene Miene affektirte, und sich dann mit den
-Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, ich glaubte, es sei
-<em class="gesperrt">meine</em> Nase.« Mit dem Professor der deutschen Sprache, Adolph
-<em class="gesperrt">Nasser</em>, einem süßflötenden und lispelnden Männchen aber von dem
-besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das Nibelungenlied
-erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, welcher die
-Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, &mdash; hatte Cramer einst
-L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf Sonderbarkeiten
-verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. Nasser hatte im
-besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, Cramer eine
-Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen hatte, die
-ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit Nasser zu
-bemerken: »Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">&nbsp;171&nbsp;</a></span> Professor, wir spielen aber nicht um Steine.« Höchst
-merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn verfiel, ein
-Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung nicht das
-Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen Sarkasmen,
-ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers Familie von
-einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht hatte,
-wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.</p>
-
-<p>Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich
-auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum
-ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts
-destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, <em class="gesperrt">Justizrath</em>, der
-andere, ein Herr Maas, <em class="gesperrt">Kriegsrath</em>.</p>
-
-<p>Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere
-Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel
-absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei
-machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das
-eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten,
-und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben
-zurückkehrten.</p>
-
-<p>Die ewige Selbstverspottung, worin die Hol<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">&nbsp;172&nbsp;</a></span>steiner zu leben pflegen,
-und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es
-jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche
-geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen
-Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer
-Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in
-den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe
-für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen,
-und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende
-Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche
-heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert
-an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil
-unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen
-eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine
-gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus.
-&mdash;</p>
-
-<p>Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich
-einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit
-seinem Spitznamen, Junker »Slenz«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> bezeichnen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">&nbsp;173&nbsp;</a></span> will. Slenz war eine
-ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium.
-Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie,
-dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in
-Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »<em class="gesperrt">ochsen</em>,« (der
-technischem Ausdruck der Studenten für »<em class="gesperrt">fleißig sein</em>«) wollte.
-Allein des Morgens schadeten die <em class="gesperrt">Katzen</em> dem <em class="gesperrt">Ochsen</em>.
-Denn Slenz hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig
-wurde, und in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich
-damals schon viele mit Frühlingsahnung einfanden, &mdash; sie mit seiner
-Flinte zu verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »<em class="antiqua">salvum
-conductum</em>« denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber
-zogen die kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten
-mit mehr als<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">&nbsp;174&nbsp;</a></span> Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel
-hinunter, wo sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in
-denen viel Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.</p>
-
-<p>Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem
-biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von
-Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner
-und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange
-ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt
-werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner
-juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der
-Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über
-die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz
-einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage,
-und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.</p>
-
-<p>Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche
-waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund
-v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich
-nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm
-an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzu<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">&nbsp;175&nbsp;</a></span>warten, ein kurzer
-kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.</p>
-
-<p>»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß
-Sie den verdammten D&mdash;r fodern.«</p>
-
-<p>»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?«
-versetzte mein Freund.</p>
-
-<p>»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,«
-versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur
-morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß
-sie in Blut abwaschen.«</p>
-
-<p>»Sie wissen mein lieber Herr D&mdash;r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich
-mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich
-schon mehrere Male das <em class="antiqua">consilium</em> unterschrieben, und möchte
-nicht gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.</p>
-
-<p>»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine
-Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht
-wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet
-fort.</p>
-
-<p>Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst
-überreden wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">&nbsp;176&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.</p>
-
-<div class="blockquot2">
-
-<p>»Der Herr Obergerichtsanwald D&mdash;s, ein braver couragöser Philister,
-der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe,
-Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz
-der Heidelberger <em class="antiqua">Cerevisia</em>.«</p>
-
-</div>
-
-<p>»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung
-überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, <em class="antiqua">qui cito dat, bis
-dat</em>, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. &mdash; Es galt aber
-doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose
-Notwendigkeit an.</p>
-
-<p>O Sie Goldmann! rief D&mdash;r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! &mdash;</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.</p>
-
-<p>»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D&mdash;r. Auf Pistolen oder Degen,
-einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften
-Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme
-und Sie näher instruire?«</p>
-
-<p>»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge
-waren noch nicht verklungen, als D&mdash;s in mein Zimmer trat. Nach einigen
-Minu<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">&nbsp;177&nbsp;</a></span>ten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D&mdash;r.</p>
-
-<p>D&mdash;s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege
-sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen,
-daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D&mdash;r zu fodern. Diese
-Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich
-verdroß. &mdash; Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja
-Alles aus Liebe für Slenz.</p>
-
-<p>D&mdash;r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf
-8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches
-ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine
-jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm
-freilich auch am Ende den Verstand kostete. &mdash; Zum Theil verdienten
-diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte.
-Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu
-improvisiren. Der Advokat <em class="gesperrt">Hagemeister</em> in Kiel, vulgo von den
-Bauern ohne alle Ironie »<em class="gesperrt">Hagelmeister</em>« genannt, kam einmal in
-ein Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des
-Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das
-Urtheil zeigten und ihn um<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">&nbsp;178&nbsp;</a></span> Rath fragten, ob sie appelliren sollten,
-und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht
-führen wolle.</p>
-
-<p>»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend
-schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« &mdash;
-und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz
-andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt
-werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden
-triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden
-Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, &mdash; so daß diese
-begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’
-nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« &mdash; »Bravo Herr
-Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für
-uns geschrieben haben.« &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Ich trat also in D&mdash;r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich.
-Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald
-eintrat.</p>
-
-<p>»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit
-diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?«<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">&nbsp;179&nbsp;</a></span> fuhr er verbindlich fort?
-»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war,
-hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie
-der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so
-allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«</p>
-
-<p>»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des
-Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen
-hatte, denn sofort schellte D&mdash;r. und bestellte bei dem so schnell
-eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich deprecirte.</p>
-
-<p>»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich
-lasse Sie nicht.«</p>
-
-<p>Er zog mich auf das Sopha.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Herr D&mdash;r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen
-Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts
-annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. &mdash;«</p>
-
-<p>»Wie so? lieber Herr von Kobbe. &mdash;«</p>
-
-<p>»Ich soll Sie vom Advokaten D&mdash;s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel
-wie, fordern.«</p>
-
-<p>»So?« rief D&mdash;r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der
-Bekanntschaft des Herrn D&mdash;s. kommen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">&nbsp;180&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr
-D&mdash;r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht
-beantworten. &mdash; Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu
-gedenken. &mdash; Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf
-eine unumwundene Erklärung.</p>
-
-<p>»Wenn Herr D&mdash;s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf
-ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat
-Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und wenn &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
-
-<p>Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D&mdash;s noch alte
-Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur
-Stunde von D&mdash;s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen,
-von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß.
-Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern
-und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu
-brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von
-der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">&nbsp;181&nbsp;</a></span> Staatsdiener, und grade
-den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen
-am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn
-entfährt.<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p>
-
-<p>D&mdash;s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen
-Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet
-haben, wo dieser in <em class="antiqua">N<sup>o</sup> 1</em>, dem Professoren und Philister-Zimmer,
-des Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas
-ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber
-sofort dem Bürgermeister <em class="antiqua">coeram multis testibus</em> eine heftige
-Ohrfeige applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte:
-»Ich sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin,
-Herr Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen
-König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht
-begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«</p>
-
-<p>D&mdash;r concludirte endlich nach allen »<em class="gesperrt">Wenns</em>« dahin, daß, wenn
-alle diese »<em class="gesperrt">Wenns</em>« nicht wären,<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">&nbsp;182&nbsp;</a></span> er nicht ermangeln würde,
-dem Hrn. D&mdash;s die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu
-ertheilen.</p>
-
-<p>Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich
-beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt
-hat, &mdash; und berichtete dem Hrn. D&mdash;s und seiner ihn umgebenden
-Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D&mdash;r bewögen, die von mir
-geschehenen Forderung zu verweigern.</p>
-
-<p>»O über den Cujon!« lachte D&mdash;s &mdash; »er glaubt, eine <em class="antiqua">exceptio litis
-ingressum impediens</em> zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen,
-Herr von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«</p>
-
-<p>Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die
-verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall
-eingelassen zu haben, ertragen.</p>
-
-<p>Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu
-entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir
-das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht
-sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten,
-und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich
-wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein
-vortrefflicher Arzt, der<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">&nbsp;183&nbsp;</a></span> Doktor <em class="gesperrt">Ritter</em>, dessen Liebe oder Kunst
-ich mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und
-die mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen
-Frühlingstage ging D&mdash;r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe
-rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem
-Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei
-Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters
-übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:</p>
-
-<div class="blockquot2">
-
-<p>»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von
-Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen,
-Wagrien, Stomarn Administrator<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> der Grafschaft Ranzau
-u.&nbsp;s.&nbsp;w. u.&nbsp;s.&nbsp;w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">&nbsp;184&nbsp;</a></span> Herren
-Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche
-Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich
-zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den
-Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten
-geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit
-zu entweihen.« &mdash;</p></div>
-
-<p>Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D&mdash;r sei gestern vom
-Advocat D&mdash;s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur
-die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück
-verhütet.</p>
-
-<p>Der Advocat D&mdash;r reichte sofort eine Denunciation wegen
-Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten <em class="antiqua">foro</em> des
-<em class="antiqua">delicti commissi</em> ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene,
-fanden die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der
-Meinung, daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.</p>
-
-<p>Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das <em class="antiqua">arctius</em> citirt,
-welches, wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus
-fünfen des academischen Senats bestand.</p>
-
-<p>Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer
-angeblich von mir über<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">&nbsp;185&nbsp;</a></span>brachten Forderung des Advocaten D&mdash;s an den
-Herrn Advocaten D&mdash;r habe.</p>
-
-<p>Ich referirte dem <em class="antiqua">arctius</em> die Sache, wie jetzt dem verehrten
-Leser, und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu
-erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien.
-Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen
-wollten, mußte ich abtreten.</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete
-innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. &mdash; Denn wenn
-ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte
-ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu
-schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu
-ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten,
-als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als
-Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase
-Champagner wieder zu erzählen.</p>
-
-<p>»Der <em class="antiqua">arctius</em> kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der
-Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu
-machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten,
-wenn die Forderung des Advocaten D&mdash;s vom Advocaten D&mdash;r angenommen
-worden wäre.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">&nbsp;186&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. &mdash; Ich dankte für gnädige
-Nichtstrafe sehr lebhaft.</p>
-
-<p>»Schon gut!« bedeutete man mir.</p>
-
-<p>Allein ich war im Fluß der Rede und kam <em class="antiqua">parlando</em> nimmer mehr
-hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe,
-als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe.
-Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner
-Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und
-Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. &mdash; Da klingelte
-zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s
-Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.</p>
-
-<p>Glücklicherweise fiel mir der Satz ein:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»<em class="antiqua">Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybden</em>.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Ich schwieg und zog von dannen.</p>
-
-<p>Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte
-Kanonisirung ihres <em class="antiqua">arctius</em>.</p>
-
-<p>Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran
-denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob
-vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">&nbsp;187&nbsp;</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_und_letztes_Kapitel">Vierzehntes
-und letztes Kapitel.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="untertitel">Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. <em class="antiqua">Dr.</em> O., der
-Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Professor <em class="gesperrt">Burchardi</em> wollte damals promoviren und veranlaßte
-mich, ihm zu opponiren.</p>
-
-<p>Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater
-gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem
-ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde,
-abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher
-Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg
-niedergesunken sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">&nbsp;188&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der
-alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung
-sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.</p>
-
-<p>Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und
-Erbarmen erwachen wollte. &mdash; Allein ich irrte mich! &mdash; Wir haben für
-unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete
-unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es
-thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch,
-Ihr Freunde des Vaters! &mdash;</p>
-
-<p>Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück,
-ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der
-älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von
-Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte <em class="antiqua">Vulgata</em> restituiren
-wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen
-Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher
-dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir
-selbst kann ich das leider nicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien
-Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">&nbsp;189&nbsp;</a></span>
-sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes
-Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden,
-sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt
-hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.</p>
-
-<p>Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich
-beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir
-nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen
-Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.</p>
-
-<p>Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch
-zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen
-verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe
-er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt
-verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß
-ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde
-sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«</p>
-
-<p>Welche Eventualmaxime!</p>
-
-<p>Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen
-näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora
-ver<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">&nbsp;190&nbsp;</a></span>weisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo
-war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas
-für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er
-hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors
-Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und <em class="antiqua">in specie</em> der
-Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung
-des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen
-Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz
-der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. &mdash; Ich hatte dabei zur
-Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und
-suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten.
-Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe
-an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn
-eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er,
-was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der
-Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem
-Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber
-doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen
-ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Mark<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">&nbsp;191&nbsp;</a></span>tes
-diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem
-Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie
-indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.</p>
-
-<p>Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ewig bleib ich der (die) Deine,</div>
- <div class="verse">Ewig bleibst Du die (der) Meine,</div>
- <div class="verse">Was auch der Alte spricht</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte,
-auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man
-eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter
-agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte
-das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen
-Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.</p>
-
-<p>Einer der witzigsten Studenten war der joviale <em class="antiqua">Dr. med.</em> O....
-in Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen
-Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr <em class="antiqua">brevi
-manu</em> entschied: »<em class="antiqua">Fiat justitia</em>«, und an die Thür dessen
-Nachbars eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am
-Krankenlager nicht glücklich war: »<em class="antiqua">Pereat mundus.</em>« Diese für
-keinen Arzt schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um
-so<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">&nbsp;192&nbsp;</a></span> betrübender, als derselbe den Spottnamen <em class="gesperrt">Würgengel</em> führte,
-den er daher hatte, daß er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen
-war, wo der Familienvater Frau und sieben Kinder verloren. Als nun
-der Gebeugte, nachdem er die Seinigen begraben, seinen Verlust im
-Wochenblatt angezeigt, hatte er dies mit den Worten gethan:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Auch der Würgengel trat in mein Haus«,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">was die böse Welt anstatt auf den »<em class="gesperrt">Todesengel</em>« auf den
-»<em class="gesperrt">Hausarzt</em>« bezogen hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer
-Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große
-Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu
-sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er die
-ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: <em class="antiqua">Sed sat iam verba
-fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque
-adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo.</em> (Wir haben genug
-geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten
-Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire
-ich Dir.</p>
-
-<p>Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader
-war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen
-mit<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">&nbsp;193&nbsp;</a></span> den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen <em class="antiqua">cosus</em>
-für einen <em class="antiqua">casus</em> verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der
-Spitznamen Herr »<em class="antiqua">Cosus</em>« seiner Frau der »<em class="antiqua">cosa</em>« geworden.
-Die Söhne und Töchter wurden aber respective <em class="antiqua">cosellus</em> und
-<em class="antiqua">cosella</em> genannt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich
-die <em class="antiqua">medicina forensis</em> hörte die er mit einem ungemeinen Humor
-docirte. Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von
-denen er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen
-wollte und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm
-Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den
-Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die
-Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod,
-allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil
-hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick
-geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder
-in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz
-und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. &mdash;
-Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur
-Erwägung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">&nbsp;194&nbsp;</a></span></p>
-
-<p>Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit
-verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen
-Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch
-Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte
-Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter
-die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer
-gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,«
-pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden
-Theil seines Körpers in <em class="antiqua">efigie</em> Preis geben, um damit die
-Wissenschaft zu bereichern.«</p>
-
-<p>Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit,
-hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von
-ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich
-ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und
-er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der Wein
-oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen <em class="antiqua">Dr.</em> L&mdash; aus Plön
-in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein
-Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen
-Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an
-den Commandanten geschriebener Brief<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">&nbsp;195&nbsp;</a></span> dem Patriarchen der Studenten
-seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. &mdash; So schaden
-Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. &mdash;
-Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene
-Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen,
-aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere
-Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den
-Worten an:</p>
-
-<p>A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame
-gesagt?«</p>
-
-<p>H. »Ja.«</p>
-
-<p>A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«</p>
-
-<p>H. »Das thue ich nicht.«</p>
-
-<p>A. »Das sollen Sie.«</p>
-
-<p>H. »Das will ich nicht.«</p>
-
-<p>A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«</p>
-
-<p>H. »Das wissen Sie nicht.«</p>
-
-<p>Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun
-hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine
-academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser
-Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">&nbsp;196&nbsp;</a></span> wie sie mir die
-Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein
-Zweck erreicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im
-Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten
-zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes
-Vorbild an Güte des Herzens bleibt. &mdash; Diese Hände bezeugen dabei,
-daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können,
-erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und
-längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten
-Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese
-tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn
-ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich
-und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere
-Unabhängigkeit.</p>
-
-<p>Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige
-Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere
-und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für
-die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich
-beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die
-Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in
-der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">&nbsp;197&nbsp;</a></span> »Demokritslust« nennen.
-Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den
-Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz
-Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe
-einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.</p>
-
-<p>Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz
-und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.</p>
-
-<p class="center mtop3">Ende des zweiten und letzten Bändchens.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s4 padtop2 mbot1"><span class="initial">B</span>eim Verleger dieses ist ferner erschienen:</p>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen:
-Historischer Roman. 8. 1830.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 4 ggr.</p>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>&mdash; &mdash; humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">21 ggr.</p>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>&mdash; &mdash; Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder:
-achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8.
-1826.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">12 ggr.</p>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>&mdash; &mdash; Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle,
-der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.</p>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>&mdash; &mdash; Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 8 ggr.</p>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>&mdash; &mdash; Briefe über Helgoland, nebst poetischen und
-prosaischen Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">12 ggr.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="mbot1">Sodann erschien so eben:</p>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p>Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und
-Griechenland. 2 Bde.</p>
-
-<p class="mleft2">1r Bd.: Reise in Italien</p>
-
-<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 12 ggr.</p>
-
-<p class="mleft2">2r Bd.: Reise in Griechenland.</p>
-
-<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 12 ggr.</p>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot3">
-
-<p class="mtop1">Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.</p>
-
-</div>
-
-<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 16 ggr.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment
-»Lieblosigkeit.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der
-Wirthshäuser bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde
-hergenommen sind, als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder),
-Jappob (Japp auf), Kruppunner (Kriech unter), und Oha.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen
-Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> <em class="antiqua">Senex depontanus.</em> Ein Greis, der nicht mehr über
-die Brücke zu den Volkscomitien gehen durfte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Name des damaligen Custos.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Die Anspielung ist etwas <em class="antiqua">à la Pater Abraham a Santa
-Clara</em>. Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren,
-Freßnarren, Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht
-auch geschrieben: <em class="antiqua">Narraverunt patres et nos narravimus omnes</em>.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern
-veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter
-Vereinigung zurückgekehrt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule
-Professor <em class="gesperrt">Struve</em>, den bekannten Virgil’schen Vers</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Superet modo Mantua nobis</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">O Mantua nimium vicina miserae Cremonae</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="antiqua">Superet modo Altona nobis</em></div>
- <div class="verse"><em class="antiqua">O Altona, nimium vicina</em> (allzunah) <em class="antiqua">misero Hamburgo</em>.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen
-Excellenzen mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde
-in Gnaden abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines
-Generallieutnants bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den
-Majestäten, während sich die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der
-linken Seite des Wagens begnügen mußten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines
-Freicorps im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde
-Potentaten zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen
-Tod in Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete.
-Seine Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.«
-Als diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden
-sie von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den
-Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit
-Geplagten sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der
-Hafer stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn
-bekanntlich nicht bekommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem
-abgelegt und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen
-Güter ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die
-Gräflich Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den
-letzten gehöre, auch für meinen Magen. &mdash; Wer will meinen Anspruch
-an die dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig
-Edelgüter &mdash; Wer bietet Geld?</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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