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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) - -Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -Editor: Julius Tittmann - -Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Deutsche Dichter - - des - - siebzehnten Jahrhunderts. - - =Mit Einleitungen und Anmerkungen.= - - Herausgegeben - - von - - Karl Goedeke und Julius Tittmann. - - Zehnter Band. - - Grimmelshausen's Simplicianische Schriften. - - =Erster Theil.= - - [Illustration: Signet] - - Leipzig: - F. A. Brockhaus. - 1877. - - - - - Simplicianische Schriften. - - Von - - Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen. - - Herausgegeben - - von - - Julius Tittmann. - - Erster Theil. - - Trutz Simplex. -- Der seltzame Springinsfeld. - - Anhang: Der erste Bärnhäuter. -- Gaukel-Tasche. - - [Illustration: Signet] - - Leipzig: - F. A. Brockhaus. - 1877. - - - - -Inhalt - - - Die Simplicianischen Schriften. - I. v - - Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten - Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen - Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. 5 - Das erste Capitel. 9 - Das zweite Capitel. 12 - Das dritte Capitel. 16 - Das vierte Capitel. 20 - Das fünfte Capitel. 23 - Das sechste Capitel. 28 - Das siebente Capitel. 32 - Das achte Capitel. 35 - Das neunte Capitel. 38 - Das zehnte Capitel. 42 - Das elfte Capitel. 46 - Das zwölfte Capitel. 49 - Das dreizehnte Capitel. 53 - Das vierzehnte Capitel. 57 - Das fünfzehnte Capitel. 62 - Das sechzehnte Capitel. 67 - Das siebzehnte Capitel. 71 - Das achtzehnte Capitel. 76 - Das neunzehnte Capitel. 81 - Das zwanzigste Capitel. 87 - Das einundzwanzigste Capitel. 89 - Das zweiundzwanzigste Capitel. 93 - Das dreiundzwanzigste Capitel. 98 - Das vierundzwanzigste Capitel. 102 - Das fünfundzwanzigste Capitel. 105 - Das sechsundzwanzigste Capitel. 108 - Das siebenundzwanzigste Capitel. 112 - Das achtundzwanzigste Capitel. 115 - Zugab des Autors. 119 - Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. 120 - Der seltzame Springinsfeld. 121 - Das erste Capitel. 127 - Das zweite Capitel. 130 - Das dritte Capitel. 135 - Das vierte Capitel. 140 - Das fünfte Capitel. 144 - Das sechste Capitel. 149 - Das siebente Capitel. 155 - Das achte Capitel. 162 - Das neunte Capitel. 166 - Das zehnte Capitel. 172 - Das elfte Capitel. 175 - Das zwölfte Capitel. 181 - Das dreizehnte Capitel. 186 - Das vierzehnte Capitel. 191 - Das fünfzehnte Capitel. 195 - Das sechzehnte Capitel. 198 - Das siebzehnte Capitel. 203 - Das achtzehnte Capitel. 206 - Das neunzehnte Capitel. 210 - Das zwanzigste Capitel. 213 - Das einundzwanzigste Capitel. 216 - Das zweiundzwanzigste Capitel. 219 - Das dreiundzwanzigste Capitel. 223 - Das vierundzwanzigste Capitel. 227 - Das fünfundzwanzigste Capitel. 231 - Das sechsundzwanzigste Capitel. 234 - Das siebenundzwanzigste Capitel. 240 - Anhang. 243 - Des ersten Bärnhäuters Bildnus. 246 - Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. 247 - Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. 256 - An die Umstehenden. 257 - Die Geizigen und... 260 - ...Mauschals betreffend. 261 - Die Possenreißer und... 262 - ...Schalksnarren betreffend. 263 - Die Soldaten und... 264 - ...Kriegsgurgeln betreffend. 265 - Die Weinschläuch und... 266 - ...Bierbrüder betreffend. 267 - Die Courtisanen und... 268 - ...Jungfernknechte betreffend. 269 - Die Gaukler, Spitzbuben... 270 - ...und Spieler betreffend. 271 - Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. 272 - - - - - Die Simplicianischen Schriften. - - - - -I. - - -Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph -von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« -gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens -zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und -Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht -jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß -des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch -eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam -geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe -werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die -Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem -Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, -ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's -schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die -Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch -ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können -unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so -vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist. - -Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens -vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer -verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben -durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd -erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der -Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren -großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade -jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen -dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und -Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir -ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; -das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der -durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt -wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch -diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden -diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht -construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, -vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen -möchten. - -Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen -»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das -Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem -größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der -Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der -beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des -siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke -unmittelbar an. - -Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für -sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und -Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; -diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die -Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In -diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme -keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, -der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht -hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich -bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt. - -Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß -auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in -welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im -allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des -Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen -geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, -in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die -Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein -Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben -nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die -Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive -der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung -zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen -und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst -empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der -andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst -eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die -Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr -noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, -=die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter -alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective -Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen -sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des -Gegebenen und seiner Erfolge gelingen. - -Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der -Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe -so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, -er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische -Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten -Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt -erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte -er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit -noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte. - -Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau -die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem -vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale -Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem -Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich -alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte -steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in -dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß -die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe -seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige -Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen -Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig -ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern -Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich -feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in -nachstehender Weise vermittelt. - -Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in -Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn -sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er -im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt -genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten -Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~ -als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben -mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden -Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen -mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr -selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war -freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller -Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer -Thaten. - -Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz -dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt -durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann -er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen -und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem -Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; -überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne -Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in -einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung -unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die -große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der -einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die -Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen, -die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer -beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter -im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen -Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles -seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten -beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht -natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch -seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen -Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete -Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang -eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft -entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben -Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof. -Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau -eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde -ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür -gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als -müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die -Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch -wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der -Liebe für immer verleidete. - -Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle -in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter -doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem -Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen -fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte -es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich -als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes -verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um -zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne -herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen -Lebens daran zu knüpfen. - -Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies -in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der -Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt -in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den -Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet -eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von -da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht -mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar -wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr -aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller -Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit -sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder -wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste -mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie -gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den -er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei -ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule -gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein -paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen -in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der -Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine -Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort -findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende -Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann -tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige, -ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und -tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und -Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den -beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder, -deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der -Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner -Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise -abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber -erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte -berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er -erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm -dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn -durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt -keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte, -wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist. -Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die -»Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, -sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische -Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über -zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte -Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den -Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die -Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin -abstamme. - -Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes -mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in -ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt -wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des -»Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen -künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache -Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem -wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies -wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in -halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich -eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte -sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende -machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger -unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige -allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu -Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu -bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt -eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die -Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen -war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich -desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von -sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war -schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause -die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte, -und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur -Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht. - -Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften -festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's -folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch -also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich -anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, -»Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das -Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch -letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen -Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden. -Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, -Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. -Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher -Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat -hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen. - - * * * * * - -Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame -Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist -nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will. - -Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland -bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine -formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten -an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon -der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten -läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich -erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei -uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst -geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich -ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem -für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben -des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. -Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch -Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon -ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit -Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der -Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen -und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie -ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in -ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust -sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des -männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung -und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt -ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und -die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen -Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen; -in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse -Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der -maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die -sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch -nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei -den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose -Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine -Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe -schnellt. - -Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine -hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie -bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch -persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum -Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos -freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet -wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer -Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei -den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich -zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, -die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten. -Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben -eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und -ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für -diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung -Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen -läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war. - -In der für die höhern Stände zunächst berechneten -Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen -ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus -Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch, -der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in -den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen -materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit -jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf -solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die -»Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«, -die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst -schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu -rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung -über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde, -schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, -der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit -angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die -Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die -Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende -Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine -heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier -lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen, -die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden, -die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem -Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte -aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich -demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein -Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich -erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte, -indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und -seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen -Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine -deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597. - -Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen -sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich -vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts -aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus -ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~« -mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese -in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher -Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt -hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein -solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das -wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen -von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius -und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind. - -Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen -Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter -moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die -Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. -w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit -inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre. - -Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein -Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der -Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung -der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor -andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum -besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, -aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die -Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, -wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen -und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der -modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=, -und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken. - -Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz -trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige -Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, -den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) -und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), -die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar -demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des -Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern -Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern -zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn -der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den -heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des -Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und -Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß -er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als -Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit -dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch -der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder -einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen -Redewendungen anbringen läßt. - -Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die -Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung -»Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, -die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit -der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, -alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen -Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf -aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie -erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der -Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann -endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, -und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk -entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige -Seligkeit hätte bringen können. - -Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische -ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von -geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe -eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von -Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact -gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem -Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn -denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von -Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. -Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen -Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen -Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, -und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, -Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 -wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus -den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei -Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und -seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach -England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, -mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum -Islam gegeben haben. - -Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des -Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der -dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf -dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König -Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung -aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen -zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, -da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von -Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht -mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. -Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, -bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung -treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch -den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian -ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände -zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl -Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich -und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs -abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils -verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als -zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch -der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen -gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, -wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte -zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß -es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor -Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem -Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. -Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek -wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, -wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf -Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, -und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz -verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen -begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge -»fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, -in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem -Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 -Menschen erschlagen worden. - -Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen -in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht -ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 -ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch -Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack -und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's -(S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende -October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel. - -Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; -den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen -ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während -der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz -abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. -Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach -Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere -Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur -Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. -Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche -Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer -flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die -Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die -Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus -Mähren zu danken hatten. - -Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den -Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern -Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da -Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte -sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle -er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der -Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, -während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten -das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei -Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage -erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei -Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, -welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von -Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der -Wetterau bezogen. - -Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der -Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier -geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe -doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch -genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct -auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo -de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche -Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter -konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und -das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien -eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse -in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier -Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt -sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei -den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte -Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von -Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem -Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage -kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den -»Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen -von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel -hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene -Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das -Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen -liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört -hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier. - -Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die -Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. -Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, -ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte -sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im -Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der -Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun -die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte -bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, -dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen -worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, -mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht -aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich -Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der -Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die -Elbe bis nach Jütland gedrängt. - -Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der -Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu -ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste -Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch -Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg -erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten -Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe -zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie -die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen -erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den -Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte -und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon -im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die -Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen -und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun -rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. -Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des -folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der -Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf -Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung -zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und -der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in -der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen -waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine -großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die -Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. -Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei -welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins -freie Feld an der Donau verlegt. - -Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit -November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) -befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal -verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur -Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf -der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um -sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum -Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. -Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und -ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen -sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten -Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht -bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy -die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine -Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs -1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in -Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet -das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In -spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen -Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus -noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 -erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte -sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft -eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen -Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die -Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit -berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch -über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die -Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem -Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld -herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen -und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und -diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser -Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen. - - * * * * * - -Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, -mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute -Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht -zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes -die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur -Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, -die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen -Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer -eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung -als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«. - -Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner -Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, -wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern -zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes -Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, -daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und -Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht -gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere -Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und -unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und -nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem -alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger -denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste -hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die -Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das -Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, -ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick -danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor -bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in -einem Hospital zu enden. - -In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie -heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage -eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben -auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von -Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden -entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen -vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten -derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen -geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, -Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, -die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~, -~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf -christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, -wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und -Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und -Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten. - -Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer -Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus -dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst -niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur -Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. -Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen -Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und -eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer -Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch -den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich -sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den -=Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; -natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit -verzichten. - -Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er -war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo -de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei -Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen -Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen -Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann -Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland -zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, -Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, -eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen -genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und -gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er -darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen -Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des -Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, -als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und -gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen -marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht -hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er -besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei -seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, -die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten -und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner -dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien -gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment -kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand -hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen. - -Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten -Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die -Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem -Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß -mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp -von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, -und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest -zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er -nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten -den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen -und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach -Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in -kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier -scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. -Der geschichtliche Verlauf ist folgender. - -Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern -einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den -Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im -November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt -hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte -seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber -der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte -nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend -gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 -Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen -selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um -diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, -machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; -dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen -Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch -die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als -ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen -bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei -Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter -Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die -Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior -von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren -hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth -führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct -auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am -23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde -dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem -Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz -bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier -den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke -gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold -von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald -zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen -bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen -vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, -während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; -bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in -voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade -ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch -das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein -Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war -die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig -Regimenter kostete. - -Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644. -Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von -Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir -auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den -Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die -Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne, -die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte -waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich -nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder -Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen, -darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit -bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt -mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem -Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte -Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße -gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen -und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser -Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel -gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld -deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug, -wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment -dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem -Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, -viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont -und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte -Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem -es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, -die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt -wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des -festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den -bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8. -December 1645. - -Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind -verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen -(Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in -kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In -der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall -Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich -geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig -Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen -geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth -mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, -wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den -gefallenen General. - -In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg -durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten -war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment -mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, -an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder -freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als -die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich -die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand -»der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb -in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647 -mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14. -September schon gekündigt wurde. - -Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen« -sind der General der Reiterei Johann de Werth und der -Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli -ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen -Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs -Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die -Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so -vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De -Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen. - -Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die -folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo -die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel -schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen -Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich -führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre, -Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen -Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau -bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert, -darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz -soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der -Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht -nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre -genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in -ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst -einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging -ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint -man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem -Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug -begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit -ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über -welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es -wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte -gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig -ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen -vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian -nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige -Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, -ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt, -die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer -bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt. - -Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu -gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem -schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg. - -Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der -Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter -energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer -scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel, -genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der -letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen -seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms -zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft. - -Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die -Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in -Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des -Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus -Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen -Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen, -dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder -Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines -Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur -der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im -August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener, -auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage -Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in -aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von -fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt. - -Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im -ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit -geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den -Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, -und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers -mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa -schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an -Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend -Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische, -französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten, -faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische -Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und -verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. -In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war -den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation -unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den -17. September 1668. - -Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war -nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und -Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner -»Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in -Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen -Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er -selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und -Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen -Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. -Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort -als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist -doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf -dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige -Handlung sich auswirkt. - -Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange -der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als -Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. -Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz -nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen -Angaben stimmt. - -Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden -eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem -es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten -Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem -ehrbaren Wandel bekehrt hatte. - - * * * * * - -Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. -Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung -untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher -und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier -das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung -eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun -pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt -des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser -Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze -Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig -gehalten werden. - -In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender -Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. -B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im -germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier -ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche -Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben -Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer -gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem -Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« -genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke -(in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein -Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein -Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren -sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; -auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten -Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter -den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, -dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. -zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen -verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht -auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der -reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden -Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel -übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister -erblicken läßt. - -Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar -an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen -Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem -Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die -Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte -an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen. -Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche, -Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam, -ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil, -worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu -ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, -dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des -Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten -Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie -eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre -Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte -Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer -ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches -Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger -Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart -bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche -Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter -Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte -am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs -eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte -sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, -seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im -Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich -zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung -freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So -leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und -draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit -Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein -Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein -Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er -werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß -zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich -am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die -einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er -sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche -in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß -macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene -die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von -seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten -Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die -Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da -stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun -bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in -einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben. - -Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum -germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's -Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder -»Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr -Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die -spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so -oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum -zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den -Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles -das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst -nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit -göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der -Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite -und Anchises im griechischen Götterglauben. - -Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen -übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere -Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen -damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und -das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers -alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der -Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun -und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde -jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er -bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein -Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten -Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen -sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte -noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn -der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der -localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause -ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd -heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich -selbst ein »Mümmelchen« -- der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft --; -des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt -ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, -der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand -seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend -durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch -heranbrausenden Wellen fortgerissen. - -Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der -ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt -ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als -Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner -verwandt zu werden. - - * * * * * - -Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen -bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670 -bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach -oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten -Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck -erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu -Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger -Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich -gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte -ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage -beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre -eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler -sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den -Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während -einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für -unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus« -angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind. - - * * * * * - -Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr -bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der -erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon -darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. -Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die -ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. ~VII~), wo -Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt, -genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der -Schreiber (»Springinsfeld« Kap. ~VIII~) von seiner Absicht sagt, das -Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die -Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« -folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt -worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek -zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der -Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm -Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht -verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr -erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 -Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß -die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, -und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, -die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten -gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein -neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt -hat. - -Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche« -auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie -Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so -vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite -zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder -Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich -in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. ~III~, S. 181 fg.) -haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls -»Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am -meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem -der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die -durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen -Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen: -»Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein -König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt -wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische -Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der -Welt« (~II~, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch -die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt -der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die -Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav -genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde -geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären. - - * * * * * - -Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des -»Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die -Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als -vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn -auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben -haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also -besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag -immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst -nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe -ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst -von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432), -einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »~Rinconete y Cortadillo~«, -deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und -Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird -also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des -Namens scheint daneben bestehen zu können. - -FUSSNOTEN: - -[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite -stehen im Original -- zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs -Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei -Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend -- folgende Verse: - - Erklärung des Kupfers - oder - Die den geneigten Leser anredende Courage. - - Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue, - So wirf' ichs drum nicht weg, um daß es mich gereue, - Daß ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht, - Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt. - Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen; - Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen, - Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz, - Und was ich möge thun dem Simplici zum Trutz. - -[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen -Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter. - -[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige. - - Auf der Rückseite des Titels: - - Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld, - Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt, - Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen, - Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen. - Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück? - Sie stimmten in =ein= Horn, zeigten mir ihre Tück. - Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen, - Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen, - Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus, - Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus, - Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben, - Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben. - - - - - I. - - Trutz Simplex. - - - - - Trutz Simplex - - Oder - - Ausführliche und wunderseltzame - - Lebensbeschreibung - - Der Erzbetrügerin und Landstörzerin - - Courage, - - Wie sie anfangs eine Rittmeisterin, - hernach eine Hauptmännin, ferner - eine Leutenantin, bald eine Marketenterin, - Musquetiererin und letzlich eine - Zigeunerin abgegeben, Meisterlich - ~agiret~ und ausbündig - vorgestellet: - - Eben so lustig, annehmlich u[=n] nutzlich - zu betrachten als ~Simplicissimus~ - selbst. - - Alles miteinander - - Von der Courage eigner Person, - dem weit und breit bekannten ~Simplicissimo~ - zum Verdruß und Widerwillen, dem - ~Autori~ in die Feder ~dictirt~, der sich vor - dißmal nennet - ~Philarchus Grossus~ von Trommenheim, - auf Griffsberg &c. - - Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot. - - - - -Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der -merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser -lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin -und Zigeunerin Courage. - - - =Das erste Capitel.= Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, - weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden - Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin - Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf - erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet. - - =Das zweite Capitel.= Jungfrau Lebuschka (hernachmal - genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco, - muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; - dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich - Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen. - - =Das dritte Capitel.= Janco vertauschet sein edles - Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen - Courage. - - =Das vierte Capitel.= Courage wird darum eine Ehefrau - und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe - werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile - lediger Weise getrieben hatte. - - =Das fünfte Capitel.= Was die Rittmeisterin Courage in - ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes - gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen - wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern - mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft. - - =Das sechste Capitel.= Courage kommt durch wunderliche - Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit - dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte. - - =Das siebente Capitel.= Courage schreitet zur dritten Ehe - und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber - nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die - Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution - und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie - sitzen läßt. - - =Das achte Capitel.= Courage hält sich in einer Occasion - trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen - Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger - Ueberlaufer gefangen und gehenket worden. - - =Das neunte Capitel.= Courage quittirt den Krieg, nachdem - ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman - vor einen Spott gehalten wird. - - =Das zehnte Capitel.= Courage erfähret nach langem Verlangen, - Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und - freiet darauf wiederum einen Hauptmann. - - =Das elfte Capitel.= Die neue Hauptmännin Courage - ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister - und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit - in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann - und wird eine unglückselige Witwe. - - =Das zwölfte Capitel.= Der Courage wird ihre treffliche - Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen - Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen - und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich - von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen, - erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf - ein Schloß geführt. - - =Das dreizehnte Capitel.= Courage wird als ein gräfliches - Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister - gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung - der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar - listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich - verlassen. - - =Das vierzehnte Capitel.= Courage wirft ihre Liebe auf - einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen - wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird - ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten - vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie - legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu - Hülfe kame. - - =Das funfzehnte Capitel.= Courage hält sich bei einem - Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie, - dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand - lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf - eine Marketenterin. - - =Das sechzehnte Capitel.= Courage nennet ihren Courtisan, - den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein - Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer - Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich - hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket - sich stattlich in den Handel. - - =Das siebzehnte Capitel.= Der Courage widerfährt ein - lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer - italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen - Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin - als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht - auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen. - - =Das achtzehnte Capitel.= Die gewissenlose Courage erkauft - von einem Musquetierer einen ~Spiritum Familiarem~, empfindet - darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und - Willen von statten. - - =Das neunzehnte Capitel.= Courage richtet ihren Springinsfeld - zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer - vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller - gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt - und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird. - - =Das zwanzigste Capitel.= Courage nebenst ihrem Springinsfeld - bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie - dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter - war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in - die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen - verlegte. - - =Das einundzwanzigste Capitel.= Courage wird von - ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel - zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade - und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil. - - =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Courage wird von - ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen - des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich - zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des - Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das - beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem ~Spiritu Familiari~. - - =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Courage heurathet - wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr - erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten - Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk - wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten - Soldaten. - - =Das vierundzwanzigste Capitel.= Courage bekommt - eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und - macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie - ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind - vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage - mit ihm erzeugt hätte. - - =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Courage treibet mit - einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel, - als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten - und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle - fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben, - endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird. - - =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Courage wird eine - Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr - Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten - antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten, - ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem - Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus - nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt. - - =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Nachdem der Courage - Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf - ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter - welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten - Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält - sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder - zustellen. - - =Das achtundzwanzigste Capitel.= Courage kommt mit - ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, - reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr - Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman - im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen - die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen - sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon. - - - - -Das erste Capitel. - - Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen - und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin - und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen - Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet. - - -Ja -- werdet ihr sagen, ihr Herren -- wer solte wol gemeint haben, daß -sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn -Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das -Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat -sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, -und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre -vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die -begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und -Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, -daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten -Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere -Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue -Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt -ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, -ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung -schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen. - -Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden -gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte -zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer -Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und -endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret, -beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen -gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde -die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie -wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie -dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher -erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel -jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders -würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte -- werdet ihr -sagen --, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt -und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als -Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden -als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die, -deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn -kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie -wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen -anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage -Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last -der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand -Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund -begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung -zu fassen die Gnad haben können. - -Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also -werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser -meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches -erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder -jung oder gar zu Stücken lachen. - -Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen? - -Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange -Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam -angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset -daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und -diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, -der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne -unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen -überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben -nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu -ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber -zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir -manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen -Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, -mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich -meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte -als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch -folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden -Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich -bändig zu machen. Die ~Cholera~[7] hat sich mit den Jahren bei mir -vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der -Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann -dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte ~Phlegmam~[8] -evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die -melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? -Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus -langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige -Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche, -wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach -jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und -in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die -gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir -doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der -übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu -widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch -nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret, -ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit -nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan! - -Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren, -warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller -Welt deine Laster offenbarn? - -Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt -nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich -im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen -spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine -und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung -vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit -was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, -wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer -Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze -ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und -Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei. - -Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und -die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und -Sünder abgestraft. - -FUSSNOTEN: - -[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«. - -[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen. - -[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen. - -[7] =~Cholera~=, Galle. - -[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen. - -[9] =beschweret=, beschwöret. - - - - -Das zweite Capitel. - - Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den - Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen - Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und - was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen. - - -Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne -Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem -böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden. - -Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings -und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine -Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste -mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug -auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum -Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit -angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; -ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen -Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der -Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum -zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, -welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und -solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und -von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft -der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau -behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern -meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten -sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn -ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte. - -Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der -Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei -Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den -Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen -grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach -hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann -ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und -Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um -euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.« - -Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das! - -Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf -der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in -aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen. - -»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren -entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan -euch das ander auch wieder wachsen.« - -Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt -gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten -hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie -mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden -verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch -in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit -großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche -Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will -mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der -eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder -genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal -solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant -worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin -ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen -wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem -ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich -nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe -michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich -zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht -glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen -hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben. - -Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte -ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer -Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere -Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die -böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: -wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein -Teutscher Flachs in finden.« - -»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk -an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?« - -»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn -aus der Küheweid[19] bringe.« - -»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden -erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne, -die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu -dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel -auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.« - -Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte, -daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten. -Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem -geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und -Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das -Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt -schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich -der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page -und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern -böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer -Nation haben wolte. - -Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste -meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen -so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und -ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten -Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum -Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und -Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von -ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20] -wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte, -muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung -eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch -reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf -lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine -weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich -lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen -wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, -daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte, -so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken -solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst -nicht mitgebracht. - -FUSSNOTEN: - -[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben -will! - -[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch -gebräuchlich. - -[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen, -Prachiner Kreis. - -[13] Vgl. die Einleitung. - -[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer. - -[15] =Dauben=, Einbildungen. - -[16] =schmecken=, riechen, merken. - -[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild -hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht. - -[18] =Kuder=, Werch, Heede. - -[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend. - -[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags. - - - - -Das dritte Capitel. - - Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten - Rittmeister um den Namen Courage. - - -Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger -Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein -reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich -mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so -viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt -hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten. -Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und -Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar -tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken -seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es -die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich -ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng -so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde -vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die -Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals -machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht -wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie -ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon -seine Besoldung hat. - -Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich, -der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in -Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem -sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung -curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir -seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines -Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur -diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar -nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein -roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn -niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König -Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein -Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich -aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende -jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher -Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns -werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich -und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch -nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß -mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war, -von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht -kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich -nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe -preißmachen. - -Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte, -mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja -von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch -die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte -zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber -solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten, -daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein -treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch -so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom -Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war, -und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, -das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen -können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit -einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet. -Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich -der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen -meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen -getraute. - -Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord -gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils -alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten -zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen -alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum -allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten -bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte -ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben, -und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation -gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die -Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen -hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei -gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von -den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen, -unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz -wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht -hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel -mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum -wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß -ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich -mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich -meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß -er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte -ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm -gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon -und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was -Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte, -wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu -denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er -sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte -noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus. - -Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam, -sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich -lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht -gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges -Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch -unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber -die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen -Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum, -daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines -Mannsmenschen Hände kommen sein.« - -Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die -Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister -wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen -müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen -befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch -verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte -dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste. - -»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu -Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und -demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und -hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer -hergebrachten Ehr beschützen.« - -Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu -weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst -gewesen. - -Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen, -daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein -Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach -mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; -mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre, -der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele -mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich -mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu -entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen, -allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen -ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, -unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im -Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du -guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht -eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum -abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe -du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du -zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten -worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich -sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar -ordenlich von mir vernehmen solt. - -FUSSNOTEN: - -[21] =Rakonitz=, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag. - -[22] =Alphonsus=, Alfons X., König von Leon und Castilien, -reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, -Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von -Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint. - -[23] =Iylau=, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn. - -[24] =Trebitz=, =Trebitsch=, =Trzebicza=, Flecken, -Fähren, Kreis Iglau. - -[25] =mundirte=, montirte, ausrüstete. - -[26] =schnellen=, in die Höhe, wieder zu stehen kommen. - -[27] =Filz=, Schelte, Strafrede. - -[28] =verzwicken=, zweideutig ausdrücken. - -[29] =wagen=, Gefahr laufen. - -[30] =Zeiger=, =Zieger=, Käse. - - - - -Das vierte Capitel. - - Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich - darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den - Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte. - - -Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und -versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs. -Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten -und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine -Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben -konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich -eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben -meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen -Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war -froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen -war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit -meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien -ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen -das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders -manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin -nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig -behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch -mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben. -Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht -mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben -Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern -vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer -sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste -Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was -schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer -Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und -lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen -gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein -solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod -selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der -Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal -kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen, -daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben -muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der -Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen -möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei -umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit -von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein -Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen -und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum -Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und -zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von -mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand -herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung -gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß -ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte. - -Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und -nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und -beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir -würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen -giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche -erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg -und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37] -kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich -verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten -niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu -fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst -pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte -prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war. -Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß -er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher -eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und -communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter -und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme -im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner -Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil -ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt -nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu -leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben. -Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als -ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück -beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß, -welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang -tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen -mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem -Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr -das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt -einem der Teufel zum ersten hin. - -Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir -nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön -Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir -von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch -von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte -aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar -gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich -elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder -zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen -meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor -belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu -Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an -der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich -mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer -Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen, -zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig -finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. -Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich -vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so -viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im -Krieg redlich und ehrlich gewonnen. - -FUSSNOTEN: - -[31] =dermalen eins=, dermaleinst. - -[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11 -in ihrer Weise auf! - -[33] =toll=, auffallend. - -[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche -gehen. - -[35] =Georgi=, Szt. György. - -[36] =die Insul=, Schütt. - -[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser -ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der -Neitra 1626; vgl. die Einleitung. - -[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein -Beileid bezeigte. - -[39] =gut edel=, von gutem Adel. - - - - -Das fünfte Capitel. - - Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares - züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie - einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen - bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig - unterwirft. - - -Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach -Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in -den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein -Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine -Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40] -zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus -kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht -viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks -und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant, -welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen -Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die -sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich -wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und -ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür -leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und -eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, -Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich -aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund -vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, -das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen -anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner -Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich -meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit -solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit -mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer -besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, -wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, -sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen. -Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und -lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode -aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, -wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch -glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte -sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem -schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte. - -Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden -Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den -»Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu -ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen -machte, das ließe sie nicht unterwegen. - -Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die -Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich -zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen -wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach -an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm -gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag -hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig, -welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt -hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte, -noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich -die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol -unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen -anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um -ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in -der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser -spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es -ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit -nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft -vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener -alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt, -und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten -oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, -die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf -meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend -neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit -mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und -lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer -solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, -da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und -dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit -mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte, -daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste -nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil -seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu -ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen -Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines -Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, -die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal -mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen -ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er -seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte, -wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte -mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol -leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles -verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich -in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den -Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte -maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur -seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; -ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht -sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine -Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte -sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe -damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber -nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin -kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von -jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber -ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein -von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem -Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da -ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe -Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen -Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer -guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem -ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen -weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte -mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen -Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht -darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück -columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid -geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß -ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt -hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador, -welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach -diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren -konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das -mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern -behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle -gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß -ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte, -ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, -Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte -wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen -verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz -zu machen, weil ich wuste, daß es heißt: - - Ein jeder Tag bricht dir was ab - Von deiner Schönheit biß ins Grab. - -Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger -gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen -mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die -Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt -dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich -beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich -allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können, -sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar -daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte, -seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr -blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber -getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und -zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte -einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich -eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen. - -FUSSNOTEN: - -[40] =genau=, sparsam. - -[41] =Daus-Es=, =Daus-As=, 2 und 1 im Kartenspiel = -durchtriebenes Weib. - -[42] =Hofbursch=, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute. - -[43] =sich enthalten=, sich aufhalten. - -[44] =aufsetzen=, frisieren und coiffieren. - -[45] =Amadis=, vgl. die Einleitung. - -[46] =dörfen=, wagen. - -[47] =Anwurf=, erster Angriff. - -[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso -verliebt waren. - -[49] =columbinen=, ~colombin~, ~couleur gorge de pigeon~, -taubenhalsfarbig - -[50] =malzern=, malzen, figürlich Ausbeute machen. - -[51] =Reise=, Dienst. - - - - -Das sechste Capitel. - - Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und - freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt - lebte. - - -Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners -zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine -Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches -ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber -potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen -sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman -gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen -Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und -wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie -der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an -einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen. -Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, -allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen -pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde -ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische -Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig -Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und, -weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit -einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht -gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24 -Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er -mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten -könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich -ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, -wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus -Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie -mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein -Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so -werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern -disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er -genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und -damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil -wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter -seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der -Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall -er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit -dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die -Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei -mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie -wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich -an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den -alten Reimen: - - Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, - Aber es geht ihn nicht von Herzen, - Sie pflegen sich nur so zu stellen; - Sie können weinen, wann sie wöllen. - -Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu -trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wol -bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen -dem weinenden und betrübten Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poß -gienge mir auch an, und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit -hohem Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem -ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der Copulation -im geringsten nicht berühren solte, welches er beides verheißen und -gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen[56] -ankamen, welches eben damals dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder -selbst per Accord übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs -heftige Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden -mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, ehe er möchte -erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, welches kein geringe -Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der Armee gewesen, als -sich etliche hohe Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien -gekant, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren -sie so bescheiden[57], daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich -ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, darüber ich aber -gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, außer daß ich den -Namen Courage wiederum gedulden muste. - -Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich eben so -hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute. -Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich gerne sahe. Gleich wie -ich aber solches geduldete, also gab er auch zu, daß ich mit Reden -und Geberden gegen jederman desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn -dann jemands vexierte, daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte, -antwortet er auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob -ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei dem, -was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit, -dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit -ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel und Zeug montirt. Ich ritte -nicht wie andere Officiersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf -einem Mannssattel, und ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich -doch Pistolen und einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte -auch jederzeit einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war -im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber also -versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und einen jungen -Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine Rencontra gegen dem -Feinde, so war mir unmüglich, apart[58] nicht mit zu machen. Ich sagte -vielmalen, eine Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren -nicht wagen dörfte, solte auch kein Plümage[59] wie ein Mann tragen. -Und demnach mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne -kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so kühn, -wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner oder, wie mans -nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen und neben dem -Troupen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger, weil -ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter -meiner Wirthin erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen[60] -konte. - -So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte mehr Beuten -als mancher geschworner Soldat, welches auch Manchen und Manche -verdroß; aber da fragte ich wenig nach, dann es gab mir Schmalz auf -meine Suppen. Die Verträulichkeit meines sonst (gegen meiner Natur -zu rechnen) ganz unvermöglichen Manns verursachte, daß ich ihm -gleichwol Farb hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir -anmeldeten, die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er ließe -mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto weniger -bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen frech, aber -auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann, im Feld so häuslich -und zusammenhebig[61] als immer ein Weib, in Beobachtung der Pferde -besser als ein guter Stallmeister, und in den Quartieren von solcher -Prosperität, daß mich mein Hauptmann nicht besser hätte wünschen -mögen. Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er -gerne, daß ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf hinaus fuhr, -weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte, daß wir einen guten -Particul darvon in eine vornehme Stadt zu verwahren geben musten. Und -also lebte ich trefflich glückselig und vergnügt, hätte mir auch meine -Tage keinen anderen Handel gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser -beritten gewest wäre. Aber das Glück oder mein Fatum ließe mich nicht -lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann bei Wißlach todt -geschossen wurde, sihe, so ward ich wiederum in einer kurzen Zeit zu -einer Wittib. - -FUSSNOTEN: - -[52] =befriedet=, wo Frieden ist. - -[53] =schrei=, schrie (mhd. ~schrei~, ~part.~ von -~schrien~). - -[54] =gepartet=, getheilt (von der Beute). - -[55] =Bursch=, Gesellschaft, Haufen. - -[56] =Weidhausen=. Vgl. die Einleitung. - -[57] =bescheiden=, verständig, discret. - -[58] =apart=, abgesondert, allein. - -[59] =Plümage=, Federbusch. - -[60] =öffnen=, in etwas eindringen, verwunden. - -[61] =zusammenhebig=, haushälterisch, wirtschaftlich. - - - - -Das siebente Capitel. - - Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine - Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit - ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch - ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar - macht und sie sitzen läßt. - - -Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederum -ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen -nehmen wolte, dann ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte -auch schöne Pferd und ziemlich viel alt Geld, und ob ich mich gleich -vernehmen ließe, daß ich meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb -Jahr trauren wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die -um mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat, herum -schwärmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei dem Regiment -Unterhalt und Quartier, biß ich mein Gelegenheit anders anstellte; -hingegen ließe ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen, -und wann es Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind -etwas zu erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als -ein Soldat, allermaßen ich in dem anmuthigen und fast lustigen Treffen -bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen -Cornet samt seiner Standart gefangen bekommen. Meine beide Knechte aber -haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht, -welche sie unserem Accord gemäß mit mir theilen musten. Nach dieser -Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem -vorigen Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider -meinen Willen seit seinem Tod gefastet, sihe, so gedachte ich, durch -meine Wahl alle solche Versaumnus wieder einzubringen, und versprach -mich einem Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler -beides an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit übertraf. Dieser -war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz von Haaren, aber weiß von -Haut und in meinen Augen so schön, daß ihn kein Maler hätte schöner -malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, biß er -mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich -so Freuden voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein -beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten die Ehre, -daß der Obriste selbst neben den meisten hohen Officiern des Regiments -bei der Hochzeit erschienen, die uns alle vergeblich viel Glück in eine -langwürige Ehe wünschten. - -Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen -lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem -Gespräch unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte -mein Leutenant seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß -er zween starke Prügel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und -ich bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten -versuchen müssen, unterließe derowegen nicht, vor den Jungen zu bitten, -biß er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tisch -zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte mein -Hochzeiter zu mir: »Ja, Liebste, ihr wißt, daß jederman davor gehalten -und geglaubt, ihr hättet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen -getragen, welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht -geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann nicht unbillich -zu besorgen habe, ihr möchtet in solcher Gewohnheit verharren und -auch die meinige tragen wollen, welches mir aber zu leiden unmüglich -oder doch sonst schwer fallen würde, sehet, so liegen sie dorten -auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir -beide uns, wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und -behaupten woltet, zuvor darum schlagen könten; sintemal mein Schatz -selbst erachten kan, daß es besser gethan ist, sie fallen gleich jetzt -im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als wann wir hernach in -stehender Ehe täglich darum kriegen.« - -Ich antwortete: »Mein Liebster!« -- und damit gab ich ihm gar einen -herzlichen Kuß -- »ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir -einander vor dißmal zu liefern, seie allbereit gehalten. So hab ich -auch niemalen in Sinn genommen, euere Hosen zu prätendirn; sondern, -gleich wie ich wol weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber -wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinem -Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er werde derowegen -sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von seinen -Fußsohlen genommen worden wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein -Ehegemahl halten, vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterstünde, -ihme auf den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe, mit -demüthiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.« - -»Ha ha«, sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu -sich zu reißen, ehe mans gewahr wird. Aber es muß zuvor darum gefochten -sein, damit ich wisse, wer dem anderen künftig zu gehorsamen schuldig.« - -Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer Narr. Ich aber -sprang aus dem Bette und legte mein Hemd und Schlafhosen an, erwischte -den kürzsten, aber doch den stärksten Prügel und sagte: »Weil ihr mir -je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit, -an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, über den Ueberwundenen -zusprecht, so wäre ich wol närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus -Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.« - -Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner wartete -und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und -gedachte mich beim Kopf zu fassen, um mir alsdann den Buckel fein mit -guter Muße abzuraumen. Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er -sichs versahe, hatte er eins am Kopf, davon er hinaus dürmelte[62], -wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween Stecken -zusammen, sie zur Thür hinaus zu werfen, und da ich solche öffnete, -stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum -Theil durch einen Spalt zugesehen hatten. Diese ließe ich lachen, so -lang sie mochten, schlug die Thür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock -um mich und brachte meinen Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen, -mit Wasser aus einem Lavor[63] wieder zu sich selbst. Und da ich ihn -zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich die -Officier vor der Thür auch zu uns ins Zimmer kommen. - -Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst -erachten. Ich merkte wol, daß mein Hochzeiter diese Officier -veranlaßt, daß sie sich um diese Zeit vorn Zimmer einstellen und seiner -Thorheit Zeugen sein solten; dann als sie den Hegel[64] gefoppet, er -würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich gegen ihnen gerühmt, -daß er einen sonderbaren Vortheil[65] wisse, welchen er den ersten -Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wolte, -daß ich zittern würde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute -Mensch hätte es gegen einer anderen als der Courage probirn mögen; -gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermans Gespött worden, -und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren -befohlen und auferlegt worden wäre. Wie wir aber miteinander gelebet, -kan sich jeder leicht einbilden, nämlich wie Hund und Katzen. Als er -sich nun anderer Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gespött -der Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle meine -Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten Pferden und einem -Knecht zum Gegentheil[66] - - - - -Das achte Capitel. - - Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem - Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, daß - ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen und gehenket - worden. - - -Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand viel elender -ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche argwohneten, ich -würde ihm folgen und wir hätten unsere Flucht also mit einander -angelegt. Da ich aber den Obristen um Rath und Befelch fragte, wie -ich mich verhalten solte, sagte er, ich möchte bei dem Regiment -verbleiben, so wolte er mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie -andere Witweiber verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman -den gedachten Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen, weil -mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd fort -waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut gemacht; doch ließe -ich meine Armuth nicht merken, damit mir keine Verachtung zuwüchse. -Meine beide Knechte, die Herrndienste versahen, hatte ich noch samt -einem Jungen und noch etlichen Schindmären oder Bagagepferden; davon -und von meiner Männerbagage versilberte ich, was Geld galte, und -machte mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib -auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich nicht -meines gleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battalia wie vor -Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit erwarten, weil man mir zu -Gefallen doch keine Schlacht gehalten, wann ichs gleich begehrt hätte. -Damit ich aber gleichwol auch wiederum zu Geld kommen möchte, dessen -es auf dem Fouragieren selten setzte, ließe ich, beides um solches zu -verdienen und meinen Ausreißer um seine Untreu zu bezahlen, mich von -denen treffen, die spendierten; und also brachte ich mich durch und -dingte mir noch einen starken Jungen zum Knecht, der mir muste helfen -stehlen, wann die andere beide musten wachen. Das trieb ich so fort, -biß wir den Braunschweiger über den Mayn jagten und viel der Seinigen -darin ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte -und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, daß er solche -Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt hätte; dann ich nahme in der -Caracole[67] einen Major vom Gegentheil vor seinem Troupen hinweg, als -er die Charge redoupliren wolte; und als ihn einer von den Seinigen -zu erretten gedachte und mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf -losbrennete, daß mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn -dergestalt mit meinem Säbel, daß er noch etliche Schritte ohne Kopf mit -mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen war. -Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und in die Flucht gewendet -worden, mir auch der Major einen ziemlichen Stumpen Goldsorten samt -einer güldenen Ketten und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben -hatte, ließe ich meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und -lieferte ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die -zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs Ersaufen -und auf dem Land an ein grausams Niedermachen gieng; und alldieweil -noch ein jeder bei seinem Troupen bleiben muste, so viel immer möglich, -packte ich eine Gutsche mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher -weder Geld noch lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren -Kleidern und weißem Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines -Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich den Major gelassen hatte, -welcher sich schier zu Tod kränkte, daß er von einem solchen jungen -Weib gefangen worden. Da er aber sahe, daß so wol in meinen Hosensäcken -als in den Halftern Pistolen staken, die ich samt meinem Carbiner -dort wieder lude und fertig machte, auch hörete, was ich hiebevor bei -Wimpfen ausgerichtet, gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte, -der Teufel möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben! - -Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als mich und mein -Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten zu erschnappen, fande aber -den Obristleutenant von unserem Regiment dort unter seinem Pferde -liegen, der mich kante und um Hülf anschriee. Ich packte ihn auf meines -Jungen Pferd und führte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte -Gutsche, alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste. -Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol von -meinen Neidern als meinen Gönnern gelobt wurde. Beide Theil sagten, -ich wäre der Teufel selber; und eben damals war mein höchster Wunsch, -daß ich nur kein Weibsbild wäre. Aber was wars drum? Es war null -und verhümpelt[68]. Ich gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen -auszugeben, ob ich vielleicht dardurch erlangen möchte, offentlich -Hosen zu tragen und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte -ich aber durch meine unmäßige Begierden so viel Kerl empfinden lassen, -wer ich wäre, daß ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, was -ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen würden sonst ein anders von mir -gesagt und verursacht haben, daß es dahin kommen wäre, daß mich beides -Medici und Hebammen beschauen müsten. Behalfe mich derowegen, wie ich -konte, und wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es wären -wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die Männer gegen ihren -Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des Obristen Gnad erhalten und -von ihme wider meine Mißgönstige beschützt werden möchte, präsentirte -ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Gutsche mit samt den Pferden, -darvor er mir 200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem, -was ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte, -abermal in einer namhaften Stadt verwahrte. - -Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal noch belagert -hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten, sihe, da schlugen -Corduba und der von Anhalt abermal den Braunschweiger und Mannsfelder -bei Floreack, in welchem Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant -gefangen, von den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberläufer -mit seinem allerbesten Hals an einen Baum geknüpft worden, wordurch -ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu einer Wittib ward. Ich -bekam aber so ein Haufen Feinde, die da sagten, die Strahlhex[69] hat -den armen Teufel ums Leben gebracht, daß ich ihm das Leben gern länger -gönnen und mich noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, biß er gleichwol -anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, wann es -nur hätte sein können. - -FUSSNOTEN: - -[62] =dürmeln=, türmeln, taumeln. - -[63] =Lavor=, ~lavoir~, Waschbecken. - -[64] =Hegel=, Hag, Zuchtstier. - -[65] =Vortheil=, List. - -[66] =Gegentheil=, Gegenpartei, Feind. - -[67] =Caracole=, Schwenkung einer Schwadron auf die linke -oder rechte Seite. - -[68] =verhümpelt=, verpfuscht. - -[69] =Strahlhexe=, wie Blitzhexe, Wetterhexe. - - - - -Das neunte Capitel. - - Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will - und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird. - - -Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger je mehr -leiden[70] muste. Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen -gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl einer solchen Vettel -dienen!« - -Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein jeder sagte: »Nim -du sie! Ich begehr ihrer nicht.« - -Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also -thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe Leut und schlechte -Potentaten waren, die dorften sich nicht bei mir anmelden, so hätte -ich ohnedas auch keinen aus denselbigen angesehen. Ich empfande zwar -nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet; -aber doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. Ich wäre -gerne in eine andere Haut geschloffen[71], aber beides die Gewohnheit -und meine tägliche Gesellschaften wolten mir keine Besserung zulassen, -wie dann die allermeiste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer -zu werden pflegen. Ich putzte mich wieder und richtete dem einen -und andern allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen -anseilen und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war -schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage schon -allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei den Regimentern vorüber -ritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend Stimmen offentlich -ausgerufen, also daß ich mich schier wie ein Nachteule bei Tage nicht -mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äußerten[72] mich ehrliche -Weiber; das Lumpengesindel beim Troß schuhriegelte[73] mich sonst; und -was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt -hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch -ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen aufgegossen -ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach so in die Länge kein Gut -mehr thun werde. Etliche Officier hatte ich noch zu Freunden, die -aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre -Wollüste, theils mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber -machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der -mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner schämten, oder -daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen -Männern schädlich wäre, oder aber daß sie sich sonst, ich weiß nicht -warum, vor mir förchteten. - -Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß Regiment, -sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittirn, und konte -es auch um so viel desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe -Officier meiner vorlängst gern los gewesen wären. Ja ich kan mich auch -nicht überreden lassen, zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen -Leuten viel gefunden haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es -seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den -mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein paar -Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, daß -seine schöne Gutsche durch die Courage vom Feind erobert und ihm -verehrt worden sein solte. Daß ich den verwundeten Obristleutenant aus -der Battalia und Todsgefahr errettet und zu den Unserigen geführt, -darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht -allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich sahe, -mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht zu gedenken, -lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die -Officiersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter -dem ganzen Regiment, zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele, -und beides hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz -einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins -Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste Hazarde -erfordert, und darüber sonst manchen das Kalte Wehe[74] angestoßen -hätte. - -Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde als Freunde -hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es würde ein jedwedere -von meiner widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre -sonderbare[75] Manier eins anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit -darzu ereignet. - -O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen -unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein -jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts -hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes -Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es -Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76] -Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion -niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde -deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten -trauen dörfen? - -Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch -selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir -meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen. - -Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste -Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich -von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne -große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich -einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich -keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen -vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten -und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten, -wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und -wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines -untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. -Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und -beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber -niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man -eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man -einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich -sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen -unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war, -um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen -Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine -100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon, -und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites -Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert -und zuwegen gebracht habe. - -Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit -gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg, -was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte -ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie -mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte -abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen -meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte -oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen -in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die -Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben -darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese -den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese -ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet -sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose -Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie -mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und -brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß -mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein -gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider -meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und -meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der -Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen. - -FUSSNOTEN: - -[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben. - -[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=, -schlüpfen, kriechen. - -[72] =äußern=, ~trans.~ meiden. - -[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten. - -[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte -Fieber. - -[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche. - -[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in -Grimmelshausen's Schriften. - - - - -Das zehnte Capitel. - - Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen - andern Mann. - - -Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen, -dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was -sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich -(welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen -zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene -Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot -gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich -wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu -schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger -zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich -von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich -brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte, -den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich -so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon -haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es -mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese -gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein -Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren -hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob -mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe -fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte -sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor -dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich -meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit -leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch -lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein -unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde -sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir -fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen -wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar -todt wären. - -Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen -dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten. - -Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht -richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant -oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die -gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier -beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier -ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig -und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren -der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen -seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82] -und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen -Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die -türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von -ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie -hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer -aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst -ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er -sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen; -und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn -entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte -sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich -auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame -Mittel und Unterhaltung hergeben. - -»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen -Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei -Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr -durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.« - -Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte -doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so -schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich -keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit -meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter -sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch -auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, -daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns -vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen -so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich -huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue -Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr -und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 -Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach, -durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter -kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen -Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns -vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben -worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und -Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, -meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt, -ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern -wolte. - -Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam -ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. -Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer -im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen -getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich -bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu -ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich -selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten -Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man -sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im -Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und -wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel -zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, -welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen -wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß -er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die -Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines -Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt -und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein -gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst -nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und -nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen -Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel -geschwollen, dem must du schrepfen! - -Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich -und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem, -das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu -actioniren. - -Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth -seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor -einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der -Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so -weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und -ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten -waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er -aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige -versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte, -ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler, -die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in -stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das -Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich -Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, -darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht, -hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit -gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der -Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, -sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg -marschiern müsten. - -FUSSNOTEN: - -[77] =Geschlechter=, Patricier. - -[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben. - -[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen. - -[80] =verderben=, zu Grunde richten. - -[81] =Tummel=, Taumel, Rausch. - -[82] Vgl. die Einleitung. - -[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten. - - - - -Das elfte Capitel. - - Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder - unversehens zu einer Wittib. - - -Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein -Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß -ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem -Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie -und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen. -Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit -zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit -dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm -einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch -mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich -wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten -gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee -bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann -sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche -läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und -vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also -daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm -doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte. - -Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil -sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem -dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen -sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder -mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte; -mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd, -Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern -Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den -mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder, -wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!« - -»Warum?« - -»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.« - -Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk, -mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und -zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage -genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre. - -Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction -geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die -Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern -als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen -wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am -allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen, -sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein -Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen -hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in -Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von -vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng -zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke -Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern -trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe, -daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig, -jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen -Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als -biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte. -Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und -Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den -Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar -ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte, -vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie -trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal -gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die -Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel -zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von -denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und -Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht -in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches -wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel -nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil -wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr -Beuten zu machen. - -Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte -sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte, -und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag -und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen -niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser -Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder -nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber -gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen -Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs -in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in -meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem -besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten. - -Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90], -Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem -letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern -ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends -keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn -auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten -mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca -gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment, -welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch -verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen. - -Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly -dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark -mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer -verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die -Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen -Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend -Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf -und mich zu einer unglückseligen Wittib machte. - -FUSSNOTEN: - -[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen. -Vgl. die Einleitung. - -[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe. - -[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang. - -[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen. - -[88] =erben=, ~trans.~ beerben. - -[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil -Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland. - -[90] =Verden=, vgl. die Einleitung. - -[91] =behalten=, abhalten, trennen. - - - - -Das zwölfte Capitel. - - Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt. - - -Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und -uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also -ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück -derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem -Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit -meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand -erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da -nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem -Troupen hinweg. - -»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten, -den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß -du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters -unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!« - -Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick -entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn -allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere -Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen -Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher -alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese -Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir -hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier -den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich -von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch -dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern -er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg -genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham -resignirt und dänische Dienst angenommen. - -Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum -besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner -Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen, -worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud -sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit -sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen -sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund -herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als -daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu -werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch -deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters -zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß -meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam -contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal -gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar -nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich -überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui, -ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit -zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht -mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld -gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es -hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu -lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich -fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche -aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend -auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen -auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit -Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß -ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll -Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann -es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln -gegeißelt hätten. - -Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder -mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen -wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter -Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die -Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des -menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit -mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich -anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert -haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann -sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens -preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des -Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder -anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier -mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige -Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner -Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte -und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter -gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in -das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt -strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der -Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen. -Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum -so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu -schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die -Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen, -daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer -Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu -dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene -Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?« - -Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen, -fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach -mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von -ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94] -seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem -gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß -mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so -tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche -Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter -richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als -mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.« -»Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust? -Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?« - -Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten, -daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern -auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der -Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten -richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen; -dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit -mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch -alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen -vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien -Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu -tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich -einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner -Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner -Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin -unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner -Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und -Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte. - -FUSSNOTEN: - -[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen. - -[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib. - -[94] Vgl. die Einleitung. - - - - -Das dreizehnte Capitel. - - Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse, - und wie sie selbige wieder verloren. - - -Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb -erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer -kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als -auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier -auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu -erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer -gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil, -glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei -mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen -Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte. - -Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der -eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte. -Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein -Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen -Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich -seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er -mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner -worden wäre. - -»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein -Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz -und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders -begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum -Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren -elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der -Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum -Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder -solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich -glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95] -mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch -äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit -wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich -diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte, -zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits -wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht -zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel -tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin -gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen, -geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----« - -Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu -demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst -verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und -wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering -achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt -zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein -Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in -seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm -vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten -verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete -auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach -wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber -solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust -meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende -an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er -bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr -und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle -sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde, -keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden -Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes -Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an -zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre, -nach dem alten Reimen: - - Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, - Gleich als gieng es ihn von Herzen; - Sie pflegen sich nur so zu stellen - Und können weinen, wann sie wöllen. - -Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000 -Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und -mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber -er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich -nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie -er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es -eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten -brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann -ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß -sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß -sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann -nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt, -wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über -zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich -auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich -schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe; -doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte -Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden -tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet: - - Ein Schneider auf eim Roß, - Ein Hur aufm Schloß, - Ein Laus auf dem Grind -- - Seind drei stolzer Hofgesind. - -Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er -sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an -einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den -König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem -Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem -Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter -und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was -er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine -Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie -die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge -für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen -bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. -Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so -behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch -meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der -Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren -sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte. - -Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte -Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten -Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte, -mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen -gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn -allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären -derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber -weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit -erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht -allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann -mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst -revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe -und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98] -alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch -jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich -mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin -verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen -und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe. -Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines -Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben -brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich -nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich -lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann -solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja -sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich -war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so -Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg -führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang -nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen -würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der -Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde -gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und -Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt -worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug, -mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche -Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen -gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen? -Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf -ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die -verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von -einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen, -und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie -abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach -anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich -überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu -gewinnen. - -FUSSNOTEN: - -[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera, -Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, -~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von -Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt -wurde. - -[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen. - -[97] =Moger=, Mogor, Mogul. - -[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten -Bedeutung öfter bei Grimmelshausen. - -[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten. - -[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen. - -[101] =spannen=, abzielen. - - - - -Das vierzehnte Capitel. - - Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich - einem Musquetierer theilhaftig machte. - - -Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht -wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe. -Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich -glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte, -wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen -gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und -der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem -Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger -so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten. -Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche -Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich -zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage -biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig -verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir -mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna -nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so -muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte -mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und -bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und -unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte -und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen -ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und -hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht -zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen -er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also -daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich -vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden, -woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter -welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann -damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen -glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß -aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch -Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und -solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage -zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters -Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am -allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus -machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große -Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht -werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches -noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von -Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den -Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete -Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf -seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein -Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir -hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit -zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals -Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal -und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein -Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber -mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein -anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn -der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch -etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der -Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern -seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte -diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus -Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen -gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder -zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so -exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie -weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre. -Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er -war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal -eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten -Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe, -daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem -Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf -meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den -andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit -allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl -brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an -Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar -kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten, -und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern -Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt -seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den -Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit -Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin -gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein -Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment -geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war. - -So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween -Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten, -dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in -einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen. -Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so -hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn -die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend -eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt -und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich -mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen -erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als -welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen -ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen -auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und -zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre -scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden, -sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in -jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins -davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war -stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so -wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem -Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel, -eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen, -einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul -kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch -zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame -Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter -uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten, -begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein -jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano -beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach -und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf -und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß -er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu -laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen -entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend. - -Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen -befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner -Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als -daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu -diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was -sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann -auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich -der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes -Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher, -wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt, -er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen -helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit -käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine -erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen -nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu -sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe -ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub, -und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen -wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch -des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto, -Altringer und Gallas in Italia zu gehen. - -FUSSNOTEN: - -[102] =Stormarn=, im südlichen Theil Holsteins. - -[103] erbitten, losbitten. - -[104] =hechel=, heikel. - -[105] =überzwergs=, quer. - - - - -Das fünfzehnte Capitel. - - Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben - einander versprochen. - - -Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich -damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg -richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von -meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir -den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder -auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106] -und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend -weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier -gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine -Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment, -darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man -mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich -wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig -gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil -unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell -auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen -gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das -Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib. -Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr -Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder -neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich, -weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich -vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer -langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige -Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden -Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und -vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen -Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich -sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er -aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken, -war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte -ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, -eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und -Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu -vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem -Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie -ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen -möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen -und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in -meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr -oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin -eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich -damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde, -sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in -meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu -schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag. - -Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen -Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es -mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das -geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem -Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe -so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen -und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte. -Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste -Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte, -erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau -Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr -mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß -sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich -in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen -Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden -genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.« - -Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch -deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken. -Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir -in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen -Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch -gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«, -antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann -da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit -an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr -sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum -Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer -Gefährlichkeit errettete.« - -Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann -ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte. - -»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was -habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«, -antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen -Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich -kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der -geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter -verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft -genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich -beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine -Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten -Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung, -noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine -Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen -werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück -und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie -glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.« - -Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch -sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er -selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch -kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern -Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig -und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei, -mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen. -Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein -Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch -selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr, -daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich -eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir -nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen -solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar -erfunden werden.« - -»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so -wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt -schätzen.« - -Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu -gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr -gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt. -Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung -der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden -möchtet?« - -Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er -mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von -deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens, -die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur -zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden, -daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher -in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner -Libertät ohne mich leben würde. - -Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen, -dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben, -da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet, -wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen -unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch, -den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir -ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß -Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was -er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du -erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen -erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du -ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen -brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten -versprach. - -Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer -Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin -sein möchte. - -Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer -Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben -desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum. - -Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen -nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm -befruchtet. - -Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die -Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur -selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann -das Gebiet[113] über sein Weib habe. - -Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern -noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern -Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst -Ehemänner zum Eifern[114] verursachte. - -Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben, -solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft -wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig -vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn -selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern, -wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa -er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen -werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte -Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben -wir einander. - -Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte -er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen -nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden -solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde. - -Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen, -bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal -nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich -hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu -Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit -dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag -getrieben hätte. - -FUSSNOTEN: - -[106] =haushäblich=, angesessen mit einer eigenen Haushaltung. - -[107] =witzig=, verständig. - -[108] manchen Gang um mich that. - -[109] =bastant=, genügend. - -[110] =entzucken=, entrücken. - -[111] =erläutern=, erklären, ausführlich darstellen. - -[112] =erworgen=, ~intr.~ ersticken, umkommen. - -[113] =Gebiet=, Herrschaft. - -[114] =zum Eifern=, zur Eifersucht. - -[115] =mit dem Judenspieß laufen=, wuchern und schachern. -Vgl. Simplicissimus, ~II~, Cap. 25 (Th. ~I~, S. 69). - - - - -Das sechzehnte Capitel. - - Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten. - - -Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen, -worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch -oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich -die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja, -wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit, -solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen, -daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe, -was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr, -er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste -Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter, -die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen -wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116] -als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld -zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann -ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich -mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig -angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit -soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann -ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander -gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung -durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen -von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war -und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten -eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken -geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz -und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum -nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd -zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun -mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben -Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war -das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob -er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich -fragte allbereit um ~s. v.~[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem -Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr -Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und -gleich baar bezahlen.« - -Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen -ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir -den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten. -Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich -wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er -ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der -Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten -halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der -Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein -&c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr -geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte. -Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120] -den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du, -Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten -Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein, -die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und -sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner -Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger -als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und -Kernessig[121] sein mag. - -Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften -nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug -bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war, -discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, -und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen -solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er -nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte -mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber -Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen -unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können, -wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich -solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein, -und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht -unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen -Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur -Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir -nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe -mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern -Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das -Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er -nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte -er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte -ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.« - -Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine. -Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung -nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und -womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich -das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens -zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst, -und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.« - -»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und -höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit -zu erfahren.« - -Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht, -wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein -Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er -konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, -daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen -mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht -besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in -Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren -würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan -ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß -zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander -so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter -versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand -einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu -hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war -Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er -muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war -ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte -als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei -dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt -waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession -und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein -behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden -Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück -von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich -rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann -an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und -reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld -samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern -die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in -Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen -dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und -in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller -Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste, -wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen -Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt -den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin, -daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich -meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung -hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und -Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen -aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit -weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber -verloren haben. - -FUSSNOTEN: - -[116] =geizig=, gierig. - -[117] =nisteln=, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im -Allgemeinen: sich zu schaffen machen. - -[118] ~s. v. salva venia.~ - -[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied, -das noch nicht wieder aufgefunden worden ist. - -[120] =Heuratsnotul=, Ehecontract. - -[121] =Kernessig=, =ausgestochener Essig=, ein ausgemachter -Schelm. Vgl. Simplicissimus, ~I~, Cap. 18 (Th. ~I~, S. 77). - -[122] =sich entblöden=, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten. - -[123] =trutzen=, ~trans.~ Trotz bieten. - -[124] =Ists um diese Zeit=, verhält es sich so. - -[125] =Schmiralia=, von schmieren, Bestechungen. - - - - -Das siebzehnte Capitel. - - Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie sie sich - deswegen wieder rächete. - - -Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden -Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan -noch der Schwein hütetest und ehe du geschickt genug warest, anderer -Leute Narr zu sein, und hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich -im Saurbrunnen betrogen. Nach der ersten Mantuanischen Belägerung -bekamen wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo -es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng kein -Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage fand, und wo sie -sich einstellete, da galten die italiänische Putani[126] wol nichts, -dann bei den Italiänern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den -Teutschen konte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich -viel zu freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch -nicht so gar hoffärtig und theuer, und hatte sich niemands keines -Betrugs von mir zu besorgen, von dem aber die Italiänerinnen dichte -voll staken. Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den -welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und mich -hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen mir setzte. -Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die -berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte. -Solches Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte -mir derowegen wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß -etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen -wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, daß sie endlich -den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine solche liebliche Stimm über -Tafel hören ließen, daß ich mich deren schämen muste. Und sobald sie -die Thür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen Ungestüm -nach einander heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter -eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde, -um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung allererst -rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder -zehen, wiewol sie so geschwind auf einander folgten, daß sie niemand -zählen konte. Und ich glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der -Gebühr nach fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer -geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich -darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur eine halbe -Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter mehr Qual von dem -Lachen, als ich von dem continuirlichen Trompeten erlitten. - -Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf und wolte vor -Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät auch mein Gastherr, als -der mich zu etwas anders, als diese schöne Music zu halten, zu sich -kommen lassen, hoch und theuer schwerend, daß er diesen Affront rächen -wolte, wann er nur erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und -Ameiseneier-Köch[127] diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich -aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel -angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit den -blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte tödten wollen, -biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, daß obengedachte -Kürschnerin damit umgehen könte, und weil er sie unten im Hause -gesehen, müste er gedenken, daß sie irgends von einer eifersüchtigen -Damen gedinget worden, mich einem oder andern Cavalier durch diesen -Possen zu verleiden; maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen -einem reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner -Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute -Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich -auf eine schleunige Rach, die ich aber weder offentlich noch grausam -ins Werk setzen dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das -Land dem Feind abgenommen) gute Ordre halten musten. - -Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich nit anders -hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, als erkundigt -ich derjenigen Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und -Wandel, Thun und Lassen auf das genaueste, als ich immer konte. Und als -mir ein Fenster gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr -wolten, Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden -Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders meiner noch -fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, und zwar auf -solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen vorschriebe; dann mich -däuchte, es wäre billich, weil sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß -ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und -solches geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit -dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen durch -M. Asmussen[128], deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine -Stange oder Schwinggerten, damit man die Nüß herunter schlägt oder -die Rauchcamin zu säubern pflegt, angebunden und von dem einen bei -finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an -ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das -Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der Speck beides -Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien -besudelte, nach welchem Streich sowol der Leffler als Executor darvon -liefen und die Hur am Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte. -Die Kürschnerin bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar, -und solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen -zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell aus der Insul -Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch kein Abschrötlin von dem -Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen ließe, es wäre gleich vom -Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner -Haar oder Woll blutt[129] hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so -ein paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld darum, -welches ihm auch etwas zu bröslen[130] ins Haus verschaffte; und wann -es gleich langsam und gering kam, so kam es doch wol zu seiner Zeit. -Solches wurde ich von einem andern Kürschner innen, der mir denselben -Winter einen Pelz fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll -und Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser[131] -daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer -Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren, -ließe ich sie einem von meinen Jungen dem Kürschner unten um sein -Secret herum streuen, als welches ziemlich weit hinaus offen stunde. -Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese Klumpen Haar und Woll -sonder[132] liegen sahe und sie vor die seinige hielte, konte er sich -nicht anderst einbilden, als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt -und zu Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern, -gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und -verloren hätte, und weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und -noch darzu trutzige Wort gab, schlug er sie so lederweich, als gelind -er sonst anderer wilder und bissiger Thieren Felle bereiten konte, der -heimischen Katzenbälg zu geschweigen, welches mich so wol contentirte, -daß ich keinen Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte. - -Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens das Recept -verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein so variable Stimme -erheben müssen; dann er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise -genossen, so die Würkungen haben sollen, einen Lärmen zu erregen, -wie ich allererst einen erzählet. Weil er aber bei hohen und niedern -Officiern wol dran war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die -den italiänischen Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, ich -auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder morgen in die Kur -kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben; gleichwol -wolte und konte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in -der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwol sie auch -andere riechen musten, da gleichwol sie selbst schon verdauet waren. -Er hatte einen kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin -er allerhand Waar enthielte[133], die zu ihrer Aufenthaltung[134] -einen solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus -dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, durch einen -langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande, mit dem andern -Ende aber zum Kellerloch hinein henken und also das Brunnenwasser -die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen ließe, daß -der Keller am Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen -etliche Fäßlein Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war; -was aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, zu -verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder hinweg nehmen -ließe, vermeinte jederman des Morgens, es wäre entweder im Keller eine -Quell entsprungen, oder dieser Posse seie dem Apotheker durch Zauberei -zugerichtet worden. Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so -wol ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine -verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, daß der -Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten -mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzerin genant, weil -ichs besser als andere gekönt. - -FUSSNOTEN: - -[126] =Putani=, ital. ~puttane~. - -[127] Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's »Ewigwährendem -Calender« empfohlen. - -[128] In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erklären -mag. - -[129] =blutt=, mhd. ~blut~, leer, bloß, rein. - -[130] =bröslen=, brocken, einbrocken. - -[131] =Schermesser=, sehr uneigentlich so genannt, vgl. -Simplicissimus, ~IV~, 11. - -[132] =sonder=, einzeln, zerstreut. - -[133] =enthalten=, aufbewahren. - -[134] =Aufenthaltung=, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung. - - - - -Das achtzehnte Capitel. - - Gar zu übermachte[135] Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage. - - -Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, thät mir so -sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; und gleich wie es -mir allbereit eines Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschehe, -also fieng ichs auch an nicht zu achten, ob es mit Gottes oder des -Mammons Hülf besser prosequirt werden möchte. Einmal[136] es galte mir -endlich gleich, mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was -für einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, wann -ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld muste einen Roßtäuscher -abgeben, und was er nit wuste, das must er von mir lernen, in welcher -Profession ich mich tausenderlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge -gebrauchte. Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, -geschweige des Zinns, Kupfers, Getüchs[137], der Kleidung und was es -sonst sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder -gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß ich -nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer nicht wuste, -wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es gewonnen, wie -er wolte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir wie zu einem Juden, -die den Dieben getreuer sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit, -selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem -Materialistenkram gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir -hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum auch -einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit -demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt war. Hingegen muste -ich auch spendiren und schmieren, um mich und meine Hantierungen zu -beschützen. Der Profoß war mein Vatter, seine alte Mär (seine alte -Frau, wolt ich sagen) meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau -und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem -demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine -Handelschaft einbüßen mögen. - -Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte sagen, so -ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musquet -getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen Gläslein, welches -nicht recht einer Spinnen und auch nicht recht einem Scorpion gleich -sahe. Ich hielte es vor keine Insect oder lebendige Creatur, weil das -Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte -erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck -eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch -ein Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung -vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas regte und herum -grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen -anbote, fragte ich: »Wie theuer?« - -Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden -darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein darzu schenken. Er aber -sagte, die Bezahlung seie allbereit zu Genügen geschehen, welches mich -an einen solchen alten Weinbeißer verwunderte und verursachte, ihn zu -fragen, warum er einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im -Kauf zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte. - -»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie mit -anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf, -vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie diß Kleinod wieder -hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, als sie es selbsten -erkauft hat.« - -Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen.« - -Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so -hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in Händen und noch keinen -Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um 3 Kronen kauft und um 2 wieder -hingeben.« - -Diß Ding war mir ein Gesäg[138], darein ich mich nicht richten konte -oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil ich ein satten -Rausch und[139] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der -Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus, -oder (lieber Leser, sag mir selbst, was ich sagen sol!) ich wuste nit, -was ich mit dem alten Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns -genug zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß mir -andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein -Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, machte mich so sicher, -daß ich mein erkauften Schatz einsteckte. - -Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich meinen -Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß wissen, daß ich -allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte mich gleich, welcher -Gestalt ich das Ding kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen -raren und lieben Sachen, als Ringen, Kleinodien und dergleichen, -um solches aufzuheben, biß mir etwan ein Kunstverständiger an die -Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich -aber ungefähr[140] unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande -ich dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem -Hosensack, welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein -Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß ich mich -fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe mir aufstieße, -fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben hätte, erzählte ihm -darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit zugetragen, und bat ihn, -er wolte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es -umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau -Courage, es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der -ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu -erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer -Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosperität. Er -macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen -Feinden geförchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn -verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß. -Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und bringt -zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.« - -In Summa der alte Lauer[141] schnitte mir so einen Haufen daher, -daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus mit seinem -Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol einbilden können, daß -der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst geben würde, -so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun -müste, dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere -Leute in Gestalt eines Galgenmännels[142] bestehlen, das sogenannte -Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg -verehren müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier gar -nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem -solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich sagte: Es wird ohne -Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er solte mir -nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr -und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen -Dienste ohne andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau -Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß ihrs nämlich -um geringern Preis hingeben solt, wann ihr dessen Diensten müd seid, -als ihrs selbsten erkauft habt, welches ich euch gleich damals, als ihr -mirs abgehandelt, nicht verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die -Frau von andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs. - -Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, mein -Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud -Salomonis[143]; ihr vertrauet ich alles, und also auch was mir mit -dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, antwortet sie, »es ist -ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet, was euch der -Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß, -wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne -Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und -Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er sich nicht anderst als je -länger je wolfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Käufer zu -theil werden müsse. Und ihr, liebe Tochter, stehet in großer Gefahr, -weil ihr ihn zum allerletzten zu verkaufen habt; dann welcher Narr -wird ihn von euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern -eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?« - -Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm genug bestellt -war; doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die -Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt, -daß ich alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst -dieser Hülfe, dieses Beistands und dieser glückseligen Accantage[144] -genießen, so lang du kanst; indessen findest du wol einen -leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim schweren Trunk -oder aus Armuth, Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus -Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen -Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt. - -Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß und Form, -wie es mir beides von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen -oder angenommenen böhmischen Mutter beschrieben worden. Ich verspürte -auch seine Würkung täglich; dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins -auszapfte, vertrieb ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal -meinen Trank oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit -aus. Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe -war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht -aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. Kam ich in ein -Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder daß es sonsten ein Herberg -oder verlassene Wohnung war, darin sonst niemand wohnen konte (maßen -man die Marquetenter und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren -pfleget), so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß -nit durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu -finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen &c. -Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche waren, die der Courage -nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachten, ja verfolgten -als ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem größeren ~lumen~ -erleuchtet, als ich von meinem ~flamine~[145] bethört gewesen. Solches -machte mich zwar witzig und lernete mich durch allerhand Nachdenken -philosophiren und betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber -allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern -dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und nichts zum -Fundament zu raumen[146] gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde, -wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich dir zum Ueberfluß, dein Lob zu -bekrönen, weil du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer -Damen im Saurbrunnen genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal -kantest. - -Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja so groß, daß -ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete. - -Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas -nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen das Verkehren -spielten, so wärest du mir weniger ins Netze gerathen als diejenige, -die im Schutz Gottes waren, da ich den Spiritum familiarem hatte. - -FUSSNOTEN: - -[135] =übermacht=, übertrieben. - -[136] =einmal=, kurz, überhaupt. - -[137] =Getüch=, Tuchwaaren. - -[138] =Gesäg=, Gerede. - -[139] =und= fehlt in allen Ausgaben. - -[140] =ungefähr=, zufällig. - -[141] =Lauer=, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein -Lauer. - -[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die -Einleitung zum »Simplicissimus«, S. ~LXV~. - -[143] =Sabud Salomonis.= Sabud, der Sohn Nathan's, des -Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5. - -[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen -Avantage, Vortheil. - -[145] =~flamen~=, es ist wol gemeint: geistiger Hauch, -geistiges Wesen. - -[146] =raumen=, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege -schaffen. - - - - -Das neunzehnte Capitel. - - Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu seiner - Perfection kommen. - - -Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. Nicht nur ich -gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein Springinsfeld, den du -allerdings vor deinen besten Cameraden und vor einen braven Kerl in -deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, muste mir auch folgen. Und was -wolts gehindert haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein, -sintemal andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer -(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier fromme Männer -gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, ich will nicht -sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen -Accord eingangen, wie Springinsfeld gethan? Höre die Histori! - -Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in -eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und -in unser Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen -nicht allein ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen -Bürger zu schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau[147] -meinen Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel -herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder Jehu[148] -verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine Kirche, weil ich -mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden in Italia an solchen -heiligen Oertern gestiftet und zu Faden geschlagen[149], aus Ursach, -daß man die schöne Weiber daselbsten, so liebeswürdig zu sein scheinen, -sonst nirgends hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu -stehen, mit deren Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte[150], -weil mich derjenige nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen -Blick schenkte. Ich gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie -mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir -einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß ich mich -zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht unter dem -ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich -mein Springinsfeld auch ein; ich weiß aber darum nit warum, kan auch -schwerlich glauben, daß ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann -ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn -noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten -eingepflanzt. Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und -kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben solte, -wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen -Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft werden möchte. - -Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer Diener und -hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre, -der sein Palatium an dem Markt stehen hätte; ich hingegen sagte ihm -ausdrücklich, daß er fürderhin weder meiner Huld länger genießen noch -meinen Leib einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er mir -zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber sichere Anschläg, -Mittel und Gelegenheit an die Hand geben wolte. Er kratzte sich zwar -hinter den Ohren und entsetzte sich vor meinem Zumuthen als wie vor -einer unmüglichen Sach; aber da es lang herum gieng[151], erklärt er -sich, meinetwegen in Tod zu gehen. - -Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie -einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu, und -vielleicht besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selbsten zu -einem solchen Ausbund worden, wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt -hätte. - -Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen -Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein Gewehr und -einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder Kästen zu öffnen, wo -ich zukommen konte. Ich ließe denselben Stiel inwendig hohl drehen in -gemessener Weite, daß ich entweder Ducaten oder eine Schiedmünz in -selbiger Größe hinein packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer -jederzeit bei mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte, -oder ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig -mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll, -deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der Hand hätte. Da -er fertig, probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern[152], die -ich zu mir genommen, solche um ander Geld zu veralieniren. Die Hohle -meines Stabs hatte eben die Weite ihres Bezirks[153], doch also eng und -beschnitten, daß ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste, -doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen -laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil -ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß wann die Lutzer -gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des -Stiels an Statt eines Steckens zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich -mich darauf steuerte[154], etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben -klunkerten und ein dünsteres[155] Geklingel machten, welches seltzam -und verwunderlich genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön -rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem -Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, welcher -Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln solte. - -Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine Parücke auf, -wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel und thät zween -ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen der Damen Palatio hinüber -stunde und das Haus vom Fundament an biß übers Dach hinaus beschauete, -gleichsam als ob ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen -Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit -dem man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch sonst -im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum vagiren und auf -meinen Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner nothwendig -bedörfte, dann der Vogel redete so gut italiänisch als teutsch, welches -aber jener nicht konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier -ohnnöthig zu nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in -wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder wol gar auch -zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich ein stark Gegitter vor -einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld noch nicht -abließe, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe, -da schickte angeregte Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines -continuirlichen Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften -hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour kommen und -dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er -nicht allein zu erheben, sondern auch eine ganze Stadt damit reich zu -machen getrauete. Hierauf ließe die Dame beides den Springinsfeld und -den Tambour zu sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem -verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große Begierden -geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor -einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. »Nein«, antwortet -der Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt, -und hält sich nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene -Sachen finde, hat auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten -Schlössern ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen -gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, ihme, Tambour, gar -nicht bekant. - -In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen[156] und -beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen solte. Er begehrte -zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber zündete das dritte an, -welches er bei sich hatte und vermittelst eines messenen[157] Drahts, -der durch die Kerze gieng, ausleschen konte, wann er wolte. Mit diesen -dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld -und der Tambour im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht zu -Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge, -da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel -also processionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da -sie hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich -in den Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem ~A. R.~[158] -befeuchtet hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er -seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er sein Liecht aus. - -»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der Schatz -eingemauret.« - -Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug etlichmal -mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die Lutzer nach und nach, -so manchen Streich er an die Mauer thät, herunter rollten und ihr -gewöhnliches Getön machten. - -»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet[159], -welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist zeitig und muß -ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel gehet, sonst wirds -künftig vor Verfließung anderer sieben Jahr umsonst sein.« - -Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid geschworen hätten, -das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, als stellten sie meinem -Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame begehrte an ihn, er -wolte um die Gebühr den Schatz erheben, wolte auch gleich um ein -Gewisses mit ihm accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege -in dergleichen Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was man -ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch dabei bewenden mit -Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn wolte, daß er damit -zufrieden sein würde. - -Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte -Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen -Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild -beides in ihrem jungfräulichen und fräulichen Stand am Halse getragen -hätte; zweitens solte er alleinig in den Keller geschlossen oder -versperrt, und von der Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen -werden, damit sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach -versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand -gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. Hierauf gab -man ihm und dem Tambour eine Collation und ihme, Tambour, wegen seines -Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen -herbeigeschafft, nach solchen Springinsfeld in Keller verschlossen, -woraus unmüglich schiene, einen Kerl zu entrinnen[160], dann das -Fenster oder Tagelicht, so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch -und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. Der -Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und mich -allen Verlauf berichtete. - -Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin -die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das -Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg gebrochen, ließe ich ein -Seil hinunter zu meinem Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt -aller Zugehör zu mir herauf, da ich dann auch den verlangten schönen -Smaragd fande. - -Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück, -welches mir so wol abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den -Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber -spazierte den Tag nach vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der -Stadt herum, die sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man -unter den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun sihe, -Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität durch -mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir auch dieses -nur zum Exempel, dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück sagen -solte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich -wetten, es würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen[161] seind, die -Zeit zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie du deine -Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer und lustiger Buch -abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. Doch will ich dich noch ein -kleines lassen hören. - -FUSSNOTEN: - -[147] =Cyprianische Jungfrau.= Justin., ~Hist. XVIII.~ -cap. 5, erzählt, Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros -achtzig Jungfrauen geraubt, die nach der Sitte des Landes an das Ufer -des Meeres geschickt worden waren, um sich dort ihre Aussteuer zu -verdienen. - -[148] =Jesebel=, die Gemahlin Ahab's. Jehu, der das Haus -Ahab's ausrottete. 2 Könige 10. - -[149] =zu Faden schlagen=, vom Schneiderhandwerk, ein -Stück mit losen und weiten Stichen zusammennähen, in Norddeutschland -=reihen=, dann von dem Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz -ist =auswirken=, die Arbeit fertig machen. Beide Ausdrücke gebraucht -Grimmelshausen im übertragenen Sinne, selbst z. B. vom Essen. - -[150] =eifern mit=, eifersüchtig sein auf. - -[151] =da es lang herumgieng=, nachdem die Sache länger besprochen -worden war. - -[152] =Lutzer=, Blutzer, schweizerische Scheidemünze. - -[153] =Bezirk=, Umfang. - -[154] =steuern=, stützen. - -[155] =dünster=, düster, dumpf. - -[156] =die Glock gegossen=, sprichwörtlich: die Sache abgemacht. - -[157] =messene=, von ~mësse~, mhd., Bronze; diese alte Form -steht hier für messingene, welche Metallmischung um die Mitte des 16. -Jahrh. erfunden wurde. - -[158] ~A. R. Aqua Regis~, Königswasser, Goldscheidewasser. - -[159] =verblüht=, ausgeblüht, gezeitigt zur Hebung. - -[160] Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben, -~Accus. c. infin.~ daß ein Kerl entrinne. - -[161] =Schosen=, ~choses~, Sachen. - - - - -Das zwanzigste Capitel. - - Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Italiäner bestohlen. - - -Als wir uns versahen, wir würden noch lang vor Casal liegen bleiben -müssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern ihrer viel baueten -ihnen auch sonst Hütten aus andern Materialien, sich desto besser -in die Länge zu behelfen. Unter anderen Schacherern befanden sich -zween Mailänder im Lager, die hatten ihnen eine Hütte von Brettern -zugerichtet, ihre Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren, -welche da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst -allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten zu -Roß und Fuß. Diese thäten mir meines Bedunkens viel Abtrag[162] und -Schaden, indem sie nämlich von den Kriegsleuten allerhand Beuten von -Silbergeschmeid und Juweln um den halben, ja den vierten Theil ihres -Werths erhandelten, welcher Gewinn mir zum Theil zukommen wäre, wann -sie nit vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs -wenigst zu wuchern[163], weil in meiner Macht nit stunde, ihnen das -Handwerk gar niederzulegen. - -Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer Waar, und dasselbige war -auch zugleich ihr Gaden[164]; oben auf dem Boden aber unter dem Dach -war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen, wohinauf ungefähr sieben -oder acht Staffeln giengen; und durch den Boden hatten sie ein offenes -Loch gelassen, um dadurch nicht allein desto besser zu hören, wann -etwan Mauser einbrächen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe -mit Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen -waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Thür ohne sonderlichen -Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag gar gering[165]. -Mein Springinsfeld muste mir eine Welle scharfer Dörner in Mannslänge -zuwegen bringen, woran auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich -füllete eine messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen -wir beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf war. -Die Thür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine Kunst, weil ich -zuvor alles fleißig abgesehen; und da solches vollbracht und geschehen, -stackte Springinsfeld die Dornwell vor die Stiegen, als welche vor -sich selbst keine Thür hatte, von welchem Geräusch beide Italiäner -erwachten und zu rumpeln anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, daß -sie zum ersten zu obigen Loch herunter schauen würden, als dann auch -geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so voller -Essig, daß ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick vergieng; der -ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die Stiegen hinunter und wurde -von der Dornwell so unfreundlich empfangen, daß er gleichwie auch -sein Camerad in solcher unversehenen Begebenheit und großem Schrecken -sich nichts anders einbilden konten, also es wäre eitel Zauberei und -Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein Dutzet -zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit fort gemacht, -ich aber ließe mich mit einem Stück Leinwat genügen, drehete mich damit -aus und schlug die Thür hinter mir wieder zu, die beide Welsche also -in ihrer Anfechtung hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die -Augen noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu handeln -gehabt haben wird. - -Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den Springinsfeld -nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie gehöret, nicht aus Noth -oder Mangel, sondern mehrentheils darum, damit ich mich an meinen -Widerwärtigen[166] revangiren möchte. Springinsfeld aber lernete -indessen die Kunst und kam so meisterlich in die Griff, daß er sich -unterstanden hätte, alles zu mausen, es wäre dann gar mit Ketten -an das Firmament geheftet gewesen, und ich ließe ihn solches auch -treulich genießen, dann ich gönnete ihm, daß er einen eigenen Säckel -haben und mit dem halben gestohlenen Gut, maßen wir solche Eroberungen -miteinander theilten, thun und handeln dörfte, was er wolte. Weil er -aber trefflich auf das Spielen verpicht war, so kam er selten zu großem -Geld; und wann er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa -zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die Länge nicht in Possession, -sintemal ihm sein unbeständig Glück das Fundament zum Reichthum durch -den unbeständigen Würfel jederzeit wieder hinweg zwackte. Im übrigen -verblieb er mir ganz getreu und gehorsam, also daß ich mir auch keinen -bessern Sclaven in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte. Jetzt höre -auch, was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich mich -endlich wieder von ihm geschieden. - -FUSSNOTEN: - -[162] =Abtrag=, Abbruch. - -[163] =wuchern=, reichlich vergelten. - -[164] =Gaden=, Laden. - -[165] =gering=, leicht, anstellig, schlau. - -[166] =Widerwärtige=, Gegner, Feinde. - - - - -Das einundzwanzigste Capitel. - - Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen. - - -Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen wurde, muste unser -Regiment von Casal hinweg und auch in die Mantuanische Belägerung. -Daselbsten liefe mir mehr Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen -Läger, dann gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche, -also bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich mein -Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergrößerte, so daß -ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in die teutsche -Reichsstädte übermachte, bei welcher glücklichen Prosperität, großem -täglichen Gewinn und genugsamem Ueberfluß, dessen ich und mein Gesindel -genossen, da sonst mancher Hunger und Mangel leiden muste, mein -Springinsfeld anfienge allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er -wolte eine tägliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu -saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen, und ließe -allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und die Gelegenheiten, -sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein gut Jahr haben. Ueber das -hatte er auch etliche ungerathene und verschwenderische Cameraden an -sich gehenkt, die ihn verführten und zu allem demjenigen untüchtig -machten, worzu ich ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise -abgeführet[167] hatte. »Ha«, sagten sie, »bist du ein Mann, und läst -deine Hur beides über dich und das Deinige Meister sein? Es wäre noch -genug, wann du ein böses Eheweib hättest, von deren du dergleichen -leiden müstest. Wann ich in deinem Hemd verborgen stäke, so schlüg ich -sie, biß sie mir parirte, oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.« - -Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen und Verdruß -und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte -ins Feld springen machen, ohne daß ich mich im geringsten etwas -dergleichen gegen ihm oder seinem Anhang hätte vermerken lassen. -Mein Gesind, darunter ich auch vier starke Tremel[168] zu Knechten -hatte, war mir getreu und auf meiner Seiten; alle Officierer des -Regiments waren mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir -wol und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles -noch mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu -meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich -stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. Ich wuste wol, daß -der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur ~pro forma~ repräsentiren -muste, das Haupt meiner Marquetenterei darstellte, und daß ich unter -dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß -ich bald ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir -mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm täglich Geld, -beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß ich die Beständigkeit -seiner vorigen Verhaltung bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer, -verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich -dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel -dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem -Wort, daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; dann -ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden und verdienet, -zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, daß ich mich weder -um ihn noch die Marquetenterei, ja um den ganzen Krieg, und was ich -noch darin kriegen und hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber -ich weiß nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden -zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu begehren, oder -ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamer Weis -fortfuhre, dann er stellte sich gar freundlich und demüthig und gab -mir niemalen kein sauern Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste -sein Anliegen wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte -aber aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen wider -mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte sichs endlich -wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen wir dann, es sei -ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von einander kamen. - -Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit -einem Rausch heimkommen war. Sihe, da schlug er mich mit der Faust von -allen Kräften ins Angesicht, daß ich nicht allein darvon erwachte, -sondern das Blut liefe mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus, -und wurde mir von selbigem Streich so törmisch[169] im Kopf, daß mich -noch Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. Da kan -man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine andächtige -Letenei[170] vorbetete. Ich hieße ihn einen Mörder und was mir sonst -noch mehr von dergleichen ehrbaren Tituln ins Maul kommen. Er hingegen -sagte: »Du Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab es ja -redlich gewonnen!« - -Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich zu schaffen -hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im Bette aufrecht zu -sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit einander zu ringen. Und weil -er noch fort und fort Geld von mir haben wolte, gabe ich ihm eine -kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum -Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter -und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten -und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um zu sehen, was da -zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen -vom Stab, als welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den -Marquetentern logirt werden, nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß, -Regimentsquartiermeister, Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel -und dergleichen; denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der -Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne einige Schuld und -Ursach tractirt. Mein angehender[171] milchweißer Busem war überall mit -Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte mein -Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten -gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß -man die Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme -kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts -jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die Ursach unserer -Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf -erzählte, vermeinte der ganze Umstand, Springinsfeld müste unsinnig -worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung -seiner Cameraden und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die -Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein -vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten[172], -und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen[173], grabelte -Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das -bei des Oberisten Bagage brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu -ersinnen und vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen -Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß er nicht vor -mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und die vorige Huld und Gnad -wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die Ohren und wolte -ihn weder wissen noch hören, biß endlich unser Obristleutenant von der -Rund darzu kam, gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu -schweren, daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen, -allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz[174] auf dem Spiel gestandenen -Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und -wider seinen Willen und Meinung seine liebe unschuldige Frau im Schlaf -getroffen. Der Obristleutenant war ein Cavalier, der mich und alle -Huren wie die Pest haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit -ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit -ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wolte mich -zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten verdient, mit -Ruthen aushauen lassen. - -Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter gibts[175] -nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet nichts; bist -du gleich Obristleutenant und beides vor meiner Schönheit und meinen -Verehrungen schußfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als -einer, die sich gar gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben. - -Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld aber auch, -als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen würde, so wolte er -ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was er bei Nacht zu -zweien malen gegen mir gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht -wieder kommen würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten -den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen -Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann[176] zu geben, aber -über dessen Procedere[177] wir uns hinter den Ohren zu kratzen würden -Ursachen haben. Also giengen wir wieder mit einander zu Bette und -hatten beiderseits unsere Stöße, maßen ich dem Springinsfeld so wenig -gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit -großen Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären, -derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle -bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der -empfangene Streich, oder vielmehr daß ich seiner gern los gewest wäre, -entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. Ja ich gab ihm auch den -andern Tag nicht allein kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum -Saufen, und sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die -Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft damit zu -treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche solche so Tags -so Nachts wol eingenähet auf ihrem bloßen Leib tragen muste. - -FUSSNOTEN: - -[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum -Schlechten. - -[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel. - -[169] =törmisch=, schwindlig. - -[170] =Letenei=, soll heißen Litanei. - -[171] =angehend=, sich hebend, schwellend. - -[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen. - -[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen. - -[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz. - -[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben. - -[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit, -Schiedsrichter. - -[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren. - - - - -Das zweiundzwanzigste Capitel. - - Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit - sie ihn zur Letze[178] begabt. - - -Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit -an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der -Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen -den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach, -gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt -werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya -und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in -Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so -wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre. -Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und -die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen -Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem -Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten -setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als -ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine -Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur -~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit, -vermittelst deren ich seiner los werden möchte. - -Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt, -welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger, -verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder -Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich -durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis -in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und -Wolfahrt gebracht werden mag. - -Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste -Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und -unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im -geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich, -ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und -sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer -nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von -Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten -Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in -obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf -lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd, -wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und -mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich -erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich -meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld -mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich -an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre. -Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner -Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der -Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten -damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein -schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube -auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein -muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und -schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie -solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal -so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen -kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern, -der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der -Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der -allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch -Drohung gestiftet hatte. - -Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß -selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen -sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser -Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt, -seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen, -derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu -befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste -gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie -alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr -als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst -und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten -die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug -gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in -mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen. - -Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich -ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen -als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich -Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und -dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um -uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines -Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen -Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein -solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant, -so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt -ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner -Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam, -was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur -ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei -einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und -vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser -Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um -dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich -replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten -Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm -hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die -Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich -dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße -es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns -beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach -befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte. - -Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und -Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183]; -dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und -also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob -der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre -mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel -vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich, -daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so -halsstarrig zuruck hielte. - -Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan -zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die -sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden -und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten, -verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war, -wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184] -Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher -Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und -Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so -er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns -bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt, -daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen -solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den -Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald -hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner -Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und -vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen. - -Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur -einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so -hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in -allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze -zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden. -Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte, -trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder -verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs -Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir -denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann -auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten, -vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht -darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern -da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder -in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel -etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack -gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und -also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte, -wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte -ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit -meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds -des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann -Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde, -daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte. - -FUSSNOTEN: - -[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied. - -[179] =Kriegspossen=, Kriegslist. - -[180] Vgl. die Einleitung. - -[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug. - -[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen. - -[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut -beschlagen sein, befriedigen, abfinden. - -[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich. - -[185] =Anstalt=, Veranstaltung. - -[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich. - - - - -Das dreiundzwanzigste Capitel. - - Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe. - - -Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich -versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte -lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige -Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten, -weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des -Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß -alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte -ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und -Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder -Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz -der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich -dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S. -Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen -Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte, -dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen, -und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner -besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden. -Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der -Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und -wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche -erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern -dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich -mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte. - -Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht -daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden -und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem -Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe, -da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er -daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der -Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er -selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen -Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum -zu verlassen genöthigt wurden. - -Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer -Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht -derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren -und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen -trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer -beifügen möchte. - -Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch -bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte -mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs -einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es -der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre, -mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen. -Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war -kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada -vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen -Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und -Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und -Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht -geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen -werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer -Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein -schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch -kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte -ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten -widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen, -weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines -Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich -eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann -die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in -meinem Gemüth verursachte. - -Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche -Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder zu gewinnen, welche -aber mehr ruinirt als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit -dem Regiment, darunter mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich -des Bodensees und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch -Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor Prag auch -gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland zu kommen und nach -seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir dasselbe Patrimonium und des -Orts Gelegenheit so wol gefiele, daß ich mir dieselbige Reichsstadt -gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde -des Erzhauses Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts, -ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also daß ich mir -nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage -dort sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil -nach dieser namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt -aufgemauset wurde, daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten -meiner Muthmaßung nach zu hoffen. - -Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich kaufte Viehe -und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit -anderst, als wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt, -oder als ob sonst der Friede vollkommen beschlossen worden wäre. -Und zu solchem Ende ließe ich alles mein Geld, das ich zu Prag und -sonst in großen Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das -meiste hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner -Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu =einer= Zeit zu Narren -worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau; ich verthät mein -Geld unnützlich, du aber deine Jugend; du kamest zu einem schlechten -Krieg, ich aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch -in weitem Feld stunde; dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen -Durchzüg und Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones -mit nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht ziemlich -groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung weislich -zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; dann niemand -in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen Manns Freunde -nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst ihnen -erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht -hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt -und nichts destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet. -Es gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen sein. -Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, begehre auch -dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden von dir, sondern ich sage -dirs darum, daß du wissen soltest, daß ich mich gleichwol nicht viel -deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern daß ich mich noch darzu -freuete, wann wir einem Regiment musten Winterquartier geben; dann -sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch; -da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben -in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, wie sie wolten, und -sie musten sich auch hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen -hatten, gegen mir anlassen, wie ichs haben wolte, also daß sie wenig -Geld mit sich aus dem Quartier ins Feld trugen; worzu ich dann mehr -als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der -damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd, -die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich -und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine damalige liebe -Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als -mich deswegen zu strafen, sintemal ihre Weiber und Töchter, so lang -ich vorhanden war und mein Netz ausspannen dörfte, nur desto länger -from verblieben. Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel -dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann Mars -wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung machte, was -mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich -fande, daß meine Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen -Kriegskosten übertroffen. Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich -dir auch sage, mit was vor einer Laugen ich dir gezwaget[187]; wil -derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du -magst aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, mir -ohngehindert in die Rede fallen. - -FUSSNOTEN: - -[187] =zwagen= ~c. dat.~, waschen. - - - - -Das vierundzwanzigste Capitel. - - Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen und - einander betrogen. - - -Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, als die -Churbairische und Französische, Weimarische in der schwäbischen Gränze -einander in den Haaren lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren -die meiste Officierer trefflich geneigt auf dasjenige, was ich ihnen -gern um die Gebühr mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus -großer Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner -eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und beinahe -ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam ich dasjenige, -was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmäßiger Weise -gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, mit wolgeneigter Gunst. -Diese schlugen aus und begunten mich mit Rubinen zu zieren, als der -lustige und fröhliche Frühling den ganzen Erdboden mit allerhand -schönen wolgezierten Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel -genug hatte, mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in -einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici Vorgeben -nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riethe -er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen und also meine vorige -Gesundheit desto völliger wiederum erholen. Solchem zufolge rüstet ich -mich aufs beste aus, mit einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem -Knecht und einer Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer -daß sie die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt. - -Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius -Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und Gleich gesellt sich gern, -sprach der Teufel zum Kohler. Ich trug mich ganz adelich, und weil -Simplicius so toll aufzoge und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch -vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das -Seil über die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr -practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem Wunsch nach -mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden -angesegelt, und ich tractirte ihn wie etwan die Circe den irrenden -Ulissem; und alsobald faßte ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn -schon gewiß an der Schnur. Aber der lose Vogel risse solche entzwei, -vermittelst eines Funds[188], dardurch er mir seine große Undankbarkeit -zu meinem Spott und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er -durch einen blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut, -das er mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich -wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich -verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen hinten und -vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten, -ein Lied darvon sangen und mich dergestalt aushöhneten, daß ich den -Spott nicht mehr vertragen und erleiden konte, sondern eh die Cur gar -vollendet, den Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte. - -Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch -am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich sei mehr mobilis als -nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. Wann er selbst aber nobel, oder -sonst ein gut Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine -leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten, -nicht gehenkt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also -vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber Leser, -was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er (damit ich seine -eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle -Vergnügung, die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson -erhalten, vor deren Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen, ja -von deren, die noch kaum der Holzcur[189] entronnen? Der arme Teufel -hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er -mit besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet -dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe -einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem jeden Stück -Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; da muß er -aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden Theil meiner vorigen -Schönheit bei weitem nicht mehr hatte, sonderlich behalfe mich -allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke, deren er mir nicht -wenig, sondern einer großen Menge abgeleckt. Aber genug hiervon! -Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt -vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den -Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte ich mich -auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides beschimpft und verachtet -worden. Und meine Magd hatte sich daselbsten eben so frisch gehalten -als ich, und weil die arme Tröpfin keinen Scherz verstehen konte, -ein junges Söhnlein vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch -auf meinem Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht. -Dasselbe muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol sie -Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, daß -sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, muste meine Magd -ihr Kind entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln, -ja seidenen Decken und Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug -eine bessere Gestalt und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers -Knechts zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher Weile -vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen Bericht, -daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu glauben, wie -herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete, daß -er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen -worden, und daß ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettig und -Senf auf dem Brod zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben -gemacht, die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich der -Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner Jugend -verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden Alter von mir -glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier vierzig Jahr erlebt und -war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius einer gewesen. - -FUSSNOTEN: - -[188]: =Fund=, Erfindung, List. - -[189] =Holzcur=, Decoct von Pockenholz, ~lignum Guajaci~. - - - - -Das fünfundzwanzigste Capitel. - - Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen. - - -Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem fernern -Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine -Dame Simplicius übertölpelt zu haben sich gerühmet. Gleichwie er aber -von deme, was allbereit gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als -Spott und Schand haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was -ich noch fürters anzeigen werde. - -Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von -Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und -alle andere trutzte; und neben mir wohnete ein alter Mechaberis[190] -oder Susannenmann, welcher ein Weib hatte, die viel älter war als er -selbsten. Dieser wurde zeitlich innen, von was vor einer Gattung ich -war, und ich schlug auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu -bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen kamen -und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, darmit es sein -eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so -sicher als in diesem Garten zusammen kommen konten, als da das grüne -Laub und die verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen, -aber nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten. -Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser Sündenmaß seie damal -entweder voll und überhäuft gewesen, oder die Güte Gottes hätte uns zur -Besserung und Buße berufen wollen. Wir hatten einander im Anfang des -Septembris Losung[191] gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten -unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween Musquetierer -aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend -ihren Part von meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen -und zu brechen anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es -war ziemlich finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als -ich, bei dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk -mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben gewohnt -waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der eine Soldat regte -sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und -war so unvorsichtig, daß er alle seine Birn, die er gebrochen hatte, -verschüttelt, und als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich -und der Alte sich nichts anders ein, als es wäre etwan ein starkes -Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen -Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit Worten -zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander -liefen. Die auf dem Baum aber konten sich des Lachens nicht enthalten, -welches uns noch größere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da -vermeinte, es wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich -ein jedes von uns in seine Gewahrsam. - -Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie ein Musquetierer: -»Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weist du -dann?« Jener antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.« - -Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich merkte, was -die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht anröthete, wiewol ich mich -sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich machte mir gleich die Rechnung, -daß ich eine Hatz ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob -hergehen würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf -der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der Magistrat -nichts anders thun, als daß er mich und den Alten beim Kopf nehmen und -jedweders besonders gefangen setzen ließe. Wir leugneten aber beide wie -die Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete. - -Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt mein -Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander liefe, weil -sie nit alle von meinen losen Stücken wusten und mir die Mägd getreu -waren. Endlich verschnappte ich den Handel selbst, als nämlich der -Schultheiß, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß -kam und großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund -der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller -falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen -und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens -heraus und sagte: »So schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte -Scheißer nicht hat halten können!« - -Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir doch getreulich -dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher, -thät die Thür auf und wiese mir einen Notarium und beisichhabende -Zeugen, die alle meine und seine Reden und Gegenreden angehört und -aufgemerkt hatten. - -Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn hielten darvor, -man solte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen -Stücke bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze -Last der Erden um eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz -mir auch weitläuftig notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich -vernehmen, man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den -Gesetzen ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren. -Würde man so streng mit mir procedirn, so würden noch viel, die vor -ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir das -Geleit geben müssen. Ich konte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und -meine Wort und Protestationes fielen so scharf und schlau, daß sich -Verständige darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine -Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter Strafe, alle -meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen muste, darunter sich -gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler baar Geld befande. Meine -Kleidungen und was zu meinem Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer -etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In -Summa was wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man -strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt im Krieg, -und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich solte gesagt haben: -jederweiberlich), daß die Stadt meiner so ~taliter qualiter~[192] los -worden. - -FUSSNOTEN: - -[190] =Mechaberis=, scherzhaft oder misverstanden statt -~moechator~, Ehebrecher. - -[191] =Losung=, verabredetes Wort oder Zeichen. - -[192] =~taliter qualiter~=, auf diese gute Art. - - - - -Das sechsundzwanzigste Capitel. - - Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und - Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten - Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter - wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem - Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus - nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt. - - -Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu -welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an -solchen mangelte, so gedachte ich mich zu den Weimarischen oder Hessen -zu machen, welche damal im Kintzger Thal[193] und der Orten herum sich -befanden, um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann -bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen -Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie mich dann -auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht -wenig verstellet. So war auch mein Reichthum hin, der oft die alte -Weiber wieder an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und -Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und brachte -etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte ich mich samt einem -Boten auf den Weg, um mein Glück zu suchen, wo ichs finden möchte. -Ich trafe aber nichts als Unglück an, dann ehe ich Schiltach[194] -erlangte, kriegte uns eine weimarische Partei Musquetierer, welche -den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich -aber mit sich in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein -kaiserliches Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau -todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines Mannes -Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich ins Elsaß nach Haus zu -begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so schön als -vor diesem, gleichwol aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die -einen Musquetierer aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner -zum Weib begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber -diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit -Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte. -In Summa, ich wurde eine Frau Musquetiererin, ehe mich der Caplan -copulirte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine -Marquetenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht, -solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische -Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht -und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge ich an, mit Tabak und -Branntewein zu schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis -hätte gewinnen wollen, was ich kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam -mich blutsauer an, so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen -schweren Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal Essen -und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich mein Lebtag -nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich einen -trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern -auch schneller laufen konte als manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun -dergestalt zween Esel zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch -besten Fleißes, damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen -könte. Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen wurde, -konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und verzögerte[195] -also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang des Maien, bei -Herbsthausen[196] treffliche Stöße gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen -meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser -zuvor ein artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider -seinen Willen ins Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen. - -Er gieng ein[197], auf seiner Officier Zumuthen und mein Gutbefindung, -sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel, in -Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, einige Brief an Ort und -Ende zu tragen, dahin sonst niemand zu schicken wegen der kaiserlichen -Parteien, welcher wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die -Conjunction etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals -von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren, so -daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret hätte. Doch -muste es sein, weil ein ziemlich Stück Geld zu verdienen war, und er -verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs aber fande er einen -todten Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher -ohne Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar rother -scharlachener Hosen mit silbern Galaunen[198] verbrämt anhatte, -welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; so war -sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den Hosen gemäß. Er besahe -den Fund und konte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder von den -Schwarzwäldern todtgeschlagen worden wäre. Doch galte es ihm gleich, -welches Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers ihm -auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen, -welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen muste. Solches glückte -ihm auch; als er aber die Hosen herab streifte, wolten solche nicht -hotten[199], weil die Feuchtigkeit des allbereit verwesenden Körpers -sich unter den Knien herum, allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden -pflegte, sich beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und -dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren waren. Er -hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, und weil der Tropf -sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, eins vom andern zu ledigen, -hiebe er dem Corpo mit seiner Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen -und Koller zusammen, und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein -solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten -dorfte. - -Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches -Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in die Stuben trug und zunächst -bei meinem Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte. -Indessen war es gegen Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit -von den Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum -Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er umkehrte oder -letz[200] machte, an, ließe sein altes Gelümp samt den Schenkeln beim -Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich in -unser Quartier. - -Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen. -Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und -Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge -sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen -wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu, -als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht -allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und -sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil -ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst -vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die -Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den -sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches -gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie -sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre. -Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen, -aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub -lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte. -Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter -Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts, -ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da -sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und -den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die -Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm -samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame -Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das -Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber -es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und -Kind darvon, wann ich umkäme? - -Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das -Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm -oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst -aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu -bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit -trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger -hinweg gebrant. - -Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück -zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich -gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor -den Springinsfeld abrichte! - -Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu; -überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen -todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte. - -FUSSNOTEN: - -[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald. - -[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis. - -[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen. - -[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg. - -[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen. - -[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen. - -[199] =hotten=, vorwärts gehen. - -[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links. - -[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze, -für die Saujagd bestimmt. - -[202] =ausreuten=, ausrotten. - -[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen. - - - - -Das siebenundzwanzigste Capitel. - - Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage - selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar - an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem - verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, - behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder - zustellen. - - -In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels -darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg -geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen -Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und -demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich -mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich -endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen -Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich -mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen -Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen -Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern -mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde -ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum -Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu -machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur -von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen -fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden -Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so -höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren -worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine -vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich -das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner -Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer -alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte -ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht -wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß -ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen. - -Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne -Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und -meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret, -wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag -ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein -dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich -auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder -etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was -ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln -verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine -Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte -kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten -vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her, -daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere -gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu -der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie -auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung -nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir -endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, -den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu -bringen. - -»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und -sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch -anhaben wie der große Goliath.« - -Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben -diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins -Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste -alles unbeschrieen zugehen. - -Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen -auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer. -Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als -sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich -Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als -ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, -machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische -Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach -sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.« - -Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd, -und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare -Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich -den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß -ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach -verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam -angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette, -mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte. - -Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem -Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren -mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute -gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison, -der solche wieder von mir fordert. - -Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht -sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich -rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener -absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem -schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe, -da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen, -sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol -4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der -Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen, -wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor -dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen -Betrugs selbsten. - -FUSSNOTEN: - -[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung. - -[205] Die =Wartburg= in Thüringen. - -[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk. - -[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie -Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel. - -[208] =elend=, leidend. - -[209] =Knopf=, Knoten. - -[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«. - -[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, -mit der flachen Klinge schlagen. - - - - -Das achtundzwanzigste Capitel. - - Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih - gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu - schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun - jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die - Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt - ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon. - - -Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott -von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee, -die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann -beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht -allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe -auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir -das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe, -daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich -noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf -setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden -probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser -abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich -ich mich zu den Zigeunern schicke. - -Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen -großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen -und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern, -Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. -Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei -seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme -etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen -und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er -dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es -roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, -daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, -daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich -folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich -ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem -Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine -große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich -erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns -hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und -sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich -etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich -ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann -über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, -weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle -alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant -einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen -bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so -gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch -alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen -thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von -andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um -ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte, -stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln -wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe -den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil -exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte -sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich -dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und -Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen -ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern -nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den -Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach -geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die -Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter -zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe, -dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir -nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber -im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und -Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus -den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns -entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur -Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer -kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken -lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib -und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf -unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, -mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die -Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu, -welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in -den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch -bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und -jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das -Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte -derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem -Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg -wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen -frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten -von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller -Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen. - -Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero -unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und -Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man -ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander -beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte. -Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers -verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder -Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern -uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden -des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches -Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns -nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, -dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von -waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen, -deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol, -daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen -Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder -wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels -Schwager worden sei. - -FUSSNOTEN: - -[212] =Kürbe=, Kirchweih. - -[213] =kahl=, geringfügig, elend, werthlos. - -[214] =als=, wie. - -[215] =waserlei=, wie welcherlei. - -[216] =Gabelreuterin=, Hexe (die zum Hexensabbat reitet). - - - - -Zugab des Autors. - - -Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und -auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen -gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen -entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und -diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217] abgesagt oder -wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin -diese ~lupas~[218] nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß -bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, -Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös -Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen -gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend -beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen -und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei -sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt. - - - =Ende=. - -FUSSNOTEN: - -[217] =Beliden=, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach -ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der -Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen. - -[218] =lupa=, Wölfin, gemeine Buhlerin. - - - - -Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. - - -Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung, -~lib. 5~, ~cap. 6~, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt, -wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr -selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert, -weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst -abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um -vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen, -weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein -bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen -getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit -berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur, -und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm -darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und -betrogen habe. - - - - - II. - - Der seltzame Springinsfeld. - - - - - Der seltzame - =Springinsfeld=, - - Das ist - Kurtzweilige, lusterweckende und - recht lächerliche Lebensbeschreibung - Eines weiland frischen, wolversuchten - und tapfern Soldaten, - Nunmehr aber ausgemergelten, - abgelebten, doch dabei recht - verschlagnen - Landstörzers und Bettlers, - Samt - seiner wunderlichen Gaukeltasche. - - Auf Anordnung des weit und - breit bekanten Simplicissimi - Verfasset und zu Papier gebracht - von - - ~Philarcho Grosso~ von - Tromerheim. - - * * * * * - - Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei - Felix Stratiot. - - Anno 1670. - - - - -Inhalt. - - - =Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung - den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert. - - =Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii. - - =Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder - widerfahren. - - =Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen - Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage. - - =Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung - dictirt. - - =Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und - erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn - empfangen. - - =Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene - treffliche Losung. - - =Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den - Springinsfeld die Kunst lernete. - - =Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum - Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte. - - =Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er - anfangs in Krieg kommen. - - =Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern - wahrhafte Historien. - - =Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager, - hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete. - - =Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld - wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer - unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden. - - =Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück - und Unglück. - - =Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im - Nördlinger Treffen gehalten. - - =Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger - Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird. - - =Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird - wiederum ein reicher Dragoner. - - =Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem - Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen. - - =Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß - auf das kaiserliche Armistitium. - - =Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum - Friedensschluß und endlicher Abdankung. - - =Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet - sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird - wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür. - - =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds - in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen. - - =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der - Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder - nacheinander los. - - =Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor - lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen - unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen - dem Türken wird. - - =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in - Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam. - - =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für - Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe. - - =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des - Springinsfeld seltzamen Lebenslauf. - - - - -Das erste Capitel. - - Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung - dieses Werkleins befördert. - - -Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit -höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen, -aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um -einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit -den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner -unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der -gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich -noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige -Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich -aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer -Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken -und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche -höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich -endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu -spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution -kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach -ich mir wiederum ein anders[220] zu und versichert mich selbst eines -weit bessern Ausgangs. - -Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich -brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret -ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese -Fachtung[221] schon eintränken. - -Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222] innerlichen -Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von -außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die -Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit -einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und -wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223]. -Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und -aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens -gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen -mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein -ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz -hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen -künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr -kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt -ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein -Almusen begehrt?« - -Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu -Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage -ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben -und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen -Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und -endlich zu ihren Herrn -- man denke doch nur, wie verwirrt ich damals -in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt -vorbringe -- ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren -werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen), -als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung -accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn? -oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was -bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch -keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer -wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in -meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen) -aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten -Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der -Gebühr nach zu begegnen. Doch lallete ich endlich mit[225] aus Forcht, -Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so -viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation -ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte. - -»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig? -Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den -Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder -um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen -stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler -gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und -unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte -euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.« - -Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich -gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts -weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu -nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete, -solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich -und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine -Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung, -mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu -erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann -ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug. - -Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab -mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem -Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als -mithin[227] wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen -der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und -versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so -ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer -nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.« - -Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch, -daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228] als vernünftig antwortet: -»So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jeden -~s. h.~[229] Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich -brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so -werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten -manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn -mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich ~in literis~ -abgeführt[230] hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich -meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen, -wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231] geben. Ach, sagte ich, -warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen, -Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest -du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor -großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur -jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu -gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das -Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In -diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der -allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag! - -In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir -aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige -grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit -geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer -warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde, -gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen. - -FUSSNOTEN: - -[219] Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln. - -[220] =ein anders=, auf andere Weise. - -[221] =Fachtung=, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen -Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche -Entstellung an. - -[222] In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«. - -[223] =besprechen=, anreden. - -[224] =aufenthalten=, trösten. - -[225] =mit=; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«. - -[226] =gesessen sein=, durch Grundbesitz sicher sein? - -[227] =als=, mhd. ~allez~, stets, fortwährend; =mithin=, im Gehen, -unterwegs. - -[228] =unbescheiden=, indiscret, unverständig. - -[229] =~s. h.~=, ~salvo halore~, wie ~salva venia~. - -[230] =abführen=, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1. - -[231] =Product=, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, -Schlag auf den Hintern. - -[232] =das Geschenk=, den üblichen Zehrpfennig für wandernde -Handwerksburschen. - - - - -Das zweite Capitel. - - Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii. - - -Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter -höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was -beliebt dem Herrn?« - -Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, -jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb -Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub, -darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die -benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete. - -Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich -rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann -befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit -beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. -Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und -Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch -darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich -ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen, -sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein -Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er -so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden. -Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, -dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber -kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, -daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe. -Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm -biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte -antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, -gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, -oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel -versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem -Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen. - -Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und -indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß -sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen -Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben -Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da -doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst -an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder -wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach -und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem -hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen -sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein -Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe -ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als -mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den -Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; -und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart -zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen, -sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn -zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben -Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte, -zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar -höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner -vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob -derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr -aus India kommen.« - -Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine -Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich -jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz, -sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu, -welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu -wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen -habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor -einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu -vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.« - -Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu -verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt, -daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke. - -Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein -mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack -ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das -allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine -Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines -Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen -Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier -einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl -sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein -einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein -sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne -~faeces~[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner -Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen -sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte -kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich -überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich -kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein -getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser -gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern -gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich -selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von -diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein -gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch -völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, -noch nichts darvon verloren hätte. - -Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten, -da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein, -den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe. -Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige -hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher -striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß -einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es -wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich -schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach -keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß -er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene -Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der -Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein -anderes Bein gelassen?« - -»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.« - -Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.« - -»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt -freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch -und einen Strumpf.« - -»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der -Springinsfeld?« - -»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der -Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte -Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?« - -»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits -vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals -einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der -sich Simplicius genennet?« - -Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben -derselbe Simplicius bin ich.« - -Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel -erschlag!« - -»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du -allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und -ungeheißen[245] bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch -zu bewillkommen?« - -»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«, -sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen -worden?« - -Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich -mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten -der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde -deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.« - -»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir -vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr mit dir um nichts, es -seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.« - -Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch -gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen -auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der -bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab -ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.« - -Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich -etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme -auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben -wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit -dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er -dergleichen wol mehr hätte gesehen. - -FUSSNOTEN: - -[233] =gedenken=, denken an etwas. - -[234] =im Pfenningwerth zehren=, einzelne Gerichte verzehren, wobei -der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt -~à la carte~ essen. - -[235] =vor=, zuvor. - -[236] =aufreiben=, vertilgen. - -[237] =Chili=, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt, -wie das angrenzende Patagonien. - -[238] =Chica=, vielleicht Chico, Stadt in Mexico. - -[239] =Electuarium=, Latwerge. - -[240] =Theriak=, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte. - -[241] =~faeces~=, Hefen. - -[242] =Kronzer=, Grunzer, Schnorrer, Bettler. - -[243] =sich betragen=, sich behelfen. - -[244] =freurt=, friert (mhd. ~vriust~). - -[245] =ungeheißen= (unaufgefordert), dreist, frech. - - - - -Das dritte Capitel. - - Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren. - - -Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen -unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in -Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und -von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben. -Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein -heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken -hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend -nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er -stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir -auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste -zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen -dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn -Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und -sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler -geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich -sie hab gerben[248] lassen.« - -»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der -Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.« - -»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur. - -»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei -taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal -man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.« - -»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner -Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.« - -»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet -damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine -Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über -Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem -Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor -Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius -aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er -hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das -ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar -ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme, -viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit -den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte -die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio -zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene -Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen -eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider -seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße -eingenommen. - -»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld. - -»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer -eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne -welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich -auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.« - -Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter -Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen -Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden -zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?« - -»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die -Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen, -dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig -gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der -Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund, -er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich -besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all -zu frei gangen.« - -Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen -angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum -Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß -der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden, -dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden -Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine -Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] ~in libro -de tranquillitate vitæ~, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt, -vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen -soll.« - -Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das -Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu -weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles -hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als -das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf -die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs -Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von -Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser -Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird -in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig -seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden! -Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir -Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu -weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die -Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.« - -»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du -seiest ein Pfaff worden!« - -»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz -haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen -eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?« - -Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann -Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen -jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil -meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren -stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit -einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und -etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch -ohnbeschwert erzählen. - -»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer, -so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen -soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil -einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der -gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden, -nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er -von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend -begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page -beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche -Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden, -denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und -Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie -in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund -auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect -aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier -aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen, -daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit -ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige -Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut -getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie -zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die ~s. h.~ Harngäng -dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten, -sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich -entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte, -als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte, -liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet -worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete, -fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?» - -»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret -war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir -Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim -Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm -hinten am Gang das Gemach und sagte: «Dort drinnen.»« - -»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter -Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß -das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen -Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und -Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie -sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich -kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier -aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.« - -FUSSNOTEN: - -[246] =Rebmann=, Weinbauer. - -[247] =Kärst=, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den -Weinbergen. - -[248] =gerben=, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten: -entkörnen, also doppelsinnig. - -[249] =röllen=, durch Rollen enthülsen. - -[250] =hotzeln= (schaukeln, wiegen), sich schütteln. - -[251] =Demokritos= von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr. -Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage, -die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος). - -[252] =Heraklitos= aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der -ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt. - -[253] ~L. Ann. Seneca, de tranquillitate =animi=, cap. 15: -Democritum potius imitemur quam Heraclitum.~ - -[254] =Zoroastris=, nach Plinius, ~hist. natur. VII, 15, fin.~ - -[255] =Nero.= Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts -davon; er sagt in angeführter Stelle: ~risisse =unum= hominem -accepimus~. - -[256] =lernen=, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen. - -[257] =Tiberius Nero=, Suet., ~Tiber. cap. 62~, hatte diese -Marter erfunden, ~ut larga meri potione oneratos repente veretris -=deligatis= fidiculorum simul et urinae tormento distenderet~. - -[258] =vernußbicklen= heißt demnach: fest unterbinden. - -[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses -Namens. - - - - -Das vierte Capitel. - - Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug - der Courage. - - -Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht -auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet -mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen -hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen -Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding -hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des -Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus -zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche -hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich -antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige -zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch, -sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des -Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich -doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß -derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung -schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt -und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche -Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und -unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret, -als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete, -sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da -garint[261] rüra!« - -Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter -Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und -unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du -must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder -gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen -oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien -Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über -die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.« - -Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget -hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere -ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen, -neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr -nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr, -wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen -lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem -importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir -vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden -so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich -auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann -ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen -zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich -seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich -die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.« - -Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich -vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein -dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung -eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um -Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine -Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe -andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig -sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt. -Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht -tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche -Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in -meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich -versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.« -Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch -bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen -müssen.« - -Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob -er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden. -Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das -Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung -der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«, -sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige -unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur -fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu -hören verlange.« - -Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben, -dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des -fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.« - -»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr -weiß, und schone meiner auch nit!« - -Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen -wolte. - -»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen -ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich -aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu -begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier -gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation -meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir -hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des -Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe -ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn, -welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht -betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in -eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel -Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich -dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück -Wildbret vorhanden gewest wäre. Das höreten ihre Herren alsobalden -und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf -mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf -einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild -aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen -die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich -auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an -die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber, -Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß -ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder -von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein, -sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen -Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre -Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder, -und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die -jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich -habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also -durchstreichen lassen!« - -»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer -Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß, -ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein -prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen -ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte, -wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst -vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste. -Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie -ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie -hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas -falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie -mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn -nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder -Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem -annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht -häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und -geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine -Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen -dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von -Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher -aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war, -mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams -an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war -schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe -mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie -hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr -langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich, -weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich -die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel -seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt) -überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund -in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.« - -FUSSNOTEN: - -[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer -Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant. - -[261] =garind=, grind, Kopf. - -[262] =belebten=, verlebten. - -[263] =spanischer Mantel=, ein schwerer Zuber mit einem Loch im -Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem =steinernen Mantel= -ist das Gefängniß gemeint. - -[264] Die ersten Drucke haben »von andern«. - -[265] =Krumm-Schiltach=, Baden, Oberrheinkreis. - -[266] =Stäuber=, Stöber, Spürhund; =Wind=, Windhund. - -[267] =Gejaid=, Jagd. - -[268] =bestäten=, bestätigen, das Vorhandensein eines Wildes an einem -bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen. - -[269] =werklich=, spaßhaft, wunderlich. - -[270] =wie noch=, wie jetzt noch. - -[271] =Geschmelzte Arbeit=, Schmelz, Email. - -[272] =Zahlperlen=, die größten, die nicht nach dem Gewicht, sondern -nach der Zahl verkauft werden. - -[273] =Serge=, deutsch Sarsche, leichtes Tuch. - -[274] =lustig=, reizend, hübsch. - -[275] =Aurach=, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon -damals bedeutende Leinenindustrie. - - - - -Das fünfte Capitel. - - Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt. - - -»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige -Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon -gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen -und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner -weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von -den Leuten?» - -»Ich antwortet: «Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von -Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine -Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen -Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.»« - -»«Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht -ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich -wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.»« - -»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß -aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu -halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten -solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen, -das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation -der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir -nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.« - -»«Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts -schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen -und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.»« - -»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd -von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner -war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald, -da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl -befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein -Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach -vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also -nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein -Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel -unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich -unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi -Lebensbeschreibung hervor.« - -»«Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch -handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir -die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt -schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen -hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit -genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter -Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut, -nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten -schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet, -alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides -mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen -Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene -Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen, -daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen, -welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen -mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit -Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so -er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen -und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor -welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht -1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden -vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein -werde.»« - -Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die -Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten -meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr -diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da -sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit -ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals, -als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr -selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen -ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als -im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd -als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein -Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich -selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung -folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die -Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner -Erzählung fort; was sagte sie ferners?« - -Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich -solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung -informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens, -ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu -lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren, -und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine -begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere -Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem -Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie -wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach -vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein -müste.« - -»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu -lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines -hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den -dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm, -nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein -einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam, -die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen, -Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde -um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam -Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die -Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin -selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das -Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche -Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an -einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten. -Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber -zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten -und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den -Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als -wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes -Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und -zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das -Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder- -und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über -der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager -aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd -untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng: -Wer selten reit &c.[286]« - -»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden -und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde, -alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und -Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber -nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287], -Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß -bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja -ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht, -als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber -in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod -zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth -einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der -uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem -Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.« - -»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose -Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt, -oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder -zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte -eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses -genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich -mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt -umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie -überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290] -selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch -besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen -Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden, -sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen -wird, bezogen haben will.« - -FUSSNOTEN: - -[276] =toll=, keck und auffallend gekleidet. - -[277] =angehen=, gelingen. - -[278] =einzig=, einzeln. - -[279] =Göttelgeld=, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe. - -[280] =Gewelsch=, Sprachverdrehen, von =welschen=. - -[281] =eitel=, (nicht anders als) durchaus. - -[282] =als=, stets, fortwährend. - -[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis. - -[284] Die =Murg=, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis -entspringend, bei Rastatt mündend. - -[285] =untergeben=, zum Reiten geben. - -[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der -A. weh. - -[287] =Rick=, Rück, Rücken, Höhenzug. - -[288] =Horb=, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis. - -[289] =Gernsbach= in Baden, Mittelrheinkreis. - -[290] =Anacharsis=, ein Scythe, der auf seinen Reisen in -Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit -der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr -wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen -Götterdienst einführen wollte. Herodot, ~IV~, 76. Cicer. ~Tusc.~ B. 32. -90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein -Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten -Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an -den Schluß des vorhergehenden Satzes. - -[291] =verehren=, ~trans.~, um dem Herrn damit ein Geschenk zu -machen. - -[292] =zu ihrer eigenen Hand=, in ihrem Namen. - - - - -Das sechste Capitel. - - Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von - der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen. - - -Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre, -und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel -ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in -Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht -gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese -Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.« - -»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld, -»oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die -Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!« - -Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius -war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns, -enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum -Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen -kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher -Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und -Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel -oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun -gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so -wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum -Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen; -aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu -kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß -ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter -böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, -daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach -vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich -nur[297] selber wolte. - -Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den -so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften -dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit -Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298], -Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war -Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen, -die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten. -Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel -durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten -Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich -weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir -waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei -nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die -ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten -empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem -allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil -gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns, -Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit -sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten -einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit -ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war. -Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte -zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer -und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden -hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns -ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar -nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je -nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn -hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der -Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe. - -»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem -hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch -erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben -so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo -selbsten.« - -»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil -Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit -andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich -dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage -selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten -findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz. -Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit -leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug, -hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als -vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich -Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol! -Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch -noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch -ein Zigeuner zu sein.« - -»«Mein Sohn», sagte sie, «wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist -der Sach bald geholfen.»« - -»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.« - -»«Diß ist bald gelernet», sagte sie; «ich hab sie ehe als in einem -halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne -Beischläferin zum Heurath verschaffen.»« - -»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath -gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu -kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern -zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch -nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches -das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen -Eltern zu hoffen hätte.« - -»«Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn», sagte das Rabenaas -weiters, «und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser -Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann -du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem -allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen -wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen, -die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.»« - -»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr -Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul -machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto -ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu -bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306].« - -»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine -junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste -aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere -bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks -ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist, -deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte -sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich -wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen -lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage -Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört -hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser -vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer -andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der -Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als -ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer -wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch -an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an -mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte, -dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.« - -»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern -kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir -einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin -klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich -einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine -Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend -bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren -lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte. -Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte -mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in -ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer -so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich -gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition, -daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und -alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu -solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein -absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.« - -»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut -und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht -an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: «So, mein Sohn, ich -sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.»« - -»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet -ich. Sie aber sagte: «Beschaue deine Hände!»« - -»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine -Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor -die meinige erkante, sonder darvor erschrak.« - -»«Diese Salbung, mein Kind», sagte sie, «gilt bei uns so viel, als bei -den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu -auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.»« - -»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß -sie hätten zerbersten mögen.« - -»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein -zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder solte ich anders thun, als -nach deren Willen mich zu accomodirn, in welcher Gewalt ich damals war?« - -»«Hei», sagte ich, «was geschneidts[310] dann auch mich? Vermeinet ihr -dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? Höret nur -auf zu lachen, und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll!»« - -»«Wann du wilt, wann du wilt», antwortet Courage; «doch der Gestalt, -wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.»« - -»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit fertig, ohne[311] -daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor, Diebsstück darzu -hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeunerin worden. -Derowegen begehrte ich gar höflich die versprochene Bezahlung. Sie aber -sagte: «Ho, mein Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch -wol kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.»« - -»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit -halten solst? Und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen -wolte, setzte und verordnete sie mich vor der ägyptischen Nation -Obersten Secretarium durch ganz Teutschland und that Promessen, daß -mein Heurath mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben -würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben -werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte, -dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit ihrer -gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte war kaum -verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach samt Weib -und Kind etwan selbdreißigst das Bielerthal herunter marschierten, -auf welchem Weg Courage ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder -auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren -und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher -Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der -ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag -marschierten wir vollends biß an den Rhein und blieben zunächst an -einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen -über Nacht, um den folgenden Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des -Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande sich -der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und seine Braut so -gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als -nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.« - -FUSSNOTEN: - -[293] =Blackscheißer=, Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, =Black=, -Dinte. - -[294] =Kandel=, Bier- oder Weinkrug. - -[295] =enthalten von=, abhalten. Im Text steht »=vorm=«, dies würde -nicht den richtigen Sinn geben. - -[296] =Ammeister=, Bürgermeister. - -[297] =nur=, die ältesten Ausgaben haben »mir«. - -[298] =Tabaksaufen=, wie im Französischen ~boire~, rauchen. - -[299] =ohne=, ausgenommen. - -[300] =Liegen=, Lügen. - -[301] =kläpfen=, vom oberdeutschen Schallwort »klapf«, »klapp«, -klappen, knallen. - -[302] =dürfen=, brauchen. - -[303] =auf den alten Kaiser= (gleichsam auf den verstorbenen -Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus ~III.~ -20: »auf den alten Kaiser dahin leben«. - -[304] =vortheilhaftig=, listig. - -[305] =das Maul machen=, die Miene machen, sich das Ansehen geben, -so thun. - -[306] =sich abscheibeln=, abdrehen, sich davon machen. - -[307] =angehen=, anbeißen, ins Netz gehen, sich fangen lassen. - -[308] =gestältig=, fügsam, zuthunlich. - -[309] =Lucius Apulejus= aus Madaura in Afrika, geboren -unter der Regierung Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in -Karthago. Er schrieb: »~Metamorphoseon s. de asino aureo libri~«; ein -liederlicher Jüngling Lucius, den Grimmelshausen mit dem Verfasser -identificirt, wird in einen Esel verwandelt, aber in den Mysterien -wieder zum Menschen neugeboren. - -[310] =geschneiden=, kümmern. - -[311] =ohne=, ausgenommen. - - - - -Das siebente Capitel. - - Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung[312]. - - -»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte gnädig sein wollen, -dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, daß mich diß lose Gesindel -nit gar ermordet und mich im Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld, -so ich noch zur Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld, -was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, der ich -doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel so wol als euch -betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam kein Mensch, an den sie -sich machen will, entgehen kan, wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn -Simplicissimo beinahe selbst widerfahren wäre?« - -Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, guter Freund! -Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!« - -»Mein«[313], antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der armen Tröpfin -nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits ohnedas der -Verdammnus nahe, biß über die Ohren im Sündenschlamm, ja allerdings -schon gar der Höllen im Rachen steckt? Bete darvor ein paar andächtiger -Vatterunser vor sie, daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu -wahrer Buße bringen wolle!« - -»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie der Donner -erschlüg!« - -»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere dich, wann -du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, die sich zwischen -deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege hinunterfallen[314] -wolte.« - -Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?« - -Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen -Seufzen[315]. - -Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei -überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit -er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er -antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund -vergehet.« - -Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder -samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste -Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß -besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub -gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf -Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch -hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben -solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und -sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit -ich mich ernähre!« - -Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen. -Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin -Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere -Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf -offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen. -Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen -Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen -drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio: -»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?« - -Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du -wilt, so lasse sehen, was du kanst!« - -Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu -agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4, -5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem -Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die -Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte -mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen -Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der -Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben -Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor -Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen. - -Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem -Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius -zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein -Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen, -aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor -Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles -natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen, -als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen -dessentwegen befinden werden.« - -Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem -Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen -eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe -da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein -Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?« - -Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen, -er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es -ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden -würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum. -Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen. - -»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als -Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein -Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß -wieder hinaus.« - -Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er -dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern -nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander -Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch -in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im -Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames. - -»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir -lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir -aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts -taugen; sie müssen wieder fort.« - -Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand -im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen -ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes -Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm -und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat -entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch -aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen, -wird mein sein.« - -Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300 -zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So -muß man diese Kerl aufheben.« - -Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe -darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im -Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er: -»Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten -wieder weg.« - -Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem -Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er -könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste, -daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden. - -»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.« - -Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte, -und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-, -Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts -als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs -auch wol unterweg können lassen.« - -Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete. -Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt -deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch -das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter. - -»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser -Narren wieder los bin worden!« - -Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322]. -Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen -was ihr könnet!« - -Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst -nichts als Trinkgeschirr. - -»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und -ich mache gern Gesegne Gott.« - -Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht, -mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch -auch bald zu theil werden soll.« - -Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken, -welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das -Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel -Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser -genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein. - -Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert -darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften. - -»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine -glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in -dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten -halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen -trefflichen Urkunden geholfen hat.« - -Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein -Ende. - -Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen -und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt, -sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol -kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben -auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein -Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich -ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und -seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so -roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien -Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich -ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor -Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in -Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer -Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor -Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet -werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr -ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den -allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken -sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie -gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.« - -Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll -Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas -einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier, -davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche -Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes -gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen, -verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er -allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste -aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese -geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der -Wein verwunderten. - -»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit -dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß -dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen -zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem -spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, -den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat, -lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von -diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr -feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen -halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig -Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla -mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum -Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens -gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen -und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein -vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe -ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert -und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil -Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen. - -Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein -Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326], -giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die -4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte -und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen. - -»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich -ernähre?« - -»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich -sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du -mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein -spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.« - -FUSSNOTEN: - -[312] =Losung=, Erlös, Einnahme. - -[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~. - -[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die -Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine -Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied -dazwischen. - -[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer. - -[316] =Knan=, Vater. - -[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender« -befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie. - -[318] =der Umstand=, die Umstehenden. - -[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen. - -[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu -steigen. - -[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel. - -[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben. - -[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben. - -[324] =rahn=, rahnig, dünn. - -[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der -Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. -Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6. - -[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben -wollte. - -[327] =Rabbi=, Meister. - -[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel, -gebraucht wie Pfifferling. - - - - -Das achte Capitel. - - Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst - lernete. - - -»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar -ein ungeschliffen Maul!« - -»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe -nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.« - -»Wie ist dir dann?« fragte jener. - -»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte, -du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen -trefflichen Lehrmeister gehabt.« - -»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch -festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch -ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so -böse Gedanken von mir zu machen?« - -»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen -genugsam gesehen.« - -Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß -du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol -noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften, -wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon -du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und -Verblendungen hältst.« - -»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das -Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und -Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und -behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.« - -»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme -mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die -4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch -laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut -Geld gelöst.« - -»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine -Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?« - -Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern? -Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur -deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!« - -Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den -Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und -bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch -wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte. - -»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner -Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich -zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe -oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen -Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht -zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine -alte Possen und Grillen übe?« - -»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte -Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann -sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben -gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, -wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott -das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in -deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin -ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen, -mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar -füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen -köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter -abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und -Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet -und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast -geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere -Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht -einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch -nicht an unsere Bekehrung gedenken.« - -»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld, -das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster -oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit -beraubte.« - -Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine -vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der -Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes -verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich -beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich -der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der -Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein -spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.« - -Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor -die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern -zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch -auf deine Erinnerung bedenken wolle.« - -Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz -befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden, -also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine -Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er -zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei -oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem -Mark mit dem Buch üben sahest?« - -Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich -dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.« - -»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der -dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich -auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was -ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte -Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder -ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die -Kunst nit wirst üben können.« - -Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er -sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet: -»Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so -erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der -Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand -Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, -so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg -zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor -Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich -auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei -den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich -damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor -grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden; -bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei, -und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß -diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der -Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen. -Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift -nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige, -Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer -und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß -dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen -Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse. -Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern -vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit -nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die -allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt -durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus -gebracht werden.« - -»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel; -wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!« - -Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu -auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch -umgehen sollest.« - -»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.« - -»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon -selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen -gedenken sollest.« - -»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler -und wäre dieser Obligation ledig.« - -Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun; -nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches -zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds -werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den -geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du -dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, -du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir -gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.« - -Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir -fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen -Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter, -das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit -Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich -mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine -schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen -verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir -vor solche Kunst haben willst.« - -Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld -alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte -ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich -auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage -hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt -gemein zu machen[331] - -FUSSNOTEN: - -[329] =da=, in den Ausgaben steht als Druckfehler »=das=«. - -[330] =Wahns=, alle Ausgaben haben: »wann«. - -[331] Vgl. den Anhang. - - - - -Das neunte Capitel. - - Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben - wolte. - - -Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und -Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich -wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste -so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter -Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um -dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, -daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht -geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um -den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern -ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam -auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als -welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft -vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings -wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, -der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er -sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich -einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen. - -Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge -Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht, -ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und -gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich -nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero -setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich -abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu -fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, -Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark -damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe -er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr -haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches -nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er -solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog -alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter -vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß -weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, -und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen -Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und -zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften -zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) -durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte -er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), -zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das -Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun, -seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.« - -Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit -wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius -gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er -gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so -wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben. - -Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei -welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte -und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten. -Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein -Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem -einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit -herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu -schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe ~Grobiani~ zu sein -pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern -Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, ~mores~ zu lernen, so -daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene -Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß -setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen -löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still, -nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert -er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen -staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen -verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so -unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, -als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter -ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, -der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits -oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie -zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer -Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel -zu sehen pflegt. - -Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also -haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine -Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der -Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht -beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen -der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken -behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß -er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte. -Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns -an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen -vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem -jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen -munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er -an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft, -und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte. -Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo -er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre, -ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und -etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und -zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c. - -»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen -müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel -zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen; -gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete -es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die -Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der -flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen -Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst -nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter -kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar -genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters -und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen -ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun -hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist -auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab; -und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung -beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit -unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und -wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und -daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht -auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und -Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.« - -»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in -deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte, -die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und -Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im -Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen. -Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig -würdest?« - -»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß -nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr -an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der -Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und -zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt -ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige -daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß -nehmen.« - -»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so -wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.« - -»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs -mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann -verbrennte Kinder das Feur förchten.« - -Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?« - -»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein -güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem -Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht -meine Ehefrau.« - -»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden; -denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine -etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die -treulich mit dir hausen werde?« - -Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; gleichwol aber -ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen -pflegt, theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten, -die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche -Ausgaben, dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben, -zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist -nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit -mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch -an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen. Soll sie -mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem -Kuchengeschirr herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders -das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und -Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth säubern läßt? -Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen -wird (welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn -begehre), wann nämlich eins krank, das ander gesund, das dritte faul, -das vierte muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst -widerspenstig, ungehorsam und nichts nutz ist?« - -Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines -rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst von dem heiligen, -von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegneten -Ehestand weit anderst reden. Und gleich wie eine fromme, tugendhafte -Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Manns ist, also -verdrüßt dich, daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt -hat.« - -»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du kanst bei deinen -Biren wol merken, wann andere zeitigen[338].« - -FUSSNOTEN: - -[332] =neuangestandener=, neu eingetretener. - -[333] =stürzen=, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben. - -[334] =Freundschaft=, Verwandtschaft. - -[335] =lieber=, ~interj.~, ~quæso~. - -[336] =Stamm=, Abstammung, Stand. - -[337] =aus dem Geschirr schlagen=, wie: über den Strang schlagen. - -[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern -ergeht. - - - - -Das zehnte Capitel. - - Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen. - - -»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, sagte Simplicius, -»seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht anders oder eine zu -heurathen persuadirn können; hingegen aber möchte ich wol von dir -vernehmen, wo du gebürtig, wie du in Krieg kommen und wie es dir -bißhero darinnen ergangen, biß du aus einem so tapfern Soldaten zu -einem solchen elenden Stelzer worden seiest.« - -Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, deinen -eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck vor Augen zu -legen, so werde ich mich auch nit schämen, den meinigen hier im -Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits offenbar sein soll, -was zwischen mir und der Courage vorgangen, die gleichwol uns beide, -wie ich vernehme, mit einander verschwägert. Jetzt höre dann deines -Schwagers Ankunft.« - -»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von hohem altem -Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter Vatter aber ein -albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben von schlechter -Ankunft[339] und geringen Mittlen gewesen. Als dieser mit einem zahmen -Löwen und einem Dromedari in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern -gewohnet, herum zohe[340] und beides diese Thier und seine Kunst -um Geld sehen ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein -junges Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit -so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie mit -Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern ein Stück Geld -auszufischen und mit besagtem meinem Vatter wider ihrer Eltern Wissen -und Willen darvonzuziehen. Und solches hat ihr auch zu ihrem Unglück -geglückt, unangesehen sie einander aufrecht[341] geehlicht. Also wurde -meine Mutter aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende -Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst die erste -und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein Vatter, da ich kaum -geboren worden, von einem Seil herunter stürzet und den Hals zerbrach, -durch welchen leidigen Fall meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib -wurde.« - -»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder heimzukehren, -ohne daß sie sich damaln auch über die hundert Meilen von denselbigen -im Dalmatia bei einer Compagnie Comödianten befande; hingegen war -sie schön, jung und reich und hatte dannenhero unter meines Vattern -hinterlassenen Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe, -der war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen -Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe mich auf, biß -ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich alle ~principia~ -seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, Geigen, Pfeifen, beides -auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus der Taschen spielen, durch den -Reif springen und andere seltzame Aufzüg und närrische Affen-Posturen -machen, also daß ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und -das ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction -angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und schreiben, griechisch -reden von meiner Mutter und sclavonisch von meinem Vatter. So begriffe -ich auch mithin in Steyr, Kärnten und andern angrenzenden teutschen -Provinzen um etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum in -Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich gedachter -mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um keine 1000 Ducaten -verkauft hätte, wann gleich alle Tag Jahrmark gewesen wäre.« - -»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils in -Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen[342], Walachei, -Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, Böhmen, Ungarn, Steyr -und Kärnten herummer; und da wir in diesen Ländern viel Geld -aufgehoben[343] hatten und mein Stiefvatter willens war, seines Weibs -Eltern auch zu besuchen (als vor denen zu erscheinen er sich nicht -scheuete, weil er sich gar einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie -ein Graf aufziehen konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria[344] -in Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia und -Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo dann meiner Mutter Eltern -sich befanden.« - -»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein Vatter seine Kunst -auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen lassen, oder vielmehr -dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning schätzen[345], als -welche damal in völligem Flor und Reichthum stunde. Wir kehrten -daselbst zu solchem Ende ein, und zwar nicht in der Kirchen, sonder -unserer Gewohnheit nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir -blößlich[346] eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin, -um Consens anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde -Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. Es wurde -erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten ward, wurde ich samt -meinem Stiefbruder, der mir weder in Dexterität unserer Kunst noch -in andern Stücken bei weitem nicht zu vergleichen, mit einem Reif, -einer Gaukeltaschen und andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob -ich nicht auf den Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld -verdienen könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- und -Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng Freud und Lust zu -machen; aber ach! ich gelangte an ein Ort, das alles meines Jammers, -Elends und eignen Unlusts ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe -außer dem Hafen segelfertig auf der Reide[347] lagen, die nur auf guten -Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien -albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu führen, sihe, da -geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, weil wir durch einen -der Ihrigen im Nachen[348] überredet worden waren, es würde daselbst -ein trefflich Trinkgeld setzen, maßen uns auch derselbige Nache mit -überführte. Wir hatten unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus -Mitternacht ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer -in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die Segel, -nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich und meinen Bruder -das Schiffen wider unsern Willen erdulden. Jener thät, als wolte er -verzweifeln; ich aber ließe mich noch trösten, nicht allein darum, weil -ich von Natur alles gern auf die leichte Achsel nehme, sonder auch, -weil mir der eine Rittmeister, der sich ganz in meine Gestuosität[349] -verliebt, gleichsam güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben -und sein Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol -gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die -Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann sie nicht geliefert -wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit ihnen eine Seeschlacht -angehen oder einen Krieg anfahen würden. Derowegen gab ich mich nur -desto geduldiger drein, genosse es auch besser als mein Bruder, welcher -sich dergestalt kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia -abfuhren, alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.« - -»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so fort zu Land -durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins Land von Lützenburg, und also -in die Spanische Niederlande, alwo wir neben andern Völkern mehr unter -dem berühmten Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um -dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich war -noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen Muthwillen zu; -ich wurde weder durch strenges Marschiern noch andere Kriegsarbeiten -abgemattet; so wuste ich auch noch nichts vom verdrüßlichen -Schmalhansen, als welcher damals bei weitem noch nicht so bekant bei -unser Soldatesca war, als er sich nachgehends im teutschen Krieg -gemacht hat, in welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben -kennen lernen.« - -FUSSNOTEN: - -[339] =Ankunft=, Abkunft. - -[340] =zohe=, altes ~præt.~ zu ziehen, zog. - -[341] =aufrecht=, ~adv.~, aufrichtig, ehrlich. - -[342] =Wossen=, Bosnien. - -[343] =aufheben=, erheben, einnehmen. - -[344] =Histria=, Istria. - -[345] =schätzen=, in Contribution setzen, brandschatzen. - -[346] =blößlich=, bloß, nur. - -[347] =Reide=, Rhede. - -[348] =Nache=, Boot. - -[349] =Gestuosität=, Beweglichkeit; ~gestuosus~ kommt bei Apul. vor. - - - - -Das elfte Capitel. - - Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien. - - -»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, wie denjenigen, -so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so einmal zu solcher -unseligen Congregation gelangen, schwerlich oder wol gar nit mehr -darvon kommen können, also gehets auch dem mehrentheils[350] von -den Soldaten, welche, wann sie gut Sach haben, nicht aus dem Krieg -begehren, und wann sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen -können. Von denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners -gedulden müssen, biß sie entweders durch eine Occasion[351] bleiben -oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, könte man -darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte; -von denen aber, so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder -unnützlich verschleudern, kan man gedenken, daß ihnen der gütige -Himmel nicht gönne, sich ihr großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das -Sprichwort wahr zu machen: - - So gewonnen, - So zerronnen. - -und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen wieder fort.« - -»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche -denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und derselbigen muß -ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, der berühmte Tilly, -nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kränzels, seine -Unterhabende[352] aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt -gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner Soldat von den Seinigen eine große -Beut von Baarschaft, so in lauter Geldsorten bestanden, erobert -und alsogleich wieder mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu -erfahren, ließe er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem -unglückseligen Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene und -wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von andern vernommen -(etliche sagten wol von 30000, andere von weit mehrern Ducaten), sagte -der Graf zu ihme: Du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug -haben und wie ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber -hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch -zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem Kaiser nutz -zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, der sonst den Ruhm -eines Soldatenvatters gehabt, daß dieser Kerl als eine unnütze Last -der Erden in freien Luft gehenkt werden solte, welches Urtheil auch -alsobalden vollzogen worden.« - -»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit[353] der -Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat über -20000 Ducaten ~in specie~ darin erwischt, solche aber bald hernach -auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches dem Königsmark -gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch diesen Soldaten vor sich -kommen ließe, um ihn erstlich zu sehen und ihm alsdann nach Erkundigung -der Wahrheit ebenmäßig obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu -lassen, wie er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach[354]. -Als aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er mit -einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können mich mit -Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen lassen, weil ich -Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine größere Beute zu erhalten. -Diese Antwort, welche vor ein Omen gehalten wurde, erhielte dem guten -Gesellen zwar das Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut, -vielweniger den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu -hart bedrängt wurde.« - -»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem Holtzischen -Regiment[355] zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne Zweifel den -sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen oder doch wenigst viel -von ihm gehöret haben. Er war bei besagtem Regiment ein Musquetierer, -und kurz vorm Friedensschluß trug er eine Pique, wie ich ihn dann in -solchem Stand und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd -hinten und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand -der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem geriethe in -dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller französischen -Duplonen ein solche Beut in die Hände, daß er selbige schwerlich -ertragen, weniger zählen und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz -seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät -dieser liederliche Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall[356] -seines großen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt -und Vestung[357] der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus -Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach so viel -erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen lassen; daselbst -staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und lebte täglich wie ein -Prinz, der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat; er hielte zween -Kutscher, zween Laquaien, zween Page, ein Kammerdiener in schöner -Liberei, und nachdem er sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen -Pferden versehen, reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes -über die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte, -die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren zubrachte -und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich den Obristen Lumpus -nennete. Solches herrliche Leben währete ungefähr sechs Wochen, -in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister, der General von -Holtz[358] auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte, -weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er -zu seiner Hinkunft zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich, -daß ein fremder Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem -er zu weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck -Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel zu -discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als dem großen -Atlante[359] sowol alle Weg und Steg, Wälder und Felder, Berge und -Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle adeliche Familien des -Römischen Reichs bekant waren, als fragte er nur nach dieses Cavaliers -Namen. Als er aber verstunde, daß er sich den Obristen Lumpus nennete -und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten -von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er ein Begierde, -mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen. Er -fragte den Wirth um seine Qualitäten, und da er verstunde, daß er -zwar sehr gesellig, eines lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit -selber, doch aber von wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto -größer. Derowegen verfügte[360] er mit dem Wirth, des Lumpi Consens -zu erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen -möchte.« - -»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen und bei dem -Confect in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine -göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. «Mit diesem Tractament», -sagte er zu seinem Obristen, «wollen euer Excellenz verlieb nehmen -und meiner dabei im besten gedenken.» Der von Holtz verwundert sich -über diß Anerbieten und antwortet, daß er nicht wisse, womit er -ein solch Präsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig -würde verdienen können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches -anzunehmen. Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen; -er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in deren ihr Excellenz -selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung zu thun obligirt sei, -und alsdann verhoffe er hinwiederum von seiner Excellenz eine Gnad -zu erhalten, die zwar keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber -erkennen könte, daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun -dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als jemanden -versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger, -sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil es Lumpus überein[361] -so haben wolte, mit courtoisen[362] Promessen, solches auf begebende -Fäll zu remeritirn.« - -»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er passirte nie bei -keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, die ihm zu Ehrn ins -Gewehr stunde, ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf, -und also machte ers überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein -reicher Herr zu erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle -Tag den Wirth aus[363], ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller -abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert hätte. -Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also wurde er auch -mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, wie ich schon erwähnet, -in sechs Wochen. Darauf versilbert er Kutschen und Pferd; das gieng -auch bald hindurch. Endlich musten seine stattliche Kleider samt -dem weißen Zeug daran; das jagte er alles durch die Gurgel. Und da -seine Diener sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander -ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da er -nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich in einem -schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, schenkte ihm -der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld bei ihm verzehret -hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, biß solche auch allerdings -wiederum verzehret waren. Der Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol -begraset, oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht, -oder anderer Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit -Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, biß er -selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig war, schenkte ihm der -Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum Zehrpfennig auf den Weg; er aber -antwortet, weil es Zehrgeld sein solte, so wolte ers lieber bei ihm -als einem andern verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum -biß auf den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit -wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch 5 Reichsthaler -gab, sich damit fort zu machen. Und den er zuvor ihr Gnaden genennet -und anfänglich unterthänlich willkommen sein heißen, den muste er damal -dutzen, wolte er anders seiner los werden; dann als er sahe, daß er -auch diese letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem -Gesinde, daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. Da er -nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu quittirn, sihe, -da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen das noch übrige -kleine Fünklein seines großen Schatzes vollends mit Bier. Folgends kam -er wiederum bei Heilbrunn zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in -die Eisen geschlossen und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei -acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. Wolte nun -der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des -Stricks entübrigt sein, so muste er sich wol seinem Obristen, den er -deswegen stattlich verehret, offenbaren, welcher ihn auch alsobalden -von beiden befreien ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er -so viel Gelds so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts -antwortet, als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein -Tag nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zu -Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte er auf solche Weis -durch seine Beut erfahren müssen.« - -FUSSNOTEN: - -[350] =mehrentheils=, ~adv.~, wie »theils« von Grimmelshausen öfter -als Substantiv gebraucht. - -[351] =Occasion=, Treffen, Gefecht. - -[352] =Unterhabende=, Untergebene. - -[353] =die kleine Seit=, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag. - -[354] =zusprechen=, zuerkennen. - -[355] =dem Holtzischen Regiment=, vgl. S. 178, Anm. 1. - -[356] =Anfall=, das Zufallen. - -[357] =eine Stadt und Vestung=: Ingolstadt, auf welches der -König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte; -dabei fiel Markgraf Christoph von Baden. - -[358] =Georg Friedrich von Holtz=, ein »Soldat von Fortun«, -stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von -Baiern; starb 1666. - -[359] =dem großen Atlante.= Es ist hier nicht der mythische -Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten -Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208. - -[360] =verfügen=, ausmachen, verabreden. - -[361] =überein=, durchaus. - -[362] =courtois=, höflich. - -[363] =auszahlen=, voll bezahlen. - - - - -Das zwölfte Capitel. - - Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item - wie ihn ein Baur zaubern lernet. - - -Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern -erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus: -»Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als -die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den -Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat -und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser -Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren, -welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den -Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?« - -Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann -ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener -gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und -gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem -aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides -Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man -auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.« - -Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im -Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg -unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor, -wie es dir selbst gangen.« - -»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen, -wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des -nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist -diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius -Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut -überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt -brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich -darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua -retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft -des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt, -aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck -empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit -Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu -verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich -mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365] -der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als -sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen -marschierte.« - -»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und -gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die -~Tirones~[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen -ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen -aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor -gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber -nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder -austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil -es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto -tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine -Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet -und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied -dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch -mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich -dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen, -daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen -dörfte.« - -»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main -schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen -in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig -Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und -nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich -kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden, -Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu -helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst -willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt, -allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So -kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In -der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch -ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich -ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten -oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369] -genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370], -den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel -zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als -welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich -wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin -den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals -etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in -ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte, -übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm -Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein -paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371] -Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger -Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich -im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener -Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht -darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der -Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo -sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein -nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das -Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden -zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem -Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen, -einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war -so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm -die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte -ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte -auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde, -sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er -ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde, -wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch -sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf -mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag -und sagte: «Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi -segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken -Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler -gewen.»« - -»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern -Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit -ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum -Bauern: «Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier, -daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich -kan ausrichten.»« - -»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem -Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil -er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen -wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu -kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt -und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier -ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und -großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich -beherrschten.« - -»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt -und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem -Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie -auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte, -zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu -solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376] -zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377] -und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich -fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum -erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein -Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge -wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen, -der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb, -mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister -gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide -verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und -nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen -auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein -Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste -ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen, -so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche -auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden: -«Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören -und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General -Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er -verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige -Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.« - -»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte -ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei -Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst -bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische -Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde, -antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme, -gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein -liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.« - -»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber -konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.« - -»«O Bruder», sagte er auf Böhmisch zu mir, «du bist wol ein Schalk, -die Leute zu äffen.» Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: «Und -du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht -verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher -Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.»« - -»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht -hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er -nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm -Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so -viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich -beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch -bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen -Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich -solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen -unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch -wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt -seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.« - -FUSSNOTEN: - -[364] =Frankenthal=, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der -Esenach, mit einem Kanal zum Rhein. =Don Gonsales von Cordua= wurde -vom Mansfelder gezwungen, die Belagerung aufzuheben. - -[365] =gegen=, entgegen. - -[366] =~Tirones~=, Rekruten. - -[367] =Stattlo=, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk -Münster. - -[368] =Salva Guardi=, ~sauvegarde~, Schutzwache. - -[369] =hürnen Seifrid=, nach dem bekannten Volksbuche. - -[370] =Banddegen=, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen. - -[371] =übrig=, überflüssig, reichlich. - -[372] =welche=, einige, manche. - -[373] =der Cimbrier Chersonesus=, Jütland und Schleswig-Holstein. - -[374] =Potthast=, im nördlichen Deutschland noch jetzt gebräuchlich, -sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch. - -[375] =tröge=, trocken, gedörrt, geräuchert. - -[376] =enmits over Deelen=, mitten über die Dielen. - -[377] =Pentalpes= oder =Pentaples=, vielleicht für Pentagramm, -Drudenfuß. - -[378] =dump=, =dümper=, dumpf. - -[379] Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die -Rede. Vgl. über diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte. - - - - -Das dreizehnte Capitel. - - Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter - den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen und - endlich ein Freireuter worden. - - -Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung zuhörete, -ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bistu -gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger -gewesen!« - -»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet ihr -euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem -Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige Thierer sein und darzu keine -kranke, wann ich sie würdigen solte, selbige mir zuzuschreiben. Und -zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich -annahm zu Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel -rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie -allesamen mit den Schwänzen an die Hörner zusammen gebunden wären, sie -gewißlich von hier biß auf euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen -er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein -soll. Was vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein -und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß ich vor dem -großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und -Enten, zu gedenken?« - -»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das -Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort -des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich, -deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Bettlen ernähren müssest.« - -Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen[380] und sagte: -»Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius hats kein Haar -besser gemacht und gleichwol noch seine beide Füße übrig, woraus ihr -genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und -ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, -daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut -auch seinem Beruf nicht genug.« - -Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn -schon darum geben, dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam -gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zu werfen.« - -»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem -alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also -lautet: - - So bald ein Soldat wird geboren, - Sein ihm drei Bauren auserkoren: - Der erste, der ihn ernährt, - Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert, - Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt. - -»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen -Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme -Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, beides schuldige und -unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sonder auch ihre -eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie -nur zukommen können.« - -Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war halt Gaul als -Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten -Schelmen und hingegen diese von jenen Diebe genant, so daß diesen Reden -nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und -dannenhero war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene -aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du -vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo -du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.« - -»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, das Rabenaas, -aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wolte, wann es nicht -die Folge meiner Histori erfordert. Zu dieser Vettel kam ich, nachdem -ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld -ledig gemacht hatte. Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder -ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr -darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so sich -zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen. -Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf -entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich mag einmal mein eigne -Guckgaucherei[381] nit selbst ausblasen, sonder es ist mir genug, -wann ich glauben muß, sie werde meiner so wenig als deiner verschonet -haben. Diß ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende -Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als -ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt, -von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu werden, -wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in -den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und -Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt[382] und fertig, und -in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar ~insationabilis~[383], -daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran -gethan, wann er ihr zu Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals -gehenkt und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte. -Diese Unholde[384], als sie meiner müd worden, brachte beides durch -Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie -saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittirn muste. -Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit, -hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich große Angst -ausstunde, biß ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.« - -»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter -dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische, -folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich -daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts -ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst -wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen -ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen -ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden -Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere -Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem -Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer -vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, -welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen, -als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem -Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte, -dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich -auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden -möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber -wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er -noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich, -zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor -Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders -nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der -einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen -Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten -kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen -werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem -Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor -sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der -einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe -mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, -daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.« - -»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden -überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so -lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte. -Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der -alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von -Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen -Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu -Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin -wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den -Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich -genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil -von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und -englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein -voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich -zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen -den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer -Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und -langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig -gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.« - -»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe -wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen, -daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz -lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison -zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens -Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt -hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, -sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den -Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er -mich entließe.« - -»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich -und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor -einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment, -darunter ich gehörte, gelangen möchte.« - -FUSSNOTEN: - -[380] =einen großen Schallen=, so wird zu lesen sein statt -»Schollen«: lachte, daß es laut schallte. - -[381] =Guckgaucherei=, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk). - -[382] =abgeführt=, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt. - -[383] =~insationabilis~=, Springinsfeld will sagen ~insatiabilis~, -unersättlich. - -[384] =Unholde=, Unholdin, Hexe. - -[385] =wider=, die Drucke haben »unter«. - -[386] =creirt=, geschaffen, bestimmt. - -[387] =zu uns genommen=, gefangen genommen. - - - - -Das vierzehnte Capitel - - erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück. - - -»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, der -nach diesem glücklichen Streich in Westphalen herum fuhr wie eine -Windsbraut, und das war ein Leben vor mich, dergleichen ich mir -vorlängst eins gewünscht hatte. Als er die Städte Lemgau[388], Herfort, -Bielefeld und andere um Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort -die Dörfer und Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen, -setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier mit seinen -vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von Lüneburg putzten, -folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit und schaffte mir -desto mehr Raubs. Vor Stade, alwo wir den schwedischen General Todt -hinweg schlugen und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg, -bekam ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene -Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht so viel -Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen Roßhändler hätte -ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld und Glück zugleich mit -vermehrte, fieng ich an zu gedenken, ob ich nicht auch ein Officier -abgeben würde.« - -»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr einlegten, außer -daß wir die Holländer aus ihren Schanzen vor Mastricht nit schlagen -konten. Den Hessen und den Bavadis[389] berupften wir gleichsam wie -wir wolten, und den Lüneburger, der Wolfenbüttel einzunehmen sich -bemühete, lehreten wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das -braunschweigische Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber -Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem Wallensteiner -und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu einer Hochzeit, in welcher -aber beiderseits allertapferste Helden und berühmteste Generalen ihrer -Zeit gleichsam mitten in ihrem Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit -Myrrhen und Rauten[390] bekrönet worden.« - -»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus und unser berühmte -Pappenheimer, beide ritterlich streitend, ihr Leben zu =einer= Zeit -in =einem= Flügel gelassen, wie dann der Graf kaum eine viertel oder -halbe Stund länger als der König gelebt haben soll, sihe, da erhub -sich ererst die wüthende Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten. -Jedwedere Seite stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche -Maur, und was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den -entseeleten Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß an den -Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen[391] sie mit -zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet worden, eine -sonderbare Kraft und Würkung empfangen, beides die auf sich habende -Todte und Lebendige zu demjenigen anzufrischen und zu entzünden, -was ein rechtschaffner Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten -schuldig, maßen beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß -die stockfinstere Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger -streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.« - -»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends in -Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil die Kräfte nit -hatte, uns zu jagen; und da ichs beim Liecht besahe, wurde ich gewahr, -daß ich in der Schlacht meinen Knecht und bei der Bagage meinen Jungen -samt allem, was ich vermocht[392], verloren. Den letztern Schaden -zwar hatten mir unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches -auch andern mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel -aufgeknüpft worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.« - -»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der Anfang und -gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen Unglücks, das noch -länger bei mir continuiren solte; dann nachdem mich die Altringische -erkanten, muste ich wieder unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein, -worunter ich mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher -Gestalt hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder weil -ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon gebracht, so -war auch die Hoffnung pritsch[393], ein Officier zu werden.« - -»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen und Kempten -einnehmen und den Schwedischen Forbus[394] striegeln helfen, in allen -diesen dreien Occasionen aber kein andere Beut als die Pest an Hals -bekommen, und zwar allererst als wir mit dem Wallenstein in Sachsen -und Schlesien gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben -an dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in -unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche Zufäll -betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich Wunder, daß dem -einen und andern der Lust in Krieg zu ziehen nit vergehet. Aber viel -ein mehrers verwundert mich, wann ich sehe, daß alte Soldaten, die -allerhand Unglück, Leiden und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum -öftern ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht -quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne[395], oder -ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen -und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine Art einer sonderbaren -unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; schätze wol, es seie ein Art -derjenigen Thorheit, damit sich die Hofleute schleppen, welche dem -Hofleben, darwider sie doch täglich murren, nicht ehender resigniren, -als biß sie solches mit ihres Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie -wollen oder wollen nicht.« - -»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit unserer Contagion -behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, der unsers Gelds gleichwie -wir seiner Arzneimittel bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so -das ander mangelte, wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm -und wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, die -ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich[396] nach dem -andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und als wir wieder -zu reuten getrauten, machten wir sich auf den Weg, uns durch Mähren -in Oesterreich zu begeben, alwo unser Regiment gute Winterquartier -genosse.« - -»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. Wir beide -Schwache und noch halb Kranke wurden von einer Rott Räuber, die wir -mehr vor Bauren als Soldaten hielten, angegriffen, abgesetzt[397], -biß auf die nackende Haut ausgezogen und noch darzu mit Stößen übel -tractirt, und konten schwerlich unser eigen Leben und vor unsere -Kleider etwas von ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der -damaligen grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel -mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet -gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren war. Ich -hatte noch etliche Gleich von meiner göldenen Kette verschluckt: darauf -bestund all mein übriger Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen -der Teufel gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen, -biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste ichs noch vor -einen großen Gewinn halten, daß sie mir den Bauch nicht aufgeschnitten, -anstatt daß sie uns endlich wieder lebendig von sich ließen. In solchem -ellenden Zustand, da uns zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit -und bequem Wetter zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche -Leute, daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf -kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad kein -Niemezy[398] oder Niemey gewesen, der die slavonische Sprach nicht -gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren[399] vom mährischen -Landmann beides Essensspeis und alte Kleider erbettelte, damit wir -sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert[400], jedoch dicker wider die -grimmige Winterskälte bewaffneten. Also armselig haben wir Mähren -allgemach durchkrochen, viel Ellend erlitten und von dem Bauersmann, -der dem Soldaten niemals hold wird, mehr spitzige Schmachreden als -willige Steur und Almosen eingenommen.« - -FUSSNOTEN: - -[388] =Lemgau=, Lemgo. - -[389] =Bavadis=, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam -als Oberst mit Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor -Pappenheim aus Westphalen zurückziehen. - -[390] =Myrrhen und Rauten=, als Leichenschmuck. - -[391] =um willen=, deswegen weil. - -[392] =vermögen=, im Vermögen haben, besitzen. - -[393] =pritsch=, dahin. - -[394] =Forbus=, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst -vorkommenden weniger bekannten Ereignisse und Namen, so weit dies -möglich war, nachgewiesen worden sind. - -[395] =ein Loch gewinnen=, auch sonst bei Grimmelshausen -und selbst in geschichtlichen Werken, z. B. im ~Theatrum Europæum~, -vorkommend, sprichwörtlich: ein Ende nehmen. - -[396] das =Gleich=, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr. -Glied einer Kette. - -[397] =absetzen=, vom Pferde reißen. - -[398] =Niemezy=, Deutscher. - -[399] =Parlaren=, Sprechen. - -[400] =ziert=, geziert. - - - - -Das fünfzehnte Capitel. - - Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen - gehalten. - - -»Zu[401] unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir wieder -beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu Eger -umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada zum -Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen und sich -selbst zum König in Böhmen machen wollen. Hierdurch wurde zwar diß -hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, aber zugleich auch das -kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum Theil um der verfluchten -Wallensteinischen Zusammenverschwörung halber vor verdächtig gehalten -werden wolten, zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt, weil man ihre -Treu zuvor probieren muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues -dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, daß es -liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, maßen die -schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung unterschiedlicher -Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich der unüberwindlichste -dritte Ferdinand, damaliger ungar- und böheimischer König, die Waffen -selbst ergriffen. Dieser mustert uns und führte uns bei 60000 stark -samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche -Stadt ich hiebevor, nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen -müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem General, -dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen unter Gustav Horn -entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auf der -Brücke ziemlich heiß hergienge, alwo mir nicht allein mein Pferd unterm -Leib, sonder auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser -rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.« - -»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen und sich der -hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, mit uns völlig conjungirt, -zogen wir auf das Ries[402] und belägerten Nördlingen. Damals war ich -ein unberittener und auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht -genossen, ein Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges -erschnappt hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß -man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, als -die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. Indem es aber -hierüber zu einem fast blutigen Treffen geriethe, gedachte ich auch -eine Beut zu holen oder das Leben darüber zu verlieren, dann ich wolte -viel lieber todt als ein solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet -und zusihet, wie tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich -um den Barchet jagen[403]. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser -oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte, -sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen ins Gedräng, als die Victori -noch in der Wag stunde und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch -und Staub bedeckt war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei -der Battalia den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings -verloren. Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, den Ungern -und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über eben denjenigen Ort, da -ich mich befande, des Willens, in Eil die da und dort liegende Todte zu -besuchen und zu plündern, wird[404] ich gezwungen niederzufallen und -mich denjenigen gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte. -Das thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen den -Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, deren sie -abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.« - -»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher -wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim Zaum hielte und -den einen Schenkel entzwei geschossen, den andern aber noch im Stegreif -stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, weil er ihm selbst nicht helfen -könte.« - -»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!« - -»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer -Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges Wort mir -zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen Hund genant.« - -»Ich fragte: Was Volks?« - -»Er antwort: Gut schwedisch.« - -»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der andern Hand -eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet damit den wenigen -Rest des bittenden Lebens. Und diß ist die Würkung des verfluchten -Geschützes, daß nämlich ein geringer Bärnhäuter dem allertapfersten -Helden, nachdem er zuvor vielleicht auch durch einen liederlichen -Stallratzen ungefähr beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande -Goldstücker bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen -Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk war mit Gold und -Silber gestickt, das Degengefäß von Silber gemacht, und sein Hengst -ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, dergleichen ich meine Tag -niemalen überschritten[405]. Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem -ich Gefahr merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen -oder ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und -da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern -oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, waren nach damaligem -Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, muste ich gleichwol bei mir -selbst erseufzen und gedenken: wann der unüberwindliche starke Hercules -jetziger Zeit selbst noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als -dieser brave Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt -werden.« - -»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, daß sie -sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, gefangen zu -nehmen und Beuten zu machen, welches lauter Zeichen der erhaltenen -Victori waren. Ich machte mir anderer gehabte Mühe zu Nutz und stund -zu den Siegern in ihr Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte, -ohne daß ich blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus -kleiden konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl -von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, ohnangesehen -sie tapfer gefochten hatten.« - -FUSSNOTEN: - -[401] =Zu=, bei. - -[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern. - -[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war -ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller, -Bayr. Wörterb. - -[404] =wird=, ~præs.~ zu werden. - -[405] =überschreiten=, besteigen. - - - - -Das sechzehnte Capitel. - - Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er - von etlichen Wölfen belägert wird. - - -»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften -Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche -Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin -diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und -zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was -die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die -zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien -Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil -meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz -Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten -Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen -mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert, -darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu -einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit, -die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser -wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und -demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte -der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein -stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407] -zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe, -sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere -Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und -zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit -ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren -es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang -unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich -daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte -ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408], -Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus, -deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war, -welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich -deren auszugeben hatte.« - -»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze -Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest -unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo -wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham, -Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen -helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich, -mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du -selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon -zu erzählen.[413]« - -»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen -und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg -marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der -Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich -alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart -hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in -Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen -und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die -Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln -giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.« - -»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter dem Lamboy ein -solche Armatur, die wir leicht übermeisterten und von der Kemper -Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg schlugen. Diesem Sieg folgten -Neuß, Kempen und andere Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir -genossen, und ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden. -Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbei, weil -ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der Compagni verbleiben -muste. Demnach wir aber Gülch[414] plünderten und mit den Leuten auf -dem Land sowol im Erzstift Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens -procedirn dörften, erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich -wieder von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn -getraute.« - -»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten schon -ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich[415] vergeblich zur Uebergab -ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, die bei Zons[416] -lagen, sonder auch die Spanische ans Leder wolten. Dannenhero schlupfte -Guebrian den Kopf aus der Schlinge, quittirte den Rheinstrom und -führte uns durch den Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum -zu rauben, zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten -gefunden, biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar Jean de -Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf[417] in die Haar gerathen und -einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen. Aber -wer kein Glück hat, der fällt die Nas ab, wann er gleich auf den Rucken -zu liegen kommt, dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant -von Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter[418] zu nennen -pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, wo damals das -baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen Regiment Dragoner -zugestellt, darunter ich anfänglich gedienet.« - -»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, weil ich noch -kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu Balingen[419] und widerfuhre -mir ein Poß um selbige Zeit, welcher zwar von keiner Importanz, -gleichwol aber so seltzam, verwunderlich und mir so eine schlechte -Kurzweil gewesen, daß ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel, -denen der damalige ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant, -mir solches nicht glauben werden.« - -»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, daß die -Weimarische unter Reinholden von Rose 1200 Pferd stark ausgangen, -uns aufzuheben, gedachte er solches an Ort und End zu notificirn, -von dannen succurirt werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet, -noch ohnberitten, zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine -Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, ich -würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern mit -einem Schreiben nach Villingen[420] geschickt, von dieser obhandenen -Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu bringen; und golte gleich, -ob ich vom Gegentheil unterwegs gefangen würde oder nicht, dann wann -solches geschehen wäre, so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag -entdeckt gewesen, und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich -kam glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen, -um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. Als ich nun durch ein -Dorf passirte, darinnen keine Mäus, geschweige Katzen, Hund und ander -Vieh, viel weniger Menschen sich befunden, sahe ich gegen mir einen -großen Wolf avanziren, welcher ~recta~ mit aufgesperrtem Rachen auf -mich zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein ander -Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich derowegen in -das nächste Haus und hätte die Thür hinter mir gern zugeschlagen, wann -es nur eine gehabt, aber es mangelte deren sowol als der Fenster und -des Stubenofens. Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus -nachfolgen würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort nicht -respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, sonder -zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach hernach; -dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andre Stiege -hinauf nehmen muste. Und weil mich der Wolf sehen ließe, daß er auch -Stiegen steigen konte so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in -aller Eil, welches zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch -ein Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich eilends die -Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den Latten zu behelfen, auf -welchen ich je länger je höher hinauf kletterte. Und als ich mich hoch -genug daroben und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande, -öffnete ich im Dach ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der -Wolf die Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.« - -»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr Cameraden -bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden stelleten, als ob -sie einen Anschlag zu erstimmen[421] begriffen, wie sie mir beikommen -möchten. Ich hingegen chargirte mit halben und ganzen Zieglen auf sie -hinunter, konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte[422] -oder starke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf -den Pelz traf, so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder -behielten mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die -stockfinstere Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont -bedeckte, mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten -Schneeflocken gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang -des Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich -kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen konte. -Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschröckliche -Music an, daß ich vermeinte, ich müste von ihrem grausamen Geheul -übers Dach herunter fallen. In Summa, es ist unmüglich zu glauben, was -vor eine ellende Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher -äußersten Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in -was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der -Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig währet, welche -nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den schröcklichen Teufeln -selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder gar in der Höllen, nicht -nur in gemeiner Kälte, sonder in ewig brennendem Feur, nicht nur eine -Nacht, in Hoffnung erlöst zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden. -Diese Nacht war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte, -es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete weder Hahnen -krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft und erfroren dorten -im rauhen Luft, daß ich gegen Tag all Augenblick vermeinte, ich müste -herunter fallen.« - -FUSSNOTEN: - -[406] =Erhaltung=, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war. - -[407] =Fickmühle=, Zwickmühle, Stellung der Steine im -Mühlenspiel, wo beim Aufziehen der Mühle eine andere geschlossen wird. - -[408] =Jacobiner=, englische Goldkronen. - -[409] =Umgicker=, das Wort kann ich nicht nachweisen. - -[410] =Une=, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm. - -[411] =Kammen=, Kamen, ebendaselbst. - -[412] =Werl=, ebend., Kreis Soest. - -[413] Vgl. »Simplicissimus«, Buch ~II~ und ~III~. - -[414] =Gülch=, Jülich. - -[415] =Lechnich=, Städtchen, Regierungsbezirk Köln, Kreis -Euskirchen. - -[416] =Zons=, Städtchen, Reg. Düsseldorf, Kr. Neuß. - -[417] =Schorndorf=, Würtemb. Jaxtkreis, Stadt. - -[418] =Kirbereuter=, Kirchweihreiter. - -[419] =Balingen=, Oberamtsstadt in Würtemberg, Schwarzwaldkreis. - -[420] =Villingen=, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach. - -[421] =erstimmen=, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen. - -[422] =satt=, genügend, wirksam. - - - - -Das siebzehnte Capitel. - - Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner. - - -»Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum, ich sahe -aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung zu meiner Erlösung -hätte schöpfen mögen, sonder hatte vielmehr Ursach, gleichsam gar -zu verzagen, dann ich war müd, matt, schläferig und noch darzu -auch hungerig. Ich beflisse mich sonderlich, mich des Schlafens zu -enthalten, weil die geringste Einnickung der Anfang meines ewigen -Schlafs gewesen wäre, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder über -das Dach herunter purzlen müssen. Indessen bewachten mich die Wölfe -noch immer fort, ob zwar bißweilen deren etliche die Stiege auf und ab -spazierten. Nach denjenigen, die oben im Hause unterm Dach verblieben, -warf ich zwar ohne Unterlaß mit Zieglen, ob ich sie vielleicht -vertreiben möchte. Es nutzte mir aber zu nichts anders, als daß ich -mich durch dasselbige Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den -Schatten oder eine Copei einer geringen Wärme in die Glieder schaffte. -Und dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.« - -»Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein gänzliches -Verderben ergeben hatte, kamen fünf Kerl in sachtem Galop daher -geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres Gewehrs ansahe, -daß sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden. Den letzten kante ich -am Pferd, daß es ein Wachtmeister vom Sporckischen Regiment war, der -mich gar wol kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und -sahen mich anfänglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser -näherten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch als einem -Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten mich herunter -schießen. Als ich aber gedachten Wachtmeister mit Namen nennete, mich -damit zu erkennen gab und darneben versicherte, daß in 24 Stunden kein -vernünftige Seele im Dorf gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach -Schiltwacht gehalten, erzählet ich ihnen auch zugleich mein Geschäfte -und was vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten. -Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem starken -Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm, ließe er alsobalden -zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen, in das Haus gehen und sonst -das Haus umstellen, auch Schiltwachten außerhalb dem Dorf aufführen. -Als nun jene ins Haus gestürmt, wurden 8 Wölf so erschossen als sonst -niedergemacht, und im Keller fünf menschliche Körper gefunden, von -welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten. Vermög -eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Paßzedel und eines -Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines Gürtels, darinnen -Ducaten vernähet waren, ist ein Metzger unter diesen gewesen, der die -Donau hinunter gewolt, etliche Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese -fünf Menschenköpfe fanden wir auch Aas von andern Thieren, also daß es -in diesem Keller einer alten Schindgruben ähnlich sahe.« - -»Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil zu erkundigen, -was die Weimarische im Sinn hätten. Und da er solcher Gestalten von -mir erfuhr, was des Rose Intention wäre, befahl er alsobalden in -demselbigen Dorf zu füttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben, -was jeder von kurzem Futter hinter sich führte, dann in demselbigen -Dorf war nichts vorhanden, das die Pferde genießen konten, als das -Stroh auf etlichen Dächern. Und alsdann fütterte auch ein jeder sich -selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von deren mir mildiglich -mitgetheilt wurde, als dessen ich damals auch trefflich vonnöthen.« - -»Der Obriste hielte die Begegnus mit den Wölfen vor ein gut Omen, noch -ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er gedachte, auf Balingen zu -gehen und mit Zuziehung unserer daselbst liegenden Dragoner dem Rosa -einen Streich zu versetzen. Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den -richtigsten Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht -marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, daß Rosa sich zwar bei -Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner auszuheben, -sonder den Ort, den er vor leer gehalten, zu besetzen. Weil er aber -zu spat kommen, hätte er sich in das Dorf Geislingen[423] logirt, um -über Nacht daselbst liegen zu bleiben. Hierauf ändert der Obriste -alsobalden seinen Anschlag und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen -zu, alwo wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose mit bei -sich habenden vier Regimentern gar unsäuberlich aus dem ersten Schlaf -weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf, die übrige aber hielten -darvor haußen[424] und zündeten es an vier Orten an. Darauf wurden -gleichsam in einem Augenblick diese vier Regimenter zerstöbert[425] -und ruinirt. 200 wurden gefangen ohne die Officier, und sonst viel -schöne Beuten gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, daß -ich auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen möchte, als -durchschliche ich die Häuser zu äußerst am Dorf und zunächst an einem -Ort, da es brante, und bekam drei schöne gesattelte Pferd mit aller -Zugehör und einem Jungen, dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder -zu Fuß darvon gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das -Niederbüchsen unserer im Feld haltenden Reuter geförchtet, als die -gemeiniglich nur den Flüchtigen zu Pferd zusetzten.« - -»Des Morgens frühe ließe mich der Obriste mit meiner Beut wiederum nach -Balingen reiten, unserm Commendanten und seinen Dragonern die Botschaft -seines glücklich verrichten Einfalls zu bringen. Ich war willkommen, -nicht allein wegen der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen -der guten Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines -Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt -hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler versprochen, wann ich -zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht ausgerichtet haben würde. -Weil ich aber jetzt so wol heim kam, verehrte er mir deren zwei und -machte mich noch drüberhin zu einem Corporal. Derowegen versilberte -ich das eine Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erlösten -Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob ich -nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben wurde. Eben -auf denselbigen Tag, daran ich so groß worden, gieng Rothweil an den -Guebrian über, aber die Weimarische haben diese Stadt nicht viel länger -behauptet, als biß die Tuttlinger Kirchmeß[426] gehalten worden, -auf deren ich zwar wenig Beuten einkramen können, weil ich als ein -Unteroffizier anders zu thun hatte. Dann nachdem solche vorüber, nahm -sie unser General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich -damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt, wäre ich -beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt oder wol gar -als ein Corporal, der andern abwehren sollen, aufgehenkt worden, dafern -mich mein gutes Pferd nicht beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen -Thaler, die ich den Nachjagenden spendirte, aus den Händen des Profosen -und Steckenknechts errettet hätten.« - -»Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob gleich -Herr Corporal Springinsfeld anfänglich in denselbigen eine herbe -Hauptkrankheit überstunde, also daß ihm auch kein Härlein Heu auf der -obern Bühne übrig verbliebe, so schlug es ihme dannoch hernach so wol -zu, daß er mitten im Krieg einen solchen fetten Kopf überkam, wie ein -Dorfschultheiß mitten in Friedenszeiten.« - -FUSSNOTEN: - -[423] =Geislingen=, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt -Balingen. - -[424] =haußen=, (hie außen) außerhalb. - -[425] =zerstöbern=, zerstreuen. - -[426] =Tuttlinger Kirchmeß=, der Ueberfall bei Tuttlingen, -Stadt auf der Baar, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl. -die Einleitung. - - - - -Das achtzehnte Capitel. - - Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem - Treffen vor Herbsthausen ergangen. - - -»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy -wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder -holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das -Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung -der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große -Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser -folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit -Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin -über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert. -Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc -de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger -auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und -weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam -als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie -stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden, -wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und -wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der -überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten -geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben -gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den -andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren, -daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander -zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als -wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns -ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto -tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit -großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener -aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.« - -»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds -Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen -wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein -worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer -Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret -und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht, -als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine -Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen, -es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler -Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf -wider eine Maur lauft.« - -»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig -erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub -umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen. -Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim -mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den -ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern -und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen -Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo -mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen -hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich -Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.« - -»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten -an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz -gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg, -Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland -wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum -allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein -Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann -de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die -Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier -giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten -und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An -dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten -Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und -unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden. -Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und -weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher -uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner -klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war, -so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und -zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel -geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich -sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche -Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel -Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.« - -»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich -kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste -von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen -vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt -ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen, -die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da -empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu -Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch -beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder -im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436] -die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das -Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich -aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von -Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu -wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir -uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein -machen solte.« - -»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er -ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen -dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme -Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in -diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich -geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig -gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch -den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse, -daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser -zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den -ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein, -daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu -ertappen, beschädigen solte.« - -FUSSNOTEN: - -[427] =Ueberlingen=, Baden, Seekreis am Bodensee. - -[428] =aufheben=, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache -machen. - -[429] =sich erschnauben=, verschnaufen, zu Athem kommen. - -[430] =rumpeln=, rasch einfallen, vgl. überrumpeln. - -[431] =Bensheim=, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt. - -[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt -erschossen; ~Theat. Europ. V~, 581. - -[433] =Weinheim=, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz. - -[434] =Schmeißen=, Schlagen. - -[435] =Jankau=, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen -endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus. - -[436] =Nagolt=, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in -einem tiefen Thal gelegen. - - - - -Das neunzehnte Capitel. - - Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium. - - -»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren ohne die -Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß unsere Armee biß an die -niederhessische Grenze hinunter gieng und Amöneburg[437] entsetzte, vor -Kirchhain[438] sich vergeblich bemühete und dardurch in ein Wespennest -stache, das ist, daß sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn -verursachte; wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen -muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund[439] mit -andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner empfangenen Wunden -curirn. Aber als sich unsere Armee mit einem Succurs von ungefähr -fünfthalb tausend Mann, den ihr der Graf von Geleen[440] zugebracht, -nach Heilbrunn zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen -Fugger, Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste ich auch -dort liegen bleiben.« - -»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und -Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc d'Anguin -zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und die Unserige zu -erfolgen.[441] Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn wol liegen, aber -Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches sie beschossen, mit -stürmender Hand eingenommen und auf 600 Mann von uns darinnen so -gefangen bekommen als niedergemacht haben. Daselbst seind sie über -den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten -Oerter, auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie -unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bei -Allerheim[442], warbei unser tapferer General-Feldmarschall von Mercy -das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen sie Nördlingen[443] mit -Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister von meinem Regiment, der -mit 400 von unsern Dragonern und 200 Musquetierern in Dinkelspiel[444] -lag, daß er sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad -ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen[445], -wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als wann es auch in dem -Treffen gewesen wäre. Von dar giengen sie über Schwäbischen Hall[446] -gegen uns los, weil es uns auch gelten solte, und fiengen an gegen -uns zu agirn und sich zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren -Ankunft vermerkten, als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16 -kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden sie -wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, als -wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten. Und ich kan -auch nicht sehen, was sie diese theure Victori anders genutzt, als -daß sie die Unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus -dem Weg geraumet; dann sie wurden bis nach Philipsburg[447] verfolget -und verloren alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir -bekamen auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein Feldstück, -ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft von ihnen, darvon -sich die Teutsche alle unterstellen und also unsere Armee wieder -verstärken musten. Folgends giengen wir wieder in unserem gewöhnlichen -Gäu, das ist in Franken, im anspachischen und würtenbergischen Lande in -die Winterquartier, die Kaiserlichen aber in Böhmen.« - -»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer Armee in -Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, denen daselbst befindlichen -Schweden einen guten Streich zu versetzen. Weil es aber außer der Zeit -und hierzu gar unbequem Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich -selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders draus, als -daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände -kommen.« - -»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen den -Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um sich zu greifen, -seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen und durch die -Wetterau biß zwischen Kirchhain und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da -es zwar zu keiner Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte -Völker an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich -einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes Pferd samt -60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil dann der Feind nicht -schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain in seinem verschanzten und -wol proviantirten Läger verbliebe, wir aber an Fourage Mangel litten, -zogen wir uns zuruck in die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und -Hessen, als die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein -Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda[448] in Battalia, spielte -mit Stücken zusammen[449] und sahen einander an wie zween zähnbleckende -Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen. Endlich ließen -sie uns gegen dem Camberger Grund[450] marschiern, sie aber giengen -in vollen Sprüngen über den Main und der Donau zu und ließen uns das -Nachsehen.« - -»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen, -den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein und anders der -Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns gleich Königsmark bei -Schwabenhausen[451] zwackte, so seind wir jedoch noch in 800 Pferd -stark in Augspurg angelangt, eben als sich die Schweden vergebliche -Hoffnung gemacht, selbe Stadt in Güte einzubekommen. Gleich darauf -kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns; -worauf die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit mit -Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. Und ich glaube auch, -sie würden uns gewaltig heiß gemacht und endlich auch die Stadt gar -überkommen haben, wann sich die Unserige nicht bald darvor präsentirt -hätten; als welche sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt -hatten und die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg -schröckten.« - -»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten Dragonern liegen, -biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, Schweden und Hessen einen halben -Frieden oder wenigst (ich weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand -der Waffen machte. Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr -durch Fußvölker abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es um -Denkendorf[452] herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.« - -»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste eine -solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, mit -ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen überzugehen[453], -zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor welche sie bißhero so -ritterlich gefochten, zu plündern, unter welchen vornehmlich mein -Obrister auch gewesen, der doch ein Soldat von Fortun und zu seinem -Stand durch seines großen Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert -worden war. Er erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein -schandlicher Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an einem -aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, maßen ich ein -Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao bei Passau gesehen. Andern -wurde solches Unterfangen wegen ihrer hohen Verdienste und großer -Aestimation nachgesehen, als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen -auch ein Bessers meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt, -weiß ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann sagen, -wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen[454] aufgewartet, -biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.« - -FUSSNOTEN: - -[437] =Amöneburg=, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der -Ohm, Städtchen von 1600 Einwohnern. - -[438] =Kirchhain=, Städtchen ebendaselbst. - -[439] =Taubergrund=, Tauberthal. - -[440] =Graf von Geleen= oder Gleen, vgl. die Einleitung. - -[441] =erfolgen=, nachrücken, um jemand einzuholen. - -[442] =Allerheim=, Dorf in Baiern, Landger. Nördlingen. - -[443] =Nördlingen=, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der -Eger. - -[444] =Dinkelsbühl=, Stadt in Baiern, an der Wörnitz. - -[445] =sich unterstellen müssen=, untergesteckt werden, um dem Feinde -zu dienen. - -[446] =Schwäbisch Hall=, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher. - -[447] =Philippsburg=, ehemals Reichsfestung in Baden, an der Salzbach. - -[448] =Nidda=, Nebenfluß des Mains, in Hessen-Darmstadt, mündet bei -Höchst. - -[449] =spielten zusammen=, d. h. miteinander. - -[450] =Camberger Grund=, Thal bei Camberg am Emsbach. - -[451] =Schwabenhausen=, es ist wol Schwabhausen im bairischen -Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt Landsberg: kleine -Dörfer. - -[452] =Denkendorf=, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg. - -[453] Vgl. die Einleitung. - -[454] =Dientlen=, Dirnen. - - - - -Das zwanzigste Capitel. - - Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher - Abdankung. - - -»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers alten Kriegs, wie -etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr leuchten: Mercy war todt, -Joan de Werth nicht mehr unser, und der Holzapfel, sonst Melander, -den Schweden und Franzosen nicht so herb und handig[455] wie etwan -zuvor den Kaiserischen, da er noch den Hessen dienete, wiewol der -rechtschaffne Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns -der Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien uns -etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich wie eine -Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz so viel als nichts -bewegen ließen), wir solten nur eilen mit der Flucht, so wolten sie uns -an Oerter jagen, alwo eine Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese -haben errathen, was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen -durch ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß unter den -Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben Batzen, sonder auch sogar -um eine verächtliche Pfeif Tabak hingegeben worden. Damals stund unser -Sach liederlich; der von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen -bringen, daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt -werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den wehrlichen[456] -Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom hinüber passieren, -welchen zu überschreiten auch das Gegentheil erkühnete.« - -»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf und -das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. Ich lag unter sieben -doch schwachen Regimenten in Wasserburg[457], als beide Feindsarmeen -suchten denselbigen Ort zu bezwingen und über besagten Fluß in das -gegenüberliegende volle Land zu gehen, in welchem etliche steinalte -Leute die Tag ihres Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen -hatten. Weil aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war, -etwas daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden -Kugeln zusprachen, giengen sie auf Mühldorf[458] und wolten dort -ins Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. Aber -ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein kaiserliche -Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd wurden und ihr -Hauptquartier zu Pfarrkirchen[459] nahmen, alwo sie erstlich der Hunger -und endlich die Pest zu besuchen anfieng, die sie auch endlich zwischen -dem Tirolischen Gebürg und der Donau, zwischen dem Inn und der Iser -hinaus getrieben, wann sie das Generalarmistitium, so dem volligen -Frieden vorgieng, nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.« - -»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach Hilperstein[460], -Heideck[461] und selbiger Orten herum gelegt, da sich ein artliches -Spiel unter uns zugetragen; dann es fande sich ein Corporal, der -wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was ihn vor eine Narrheit darzu -angetrieben. Ein Musterschreiber[462], so allererst aus der Schul -entloffen, war sein Secretarius, und also hatten auch andere von -seinen Creaturen andere Officia und Aemter. Viel neigten sich zu ihm, -sonderlich junge ohnerfarne Leut, und jagten die höchste Offizier zum -theil von sich, oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen -Gewalt. Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol -gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. Und -sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben zu einer -andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann der Feind in der Nähe und -man unserer beiseits[463] nöthig gewesen, ins Werk gesetzt worden wäre; -dann unser Regiment war damals eins von den stärksten und vermochte -eitel geübte wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder -junge Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen worden. -Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen nicht abstehen -wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten Völkern, -welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und Blutvergießung Meister wurden -und den neuen Obristen viertheilen, oder besser zu sagen, fünftheilen -(dann der Kopf kam auch sonder) und an vier Straßen auf Räder legen, -18 ansehenliche Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil -köpfen und zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment -aber die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem Feldherrn -wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor meinem Ende oder vor -dem völligen Frieden aus einem Fourier zu einem Quartiermeister und -das Regiment aus Dragonern zu Reutern gemacht, und dieses ist das -Letzte, was ich dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori -zu erzählen weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, zu -welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen Jungen, -auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld ohne die drei Monatsold -vermöchte, die ich bei der Abdankung empfieng, dann ich hatte nun ein -geraume Zeit hero kein Unglück gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also -muste ich aufhören zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum -besten. Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte, -versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und begab mich -mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, wie ich meinen Handel -ferner anstellen, oder was mir sonst vor ein Glück zustehen möchte.« - -FUSSNOTEN: - -[455] =handig=, hurtig, behende. - -[456] =wehrlich=, gut befestigt und vertheidigt. - -[457] =Wasserburg=, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern. - -[458] =Mühldorf=, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern. - -[459] =Pfarrkirchen=, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts -in Niederbaiern. - -[460] =Hilperstein=, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines -Bezirksamts, Baiern. - -[461] =Heideck=, bei Hilpoltstein. - -[462] =Musterschreiber=, der die Musterrollen führt, in welche die -Namen der Soldaten eingetragen werden. - -[463] =beiseits=, besonders. - - - - -Das einundzwanzigste Capitel. - - Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk - er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein ehrlichen Abschied - hinter der Thür[464]. - - -»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und traf zu bemeldtem -Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, die war nit viel jünger, -hatte auch nicht viel weniger Geld als ich. Und weil wir einander -öfters bei der Armee gesehen, machten wir desto ehender Kundschaft -mit einander. Sie merkte Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und -dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht -mit uns beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers -nicht glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land zu -Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt[465], und solches -war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal ich alsdann -die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, die mir am -besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug -aufschneiden, viel weniger genug beklagen, daß sie in ihrer Jugend -gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seligen von denselbigen[466] -hinweg geraubt und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider -ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen kan, -daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol als mir die erste -Einnehmung der Festung Frankenthal[467] gedachte. Was darfs aber vieler -Umstände? Wir machtens gar kurz mit einander und traten nicht allein -mit der Heurathsabred, sonder auch mit der Copulation geschwind -zusammen. Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß -abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben -solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas keine Hoffnung mehr -war, alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut -haben, ihren Sohn aber, den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich -aussteuren solte. 100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu -vermachen und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock -dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar ein -wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber darum weder -Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich beinahe so viel zu -bauen hatte, als wann ichs von neuem hätte angefangen. Das überstunde -ich mit feiner Geduld und wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen -hatt, getreulich an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven -Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den -Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger von Jerusalem -hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen der schweren -Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld[468] geben, da ich doch viel -lieber noch länger Krieg haben mögen), nicht leichter, sonder viel -schwerer wurde, vornehmlich darum, weil es damals viel reisende Leut -gab, beides von Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die -ihr Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich zu -schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.« - -»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel mir -trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs -Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich auch nach -und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine Sinne und Gedanken -anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte. Ich wäre auch -zeitlich zu einem reichen Mann worden, wann mich das Unglück nicht -anderwärtlicher Weise geritten.« - -»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern Leuten -beneidet und angefeindet, und das um so viel desto mehr, je mehr -bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt wird; dahingegen die -Freigebigkeit bei männiglich Gunst erwirbt, vornehmlich wann sie mit -Demuth begleitet wird. Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als -biß seine Würkung ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß -meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge ein jeder -an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche so häufig zufallen -möchten, so gar daß auch etliche entblödeten zu gedenken, ich und mein -Weib könte hexen. Und also gab ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und -Lassen heimlich genaue Achtung. Unter andern war ein Erzfunk[469] an -demselbigen Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener -und fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol -ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit einem -Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei Nationen an -selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die Quelle meiner Reichthum -kommen und mir eins anmachen[470] möchten, und hierauf waren sie desto -geflissener, weil bereits etliche deren Landsleute aufgewannet[471] -hatten und verdorben waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart -schicken können. Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die -Umgelter[472] gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, eben -als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte. -Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, ich könte aus -Wasser Wein machen, schütteten sie mir noch denselben Abend etwas von -geschnittenen Stroh, das man den Pferden unter dem Habern zu füttern -pflegt, in meinen Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag -auch in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt. -Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich eingelegt hatte, -und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; und ob ich gleich -schwören konte, daß ich von dieser Mixtur nichts gewust, dann mein -Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dißmal so endlich[473] gewest, -so half es doch nichts, sonder der Wein ward mir genommen und ich noch -darzu um 1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen -gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte und den Weg -aller Welt gieng. Es wäre mir auch die Wirthschaft ferners zu treiben -gar niedergelegt worden, wann desselbigen Orts ein andere solche -ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer -Wirthschaft geschickt hätte.« - -»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor Freunde und -was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so veracht, daß kein ehrlicher -Mann etwas mehr mit mir zu schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich -mehr, und wann ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht -gedankt. Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann etwan -irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch nichts von meiner -Kunst gehöret hatte. Solches alles war mir schwer zu ertragen, und weil -ich ohnedas auch eine Kurzweil mit zweien Mägden angestellt hatte, -welches in Bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so -packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen ließe, -setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, ich hätte -meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu verrichten, nahm ich -meinen Weg auf die rechte Hand der Donau zu, dem Grafen von Serin[474], -der damal fast die ganze Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet, -wider den Türken zu dienen.« - -FUSSNOTEN: - -[464] =den Abschied hinter der Thür nehmen=, heimlich davon gehen. - -[465] die bairische Pfalz. - -[466] =von denselbigen=, nämlich von ihren Reichthümern. - -[467] =Frankenthal=, die Einnahme oder vielmehr die -Belagerung geschah im Jahre 1621; vgl. oben S. 182. - -[468] =Friedengeld=, Abgaben, Steuern zu den Kosten der -Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl. -Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739. - -[469] =Funke=, =Fünkchen=, Schelm, verwegener Mensch. - -[470] =eins anmachen=, etwas anthun, zu Leide thun. - -[471] =aufgewannet.= Die übrigen Drucke haben »darauf gewohnet«. -=Aufwannen=, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen oder -verlieren. - -[472] =Umgelter=, Zolleinnehmer. - -[473] =endlich=, mhd. ~endelich~, anstellig, hurtig, fleißig, -geschäftig. - -[474] =Graf von Serin=, vgl. die Einleitung. - - - - -Das zweiundzwanzigste Capitel. - - Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung mit - einer Leirerin. - - -»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und erhalten, ohne -daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen Kaiser selbst gedienet. -Ich kam eben, als etliche freiwillige Franzosen sich eingefunden, ihrem -König zu Gefallen wider die türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe -Krieg gefiele mir nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch -halbes Glück darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten -oder den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen müste, -daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert ich so mit -und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen entweder meinen -Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, verblieb aber allzeit in dem Pfad -der Mittelmaß, und wann ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte, -so hatte ich doch niemals weder das Glück noch die Witz[475] noch die -Gelegenheit, solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. Und -solcher Gestalt brachte ich mich durch[476] biß in die allerletzte -Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich aber mein -vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und unter demselben liegen -verbleiben muste mit gesundem Leibe, biß beides Freund und Feind das -Feld getheilt und sich etlichmal über mich hinüber geschwenkt hatten; -da ich dann von den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle -Kräfte meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten -und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner Kleider beraubt -worden, in denen ich etliche schöne Ducaten versteckt hatte.« - -»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, als wann -ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein entzwei geschlagen worden -wäre. Ich hatte nichts mehr an als das Hemd und konte weder gehen, -sitzen noch stehen, und weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern -und Beuten zu machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich -lag, biß mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen -Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, dort von -jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen wurde, der mich hin -und wieder mit seinem ~Oleum Bapolium~[477] schmirbte[478].« - -»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der -Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren -solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um -einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals -vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem -ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem -Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes -Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in -die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder -zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß -zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich -auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch -Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.« - -»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in -Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk, -das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der -ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei -welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige -gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit -Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.« - -»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit -in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich -zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und -Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem -Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen -eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und -nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte -und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter -Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession -ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.« - -»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib -bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half -ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und -Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug, -und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen -Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und -was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe -ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms -schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren -eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das -ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder -gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der -Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir, -daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte, -sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks -bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich, -so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen -noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines -ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit -verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs -müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit -seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben. -Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten -und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten, -ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.« - -»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand -Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482], -Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483], -Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler, -Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte -Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten, -in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol -auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste -selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser -eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre -Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender -Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol -andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten -nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich -mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil -dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»« - -»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul -um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß -Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde, -verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen -würden.« - -FUSSNOTEN: - -[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand. - -[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«. - -[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen -der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel. - -[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren. - -[479] =gerade=, gerade gewachsen. - -[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt, -heimatlos. - -[481] =in ihre=, zu ihrer. - -[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen -sein Affenspiel treibt. - -[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht. - -[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner. - - - - -Das dreiundzwanzigste Capitel. - - Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird - Springinsfeld nacheinander wieder los. - - -»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485] -Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so -verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach -und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen -wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu -machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub -zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und -hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese -ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu -kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich -auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die -Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem -Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes -Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte -mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen -Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen -den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin -zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und -gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht -trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich -etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt -verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare -Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern, -das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen -Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als -ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit -viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und -Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487], -darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich -zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.« - -»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens, -das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen, -alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter -folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der -älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein -suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen -vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur -starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer -Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen, -weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein -ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches -reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, -auch besser zuschlug.« - -»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich -auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich -zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den -Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und -zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld -nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im -Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden -Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken, -was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch -einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel- -und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu -vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so -gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten -oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491] -liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. -Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet -und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den -Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe -ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick -verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in -die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, -wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines -Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte. -Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte -mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich -selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.« - -»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was -ich habe.« - -»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden -hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren -Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie -sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen -Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im -Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß -ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten -und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst -um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir -das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie -wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit -einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen -hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein -Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im -Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte -und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, -sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. -Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol -fühlen, wohin sie es gelegt hatte.« - -»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig -verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch -gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal -von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch -dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an -Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er -unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz -gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod -unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich -und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer -fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann -einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden -möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in -meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich -ehender das Nest verbrennen.« - -»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte -sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt, -du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch -immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben -zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines -Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird, -genießen sollest.« - -»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch -in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir -täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten, -dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja, -ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493] -deine Mutter! &c.« - -FUSSNOTEN: - -[485] =grandig=, heftig, außerordentlich. - -[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen. - -[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es -die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie -träges Gähnen. - -[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette. - -[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig -künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen -will, stets vorbeisticht. - -[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen. - -[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig. - -[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der -Bedeutung: sich packen. - -[493] =brühen=, necken, foppen. - - - - -Das vierundzwanzigste Capitel. - - Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen - angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder - ein Soldat gegen dem Türken wird. - - -»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte, -schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch -mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol, -daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust -vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt -desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so -gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen -Schalmei und Geigen darin zu suchen.« - -»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich -dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig -und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben -mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und -da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut -oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen -mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und -mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und -dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären, -durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und -Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen -und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man -Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem -Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.« - -»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das -schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin -nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in -Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus -wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack -steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs -Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du -dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest, -daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest, -um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal -gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig -vergessen mögest!« - -»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler -vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten -und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen -mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine -Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im -Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem -Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold -und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter -sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags -befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs -Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine -Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib -obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich -keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn, -Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas? -Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen -Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei, -dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun -reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn -wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat -ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden. -Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe -sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen. -Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas -anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als -es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und -wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler -von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils -ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn -unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen -befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der -bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler -wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist -viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder -leichtveränderlich wie Luna.« - -»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet -gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich -Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal -und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da -es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich -unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem -Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, -waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen -gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit -großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem -Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch -mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter -der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal -erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen -zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie -bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher, -Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich -diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang -niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche -und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen -abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und -nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr -nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war, -stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels -dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der -seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so -muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder -unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern -und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der -Armen Schweiß verschwendet.« - -»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage -als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt. -Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift -zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein -geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen -Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und -ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den -Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die -ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines -solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu -erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen -pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan -eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln -vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder -wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein -zweischneidig Schwerd befunden habe.« - -»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet -sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß -wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen -Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm -darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich -im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht -so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als -Nonnen gefunden würden &c.« - -»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder -aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen -als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts -unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, -das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern -und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501] -trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte -der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht -jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel -durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, -weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch -gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen, -kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich -das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus -Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die -Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.« - -»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen -gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe, -da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute -Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben -springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß -ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.« - -FUSSNOTEN: - -[494] =fast geistlich=: München. - -[495] =Das Bild auf der Säulen=, die Marianische Säule auf -dem Schrannenplatz, von Kurfürst Maximilian ~I.~ zum Gedächtniß der -Prager Schlacht 1638 errichtet. - -[496] =Salve= (~regina~), Gesang am Schluß des -Abendgottesdienstes. - -[497] =Sol=, die Sonne, =Luna=, der Mond, als Zeichen der edeln -Metalle. - -[498] =luck=, =lucker=, locker. - -[499] =Daus-Es.= Siehe oben S. 24. - -[500] =ungestiegelfritzt=, wie ungestriegelt. - -[501] =Pfisterei=, Klosterbäckerei (~pistorium~). - -[502] =Beck=, Bäcker. - -[503] =Agnus Dei=, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem -das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht -und deshalb natürlich wunderthätig. - - - - -Das fünfundzwanzigste Capitel. - - Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in - Teutschland kam. - - -»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten und dannoch zu -Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten, unsern Weg über -den Zirlberg[504] auf Inspruck, folgends über den Brenner auf Trient -und dann ferners nach Treviso, alwo wir alle ganz neu gekleidet und von -dannen vollends nach Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem -wir ein paar Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt -wurden; in welchem ellendem Anblick[505] wir auch glücklich anlangten. -Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel unter den Füßen -wachsen, dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wiesen, was wir -konten oder vermochten, unseren armseligen Steinhaufen beschützen zu -helfen. Und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich -drei Türken mit meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und -gering ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, die -armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute zu machen, war -ferne von mir, weil wir sich gleich wieder heim retiriren musten. Den -andern Tag gieng es noch toller her, und ich brachte auch zween Männer -mehr als den vorigen um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht -glaubte, daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann mich -dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es oft bei uns -auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres Lebens die, so Thaler -hatten, beschützen, bewachen und noch darzu mit ihren arbeitsamen -Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Ueberwindung -erobern und ihnen noch drüberhin beides die Ehr, die Beut und die -Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg -oder Beglerbeg[506], viel weniger gar ein Bassa[507] unter denjenigen -zu sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu setzen. -Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den Troupen von solchem -Stoff mehr gewesen seien als der Anführer vornen an der Spitzen.« - -»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, daß ich -mitten in Candia der Schweden erkantliche[508] Manier loben muste, die -ihre ohnedle[509] Soldaten, sie wären gleich fremder oder heimischer -Nation gewesen, höcher als ihre edle und doch ohnkriegbare Landsleut -ästimirt; wannenhero sie dann auch so großes Glück gehabt haben. Doch -ließe ich mich ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen, -was einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden wie -ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich mich, -auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe doch nichts -anders darmit als bißweilen eine geringe Verehrung. Und als kaum der -zehende Mann von denen mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen -waren, wurde der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest -seiner kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als wann -sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder in die vorige -Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.« - -»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen. -Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und verrichtet hingegen -selbst größere als Roßarbeit. Indem mich nun in solchem Zustand kein -feindlicher Musquetenschuß fällen oder ein türkischer Säbel verwunden -konte, sihe, so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minen so -unbarmherzig an meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie -Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel alsobalden biß -über das Knie hinweg nehmen muste. Aber diß Unglück kam nicht allein, -dann als ich dort lag als ein soldatischer Patient, mich an meinem -Schaden curirn zu lassen, bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem -großen Hauptwehe, warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln[510], als -mein Liegerstatt mit Unlust[511] erfüllt wurde.« - -»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und Nieder Zeugnus -gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auf -solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparet, wiewol die -Venetianer ihre Soldaten so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen, -wann sie solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse[512] auch anderer -ehrlicher Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie kein -Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. Als nun -solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte kaum einen oder -zween, die ihr völlige Gesundheit entweder bißhero erhalten oder doch -wieder erholet hatten, auf die Posten thun konten, sihe, da wurde -es unversehens Friede, als wir beinahe in letzten Zügen lagen. Nach -unserer Abführung, und nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer -ausgestanden, langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von -uns und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten mit -Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, wurden in -das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich behelfen muste, biß ich -gleichwol wieder heil wurde und auf meinem hölzernen Bein herummer -stelzen konte.« - -»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an -Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann ich den redlichen -Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. Hingegen wurde mir -zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten eine Steuer zur Wegzehrung -bettlen dorfte, und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten, -die ich noch habe, weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron -vor den Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen -Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne das, sintemal -wir fast alle, was übrig verblieben von uns, unsere Haar verloren -hatten, sehr mager und ausgehungert und so schwarz aussahen wie die -allerschwärzste Zigeuner. Weilen mir dann nun das Bettlen so wol -zuschlug, trieb ichs fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland -ankam, der Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit -zu freuen[513], daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen -guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; dann ich -gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil sie selbst aus dem -vornehmlichsten Stammen der Erzbettler entsprossen.« - -FUSSNOTEN: - -[504] =Zirlberg=, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand. - -[505] der =ellende Anblick=, bezieht sich auf den »armseligen -Steinhaufen«. - -[506] =Beg=, =Bei=, Herr, Titel höherer Beamten und -vornehmer Fremden; =Beglerbeg=, =Beilerbei=, Titel der Statthalter, -welche sich drei Roßschweife vortragen lassen. - -[507] =Bassa=, Pascha. - -[508] =erkantlich=, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste. - -[509] =ohnedel=, unadelich. - -[510] =Fabeln=, Fieberphantasien. - -[511] =Unlust=, Schmuz. - -[512] =genießen=, ~cum genet. pers.~, von jemand Hülfe erhalten. - -[513] =freuen=, ~trans.~ wie im Mhd., erfreuen. - - - - -Das sechsundzwanzigste Capitel. - - Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich - ihren Lohn bekommen habe. - - -»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder -antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514], -Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung sie die meiste Zeit -ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte -aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch -in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische -Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen -und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als -ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig -zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner -Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf -das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515] geplagt -und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte, -also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige -wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von -hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was -ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder -bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516] erzählen.« - -»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals, -als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen -Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen -sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf -dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel -selbst verhängt[518] worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen -die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem -dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die -Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts -in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß -sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger -leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen -wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer -der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und -andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches -zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr -nicht weit von hinnen Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch -gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr -herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt -hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht -Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen, -darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer -künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre -Unwissenheit zu erkennen.« - -»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf -einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des -Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser -war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher -Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem -Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde -er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er -vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals -dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er -sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an -den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend -gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber -doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen, -legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519] -mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und -zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um -den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck, -daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr -bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor -ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich -stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu -nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und -sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß -ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?« - -»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs -Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein unadelicher -Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer -nähere.« - -»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein -Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr -allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt -hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch -um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen, -was ich mit euch zu reden habe.« - -»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein -teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden -solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu -ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.« - -»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott -mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht, -euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber -bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter -von Staufenberg[520] erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von -meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß, -es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl -erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit -diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor -allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer -Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang -verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist! -Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht -allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu -seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der -reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber -verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten -Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit -ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag -haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch -theilen wollen.« - -»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä -als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen -Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was -ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab -das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem -Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten -und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit -Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls -zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem -Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn -fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte, -worauf sie vor seinen Augen verschwunden.« - -»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der -Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte -mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen, -da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und -seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute. -Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie -sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß -eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet -worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin -zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches -sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe -Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen, -ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber -verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem -Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der -Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte; -worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche -Hülf zu thun versprach.« - -»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit -Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten -und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet, -niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch -zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der -Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.« - -»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit -einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht -wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im -Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von -den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren, -sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen -demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn -Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525]. -Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die -vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung -und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen -sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken -voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen -eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock -und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch -verrathen, lag unter dem Hauptkissen.« - -»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb -aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar -kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein -Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20 -Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der -Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie -man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine -österreichische Sprach gehabt.« - -FUSSNOTEN: - -[514] =Störer=, wie Storger, Störzer, Vagabund. - -[515] =visierlich=, possierlich, spaßhaft. - -[516] =ohnschwer=, ohne Beschwerde; wenn es ihm nicht zu viel Mühe -mache. - -[517] =Pistor=, Klosterbäcker. - -[518] =verhängen=, erlauben, gestatten. - -[519] =Stück=, Zeug, Stoff. - -[520] =Melusine= und =Ritter von Staufenberg=, vgl. über die Sage -und ihre Literatur die Einleitung. - -[521] =Heiligthum=, Heilthum, Reliquien von Heiligen. - -[522] =Meerfein=, (nicht fei) späterer Name für das alte -~meerminne~. Vgl. ~merfeine~, ~wazzerfeine~. In Fischart's neuer -Ausgabe des Stauffenbergers (Straßburg 1588) kommt diese Form noch vor: -»Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.« - -[523] =Jubilierer=, Juwelier. - -[524] =just=, von richtigem Feingehalt. - -[525] =spielt=, ~præt.~ zu spalten, wie im Mhd. - - - - -Das siebenundzwanzigste Capitel. - - Endlicher Beschluß von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf. - - -»Durch diese Erzählung erfuhr ich, was das wunderbarliche Vogelnestlein -bei meinem Weib gewürkt, wie sie der Kützel ihres geilen Fleisches zur -Ehebrecherin, zur Mörderin, mich selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei -gemacht, und sie endlich selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur -gebracht habe. Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit -ihr zugetragen.« - -»Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste hätte ich schier -vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern, ein -junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und Haar, Kleidern und -allem hinweg kommen, daß bißher kein Mensch erfahren, wohin er geflogen -oder gestoben sei. Und solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er -sich gebuckt, ein Nastüchlein, welches auch zugleich verschwunden, -aufzuheben, so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen.« - -»Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, daß dein Nestlein wieder -einen andern Meister hat. Gott geb, daß es ihm besser als meinem Weib -bekomme!« - -»Ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen können, wann ich -ihnen nur hätte die Wahrheit sagen wollen; aber ich schwieg still, und -ließe dieselbige sich unter einander verwundern und disputirn, so lang -sie wolten, betrachtet darneben, wie grob der Unwissenden Wahn betrüge, -und was wol auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit -anderst erzählt worden wären, wann die Scribenten den Grund recht -gewust hätten.« - -»Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren, wo mein Weib -hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige und durchstelzte damit -das Erzstift Salzburg, das ganze Baiern und Schwabenland, Franken und -die Wetterau. Endlich kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte -überall, wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so glückselig -hierin, daß ich glaube, es spendire mir mancher etwas, der selbst nit -den zehenden Theil so viel Geld hat als ich. Und weil ich sehe, daß von -meinem Capital nichts abgehet, ich aber gleichwol einen als den andern -Weg in aller Freiheit mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann -ichs bedörftig, ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt -sich gern) zur Nothhelferin haben kan, so wiste[526] ich nicht, was -mich bewegen solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja ich -wiste auch kein bessers für mich zu finden. Weistu aber, mein Simplice, -mir ein anders und bessers zu weisen, so möchte ich deinen Rath gern -hören und nach Gestaltsame der Sach demselben auch gern folgen.« - -»Ich wolte dir wünschen«, antwortet Simplicius, »du führtest hier -zeitlich dein Leben, daß du das ewige nicht verlierest!« - -»O Münchspossen!« sagte Springinsfeld; »es ist nicht müglich, du bist -seither in einem Kloster gestocken, oder hast im Sinn, in Bälde in eins -zu schliefen[527], daß du immer wider dein alte Gewohnheit so albere -Fratzen herfürbringst.« - -»Wann du nicht in Himmel wilst«, antwortet Simplicius, »so wird dich -niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber, du thätest auch wie ein -Christenmensch und fiengest an zu gedenken an deine letzte Ding, welche -zu erfahren du noch einen kurzen Sprung zu thun hast.« - -Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, und solches -verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu schlafen, wie dann -zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher Anmuthung[528] folgten wir und -thäten die Augen zu, uns noch ein paar Stund innerlich zu beschauen, -stunden auch nicht ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu -etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. Als -wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir Zeitung, -daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch stark mit Eis gehe, -so daß niemand weder herüber noch hinüber kommen könte. Derowegen -resolvirte sich Simplicius, denselben Tag mit seinen Leuten noch in -der Stadt zu verbleiben, in welcher Zeit er weder den Springinsfeld -noch mich von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich -dessen Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet, -schriftlich aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde, -daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. Und -dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals wol -bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er auf seinen Hof, -bei ihm auszuwintern[529], betheuerte aber gegen mir gar hoch, daß er -solches nicht seiner paar hundert Ducaten halber thu, sondern zu sehen, -ob er ihn nicht auf den christlichen Weg eines gottseligen Lebens -bringen möchte. Wie ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn -der verwichne März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum -in seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs und -bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser abenteurliche -Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhof, als er -ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, sein letztes - - - =Ende=. - - -FUSSNOTEN: - -[526] =wiste=, wüßte. - -[527] =schliefen=, schlüpfen, kriechen. - -[528] =Anmuthung=, Anwandlung. - -[529] =auswintern=, durchwintern, den Winter hindurch bleiben. - - - - - Anhang. - - - - - Der erste - - Bärnhäuter, - - Nicht ohne sonderbare darunter - verborgene lehrreiche Geheimnus, - - sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und - sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal - zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls) - andern zum Exempel - vorgestellet - - Samt ~Simplicissimi~ Gaukeltasche - - von - - ~Illiterato Ignorantio~, zugenant ~Idiota~. - - (=Holzschnitt=: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.) - - Gedruckt im Jahre 1670. - - - - -Des ersten Bärnhäuters Bildnus. - -(=Holzschnitt=: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen den -Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.) - - - So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter, - Den Namen ich bekam vons Bären Haut, - Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut, - Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider. - So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen, - So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen. - Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut, - Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit. - - ~f[530]. Prorursicutius[531].~ - -FUSSNOTEN: - -[530] ~f.~, ~fecit~. - -[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein: -~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein -Bärnhäuter durch und durch. - - - - -Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. - - -Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter -~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten -Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen, -diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin -aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers -auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus -nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß -Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch -beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus -dieser Name entsprungen: - -Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem -türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher -Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret. - -Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch -kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu -ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm -ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder -Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und -sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und -ihn endlich gar zu einem Herrn machen. - -»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche -Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.« - -»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was -du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.« - -Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen. -»Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.« - -Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase, -daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das -Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte: - -»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen -versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um -Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige, -wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine -Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen, -diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein -Vatterunser beten.« - -»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein -versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.« - -Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir -zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern -gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.« - -Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen, -um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber -eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir -nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut -begabt bist worden.« - -Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen -Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner -übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde -Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol. - -Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und -wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher -abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als -einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde -erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels -seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter -Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische -Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer -Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten -eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller -mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte -Rübsamen hineinsäen können. - -Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der -Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war, -einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539]; -doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen -und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder -zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe -thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords -und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine -sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich -zusammen verbunden. - -Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen -Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig. - -Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um -die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er -ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern -eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast. - -Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch -besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt -kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös -Geschrei bringen solten. - -In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß -der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein -wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und -malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten -Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains, -Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und -griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri, -Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja -sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der -Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich -verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese -Gemälde selbst verfertigt. - -Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und -seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm -alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als -seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß -er Gelds vollauf hätte. - -Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch -sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.« - -Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande -sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er -die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero -auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541] -wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er -sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten -verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die -übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren, -und die er bißher noch nicht gesehen. - -Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe -aber fragte hinwiederum: wer sonst? - -Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die -Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.« - -»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher -vermeint.« - -Der Herr fragte: »Wer bist du?« - -Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein Soldat von -Fortun[544], und hab mich neulich im Krieg wider den Türken brauchen -lassen.« - -Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen war, fragte -ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: »Ich habe drei -Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch ihre Mutter ihrer -Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander nicht kennet. Ich wil -dich solche sehen lassen; wirst du nun wissen, welches die Aelteste, -Mittlere und die Jüngste sei, so wil ich dir eine davon zum Weibe -geben, welche du unter ihnen haben wilst; wo nicht, so solst du samt -deinem Vermögen mir zum Eigenthum verfallen sein.« - -Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle Herr mit heim, -ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen. - -Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: »Wisse, -dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte und die -Aelteste auf der linken, die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu -stellen.« - -Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches die Erst, die -Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum Weib begehrt, schwur der -Herr alsobalden, er wolte seine Parole halten, wie es einem ehrlichen -Cavalier gebühre, Gott geb was[545] die Mutter darzu sagte, und wie -sich sein Kind darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für -sich gehen lassen, ehe ein ander Gewirr[546] drein käme. - -Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere Geschäften vor, -doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, und da er einen kostbaren -Ring, der hierzu gemacht war, von einander geschraubt und ein Theil -darvon seiner Braut gegeben hatte, gieng er seines Wegs. - -Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwarz -und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich mit dem -abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was halfs? Ihr Herr -Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern gönneten ihr diese Heurath; -sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter und erneuerten -damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens, -welches sie doch alles durch Geduld überwande. - -Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter in den Rhein -ins Bad; er richtet[547] ihm seine Haar und beschor selbige samt dem -garstigen Bart auf die neue Mode und zieret ihn dergestalt auf durch -besondern Anstrich, daß er sich[548] dem schönsten Cavalier vergliche. - -»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere dich wie ein -rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; ich wil meine Schätze -aufthun, die ich hierum vergraben habe, und dir Gelds genug hierzu -geben.« - -Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt kommen können, -war er desto gehorsamer. - -Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen -Kleidern und vielen Dienern in[549] Livree wie ein Großvezier, und da -es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich wieder ein und sagte zu -ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heurath«, und damit er desto -reicher erscheinen konte, füllete er ihm beide Gutschenkisten voller -Gold, welches er ihm beides zur Beschuldigung[550] und zum Heurathsgut -mitgab. - -Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter voran, -seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung seines Dienstes und Grußes -anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier auf dem Weg begriffen wäre, -ihme zuzusprechen und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit -einem Wort, eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er -anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte. - -Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber Gast sein -würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen und wol empfangen, -auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen -die beide älteste Töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu -gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt -hatten. - -Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein Turteltäubchen, -das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als eine Versprochene keine -Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen Herrn zu bekommen, -wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen höhnischen Blick -und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben, -welches ihr tief ins Herz geschnitten. - -Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen Golds das Jawort -und unter den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam, zumalen -noch jede von den ältesten Schwestern ihn zu bekommen festiglich -verhoffte, offenbarte er sich der Jüngsten durch ein Stück des von -einander geschraubten Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt. - -So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken hingegen -jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen. - -Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was sie thäten, -und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen Tochter Glück, daß -sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, welche zugleich von -Schamhaftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden, -also daß sich die eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen -stürzte. - -Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich erschiene: »Nun -haben wir mit einander[551] ausgefischt[552]; du hast eine und ich zwo -von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen -Cavalier versagt.« - - * * * * * - -=Mein hochgeehrter und ~respective~ großgünstiger lieber Leser= nehme -vor dißmal hiermit verlieb und urtheile aus dieser Erzählung, was er -will; alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernach -kommen. - - - =Ende.= - - -FUSSNOTEN: - -[532] =ausecken=, gründlich herausbringen. - -[533] =mir gedenkt=, ich erinnere mich. - -[534] =Hohenroth=; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein, -so ist dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf -des Namens liegt in Nassau, Amt Herborn. - -[535] Bekanntlich war es Bajazet ~I.~, der den König Sigismund bei -Nikopolis schlug. - -[536] =Commiß=, alles, was den Soldaten geliefert wird. - -[537] =taug=, mhd. ~touc~, ~præteritopræs.~ zu tügen, taugen, passen, -anstehen. - -[538] =Höllenzopf=, eigentlich =Hollenzopf=, verworrenes und -verfilztes Haar, wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt, -sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; Adelung, Wörterb. hat -»Höllenzopf«, ~plica polonica~. - -[539] =auszahlen=, ~trans.~, gänzlich bezahlen. - -[540] =ausgeben=, vorgeben. - -[541] =mehrers zu=, wie: immer zu. - -[542] =künstlich=, kunstreich. - -[543] =weder=, als. - -[544] =Soldat von Fortun=, der seine Stellung sich selbst und nicht -etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat. - -[545] =Gott geb was=, was auch. - -[546] =Gewirr=, Störung, Hinderniß. - -[547] =richten=, in Ordnung bringen. - -[548] Im Druck fehlt: sich. - -[549] =in= fehlt im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich« -gehört zu »wie ein Großvezier« und nicht zu »Livree«. - -[550] =Beschuldigung=, wol Druckfehler für Besoldung. - -[551] =mit einander=, alle beide. - -[552] =ausfischen=, ~intrans.~ einen Fang thun. - - - - - ~Simplicissimi~ wunderliche - - Gaukel-Tasche - - Allen Gauklern, Markschreiern, - Spielleuten, in Summa allen denen - nöthig und nützlich, die auf offenen Märkten - gern einen Umstand herbei brächten, oder - sonst eine Gesellschaft lustig zu machen - haben. - - Verwunderlich und lustig zu sehen. - - (=Holzschnitt=: Ein Jäger mit Hunden.) - - Entworfen - - durch obigen Autorem. - - [Illustration] - - Gedruckt im Jahr 1670. - - - - -Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. - -(=Holzschnitt=: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, mit -einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] abzuwehren; -neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit Buckeln und ein Apfel.) - - -Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen -Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt ausgeben, -aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt -zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch Fabionen[553], noch -Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder kurzweiligen Schalk -vermocht[554], das Volk dardurch zu seinem Stand zu bringen, als hat er -sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer Gaukeltaschen gebraucht, dem -Volk daraus wahrgesagt, manche Kurzweil dardurch angerichtet und sich -überaus wol darbei befunden. Als man ihn aber in die Karte gesehen, -und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt[555] hatte, -seind ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen[556], die auch -nicht abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch -herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpfe in -ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen könten. ~Vale.~ - -FUSSNOTEN: - -[553] =Fabionen=, Paviane. - -[554] =vermögen=, besitzen. - -[555] =ablegen=, niederlegen, aufgeben. - -[556] =angelegen sein=, wie anliegen, ersuchen, zureden. - - - - -An die Umstehenden. - -(=Holzschnitt=: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; links -und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.) - - - Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen, - Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen! - Er blättere herum, er suche hin und her, - Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr, - - So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen, - Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen, - Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still, - Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil. - - -Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten werden sol. - -(=Holzschnitt=: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht eine -Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, mit einem Prügel, -den er in der Rechten hält.) - - -Wann der Artifex seine Kunst weisen[557] will, so fasset er mit seinem -rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter nach einander -herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; ist dann irgend einer -unter dem Umstand, der entweder gelehrt oder andächtig ist, so lässet -er denselben in das zugethane Buch blasen, ergreift den Griff mit No. -2 gezeichnet, laß die Blätter abermal herumschnellen, so sihet man -sonst nichts als diese Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der, -so hinein geblasen, sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann -bläst er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der -Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter dem -Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen, -folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem Reichen, daß er viel Geld -habe; hernach bläset er selbst wieder durchs Buch und weiset dem -Umstand mit No. 1 nur die weiße Blätter. Ist dann einer unter dem -Haufen, der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein -blasen und weise ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie -einem solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe so -wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es sei ein Soldat -oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein solcher, der vor einen -Helden gehalten sein wil, den lasse er ins Buch blasen und weise ihm -vermittelst No. 5 lauter Wehr und Waffen und sage: diß ist ein Kerl, -der Lust zum Krieg hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und -weise durch No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder -Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und weise ihm No. -6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er selbst ins Buch und -zeige ihm abermal nur weiße Blätter. Ist dann ein Jungfernknechtla bei -der Gesellschaft, den lasse ins Buch blasen und zeige ihm durch No. -7, daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine -Anzeigung sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal -wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur die weiße -Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der gern spielt, den läßt -er ins Buch blasen und weiset ihm hernach durch No. 8 die Karten, bläst -hernach selbst wieder ins Buch und zeigt abermal nur weiße Blätter. -Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so -dumm nicht sein, daß er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder -Alter abnehmen könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als -die Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht hiermit -procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen halten, viel -weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. Gehab dich wol. - - (=Holzschnitt=: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem Ballen - Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.) - -FUSSNOTEN: - -[557] Im Text als Druckfehler: »wissen«. - - - - -Die Geizigen und - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher - [kabbalistischer?] Zeichen. -- ~II.~ Avers und Revers einer Münze: 1. - eine Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: ~Dante Deo et - ordinum concordia~, 2. von einem Kranz umgeben: ~Fridericus elec. - Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619~. ~III.~ darunter eine - Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem Stern, der - äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. Quer vor - dem ersten Doppelkreise: ~ortas~ [~ortus~], zwischen dem ersten und - zweiten: ~occas9~.) - - - Du hast deine Lust am Geld, - An den Thalern und Ducaten, - Welche hoch acht alle Welt, - Welche mir und dir nicht schaden. - Doch halt gänzlich ich darvor, - Daß der Geiz dich eingenommen; - Laß nach, ich sag dirs ins Ohr, - Du wirst sonst Unglück bekommen. - - - - - Mauschals betreffend. - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Darunter links - ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts ein - Hifthorn. -- ~III.~ Avers und Revers einer Münze: 1. Ein Engel hält ein - Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: ~mo: no: fratrum: ducum: - saxoni:~ 2. ein Wappenschild, Löwe, Reichs-Adler, Längsbalken, Löwe, - mit 4 Feldern ~Lantgrviorum. thur. et mar-mi.~) - - - Karger Jud! Wiltu mehr Gold - Auch aus meinem Buch erpressen, - Das ich selbst gern haben wolt? - Du komst mir vor sehr vermessen. - Laß darvor die güldnen Stück - Springen, die du eingeschlossen; - Diese laß mir hier zurück, - Sonst machst du mir schlimme Possen. - - - - - Die Possenreißer und - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Ein nackter Mann - auf dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren mit - Kappe hineingezwängt; oben links und rechts je ein Ballen mit Stiel.) - - - Du hast gewiß zu viel ein Sparren, - Weil sich dir hier lauter Narren - Unversehens stellen für; - Doch getrost! In diesen Orden - Sein schon viel geschrieben worden, - Du bists nicht allein, glaub mir. - Allenthalben sie herkommen, - Du bist auch nicht ausgenommen. - - - - - Schalksnarren betreffend. - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Charaktere. -- ~II.~ Ein Narr in einer Straße, - auf jeder Hand ein Rabe, drüber: grab, grab, grab. -- ~III.~ - Charaktere.) - - - Willkommen, lieber Cammerad! - Es ist ja vor dich nicht schad, - Wann du dich gleich ließt einschreiben, - Die Zeit mit uns zu vertreiben. - Ei, betrachte uns doch recht, - Lieber, unser groß Geschlecht, - Du darfst dich ja gar nicht scheuen, - Es wird dich niemals gereuen. - - - - - Die Soldaten und - - (=Holzschnitt=: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein - bekleidetes Weib, darüber: venus; aus einem andern Zelte rechts schaut - ebenfalls eine weibliche Figur hervor, darüber: firbas[558]. Die - übrigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet[559], - gut, trüw, zucht, abenthür, liebe, scham. Der Stock sehr roh.) - - - Du hast ein herzhaft Geblüte, - Hörest nicht gern viel von Güte; - Vor Musqueten und Cartaunen - Pflegestu nicht zu erstaunen; - Auf den Degen hältst du viel, - Du liebst hoch des Martis Spiel. - Halt dich wol, es kan sich schicken, - Daß dir all dein[560] Thun mög glücken. - - FUSSNOTEN: - - [558] =firbas=, fürbaß, vorwärts. - - [559] =stet=, Standhaftigkeit. - - [560] =dein=, in den Ausgaben steht als Druckfehler =mein=. - - - - - Kriegsgurgeln betreffend. - - (=Holzschnitt=: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und - Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Stoßwaffen. Ebenso roh wie der - vorige Stock.) - - - Du hast deine Freud in Waffen, - Auf Musqueten, Puffen, Paffen - Ist dein ganz Herz hingericht; - Deine Hoffnung treugt dich nicht, - Ich hab von dem Glück vernommen, - Daß du werdest wol ankommen; - Führ den Degen nur fein frisch, - Daß der Feind dir nicht entwisch. - - - - - Die Weinschläuch und - - (=Holzschnitt=: Bacchus auf einem Faß stehend, links ein Weinbauer, - der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr mit einer - Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein runder Becher - mit Buckeln.) - - - Gott segn es, lieber Bruder! - Thue mir bald Bescheid; - Es ist wahrlich ein guter, - Ich sing drein mit Herzensfreud. - Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken? - Mir pflegt er Freud zu erwecken. - Du gibst meinem Herzen Kraft, - Ei du edler Rebensaft! - - - - - Bierbrüder betreffend. - - (=Holzschnitt=: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend, die Frau - trinkt aus einem großen Deckelkrug, der Mann aus einem Zwiebelglase, - während ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt. Darunter ein kleines - Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher [oder eine Kanne?]) - - - Ich hab dirs gleich angemerket, - Daß der Trunk dich trefflich stärket, - Drum bring ich dir jetzt eins zu: - Trink es aus biß auf den Grunde! - Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde, - Hast du doch drauf gute Ruh. - Sie macht dir nichts mehr zu schaffen, - Wann der Rausch ist ausgeschlafen. - - - - - Die Courtisanen und - - (=Holzschnitt=: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer Dame, die - er um die Schulter faßt, rasch fortschreitend; neben ihm links ein - Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.) - - - O du schöner Jungfernknecht! - Du kommst jetzund eben recht, - Es gibt was zu cortesiren; - Ich will dich gar recht anführen. - Aber sihe dich wol für, - Daß dein Schatz dich nicht verführ, - Sitzest du auf die Leimstangen, - So bist plötzlich du gefangen. - - - - - Jungfernknechte betreffend. - - (=Holzschnitt=: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken Hand, - reicht einer Dame zum Abschied die rechte.) - - - Hat die Liebeskrankheit dich - Ganz besessen gleich wie mich, - Ei wol! Geh behutsam nur, - Daß man nicht komm auf die Spur. - Laß den Hasen ja nicht blicken, - Du musts wissen zu verzwicken; - Wilttu handeln recht gescheit, - Ei, so gehe nicht so weit! - - - - - Die Gaukler, Spitzbuben - - (=Holzschnitt=: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten - Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer verkauft - einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein Knabe, der ihr - einen Zopf abschneidet, links am äußersten Rand ein Mann, der mit dem - Finger zeigt.) - - - Trumpfen, letzten Stich, Pikieren, - Bald gewinnen, bald verlieren, - Ist dir ein gemeine Sach, - Spessern[561], Quanzen[562] und Labeten[563] - Half dir oft aus vielen Nöthen, - Bracht dir auch oft Ungemach. - Man schlug dich oft auf die Taschen, - Wollen wir jetzunder paschen?[564] - - FUSSNOTEN: - - [561] =Spessern=, überbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch - gebräuchlichen »es bessern.« - - [562] =Quanzen=, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die - Partie haben, ~avoir quinze sur la partie~; daher der Name eines - Spiels, wobei der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, ~jouer au - quinze~. - - [563] =Labeten=, durch Kaufen sein Spiel verlieren. - - [564] =paschen=, einen Pasch werfen, dann würfeln überhaupt. - - - - - und Spieler betreffend. - - (=Holzschnitt=: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei Männer - spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen sitzend; - auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.) - - - Eichel, Schellen, Grün und Herz - Bringen dir bald Freud, bald Schmerz. - Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen; - Bald heißts: Mein Geld ist zerronnen. - Sags nur meiner Frauen nicht, - Was hier bei dem Spiel geschicht, - Sie möcht treten sonst ins Mittel - Und mir lesen ein Capitel. - - - - - Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. - - - Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet, - Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet. - Versuch es auch einmal, gewiß, es reut dich nicht, - Wann deine Kunst mit Maß zu rechter Zeit geschicht. - - Man lebt doch in der Welt, muß sehn, wie man sich nähret, - Daß man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret. - Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut, - So machstu, daß man dir stets alles Gutes thut. - - - Ende. - - (=Holzschnitt=: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige Cäcilia?]. - Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit den Händen zwei - Blasbälge.) - - Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. - - - - -Notizen des Bearbeiters: - - gesperrter Text markiert durch = ... = - Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~ - Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten. - Viele Wörter stammen aus deutschen Dialekten und wurden entsprechend - beibehalten. - Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend - geändert. - 'n mit Makron' wurde durch '[=n]' ersetzt. - Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster -Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - -***** This file should be named 53054-0.txt or 53054-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/5/53054/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) - -Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -Editor: Julius Tittmann - -Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_ii"></a></span></p> - - - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<h1>Deutsche Dichter</h1> - -<p class="p1 center font11">des</p> - -<p class="p1 center font16">siebzehnten Jahrhunderts.</p> - -<p class="center font11"><em class="gesperrt">Mit Einleitungen und Anmerkungen.</em></p> - -<p class="p2 center font11">Herausgegeben</p> - -<p class="p2 center font09">von</p> - -<p class="p2 center font12"><b>Karl Goedeke und Julius Tittmann.</b></p> - -<p class="pmb2" /> - <div class="figcenter"> - <img src="images/tb001.jpg" alt="Dekoration" /> - </div> - -<p class="p3 center font11"><em class="gesperrt">Zehnter Band.</em></p> - -<p class="center font11"><b>Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.</b></p> - -<p class="center font11"><em class="gesperrt">Erster Theil.</em></p> - -<p class="pmb3" /> - <div class="figcenter"> - <img src="images/signet_001.jpg" alt="Signet" /> - </div> -<p class="pmb1" /> - -<p class="center font11">Leipzig:</p> -<p class="center font11"><em class="gesperrt">F. A. Brockhaus.</em></p> -<hr class="tb5" /> -<p class="center font10">1877.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii">[S. iii]</a></span></p> - - -<p class="p3 center font22"><b>Simplicianische Schriften.</b></p> - -<p class="p1 center font11">Von</p> - -<p class="p1 center font16"><b>Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.</b></p> - -<p class="center">Herausgegeben</p> - -<p class="center font09">von</p> - -<p class="p1 pmb2 center font12">Julius Tittmann.</p> - -<hr class="tb10" /> - -<p class="p2 center">Erster Theil.</p> - -<p class="center font12">Trutz Simplex. — Der seltzame Springinsfeld.</p> - -<p class="center font10">Anhang: Der erste Bärnhäuter. — Gaukel-Tasche.</p> - -<p class="pmb3" /> - <div class="figcenter"> - <img src="images/signet_001.jpg" alt="Signet" /> - </div> -<p class="pmb1" /> - - -<p class="center font11">Leipzig:</p> -<p class="center font11"><em class="gesperrt">F. A. Brockhaus.</em></p> -<hr class="tb5" /> -<p class="center font10">1877.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iv"></a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<h2>Inhalt</h2> - -<div class="block6"> -<table border="0" cellspacing="2" cellpadding="1" class="tdl" summary="Inhalt"> - <colgroup> <col width="4%" /> <col width="4%" /> <col width="50%" /> <col width="20%" /> - </colgroup> - <tr> - <td align="right" colspan="4"><span class="font08">Seite</span></td> - </tr> - - <tr> - <td align="left" colspan="3"><span class="font10">Die Simplicianischen Schriften.<br /> - I.</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_v">v</a><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font09"> - Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. - </span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_5">5</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das erste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zweite Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_12">12</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dritte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_16">16</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_23">23</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_28">28</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebente Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das achte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_35">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das neunte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_38">38</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das elfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zwölfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dreizehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_53">53</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das achtzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_76">76</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das neunzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_87">87</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das einundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_89">89</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zweiundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dreiundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_102">102</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechsundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebenundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_112">112</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das achtundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td> - </tr> - - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Zugab des Autors.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_119">119</a></td> - </tr> - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font09">Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_120">120</a></td> - </tr> - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Der seltzame Springinsfeld.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das erste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zweite Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dritte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_135">135</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_144">144</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_149">149</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebente Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_155">155</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das achte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_162">162</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das neunte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_166">166</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_172">172</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das elfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_175">175</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zwölfte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_181">181</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dreizehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_186">186</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_191">191</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_195">195</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_198">198</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_203">203</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das achtzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_206">206</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das neunzehnte Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_210">210</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_213">213</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das einundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_216">216</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das zweiundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_219">219</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das dreiundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_223">223</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das vierundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_227">227</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das fünfundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_231">231</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das sechsundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_234">234</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Das siebenundzwanzigste Capitel.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_240">240</a></td> - </tr> - - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Anhang.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_243">243</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Des ersten Bärnhäuters Bildnus.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_246">246</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_247">247</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_256">256</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">An die Umstehenden.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_257">257</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Geizigen und...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_260">260</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...Mauschals betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_261">261</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Possenreißer und...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_262">262</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...Schalksnarren betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_263">263</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Soldaten und...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_264">264</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...Kriegsgurgeln betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_265">265</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Weinschläuch und...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_266">266</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...Bierbrüder betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_267">267</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Courtisanen und...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_268">268</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...Jungfernknechte betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_269">269</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">Die Gaukler, Spitzbuben...</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_270">270</a></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"></td> - <td align="left"><span class="font09">...und Spieler betreffend.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_271">271</a></td> - </tr> - - <tr> - <td></td> - <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.</span></td> - <td align="right"><a href="#Seite_272">272</a></td> - </tr> - -</table> -</div> - - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v"></a></span></p> - - -<h2 id="Die_Simplicianischen_Schriften" class="nobreak">Die Simplicianischen Schriften.</h2> -<h3>I.</h3> - - -<p>Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans -Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen -Roman »Simplicissimus« gerade in dem Jahre, wo -seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte -vergangen sind, ist an sich für den Kenner und Verehrer -seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht -jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß -des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; -sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man -dürfte sagen, zufällig und gewaltsam geweckt worden. Darum -scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe werde -bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die -Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu -dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider -nicht geeignet, ein genügendes oder gar nur ein wahres -Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualität zu -geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft, -das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen, -daß seine Art, sein Wollen und Können unverkürzt und unentstellt -zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und -nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.</p> - -<p>Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines -Menschenlebens vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen -Momenten immer verständlich bleibt, wenn auch der - <span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> -Entwickelungsgang desselben durch Zustände und Ereignisse bedingt -wird, die der Gegenwart fremd erscheinen mögen. -Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der Geschichte -unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren -großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt -sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln -und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, -mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen. -Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem -Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das -muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. -Aus der durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung -des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes -entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die -Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei -auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht construirten -Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn -arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung -schwer schädigen möchten.</p> - -<p>Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen -»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, -das Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's -in einem größern Leserkreise zu fördern, und entschloß -sich zur Fortsetzung der Arbeiten für das Verständniß -seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden -vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen -Dichter des siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen -sich dem Hauptwerke unmittelbar an.</p> - -<p>Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine -Welt für sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, -Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum -harmonischen Abschluß gelangt ist; diese Harmonie durchdringt -dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der -Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In -diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; - <span class="pagenum"><a id="Seite_vii">[S. vii]</a></span> -ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für -denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle -Individualität sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger -Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher -Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.</p> - -<p>Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung -gilt, dem muß auch in der besondern Art derselben, dem -Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der -neuern Zeit verlaufen mußte, im allgemeinen wenigstens, -Geltung zukommen: daß die ideale Welt des Dichters, sein -individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen geistigen -und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, -in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden -die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo -hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle -Kunst denselben nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung -und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen, -und möglicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich -als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen -einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen -und der Apperception des Dichters wird störend in -der Dichtung selbst empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit -zurück. Auf der andern Seite aber scheint in -Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung -unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die Handlung -sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, -mehr noch da, wo das Thatsächliche der eigenen -Persönlichkeit nahe tritt, <em class="gesperrt">die</em> Bedingung, daß bei der Ausführung -seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse -Ferne gerückt und die durch subjective Theilnahme für -Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen sei, -denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung -des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.</p> - -<p>Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte -als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben - <span class="pagenum"><a id="Seite_viii">[S. viii]</a></span> -erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, daß die Annahme -fast mit Gewalt sich aufdrängt, er selbst sei der Held -seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch -fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten Punkten -festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt erst -gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in -dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich -seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen -sich fühlbar machte.</p> - -<p>Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt -haben, deren Ausbau die Einleitung zum »Simplicissimus« -zu schildern versucht, in ihrem vollständigen Zusammenfallen -mit der äußern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe -von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck -die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt -sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch -mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die -übrigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder flüchtige -Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß die Zusammengehörigkeit -dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe -seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine -übrige Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche -war, von seinen Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich -darüber kurz und bündig ausgesprochen, indem er die Reihefolge, -die sich schon aus innern Gründen wie der Zeit der -Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich feststellt. Dieser -Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in nachstehender -Weise vermittelt.</p> - -<p>Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer -Zeit in Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und -der alte Leichtsinn sein Recht forderte, war auch eine vornehm -auftretende Dame, die er im Sauerbrunnen zu Grießbach -kennen lernte. Sie war schön und gewandt genug, ihn -in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten -Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für - <span class="pagenum"><a id="Seite_ix">[S. ix]</a></span> -<span class="antiqua">mobilis</span> als <span class="antiqua">nobilis</span> zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so -übertrieben mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen -ihrer brennenden Affection« zu, daß er sich vor sich selbst -und in ihrer Seele schämen mußte. Deshalb suchte er sie -bald wieder loszuwerden; die von ihr selbst erzählte »gute -Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war freilich ärgerlich -und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller Welt -Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz -ihrer Thaten.</p> - -<p>Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus -ganz dem heitern Treiben des Badelebens. Aber -bald schmerzlich berührt durch den Tod seines theuersten -Freundes, des »Herzbruders«, begann er auf einsamen Gängen -in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen und den Stand -eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem -Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; -überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent -für verlorne Freundschaft. Das war die rechte Stimmung -für die Hauptperson in einer Dorfgeschichte. Im schönen -Renchthale beginnt die Einleitung unter Nachtigallengesang -und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die große -Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang -hier der einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten -das Seil über die Hörner. Schön freilich müssen -wir sie der Beschreibung nach nennen, die jugendfrische -Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer -beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre -weiche Butter im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit -ihren klaren schwarzen Augen sein ebenso weiches Herz in -Brand gesetzt. Darauf geht alles seinen ordnungsmäßigen -Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten beladenen -Phantasten, standhafte Weigerung — der Weg zum Besitz -geht natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte -Simplicissimus durch seine ersten Pflegeältern im Spessart -die Beweise seiner adelichen Geburt erhalten, und er besaß Geld - <span class="pagenum"><a id="Seite_x">[S. x]</a></span> -genug, eine reich ausgestattete Bauerwirthschaft zu gründen. -Nun folgt die Hochzeit und der Anfang eines echten Junkerlebens, -wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft entschiedene -Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den -lieben Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts -in Haus und Hof. Besonders denkwürdig aber war der -Tag, an dem nicht bloß die junge Frau eines Knäbleins genaß, -sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde -ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor -die Thür gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch -bange, und es kam ihm vor, als müsse noch eins aus jedem -Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die Obrigkeit mit -rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch wenigstens -das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten -der Liebe für immer verleidete.</p> - -<p>Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr -kleine Rolle in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so -war dieser Charakter doch interessant als Repräsentant einer -Klasse von Weibern, die dem Soldatenleben jener Zeit eine -eigenthümlichen Färbung gaben, jenen fahrenden Frauen, die -den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte es an merkwürdigen -Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die -sich als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung -des Leitbildes verwerten ließen. Der Verfasser bedient -sich dieses Charakters, um zunächst die Verbindung mit dem -Werke in dem oben erörterten Sinne herzustellen und zugleich -die Schilderung eines solchen verlornen Lebens daran -zu knüpfen.</p> - -<p>Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, -wie dies in der Natur der Picarischen Romane liegt, -ihr Leben selbst. Der Zweck, den sie persönlich bei der -Veröffentlichung verfolgt, liegt in der flüchtigen Beziehung -zu Simplicissimus und ist ihr durch den Wunsch nach Rache -eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet eigentlich -das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von - <span class="pagenum"><a id="Seite_xi">[S. xi]</a></span> -da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie -vielleicht mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, -der sie sogar wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren -bringen können, war ihr aus dem Netz gegangen; daß er -aber gar die fatale Geschichte aller Welt erzählt, schürte in -ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit sich umhertrug. -Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder -wissen — denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht -das Geringste mehr gelegen —, wer sie eigentlich war, und -was für einen Streich sie gegen ihn geführt, als sie ihm -den Knaben ihrer Zofe unterschob, den er als seinen Sohn -und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei ist jedoch -nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule -gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar -von ein paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie -ihre Enthüllungen in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung -derselben hatte der Schreiber sich einst im Vorzimmer -eines großen Herrn vergeblich um eine Stelle bemüht. -Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort -findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende -Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; -dann tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann -mit der Geige, ein früherer Kamerad des Simplicissimus, -einst ein anstelliger und tapferer Bursch, mit dem -auch die Dame eine Zeitlang im Guten und Bösen verkehrt -hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den -beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde -Länder, deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten -Insel der Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte -als ehrsamer Landwirth in seiner Heimat am Spessart. Des -andern Leben war auf die gewöhnliche Weise abgeschlossen -worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber erkennt -natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte -berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; -er erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, - <span class="pagenum"><a id="Seite_xii">[S. xii]</a></span> -und von dem Lohn, der ihm dafür geworden. Wir erfahren -bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn durch das Buch -der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt -keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben -werden sollte, wirklich der seinige, daß also der Zweck -des Buchs verfehlt ist. Endlich, nachdem des Simplicissimus -Pflegeältern, der »Knan« und die »Meuder«, sammt dem Sohn -hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, sich die ganze, -übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische Familie -vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag -über zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, -erzählt der alte Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus -beauftragt den Schreiber, auch diese niederzuschreiben -und herauszugeben, damit die Welt erfahre, daß der junge -Simplicius nicht von einer Landstreicherin abstamme.</p> - -<p>Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden -Bandes mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz -natürlicher ist, indem er in ansprechender Weise und durch -dem Leser bekannte Personen vermittelt wird, so sind die -beiden andern, der erste und zweite Theil des »Vogelnestes«, -die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen künstlichen, -nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur -schwache Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern -hinüber, die von einem wunderbaren Ereigniß im Leben des -Stelzfußes ausgehen. Ueberdies wird der Leser aus den -Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in halbwegs -geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte -sich eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. -Der Zufall setzte sie in Besitz eines großen Schatzes, der -ihrem Elend hätte ein Ende machen können, es ist ein zauberhaftes -<em class="gesperrt">Vogelnest</em>, das seinen Träger unsichtbar macht. Die -Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige allein, indem -sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu Diebstahl -und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu -bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht - <span class="pagenum"><a id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span> -und stirbt eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel -gelangt in die Hände eines jungen Mannes, der bei -dem Ausgang des Abenteuers zugegen war. Seine Erlebnisse -schildert die erste Abtheilung; als er endlich desselben -überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von -sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch -dieser war schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, -in dessen Hause die unsichtbare Landläuferin einen -großen Diebstahl ausgeführt hatte, und der nun auf diese -Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur Befriedigung -seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.</p> - -<p class="pmb2">Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der -einzelnen Schriften festgestellt. Nach der schon erwähnten -Bemerkung Grimmelshausen's folgen auf die <em class="gesperrt">sechs</em> Bücher -des »Simplicissimus« — wodurch also die Echtheit der sogenannten -»Continuation« ausdrücklich anerkannt wird — die -übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, »Springinsfeld«, -der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. -Das Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern -und den durch letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der -französischen Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« -erörtert worden. Für Grimmelshausen waren -Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, Mateo -Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. -Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, -beruht auf innerlicher Verwandtschaft. Was dort in der -Gesammtliteratur sich vollzog, das hat hier in dem reichen -Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.</p> - -<p>Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame -Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin -Courage«<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> ist nicht ohne Vorbild, wenn man es so -nennen will. - <span class="pagenum"><a id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span> -Ubeda's »<span class="antiqua">Picara Justina</span>« war durch eine -Uebersetzung in Deutschland bekannt (Frankfurt 1626 — 27.) -Man könnte jedoch höchstens an eine formelle Anlehnung, aber -man darf an keine Nachahmung, am wenigsten an eine bewußte -Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon der Boden, -auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten läßt. -Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich -erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei -uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit -erst geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich -und geistig reich ausgestattet, nicht schlecht erzogen und -unterrichtet, wird in einem für die Bildung des Charakters -gefährlichen Alter in das wilde Treiben des Soldatenlebens -im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. Es war -dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch -Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben — und hier tritt -schon ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit -mit Springinsfeld zu Tage — entspricht jedoch durchaus ihren -Neigungen. Der Spessarter Bauernknabe wird gegen seine -eigentliche Neigung geworfen und getrieben; die Erkenntniß -eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie ganz verloren; -die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in ihn -hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und - <span class="pagenum"><a id="Seite_xv">[S. xv]</a></span> -mit Lust sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die -edlern Regungen des männlichen Willens, der persönliche -Muth, der Drang nach Auszeichnung und Ehre. Die Böhmin -aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt ihre Ziele, -die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und die -Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der -ganzen Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen -Strichen zeichnen; in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften -verkörpert, welche die böse Welt überhaupt dem weiblichen -Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der maßlosesten Sinnlichkeit -und einer wilden Sucht nach Aufregung, die sie persönlich -in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch -nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, -das sonst bei den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; -dafür eine rücksichtslose Härte, mit der sie alles ihren -Zwecken dienstbar macht, und eine Elasticität, die nach den -schwersten Schlägen wieder in die Höhe schnellt.</p> - -<p>Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, -eine hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen -von Dirnen, wie sie bei den Regimentern sich umhertrieben; -mit diesen kommt sie jedoch persönlich kaum in Berührung. Jener -verlorne Haufe rekrutierte sich zum Theil aus den »öffentlichen -Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos freilich und -unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet -wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, -die außer Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. -Ueber diese, die auch bei den Heeren unter der Zucht von -besondern Waibeln standen, weiß sie sich zu erheben. Zu -Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, die -nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde -begleiteten. Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches -Leben eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben -ihrer Schönheit und ihrem natürlichen Verstande doch einer -besondern Vorbereitung für diese Kreise bedürfe. Es ist ein -feiner Zug in der Darstellung Grimmelshausen's, daß er die - <span class="pagenum"><a id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span> -junge Frau denjenigen Weg einschlagen läßt, welcher der -bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.</p> - -<p>In der für die höhern Stände zunächst berechneten -Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen -ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts -unmittelbar aus Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung -erschienenes Buch, der »Amadis aus Frankreich«, in -der Gunst der Leser alle übrigen in den Schatten gestellt. -Und in der That entsprach dasselbe, was seinen materiellen -Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit jener Gesellschaftsschichten -ungleich besser als die alten, auf solidern -Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, -die »Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser -Octavianus«, die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen -Abenteuer nebst schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich -der Uebersetzer dadurch zu rechtfertigen sucht, daß denselben -ja die nutzbare Lehre und Aufklärung über Welthändel und -Regimente als Gegengift beigegeben werde, schmeichelten der -innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, der -darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit -angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber -war es die Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen -zu haben scheint. Die Vorrede der deutschen Ausgabe hatte -dem Buche schon eine hervorragende Wichtigkeit »für die -Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine heilsame -Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man -hier lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff -zu verbergen, die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem -Flitterstaat zu bekleiden, die Inhaltslosigkeit der Gedanken -und Empfindungen unter klingendem Wortschwall zu verhüllen. -Der Einfall war nicht einmal neu und stammte aus derselben -Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich -demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich -selbst ein Buch erschienen, das die Sache nicht allein für -den Gebrauch merklich erleichterte, sondern auch die moralische - <span class="pagenum"><a id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span> -Gefährlichkeit abschwächte, indem man alles Thatsächliche weggelassen -hatte. Die im »Amadis« und seinen endlosen Ausspinnungen -enthaltenen »besonders wohlgefälligen Reden, -Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; -eine deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.</p> - -<p>Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich -gewesen sein; dies bekundet sich schon in der -heftigen Reaction, die sich vorzugsweise in der neuen poetischen -Richtung des Jahrhunderts aussprach. Auf das -Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus ist nicht -viel zu geben. Martin Opitz, der die »<span class="antiqua">Historia Amadaei</span>« -mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als -er diese in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr -jugendlicher Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus -war, und man erkennt hier unschwer eine Ueberschätzung des -formellen Verdienstes. Ein solches kommt dem Buche und -der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das wurde auch von -einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen von -Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher -Schottelius und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.</p> - -<p>Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen -Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich -betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, -dann gegen die Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen -Zauberpossen« u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit -Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Träumereien erfüllende -und die Sinne aufregende Lektüre.</p> - -<p>Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, -trägt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben -andern Scribenten in der Hölle sein Quartier anzuweisen, -und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und -Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor andern -wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie -es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie -schärfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch - <span class="pagenum"><a id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span> -erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht -ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die -Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen und -die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen -wußten, der modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg -und Mannesmuth <em class="gesperrt">redet</em>, und wo die Damen ihren Beruf -in der »Courtoisie« erblicken.</p> - -<p>Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich -Buchholz trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, -»das schandsüchtige Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei -dickleibige eigene Romane, den »Christlichen deutschen Großfürsten -Hercules u.s.w.« (1659) und »den Christlichen -königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), die dem verhaßten -Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in -Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des -Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem -heilsamern Geschmack hinüberziehen und nicht allein das -»weltwallende«, sondern zugleich das »geisthimmlische« Gemüth -erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen -Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen -Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige -Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der -modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch -darin entschiedener Realist, daß er sich nicht in Declamationen -ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der -Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die -damit dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der -Frauen im Gebrauch der Fremdwörter hinauskommt, und einen -ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre -Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen läßt.</p> - -<p>Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes -Motiv für die Form der Darstellung in geschickter Weise -benutzt. Die Benennung »Trutzsimplex« ist schon insofern -bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der -Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres frühern - <span class="pagenum"><a id="Seite_xix">[S. xix]</a></span> -Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, alles sei -zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen -Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der -sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das -Behagen, mit welchem sie erzählt, daß sie es war, die seinen -Gefährten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit -erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen, -nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, -und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem -Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch -schließlich um die ewige Seligkeit hätte bringen können.</p> - -<p>Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans -eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich -in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka -ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, der -einst der gewaltigste Herr von Böhmen gewesen war. Er -gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen »die -Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem -Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias -von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat -den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf -den die Umstände zu passen scheinen. Er wurde schon 1618 -»wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung -und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen -Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden -gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich -erlaubt« (Gottfried, Historische Chronik, <span class="antiqua">II.</span> 13). Diese Achtserklärung -wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage -durch einen schwedischen Offizier aus den Händen brutaler -Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen -Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur -Türkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er - <span class="pagenum"><a id="Seite_xx">[S. xx]</a></span> -über Venedig nach England ging, um ein Hülfegesuch im Namen -Bethlen's zu überbringen, mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten -von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.</p> - -<p>Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem -ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode -des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den böhmischen -Ständen nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des Königreichs -abspielte, zur Zeit als es dem jungen König Ferdinand, -bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung -aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und -Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von -Baiern, für sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurfürsten -Friedrich von der Pfalz zum König von Böhmen -seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union -nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein -Heer bei Donauwörth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen -des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst -des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten ließ, -den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch -den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. -Maximilian ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen -Stände zur Huldigung, vereinigte sich mit dem -kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval, -Grafen von Buquoi, in Unterösterreich und zwang so die -böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs abzuziehen. -Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils verlassen, -theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. -Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor -dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden -mußte, wandten sich die Böhmen gegen Znaim nach Mähren; -das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan -festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte -zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber -der Ansicht daß es gerathener sei, direct auf Prag zu -marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxi">[S. xxi]</a></span> -den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem Feinde keine -Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. -Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im -Kreis Pissek wandte — es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's -oder ein Druckfehler, wenn (Kap. <span class="antiqua">II.</span>) statt dessen -Budweis genannt wird —, zog Buquoi auf Pragatitsch, -welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, -und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager -durch Geschütz verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. -Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, -welche Libuschka, das junge »fürwitzige Ding«, aus -der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den -Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage -in dem Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner -zählt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.</p> - -<p>Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch -Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde -damals noch nicht ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen -ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly -verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht -hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack -und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer -Verwundung Buquoi's (S. <a href="#Seite_16">16</a>) richtig; er erhielt in einem -Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine -Schußwunde am Schenkel.</p> - -<p>Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian -nach Baiern zurück; den Fürsten von Lichtenstein hatte er -zum Statthalter von Böhmen ernannt und ihm Tilly -mit einem Theil der Armee beigegeben, während der Kurfürst -von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz -abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach -Mähren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. -So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und -darauf in Olmütz. Der weitere Marsch nach Ungarn im -Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur Belagerung - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxii">[S. xxii]</a></span> -von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. -Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das -kaiserliche Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter -kam mit einer flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo -er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte -aufgegeben werden, was die Kaiserlichen hauptsächlich der von -Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus Mähren zu danken hatten.</p> - -<p>Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der -Mannsfelder den Baiern übergeben hatte, finden wir die -junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf -hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da Ritterschaft und -Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich -durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als -wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er -war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die -Maske fallen lassen, während wegen des glücklichen Ereignisses -in Prag und andern Städten das Tedeum gesungen und die -Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim -und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage -erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von -Durlach, bei Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag -mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und -verließ nach der Blokade von Frankenthal das Heer, während -Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.</p> - -<p>Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war -indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, -daß Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen -Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe doch mit größerm -Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch -genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's -weist direct auf das »<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>« als Quelle hin, -wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird, -obgleich der ausführliche Bericht über die Schlacht das Gegentheil -ergibt. Aber der Dichter konnte ja unmöglich alles aus -eigenen Erinnerungen schöpfen, und das genannte große - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxiii">[S. xxiii]</a></span> -Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverlässige -Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse -in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen -hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von -Fach bekannt sein dürfte und fast der Vermuthung Raum -läßt, der Verfasser sei bei den erzählten Ereignissen persönlich -zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge -Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg -und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon -dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd -zu Hülfe. Courage kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich -mit diesen Truppen, bei den »Häusern Gleichen« in der Nähe -von Göttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen -gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel -hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene -Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte -hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. -Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches -Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört hatte. Eine Compagnie -des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.</p> - -<p>Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. -Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August -geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen -erholt hatte, ließ der Dänenkönig sie jenseit der -Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst -nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen -gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der -Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen -nun die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr -zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des -11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung -am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen -worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, -mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese -Absicht aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxiv">[S. xxiv]</a></span> -Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu -Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, -das dänische Heer über die Elbe bis nach Jütland gedrängt.</p> - -<p>Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen -zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von -Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen -geführt. Durch den Fürsten war der nächste Agnat seines -Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch -Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser -von Habsburg erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß -in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That -dem legitimen Nachfolger seine Hülfe zusagte, und wünschten -seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen -zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen -erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, -durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil -von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von -Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre -sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier -unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der -kräftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten -Tohras ohne Erfolg. Nun rückten auch die Oesterreicher -unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November -1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden -Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der -Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich -derselben auf Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen -und die schwache Besatzung zu überwältigen. Die Folge -war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche -Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der -Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen -waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst -Gelegenheit fand, seine großen politischen Talente zu zeigen. -In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich -Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxv">[S. xxv]</a></span> -wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, -bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande -und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.</p> - -<p class="pmb2">Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im -Mai 1632, das seit November 1631 sich in den Händen -der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte -die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet, -begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei -Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der -Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, -um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen -Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, -häuslich niederzulassen. Nun geht es abwärts, die -fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit -bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als -Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge -mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum -Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant -von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth -nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach Böhmen -begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson eingerückt -war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in -Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, -findet das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen -Abschluß. In spätern Jahren sollte sie — so erfahren -wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's -— den geliebten und gehaßten Simplicissimus noch -einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im -Jahr 1672 erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich -zu werden«, hatte sich eine aus den verschiedensten Ständen -zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm -man unter Führung eines vornehmen Touristen, eines -»reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die Umgegend -und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit -berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxvi">[S. xxvi]</a></span> -ein Gespräch über das auf dem Titel genannte Thema, an -dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint -plötzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus -holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld herbei. -Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen -und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, -und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in -leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.</p> - -<p>Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen -Kriegsmanns, mit dem der Jäger von Soest im westfälischen -Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie -werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie -in der zweiten Erzählung dieses Bandes die Geschichte -seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, zur Hand -nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, -die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man -muß den kleinen Roman nur im Zusammenhang des größern -Ganzen, als Illustration einer eigenthümlichen Seite des -Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant -zur »Landstörzerin Courage«.</p> - -<p>Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxvii">[S. xxvii]</a></span> -Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und -weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die -Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuführte, wo -manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes -Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück -zu Libuschka, daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen -Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Schönheit, -Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gemäß ausnutzen. -Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere -Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken -und unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig -und nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden -Gegensatz zu dem alten Kriegsgefährten, der gegen des -Lebensende beider, als nach länger denn dreißig Jahren der -Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste hervortritt. Der -Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen -des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; -das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach -Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu können, und -mußte seinem guten Geschick danken, daß der alte Kamerad sich -seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben -hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.</p> - -<p>In dem Namen schon ist der ganze Charakter des -Abenteurers, damals wie heute für jedermann verständlich, -ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte -erzählt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung -zurückführt. Er gehört zu der Zahl von Namen, -die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden -entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber -in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch -darin erkennbar, daß die meisten derselben an Wald und -Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu -das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, -Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit -einer Bedeutung, die sogar an die französischen <span class="antiqua">noms de</span> - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxviii">[S. xxviii]</a></span> -<span class="antiqua">guerre</span>, wie <span class="antiqua">Sautebuisson</span>, <span class="antiqua">Jolibois</span>, <span class="antiqua">Verdelet</span> anklingt. -Später wurden dieselben auf christliche Teufel übertragen und -gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren -Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und Landfahrer -über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und -Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.</p> - -<p>Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen -ist ein großer Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener -Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten -Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name -in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen -Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. Dafür -sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen -Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen -und eigener Beobachtung geschöpft sein können. -Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang -der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht -erzählten Begebenheiten schwer verständlich sein; für -diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für -den <em class="gesperrt">Kenner</em> der Geschichte, der sich überall selbst zurecht -finden wird; natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung -jeder Einzelheit verzichten.</p> - -<p>Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola -in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal -im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam -zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei Wiesloch, -dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen -Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des -dänischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit -dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) -kehrte er nach Deutschland zurück, diente in Niedersachsen -und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen -im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, eine -Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen -genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxix">[S. xxix]</a></span> -vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit -Pappenheim's glücklichem Stern war er darauf wieder in -Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen -Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, -bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stieß. -Nach der Schlacht bei Lützen, als in der Nacht darauf die -kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und gleichsam flüchtig, -obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen marschirte, -begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht -hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, -was er besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen -erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit -die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang geführt, ein -Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten und Memmingen -und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner -dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach -Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er -wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu -Eger beendet; der junge König Ferdinand hatte selbst die -Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.</p> - -<p>Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich -bekannten Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann -de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Brücke, -nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand -bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß mit Frankreich -zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp -von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf -zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf -einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von -den Hessen gefangen, mußte er nun im Erzstift Köln gegen -die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor -Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und -gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant -sich nach Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. -So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxx">[S. xxx]</a></span> -Rottweil; besonders hier scheinen die erzählten Einzelheiten -auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf -ist folgender.</p> - -<p>Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau -in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein überschritten -und zogen über den Schwarzwald auf Rottweil; der -Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im November -1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt -hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon -besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende -Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork -durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte nur mit -520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend -gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, -200 Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, -und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes -Schloß entkam. Um diesseit des Rheins einen -festen Punkt für ihre Operationen zu haben, machten dann -Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; -dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der -tödtlichen Verwundung des französischen Generals durch -Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an -Fourrage für Winterquartiere sich als ungeeignet erwies, -entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen bis -Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz -und zwei Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; -die übrigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand -in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen -unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld -und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren -hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann -von Werth führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe -ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer, -wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November -a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxi">[S. xxxi]</a></span> -dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, -zu dem Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf -das weimarische Geschütz bei der Kirche unter dem Schloß -Homburg so rasch, daß das Hauptquartier den Verlust erst -bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke gegen die -Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. -Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, -zog sich aber bald zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister -Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der -französischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg -im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, -während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei -Müllen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische -Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das -Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. -Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch -das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem -Elsaß; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz -entkommen. Dies war die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, -die den Schweden mehr als dreißig Regimenter kostete.</p> - -<p>Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden -Sommers 1644. Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli -beginnt die Belagerung von Freiburg durch die Baiern. In -den Gefechten vor der Stadt begegnen wir auch Rosen -wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den -Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn -Stürmen ging die Stadt an Mercy über. Die unter dem -Herzog von Enghien und Turenne, die zum Entsatz zu spät -kamen, um die Schanzen geführten Gefechte waren so blutig, -daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich nicht -erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder -Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es -gegen Villingen, darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. -Springinsfeld war mit bei Mannheim, wo Rosen -sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt mit Sturm - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxii">[S. xxxii]</a></span> -nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem -Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. -Darauf mußte Höchst accordiren. Mercy und de Werth -hatten sich nach der Bergstraße gewandt; hier wurde das -Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen und die -Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei -dieser Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit -einer Fackel gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus -der Stadt. Springinsfeld deutet nur kurz an, wie dort gehaust -wurde; alles, was Waffen trug, wurde niedergemacht. -Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment dabei besonders -thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem -Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, -viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und -Mädchen nicht verschont und, wie das »<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>« -sich ausdrückt, »eine unerhörte Schande getrieben hatte«. -Weinheim war besser davongekommen, indem es sich auf -Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, -die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, -gesteckt wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung -und Uebergabe des festen Schlosses Nagold, dessen -Besatzung aus Franzosen bestand, an den bairischen Feldzeugmeister -Baron von Rauschenberg erfolgte erst am -8. December 1645.</p> - -<p>Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, -sind verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte -Geleen oder Gleen (Gottfried) war in Baiern bis zum -Feldmarschall gestiegen, darauf in kaiserliche Dienste getreten -und in den Grafenstand erhoben worden. In der Schlacht -bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall -Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne -persönlich geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei -die Baiern vierzig Fahnen verloren (3. August n. St.). -Vielleicht dieses Unglücks wegen geht Grimmelshausen leicht -darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth mit mehreren - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxiii">[S. xxxiii]</a></span> -höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, wurde jedoch -bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den -gefallenen General.</p> - -<p>In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der -Stadt Augsburg durch die Schweden unter Wrangel. Auf -besondern Befehl des Kurfürsten war kurz vorher der Oberst -Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment mitten -durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, -an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, -wieder freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von -Augsburg genannt. Als die kaiserlich-kurfürstliche Armee -zum Entsatz anrückte, sahen sich die Schweden zum Abzug -gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand »der junge -Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb -in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am -6. März 1647 mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, -aber bekanntlich am 14. September schon gekündigt wurde.</p> - -<p>Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten -»Generalspersonen« sind der General der Reiterei Johann de -Werth und der Generalwachtmeister Spork gemeint. Der -Kaiser hatte unter dem 14. Juli ein <span class="antiqua">Mandatum avocatorium</span> -an die gesammten Kriegsleute der bairischen Armee »aller -Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs Völker«, -erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an -die Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies -gelang ihm so vollständig, daß sie jenen beiden Männern -den Gehorsam aufkündigten. De Werth und Spork gelangten -mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.</p> - -<p>Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung -werden die folgenden, dem »<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>« -(Theil <span class="antiqua">VI.</span> S. 57 fg., wo die Acten, Ausschreiben und Berichte -über die Maximilian Emanuel schmerzlich berührende -Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen Notizen genügen. -Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich -führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxiv">[S. xxxiv]</a></span> -Spork, Lapierre, Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und -Walbote und die Kreutzischen Dragoner als Einstellungsort -die Gegend bei Vilshofen an der Donau bestimmt; die -übrigen waren nach einem andern Platz beordert, darunter -der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz -soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. -Die in der Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem -Befehl von vornherein nicht nachgekommen, ebensowenig der -im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre genannte Oberst Elter. -Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in ihre frühern -Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst -einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige -erging ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. -Gegen Spork scheint man mit weniger Eifer vorgegangen -zu sein. Schoch entkam mit seinem Regiment nach -Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug begehrte, -angehalten und in Haft genommen, der Commandant -aber, der mit ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. -Die Meuterei, über welche nun weiter berichtet -wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es wird dies eine -von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte gewesen -sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als -günstig ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch -bei den Weimarischen vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel -damit zusammen, die Maximilian nach dem kurzen -Bericht des »<span class="antiqua">Theatr. Europ.</span>« (<span class="antiqua">V</span>, 1293) gegen einige Regimenter, -das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, -ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere -abgedankt, die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, -daß auch unser Abenteurer bei dieser Gelegenheit seinen Abschied -erhielt.</p> - -<p>Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden -zu gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg -geschickt, aus dem schwedischen Hauptquartier dagegen der -Oberst Horn nach Augsburg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_xxxv">[S. xxxv]</a></span></p> - -<p>Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode -der Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten -Glück unter energischen Führern um so schmerzlicher empfunden -wurde. Das Heer scheint den Grund derselben in der -Führung der Generale Holzapfel, genannt Melander, und -des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der letztere -wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich -wegen seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung -des Lechstroms zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.</p> - -<p>Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit -und die Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof -trieben, war es längst in Deutschland Friede geworden. So -entschloß er sich, über die Grenzen des Vaterlandes hinaus -dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus Zrinyi -gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen -Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann -dies geschehen, dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen -Erzählung jeder Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem -Jahre 1664 in den Zenith seines Ruhmes ein. Unter der -»letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur der unter -Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab -im August 1664 verstanden werden, welchem ein von den -Türken angebotener, auf zwanzig Jahre geschlossener Friede -folgte. Als nach der Niederlage Rakoczi's in Ungarn und -nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in aller Form -den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von -fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.</p> - -<p>Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik -Venedig im ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die -Hauptstadt war bislang mit geringem Erfolge gekämpft -worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den Türken, eine -bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, -und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung -des Großveziers mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. -Die Generäle Barbaro und Villa schickten sich zu kräftiger - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxvi">[S. xxxvi]</a></span> -Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an Minen -und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend -Mann verloren haben sollen. Als endlich im -folgenden Jahre spanische, französische und braunschweig-lüneburgische -Truppen anlangten, faßte die bedrängte Besatzung -neue Hoffnung. Aber die französische Abtheilung -wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen -und verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. -In der Stadt lagen nur noch viertausend -Mann, und der Feind war den Vertheidigungswerken -so nahe gekommen, daß die Capitulation unvermeidlich war. -Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den -17. September 1668.</p> - -<p>Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu -verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst -eine Zeitlang Inhaber und Führer eines schwedischen Regiments -gewesen, hatte in Episoden seiner »Dianea« (1644 -nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in -Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem -weitschweifigen Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« -war es, wie er selbst sich dessen rühmte, gelungen, -»außer der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen -Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen Krieg -durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. -Aber wie anders gestaltet sich das alles bei -Grimmelshausen! Was dort als unnütze Spielerei eines -Pedanten erscheint — denn ein Zweck ist doch überhaupt -nicht einzusehen — ist hier der furchtbare Boden, auf dem -mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die -lebendige Handlung sich auswirkt.</p> - -<p>Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem -verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht -hatte widerstehen können und als Krüppel zurückkehrte, bald -darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte -seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxvii">[S. xxxvii]</a></span> -dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen -Angaben stimmt.</p> - -<p>Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille -und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach -des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war, -die Seele des schwer zugänglichen alten Gesellen zu retten, -nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem ehrbaren -Wandel bekehrt hatte.</p> - -<hr class="tb10" /> - -<p>Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften -geschlossen. Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen -und deren Verbindung untereinander ist, wie -oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher und loser, -doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier -das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der -Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, -wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem -Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt des Volkes -geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser -Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird -eine kurze Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive -nicht für überflüssig gehalten werden.</p> - -<p>In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm -Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in -verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes, -wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im germanischen Götterglauben -unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier ist -das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm -(»Deutsche Sagen«, <span class="antiqua">I</span>, 40) kennt für diesen Glauben keine andere -Quelle als eben Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er -meint, der Name hänge mit einer gleich der Mandragora -oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem Zweiblatt, -zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« -genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxviii">[S. xxxviii]</a></span> -heute im Volke (in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen -und Grubenhagen). Ein Vogel trägt einen unsichtbar -machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest — genau so -faßt es Grimmelshausen —, um dasselbe vor Gefahren sicher zu -stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; -auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring -gefaßten Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. <span class="antiqua">II</span>, -V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen -besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der -Johannisnacht zeitig wird, z. B. zufällig in den Schuh gefallen -sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden läßt. Daß -das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten -Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden, -allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden -Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den -Spiegel übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar -anwesende Geister erblicken läßt.</p> - -<p>Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt -sich unmittelbar an den Fund des köstlichen, doch in unrechter -Hand gefährlichen Schatzes. Dieser Gefahr war ihr -Gefährte, der schon einmal mit einem Spiritus familiaris -in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die Schuld -eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte -an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung -gehen. Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand -Gaunerstreiche, Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als -sie auf den Gedanken kam, ein großartigeres Zauberdrama, -eine Feerie im romantischen Stil, worin sie selbst die Hauptrolle -übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu ahnen, daß das -prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, dem -Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die -Wahl des Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben -einer der reizendsten Geschichten aus den Volksbüchern des -sechzehnten Jahrhunderts: wie eine überirdische Jungfrau -einen sterblichen Menschen durch ihre Liebe beglückt. Grimmelshausen - <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxix">[S. xxxix]</a></span> -hat zwei in der Dichtung getrennte Ueberlieferungen -miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer -ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches -Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer -nun verlornen Straßburger Handschrift zuerst 1480, dann -öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart bearbeitet, zuletzt -neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche Studien«, -Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: -Ritter Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg -in der Ortenau, wollte am Pfingsttag früh zur Messe -nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs eine wunderschöne -Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte sie, habe -sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, -seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt -im Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. -Sie werden einig, sich zu verbinden, und der Ritter geht -die einzige ihm gestellte Bedingung freudig ein: »nimm -welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So leben sie -zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und -draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er -einst mit Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten -an, sich endlich ein Weib zu suchen. Er bleibt -standhaft und erneuert der Geliebten sein Gelübde, aber in -banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er werde -sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf -begab, daß zu Frankfurt ein Römischer König gewählt -wurde, stellte auch er sich am Hoflager ein. Da dringt auch -der König in ihn und bietet ihm die einzige Nichte, die Erbin -von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er sich nicht entschließen, -und erst als die allein seligmachende Kirche in -der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle -heiß macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die -schmerzlich Betrogene die nahe Erfüllung seines Geschicks an, -wenn er nicht jetzt noch von seinem Vorhaben abstehe; als -näheres Vorzeichen werde er ihren nackten Fuß erblicken. - <span class="pagenum"><a id="Seite_xl">[S. xl]</a></span> -Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die -Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird -gefeiert, da stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die -Decke des Saales. Nun bestellt der Ritter sein Haus und -stirbt. Die junge Braut gelobt, in einem Kloster dem Vermählten -treu zu bleiben.</p> - -<p>Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung -der Sage zum germanischen Götterglauben noch -deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's Geliebte ist als -Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder »Wunschmädchen«. -Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich -ihr Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu -Gebot, während die spätere Anschauung den Namen von -der Gabe ableitet, zu erscheinen, so oft der Geliebte sie -herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum zuwenden. -Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar -den Auserwählten hütet und ihn schützend in den -Kampf begleitet. Doch alles das sammt ihrer Liebe ist -Bedingungen unterworfen, die sie selbst nicht aufheben kann. -Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit göttlichen -Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der -Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus -von Aphrodite und Anchises im griechischen Götterglauben.</p> - -<p>Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring -von Ringolfingen übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg -um 1474) bis in unsere Tage ein weitverbreitetes -Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen damit; Melusina -ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und das -Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von -Poitiers alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, -aber unter der Bedingung, daß er nie nach ihrem -Ursprung noch jemals nach ihrem Thun und Lassen an -einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde jegliches -Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. -Er bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt - <span class="pagenum"><a id="Seite_xli">[S. xli]</a></span> -reuig sein Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung -mit der ersten Sage wird bei Grimmelshausen dadurch -vermittelt, daß das Leiermädchen sich Minolanda, -Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte -noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage -kannte, denn der Name erinnert an Minne, Meerminne. -Eine solche ist auch in der localen Ueberlieferung, wie sie in -Baden und am Schwarzwald zu Hause ist, die Geliebte des -Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd heimkehrend, -findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich -selbst ein »Mümmelchen« — der Mummelsee liegt in der -Nachbarschaft —; des Ritters Namen hat sie den Jägern -abgehört. Das übrige stimmt ungefähr: statt des Römischen -Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, der den Diemringer -für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand seiner -Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend -durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von -stürmisch heranbrausenden Wellen fortgerissen.</p> - -<p>Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin -stirbt der ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die -Schauspielerin büßt ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert -die Katastrophe, um als Leitmotiv von dem Verfasser -der Simplicianischen Schriften noch ferner verwandt -zu werden.</p> - -<hr class="tb10" /> - -<p class="pmb2">Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht -auf dem einzigen bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem -mit der Jahrzahl 1670 bezeichneten »Springinsfeld« voraus -und ist also unmittelbar nach oder noch während der Abfassung -der »Continuation« oder des sechsten Buchs des »Simplicissimus« -geschrieben, aber nicht eher im Druck erschienen. -Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu Anfang -1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der -Göttinger Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. - <span class="pagenum"><a id="Seite_xlii">[S. xlii]</a></span> -Den Text, den ich gewählt, denselben, für den auch Keller -sich entschieden hat, halte ich nach reiflicher Erwägung -für den besten, ohne jedoch die Frage beantworten zu wollen, -ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre eine -rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler -sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in -den Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung -bedurfte, während einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, -soweit es die für unsere übrigen Publicationen -und speciell für den »Simplicissimus« angenommenen Grundsätze -erlaubten, beibehalten worden sind.</p> - -<p>Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich -nicht sehr bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe -betrachten. Der erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet -seine Berechtigung schon darin, daß das Titelblatt des -»Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. Was den Inhalt -und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die ausführliche -Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. <span class="antiqua">VII</span>), -wo Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler -auftritt, genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt -auch das, was der Schreiber (»Springinsfeld« Kap. <span class="antiqua">VIII</span>) von -seiner Absicht sagt, das Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe -war bisjetzt nur durch die Gesammtausgabe bekannt, wo es -unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« folgt. Die alte -Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt worden -ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek zu -Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der -Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt -Herr Wilhelm Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung -ich diese Nachricht verdanke. Ein für den Kenner der -Simplicianischen Literatur sehr erfreulicher Aufsatz in der -»Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 Morgenblatt) enthält -auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß die Holzschnitte, -welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, und - <span class="pagenum"><a id="Seite_xliii">[S. xliii]</a></span> -daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, -die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr -selten gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene -Figuren in ein neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg -1588. 4.) für den Druck verwandt hat.</p> - -<p class="pmb2">Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der -»Gaukel-Tasche« auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. -Die Art und Weise, wie Grimmelshausen dasselbe erzählt, -ist in der Darstellung so vortrefflich, daß wir uns -nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite zu lassen. Wegen -der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder -Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) -verweisen, die sich in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen -(Bd. <span class="antiqua">III</span>, S. 181 fg.) haben wir wenig hinzuzufügen. -Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls »Der -Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen -am meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter -ein Mann, dem der Landsknecht Geld gegeben, hier ein -reicher Kunstkenner, der die durch den Teufel für seinen Schützling -gemalten Bilder sammt dessen Reichthümern besitzen möchte, -ein Zug, der in dem ersten der Märchen: »Des Teufels -rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein -König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten -so entzückt wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. -Die österreichische Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten -Denkwürdigkeiten der Welt« (<span class="antiqua">II</span>, 712). Die Geschichte spielt -in einer Stadt, wo noch die »Abbildung derselben auf einer -Tafel« aufbewahrt wird. Statt der verlornen Schlacht bei -Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die Niederlage des -christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav genannt. -Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde -geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.</p> - -<p class="pmb3">Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum -ersten Kapitel des »Simplicissimus« zu vervollständigen. - <span class="pagenum"><a id="Seite_xliv">[S. xliv]</a></span> -Grimmelshausen spricht über die Sucht geringer Leute, sobald -sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als vornehme -Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn -auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe -getrieben haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen -32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des -Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen.« Aus Seibt's -erwähnten Mittheilungen, die mir erst nach dem Drucke des -ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe ich, daß in -Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst -von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, -S. 432), einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle -»<span class="antiqua">Rinconete y Cortadillo</span>«, deren Schauplatz nach Prag verlegt -wird, das Oberhaupt aller Gauner und Dirnen dieser Stadt -»Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird also die -Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung -des Namens scheint daneben bestehen zu können.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite -stehen im Original — zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs -Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei -Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend — folgende Verse:</p> -<span class="newpre"> -Erklärung des Kupfers<br /> -oder<br /> -Die den geneigten Leser anredende Courage.<br /> -<br /> -Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue,<br /> -So wirf' ichs drum nicht weg, um daß es mich gereue,<br /> -Daß ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht,<br /> -Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt. -Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen;<br /> -Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen,<br /> -Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz,<br /> -Und was ich möge thun dem Simplici zum Trutz. -</span> -</div> - -<div class="footnote"> - <p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen - Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - <p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.</p> -<p>Auf der Rückseite des Titels:</p> -<p>Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,<br /> -Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,<br /> -Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen,<br /> -Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen.<br /> -Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück?<br /> -Sie stimmten in <em class="gesperrt">ein</em> Horn, zeigten mir ihre Tück.<br /> -Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen,<br /> -Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen,<br /> -Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus,<br /> -Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,<br /> -Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,<br /> -Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.</p> -</div> - -</div> - - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - - -<p class="p3 center font18"><b> -I.<br /> -<br /> -Trutz Simplex.</b><br /> -</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a></span></p> - - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - - -<p class="center font22"><b>Trutz Simplex</b></p> - -<p class="center font11">Oder</p> - -<p class="center font14">Ausführliche und wunderseltzame</p> - -<p class="center font12"><b>Lebensbeschreibung</b></p> - -<p class="center font11">Der Erzbetrügerin und Landstörzerin</p> - -<p class="center font18">Courage,</p> - -<p class="center font14">Wie sie anfangs eine Rittmei-</p> -<p class="center font12">sterin, hernach eine Hauptmännin, ferner</p> -<p class="center font11">eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,</p> -<p class="center font11">Musquetiererin und letzlich eine</p> -<p class="center font11">Zigeunerin abgegeben, Meisterlich</p> -<p class="center font11"><span class="antiqua">agiret</span> und ausbündig</p> -<p class="center font11 pmb2">vorgestellet:</p> - -<p class="center font14">Eben so lustig, annehmlich un̄ nutzlich</p> -<p class="center font12">zu betrachten als <span class="antiqua">Simplicissimus</span></p> -<p class="center font11 pmb2">selbst.</p> - -<p class="pmb1 center font11">Alles miteinander</p> - -<p class="center font14">Von der Courage eigner Per-</p> -<p class="center font12">son, dem weit und breit bekannten <span class="antiqua">Simpli-</span></p> -<p class="center font11"><span class="antiqua">cissimo</span> zum Verdruß und Widerwillen, dem</p> -<p class="center font11"><span class="antiqua">Autori</span> in die Feder <span class="antiqua">dictirt</span>, der sich vor</p> -<p class="center font11">dißmal nennet</p> -<p class="center font11"><span class="antiqua">Philarchus Grossus</span> von Trommenheim,</p> -<p class="center font11">auf Griffsberg &c.</p> - -<hr class="tb10" /> - -<p class="center pmb3">Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a></span></p> - - - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - - -<h2 id="Kurzer_doch_ausfuhrlicher_Inhalt_und_Auszug_der">Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der -merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser -lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin -und Zigeunerin Courage.</h2> - - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_9">Das erste Capitel.</a></em> Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, -weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden -Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin -Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf -erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_12">Das zweite Capitel.</a></em> Jungfrau Lebuschka (hernachmal -genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco, -muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; -dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches -ferner mit ihr zugetragen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_16">Das dritte Capitel.</a></em> Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein -bei einem resoluten Rittmeister um den Namen Courage.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_20">Das vierte Capitel.</a></em> Courage wird darum eine Ehefrau -und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe -werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile -lediger Weise getrieben hatte.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_23">Das fünfte Capitel.</a></em> Was die Rittmeisterin Courage in -ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes -gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen -wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern<br /> -mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_28">Das sechste Capitel.</a></em> Courage kommt durch wunderliche -Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit -dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_32">Das siebente Capitel.</a></em> Courage schreitet zur dritten Ehe -und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber -nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die -Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution -und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie -sitzen läßt.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_35">Das achte Capitel.</a></em> Courage hält sich in einer Occasion -trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen -Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger -Ueberlaufer gefangen und gehenket worden.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_38">Das neunte Capitel.</a></em> Courage quittirt den Krieg, nachdem -ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman -vor einen Spott gehalten wird.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_42">Das zehnte Capitel.</a></em> Courage erfähret nach langem Verlangen, -Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und -freiet darauf wiederum einen Hauptmann.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_46">Das elfte Capitel.</a></em> Die neue Hauptmännin Courage -ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister -und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit -in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann -und wird eine unglückselige Witwe.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_49">Das zwölfte Capitel.</a></em> Der Courage wird ihre treffliche -Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen -Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen -und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich -von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen, -erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf -ein Schloß geführt.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_53">Das dreizehnte Capitel.</a></em> Courage wird als ein gräfliches -Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister -gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung -der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar -listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich -verlassen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_57">Das vierzehnte Capitel.</a></em> Courage wirft ihre Liebe auf -einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen -wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird -ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten -vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie -legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu -Hülfe kame.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_62">Das funfzehnte Capitel.</a></em> Courage hält sich bei einem -Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie, -dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand -lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf -eine Marketenterin.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_67">Das sechzehnte Capitel.</a></em> Courage nennet ihren Courtisan, -den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein -Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer -Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich -hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket -sich stattlich in den Handel.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_71">Das siebzehnte Capitel.</a></em> Der Courage widerfährt ein -lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer -italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen -Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin -als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht -auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_76">Das achtzehnte Capitel.</a></em> Die gewissenlose Courage erkauft -von einem Musquetierer einen <span class="antiqua">Spiritum Familiarem</span>, empfindet -darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und -Willen von statten.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_81">Das neunzehnte Capitel.</a></em> Courage richtet ihren Springinsfeld -zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer -vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller -gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt -und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_87">Das zwanzigste Capitel.</a></em> Courage nebenst ihrem Springinsfeld -bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie -dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter -war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in -die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen -verlegte.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_89">Das einundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird von -ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel -zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade -und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_93">Das zweiundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird von -ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen -des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich -zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des -Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das -beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem <span class="antiqua">Spiritu Familiari</span>.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_98">Das dreiundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage heurathet -wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr -erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten -Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk -wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten -Soldaten.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_102">Das vierundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage bekommt -eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und -macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie -ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind -vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage -mit ihm erzeugt hätte.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_105">Das fünfundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage treibet mit -einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel, -als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten -und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle -fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben, -endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird.</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_108">Das sechsundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird eine -Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr -Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten -antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten, -ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem -Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus -nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_112">Das siebenundzwanzigste Capitel.</a></em> Nachdem der Courage -Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf -ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter -welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten -Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält -sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder -zustellen.</span></p> - - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_115">Das achtundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage kommt mit -ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, -reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr -Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman -im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen -die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen -sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.</span></p> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - - - -<h2 id="Das_erste_Capitel">Das erste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und -Gefallen und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, -Landstörzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen -und recht seltzamen Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor -die Augen stellet.</p> -</div> - - -<p>Ja — werdet ihr sagen, ihr Herren — wer solte wol gemeint -haben, daß sich die alte Schell<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> einmal unterstehen würde, dem -künftigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor -sein? Sie muß wol, dann das Gumpen<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> ihrer Jugend hat -sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr -beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das -verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre vorige -überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die -begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein -Ekel und Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an -zu sehen und zu fühlen, daß der gewisse Tod nächstens bei ihr -anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck abzunöthigen, vermittelst -dessen sie unumgänglich in ein andere Welt verreisen -und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue Rechenschaft -geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der -ganzen Welt ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden -zu entladen, ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern -möchte, daß sie Hoffnung schöpfen könte, noch endlich die -himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.</p> - -<p>Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber -werden gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, -ihre alte zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend -mit französischer Grindsalb, folgends mit allerhand italian- - <span class="pagenum"><a id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -und spanischer Schminke und endlich mit egyptischer Läussalben -und vielem Gänsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz geräuchert -und so oft eine andere Farbe anzunehmen gezwungen, -widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde -die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen -und sie wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld -bringen, wann sie dergestalt ihre Bubenstück und begangene -Laster berichtsweis daher erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? -Solte wol diese alte Vettel jetzt, da sie alle beide Füße -bereits im Grab hat, wann sie anders würdig ist, eines Grabs -theilhaftig zu werden, diese Alte — werdet ihr sagen —, die sich -ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt und -mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken -als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern -Todsünden als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden -als Stunden beladen, die, deren<a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>, so alt sie auch ist, noch niemal -keine Bekehrung in Sinn kommen, sich unterstehen, sich mit -Gott zu versöhnen? Vermeinet sie wol, anjetzo noch zurecht -zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen anfähet mehr -höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Wollüste -genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte -Last der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch -in andern allerhand Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der -Bosheit allertiefsten Abgrund begeben und versenkt hätte, so -möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung zu fassen die Gnad -haben können.</p> - -<p>Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, -und also werdet ihr euch über mich verwundern, wann -euch die Zeitung von dieser meiner Haupt- oder Generalbeicht -zu Ohren kommt. Und wann ich solches erfahre, so werde ich -meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder -gar zu Stücken lachen.</p> - -<p>Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?</p> - -<p>Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens -so lange Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele -seie ihr gleichsam angewachsen, gedenke an das Sterben, eine -solche, wie ihr wisset daß ich bin und mein Lebtag gewesen, -gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen -Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, der Höllen zugerichtet, - <span class="pagenum"><a id="Seite_11">[S. 11]</a></span> -gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne unverhohlen, -daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen -überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem -Vorgeben nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, -als worzu ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, -vornehmlich aber zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, -ist die Reu, und was mir manglen solte, ist der Geiz und der -Neid. Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit -Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, mit Verlust -der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich meinen -Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte -als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der -Reue auch folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter -eines jeden Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, -daß alte Hund schwerlich bändig zu machen. Die <span class="antiqua">Cholera</span><a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> -hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kan die -Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen Säu-Magen, -umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann dem -Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte <span class="antiqua">Phlegmam</span><a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> -evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? -Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen -die Neigung zum Neid? Wer wird mich überreden -können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung -weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige -Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn -Geistliche, wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, -den ich euerm Rath nach jetzt erst antreten sol, als ich noch -in der Blüt meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld -lebte; dann ob ich gleich damals die gefährliche Zeit -der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir doch leichter -gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der übrigen -dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu -widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen -noch nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, -und lehret, ermahnet, bittet, ja beschweret<a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> sie, daß sie -es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen, -als die arme Courage gethan!</p> - -<p>Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, - <span class="pagenum"><a id="Seite_12">[S. 12]</a></span> -dich zu bekehren, warum wilst du dann deinen Lebenslauf -beichtsweis erzählen und aller Welt deine Laster offenbarn?</p> - -<p>Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich -anderer Gestalt nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser -schlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geschwängert (scilicet<a id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>) -und hernach durch einen spöttlichen Possen von sich geschafft, -gehet er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand -vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung vor aller Welt aus. -Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit was vor -einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, -wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von -unserer Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber -die ganze ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul -als Gurr<a id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, Hurn und Buben eins Gelichters und keins um -ein Haar besser als das ander sei.</p> - -<p class="pmb3">Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum -Kohler; und die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich -durch Sünden und Sünder abgestraft.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> <em class="gesperrt">Schelle</em>, »schellenlaute Thörin«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <em class="gesperrt">Gumpen</em>, Springen, Hüpfen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> <em class="gesperrt">deren</em>, der, <span class="antiqua">dat.</span> wie öfters bei Grimmelshausen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cholera</span></em>, Galle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Phlegmam</span></em>, Acc. als <span class="antiqua">fem.</span> genommen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> <em class="gesperrt">beschweret</em>, beschwöret.</p></div></div> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_zweite_Capitel">Das zweite Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den -Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang -einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich -verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.</p> -</div> - - -<p>Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre -leibeigne Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich -wäre von einem böhmischen Edelmann und eines Bauren -Tochter erzeugt und geboren worden.</p> - -<p>Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch -viel Dings und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte -gewust, wer meine Eltern gewesen, so würde ich lügen, und -solches wäre nicht das erste mal. Dieses aber weiß ich wol, -daß ich zu Bragoditz<a id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> zärtlich genug auferzogen, zur Schulen - <span class="pagenum"><a id="Seite_13">[S. 13]</a></span> -gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum Nähen, Stricken, -Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angeführt -worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; -ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte -manchen Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort -geredet. Als der Baierfürst<a id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> mit dem Buquoy in Böhmen -zog, den neuen König wiederum zu verjagen, da war ich eben -ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, welches anfieng -nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und solches -war mein größtes Anliegen<a id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>, weil ich nicht fragen dorfte und -von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der -Gemeinschaft der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm -Staub. Meine Kostfrau behielte mich immer in den Augen, -und weil ich mit andern Töchtern meines Alters keine Gespielschaft -machen dorfte, sihe, so vermehrten sich meine Grillen -und Dauben<a id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>, die der Fürwitz in meinem Hirn ausheckte, -außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.</p> - -<p>Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, -gieng der Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. -Budweis ergab sich bei Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz -aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen Waffen, -welche auch mit den Halsstarrigen grausam umgiengen. Da -nun meine Kostfrau schmeckte<a id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, wo die Sach hinaus wolte, -sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann ihr eine -Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und -Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle -um euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden -zu beobachten.«</p> - -<p>Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!</p> - -<p>Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes -Haar auf der rechten Seiten hinweg; das auf der linken -aber ließe sie stehen, in aller Maß und Form, wie es die -vornehmste Mannspersonen damals trugen.</p> - -<p>»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit -Ehren entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und -in einem Jahr kan euch das ander auch wieder wachsen.«</p> - -<p>Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend -auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am - <span class="pagenum"><a id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -allernärrischten hergieng. Und als sie mir auch Hosen und -Wamst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte thun, und -wie ich mich in den übrigen Geberden verhalten solte. Also -erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch in die Stadt, -meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit -großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche -Kürbe<a id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. -Ich will mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, -wie die Männer in der eingenommenen Stadt von den -Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder genothzüchtiget und die -Stadt selbst geplündert worden, sintemal solches in dem verwichenen -langwierigen Krieg so gemein und bekant worden, daß -alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß -bin ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze -Histori erzählen wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen -Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragirn, -das ist stehlen helfen solte. Ich nennete mich Janco -und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe michs, aller -Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich -zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt -nicht glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor -50 Jahren gesehen hätte, so würde er mir dessentwegen schon -ein ander gut Zeugniß geben.</p> - -<p>Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia -brachte, fragte ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein -schöner junger tapferer Cavalier war, was er mit mir machen -wolte. Er antwortet: »Was andere Reuter mit ihren Jungen -machen, mausen und der Pferde warten, worzu die böhmische -Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: -wo ein Böhm Kuder<a id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> aus einem Haus trage, da werde gewißlich -kein Teutscher Flachs in finden.«</p> - -<p>»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch -Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum Probstück -deine Pferd hinweg?«</p> - -<p>»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, -biß ich ihn aus der Küheweid<a id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> bringe.«</p> - -<p>»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den - <span class="pagenum"><a id="Seite_15">[S. 15]</a></span> -Pferden erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als -die Burgerssöhne, die in den Städten nicht lernen können, wie -einem Pferde zu warten. Zu dem dunkt mich, dieser Jung sei -ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel auferzogen worden, -einem Reuter seine Pferd zu versehen.«</p> - -<p>Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen -gethan hätte, daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, -weil sie teutsch redeten. Meine größte Sorg war, ich möchte -wieder abgeschafft und nach dem geplünderten Bragoditz zuruckgejagt -werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Geschütz -und die Trompeten, von welchem Schall mir das Herz -im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt -schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, -daß mich der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person -wie ein Page und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter -aber gab er einen andern böhmischen Knollfinken zum Jungen, -weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wolte.</p> - -<p class="pmb3">Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich -wuste meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine -Kleidungen so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett -zu accomodirn und ihn in allem so wol zu pflegen, daß er -mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten muste. -Und weil ich auch einen großen Lust zum Gewehr hatte, versahe -ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und Knechte darauf -verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von ihm, -daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche<a id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> -wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so -frisch hielte, muste sich auch jederman über mich verwundern -und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verstands halten, -daß ich so bald teutsch reden lernete, weil niemand wuste, -daß ichs bereits von Jugend auf lernen müssen. Darneben -beflisse ich mich aufs höchste, alle meine weibliche Sitten auszumustern -und hingegen mannliche anzunehmen; ich lernte mit -Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen wie -ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, -daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas -zu betheuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, -damit ja niemand merken solte, warum ich in meiner -Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst nicht mitgebracht.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> <em class="gesperrt">scilicet</em>, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben will!</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> <em class="gesperrt">Gurre</em>, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch gebräuchlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> <em class="gesperrt">Bragoditz</em>, <em class="gesperrt">Pragatitz</em>, jetzt Prachatitz in Böhmen, Prachiner Kreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> <em class="gesperrt">Anliegen</em>, Sorge, Kummer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> <em class="gesperrt">Dauben</em>, Einbildungen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">schmecken</em>, riechen, merken.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> <em class="gesperrt">Kürbe</em>, <em class="gesperrt">Kirbe</em>, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild hergeht; auch im -»Simplicissimus« öfters gebraucht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> <em class="gesperrt">Kuder</em>, Werch, Heede.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> <em class="gesperrt">aus der Küheweid</em>, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <em class="gesperrt">Maultasche</em>, Maulschelle, statt des Ritterschlags.</p></div></div> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_dritte_Capitel">Das dritte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten -Rittmeister um den Namen Courage.</p> -</div> - - -<p>Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner -junger Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter -Tänzer, ein reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen -verpicht; sonderlich mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war -sein größter Spaß. Er hatte so viel Barts ums Maul als -ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt hätte, so hätte -ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten. Aber -wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als -Budweis und Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, -welches sich zwar tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem -Würgen und Aufhenken seine Straf empfieng. Von -dannen ruckten sie auf Rakonitz<a id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>, allwo es die erste Stöß im -Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich ein Mann -zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es -gieng so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und -solche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen -Berg bei Prag, weil die Unsere einen großen Sieg erhielten -und wenig Volk einbüßten. Damals machte mein Rittmeister -treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht wie ein Page oder -Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie ein -Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen -und darvon seine Besoldung hat.</p> - -<p>Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in -Oesterreich, der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser -General Buquoy in Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum -in Gehorsam zu bringen. Und indem sich dieser letztere an -seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung curiren ließe, -sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir seinethalber -genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines -Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete -nur diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, -und achtete gar nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte - <span class="pagenum"><a id="Seite_17">[S. 17]</a></span> -und im übrigen so ein roher Mensch war, daß ich bei meiner -Treu schweren kan, ich hätte ihn niemalen hören oder sehen -beten.Und wann ihn gleich der weise König Alphonsus<a id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> -selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein Liebesfeur, -das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich -aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende -jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe -aber mit solcher Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, -die noch keines Manns werth war, mir oft wünschte, derjenigen -Stelle zu vertreten, die ich und andere Leute ihm zu Zeiten -zukuppelten. So hemmte anfänglich auch nicht wenig den ungestümen -und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß mein -Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren -war, von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre -Eltern nicht kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu -sein, konte ich mich nicht entschließen, weil ich täglich bei der -Armee so viel Huren sahe preißmachen.</p> - -<p>Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir -selber führte, mich greulich quälte, so war ich doch geil und -ausgelassen darbei, ja von einer solchen Natur, daß mir weder -mein innerlichs Anliegen noch die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe -etwas zu schaffen gab. Ich hatte zwar nichts zu thun, -als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber solches lernete -mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten, -daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es -lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, -sie wären auch so scharf gewesen, als sie immer wolten, -kame ich ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten, wiewol -ichs gar nicht zu thun schuldig war, und überdas war ich -allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, das ihm gefiele. -So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen -können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich -ihn weit mit einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht -geehrt und angebetet. Indessen wuchse mir mein Busen -je länger je größer, und druckte mich der Schuh je länger je -heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen meine Brüste - <span class="pagenum"><a id="Seite_18">[S. 18]</a></span> -noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen -getraute.</p> - -<p>Als wir Iylau<a id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> bestürmet, Trebitz<a id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> bezwungen, Znaim -zum Accord gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen -und meistenteils alle andere Städte zum Gehorsam -getrieben, seind mir gute Beuten zugestanden, welche mir mein -Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen alle schenkte, wormit -ich mich trefflich mundirte<a id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> und selbst zum allerbesten beritten -machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten bei -dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. -Einsmals machte ich mich mit etlichen lustig, die mir aus -Neid empfindliche Wort gaben, und sonderlich war ein Feindseliger -darunter, der die böhmische Nation gar zu sehr schmähete -und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die Böhmen -ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen -hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich -darbei gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits -zu Scheltworten, von den Worten zu Nasenstübern, und -von den Stößen zum Rupfen und Ringen, unter welcher Arbeit -mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz wischte, mich -bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht hatte; -welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel mehr -verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben -darum wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, -also daß ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote -und mich mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten -dergestalt wehrete, daß ich meinen Feind hinunter brachte und -ihn im Angesicht also zurichtete, daß er mehr einer Teufelslarven -als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte ihn auch -gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm -gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen -Aug darvon und konte mir wol einbilden, daß der schlimme -Kund gewahr worden, was Geschlechts ich gewesen; und ich -glaub auch, daß ers offenbart hätte, wann er nicht gefürchtet, -daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu denen, die er -allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er sich -von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er -möchte noch endlich schnellen<a id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>, sihe, so drehete ich mich aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p>Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser -Quartier kam, sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, -mit denen er sich lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich -vor eine Schlacht gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte -mich als ein resolutes junges Bürschel, und eben darum war -mein Filz<a id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> desto geringer; doch unterließe er nicht, mir dessentwegen -einen Verweis zu geben. Als aber die Predigt am -allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen Gegentheil -so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum, -daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch -keines Mannsmenschen Hände kommen sein.«</p> - -<p>Dann ich wolte es verzwicken<a id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> und nicht so grob nennen, -wie die Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, -wann ich Meister wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern -unzüchtige Messer heißen müste. Und weil meine Jungfrauschaft -ohnedas sich in letzten Zügen befand, zumalen ich wagen<a id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> -muste, mein Gegentheil würde mich doch verrathen, sihe, -so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte dem -Rittmeister meine anziehende harte Brüste.</p> - -<p>»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche -sich zu Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu -erretten, und demnach sie Gott und das Glück in eure Hände -verfügt, so bittet sie und hofft, ihr werdet sie auch als ein -ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer hergebrachten Ehr beschützen.«</p> - -<p>Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich -an zu weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei -mein gründlicher Ernst gewesen.</p> - -<p class="pmb3">Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und -muste doch lachen, daß ich mit einem neuen Namen viel Farben -beschrieben hatte, die mein Schild und Helm führte. Er -tröstete mich gar freundlich und versprach mit gelehrten Worten, -meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; mit den -Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre, -der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel -gefiele mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. -Doch wehrete ich mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen -oder seinen Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen -und noch begieriger zu machen, allermaßen mir der Poß so - <span class="pagenum"><a id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -artlich angieng, daß ich nichts geschehen ließe, biß er mir zuvor -bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, unangesehen -ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im -Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun -schaue, du guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen -vielleicht eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, -der den süßen Milchraum abgehoben! Ach nein, du Tropf, -du bist betrogen; er war hin, ehe du vielleicht bist geboren -worden, darum dir dann billich, weil du zu spat aufgestanden, -nur der Zeiger<a id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> gebührt und vorbehalten worden. Aber diß -ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich sonst -angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch -gar ordenlich von mir vernehmen solt.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> <em class="gesperrt">Rakonitz</em>, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> <em class="gesperrt">Alphonsus</em>, Alfons X., König von Leon und Castilien, reg. 1252 bis -1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, Astronom. Von ihm -sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von Aragonien, gest. 1458, wie -H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> <em class="gesperrt">Iylau</em>, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> <em class="gesperrt">Trebitz</em>, <em class="gesperrt">Trebitsch</em>, <em class="gesperrt">Trzebicza</em>, Flecken, Fähren, Kreis Iglau.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> <em class="gesperrt">mundirte</em>, montirte, ausrüstete.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> <em class="gesperrt">schnellen</em>, in die Höhe, wieder zu stehen kommen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> <em class="gesperrt">Filz</em>, Schelte, Strafrede.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> <em class="gesperrt">verzwicken</em>, zweideutig ausdrücken.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> <em class="gesperrt">wagen</em>, Gefahr laufen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> <em class="gesperrt">Zeiger</em>, <em class="gesperrt">Zieger</em>, Käse.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_vierte_Capitel">Das vierte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie -gleich darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie -vorhero den Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.</p> -</div> - - -<p>Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher -Liebe und versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners -und seines Eheweibs. Ich quälte ihn oft, daß er dermalen -eins<a id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> sein Versprechen halten und mich zur Kirchen führen solte; -aber er hatte allzeit eine Ausrede, vermittelst deren er die Sach -auf die lange Bank schieben konte. Niemalen konte ich ihn -besser zu Chor treiben, als wann ich eine gleichsam unsinnige -Liebe gegen ihn bezeugte und darneben meine Jungfrauschaft -wie des Jephthae Tochter<a id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> beweinte, welchen Verlust ich doch -nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war froh, daß mir -solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen war, weil -mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit -meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir -zu Wien ein toll<a id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie -es damalen das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß -mir nichts anders manglete als die Copulation, und daß man -mich einmal Frau Rittmeisterin nennete, wormit er mir eine - <span class="pagenum"><a id="Seite_21">[S. 21]</a></span> -große Hoffnung machte und mich willig behielte. Ich dorfte -aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch mich vor ein -Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben. -Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er -mich nicht mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage -nante. Denselben Namen ähmten andere nach, ohne daß sie -dessen Ursprung wusten, sondern vermeinten, mein Herr hieße -mich dessentwegen also, weil ich mit einer sonderbaren Resolution -und unvergleichlichen Courage in die allerärgste Feindsgefahren -zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was -schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die -ihr noch euer Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, -seid gewarnet und lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, -dann mit derselbigen gehet zugleich euere Freiheit in Duckas<a id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> -und ihr gerathet in ein solche Marter und Sclaverei, die -schwerer zu erdulden ist als der Tod selbsten. Ich habs erfahren -und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der Verlust -meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab -niemal kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses -gieng mir zu Herzen, daß ich mich noch deswegen foppen lassen -und noch gute Wort darzu geben muste, wolte ich nicht in -Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der Schul schwatzen -und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen möchte. -Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei -umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit -von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, -wie man ein Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, -nachdem er eine Dame betrogen und sich folgends an ein andere -verheuraten wolte, wiederum zum Beischlaf gelockt, des -Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und zum Fenster hinaus -auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von mir -selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand -herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht -stetig Hoffnung gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen -Zweifel zu ehelichen, daß ich ihm einmal unversehens in einer -Occasion ein Kugel geschenkt hätte.</p> - -<p>Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in -Ungarn und nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch -unsere meiste Bagage und beste Sachen hinterlegeten, weil sich - <span class="pagenum"><a id="Seite_22">[S. 22]</a></span> -mein Rittmeister versahe, wir würden mit dem Bethlen Gabor -eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen giengen wir nach -S. Georgi<a id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>, Possing, Moder und andere Ort, welche erstlich geplündert -und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg und -fast die ganze Insul<a id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> nahmen wir ein, und vor Neusoll<a id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> kriegten -wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich verwundet, -sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten -niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir -anfiengen zu fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg -kamen. Daselbst pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem -Fleiß, aber die Wundärzte prophezeiten ihm den gewissen -Tod, weil ihm die Lung verwundet war. Derowegen wurde -er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß er -sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein -solcher eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß -er beichtet und communicirte. Nach solchem wurde er beides -durch seinen Beichtvatter und sein eigen Gewissen angespornt -und getrieben, daß er mich mit ihme im Bette copuliren ließe, -welches nicht seinem Leib, sondern seiner Seelen zum besten -angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil ich ihn -überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt -nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, -mit ihnen ehelich zu leben; dieser aber ehelichte mich, weil er -wuste, daß er solte sterben. Aus diesem Verlauf musten die -Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als ein getreuer Diener, -sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück beweinet -hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu -Paß, welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber -nicht lang tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er -nach wenig Tagen mich zur Wittib machte. Und damals gieng -mirs allerdings wie jenem Weib, die bei ihres Manns Begräbnis -einem ihrer Befreundten, der ihr das Leid klagte<a id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, zur -Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt einem der -Teufel zum ersten hin.</p> - -<p class="pmb3">Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, -dann er mir nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, -sondern auch ein schön Stück Geld hinterlassen, und um - <span class="pagenum"><a id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -alle diese Begebenheit ließe ich mir von dem Geistlichen schriftlichen -Urkund geben, der Hoffnung, dardurch von seiner Eltern -Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte aber auf -fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar -gut edel<a id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß -er sich elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen -Krieg geschickt oder zugericht hätten. Ich verlore aber zu -Preßburg nicht allein diesen meinen Liebsten, sondern wurde -auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor belägert. Dieweil -aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu Fuß aus -Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an -der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe -ich mich mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, -Dienern und ganzer Bagage nach Wien begeben, um von -dannen wiederum in Böhmen zu kommen, zu sehen, ob ich -vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig finden und -von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. -Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was -ich nämlich vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich -wieder nach Haus käme und so viel Pferd und Diener mitbrächte, -das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und -ehrlich gewonnen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> <em class="gesperrt">dermalen eins</em>, dermaleinst.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11 in ihrer Weise auf!</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> <em class="gesperrt">toll</em>, auffallend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> <em class="gesperrt">in Duckas gehen</em>, sprichwörtlich wie: in die Brüche gehen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> <em class="gesperrt">Georgi</em>, Szt. György.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> <em class="gesperrt">die Insul</em>, Schütt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <em class="gesperrt">Neusoll</em>, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der -Belagerung von Neuhäusel an der Neitra 1626; vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">das Leid klagte</em> (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein Beileid bezeigte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> <em class="gesperrt">gut edel</em>, von gutem Adel.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class=" break" /> - - -<h2 id="Das_funfte_Capitel">Das fünfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein -ehrbares züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, -wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine -Pistolen bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, -willig unterwirft.</p> -</div> - - -<p>Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von -Wien aus nach Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen -getraute, zumalen es in den Wirthshäusern grausam theur -zu zehren war, als verkaufte ich mein Pferde und schaffte alle -meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und -bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau<a id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> -zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher -nach Haus kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes - <span class="pagenum"><a id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -Daus-Es<a id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a>, die nicht viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo -Töchter aber waren unsers Volks und beides bei der Hofbursch<a id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> -und den Kriegsofficiern wol bekant, welche mich auch bei denselben -bald bekant machten, so daß dergleichen Schnapphahnen -in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die sich bei -ihnen enthielte<a id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, unter einander zu rühmen wusten. Gleich -wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen -und ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit -desto höher herfür leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich -gar still und eingezogen. Meine Magd muste spinnen, -ich aber begab mich aufs Nähen, Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, -daß es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte -ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund vorm -Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, -das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche -Sachen anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame -Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung -gewesen sein, daß ich meiner Wirthin Töchtern bald -nachähmen würde; welche auch, damit solches bald geschehe, -samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit mir zu machen -und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten, -da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, -wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu -sein pflegen, sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige -inclinirt gewesen. Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen -artlich herum zu kommen, und lernete meine Magd anfänglich, -wie sie mich recht auf die neue Mode aufsetzen<a id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> und ankleiden -solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, wie ich meine weiße -Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch glänzender -machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte -sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin -in einem schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein -leben solte.</p> - -<p>Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem -ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie -lehnete mir auch den »Amadis«<a id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>, die Zeit darin zu vertreiben -und Complimenten daraus zu ergreifen, und was sie sonst - <span class="pagenum"><a id="Seite_25">[S. 25]</a></span> -erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen machte, das ließe -sie nicht unterwegen.</p> - -<p>Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und -unter die Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen -und wie ich zu solchem Titul kommen; und weil sie -mich nicht anders zu nennen wusten, verbliebe mir der Nam -Courage. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters -zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab, und -indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag -hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise -wässerig, welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst -gern gegönnt hätte. Doch dorfte<a id="FNanchor_46_46"></a><a href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> sie mir, so lang ich die -Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, -weil sie sahe, daß ich die Anwürf<a id="FNanchor_47_47"></a><a href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>, so hierauf zieleten, -gar kaltsinnig annahm. Gleichwol unterließen etliche vornehme -Leute nicht, ihr täglich meinetwegen anzuliegen und um -ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um ein -Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich -in der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. -Dieser spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; -und damit es ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine -Wirthin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, -die er dessentwegen oft vergeblich ersucht, erkundigte er -von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments, -darunter mein Rittmeister gelebt, und als er der -Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten oder -mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, -die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er -auch auf meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß -er in der Jugend neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft -und Vertraulichkeit mit ihm gehabt hätte, beklagte auch -seinen frühezeitigen Abgang und lamentirte damit zugleich über -mein Unglück, daß es mich in einer solchen zarten Jugend so -bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgend -was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und dergleichen -Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft -mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar -greifen konnte, daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister -hatte ja das geringste nicht studiert, so ließe ich mir doch seine - <span class="pagenum"><a id="Seite_26">[S. 26]</a></span> -Weise wolgefallen, weil seine Meinung dahin gieng, des abgangnen -Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte -ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und -zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens -und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, -die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine -Liebe vor dißmal mit einem guten Anfang genügen lassen, er -selbst aber wiederum einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. -Den andern Tag schickte er seinen Laquaien, zu vernehmen, -ob er mir kein Ungelegenheit machte, wann er käme mich zu -besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte mir zwar -keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol -leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, -denen alles verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner -verschonen und mich in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche -Antwort machte den Grafen nicht allein nicht zornig, -sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause -vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden, -wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; ich wolte -mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht -sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte -ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, -darin ich mich dorfte sehen lassen. Da unterließe ich nichts, -das mich ziern möchte, und zohe damit die Augen und Herzen -vieler großen Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann -ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin kam. Ich -hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von -jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen<a id="FNanchor_48_48"></a><a href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>; -aber ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien -nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, -sondern auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer -seltenen Tugenden erfüllt ward. Da ich nun meine Sach so -weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe Heiliginne -hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen Begierden -den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer -guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war -der erste, dem ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil -er solche zu erlangen weder Mühe noch Unkosten sparete. Er -war zwar liebenswerth und liebte mich auch von Herzen, und - <span class="pagenum"><a id="Seite_27">[S. 27]</a></span> -ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine -Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht darzu -kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein -Stück columbinen<a id="FNanchor_49_49"></a><a href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem -neuen Kleid geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in -meine Haushaltung, um daß ich mich über meines Manns Verlust -desto besser trösten solte, verehrt hätte. Der ander nach -ihm war eines großen Potentaten Ambassador, welcher mir die -erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach diesen kamen -auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren konten, -dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das -mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin -Töchtern behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß -meine Mühle gleichsam nie leer stunde; ich malzerte<a id="FNanchor_50_50"></a><a href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> auch so -meisterlich, daß ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten <span class="antiqua">in -specie</span> zusammen brachte, ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, -Ringen, Ketten, Armbändern, Sammet, Seiden und -Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte wol -keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen -verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend -fürderhin zu Nutz zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Ein jeder Tag bricht dir was ab<br /></span> -<span class="i01">Von deiner Schönheit biß ins Grab.<br /></span> -</div></div> - -<p class="pmb3">Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, -wann ich weniger gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, -daß die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeigen, -und ich mir wol einbilden konte, die Sach würde so in die -Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen -auch keine Reis<a id="FNanchor_51_51"></a><a href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> ab. Meine Wirthin war mir treulich beholfen -und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie -lernete mich allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige -Weiber können, sondern auch solche, damit sich theils lose -Männer schleppen, so gar daß ich mich auch fest machen und -einem jeden, wann ich nur wolte, seine Büchsen zubannen konte. -Und ich glaube, wann ich länger bei ihr blieben wäre, daß -ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber getreulich -gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und -zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, - <span class="pagenum"><a id="Seite_28">[S. 28]</a></span> -dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens aus -dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach -Prag zu kommen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> <em class="gesperrt">genau</em>, sparsam.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> <em class="gesperrt">Daus-Es</em>, <em class="gesperrt">Daus-As</em>, 2 und 1 im Kartenspiel = durchtriebenes Weib.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> <em class="gesperrt">Hofbursch</em>, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> <em class="gesperrt">sich enthalten</em>, sich aufhalten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> <em class="gesperrt">aufsetzen</em>, frisieren und coiffieren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> <em class="gesperrt">Amadis</em>, vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_46_46"></a><a href="#FNanchor_46_46"><span class="label">[46]</span></a> <em class="gesperrt">dörfen</em>, wagen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_47_47"></a><a href="#FNanchor_47_47"><span class="label">[47]</span></a> <em class="gesperrt">Anwurf</em>, erster Angriff.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_48_48"></a><a href="#FNanchor_48_48"><span class="label">[48]</span></a> An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso verliebt waren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_49_49"></a><a href="#FNanchor_49_49"><span class="label">[49]</span></a> <em class="gesperrt">columbinen</em>, <span class="antiqua">colombin</span>, <span class="antiqua">couleur gorge de pigeon</span>, taubenhalsfarbig</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_50_50"></a><a href="#FNanchor_50_50"><span class="label">[50]</span></a> <em class="gesperrt">malzern</em>, malzen, figürlich Ausbeute machen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_51_51"></a><a href="#FNanchor_51_51"><span class="label">[51]</span></a> <em class="gesperrt">Reise</em>, Dienst.</p></div></div> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_sechste_Capitel">Das sechste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe -und freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und -vergnügt lebte.</p> -</div> - - -<p>Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk -ferners zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu -sehen und meine Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz -zu reisen, welches ich als in einem befriedeten<a id="FNanchor_52_52"></a><a href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> Land -sicher zu thun getraute. Aber potz Herz, da ich an einem -Abend allbereit den Ort vor mir liegen sahe, da kamen eilf -Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman gethan hatte, -vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen -Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich -an und wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald -zu, als wann sie der Teufel selbst gejagt hätte. Ich -schrei<a id="FNanchor_53_53"></a><a href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> zwar, als wann ich an einer Folter gehangen wäre, -aber sie machten mich bald schweigen. Um Mitternacht kamen -sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, allwo sie anfiengen -zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen -pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es -wurde ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem -sie ihre viehische Begierden sättigten, wurden sie von einem -Hauptmann, der mit dreißig Dragonern eine Convoy nach -Pilsen verrichtet hatte, überfallen und, weil sie durch falsche -Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit einander niedergemacht. -Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht -gepartet<a id="FNanchor_54_54"></a><a href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>, und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht -24 Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann -vor, daß er mich und das Meinige vor keine rechtmäßige -Beuten halten und behalten könte. Er muste es selbst -bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich ihm um meiner - <span class="pagenum"><a id="Seite_29">[S. 29]</a></span> -Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, wann er -einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr -aus Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, -wie mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter -Hauptmann; wann mein Will darbei wäre, so würde die Beut -bald getheilt sein; wo nicht, so werde er mich gleichwol mitnehmen -und hernach erst mit einem jedwedern disputirn, -ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er -genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, -und damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, -diesen Vortheil wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, -ob er die Beute unter seine ganze Bursch<a id="FNanchor_55_55"></a><a href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a> theilen solte, oder -ob ich vermittelst der Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben -wolte, auf welchen Fall er seine bei sich habende Leute -schon bereden wolte, daß ich mit dem Meinigen keine rechtmäßige -Beute, sonder ihme allein durch die Verehelichung zuständig -worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei -mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte -wäre, sie wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. -Und damit fienge ich an zu weinen, als wann mirs gründlicher -Ernst gewesen wäre, nach den alten Reimen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,<br /></span> -<span class="i01">Aber es geht ihn nicht von Herzen,<br /></span> -<span class="i01">Sie pflegen sich nur so zu stellen;<br /></span> -<span class="i01">Sie können weinen, wann sie wöllen.<br /></span> -</div></div> - -<p>Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu -geben, mich zu trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, -sintemal mir wol bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder -am allermeisten gegen dem weinenden und betrübten Frauenzimmer -zu öffnen pflegen. Der Poß gienge mir auch an, -und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit hohem -Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem -ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der -Copulation im geringsten nicht berühren solte, welches er beides -verheißen und gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen -zu Weidhausen<a id="FNanchor_56_56"></a><a href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> ankamen, welches eben damals -dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder selbst per Accord -übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs heftige - <span class="pagenum"><a id="Seite_30">[S. 30]</a></span> -Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden -mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, -ehe er möchte erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, -welches kein geringe Summa war. Ich war aber kaum -einen Monat bei der Armee gewesen, als sich etliche hohe -Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien gekant, sondern -auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren sie -so bescheiden<a id="FNanchor_57_57"></a><a href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>, daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich -ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, -darüber ich aber gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, -außer daß ich den Namen Courage wiederum gedulden muste.</p> - -<p>Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich -eben so hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit -erfreute. Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich -gerne sahe. Gleich wie ich aber solches geduldete, also gab er -auch zu, daß ich mit Reden und Geberden gegen jederman -desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn dann jemands vexierte, -daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte, antwortet er -auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob ihm -gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei -dem, was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern -nehme Zeit, dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. -Er hielte mir jederzeit ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel -und Zeug montirt. Ich ritte nicht wie andere Officiersfrauen -in einem Weibersattel, sondern auf einem Mannssattel, und -ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich doch Pistolen und -einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte auch jederzeit -einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war im -übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber -also versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und -einen jungen Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine -Rencontra gegen dem Feinde, so war mir unmüglich, apart<a id="FNanchor_58_58"></a><a href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> -nicht mit zu machen. Ich sagte vielmalen, eine Dame, die -sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren nicht wagen dörfte, -solte auch kein Plümage<a id="FNanchor_59_59"></a><a href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> wie ein Mann tragen. Und demnach -mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne -kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so -kühn, wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner - <span class="pagenum"><a id="Seite_31">[S. 31]</a></span> -oder, wie mans nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite -zu hängen und neben dem Troupen auch zweien zu begegnen, -und solches desto hartnäckiger, weil ich und mein Pferd vermittelst -der Kunst, die ich von vielgedachter meiner Wirthin -erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen<a id="FNanchor_60_60"></a><a href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> konte.</p> - -<p class="pmb3">So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte -mehr Beuten als mancher geschworner Soldat, welches auch -Manchen und Manche verdroß; aber da fragte ich wenig nach, -dann es gab mir Schmalz auf meine Suppen. Die Verträulichkeit -meines sonst (gegen meiner Natur zu rechnen) ganz -unvermöglichen Manns verursachte, daß ich ihm gleichwol Farb -hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir anmeldeten, -die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er ließe -mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto -weniger bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen -frech, aber auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann, -im Feld so häuslich und zusammenhebig<a id="FNanchor_61_61"></a><a href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> als immer ein -Weib, in Beobachtung der Pferde besser als ein guter Stallmeister, -und in den Quartieren von solcher Prosperität, daß -mich mein Hauptmann nicht besser hätte wünschen mögen. -Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er -gerne, daß ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf -hinaus fuhr, weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte, -daß wir einen guten Particul darvon in eine vornehme Stadt -zu verwahren geben musten. Und also lebte ich trefflich glückselig -und vergnügt, hätte mir auch meine Tage keinen anderen -Handel gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser beritten -gewest wäre. Aber das Glück oder mein Fatum ließe mich -nicht lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann -bei Wißlach todt geschossen wurde, sihe, so ward ich -wiederum in einer kurzen Zeit zu einer Wittib.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_52_52"></a><a href="#FNanchor_52_52"><span class="label">[52]</span></a> <em class="gesperrt">befriedet</em>, wo Frieden ist.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_53_53"></a><a href="#FNanchor_53_53"><span class="label">[53]</span></a> <em class="gesperrt">schrei</em>, schrie (mhd. <span class="antiqua">schrei</span>, <span class="antiqua">part.</span> von -<span class="antiqua">schrien</span>).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_54_54"></a><a href="#FNanchor_54_54"><span class="label">[54]</span></a> <em class="gesperrt">gepartet</em>, getheilt (von der Beute).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_55_55"></a><a href="#FNanchor_55_55"><span class="label">[55]</span></a> <em class="gesperrt">Bursch</em>, Gesellschaft, Haufen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_56_56"></a><a href="#FNanchor_56_56"><span class="label">[56]</span></a> <em class="gesperrt">Weidhausen</em>. Vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_57_57"></a><a href="#FNanchor_57_57"><span class="label">[57]</span></a> <em class="gesperrt">bescheiden</em>, verständig, discret.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_58_58"></a><a href="#FNanchor_58_58"><span class="label">[58]</span></a> <em class="gesperrt">apart</em>, abgesondert, allein.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_59_59"></a><a href="#FNanchor_59_59"><span class="label">[59]</span></a> <em class="gesperrt">Plümage</em>, Federbusch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_60_60"></a><a href="#FNanchor_60_60"><span class="label">[60]</span></a> <em class="gesperrt">öffnen</em>, in etwas eindringen, verwunden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_61_61"></a><a href="#FNanchor_61_61"><span class="label">[61]</span></a> <em class="gesperrt">zusammenhebig</em>, haushälterisch, wirtschaftlich.</p></div> -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_siebente_Capitel">Das siebente Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin -eine Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, -schlägt sich mit ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und -gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution und Courage; darauf -sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen läßt.</p> -</div> - - -<p>Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich -schon wiederum ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter, -welchen ich aus ihnen nehmen wolte, dann ich war nicht allein -schön und jung, sondern hatte auch schöne Pferd und ziemlich -viel alt Geld, und ob ich mich gleich vernehmen ließe, daß ich -meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb Jahr trauren -wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die um -mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat, -herum schwärmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir -bei dem Regiment Unterhalt und Quartier, biß ich mein -Gelegenheit anders anstellte; hingegen ließe ich zween von -meinen Knechten Herrendienste versehen, und wann es Gelegenheit -gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind etwas zu -erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als -ein Soldat, allermaßen ich in dem anmuthigen und fast lustigen -Treffen bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit -Heilbrunn einen Cornet samt seiner Standart gefangen -bekommen. Meine beide Knechte aber haben bei Plünderung -der Wägen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht, welche -sie unserem Accord gemäß mit mir theilen musten. Nach -dieser Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach -ich bei meinem vorigen Mann mehr gute Täge als gute -Nächte gehabt, zumalen wider meinen Willen seit seinem Tod -gefastet, sihe, so gedachte ich, durch meine Wahl alle solche -Versaumnus wieder einzubringen, und versprach mich einem -Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler -beides an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit übertraf. -Dieser war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz -von Haaren, aber weiß von Haut und in meinen Augen so -schön, daß ihn kein Maler hätte schöner malen können. Er -bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, biß er mich erlöffelt, - <span class="pagenum"><a id="Seite_33">[S. 33]</a></span> -und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich so Freuden -voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein -beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten -die Ehre, daß der Obriste selbst neben den meisten hohen -Officiern des Regiments bei der Hochzeit erschienen, die uns -alle vergeblich viel Glück in eine langwürige Ehe wünschten.</p> - -<p>Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der -Sonnen beisammen lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand -liebreichem und freundlichem Gespräch unterhielten, ich -auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte mein Leutenant seinem -Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß er zween -starke Prügel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und ich -bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten -versuchen müssen, unterließe derowegen nicht, vor den Jungen -zu bitten, biß er beide Prügel brachte und auf empfangenen -Befelch auf den Tisch zum Nachtzeug legte. Als nun der -Jung wieder hinweg war, sagte mein Hochzeiter zu mir: »Ja, -Liebste, ihr wißt, daß jederman davor gehalten und geglaubt, -ihr hättet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen getragen, -welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht -geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann -nicht unbillich zu besorgen habe, ihr möchtet in solcher Gewohnheit -verharren und auch die meinige tragen wollen, welches -mir aber zu leiden unmüglich oder doch sonst schwer fallen -würde, sehet, so liegen sie dorten auf dem Tische und jene -zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir beide uns, -wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und behaupten -woltet, zuvor darum schlagen könten; sintemal mein -Schatz selbst erachten kan, daß es besser gethan ist, sie fallen -gleich jetzt im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als -wann wir hernach in stehender Ehe täglich darum kriegen.«</p> - -<p>Ich antwortete: »Mein Liebster!« — und damit gab ich -ihm gar einen herzlichen Kuß — »ich hätte vermeint gehabt, -diejenige Schlacht, so wir einander vor dißmal zu liefern, seie -allbereit gehalten. So hab ich auch niemalen in Sinn genommen, -euere Hosen zu prätendirn; sondern, gleich wie ich -wol weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber -wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, -meinem Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er -werde derowegen sich meines Herkommens erinnern und mich -nicht, als wann ich von seinen Fußsohlen genommen worden - <span class="pagenum"><a id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein Ehegemahl halten, -vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterstünde, ihme auf -den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe, mit -demüthiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.«</p> - -<p>»Ha ha«, sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die -Herrschaft zu sich zu reißen, ehe mans gewahr wird. Aber -es muß zuvor darum gefochten sein, damit ich wisse, wer dem -anderen künftig zu gehorsamen schuldig.«</p> - -<p>Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer -Narr. Ich aber sprang aus dem Bette und legte mein -Hemd und Schlafhosen an, erwischte den kürzsten, aber doch -den stärksten Prügel und sagte: »Weil ihr mir je zu fechten -befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit, an die -ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, über den Ueberwundenen -zusprecht, so wäre ich wol närrisch, wann ich eine -Gelegenheit aus Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich -sonst nicht gedenken dörfte.«</p> - -<p>Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner -wartete und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den -andern Prügel und gedachte mich beim Kopf zu fassen, um -mir alsdann den Buckel fein mit guter Muße abzuraumen. -Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er sichs versahe, -hatte er eins am Kopf, davon er hinaus dürmelte<a id="FNanchor_62_62"></a><a href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>, wie -ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween -Stecken zusammen, sie zur Thür hinaus zu werfen, und da ich -solche öffnete, stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel -zugehöret und zum Theil durch einen Spalt zugesehen hatten. -Diese ließe ich lachen, so lang sie mochten, schlug die Thür vor -ihnen wieder zu, warf meinen Rock um mich und brachte meinen -Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen, mit Wasser -aus einem Lavor<a id="FNanchor_63_63"></a><a href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> wieder zu sich selbst. Und da ich ihn zum -Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich -die Officier vor der Thür auch zu uns ins Zimmer kommen.</p> - -<p class="pmb3">Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich -selbst erachten. Ich merkte wol, daß mein Hochzeiter diese -Officier veranlaßt, daß sie sich um diese Zeit vorn Zimmer -einstellen und seiner Thorheit Zeugen sein solten; dann als -sie den Hegel<a id="FNanchor_64_64"></a><a href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> gefoppet, er würde mir die Hosen lassen müssen, - <span class="pagenum"><a id="Seite_35">[S. 35]</a></span> -hatte er sich gegen ihnen gerühmt, daß er einen sonderbaren -Vortheil<a id="FNanchor_65_65"></a><a href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> wisse, welchen er den ersten Morgen ins Werk setzen -und mich dardurch so geschmeidig machen wolte, daß ich zittern -würde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute Mensch -hätte es gegen einer anderen als der Courage probirn mögen; -gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermans Gespött -worden, und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann -mirs nicht von Höheren befohlen und auferlegt worden wäre. -Wie wir aber miteinander gelebet, kan sich jeder leicht einbilden, -nämlich wie Hund und Katzen. Als er sich nun anderer -Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gespött der -Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle -meine Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten -Pferden und einem Knecht zum Gegentheil<a id="FNanchor_66_66"></a><a href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a></p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_62_62"></a><a href="#FNanchor_62_62"><span class="label">[62]</span></a> <em class="gesperrt">dürmeln</em>, türmeln, taumeln.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_63_63"></a><a href="#FNanchor_63_63"><span class="label">[63]</span></a> <em class="gesperrt">Lavor</em>, <span class="antiqua">lavoir</span>, Waschbecken.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_64_64"></a><a href="#FNanchor_64_64"><span class="label">[64]</span></a> <em class="gesperrt">Hegel</em>, Hag, Zuchtstier.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_65_65"></a><a href="#FNanchor_65_65"><span class="label">[65]</span></a> <em class="gesperrt">Vortheil</em>, List.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_66_66"></a><a href="#FNanchor_66_66"><span class="label">[66]</span></a> <em class="gesperrt">Gegentheil</em>, Gegenpartei, Feind.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_achte_Capitel">Das achte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem -Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, -daß ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen -und gehenket worden.</p> -</div> - - -<p>Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand -viel elender ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche -argwohneten, ich würde ihm folgen und wir hätten unsere -Flucht also mit einander angelegt. Da ich aber den Obristen -um Rath und Befelch fragte, wie ich mich verhalten solte, -sagte er, ich möchte bei dem Regiment verbleiben, so wolte er -mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie andere Witweiber -verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman den gedachten -Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen, -weil mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd -fort waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut -gemacht; doch ließe ich meine Armuth nicht merken, damit mir -keine Verachtung zuwüchse. Meine beide Knechte, die Herrndienste -versahen, hatte ich noch samt einem Jungen und noch - <span class="pagenum"><a id="Seite_36">[S. 36]</a></span> -etlichen Schindmären oder Bagagepferden; davon und von meiner -Männerbagage versilberte ich, was Geld galte, und machte -mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib -auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich -nicht meines gleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battalia -wie vor Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit -erwarten, weil man mir zu Gefallen doch keine Schlacht gehalten, -wann ichs gleich begehrt hätte. Damit ich aber gleichwol -auch wiederum zu Geld kommen möchte, dessen es auf -dem Fouragieren selten setzte, ließe ich, beides um solches zu -verdienen und meinen Ausreißer um seine Untreu zu bezahlen, -mich von denen treffen, die spendierten; und also brachte ich -mich durch und dingte mir noch einen starken Jungen zum -Knecht, der mir muste helfen stehlen, wann die andere beide -musten wachen. Das trieb ich so fort, biß wir den Braunschweiger -über den Mayn jagten und viel der Seinigen darin -ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte -und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, daß er -solche Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt hätte; dann -ich nahme in der Caracole<a id="FNanchor_67_67"></a><a href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> einen Major vom Gegentheil vor -seinem Troupen hinweg, als er die Charge redoupliren wolte; -und als ihn einer von den Seinigen zu erretten gedachte und -mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf losbrennete, daß -mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn dergestalt -mit meinem Säbel, daß er noch etliche Schritte ohne Kopf -mit mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen -war. Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und -in die Flucht gewendet worden, mir auch der Major einen -ziemlichen Stumpen Goldsorten samt einer güldenen Ketten -und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben hatte, ließe ich -meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und lieferte -ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die -zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs -Ersaufen und auf dem Land an ein grausams Niedermachen -gieng; und alldieweil noch ein jeder bei seinem Troupen -bleiben muste, so viel immer möglich, packte ich eine Gutsche -mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher weder Geld noch -lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren Kleidern -und weißem Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines - <span class="pagenum"><a id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich den Major gelassen -hatte, welcher sich schier zu Tod kränkte, daß er von einem -solchen jungen Weib gefangen worden. Da er aber sahe, daß -so wol in meinen Hosensäcken als in den Halftern Pistolen -staken, die ich samt meinem Carbiner dort wieder lude und fertig -machte, auch hörete, was ich hiebevor bei Wimpfen ausgerichtet, -gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte, der Teufel -möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben!</p> - -<p>Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als -mich und mein Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten -zu erschnappen, fande aber den Obristleutenant von unserem -Regiment dort unter seinem Pferde liegen, der mich kante und -um Hülf anschriee. Ich packte ihn auf meines Jungen Pferd -und führte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte Gutsche, -alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste. -Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol -von meinen Neidern als meinen Gönnern gelobt wurde. Beide -Theil sagten, ich wäre der Teufel selber; und eben damals -war mein höchster Wunsch, daß ich nur kein Weibsbild wäre. -Aber was wars drum? Es war null und verhümpelt<a id="FNanchor_68_68"></a><a href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>. Ich -gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen auszugeben, ob -ich vielleicht dardurch erlangen möchte, offentlich Hosen zu tragen -und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte ich aber -durch meine unmäßige Begierden so viel Kerl empfinden lassen, -wer ich wäre, daß ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, -was ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen würden sonst ein -anders von mir gesagt und verursacht haben, daß es dahin -kommen wäre, daß mich beides Medici und Hebammen beschauen -müsten. Behalfe mich derowegen, wie ich konte, und -wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es wären -wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die Männer -gegen ihren Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des -Obristen Gnad erhalten und von ihme wider meine Mißgönstige -beschützt werden möchte, präsentirte ich ihm neben dem Gefangnen -auch meine Gutsche mit samt den Pferden, darvor er mir -200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem, was -ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte, -abermal in einer namhaften Stadt verwahrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal -noch belagert hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten, -sihe, da schlugen Corduba und der von Anhalt abermal -den Braunschweiger und Mannsfelder bei Floreack, in welchem -Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant gefangen, von -den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberläufer -mit seinem allerbesten Hals an einen Baum geknüpft worden, -wordurch ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu -einer Wittib ward. Ich bekam aber so ein Haufen Feinde, -die da sagten, die Strahlhex<a id="FNanchor_69_69"></a><a href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> hat den armen Teufel ums Leben -gebracht, daß ich ihm das Leben gern länger gönnen und mich -noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, biß er gleichwol -anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, -wann es nur hätte sein können.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_67_67"></a><a href="#FNanchor_67_67"><span class="label">[67]</span></a> <em class="gesperrt">Caracole</em>, Schwenkung einer Schwadron auf die linke oder rechte Seite.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_68_68"></a><a href="#FNanchor_68_68"><span class="label">[68]</span></a> <em class="gesperrt">verhümpelt</em>, verpfuscht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_69_69"></a><a href="#FNanchor_69_69"><span class="label">[69]</span></a> <em class="gesperrt">Strahlhexe</em>, wie Blitzhexe, Wetterhexe.</p></div> - -</div> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_neunte_Capitel">Das neunte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten -will und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.</p> -</div> - - -<p>Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger -je mehr leiden<a id="FNanchor_70_70"></a><a href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> muste. Meine Knechte wurden mir verführt, -weil zu ihnen gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl -einer solchen Vettel dienen!«</p> - -<p>Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein -jeder sagte: »Nim du sie! Ich begehr ihrer nicht.«</p> - -<p>Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, -und also thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe -Leut und schlechte Potentaten waren, die dorften sich nicht -bei mir anmelden, so hätte ich ohnedas auch keinen aus denselbigen -angesehen. Ich empfande zwar nicht am Hals, wie -mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet; aber -doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. -Ich wäre gerne in eine andere Haut geschloffen<a id="FNanchor_71_71"></a><a href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>, aber beides -die Gewohnheit und meine tägliche Gesellschaften wolten mir -keine Besserung zulassen, wie dann die allermeiste Leute in -Krieg viel eher ärger als frömmer zu werden pflegen. Ich - <span class="pagenum"><a id="Seite_39">[S. 39]</a></span> -putzte mich wieder und richtete dem einen und andern allerhand -Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen anseilen -und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war -schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage -schon allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei -den Regimentern vorüber ritte, wurde mir meine Ehre durch -viel tausend Stimmen offentlich ausgerufen, also daß ich mich -schier wie ein Nachteule bei Tage nicht mehr dorfte sehen lassen. -Im Marschieren äußerten<a id="FNanchor_72_72"></a><a href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> mich ehrliche Weiber; das Lumpengesindel -beim Troß schuhriegelte<a id="FNanchor_73_73"></a><a href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> mich sonst; und was etwan -vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt -hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir -aber durch ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen -aufgegossen ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach -so in die Länge kein Gut mehr thun werde. Etliche Officier -hatte ich noch zu Freunden, die aber nicht meinen, sondern -ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre Wollüste, theils -mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber machten -mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, -der mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner -schämten, oder daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, -die alle meinen Männern schädlich wäre, oder aber daß -sie sich sonst, ich weiß nicht warum, vor mir förchteten.</p> - -<p>Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß -Regiment, sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu -quittirn, und konte es auch um so viel desto leichter ins -Werk setzen, weil die hohe Officier meiner vorlängst gern los -gewesen wären. Ja ich kan mich auch nicht überreden lassen, -zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen Leuten viel gefunden -haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es seien -dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den -mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein -paar Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm -nicht gern, daß seine schöne Gutsche durch die Courage vom -Feind erobert und ihm verehrt worden sein solte. Daß ich -den verwundeten Obristleutenant aus der Battalia und Todsgefahr -errettet und zu den Unserigen geführt, darvon schriebe -er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht -allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich - <span class="pagenum"><a id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -sahe, mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht -zu gedenken, lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. -Das Frauenzimmer oder die Officiersweiber hasseten mich, weil -ich weit schöner war als eine unter dem ganzen Regiment, -zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele, und beides -hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz -einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen -und ins Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste -Hazarde erfordert, und darüber sonst manchen das -Kalte Wehe<a id="FNanchor_74_74"></a><a href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> angestoßen hätte.</p> - -<p>Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde -als Freunde hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es -würde ein jedwedere von meiner widerwärtigen Gattung gar -nicht unterlassen, mir auf ihre sonderbare<a id="FNanchor_75_75"></a><a href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Manier eins anzumachen, -wann sich nur die Gelegenheit darzu ereignet.</p> - -<p>O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen -unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht -ein jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du -sonst nichts hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, -dein schönes Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld -bei dir habest, so wären es Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, -dich heimlich hinzurichten.<a id="FNanchor_76_76"></a><a href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Wie, wann dich dergleichen -Kerl ermordeten oder in einer Occasion niedermachten, was -würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde deinen -Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten -trauen dörfen?</p> - -<p>Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte -mich auch selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, -ders treulich mit mir meinete. Und eben deswegen muste ich -mir auch selbst folgen.</p> - -<p>Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in -die nächste Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und -wolgelegen war, mich von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den -erlangte ich nicht allein ohne große Mühe, sondern noch an -Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich einem Hauptmann -vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich -keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als -ich solchen vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem - <span class="pagenum"><a id="Seite_41">[S. 41]</a></span> -Regiment aufgehalten und in solcher währenden Zeit also wol, -fromm und ehrlich gehalten, wie einer rechtschaffnen ehr- und -tugendliebenden Damen gebühre und wolanständig seie, mich -derowegen jedermänniglichen um solchen meines untadelhaften -tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. Und -solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und -beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse -sich aber niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, -und je lieber man eines gerne los wäre, je trefflicher wird -der Abschied sein, den man einem solchen mit auf den Weg -gibt, sonderlich wann derselbe zugleich sein Lohn sein muß. -Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen unter -seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war, -um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte -ich einen Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, -darunter das eine 100 Ducaten werth gewesen, samt einem -wolgespickten Wagen darvon, und kan ich bei meinem großen -Gewissen (etliche nennen es ein weites Gewissen) nicht sagen, -mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert und zuwegen -gebracht habe.</p> - -<p class="pmb3">Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in -Sicherheit gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab -sonst alles hinweg, was Geld golte und ich nicht gar nöthig -brauchte. Mein Gesind schaffte ich auch mit einander ab, einen -geringen Kosten zu haben. Gleich wie mirs aber zu Wien -war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte abermal des -Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen -meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann -meine alte oder vielmehr die junge Kunden von der Armee -ritten mir zu Gefallen in die Stadt und fragten mir mit -solchem Namen nach, welchen auch die Kinder auf der Gassen -ehender als das Vatterunser lerneten, und eben darum wiese -ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese den -Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese -ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und -Siegel und beredet sie, die Officier geben keiner andern Ursachen -halber solche lose Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen -sein wolte, wie sie mich gerne hätten. Und dergestalt -bisse ich mich zimlich heraus und brachte vermittelst meiner -guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß mich die Stadt, biß -ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein gerings - <span class="pagenum"><a id="Seite_42">[S. 42]</a></span> -Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider -meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen -hielte und meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, -aufs beste pflegte, der Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen -wackern Mann zu bekommen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_70_70"></a><a href="#FNanchor_70_70"><span class="label">[70]</span></a> <em class="gesperrt">sich leiden</em>, Verdruß und -Aerger haben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_71_71"></a><a href="#FNanchor_71_71"><span class="label">[71]</span></a> <em class="gesperrt">geschloffen</em>, <span class="antiqua">part. praet.</span> zu <em class="gesperrt">schliefen</em>, schlüpfen, kriechen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_72_72"></a><a href="#FNanchor_72_72"><span class="label">[72]</span></a> <em class="gesperrt">äußern</em>, <span class="antiqua">trans.</span> meiden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_73_73"></a><a href="#FNanchor_73_73"><span class="label">[73]</span></a> <em class="gesperrt">schuhriegeln</em>, Verdruß bereiten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_74_74"></a><a href="#FNanchor_74_74"><span class="label">[74]</span></a> <em class="gesperrt">das Kalte Wehe</em>, auch bloß das »Kalte«, das kalte Fieber.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_75_75"></a><a href="#FNanchor_75_75"><span class="label">[75]</span></a> <em class="gesperrt">sonderbare</em>, besondere, eigenthümliche.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_76_76"></a><a href="#FNanchor_76_76"><span class="label">[76]</span></a> <em class="gesperrt">hinrichten</em>, tödten, in diesem Sinne -immer in Grimmelshausen's Schriften.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_zehnte_Capitel">Das zehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder -einen andern Mann.</p> -</div> - - -<p>Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts -angebissen, dann die gute Geschlechter<a id="FNanchor_77_77"></a><a href="#Footnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> verblieben bei ihres -gleichen, und was sonst reich war, konte auch sonst reiche und -schöne und vornehmlich (welches man damals noch in etwas -beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Weibern haben, also -daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene Soldatenhur zu -henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot gemacht -oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein -Geld, ich wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut -waren mir ohnedas zu schlecht. Und damit blieb ich ein ganz -Jahr sitzen, welches mir länger zu gedulden gar schwer und -ganz wider die Natur war, sintemal ich von der guten Sache, -die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich brauchte mein -Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte, den -Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen<a id="FNanchor_78_78"></a><a href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a>, daraus ich so -ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag -davon haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren -dorfte. Weilen es mir dann an einem andern Ort mangelte -und meine schwache Beine diese gute Sache nicht mehr ertragen -konten oder wolten, machte ich mein Geld per Wechsel -auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren hernach und -suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob mir -vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe -fande ich gar arm, weder<a id="FNanchor_79_79"></a><a href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> ich sie verlassen, dann der Krieg -hatte sie nit allein sehr verderbt<a id="FNanchor_80_80"></a><a href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a>, sondern sie hatte auch allbereit -vor dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. - <span class="pagenum"><a id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -Sie freuete sich meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie -sahe, daß ich nicht mit leerer Hand angestochen kam; ihr erstes -Willkommenheißen aber war doch lauter Weinen; und indem -sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein unglückseliges -Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde -sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, -daß sie mir fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu -rathen und vorzustehen wisse, weil meine beste Freund und -Verwandten entweder verjagt oder gar todt wären.</p> - -<p>Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor -den Kaiserlichen dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung -wissen wolten.</p> - -<p>Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in -ihre Rede nicht richten, noch begreifen konte, ob es gehauen -oder gestochen, gebrant oder gebohrt wäre. Da ich sie aber -mit Essen und Trinken, dann die gute Tröpfin muste den -jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier beherbergen, -wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier ein -Tummel<a id="FNanchor_81_81"></a><a href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig -und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und -vor wenig Jahren der gewaltigste Herr im ganzen Königreich -gewesen, nunmehr aber wegen seiner Rebellion wider den Kaiser -des Lands vertrieben worden<a id="FNanchor_82_82"></a><a href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> und, wie die Zeitungen mitgebracht, -jetzunder an der türkischen Porten sei, alda er auch so -gar sein christliche Religion in die türkische verändert haben -solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von ehrlichem Geschlecht -geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie -hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer -aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, -wäre der Graf selbst ihr Leibeigener worden, und hätte solche -Dienste getrieben, biß er sie auf einen adelichen Sitz verschafft, -da sie mit mir niederkommen; und weilen eben damals sie, -meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn entwöhnet, den sie -mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte sie meine -Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich -auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter -genugsame Mittel und Unterhaltung hergeben.</p> - -<p>»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem -tapferen Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, - <span class="pagenum"><a id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -derselbe ist aber bei Eroberung von Pilsen gefangen und als ein -Meineidiger neben andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt -worden.«</p> - -<p>Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, -und wünschte doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; -sintemal ich so schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu -hoffen. Und weil ich keinen andern und bessern Rath wuste, -so machte ich einen Accord mit meiner Säugamm, daß sie -hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter sein solte. Sie -war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch auf ihren -Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, daß -wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, -ob uns vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. -Im übrigen so waren wir recht vor einander, nicht daß sie -hätte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, -ich aber eine getreue Person bedorfte, gleich wie -diese eine gewesen, deren ich beides Ehr und Gut vertrauen -konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichsthaler -baar Geld beieinander und dannenhero damals keine -Ursach, durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. -Meine neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, -hielte sie selbst in großen Ehren und erzeigte ihr vor den -Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns vor Leute aus, die -auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden -wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und -Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und -eingezogen, meine Batzen genau zusammen haltend, weil man -solche zu verthun pflegt, ehe mans vermeint, und deren keine -andere kan gewinnen, wann man gern wolte.</p> - -<p>Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, -ja gleichsam ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit -nicht abgangen wäre. Ich bekam bald Buhler; etliche suchten -mich wie das Frauenzimmer im Bordell, und andere Tropfen, -die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel -vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich bereden, sie würden -durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu ihren -Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann -ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach -dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann -gleich wie man sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel -im Sack und eine Hur im Haus läßt sich nicht verbergen, - <span class="pagenum"><a id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -also wurde ich auch gleich bekant und wegen meiner Schönheit -überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und -unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, welcher -vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen -wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, -daß er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße -die Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden -nach der Regul meines Wirths zum Guldenen Löwen zu N. -Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt und gar zu unmäßig -viel höflicher Complimenten macht, so ist ein gewisse -Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst -nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit -Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen -und einer herrischen Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem -Kerl ist der Beutel geschwollen, dem must du schrepfen!</p> - -<p>Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie -mich und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher<a id="FNanchor_83_83"></a><a href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> -aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren -Beutel rechtschaffen zu actioniren.</p> - -<p class="pmb3">Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser -Wirth seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo -nicht gar vor einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein -Muster und Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit -selbsten. In Summa er kam so weit, daß er von der -Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und ließe auch -nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten -waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, -er aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath -um dieselbige versichern solte, damit, wann er vor mir -ohne Erben sterben solte, ich deren wieder habhaft werden könte; -die übrige 2000 Reichsthaler, die ich noch hätte, solten an ein -gewiß Ort auf Zins gelegt und in stehender Ehe die Zins von -meinem Hauptmann genossen werden, das Capital aber ohnverändert -bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich Macht -haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, -darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die -ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. -Demnach wurde die Hochzeit gehalten, und als wir vermeinten, -zu Prag bei einander, so lang der Krieg währete, in der -Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, sihe, da -kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg -marschiern müsten.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_77_77"></a><a href="#FNanchor_77_77"><span class="label">[77]</span></a> <em class="gesperrt">Geschlechter</em>, Patricier.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_78_78"></a><a href="#FNanchor_78_78"><span class="label">[78]</span></a> <em class="gesperrt">beischießen</em>, etwas in das Geschäft -geben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_79_79"></a><a href="#FNanchor_79_79"><span class="label">[79]</span></a> <em class="gesperrt">weder</em>, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_80_80"></a><a href="#FNanchor_80_80"><span class="label">[80]</span></a> <em class="gesperrt">verderben</em>, zu Grunde richten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_81_81"></a><a href="#FNanchor_81_81"><span class="label">[81]</span></a> <em class="gesperrt">Tummel</em>, Taumel, Rausch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_82_82"></a><a href="#FNanchor_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_83_83"></a><a href="#FNanchor_83_83"><span class="label">[83]</span></a> <em class="gesperrt">Schnarcher</em>, die mit groben Redensarten auftreten.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_elfte_Capitel">Das elfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder -unversehens zu einer Wittib.</p></div> - - -<p>Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser -als mein Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem -ich mich ängstigte, daß ich wieder dahin muste, wo man die -Courage kennete, erzählte ich meinem Mann mein ganzes geführtes -Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie und da begangen, -und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen. -Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen -meiner Tapferkeit zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann -von mir glaubte. Mit dieser Erzählung kam ich denjenigen -vor, die mir sonst etwan bei ihm einen bösen Rauch -gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch mehr darzu, -ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich -wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen -Schlachten gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere -Leut bei der Armee bezeugten, also glaubte er nachgehends -auch andern Leuten nicht, wann sie ihm von meinen schlimmen -Stücken aufschnitten, weil ich solche läugnete. Sonst war er -in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und vernünftig, ansehenlich -von Person und einer von den Beherzten, also daß -ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da -ihm doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte.</p> - -<p>Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin -und Köchin, weil sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe -unseren Bagagewagen mit allem dem, was man ersinnen hätte -mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen sein, und machte -eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder mein Mann -selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte; mich -selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd, -Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei -den Häusern Gleichen<a id="FNanchor_84_84"></a><a href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> zu der Tillischen Armee, alwo ich bald - <span class="pagenum"><a id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -erkant, und von den mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen -wurde: »Lustig, ihr Brüder, wir haben ein gut Omen, künftige -Schlacht zu gewinnen!«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.«</p> - -<p>Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, -dann das Volk, mit dem ich kam, war ein Succurs von drei -Regimentern zu Pferd und zweien zu Fuß, welches nicht zu -verachten, sondern der Armada Courage genug mitgebracht, -wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.</p> - -<p>Meines Behalts<a id="FNanchor_85_85"></a><a href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> den zweiten Tag nach dieser glücklichen -Conjunction geriethen die Unserige dem König von Dänemark -bei Lutter in die Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage -bleiben mochte, sondern als des Feinds erste Hitze verloschen -und die Unserige das Treffen wieder tapfer erneuert, mich -mitten ins Gedräng mischte, wo es am allerdicksten war. Ich -mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen, sondern wolte -meinem Mann gleich in der Erste<a id="FNanchor_86_86"></a><a href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> weisen, daß mein Zunamen -an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen -hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines -gleichen in Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich -einen Rittmeister von vornehmen dänischen Geschlecht beim -Kopf kriegte und aus dem Gedräng zu meinem Bagagewagen -brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke Püff; wir -ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern -trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich -dann sahe, daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr -wieder fertig, jagte hin und holete noch einen Quartiermeister -samt einem gemeinen Reuter, welche nicht ehe gewahr -wurden, daß ich ein Weibsbild war, als biß ich sie zu obengedachten -Rittmeister und meinen Leuten brachte. Ich besuchte<a id="FNanchor_87_87"></a><a href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> -keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und Geldswerth -heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den -Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger -gar ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits -machte, vertauschten meine Knecht mit den andern beiden -ihre Kleider, weil sie trefflich wol mit Köllern mondirt waren. -Ich hätte es zum dritten mal gewagt und fortgeschmiedet, dieweil - <span class="pagenum"><a id="Seite_48">[S. 48]</a></span> -das Eisen weich gewesen und die Schlacht gewähret, so -mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel zumuthen. -Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten -von denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich -auf Gnad und Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in -und nach dieser Schlacht in allem und allem aus tausend -Gulden werth vom Feind erobert, welches wir gleich nach dem -Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel nacher Prag zu -meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil wir -dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr -Beuten zu machen.</p> - -<p>Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, -und schätzte sich als das eine glückselig, weil es das andere -zum Ehegemahl hatte, und wann wir uns nit beide geschämt -hätten, so glaub ich, ich wäre Tag und Nacht, in den Laufgräben, -auf der Wacht und in allen Occasionen niemal von -seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser -Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben -oder nicht, das Verstorbene erben<a id="FNanchor_88_88"></a><a href="#Footnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>, meine Säugamme oder -Mutter aber gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, -als welche uns großen Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus -hinterlegten wir, weil wirs in Duplo ausgefertigt, -eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in meines -Manns Heimath hin, Hochteutschland<a id="FNanchor_89_89"></a><a href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a>, so damals noch in seinem -besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste -nicht erlitten.</p> - -<p>Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, -Verden<a id="FNanchor_90_90"></a><a href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a>, Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, -in welchem letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen -commandirten Völkern ohne Bagage muste liegen verbleiben. -Gleichwie mich aber sonst nirgends keine Gefahr von meinem -Mann behalten<a id="FNanchor_91_91"></a><a href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> konte, also wolte ich ihn auch auf diesem -Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten mir -ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca -gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem -Regiment, welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, -bei welcher ich auch verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen -sollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, -und Tilly dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der -König in Dänemark mit einer Armee und wolte im Winter -wieder gewinnen, was er im Sommer verloren. Er stellte -sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die Nuß zu hart zu -beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen Zorn am -Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend -Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen -lieben Mann traf und mich zu einer unglückseligen Wittib -machte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_84_84"></a><a href="#FNanchor_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Die festen Häuser, die <em class="gesperrt">Gleichen</em>, südwestlich von Göttingen. Vgl. die -Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_85_85"></a><a href="#FNanchor_85_85"><span class="label">[85]</span></a> <em class="gesperrt">meines Behalts</em>, soviel ich behalten habe.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_86_86"></a><a href="#FNanchor_86_86"><span class="label">[86]</span></a> <em class="gesperrt">in der Erste</em> (nieders. -<span class="antiqua">in der erst</span>), gleich zu Anfang.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_87_87"></a><a href="#FNanchor_87_87"><span class="label">[87]</span></a> <em class="gesperrt">besuchen</em>, durchsuchen nach Werthsachen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_88_88"></a><a href="#FNanchor_88_88"><span class="label">[88]</span></a> <em class="gesperrt">erben</em>, <span class="antiqua">trans.</span> beerben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_89_89"></a><a href="#FNanchor_89_89"><span class="label">[89]</span></a> <em class="gesperrt">Hochteutschland</em>, der höher liegende -südliche Theil Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_90_90"></a><a href="#FNanchor_90_90"><span class="label">[90]</span></a> <em class="gesperrt">Verden</em>, vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_91_91"></a><a href="#FNanchor_91_91"><span class="label">[91]</span></a> <em class="gesperrt">behalten</em>, abhalten, trennen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_zwolfte_Capitel">Das zwölfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.</p></div> - - -<p>Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte -einfallen und uns alle bedecken, dem König übergaben und -herauszogen, ich auch also ganz betrübt und weinend mit marschierte, -sahe mich zu allem Unglück derjenige Major, den ich -hiebevor von den Braunschweigischen bei dem Mainstrom gefangen -bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit -meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen -damaligen Stand erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer -Wittib worden wäre, da nahme er die Gelegenheit in Acht -und zwackte mich ohnversehens von dem Troupen hinweg.</p> - -<p>»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott -wieder vergelten, den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen -hast, und dich lehren, daß du hinfort weder Wehr noch Waffen -mehr führen, noch dich weiters unterstehen sollest, einen Cavalier -gefangen zu nehmen!«</p> - -<p>Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem -Anblick entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen -und hätte ihn allein für mir im Feld gehabt, so hätte -ich getraut, ihn eine andere Sprache reden zu lernen. Indessen -führte er mich mitten unter einen Troupen Reuter und -gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher alles, was -ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese Stell -bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte -mir hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen -bekommen, schier den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren - <span class="pagenum"><a id="Seite_50">[S. 50]</a></span> -hätte, um daß er sich von einem Weibsbild vor der Brigaden -hinweg fangen lassen und dardurch dem Troupen eine Unordnung -und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern er nicht sich -damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg genommen, -durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham -resignirt und dänische Dienst angenommen.</p> - -<p>Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin -wenig zum besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, -zu Revanche seiner Schmach, wie ers nennete, seine viehische -Begierden zu vollbringen, worbei doch (pfui der schändlichen -Thorheit) weder Lust noch Freud sein konte, indem er mir an -statt der Küß, ob ich mich gleich nit sonderlich sperret, nur -dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen sie unversehens -aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund herstreichen, -also daß ich mir nichts anders einbilden konte, -als daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht -gejagt zu werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da -der Bauer den Tisch deckte. Da lude mein tapferer Held von -Officiern seines Gelichters zu Gast, die sich durch mich mit ihm -verschwägern musten, also daß meine sonst ohnersättliche fleischliche -Begierden dermalen genugsam contentirt wurden. Die -dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal gelassen waren, -als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar nit -besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich -überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt -hatten (pfui, ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs -dir, Simplicissime, nit zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich -auch vor der Herren Angesicht mich von den Knechten treffen -lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld gelitten und gedacht, -ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es hierzu kam, -war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu -lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. -Aber ich fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen -Unmenschen, welche aller Scham und christlichen Ehrbarkeit -vergessen mich zuerst nackend auszohen, wie ich auf diese -Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen auf die Erden -schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit Spießruthen -nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, -daß ich gumpen und plützen<a id="FNanchor_92_92"></a><a href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> muste wie ein Esel, dem man - <span class="pagenum"><a id="Seite_51">[S. 51]</a></span> -ein Handvoll Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; -und ich glaube, wann es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß -sie mich auch mit Brennesseln gegeißelt hätten.</p> - -<p>Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis -geben, oder mir als einer Zauberin den Proceß durch den -Henker machen lassen wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche -ihnen allen zu schlechter Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig -gemacht. Zudem sagten die Verständigste (wann anders -diese Bestien auch noch ein Fünklein des menschlichen Verstands -gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit mir hätte -vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich anfangs -unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert -haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den -Nachmittag (dann sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit -still) den Reuterjungens preisgeben solte. Als sie sich nun des -elenden Spectaculs des Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich -meine Kleider wieder anziehen, und da ich allerdings damit -fertig, begehrte ein Cavalier mit dem Obristleutenant zu sprechen, -und das war eben derjenige Rittmeister, den ich vor Lutter -gefangen bekommen; der hatt von meiner Gefangenschaft gehört. -Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte und zugleich -sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor -Lutter gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der -Hand in das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania<a id="FNanchor_93_93"></a><a href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a>; ich -will sie jetzt strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht -anders vermeinte, als der Rittmeister würde sowol als er ein -grausame Rach an mir üben wollen. Aber der ehrliche Cavalier -war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum so kläglich -dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu -schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf -die Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden -willen, daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich -vor mehrerer Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der -Hand auf und sagte zu dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: -»Ach, ihr rechtschaffene Brüder, was habt ihr mit -dieser Damen angefangen?«</p> - -<p>Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig -gesoffen, fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine -Zauberin!« »Ach mein Herr verzeihe mir«, antwortet der - <span class="pagenum"><a id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -Rittmeister; »so viel ich von ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des -tapfern alten Grafen von T.<a id="FNanchor_94_94"></a><a href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> seiner leiblichen Frauen Tochter, -welcher rechtschaffene Held bei dem gemeinen Wesen Leib und -Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß mein gnädigster -König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so tractirt, -ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche -Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr -Vatter richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider -den Kaiser aus, als mancher thun mag, der eine fliegende -Armada gegen ihn zu Felde führet.« »Ha«, antwortet der -flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust? Warum -hat sie das Maul nicht aufgethan?«</p> - -<p class="pmb3">Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten -und wusten, daß er nicht allein von einem hohen dänischen -Geschlecht, sondern auch bei dem König in höchsten Gnaden -war, baten gar demüthig, der Rittmeister wolte diß übersehen, -als eine geschehene Sach zum besten richten und vermittlen, -daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen; dahingegen -obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit mit -Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich -auch alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber -nur mit Weinen vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, -aus dieser Bestien Gewalt in des Rittmeisters Hände, -welcher mich weit höflicher zu tractiren wuste; dann er schickte -mich alsobalden, ohne daß er mich einmal berührt hatte, durch -einen Diener und einen Reuter von seiner Compagnia in Dänemark -auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner Mutter -Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin -unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides -meiner Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die -ohne mein Wissen und Willen dem Rittmeister mein Herkommen -verträulich erzählt hatte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_92_92"></a><a href="#FNanchor_92_92"><span class="label">[92]</span></a> <em class="gesperrt">plitzen</em>, <em class="gesperrt">plützen</em>, plutzen, niederfallen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_93_93"></a><a href="#FNanchor_93_93"><span class="label">[93]</span></a> <em class="gesperrt">Carania</em>, ital. <span class="antiqua">carogna</span>, Luder, liederliches Weib.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_94_94"></a><a href="#FNanchor_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div></div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_dreizehnte_Capitel">Das dreizehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß -genosse, und wie sie selbige wieder verloren.</p> -</div> - - -<p>Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie -einer, der halb erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem -Stubenofen oder zum Feuer kommt; dann ich hatte damals -auf der Welt sonst nichts zu thun, als auf der Streu zu liegen -und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier auszumästen, -um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter -zu erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto -frischer gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde -wieder ganz heil, glatthärig und meines Cavaliers begierig. -Der stellte sich auch bei mir ein, ehe die längste Nächt gar -vergiengen, weil er der lieblichen Frühlingszeit so wenig als -ich mit Geduld erwarten konte.</p> - -<p>Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon -mich doch nur der eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der -mich auch hingebracht hatte. Es ist nicht zu glauben, mit -was vor herzbrechenden Worten er sein Mitleiden, das er mit -mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen Wittibstand -gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich seiner -getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit -er mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter -mein Gefangner worden wäre.</p> - -<p>»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat -mich mein Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich -doch in übrigen ganz und gar eueren Sclaven bleiben lassen, -welcher jetzt nichts anders begehrt und darum hieher kommen, -als aus ihrem Munde den Sentenz zum Tod oder zum Leben -anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren elenden -Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus -der Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, -oder zum Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe -nicht theilhaftig werden oder solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt -werden solte. Ich schätzte mich glückselig, da sie mich - <span class="pagenum"><a id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -wie ein andere ritterliche Penthesilea<a id="FNanchor_95_95"></a><a href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> mitten aus der Schlacht -gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch äußerliche -Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit wieder -zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich -diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen -hielte, zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen -beiderseits wider einander strebenden Kriegswaffen jemals -wiederum ins Gesicht zu bekommen. Solchen meinen bißherigen -elenden Jammer bezeugen viel tausend Seufzer, die ich seithero -zu meiner liebwürdigen Feindin gesendet, und weil solche alle -vergeblich in die leere Luft giengen, geriethe ich allgemach in -Verzweifelung und wäre auch ——«</p> - -<p class="pmb1">Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, -mich zu demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so -sehr als er selbst verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen -Schulen gewesen und wol wuste, daß man dasjenige, was -einem leicht ankommt, auch gering achtet, als stellte ich mich, -gar weit von seiner Meinung entfernt zu sein, und klagte hingegen, -daß ich im Werk befande, daß ich sein Gefangner wäre, -sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in seinem Gewalt -aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich -ihm vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum -allergenauesten verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern -errettet, erkennete auch, daß mein Schuldigkeit seie, -solche ehrliche und lobwürdige Rach wieder gegen ihm mit -höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber solche meine -Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust meiner -Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem -Ende an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht -sehen, was er bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige -Erlösung vor Ehr und bei mir vor einen Dank zu -gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle sich durch eine That, -die ihn vielleicht bald wieder reuen würde, keinen Schandflecken -anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden Cavaliers -den Nachklang zufreien<a id="FNanchor_96_96"></a><a href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a>, daß er ein armes verlassenes Weibsbild -in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng - <span class="pagenum"><a id="Seite_55">[S. 55]</a></span> -ich an zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher -Ernst gewesen wäre, nach dem alten Reimen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,<br /></span> -<span class="i01">Gleich als gieng es ihn von Herzen;<br /></span> -<span class="i01">Sie pflegen sich nur so zu stellen<br /></span> -<span class="i01">Und können weinen, wann sie wöllen.<br /></span> -</div></div> - -<p class="p1 pmb1">Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm -1000 Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt -lassen und mich wiederum zu den Meinigen sicher -passieren lassen wolte. Aber er antwortet, seine Liebe gegen -mir sei so beschaffen, daß er mich nicht vor das ganze Königreich -Böhmen verwechseln könte; zu dem seie er seines Herkommens -und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es -eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten -brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich -ein Ansehen, als wann ein Täubler irgend einen Tauber und -eine Täubin zusammen sperret, daß sie sich paaren sollen, welche -sich anfänglich lang genug abmatten, biß sie des Handels endlich -eins werden. Eben also machten wirs auch, dann nachdem -mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt, -wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht -über zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, -das ich auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, -was er begehrte. Ich schlug ihm auch so wol zu, -daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe; doch wuste niemand -warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte -Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. -Gnaden tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte -Sprichwort lautet:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Ein Schneider auf eim Roß,<br /></span> -<span class="i01">Ein Hur aufm Schloß,<br /></span> -<span class="i01">Ein Laus auf dem Grind —<br /></span> -<span class="i01">Seind drei stolzer Hofgesind.<br /></span> -</div></div> - -<p class="p1">Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, -und wann er sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte -den Degen gar an einen Nagel gehenkt; aber er muste beides -seinen Herren Vattern und den König selbst scheuen, als der -sich den Krieg, wiewol mit schlechtem Glück, ernstlich angelegen -sein ließe. Doch macht ers mit seinem Besuchen so grob und -kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter und Frau - <span class="pagenum"><a id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was -er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der -seine Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen -erkundigten sie die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich -und trugen große Sorge für ihren Sohn, daß er sich vielleicht -mit mir verplempern und hangen bleiben möchte an einer, davon -ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. Derowegen -wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so behutsam -damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, -noch meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich -etwan, wie sie von der Haushofmeisterin vernommen, von -einem gräflichen Geschlecht geboren sein und ihr Sohn auch -mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.</p> - -<p class="pmb3">Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß -mich die alte Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es -hätten meines Liebsten Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn -eine Liebhaberin heimlich enthielte, mit derer er sich wider ihrer, -der Eltern, Willen zu verehelichen gedächte, so sie aber durchaus -nicht zugeben könten, dieweil sie ihn allbereit an ein fast -hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären derowegen gesinnet, -mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber weiters -mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit -erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst -nicht allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, -als wann mich der große Moger<a id="FNanchor_97_97"></a><a href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> aus India wo nit beschützen, -doch wenigst revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines -Liebhabers große Liebe und stattliche Verheißung verlassen, von -welchem ich auch gleichsam<a id="FNanchor_98_98"></a><a href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> alle acht Tage nit nur bloße liebreiche -Schreiben, sondern auch jedesmal ansehenliche Verehrungen -empfieng. Dargegen beklagte ich mich in Widerantwort -gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin verstanden<a id="FNanchor_99_99"></a><a href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>, mit -Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen und verhindern, -daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe. -Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in -meines Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir -Schreiben brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen -solte, um mich nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es - <span class="pagenum"><a id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -wäre seinen Eltern gleich lieb oder leid, offentlich zur Kirchen -führen wolte; wann alsdann solches geschehen wäre, so würden -beides Vatter und Mutter wol ja sagen und als zu einer geschehenen -Sach das Beste reden müssen. Ich war gleich fix -und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so Tags -so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes -Hamburg führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und -mich so lang nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen -ließen, der mich heurathen würde, als ich immer wolte. Da -wurde ich allererst gewahr, daß der Hagel geschlagen und die -Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde gesagt, ich -möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und Gott -danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See -ertränkt worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten -noch stark genug, mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir -vielleicht ein vergebliche Sicherheit einbilde, einen Sprung<a id="FNanchor_100_100"></a><a href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> zu -weisen, der einer solchen gebühre, worvor man wüste daß ich -zu halten sei. Was solt ich machen? Mein Hochzeiterei, -meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf ich -gespannet<a id="FNanchor_101_101"></a><a href="#Footnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a>, war dahin und mit einander zu Grund gefallen. -Die verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten -von einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern -eingeloffen, und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, -hatten sie abgeben, mich an den Ort zu bringen, da -ich jetzt saße und allgemach anfienge mit dem Schmalhansen zu -conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter -mit einer nächtlichen Handarbeit zu gewinnen.</p> - - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_95_95"></a><a href="#FNanchor_95_95"><span class="label">[95]</span></a> <em class="gesperrt">Penthesilea</em>, Tochter des Ares und der Otrera, Königin der Amazonen, -bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, <span class="antiqua">Heroid</span>., Ep. 21. V. 118. -Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von Achilleus getödtet, der, als er -sie sterben sah, von Liebe erfüllt wurde.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_96_96"></a><a href="#FNanchor_96_96"><span class="label">[96]</span></a> <em class="gesperrt">zufreien</em>, verbinden mit, hinzufügen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_97_97"></a><a href="#FNanchor_97_97"><span class="label">[97]</span></a> <em class="gesperrt">Moger</em>, Mogor, Mogul.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_98_98"></a><a href="#FNanchor_98_98"><span class="label">[98]</span></a> <em class="gesperrt">gleichsam</em>, fast, beinahe, <em class="gesperrt">schier</em>, in dieser -letzten Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_99_99"></a><a href="#FNanchor_99_99"><span class="label">[99]</span></a> <em class="gesperrt">verstehen</em> <span class="antiqua">c. genet.</span>, -von etwas verständigen, unterrichten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_100_100"></a><a href="#FNanchor_100_100"><span class="label">[100]</span></a> <em class="gesperrt">einen Sprung weisen</em>, wie: die Wege weisen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_101_101"></a><a href="#FNanchor_101_101"><span class="label">[101]</span></a> <em class="gesperrt">spannen</em>, abzielen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_vierzehnte_Capitel">Das vierzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod -sich einem Musquetierer theilhaftig machte.</p> -</div> - - -<p>Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er -mich nicht wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht -oder geweint habe. Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr -zu genießen hatte, und ich glaub, daß er auch gern noch länger -mit mir vorlieb genommen hätte, wann ihm nur seine - <span class="pagenum"><a id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen gezogen. -Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und -der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder -mit einem Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, -deren die Hamburger so wol als andere Ort mit Proviant -und Munizion aushelfen musten. Dannenhero gab es viel -Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche Kundenarbeit. -Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich zwar -noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine -Bagage biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den -Compaß gewaltig verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar -wol zu, und ich hätte mir mein Lebtage kein bessere Händel -gewünscht. Weil aber solche Fortuna nicht länger bestehen -konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so muste ich -bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte -mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, -resolut und bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich -alle meine Netz und unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn -in meine Strick brachte und so verliebt machte, daß er mir -Salat aus der Faust essen mögen ohne einigen Ekel. Dieser -versprach mir bei Teufelholen die Ehe und hätte mich auch -gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht zuvor -seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen -er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment -brachte, also daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, -die Copulation würklich vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten -sich seine Cameraden, woher ihm das Glück so eine -schöne junge Maitresse zugeschickt, unter welchen die allermeiste -gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann damals waren -die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen -glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch -Ueberfluß aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der -gröste Theil, durch Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer -Wollust nachzuhängen und solchen abzuwarten als um Beuten -zu schauen oder nach Brod und Fourage zu trachten gewohnt -war; und sonderlich so war meines Hochzeiters Corporal ein -solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am allermeisten -verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus -machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine -große Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden -und nicht werkstellig machen mögen. Wir lagen damals - <span class="pagenum"><a id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -in Stormaren<a id="FNanchor_102_102"></a><a href="#Footnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a>, welches noch niemals gewust, was Krieg -gewesen; dannenhero war es noch voll von Ueberfluß und reich -an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den Landmann -vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da -währete Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein -Reuter den andern auf seines Hauswirths Speis und Trank -zu Gast. Diesen <span class="antiqua">modum</span> hielte mein Hochzeiter auch, worauf -angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir hinter die Haut -zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit zweien -von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals -Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der -Corporal und commandirte ihn zu der Standarten auf die -Wacht, damit, wann mein Hochzeiter fort wäre, er sich selbst -mit mir ergötzen könte. Weil aber mein Hochzeiter den Possen -bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein anderer seine -Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn der -Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, -daß noch etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche -Wacht zu versehen. Der Corporal hingegen sagte ihm, er -solte nicht viel disputirn, sondern seinem Commando parirn, -oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte diese seine -Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus -Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht -zu gönnen gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, -biß er von Leder zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder -in Kraft habenden Gewalts so exemplarisch zeichnen wolte, daß -ein andermal ein anderer wisse, wie weit ein Untergebener -seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre. Aber ach, -mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er war -eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal -eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und -erhitzten Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt -vertriebe, daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide -Gäst giengen ihrem Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und -mit ihren Fochteln auch auf meinen Hochzeiter los, davon er -den einen alsobalden durchstach und den andern zum Haus -hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit allein -den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl -brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, - <span class="pagenum"><a id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -allwo er an Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen -wurde. Man machts gar kurz mit ihm, dann den andern -Tag ward Standrecht über ihn gehalten, und ob zwar sonnenklar -an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern Ursachen -halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an -Statt seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam -gegen den Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter -aufgehenkt, ich aber mit Ruthen ausgehauen werden solte, weil -ich an solcher That ein Ursächerin gewesen. Jedoch wurden -wir beide so weit erbeten<a id="FNanchor_103_103"></a><a href="#Footnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a>, daß mein Hochzeiter harquebusirt, -ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment geschickt wurde, -welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.</p> - -<p>So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden -sich doch zween Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen -solche versüßen wolten, dann ich war kaum ein Stund gehend -hinweg, da saßen diese beide in einem Busch, dardurch ich muste -passiren, mich willkommen zu heißen. Ich bin zwar, wann ich -die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so hechel<a id="FNanchor_104_104"></a><a href="#Footnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> gewesen, -einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn -die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in -meinem Elend eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, -wessentwegen ich verjagt und mein Auserwählter todt geschossen -worden, widersetzte ich mich mit Gewalt; dann ich konte mir -wol einbilden, wann sie ihren Willen erlangt und vollbracht, -daß sie mich auch erst geplündert hätten, als welches Vorhaben -ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen ablesen -konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten -Degen auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich -zu erschrecken und zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil -ich aber wuste, daß ihre scharfe Klingen meiner Haut weniger -als zwo Spießgerten abhaben würden, sihe, da waffnete ich -mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in jede Hand -eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins -davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander -war stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme -dann so wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir -hatten unter währendem Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße -mich eine Hur, eine Vettel, eine Hex und gar einen Teufel; -hingegen nante ich ihn einen Schelmen, einen Ehrendieb, und - <span class="pagenum"><a id="Seite_61">[S. 61]</a></span> -was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul kam, -welches Balgen einen Musquetierer überzwergs<a id="FNanchor_105_105"></a><a href="#Footnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> durch den Busch -zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor -seltzame Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem -Theil er unter uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als -wir ihn erblickten, begehrte ein jedes, er wolte es von dem -andern erretten. Da kan nun ein jeder wol gedenken, daß -Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano beigestanden, -vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach und -ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er -paßte auf und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit -Bedrohung dahin, daß er mir nicht allein den Rucken wendet, -sondern auch anfieng darvon zu laufen, daß ihm die Schuchsohlen -hätten herunter fallen mögen, seinen entseelten Cameraden -sich in seinem Blut wälzend hinterlassend.</p> - -<p class="pmb3">Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein -beisammen befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam -über meiner Schönheit und hatte nit das Herz, etwas -anders mit mir zu reden, als daß er mich fragte, durch was -vor ein Geschick ich so gar allein zu diesem Reuter kommen -wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was sich mit -meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann -auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide -Reuter, nämlich der gegenwärtige Todte und der Entloffene, -als ein armes verlassenes Weibsbild mit Gewalt schänden -wollen, deren ich mich aber bißher, wie er selbst zum -Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt, er wolte als -mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen helfen, -biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit -käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine -erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens -zu begegnen nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den -Todten und nahme zu sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, -welches ihm seine Mühe ziemlich belohnte. Darauf machten -wir uns beide bald aus dem Staub, und indem wir unseren -Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen wir desto -ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch -des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem -Colalto, Altringer und Gallas in Italia zu gehen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_102_102"></a><a href="#FNanchor_102_102"><span class="label">[102]</span></a> <em class="gesperrt">Stormarn</em>, im südlichen Theil Holsteins.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_103_103"></a><a href="#FNanchor_103_103"><span class="label">[103]</span></a> erbitten, losbitten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_104_104"></a><a href="#FNanchor_104_104"><span class="label">[104]</span></a> <em class="gesperrt">hechel</em>, heikel.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_105_105"></a><a href="#FNanchor_105_105"><span class="label">[105]</span></a> <em class="gesperrt">überzwergs</em>, quer.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_funfzehnte_Capitel">Das fünfzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben -einander versprochen.</p> -</div> - - -<p>Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, -so hätte ich damals meine Sach anders anstellen und auf einen -ehrlichern Weg richten können, dann meine angenommene Mutter -mit noch zweien von meinen Pferden und etwas an baarem -Geld erkundigt mich und gab mir den Rath, ich solte mich -aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder auf meines -Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich<a id="FNanchor_106_106"></a><a href="#Footnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> -und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen -Jugend weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je -toller das Bier gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. -Ich und gedachte meine Mutter hielten sich bei einem Marquetenter -unter demjenigen Regiment, darunter mein Mann, -der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man mich -seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich -wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, -wann wir geruhig gewest und irgends in einem Quartier gelegen -wären. Aber dieweil unsere Kriegsmacht von 20000 -Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell auf Italia marschierte -und durch Graubünden, das viel Verhinderungen gemacht, -brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige<a id="FNanchor_107_107"></a><a href="#Footnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a> an das Freien, -und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib. -Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst -ihr Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst -mir extra oder neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten -sie mich vor viel zu ehrlich, weil ich mich bei meinem vorigen -Mann gehalten, daß mich männiglich vor ehrlicher hielte, als -ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer langwierigen Fasten -wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige Musquetier, -so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden Reutern -gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und -vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern - <span class="pagenum"><a id="Seite_63">[S. 63]</a></span> -mir manchen Trab schenkte<a id="FNanchor_108_108"></a><a href="#Footnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a>, wann er nur Zeit haben und -abkommen konte. Ich sahe wol, was mit ihm umgieng und -wo ihn der Schuch druckte; weil er aber die Courage nicht -hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken, war bei mir -die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte ich -nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, -eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb -und Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, -was ihm immerzu vor Gewinn zugieng, und daß hingegen -mancher braver Officier mit dem Schmalhansen Tafel halten -muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie ich auch eine solche -Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen möchte. Ich -machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen -und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität -Goldstücker in meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant<a id="FNanchor_109_109"></a><a href="#Footnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> -zu sein. Nur die Ehr oder Schand lag mir noch im Weg, -daß ich nämlich aus einer Hauptmännin eine Marquetenterin -werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich damals -keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde, -sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits -an, in meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen -und ärger zu schinden und zu schachern, als ein Jud -von 50 oder 60 Jahren thun mag.</p> - -<p>Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen -kaiserlichen Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg -in Italiam gelangt, war es mit meines Galanen Liebe aufs -höchste kommen, ohne daß er noch das geringste Wort darvon -mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem Vorwand, -ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und -sahe so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind -bekommen und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt -oder gewüst hätte. Seine traurige Blick und seine sehnliche -Seufzer waren seine beste Sprach, die er mit mir redet, und -da ich ihn um sein Anliegen fragte, erkühnete er gleichwol -also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau Hauptmännin -(dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr mein -Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß -sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt<a id="FNanchor_110_110"></a><a href="#Footnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a> und - <span class="pagenum"><a id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -mich in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder -ich würde einen Verweis meines Frevels von ihr empfangen, -deren eins von diesen beiden genugsam wäre, mich dem Tod -vollends aufzuopfern.«</p> - -<p>Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: -»Wann euch deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein -jedes davon erquicken. Und weil ich euch dessentwegen verbunden -bin, daß ihr mich, als wir in den Vierlanden zwischen -Hamburg und Lübeck lagen, von meinen Ehrenschändern errettet, -so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch gesund und -satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«, -antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; -dann da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine -Krankheit an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann -ich sie nicht mehr sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer -Zustand, der mir zum Recompens widerfahren, dieweil -ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer Gefährlichkeit errettete.«</p> - -<p>Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen -sein, wann ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte.</p> - -<p>»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich -replicirte: »Was habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, -über meine Unglückseligkeit«, antwortet er, »und über meine -Verhängnus oder vielleicht über meinen Vorwitz, über meine -Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich kan nicht -sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um -der geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch -lebenden Reuter verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich -dessen Verlassenschaft genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau -zuvor des Lebens hochrühmlich beraubte, damit er sie ihrer -Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine Frau Gebieterin«, -sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten Stand, -der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung, -noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger -meine Unschuld oder so etwas erläutern<a id="FNanchor_111_111"></a><a href="#Footnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> möchte, dardurch mir -geholfen werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, -weil mir das Glück und mein geringer Stand nicht gönnet, -ihrer Hoheit zu erweisen, wie glückselig ich mich erkennete, ihr -geringster Diener zu sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen -und noch sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander -und, wie er selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth -laufende Reden hörete. Doch kamen sie mir vor, als -wann sie mir nichts desto weniger einen muntern Geist und -sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig und -mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei, -mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen -zu bedienen. Derowegen machte ichs mit dem Tropfen -gar kurz und sagte zu ihm: »Mein Freund, ihr nennet mich fürs -erst euer Gebieterin, fürs zweit euch selbst meinen Diener, -wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr, daß ihr ohne -meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich eine -große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir -nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will -gegen einen solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, -nicht undankbar erfunden werden.«</p> - -<p>»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann -würdig wäre, so wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen -in der ganzen Welt schätzen.«</p> - -<p>Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer -Stand zu gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, -und was ihr gegen mir mit weitläufigen Worten weiters -zu verstehen gegeben habt. Was Raths aber, damit euch geholfen -und ich von aller Bezüchtigung der Undankbarkeit und -Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden möchtet?«</p> - -<p>Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal -er mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur -halte, von deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des -Todes oder des Lebens, die Servitut oder Freiheit, ja alles -gern annehmen wolte, was mir nur zu befehlen beliebte. Und -solches bezeugte er mit solchen Geberden, daß ich wol erachten -konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher in seiner -Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen<a id="FNanchor_112_112"></a><a href="#Footnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a>, als in seiner Libertät -ohne mich leben würde.</p> - -<p>Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde -zu fischen, dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte -ichs nicht gethan haben, da doch der Teufel selbst diejenige, -die er in solchem Stand findet, wie sich mein Leffler befande, - <span class="pagenum"><a id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -vollends in seine Netze zu bringen unterstehet? Ich sage diß -nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch, den Werken dieses seines -abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir ein Exempel -nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß -Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, -sehe, was er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur -zu, Simplex, so wirst du erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, -so du mir im Sauerbrunnen erwiesen, dergestalt wieder -eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du ausgeben, wieder -ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen brachte -ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu -halten versprach.</p> - -<p>Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil -er anderer Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine -Musquetiererin sein möchte.</p> - -<p>Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie -ein anderer Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu -erweisen pflege, eben desgleichen zu thun schuldig sein, und ich -ihme hinwiederum.</p> - -<p>Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen -Kirchen nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor -von ihm befruchtet.</p> - -<p>Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein -über die Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch -über meinen Serviteur selbsten haben und behalten, in aller -Maß und Form, wie sonst ein Mann das Gebiet<a id="FNanchor_113_113"></a><a href="#Footnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> über sein -Weib habe.</p> - -<p>Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu -verhindern noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, -wann ich mit andern Mannsbildern conversire oder etwas -dergleichen unterstünde, das sonst Ehemänner zum Eifern<a id="FNanchor_114_114"></a><a href="#Footnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a> verursachte.</p> - -<p>Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin -abzugeben, solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein -und der Handelschaft wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth -so Tags, so Nachts emsig vorstehen, mir aber das Obercommando, -sonderlich über das Geld und ihn selbsten lassen und -gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern, wann ich ihme -wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa er - <span class="pagenum"><a id="Seite_67">[S. 67]</a></span> -solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen -werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen -mir obenangeregte Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. -Und solches alles verschrieben wir einander.</p> - -<p>Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern -möge, solte er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem -sonderbaren Namen nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern -des Befehls genommen werden solte, wormit ich ihn das -erste mal etwas zu thun heißen würde.</p> - -<p class="pmb3">Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten -geschworen, bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber -vor dißmal nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald -sein Abscheid; ich hingegen griffe mich an und brachte unter -einem andern Regiment zu Fuß zuwegen alles, was ein -Marquetenter haben solte, und fieng an mit dem Judenspieß -zu laufen<a id="FNanchor_115_115"></a><a href="#Footnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a>, als wann ich das Handwerk mein Lebtag getrieben -hätte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_106_106"></a><a href="#FNanchor_106_106"><span class="label">[106]</span></a> <em class="gesperrt">haushäblich</em>, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_107_107"></a><a href="#FNanchor_107_107"><span class="label">[107]</span></a> <em class="gesperrt">witzig</em>, verständig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_108_108"></a><a href="#FNanchor_108_108"><span class="label">[108]</span></a> manchen Gang um mich that.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_109_109"></a><a href="#FNanchor_109_109"><span class="label">[109]</span></a> <em class="gesperrt">bastant</em>, genügend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_110_110"></a><a href="#FNanchor_110_110"><span class="label">[110]</span></a> <em class="gesperrt">entzucken</em>, -entrücken.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_111_111"></a><a href="#FNanchor_111_111"><span class="label">[111]</span></a> <em class="gesperrt">erläutern</em>, erklären, ausführlich darstellen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_112_112"></a><a href="#FNanchor_112_112"><span class="label">[112]</span></a> <em class="gesperrt">erworgen</em>, <span class="antiqua">intr.</span> ersticken, umkommen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_113_113"></a><a href="#FNanchor_113_113"><span class="label">[113]</span></a> <em class="gesperrt">Gebiet</em>, Herrschaft.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_114_114"></a><a href="#FNanchor_114_114"><span class="label">[114]</span></a> <em class="gesperrt">zum Eifern</em>, zur Eifersucht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_115_115"></a><a href="#FNanchor_115_115"><span class="label">[115]</span></a> <em class="gesperrt">mit dem Judenspieß laufen</em>, wuchern und schachern. Vgl. Simplicissimus, -<span class="antiqua">II</span>, Cap. 25 (Th. <span class="antiqua">I</span>, S. 69).</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_sechzehnte_Capitel">Das sechzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.</p> -</div> - - -<p>Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen, -worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. -So hielte er auch oben vermeldte Articul so nett und erzeigte -sich so gehorsam, daß ich die geringste Ursach nicht hatte, mich -über ihn zu beschweren. Ja, wann er mir ansehen konte, was -mein Will war, so war er schon bereit, solchen zu vollbringen; -dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen, daß er mit -hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe, -was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete -vielmehr, er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und -keuscheste Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine -angenommene Mutter, die er meinetwegen auch in großen Ehren -hielte, trefflich zu helfen wuste. Diese war viel listiger als -eine Füchsin, viel geiziger<a id="FNanchor_116_116"></a><a href="#Footnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> als eine Wölfin, und ich kan nicht - <span class="pagenum"><a id="Seite_68">[S. 68]</a></span> -sagen, ob sie in der Kunst Geld zu gewinnen oder zu kupplen -am vortrefflichsten gewesen sei. Wann ich ein los Stücklein -in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich mich um etwas -scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig angesehen -sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit -soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt -würde; dann ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser -Colossi Schenkel auseinander gespannet, zwischen welchen die -gröste Schiff ohne Segelstreichung durchpassiren können. Einmal -hatte ich große Begierden, eines Jungen von Adel theilhaftig -zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war und mir seine -Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten eben damals, -als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken -geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk -um Holz und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng -beim Wagen herum nisteln<a id="FNanchor_117_117"></a><a href="#Footnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a>, als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen -und die Pferd zunächst bei uns zu andern auf die -Weid laufen lassen. Weil ich nun mein Anliegen meiner -Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben Fähndrich, wiewol -zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war das erste -Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob -er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, -ich fragte allbereit um <span class="antiqua">s. v.</span><a id="FNanchor_118_118"></a><a href="#Footnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a> den Hurenlohn, sagte ich zu -meinem Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern -Schecken! Der Herr Fähndrich wolte ihn gern bereuten und -uns denselben abhandlen und gleich baar bezahlen.«</p> - -<p>Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, -meinen ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte -Schildwacht, dieweil wir den Kauf miteinander machten und -auch einander ritterlich bezahlten. Demnach sich aber das Pferd -nicht von meinem Marquetenter so leichtlich wie seine Marquetenterin -vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er ganz ermüdet -wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der Fähndrich -wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten halber -hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der Scheck«<a id="FNanchor_119_119"></a><a href="#Footnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> -genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein &c.«, -mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche - <span class="pagenum"><a id="Seite_69">[S. 69]</a></span> -Jahr geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung -hatte. Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft -unserer Heuratsnotul<a id="FNanchor_120_120"></a><a href="#Footnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> den Namen Springinsfeld, und diß ist -eben der Springinsfeld, den du, Simplicissime, in deiner -Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten Kerl rühmest. -Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein, die er -und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, -und sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von -mir und meiner Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm -paaret, war er einfältiger als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter -von uns, als ein Luchs und Kernessig<a id="FNanchor_121_121"></a><a href="#Footnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a> sein mag.</p> - -<p>Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine -Wissenschaften nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir -das Lehrgeld zuvor genug bezahlen müssen. Einsmals da er -noch in seiner ersten Einfalt war, discurirten er, ich und meine -Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, und er entblödete -sich<a id="FNanchor_122_122"></a><a href="#Footnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen solte, -sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er -nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also -bedauchte mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen -Weiber Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, -sagte ihm derowegen unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor -der Morgensuppe betrügen können, wann ichs nur thun wolte. -Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich solches könte, so -wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein, und trutzte<a id="FNanchor_123_123"></a><a href="#Footnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a> -mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht unterstünde, -doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar -keinen Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich -alsdann zur Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren -lassen solte. Nachdem wir nun solcher Gestalt der Wettung -eins worden, kam ich des Morgens frühe mit der Suppenschüssel, -darin das Brod lag, und hatte in der andern Hand -das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir -das Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden -könte. Er nahm Messer und Stein von mir; weil er -aber kein Wasser hatte, leckte er den Wetzstein mit der Zunge, - <span class="pagenum"><a id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte ich: »Nun, das walt -Gott! das ist schon zwei mal.«</p> - -<p>Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine. -Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer -gestrigen Wettung nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: -»ja«, und fragte, ob und womit ich ihn dann schon betrogen. -Ich antwortet: »Erstlich machte ich das Messer stumpf, damit -du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens zog ich den -Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst, und -gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.«</p> - -<p>»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit<a id="FNanchor_124_124"></a><a href="#Footnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a>, so schweig nur still -und höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die -restirende Mal nit zu erfahren.«</p> - -<p class="pmb3">Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. -Bei Nacht, wann ich sonst nichts Bessers hatte, war -er mein Mann, bei Tag mein Knecht, und wann es die Leute -sahen, mein Herr und Meister überall. Er konte sich auch so -artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, daß ich -mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen -mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, -wann ich nicht besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams -verlieren und in Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, -die ihm alsdann gebühren würde, mir hundertfältig -wiederum eintränken, was ich ihm etwan ohnverehlicht zuwider -gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß zuzeiten verschmerzen -müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander -so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein -Mutter versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner -Statt, ich den Stand einer schönen Köchin oder Kellerin, die -ein Wirth darum auf der Streu hält, damit er viel Gäst bekommen -möge; mein Springinsfeld aber war Herr und Knecht -und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er muste -mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst -war ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen -ich mehr hielte als mancher Hauptmann; dann wir hatten -liederliche Commißmetzger bei dem Regiment, welche lieber -Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt waren; darum -drang ich mich durch Schmiralia<a id="FNanchor_125_125"></a><a href="#Footnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a> in ihre Profession und hielte - <span class="pagenum"><a id="Seite_71">[S. 71]</a></span> -zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein -behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem -jeden Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, -mit einem Stück von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen -konte, ob er es gleich rohe, gesotten, gebraten oder lebendig -haben wollen. Gieng es dann an ein Stehlen, Rauben -und Plündern, wie es dann in dem vollen und reichen Italia -treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld samt -meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, -sondern die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, -die sie in Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich -dergestalt gegen dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den -Freunden aber im Lager und in den Quartiern mit dem -Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller Freundlichkeit -offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste, wuchse -mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen -Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, -und litte samt den Meinigen doch niemals keinen Mangel; -dann ich beflisse mich dahin, daß mein Mutter, mein Springinsfeld, -mein übrig Gesind und vornehmlich meine Pferde zu -jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung hatten, und -hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und Tag -und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. -Hingegen aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und -in solcher Arbeit weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten -sie Hals und Kopf darüber verloren haben.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_116_116"></a><a href="#FNanchor_116_116"><span class="label">[116]</span></a> <em class="gesperrt">geizig</em>, gierig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_117_117"></a><a href="#FNanchor_117_117"><span class="label">[117]</span></a> <em class="gesperrt">nisteln</em>, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im Allgemeinen: sich zu -schaffen machen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_118_118"></a><a href="#FNanchor_118_118"><span class="label">[118]</span></a> <span class="antiqua">s. v. salva venia.</span></p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_119_119"></a><a href="#FNanchor_119_119"><span class="label">[119]</span></a> Grimmelshausen meint sicher ein -damals verbreitetes Schelmenlied, das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_120_120"></a><a href="#FNanchor_120_120"><span class="label">[120]</span></a> <em class="gesperrt">Heuratsnotul</em>, Ehecontract.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_121_121"></a><a href="#FNanchor_121_121"><span class="label">[121]</span></a> <em class="gesperrt">Kernessig</em>, <em class="gesperrt">ausgestochener -Essig</em>, ein ausgemachter Schelm. Vgl. Simplicissimus, <span class="antiqua">I</span>, Cap. 18 (Th. <span class="antiqua">I</span>, -S. 77).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_122_122"></a><a href="#FNanchor_122_122"><span class="label">[122]</span></a> <em class="gesperrt">sich entblöden</em>, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_123_123"></a><a href="#FNanchor_123_123"><span class="label">[123]</span></a> <em class="gesperrt">trutzen</em>, <span class="antiqua">trans.</span> Trotz bieten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_124_124"></a><a href="#FNanchor_124_124"><span class="label">[124]</span></a> <em class="gesperrt">Ists um diese Zeit</em>, verhält es sich so.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_125_125"></a><a href="#FNanchor_125_125"><span class="label">[125]</span></a> <em class="gesperrt">Schmiralia</em>, von schmieren, Bestechungen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_siebzehnte_Capitel">Das siebzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie -sie sich deswegen wieder rächete.</p> -</div> - - -<p>Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden -Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du -vielleicht deinem Knan noch der Schwein hütetest und ehe du -geschickt genug warest, anderer Leute Narr zu sein, und hast -dir doch einbilden dörfen, du habest mich im Saurbrunnen betrogen. -Nach der ersten Mantuanischen Belägerung bekamen - <span class="pagenum"><a id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo -es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng -kein Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage -fand, und wo sie sich einstellete, da galten die italiänische Putani<a id="FNanchor_126_126"></a><a href="#Footnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> -wol nichts, dann bei den Italiänern war ich Wildbret -und etwas Fremds, bei den Teutschen konte ich die Sprach, -und gegen beiden Nationen war ich viel zu freundlich, darneben -noch trefflich schön; so war ich auch nicht so gar hoffärtig und -theuer, und hatte sich niemands keines Betrugs von mir zu besorgen, -von dem aber die Italiänerinnen dichte voll staken. -Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den welschen -Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und -mich hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt -gegen mir setzte. Einsmals lude mich ein vornehmer Herr -zum Nachtessen, der zuvor die berühmteste Putana bedient, sie -aber auch meinetwegen verlassen hatte. Solches Fleisch gedachte -mir jene wiederum zu entziehen und brachte mir derowegen -wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß -etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte -zerspringen wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, -daß sie endlich den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine -solche liebliche Stimm über Tafel hören ließen, daß ich mich -deren schämen muste. Und sobald sie die Thür einmal gefunden, -passierten sie mit einer solchen Ungestüm nach einander -heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter eine -Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch -aufstunde, um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung -allererst rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir -aufs wenigst einer oder zehen, wiewol sie so geschwind auf -einander folgten, daß sie niemand zählen konte. Und ich -glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der Gebühr nach -fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer geschlagener -Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich -darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur -eine halbe Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter -mehr Qual von dem Lachen, als ich von dem continuirlichen -Trompeten erlitten.</p> - -<p>Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf -und wolte vor Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät - <span class="pagenum"><a id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -auch mein Gastherr, als der mich zu etwas anders, als diese -schöne Music zu halten, zu sich kommen lassen, hoch und theuer -schwerend, daß er diesen Affront rächen wolte, wann er nur -erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und Ameiseneier-Köch<a id="FNanchor_127_127"></a><a href="#Footnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a> -diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich aber -daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel -angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit -den blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte -tödten wollen, biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, -daß obengedachte Kürschnerin damit umgehen könte, und weil -er sie unten im Hause gesehen, müste er gedenken, daß sie -irgends von einer eifersüchtigen Damen gedinget worden, mich -einem oder andern Cavalier durch diesen Possen zu verleiden; -maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen einem -reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner -Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen -Leute Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich -zufrieden und bedachte mich auf eine schleunige Rach, die ich -aber weder offentlich noch grausam ins Werk setzen dorfte, weil -wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das Land dem Feind -abgenommen) gute Ordre halten musten.</p> - -<p>Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich -nit anders hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, -als erkundigt ich derjenigen Damen, die mir den Possen -hatt zugerichtet, Handel und Wandel, Thun und Lassen auf -das genaueste, als ich immer konte. Und als mir ein Fenster -gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr wolten, -Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden -Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders -meiner noch fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, -und zwar auf solche und kein andere Weis, als wie -ich ihnen vorschriebe; dann mich däuchte, es wäre billich, weil -sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß ich sie mit nichts -anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und solches -geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit -dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen -durch M. Asmussen<a id="FNanchor_128_128"></a><a href="#Footnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a>, deren Säuberern, zu finden. - <span class="pagenum"><a id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -Solche ward an eine Stange oder Schwinggerten, damit man -die Nüß herunter schlägt oder die Rauchcamin zu säubern -pflegt, angebunden und von dem einen bei finsterer Nacht, als -der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an ihrem gewöhnlichen -Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das -Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der -Speck beides Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt -allen Zierden und Kleinodien besudelte, nach welchem Streich -sowol der Leffler als Executor darvon liefen und die Hur am -Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte. Die Kürschnerin -bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar, und -solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen -zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell -aus der Insul Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch -kein Abschrötlin von dem Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung -kommen ließe, es wäre gleich vom Biber, Hasen oder dem Lamm -gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner Haar oder Woll -blutt<a id="FNanchor_129_129"></a><a href="#Footnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so ein -paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld -darum, welches ihm auch etwas zu bröslen<a id="FNanchor_130_130"></a><a href="#Footnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a> ins Haus verschaffte; -und wann es gleich langsam und gering kam, so kam -es doch wol zu seiner Zeit. Solches wurde ich von einem -andern Kürschner innen, der mir denselben Winter einen Pelz -fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll und -Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser<a id="FNanchor_131_131"></a><a href="#Footnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a> -daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit -ihrer Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder -besalbet waren, ließe ich sie einem von meinen Jungen dem -Kürschner unten um sein Secret herum streuen, als welches -ziemlich weit hinaus offen stunde. Da nun der erbsenzählerische -Haushalter diese Klumpen Haar und Woll sonder<a id="FNanchor_132_132"></a><a href="#Footnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a> liegen sahe -und sie vor die seinige hielte, konte er sich nicht anderst einbilden, -als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt und zu -Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern, -gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset -und verloren hätte, und weil sie ja so beständig als -eine Hex leugnete und noch darzu trutzige Wort gab, schlug -er sie so lederweich, als gelind er sonst anderer wilder und - <span class="pagenum"><a id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -bissiger Thieren Felle bereiten konte, der heimischen Katzenbälg -zu geschweigen, welches mich so wol contentirte, daß ich keinen -Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte.</p> - -<p class="pmb3">Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens -das Recept verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein -so variable Stimme erheben müssen; dann er hielte Singvögel, -die solche Sachen zur Speise genossen, so die Würkungen haben -sollen, einen Lärmen zu erregen, wie ich allererst einen erzählet. -Weil er aber bei hohen und niedern Officiern wol dran -war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die den italiänischen -Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, -ich auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder -morgen in die Kur kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich -an ihn reiben; gleichwol wolte und konte ich so viel Luftkerls, -die zwar vorlängst wieder in der Luft zerstoben waren, ohngerochen -nicht verdauen, obwol sie auch andere riechen musten, -da gleichwol sie selbst schon verdauet waren. Er hatte einen -kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin er -allerhand Waar enthielte<a id="FNanchor_133_133"></a><a href="#Footnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a>, die zu ihrer Aufenthaltung<a id="FNanchor_134_134"></a><a href="#Footnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a> einen -solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus -dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, -durch einen langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn -anbande, mit dem andern Ende aber zum Kellerloch hinein -henken und also das Brunnenwasser die ganze lange Winternacht -so ordentlich hineinlaufen ließe, daß der Keller am Morgen geschwappelt -voll Wasser war. Da schwammen etliche Fäßlein -Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war; was -aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, -zu verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder -hinweg nehmen ließe, vermeinte jederman des Morgens, es -wäre entweder im Keller eine Quell entsprungen, oder dieser -Posse seie dem Apotheker durch Zauberei zugerichtet worden. -Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so wol ausgerichtet, -lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine -verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, -daß der Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, -dann sonst hätten mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die -Generalfarzerin genant, weil ichs besser als andere gekönt.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_126_126"></a><a href="#FNanchor_126_126"><span class="label">[126]</span></a> <em class="gesperrt">Putani</em>, ital. <span class="antiqua">puttane</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_127_127"></a><a href="#FNanchor_127_127"><span class="label">[127]</span></a> Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's »Ewigwährendem Calender« -empfohlen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_128_128"></a><a href="#FNanchor_128_128"><span class="label">[128]</span></a> In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erklären -mag.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_129_129"></a><a href="#FNanchor_129_129"><span class="label">[129]</span></a> <em class="gesperrt">blutt</em>, mhd. <span class="antiqua">blut</span>, leer, bloß, rein.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_130_130"></a><a href="#FNanchor_130_130"><span class="label">[130]</span></a> <em class="gesperrt">bröslen</em>, brocken, einbrocken.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_131_131"></a><a href="#FNanchor_131_131"><span class="label">[131]</span></a> <em class="gesperrt">Schermesser</em>, sehr uneigentlich so genannt, vgl. Simplicissimus, <span class="antiqua">IV</span>, 11.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_132_132"></a><a href="#FNanchor_132_132"><span class="label">[132]</span></a> <em class="gesperrt">sonder</em>, einzeln, zerstreut.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_133_133"></a><a href="#FNanchor_133_133"><span class="label">[133]</span></a> <em class="gesperrt">enthalten</em>, aufbewahren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_134_134"></a><a href="#FNanchor_134_134"><span class="label">[134]</span></a> <em class="gesperrt">Aufenthaltung</em>, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_achtzehnte_Capitel">Das achtzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Gar zu übermachte<a id="FNanchor_135_135"></a><a href="#Footnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a> Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage.</p> -</div> - - -<p>Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, -thät mir so sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; -und gleich wie es mir allbereit eines Dings war, ob es mit -Ehren oder Unehren geschehe, also fieng ichs auch an nicht zu -achten, ob es mit Gottes oder des Mammons Hülf besser prosequirt -werden möchte. Einmal<a id="FNanchor_136_136"></a><a href="#Footnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> es galte mir endlich gleich, -mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was für -einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, -wann ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld -muste einen Roßtäuscher abgeben, und was er nit wuste, das -must er von mir lernen, in welcher Profession ich mich tausenderlei -Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge gebrauchte. -Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, geschweige -des Zinns, Kupfers, Getüchs<a id="FNanchor_137_137"></a><a href="#Footnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a>, der Kleidung und was es sonst -sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder -gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß -ich nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer -nicht wuste, wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er -hätte es gewonnen, wie er wolte, so hatte er einen sichern -Zutritt zu mir wie zu einem Juden, die den Dieben getreuer -sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit, selbige zu strafen. -Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem Materialistenkram -gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir -hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum -auch einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder -gewest, mit demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt -war. Hingegen muste ich auch spendiren und schmieren, um -mich und meine Hantierungen zu beschützen. Der Profoß war -mein Vatter, seine alte Mär (seine alte Frau, wolt ich sagen) -meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau und der Obrist -selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem demjenigen -sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine -Handelschaft einbüßen mögen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte -sagen, so ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen -eine Musquet getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen -Gläslein, welches nicht recht einer Spinnen und -auch nicht recht einem Scorpion gleich sahe. Ich hielte es vor -keine Insect oder lebendige Creatur, weil das Glas keinen Luft -hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte erhalten -mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck eines -vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch ein -Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden -Bewegung vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas -regte und herum grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil -mirs der Alte zu verkaufen anbote, fragte ich: »Wie theuer?«</p> - -<p>Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch -alsobalden darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein -darzu schenken. Er aber sagte, die Bezahlung seie allbereit zu -Genügen geschehen, welches mich an einen solchen alten Weinbeißer -verwunderte und verursachte, ihn zu fragen, warum er -einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im Kauf -zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte.</p> - -<p>»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie -mit anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf -und Verkauf, vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie -diß Kleinod wieder hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, -als sie es selbsten erkauft hat.«</p> - -<p>Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran -gewinnen.«</p> - -<p>Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich -anbelangt, so hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in -Händen und noch keinen Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um -3 Kronen kauft und um 2 wieder hingeben.«</p> - -<p>Diß Ding war mir ein Gesäg<a id="FNanchor_138_138"></a><a href="#Footnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a>, darein ich mich nicht richten -konte oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil -ich ein satten Rausch und<a id="FNanchor_139_139"></a><a href="#Footnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> zu gewarten hatte, ich würde etliche -Abgesandte der Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine -desto geringere Bekümmernus, oder (lieber Leser, sag mir selbst, -was ich sagen sol!) ich wuste nit, was ich mit dem alten -Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns genug -zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß - <span class="pagenum"><a id="Seite_78">[S. 78]</a></span> -mir andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas -um ein Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, -machte mich so sicher, daß ich mein erkauften Schatz einsteckte.</p> - -<p>Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich -meinen Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß -wissen, daß ich allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte -mich gleich, welcher Gestalt ich das Ding kauft hatte, -legte es derowegen zu andern meinen raren und lieben Sachen, -als Ringen, Kleinodien und dergleichen, um solches aufzuheben, -biß mir etwan ein Kunstverständiger an die Hand käme, der -mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich aber ungefähr<a id="FNanchor_140_140"></a><a href="#Footnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a> -unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande ich dasselbe -nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem Hosensack, -welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein -Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß -ich mich fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe -mir aufstieße, fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben -hätte, erzählte ihm darneben, was vor ein Wunderwerk -sich damit zugetragen, und bat ihn, er wolte mir doch desselben -Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es umständlich -damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau Courage, -es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, -der ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. -Er gibt zu erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft -zu jedwederer Handelschaft genugsame Kaufleute und -vermehret die Prosperität. Er macht, daß sein Besitzer von -seinen Freunden geliebt und von seinen Feinden geförchtet -werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn verläßt, den -macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß. -Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und -bringt zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.«</p> - -<p>In Summa der alte Lauer<a id="FNanchor_141_141"></a><a href="#Footnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a> schnitte mir so einen Haufen -daher, daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus -mit seinem Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol -einbilden können, daß der sogenannte dienende Geist diese Gaben -nit umsonst geben würde, so fragte ich den Alten, was -ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun müste, dann ich hätte -gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere Leute in Gestalt - <span class="pagenum"><a id="Seite_79">[S. 79]</a></span> -eines Galgenmännels<a id="FNanchor_142_142"></a><a href="#Footnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a> bestehlen, das sogenannte Galgenmännel -mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg verehren -müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier -gar nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als -mit einem solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich -sagte: Es wird ohne Zweifel mein Diener und Narr nicht -umsonst sein wollen; er solte mir nur kecklich und verträulich -offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr und auch so gar ohne -Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen Dienste ohne -andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau -Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß -ihrs nämlich um geringern Preis hingeben solt, wann ihr -dessen Diensten müd seid, als ihrs selbsten erkauft habt, welches -ich euch gleich damals, als ihr mirs abgehandelt, nicht -verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die Frau von -andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs.</p> - -<p>Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, -mein Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein -Sabud Salomonis<a id="FNanchor_143_143"></a><a href="#Footnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a>; ihr vertrauet ich alles, und also auch -was mir mit dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, -antwortet sie, »es ist ein Stirpitus flammiliarum, der alles -dasjenige leistet, was euch der Verkaufer von ihm erzählet; -allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß, wie mir gesagt -worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne Zweifel -seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller -Feuer und Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er -sich nicht anderst als je länger je wolfeiler verkaufen, damit -ihm endlich der letzte Käufer zu theil werden müsse. Und ihr, -liebe Tochter, stehet in großer Gefahr, weil ihr ihn zum allerletzten -zu verkaufen habt; dann welcher Narr wird ihn von -euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern -eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?«</p> - -<p>Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm -genug bestellt war; doch machte mein leichter Sinn, meine -blühende Jugend, die Hoffnung eines langen Lebens und die -gemeine Gottlosigkeit der Welt, daß ich alles auf die leichte -Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst dieser Hülfe, dieses Beistands - <span class="pagenum"><a id="Seite_80">[S. 80]</a></span> -und dieser glückseligen Accantage<a id="FNanchor_144_144"></a><a href="#Footnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> genießen, so lang -du kanst; indessen findest du wol einen leichtfertigen Gesellen -in der Welt, der entweder beim schweren Trunk oder aus Armuth, -Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus -Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen -diesen Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt.</p> - -<p>Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß -und Form, wie es mir beides von dem alten Verkäufer als -auch meiner Kostfrauen oder angenommenen böhmischen Mutter -beschrieben worden. Ich verspürte auch seine Würkung täglich; -dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins auszapfte, vertrieb -ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal meinen Trank -oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit aus. -Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe -war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht -aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. -Kam ich in ein Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder -daß es sonsten ein Herberg oder verlassene Wohnung war, -darin sonst niemand wohnen konte (maßen man die Marquetenter -und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren pfleget), -so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß nit -durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu -finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen -&c. Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche -waren, die der Courage nichts nachfragten, sondern sie viel mehr -verachten, ja verfolgten als ehreten, ohne Zweifel darum, weil -sie von einem größeren <span class="antiqua">lumen</span> erleuchtet, als ich von meinem -<span class="antiqua">flamine</span><a id="FNanchor_145_145"></a><a href="#Footnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a> bethört gewesen. Solches machte mich zwar witzig -und lernete mich durch allerhand Nachdenken philosophiren und -betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber allbereit -in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern -dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und -nichts zum Fundament zu raumen<a id="FNanchor_146_146"></a><a href="#Footnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a> gedachte, darauf meine -Seligkeit bestunde, wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich -dir zum Ueberfluß, dein Lob zu bekrönen, weil du dich in -deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer Damen im Saurbrunnen -genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal kantest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p>Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja -so groß, daß ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete.</p> - -<p class="pmb3">Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. -Wärest du etwas nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen -das Verkehren spielten, so wärest du mir weniger ins -Netze gerathen als diejenige, die im Schutz Gottes waren, da -ich den Spiritum familiarem hatte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_135_135"></a><a href="#FNanchor_135_135"><span class="label">[135]</span></a> <em class="gesperrt">übermacht</em>, übertrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_136_136"></a><a href="#FNanchor_136_136"><span class="label">[136]</span></a> <em class="gesperrt">einmal</em>, kurz, überhaupt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_137_137"></a><a href="#FNanchor_137_137"><span class="label">[137]</span></a> <em class="gesperrt">Getüch</em>, Tuchwaaren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_138_138"></a><a href="#FNanchor_138_138"><span class="label">[138]</span></a> <em class="gesperrt">Gesäg</em>, Gerede.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_139_139"></a><a href="#FNanchor_139_139"><span class="label">[139]</span></a> <em class="gesperrt">und</em> fehlt in allen Ausgaben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_140_140"></a><a href="#FNanchor_140_140"><span class="label">[140]</span></a> <em class="gesperrt">ungefähr</em>, zufällig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_141_141"></a><a href="#FNanchor_141_141"><span class="label">[141]</span></a> <em class="gesperrt">Lauer</em>, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der -Bauer ein Lauer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_142_142"></a><a href="#FNanchor_142_142"><span class="label">[142]</span></a> Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die Einleitung zum -»Simplicissimus«, S. <span class="antiqua">LXV</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_143_143"></a><a href="#FNanchor_143_143"><span class="label">[143]</span></a> <em class="gesperrt">Sabud Salomonis.</em> Sabud, der Sohn -Nathan's, des Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_144_144"></a><a href="#FNanchor_144_144"><span class="label">[144]</span></a> Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen Avantage, -Vortheil.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_145_145"></a><a href="#FNanchor_145_145"><span class="label">[145]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">flamen</span></em>, es ist wol gemeint: geistiger Hauch, geistiges Wesen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_146_146"></a><a href="#FNanchor_146_146"><span class="label">[146]</span></a> <em class="gesperrt">raumen</em>, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege schaffen.</p></div> -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_neunzehnte_Capitel">Das neunzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu -seiner Perfection kommen.</p> -</div> - - -<p>Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. -Nicht nur ich gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein -Springinsfeld, den du allerdings vor deinen besten Cameraden -und vor einen braven Kerl in deiner Lebensbeschreibung gerühmt -hast, muste mir auch folgen. Und was wolts gehindert -haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein, sintemal -andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer -(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier -fromme Männer gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, -ich will nicht sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer -Vermählung keinen solchen Accord eingangen, wie Springinsfeld -gethan? Höre die Histori!</p> - -<p>Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und -Springinsfeld in eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, -Victualia einzukaufen und in unser Läger zu bringen. Gleichwie -nun aber ich in dergleichen Fällen nicht allein ausgieng, -als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen Bürger zu -schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau<a id="FNanchor_147_147"></a><a href="#Footnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a> meinen -Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel -herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder -Jehu<a id="FNanchor_148_148"></a><a href="#Footnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a> verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine -Kirche, weil ich mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden -in Italia an solchen heiligen Oertern gestiftet und zu Faden - <span class="pagenum"><a id="Seite_82">[S. 82]</a></span> -geschlagen<a id="FNanchor_149_149"></a><a href="#Footnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a>, aus Ursach, daß man die schöne Weiber daselbsten, -so liebeswürdig zu sein scheinen, sonst nirgends hinkommen -lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu stehen, mit deren -Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte<a id="FNanchor_150_150"></a><a href="#Footnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a>, weil mich derjenige -nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen Blick schenkte. Ich -gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie mir vorgezogen -und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir -einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß -ich mich zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht -unter dem ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar -geendigt war, stellte sich mein Springinsfeld auch ein; ich -weiß aber darum nit warum, kan auch schwerlich glauben, daß -ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann ich hatte ihn nicht -darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn noch aus -Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten eingepflanzt. -Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und -kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben -solte, wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des -überaus schönen Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft -werden möchte.</p> - -<p>Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer -Diener und hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau -eines reichen Herrn wäre, der sein Palatium an dem Markt -stehen hätte; ich hingegen sagte ihm ausdrücklich, daß er fürderhin -weder meiner Huld länger genießen noch meinen Leib -einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er -mir zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber -sichere Anschläg, Mittel und Gelegenheit an die Hand geben -wolte. Er kratzte sich zwar hinter den Ohren und entsetzte -sich vor meinem Zumuthen als wie vor einer unmüglichen -Sach; aber da es lang herum gieng<a id="FNanchor_151_151"></a><a href="#Footnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a>, erklärt er sich, meinetwegen -in Tod zu gehen.</p> - -<p>Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld -gleichsam wie einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte -auch die Art darzu, und vielleicht besser als du, wäre aber - <span class="pagenum"><a id="Seite_83">[S. 83]</a></span> -nimmermehr von ihm selbsten zu einem solchen Ausbund worden, -wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt hätte.</p> - -<p>Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in -meinen Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein -Gewehr und einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder -Kästen zu öffnen, wo ich zukommen konte. Ich ließe denselben -Stiel inwendig hohl drehen in gemessener Weite, daß ich entweder -Ducaten oder eine Schiedmünz in selbiger Größe hinein -packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer jederzeit bei -mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte, oder -ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig -mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder -Unglücksfäll, deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der -Hand hätte. Da er fertig, probierte ich seine Weite mit -etlichen Lutzern<a id="FNanchor_152_152"></a><a href="#Footnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a>, die ich zu mir genommen, solche um ander -Geld zu veralieniren. Die Hohle meines Stabs hatte eben -die Weite ihres Bezirks<a id="FNanchor_153_153"></a><a href="#Footnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a>, doch also eng und beschnitten, daß -ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste, doch bei -weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen -laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, -weil ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß -wann die Lutzer gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen -in der Hand hatte, mich des Stiels an Statt eines Steckens -zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich mich darauf steuerte<a id="FNanchor_154_154"></a><a href="#Footnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a>, -etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben klunkerten und ein -dünsteres<a id="FNanchor_155_155"></a><a href="#Footnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a> Geklingel machten, welches seltzam und verwunderlich -genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön rührete. -Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem -Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, -welcher Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln -solte.</p> - -<p>Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine -Parücke auf, wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel -und thät zween ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen -der Damen Palatio hinüber stunde und das Haus vom Fundament -an biß übers Dach hinaus beschauete, gleichsam als ob -ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen Tambour -im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit dem - <span class="pagenum"><a id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch -sonst im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum -vagiren und auf meinen Springinsfeld Achtung zu geben, -wann er etwan seiner nothwendig bedörfte, dann der Vogel -redete so gut italiänisch als teutsch, welches aber jener nicht -konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier ohnnöthig zu -nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in -wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder -wol gar auch zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich -ein stark Gegitter vor einem Kellerloch. Als nun den dritten -Tag Springinsfeld noch nicht abließe, das Haus anzugaffen -wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe, da schickte angeregte -Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines continuirlichen -Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften -hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour -kommen und dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen -läge, den er nicht allein zu erheben, sondern auch eine -ganze Stadt damit reich zu machen getrauete. Hierauf ließe -die Dame beides den Springinsfeld und den Tambour zu -sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem verborgenen -Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große -Begierden geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, -was dieser vor einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. -»Nein«, antwortet der Tausendschelm, »er ist ein halber -Schwarzkünstler, wie man sagt, und hält sich nur zu dem Ende -bei der Armee auf, damit er verborgene Sachen finde, hat -auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten Schlössern -ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen -gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, -ihme, Tambour, gar nicht bekant.</p> - -<p>In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen<a id="FNanchor_156_156"></a><a href="#Footnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a> -und beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen -solte. Er begehrte zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber -zündete das dritte an, welches er bei sich hatte und vermittelst -eines messenen<a id="FNanchor_157_157"></a><a href="#Footnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a> Drahts, der durch die Kerze gieng, ausleschen -konte, wann er wolte. Mit diesen dreien Liechtern giengen -die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld und der Tambour - <span class="pagenum"><a id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht -zu Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo -der Schatz läge, da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. -Da sie nun viel Winkel also processionsweis durchstrichen -und Springinsfeld an allen Orten, da sie hingeleuchtet, -wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich in den -Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem <span class="antiqua">A. R.</span><a id="FNanchor_158_158"></a><a href="#Footnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a> befeuchtet -hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, -und indem er seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er -sein Liecht aus.</p> - -<p>»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der -Schatz eingemauret.«</p> - -<p>Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug -etlichmal mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die -Lutzer nach und nach, so manchen Streich er an die Mauer -thät, herunter rollten und ihr gewöhnliches Getön machten.</p> - -<p>»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet<a id="FNanchor_159_159"></a><a href="#Footnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a>, -welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist -zeitig und muß ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch -im Igel gehet, sonst wirds künftig vor Verfließung anderer -sieben Jahr umsonst sein.«</p> - -<p>Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid -geschworen hätten, das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, -als stellten sie meinem Springinsfeld völligen Glauben zu, -und die Dame begehrte an ihn, er wolte um die Gebühr den -Schatz erheben, wolte auch gleich um ein Gewisses mit ihm -accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege in dergleichen -Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was -man ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch -dabei bewenden mit Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn -wolte, daß er damit zufrieden sein würde.</p> - -<p>Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier -geweihte Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen -Diamant, einen Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, -welche Kleinodien ein Weibsbild beides in ihrem jungfräulichen -und fräulichen Stand am Halse getragen hätte; zweitens solte -er alleinig in den Keller geschlossen oder versperrt, und von der -Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen werden, damit - <span class="pagenum"><a id="Seite_86">[S. 86]</a></span> -sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach versichert -sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand -gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. -Hierauf gab man ihm und dem Tambour eine Collation und -ihme, Tambour, wegen seines Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen -wurden die begehrte Zugehörungen herbeigeschafft, nach -solchen Springinsfeld in Keller verschlossen, woraus unmüglich -schiene, einen Kerl zu entrinnen<a id="FNanchor_160_160"></a><a href="#Footnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a>, dann das Fenster oder Tagelicht, -so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch und -noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. -Der Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir -kam und mich allen Verlauf berichtete.</p> - -<p>Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, -darin die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem -ich das Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg -gebrochen, ließe ich ein Seil hinunter zu meinem Springinsfeld -in Keller und zoge ihn daran samt aller Zugehör zu mir -herauf, da ich dann auch den verlangten schönen Smaragd -fande.</p> - -<p class="pmb3">Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das -Schelmstück, welches mir so wol abgangen war. Der Tambour -hatte sich bereits den Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, -mein Springinsfeld aber spazierte den Tag nach vollbrachter -Schatzerhebung mit andern in der Stadt herum, die -sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man unter -den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun -sihe, Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität -durch mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. -Ich erzähle dir auch dieses nur zum Exempel, dann wann ich -dir alle Buben- und Schelmenstück sagen solte, die er mir zu -Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich wetten, es -würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen<a id="FNanchor_161_161"></a><a href="#Footnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> seind, die Zeit -zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie -du deine Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer -und lustiger Buch abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. -Doch will ich dich noch ein kleines lassen hören.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_147_147"></a><a href="#FNanchor_147_147"><span class="label">[147]</span></a> <em class="gesperrt">Cyprianische Jungfrau.</em> Justin., <span class="antiqua">Hist. XVIII.</span> cap. 5, erzählt, -Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros achtzig Jungfrauen geraubt, -die nach der Sitte des Landes an das Ufer des Meeres geschickt worden waren, -um sich dort ihre Aussteuer zu verdienen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_148_148"></a><a href="#FNanchor_148_148"><span class="label">[148]</span></a> <em class="gesperrt">Jesebel</em>, die Gemahlin Ahab's. -Jehu, der das Haus Ahab's ausrottete. 2 Könige 10.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_149_149"></a><a href="#FNanchor_149_149"><span class="label">[149]</span></a> <em class="gesperrt">zu Faden schlagen</em>, vom Schneiderhandwerk, ein Stück mit losen und -weiten Stichen zusammennähen, in Norddeutschland <em class="gesperrt">reihen</em>, dann von dem -Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz ist <em class="gesperrt">auswirken</em>, die Arbeit fertig -machen. Beide Ausdrücke gebraucht Grimmelshausen im übertragenen Sinne, -selbst z. B. vom Essen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_150_150"></a><a href="#FNanchor_150_150"><span class="label">[150]</span></a> <em class="gesperrt">eifern mit</em>, eifersüchtig sein auf.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_151_151"></a><a href="#FNanchor_151_151"><span class="label">[151]</span></a> <em class="gesperrt">da es -lang herumgieng</em>, nachdem die Sache länger besprochen worden war.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_152_152"></a><a href="#FNanchor_152_152"><span class="label">[152]</span></a> <em class="gesperrt">Lutzer</em>, Blutzer, schweizerische Scheidemünze.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_153_153"></a><a href="#FNanchor_153_153"><span class="label">[153]</span></a> <em class="gesperrt">Bezirk</em>, Umfang.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_154_154"></a><a href="#FNanchor_154_154"><span class="label">[154]</span></a> <em class="gesperrt">steuern</em>, stützen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_155_155"></a><a href="#FNanchor_155_155"><span class="label">[155]</span></a> <em class="gesperrt">dünster</em>, düster, dumpf.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_156_156"></a><a href="#FNanchor_156_156"><span class="label">[156]</span></a> <em class="gesperrt">die Glock gegossen</em>, sprichwörtlich: die Sache abgemacht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_157_157"></a><a href="#FNanchor_157_157"><span class="label">[157]</span></a> <em class="gesperrt">messene</em>, -von <span class="antiqua">mësse</span>, mhd., Bronze; diese alte Form steht hier für messingene, -welche Metallmischung um die Mitte des 16. Jahrh. erfunden wurde.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_158_158"></a><a href="#FNanchor_158_158"><span class="label">[158]</span></a> <span class="antiqua">A. R. Aqua Regis</span>, Königswasser, Goldscheidewasser.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_159_159"></a><a href="#FNanchor_159_159"><span class="label">[159]</span></a> <em class="gesperrt">verblüht</em>, -ausgeblüht, gezeitigt zur Hebung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_160_160"></a><a href="#FNanchor_160_160"><span class="label">[160]</span></a> Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben, <span class="antiqua">Accus. c. infin.</span> daß -ein Kerl entrinne.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_161_161"></a><a href="#FNanchor_161_161"><span class="label">[161]</span></a> <em class="gesperrt">Schosen</em>, <span class="antiqua">choses</span>, Sachen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_zwanzigste_Capitel">Das zwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Italiäner -bestohlen.</p> -</div> - - -<p>Als wir uns versahen, wir würden noch lang vor Casal -liegen bleiben müssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern -ihrer viel baueten ihnen auch sonst Hütten aus andern Materialien, -sich desto besser in die Länge zu behelfen. Unter anderen -Schacherern befanden sich zween Mailänder im Lager, -die hatten ihnen eine Hütte von Brettern zugerichtet, ihre -Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren, welche -da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst -allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten -zu Roß und Fuß. Diese thäten mir meines Bedunkens -viel Abtrag<a id="FNanchor_162_162"></a><a href="#Footnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> und Schaden, indem sie nämlich von den Kriegsleuten -allerhand Beuten von Silbergeschmeid und Juweln um -den halben, ja den vierten Theil ihres Werths erhandelten, -welcher Gewinn mir zum Theil zukommen wäre, wann sie nit -vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs -wenigst zu wuchern<a id="FNanchor_163_163"></a><a href="#Footnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a>, weil in meiner Macht nit stunde, ihnen -das Handwerk gar niederzulegen.</p> - -<p>Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer Waar, und -dasselbige war auch zugleich ihr Gaden<a id="FNanchor_164_164"></a><a href="#Footnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a>; oben auf dem Boden -aber unter dem Dach war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen, -wohinauf ungefähr sieben oder acht Staffeln giengen; und -durch den Boden hatten sie ein offenes Loch gelassen, um dadurch -nicht allein desto besser zu hören, wann etwan Mauser -einbrächen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe mit -Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen -waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Thür ohne -sonderlichen Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag -gar gering<a id="FNanchor_165_165"></a><a href="#Footnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a>. Mein Springinsfeld muste mir eine -Welle scharfer Dörner in Mannslänge zuwegen bringen, woran -auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich füllete eine -messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen wir - <span class="pagenum"><a id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf -war. Die Thür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine -Kunst, weil ich zuvor alles fleißig abgesehen; und da solches -vollbracht und geschehen, stackte Springinsfeld die Dornwell -vor die Stiegen, als welche vor sich selbst keine Thür hatte, -von welchem Geräusch beide Italiäner erwachten und zu rumpeln -anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, daß sie zum -ersten zu obigen Loch herunter schauen würden, als dann auch -geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so -voller Essig, daß ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick -vergieng; der ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die -Stiegen hinunter und wurde von der Dornwell so unfreundlich -empfangen, daß er gleichwie auch sein Camerad in solcher -unversehenen Begebenheit und großem Schrecken sich nichts -anders einbilden konten, also es wäre eitel Zauberei und -Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein -Dutzet zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit -fort gemacht, ich aber ließe mich mit einem Stück Leinwat -genügen, drehete mich damit aus und schlug die Thür -hinter mir wieder zu, die beide Welsche also in ihrer Anfechtung -hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die Augen -noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu -handeln gehabt haben wird.</p> - -<p class="pmb3">Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den -Springinsfeld nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie -gehöret, nicht aus Noth oder Mangel, sondern mehrentheils -darum, damit ich mich an meinen Widerwärtigen<a id="FNanchor_166_166"></a><a href="#Footnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> revangiren -möchte. Springinsfeld aber lernete indessen die Kunst und -kam so meisterlich in die Griff, daß er sich unterstanden hätte, -alles zu mausen, es wäre dann gar mit Ketten an das Firmament -geheftet gewesen, und ich ließe ihn solches auch treulich -genießen, dann ich gönnete ihm, daß er einen eigenen -Säckel haben und mit dem halben gestohlenen Gut, maßen -wir solche Eroberungen miteinander theilten, thun und handeln -dörfte, was er wolte. Weil er aber trefflich auf das Spielen -verpicht war, so kam er selten zu großem Geld; und wann -er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa -zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die Länge nicht in Possession, -sintemal ihm sein unbeständig Glück das Fundament - <span class="pagenum"><a id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -zum Reichthum durch den unbeständigen Würfel jederzeit wieder -hinweg zwackte. Im übrigen verblieb er mir ganz getreu -und gehorsam, also daß ich mir auch keinen bessern Sclaven -in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte. Jetzt höre auch, -was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich -mich endlich wieder von ihm geschieden.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_162_162"></a><a href="#FNanchor_162_162"><span class="label">[162]</span></a> <em class="gesperrt">Abtrag</em>, Abbruch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_163_163"></a><a href="#FNanchor_163_163"><span class="label">[163]</span></a> <em class="gesperrt">wuchern</em>, reichlich vergelten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_164_164"></a><a href="#FNanchor_164_164"><span class="label">[164]</span></a> <em class="gesperrt">Gaden</em>, -Laden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_165_165"></a><a href="#FNanchor_165_165"><span class="label">[165]</span></a> <em class="gesperrt">gering</em>, leicht, anstellig, schlau.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_166_166"></a><a href="#FNanchor_166_166"><span class="label">[166]</span></a> <em class="gesperrt">Widerwärtige</em>, Gegner, Feinde.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_einundzwanzigste_Capitel">Das einundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen.</p> -</div> - - -<p>Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen -wurde, muste unser Regiment von Casal hinweg und auch in -die Mantuanische Belägerung. Daselbsten liefe mir mehr -Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen Läger, dann -gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche, also -bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich -mein Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergrößerte, -so daß ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in -die teutsche Reichsstädte übermachte, bei welcher glücklichen Prosperität, -großem täglichen Gewinn und genugsamem Ueberfluß, -dessen ich und mein Gesindel genossen, da sonst mancher Hunger -und Mangel leiden muste, mein Springinsfeld anfienge -allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er wolte eine -tägliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu -saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen, -und ließe allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und -die Gelegenheiten, sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein -gut Jahr haben. Ueber das hatte er auch etliche ungerathene -und verschwenderische Cameraden an sich gehenkt, die ihn verführten -und zu allem demjenigen untüchtig machten, worzu ich -ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise abgeführet<a id="FNanchor_167_167"></a><a href="#Footnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a> -hatte. »Ha«, sagten sie, »bist du ein Mann, und -läst deine Hur beides über dich und das Deinige Meister sein? -Es wäre noch genug, wann du ein böses Eheweib hättest, von -deren du dergleichen leiden müstest. Wann ich in deinem - <span class="pagenum"><a id="Seite_90">[S. 90]</a></span> -Hemd verborgen stäke, so schlüg ich sie, biß sie mir parirte, -oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.«</p> - -<p>Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen -und Verdruß und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen -Springinsfeld möchte ins Feld springen machen, ohne -daß ich mich im geringsten etwas dergleichen gegen ihm oder -seinem Anhang hätte vermerken lassen. Mein Gesind, darunter -ich auch vier starke Tremel<a id="FNanchor_168_168"></a><a href="#Footnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a> zu Knechten hatte, war mir getreu -und auf meiner Seiten; alle Officierer des Regiments waren -mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir wol und -die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles noch -mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu -meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung -ich stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. -Ich wuste wol, daß der Mann, welchen mir Springinsfeld -aber nur <span class="antiqua">pro forma</span> repräsentiren muste, das Haupt meiner -Marquetenterei darstellte, und daß ich unter dem Schatten seiner -Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß ich bald -ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir -mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm -täglich Geld, beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß -ich die Beständigkeit seiner vorigen Verhaltung bestätigen -wollen, sondern ihn desto kirrer, verwegener und ausgelassener -gegen mir zu machen, damit er sich dardurch verplumpen und -durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel dem Besitz meiner -und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem Wort, -daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; -dann ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden -und verdienet, zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, -daß ich mich weder um ihn noch die Marquetenterei, -ja um den ganzen Krieg, und was ich noch darin kriegen und -hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber ich weiß -nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden -zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu -begehren, oder ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen -Leben unachtsamer Weis fortfuhre, dann er stellte sich gar -freundlich und demüthig und gab mir niemalen kein sauern -Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste sein Anliegen -wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte aber - <span class="pagenum"><a id="Seite_91">[S. 91]</a></span> -aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen -wider mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte -sichs endlich wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen -wir dann, es sei ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von -einander kamen.</p> - -<p>Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, -als er eben mit einem Rausch heimkommen war. Sihe, da -schlug er mich mit der Faust von allen Kräften ins Angesicht, -daß ich nicht allein darvon erwachte, sondern das Blut liefe -mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus, und wurde -mir von selbigem Streich so törmisch<a id="FNanchor_169_169"></a><a href="#Footnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a> im Kopf, daß mich noch -Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. -Da kan man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm -vor eine andächtige Letenei<a id="FNanchor_170_170"></a><a href="#Footnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a> vorbetete. Ich hieße ihn einen -Mörder und was mir sonst noch mehr von dergleichen ehrbaren -Tituln ins Maul kommen. Er hingegen sagte: »Du -Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab -es ja redlich gewonnen!«</p> - -<p>Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich -zu schaffen hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im -Bette aufrecht zu sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit -einander zu ringen. Und weil er noch fort und fort Geld -von mir haben wolte, gabe ich ihm eine kräftige Ohrfeigen, -die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum Zelt hinaus -und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter -und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten -und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um -zu sehen, was da zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe -waren lauter Personen vom Stab, als welche gemeiniglich -hinter die Regimenter zu den Marquetentern logirt werden, -nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß, Regimentsquartiermeister, -Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel und dergleichen; -denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der -Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne -einige Schuld und Ursach tractirt. Mein angehender<a id="FNanchor_171_171"></a><a href="#Footnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> milchweißer -Busem war überall mit Blut besprengt, und des Springinsfelds -unbarmherzige Faust hatte mein Angesicht, welches -man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten gesehen, mit - <span class="pagenum"><a id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß man die -Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme -kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts -jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die -Ursach unserer Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. -Weil ich nun allen Verlauf erzählte, vermeinte der ganze Umstand, -Springinsfeld müste unsinnig worden sein; ich aber -glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung seiner Cameraden -und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die Hosen, -zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein -vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander -pappelten<a id="FNanchor_172_172"></a><a href="#Footnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a>, und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu -stellen<a id="FNanchor_173_173"></a><a href="#Footnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a>, grabelte Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er -kam zu uns zum Wachtfeuer, das bei des Oberisten Bagage -brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu ersinnen und -vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen -Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß -er nicht vor mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und -die vorige Huld und Gnad wieder von mir zu erlangen; aber -ich verstopfte die Ohren und wolte ihn weder wissen noch hören, -biß endlich unser Obristleutenant von der Rund darzu kam, -gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu schweren, -daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen, -allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz<a id="FNanchor_174_174"></a><a href="#Footnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> auf dem Spiel gestandenen -Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen -geschlagen und wider seinen Willen und Meinung seine -liebe unschuldige Frau im Schlaf getroffen. Der Obristleutenant -war ein Cavalier, der mich und alle Huren wie die Pest -haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit ohngewogen -war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit -ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder -er wolte mich zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten -verdient, mit Ruthen aushauen lassen.</p> - -<p>Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter -gibts<a id="FNanchor_175_175"></a><a href="#Footnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet -nichts; bist du gleich Obristleutenant und beides vor meiner -Schönheit und meinen Verehrungen schußfrei, so seind doch -andere, und zwar deren mehr als einer, die sich gar gern -dadurch berücken lassen, mir recht zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld -aber auch, als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen -würde, so wolte er ihn bei Tag auf einmal dergestalt -strafen um das, was er bei Nacht zu zweien malen gegen mir -gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht wieder kommen -würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten den -Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen -Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann<a id="FNanchor_176_176"></a><a href="#Footnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a> zu -geben, aber über dessen Procedere<a id="FNanchor_177_177"></a><a href="#Footnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> wir uns hinter den Ohren -zu kratzen würden Ursachen haben. Also giengen wir wieder -mit einander zu Bette und hatten beiderseits unsere Stöße, -maßen ich dem Springinsfeld so wenig gefeiret als er mir. -Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit großen -Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären, -derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle -bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, -aber der empfangene Streich, oder vielmehr daß ich -seiner gern los gewest wäre, entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. -Ja ich gab ihm auch den andern Tag nicht allein -kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum Saufen, und -sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die -Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft -damit zu treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, -welche solche so Tags so Nachts wol eingenähet auf ihrem -bloßen Leib tragen muste.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_167_167"></a><a href="#FNanchor_167_167"><span class="label">[167]</span></a> <em class="gesperrt">abführen</em>, wie anführen, anleiten, namentlich zum Schlechten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_168_168"></a><a href="#FNanchor_168_168"><span class="label">[168]</span></a> <em class="gesperrt">Tremel</em>, Trämel, Prügel, Bengel.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_169_169"></a><a href="#FNanchor_169_169"><span class="label">[169]</span></a> <em class="gesperrt">törmisch</em>, schwindlig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_170_170"></a><a href="#FNanchor_170_170"><span class="label">[170]</span></a> <em class="gesperrt">Letenei</em>, soll heißen Litanei.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_171_171"></a><a href="#FNanchor_171_171"><span class="label">[171]</span></a> <em class="gesperrt">angehend</em>, -sich hebend, schwellend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_172_172"></a><a href="#FNanchor_172_172"><span class="label">[172]</span></a> <em class="gesperrt">pappeln</em>, <span class="antiqua">ns.</span> babbeln, schwatzen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_173_173"></a><a href="#FNanchor_173_173"><span class="label">[173]</span></a> <em class="gesperrt">stellen</em>, zum Stehen bringen, -stillen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_174_174"></a><a href="#FNanchor_174_174"><span class="label">[174]</span></a> <em class="gesperrt">Schanz</em>, <span class="antiqua">chance</span>, Einsatz.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_175_175"></a><a href="#FNanchor_175_175"><span class="label">[175]</span></a> <em class="gesperrt">gibts</em>, fehlt in allen Ausgaben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_176_176"></a><a href="#FNanchor_176_176"><span class="label">[176]</span></a> <em class="gesperrt">Tädigmann</em>, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit, Schiedsrichter.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_177_177"></a><a href="#FNanchor_177_177"><span class="label">[177]</span></a> <em class="gesperrt">Procedere</em>, Vorgehen, Verfahren.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_zweiundzwanzigste_Capitel">Das zweiundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, -und wormit sie ihn zur Letze<a id="FNanchor_178_178"></a><a href="#Footnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> begabt.</p> -</div> - - -<p>Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es -wenig Zeit an, daß Mantua mit einem Kriegspossen<a id="FNanchor_179_179"></a><a href="#Footnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a> eingenommen -wurde, ja der Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen -und Franzosen, zwischen den Herzogen von Savoia -und Nivers<a id="FNanchor_180_180"></a><a href="#Footnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a> folgte ohnlängst hernach, gleichsam als wann der - <span class="pagenum"><a id="Seite_94">[S. 94]</a></span> -welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt werden müssen. -Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya und -stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in -Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich -dann so wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat -gewesen wäre. Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, -oder weil die rothe Ruhr und die Pest selbst unter uns regierte, -an einem Ort in den kaiserlichen Erblanden etliche Wochen -an die Donau ins freie Feld mit unserem Regiment logirt, -da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten setzte wie -in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als ich -konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr -als eine Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden -wiederum, doch nur <span class="antiqua">pro forma</span>, geschlossen; dann ich laurete -täglich auf Gelegenheit, vermittelst deren ich seiner los werden -möchte.</p> - -<p>Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender -Gestalt, welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger, -verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und -nüchtern weder Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen -kan, gar leichtlich durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit -schlaf- und weintrunkener Weis in alles Unheil und Unglück -gestürzt und also um alles sein Glück und Wolfahrt gebracht -werden mag.</p> - -<p>Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die -allergeringste Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit -ganz rachgierig und unversöhnlich war, als erzeigte sich auch -mein Leib, wann er im geringsten verletzt würde, gleichsam -ganz unheilsam. Nicht weiß ich, ob derselbe dem Gemüth -nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und sonderbaren -Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer -nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster -und von Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem -sonst zarten Angesicht, die er mir im Lager von Mantua -eingetränkt, da er mich in obbemeldten Lager an der Donau, -als ich abermal mitten im besten Schlaf lag, bei der Mitten -kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd, wie er -mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe -und mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, -nachdem ich erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol -merkte ich meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande - <span class="pagenum"><a id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -und den Springinsfeld mit mir so schnell gegen dem Feuer -zueilen sahe. Derowegen fienge ich an zu schreien, als wann ich -mitten unter die Mörder gefallen wäre. Davon erwachte alles -im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner Partisan aus -seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der -Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann -wir hatten damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts -anders als ein schönes lächerliches Einsehen und närrisches -Spectacul. Ich glaube auch, daß es recht artlich und kurzweilig -anzuschauen gewesen sein muß. Die Wacht empfienge -den Springinsfeld mit seiner unwilligen und schreienden Last, -ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie solche -nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal -so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. -Indessen kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und -niedern Officiern, der sich schier zu Tod lachen wolte und -welchem nicht allein der Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant -gegenwärtig war, der allererst neulich den Frieden -zwischen mir und dem Springinsfeld durch Drohung gestiftet -hatte.</p> - -<p>Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, -ich weiß selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er -wieder zu seinen sieben Sinnen kommen, fragte ihn der -Obriste, was er mit dieser Gugelfuhr<a id="FNanchor_181_181"></a><a href="#Footnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> gemeint hätte. Da -antwortet er, ihm hätte geträumt, seine Courage wäre überall -mit giftigen Schlangen umgeben gewesen, derowegen er sie seinem -Einfall nach, sie zu erretten und davon zu befreien, entweder -in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste gehalten, -hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie -sie alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches -ihm mehr als von Grund seines Herzens leid seie. Aber -beides der Obrist selbst und der Obristleutenant, der ihm vor -Mantua beigestanden, schüttelten die Köpf darüber und ließen -ihn, weil sich schon jedermann satt genug gelacht hatte, vor -die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in mein Gezelt -gehen, vollends auszuschlafen.</p> - -<p>Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte -auch gleich ausgehen<a id="FNanchor_182_182"></a><a href="#Footnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a>, weil sie im Krieg nicht so lang zu - <span class="pagenum"><a id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -währen pflegen als an einigen Orten im Frieden. Jederman -wuste zuvor wol, daß ich Springinsfelds Ehefrau nicht war, -sondern nur seine Matreß, und dessentwegen bedorften wir -auch vor kein Consistorium zu kommen, um uns scheiden zu -lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines Lebens -bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen -Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein -solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant, -so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten -gewesen, war jetzt ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment -schier alle auf meiner Seiten. Demnach ich aber mit -meinem Contract schriftlich hervorkam, was Gestalt wir beisammen -zu wohnen einander versprachen biß zur ehrlichen Copulation, -zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei einem -solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und -vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser -Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein -solten, uns um dasjenig, so wir miteinander errungen und -gewonnen, zu vergleichen. Ich replicirte hingegen, daß solches -Letzte wider den Accord unserer ersten Zusammenfügung laufe, -und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm hätte, oder, -teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die -Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, -welches ich dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun -könte. Endlich hieße es, wann der Vergleich nach Billichkeit -solcher Umstände zwischen uns beeden selbst nicht gütlich -getroffen werden könte, daß alsdann nach befindenden Dingen -von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.</p> - -<p>Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, -und Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen -beschlagen<a id="FNanchor_183_183"></a><a href="#Footnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a>; dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden -Gewinn und also nit mehr wie in Italia tractirte, -also daß es schiene, als ob der Schmalhans bei uns anklopfen -wolte, vermeinte der Geck, es wäre mit meinem Geld auf der -Neige und bei weitem nicht mehr so viel vorhanden, als ich -noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich, daß ers -nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so -halsstarrig zuruck hielte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, -darunter du etwan zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch -allerhand junge Bursch, die sich hin und wieder bei den Officiern -der Regimenter zu Fuß befanden und nun erwachsen -waren, aber keine Musquetierer werden wolten, verstärkt, welches -eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war, wessentwegen -er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern<a id="FNanchor_184_184"></a><a href="#Footnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> Accord -einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher Gestalt: -Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel -und Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet -Reuterkoller, so er in Italia durch meine Anstalt<a id="FNanchor_185_185"></a><a href="#Footnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a> gestohlen; -dann wir hatten uns bißher damit nicht dörfen sehen lassen. -Damit wurde auch eingedingt, daß er mir zugleich meinen -Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen solte, welches auch -geschahe. Und in solcher Maß habe ich den Springinsfeld -abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald hören, -mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner -Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine -kleine Geduld und vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld -mit seinem Ding im Glas gangen.</p> - -<p class="pmb3">Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im -Kopf. Wann er nur einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage -niemal nichts Leids gethan, so hätte er ihn gleich an Hals -schlagen mögen; und er spielte auch in allen seinen Duellen -den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze zu finden und -andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden. Demnach -er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte, -trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber -drum nicht wieder verkaufen, weil der Satz oder der Schlag -seines Kaufschillings aufs Ende kommen war. Ehe er nun -selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir denselbigen wieder -anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann auch -auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen -wolten, vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, -und solches zwar nicht darum vergebens, dann ich hube ihn -nicht allein nicht auf, sondern da Springinsfeld wieder in -sein Quartier kam, da fande er ihn wieder in seinem Schubsack. -Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel etlichmal -in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem - <span class="pagenum"><a id="Seite_98">[S. 98]</a></span> -Sack gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen -geworfen und also seiner los worden. Indessen er sich nun -so hiermit schleppte, wurde mir ganz ungeheuer<a id="FNanchor_186_186"></a><a href="#Footnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a> bei der Sach; -derowegen versilberte ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind -ab und setzte mich mit meiner böhmischen Mutter nach Passau, -vermittelst meines vielen Gelds des Kriegs Ausgang zu erwarten, -sintemal ich zu sorgen hatte, wann Springinsfeld -solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde, -daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden -dörfte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_178_178"></a><a href="#FNanchor_178_178"><span class="label">[178]</span></a> <em class="gesperrt">Letze</em>, Abschiedsmahl, -Abschied.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_179_179"></a><a href="#FNanchor_179_179"><span class="label">[179]</span></a> <em class="gesperrt">Kriegspossen</em>, Kriegslist.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_180_180"></a><a href="#FNanchor_180_180"><span class="label">[180]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_181_181"></a><a href="#FNanchor_181_181"><span class="label">[181]</span></a> <em class="gesperrt">Gugelfuhr</em>, Kappenfahrt, Narrenaufzug.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_182_182"></a><a href="#FNanchor_182_182"><span class="label">[182]</span></a> <em class="gesperrt">ausgehen</em>, zu Ende gelangen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_183_183"></a><a href="#FNanchor_183_183"><span class="label">[183]</span></a> <em class="gesperrt">beschlagen</em>, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut beschlagen sein, befriedigen, -abfinden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_184_184"></a><a href="#FNanchor_184_184"><span class="label">[184]</span></a> <em class="gesperrt">leidenlich</em>, leidlich, erträglich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_185_185"></a><a href="#FNanchor_185_185"><span class="label">[185]</span></a> <em class="gesperrt">Anstalt</em>, Veranstaltung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_186_186"></a><a href="#FNanchor_186_186"><span class="label">[186]</span></a> <em class="gesperrt">ungeheuer</em>, wie nicht geheuer, unheimlich.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_dreiundzwanzigste_Capitel">Das dreiundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach -gehalten habe.</p> -</div> - - -<p>Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als -ich mich versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu -andächtig; ich hätte lieber an Statt der Nonnen Soldaten -oder an Statt der Mönche einige Hofbursch dort sehen mögen, -und gleichwol verharrete ich daselbsten, weil damals nicht nur -Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des Teutschlandes -mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß -alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte -ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer -Weis und Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine -böhmische Mutter oder Kostfrau das Glück, daß sie an diesem -andächtigen Ort unter dem Glanz der angenommenen Gottseligkeit -den Weg aller Welt gieng, welche ich dann auch ansehenlicher -begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S. Jacobs -Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner -künftigen Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der -Welt mehr hatte, dem ich mich und das Meinige rechtschaffen -hätte vertrauen mögen, und derentwegen haßte ich den unschuldigen -Ort, darin ich meiner besten Freundin, Säugammen -und Auferzieherin war beraubt worden. Doch patientirt ich -mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der Wallensteiner -Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und -wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann -auf solche erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München -und in ganz Baiern dominirt, zumalen in Passau seinetwegen -große Forcht war, machte ich mich wieder in besagtes Prag, -wo ich mein meistes Geld liegen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - -<p>Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich -noch nicht recht daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes -Geld und Gut im Frieden und meinem Bedunken nach in -einer so großen und dannenhero auch meinem Vermuthen nach -sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe, da schlug -der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er daselbst -53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber -der Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, -als er selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, -durch welchen Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern -auch ganz Böhmen wiederum zu verlassen genöthigt wurden.</p> - -<p>Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige -Städte noch ihrer Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich -und das Meinige vor der Kriegsmacht derjenigen, die nur im -freien Feld, in Hütten und Zelten logieren und von einem -Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen trachtet -ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer -beifügen möchte.</p> - -<p>Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber -gleichwol doch bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich -Jahren. Dannoch brachte mein Fleiß und Erfahrenheit mir -abermal aus dem Gallassischen Succurs einen Hauptmann -zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es der Stadt -Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre, mich -auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu -versehen. Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, -und solche war kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu -der kaiserlichen Armada vor Nördlingen zu begeben, die sich -kurz zuvor mit dem hispanischen Ferdinand Cardinal-Infant -conjungirt, Donauwerth eingenommen und Nördlingen belagert -hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und Gustavus -Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht geriethe, -deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht -vergessen werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie -aber auf unserer Seiten überall glücklich abliefe, also war sie - <span class="pagenum"><a id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -mir gleichsam allein schädlich und unglückhaft, indem sie mich -meines Manns, der noch kaum bei mir erwarmet, im ersten -Angriff beraubte. Ueberdas so hatte ich nicht das Glück, -wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten widerfahren, -vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen, -weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch -wegen meines Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen -konte. Solches bedunkten mich eitel Vorbedeutungen meines -künftigen Verderbens zu sein, welches dann die erste Melancholia, -die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in meinem -Gemüth verursachte.</p> - -<p>Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in -unterschiedliche Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder -zu gewinnen, welche aber mehr ruinirt als eingenommen und -behauptet worden. Ich folgte mit dem Regiment, darunter -mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich des Bodensees -und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch -Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor -Prag auch gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland -zu kommen und nach seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir -dasselbe Patrimonium und des Orts Gelegenheit so wol gefiele, -daß ich mir dieselbige Reichsstadt gleich zu einer Wohnung -erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde des Erzhauses -Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts, -ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, -also daß ich mir nichts Gewissers einbildete, dann ich würde -ihrentwegen mein Lebtage dort sicher wohnen. So mochte ich -ohnedas nicht wieder in Krieg, weil nach dieser namhaften -Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt aufgemauset wurde, -daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten meiner Muthmaßung -nach zu hoffen.</p> - -<p class="pmb3">Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich -kaufte Viehe und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd -und schickte mich nit anderst, als wann der Krieg durch diese -Schlacht allerdings geendigt, oder als ob sonst der Friede vollkommen -beschlossen worden wäre. Und zu solchem Ende ließe -ich alles mein Geld, das ich zu Prag und sonst in großen -Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das meiste -hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner -Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu <em class="gesperrt">einer</em> -Zeit zu Narren worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber - <span class="pagenum"><a id="Seite_101">[S. 101]</a></span> -zu Hanau; ich verthät mein Geld unnützlich, du aber deine Jugend; -du kamest zu einem schlechten Krieg, ich aber bildet mir -vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch in weitem Feld stunde; -dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen Durchzüg und -Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones mit -nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht -ziemlich groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung -weislich zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; -dann niemand in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen -Manns Freunde nicht, weil ich dessen hinterlassene -Güter genosse, die sonst ihnen erblich zugefallen wären, wann -mich, wie sie sagten, der Hagel nicht hingeschlagen hätte. -Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt und nichts -destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet. Es -gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen -sein. Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, -begehre auch dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden -von dir, sondern ich sage dirs darum, daß du wissen soltest, -daß ich mich gleichwol nicht viel deswegen bekümmerte noch -betrübte, sondern daß ich mich noch darzu freuete, wann wir -einem Regiment musten Winterquartier geben; dann sobald -solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch; -da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren -und Buben in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, -wie sie wolten, und sie musten sich auch hinwiederum, wann -sie nur einmal angebissen hatten, gegen mir anlassen, wie ichs -haben wolte, also daß sie wenig Geld mit sich aus dem Quartier -ins Feld trugen; worzu ich dann mehr als tausenderlei -Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der damals -etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd, -die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich -und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine -damalige liebe Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die -Finger zu sehen, als mich deswegen zu strafen, sintemal ihre -Weiber und Töchter, so lang ich vorhanden war und mein -Netz ausspannen dörfte, nur desto länger from verblieben. -Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel dabei -befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann -Mars wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung -machte, was mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, -da ich dann gemeiniglich fande, daß meine Prosperität und - <span class="pagenum"><a id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -Einnahm die Ausgab meiner schuldigen Kriegskosten übertroffen. -Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich dir auch sage, mit -was vor einer Laugen ich dir gezwaget<a id="FNanchor_187_187"></a><a href="#Footnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a>; wil derowegen jetzt -nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du magst -aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, -mir ohngehindert in die Rede fallen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_187_187"></a><a href="#FNanchor_187_187"><span class="label">[187]</span></a> <em class="gesperrt">zwagen</em> <span class="antiqua">c. dat.</span>, waschen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_vierundzwanzigste_Capitel">Das vierundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen -und einander betrogen.</p> -</div> - - -<p>Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, -als die Churbairische und Französische, Weimarische in der -schwäbischen Gränze einander in den Haaren lagen und sich -zwackten. Unter denselbigen waren die meiste Officierer trefflich -geneigt auf dasjenige, was ich ihnen gern um die Gebühr -mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus großer -Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner -eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und -beinahe ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam -ich dasjenige, was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren -rechtmäßiger Weise gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, -mit wolgeneigter Gunst. Diese schlugen aus und begunten -mich mit Rubinen zu zieren, als der lustige und fröhliche Frühling -den ganzen Erdboden mit allerhand schönen wolgezierten -Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel genug hatte, -mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in einer -Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici -Vorgeben nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt -gewesen, da riethe er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen -und also meine vorige Gesundheit desto völliger wiederum -erholen. Solchem zufolge rüstet ich mich aufs beste aus, mit -einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem Knecht und einer -Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer daß sie -die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt.</p> - -<p>Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als -Herr Simplicius Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und - <span class="pagenum"><a id="Seite_103">[S. 103]</a></span> -Gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler. Ich -trug mich ganz adelich, und weil Simplicius so toll aufzoge -und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch vor einen tapfern -Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das Seil über -die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr -practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem -Wunsch nach mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner -sattsamen Begierden angesegelt, und ich tractirte ihn wie -etwan die Circe den irrenden Ulissem; und alsobald faßte ich -eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn schon gewiß an der Schnur. -Aber der lose Vogel risse solche entzwei, vermittelst eines Funds<a id="FNanchor_188_188"></a><a href="#Footnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a>, -dardurch er mir seine große Undankbarkeit zu meinem Spott -und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er durch einen -blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut, das er -mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich wäre -verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich -verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen -hinten und vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern -auf mich zeigten, ein Lied darvon sangen und mich dergestalt -aushöhneten, daß ich den Spott nicht mehr vertragen -und erleiden konte, sondern eh die Cur gar vollendet, den -Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte.</p> - -<p class="pmb3">Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung -im 5. Buch am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich -sei mehr mobilis als nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. -Wann er selbst aber nobel, oder sonst ein gut Haar an ihm -gewesen wäre, so hätte er sich an so keine leichtfertige und -unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten, nicht gehenkt, -viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also -vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber -Leser, was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er -(damit ich seine eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen -freien Zutritt und alle Vergnügung, die er begehren und wünschen -mögen, von einer Weibsperson erhalten, vor deren Leichtfertigkeit -er ein Abscheuen bekommen, ja von deren, die noch -kaum der Holzcur<a id="FNanchor_189_189"></a><a href="#Footnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a> entronnen? Der arme Teufel hat eine gewaltige -Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er mit -besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet - <span class="pagenum"><a id="Seite_104">[S. 104]</a></span> -dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige -Viehe einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem -jeden Stück Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; -da muß er aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden -Theil meiner vorigen Schönheit bei weitem nicht mehr -hatte, sonderlich behalfe mich allbereit mit allerhand Anstrich -und Schminke, deren er mir nicht wenig, sondern einer großen -Menge abgeleckt. Aber genug hiervon! Narren soll man mit -Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt vernehme -der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den -Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte -ich mich auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides -beschimpft und verachtet worden. Und meine Magd hatte sich -daselbsten eben so frisch gehalten als ich, und weil die arme -Tröpfin keinen Scherz verstehen konte, ein junges Söhnlein -vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch auf meinem -Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht. Dasselbe -muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol -sie Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich -nun erfahren, daß sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, -muste meine Magd ihr Kind entwöhnen und dasselbige, -nachdem ichs mit zarten Windeln, ja seidenen Decken und -Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug eine bessere Gestalt -und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers Knechts -zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher -Weile vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen -Bericht, daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht -zu glauben, wie herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich -da ich hörete, daß er dessentwegen von seiner Obrigkeit so -trefflich zur Straf gezogen worden, und daß ihm diesen Fund -sein Weib alle Tag mit Merrettig und Senf auf dem Brod -zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben gemacht, -die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich -der Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner -Jugend verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden -Alter von mir glaubte; dann ich hatte damals allbereit -schier vierzig Jahr erlebt und war eines schlimmen Kerls -nicht würdig, als Simplicius einer gewesen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_188_188"></a><a href="#FNanchor_188_188"><span class="label">[188]</span></a> <em class="gesperrt">Fund</em>, Erfindung, List.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_189_189"></a><a href="#FNanchor_189_189"><span class="label">[189]</span></a> <em class="gesperrt">Holzcur</em>, Decoct von Pockenholz, <span class="antiqua">lignum -Guajaci</span>.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_funfundzwanzigste_Capitel">Das fünfundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen.</p> -</div> - - -<p>Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem -fernern Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden -worden, was vor eine Dame Simplicius übertölpelt zu haben -sich gerühmet. Gleichwie er aber von deme, was allbereit gesagt -worden, ohne Zweifel fast nichts als Spott und Schand -haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was ich -noch fürters anzeigen werde.</p> - -<p>Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, -beides von Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte -sehen lassen und alle andere trutzte; und neben mir wohnete -ein alter Mechaberis<a id="FNanchor_190_190"></a><a href="#Footnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> oder Susannenmann, welcher ein Weib -hatte, die viel älter war als er selbsten. Dieser wurde zeitlich -innen, von was vor einer Gattung ich war, und ich schlug -auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu bedienen, -wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen -kamen und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, -darmit es sein eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie -wir dann auch nirgends so sicher als in diesem Garten zusammen -kommen konten, als da das grüne Laub und die verdeckte -Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen, aber -nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten. -Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser -Sündenmaß seie damal entweder voll und überhäuft gewesen, -oder die Güte Gottes hätte uns zur Besserung und Buße berufen -wollen. Wir hatten einander im Anfang des Septembris -Losung<a id="FNanchor_191_191"></a><a href="#Footnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a> gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten -unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween -Musquetierer aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht -hatten, selbigen Abend ihren Part von meinen Birn zu stehlen, -wie sie auch den Baum bestiegen und zu brechen anfiengen, -ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es war ziemlich - <span class="pagenum"><a id="Seite_106">[S. 106]</a></span> -finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als ich, bei -dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk -mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben -gewohnt waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der -eine Soldat regte sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr -besser wahrzunehmen, und war so unvorsichtig, daß er alle -seine Birn, die er gebrochen hatte, verschüttelt, und als selbige -auf den Boden fielen, bildeten ich und der Alte sich nichts -anders ein, als es wäre etwan ein starkes Erdbiden von -Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen -Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit -Worten zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken -von einander liefen. Die auf dem Baum aber konten sich -des Lachens nicht enthalten, welches uns noch größere Furcht -einjagte, sonderlich dem Alten, der da vermeinte, es wäre ein -Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich ein jedes -von uns in seine Gewahrsam.</p> - -<p>Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie -ein Musquetierer: »Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn -mit vollem Hals: »Was weist du dann?« Jener antwortet: -»Es hat heut Birnen geerdbidmet.«</p> - -<p>Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich -merkte, was die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht -anröthete, wiewol ich mich sonst zu schämen nit gewohnet -war. Ich machte mir gleich die Rechnung, daß ich eine Hatz -ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob hergehen -würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf -der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der -Magistrat nichts anders thun, als daß er mich und den Alten -beim Kopf nehmen und jedweders besonders gefangen setzen -ließe. Wir leugneten aber beide wie die Hexen, ob man uns -gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete.</p> - -<p>Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt -mein Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander -liefe, weil sie nit alle von meinen losen Stücken wusten -und mir die Mägd getreu waren. Endlich verschnappte ich -den Handel selbst, als nämlich der Schultheiß, welcher mich -Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß kam und -großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund -der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er -mich in aller falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte - <span class="pagenum"><a id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -den begangenen und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, -fuhre ich unversehens heraus und sagte: »So schlag ihm der -Hagel ins Maul, weils der alte Scheißer nicht hat halten -können!«</p> - -<p>Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir -doch getreulich dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir -eine scharfe Predigt daher, thät die Thür auf und wiese mir -einen Notarium und beisichhabende Zeugen, die alle meine und -seine Reden und Gegenreden angehört und aufgemerkt hatten.</p> - -<p class="pmb3">Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn -hielten darvor, man solte mich an die Folter werfen, so würde -ich viel mehr dergleichen Stücke bekennen und alsdann nach -befindenden Dingen als eine unnütze Last der Erden um eines -Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz mir auch weitläuftig -notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich vernehmen, -man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den Gesetzen -ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren. -Würde man so streng mit mir procedirn, so würden -noch viel, die vor ehrliche Burger gehalten werden, mit mir -zur Leiche gehen oder mir das Geleit geben müssen. Ich konte -schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und meine Wort und Protestationes -fielen so scharf und schlau, daß sich Verständige -darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine -Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter -Strafe, alle meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen -muste, darunter sich gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler -baar Geld befande. Meine Kleidungen und was zu meinem -Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer etliche Kleinodien, die -einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In Summa was -wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man -strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt -im Krieg, und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich -solte gesagt haben: jederweiberlich), daß die Stadt meiner so -<span class="antiqua">taliter qualiter</span><a id="FNanchor_192_192"></a><a href="#Footnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> los worden.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_190_190"></a><a href="#FNanchor_190_190"><span class="label">[190]</span></a> <em class="gesperrt">Mechaberis</em>, scherzhaft oder misverstanden statt <span class="antiqua">moechator</span>, Ehebrecher.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_191_191"></a><a href="#FNanchor_191_191"><span class="label">[191]</span></a> <em class="gesperrt">Losung</em>, verabredetes Wort oder Zeichen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_192_192"></a><a href="#FNanchor_192_192"><span class="label">[192]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">taliter qualiter</span></em>, auf diese gute Art.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - - -<h2 id="Das_sechsundzwanzigste_Capitel">Das sechsundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und -Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen -todten Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen -nicht herunter wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen -packet und bei einem Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts -hinterlässet und reißaus nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher -Poß zuträgt.</p> -</div> - - -<p>Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder -Armeen, zu welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn -hatte. Weil mirs dann nun an solchen mangelte, so gedachte -ich mich zu den Weimarischen oder Hessen zu machen, welche -damal im Kintzger Thal<a id="FNanchor_193_193"></a><a href="#Footnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a> und der Orten herum sich befanden, -um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann -bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen -Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum -verwelket, wie mich dann auch mein neulicher Unfall und -daraus entstandene Bekümmernus nicht wenig verstellet. So -war auch mein Reichthum hin, der oft die alte Weiber wieder -an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und -Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und -brachte etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte -ich mich samt einem Boten auf den Weg, um mein Glück zu -suchen, wo ichs finden möchte. Ich trafe aber nichts als Unglück -an, dann ehe ich Schiltach<a id="FNanchor_194_194"></a><a href="#Footnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a> erlangte, kriegte uns eine -weimarische Partei Musquetierer, welche den Boten abprügelten, -plünderten und wieder von sich jagten, mich aber mit sich in -ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein kaiserliches -Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau -todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines -Mannes Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich -ins Elsaß nach Haus zu begeben. Ich war, wie obgedacht, -bei weitem nicht mehr so schön als vor diesem, gleichwol aber -doch noch von solcher Beschaffenheit, die einen Musquetierer -aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner zum Weib - <span class="pagenum"><a id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber -diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen -Partei mit Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was -dieser aus Lieb suchte. In Summa, ich wurde eine Frau -Musquetiererin, ehe mich der Caplan copulirte. Ich hatte im -Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine Marquetenterin -abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht, -solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische -Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre -viel zu schlecht und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge -ich an, mit Tabak und Branntewein zu schachern, gleichsam als -ob ich wieder halbbatzenweis hätte gewinnen wollen, was ich -kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam mich blutsauer an, -so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen schweren -Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal -Essen und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich -mein Lebtag nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt -brachte ich einen trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht -allein schwer tragen, sondern auch schneller laufen konte als -manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun dergestalt zween Esel -zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch besten Fleißes, -damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen könte. -Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen -wurde, konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und -verzögerte<a id="FNanchor_195_195"></a><a href="#Footnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a> also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang -des Maien, bei Herbsthausen<a id="FNanchor_196_196"></a><a href="#Footnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> treffliche Stöße gab. Ehe -ich aber fortfahre, solchen meinen Lebenslauf weiters hinaus -zu erzählen, so will ich dem Leser zuvor ein artliches Stückel -eröffnen, das mein damaliger Mann wider seinen Willen ins -Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen.</p> - -<p>Er gieng ein<a id="FNanchor_197_197"></a><a href="#Footnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a>, auf seiner Officier Zumuthen und mein -Gutbefindung, sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer -Axt auf der Achsel, in Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, -einige Brief an Ort und Ende zu tragen, dahin sonst -niemand zu schicken wegen der kaiserlichen Parteien, welcher -wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die Conjunction -etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals -von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen - <span class="pagenum"><a id="Seite_110">[S. 110]</a></span> -gefroren, so daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier -gedauret hätte. Doch muste es sein, weil ein ziemlich Stück -Geld zu verdienen war, und er verrichtet auch alles sehr -glücklich. Unterwegs aber fande er einen todten Körper in -seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher ohne -Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar -rother scharlachener Hosen mit silbern Galaunen<a id="FNanchor_198_198"></a><a href="#Footnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> verbrämt -anhatte, welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; -so war sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den -Hosen gemäß. Er besahe den Fund und konte nicht ersinnen, -ob der Kerl erfroren oder von den Schwarzwäldern todtgeschlagen -worden wäre. Doch galte es ihm gleich, welches -Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers -ihm auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach -den Hosen, welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen -muste. Solches glückte ihm auch; als er aber die Hosen herab -streifte, wolten solche nicht hotten<a id="FNanchor_199_199"></a><a href="#Footnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a>, weil die Feuchtigkeit des -allbereit verwesenden Körpers sich unter den Knien herum, -allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden pflegte, sich -beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und dannenhero -Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren -waren. Er hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, -und weil der Tropf sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, -eins vom andern zu ledigen, hiebe er dem Corpo mit seiner -Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen und Koller zusammen, -und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein -solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen -übernachten dorfte.</p> - -<p>Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine -Kuhe, welches Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in -die Stuben trug und zunächst bei meinem Mann auf eine halbe -Well Stroh zum Stubenofen setzte. Indessen war es gegen -Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit von den -Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum -Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er -umkehrte oder letz<a id="FNanchor_200_200"></a><a href="#Footnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a> machte, an, ließe sein altes Gelümp samt -den Schenkeln beim Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus -und kam wieder glücklich in unser Quartier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb -Rath zu schaffen. Als sie aber die beide Schenkel samt meines -Mannes alten Lumpen und Schurzfell darbei liegen sahe -und meinen Mann nicht fande, fienge sie an zu schreien, als -wann sie mitten unter die Mörder gefallen wäre. Sie liefe -zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu, als -wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann -nicht allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft -erwachte und sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, -wessenwegen ein Theil ausrisse, das ander aber sich in die -Wehr schickte. Der Bauer selbst vernahm von der Magd, -welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die Ursach ihres Geschreis, -daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den -sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein -solches gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie -glaube, wann sie sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es -auch an sie gesprungen wäre. Der Bauer wolte das Kalb -mit seinem Knebelspieß<a id="FNanchor_201_201"></a><a href="#Footnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a> niedermachen, aber sein Weib wolte -ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub lassen, -sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte. -Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus -gesamter Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des -menschlichen Geschlechts, ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, -bei Zeiten auszureuten<a id="FNanchor_202_202"></a><a href="#Footnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a>. Da sahe man nun ein artliches -Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und den Hausrath zum -Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die Bauren -zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm -samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen -genugsame Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der -Schultheiß gebote, das Haus zu stürmen und dieses greuliche -Wunderthier niederzumachen; aber es schonete ein jeder seine -Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und Kind darvon, -wann ich umkäme?</p> - -<p>Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, -daß man das Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht -von einem Lindwurm oder Drachen besprungen worden, -hinweg brennen und dem Bauern selbst aus gemeinem Seckel -eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu bauen. -Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit - <span class="pagenum"><a id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger -hinweg gebrant.</p> - -<p>Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde -trefflich Glück zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses -ungefähr begegnet. Ich gedachte: was würde er erst ins -Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor den Springinsfeld -abrichte!</p> - -<p class="pmb3">Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch<a id="FNanchor_203_203"></a><a href="#Footnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a> -darzu; überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen -vor Herbsthausen todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz -verstehen konte.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_193_193"></a><a href="#FNanchor_193_193"><span class="label">[193]</span></a> <em class="gesperrt">Kintzger Thal</em>, an der Kinzig im Schwarzwald.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_194_194"></a><a href="#FNanchor_194_194"><span class="label">[194]</span></a> <em class="gesperrt">Schiltach</em>, Baden, Mittelrheinkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_195_195"></a><a href="#FNanchor_195_195"><span class="label">[195]</span></a> <em class="gesperrt">verzögern</em>, hinhalten, kümmerlich durchbringen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_196_196"></a><a href="#FNanchor_196_196"><span class="label">[196]</span></a> <em class="gesperrt">Herbsthausen</em>, Jaxtkreis, Würtemberg.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_197_197"></a><a href="#FNanchor_197_197"><span class="label">[197]</span></a> <em class="gesperrt">eingehen</em>, einwilligen, übernehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_198_198"></a><a href="#FNanchor_198_198"><span class="label">[198]</span></a> <em class="gesperrt">Galaunen</em>, Galonen, Tressen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_199_199"></a><a href="#FNanchor_199_199"><span class="label">[199]</span></a> <em class="gesperrt">hotten</em>, vorwärts gehen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_200_200"></a><a href="#FNanchor_200_200"><span class="label">[200]</span></a> <em class="gesperrt">letz</em>, -verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_201_201"></a><a href="#FNanchor_201_201"><span class="label">[201]</span></a> <em class="gesperrt">Knebelspieß</em>, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze, für die -Saujagd bestimmt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_202_202"></a><a href="#FNanchor_202_202"><span class="label">[202]</span></a> <em class="gesperrt">ausreuten</em>, ausrotten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_203_203"></a><a href="#FNanchor_203_203"><span class="label">[203]</span></a> <em class="gesperrt">hundsklinkerisch</em>, niederträchtig, verkommen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_siebenundzwanzigste_Capitel">Das siebenundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage -selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar -an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie -sagt einem verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle -Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt -wieder zustellen.</p> -</div> - - -<p>In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten -Maulesels darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste -Bagage hinweg geworfen, retterirte mich auch mit dem -Rest der übrig gebliebenen Armee, so wol als der Touraine<a id="FNanchor_204_204"></a><a href="#Footnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a> -selbsten, biß nach Cassel; und demnach mein Mann todtgeblieben -und ich niemand mehr hatte, zu dem ich mich hätte -gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich -endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der -schwedischen Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern -befanden, welche sich mit uns bei Wartburg<a id="FNanchor_205_205"></a><a href="#Footnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a> conjungirt. -Und indem ich bei ihnen einen Leutenant antrafe, der gleich meiner -guten Qualitäten und trefflichen Hand zum Stehlen, wie auch -etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern mehr Tugenden, -deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde ich -gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder - <span class="pagenum"><a id="Seite_113">[S. 113]</a></span> -<span class="antiqua">Oleum Talci</span><a id="FNanchor_206_206"></a><a href="#Footnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß -und schön zu machen, weil sowol mein Stand selbsten als -mein Mann diejenige Couleur von mir erforderte, die man des -Teufels Leibfarb nennet. Derowegen fienge ich an mich mit -Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden Unguenten -also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so höllrieglerisch<a id="FNanchor_207_207"></a><a href="#Footnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a> -aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren -worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich -über meine vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto -weniger schickte sich das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, -daß ich es auch mit keiner Obristin vertauscht haben -wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer alten ägyptischen -Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte ich zuvor, -außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht -wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze -so perfect, daß ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen -hätte passiren mögen.</p> - -<p>Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall -ohne Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr -einheimste und meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als -sonst meiner zehne. Höret, wie mirs einsmals so übel gelungen! -Wir lagen über Nacht und ein Tag ohnweit von -einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein -dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich -machte mich auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als -Geld auszugeben oder etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts -zu erkaufen gedachte, als was ich mit fünf Fingern oder sonst -einem künstlichen Griff zu erhandeln verhoffte. Ich war nicht -weit die Stadt hinein passirt, als mir eine Madamoiselle eine -Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte kommen, ihrer -Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten vernahm -ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her, -daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein -andere gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, -dann da ich zu der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung -so nett zu, daß sie auch alle Calendermacherei, ja der -elenden<a id="FNanchor_208_208"></a><a href="#Footnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> Madamoisellen Meinung nach alle Propheten samt - <span class="pagenum"><a id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir endlich ihre -Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, -den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte -Gleis zu bringen.</p> - -<p>»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren -und sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er -gleich einen Harnisch anhaben wie der große Goliath.«</p> - -<p>Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören -mögen als eben diß und begehrte auch nichts anders, als -daß meine Künst alsobald ins Werk gesetzt würden. Ich sagte, -wir müssen allein sein, und es müste alles unbeschrieen zugehen.</p> - -<p>Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen -auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in -ihr Schlafkammer. Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, -den sie gebraucht, als sie um ihren Vatter Leid getragen, item -zwei Ohrgehäng, ein köstlich Halsgehäng, das sie eben anhatte, -ihren Gürtel und liebsten Ring. Als ich diese Kleinodien -hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, machte etliche -Knöpf<a id="FNanchor_209_209"></a><a href="#Footnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a> daran, murmelte unterschiedliche närrische Wörter darzu -und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach -sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«</p> - -<p>Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge -biß aufs Hemd, und unterdessen als solches geschahe, machte -ich etliche wunderbare Characteres an den Boden eines großen -Fasses voll Wein, zoge endlich den Zapfen heraus und befahl -der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß ich die Kunst mit -dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach verrichtet -hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam -angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem -Bette, mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.</p> - -<p class="pmb3">Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte -samt dem Ihrigen<a id="FNanchor_210_210"></a><a href="#Footnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a> vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre -Kleinodia waren mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser -Lager mit meiner Beute gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer -Officier aus der Guarnison, der solche wieder von mir -fordert. Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; -doch kan ich nicht sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber - <span class="pagenum"><a id="Seite_115">[S. 115]</a></span> -schweren, daß er mich rechtschaffen gedegelt<a id="FNanchor_211_211"></a><a href="#Footnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a> habe; dann nachdem -er seinen Diener absteigen lassen, um mich zu besuchen, -ich aber demselbigen mit meinem schröcklichen Zigeunermesser -begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe, da zog er von Leder -und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen, sondern -färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich -wol 4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich -glaube auch, der Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht -aufgehöret zuzuschlagen, wann ich ihm meine Beut nicht wieder -hingeworfen. Und dieses war vor dißmal der Lohn beides -meiner artlichen Erfindung und des künstlichen Betrugs selbsten.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_204_204"></a><a href="#FNanchor_204_204"><span class="label">[204]</span></a> <em class="gesperrt">Touraine</em>, Turenne, -vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_205_205"></a><a href="#FNanchor_205_205"><span class="label">[205]</span></a> Die <em class="gesperrt">Wartburg</em> in Thüringen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_206_206"></a><a href="#FNanchor_206_206"><span class="label">[206]</span></a> <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Oleum Talci</em></span>, flüssige Schminke aus Talk.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_207_207"></a><a href="#FNanchor_207_207"><span class="label">[207]</span></a> <em class="gesperrt">höllrieglerisch</em>, -von Höllenriegel, mhd. <span class="antiqua">helle-rigel</span>, wie Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie -ein Teufel.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_208_208"></a><a href="#FNanchor_208_208"><span class="label">[208]</span></a> <em class="gesperrt">elend</em>, leidend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_209_209"></a><a href="#FNanchor_209_209"><span class="label">[209]</span></a> <em class="gesperrt">Knopf</em>, Knoten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_210_210"></a><a href="#FNanchor_210_210"><span class="label">[210]</span></a> Im Druck steht »<em class="gesperrt">dieser</em>« — »<em class="gesperrt">Seinigen</em>«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_211_211"></a><a href="#FNanchor_211_211"><span class="label">[211]</span></a> <em class="gesperrt">degeln</em>, von <em class="gesperrt">Degen</em>, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, mit der flachen -Klinge schlagen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="Das_achtundzwanzigste_Capitel">Das achtundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih -gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne -todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; -wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, -stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und -machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.</p> -</div> - - -<p>Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere -zigeunerische Rott von den Königsmarkischen Völkern wieder zu -der schwedischen Hauptarmee, die damals Torstensohn commandirt -und in Böhmen geführt, allwo dann beide Heer zusammenkamen. -Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht -allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern -verließe auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden -war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. -Und demnach ich sehe, daß mein Schreiber noch ein -weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich noch zu guter Letzt -oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf setzen lassen, -welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden probirt und -practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser abnehmen -kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich -ich mich zu den Zigeunern schicke.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> - -<p>Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend -vor einen großen Flecken, darinnen eben Kürbe<a id="FNanchor_212_212"></a><a href="#Footnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> war, welcher -Ursachen wegen und weil wir einen ziemlichen starken Troupen -von Männern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns das -Nachtläger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der -sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei seinen adelichen -Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme -etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen -bezahlen und noch darzu den Thäter an Leib und Leben -strafen wolte, wormit er dann endlich nach langer Mühe erhielte, -daß wir aufgenommen wurden. Es roche überall im -Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, daß -ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, -daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand -auch gleich folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden -könten. Ich ließe einen wackern jungen Kerl aus den -Unserigen eine Henne vor dem Wirthshause todtschießen, worüber -sich alsobald bei meinem Mann eine große Klage über -den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich erzörnet -und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns -hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches -geschahe und sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz -versammleten, sagte ich etlichen auf unsere Diebssprach, was -mein Anschlag wäre, und daß sich ein jedes Weib zum Zugreifen -gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann über den -Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, -weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf -erscholle alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der -Obristleutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte -henken lassen. Etlichen bedunkte solche Procedur zu rigorose; -andere lobten uns, daß wir so gute Ordre hielten. Einer -aus uns muste den Henker agiren, welcher auch alsobalden -dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen -thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte -von andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. -Sie bat um ihres Manns Leben und daß man ihre kleine -Kinder bedenken wolte, stellte sich darneben so kläglich, als -wann sie hätte verzweifeln wollen. Mein Mann aber wolte -sie weder sehen noch hören, sondern ließe den Uebelthäter hinaus - <span class="pagenum"><a id="Seite_117">[S. 117]</a></span> -gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil exequiren -zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte sich -nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie -sich dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und -alt, Weib und Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit -uns hinaus begab. Hingegen ließe gedachte junge Zigeunerin -mit ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab, zu heulen, zu -schreien und zu bitten, und da man an den Wald und zu -einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach -geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich -die Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen -vor den Misthäter zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich -mein Mann erweichen ließe, dem armen Sünder ihrentwegen -das Leben zu schenken. Indessen wir nun außerhalb dem -Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber im Flecken -nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und Fleischhäfen -leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus -den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen -uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre -Männer zur Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, -um daß er einer kahlen<a id="FNanchor_213_213"></a><a href="#Footnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> Hennen halber einen so wackern -Menschen hätte aufhenken lassen wollen, dardurch sein armes -Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge -Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf unsere Sprache -aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, mit -welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe -die Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich -den Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem -Flecken zu entfernen, in den Wald hinein ausreißen solten; -denen setzte mein Mann und was noch bei ihm war mit -bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und jene -hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. -Das Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, -wolte derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten -einander mit stetigem Schießen biß tief in Wald hinein, -worin die Unsern alle Weg und Steg wusten. In Summa, -wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen frühe -nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten - <span class="pagenum"><a id="Seite_118">[S. 118]</a></span> -von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann -aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.</p> - -<p class="pmb3">Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä -seithero unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück -und Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, -daß man ein ganz Ries Papier haben müste, wann -man solche alle mit einander beschreiben wolte. Ja ich glaube -nicht, daß man genug damit hätte. Und eben dessentwegen -habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers verwundert, -als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder -Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, -sondern uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, -beides zu Schaden des Landmanns als<a id="FNanchor_214_214"></a><a href="#Footnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> der großen -Herren selbst, denen wir manches Stück Wild verzehren. Ich -muß aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen -bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo -zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, -von waserlei<a id="FNanchor_215_215"></a><a href="#Footnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen -gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, -glaube auch wol, daß er an andern Orten mehr, wann er -vermeint, er habe eines schönen Frauenzimmers genossen, mit -dergleichen französischen Huren oder wol gar mit Gabelreuterinnen<a id="FNanchor_216_216"></a><a href="#Footnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> -betrogen und also gar des Teufels Schwager worden -sei.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_212_212"></a><a href="#FNanchor_212_212"><span class="label">[212]</span></a> <em class="gesperrt">Kürbe</em>, Kirchweih.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_213_213"></a><a href="#FNanchor_213_213"><span class="label">[213]</span></a> <em class="gesperrt">kahl</em>, geringfügig, elend, werthlos.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_214_214"></a><a href="#FNanchor_214_214"><span class="label">[214]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, wie.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_215_215"></a><a href="#FNanchor_215_215"><span class="label">[215]</span></a> <em class="gesperrt">waserlei</em>, wie welcherlei.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_216_216"></a><a href="#FNanchor_216_216"><span class="label">[216]</span></a> <em class="gesperrt">Gabelreuterin</em>, -Hexe (die zum Hexensabbat reitet).</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - - -<h2 id="Zugab_des_Autors">Zugab des Autors.</h2> - - -<p class="pmb3">Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche -Wittwer, und auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch -bißhero vor diesen gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen -schröcklichen Medusen entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten -Sirenen verstopft und diesen unergründlichen und bodenlosen -Belidibus<a id="FNanchor_217_217"></a><a href="#Footnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a> abgesagt oder wenigst mit der Flucht widerstanden -seid, lasset euch auch fürderhin diese <span class="antiqua">lupas</span><a id="FNanchor_218_218"></a><a href="#Footnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a> nicht bethören, -dann einmal mehr als gewiß ist, daß bei Hurenlieb -nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, Schand, -Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein -bös Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was -man an ihnen gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, -grindig, unrein, stinkend beides am Athem und am ganzen -Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen und auswendig voller -Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei sich selbsten -schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt.</p> - - -<p class="center pmb3"> -<em class="gesperrt">Ende</em>.<br /> -</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_217_217"></a><a href="#FNanchor_217_217"><span class="label">[217]</span></a> <em class="gesperrt">Beliden</em>, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach ihrem Großvater -Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mußten -sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_218_218"></a><a href="#FNanchor_218_218"><span class="label">[218]</span></a> <em class="gesperrt">lupa</em>, Wölfin, gemeine -Buhlerin.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> - - -<h2 id="Wahrhaftige_Ursach_und_kurzgefasster_Inhalt_dieses">Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses -Tractätleins.</h2> - - -<p class="pmb3">Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung, -<span class="antiqua">lib. 5</span>, <span class="antiqua">cap. 6</span>, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem -Lob gedenkt, wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß -sie ihm zu Spott, ihr selbsten aber zu eigner Schand, worum -sie sich aber wenig bekümmert, weil sie allererst unter den -Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst abgesagt, ihren ganzen -liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um vor der ganzen -Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen, -weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu -sein bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein -Abscheuen getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit -und Bosheit berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul -als Gurr, Bub als Hur, und kein Theil um ein Haar besser -sei als das ander; reibet ihm darneben trefflich ein, wie -meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und betrogen habe.</p> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - - -<p class="center font18"><b>II.</b></p> - -<p class="p2 center font18 pmb3"><b>Der seltzame Springinsfeld.</b></p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a></span></p> - -<p class="p3 pmb3"></p> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - - -<p class="center font12"><b>Der seltzame</b></p> -<p class="center font22"><em class="gesperrt">Springinsfeld</em>,</p> - -<p class="center font10">Das ist</p> -<p class="center font12"><b>Kurtzweilige, lusterweckende und</b></p> -<p class="center font11"><b>recht lächerliche Lebensbe-</b></p> -<p class="center font10">schreibung</p> -<p class="center font11"><b>Eines weiland frischen, wolversuchten</b></p> -<p class="center font10">und tapfern Soldaten,</p> -<p class="center font12"><b>Nunmehr aber ausgemergelten,</b></p> -<p class="center font11"><b>abgelebten, doch dabei recht</b></p> -<p class="center font10">verschlagnen</p> -<p class="center font18"><b>Landstörzers und Bettlers,</b></p> -<p class="center font10">Samt</p> -<p class="center font12"><b>seiner wunderlichen Gaukeltasche.</b></p> - -<p class="center font12"><b>Auf Anordnung des weit und</b></p> -<p class="center font10">breit bekanten <span class="antiqua">Simplicissimi</span></p> -<p class="center font11"><b>Verfasset und zu Papier gebracht</b></p> -<p class="center font11"><b>von</b></p> - -<p class="center font16"><span class="antiqua">Philarcho Grosso</span> von</p> -<p class="center font16 pmb2">Tromerheim.</p> - - <div class="figcenter"> - <img src="images/tb002.jpg" alt="Dekoration" /> - </div> - -<p class="p2 center font12"><b>Gedruckt in <span class="antiqua">Paphlagonia</span> bei</b></p> -<p class="p2 center font11"><b>Felix Stratiot.</b></p> - -<p class="center"><b>Anno</b> <span class="antiqua">1670.</span></p> - - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a></span></p> - -<p class="p3 pmb3"></p> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - - -<h2><a id="Inhalt">Inhalt.</a></h2> - - -<div class="block6c"> -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_127">Das erste Capitel.</a></em> Was vor eine schwer verdäuliche -Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_130">Das zweite Capitel.</a></em> Conjunctio Saturni, Martis et -Mercurii.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_135">Das dritte Capitel.</a></em> Ein lächerlicher Poß, der einem -Zechbruder widerfahren.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_140">Das vierte Capitel.</a></em> Der Autor geräth unter einen -Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_144">Das fünfte Capitel.</a></em> Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung -dictirt.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_149">Das sechste Capitel.</a></em> Der Autor continuirt vorige Materiam -und erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen -Schreiberlohn empfangen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_155">Das siebente Capitel.</a></em> Simplicissimi Gaukeltasch und -erhaltene treffliche Losung.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_162">Das achte Capitel.</a></em> Mit was vor einem Geding Simplicissimus -den Springinsfeld die Kunst lernete.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_166">Das neunte Capitel.</a></em> Tisch- und Nachtgespräch, und -warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_172">Das zehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld's Herkunft, und wie -er anfangs in Krieg kommen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_175">Das elfte Capitel.</a></em> Von dreien merkwürdigen Verschwendern -wahrhafte Historien.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_181">Das zwölfte Capitel.</a></em> Springinsfeld wird ein Trommelschlager, -hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern -lernete.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_186">Das dreizehnte Capitel.</a></em> Durch was vor Glücksfall -Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach -ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter -worden.</span></p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> - -<div class="block6c"> -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_191">Das vierzehnte Capitel</a></em> erzählet Springinsfeld's ferner -Glück und Unglück.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_195">Das funfzehnte Capitel.</a></em> Wie heroisch sich Springinsfeld -im Nördlinger Treffen gehalten.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_198">Das sechzehnte Capitel.</a></em> Wo Springinsfeld nach der -Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen -belägert wird.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_203">Das siebzehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld bekomt Succurs -und wird wiederum ein reicher Dragoner.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_206">Das achtzehnte Capitel.</a></em> Wie es dem Springinsfeld -von dem Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen -ergangen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_210">Das neunzehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld's fernere Historia -biß auf das kaiserliche Armistitium.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_213">Das zwanzigste Capitel.</a></em> Continuatio solcher Histori biß -zum Friedensschluß und endlicher Abdankung.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_216">Das einundzwanzigste Capitel.</a></em> Springinsfeld verheurathet -sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, -wird wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied -hinter der Thür.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_219">Das zweiundzwanzigste Capitel.</a></em> Türkenkrieg des -Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer -Leirerinen.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_223">Das dreiundzwanzigste Capitel.</a></em> Seines blinden -Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld -wieder nacheinander los.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_227">Das vierundzwanzigste Capitel.</a></em> Was die Leirerin vor -lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen -unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen -dem Türken wird.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_231">Das fünfundzwanzigste Capitel.</a></em> Was und wie Springinsfeld -in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_234">Das sechsundzwanzigste Capitel.</a></em> Was die Leirerin -weiters für Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen -habe.</span></p> - -<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_240">Das siebenundzwanzigste Capitel.</a></em> Endlicher Beschluß -von des Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.</span></p> -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_erste_Capitel">Das erste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung -dieses Werkleins befördert.</p></div> - - -<p>Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn -Hof mit höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu -erlangen, aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar -beweglich um einen Schreiberdienst gebeten und in derselben -meinen hohen Fleiß mit den allerandächtigsten Worten gerühmt, -auch die Beständigkeit meiner unvergleichlichen Treu genugsam -versichert hatte, gleichwol aber der gewünschte Bescheid dermaleins -nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich noch viel ungeduldiger, -vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige Kuchen- -und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich aber -wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer -Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei -Gedanken und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter -Bursche höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte -mich, sie würden sich endlich unterfangen, mir den Hut zu -drehen und den Kunzen mit mir zu spielen<a id="FNanchor_219_219"></a><a href="#Footnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a>, wann ich entweder -nicht bald ein angenehme Resolution kriegte oder ohne -dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach ich mir -wiederum ein anders<a id="FNanchor_220_220"></a><a href="#Footnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a> zu und versichert mich selbst eines weit -bessern Ausgangs.</p> - -<p>Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding -haben! dann ich brachte alles das hinterst zum vördersten vor, -weil ich ganz verwirret ware. Erlangstu diesen Dienst, so -kanstu diesen Schindhunden diese Fachtung<a id="FNanchor_221_221"></a><a href="#Footnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a> schon eintränken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen<a id="FNanchor_222_222"></a><a href="#Footnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a> innerlichen -Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen -Kälte von außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der -mich gesehen und die Kält nit selbst empfunden, tausend Eid -geschworen hätte, ich wäre mit einem drei- oder viertägigen -Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und wieder, ohne daß -sie meiner viel geachtet oder mich besprochen<a id="FNanchor_223_223"></a><a href="#Footnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a>. Als ich mich -aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und aufenthielte<a id="FNanchor_224_224"></a><a href="#Footnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a>, -da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens gewahr; -deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen -mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses -wäre ein ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden -würde. Das Herz hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich -der Wahn einer solchen künftigen Glückseligkeit versicherte. Da -sie aber zu mir kam und ihr kirschenrothes Mäulchen aufthät, -sagte sie: »Guter Freund, was habt ihr hier zu thun? Seid -ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein Almusen begehrt?«</p> - -<p>Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung -zu Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige -Geister, was sage ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so -großmüthige Sinne haben und besitzen, als etwan die Schneider -selbsten, die sich bei großen Herren zutäppisch machen, wann -sie erstlich ihre Kammerdiener und endlich zu ihren Herrn — -man denke doch nur, wie verwirrt ich damals in mir selbst -gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt vorbringe -— ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große -Herren werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu -Herrn setzen), als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach -meiner Einbildung accommodirt und gesagt haben: Was beliebt -meinem hochgeehrten Herrn? oder: Was verlangt derselbe hier -vor Geschäfte zu verrichten? Nun was bedarfs vieler Wort? -Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch keiner -Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer wolständigen -Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort -in meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer -gewesen) aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen -bringen, diesem ersten Streich, der mir empfindlicher -als eine dichte Maulschell vorkam, der Gebühr nach zu begegnen. - <span class="pagenum"><a id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -Doch lallete ich endlich mit<a id="FNanchor_225_225"></a><a href="#Footnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a> aus Forcht, Hoffnung und Kälte -verursachter zitterender oder babender Stimme so viel daher, -daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation ehrlicher -Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.</p> - -<p>»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, -»ist er derselbig? Ach, er schlage solche Gedanken aus dem -Sinn, dann ein solcher, der den Dienst haben will, welchen er -verlangt, muß meinen gn. Herren entweder um 1000 Thaler -gesessen sein<a id="FNanchor_226_226"></a><a href="#Footnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a>, oder um solche Summa einen Bürgen stellen. -Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler gegeben -worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, -und unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da -seied; ich wolte euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben -stehen lassen.«</p> - -<p>Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase -hatte. Ich gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus -eines Knechts weniger! Ich hatte gar nit den Willen, -angeregten halben Thaler zu nehmen, maßen ich mich auch -drum wehrete, weil ich mir einbildete, solche Abfertigung wäre -meiner schreiberischen Reputation schimpflich und zuwider. Doch -gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine Gnad erweisen -kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine -Hoffnung, mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen -Dienst noch zu erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad -verscherzen würde, wann ich so trutzig und halsstärrig diß geringe -Geld ausschlug.</p> - -<p>Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die -Jungfer selbst gab mir das Geleit biß unter das Thor, weil -sie dasselbe, als gegen dem Mittagimbs, gleich zu beschließen -willens. Da machten wir nun noch als mithin<a id="FNanchor_227_227"></a><a href="#Footnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> wegen des -halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen der Jungfer -diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und versichere -sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, -so ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte -ihnen einer nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.«</p> - -<p>Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in -Harnisch, daß ich der Jungfer mehr unbescheiden<a id="FNanchor_228_228"></a><a href="#Footnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> als vernünftig - <span class="pagenum"><a id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -antwortet: »So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, -»wann er mir einen jeden <span class="antiqua">s. h.</span><a id="FNanchor_229_229"></a><a href="#Footnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a> Arschwisch, darzu er meine -Supplication unweislich brauchen möchte, ehe er sie gelesen, -so theur bezahlen wolle, so werde es ihm ehender an Geld, -als mir an Papier, Federn und Dinten manglen.« Darauf -trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn mehr unsinnig -als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich <span class="antiqua">in literis</span> -abgeführt<a id="FNanchor_230_230"></a><a href="#Footnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a> hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß -ich meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht -geloffen, wann sie mir etwan zu Zeit einen Product<a id="FNanchor_231_231"></a><a href="#Footnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a> geben. -Ach, sagte ich, warum haben dich doch deine Eltern nicht ein -Handwerk oder Dreschen, Strohschneiden oder dergleichen so -etwas lernen lassen? So hättest du da jetzunder auch bei -jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor großen Herren -thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur jetzt das -allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu gleichwol -Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und -dir das Geschenk hielten<a id="FNanchor_232_232"></a><a href="#Footnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a>, wann sie dir gleich keine Arbeit -gäben &c. In diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch -deiner an, und bist der allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag!</p> - -<p class="pmb3">In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. -Gleichwie mir aber der Zorn nach und nach vergieng, also -empfande ich die damalige grausame Kälte je länger je mehr, -deren ich bißhero so hoch noch nit geachtet hatte; ja sie quälte -mich dergestalt, daß ich nach einer warmen Stub seufzete, und -demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde, gienge ich -mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_219_219"></a><a href="#FNanchor_219_219"><span class="label">[219]</span></a> Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_220_220"></a><a href="#FNanchor_220_220"><span class="label">[220]</span></a> <em class="gesperrt">ein anders</em>, -auf andere Weise.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_221_221"></a><a href="#FNanchor_221_221"><span class="label">[221]</span></a> <em class="gesperrt">Fachtung</em>, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor -will sagen Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche -Entstellung an.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_222_222"></a><a href="#FNanchor_222_222"><span class="label">[222]</span></a> In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_223_223"></a><a href="#FNanchor_223_223"><span class="label">[223]</span></a> <em class="gesperrt">besprechen</em>, anreden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_224_224"></a><a href="#FNanchor_224_224"><span class="label">[224]</span></a> <em class="gesperrt">aufenthalten</em>, trösten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_225_225"></a><a href="#FNanchor_225_225"><span class="label">[225]</span></a> <em class="gesperrt">mit</em>; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_226_226"></a><a href="#FNanchor_226_226"><span class="label">[226]</span></a> <em class="gesperrt">gesessen -sein</em>, durch Grundbesitz sicher sein?</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_227_227"></a><a href="#FNanchor_227_227"><span class="label">[227]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, mhd. <span class="antiqua">allez</span>, stets, fortwährend; -<em class="gesperrt">mithin</em>, im Gehen, unterwegs.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_228_228"></a><a href="#FNanchor_228_228"><span class="label">[228]</span></a> <em class="gesperrt">unbescheiden</em>, indiscret, unverständig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_229_229"></a><a href="#FNanchor_229_229"><span class="label">[229]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">s. h.</span></em>, <span class="antiqua">salvo halore</span>, wie <span class="antiqua">salva venia</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_230_230"></a><a href="#FNanchor_230_230"><span class="label">[230]</span></a> <em class="gesperrt">abführen</em>, wie anführen, -anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_231_231"></a><a href="#FNanchor_231_231"><span class="label">[231]</span></a> <em class="gesperrt">Product</em>, Schulwitz, an manchen -Orten noch jetzt gebräuchlich, Schlag auf den Hintern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_232_232"></a><a href="#FNanchor_232_232"><span class="label">[232]</span></a> <em class="gesperrt">das Geschenk</em>, -den üblichen Zehrpfennig für wandernde Handwerksburschen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_zweite_Capitel">Das zweite Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.</p> -</div> - - -<p>Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter -höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam -gleich und fragte: »Was beliebt dem Herrn?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p> - -<p>Ich gedachte<a id="FNanchor_233_233"></a><a href="#Footnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a> zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, -jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: -»Ein gute halb Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann -es war kein Badstub, darin man die Hitz bezahlte, sonder ein -Ort der Zehrung, darin man die benöthigte Wärme umsonst -hatte oder wenigist in die Zech rechnete.</p> - -<p>Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe -zum Ofen, um mich rechtschaffen auszubähen, alwo sich an -eben demselbigen Tische ein Mann befande, der im Pfenningwerth -zehrete<a id="FNanchor_234_234"></a><a href="#Footnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a> und dreschermäßiger Weis mit beiden Backen -so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. Er -hatte allbereit eine Supp im Magen und vor<a id="FNanchor_235_235"></a><a href="#Footnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a> zwei Kraut -und Fleisch allerdings aufgerieben<a id="FNanchor_236_236"></a><a href="#Footnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a>, da ich hinkam, und fragte -noch darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, -daß ich ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er -nicht nur zum Fressen, sonder auch an der Gestalt viel ein -anderer Mensch war, als ich mein Lebtag jemals einen gesehen; -dann von Proportion des Leibs war er so groß, als -wäre er in Chili<a id="FNanchor_237_237"></a><a href="#Footnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a> oder Chica<a id="FNanchor_238_238"></a><a href="#Footnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> geboren worden. Sein Bart -war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, dahin -er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber -kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, -daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung -getragen habe. Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem -Tuch, der gieng ihm biß an die Kniekehlen, auf ein -ganz fremde und beinahe auf die alte antiquitätische Manier -mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, gefüttert -und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, oben -mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen -Stachel versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar -leicht in einem Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen -mögen.</p> - -<p>Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen -Aufzug, und indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, -wurde ich gewahr, daß sein ungeheurer Bart ganz widersinns, -das ist wider die europäischen Bärt geart und gefärbt war; - <span class="pagenum"><a id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -dann die Haar, so ererst bei einem halben Jahr gewachsen, -sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da doch -hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst -an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je -falber oder wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte -der Ursach nach und konte keine andere ersinnen, als daß die -schwarze Haar in einem hitzigen Lande, die falbe aber in einem -viel kältern müsten gewachsen sein, und solches war auch die -Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein Gebratens warten -und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe ers -über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, -als mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß -ihm jemand den Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein -anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul, welches -die grausame Kälte ganz starrhart zugefrört hatte, auch nunmehr -wieder ein wenig begunte aufzuthauen, sihe, da kamen -wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn zum allerersten -fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben -Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach -haben möchte, zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs -meines Bedunkens gar höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter -Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zu vergeben, -wann sie sich erkühnet zu fragen, ob derselbe nicht allererst -vor einem halben Jahr aus India kommen.«</p> - -<p>Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann -ihr sonst keine Nachricht und Kundschaft von meiner Person -habt, als daß ihr mich jetzt das erste mal sehet, so messe ich -euerer Jugend keinen Vorwitz, sonder einen rechtschaffenen Verstand -und ein solches Judicium zu, welche beide ein Begierde -in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu wissen, was euer Verstand -von mir gefaßt und das Judicium beschlossen habe; -derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich -vor einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich -euch hernach zu vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner -Reise recht geurtheilt.«</p> - -<p>Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts -solches zu verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und -damit an Tag gelegt, daß noch mehr als nur dieses hinter -mir stecke.</p> - -<p>Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber -seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er - <span class="pagenum"><a id="Seite_133">[S. 133]</a></span> -hatte aus seinem Sack ein zinnern Büchse gezogen, in deren -ein Electuarium<a id="FNanchor_239_239"></a><a href="#Footnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a> war, das allerdings dem Theriak<a id="FNanchor_240_240"></a><a href="#Footnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> gleich -sahe; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen -Materi und mischets unter ein gemeines Trinkgläslein neuen -Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen Zweenbatzenwein), -davon er so dick und gelb wurde, daß er schier einer -widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl -sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit -ein einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der -milchfarbe neue Wein sich alsobalden veränderte, alle noch in -sich habende unvergohrne <span class="antiqua">faeces</span><a id="FNanchor_241_241"></a><a href="#Footnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> zu Boden fallen ließe und -wie ein alter abgelegner Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. -Er sahe wol, daß ich keinen sonderlichen Lust zu seinem -Getränk trug, sagte derowegen, ich solte kecklich trinken, -es würde mir nichts schaden; und als ich mich überreden ließe, -den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich kräftig und -gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein getrunken -hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser gewesen. -Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den -Armeniern gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, -sonst an sich selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal -vor mir stehen hatte, von diesem Elixir, wie ers nennet, -bei weitem nicht so gut wurde als ein gemeiner neuer; dessen -gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch völliger bei -einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, -noch nichts darvon verloren hätte.</p> - -<p>Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander -discurirten, da trat ein alter Kronzer<a id="FNanchor_242_242"></a><a href="#Footnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a> mit einem Stelzfuß -zur Stuben hinein, den die eingenommene Kälte auch -gleich wie mich zum Stubenofen triebe. Er hatte sich kaum -ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige hervorzog, -dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher -striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, -daß einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt -glauben müssen, es wären dreierlei Saitenspiel untereinander -gewesen. Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet -und hatte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt, - <span class="pagenum"><a id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -dann sein magere Gestalt bezeugte, daß er sich mit den -Schmalhansen betragen<a id="FNanchor_243_243"></a><a href="#Footnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a>, und seine ausgefallene Haar, daß er -noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der -Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo -hastu dein anderes Bein gelassen?«</p> - -<p>»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«</p> - -<p>Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«</p> - -<p>»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, -»dann jetzt freurt<a id="FNanchor_244_244"></a><a href="#Footnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch -nur einen Schuch und einen Strumpf.«</p> - -<p>»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der -Springinsfeld?«</p> - -<p>»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich -der Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, -alte Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«</p> - -<p>»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche -ich bereits vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret -habe. Hastu nicht damals einen Cameraden gehabt unter -denen daselbst gelegenen Dragonern, der sich Simplicius genennet?«</p> - -<p>Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: -»Und eben derselbe Simplicius bin ich.«</p> - -<p>Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich -der Hagel erschlag!«</p> - -<p>»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, -daß du allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so -rohe, gottlos und ungeheißen<a id="FNanchor_245_245"></a><a href="#Footnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a> bist, deinen alten Cameraden -mit einem solchen Wunsch zu bewillkommen?«</p> - -<p>»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß -besser gemacht«, sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht -zu einem Heiligen worden?«</p> - -<p>Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, -so hab ich mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der -Jahr die böse Sitten der unbesonnenen Jugend abzulegen, und -bin der Meinung, solches würde deinem Alter auch anständiger -sein als Fluchen und Gottslästern.«</p> - -<p>»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, -»vergeb mir vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr - <span class="pagenum"><a id="Seite_135">[S. 135]</a></span> -mit dir um nichts, es seien dann etwan ein paar Kandel -Wein, zu disputiren.«</p> - -<p>Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen -zu uns an Tisch gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, -knüpfte denselbigen auf, ferners sagende: »Und damit du -nicht etwan vermeinen möchtest, der bettelhafte Springinsfeld -wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab ich auch noch ein -paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.«</p> - -<p class="pmb3">Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den -Tisch, welche ich etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl -dem Hausknecht, ihme auch eine Maß Wein herzubringen, -welches aber Simplicius nicht zugeben wolte, sonder brachte -ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit dem Gelde -viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er dergleichen -wol mehr hätte gesehen.</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_233_233"></a><a href="#FNanchor_233_233"><span class="label">[233]</span></a> <em class="gesperrt">gedenken</em>, denken an etwas.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_234_234"></a><a href="#FNanchor_234_234"><span class="label">[234]</span></a> <em class="gesperrt">im Pfenningwerth zehren</em>, -einzelne Gerichte verzehren, wobei der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, -etwa wie jetzt <span class="antiqua">à la carte</span> essen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_235_235"></a><a href="#FNanchor_235_235"><span class="label">[235]</span></a> <em class="gesperrt">vor</em>, zuvor.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_236_236"></a><a href="#FNanchor_236_236"><span class="label">[236]</span></a> <em class="gesperrt">aufreiben</em>, -vertilgen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_237_237"></a><a href="#FNanchor_237_237"><span class="label">[237]</span></a> <em class="gesperrt">Chili</em>, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt, wie -das angrenzende Patagonien.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_238_238"></a><a href="#FNanchor_238_238"><span class="label">[238]</span></a> <em class="gesperrt">Chica</em>, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_239_239"></a><a href="#FNanchor_239_239"><span class="label">[239]</span></a> <em class="gesperrt">Electuarium</em>, Latwerge.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_240_240"></a><a href="#FNanchor_240_240"><span class="label">[240]</span></a> <em class="gesperrt">Theriak</em>, Gegenmittel gegen (thierische) -Gifte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_241_241"></a><a href="#FNanchor_241_241"><span class="label">[241]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">faeces</span></em>, Hefen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_242_242"></a><a href="#FNanchor_242_242"><span class="label">[242]</span></a> <em class="gesperrt">Kronzer</em>, Grunzer, Schnorrer, Bettler.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_243_243"></a><a href="#FNanchor_243_243"><span class="label">[243]</span></a> <em class="gesperrt">sich betragen</em>, sich behelfen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_244_244"></a><a href="#FNanchor_244_244"><span class="label">[244]</span></a> <em class="gesperrt">freurt</em>, friert (mhd. <span class="antiqua">vriust</span>).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_245_245"></a><a href="#FNanchor_245_245"><span class="label">[245]</span></a> <em class="gesperrt">ungeheißen</em> (unaufgefordert), dreist, frech.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_dritte_Capitel">Das dritte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.</p> -</div> - - -<p>Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen -unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von -welchen ich in Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams -Dings gelesen, und von denen ich aus Anstalt der Courage -selbst dergleichen geschrieben. Als sich ihre Wortwechslung geendigt -und Simplicius ein Glas voll Wein heraus gehoben, -das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken hatte, -da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und -Jugend nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht -hielte. Er stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, -wo ich zuvor und nach mir auch Springinsfeld gestanden, -gleichsam als wann alle ankommende Gäste zuvor dorthin -hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen dörfen; -und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn -Zweifel ein Rebmann<a id="FNanchor_246_246"></a><a href="#Footnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> war; dieser ruckte vor jenem die Kappe - <span class="pagenum"><a id="Seite_136">[S. 136]</a></span> -und sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen -Reichsthaler geben, damit ich mein Kärst<a id="FNanchor_247_247"></a><a href="#Footnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> aus der Schmieden -lösen möge, alwo ich sie hab gerben<a id="FNanchor_248_248"></a><a href="#Footnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a> lassen.«</p> - -<p>»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was -machstu mit der Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, -man gerbe sie in der Mühlen.«</p> - -<p>»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur.</p> - -<p>»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu -dann, ich sei taub? Mich wundert nur, was du damit in der -Schmieden machst, sintemal man die Gersten in der Mühl zu -gerben oder zu röllen<a id="FNanchor_249_249"></a><a href="#Footnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> pflegt.«</p> - -<p>»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von -keiner Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.«</p> - -<p>»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, -und zählet damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den -er auch gleich in seine Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: -Sollestu ein Schaffner über Rebleut sein und weist noch -nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem Bauren, daß er -solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor Creaturen -wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius -aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, -daß er hotzelte<a id="FNanchor_250_250"></a><a href="#Footnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a>, welches auch das erste und letzte Gelächter -war, das ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte -sich sonst gar ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben -und mannlichen Stimme, viel lieblicher und freundlicher, als er -aussahe, wiewol er auch mit den Worten gar gesparsam umgieng. -Springinsfeld hingegen verlangte die Ursach solches -Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio zu bitten, -biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene Wort -des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch -wegen eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen -Jugend, zwar wider seinen Willen, angestellet, wessentwegen -er gleichwol ziemliche Stöße eingenommen.</p> - -<p>»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld.</p> - -<p>»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch -zu einer eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige - <span class="pagenum"><a id="Seite_137">[S. 137]</a></span> -Gelächter halte, ohne welches ihr aber die Histori nit anhören -könnet, dann ich würde mich auf solchen Fall mit fremder -Sünde beladen.«</p> - -<p>Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch -mein hochgeehrter Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so -manchen lächerlichen Schwank eingebracht; warum wolte er -dann jetzt seinen alten Cameraden zu Gefallen ein einzige -lächerliche Geschicht nicht erzählen?«</p> - -<p>»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand -mehr die Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr -ein Kleid anzuziehen, dardurch sie bei den Menschen angenehm -verbliebe, und dasjenig gutwillig gehöret und angenommen -würde, was ich hin und wider an der Menschen Sitten zu -corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund, er sei -versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich -besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten -all zu frei gangen.«</p> - -<p>Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den -Menschen angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern -Thieren zum Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, -wie wir dann lesen, daß der lachende Democritus<a id="FNanchor_251_251"></a><a href="#Footnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a> in guter -Gesundheit 109 Jahr alt worden, dahingegen der weinende -Heraclitus<a id="FNanchor_252_252"></a><a href="#Footnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a> in frühem Alter eines elenden Tods und zwar in -einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine Glieder zu -heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca<a id="FNanchor_253_253"></a><a href="#Footnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a> <span class="antiqua">in libro de -tranquillitate vitæ</span>, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt, -vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito -nachfolgen soll.«</p> - -<p>Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen -so wol als das Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit -zu lachen oder allzeit zu weinen, wie diese beide Männer gethan, -wäre eine Thorheit; dann alles hat seine Zeit. Gleichwol -aber ist das Weinen dem Menschen mehr als das Lachen -angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf die -Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des - <span class="pagenum"><a id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -Königs Zoroastris<a id="FNanchor_254_254"></a><a href="#Footnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a>, der, wie er geborn, alsbald gelacht, so -zwar von Nerone<a id="FNanchor_255_255"></a><a href="#Footnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a> auch gesagt wird), sonder es hat der Herr -Christus unser Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß -er jemals gelacht, wird in H. Schrift nirgends gefunden, sonder -hat vielmehr gesagt: Selig seind, die weinen und Leid tragen, -dann sie werden getröst werden! Seneca, als ein Heid, -mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir Christen -aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu -weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, -daß auf die Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen -folgen wird.«</p> - -<p>»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit -glaube, du seiest ein Pfaff worden!«</p> - -<p>»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst -du das Herz haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, -wann du mit deinen eignen Augen das Widerspiel sihest? -Weist du auch wol, was ein Eid ist?«</p> - -<p>Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um -Verzeihung; dann Simplici Mienen waren so ernsthaft und -bedrohenlich, daß er einen jeden damit erschröcken konte. Ich -aber sagte zu demselbigen: »Weil meines hochgeehrten Herrn -Reden und Schriften voller Sittenlehren stecken, so muß ohne -Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit einem so herzlichem -Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und etwas -Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch -ohnbeschwert erzählen.</p> - -<p>»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet<a id="FNanchor_256_256"></a><a href="#Footnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> sie, als -daß einer, so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und -Wort gebrauchen soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind -verstehe und in der Eil einen richtigen Bescheid darüber geben -könne; sodann, daß einer, der gefragt worden, die Frag aber -nicht eigentlich und gewiß verstanden, nit alsobald antworten, -sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er von höherer -Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend -begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch -Page beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals - <span class="pagenum"><a id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -ansehenliche Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische -befanden, denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen -ließe. Die Fremde und Heimische waren gleichsam in zwo -Parteien unterschieden, einander wie in einer Battalia mit -Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund auf und -verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect -aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die -Cavalier aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends -aufzufüllen, daß sich auch etliche mit dem Rucken an die -Stubthür lehneten, damit ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, -welches mich an diejenige Marter ermahnet, darmit -Tiberius<a id="FNanchor_257_257"></a><a href="#Footnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a>, der römische Kaiser, viel Leut getödtet; dann wann -er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie zuvor zu vielem -Trinken nöthigen, ihnen hernach die <span class="antiqua">s. h.</span> Harngäng dermaßen -vernußbicklen<a id="FNanchor_258_258"></a><a href="#Footnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a>, daß sie den Urin nicht lassen könten, sonder -endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich -entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde -hatte, als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn -Zweifel gewaltig drängte, liefe er wie ein Hund aus der -Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet worden, in welcher -Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete, fragende: -«Kleiner, wo ist das Secret?»</p> - -<p>»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel<a id="FNanchor_259_259"></a><a href="#Footnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a>, was -ein Secret war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, -welche wir Gret nanten, die sonst aber Margaretha -hieße und sich eben damals beim Frauenzimmer befand, dahin -sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm hinten am Gang -das Gemach und sagte: ›Dort drinnen.‹«</p> - -<p class="pmb3">»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter -Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er -war so fertig, daß das Thüraufmachen, das Hineintreten und -der Anbruch des strengen Wasserflusses in einem Augenblick -miteinander geschahe in Ansehung und Gegenwart des ganzen -Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und -wie sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. -Ich kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; -der Officier aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit -mir geredet.«</p> - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_246_246"></a><a href="#FNanchor_246_246"><span class="label">[246]</span></a> <em class="gesperrt">Rebmann</em>, Weinbauer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_247_247"></a><a href="#FNanchor_247_247"><span class="label">[247]</span></a> <em class="gesperrt">Kärst</em>, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den Weinbergen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_248_248"></a><a href="#FNanchor_248_248"><span class="label">[248]</span></a> <em class="gesperrt">gerben</em>, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten: entkörnen, also -doppelsinnig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_249_249"></a><a href="#FNanchor_249_249"><span class="label">[249]</span></a> <em class="gesperrt">röllen</em>, durch Rollen enthülsen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_250_250"></a><a href="#FNanchor_250_250"><span class="label">[250]</span></a> <em class="gesperrt">hotzeln</em> (schaukeln, -wiegen), sich schütteln.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_251_251"></a><a href="#FNanchor_251_251"><span class="label">[251]</span></a> <em class="gesperrt">Demokritos</em> von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr. Das Hauptziel -der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage, die ihn den -lachenden nennt (γελασῖνος).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_252_252"></a><a href="#FNanchor_252_252"><span class="label">[252]</span></a> <em class="gesperrt">Heraklitos</em> aus Ephesus, 500 v. Chr., -wegen der ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_253_253"></a><a href="#FNanchor_253_253"><span class="label">[253]</span></a> <span class="antiqua">L. Ann. Seneca, de tranquillitate <em class="gesperrt">animi</em>, cap. 15: Democritum potius -imitemur quam Heraclitum.</span></p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_254_254"></a><a href="#FNanchor_254_254"><span class="label">[254]</span></a> <em class="gesperrt">Zoroastris</em>, nach Plinius, <span class="antiqua">hist. natur. VII, 15, fin.</span></p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_255_255"></a><a href="#FNanchor_255_255"><span class="label">[255]</span></a> <em class="gesperrt">Nero.</em> Grimmelshausen's -Quelle? Plinius weiß nichts davon; er sagt in angeführter Stelle: -<span class="antiqua">risisse — <em class="gesperrt">unum</em> hominem accepimus</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_256_256"></a><a href="#FNanchor_256_256"><span class="label">[256]</span></a> <em class="gesperrt">lernen</em>, lehren, wie gewöhnlich -bei Grimmelshausen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_257_257"></a><a href="#FNanchor_257_257"><span class="label">[257]</span></a> <em class="gesperrt">Tiberius Nero</em>, Suet., <span class="antiqua">Tiber. cap. 62</span>, hatte diese Marter erfunden, -<span class="antiqua">ut larga meri potione oneratos repente veretris <em class="gesperrt">deligatis</em> fidiculorum -simul et urinae tormento distenderet</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_258_258"></a><a href="#FNanchor_258_258"><span class="label">[258]</span></a> <em class="gesperrt">vernußbicklen</em> heißt demnach: -fest unterbinden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_259_259"></a><a href="#FNanchor_259_259"><span class="label">[259]</span></a> Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift -dieses Namens.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_vierte_Capitel">Das vierte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den -Aufzug der Courage.</p> -</div> - - -<p>Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese -Histori nicht auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; -er aber antwortet mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen -hinein bringen hätte sollen, so wäre sein Buch größer -worden als des Stumpfen Schweizerchronik<a id="FNanchor_260_260"></a><a href="#Footnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a>; überdas reue -ihn, daß er so viel lächerlich Ding hinein gesetzt, weil er sehe, -daß es mehr gebraucht werde, anstatt des Eulnspiegels die -Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus zu lernen. -Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche hielte, -und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich -antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige -zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider -das Buch, sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, -dabei auch des Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht -worden, so hätte ich doch das Buch weder gelobt noch getadelt, -sonder damals gelernet, daß derjenig, so übermannet sei, sich -nach derjenigen Willen und Anmuthung schicken müste, in deren -Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt und meiner -Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche Mundart -andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig -und unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit -angehöret, als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, -da ich ihn nennete, sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt -ich di dußa, i wottar da garint<a id="FNanchor_261_261"></a><a href="#Footnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a> rüra!«</p> - -<p>Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: -du alter Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest -belebten<a id="FNanchor_262_262"></a><a href="#Footnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a> und unserm Muthwillen nach gleichsam über das - <span class="pagenum"><a id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -ganze Land herrschten. Du must jetzt mit deiner Stelzen nach -einer andern Pfeifen tanzen, oder gewärtig sein, wann du es -zu grob machst, daß man dir einen steinernen oder wol gar -einen spanischen Mantel<a id="FNanchor_263_263"></a><a href="#Footnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a> anlegt. In dieser freien Stadt -stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber -über die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder -büßen.«</p> - -<p>Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann -gemüßiget hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich -verwundere ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds -gedacht werden müssen, neben welchem er doch die Tage seines -Lebens über drei Vierteljahr nicht zugebracht. Ich antwortet: -»Wann ihm mein hochgeehrter Herr, wie ich mich dann keines -andern versehe, die Wahrheit gefallen lassen und mir, was ich -gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem importunen Springinsfeld, -dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir vorlängst -andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden so -wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich -auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, -wann ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten -beschaffen zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor -Augen sehe, daß ich seinetwegen keine Feder angesetzt haben -wolte, und solten mir gleich die Zigeuner den Hals zerbrochen -haben.«</p> - -<p>Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu -hören, was ich vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: -»Mein Freund, es wäre ein dumme Unbesonnenheit, ja wider -alle Gerechtigkeit und die Darstellung eines tyrannischen Sinns, -wann wir einander<a id="FNanchor_264_264"></a><a href="#Footnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a> strafen wolten um Sachen, die wir selbst -begangen. Hat er in seinem Schreiben meine Laster gerüttelt, -so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe andern -die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig -sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt. -Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann -nicht tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, -solche Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich -sie gesehen, in meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er - <span class="pagenum"><a id="Seite_142">[S. 142]</a></span> -erzähle nur her; ich versprich und versichere alles, was er von -mir begehrt und gebeten.« Ich antwortet: »Ich möchte gleich -reden oder schweigen, so würde doch bald weltkündig werden, -was ich zu schreiben mich zwingen lassen müssen.«</p> - -<p>Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte -ihn, ob er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage -genant worden. Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie -der Donner! Lebt das Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere -Bestia seit Erschaffung der Welt von der lieben Sonnen -niemal beschienen worden!« »Ei, ei«, sagte Simplicius zu -ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige unbesonnene -Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch -nur fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich -so herzlich zu hören verlange.«</p> - -<p>Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald -müd gehört haben, dann dieses ist eben diejenige, deren er im -sechsten Capitul des fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung -selbst gedacht hat.«</p> - -<p>»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was -er von ihr weiß, und schone meiner auch nit!«</p> - -<p>Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius -wissen wolte.</p> - -<p>»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, -einen ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg -begriffen, mich aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, -und zwar auf hieher zu begeben, entweder als ein armer -Schüler Präceptorsweis, wie es hier gebräuchlich, meine Studien -fortzusetzen, oder auf Recommendation meiner Verwandten, von -denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir hatte, einen -Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des -Schwarzwaldes von Krummenschiltach<a id="FNanchor_265_265"></a><a href="#Footnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a> hieherwarts wanderte, -sahe ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen -mir avanzirn, welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, -mich auch nicht betrogen fande; und weil ich ihnen -nit trauete, verbarg ich mich in eine Hecke, da sie zum allerdicksten -war. Aber weil diese Bursch viel Hunde, so wol -Stäuber<a id="FNanchor_266_266"></a><a href="#Footnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a> als Winde bei sich hatten, spürten mich dieselbige -gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück - <span class="pagenum"><a id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -Wildbret vorhanden gewest wäre.« »Das höreten ihre Herren -alsobalden und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren -auf mich zu. Einer stellte sich hieher, der -ander dorthin, wie auf einem Gejaid<a id="FNanchor_267_267"></a><a href="#Footnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a>, da man dem bestäten<a id="FNanchor_268_268"></a><a href="#Footnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a> -und aufgetriebenen Wild aufpasset. Als ich nun solche meine -Gefahr vor Augen sahe, zumalen die Hunde auch allbereit an -mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich auch an zu schreien, -als wann man mir allbereit das Weidmesser an die Gurgel -gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber, Knaben -und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich<a id="FNanchor_269_269"></a><a href="#Footnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a>, daß ich -nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen -oder von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor -Forcht ein, sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich -an einsamen Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, -damit ihre Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch -wie noch<a id="FNanchor_270_270"></a><a href="#Footnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> Wunder, und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, -denen das Wild und die jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, -daß sie ihre Länder mit bei sich habenden Hunden und Gewehr -von diesem beschreiten Diebsgesindel also durchstreichen -lassen!«</p> - -<p class="pmb3">»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie -ein armer Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er -selbst nicht weiß, ob er noch lebendig oder bereits halb todt -seie, sihe, da kam ein prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel -daher geritten, dergleichen ich mein Tage nicht gesehen, noch -von einer solchen gehöret hatte, wessentwegen ich sie dann, wo -nicht gar vor die Königin, doch wenigst vor eine vornehme -Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste. Sie schiene -eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie ich -seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. -Sie hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, -sonder etwas falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold -und Edelgesteinen wie mit einer Kron zusammen gefaßt, an -dessen Statt andere Zigeunerinn nur einen schlechten Bendel -oder, wans wol abgehet, einen Flor oder Schleier oder auch -wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem annoch -frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend - <span class="pagenum"><a id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -nicht häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk -von Gold und geschmelzter Arbeit<a id="FNanchor_271_271"></a><a href="#Footnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a>, mit Diamanten besetzt, -und um den Hals eine Schnur voll Zahlperlen<a id="FNanchor_272_272"></a><a href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a>, deren -sich keine Fürstin hätte schämen dörfen. Ihre Serge<a id="FNanchor_273_273"></a><a href="#Footnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a> war von -keinem groben Teppich, sonder von Scharlach und durchaus -mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher aber, wie ihr -Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war, mit silbernen -Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch -Wams an, aber wol ein Paar lustiger<a id="FNanchor_274_274"></a><a href="#Footnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a> polnischer Stiefel; ihr -Hemd war schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat<a id="FNanchor_275_275"></a><a href="#Footnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a>, überall -um die Näthe mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier -ausgenähet, woraus sie hervor schiene wie eine Heidelbeer in -einer Milch. So trug sie auch ihr langes Zigeunermesser nicht -verborgen unterm Rock, sondern offentlich, weil sichs seiner -Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich die -Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten -Schachtel seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu -Pferd, gesagt) überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch -noch biß auf diese Stund in meiner Einbildung sehen kann, -wann ich will.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_260_260"></a><a href="#FNanchor_260_260"><span class="label">[260]</span></a> Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer Chronik, -1548, ist ein umfangreicher Foliant.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_261_261"></a><a href="#FNanchor_261_261"><span class="label">[261]</span></a> <em class="gesperrt">garind</em>, grind, Kopf.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_262_262"></a><a href="#FNanchor_262_262"><span class="label">[262]</span></a> <em class="gesperrt">belebten</em>, -verlebten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_263_263"></a><a href="#FNanchor_263_263"><span class="label">[263]</span></a> <em class="gesperrt">spanischer Mantel</em>, ein schwerer Zuber mit einem Loch im Boden, -den der Delinquent tragen mußte; mit einem <em class="gesperrt">steinernen Mantel</em> ist das -Gefängniß gemeint.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_264_264"></a><a href="#FNanchor_264_264"><span class="label">[264]</span></a> Die ersten Drucke haben »von andern«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_265_265"></a><a href="#FNanchor_265_265"><span class="label">[265]</span></a> <em class="gesperrt">Krumm-Schiltach</em>, Baden, Oberrheinkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_266_266"></a><a href="#FNanchor_266_266"><span class="label">[266]</span></a> <em class="gesperrt">Stäuber</em>, Stöber, Spürhund; <em class="gesperrt">Wind</em>, Windhund.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_267_267"></a><a href="#FNanchor_267_267"><span class="label">[267]</span></a> <em class="gesperrt">Gejaid</em>, Jagd.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_268_268"></a><a href="#FNanchor_268_268"><span class="label">[268]</span></a> <em class="gesperrt">bestäten</em>, bestätigen, das Vorhandensein eines -Wildes an einem bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_269_269"></a><a href="#FNanchor_269_269"><span class="label">[269]</span></a> <em class="gesperrt">werklich</em>, spaßhaft, wunderlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_270_270"></a><a href="#FNanchor_270_270"><span class="label">[270]</span></a> <em class="gesperrt">wie noch</em>, wie jetzt noch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_271_271"></a><a href="#FNanchor_271_271"><span class="label">[271]</span></a> <em class="gesperrt">Geschmelzte Arbeit</em>, Schmelz, Email.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_272_272"></a><a href="#FNanchor_272_272"><span class="label">[272]</span></a> <em class="gesperrt">Zahlperlen</em>, die größten, -die nicht nach dem Gewicht, sondern nach der Zahl verkauft werden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_273_273"></a><a href="#FNanchor_273_273"><span class="label">[273]</span></a> <em class="gesperrt">Serge</em>, deutsch Sarsche, leichtes Tuch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_274_274"></a><a href="#FNanchor_274_274"><span class="label">[274]</span></a> <em class="gesperrt">lustig</em>, reizend, hübsch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_275_275"></a><a href="#FNanchor_275_275"><span class="label">[275]</span></a> <em class="gesperrt">Aurach</em>, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon damals bedeutende -Leinenindustrie.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_funfte_Capitel">Das fünfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.</p> -</div> - - -<p>»Nun diese tolle<a id="FNanchor_276_276"></a><a href="#Footnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> Zigeunerin, welche von den andern eine -gnädige Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der -Dame von Babylon gehalten wurde, wann sie nur auf einem -siebenköpfigen Drachen gesessen und ein wenig schöner gewesen -wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner weißer junger Gesell, -was machstu hier so gar allein und so weit von den Leuten?»</p> - -<p>»Ich antwortet: ›Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich -komm von Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an -den Rheinstrom in eine Stadt zu reisen, entweder daselbst ein -mehrers zu studieren, oder einen Dienst zu bekommen, dann ich -bin ein armer Schuler.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>»›Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu -mir nicht ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und -etwas schreiba? Ich wolte dir alle Tag ein Reichsthaler -geben.‹«</p> - -<p>»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; -wer weiß aber, was du schreiben solst! So großes -Anerbieten ist vor suspect zu halten. Und wann sie nicht -selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten solte, so hätte ich -vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen, das mich -durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation -der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: -Wann es mir nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, -was sie begehrt.«</p> - -<p>»›Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir -gar nichts schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will -dir darneben auch Essen und Trinken geben, so gut ichs hab, -biß du fertig sein wirst.‹«</p> - -<p>»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als -der Beutel öd von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß -wie ein Gefangner war, sihe, so schlendert ich mit dahin und -zwar in einem dicken Wald, da wir die erste Nacht logirten, -allwo sich allbereit etliche Kerl befanden, die einen schönen -Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein Feuermachens, -Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach vollkommen -versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also -nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser -wurde ein Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie -auf ihrem Maulesel unterm Sattel führet; sie aber führte -mich etwas beiseits, setzte sich unter einen Baum, hieße mich -zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi Lebensbeschreibung -hervor.«</p> - -<p>»›Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem -diß Buch handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack -angethan, der mir die Tage meines Lebens jemal widerfahren, -welches mich dergestalt schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm -seine Buberei ungerochen hingehen zu lassen; dann nachdem -er meiner gutwilligen Freundlichkeit genug genossen, hat sich -der undankbare Vogel (mein hochgeehrter Herr verzeihe mir, -daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut, nicht allein -mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten schlimmen -Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet, - <span class="pagenum"><a id="Seite_146">[S. 146]</a></span> -alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, -beides mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch -den offentlichen Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine -erste an mir begangene Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; -dann als ich vernommen, daß sich der schlimme Gast -verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen, welches meine Kammermagd -eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen mit -mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen -lassen, mit Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen -und geboren hätte, so er auch glauben, das Kind zu seinem -großen Spott annehmen und erziehen und sich noch darzu von -der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor welchen Betrug, -daß er mir so rechtschaffen angangen<a id="FNanchor_277_277"></a><a href="#Footnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a>, ich nicht 1000 Reichsthaler -nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden -vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger -Erb sein werde.‹«</p> - -<p>Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir -hier in die Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in -dergleichen Thorheiten meine Freud suchte, so würde mirs keine -geringe Ergetzung sein, daß ihr diese Närrin einbildet, sie habe -mich hiemit hinters Liecht geführt, da sie mir doch dardurch -den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit ihrem eitlen -Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals, als -ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei -ihr selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, -dessen ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol -im Gemüt nachartet, als im Angesicht und an Leibsproportion -gleichet, von derselben Kammermagd als einer losen Zigeunerin -geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein Exempel, -daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich selbst -betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung -folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich -die Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er -fahre in seiner Erzählung fort; was sagte sie ferners?«</p> - -<p>Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle -mir, ich solte mich ein wenig in meines hochgeehrten -Herrn Lebensbeschreibung informirn, um mich darnach haben -zu richten, dann sie wäre Willens, ihren Lebenslauf auf eben -diese Gattung durch mich beschreiben zu lassen, um solche - <span class="pagenum"><a id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren, und das -zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine begangene -Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere -Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, -aus dem Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser -obliegen möchte; sie wolte indessen Schreibzeug und Papier -zur Hand bringen und mich nach vollendter Arbeit dergestalt -belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein müste.«</p> - -<p>»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu -thun, als zu lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit -ich auch meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz -expedirte. Da es aber den dritten Tag an ein Schreibens -gehen solte, wurde es unversehens Alarm, nit daß uns jemand -angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein einzige<a id="FNanchor_278_278"></a><a href="#Footnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a> Zigeunerin -in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam, die eine -reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen, -Göttelgeld<a id="FNanchor_279_279"></a><a href="#Footnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a> und allerhand Sachen, so man den Kindern zur -Zierde um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da -war ein seltzam Gewelsch<a id="FNanchor_280_280"></a><a href="#Footnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a> zu hören und ein geschwinder Aufbruch -zu sehen. Die Courage (dann also nennet sich diese -allervornehmste Zigeunerin selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte -die Ordre und theilet das Lumpengesindel in unterschiedliche -Troupen aus, mit Befelch, welche Wege diese oder jene brauchen, -auch wie, wo und wann sie wieder an einem gewissen Ort, -den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten. Als nun -die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber -zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten -und zwar eitel<a id="FNanchor_281_281"></a><a href="#Footnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a> wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen -den Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen -schnellen Eil, als wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro -deswegen ein ganzes Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch -nicht auf zu fliehen, und zwar als<a id="FNanchor_282_282"></a><a href="#Footnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> auf der obersten Höhe des -Schwarzwalds, biß wir das Schutter-, Kinzcher-, Peters-, -Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder- und Bieler-Thal<a id="FNanchor_283_283"></a><a href="#Footnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a> passirt -und die hohe und große Waldungen über der Murg<a id="FNanchor_284_284"></a><a href="#Footnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a> erlangt -hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager aufgeschlagen. - <span class="pagenum"><a id="Seite_148">[S. 148]</a></span> -Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd untergegeben<a id="FNanchor_285_285"></a><a href="#Footnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a>, -darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng: -Wer selten reit &c.<a id="FNanchor_286_286"></a><a href="#Footnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a>«</p> - -<p>»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir -in 13 Pferden und eitel Männern und Weibern, aber in keinen -Kindern bestunde, alles Vermögen der übrigen Zigeuner, -so viel sie an Gold, Silber und Kleinodien zusammen gestohlen, -mit sich führte und verwahrte. Ueber nichts verwundert -ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick<a id="FNanchor_287_287"></a><a href="#Footnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a>, Weg und Steg -an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß -bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt -war, ja ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. -Noch dieselbe Nacht, als wir kaum ein wenig gessen und geruhet -hatten, wurden zwei Weiber in die Landstracht verkleidet -und gegen Horb<a id="FNanchor_288_288"></a><a href="#Footnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a> geschickt, Brod zu holen, unterm Vorwand, -als wann sie solches vor einen Dorfwirth einkauften, wie dann -ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach<a id="FNanchor_289_289"></a><a href="#Footnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a> ritte, der uns gleich den -andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem Vorgeben -nach von einem Rebmann gekauft hatte.«</p> - -<p class="pmb3">»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die -gottlose Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie -es intitulirt, oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung -in die Feder zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, -sonder brauchte eine solche Manier, die ihren klugen Verstand -und dann auch dieses genugsam zu verstehen gab, daß sie auch -bei Leuten gewesen und sich mit wunderbarer Verwandelung -der Glücksfäll weit und breit in der Welt umgesehen und viel -darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie überaus -rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse<a id="FNanchor_290_290"></a><a href="#Footnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> selbst -in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann -auch besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren<a id="FNanchor_291_291"></a><a href="#Footnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a>, zu ihrer -eignen Hand<a id="FNanchor_292_292"></a><a href="#Footnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a> hat schreiben lassen; von welchem ich weiters -nichts melden, sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn -Zweifel bald drucken lassen wird, bezogen haben will.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_276_276"></a><a href="#FNanchor_276_276"><span class="label">[276]</span></a> <em class="gesperrt">toll</em>, keck und auffallend gekleidet.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_277_277"></a><a href="#FNanchor_277_277"><span class="label">[277]</span></a> <em class="gesperrt">angehen</em>, gelingen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_278_278"></a><a href="#FNanchor_278_278"><span class="label">[278]</span></a> <em class="gesperrt">einzig</em>, einzeln.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_279_279"></a><a href="#FNanchor_279_279"><span class="label">[279]</span></a> <em class="gesperrt">Göttelgeld</em>, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, -Pathe.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_280_280"></a><a href="#FNanchor_280_280"><span class="label">[280]</span></a> <em class="gesperrt">Gewelsch</em>, Sprachverdrehen, von <em class="gesperrt">welschen</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_281_281"></a><a href="#FNanchor_281_281"><span class="label">[281]</span></a> <em class="gesperrt">eitel</em>, -(nicht anders als) durchaus.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_282_282"></a><a href="#FNanchor_282_282"><span class="label">[282]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, stets, fortwährend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_283_283"></a><a href="#FNanchor_283_283"><span class="label">[283]</span></a> sämmtlich in -Baden, Mittelrheinkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_284_284"></a><a href="#FNanchor_284_284"><span class="label">[284]</span></a> Die <em class="gesperrt">Murg</em>, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des -Kniebis entspringend, bei Rastatt mündend.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_285_285"></a><a href="#FNanchor_285_285"><span class="label">[285]</span></a> <em class="gesperrt">untergeben</em>, zum Reiten geben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_286_286"></a><a href="#FNanchor_286_286"><span class="label">[286]</span></a> Das Sprichwort lautet: Wer selten -reitet, dem thut der A. weh.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_287_287"></a><a href="#FNanchor_287_287"><span class="label">[287]</span></a> <em class="gesperrt">Rick</em>, Rück, Rücken, Höhenzug.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_288_288"></a><a href="#FNanchor_288_288"><span class="label">[288]</span></a> <em class="gesperrt">Horb</em>, -Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_289_289"></a><a href="#FNanchor_289_289"><span class="label">[289]</span></a> <em class="gesperrt">Gernsbach</em> in Baden, Mittelrheinkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_290_290"></a><a href="#FNanchor_290_290"><span class="label">[290]</span></a> <em class="gesperrt">Anacharsis</em>, ein Scythe, der auf seinen Reisen in Griechenland -Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit der Lebensweise. Er lernte -auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr wurde er von seinem Bruder Saulios -getödtet, weil er griechischen Götterdienst einführen wollte. Herodot, <span class="antiqua">IV</span>, -76. Cicer. <span class="antiqua">Tusc.</span> B. 32. 90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich -nirgends ein Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten -Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an -den Schluß des vorhergehenden Satzes.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_291_291"></a><a href="#FNanchor_291_291"><span class="label">[291]</span></a> <em class="gesperrt">verehren</em>, <span class="antiqua">trans.</span>, um dem Herrn -damit ein Geschenk zu machen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_292_292"></a><a href="#FNanchor_292_292"><span class="label">[292]</span></a> <em class="gesperrt">zu ihrer eigenen Hand</em>, in ihrem Namen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_sechste_Capitel">Das sechste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den -er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.</p> -</div> - - -<p>Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag -kommen wäre, und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. -Ich antwortet: »Soviel ich mich noch zu erinnern weiß, ist -sie, wie ich bereits gemeldet, in Italia seine Matreß oder, -allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht gewesen, maßen -sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese Schandvettel -angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.«</p> - -<p>»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte -Springinsfeld, »oder ich schmeiß dir Blackscheißer<a id="FNanchor_293_293"></a><a href="#Footnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a>, der Teufel -soll sterben, die Kandel<a id="FNanchor_294_294"></a><a href="#Footnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> übern Kopf, daß dir der rothe Saft -hernach gehet!«</p> - -<p>Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. -Aber Simplicius war eben so geschwind und weit stärker als -er, auch eines andern Sinns, enthielte ihne derowegen vom<a id="FNanchor_295_295"></a><a href="#Footnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a> -Streich und bedrohete ihn, ihn zum Fenster hinaus zu werfen, -wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen kam der -Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher -Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter -und Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer -solcher Händel oder wol gar uns alle drei an ein ander -Ort führen solten. Ob ich nun gleich hierauf vor Angst zitterte -und so still wurde wie ein Mäusel, so wolte ich doch -gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum Ammeister<a id="FNanchor_296_296"></a><a href="#Footnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a> -gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen; -aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen -und einige davon zu kriegen verhoffte, sprach mir neben - <span class="pagenum"><a id="Seite_150">[S. 150]</a></span> -Simplicio so freundlich zu, daß ichs unterwegen ließe, wiewol -Springinsfeld noch immerhin wie ein alter böser Hund gegen -mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, daß -ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene -Schmach vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein -solte, so lang ich nur<a id="FNanchor_297_297"></a><a href="#Footnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> selber wolte.</p> - -<p>Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann -wieder von den so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, -und mit was vor Geschäften dieselbige ihre Zeit in den Wäldern -passirt hätten. Ich antwortet: »Mit Essen, Trinken, -Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen<a id="FNanchor_298_298"></a><a href="#Footnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a>, Singen, -Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit -war Kochen und Feuern, ohne<a id="FNanchor_299_299"></a><a href="#Footnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> daß etliche alte Hexen hie -und da saßen, die junge im Wahrsagen oder vielmehr im -Liegen<a id="FNanchor_300_300"></a><a href="#Footnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a> zu unterrichten. Theils Männer aber giengen dem -Gewild nach, welches sie ohne Zweifel durch zauberische Segen -zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten Pulver, das -nicht laut kläpfte<a id="FNanchor_301_301"></a><a href="#Footnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a>, zu fällen wusten, maßen ich weder an Wild -noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir -waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine -Partei nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche -waren, die ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar -nit beim besten empfangen wurden, anticipirten bei der Courage -(ich schätze, aus ihrem allgemeinen Seckel) Geld; andere aber -brachten Beuten, und kein Theil gelangte an, das nicht entweder -Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns, Enten, Spanferkel, -Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit sich gebracht -hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten -einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen -Arbeit ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen -abgefertigt worden war. Und ich schätze, wie dann leicht zu -gedenken, daß sie obengedachte zahme Schnabelweid und das -kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer und Baurenhöfe -hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden hinweg -gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei -uns ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von -uns hinweg, zwar nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf - <span class="pagenum"><a id="Seite_151">[S. 151]</a></span> -andere Manieren bekleidet, je nachdem sie meines Davorhaltens -ein Diebsstück zu verrichten im Sinn hatten. Und dieses, -mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der Zigeuner, die -ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.</p> - -<p>»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem -hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder -auch erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der -Courage zu eben so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld -oder dem Simplicissimo selbsten.«</p> - -<p>»Ich dorfte<a id="FNanchor_302_302"></a><a href="#Footnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil -Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann -mochte ich mit andern spazieren gehen, spielen oder andere -Kurzweil haben, worzu sich dann alle gar geneigt und gesellig -gegen mir erzeigten; ja die Courage selbst leiste mir die mehrigste -Gesellschaft, dann bei diesen Leuten findet durchaus einige -Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz. Sie ermahnten -mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit -leben und auf den alten Kaiser<a id="FNanchor_303_303"></a><a href="#Footnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a>, doch vorsichtig und listig -genug, hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben -so geschwind als vortheilhaftig<a id="FNanchor_304_304"></a><a href="#Footnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> sich aus dem Staub machen. -Einsmals fragte mich Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. -Ich antwortet: Ueberaus wol! Und ob gleich alles erlogen -war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch noch ferner -dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch ein -Zigeuner zu sein.«</p> - -<p>»›Mein Sohn‹, sagte sie, ›wann du Lust hast, bei uns zu -bleiben, so ist der Sach bald geholfen.‹«</p> - -<p>»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die -Sprache könte.«</p> - -<p>»›Diß ist bald gelernet‹, sagte sie; ›ich hab sie ehe als in -einem halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich -will euch ein schöne Beischläferin zum Heurath verschaffen.‹«</p> - -<p>»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst -zu Rath gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser -Leben als hier zu kriegen getraute; des Studierens und Tag -und Nacht über den Büchern zu hocken, wäre ich schon vor -längsten müd worden; so möchte ich auch nicht arbeiten, viel - <span class="pagenum"><a id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches das Schlimmste -wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen Eltern -zu hoffen hätte.«</p> - -<p>»›Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn‹, sagte -das Rabenaas weiters, ›und kanst leicht hierbei abnehmen und -probieren, was unser Manier zu leben vor anderer Menschen -Leben vor einen Vorzug habe, wann du nämlich sihest, daß -kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem allergrößten -Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen -wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts -schätzen, die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch -verlangen.‹«</p> - -<p>»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, -was ihr Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser -Gestalt das Maul machte<a id="FNanchor_305_305"></a><a href="#Footnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a>, als wenn ich bei ihr verbleiben -wolte, hoffte ich desto ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, -und also Gelegenheit zu bekommen, mich wieder von -ihr abzuscheiblen<a id="FNanchor_306_306"></a><a href="#Footnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a>.«</p> - -<p>»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die -brachten eine junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als -die allerschönste aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese -machte so wol als andere bald Kundschaft zu mir (dann man -muß wissen, daß unter dieses Volks ledigen Leuten wegen -ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist, deren sie -sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte -sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich -wäre angangen<a id="FNanchor_307_307"></a><a href="#Footnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a>, wann mich nicht die Sorg, ich würde auch -hexen lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor -der Courage Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem -eignen Maul gehört hätte. Eben darum traute ich desto weniger -und sahe mich desto besser vor; doch erzeigte ich mich -gestältiger<a id="FNanchor_308_308"></a><a href="#Footnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> gegen ihr als gegen einer andern. Sie fragte mich -gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der Frau Gräfin, -dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als ich -ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die -Jungfer wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder -ich merkte auch an der Courage selbsten meiner Einbildung - <span class="pagenum"><a id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -nach, daß sie solche Frag an mich zu thun befohlen und also -meine Verschwiegenheit probiert hatte, dann sie ward mir immer -je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.«</p> - -<p>»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus -den Kleidern kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe -häufig bei mir einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner -Jungfer Zigeunerin klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich -gewaltig aus und nannte mich einen einfaltigen Tropfen; -aber den andern Morgen brachte sie eine Salbe, welche alle -Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend bei einem -Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren -lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte. -Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es -möchte mir gehen wie Apulejo<a id="FNanchor_309_309"></a><a href="#Footnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a>, welcher durch dergleichen -Schmiersel in ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte -mich aber das Ungeziefer so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden -kunte; dannenhero ward ich gezwungen, diese Salbung -zu gebrauchen, doch mit dieser Condition, daß sich die Jungfer -zuvor von mir schmieren lassen solte, und alsdann wolte ich -ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu solcher Verrichtung -nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein absonderlichs -Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.«</p> - -<p>»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe -ich mit Haut und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. -Ich wuste es noch nicht an mir, biß mich die Courage vexierte -und sagte: ›So, mein Sohn, ich sehe wol, du bist deinem -Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.‹«</p> - -<p>»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau -Mutter«, antwortet ich. Sie aber sagte: ›Beschaue deine -Hände!‹«</p> - -<p>»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem -sie mir eine Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze -selbst nicht mehr vor die meinige erkante, sonder darvor erschrak.«</p> - -<p>»›Diese Salbung, mein Kind‹, sagte sie, ›gilt bei uns so -viel, als bei den Türken die Beschneidung; und welche dich - <span class="pagenum"><a id="Seite_154">[S. 154]</a></span> -gesalbet hat, die mustu auch zum Weib haben, sie gefalle dir -gleich oder nicht.‹«</p> - -<p>»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an -zu lachen, daß sie hätten zerbersten mögen.«</p> - -<p>»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein -und Bein zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder -solte ich anders thun, als nach deren Willen mich zu accomodirn, -in welcher Gewalt ich damals war?«</p> - -<p>»›Hei‹, sagte ich, ›was geschneidts<a id="FNanchor_310_310"></a><a href="#Footnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> dann auch mich? Vermeinet -ihr dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein -großer Kummer? Höret nur auf zu lachen, und sagt mir darvor, -wann ich Hochzeit haben soll!‹«</p> - -<p>»›Wann du wilt, wann du wilt‹, antwortet Courage; ›doch -der Gestalt, wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben -können.‹«</p> - -<p>»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit -fertig, ohne<a id="FNanchor_311_311"></a><a href="#Footnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was -vor, Diebsstück darzu hätte setzen sollen, die sie verübet, seit -sie eine Zigeunerin worden. Derowegen begehrte ich gar höflich -die versprochene Bezahlung. Sie aber sagte: ›Ho, mein -Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch wol kommen, -wann du Hochzeit gehalten haben wirst.‹«</p> - -<p>»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß -du mich hiermit halten solst? Und als sie merkte, daß ich -etwas sauers darzu sehen wolte, setzte und verordnete sie mich -vor der ägyptischen Nation Obersten Secretarium durch ganz -Teutschland und that Promessen, daß mein Heurath mit ihrer -Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben würde, vollzogen -und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben -werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte, -dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit -ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte -war kaum verloffen, als wir aufbrachen und mit guter -Ordre fein gemach samt Weib und Kind etwan selbdreißigst -das Bielerthal herunter marschierten, auf welchem Weg Courage -ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder auch wie sonst -ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren -und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in -welcher Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes - <span class="pagenum"><a id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -Mitglied der ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. -Den andern Tag marschierten wir vollends biß an den Rhein -und blieben zunächst an einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, -in einem Busch bei der Landstraßen über Nacht, um den folgenden -Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des Morgens, -da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande -sich der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und -seine Braut so gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst -nichts als nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus -noch übrig hatte.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_293_293"></a><a href="#FNanchor_293_293"><span class="label">[293]</span></a> <em class="gesperrt">Blackscheißer</em>, -Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, <em class="gesperrt">Black</em>, Dinte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_294_294"></a><a href="#FNanchor_294_294"><span class="label">[294]</span></a> <em class="gesperrt">Kandel</em>, Bier- oder Weinkrug.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_295_295"></a><a href="#FNanchor_295_295"><span class="label">[295]</span></a> <em class="gesperrt">enthalten von</em>, abhalten. Im Text steht »<em class="gesperrt">vorm</em>«, dies -würde nicht den richtigen Sinn geben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_296_296"></a><a href="#FNanchor_296_296"><span class="label">[296]</span></a> <em class="gesperrt">Ammeister</em>, Bürgermeister.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_297_297"></a><a href="#FNanchor_297_297"><span class="label">[297]</span></a> <em class="gesperrt">nur</em>, die ältesten Ausgaben haben »mir«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_298_298"></a><a href="#FNanchor_298_298"><span class="label">[298]</span></a> <em class="gesperrt">Tabaksaufen</em>, wie im -Französischen <span class="antiqua">boire</span>, rauchen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_299_299"></a><a href="#FNanchor_299_299"><span class="label">[299]</span></a> <em class="gesperrt">ohne</em>, ausgenommen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_300_300"></a><a href="#FNanchor_300_300"><span class="label">[300]</span></a> <em class="gesperrt">Liegen</em>, Lügen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_301_301"></a><a href="#FNanchor_301_301"><span class="label">[301]</span></a> <em class="gesperrt">kläpfen</em>, vom oberdeutschen Schallwort »klapf«, »klapp«, klappen, knallen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_302_302"></a><a href="#FNanchor_302_302"><span class="label">[302]</span></a> <em class="gesperrt">dürfen</em>, brauchen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_303_303"></a><a href="#FNanchor_303_303"><span class="label">[303]</span></a> <em class="gesperrt">auf den alten Kaiser</em> (gleichsam auf den -verstorbenen Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus -<span class="antiqua">III.</span> 20: »auf den alten Kaiser dahin leben«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_304_304"></a><a href="#FNanchor_304_304"><span class="label">[304]</span></a> <em class="gesperrt">vortheilhaftig</em>, listig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_305_305"></a><a href="#FNanchor_305_305"><span class="label">[305]</span></a> <em class="gesperrt">das Maul machen</em>, die Miene machen, sich das Ansehen geben, so thun.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_306_306"></a><a href="#FNanchor_306_306"><span class="label">[306]</span></a> <em class="gesperrt">sich abscheibeln</em>, abdrehen, sich davon machen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_307_307"></a><a href="#FNanchor_307_307"><span class="label">[307]</span></a> <em class="gesperrt">angehen</em>, anbeißen, ins Netz gehen, sich fangen lassen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_308_308"></a><a href="#FNanchor_308_308"><span class="label">[308]</span></a> <em class="gesperrt">gestältig</em>, fügsam, zuthunlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_309_309"></a><a href="#FNanchor_309_309"><span class="label">[309]</span></a> <em class="gesperrt">Lucius Apulejus</em> aus Madaura in Afrika, geboren unter der Regierung -Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in Karthago. Er schrieb: »<span class="antiqua">Metamorphoseon -s. de asino aureo libri</span>«; ein liederlicher Jüngling Lucius, den -Grimmelshausen mit dem Verfasser identificirt, wird in einen Esel verwandelt, -aber in den Mysterien wieder zum Menschen neugeboren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_310_310"></a><a href="#FNanchor_310_310"><span class="label">[310]</span></a> <em class="gesperrt">geschneiden</em>, kümmern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_311_311"></a><a href="#FNanchor_311_311"><span class="label">[311]</span></a> <em class="gesperrt">ohne</em>, ausgenommen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_siebente_Capitel">Das siebente Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung<a id="FNanchor_312_312"></a><a href="#Footnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a>.</p> -</div> - - -<p>»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte -gnädig sein wollen, dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, -daß mich diß lose Gesindel nit gar ermordet und mich im -Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld, so ich noch zur -Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld, -was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, -der ich doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel -so wol als euch betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam -kein Mensch, an den sie sich machen will, entgehen kan, -wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn Simplicissimo beinahe -selbst widerfahren wäre?«</p> - -<p>Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, -guter Freund! Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!«</p> - -<p>»Mein«<a id="FNanchor_313_313"></a><a href="#Footnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a>, antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der -armen Tröpfin nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits -ohnedas der Verdammnus nahe, biß über die Ohren im -Sündenschlamm, ja allerdings schon gar der Höllen im Rachen -steckt? Bete darvor ein paar andächtiger Vatterunser vor sie, -daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu wahrer -Buße bringen wolle!«</p> - -<p>»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie -der Donner erschlüg!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p> - -<p>»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere -dich, wann du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, -die sich zwischen deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege -hinunterfallen<a id="FNanchor_314_314"></a><a href="#Footnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> wolte.«</p> - -<p>Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?«</p> - -<p>Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem -tiefen Seufzen<a id="FNanchor_315_315"></a><a href="#Footnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a>.</p> - -<p>Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir -hatten alle drei überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld -Simplicium fragte, womit er sich doch ernähre, und was sein -Stand, Handel und Wandel wäre. Er antwortet ihm: »Daß -will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund vergehet.«</p> - -<p>Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein -Knan<a id="FNanchor_316_316"></a><a href="#Footnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> und Meuder samt einem starken Bauernknecht daher, -welche zwei Paar ausgemäste Ochsen vor sich trieben und in -Stall stelleten. Er verschaffte, daß besagte seine beide Alte -alsobalden aus der Kälte in die warme Stub gehen musten, -welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf Simplicii -Ewigem Calender<a id="FNanchor_317_317"></a><a href="#Footnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a> darstellen; und als der Knecht auch -hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und -Trinken geben solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein -Knecht getragen, und sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm -mit mir, damit du sehest, womit ich mich ernähre!«</p> - -<p>Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch -mitgehen. Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen -Platz, wohin Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein -und ein halb Dutzet leere Gläser bringen ließe. Das hatte -ein Ansehen, als wann wir dorten auf offenem Markt in der -größten Kälte hätten mit einander zechen wollen. Wir kriegten -bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen Umstand<a id="FNanchor_318_318"></a><a href="#Footnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a>, -dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen -drang<a id="FNanchor_319_319"></a><a href="#Footnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a>. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio: -»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still -stehend mache?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p> - -<p>Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, -aber wann du wilt, so lasse sehen, was du kanst!«</p> - -<p>Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und -fieng an zu agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte -ein Maul von 3, 4, 5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege<a id="FNanchor_320_320"></a><a href="#Footnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a>, -musicirte er auch mit dem Maul darunter, wie er zuvor im -Wirthshause gethan hatte. Da aber die Geige, als welche in -der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte mehr thun -wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen -Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul -der Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender -als in einer halben Viertelstund einen Umstand bekamen von -mehr als 600 Menschen, die vor Verwunderung Maul und -Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen.</p> - -<p>Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit -auch er dem Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß -geschahe, sagte Simplicius zum Umstand: »Ihr Herren, ich -bin kein Schreier, kein Storger, kein Quacksalber, kein Arzt, -sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen, aber meine -Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor Zauberei -gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles -natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen, -als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden -und Zeugnussen dessentwegen befinden werden.«</p> - -<p>Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert -darin herum, dem Umstand seine glaubwürdige Schein zu -weisen, aber sihe, da erschienen eitel weiße Blätter. »So!« -sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe da wie Butter -an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein Gelehrter -unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen -könte?«</p> - -<p>Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat -er den einen, er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, -mit Versicherung, daß es ihm weder an seinen Ehren noch an -seiner Seligkeit nichts schaden würde. Da derselbe solches gethan, -blättert Simplicius im Buch herum. Da erschiene nichts -anders als lauter Wehr und Waffen.</p> - -<p>»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen -besser als Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen - <span class="pagenum"><a id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -braven Soldaten als ein Doctor abgeben. Aber was soll mir -das Gewehr in meinem Buch? Es muß wieder hinaus.«</p> - -<p>Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam -als wann er dardurch geblasen, und wiese darauf dem -Umstand wiederum im Umblättern nur weiße Blätter, warüber -sich jedermann verwunderte. Der ander Stutzer, der neben -erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch in das Buch -zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im Buche -herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers -und Dames.</p> - -<p>»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er -hat mir lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch -geblasen. Was soll mir aber so viel müßige Bursch? Es -seind fressende Pfänder, die mir nichts taugen; sie müssen -wieder fort.«</p> - -<p>Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte -allem Umstand im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe -Simplicius einen ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen -Ansehen ein großes Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert -er das Buch und wiese ihm und dem Umstand lauter -Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat entweder viel -Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch aufs -wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein -geblasen, wird mein sein.«</p> - -<p>Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem -er wol 300 zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs -Buch und sagte: »So muß man diese Kerl aufheben.«</p> - -<p>Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur -weiß Papier. Ließe darauf einen andern mittelmäßigen Stands -hinein blasen, blättert im Buch herummer, und als eitel Würfel -und Karten erschienen, sagte er: »Dieser spielt gern, hingegen -ich nit, darum müssen mir die Karten wieder weg.«</p> - -<p>Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte -er abermal dem Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel<a id="FNanchor_321_321"></a><a href="#Footnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a> -unterm Umstand sagte, er könte lesen und schreiben, er solte -ihn hinein blasen lassen, er wüste, daß alsdann schöne Testimonia -erscheinen würden.</p> - -<p>»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich -widerfahren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so -lang er wolte, und als es geschehen, zeigte er ihm und dem -Umstand lauter Hasen-, Esels- und Narrenköpf im Umblättern -und sagte: »Wann ihr sonst nichts als meine und euere -Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs auch wol -unterweg können lassen.«</p> - -<p>Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte -Haus hörete. Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer -wieder abschaffen, könt deren Stell wol selbst vertreten. Und -mit dem bliese er wieder durch das Buch und zeigte dem Umstand -wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.</p> - -<p>»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich -dieser Narren wieder los bin worden!«</p> - -<p>Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu -handlen<a id="FNanchor_322_322"></a><a href="#Footnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a>. Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch -auch herein, zu sehen was ihr könnet!«</p> - -<p>Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und -andern sonst nichts als Trinkgeschirr.</p> - -<p>»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der -trinkt gern, und ich mache gern Gesegne Gott.«</p> - -<p>Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu -ihm: »Secht, mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk -vor euch, der euch auch bald zu theil werden soll.«</p> - -<p>Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander -einschenken, welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er -wieder durch das Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße -Blätter und sagte, so viel Trinkgeschirr könte er vor dißmal -nit füllen, er hätte selber Gläser genug zu gegenwärtiger seiner -einzigen Maß Wein.</p> - -<p>Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, -blättert darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.</p> - -<p>»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! -Diß sein meine glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor -gesagt. Diese will ich in dem Buch lassen, gegenwärtigen -jungen Herrn aber vor einen Gelehrten halten und ihm auch -eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen trefflichen Urkunden -geholfen hat.«</p> - -<p>Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner -Gaukelei ein Ende.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p> - -<p>Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus -dem Sack langen und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, -daß ich mich vor keinen Arzt, sonder vor einen Künstler ausgebe. -Das sag ich noch, aber gleichwol kan man mich gar wol vor -einen Weinarzt halten; dann die Wein haben auch ihre Krankheiten -und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein Wein -weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln<a id="FNanchor_323_323"></a><a href="#Footnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a> könte, so hilf ich -ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet -und seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist -er rahn<a id="FNanchor_324_324"></a><a href="#Footnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> und so roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine -natürliche Farb in dreien Tagen wieder; schmeckt er nach -einem schimmlichten Faß, so bring ich ihm in wenig Tagen -einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor Muscateller -trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder -in Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend -oder anderer Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher -stopfen und beides vor Speis und Trank, wie an theils -Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet werden könte, sehet, ihr -Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr ihn entweder vor -Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den allerbesten -oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken -sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie -gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen -stellen.«</p> - -<p>Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in -ein Glas voll Wein und rührete alles unter einander; davon -gosse er in das eine Glas einen Tropfen, in das ander zwei, -ins dritte drei und ins vierte vier, davon sich der Wein in -den Gläsern alsobalden in unterschiedliche Farben veränderte, -je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes gegossen -hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen, -verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, -wie er allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er -die Vornehmste aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche -sich alle über diese geschwinde Veränderung und unterschiedliche -Geschmack und Arten der Wein verwunderten.</p> - -<p>»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun -die Gewißheit dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, - <span class="pagenum"><a id="Seite_161">[S. 161]</a></span> -daß einer Erbsen groß dieses Elixirs in eine Maß und ein -solche Büchse voll in einen Ohmen zu viel sei, den Wein -aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem spanischen Wein -oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, den -man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust -hat, lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der -mag mir heut von diesem Elixir abkaufen, dann morgen -findet er ein Büchsel wol nit mehr feil um 6 Batzen, wie -heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen halben -Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar -nöthig Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache -wie die Sibylla mit ihren Büchern<a id="FNanchor_325_325"></a><a href="#Footnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a>«. Wir hatten damals bei -1000 Personen zum Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, -und da es an ein Kaufens gieng, hatte Simplicius beinahe -nicht Hände genug, Geld einzunehmen und Büchsen hinzugeben; -ich aber verspendirte den vorhandenen Wein vollends, -den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe -ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen -versilbert und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also -daß er die halbe Theil Leut, so deren noch begehrten, muste -leer hingehen lassen.</p> - -<p>Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen -wieder an sein Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen -darvor gemacht<a id="FNanchor_326_326"></a><a href="#Footnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a>, giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, -alwo Simplici Knan die 4 Ochsen allbereit um hundert -und dreißig Reichsthaler verkauft hatte und fertig war, Simplicio -das Geld darzuzählen.</p> - -<p>»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit -ich mich ernähre?«</p> - -<p class="pmb3">»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, -ich sei ein Rabbi<a id="FNanchor_327_327"></a><a href="#Footnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a>, Geld zu machen, aber jetzt sehe -ich wol, daß du mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel -selbst sei nur vor ein spitzigs Lederlein<a id="FNanchor_328_328"></a><a href="#Footnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a> gegen dir zu rechnen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_312_312"></a><a href="#FNanchor_312_312"><span class="label">[312]</span></a> <em class="gesperrt">Losung</em>, Erlös, Einnahme.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_313_313"></a><a href="#FNanchor_313_313"><span class="label">[313]</span></a> <em class="gesperrt">Mein</em>, <span class="antiqua">interj.</span>: Ich bitte dich, <span class="antiqua">quæso</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_314_314"></a><a href="#FNanchor_314_314"><span class="label">[314]</span></a> <em class="gesperrt">keine Stiege</em> &c., soll wol heißen; wenn ich die Wahl hätte zwischen -deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine Mühe geben, keinen Schritt -darum thun, denn es ist kein Unterschied dazwischen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_315_315"></a><a href="#FNanchor_315_315"><span class="label">[315]</span></a> <em class="gesperrt">Seufzen</em>, <span class="antiqua">subst. masc.</span> Seufzer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_316_316"></a><a href="#FNanchor_316_316"><span class="label">[316]</span></a> <em class="gesperrt">Knan</em>, Vater.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_317_317"></a><a href="#FNanchor_317_317"><span class="label">[317]</span></a> Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden -Calender« befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_318_318"></a><a href="#FNanchor_318_318"><span class="label">[318]</span></a> <em class="gesperrt">der Umstand</em>, die Umstehenden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_319_319"></a><a href="#FNanchor_319_319"><span class="label">[319]</span></a> <em class="gesperrt">dringen</em>, <span class="antiqua">trans.</span>, wie drängen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_320_320"></a><a href="#FNanchor_320_320"><span class="label">[320]</span></a> <em class="gesperrt">giege</em>, gieg, starkes <span class="antiqua">præt.</span> zu geigen, wie <em class="gesperrt">stieg</em> zu steigen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_321_321"></a><a href="#FNanchor_321_321"><span class="label">[321]</span></a> <em class="gesperrt">Fatzvogel</em>, wie Spaßvogel.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_322_322"></a><a href="#FNanchor_322_322"><span class="label">[322]</span></a> <em class="gesperrt">mit Kupfer handeln</em>, rothen Ausschlag im Gesicht haben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_323_323"></a><a href="#FNanchor_323_323"><span class="label">[323]</span></a> <em class="gesperrt">aufhasteln</em>, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_324_324"></a><a href="#FNanchor_324_324"><span class="label">[324]</span></a> <em class="gesperrt">rahn</em>, rahnig, dünn.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_325_325"></a><a href="#FNanchor_325_325"><span class="label">[325]</span></a> Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der Cumäischen Sibylle -gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. Lactant., <span class="antiqua">Divin. instit.</span> B. <span class="antiqua">I</span>, 6.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_326_326"></a><a href="#FNanchor_326_326"><span class="label">[326]</span></a> <em class="gesperrt">seinen Willen darvor gemacht</em>, gegeben hatte, was er haben wollte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_327_327"></a><a href="#FNanchor_327_327"><span class="label">[327]</span></a> <em class="gesperrt">Rabbi</em>, Meister.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_328_328"></a><a href="#FNanchor_328_328"><span class="label">[328]</span></a> <em class="gesperrt">spitzigs Lederlein</em>, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel, -gebraucht wie Pfifferling.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_achte_Capitel">Das achte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld -die Kunst lernete.</p> -</div> - - -<p>»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast -du doch so gar ein ungeschliffen Maul!«</p> - -<p>»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage -das Halbe nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«</p> - -<p>»Wie ist dir dann?« fragte jener.</p> - -<p>»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur -sagen dörfte, du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest -doch wenigst sonst einen trefflichen Lehrmeister gehabt.«</p> - -<p>»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und -glaube es auch festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest -dein Handwerk auch ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, -was geb ich dir vor Ursachen, so böse Gedanken von mir zu -machen?«</p> - -<p>»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen -genugsam gesehen.«</p> - -<p>Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein -Schand, daß du allbereit so alt, so lang in der Welt herum -geloffen und gleichwol noch so alber bist, daß du natürliche -Kunststück und Wissenschaften, wie du heut an Veränderung des -Weins, und schlechte Kinderpossen, davon du heut ein Exempel -an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und Verblendungen -hältst.«</p> - -<p>»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, -daß dir das Geld gleichsam zuschneiet, da<a id="FNanchor_329_329"></a><a href="#Footnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a> ich doch mit so -großer Müh und Arbeit Pfenning erobern, und wann ich -dessen einen Vorrath haben und behalten will, beides an meinem -Leib und an meinem Maul ersparen muß.«</p> - -<p>»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, -diß Geld komme mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? -Meine beide Alte haben die 4 Ochsen mit Mühe und Kosten -erziehen und ausmästen, ich aber auch laboriren müssen, biß -ich die <span class="antiqua">materiam</span> verfertigt, daraus ich heut Geld gelöst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<p>»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; -»ists keine Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit -unter?«</p> - -<p>Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern -und Gauklern? Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige -Tropfen euch nur deshalber verwundert, weil es euer -grober Verstand nicht begreifen kan!«</p> - -<p>Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld -den Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher -Weis könte, und bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er -ihn die Kunst lernete, daß er auch wie er aus einem Buche -wahrsagen oder gauklen könte.</p> - -<p>»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen -und meiner Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es -mir so trefflich zustatten kommen würde, wann ich mich irgends -bei einer Bauernkürbe oder einer Hochzeit einfinden und meine -Zuhörer mit diesem artlichen Stückel belustigen und zur Verwunderung -bringen könte? Würde es nicht zehenmal mehr -Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine alte -Possen und Grillen übe?«</p> - -<p>»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, -wann du deine alte Possen und Grillen, wie du es nennest, -gar unterwegen ließest; dann sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger -Mann, der auf der Gruben gehet und allerdings -kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, wie ich gesehen, -ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott -das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. -Wann ich in deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen -geruhigen Stand, darin ich mein geführtes Leben bedenken, -meine begangene Stücklein bereuen, mich zu Gott bekehren und -ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar füglich irgends -in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen köntest, -oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter abgeben -möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt -und Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt -Thorheiten angeklebet und in allerhand Sünden und Lastern -gleichsam wie ein Sau im Morast geschwemmt und umgewälzt -haben; aber viel ärger und noch eine größere Thorheit ists, -wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht einmal -an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also -auch nicht an unsere Bekehrung gedenken.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich -mein Geld, das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen -gebracht, in ein Kloster oder Spital steckte, solches zu belohnen -damit es mich meiner Freiheit beraubte.«</p> - -<p>Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, -wann du eine vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen -aber ein Knecht der Sünd, ein Sclav des Teufels und also, -ach leider, auch ein Feind Gottes verbleibest. Ich beharre -noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich beides rathsam -und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich der -Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der -Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, -und dein spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«</p> - -<p>Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig -Thaler von mir vor die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen -denen, die ihnen gern zuhören. Hingegen will ich -dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch auf deine Erinnerung -bedenken wolle.«</p> - -<p>Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel -und unnütz befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt -und verwendet werden, also gedachte auch Simplicius durch -sein Buch, welches er seine Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld -zu bekehren; derowegen sagte er zu ihm: »Höre, mein -Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei oder -wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf -dem Mark mit dem Buch üben sahest?«</p> - -<p>Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch -noch, wann ich dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«</p> - -<p>»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses -Wahns<a id="FNanchor_330_330"></a><a href="#Footnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a>, der dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, -und versprech mir, dich auch desjenigen allweg, so oft du das -Buch brauchest, zu erinnern, was ich dir ferner sagen werde! -So will ich dich nit allein die vermeinte Kunst umsonst und -ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder ich will dir -noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die Kunst -nit wirst üben können.«</p> - -<p>Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen -wären, deren er sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. -Simplicius antwortet: »Wann du erstlich den Zusehern lauter - <span class="pagenum"><a id="Seite_165">[S. 165]</a></span> -weiße Blätter zeigest, so erinnere dich, daß dir Gott in der -heiligen Tauf das weiße Kleid der Unschuld wiederum geschenkt -habe, welches du aber seither mit allerhand Sünden so vielmal -besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, so erinnere -dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg -zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was -vor Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also -erinnere dich auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen -Sauferei, bei den Würfeln und Karten, wie manche -edle Zeit und Stund du unnützlich damit zugebracht, was vor -Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor grausamen Gotteslästerung -der Allerhöchste dabei geunehret worden; bei den -Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei, und -wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß -diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte -der Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit -bringen lassen. Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß -die heilige Schrift nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, -die Neidige, Zornsüchtige, Haderkatzen, Balger und Mörder, -die Spieler, die Saufer und die Hurer und Ehebrecher schwerlich -das Reich Gottes werden besitzen, und daß dannenhero -derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen Lastern -verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse. -Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen -Zusehern vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so -doch in Wahrheit nit ist, also bedenke du hingegen und führe -wol zu Gemüth, daß die allermeiste von den unverständigen -Menschen von dem Teufel und der Welt durch obige Laster -unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus gebracht -werden.«</p> - -<p>»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist -gar zu viel; wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«</p> - -<p>Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht -kanst, so wirstu auch nit behalten können, wie du recht geschicklich -mit dem Buch umgehen sollest.«</p> - -<p>»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«</p> - -<p>»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann -auch schon selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- -oder vielmehr deinetwegen gedenken sollest.«</p> - -<p>»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die -20 Reichsthaler und wäre dieser Obligation ledig.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht -thun; nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, -solches zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so -viel Gelds werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein -Gewissen macht, den geringsten Heller von dir zu nehmen, -sintemal er nicht weiß, wie du dein Geld gewonnen und erobert -hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, du versprechest mir -dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir gesagt, wann -du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«</p> - -<p>Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest -bei mir fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen -Nutzen und auch meinen Schaden nicht begehrest. <span class="antiqua">Ma foi</span>, -Bruder, es steckt etwas darhinter, das ich nicht verstehe. So -viel kan ich schließen, weil du mir mit Annehmung des Gelds -nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich mit mir -meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine -schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. -Derowegen verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, -was du von mir vor solche Kunst haben willst.«</p> - -<p class="pmb3">Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem -Springinsfeld alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich -auch zusehen ließen, faßte ich die Beschaffenheit desselben so -genau ins Gedächtnus, daß ich auch stracks eins dergleichen -machen könte, wie ich dann etliche Tage hernach thät, um -solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt gemein zu -machen<a id="FNanchor_331_331"></a><a href="#Footnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a></p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_329_329"></a><a href="#FNanchor_329_329"><span class="label">[329]</span></a> <em class="gesperrt">da</em>, in den Ausgaben steht als Druckfehler »<em class="gesperrt">das</em>«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_330_330"></a><a href="#FNanchor_330_330"><span class="label">[330]</span></a> <em class="gesperrt">Wahns</em>, alle Ausgaben haben: »wann«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_331_331"></a><a href="#FNanchor_331_331"><span class="label">[331]</span></a> Vgl. den Anhang.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_neunte_Capitel">Das neunte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib -haben wolte.</p> -</div> - - -<p>Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio -und Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. -Ich wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius -sagte, ich müste so wol als Springinsfeld sein Gast -sein, jener zwar als ein alter Camerad und jetziger neuangestandener<a id="FNanchor_332_332"></a><a href="#Footnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a> -Lehrjung, ich aber um dessentwillen, daß ich ihm - <span class="pagenum"><a id="Seite_167">[S. 167]</a></span> -heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, daß nämlich sein -Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren -worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um -den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern -ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander -redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von -seinen Collegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte -und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch -ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings wie sein Vatter, und -sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, der es auch -nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er sein natürlicher -Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich -einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich -betrogen.</p> - -<p>Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der -alt und junge Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, -den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii -Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte -zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen -könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero -setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus -ich abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, -etwas geschwind zu fassen, nit so gar hölzern war; dann als -ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er -ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agiren sehen, gar -verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe er durch den jungen -den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben könte, -solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches nicht mehr -in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er solte -beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog -alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße -Blätter vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben -wie diß weiße Papier seind euere Seelen erschaffen -und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere -Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die -Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber -ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften zu ergreifen, das -Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen -und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte -er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und -Karten), zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu - <span class="pagenum"><a id="Seite_168">[S. 168]</a></span> -verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle -diejenige, die solches thun, seien lauter solche Kerl, wie ihr -hier vor Augen sehet.«</p> - -<p>Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; -und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. -Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wol, daß -er zum Springinsfeld sagte, wann er gewust hätte, daß er die -Kunst so bald und so wol begreifen würde, so wolte er ihm -nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.</p> - -<p>Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, -nicht lang; bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius -seine beide Alte und diese hinwiederum ihn und seinen -Sohn ehreten und tractirten. Da sahe und verspürte man -nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein Theil das ander -aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem einige -Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit -herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten -zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe -<span class="antiqua">Grobiani</span> zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, -als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Präceptorem -gehabt, <span class="antiqua">mores</span> zu lernen, so daß ich mich verwunderte, -wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus -seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß setzen -und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen -Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz -still, nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder -spintisiert er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen -Gaukeltaschen staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand -Nachsinnungen verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß -selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt -wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war. -Der Knan sah aus wie ein alter ehrbarer Baurenschultheiß, -die Meuder wie seine Frau Schultheißin, der Baurenknecht -wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben -im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad -wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie -ein armer Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen -schwarzen Kleidel zu sehen pflegt.</p> - -<p>Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es -Simplicius also haben wolte und Springinsfeld den Wirth -versicherte, daß er keine Läuse hätte. Diese beide lagen jeder - <span class="pagenum"><a id="Seite_169">[S. 169]</a></span> -allein, gleichwie hingegen der Knan und die Meuder, die beide -Studiosi, und ich und der Baurenknecht beisammen schliefen. -Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen der großen -Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken behalten -konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, -daß er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen -könte. Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, -also verbliebe uns an der winterlangen Nacht viel übrig, daß -wir nicht durchzuschlafen vermöchten. Der Knan und die Meuder -erwachten zum ersten, und indem jener kröchzet, diese aber -mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen munter. Da -nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er an -mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft, -und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, -erinnerte. Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie -es ihm seithero ergangen, wo er bißher in der Welt herum -gestürzt<a id="FNanchor_333_333"></a><a href="#Footnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a>, wo sein Vatterland wäre, ob er daselbsten keine Verwandte -oder nicht auch Weib und Kind und etwan irgends -eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und zerrissen -daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen -hätte &c.</p> - -<p>»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir -alles erzählen müste, so würde uns der siebenstündige Rest -dieser langen Nacht viel zu kurz werden. In meinem Vatterland -bin ich zwar kürzlich gewesen; gleich wie ich aber niemal -nichts Eigens darin besessen, also gönnete es mir auch vor -dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die Beschaffenheit -meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der flüchtige -Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen -Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder -oder sonst nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe -niemand meinen Stiefvatter kennen, in dessen Heimat ich gleichwol -ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt; wie -wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters und meiner -Mutter Freundschaft<a id="FNanchor_334_334"></a><a href="#Footnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> haben erfahren können, von welchen ich -nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann -nun hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, -also ist auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau - <span class="pagenum"><a id="Seite_170">[S. 170]</a></span> -noch Kinder hab; und lieber<a id="FNanchor_335_335"></a><a href="#Footnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a>, warum solte ich mich mit einer -solchen Beschwerung beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen -halte, daran thu ich nit unrecht, seitemal ich beides -weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und wie tröstlich sie einem -im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und daß ich -schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht auch -nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm<a id="FNanchor_336_336"></a><a href="#Footnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> und -Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.«</p> - -<p>»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, -»wann ich in deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann -ich ein Weib hätte, die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst -ehrlicher Lieb und Treu mit Hilf und Rath zu Trost -und Statten käme, als dergestalt im Elend herum zu kriechen -und mich von aller Welt verlassen zu sehen. Wie vermeinestu -wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig -würdest?«</p> - -<p>»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an -meinen Fuß nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste -ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie -jung, so wäre ich nur der Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, -so wäre sie vielleicht bös und zanksüchtig; wär sie reich, so -wär ich veracht; wäre sie arm, so könt ich ja wol denken, daß -sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige daß ein -jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß -nehmen.«</p> - -<p>»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten -wilst, so wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.«</p> - -<p>»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, -wie übel mirs mit einem Weib gangen, so würdest du dich -gar nit verwundern, wann verbrennte Kinder das Feur -förchten.«</p> - -<p>Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?«</p> - -<p>»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen -hatte ich ein güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam -offentlich aus dem Geschirr schlug<a id="FNanchor_337_337"></a><a href="#Footnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a>; aber was geheite -es mich? Sie war doch nicht meine Ehefrau.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p> - -<p>»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und -unbescheiden; denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber -höre, wann dich eine etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei -kein ehrlich Weib mehr, die treulich mit dir hausen werde?«</p> - -<p>Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; -gleichwol aber ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib -dem Mann zu erzeigen pflegt, theur genug bezahlt werden -müssen; ihre allerbeste Arbeiten, die sie verrichten, verkündigen -dem Mann eitel Kösten und beschwerliche Ausgaben, dardurch -dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben, -zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, -so ist nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten -hinfort nit mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie -mir und ihr ein Stück Tuch an Leib, so muß ich Flachs, Woll -und Weberlohn bezahlen. Soll sie mir was kochen, so muß -ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem Kuchengeschirr -herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders das -Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, -Seif und Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth -säubern läßt? Und wie gehts allererst, wann man mit -einem Haufen Kindern beladen wird (welches ich zwar nit erfahren -habe, aber auch nicht zu erfahrn begehre), wann nämlich -eins krank, das ander gesund, das dritte faul, das vierte -muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst widerspenstig, -ungehorsam und nichts nutz ist?«</p> - -<p>Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, -der keines rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst -von dem heiligen, von Gott selbst eingesetzten und mit vielen -Verheißungen gesegneten Ehestand weit anderst reden. Und -gleich wie eine fromme, tugendhafte Frau eine Gabe Gottes -und eine Kron und Zierd des Manns ist, also verdrüßt dich, -daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt hat.«</p> - -<p class="pmb3">»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du -kanst bei deinen Biren wol merken, wann andere zeitigen<a id="FNanchor_338_338"></a><a href="#Footnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a>.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_332_332"></a><a href="#FNanchor_332_332"><span class="label">[332]</span></a> <em class="gesperrt">neuangestandener</em>, neu eingetretener.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_333_333"></a><a href="#FNanchor_333_333"><span class="label">[333]</span></a> <em class="gesperrt">stürzen</em>, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_334_334"></a><a href="#FNanchor_334_334"><span class="label">[334]</span></a> <em class="gesperrt">Freundschaft</em>, Verwandtschaft.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_335_335"></a><a href="#FNanchor_335_335"><span class="label">[335]</span></a> <em class="gesperrt">lieber</em>, <span class="antiqua">interj.</span>, <span class="antiqua">quæso</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_336_336"></a><a href="#FNanchor_336_336"><span class="label">[336]</span></a> <em class="gesperrt">Stamm</em>, Abstammung, Stand.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_337_337"></a><a href="#FNanchor_337_337"><span class="label">[337]</span></a> <em class="gesperrt">aus dem Geschirr schlagen</em>, wie: über den Strang schlagen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_338_338"></a><a href="#FNanchor_338_338"><span class="label">[338]</span></a> d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern ergeht.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_zehnte_Capitel">Das zehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.</p> -</div> - - -<p>»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, -sagte Simplicius, »seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht -anders oder eine zu heurathen persuadirn können; hingegen -aber möchte ich wol von dir vernehmen, wo du gebürtig, wie -du in Krieg kommen und wie es dir bißhero darinnen ergangen, -biß du aus einem so tapfern Soldaten zu einem -solchen elenden Stelzer worden seiest.«</p> - -<p>Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, -deinen eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck -vor Augen zu legen, so werde ich mich auch nit schämen, den -meinigen hier im Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits -offenbar sein soll, was zwischen mir und der Courage vorgangen, -die gleichwol uns beide, wie ich vernehme, mit einander -verschwägert. Jetzt höre dann deines Schwagers Ankunft.«</p> - -<p>»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von -hohem altem Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter -Vatter aber ein albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben -von schlechter Ankunft<a id="FNanchor_339_339"></a><a href="#Footnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a> und geringen Mittlen gewesen. -Als dieser mit einem zahmen Löwen und einem Dromedari -in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern gewohnet, herum -zohe<a id="FNanchor_340_340"></a><a href="#Footnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> und beides diese Thier und seine Kunst um Geld sehen -ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein junges -Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit -so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie -mit Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern -ein Stück Geld auszufischen und mit besagtem meinem Vatter -wider ihrer Eltern Wissen und Willen darvonzuziehen. Und -solches hat ihr auch zu ihrem Unglück geglückt, unangesehen -sie einander aufrecht<a id="FNanchor_341_341"></a><a href="#Footnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> geehlicht. Also wurde meine Mutter -aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende -Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst - <span class="pagenum"><a id="Seite_173">[S. 173]</a></span> -die erste und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein -Vatter, da ich kaum geboren worden, von einem Seil herunter -stürzet und den Hals zerbrach, durch welchen leidigen Fall -meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib wurde.«</p> - -<p>»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder -heimzukehren, ohne daß sie sich damaln auch über die hundert -Meilen von denselbigen im Dalmatia bei einer Compagnie -Comödianten befande; hingegen war sie schön, jung und reich -und hatte dannenhero unter meines Vattern hinterlassenen -Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe, der -war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen -Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe -mich auf, biß ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich -alle <span class="antiqua">principia</span> seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, -Geigen, Pfeifen, beides auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus -der Taschen spielen, durch den Reif springen und andere seltzame -Aufzüg und närrische Affen-Posturen machen, also daß -ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und das -ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction -angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und -schreiben, griechisch reden von meiner Mutter und sclavonisch -von meinem Vatter. So begriffe ich auch mithin in Steyr, -Kärnten und andern angrenzenden teutschen Provinzen um -etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum -in Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich -gedachter mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um -keine 1000 Ducaten verkauft hätte, wann gleich alle Tag -Jahrmark gewesen wäre.«</p> - -<p>»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils -in Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen<a id="FNanchor_342_342"></a><a href="#Footnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a>, -Walachei, Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, -Böhmen, Ungarn, Steyr und Kärnten herummer; und da wir -in diesen Ländern viel Geld aufgehoben<a id="FNanchor_343_343"></a><a href="#Footnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a> hatten und mein Stiefvatter -willens war, seines Weibs Eltern auch zu besuchen (als -vor denen zu erscheinen er sich nicht scheuete, weil er sich gar -einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie ein Graf aufziehen -konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria<a id="FNanchor_344_344"></a><a href="#Footnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> in -Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia - <span class="pagenum"><a id="Seite_174">[S. 174]</a></span> -und Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo -dann meiner Mutter Eltern sich befanden.«</p> - -<p>»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein -Vatter seine Kunst auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen -lassen, oder vielmehr dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning -schätzen<a id="FNanchor_345_345"></a><a href="#Footnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a>, als welche damal in völligem Flor und -Reichthum stunde. Wir kehrten daselbst zu solchem Ende ein, -und zwar nicht in der Kirchen, sonder unserer Gewohnheit -nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir blößlich<a id="FNanchor_346_346"></a><a href="#Footnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a> -eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin, um Consens -anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde -Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. -Es wurde erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten -ward, wurde ich samt meinem Stiefbruder, der mir weder -in Dexterität unserer Kunst noch in andern Stücken bei weitem -nicht zu vergleichen, mit einem Reif, einer Gaukeltaschen und -andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob ich nicht auf den -Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld verdienen -könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- -und Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng -Freud und Lust zu machen; aber ach! ich gelangte an ein -Ort, das alles meines Jammers, Elends und eignen Unlusts -ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe außer dem -Hafen segelfertig auf der Reide<a id="FNanchor_347_347"></a><a href="#Footnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a> lagen, die nur auf guten -Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien -albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu -führen, sihe, da geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, -weil wir durch einen der Ihrigen im Nachen<a id="FNanchor_348_348"></a><a href="#Footnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> überredet worden -waren, es würde daselbst ein trefflich Trinkgeld setzen, -maßen uns auch derselbige Nache mit überführte. Wir hatten -unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus Mitternacht -ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer -in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die -Segel, nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich -und meinen Bruder das Schiffen wider unsern Willen erdulden. -Jener thät, als wolte er verzweifeln; ich aber ließe mich noch -trösten, nicht allein darum, weil ich von Natur alles gern auf -die leichte Achsel nehme, sonder auch, weil mir der eine Rittmeister, - <span class="pagenum"><a id="Seite_175">[S. 175]</a></span> -der sich ganz in meine Gestuosität<a id="FNanchor_349_349"></a><a href="#Footnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a> verliebt, gleichsam -güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben und sein -Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol -gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, -noch die Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann -sie nicht geliefert wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit -ihnen eine Seeschlacht angehen oder einen Krieg anfahen würden. -Derowegen gab ich mich nur desto geduldiger drein, genosse -es auch besser als mein Bruder, welcher sich dergestalt -kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia abfuhren, -alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.«</p> - -<p class="pmb3">»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so -fort zu Land durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins -Land von Lützenburg, und also in die Spanische Niederlande, -alwo wir neben andern Völkern mehr unter dem berühmten -Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um -dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich -war noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen -Muthwillen zu; ich wurde weder durch strenges Marschiern -noch andere Kriegsarbeiten abgemattet; so wuste ich auch noch -nichts vom verdrüßlichen Schmalhansen, als welcher damals -bei weitem noch nicht so bekant bei unser Soldatesca war, -als er sich nachgehends im teutschen Krieg gemacht hat, in -welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben kennen -lernen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_339_339"></a><a href="#FNanchor_339_339"><span class="label">[339]</span></a> <em class="gesperrt">Ankunft</em>, Abkunft.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_340_340"></a><a href="#FNanchor_340_340"><span class="label">[340]</span></a> <em class="gesperrt">zohe</em>, altes <span class="antiqua">præt.</span> zu ziehen, zog.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_341_341"></a><a href="#FNanchor_341_341"><span class="label">[341]</span></a> <em class="gesperrt">aufrecht</em>, <span class="antiqua">adv.</span>, aufrichtig, ehrlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_342_342"></a><a href="#FNanchor_342_342"><span class="label">[342]</span></a> <em class="gesperrt">Wossen</em>, Bosnien.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_343_343"></a><a href="#FNanchor_343_343"><span class="label">[343]</span></a> <em class="gesperrt">aufheben</em>, erheben, einnehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_344_344"></a><a href="#FNanchor_344_344"><span class="label">[344]</span></a> <em class="gesperrt">Histria</em>, Istria.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_345_345"></a><a href="#FNanchor_345_345"><span class="label">[345]</span></a> <em class="gesperrt">schätzen</em>, in Contribution setzen, brandschatzen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_346_346"></a><a href="#FNanchor_346_346"><span class="label">[346]</span></a> <em class="gesperrt">blößlich</em>, bloß, nur.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_347_347"></a><a href="#FNanchor_347_347"><span class="label">[347]</span></a> <em class="gesperrt">Reide</em>, Rhede.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_348_348"></a><a href="#FNanchor_348_348"><span class="label">[348]</span></a> <em class="gesperrt">Nache</em>, Boot.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_349_349"></a><a href="#FNanchor_349_349"><span class="label">[349]</span></a> <em class="gesperrt">Gestuosität</em>, Beweglichkeit; <span class="antiqua">gestuosus</span> kommt bei Apul. vor.</p></div> - -</div> - - - - -<h2 id="II_Das_elfte_Capitel">Das elfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.</p> -</div> - - -<p>»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, -wie denjenigen, so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so -einmal zu solcher unseligen Congregation gelangen, schwerlich -oder wol gar nit mehr darvon kommen können, also gehets -auch dem mehrentheils<a id="FNanchor_350_350"></a><a href="#Footnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a> von den Soldaten, welche, wann sie - <span class="pagenum"><a id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -gut Sach haben, nicht aus dem Krieg begehren, und wann -sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen können. Von -denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners gedulden -müssen, biß sie entweders durch eine Occasion<a id="FNanchor_351_351"></a><a href="#Footnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a> bleiben -oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, -könte man darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus -so mit sich brächte; von denen aber, so reiche Beut machen -und gleichwol solche wieder unnützlich verschleudern, kan man -gedenken, daß ihnen der gütige Himmel nicht gönne, sich ihr -großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das Sprichwort wahr -zu machen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">So gewonnen,<br /></span> -<span class="i01">So zerronnen.<br /></span> -</div></div> - -<p>und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen -wieder fort.«</p> - -<p>»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche -denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und -derselbigen muß ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, -der berühmte Tilly, nachdem er die Stadt Magdenburg ihres -jungfräulichen Kränzels, seine Unterhabende<a id="FNanchor_352_352"></a><a href="#Footnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> aber dieselbe ihrer -Zierd und Reichthum beraubt gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner -Soldat von den Seinigen eine große Beut von Baarschaft, so -in lauter Geldsorten bestanden, erobert und alsogleich wieder -mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu erfahren, ließe -er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem unglückseligen -Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene -und wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von -andern vernommen (etliche sagten wol von 30000, andere -von weit mehrern Ducaten), sagte der Graf zu ihme: Du hättest -an diesem Geld die Tag deines Lebens genug haben und wie -ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber hättest -gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch -zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem -Kaiser nutz zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, -der sonst den Ruhm eines Soldatenvatters gehabt, daß -dieser Kerl als eine unnütze Last der Erden in freien Luft gehenkt -werden solte, welches Urtheil auch alsobalden vollzogen -worden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit<a id="FNanchor_353_353"></a><a href="#Footnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a> -der Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat -über 20000 Ducaten <span class="antiqua">in specie</span> darin erwischt, solche aber bald -hernach auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches -dem Königsmark gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch -diesen Soldaten vor sich kommen ließe, um ihn erstlich zu -sehen und ihm alsdann nach Erkundigung der Wahrheit ebenmäßig -obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu lassen, wie -er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach<a id="FNanchor_354_354"></a><a href="#Footnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a>. Als -aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er -mit einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können -mich mit Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen -lassen, weil ich Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine -größere Beute zu erhalten. Diese Antwort, welche vor ein -Omen gehalten wurde, erhielte dem guten Gesellen zwar das -Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut, vielweniger -den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu -hart bedrängt wurde.«</p> - -<p>»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem -Holtzischen Regiment<a id="FNanchor_355_355"></a><a href="#Footnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a> zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne -Zweifel den sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen -oder doch wenigst viel von ihm gehöret haben. Er war bei -besagtem Regiment ein Musquetierer, und kurz vorm Friedensschluß -trug er eine Pique, wie ich ihn dann in solchem Stand -und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd hinten -und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand -der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem -geriethe in dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein -voller französischen Duplonen ein solche Beut in die Hände, -daß er selbige schwerlich ertragen, weniger zählen und noch -weniger aus ihrer Zahl die Substanz seines damaligen Reichthums -wissen und rechnen konte! Was thät dieser liederliche -Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall<a id="FNanchor_356_356"></a><a href="#Footnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a> seines großen -Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt und -Vestung<a id="FNanchor_357_357"></a><a href="#Footnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a> der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus -Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach - <span class="pagenum"><a id="Seite_178">[S. 178]</a></span> -so viel erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen -lassen; daselbst staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und -lebte täglich wie ein Prinz, der jährlich etliche Millionen zu -verzehren hat; er hielte zween Kutscher, zween Laquaien, zween -Page, ein Kammerdiener in schöner Liberei, und nachdem er -sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen Pferden versehen, -reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes über -die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte, -die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren -zubrachte und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich -den Obristen Lumpus nennete. Solches herrliche Leben währete -ungefähr sechs Wochen, in welcher Zeit sein eigner und -rechter Obrister, der General von Holtz<a id="FNanchor_358_358"></a><a href="#Footnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> auch dorthin kam und -eben in derselbigen Herberg einkehrte, weilen er ein sonderbares -lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er zu seiner Hinkunft -zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich, daß ein fremder -Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem er zu -weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck -Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel -zu discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als -dem großen Atlante<a id="FNanchor_359_359"></a><a href="#Footnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> sowol alle Weg und Steg, Wälder und -Felder, Berge und Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle -adeliche Familien des Römischen Reichs bekant waren, als -fragte er nur nach dieses Cavaliers Namen. Als er aber verstunde, -daß er sich den Obristen Lumpus nennete und sich -weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten -von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er -ein Begierde, mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit -ihm bekant zu machen. Er fragte den Wirth um seine Qualitäten, -und da er verstunde, daß er zwar sehr gesellig, eines -lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit selber, doch aber von -wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto größer. Derowegen -verfügte<a id="FNanchor_360_360"></a><a href="#Footnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a> er mit dem Wirth, des Lumpi Consens zu -erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel -speisen möchte.«</p> - -<p>»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen - <span class="pagenum"><a id="Seite_179">[S. 179]</a></span> -und bei dem Confect in einer Schüssel 500 neue französische -Pistolen und eine göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. -«Mit diesem Tractament», sagte er zu seinem Obristen, «wollen -euer Excellenz verlieb nehmen und meiner dabei im besten gedenken.» -Der von Holtz verwundert sich über diß Anerbieten und -antwortet, daß er nicht wisse, womit er ein solch Präsent um -den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig würde verdienen -können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches anzunehmen. -Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen; -er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in -deren ihr Excellenz selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung -zu thun obligirt sei, und alsdann verhoffe er hinwiederum -von seiner Excellenz eine Gnad zu erhalten, die zwar -keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber erkennen könte, -daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun -dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als -jemanden versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz -nicht länger, sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil -es Lumpus überein<a id="FNanchor_361_361"></a><a href="#Footnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> so haben wolte, mit courtoisen<a id="FNanchor_362_362"></a><a href="#Footnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> Promessen, -solches auf begebende Fäll zu remeritirn.«</p> - -<p class="pmb3">»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er -passirte nie bei keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, -die ihm zu Ehrn ins Gewehr stunde, ein Dutzet oder -wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf, und also machte ers -überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein reicher Herr zu -erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle Tag -den Wirth aus<a id="FNanchor_363_363"></a><a href="#Footnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a>, ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller -abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert -hätte. Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also -wurde er auch mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, -wie ich schon erwähnet, in sechs Wochen. Darauf versilbert -er Kutschen und Pferd; das gieng auch bald hindurch. Endlich -musten seine stattliche Kleider samt dem weißen Zeug daran; -das jagte er alles durch die Gurgel. Und da seine Diener -sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander -ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da -er nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich -in einem schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, - <span class="pagenum"><a id="Seite_180">[S. 180]</a></span> -schenkte ihm der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld -bei ihm verzehret hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, -biß solche auch allerdings wiederum verzehret waren. Der -Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol begraset, oder ihn -übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht, oder anderer -Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit -Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, -biß er selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig -war, schenkte ihm der Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum -Zehrpfennig auf den Weg; er aber antwortet, weil es Zehrgeld -sein solte, so wolte ers lieber bei ihm als einem andern -verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum biß auf -den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit -wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch -5 Reichsthaler gab, sich damit fort zu machen. Und den er -zuvor ihr Gnaden genennet und anfänglich unterthänlich willkommen -sein heißen, den muste er damal dutzen, wolte er anders -seiner los werden; dann als er sahe, daß er auch diese -letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem Gesinde, -daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. -Da er nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu -quittirn, sihe, da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen -das noch übrige kleine Fünklein seines großen Schatzes -vollends mit Bier. Folgends kam er wiederum bei Heilbrunn -zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in die Eisen geschlossen -und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei acht -Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. -Wolte nun der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen -wie auch der Gefahr des Stricks entübrigt sein, so muste er -sich wol seinem Obristen, den er deswegen stattlich verehret, -offenbaren, welcher ihn auch alsobalden von beiden befreien -ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er so viel Gelds -so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts antwortet, -als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein Tag -nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen -Herrn zu Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte -er auf solche Weis durch seine Beut erfahren müssen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_350_350"></a><a href="#FNanchor_350_350"><span class="label">[350]</span></a> <em class="gesperrt">mehrentheils</em>, <span class="antiqua">adv.</span>, wie »theils« von Grimmelshausen öfter als Substantiv -gebraucht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_351_351"></a><a href="#FNanchor_351_351"><span class="label">[351]</span></a> <em class="gesperrt">Occasion</em>, Treffen, Gefecht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_352_352"></a><a href="#FNanchor_352_352"><span class="label">[352]</span></a> <em class="gesperrt">Unterhabende</em>, Untergebene.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_353_353"></a><a href="#FNanchor_353_353"><span class="label">[353]</span></a> <em class="gesperrt">die kleine Seit</em>, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_354_354"></a><a href="#FNanchor_354_354"><span class="label">[354]</span></a> <em class="gesperrt">zusprechen</em>, zuerkennen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_355_355"></a><a href="#FNanchor_355_355"><span class="label">[355]</span></a> <em class="gesperrt">dem Holtzischen Regiment</em>, vgl. S. 178, Anm. 1.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_356_356"></a><a href="#FNanchor_356_356"><span class="label">[356]</span></a> <em class="gesperrt">Anfall</em>, das Zufallen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_357_357"></a><a href="#FNanchor_357_357"><span class="label">[357]</span></a> <em class="gesperrt">eine Stadt und Vestung</em>: Ingolstadt, auf -welches der König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte; -dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_358_358"></a><a href="#FNanchor_358_358"><span class="label">[358]</span></a> <em class="gesperrt">Georg Friedrich von Holtz</em>, ein »Soldat von Fortun«, stieg bis zum -Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von Baiern; starb 1666.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_359_359"></a><a href="#FNanchor_359_359"><span class="label">[359]</span></a> <em class="gesperrt">dem großen Atlante.</em> Es ist hier nicht der mythische Atlas, sondern eine -der mit diesem Namen damals schon benannten Kartensammlungen gemeint. -Vgl. unten S. 208.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_360_360"></a><a href="#FNanchor_360_360"><span class="label">[360]</span></a> <em class="gesperrt">verfügen</em>, ausmachen, verabreden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_361_361"></a><a href="#FNanchor_361_361"><span class="label">[361]</span></a> <em class="gesperrt">überein</em>, durchaus.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_362_362"></a><a href="#FNanchor_362_362"><span class="label">[362]</span></a> <em class="gesperrt">courtois</em>, höflich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_363_363"></a><a href="#FNanchor_363_363"><span class="label">[363]</span></a> <em class="gesperrt">auszahlen</em>, voll bezahlen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[S. 181]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_zwolfte_Capitel">Das zwölfte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; -item wie ihn ein Baur zaubern lernet.</p> -</div> - - -<p>Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften -Verschwendern erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte -Simplicissimus: »Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber -gleichwol weislicher als die zween erstern, und ich kan mir -keine größere Thorheit unter den Menschen einbilden, als derjenige -eine begehet, der viel Gelds hat und mit einem anfahet -zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser Erzählung -bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren, -welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben -bei den Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst -weiters?«</p> - -<p>Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als -wol; dann wann ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen -soll, so war jener gülden und dieser eisern. In jenem -wurden die Soldaten ausbezahlt und gebraucht, doch aber ihr -Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem aber wurden sie ohnbezahlt -gelassen, die Länder ruinirt und beides Bauern und -Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß -man auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.«</p> - -<p>Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder -redestu im Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du -wilst den Krieg unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen -Person; sage darvor, wie es dir selbst gangen.«</p> - -<p>»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig -Umstände machen, wann ich der vorigen guten Täge gedenke -und mich zugleich des nachfolgenden Ellends erinnere; aber die -Folge meiner Histori ist diese. Ich kam mit den Spanischen -in die untere Pfalz, als Ambrosius Spinola dasselbe glückselige -Land gleichwie mit einer Sündflut überfiele und in kurzer -Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt brachte. Da -machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich darüber -erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua - <span class="pagenum"><a id="Seite_182">[S. 182]</a></span> -retirirt, nachdem er die Frankenthalische<a id="FNanchor_364_364"></a><a href="#Footnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a> Belägerung wegen -Ankunft des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über -den Rhein gejagt, aufheben müssen) krank zuruck geblieben, -alwo ich den ersten Tuck empfand, den mir das Glück im -Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit Bettlen behelfen und -viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu verzehren -hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich -mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen -gegen<a id="FNanchor_365_365"></a><a href="#Footnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a> der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg -erreichten, eben als sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder -und ihrem Unglück entgegen marschierte.«</p> - -<p>»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, -und gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich -unter die <span class="antiqua">Tirones</span><a id="FNanchor_366_366"></a><a href="#Footnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> aufzunehmen; aber zu einem Tambour -hätte man keinen ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich -auch vor einen solchen aufgenommen und, so lang ich mich -darzu gebrauchen ließe, auch darvor gehalten wurde. Wir bekamen -damal zwar ein wenig Stöße, es war aber nichts gegen -denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder austheileten. -Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, -weil es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es -seinen Valor desto tapferer. Ich selbst thät damals etwas -Ohngewöhnlichs: ich henkte meine Trommel auf den Buckel -und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet und Bandelier -und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied dermaßen, -daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder -ihm auch mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit -erlangte ich dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch -ein ziemlich Ansehen, daß ich meine Trommel gar ablegen -und fürderhin eine Musquete tragen dörfte.«</p> - -<p>»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei -dem Main schlagen, item bei Stattlo<a id="FNanchor_367_367"></a><a href="#Footnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a>, und kam auch endlich -mit demselbigen in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne -daß ich noch ein einzig Härlein Bart oder eine empfangene -Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und nachdem ich bei Lutter - <span class="pagenum"><a id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -den König selbst besiegen helfen, wurde ich kurz hernach in -eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden, Langwedel, -Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu -helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner -Officier Gunst willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf -Salva Guardi<a id="FNanchor_368_368"></a><a href="#Footnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a> gelegt, allwo ich beides meinen Leib erquickte -und meinen Beutel spickte. So kriegte ich auch unter diesem -Regiment drei seltzame Nachnamen. In der Erste nante man -mich den General Farzer, weil ich, da ich noch ein Trommelschlager -war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich ein ganze Stund -lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten oder hören -lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid<a id="FNanchor_369_369"></a><a href="#Footnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a> genant, -weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen<a id="FNanchor_370_370"></a><a href="#Footnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a>, -den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete -und sie übel zu schanden hauete. Den dritten brachte -mir ein Diebsbaur auf, als welcher verursachte, daß man der -ersten beiden Namen vergaß und mich wegen eines lächerlichen -Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin den Teufelsbanner -nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals etliche -Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier -in ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim -kommen konte, übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch -ein paar Kerl von unserm Regiment bei sich im Quartier -liegen und eben denselbigen Tag ein paar feister Schwein gemetzget -hatte. Er war nit wol mit übrigem<a id="FNanchor_371_371"></a><a href="#Footnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a> Bettwerk versehen -und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger -Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen -logirte ich im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten -guter neugebachener Würste abgespeiset hatte. Dieselbe -schmeckten mir so wol, daß ich nicht darvor schlafen konte, -sonder lag und spintisirte, wie ich auch der Schweine selbst -theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo sie -hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb -Schwein nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie -daselbst unter das Stroh, der Meinung, solche die künftige -Nacht mit Hülf meiner Cameraden zu holen. Des Morgens -aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem Bauren - <span class="pagenum"><a id="Seite_184">[S. 184]</a></span> -und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen, -einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der -Baur war so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und -klagte mir, daß ihm die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen -worden wären. Was, sagte ich, du schlimmer -Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte -auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und -bang bei mir wurde, sonderlich als ich ihn fragte, ob er -Stöße von mir haben wolte. Weil er ihm nun leicht die -Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde, wann er -mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch -sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol -nicht auf mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus -auf ein andern Schlag und sagte: ›Min Heer, ik vertruwe -ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi segen laten, dat welche<a id="FNanchor_372_372"></a><a href="#Footnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a> -Kriegers wat Künste konden maken, derliken Saken weder -bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler -gewen.‹«</p> - -<p>»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern -Quartiern Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm -zu thun wäre, damit ich die zween Thaler mit Manier bekommen -möchte, sagte derohalben zum Bauern: ›Mein Vatter, -das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier, daß er mir -erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich -kan ausrichten.‹«</p> - -<p>»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu -meinem Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, -mitzugehen, weil er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, -daß ich den Bauren betriegen wolte; dann wir hatten -in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu kurzweilen, seitemal -wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt und -alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier -ganzen Chersonesum<a id="FNanchor_373_373"></a><a href="#Footnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a>, alles was zwischen dem Baltischen -Meer und großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und -Weser lag, geruhiglich beherrschten.«</p> - -<p>»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den -Tisch schon gedeckt und mit einem Potthast<a id="FNanchor_374_374"></a><a href="#Footnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a>, einem Stück kalten - <span class="pagenum"><a id="Seite_185">[S. 185]</a></span> -Rindfleisch aus dem Salz, mit trögen<a id="FNanchor_375_375"></a><a href="#Footnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a> Schunken, Knackwürsten -und dergleichen Dings wie auch mit einem guten Trunk Hamburger -Bier geziert. Mir aber beliebte, zuvor die Kunst zu -brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu solchem Ende -machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen<a id="FNanchor_376_376"></a><a href="#Footnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a> -zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes<a id="FNanchor_377_377"></a><a href="#Footnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a> -und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, -und als ich fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer -sich förchte oder zum erschröcken geneigt sei und derohalben -den leibhaftigen Teufel und sein Mutter selbst in grausamer -Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge wol abtreten. -Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen, -der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir -verblieb, mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er -nur einen Lehrmeister gehabt, als daß er vor anderen beherzter -gewesen wäre. Wir wurden beide verschlossen und verriegelt, -damit ja niemand das Werk verhinderte, und nachdem -ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen -auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng -wie ein Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher -hatte, so muste ich der Sach auch ein Ansehen machen -und eine Beschwerung brauchen, so in einer fremden Sprach -geschehen muste. Derowegen thät ich solche auf Sclavonisch -und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden: «Hier -stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören -und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, -du General Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier -Schwein versteckt, welche er verwichne Nacht diesem närrischen -Bauren gestohlen, um solche künftige Nacht mit seinen guten -Brüdern vollends abzuholen.«</p> - -<p>»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, -machte ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring -und ließe so vielerlei Thierer Stimme mithin hören, daß der -Böhm, wie er mir hernach selbst bekant, vor Angst in die -Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische Beschwerung -nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde, -antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern<a id="FNanchor_378_378"></a><a href="#Footnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a> Stimme, - <span class="pagenum"><a id="Seite_186">[S. 186]</a></span> -gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier -halbe Schwein liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm -Stroh verborgen.«</p> - -<p>»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein -Ende. Der Böhm aber konte das Lachen kaum verhalten, biß -wir aus dem Ring kamen.«</p> - -<p>»›O Bruder‹, sagte er auf Böhmisch zu mir, ›du bist wol -ein Schalk, die Leute zu äffen.‹ Ich aber antwortet ihm in -gleicher Sprach: ›Und du bist wol ein Schelm, wann du die -Geheimnus dieses Stücks nicht verschweigest, biß wir aus diesen -Quartieren kommen; dann solcher Gestalt muß man den Bauren -kratzen, wo sie es bedörfen.‹«</p> - -<p class="pmb3">»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht -nur schlecht hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings -darzu, was er nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, -daß die, so mich vorm Hause nur gehöret hatten, alles -glaubten und mit ihrer Autorität so viel bezeugten, daß man -mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich beides Baurn -und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch -bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei -demselbigen Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche -auch zugemuthet, ich solte Reuter in Feld und hingegen ganze -Parteien und Esquadronen unsichtbar machen<a id="FNanchor_379_379"></a><a href="#Footnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a>. Der Baur, nachdem -er sein schweinen Fleisch wieder hatte, gab mir die zween -Reichsthaler mit großem Dank und samt seinen Soldaten den -ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_364_364"></a><a href="#FNanchor_364_364"><span class="label">[364]</span></a> <em class="gesperrt">Frankenthal</em>, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der Esenach, mit einem -Kanal zum Rhein. <em class="gesperrt">Don Gonsales von Cordua</em> wurde vom Mansfelder -gezwungen, die Belagerung aufzuheben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_365_365"></a><a href="#FNanchor_365_365"><span class="label">[365]</span></a> <em class="gesperrt">gegen</em>, entgegen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_366_366"></a><a href="#FNanchor_366_366"><span class="label">[366]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Tirones</span></em>, Rekruten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_367_367"></a><a href="#FNanchor_367_367"><span class="label">[367]</span></a> <em class="gesperrt">Stattlo</em>, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk -Münster.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_368_368"></a><a href="#FNanchor_368_368"><span class="label">[368]</span></a> <em class="gesperrt">Salva Guardi</em>, <span class="antiqua">sauvegarde</span>, Schutzwache.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_369_369"></a><a href="#FNanchor_369_369"><span class="label">[369]</span></a> <em class="gesperrt">hürnen Seifrid</em>, nach dem bekannten Volksbuche.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_370_370"></a><a href="#FNanchor_370_370"><span class="label">[370]</span></a> <em class="gesperrt">Banddegen</em>, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_371_371"></a><a href="#FNanchor_371_371"><span class="label">[371]</span></a> <em class="gesperrt">übrig</em>, überflüssig, reichlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_372_372"></a><a href="#FNanchor_372_372"><span class="label">[372]</span></a> <em class="gesperrt">welche</em>, einige, manche.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_373_373"></a><a href="#FNanchor_373_373"><span class="label">[373]</span></a> <em class="gesperrt">der Cimbrier Chersonesus</em>, Jütland -und Schleswig-Holstein.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_374_374"></a><a href="#FNanchor_374_374"><span class="label">[374]</span></a> <em class="gesperrt">Potthast</em>, im nördlichen Deutschland noch jetzt -gebräuchlich, sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_375_375"></a><a href="#FNanchor_375_375"><span class="label">[375]</span></a> <em class="gesperrt">tröge</em>, trocken, gedörrt, geräuchert.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_376_376"></a><a href="#FNanchor_376_376"><span class="label">[376]</span></a> <em class="gesperrt">enmits over Deelen</em>, mitten über die Dielen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_377_377"></a><a href="#FNanchor_377_377"><span class="label">[377]</span></a> <em class="gesperrt">Pentalpes</em> oder <em class="gesperrt">Pentaples</em>, vielleicht für Pentagramm, -Drudenfuß.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_378_378"></a><a href="#FNanchor_378_378"><span class="label">[378]</span></a> <em class="gesperrt">dump</em>, <em class="gesperrt">dümper</em>, dumpf.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_379_379"></a><a href="#FNanchor_379_379"><span class="label">[379]</span></a> Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die Rede. Vgl. über -diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_dreizehnte_Capitel">Das dreizehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer -unter den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen -und endlich ein Freireuter worden.</p> -</div> - - -<p>Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung -zuhörete, ließe sich hier hören und sagte: »O du alter - <span class="pagenum"><a id="Seite_187">[S. 187]</a></span> -Scheißer, wie bistu gewißlich so ein arger Baurenschinder, so -ein schlauer Hühnerfänger gewesen!«</p> - -<p>»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? -Wollet ihr euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, -mit solchem Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige -Thierer sein und darzu keine kranke, wann ich sie würdigen -solte, selbige mir zuzuschreiben. Und zwar so waren -alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich annahm zu -Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel -rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern -und also sie allesamen mit den Schwänzen an die Hörner -zusammen gebunden wären, sie gewißlich von hier biß auf -euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen er, wie ich höre, -bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein soll. Was -vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein -und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß -ich vor dem großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, -als Hühner, Gäns und Enten, zu gedenken?«</p> - -<p>»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott -auch das Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, -damit du hinfort des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren -ungeplagt lassen und dich, deine alte Diebsgriff zu büßen, mit -Bettlen ernähren müssest.«</p> - -<p>Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen<a id="FNanchor_380_380"></a><a href="#Footnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> und -sagte: »Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius -hats kein Haar besser gemacht und gleichwol noch seine beide -Füße übrig, woraus ihr genugsam abnehmen könnet, daß ich -mich nit an den Bauren versündigt und ihrentwegen meinen -Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, daß sie -die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut -auch seinem Beruf nicht genug.«</p> - -<p>Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde -ihnen den Lohn schon darum geben, dann wann der gütige -Vatter das Kind genugsam gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann -die Ruthe ins Feuer zu werfen.«</p> - -<p>»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, -»nach dem alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, -welcher also lautet:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">So bald ein Soldat wird geboren,<br /></span> -<span class="i01">Sein ihm drei Bauren auserkoren:<br /></span> -<span class="i01">Der erste, der ihn ernährt,<br /></span> -<span class="i01">Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert,<br /></span> -<span class="i01">Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt.<br /></span> -</div></div> - -<p>»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen -Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als -die fromme Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, -beides schuldige und unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, -ermordet, sonder auch ihre eigne Nachbarn, ja sogar ihre -Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie nur zukommen können.«</p> - -<p>Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war -halt Gaul als Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren -wurden von den Soldaten Schelmen und hingegen diese von -jenen Diebe genant, so daß diesen Reden nach kein ehrlicher -oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und dannenhero -war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene -aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. -Erzähle du vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, -und vornehmlich, wo du den heroischen Namen Springinsfeld -aufgetrieben habest.«</p> - -<p>»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, -das Rabenaas, aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden -wolte, wann es nicht die Folge meiner Histori erfordert. Zu -dieser Vettel kam ich, nachdem ich mich ihrentwegen bei obengedachten -Regiment mit einem Stück Geld ledig gemacht hatte. -Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder ihr Knecht -gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr -darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so -sich zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar -wissen. Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren -Lebenslauf entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich -mag einmal mein eigne Guckgaucherei<a id="FNanchor_381_381"></a><a href="#Footnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a> nit selbst ausblasen, -sonder es ist mir genug, wann ich glauben muß, sie werde -meiner so wenig als deiner verschonet haben. Diß ist gewiß, -mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende Schönheit von -solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als ich -gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt, -von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu - <span class="pagenum"><a id="Seite_189">[S. 189]</a></span> -werden, wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; -aber sie war in den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei -Schelmstücken und Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt<a id="FNanchor_382_382"></a><a href="#Footnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a> -und fertig, und in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit -so gar <span class="antiqua">insationabilis</span><a id="FNanchor_383_383"></a><a href="#Footnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a>, daß ich gänzlich darvor halte, es -hätte niemand keine Sünde daran gethan, wann er ihr zu -Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals gehenkt -und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte. -Diese Unholde<a id="FNanchor_384_384"></a><a href="#Footnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a>, als sie meiner müd worden, brachte beides -durch Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere -Faust, darauf sie saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen -Willen quittirn muste. Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, -Pferd, Kleider und Gewehr mit, hingegen aber auch den Teufel -im Glas, wessentwegen ich große Angst ausstunde, biß ich -seiner wieder ohne Schaden los wurde.«</p> - -<p>»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und -unter dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische, -folgends in Thüringen und endlich in Hessen -kommen, haben wir sich daselbst mit andern Völkern mehr -conjungirt und doch sonst nichts ausgericht, als daß wir -wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst wurde auf -einer Partei wider<a id="FNanchor_385_385"></a><a href="#Footnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a> die Schwedische gefangen, unter denen ich -auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen -ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem -Schweden Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, -Manheim und andere Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde -ich in Westphalen geschickt, dem Kurfürsten von Cöln selbige -Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer vor den Hessen -beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, welches -mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken -lassen, als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir -gar nicht wie jenem Schwaben, der ein halb Dutzet solcher -Stänglein auf sich nehmen wolte, dann ich hatte 18 Schuh -lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich auch alle Stund -darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden möchte. -Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber -wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt - <span class="pagenum"><a id="Seite_190">[S. 190]</a></span> -er noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich, -zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute -Tropfen vor Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch -keiner glauben, ders nicht selber erfährt. Und dannenhero -glaube ich, daß derjenige, der einen Piquenierer niedermacht, -den er sonst verschonen könte, einen Unschuldigen ermordet und -solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob -diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen werden -sie genennet) gleich creirt<a id="FNanchor_386_386"></a><a href="#Footnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> sein, ihre Brigaden vor dem Einhauen -der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie -doch vor sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst -recht, der einem oder dem andern in seinen langen Spieß -rennet. In Summa, ich habe mein Tage viel scharfe Occasionen -gesehen, aber selten wahrgenommen, daß ein Piquenierer jemand -umgebracht hätte.«</p> - -<p>»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen -Cameraden überredet, daß er mir sein Musquete auf die -Mauserei verliehe und so lang mein Pique trug, biß ich wieder -käme und eine Beut mitbrächte. Es glückte mir, dann -unserer drei, darunter ein Landskind war, der alle Weg und -Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von Bremen -nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen -hessischen Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben -giengen wir zu Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da -er an den Ort kam, wohin wir ihn gewünscht, schossen wir -gleich im Angriff den Musquetierer, den Fuhrmann und den -Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich genommen, -spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in -der Eil von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es -viel Seidenwaar und englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber -vor uns stak in einem Fäßlein voller Karten, nämlich ungefähr -bei 1200 Reichsthalern, welches ich zwar fande, aber -mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen den -Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in -kurzer Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir -aller Gefahr und langten eben bei den Unserigen wieder an, -als Pappenheim sich fertig gemacht, den Bannier vor Magdeburg -hinweg zu schlagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu -fliehen, ehe wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends -nicht geschehen, daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich -hundert Mann auf dem Platz lassen muste. Und nachdem wir -alles wol ausgerichtet, die Guarnison zu uns genommen<a id="FNanchor_387_387"></a><a href="#Footnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a> und -der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens Befestigung an Wällen -und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt hatten, brachte -ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, sonder -unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals -bei den Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung -zuwegen, daß er mich entließe.«</p> - -<p class="pmb3">»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, -montierte mich und einen Knecht zum besten und nahm bei -einem Regiment zu Pferd vor einen Freireuter Aufenthalt, so -lang biß ich wieder zu meinem Regiment, darunter ich gehörte, -gelangen möchte.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_380_380"></a><a href="#FNanchor_380_380"><span class="label">[380]</span></a> <em class="gesperrt">einen großen Schallen</em>, so wird zu lesen sein statt »Schollen«: -lachte, daß es laut schallte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_381_381"></a><a href="#FNanchor_381_381"><span class="label">[381]</span></a> <em class="gesperrt">Guckgaucherei</em>, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_382_382"></a><a href="#FNanchor_382_382"><span class="label">[382]</span></a> <em class="gesperrt">abgeführt</em>, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_383_383"></a><a href="#FNanchor_383_383"><span class="label">[383]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">insationabilis</span></em>, -Springinsfeld will sagen <span class="antiqua">insatiabilis</span>, unersättlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_384_384"></a><a href="#FNanchor_384_384"><span class="label">[384]</span></a> <em class="gesperrt">Unholde</em>, -Unholdin, Hexe.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_385_385"></a><a href="#FNanchor_385_385"><span class="label">[385]</span></a> <em class="gesperrt">wider</em>, die Drucke haben »unter«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_386_386"></a><a href="#FNanchor_386_386"><span class="label">[386]</span></a> <em class="gesperrt">creirt</em>, geschaffen, bestimmt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_387_387"></a><a href="#FNanchor_387_387"><span class="label">[387]</span></a> <em class="gesperrt">zu uns genommen</em>, gefangen genommen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_vierzehnte_Capitel">Das vierzehnte Capitel</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück.</p> -</div> - - -<p>»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, -der nach diesem glücklichen Streich in Westphalen -herum fuhr wie eine Windsbraut, und das war ein Leben -vor mich, dergleichen ich mir vorlängst eins gewünscht hatte. -Als er die Städte Lemgau<a id="FNanchor_388_388"></a><a href="#Footnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a>, Herfort, Bielefeld und andere um -Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort die Dörfer und -Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen, -setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier -mit seinen vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von -Lüneburg putzten, folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit -und schaffte mir desto mehr Raubs. Vor Stade, -alwo wir den schwedischen General Todt hinweg schlugen -und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg, bekam -ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene -Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht -so viel Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen - <span class="pagenum"><a id="Seite_192">[S. 192]</a></span> -Roßhändler hätte ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld -und Glück zugleich mit vermehrte, fieng ich an zu gedenken, -ob ich nicht auch ein Officier abgeben würde.«</p> - -<p>»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr -einlegten, außer daß wir die Holländer aus ihren Schanzen -vor Mastricht nit schlagen konten. Den Hessen und den Bavadis<a id="FNanchor_389_389"></a><a href="#Footnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a> -berupften wir gleichsam wie wir wolten, und den Lüneburger, -der Wolfenbüttel einzunehmen sich bemühete, lehreten -wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das braunschweigische -Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber -Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem -Wallensteiner und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu -einer Hochzeit, in welcher aber beiderseits allertapferste Helden -und berühmteste Generalen ihrer Zeit gleichsam mitten in ihrem -Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit Myrrhen und Rauten<a id="FNanchor_390_390"></a><a href="#Footnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a> -bekrönet worden.«</p> - -<p>»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus -und unser berühmte Pappenheimer, beide ritterlich streitend, -ihr Leben zu <em class="gesperrt">einer</em> Zeit in <em class="gesperrt">einem</em> Flügel gelassen, wie dann -der Graf kaum eine viertel oder halbe Stund länger als der -König gelebt haben soll, sihe, da erhub sich ererst die wüthende -Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten. Jedwedere Seite -stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche Maur, und -was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den entseeleten -Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß -an den Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen<a id="FNanchor_391_391"></a><a href="#Footnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a> -sie mit zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet -worden, eine sonderbare Kraft und Würkung empfangen, -beides die auf sich habende Todte und Lebendige zu -demjenigen anzufrischen und zu entzünden, was ein rechtschaffner -Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten schuldig, maßen -beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß die stockfinstere -Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger -streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.«</p> - -<p>»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends -in Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil -die Kräfte nit hatte, uns zu jagen; und da ichs beim - <span class="pagenum"><a id="Seite_193">[S. 193]</a></span> -Liecht besahe, wurde ich gewahr, daß ich in der Schlacht meinen -Knecht und bei der Bagage meinen Jungen samt allem, was -ich vermocht<a id="FNanchor_392_392"></a><a href="#Footnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a>, verloren. Den letztern Schaden zwar hatten mir -unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches auch andern -mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel aufgeknüpft -worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.«</p> - -<p>»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der -Anfang und gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen -Unglücks, das noch länger bei mir continuiren solte; -dann nachdem mich die Altringische erkanten, muste ich wieder -unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein, worunter ich -mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher Gestalt -hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder -weil ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon -gebracht, so war auch die Hoffnung pritsch<a id="FNanchor_393_393"></a><a href="#Footnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a>, ein Officier -zu werden.«</p> - -<p>»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen -und Kempten einnehmen und den Schwedischen Forbus<a id="FNanchor_394_394"></a><a href="#Footnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a> -striegeln helfen, in allen diesen dreien Occasionen aber kein -andere Beut als die Pest an Hals bekommen, und zwar allererst -als wir mit dem Wallenstein in Sachsen und Schlesien -gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben an -dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in -unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche -Zufäll betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich -Wunder, daß dem einen und andern der Lust in Krieg zu -ziehen nit vergehet. Aber viel ein mehrers verwundert mich, -wann ich sehe, daß alte Soldaten, die allerhand Unglück, Leiden -und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum öftern -ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht -quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne<a id="FNanchor_395_395"></a><a href="#Footnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a>, oder -ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen -und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine -Art einer sonderbaren unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; -schätze wol, es seie ein Art derjenigen Thorheit, damit sich die - <span class="pagenum"><a id="Seite_194">[S. 194]</a></span> -Hofleute schleppen, welche dem Hofleben, darwider sie doch täglich -murren, nicht ehender resigniren, als biß sie solches mit ihres -Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie wollen oder wollen nicht.«</p> - -<p>»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit -unserer Contagion behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, -der unsers Gelds gleichwie wir seiner Arzneimittel -bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so das ander mangelte, -wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm und -wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, -die ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich<a id="FNanchor_396_396"></a><a href="#Footnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a> nach -dem andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und -als wir wieder zu reuten getrauten, machten wir sich auf den -Weg, uns durch Mähren in Oesterreich zu begeben, alwo unser -Regiment gute Winterquartier genosse.«</p> - -<p class="pmb3">»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. -Wir beide Schwache und noch halb Kranke wurden von -einer Rott Räuber, die wir mehr vor Bauren als Soldaten -hielten, angegriffen, abgesetzt<a id="FNanchor_397_397"></a><a href="#Footnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a>, biß auf die nackende Haut ausgezogen -und noch darzu mit Stößen übel tractirt, und konten -schwerlich unser eigen Leben und vor unsere Kleider etwas von -ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der damaligen -grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel -mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet -gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen -gefroren war. Ich hatte noch etliche Gleich von meiner -göldenen Kette verschluckt: darauf bestund all mein übriger -Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen der Teufel -gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen, -biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste -ichs noch vor einen großen Gewinn halten, daß sie mir den -Bauch nicht aufgeschnitten, anstatt daß sie uns endlich wieder -lebendig von sich ließen. In solchem ellenden Zustand, da uns -zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit und bequem Wetter -zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche Leute, -daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf -kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad -kein Niemezy<a id="FNanchor_398_398"></a><a href="#Footnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a> oder Niemey gewesen, der die slavonische -Sprach nicht gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren<a id="FNanchor_399_399"></a><a href="#Footnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a> -vom mährischen Landmann beides Essensspeis und alte Kleider -erbettelte, damit wir sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert<a id="FNanchor_400_400"></a><a href="#Footnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a>, jedoch -dicker wider die grimmige Winterskälte bewaffneten. Also -armselig haben wir Mähren allgemach durchkrochen, viel Ellend -erlitten und von dem Bauersmann, der dem Soldaten niemals -hold wird, mehr spitzige Schmachreden als willige Steur und -Almosen eingenommen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_388_388"></a><a href="#FNanchor_388_388"><span class="label">[388]</span></a> <em class="gesperrt">Lemgau</em>, Lemgo.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_389_389"></a><a href="#FNanchor_389_389"><span class="label">[389]</span></a> <em class="gesperrt">Bavadis</em>, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam als Oberst mit -Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor Pappenheim aus -Westphalen zurückziehen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_390_390"></a><a href="#FNanchor_390_390"><span class="label">[390]</span></a> <em class="gesperrt">Myrrhen und Rauten</em>, als Leichenschmuck.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_391_391"></a><a href="#FNanchor_391_391"><span class="label">[391]</span></a> <em class="gesperrt">um willen</em>, deswegen weil.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_392_392"></a><a href="#FNanchor_392_392"><span class="label">[392]</span></a> <em class="gesperrt">vermögen</em>, im Vermögen haben, besitzen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_393_393"></a><a href="#FNanchor_393_393"><span class="label">[393]</span></a> <em class="gesperrt">pritsch</em>, dahin.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_394_394"></a><a href="#FNanchor_394_394"><span class="label">[394]</span></a> <em class="gesperrt">Forbus</em>, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst vorkommenden weniger bekannten -Ereignisse und Namen, so weit dies möglich war, nachgewiesen worden -sind.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_395_395"></a><a href="#FNanchor_395_395"><span class="label">[395]</span></a> <em class="gesperrt">ein Loch gewinnen</em>, auch sonst bei Grimmelshausen und selbst in -geschichtlichen Werken, z. B. im <span class="antiqua">Theatrum Europæum</span>, vorkommend, sprichwörtlich: -ein Ende nehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_396_396"></a><a href="#FNanchor_396_396"><span class="label">[396]</span></a> das <em class="gesperrt">Gleich</em>, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr. Glied einer -Kette.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_397_397"></a><a href="#FNanchor_397_397"><span class="label">[397]</span></a> <em class="gesperrt">absetzen</em>, vom Pferde reißen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_398_398"></a><a href="#FNanchor_398_398"><span class="label">[398]</span></a> <em class="gesperrt">Niemezy</em>, Deutscher.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_399_399"></a><a href="#FNanchor_399_399"><span class="label">[399]</span></a> <em class="gesperrt">Parlaren</em>, Sprechen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_400_400"></a><a href="#FNanchor_400_400"><span class="label">[400]</span></a> <em class="gesperrt">ziert</em>, geziert.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_funfzehnte_Capitel">Das fünfzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen -gehalten.</p> -</div> - - -<p>»Zu<a id="FNanchor_401_401"></a><a href="#Footnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir -wieder beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu -Eger umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada -zum Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen -und sich selbst zum König in Böhmen machen wollen. -Hierdurch wurde zwar diß hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, -aber zugleich auch das kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum -Theil um der verfluchten Wallensteinischen Zusammenverschwörung -halber vor verdächtig gehalten werden wolten, zum Gebrauch -vor untüchtig geschätzt, weil man ihre Treu zuvor probieren -muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues -dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, -daß es liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, -maßen die schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung -unterschiedlicher Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich -der unüberwindlichste dritte Ferdinand, damaliger ungar- und -böheimischer König, die Waffen selbst ergriffen. Dieser mustert -uns und führte uns bei 60000 stark samt einer unvergleichlichen -Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche Stadt ich hiebevor, -nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen -müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem -General, dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen -unter Gustav Horn entgegen commandirt worden; da es -dann sonderlich zu Landshut auf der Brücke ziemlich heiß hergienge, - <span class="pagenum"><a id="Seite_196">[S. 196]</a></span> -alwo mir nicht allein mein Pferd unterm Leib, sonder -auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser rechtschaffene -General von Altringen todt geschossen wurde.«</p> - -<p>»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen -und sich der hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, -mit uns völlig conjungirt, zogen wir auf das Ries<a id="FNanchor_402_402"></a><a href="#Footnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> und belägerten -Nördlingen. Damals war ich ein unberittener und -auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht genossen, ein -Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges erschnappt -hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß -man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, -als die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. -Indem es aber hierüber zu einem fast blutigen Treffen -geriethe, gedachte ich auch eine Beut zu holen oder das Leben -darüber zu verlieren, dann ich wolte viel lieber todt als ein -solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet und zusihet, wie -tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich um den -Barchet jagen<a id="FNanchor_403_403"></a><a href="#Footnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a>. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser -oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch -darvon kriegte, sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen -ins Gedräng, als die Victori noch in der Wag stunde und -der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch und Staub bedeckt -war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei der Battalia -den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings verloren. -Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, -den Ungern und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über -eben denjenigen Ort, da ich mich befande, des Willens, in -Eil die da und dort liegende Todte zu besuchen und zu plündern, -wird<a id="FNanchor_404_404"></a><a href="#Footnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> ich gezwungen niederzufallen und mich denjenigen -gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte. Das -thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen -den Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, -deren sie abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.«</p> - -<p>»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher -wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim -Zaum hielte und den einen Schenkel entzwei geschossen, den - <span class="pagenum"><a id="Seite_197">[S. 197]</a></span> -andern aber noch im Stegreif stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, -weil er ihm selbst nicht helfen könte.«</p> - -<p>»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!«</p> - -<p>»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer -Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges -Wort mir zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen -Hund genant.«</p> - -<p>»Ich fragte: Was Volks?«</p> - -<p>»Er antwort: Gut schwedisch.«</p> - -<p>»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der -andern Hand eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet -damit den wenigen Rest des bittenden Lebens. Und diß ist -die Würkung des verfluchten Geschützes, daß nämlich ein geringer -Bärnhäuter dem allertapfersten Helden, nachdem er zuvor -vielleicht auch durch einen liederlichen Stallratzen ungefähr -beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande Goldstücker -bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen -Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk -war mit Gold und Silber gestickt, das Degengefäß von Silber -gemacht, und sein Hengst ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, -dergleichen ich meine Tag niemalen überschritten<a id="FNanchor_405_405"></a><a href="#Footnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a>. -Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem ich Gefahr -merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen oder -ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und -da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern -oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, -waren nach damaligem Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, -muste ich gleichwol bei mir selbst erseufzen und gedenken: -wann der unüberwindliche starke Hercules jetziger Zeit selbst -noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als dieser brave -Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt werden.«</p> - -<p class="pmb3">»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, -daß sie sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, -gefangen zu nehmen und Beuten zu machen, welches lauter -Zeichen der erhaltenen Victori waren. Ich machte mir anderer -gehabte Mühe zu Nutz und stund zu den Siegern in ihr -Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte, ohne daß ich -blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus kleiden -konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl -von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, -ohnangesehen sie tapfer gefochten hatten.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_401_401"></a><a href="#FNanchor_401_401"><span class="label">[401]</span></a> <em class="gesperrt">Zu</em>, bei.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_402_402"></a><a href="#FNanchor_402_402"><span class="label">[402]</span></a> <em class="gesperrt">das Ries</em>, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_403_403"></a><a href="#FNanchor_403_403"><span class="label">[403]</span></a> <em class="gesperrt">um den Barchet jagen</em>; ein Stück dieses Zeuges war ein gewöhnlicher -Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller, Bayr. Wörterb.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_404_404"></a><a href="#FNanchor_404_404"><span class="label">[404]</span></a> <em class="gesperrt">wird</em>, <span class="antiqua">præs.</span> zu werden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_405_405"></a><a href="#FNanchor_405_405"><span class="label">[405]</span></a> <em class="gesperrt">überschreiten</em>, besteigen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_sechzehnte_Capitel">Das sechzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, -und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.</p> -</div> - - -<p>»Gleichwie nun nach Erhaltung<a id="FNanchor_406_406"></a><a href="#Footnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a> dieser gewaltigen und namhaften -Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in -unterschiedliche Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle -Provinzen, dahin diese gelangten, die Würkung des gedachten -blutigen Treffens, und zwar nicht allein was das Schwert, -sonder auch was der Hunger und was die Pest jedes absonderlich -zu thun vermöchte, ja wie grausam die zusammen gestimmte -erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien Hauptstrafen -die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den -Antheil meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit -gleichsam ganz Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller -unglückseligsten Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen -andern teutschen Flüssen mit Trübsal überschwemmt wurde, -seitemal er erstlich das Schwert, darauf den Hunger, drittens -die Pest und endlich alle drei Plagen zu einer Zeit und auf -einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit, die zwar viel -zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser -wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen -halfe. Und demnach der weimarische Herzog Bernhardus -damals durch die Kräfte der französischen Flügel am -Rhein herum schwebte und durch sein stetigs Agirn, indem er -an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl<a id="FNanchor_407_407"></a><a href="#Footnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> zu spielen wuste, -nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe, sonder -auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere -Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, -äußerist und zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, -da büßte ich mit ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen - <span class="pagenum"><a id="Seite_199">[S. 199]</a></span> -zugestanden, deren es, wo wir nur hin marschirten, -aller Orten voll lag, den Untergang unserer Armee bezeugen -zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich daselbsten -bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte -ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner<a id="FNanchor_408_408"></a><a href="#Footnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a>, -Umgicker<a id="FNanchor_409_409"></a><a href="#Footnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> &c. vor guldene spanische und englische -Kopfstücker aus, deren ein zwei oder drei silberne in meinem -Sinn golte und werth war, welche auch jedermann in solchem -Preis gern von mir annahm, so lang ich deren auszugeben -hatte.«</p> - -<p>»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie -das ganze Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, -gieng der kleine Rest unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments -in Westphalen; alwo wir unter dem Grafen von Götz -die Städte Dortmund, Paderborn, Ham, Une<a id="FNanchor_410_410"></a><a href="#Footnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a>, Kammen<a id="FNanchor_411_411"></a><a href="#Footnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a>, -Werl<a id="FNanchor_412_412"></a><a href="#Footnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a>, Soest und andere Ort mehr einnehmen helfen. Und -damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich, -mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. -Und weil du selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist -unnöthig, etwas darvon zu erzählen.<a id="FNanchor_413_413"></a><a href="#Footnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a>«</p> - -<p>»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind -gefangen und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus -Westphalen hinweg marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, -Commendant in der Lippstadt, durch einen Anschlag Soest -einnahm. Damals verlore ich alles, was ich in langer Zeit -zusammen geraspelt und vorm Maul erspart hatte. Solches -und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in -Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen -lassen und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, -biß beides die Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein -in das Erzstift Cöln giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen -ich lang nachgeseufzet.«</p> - -<p>»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter -dem Lamboy ein solche Armatur, die wir leicht übermeisterten -und von der Kemper Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg -schlugen. Diesem Sieg folgten Neuß, Kempen und andere - <span class="pagenum"><a id="Seite_200">[S. 200]</a></span> -Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir genossen, und -ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden. -Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich -darbei, weil ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der -Compagni verbleiben muste. Demnach wir aber Gülch<a id="FNanchor_414_414"></a><a href="#Footnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> plünderten -und mit den Leuten auf dem Land sowol im Erzstift -Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens procedirn dörften, -erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich wieder -von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn -getraute.«</p> - -<p>»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten -schon ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich<a id="FNanchor_415_415"></a><a href="#Footnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a> vergeblich -zur Uebergab ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, -die bei Zons<a id="FNanchor_416_416"></a><a href="#Footnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> lagen, sonder auch die Spanische ans Leder -wolten. Dannenhero schlupfte Guebrian den Kopf aus der -Schlinge, quittirte den Rheinstrom und führte uns durch den -Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum zu rauben, -zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten gefunden, -biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar -Jean de Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf<a id="FNanchor_417_417"></a><a href="#Footnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a> in die -Haar gerathen und einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell -nicht grob zerrissen. Aber wer kein Glück hat, der fällt die -Nas ab, wann er gleich auf den Rucken zu liegen kommt, -dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant von -Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter<a id="FNanchor_418_418"></a><a href="#Footnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a> zu -nennen pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, -wo damals das baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen -Regiment Dragoner zugestellt, darunter ich anfänglich -gedienet.«</p> - -<p>»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, -weil ich noch kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu -Balingen<a id="FNanchor_419_419"></a><a href="#Footnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a> und widerfuhre mir ein Poß um selbige Zeit, -welcher zwar von keiner Importanz, gleichwol aber so seltzam, -verwunderlich und mir so eine schlechte Kurzweil gewesen, daß -ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel, denen der damalige - <span class="pagenum"><a id="Seite_201">[S. 201]</a></span> -ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant, -mir solches nicht glauben werden.«</p> - -<p>»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, -daß die Weimarische unter Reinholden von Rose -1200 Pferd stark ausgangen, uns aufzuheben, gedachte er -solches an Ort und End zu notificirn, von dannen succurirt -werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet, noch ohnberitten, -zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine -Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, -ich würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern -mit einem Schreiben nach Villingen<a id="FNanchor_420_420"></a><a href="#Footnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> geschickt, von -dieser obhandenen Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu -bringen; und golte gleich, ob ich vom Gegentheil unterwegs -gefangen würde oder nicht, dann wann solches geschehen wäre, -so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag entdeckt gewesen, -und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich kam -glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen, -um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. -Als ich nun durch ein Dorf passirte, darinnen keine Mäus, -geschweige Katzen, Hund und ander Vieh, viel weniger Menschen -sich befunden, sahe ich gegen mir einen großen Wolf -avanziren, welcher <span class="antiqua">recta</span> mit aufgesperrtem Rachen auf mich -zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein -ander Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich -derowegen in das nächste Haus und hätte die Thür hinter -mir gern zugeschlagen, wann es nur eine gehabt, aber es -mangelte deren sowol als der Fenster und des Stubenofens. -Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus nachfolgen -würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort -nicht respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, -sonder zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach -hernach; dannenhero ich nothwendig mein Refugium -die erste und andre Stiege hinauf nehmen muste. Und weil -mich der Wolf sehen ließe, daß er auch Stiegen steigen konte -so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in aller Eil, welches -zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch ein -Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich -eilends die Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den - <span class="pagenum"><a id="Seite_202">[S. 202]</a></span> -Latten zu behelfen, auf welchen ich je länger je höher hinauf -kletterte. Und als ich mich hoch genug daroben und also vor -dem Wolf in Sicherheit zu sein befande, öffnete ich im Dach -ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der Wolf die -Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.«</p> - -<p class="pmb3">»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr -Cameraden bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden -stelleten, als ob sie einen Anschlag zu erstimmen<a id="FNanchor_421_421"></a><a href="#Footnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a> begriffen, -wie sie mir beikommen möchten. Ich hingegen chargirte mit -halben und ganzen Zieglen auf sie hinunter, konte aber durch -die Latten weder gewisse noch satte<a id="FNanchor_422_422"></a><a href="#Footnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a> oder starke Würf thun; -und wann ich gleich den einen oder andern auf den Pelz traf, -so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder behielten -mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die stockfinstere -Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont bedeckte, -mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten Schneeflocken -gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang des -Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich -kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen -konte. Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine -solche erschröckliche Music an, daß ich vermeinte, ich müste von -ihrem grausamen Geheul übers Dach herunter fallen. In -Summa, es ist unmüglich zu glauben, was vor eine ellende -Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher äußersten -Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in was -vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in -der Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig -währet, welche nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den -schröcklichen Teufeln selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder -gar in der Höllen, nicht nur in gemeiner Kälte, sonder in -ewig brennendem Feur, nicht nur eine Nacht, in Hoffnung erlöst -zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden. Diese Nacht -war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte, -es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete -weder Hahnen krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft -und erfroren dorten im rauhen Luft, daß ich gegen Tag -all Augenblick vermeinte, ich müste herunter fallen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_406_406"></a><a href="#FNanchor_406_406"><span class="label">[406]</span></a> <em class="gesperrt">Erhaltung</em>, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_407_407"></a><a href="#FNanchor_407_407"><span class="label">[407]</span></a> <em class="gesperrt">Fickmühle</em>, Zwickmühle, Stellung der Steine im Mühlenspiel, wo beim -Aufziehen der Mühle eine andere geschlossen wird.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_408_408"></a><a href="#FNanchor_408_408"><span class="label">[408]</span></a> <em class="gesperrt">Jacobiner</em>, englische Goldkronen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_409_409"></a><a href="#FNanchor_409_409"><span class="label">[409]</span></a> <em class="gesperrt">Umgicker</em>, das Wort kann ich nicht nachweisen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_410_410"></a><a href="#FNanchor_410_410"><span class="label">[410]</span></a> <em class="gesperrt">Une</em>, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_411_411"></a><a href="#FNanchor_411_411"><span class="label">[411]</span></a> <em class="gesperrt">Kammen</em>, Kamen, ebendaselbst.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_412_412"></a><a href="#FNanchor_412_412"><span class="label">[412]</span></a> <em class="gesperrt">Werl</em>, ebend., Kreis Soest.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_413_413"></a><a href="#FNanchor_413_413"><span class="label">[413]</span></a> Vgl. »Simplicissimus«, Buch <span class="antiqua">II</span> und <span class="antiqua">III</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_414_414"></a><a href="#FNanchor_414_414"><span class="label">[414]</span></a> <em class="gesperrt">Gülch</em>, Jülich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_415_415"></a><a href="#FNanchor_415_415"><span class="label">[415]</span></a> <em class="gesperrt">Lechnich</em>, Städtchen, Regierungsbezirk Köln, -Kreis Euskirchen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_416_416"></a><a href="#FNanchor_416_416"><span class="label">[416]</span></a> <em class="gesperrt">Zons</em>, Städtchen, Reg. Düsseldorf, Kr. Neuß.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_417_417"></a><a href="#FNanchor_417_417"><span class="label">[417]</span></a> <em class="gesperrt">Schorndorf</em>, Würtemb. Jaxtkreis, Stadt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_418_418"></a><a href="#FNanchor_418_418"><span class="label">[418]</span></a> <em class="gesperrt">Kirbereuter</em>, Kirchweihreiter.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_419_419"></a><a href="#FNanchor_419_419"><span class="label">[419]</span></a> <em class="gesperrt">Balingen</em>, Oberamtsstadt in Würtemberg, Schwarzwaldkreis.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_420_420"></a><a href="#FNanchor_420_420"><span class="label">[420]</span></a> <em class="gesperrt">Villingen</em>, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_421_421"></a><a href="#FNanchor_421_421"><span class="label">[421]</span></a> <em class="gesperrt">erstimmen</em>, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_422_422"></a><a href="#FNanchor_422_422"><span class="label">[422]</span></a> <em class="gesperrt">satt</em>, genügend, wirksam.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_siebzehnte_Capitel">Das siebzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher -Dragoner.</p> -</div> - - -<p>»Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum, -ich sahe aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung -zu meiner Erlösung hätte schöpfen mögen, sonder hatte vielmehr -Ursach, gleichsam gar zu verzagen, dann ich war müd, -matt, schläferig und noch darzu auch hungerig. Ich beflisse -mich sonderlich, mich des Schlafens zu enthalten, weil die geringste -Einnickung der Anfang meines ewigen Schlafs gewesen -wäre, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder über das -Dach herunter purzlen müssen. Indessen bewachten mich die -Wölfe noch immer fort, ob zwar bißweilen deren etliche die -Stiege auf und ab spazierten. Nach denjenigen, die oben im -Hause unterm Dach verblieben, warf ich zwar ohne Unterlaß -mit Zieglen, ob ich sie vielleicht vertreiben möchte. Es nutzte -mir aber zu nichts anders, als daß ich mich durch dasselbige -Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den Schatten oder -eine Copei einer geringen Wärme in die Glieder schaffte. Und -dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.«</p> - -<p>»Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein -gänzliches Verderben ergeben hatte, kamen fünf Kerl in sachtem -Galop daher geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres -Gewehrs ansahe, daß sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden. -Den letzten kante ich am Pferd, daß es ein Wachtmeister -vom Sporckischen Regiment war, der mich gar wol -kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und sahen -mich anfänglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser -näherten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch -als einem Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten -mich herunter schießen. Als ich aber gedachten Wachtmeister -mit Namen nennete, mich damit zu erkennen gab und darneben -versicherte, daß in 24 Stunden kein vernünftige Seele im Dorf -gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach Schiltwacht gehalten, -erzählet ich ihnen auch zugleich mein Geschäfte und was - <span class="pagenum"><a id="Seite_204">[S. 204]</a></span> -vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten. -Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem -starken Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm, -ließe er alsobalden zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen, -in das Haus gehen und sonst das Haus umstellen, auch Schiltwachten -außerhalb dem Dorf aufführen. Als nun jene ins -Haus gestürmt, wurden 8 Wölf so erschossen als sonst niedergemacht, -und im Keller fünf menschliche Körper gefunden, von -welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten. -Vermög eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Paßzedel -und eines Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines -Gürtels, darinnen Ducaten vernähet waren, ist ein Metzger -unter diesen gewesen, der die Donau hinunter gewolt, etliche -Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese fünf Menschenköpfe -fanden wir auch Aas von andern Thieren, also daß es in -diesem Keller einer alten Schindgruben ähnlich sahe.«</p> - -<p>»Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil -zu erkundigen, was die Weimarische im Sinn hätten. -Und da er solcher Gestalten von mir erfuhr, was des Rose -Intention wäre, befahl er alsobalden in demselbigen Dorf zu -füttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben, was jeder -von kurzem Futter hinter sich führte, dann in demselbigen Dorf -war nichts vorhanden, das die Pferde genießen konten, als -das Stroh auf etlichen Dächern. Und alsdann fütterte auch -ein jeder sich selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von -deren mir mildiglich mitgetheilt wurde, als dessen ich damals -auch trefflich vonnöthen.«</p> - -<p>»Der Obriste hielte die Begegnus mit den Wölfen vor ein -gut Omen, noch ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er -gedachte, auf Balingen zu gehen und mit Zuziehung unserer -daselbst liegenden Dragoner dem Rosa einen Streich zu versetzen. -Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den richtigsten -Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht -marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, daß Rosa sich zwar -bei Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner -auszuheben, sonder den Ort, den er vor leer gehalten, -zu besetzen. Weil er aber zu spat kommen, hätte er sich in -das Dorf Geislingen<a id="FNanchor_423_423"></a><a href="#Footnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> logirt, um über Nacht daselbst liegen - <span class="pagenum"><a id="Seite_205">[S. 205]</a></span> -zu bleiben. Hierauf ändert der Obriste alsobalden seinen Anschlag -und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen zu, alwo -wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose -mit bei sich habenden vier Regimentern gar unsäuberlich aus -dem ersten Schlaf weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf, -die übrige aber hielten darvor haußen<a id="FNanchor_424_424"></a><a href="#Footnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> und zündeten es an -vier Orten an. Darauf wurden gleichsam in einem Augenblick -diese vier Regimenter zerstöbert<a id="FNanchor_425_425"></a><a href="#Footnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a> und ruinirt. 200 wurden -gefangen ohne die Officier, und sonst viel schöne Beuten -gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, daß ich -auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen -möchte, als durchschliche ich die Häuser zu äußerst am Dorf -und zunächst an einem Ort, da es brante, und bekam drei -schöne gesattelte Pferd mit aller Zugehör und einem Jungen, -dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder zu Fuß darvon -gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das Niederbüchsen -unserer im Feld haltenden Reuter geförchtet, als die -gemeiniglich nur den Flüchtigen zu Pferd zusetzten.«</p> - -<p>»Des Morgens frühe ließe mich der Obriste mit meiner -Beut wiederum nach Balingen reiten, unserm Commendanten -und seinen Dragonern die Botschaft seines glücklich verrichten -Einfalls zu bringen. Ich war willkommen, nicht allein wegen -der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen der guten -Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines -Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt -hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler -versprochen, wann ich zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht -ausgerichtet haben würde. Weil ich aber jetzt so wol heim -kam, verehrte er mir deren zwei und machte mich noch drüberhin -zu einem Corporal. Derowegen versilberte ich das eine -Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erlösten -Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob -ich nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben -wurde. Eben auf denselbigen Tag, daran ich so groß worden, -gieng Rothweil an den Guebrian über, aber die Weimarische -haben diese Stadt nicht viel länger behauptet, als biß die Tuttlinger -Kirchmeß<a id="FNanchor_426_426"></a><a href="#Footnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a> gehalten worden, auf deren ich zwar wenig - <span class="pagenum"><a id="Seite_206">[S. 206]</a></span> -Beuten einkramen können, weil ich als ein Unteroffizier anders -zu thun hatte. Dann nachdem solche vorüber, nahm sie unser -General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich -damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt, -wäre ich beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt -oder wol gar als ein Corporal, der andern abwehren -sollen, aufgehenkt worden, dafern mich mein gutes Pferd nicht -beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen Thaler, die ich -den Nachjagenden spendirte, aus den Händen des Profosen -und Steckenknechts errettet hätten.«</p> - -<p class="pmb3">»Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob -gleich Herr Corporal Springinsfeld anfänglich in denselbigen -eine herbe Hauptkrankheit überstunde, also daß ihm auch kein -Härlein Heu auf der obern Bühne übrig verbliebe, so schlug -es ihme dannoch hernach so wol zu, daß er mitten im Krieg -einen solchen fetten Kopf überkam, wie ein Dorfschultheiß mitten -in Friedenszeiten.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_423_423"></a><a href="#FNanchor_423_423"><span class="label">[423]</span></a> <em class="gesperrt">Geislingen</em>, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt Balingen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_424_424"></a><a href="#FNanchor_424_424"><span class="label">[424]</span></a> <em class="gesperrt">haußen</em>, (hie außen) außerhalb.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_425_425"></a><a href="#FNanchor_425_425"><span class="label">[425]</span></a> <em class="gesperrt">zerstöbern</em>, zerstreuen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_426_426"></a><a href="#FNanchor_426_426"><span class="label">[426]</span></a> <em class="gesperrt">Tuttlinger Kirchmeß</em>, der Ueberfall bei Tuttlingen, Stadt auf der Baar, -Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl. die Einleitung.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_achtzehnte_Capitel">Das achtzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß -nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.</p> -</div> - - -<p>»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General -Freiherr von Mercy wieder mit einer schönen und zwar fast -auf ein altfränkische oder holländische Manier, da alles mit -guter Ordre zugehet, zu Felde. Das Vornehmste, das wir -gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung der Stadt -Ueberlingen<a id="FNanchor_427_427"></a><a href="#Footnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a>, deren Guarnison nun eine Zeit lang große Ungelegenheit -auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. -Dieser folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr -nacheinander mit Einziehung der Contributionen gleichsam wie -eine militärische Königin über den ganzen Schwarzwald geherrschet -und sich aus ihm bereichert. Wir hatten aber dieselbige -Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc de Anguin -und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten -Läger auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen - <span class="pagenum"><a id="Seite_207">[S. 207]</a></span> -gestürmt und weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, -gleichsam als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht -gewachsen wären. Sie stürmten mit unglaublicher Furi gegen -uns hinauf wie resolute Helden, wurden aber jedesmal beides -zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und wieder abgefertigt, -daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der überstreuten -Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten geschneiet -hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben gering -geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den andern -Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren, -daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer -einander zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es -hatte das Ansehen, als wann die Franzosen nicht übers Herz -wolten oder könten bringen, uns ohnüberwunden von sich zu -lassen, und eben dahero fochten sie desto tapferer, ja unsinniger. -Hingegen stritten wir vernünftig und mit großem Vortheil; -dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener aber über -6000 erschlagen und verwundet worden.«</p> - -<p>»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann -von Werds Anführung das Beste gethan, und wann unserer -mehr zu Pferd gewesen wären, so würde den Franzosen ihre -Frechheit übel eingetränkt sein worden. Wir kamen zwar mit -einem blauen Aug darvon, aber mit großer Ehr, dieweil wir -sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret und ihm -allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht, -als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen -auch keine Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit -genugsam sehen lassen, es seie dann einem aufzuheben<a id="FNanchor_428_428"></a><a href="#Footnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> oder -vorzurucken, wann er so vieler Soldaten Blut unnützlich verschwendet -oder sonst ohne Noth mit dem Kopf wider eine -Maur lauft.«</p> - -<p>»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein -wenig erschnaubet<a id="FNanchor_429_429"></a><a href="#Footnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a> und zugleich marschierend sich um einen -Raub umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz -zu erhaschen. Derowegen rumpelten<a id="FNanchor_430_430"></a><a href="#Footnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a> wir hinein und gleich -darauf in Mannheim mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, -weil ich einer unter den ersten war, der hinein kam, eine - <span class="pagenum"><a id="Seite_208">[S. 208]</a></span> -ansehnliche Beut von Geld, Kleidern und Pferden machte. -Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen Besatzung -per Accord und nahmen Bensheim<a id="FNanchor_431_431"></a><a href="#Footnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a> mit Sturm ein, alwo mein -Obrister<a id="FNanchor_432_432"></a><a href="#Footnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen -hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, -daß sich Weinheim<a id="FNanchor_433_433"></a><a href="#Footnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.«</p> - -<p>»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, -dann wir hatten an dem Mercy einen verständigen und tapfern -General, an dem von Holtz gleichsam einen Atlanten, der die -Beschaffenheit aller Weg, Steg, Päss, Berg, Flüss, Wälder, -Felder und Thäler durch ganz Teutschland wol wuste, dahero -er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum allervortelhaftigsten -führen und einquartieren, auch wann es an ein -Schmeißens<a id="FNanchor_434_434"></a><a href="#Footnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a> gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. -Am Joann de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins -Feld, mit welchem die Soldaten lieber in eine Occasion als -in ein schlechtes Winterquartier giengen, weil er den Ruhm -hatte, daß er beides in offentlichem Fechten und Verrichtung -seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An dem würtenberger -Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten -Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt -und unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, -erschaffen worden. Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich -ein erfahrner Feldherr und weiser Kriegsfürst, war gleichsam -unser Vatter und Versorger, welcher uns gleichsam von weitem -zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner klugen und -vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war, so -hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß -und zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten -Soldaten eitel geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich -dörfte beinahe kecklich sagen, wann ein Potentat im Anfang -seines Kriegs gleich eine solche Armee beisammen hätte, daß -er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel Tirones bei einander, -dannoch leichtlich besiegen möchte.«</p> - -<p>»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält -sich kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier - <span class="pagenum"><a id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -die meiste von uns in Böhmen zu den Kaiserischen -giengen und von den Schwedischen vor Jankau<a id="FNanchor_435_435"></a><a href="#Footnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a> ihr Theil -Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt ihrer Unglückseligkeit -oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen, die sie, -ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da -empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, -ja zu Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor -dißmal auch beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem -Treffen, sonder im Würtenbergischen, in welcher Gegend -mein Obrister zu Nagolt<a id="FNanchor_436_436"></a><a href="#Footnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a> die Schanze häßlich übersehen -und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das Leben erbärmlicher -Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich aus -einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der -von Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um -dem Tourenne zu wehren, daß er sich in unserm Gäu, in -Schwaben und Franken, daraus wir uns selbst zu erhalten gewohnet -waren, nicht zu heimisch und gemein machen solte.«</p> - -<p class="pmb3">»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, -maßen er ohnversehens auf die Französische losgangen -und sie bei Herbsthausen dermaßen geklopft, daß ihm Touraine -das Feld raumen und viel vornehme Officier- und Generalspersonen -hinterlassen müssen. Ich wurde in diesem Treffen -zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich geschossen, -gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig gemacht, -weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch den -Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse, -daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein -Vatterunser zusammen bringen konte; dann weil mein harte -Haut bißhero nur mit den ankommenden Kuglen gescherzt, -vermeinte ich, es solte nicht sein, daß ein anderer mehr als -ich können und mich eben jetzt, da etwas zu ertappen, beschädigen -solte.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_427_427"></a><a href="#FNanchor_427_427"><span class="label">[427]</span></a> <em class="gesperrt">Ueberlingen</em>, Baden, Seekreis am Bodensee.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_428_428"></a><a href="#FNanchor_428_428"><span class="label">[428]</span></a> <em class="gesperrt">aufheben</em>, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache machen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_429_429"></a><a href="#FNanchor_429_429"><span class="label">[429]</span></a> <em class="gesperrt">sich erschnauben</em>, verschnaufen, zu Athem kommen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_430_430"></a><a href="#FNanchor_430_430"><span class="label">[430]</span></a> <em class="gesperrt">rumpeln</em>, rasch einfallen, vgl. überrumpeln.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_431_431"></a><a href="#FNanchor_431_431"><span class="label">[431]</span></a> <em class="gesperrt">Bensheim</em>, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_432_432"></a><a href="#FNanchor_432_432"><span class="label">[432]</span></a> Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt erschossen; <span class="antiqua">Theat. -Europ. V</span>, 581.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_433_433"></a><a href="#FNanchor_433_433"><span class="label">[433]</span></a> <em class="gesperrt">Weinheim</em>, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_434_434"></a><a href="#FNanchor_434_434"><span class="label">[434]</span></a> <em class="gesperrt">Schmeißen</em>, Schlagen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_435_435"></a><a href="#FNanchor_435_435"><span class="label">[435]</span></a> <em class="gesperrt">Jankau</em>, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen endete -die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_436_436"></a><a href="#FNanchor_436_436"><span class="label">[436]</span></a> <em class="gesperrt">Nagolt</em>, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, -an der Nagold in einem tiefen Thal gelegen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_neunzehnte_Capitel">Das neunzehnte Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium.</p> -</div> - - -<p>»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren -ohne die Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß -unsere Armee biß an die niederhessische Grenze hinunter gieng -und Amöneburg<a id="FNanchor_437_437"></a><a href="#Footnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a> entsetzte, vor Kirchhain<a id="FNanchor_438_438"></a><a href="#Footnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a> sich vergeblich bemühete -und dardurch in ein Wespennest stache, das ist, daß -sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn verursachte; -wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen -muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund<a id="FNanchor_439_439"></a><a href="#Footnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a> -mit andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner -empfangenen Wunden curirn. Aber als sich unsere Armee -mit einem Succurs von ungefähr fünfthalb tausend Mann, -den ihr der Graf von Geleen<a id="FNanchor_440_440"></a><a href="#Footnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> zugebracht, nach Heilbrunn -zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen Fugger, -Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste -ich auch dort liegen bleiben.«</p> - -<p>»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und -Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc -d'Anguin zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und -die Unserige zu erfolgen.<a id="FNanchor_441_441"></a><a href="#Footnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a> Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn -wol liegen, aber Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches -sie beschossen, mit stürmender Hand eingenommen und auf -600 Mann von uns darinnen so gefangen bekommen als -niedergemacht haben. Daselbst seind sie über den Necker an -die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten Oerter, -auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie -unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen -Sieg bei Allerheim<a id="FNanchor_442_442"></a><a href="#Footnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a>, warbei unser tapferer General-Feldmarschall -von Mercy das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen - <span class="pagenum"><a id="Seite_211">[S. 211]</a></span> -sie Nördlingen<a id="FNanchor_443_443"></a><a href="#Footnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> mit Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister -von meinem Regiment, der mit 400 von unsern Dragonern -und 200 Musquetierern in Dinkelspiel<a id="FNanchor_444_444"></a><a href="#Footnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a> lag, daß er -sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad -ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen<a id="FNanchor_445_445"></a><a href="#Footnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a>, -wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als -wann es auch in dem Treffen gewesen wäre. Von dar giengen -sie über Schwäbischen Hall<a id="FNanchor_446_446"></a><a href="#Footnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> gegen uns los, weil es uns -auch gelten solte, und fiengen an gegen uns zu agirn und sich -zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren Ankunft vermerkten, -als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16 -kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden -sie wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, -als wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten -hätten. Und ich kan auch nicht sehen, was sie diese theure -Victori anders genutzt, als daß sie die Unserige ein wenig geschwächt -und den berühmten Mercy aus dem Weg geraumet; -dann sie wurden bis nach Philipsburg<a id="FNanchor_447_447"></a><a href="#Footnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> verfolget und verloren -alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir bekamen -auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein -Feldstück, ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft -von ihnen, darvon sich die Teutsche alle unterstellen und also -unsere Armee wieder verstärken musten. Folgends giengen -wir wieder in unserem gewöhnlichen Gäu, das ist in Franken, -im anspachischen und würtenbergischen Lande in die Winterquartier, -die Kaiserlichen aber in Böhmen.«</p> - -<p>»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer -Armee in Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, -denen daselbst befindlichen Schweden einen guten Streich zu -versetzen. Weil es aber außer der Zeit und hierzu gar unbequem -Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich -selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders -draus, als daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in -der Kaiserlichen Hände kommen.«</p> - -<p>»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen -den Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um - <span class="pagenum"><a id="Seite_212">[S. 212]</a></span> -sich zu greifen, seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu -Feld gangen und durch die Wetterau biß zwischen Kirchhain -und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da es zwar zu keiner -Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte Völker -an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich -einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes -Pferd samt 60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil -dann der Feind nicht schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain -in seinem verschanzten und wol proviantirten Läger verbliebe, -wir aber an Fourage Mangel litten, zogen wir uns zuruck in -die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und Hessen, als -die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein -Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda<a id="FNanchor_448_448"></a><a href="#Footnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> in Battalia, -spielte mit Stücken zusammen<a id="FNanchor_449_449"></a><a href="#Footnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> und sahen einander an wie zween -zähnbleckende Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen -wollen. Endlich ließen sie uns gegen dem Camberger Grund<a id="FNanchor_450_450"></a><a href="#Footnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a> -marschiern, sie aber giengen in vollen Sprüngen über den Main -und der Donau zu und ließen uns das Nachsehen.«</p> - -<p>»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen, -den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein -und anders der Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns -gleich Königsmark bei Schwabenhausen<a id="FNanchor_451_451"></a><a href="#Footnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a> zwackte, so seind wir -jedoch noch in 800 Pferd stark in Augspurg angelangt, eben -als sich die Schweden vergebliche Hoffnung gemacht, selbe Stadt -in Güte einzubekommen. Gleich darauf kam der Obriste -Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns; worauf -die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit -mit Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. -Und ich glaube auch, sie würden uns gewaltig heiß gemacht -und endlich auch die Stadt gar überkommen haben, wann sich -die Unserige nicht bald darvor präsentirt hätten; als welche -sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt hatten und -die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg -schröckten.«</p> - -<p>»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten - <span class="pagenum"><a id="Seite_213">[S. 213]</a></span> -Dragonern liegen, biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, -Schweden und Hessen einen halben Frieden oder wenigst (ich -weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand der Waffen machte. -Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr durch Fußvölker -abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es -um Denkendorf<a id="FNanchor_452_452"></a><a href="#Footnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.«</p> - -<p class="pmb3">»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste -eine solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, -mit ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen -überzugehen<a id="FNanchor_453_453"></a><a href="#Footnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a>, zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor -welche sie bißhero so ritterlich gefochten, zu plündern, unter -welchen vornehmlich mein Obrister auch gewesen, der doch ein -Soldat von Fortun und zu seinem Stand durch seines großen -Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert worden war. Er -erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein schandlicher -Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an -einem aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, -maßen ich ein Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao -bei Passau gesehen. Andern wurde solches Unterfangen wegen -ihrer hohen Verdienste und großer Aestimation nachgesehen, -als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen auch ein Bessers -meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt, weiß -ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann -sagen, wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen<a id="FNanchor_454_454"></a><a href="#Footnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a> -aufgewartet, biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_437_437"></a><a href="#FNanchor_437_437"><span class="label">[437]</span></a> <em class="gesperrt">Amöneburg</em>, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der Ohm, -Städtchen von 1600 Einwohnern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_438_438"></a><a href="#FNanchor_438_438"><span class="label">[438]</span></a> <em class="gesperrt">Kirchhain</em>, Städtchen ebendaselbst.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_439_439"></a><a href="#FNanchor_439_439"><span class="label">[439]</span></a> <em class="gesperrt">Taubergrund</em>, Tauberthal.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_440_440"></a><a href="#FNanchor_440_440"><span class="label">[440]</span></a> <em class="gesperrt">Graf von Geleen</em> oder Gleen, -vgl. die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_441_441"></a><a href="#FNanchor_441_441"><span class="label">[441]</span></a> <em class="gesperrt">erfolgen</em>, nachrücken, um jemand einzuholen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_442_442"></a><a href="#FNanchor_442_442"><span class="label">[442]</span></a> <em class="gesperrt">Allerheim</em>, Dorf in Baiern, Landger. Nördlingen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_443_443"></a><a href="#FNanchor_443_443"><span class="label">[443]</span></a> <em class="gesperrt">Nördlingen</em>, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der Eger.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_444_444"></a><a href="#FNanchor_444_444"><span class="label">[444]</span></a> <em class="gesperrt">Dinkelsbühl</em>, Stadt in Baiern, an der Wörnitz.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_445_445"></a><a href="#FNanchor_445_445"><span class="label">[445]</span></a> <em class="gesperrt">sich unterstellen -müssen</em>, untergesteckt werden, um dem Feinde zu dienen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_446_446"></a><a href="#FNanchor_446_446"><span class="label">[446]</span></a> <em class="gesperrt">Schwäbisch -Hall</em>, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_447_447"></a><a href="#FNanchor_447_447"><span class="label">[447]</span></a> <em class="gesperrt">Philippsburg</em>, ehemals -Reichsfestung in Baden, an der Salzbach.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_448_448"></a><a href="#FNanchor_448_448"><span class="label">[448]</span></a> <em class="gesperrt">Nidda</em>, Nebenfluß des Mains, in Hessen-Darmstadt, mündet bei Höchst.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_449_449"></a><a href="#FNanchor_449_449"><span class="label">[449]</span></a> <em class="gesperrt">spielten zusammen</em>, d. h. miteinander.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_450_450"></a><a href="#FNanchor_450_450"><span class="label">[450]</span></a> <em class="gesperrt">Camberger Grund</em>, -Thal bei Camberg am Emsbach.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_451_451"></a><a href="#FNanchor_451_451"><span class="label">[451]</span></a> <em class="gesperrt">Schwabenhausen</em>, es ist wol Schwabhausen -im bairischen Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt -Landsberg: kleine Dörfer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_452_452"></a><a href="#FNanchor_452_452"><span class="label">[452]</span></a> <em class="gesperrt">Denkendorf</em>, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_453_453"></a><a href="#FNanchor_453_453"><span class="label">[453]</span></a> Vgl. die -Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_454_454"></a><a href="#FNanchor_454_454"><span class="label">[454]</span></a> <em class="gesperrt">Dientlen</em>, Dirnen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_zwanzigste_Capitel">Das zwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher -Abdankung.</p> -</div> - - -<p>»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers -alten Kriegs, wie etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr -leuchten: Mercy war todt, Joan de Werth nicht mehr unser, -und der Holzapfel, sonst Melander, den Schweden und Franzosen -nicht so herb und handig<a id="FNanchor_455_455"></a><a href="#Footnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a> wie etwan zuvor den Kaiserischen, - <span class="pagenum"><a id="Seite_214">[S. 214]</a></span> -da er noch den Hessen dienete, wiewol der rechtschaffne -Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns der -Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien -uns etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich -wie eine Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz -so viel als nichts bewegen ließen), wir solten nur eilen -mit der Flucht, so wolten sie uns an Oerter jagen, alwo eine -Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese haben errathen, -was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen durch -ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß -unter den Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben -Batzen, sonder auch sogar um eine verächtliche Pfeif Tabak -hingegeben worden. Damals stund unser Sach liederlich; der -von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen bringen, -daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt -werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den -wehrlichen<a id="FNanchor_456_456"></a><a href="#Footnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a> Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom -hinüber passieren, welchen zu überschreiten auch das -Gegentheil erkühnete.«</p> - -<p>»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf -und das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. -Ich lag unter sieben doch schwachen Regimenten in Wasserburg<a id="FNanchor_457_457"></a><a href="#Footnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a>, -als beide Feindsarmeen suchten denselbigen Ort zu bezwingen -und über besagten Fluß in das gegenüberliegende volle Land -zu gehen, in welchem etliche steinalte Leute die Tag ihres -Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen hatten. Weil -aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war, etwas -daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden Kugeln -zusprachen, giengen sie auf Mühldorf<a id="FNanchor_458_458"></a><a href="#Footnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a> und wolten dort ins -Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. -Aber ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein -kaiserliche Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd -wurden und ihr Hauptquartier zu Pfarrkirchen<a id="FNanchor_459_459"></a><a href="#Footnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> nahmen, alwo -sie erstlich der Hunger und endlich die Pest zu besuchen anfieng, -die sie auch endlich zwischen dem Tirolischen Gebürg und der -Donau, zwischen dem Inn und der Iser hinaus getrieben, wann - <span class="pagenum"><a id="Seite_215">[S. 215]</a></span> -sie das Generalarmistitium, so dem volligen Frieden vorgieng, -nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.«</p> - -<p class="pmb3">»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach -Hilperstein<a id="FNanchor_460_460"></a><a href="#Footnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a>, Heideck<a id="FNanchor_461_461"></a><a href="#Footnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> und selbiger Orten herum gelegt, da -sich ein artliches Spiel unter uns zugetragen; dann es fande -sich ein Corporal, der wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was -ihn vor eine Narrheit darzu angetrieben. Ein Musterschreiber<a id="FNanchor_462_462"></a><a href="#Footnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a>, -so allererst aus der Schul entloffen, war sein Secretarius, und -also hatten auch andere von seinen Creaturen andere Officia -und Aemter. Viel neigten sich zu ihm, sonderlich junge ohnerfarne -Leut, und jagten die höchste Offizier zum theil von sich, -oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen Gewalt. -Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol -gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. -Und sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben -zu einer andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann -der Feind in der Nähe und man unserer beiseits<a id="FNanchor_463_463"></a><a href="#Footnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> nöthig gewesen, -ins Werk gesetzt worden wäre; dann unser Regiment -war damals eins von den stärksten und vermochte eitel geübte -wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder junge -Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen -worden. Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen -nicht abstehen wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten -Völkern, welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und -Blutvergießung Meister wurden und den neuen Obristen viertheilen, -oder besser zu sagen, fünftheilen (dann der Kopf kam auch -sonder) und an vier Straßen auf Räder legen, 18 ansehenliche -Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil köpfen und -zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment aber -die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem -Feldherrn wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor -meinem Ende oder vor dem völligen Frieden aus einem Fourier -zu einem Quartiermeister und das Regiment aus Dragonern -zu Reutern gemacht, und dieses ist das Letzte, was ich -dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori zu erzählen -weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, -zu welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen - <span class="pagenum"><a id="Seite_216">[S. 216]</a></span> -Jungen, auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld -ohne die drei Monatsold vermöchte, die ich bei der Abdankung -empfieng, dann ich hatte nun ein geraume Zeit hero kein Unglück -gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also muste ich aufhören -zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum besten. -Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte, -versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und -begab mich mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, -wie ich meinen Handel ferner anstellen, oder was mir sonst -vor ein Glück zustehen möchte.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_455_455"></a><a href="#FNanchor_455_455"><span class="label">[455]</span></a> <em class="gesperrt">handig</em>, hurtig, behende.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_456_456"></a><a href="#FNanchor_456_456"><span class="label">[456]</span></a> <em class="gesperrt">wehrlich</em>, gut befestigt und vertheidigt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_457_457"></a><a href="#FNanchor_457_457"><span class="label">[457]</span></a> <em class="gesperrt">Wasserburg</em>, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_458_458"></a><a href="#FNanchor_458_458"><span class="label">[458]</span></a> <em class="gesperrt">Mühldorf</em>, Stadt im Amtsbezirk gleichen -Namens, Baiern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_459_459"></a><a href="#FNanchor_459_459"><span class="label">[459]</span></a> <em class="gesperrt">Pfarrkirchen</em>, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts -in Niederbaiern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_460_460"></a><a href="#FNanchor_460_460"><span class="label">[460]</span></a> <em class="gesperrt">Hilperstein</em>, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines Bezirksamts, Baiern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_461_461"></a><a href="#FNanchor_461_461"><span class="label">[461]</span></a> <em class="gesperrt">Heideck</em>, bei Hilpoltstein.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_462_462"></a><a href="#FNanchor_462_462"><span class="label">[462]</span></a> <em class="gesperrt">Musterschreiber</em>, der die Musterrollen -führt, in welche die Namen der Soldaten eingetragen werden.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_463_463"></a><a href="#FNanchor_463_463"><span class="label">[463]</span></a> <em class="gesperrt">beiseits</em>, besonders.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_einundzwanzigste_Capitel">Das einundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches -Handwerk er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein -ehrlichen Abschied hinter der Thür<a id="FNanchor_464_464"></a><a href="#Footnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a>.</p> -</div> - - -<p>»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und -traf zu bemeldtem Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, -die war nit viel jünger, hatte auch nicht viel weniger Geld -als ich. Und weil wir einander öfters bei der Armee gesehen, -machten wir desto ehender Kundschaft mit einander. Sie merkte -Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und dannenhero fieng -gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht mit uns -beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers nicht -glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land -zu Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt<a id="FNanchor_465_465"></a><a href="#Footnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a>, und -solches war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal -ich alsdann die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, -die mir am besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen -zu Haus nicht genug aufschneiden, viel weniger genug -beklagen, daß sie in ihrer Jugend gleich im Anfang des Kriegs -von ihrem Mann seligen von denselbigen<a id="FNanchor_466_466"></a><a href="#Footnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a> hinweg geraubt -und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider -ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen - <span class="pagenum"><a id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -kan, daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol -als mir die erste Einnehmung der Festung Frankenthal<a id="FNanchor_467_467"></a><a href="#Footnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a> gedachte. -Was darfs aber vieler Umstände? Wir machtens gar -kurz mit einander und traten nicht allein mit der Heurathsabred, -sonder auch mit der Copulation geschwind zusammen. -Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß -abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben -solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas -keine Hoffnung mehr war, alsdann die Tage meines Lebens -den Sitz und Genuß auf ihrem Gut haben, ihren Sohn aber, -den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich aussteuren solte. -100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu vermachen -und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock -dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar -ein wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber -darum weder Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich -beinahe so viel zu bauen hatte, als wann ichs von neuem -hätte angefangen. Das überstunde ich mit feiner Geduld und -wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen hatt, getreulich -an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven -Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch -den Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger -von Jerusalem hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen -der schweren Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld<a id="FNanchor_468_468"></a><a href="#Footnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a> -geben, da ich doch viel lieber noch länger Krieg haben -mögen), nicht leichter, sonder viel schwerer wurde, vornehmlich -darum, weil es damals viel reisende Leut gab, beides von -Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die ihr -Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich -zu schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.«</p> - -<p>»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel -mir trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs -Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich -auch nach und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine -Sinne und Gedanken anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen -scharren möchte. Ich wäre auch zeitlich zu einem reichen - <span class="pagenum"><a id="Seite_218">[S. 218]</a></span> -Mann worden, wann mich das Unglück nicht anderwärtlicher -Weise geritten.«</p> - -<p>»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern -Leuten beneidet und angefeindet, und das um so viel -desto mehr, je mehr bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt -wird; dahingegen die Freigebigkeit bei männiglich Gunst -erwirbt, vornehmlich wann sie mit Demuth begleitet wird. -Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als biß seine Würkung -ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß -meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge -ein jeder an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche -so häufig zufallen möchten, so gar daß auch etliche entblödeten -zu gedenken, ich und mein Weib könte hexen. Und also gab -ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und Lassen heimlich genaue -Achtung. Unter andern war ein Erzfunk<a id="FNanchor_469_469"></a><a href="#Footnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> an demselbigen -Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener und -fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol -ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit -einem Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei -Nationen an selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die -Quelle meiner Reichthum kommen und mir eins anmachen<a id="FNanchor_470_470"></a><a href="#Footnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a> -möchten, und hierauf waren sie desto geflissener, weil bereits -etliche deren Landsleute aufgewannet<a id="FNanchor_471_471"></a><a href="#Footnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a> hatten und verdorben -waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart schicken können. -Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die -Umgelter<a id="FNanchor_472_472"></a><a href="#Footnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a> gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, -eben als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren -solte. Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, -ich könte aus Wasser Wein machen, schütteten sie mir -noch denselben Abend etwas von geschnittenen Stroh, das -man den Pferden unter dem Habern zu füttern pflegt, in meinen -Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag auch -in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt. -Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich -eingelegt hatte, und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; -und ob ich gleich schwören konte, daß ich von dieser - <span class="pagenum"><a id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -Mixtur nichts gewust, dann mein Weib und ihr Sohn waren -ohne mich vor dißmal so endlich<a id="FNanchor_473_473"></a><a href="#Footnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a> gewest, so half es doch nichts, -sonder der Wein ward mir genommen und ich noch darzu um -1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen -gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte -und den Weg aller Welt gieng. Es wäre mir auch -die Wirthschaft ferners zu treiben gar niedergelegt worden, -wann desselbigen Orts ein andere solche ansehenliche Gelegenheit -vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer Wirthschaft geschickt -hätte.«</p> - -<p class="pmb3">»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor -Freunde und was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so -veracht, daß kein ehrlicher Mann etwas mehr mit mir zu -schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich mehr, und wann -ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht gedankt. -Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann -etwan irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch -nichts von meiner Kunst gehöret hatte. Solches alles war -mir schwer zu ertragen, und weil ich ohnedas auch eine Kurzweil -mit zweien Mägden angestellt hatte, welches in Bälde -seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so -packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen -ließe, setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, -ich hätte meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu -verrichten, nahm ich meinen Weg auf die rechte Hand der Donau -zu, dem Grafen von Serin<a id="FNanchor_474_474"></a><a href="#Footnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a>, der damal fast die ganze -Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet, wider den Türken -zu dienen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_464_464"></a><a href="#FNanchor_464_464"><span class="label">[464]</span></a> <em class="gesperrt">den Abschied hinter der Thür nehmen</em>, heimlich davon gehen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_465_465"></a><a href="#FNanchor_465_465"><span class="label">[465]</span></a> die bairische Pfalz.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_466_466"></a><a href="#FNanchor_466_466"><span class="label">[466]</span></a> <em class="gesperrt">von denselbigen</em>, nämlich von ihren Reichthümern.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_467_467"></a><a href="#FNanchor_467_467"><span class="label">[467]</span></a> <em class="gesperrt">Frankenthal</em>, die Einnahme oder vielmehr die Belagerung geschah im -Jahre 1621; vgl. oben S. 182.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_468_468"></a><a href="#FNanchor_468_468"><span class="label">[468]</span></a> <em class="gesperrt">Friedengeld</em>, Abgaben, Steuern zu den -Kosten der Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl. -Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_469_469"></a><a href="#FNanchor_469_469"><span class="label">[469]</span></a> <em class="gesperrt">Funke</em>, <em class="gesperrt">Fünkchen</em>, Schelm, verwegener Mensch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_470_470"></a><a href="#FNanchor_470_470"><span class="label">[470]</span></a> <em class="gesperrt">eins anmachen</em>, -etwas anthun, zu Leide thun.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_471_471"></a><a href="#FNanchor_471_471"><span class="label">[471]</span></a> <em class="gesperrt">aufgewannet.</em> Die übrigen Drucke haben -»darauf gewohnet«. <em class="gesperrt">Aufwannen</em>, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen -oder verlieren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_472_472"></a><a href="#FNanchor_472_472"><span class="label">[472]</span></a> <em class="gesperrt">Umgelter</em>, Zolleinnehmer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_473_473"></a><a href="#FNanchor_473_473"><span class="label">[473]</span></a> <em class="gesperrt">endlich</em>, mhd. <span class="antiqua">endelich</span>, anstellig, hurtig, fleißig, geschäftig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_474_474"></a><a href="#FNanchor_474_474"><span class="label">[474]</span></a> <em class="gesperrt">Graf -von Serin</em>, vgl. die Einleitung.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_zweiundzwanzigste_Capitel">Das zweiundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung -mit einer Leirerin.</p> -</div> - - -<p>»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und -erhalten, ohne daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen -Kaiser selbst gedienet. Ich kam eben, als etliche freiwillige -Franzosen sich eingefunden, ihrem König zu Gefallen wider die - <span class="pagenum"><a id="Seite_220">[S. 220]</a></span> -türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe Krieg gefiele mir -nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch halbes Glück -darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten oder -den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen -müste, daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert -ich so mit und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen -entweder meinen Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, -verblieb aber allzeit in dem Pfad der Mittelmaß, und wann -ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte, so hatte ich -doch niemals weder das Glück noch die Witz<a id="FNanchor_475_475"></a><a href="#Footnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a> noch die Gelegenheit, -solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. -Und solcher Gestalt brachte ich mich durch<a id="FNanchor_476_476"></a><a href="#Footnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> biß in die allerletzte -Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich -aber mein vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und -unter demselben liegen verbleiben muste mit gesundem Leibe, -biß beides Freund und Feind das Feld getheilt und sich etlichmal -über mich hinüber geschwenkt hatten; da ich dann von -den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle Kräfte -meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten -und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner -Kleider beraubt worden, in denen ich etliche schöne Ducaten -versteckt hatte.«</p> - -<p>»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, -als wann ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein -entzwei geschlagen worden wäre. Ich hatte nichts mehr an -als das Hemd und konte weder gehen, sitzen noch stehen, und -weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern und Beuten zu -machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich lag, biß -mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen -Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, -dort von jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen -wurde, der mich hin und wieder mit seinem <span class="antiqua">Oleum Bapolium</span><a id="FNanchor_477_477"></a><a href="#Footnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a> -schmirbte<a id="FNanchor_478_478"></a><a href="#Footnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a>.«</p> - -<p>»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt -worden. Der Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, -so mich curiren solte, waren beide unwillig, und überdas - <span class="pagenum"><a id="Seite_221">[S. 221]</a></span> -muste ich Hunger leiden um einen geringen Pfenning, -dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals vergessen, -und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem ich -mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem -Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein -geringes Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und -Beschädigten mehr in die Steirmark muste, alwo wir verlegt -wurden, unsere Gesundheit wieder zu erholen. Das währete, -biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß zum theil unseren -Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich -auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder -Heller noch Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem -Leib behielte.«</p> - -<p>»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht -gar richtig, in Summa da war guter Rath theuer und bei -mir Bettlen das beste Handwerk, das ich zu treiben getraute. -Dasselbe schlug mir auch besser zu als der ungrische Krieg, -dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei welchem -ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige gern -gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit -Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.«</p> - -<p>»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam -mir drum nit in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu -verlassen und mich ehrlich zu ernähren, sonder ich machte vielmehr -mit allerhand Bettlern und Landstörzern gute Bekant- -und Cameradschaft, vornehmlich mit einem Blinden, der viel -bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen eine einzige -gerade<a id="FNanchor_479_479"></a><a href="#Footnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a> Tochter hatte, die auf der Leier spielte und nicht allein -sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte und -ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich -alter Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen -Profession ein Stab deines vorhandenen und nunmehr -verwiesenen<a id="FNanchor_480_480"></a><a href="#Footnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a> Alters sein.«</p> - -<p>»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten -zu einem Weib bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige -ihr zu Gefallen und half ihr beides vor den Thüren -und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und Kirchweihen in -ihre<a id="FNanchor_481_481"></a><a href="#Footnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a> Leir spielen, welches uns trefflich eintrug, und was wir - <span class="pagenum"><a id="Seite_222">[S. 222]</a></span> -so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen Vorthel. -Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, -und was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen -bekamen, ließe ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen -bei ihnen etwas Warms schmarotzte, insonderheit wann -ich etwan da oder dort einem Bauren eine Henn abgefangen, -die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das ist beim allerbesten) -zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder gesotten -oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol -der Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich -mit mir, daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen -oder aufschieben konte, sonder um die Tochter anhielte, -darauf ich dann auch das Jawort stracks bekam, doch mit dem -ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich, so lang ich -sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen noch den -freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines -ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu -machen nit verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin -des Kriegs müßig stehen, und drittens mich jeweils auf -des Blinden Ordre mit seiner Familia aus einem friedsamen -guten Land in das ander begeben. Dahingegen versprach er -mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten und zu führen, -daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten, ob wir -gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.«</p> - -<p>»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da -sich allerhand Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als -Puppaper<a id="FNanchor_482_482"></a><a href="#Footnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a>, Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher<a id="FNanchor_483_483"></a><a href="#Footnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a>, -Scheerenschleifer, Spengler<a id="FNanchor_484_484"></a><a href="#Footnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a>, Leirerinnen, Meisterbettler, -Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. -Ein einzige alte Scheuer war genug, beides Tafel und das -Beilager darin zu halten, in deren wir auf türkisch auf der -Erden herum saßen und gleichwol auf alt teutsch herum soffen. -Der Hochzeiter und seine Braut muste selbst in Stroh verlieb -nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser eingenommen -hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre Jungfrauschaft -nit zu ihm bracht, sagte sie: ›Bistu so ein ellender Narr, -daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol - <span class="pagenum"><a id="Seite_223">[S. 223]</a></span> -andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten -nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, -so müste ich mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, -sonderlich weil dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt -worden.›«</p> - -<p class="pmb3">»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte -zwar das Maul um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, -wann ich sie diß Narrenwerks halber, das doch nur -in einem eitelen Wahn bestünde, verachten wolte, so wüste sie -noch Kerl, die sie nicht verschmähen würden.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_475_475"></a><a href="#FNanchor_475_475"><span class="label">[475]</span></a> <em class="gesperrt">die Witz</em>, <span class="antiqua">fem.</span> wie im Mhd., der Verstand.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_476_476"></a><a href="#FNanchor_476_476"><span class="label">[476]</span></a> <em class="gesperrt">durch</em>, die Ausgaben -haben als Druckfehler: »durch solche«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_477_477"></a><a href="#FNanchor_477_477"><span class="label">[477]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Oleum Bapolium</span></em>, <span class="antiqua">Oleum popoleum</span>, -Pappelöl, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes -Mittel.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_478_478"></a><a href="#FNanchor_478_478"><span class="label">[478]</span></a> <em class="gesperrt">schmirben</em>, mhd. <span class="antiqua">smirwen</span>, schmieren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_479_479"></a><a href="#FNanchor_479_479"><span class="label">[479]</span></a> <em class="gesperrt">gerade</em>, gerade gewachsen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_480_480"></a><a href="#FNanchor_480_480"><span class="label">[480]</span></a> <em class="gesperrt">verwiesen</em>, wie im Mhd. <span class="antiqua">verwisen</span>, -hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_481_481"></a><a href="#FNanchor_481_481"><span class="label">[481]</span></a> <em class="gesperrt">in ihre</em>, zu ihrer.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_482_482"></a><a href="#FNanchor_482_482"><span class="label">[482]</span></a> <em class="gesperrt">Puppaper</em>, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel -treibt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_483_483"></a><a href="#FNanchor_483_483"><span class="label">[483]</span></a> <em class="gesperrt">Haftenmacher</em>, der Hefteln und Stecknadeln macht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_484_484"></a><a href="#FNanchor_484_484"><span class="label">[484]</span></a> <em class="gesperrt">Spengler</em>, Gürtler, Klempner.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_dreiundzwanzigste_Capitel">Das dreiundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes -wird Springinsfeld nacheinander wieder los.</p> -</div> - - -<p>»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige<a id="FNanchor_485_485"></a><a href="#Footnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a> -Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch -so verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich -dieselbe nach und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir -ja so viel daran gelegen wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, -ja selbst die Anstalt darzu machen, daß mir anderwärts -eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub zu theil -werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb<a id="FNanchor_486_486"></a><a href="#Footnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> und hielte -mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese -ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor -mich zu kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie -brachte es endlich auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie -und ihre Eltern aber die Herren über mich waren, unangesehen -ich so viel mit meiner Geigen, dem Taschenspiel und anderer -Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes Maulfutter und -faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte -mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen -Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und -geiler gegen den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer - <span class="pagenum"><a id="Seite_224">[S. 224]</a></span> -frommen Leirerin zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete -und mich endlich ganz und gar drein ergeben konte, war -die Ursach, daß ich meinem Alter nicht trauete, besorgende, -dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich etwan in eine -Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt verlassen -sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre -ehrbare Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei -300 Reichsthalern, das ich nur wuste, in Geld beisammen -hatten, solches auf dergleichen Nothfall anzuwenden. Ja, was -mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als ein junges geiles -Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit viel mehr -möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen -und Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben<a id="FNanchor_487_487"></a><a href="#Footnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a>, -darin wir gar verträulich mit einander zu hausen -anfiengen, daß ich zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«</p> - -<p>»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin -der Ens, das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil -von Baiern durchstrichen, alwo mir mein Schwähervatter an -einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter folgt ihm hernach und -ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der älteste Sohn -wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein suchen; -das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen -vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es -waren aber nur starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, -das Almosen mit ihrer Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen -sie ihnen auch gern folgen, weil wir bedacht waren, unser -Nahrung nicht mehr unter dem Schein ellender Bettler, sonder -durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches reputierlicher zu -sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, auch besser -zuschlug.«</p> - -<p>»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, -nämlich auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; -auch bekam ich zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit -ich hin und wieder den Bauren ums Geld ein angenehme -Kurzweil machte, dann wir fiengen an und zohen nur den -Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld nach -und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander - <span class="pagenum"><a id="Seite_225">[S. 225]</a></span> -im Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden -Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen -und zu trinken, was wir mit uns trugen. Da machten wir -Anschläg, wie wir auch einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, -Trillstern<a id="FNanchor_488_488"></a><a href="#Footnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a>, Würfel- und Riemenspiel<a id="FNanchor_489_489"></a><a href="#Footnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> aufrichten wolten, -um unsern Gewinn damit zu vermehren, dann wir hielten -darvor, wann eins nit abgieng<a id="FNanchor_490_490"></a><a href="#Footnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a>, so gieng doch das ander. -Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten oder Gegenschein -eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel<a id="FNanchor_491_491"></a><a href="#Footnote_491_491" class="fnanchor">[491]</a> liegen, -das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. -Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches -betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert -sie auf den Baum und holet herunter, was wir im Wasser -gesehen hatten. Ich sahe ihr gar eben zu und wurde gewahr, -daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, -dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in die Hand genommen -hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, wie -sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines -Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter -genommen hatte. Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest -hätte. Sie hingegen fragte mich, ob ich sie dann sehe. Ich -antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich selbst nicht, aber wol -deine Gestalt im Wasser.«</p> - -<p>»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu -sehen, was ich habe.«</p> - -<p>»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib -solte reden hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer -wars, daß ich ihren Schatten an der Sonnen wandlen sahe -und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den -Schatten näherte, so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, -weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im Schatten -befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß -ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren -Fußtritten und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, -als wann ein Gespenst um mich herummer gewesen wäre. -Sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand. - <span class="pagenum"><a id="Seite_226">[S. 226]</a></span> -Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie wiederum, hingegen -aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit -einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest -in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das -Nestlein in ein Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut -oder Wurzel, welches sich im Nest befande und solche Würkung -an sich hatt, nicht heraus fallen solte und etwan verloren -würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir -einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. -Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen -Ort wol fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«</p> - -<p>»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, -nicht wenig verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen -nichts gesehen noch gehöret. Hingegen erzählte mir -mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal von einem Kerl gesagt, -der ein solches Nest gehabt und sich durch dessen Kraft und -Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an Ort -und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das -hätte er unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch -einen großen Schatz gesamlet; wann ich derowegen wolte, so -könte ich durch diß Kleinod unserer Armuth auch zu Hülf -kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich und gefährlich, -und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer fände, -der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann -einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt -werden möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben -und allererst in meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen -legen wolte, so wolte ich ehender das Nest verbrennen.«</p> - -<p>»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret -hatte, erwischte sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: -Du albere alte Hundsfutt, du bist weder meiner noch dieses -Kleinods werth, und es wäre auch immer schad, wann du -anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben zubringen -soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines -Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen -wird, genießen sollest.«</p> - -<p class="pmb3">»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte -sich doch in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen -lassen, was wir täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen -Leuten erhielten, dabei wir gleichwol keinen Hunger - <span class="pagenum"><a id="Seite_227">[S. 227]</a></span> -leiden dörften. Sie antwortet: Ja, ja, du alter Hosenscheißer, -gehei dich<a id="FNanchor_492_492"></a><a href="#Footnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a> nur hin, und brühe<a id="FNanchor_493_493"></a><a href="#Footnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a> -deine Mutter! &c.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_485_485"></a><a href="#FNanchor_485_485"><span class="label">[485]</span></a> <em class="gesperrt">grandig</em>, heftig, außerordentlich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_486_486"></a><a href="#FNanchor_486_486"><span class="label">[486]</span></a> <em class="gesperrt">übertreiben</em>, übermäßig in Anspruch nehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_487_487"></a><a href="#FNanchor_487_487"><span class="label">[487]</span></a> <em class="gesperrt">Spenglerleben</em>, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften -Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie träges Gähnen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_488_488"></a><a href="#FNanchor_488_488"><span class="label">[488]</span></a> <em class="gesperrt">Trillstern</em>, Drehscheibe, eine Art Roulette.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_489_489"></a><a href="#FNanchor_489_489"><span class="label">[489]</span></a> <em class="gesperrt">Riemenspiel</em>, <em class="gesperrt">Riemenstechen</em>, ein derartig künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, -der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_490_490"></a><a href="#FNanchor_490_490"><span class="label">[490]</span></a> <em class="gesperrt">abgehen</em>, einschlagen, gelingen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_491_491"></a><a href="#FNanchor_491_491"><span class="label">[491]</span></a> <em class="gesperrt">Zwickgabel</em>, gabelförmiger Zweig.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_492_492"></a><a href="#FNanchor_492_492"><span class="label">[492]</span></a> <em class="gesperrt">sich geheien</em>, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der Bedeutung: -sich packen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_493_493"></a><a href="#FNanchor_493_493"><span class="label">[493]</span></a> <em class="gesperrt">brühen</em>, necken, foppen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_vierundzwanzigste_Capitel">Das vierundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen -angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber -wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.</p> -</div> - - -<p>»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören -noch sehen konte, schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren -Bündl oder Pack auch mitnehmen, welchen sie bei mir liegen -lassen; dann ich wuste wol, daß sie kein Geld darinnen, sonder -unser Baarschaft in ihrer Brust vernähet hatte. Demnach -gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt desselbigen -Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich<a id="FNanchor_494_494"></a><a href="#Footnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a> tönet, so gieng ich -doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen -Schalmei und Geigen darin zu suchen.«</p> - -<p>»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche -mich dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen -kurzweilig und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf -machen solte. Sie gaben mir neben Essen und Trinken -alle Tag einen halben Reichsthaler, und da sie sahen, daß ich -ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut oder einige andere -Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen mögen, -andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm -und mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten -lassen. Und dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst -nicht angangen wären, durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste -verstrickte. Unser Thun und Lassen war nichts anders -als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen und sich sonst -lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man -Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in -Candia wie dem Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<p>»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten -stund, das schöne Bild auf der Säulen<a id="FNanchor_495_495"></a><a href="#Footnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> allda betrachtete und -sonsthin nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas -Schweres in Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel -machte, daß ich daraus wol hören konte, daß es Reichsthaler -waren. Da ich nun die Hand in Sack steckte und ein Handvoll -Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs Stimm, -die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du -dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du -wissest, daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu -grämen Ursach habest, um willen du dich meines Glücks nicht -theilhaftig gemacht. Vor dißmal gehe hin und versaufe diese, -auf daß du deines Ellends ein wenig vergessen mögest!«</p> - -<p>»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen -Fehler vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen -ihr verhalten und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber -sie ließe sich gegen mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen -gieng ich in meine Herberg und zechte beides mit den -Werbern und ihren Neugeworbenen im Brantwein biß in den -Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem Wirth -Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel -Gold und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden -wären, darunter sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte -Ducaten eines Schlags befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, -nahm ein Abtrittel aufs Secret, als hätte ich sonst -was thun wollen, beschaute aber nur meine Thaler, deren 30 -waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib obbemeldten -reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich -keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch -in Argwohn, Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein -Weib, das junge Rabenaas? Sie hat nicht nur mir, sonder -bei hundert Personen unterschiedlichen Stands von ihren gestohlenen -Thalern hin und wieder dem einen drei, dem andern -vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun -reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem -rechten Herrn wieder; was aber arm, gewissenlos und meines -gleichen gewesen, hat ohne Zweifel sowol als ich behalten, was - <span class="pagenum"><a id="Seite_229">[S. 229]</a></span> -es in seinem Sack gefunden. Und ich kan nit ersinnen, warum -sie diß gethan haben muß, es habe sich dann diese Vettel mit -so schwerem Geld nicht schleppen mögen. Doch kan auch wol -sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas anzustellen, -darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als es -gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve<a id="FNanchor_496_496"></a><a href="#Footnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> gieng und -hin und wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert -derselbigen Thaler von oben herunter geworfen, von den Leuten -aufgelesen und mehrentheils ihrem Herrn zugestellt worden. -Dieses verursachte, daß des Herrn unschuldig Gesind, welches -Diebstahls halber im Verdacht und deswegen befängnußt war, -wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der bestohlene -Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die -Thaler wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das -holde Gold ist viel schwerer als das Silber, und Sol<a id="FNanchor_497_497"></a><a href="#Footnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> ist nicht -so beweglich oder leichtveränderlich wie Luna.«</p> - -<p>»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein -stattlich Banquet gehalten, darbei sich viel andere große Herren -und ansehenlich Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in -einem schönen großen Saal und hatten die vier beste Spielleut -in der ganzen Stadt bei sich. Da es nun bei dem Confect -auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich unversehens bei den -Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem Schrecken aller -deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, waren -die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen -gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die -übrige mit großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, -weil sie in dem Winkel, darin die Spielleute gesessen, -ein gählings Gelächter noch mehrers erschreckte, also daß wenig -gefehlet, daß nicht etliche unter der Thüren erdruckt wären -worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal erzähltermaßen -geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen zu -bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, -wie bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner -Tischbecher, Platten und ander Geschirr mit einander herum -tanzten; und obgleich diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, -so hatte jedoch noch lang niemand das Herz, in den Saal zu -gehen, unangesehen man Geistliche und Soldaten geholet, das - <span class="pagenum"><a id="Seite_230">[S. 230]</a></span> -Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen abzutreiben; -den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, -und nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von -Silbergeschirr nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel -damit überstellet war, stärkte diese Begebenheit den Wahn des -gemeinen unbesonnenen Pöfels dergestalten, daß diejenige lucke<a id="FNanchor_498_498"></a><a href="#Footnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a> -Klügling, die gestern wegen der seltzamen Geschicht mit dem -gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so muß der Hagel -in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder -unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, -zu lästern und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann -abgeben, wo man der Armen Schweiß verschwendet.«</p> - -<p>»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel -ärgere Courage als die erste Unholde meines Darvorhaltens -aus lauter Rach angestellt. Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin -auf einem großen und reichen Stift zu Gefallen ihre Leir gestimmt, -um derselben ein Liedlein, und zwar ein geistlichs, aufzuspielen, -der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen -Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese -hören und ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu -streng und scharf den Mund auf und ließe hingegen mein -guts Weibchen eine Predigt hören, die ihr eben so verdrüßlich -als unverdaulich fiele; dann sie war eines solchen Inhalts, -damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu erschrecken -und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen -pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und -ihr etwan eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester -zu capiteln vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es<a id="FNanchor_499_499"></a><a href="#Footnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a>, -eine Schlang oder wol gar einen halben Teufel, deren Zung -ich öfters schärpfer als ein zweischneidig Schwerd befunden -habe.«</p> - -<p>»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine -Hur an? antwortet sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen -ehrlichen Mann habe, und daß wir nicht all Nonnen oder -reich sein oder unser Brod bei guten faulen Tägen essen können -Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm darum, -und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt -mich im übrigen auch ungestiegelfritzt!<a id="FNanchor_500_500"></a><a href="#Footnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> Wer weiß, wann vielleicht - <span class="pagenum"><a id="Seite_231">[S. 231]</a></span> -nicht so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht -mehr Leirerinn als Nonnen gefunden würden &c.«</p> - -<p>»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. -Jetzunder aber hatte man auf dem Land und in der -Stadt von sonst nichts zu sagen als von der Abtissin und -einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts unaufhörlich plage, -welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, das -sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den -Fingern und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches -in die Pfisterei<a id="FNanchor_501_501"></a><a href="#Footnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a> trug. Dem Becken<a id="FNanchor_502_502"></a><a href="#Footnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> steckte sie die Ring an -seinen Finger und legte der gnädigen Frauen Habit zu dessen -Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht jemand gehöret oder gemerkt -hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel durch den Hauptschlüssel -zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, weil er -ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch -gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht -zugewachsen, kan man leicht erachten. Man redete noch von -vielen Sachen, damit sich das Gespenst mit der Abtissin vexirt, -worwider weder Weihwasser, Agnus Dei<a id="FNanchor_503_503"></a><a href="#Footnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> noch andere Sachen -nichts helfen wolten, darvon man aber die Wahrheit außerhalb -dem Kloster nicht wol erfahren konte.«</p> - -<p class="pmb3">»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft -zusammen gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte -zuruck bleiben, sihe, da befand sich der Betrieger selbst betrogen, -und muste der gute Springinsfeld eben sowol als die andere -um die Candische Gruben springen, die er andern durch sein -Zusprechen gegraben hatte, doch daß ich die Stell eines Corporals -zu Fuß bedienen solte.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_494_494"></a><a href="#FNanchor_494_494"><span class="label">[494]</span></a> <em class="gesperrt">fast geistlich</em>: München.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_495_495"></a><a href="#FNanchor_495_495"><span class="label">[495]</span></a> <em class="gesperrt">Das Bild auf der Säulen</em>, die Marianische Säule auf dem -Schrannenplatz, von Kurfürst Maximilian <span class="antiqua">I.</span> zum Gedächtniß der Prager Schlacht -1638 errichtet.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_496_496"></a><a href="#FNanchor_496_496"><span class="label">[496]</span></a> <em class="gesperrt">Salve</em> (<span class="antiqua">regina</span>), Gesang am Schluß des Abendgottesdienstes.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_497_497"></a><a href="#FNanchor_497_497"><span class="label">[497]</span></a> <em class="gesperrt">Sol</em>, -die Sonne, <em class="gesperrt">Luna</em>, der Mond, als Zeichen der edeln Metalle.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_498_498"></a><a href="#FNanchor_498_498"><span class="label">[498]</span></a> <em class="gesperrt">luck</em>, <em class="gesperrt">lucker</em>, locker.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_499_499"></a><a href="#FNanchor_499_499"><span class="label">[499]</span></a> <em class="gesperrt">Daus-Es.</em> Siehe oben S. 24.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_500_500"></a><a href="#FNanchor_500_500"><span class="label">[500]</span></a> <em class="gesperrt">ungestiegelfritzt</em>, wie ungestriegelt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_501_501"></a><a href="#FNanchor_501_501"><span class="label">[501]</span></a> <em class="gesperrt">Pfisterei</em>, Klosterbäckerei (<span class="antiqua">pistorium</span>).</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_502_502"></a><a href="#FNanchor_502_502"><span class="label">[502]</span></a> <em class="gesperrt">Beck</em>, Bäcker.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_503_503"></a><a href="#FNanchor_503_503"><span class="label">[503]</span></a> <em class="gesperrt">Agnus -Dei</em>, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem das Lamm mit der Siegesfahne -aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht und deshalb natürlich wunderthätig.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_funfundzwanzigste_Capitel">Das fünfundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder -in Teutschland kam.</p> -</div> - - -<p>»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten -und dannoch zu Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten, - <span class="pagenum"><a id="Seite_232">[S. 232]</a></span> -unsern Weg über den Zirlberg<a id="FNanchor_504_504"></a><a href="#Footnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> auf Inspruck, folgends -über den Brenner auf Trient und dann ferners nach Treviso, -alwo wir alle ganz neu gekleidet und von dannen vollends nach -Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem wir ein paar -Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt -wurden; in welchem ellendem Anblick<a id="FNanchor_505_505"></a><a href="#Footnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a> wir auch glücklich anlangten. -Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel -unter den Füßen wachsen, dann gleich den andern Tag fielen -wir aus und wiesen, was wir konten oder vermochten, unseren -armseligen Steinhaufen beschützen zu helfen. Und dasselbe erste -mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich drei Türken mit -meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und gering -ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, -die armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute -zu machen, war ferne von mir, weil wir sich gleich wieder -heim retiriren musten. Den andern Tag gieng es noch toller -her, und ich brachte auch zween Männer mehr als den vorigen -um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht glaubte, -daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann -mich dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es -oft bei uns auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres -Lebens die, so Thaler hatten, beschützen, bewachen und noch -darzu mit ihren arbeitsamen Händen und ritterlichen Fäusten -die Ehr der erhaltenen Ueberwindung erobern und ihnen noch -drüberhin beides die Ehr, die Beut und die Belohnung darvon -überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg oder -Beglerbeg<a id="FNanchor_506_506"></a><a href="#Footnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a>, viel weniger gar ein Bassa<a id="FNanchor_507_507"></a><a href="#Footnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> unter denjenigen zu -sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu -setzen. Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den -Troupen von solchem Stoff mehr gewesen seien als der Anführer -vornen an der Spitzen.«</p> - -<p>»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, -daß ich mitten in Candia der Schweden erkantliche<a id="FNanchor_508_508"></a><a href="#Footnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a> -Manier loben muste, die ihre ohnedle<a id="FNanchor_509_509"></a><a href="#Footnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a> Soldaten, sie wären -gleich fremder oder heimischer Nation gewesen, höcher als ihre -edle und doch ohnkriegbare Landsleut ästimirt; wannenhero sie - <span class="pagenum"><a id="Seite_233">[S. 233]</a></span> -dann auch so großes Glück gehabt haben. Doch ließe ich mich -ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen, was -einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden -wie ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich -mich, auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe -doch nichts anders darmit als bißweilen eine geringe -Verehrung. Und als kaum der zehende Mann von denen -mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen waren, wurde -der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest seiner -kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als -wann sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder -in die vorige Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.«</p> - -<p>»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen. -Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und -verrichtet hingegen selbst größere als Roßarbeit. Indem mich -nun in solchem Zustand kein feindlicher Musquetenschuß fällen -oder ein türkischer Säbel verwunden konte, sihe, so schlug mir -ein Stein aus einer springenden Minen so unbarmherzig an -meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie -Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel -alsobalden biß über das Knie hinweg nehmen muste. Aber -diß Unglück kam nicht allein, dann als ich dort lag als ein -soldatischer Patient, mich an meinem Schaden curirn zu lassen, -bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem großen Hauptwehe, -warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln<a id="FNanchor_510_510"></a><a href="#Footnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a>, als -mein Liegerstatt mit Unlust<a id="FNanchor_511_511"></a><a href="#Footnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> erfüllt wurde.«</p> - -<p>»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und -Nieder Zeugnus gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten -Soldaten gewesen; dann auf solches Lob wurden auch andere -Medicamenten nicht gesparet, wiewol die Venetianer ihre Soldaten -so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen, wann sie -solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse<a id="FNanchor_512_512"></a><a href="#Footnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> auch anderer ehrlicher -Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie -kein Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. -Als nun solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte -kaum einen oder zween, die ihr völlige Gesundheit entweder -bißhero erhalten oder doch wieder erholet hatten, auf die Posten -thun konten, sihe, da wurde es unversehens Friede, als wir - <span class="pagenum"><a id="Seite_234">[S. 234]</a></span> -beinahe in letzten Zügen lagen. Nach unserer Abführung, und -nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer ausgestanden, -langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von uns -und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten -mit Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, -wurden in das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich -behelfen muste, biß ich gleichwol wieder heil wurde und auf -meinem hölzernen Bein herummer stelzen konte.«</p> - -<p class="pmb3">»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas -wenigs an Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann -ich den redlichen Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. -Hingegen wurde mir zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten -eine Steuer zur Wegzehrung bettlen dorfte, und dergestalt completiret -ich die Zahl meiner Ducaten, die ich noch habe, weil -mir mancher Signor und manche andächtige Matron vor den -Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen -Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne -das, sintemal wir fast alle, was übrig verblieben von uns, -unsere Haar verloren hatten, sehr mager und ausgehungert -und so schwarz aussahen wie die allerschwärzste Zigeuner. -Weilen mir dann nun das Bettlen so wol zuschlug, trieb ichs -fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland ankam, der -Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit zu -freuen<a id="FNanchor_513_513"></a><a href="#Footnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a>, daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen -guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; -dann ich gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil -sie selbst aus dem vornehmlichsten Stammen der Erzbettler -entsprossen.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_504_504"></a><a href="#FNanchor_504_504"><span class="label">[504]</span></a> <em class="gesperrt">Zirlberg</em>, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_505_505"></a><a href="#FNanchor_505_505"><span class="label">[505]</span></a> der <em class="gesperrt">ellende Anblick</em>, bezieht sich auf den »armseligen Steinhaufen«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_506_506"></a><a href="#FNanchor_506_506"><span class="label">[506]</span></a> <em class="gesperrt">Beg</em>, <em class="gesperrt">Bei</em>, Herr, Titel höherer Beamten und vornehmer Fremden; <em class="gesperrt">Beglerbeg</em>, -<em class="gesperrt">Beilerbei</em>, Titel der Statthalter, welche sich drei Roßschweife vortragen -lassen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_507_507"></a><a href="#FNanchor_507_507"><span class="label">[507]</span></a> <em class="gesperrt">Bassa</em>, Pascha.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_508_508"></a><a href="#FNanchor_508_508"><span class="label">[508]</span></a> <em class="gesperrt">erkantlich</em>, erkenntlich, dankbar für geleistete -Dienste.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_509_509"></a><a href="#FNanchor_509_509"><span class="label">[509]</span></a> <em class="gesperrt">ohnedel</em>, unadelich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_510_510"></a><a href="#FNanchor_510_510"><span class="label">[510]</span></a> <em class="gesperrt">Fabeln</em>, Fieberphantasien.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_511_511"></a><a href="#FNanchor_511_511"><span class="label">[511]</span></a> <em class="gesperrt">Unlust</em>, Schmuz.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_512_512"></a><a href="#FNanchor_512_512"><span class="label">[512]</span></a> <em class="gesperrt">genießen</em>, <span class="antiqua">cum genet. pers.</span>, von jemand Hülfe erhalten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_513_513"></a><a href="#FNanchor_513_513"><span class="label">[513]</span></a> <em class="gesperrt">freuen</em>, <span class="antiqua">trans.</span> wie im Mhd., erfreuen.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<h2 id="II_Das_sechsundzwanzigste_Capitel">Das sechsundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich -ihren Lohn bekommen habe.</p> -</div> - - -<p>»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender -wieder antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand -Störern<a id="FNanchor_514_514"></a><a href="#Footnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a>, Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung - <span class="pagenum"><a id="Seite_235">[S. 235]</a></span> -sie die meiste Zeit ihres Lebens zugebracht. Bei denselben -fragte ich fleißig nach, konte aber weder Stumpf noch Stiel -von ihr erfahren. Endlich kam ich auch in diejenige Stadt, -darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische Kriegsdienste -kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen und -erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann -als ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann -gar andächtig zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, -was sich seithero meiner Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, -kam er unter andern auch auf das Gespenst, das hiebevor die -Abtisse so visierlich<a id="FNanchor_515_515"></a><a href="#Footnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> geplagt und vexirt, welches aber nunmehr -wieder allerdings aufgehört hätte, also daß man darvor halte, -dasselbe Gespenst sei eben dasjenige wunderbarliche Weibsbilde -gewesen, deren Körper neulich ohnweit von hinnen verbrant -worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was -ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, -sonder bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer<a id="FNanchor_516_516"></a><a href="#Footnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a> erzählen.«</p> - -<p>»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: -Eben damals, als die Abtissin von dem Gespenst so gequält -und allerdings in einen Argwohn gebracht wurde, als buhle -sie mit ihrem Pistor<a id="FNanchor_517_517"></a><a href="#Footnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a>, trugen sich andere dergleichen Possen -mehr beides hier in der Stadt und auf dem Lande zu, also -daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel selbst verhängt<a id="FNanchor_518_518"></a><a href="#Footnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a> -worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen die -Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, -dem dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar -etlichen die Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen -man hernach doch anderwärts in andern Häusern und auch -bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß sie es hatten, wieder -mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger leicht -schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen wäre. -Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß -einer der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg -genommen und andere darvor hingelegt worden, ohne daß man -wissen konte, wie solches zugangen und beschehen wäre. Es -hielte ohnlängst hernach ein Freiherr nicht weit von hinnen - <span class="pagenum"><a id="Seite_236">[S. 236]</a></span> -Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch gräflich hergieng; -bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr herrlicher -Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt hatte, -samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein -schlecht Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu -tragen pflegen, darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein -Zeichen hielten einer künftigen unglückseligen Ehe. Aber -diese Wahrsager gaben damit nur ihre Unwissenheit zu erkennen.«</p> - -<p>»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein -Beckenknecht auf einen Sonntag in einen etwan drei Meil von -hier entlegenen Wald, des Willens, Vogelnester zu suchen und -junge Vögel auszunehmen; dieser war beides von Angesicht -und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher Jüngling und -darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem -Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, -wurde er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen -Wasser badet. Er vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus -dem Flecken, darin er damals dienete; derowegen ließe er sich -durch den Fürwitz bereden, daß er sich niedersetzte; zu verharren, -biß sie sich anlegte, damit er sie an den Kleidern kennen und -alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend gesehen, zu -vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber doch -etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser -gestiegen, legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern -Stück<a id="FNanchor_519_519"></a><a href="#Footnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich -nieder, kämpelt und zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein -und andere Kleinodien um den Hals und zierte ihren Kopf -dergestalt mit dergleichen Geschmuck, daß sie einer Fürstin gleichsahe. -Der gute Beckenknecht hatte ihr bißhero mit Forcht und -Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor ihrer ansehenlichen -Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich stellen, -als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar -zu nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie -ihm zu und sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so -grob und unhöflich, daß ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen -dorft?«</p> - -<p>»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: -Gnädigs Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein - <span class="pagenum"><a id="Seite_237">[S. 237]</a></span> -unadelicher Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen -Frauenzimmer nähere.«</p> - -<p>»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es -ist ja ein Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon -etlich hundert Jahr allhier auf euch gewartet. Sintemal es -dann nun Gott einmal geschickt hat, daß wir diese lang gewünschte -Stund erlebt haben, so bitt ich euch um Gottes -willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen, was -ich mit euch zu reden habe.«</p> - -<p>»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es -wäre ein teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk -verführt werden solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, -setzte er sich ohne Scheu zu ihr nieder; sie aber fieng folgender -Gestalt an zu reden.«</p> - -<p>»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem -lieben Gott mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und -mein einzige Zuversicht, euer lieber Nam ist Jacob und euer -Vatterland heißt Allendorf; ich aber bin Minolanda, der Melusinen -Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter von Staufenberg<a id="FNanchor_520_520"></a><a href="#Footnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a> -erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von meiner -Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben -muß, es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu -euerm Ehegemahl erwählen und dardurch von solcher Verfluchung -erlösen werdet; doch mit diesem ausdrucklichen Vorbehalt -und Geding, daß ihr euch wie bißher vor allen Dingen -der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer Weibsbilder -müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr -lang verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was -euch zu thun ist! Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding -halten, so werde ich nicht allein erlöst, sonder wie ein ander -Mensch auch Kinder zeugen und zu seiner Zeit seliglich aus -dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der reichst und glückseligst -Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber verschmähet, -so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an -Jüngsten Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere -Unbarmherzigkeit ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so -ihr alsdann euer Lebtag haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste -nicht mit euch theilen wollen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[S. 238]</a></span></p> - -<p>»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der -Melusinä als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch -viel mehr dergleichen Märlin von verfluchten Jungfrauen -gehöret hatte, glaubt alles, was ihm gesagt worden; derohalben -besonne er sich nicht lang, sonder gab das Jawort von sich -und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem Beischlaf. Sie -aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten und nahm -ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit Heiligthum<a id="FNanchor_521_521"></a><a href="#Footnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a> -gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls zustellte, -damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem Teufelsgespenst -zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß -sie ihn fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen -wolte, worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«</p> - -<p>»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht -bei der Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein -Gewissen sagte, es könte mit dieser heimlichen und wunderbarlichen -Ehe nicht recht hergehen, da ereignete sich eine Gelegenheit, -mit deren er hieher kam und seinem Beichtvatter alle -Geschichte außerhalb der Beicht vertraute. Als dieser verstunde, -was diese Meerfein<a id="FNanchor_522_522"></a><a href="#Footnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a> oder Minolanda, wie sie sich genennet, -vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß eben -ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet -worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret -auch das Kreuzlin zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt -hatte. Als er solches sahe, überredet er den Beckenknecht, daß -ers ihm nur ein einzige halbe Stund ließe, selbiges einem -Jubilierer<a id="FNanchor_523_523"></a><a href="#Footnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a> zu weisen, um zu vernehmen, ob das Gold auch -just<a id="FNanchor_524_524"></a><a href="#Footnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> und die Steine auch gut wären; er aber verfügte sich sogleich -damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem Glück hier -war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der -Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen -werden möchte; worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen -gab und alle mögliche Hülf zu thun versprach.«</p> - -<p>»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte -Männer mit Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer - <span class="pagenum"><a id="Seite_239">[S. 239]</a></span> -um Mitternacht stürmten und Thüren und Läden wol in acht -nahmen, damit, als solche eröffnet, niemand hinaus entrinnen -könte. So bald solches geschahe, und auch zugleich zween mit -Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der Becker zu -ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«</p> - -<p>»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein -Messer mit einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe -man solches recht wahrgenommen, da stak einem andern, der -eine Fackel trug, eins im Herzen, darvon derselbige alsobald -todt darnieder fiele. Einer von den Bewehrten ermaße, aus -welcher Gegend diese Stich herkommen waren, sprang derowegen -zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen demselben -Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn Melusinen -die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte<a id="FNanchor_525_525"></a><a href="#Footnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a>. Ja -dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die -vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch -Lung und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das -Herz noch zapplen sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, -die Finger staken voll köstlicher Ring, und der Kopf -war gleichsam in Gold und Perlen eingehüllet. Sonst hatte -sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock und ein Paar -seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch -verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«</p> - -<p class="pmb3">»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt -hatte; er starb aber hernach mit großer Reu und Leid und -verwundert sich, daß so gar kein Geld bei seiner Schläferin -gefunden worden, dessen sie doch ein Ueberfluß gehabt hätte. -Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20 Jahr alt geschätzt, -und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der Beck -aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. -Wie man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch -beinahe eine österreichische Sprach gehabt.«</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_514_514"></a><a href="#FNanchor_514_514"><span class="label">[514]</span></a> <em class="gesperrt">Störer</em>, wie Storger, Störzer, Vagabund.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_515_515"></a><a href="#FNanchor_515_515"><span class="label">[515]</span></a> <em class="gesperrt">visierlich</em>, possierlich, spaßhaft.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_516_516"></a><a href="#FNanchor_516_516"><span class="label">[516]</span></a> <em class="gesperrt">ohnschwer</em>, ohne Beschwerde; -wenn es ihm nicht zu viel Mühe mache.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_517_517"></a><a href="#FNanchor_517_517"><span class="label">[517]</span></a> <em class="gesperrt">Pistor</em>, Klosterbäcker.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_518_518"></a><a href="#FNanchor_518_518"><span class="label">[518]</span></a> <em class="gesperrt">verhängen</em>, erlauben, gestatten.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_519_519"></a><a href="#FNanchor_519_519"><span class="label">[519]</span></a> <em class="gesperrt">Stück</em>, Zeug, Stoff.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_520_520"></a><a href="#FNanchor_520_520"><span class="label">[520]</span></a> <em class="gesperrt">Melusine</em> und <em class="gesperrt">Ritter von Staufenberg</em>, vgl. über die Sage und -ihre Literatur die Einleitung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_521_521"></a><a href="#FNanchor_521_521"><span class="label">[521]</span></a> <em class="gesperrt">Heiligthum</em>, Heilthum, Reliquien von Heiligen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_522_522"></a><a href="#FNanchor_522_522"><span class="label">[522]</span></a> <em class="gesperrt">Meerfein</em>, -(nicht fei) späterer Name für das alte <span class="antiqua">meerminne</span>. Vgl. <span class="antiqua">merfeine</span>, <span class="antiqua">wazzerfeine</span>. -In Fischart's neuer Ausgabe des Stauffenbergers (Straßburg 1588) kommt diese -Form noch vor: »Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.«</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_523_523"></a><a href="#FNanchor_523_523"><span class="label">[523]</span></a> <em class="gesperrt">Jubilierer</em>, Juwelier.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_524_524"></a><a href="#FNanchor_524_524"><span class="label">[524]</span></a> <em class="gesperrt">just</em>, von richtigem Feingehalt.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_525_525"></a><a href="#FNanchor_525_525"><span class="label">[525]</span></a> <em class="gesperrt">spielt</em>, <span class="antiqua">præt.</span> zu spalten, wie im Mhd.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p> - - -<h2 id="II_Das_siebenundzwanzigste_Capitel">Das siebenundzwanzigste Capitel.</h2> - -<div class="block6c"> -<p class="center font09 pmb1">Endlicher Beschluß von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf.</p> -</div> - - -<p>»Durch diese Erzählung erfuhr ich, was das wunderbarliche -Vogelnestlein bei meinem Weib gewürkt, wie sie der Kützel -ihres geilen Fleisches zur Ehebrecherin, zur Mörderin, mich -selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei gemacht, und sie endlich -selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur gebracht habe. -Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit ihr zugetragen.«</p> - -<p>»Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste hätte ich -schier vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern, -ein junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und -Haar, Kleidern und allem hinweg kommen, daß bißher kein -Mensch erfahren, wohin er geflogen oder gestoben sei. Und -solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er sich gebuckt, -ein Nastüchlein, welches auch zugleich verschwunden, aufzuheben, -so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen.«</p> - -<p>»Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, daß dein Nestlein -wieder einen andern Meister hat. Gott geb, daß es ihm -besser als meinem Weib bekomme!«</p> - -<p>»Ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen -können, wann ich ihnen nur hätte die Wahrheit sagen wollen; -aber ich schwieg still, und ließe dieselbige sich unter einander -verwundern und disputirn, so lang sie wolten, betrachtet darneben, -wie grob der Unwissenden Wahn betrüge, und was wol -auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit anderst -erzählt worden wären, wann die Scribenten den Grund recht -gewust hätten.«</p> - -<p>»Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren, -wo mein Weib hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige -und durchstelzte damit das Erzstift Salzburg, das ganze -Baiern und Schwabenland, Franken und die Wetterau. Endlich -kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte überall, -wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so glückselig -hierin, daß ich glaube, es spendire mir mancher etwas, -der selbst nit den zehenden Theil so viel Geld hat als ich. -Und weil ich sehe, daß von meinem Capital nichts abgehet, ich - <span class="pagenum"><a id="Seite_241">[S. 241]</a></span> -aber gleichwol einen als den andern Weg in aller Freiheit -mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann ichs bedörftig, -ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt sich gern) -zur Nothhelferin haben kan, so wiste<a id="FNanchor_526_526"></a><a href="#Footnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a> ich nicht, was mich bewegen -solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja -ich wiste auch kein bessers für mich zu finden. Weistu aber, -mein Simplice, mir ein anders und bessers zu weisen, so -möchte ich deinen Rath gern hören und nach Gestaltsame der -Sach demselben auch gern folgen.«</p> - -<p>»Ich wolte dir wünschen«, antwortet Simplicius, »du -führtest hier zeitlich dein Leben, daß du das ewige nicht verlierest!«</p> - -<p>»O Münchspossen!« sagte Springinsfeld; »es ist nicht -müglich, du bist seither in einem Kloster gestocken, oder hast -im Sinn, in Bälde in eins zu schliefen<a id="FNanchor_527_527"></a><a href="#Footnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a>, daß du immer wider -dein alte Gewohnheit so albere Fratzen herfürbringst.«</p> - -<p>»Wann du nicht in Himmel wilst«, antwortet Simplicius, -»so wird dich niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber, -du thätest auch wie ein Christenmensch und fiengest an zu gedenken -an deine letzte Ding, welche zu erfahren du noch einen -kurzen Sprung zu thun hast.«</p> - -<p class="pmb3">Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, -und solches verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu -schlafen, wie dann zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher -Anmuthung<a id="FNanchor_528_528"></a><a href="#Footnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a> folgten wir und thäten die Augen zu, uns noch -ein paar Stund innerlich zu beschauen, stunden auch nicht -ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu etlichen -Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. -Als wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir -Zeitung, daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch -stark mit Eis gehe, so daß niemand weder herüber noch hinüber -kommen könte. Derowegen resolvirte sich Simplicius, -denselben Tag mit seinen Leuten noch in der Stadt zu verbleiben, -in welcher Zeit er weder den Springinsfeld noch mich -von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich dessen -Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet, schriftlich -aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde, daß -sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. - <span class="pagenum"><a id="Seite_242">[S. 242]</a></span> -Und dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals -wol bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er -auf seinen Hof, bei ihm auszuwintern<a id="FNanchor_529_529"></a><a href="#Footnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a>, betheuerte aber gegen -mir gar hoch, daß er solches nicht seiner paar hundert Ducaten -halber thu, sondern zu sehen, ob er ihn nicht auf den -christlichen Weg eines gottseligen Lebens bringen möchte. Wie -ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn der verwichne -März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum in -seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs -und bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser -abenteurliche Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi -Bauerhof, als er ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, -sein letztes</p> - -<p class="center pmb3"> -<em class="gesperrt">Ende</em>.<br /> -</p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_526_526"></a><a href="#FNanchor_526_526"><span class="label">[526]</span></a> <em class="gesperrt">wiste</em>, wüßte.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_527_527"></a><a href="#FNanchor_527_527"><span class="label">[527]</span></a> <em class="gesperrt">schliefen</em>, schlüpfen, kriechen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_528_528"></a><a href="#FNanchor_528_528"><span class="label">[528]</span></a> <em class="gesperrt">Anmuthung</em>, Anwandlung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_529_529"></a><a href="#FNanchor_529_529"><span class="label">[529]</span></a> <em class="gesperrt">auswintern</em>, durchwintern, den Winter hindurch bleiben.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - - -<h2>Anhang.</h2> -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a></span></p> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - - -<p class="p2 center font11">Der erste</p> - -<p class="center font22"><em class="gesperrt">Bärnhäuter</em>,</p> - -<p class="center font16">Nicht ohne sonderbare darun-</p> -<p class="center font12"><b>ter verborgene lehrreiche Geheimnus,</b></p> - -<p class="center font11 pmb1">sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und<br /> -sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal<br /> -zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls)<br /> -andern zum Exempel<br /> -vorgestellet</p> - -<p class="center font12 pmb1">Samt <span class="antiqua">Simplicissimi</span> Gaukeltasche</p> - -<p class="center font09">von</p> - -<p class="center font12 pmb2"><b><span class="antiqua">Illiterato Ignorantio</span>, zugenant <span class="antiqua">Idiota</span>.</b></p> - -<p class="center font10 pmb2">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.)</p> - -<p class="center font12 pmb3"><b>Gedruckt im Jahre 1670.</b></p> - - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p> - - - - -<h2 id="Des_ersten_Barnhauters_Bildnus">Des ersten Bärnhäuters Bildnus.</h2> - -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen -den Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.)</p> - -<div class="block6c"> -<p> -So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter,<br /> -<span style="margin-left: 1em;">Den Namen ich bekam vons Bären Haut,</span><br /> -<span style="margin-left: 1em;">Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut,</span><br /> -Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider.<br /> -So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen,<br /> -So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen.<br /> -<span style="margin-left: 1em;">Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut,</span><br /> -<span style="margin-left: 1em;">Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit.</span><br /> -</p> - -<p class="pmb3"> -<span class="antiqua">f<a id="FNanchor_530_530"></a><a href="#Footnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a>. Prorursicutius<a id="FNanchor_531_531"></a><a href="#Footnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a>.</span><br /> -</p> -</div> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_530_530"></a><a href="#FNanchor_530_530"><span class="label">[530]</span></a> <span class="antiqua">f.</span>, <span class="antiqua">fecit</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_531_531"></a><a href="#FNanchor_531_531"><span class="label">[531]</span></a> So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein: <span class="antiqua">Prorsursicutius</span>, -aus <span class="antiqua">prorsus</span>, <span class="antiqua">ursus</span>, <span class="antiqua">cutis</span> gebildet: ein Bärnhäuter durch und durch.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p> - - -<h2 id="Vom_Ursprung_des_Namens">Vom Ursprung des Namens -Bärnhäuter.</h2> - - -<p>Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens -Bärnhäuter <span class="antiqua">per etymologiam</span> ausecken<a id="FNanchor_532_532"></a><a href="#Footnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> wollen, haben vermeint, -daß vor alten Zeiten, da die alten Teutschen noch auf -allerhand Häuten geschlafen, diejenige zum Spott mit diesem -Namen genennet worden, die immerhin aus Faulheit auf ihrer -Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers auszurichten -begehrt. Es mag sein, mir gedenkt<a id="FNanchor_533_533"></a><a href="#Footnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a> so weit hinaus nicht, daß -ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß Hohenroth<a id="FNanchor_534_534"></a><a href="#Footnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a> -hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch beigefügtes -Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, -voraus dieser Name entsprungen:</p> - -<p>Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer -König, von dem türkischen Kaiser Celapino<a id="FNanchor_535_535"></a><a href="#Footnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> geschlagen worden, -ist ein teutscher Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald -entronnen und darin verirret.</p> - -<p>Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein -Geld und auch kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, -sich inskünftig zu ernähren, hatte er allerhand schwermüthige -Gedanken; da erschien ihm ohngefähr und ehe er sichs versahe, -ein abscheuliches Gespenst oder Geist, weiß nicht, obs der böse - <span class="pagenum"><a id="Seite_248">[S. 248]</a></span> -Geist selber gewesen oder nicht, und sagte, wann er ihm dienen -wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und ihn endlich -gar zu einem Herrn machen.</p> - -<p>»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, -daß mir solche Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.«</p> - -<p>»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was -du kanst und was du für eine Courage habest, damit ich mein -Geld nicht umsonst ausgebe.«</p> - -<p>Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher -geloffen. »Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.«</p> - -<p>Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären -auf die Nase, daß er über und über purzelte. Da solches geschehen -war, fieng das Gespenst oder der Geist an mit ihm zu -capitulieren und sagte:</p> - -<p>»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr -zu dienen versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund -Schildwacht um Mitternacht stehen, deine Haar und Bart -weder kämpeln, noch selbige, wie auch die Nägel, nicht abschneiden, -die Nase nicht schneuzen, deine Händ und das Angesicht nicht -wäschen, den Hintern nicht wischen, diese Bärnhaut anstatt -des Mantels und Betts brauchen und niemal kein Vatterunser -beten.«</p> - -<p>»Hingegen wil ich dich mit Commiß<a id="FNanchor_536_536"></a><a href="#Footnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a>, Bier, Tabak und -Brantewein versehen, daß du dich über dich selbst verwundern -wirst müssen.«</p> - -<p>Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: -»Alles, was du mir zu unterlassen geboten hast, habe ich von -Natur mein Tage niemal gern gethan; ich wasch mich nicht -gern, ich bete nicht gern &c.«</p> - -<p>Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen -zu wissen, um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; -als er aber eines Heiligen Namen nennete, sprach der -Geist: »Dieser taug<a id="FNanchor_537_537"></a><a href="#Footnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a> mir nicht, du solst Bärnhäuter heißen -wegen der Bärnhaut, damit du heut begabt bist worden.«</p> - -<p>Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem -Neugebornen einen Mantel daraus und führte ihn mitsamt -derselben Haut und aller seiner übrigen Bagage durch die - <span class="pagenum"><a id="Seite_249">[S. 249]</a></span> -Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde Schloß von dieser -wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.</p> - -<p>Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste -und wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln -ein solcher abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher -sah als einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes -herrlichem Ebenbilde erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt -eines ehrbaren Mantels seine liebliche Bärnhaut um sich -hatte; dann seine Haar wurden lauter Höllenzöpf<a id="FNanchor_538_538"></a><a href="#Footnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a>, die ihm -um die Achseln herumhiengen wie indianische Schafschwänze. -Sein Bart war <span class="antiqua">s. h.</span> von Rotz, Geifer und anderer Unlust in -einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten -eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller -mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar -wol hätte Rübsamen hineinsäen können.</p> - -<p>Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, -kam der Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr -Zeit war, einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr -nach auszuzahlen<a id="FNanchor_539_539"></a><a href="#Footnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a>; doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke -voller Ducaten und Pistolen und befahle ihm, sich lustig -zu machen und kein Geld zu sparen, sonder zu thun und zu -lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe thät, -aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords -und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, -weil seine sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, -in denen sie sich zusammen verbunden.</p> - -<p>Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner -greulichen Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er -traurig.</p> - -<p>Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, -dem Fremden um die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, -abgewiesen wurde, zeigte er ihm aus dem einen Hosensack eine -Handvoll Ducaten und aus dem andern eine Handvoll Duplonen -und wurde darauf dessen willkommener Gast.</p> - -<p>Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem -er ihn auch besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner - <span class="pagenum"><a id="Seite_250">[S. 250]</a></span> -häßlichen Gestalt kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen -die Herberg in kein bös Geschrei bringen solten.</p> - -<p>In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes -Gelde aus, biß der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der -Reis begriffen zu sein wuste, der in selbiger Herberg einkehren -würde; da kam er bei Nacht und malet in selbigem Zimmer alle -Contrafet nach dem Leben der berühmtisten Personen, so seit -Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains, Lamechs, -Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und -griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, -Cyri, Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, -des Mohamets &c., ja sogar auch deren Bildnus, so noch in -die Welt kommen sollen, als der Widerchristen und anderer -&c., worüber sich der Wirth nicht unbillich verwunderte; vornehmlich -als der Bärnhäuter ausgab<a id="FNanchor_540_540"></a><a href="#Footnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a>, er hätte diese Gemälde -selbst verfertigt.</p> - -<p>Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg -dort nahm und seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: -was Neues? erzählte er ihm alles, was er von seinem seltzamen -Gast wuste und nicht wuste, als seinen wunderlichen -Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß er Gelds -vollauf hätte.</p> - -<p>Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder -morgen auch sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, -schwerlich glauben.«</p> - -<p>Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört -hatte, befande sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer -Unterscheid, als daß er die Kunst der Malerei besser als jener -verstunde und sich dannenhero auch beides über die kunstreiche -Hand und die Arbeit mehrers zu<a id="FNanchor_541_541"></a><a href="#Footnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> wunderte; dann ihre Perfection -war unvergleichlich, und indem er sahe, daß sich viel -Contrafet mit denen künstlichen<a id="FNanchor_542_542"></a><a href="#Footnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> Antiquitäten verglichen, die er -allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die übrige auch -denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren, und -die er bißher noch nicht gesehen.</p> - -<p>Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht -hätte; derselbe aber fragte hinwiederum: wer sonst?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p> - -<p>Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du -auch die Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.«</p> - -<p>»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder<a id="FNanchor_543_543"></a><a href="#Footnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a> -mancher vermeint.«</p> - -<p>Der Herr fragte: »Wer bist du?«</p> - -<p>Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein -Soldat von Fortun<a id="FNanchor_544_544"></a><a href="#Footnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a>, und hab mich neulich im Krieg wider -den Türken brauchen lassen.«</p> - -<p>Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen -war, fragte ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: -»Ich habe drei Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch -ihre Mutter ihrer Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander -nicht kennet. Ich wil dich solche sehen lassen; wirst du nun -wissen, welches die Aelteste, Mittlere und die Jüngste sei, so -wil ich dir eine davon zum Weibe geben, welche du unter ihnen -haben wilst; wo nicht, so solst du samt deinem Vermögen mir -zum Eigenthum verfallen sein.«</p> - -<p>Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle -Herr mit heim, ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu -lassen.</p> - -<p>Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: -»Wisse, dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste -in die Mitte und die Aelteste auf der linken, die Mittlere aber -auf ihre rechte Seite zu stellen.«</p> - -<p>Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches -die Erst, die Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum -Weib begehrt, schwur der Herr alsobalden, er wolte seine Parole -halten, wie es einem ehrlichen Cavalier gebühre, Gott -geb was<a id="FNanchor_545_545"></a><a href="#Footnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> die Mutter darzu sagte, und wie sich sein Kind -darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für sich gehen -lassen, ehe ein ander Gewirr<a id="FNanchor_546_546"></a><a href="#Footnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> drein käme.</p> - -<p>Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere -Geschäften vor, doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, -und da er einen kostbaren Ring, der hierzu gemacht war, von -einander geschraubt und ein Theil darvon seiner Braut gegeben -hatte, gieng er seines Wegs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p> - -<p>Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit -schwarz und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich -mit dem abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was -halfs? Ihr Herr Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern -gönneten ihr diese Heurath; sie vexierten sie täglich mit ihrem -schönen Hochzeiter und erneuerten damit stündlich und täglich -die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens, welches sie doch -alles durch Geduld überwande.</p> - -<p>Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter -in den Rhein ins Bad; er richtet<a id="FNanchor_547_547"></a><a href="#Footnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a> ihm seine Haar und beschor -selbige samt dem garstigen Bart auf die neue Mode und -zieret ihn dergestalt auf durch besondern Anstrich, daß er sich<a id="FNanchor_548_548"></a><a href="#Footnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a> -dem schönsten Cavalier vergliche.</p> - -<p>»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere -dich wie ein rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; -ich wil meine Schätze aufthun, die ich hierum vergraben habe, -und dir Gelds genug hierzu geben.«</p> - -<p>Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt -kommen können, war er desto gehorsamer.</p> - -<p>Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen -Kleidern und vielen Dienern in<a id="FNanchor_549_549"></a><a href="#Footnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> Livree wie ein Großvezier, -und da es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich -wieder ein und sagte zu ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe -deinen Heurath«, und damit er desto reicher erscheinen konte, -füllete er ihm beide Gutschenkisten voller Gold, welches er ihm -beides zur Beschuldigung<a id="FNanchor_550_550"></a><a href="#Footnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a> und zum Heurathsgut mitgab.</p> - -<p>Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter -voran, seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung -seines Dienstes und Grußes anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier -auf dem Weg begriffen wäre, ihme zuzusprechen und -seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit einem Wort, -eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er -anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte.</p> - -<p>Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber -Gast sein würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen -und wol empfangen, auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit - <span class="pagenum"><a id="Seite_253">[S. 253]</a></span> -oben an die Tafel zwischen die beide älteste Töchter gesetzt -worden, welche sich auch ihm zu gefallen, weil ihn jede -zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt hatten.</p> - -<p>Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein -Turteltäubchen, das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als -eine Versprochene keine Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen -Herrn zu bekommen, wessentwegen ihr die Schwestern -mit den Augen manchen höhnischen Blick und mit Worten -manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben, welches -ihr tief ins Herz geschnitten.</p> - -<p>Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen -Golds das Jawort und unter den Töchtern von Vatter und -Mutter die Wahl bekam, zumalen noch jede von den ältesten -Schwestern ihn zu bekommen festiglich verhoffte, offenbarte er -sich der Jüngsten durch ein Stück des von einander geschraubten -Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt.</p> - -<p>So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken -hingegen jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so -gähling beraubt sahen.</p> - -<p>Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was -sie thäten, und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen -Tochter Glück, daß sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, -welche zugleich von Schamhaftigkeit und dem Neid -gegen ihrer Schwester angefochten wurden, also daß sich die -eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen stürzte.</p> - -<p>Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich -erschiene: »Nun haben wir mit einander<a id="FNanchor_551_551"></a><a href="#Footnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> ausgefischt<a id="FNanchor_552_552"></a><a href="#Footnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a>; du hast -eine und ich zwo von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr -Vatter manchem ehrlichen Cavalier versagt.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Mein hochgeehrter und <span class="antiqua">respective</span> großgünstiger -lieber Leser</em> nehme vor dißmal hiermit verlieb und urtheile -aus dieser Erzählung, was er will; alsdann werde ich verhoffentlich -mit der Erläuterung hernach kommen.</p> - -<p class="center font12 pmb3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_532_532"></a><a href="#FNanchor_532_532"><span class="label">[532]</span></a> <em class="gesperrt">ausecken</em>, gründlich herausbringen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_533_533"></a><a href="#FNanchor_533_533"><span class="label">[533]</span></a> <em class="gesperrt">mir gedenkt</em>, ich erinnere mich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_534_534"></a><a href="#FNanchor_534_534"><span class="label">[534]</span></a> <em class="gesperrt">Hohenroth</em>; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein, so ist -dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf des Namens liegt -in Nassau, Amt Herborn.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_535_535"></a><a href="#FNanchor_535_535"><span class="label">[535]</span></a> Bekanntlich war es Bajazet <span class="antiqua">I.</span>, der den König -Sigismund bei Nikopolis schlug.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_536_536"></a><a href="#FNanchor_536_536"><span class="label">[536]</span></a> <em class="gesperrt">Commiß</em>, alles, was den Soldaten geliefert wird.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_537_537"></a><a href="#FNanchor_537_537"><span class="label">[537]</span></a> <em class="gesperrt">taug</em>, mhd. -<span class="antiqua">touc</span>, <span class="antiqua">præteritopræs.</span> zu tügen, taugen, passen, anstehen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_538_538"></a><a href="#FNanchor_538_538"><span class="label">[538]</span></a> <em class="gesperrt">Höllenzopf</em>, eigentlich <em class="gesperrt">Hollenzopf</em>, verworrenes und verfilztes Haar, -wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt, sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; -Adelung, Wörterb. hat »Höllenzopf«, <span class="antiqua">plica polonica</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_539_539"></a><a href="#FNanchor_539_539"><span class="label">[539]</span></a> <em class="gesperrt">auszahlen</em>, -<span class="antiqua">trans.</span>, gänzlich bezahlen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_540_540"></a><a href="#FNanchor_540_540"><span class="label">[540]</span></a> <em class="gesperrt">ausgeben</em>, vorgeben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_541_541"></a><a href="#FNanchor_541_541"><span class="label">[541]</span></a> <em class="gesperrt">mehrers zu</em>, wie: immer zu.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_542_542"></a><a href="#FNanchor_542_542"><span class="label">[542]</span></a> <em class="gesperrt">künstlich</em>, kunstreich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_543_543"></a><a href="#FNanchor_543_543"><span class="label">[543]</span></a> <em class="gesperrt">weder</em>, als.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_544_544"></a><a href="#FNanchor_544_544"><span class="label">[544]</span></a> <em class="gesperrt">Soldat von Fortun</em>, der seine Stellung sich selbst -und nicht etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_545_545"></a><a href="#FNanchor_545_545"><span class="label">[545]</span></a> <em class="gesperrt">Gott geb was</em>, was auch.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_546_546"></a><a href="#FNanchor_546_546"><span class="label">[546]</span></a> <em class="gesperrt">Gewirr</em>, Störung, Hinderniß.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_547_547"></a><a href="#FNanchor_547_547"><span class="label">[547]</span></a> <em class="gesperrt">richten</em>, in Ordnung bringen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_548_548"></a><a href="#FNanchor_548_548"><span class="label">[548]</span></a> Im Druck fehlt: sich.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_549_549"></a><a href="#FNanchor_549_549"><span class="label">[549]</span></a> <em class="gesperrt">in</em> fehlt -im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich« gehört zu »wie ein Großvezier« -und nicht zu »Livree«.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_550_550"></a><a href="#FNanchor_550_550"><span class="label">[550]</span></a> <em class="gesperrt">Beschuldigung</em>, wol Druckfehler für Besoldung.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_551_551"></a><a href="#FNanchor_551_551"><span class="label">[551]</span></a> <em class="gesperrt">mit einander</em>, alle beide.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_552_552"></a><a href="#FNanchor_552_552"><span class="label">[552]</span></a> <em class="gesperrt">ausfischen</em>, <span class="antiqua">intrans.</span> einen Fang -thun.</p></div> - -</div> - - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a></span></p> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p> - - -<p class="center font11"><b><span class="antiqua">Simplicissimi</span> wunderliche</b></p> - -<p class="center font22"><em class="gesperrt">Gaukel-Tasche</em></p> - -<p class="center font12"><b>Allen Gauklern, Markschrei-</b></p> -<p class="center font11"><b>ern, Spielleuten, in Summa allen de-</b></p> -<p class="center font10">nennöthig und nützlich, die auf offenen Märkten<br /> -gern einen Umstand herbei brächten, oder<br /> -sonst eine Gesellschaft lustig zu machen<br /> -haben.</p> - -<p class="center font11"><b>Verwunderlich und lustig zu sehen.</b></p> - -<p class="p3 center font11 pmb3">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Jäger mit Hunden.)</p> - -<p class="center font09">Entworfen</p> - -<p class="center font12 pmb3"><b>durch obigen Autorem.</b></p> - - <div class="figcenter"> - <img src="images/tb002.jpg" alt="Dekoration" /> - </div> - -<p class="p3 center font12 pmb3"><b>Gedruckt im Jahr 1670.</b></p> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p> - - -<h2 id="Der_Autor_an_den_Kaufer_und_sonst_jedermann">Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.</h2> - -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, -mit einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] -abzuwehren; neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit -Buckeln und ein Apfel.)</p> - - -<p class="pmb3">Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen -Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt -ausgeben, aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen -Unterhalt zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch -Fabionen<a id="FNanchor_553_553"></a><a href="#Footnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a>, noch Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder -kurzweiligen Schalk vermocht<a id="FNanchor_554_554"></a><a href="#Footnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a>, das Volk dardurch zu seinem Stand -zu bringen, als hat er sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer -Gaukeltaschen gebraucht, dem Volk daraus wahrgesagt, manche -Kurzweil dardurch angerichtet und sich überaus wol darbei befunden. -Als man ihn aber in die Karte gesehen, und nunmehr -er selbst solche seine Profession abgelegt<a id="FNanchor_555_555"></a><a href="#Footnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> hatte, seind ihm -etliche seiner guten Freund angelegen gewesen<a id="FNanchor_556_556"></a><a href="#Footnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a>, die auch nicht -abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch -herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige -Köpfe in ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen -könten. <span class="antiqua">Vale.</span></p> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_553_553"></a><a href="#FNanchor_553_553"><span class="label">[553]</span></a> <em class="gesperrt">Fabionen</em>, Paviane.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_554_554"></a><a href="#FNanchor_554_554"><span class="label">[554]</span></a> <em class="gesperrt">vermögen</em>, besitzen.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_555_555"></a><a href="#FNanchor_555_555"><span class="label">[555]</span></a> <em class="gesperrt">ablegen</em>, niederlegen, -aufgeben.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_556_556"></a><a href="#FNanchor_556_556"><span class="label">[556]</span></a> <em class="gesperrt">angelegen sein</em>, wie anliegen, ersuchen, zureden.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p> - - -<h2 id="An_die_Umstehenden">An die Umstehenden.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; -links und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen,<br /></span> -<span class="i01">Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen!<br /></span> -<span class="i02">Er blättere herum, er suche hin und her,<br /></span> -<span class="i02">Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr,<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i01">So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen,<br /></span> -<span class="i01">Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen,<br /></span> -<span class="i02">Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still,<br /></span> -<span class="i02">Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - -<hr class="tb10" /> - -<blockquote> -<p>Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten -werden sol.</p> - -<p class="pmb2">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht -eine Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, -mit einem Prügel, den er in der Rechten hält.)</p> - - -<p class="pmb2">Wann der Artifex seine Kunst weisen<a id="FNanchor_557_557"></a><a href="#Footnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a> will, so fasset er mit -seinem rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter - <span class="pagenum"><a id="Seite_258">[S. 258]</a></span> -nach einander herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; -ist dann irgend einer unter dem Umstand, der entweder gelehrt -oder andächtig ist, so lässet er denselben in das zugethane Buch -blasen, ergreift den Griff mit No. 2 gezeichnet, laß die Blätter -abermal herumschnellen, so sihet man sonst nichts als diese -Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der, so hinein geblasen, -sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann bläst -er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der -Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter -dem Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an -das Buch blasen, folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem -Reichen, daß er viel Geld habe; hernach bläset er selbst wieder -durchs Buch und weiset dem Umstand mit No. 1 nur die weiße -Blätter. Ist dann einer unter dem Haufen, der ein Sparren -zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein blasen und weise -ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie einem -solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe -so wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es -sei ein Soldat oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein -solcher, der vor einen Helden gehalten sein wil, den lasse er -ins Buch blasen und weise ihm vermittelst No. 5 lauter Wehr -und Waffen und sage: diß ist ein Kerl, der Lust zum Krieg -hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und weise durch -No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder -Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und -weise ihm No. 6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er -selbst ins Buch und zeige ihm abermal nur weiße Blätter. -Ist dann ein Jungfernknechtla bei der Gesellschaft, den lasse -ins Buch blasen und zeige ihm durch No. 7, daß er eitel Knaben -und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine Anzeigung -sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal -wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur -die weiße Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der -gern spielt, den läßt er ins Buch blasen und weiset ihm hernach -durch No. 8 die Karten, bläst hernach selbst wieder ins Buch und -zeigt abermal nur weiße Blätter. Wann aber der Artifex die -Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so dumm nicht sein, daß -er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder Alter abnehmen -könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als die -Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht - <span class="pagenum"><a id="Seite_259">[S. 259]</a></span> -hiermit procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen -halten, viel weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. -Gehab dich wol.</p> - -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem -Ballen Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.)</p> -</blockquote> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_557_557"></a><a href="#FNanchor_557_557"><span class="label">[557]</span></a> Im Text als Druckfehler: »wissen«.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[S. 260]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Geizigen_und">Die Geizigen und</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher [kabbalistischer?] -Zeichen. — <span class="antiqua">II.</span> Avers und Revers einer Münze: 1. eine -Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: <span class="antiqua">Dante Deo et -ordinum concordia</span>, 2. von einem Kranz umgeben: <span class="antiqua">Fridericus -elec. Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619</span>. <span class="antiqua">III.</span> darunter -eine Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem -Stern, der äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. -Quer vor dem ersten Doppelkreise: <span class="antiqua">ortas</span> [<span class="antiqua">ortus</span>], zwischen -dem ersten und zweiten: <span class="antiqua">occas9</span>.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Du hast deine Lust am Geld,<br /></span> - <span class="i02">An den Thalern und Ducaten,<br /></span> -<span class="i01">Welche hoch acht alle Welt,<br /></span> - <span class="i02">Welche mir und dir nicht schaden.<br /></span> -<span class="i01">Doch halt gänzlich ich darvor,<br /></span> - <span class="i02">Daß der Geiz dich eingenommen;<br /></span> -<span class="i01">Laß nach, ich sag dirs ins Ohr,<br /></span> - <span class="i02">Du wirst sonst Unglück bekommen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p> - - -<h2 id="Mauschals_betreffend">Mauschals betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p class="pmb3">(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Eine Reihe Charaktere. — <span class="antiqua">II.</span> Darunter links -ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts -ein Hifthorn. — <span class="antiqua">III.</span> Avers und Revers einer Münze: 1. Ein -Engel hält ein Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: <span class="antiqua">mo: -no: fratrum: ducum: saxoni:</span> 2. ein Wappenschild, Löwe, Reichs-Adler, -Längsbalken, Löwe, mit 4 Feldern <span class="antiqua">Lantgrviorum. thur. -et mar-mi.</span>)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Karger Jud! Wiltu mehr Gold<br /></span> - <span class="i02">Auch aus meinem Buch erpressen,<br /></span> -<span class="i01">Das ich selbst gern haben wolt?<br /></span> - <span class="i02">Du komst mir vor sehr vermessen.<br /></span> -<span class="i01">Laß darvor die güldnen Stück<br /></span> - <span class="i02">Springen, die du eingeschlossen;<br /></span> -<span class="i01">Diese laß mir hier zurück,<br /></span> - <span class="i02">Sonst machst du mir schlimme Possen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[S. 262]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Possenreisser_und">Die Possenreißer und</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Eine Reihe Charaktere. — <span class="antiqua">II.</span> Ein nackter Mann auf -dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren -mit Kappe hineingezwängt; oben links und rechts je ein Ballen -mit Stiel.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Du hast gewiß zu viel ein Sparren,<br /></span> -<span class="i01">Weil sich dir hier lauter Narren<br /></span> - <span class="i02">Unversehens stellen für;<br /></span> -<span class="i01">Doch getrost! In diesen Orden<br /></span> -<span class="i01">Sein schon viel geschrieben worden,<br /></span> - <span class="i02">Du bists nicht allein, glaub mir.<br /></span> -<span class="i01">Allenthalben sie herkommen,<br /></span> -<span class="i01">Du bist auch nicht ausgenommen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[S. 263]</a></span></p> - - -<h2 id="Schalksnarren_betreffend">Schalksnarren betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Charaktere. — <span class="antiqua">II.</span> Ein Narr in einer Straße, -auf jeder Hand ein Rabe, drüber: grab, grab, grab. — <span class="antiqua">III.</span> Charaktere.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Willkommen, lieber Cammerad!<br /></span> -<span class="i01">Es ist ja vor dich nicht schad,<br /></span> -<span class="i02">Wann du dich gleich ließt einschreiben,<br /></span> -<span class="i02">Die Zeit mit uns zu vertreiben.<br /></span> -<span class="i01">Ei, betrachte uns doch recht,<br /></span> -<span class="i01">Lieber, unser groß Geschlecht,<br /></span> -<span class="i02">Du darfst dich ja gar nicht scheuen,<br /></span> -<span class="i02">Es wird dich niemals gereuen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[S. 264]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Soldaten_und">Die Soldaten und</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein -bekleidetes Weib, darüber: venus; aus einem andern Zelte rechts -schaut ebenfalls eine weibliche Figur hervor, darüber: firbas<a id="FNanchor_558_558"></a><a href="#Footnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a>. Die -übrigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet<a id="FNanchor_559_559"></a><a href="#Footnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a>, -gut, trüw, zucht, abenthür, liebe, scham. Der Stock sehr roh.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Du hast ein herzhaft Geblüte,<br /></span> -<span class="i01">Hörest nicht gern viel von Güte;<br /></span> -<span class="i02">Vor Musqueten und Cartaunen<br /></span> -<span class="i02">Pflegestu nicht zu erstaunen;<br /></span> -<span class="i01">Auf den Degen hältst du viel,<br /></span> -<span class="i01">Du liebst hoch des Martis Spiel.<br /></span> -<span class="i02">Halt dich wol, es kan sich schicken,<br /></span> -<span class="i02">Daß dir all dein<a id="FNanchor_560_560"></a><a href="#Footnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> Thun mög glücken.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_558_558"></a><a href="#FNanchor_558_558"><span class="label">[558]</span></a> <em class="gesperrt">firbas</em>, fürbaß, vorwärts.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_559_559"></a><a href="#FNanchor_559_559"><span class="label">[559]</span></a> <em class="gesperrt">stet</em>, Standhaftigkeit.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_560_560"></a><a href="#FNanchor_560_560"><span class="label">[560]</span></a> <em class="gesperrt">dein</em>, in den -Ausgaben steht als Druckfehler <em class="gesperrt">mein</em>.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p> - - -<h2 id="Kriegsgurgeln_betreffend">Kriegsgurgeln betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und -Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Stoßwaffen. Ebenso roh -wie der vorige Stock.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Du hast deine Freud in Waffen,<br /></span> -<span class="i01">Auf Musqueten, Puffen, Paffen<br /></span> -<span class="i02">Ist dein ganz Herz hingericht;<br /></span> -<span class="i02">Deine Hoffnung treugt dich nicht,<br /></span> -<span class="i01">Ich hab von dem Glück vernommen,<br /></span> -<span class="i01">Daß du werdest wol ankommen;<br /></span> -<span class="i02">Führ den Degen nur fein frisch,<br /></span> -<span class="i02">Daß der Feind dir nicht entwisch.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Weinschlauch_und">Die Weinschläuch und</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Bacchus auf einem Faß stehend, links ein Weinbauer, -der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr -mit einer Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein -runder Becher mit Buckeln.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Gott segn es, lieber Bruder!<br /></span> -<span class="i02">Thue mir bald Bescheid;<br /></span> -<span class="i01">Es ist wahrlich ein guter,<br /></span> -<span class="i02">Ich sing drein mit Herzensfreud.<br /></span> -<span class="i01">Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken?<br /></span> -<span class="i01">Mir pflegt er Freud zu erwecken.<br /></span> -<span class="i02">Du gibst meinem Herzen Kraft,<br /></span> -<span class="i02">Ei du edler Rebensaft!<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - - -<h2 id="Bierbruder_betreffend">Bierbrüder betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend, -die Frau trinkt aus einem großen Deckelkrug, der Mann aus einem -Zwiebelglase, während ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt. -Darunter ein kleines Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher -[oder eine Kanne?])</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Ich hab dirs gleich angemerket,<br /></span> -<span class="i01">Daß der Trunk dich trefflich stärket,<br /></span> -<span class="i02">Drum bring ich dir jetzt eins zu:<br /></span> -<span class="i01">Trink es aus biß auf den Grunde!<br /></span> -<span class="i01">Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde,<br /></span> -<span class="i02">Hast du doch drauf gute Ruh.<br /></span> -<span class="i01">Sie macht dir nichts mehr zu schaffen,<br /></span> -<span class="i01">Wann der Rausch ist ausgeschlafen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Courtisanen_und">Die Courtisanen und</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer -Dame, die er um die Schulter faßt, rasch fortschreitend; neben ihm -links ein Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">O du schöner Jungfernknecht!<br /></span> -<span class="i01">Du kommst jetzund eben recht,<br /></span> -<span class="i02">Es gibt was zu cortesiren;<br /></span> -<span class="i02">Ich will dich gar recht anführen.<br /></span> -<span class="i01">Aber sihe dich wol für,<br /></span> -<span class="i01">Daß dein Schatz dich nicht verführ,<br /></span> -<span class="i02">Sitzest du auf die Leimstangen,<br /></span> -<span class="i02">So bist plötzlich du gefangen.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p> - - -<h2 id="Jungfernknechte_betreffend">Jungfernknechte betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken -Hand, reicht einer Dame zum Abschied die rechte.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Hat die Liebeskrankheit dich<br /></span> -<span class="i01">Ganz besessen gleich wie mich,<br /></span> -<span class="i02">Ei wol! Geh behutsam nur,<br /></span> -<span class="i02">Daß man nicht komm auf die Spur.<br /></span> -<span class="i01">Laß den Hasen ja nicht blicken,<br /></span> -<span class="i01">Du musts wissen zu verzwicken;<br /></span> -<span class="i02">Wilttu handeln recht gescheit,<br /></span> -<span class="i02">Ei, so gehe nicht so weit!<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - - -<h2 id="Die_Gaukler_Spitzbuben">Die Gaukler, Spitzbuben</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten -Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer -verkauft einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein -Knabe, der ihr einen Zopf abschneidet, links am äußersten Rand -ein Mann, der mit dem Finger zeigt.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Trumpfen, letzten Stich, Pikieren,<br /></span> -<span class="i01">Bald gewinnen, bald verlieren,<br /></span> -<span class="i02">Ist dir ein gemeine Sach,<br /></span> -<span class="i01">Spessern<a id="FNanchor_561_561"></a><a href="#Footnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a>, Quanzen<a id="FNanchor_562_562"></a><a href="#Footnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a> und Labeten<a id="FNanchor_563_563"></a><a href="#Footnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a><br /></span> -<span class="i01">Half dir oft aus vielen Nöthen,<br /></span> -<span class="i02">Bracht dir auch oft Ungemach.<br /></span> -<span class="i01">Man schlug dich oft auf die Taschen,<br /></span> -<span class="i01">Wollen wir jetzunder paschen?<a id="FNanchor_564_564"></a><a href="#Footnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a><br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="tb10" /> -<p class="break" /> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnoten:</b> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_561_561"></a><a href="#FNanchor_561_561"><span class="label">[561]</span></a> <em class="gesperrt">Spessern</em>, überbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch gebräuchlichen -»es bessern.«</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_562_562"></a><a href="#FNanchor_562_562"><span class="label">[562]</span></a> <em class="gesperrt">Quanzen</em>, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die -Partie haben, <span class="antiqua">avoir quinze sur la partie</span>; daher der Name eines Spiels, wobei -der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, <span class="antiqua">jouer au quinze</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_563_563"></a><a href="#FNanchor_563_563"><span class="label">[563]</span></a> <em class="gesperrt">Labeten</em>, durch Kaufen sein Spiel verlieren.</p></div> - -<div class="footnote"> -<p><a id="Footnote_564_564"></a><a href="#FNanchor_564_564"><span class="label">[564]</span></a> <em class="gesperrt">paschen</em>, einen Pasch werfen, dann -würfeln überhaupt.</p></div> - -</div> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p> - - -<h2 id="und_Spieler_betreffend">und Spieler betreffend.</h2> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei -Männer spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen -sitzend; auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.)</p> - - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Eichel, Schellen, Grün und Herz<br /></span> -<span class="i01">Bringen dir bald Freud, bald Schmerz.<br /></span> -<span class="i02">Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen;<br /></span> -<span class="i02">Bald heißts: Mein Geld ist zerronnen.<br /></span> -<span class="i01">Sags nur meiner Frauen nicht,<br /></span> -<span class="i01">Was hier bei dem Spiel geschicht,<br /></span> -<span class="i02">Sie möcht treten sonst ins Mittel<br /></span> -<span class="i02">Und mir lesen ein Capitel.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p> - - -<h2 id="Des_Autoris_poetische_Erinnerung_an_den_Leser">Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.</h2> - - -<blockquote> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i01">Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet,<br /></span> -<span class="i01">Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet.<br /></span> -<span class="i02">Versuch es auch einmal, gewiß, es reut dich nicht,<br /></span> -<span class="i02">Wann deine Kunst mit Maß zu rechter Zeit geschicht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i01">Man lebt doch in der Welt, muß sehn, wie man sich nähret,<br /></span> -<span class="i01">Daß man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret.<br /></span> -<span class="i02">Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut,<br /></span> -<span class="i02">So machstu, daß man dir stets alles Gutes thut.<br /></span> -</div></div> -</blockquote> - - -<p class="pmb3 center"> -Ende.<br /> -</p> - -<blockquote> -<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige Cäcilia?]. -Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit -den Händen zwei Blasbälge.)</p> -</blockquote> - -<hr class="tb10" /> - -<p class="center font08 pmb3"><b> -Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.</b></p> - - - -<hr class="chap" /> -<p class="break" /> - - -<div class="transnote"> - -<b><a id="Transcribers_notes">Notizen des Bearbeiters:</a></b> - -<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p> - -<p>Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend geändert.</p> - -<p>Inhaltsverzeichnis eingefügt.</p> - -</div> - - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster -Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - -***** This file should be named 53054-h.htm or 53054-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/5/53054/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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