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-The Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster Theil
-(von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
-
-Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-Editor: Julius Tittmann
-
-Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Deutsche Dichter
-
- des
-
- siebzehnten Jahrhunderts.
-
- =Mit Einleitungen und Anmerkungen.=
-
- Herausgegeben
-
- von
-
- Karl Goedeke und Julius Tittmann.
-
- Zehnter Band.
-
- Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.
-
- =Erster Theil.=
-
- [Illustration: Signet]
-
- Leipzig:
- F. A. Brockhaus.
- 1877.
-
-
-
-
- Simplicianische Schriften.
-
- Von
-
- Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.
-
- Herausgegeben
-
- von
-
- Julius Tittmann.
-
- Erster Theil.
-
- Trutz Simplex. -- Der seltzame Springinsfeld.
-
- Anhang: Der erste Bärnhäuter. -- Gaukel-Tasche.
-
- [Illustration: Signet]
-
- Leipzig:
- F. A. Brockhaus.
- 1877.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Die Simplicianischen Schriften.
- I. v
-
- Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten
- Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen
- Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. 5
- Das erste Capitel. 9
- Das zweite Capitel. 12
- Das dritte Capitel. 16
- Das vierte Capitel. 20
- Das fünfte Capitel. 23
- Das sechste Capitel. 28
- Das siebente Capitel. 32
- Das achte Capitel. 35
- Das neunte Capitel. 38
- Das zehnte Capitel. 42
- Das elfte Capitel. 46
- Das zwölfte Capitel. 49
- Das dreizehnte Capitel. 53
- Das vierzehnte Capitel. 57
- Das fünfzehnte Capitel. 62
- Das sechzehnte Capitel. 67
- Das siebzehnte Capitel. 71
- Das achtzehnte Capitel. 76
- Das neunzehnte Capitel. 81
- Das zwanzigste Capitel. 87
- Das einundzwanzigste Capitel. 89
- Das zweiundzwanzigste Capitel. 93
- Das dreiundzwanzigste Capitel. 98
- Das vierundzwanzigste Capitel. 102
- Das fünfundzwanzigste Capitel. 105
- Das sechsundzwanzigste Capitel. 108
- Das siebenundzwanzigste Capitel. 112
- Das achtundzwanzigste Capitel. 115
- Zugab des Autors. 119
- Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. 120
- Der seltzame Springinsfeld. 121
- Das erste Capitel. 127
- Das zweite Capitel. 130
- Das dritte Capitel. 135
- Das vierte Capitel. 140
- Das fünfte Capitel. 144
- Das sechste Capitel. 149
- Das siebente Capitel. 155
- Das achte Capitel. 162
- Das neunte Capitel. 166
- Das zehnte Capitel. 172
- Das elfte Capitel. 175
- Das zwölfte Capitel. 181
- Das dreizehnte Capitel. 186
- Das vierzehnte Capitel. 191
- Das fünfzehnte Capitel. 195
- Das sechzehnte Capitel. 198
- Das siebzehnte Capitel. 203
- Das achtzehnte Capitel. 206
- Das neunzehnte Capitel. 210
- Das zwanzigste Capitel. 213
- Das einundzwanzigste Capitel. 216
- Das zweiundzwanzigste Capitel. 219
- Das dreiundzwanzigste Capitel. 223
- Das vierundzwanzigste Capitel. 227
- Das fünfundzwanzigste Capitel. 231
- Das sechsundzwanzigste Capitel. 234
- Das siebenundzwanzigste Capitel. 240
- Anhang. 243
- Des ersten Bärnhäuters Bildnus. 246
- Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. 247
- Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. 256
- An die Umstehenden. 257
- Die Geizigen und... 260
- ...Mauschals betreffend. 261
- Die Possenreißer und... 262
- ...Schalksnarren betreffend. 263
- Die Soldaten und... 264
- ...Kriegsgurgeln betreffend. 265
- Die Weinschläuch und... 266
- ...Bierbrüder betreffend. 267
- Die Courtisanen und... 268
- ...Jungfernknechte betreffend. 269
- Die Gaukler, Spitzbuben... 270
- ...und Spieler betreffend. 271
- Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. 272
-
-
-
-
- Die Simplicianischen Schriften.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph
-von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus«
-gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens
-zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und
-Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht
-jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß
-des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch
-eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam
-geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe
-werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die
-Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem
-Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet,
-ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's
-schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die
-Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch
-ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können
-unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so
-vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.
-
-Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens
-vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer
-verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben
-durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd
-erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der
-Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren
-großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade
-jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen
-dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und
-Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir
-ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild;
-das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der
-durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt
-wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch
-diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden
-diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht
-construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten,
-vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen
-möchten.
-
-Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen
-»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das
-Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem
-größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der
-Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der
-beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des
-siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke
-unmittelbar an.
-
-Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für
-sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und
-Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist;
-diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die
-Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In
-diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme
-keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich,
-der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht
-hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich
-bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.
-
-Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß
-auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in
-welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im
-allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des
-Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen
-geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle,
-in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die
-Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein
-Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben
-nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die
-Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive
-der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung
-zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen
-und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst
-empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der
-andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst
-eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die
-Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr
-noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt,
-=die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter
-alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective
-Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen
-sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des
-Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.
-
-Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der
-Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe
-so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt,
-er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische
-Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten
-Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt
-erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte
-er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit
-noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.
-
-Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau
-die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem
-vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale
-Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem
-Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich
-alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte
-steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in
-dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß
-die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe
-seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige
-Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen
-Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig
-ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern
-Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich
-feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in
-nachstehender Weise vermittelt.
-
-Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in
-Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn
-sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er
-im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt
-genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten
-Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~
-als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben
-mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden
-Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen
-mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr
-selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war
-freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller
-Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer
-Thaten.
-
-Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz
-dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt
-durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann
-er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen
-und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem
-Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen;
-überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne
-Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in
-einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung
-unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die
-große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der
-einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die
-Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen,
-die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer
-beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter
-im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen
-Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles
-seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten
-beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht
-natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch
-seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen
-Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete
-Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang
-eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft
-entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben
-Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof.
-Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau
-eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde
-ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür
-gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als
-müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die
-Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch
-wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der
-Liebe für immer verleidete.
-
-Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle
-in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter
-doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem
-Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen
-fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte
-es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich
-als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes
-verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um
-zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne
-herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen
-Lebens daran zu knüpfen.
-
-Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies
-in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der
-Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt
-in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den
-Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet
-eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von
-da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht
-mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar
-wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr
-aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller
-Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit
-sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder
-wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste
-mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie
-gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den
-er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei
-ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule
-gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein
-paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen
-in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der
-Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine
-Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort
-findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende
-Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann
-tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige,
-ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und
-tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und
-Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den
-beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder,
-deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der
-Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner
-Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise
-abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber
-erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte
-berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er
-erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm
-dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn
-durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt
-keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte,
-wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist.
-Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die
-»Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen,
-sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische
-Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über
-zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte
-Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den
-Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die
-Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin
-abstamme.
-
-Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes
-mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in
-ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt
-wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des
-»Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen
-künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache
-Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem
-wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies
-wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in
-halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich
-eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte
-sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende
-machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger
-unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige
-allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu
-Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu
-bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt
-eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die
-Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen
-war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich
-desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von
-sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war
-schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause
-die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte,
-und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur
-Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.
-
-Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften
-festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's
-folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch
-also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich
-anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«,
-»Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das
-Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch
-letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen
-Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden.
-Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara,
-Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich.
-Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher
-Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat
-hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.
-
- * * * * *
-
-Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame
-Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist
-nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will.
-
-Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland
-bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine
-formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten
-an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon
-der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten
-läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich
-erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei
-uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst
-geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich
-ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem
-für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben
-des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen.
-Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch
-Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon
-ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit
-Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der
-Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen
-und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie
-ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in
-ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust
-sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des
-männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung
-und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt
-ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und
-die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen
-Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen;
-in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse
-Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der
-maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die
-sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch
-nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei
-den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose
-Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine
-Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe
-schnellt.
-
-Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine
-hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie
-bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch
-persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum
-Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos
-freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet
-wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer
-Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei
-den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich
-zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen,
-die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten.
-Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben
-eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und
-ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für
-diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung
-Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen
-läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.
-
-In der für die höhern Stände zunächst berechneten
-Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen
-ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus
-Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch,
-der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in
-den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen
-materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit
-jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf
-solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die
-»Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«,
-die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst
-schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu
-rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung
-über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde,
-schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels,
-der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit
-angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die
-Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die
-Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende
-Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine
-heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier
-lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen,
-die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden,
-die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem
-Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte
-aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich
-demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein
-Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich
-erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte,
-indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und
-seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen
-Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine
-deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.
-
-Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen
-sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich
-vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts
-aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus
-ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~«
-mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese
-in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher
-Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt
-hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein
-solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das
-wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen
-von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius
-und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.
-
-Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen
-Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter
-moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die
-Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s.
-w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit
-inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.
-
-Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein
-Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der
-Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung
-der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor
-andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum
-besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge,
-aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die
-Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit,
-wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen
-und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der
-modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=,
-und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.
-
-Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz
-trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige
-Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane,
-den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659)
-und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665),
-die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar
-demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des
-Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern
-Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern
-zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn
-der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den
-heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des
-Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und
-Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß
-er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als
-Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit
-dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch
-der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder
-einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen
-Redewendungen anbringen läßt.
-
-Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die
-Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung
-»Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet,
-die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit
-der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr,
-alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen
-Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf
-aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie
-erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der
-Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann
-endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt,
-und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk
-entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige
-Seligkeit hätte bringen können.
-
-Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische
-ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von
-geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe
-eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von
-Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact
-gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem
-Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn
-denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von
-Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen.
-Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen
-Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen
-Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt,
-und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried,
-Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622
-wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus
-den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei
-Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und
-seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach
-England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen,
-mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum
-Islam gegeben haben.
-
-Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des
-Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der
-dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf
-dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König
-Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung
-aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen
-zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen,
-da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von
-Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht
-mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth.
-Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand,
-bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung
-treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch
-den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian
-ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände
-zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl
-Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich
-und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs
-abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils
-verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als
-zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch
-der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen
-gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis,
-wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte
-zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß
-es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor
-Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem
-Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen.
-Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek
-wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler,
-wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf
-Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner,
-und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz
-verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen
-begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge
-»fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen,
-in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem
-Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500
-Menschen erschlagen worden.
-
-Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen
-in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht
-ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621
-ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch
-Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack
-und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's
-(S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende
-October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.
-
-Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück;
-den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen
-ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während
-der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz
-abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren.
-Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach
-Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere
-Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur
-Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete.
-Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche
-Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer
-flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die
-Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die
-Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus
-Mähren zu danken hatten.
-
-Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den
-Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern
-Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da
-Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte
-sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle
-er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der
-Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen,
-während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten
-das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei
-Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage
-erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei
-Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim,
-welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von
-Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der
-Wetterau bezogen.
-
-Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der
-Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier
-geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe
-doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch
-genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct
-auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo
-de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche
-Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter
-konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und
-das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien
-eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse
-in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier
-Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt
-sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei
-den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte
-Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von
-Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem
-Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage
-kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den
-»Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen
-von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel
-hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene
-Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das
-Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen
-liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört
-hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.
-
-Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die
-Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen.
-Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte,
-ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte
-sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im
-Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der
-Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun
-die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte
-bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya,
-dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen
-worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen,
-mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht
-aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich
-Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der
-Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die
-Elbe bis nach Jütland gedrängt.
-
-Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der
-Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu
-ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste
-Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch
-Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg
-erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten
-Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe
-zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie
-die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen
-erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den
-Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte
-und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon
-im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die
-Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen
-und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun
-rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein.
-Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des
-folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der
-Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf
-Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung
-zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und
-der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in
-der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen
-waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine
-großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die
-Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht.
-Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei
-welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins
-freie Feld an der Donau verlegt.
-
-Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit
-November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim)
-befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal
-verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur
-Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf
-der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um
-sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum
-Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen.
-Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und
-ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen
-sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten
-Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht
-bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy
-die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine
-Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs
-1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in
-Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet
-das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In
-spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen
-Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus
-noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672
-erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte
-sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft
-eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen
-Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die
-Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit
-berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch
-über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die
-Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem
-Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld
-herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen
-und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und
-diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser
-Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.
-
- * * * * *
-
-Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns,
-mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute
-Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht
-zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes
-die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur
-Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen,
-die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen
-Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer
-eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung
-als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.
-
-Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner
-Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art,
-wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern
-zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes
-Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka,
-daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und
-Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht
-gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere
-Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und
-unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und
-nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem
-alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger
-denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste
-hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die
-Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das
-Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen,
-ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick
-danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor
-bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in
-einem Hospital zu enden.
-
-In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie
-heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage
-eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben
-auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von
-Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden
-entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen
-vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten
-derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen
-geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch,
-Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung,
-die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~,
-~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf
-christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen,
-wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und
-Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und
-Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.
-
-Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer
-Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus
-dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst
-niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur
-Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war.
-Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen
-Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und
-eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer
-Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch
-den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich
-sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den
-=Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird;
-natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit
-verzichten.
-
-Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er
-war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo
-de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei
-Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen
-Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen
-Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann
-Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland
-zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen,
-Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen,
-eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen
-genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und
-gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er
-darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen
-Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des
-Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen,
-als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und
-gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen
-marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht
-hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er
-besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei
-seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft,
-die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten
-und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner
-dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien
-gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment
-kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand
-hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.
-
-Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten
-Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die
-Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem
-Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß
-mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp
-von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt,
-und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest
-zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er
-nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten
-den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen
-und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach
-Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in
-kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier
-scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen.
-Der geschichtliche Verlauf ist folgender.
-
-Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern
-einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den
-Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im
-November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt
-hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte
-seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber
-der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte
-nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend
-gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200
-Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen
-selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um
-diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben,
-machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen;
-dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen
-Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch
-die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als
-ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen
-bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei
-Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter
-Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die
-Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior
-von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren
-hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth
-führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct
-auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am
-23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde
-dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem
-Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz
-bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier
-den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke
-gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold
-von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald
-zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen
-bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen
-vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk,
-während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte;
-bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in
-voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade
-ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch
-das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein
-Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war
-die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig
-Regimenter kostete.
-
-Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644.
-Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von
-Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir
-auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den
-Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die
-Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne,
-die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte
-waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich
-nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder
-Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen,
-darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit
-bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt
-mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem
-Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte
-Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße
-gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen
-und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser
-Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel
-gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld
-deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug,
-wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment
-dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem
-Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert,
-viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont
-und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte
-Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem
-es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen,
-die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt
-wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des
-festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den
-bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8.
-December 1645.
-
-Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind
-verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen
-(Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in
-kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In
-der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall
-Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich
-geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig
-Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen
-geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth
-mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft,
-wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den
-gefallenen General.
-
-In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg
-durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten
-war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment
-mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe,
-an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder
-freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als
-die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich
-die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand
-»der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb
-in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647
-mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14.
-September schon gekündigt wurde.
-
-Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen«
-sind der General der Reiterei Johann de Werth und der
-Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli
-ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen
-Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs
-Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die
-Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so
-vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De
-Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.
-
-Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die
-folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo
-die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel
-schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen
-Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich
-führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre,
-Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen
-Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau
-bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert,
-darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz
-soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der
-Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht
-nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre
-genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in
-ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst
-einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging
-ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint
-man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem
-Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug
-begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit
-ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über
-welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es
-wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte
-gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig
-ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen
-vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian
-nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige
-Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische,
-ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt,
-die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer
-bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.
-
-Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu
-gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem
-schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.
-
-Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der
-Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter
-energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer
-scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel,
-genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der
-letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen
-seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms
-zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.
-
-Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die
-Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in
-Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des
-Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus
-Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen
-Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen,
-dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder
-Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines
-Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur
-der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im
-August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener,
-auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage
-Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in
-aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von
-fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.
-
-Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im
-ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit
-geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den
-Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen,
-und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers
-mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa
-schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an
-Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend
-Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische,
-französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten,
-faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische
-Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und
-verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen.
-In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war
-den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation
-unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den
-17. September 1668.
-
-Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war
-nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und
-Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner
-»Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in
-Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen
-Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er
-selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und
-Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen
-Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«.
-Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort
-als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist
-doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf
-dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige
-Handlung sich auswirkt.
-
-Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange
-der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als
-Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten.
-Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz
-nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen
-Angaben stimmt.
-
-Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden
-eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem
-es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten
-Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem
-ehrbaren Wandel bekehrt hatte.
-
- * * * * *
-
-Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen.
-Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung
-untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher
-und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier
-das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung
-eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun
-pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt
-des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser
-Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze
-Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig
-gehalten werden.
-
-In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender
-Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z.
-B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im
-germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier
-ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche
-Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben
-Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer
-gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem
-Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest«
-genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke
-(in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein
-Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein
-Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren
-sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen;
-auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten
-Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter
-den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut,
-dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B.
-zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen
-verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht
-auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der
-reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden
-Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel
-übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister
-erblicken läßt.
-
-Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar
-an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen
-Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem
-Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die
-Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte
-an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen.
-Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche,
-Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam,
-ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil,
-worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu
-ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz,
-dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des
-Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten
-Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie
-eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre
-Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte
-Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer
-ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches
-Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger
-Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart
-bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche
-Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter
-Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte
-am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs
-eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte
-sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan,
-seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im
-Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich
-zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung
-freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So
-leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und
-draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit
-Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein
-Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein
-Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er
-werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß
-zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich
-am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die
-einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er
-sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche
-in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß
-macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene
-die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von
-seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten
-Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die
-Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da
-stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun
-bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in
-einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.
-
-Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum
-germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's
-Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder
-»Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr
-Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die
-spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so
-oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum
-zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den
-Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles
-das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst
-nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit
-göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der
-Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite
-und Anchises im griechischen Götterglauben.
-
-Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen
-übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere
-Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen
-damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und
-das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers
-alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der
-Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun
-und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde
-jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er
-bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein
-Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten
-Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen
-sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte
-noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn
-der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der
-localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause
-ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd
-heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich
-selbst ein »Mümmelchen« -- der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft --;
-des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt
-ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog,
-der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand
-seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend
-durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch
-heranbrausenden Wellen fortgerissen.
-
-Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der
-ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt
-ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als
-Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner
-verwandt zu werden.
-
- * * * * *
-
-Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen
-bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670
-bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach
-oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten
-Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck
-erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu
-Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger
-Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich
-gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte
-ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage
-beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre
-eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler
-sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den
-Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während
-einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für
-unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus«
-angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.
-
- * * * * *
-
-Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr
-bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der
-erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon
-darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt.
-Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die
-ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. ~VII~), wo
-Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt,
-genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der
-Schreiber (»Springinsfeld« Kap. ~VIII~) von seiner Absicht sagt, das
-Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die
-Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter«
-folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt
-worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek
-zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der
-Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm
-Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht
-verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr
-erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230
-Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß
-die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind,
-und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker,
-die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten
-gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein
-neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt
-hat.
-
-Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche«
-auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie
-Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so
-vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite
-zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder
-Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich
-in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. ~III~, S. 181 fg.)
-haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls
-»Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am
-meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem
-der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die
-durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen
-Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen:
-»Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein
-König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt
-wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische
-Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der
-Welt« (~II~, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch
-die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt
-der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die
-Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav
-genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde
-geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.
-
- * * * * *
-
-Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des
-»Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die
-Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als
-vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn
-auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben
-haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also
-besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag
-immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst
-nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe
-ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst
-von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432),
-einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »~Rinconete y Cortadillo~«,
-deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und
-Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird
-also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des
-Namens scheint daneben bestehen zu können.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite
-stehen im Original -- zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs
-Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei
-Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend -- folgende Verse:
-
- Erklärung des Kupfers
- oder
- Die den geneigten Leser anredende Courage.
-
- Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue,
- So wirf' ichs drum nicht weg, um daß es mich gereue,
- Daß ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht,
- Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt.
- Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen;
- Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen,
- Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz,
- Und was ich möge thun dem Simplici zum Trutz.
-
-[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen
-Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.
-
-[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.
-
- Auf der Rückseite des Titels:
-
- Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,
- Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,
- Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen,
- Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen.
- Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück?
- Sie stimmten in =ein= Horn, zeigten mir ihre Tück.
- Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen,
- Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen,
- Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus,
- Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,
- Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,
- Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.
-
-
-
-
- I.
-
- Trutz Simplex.
-
-
-
-
- Trutz Simplex
-
- Oder
-
- Ausführliche und wunderseltzame
-
- Lebensbeschreibung
-
- Der Erzbetrügerin und Landstörzerin
-
- Courage,
-
- Wie sie anfangs eine Rittmeisterin,
- hernach eine Hauptmännin, ferner
- eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,
- Musquetiererin und letzlich eine
- Zigeunerin abgegeben, Meisterlich
- ~agiret~ und ausbündig
- vorgestellet:
-
- Eben so lustig, annehmlich u[=n] nutzlich
- zu betrachten als ~Simplicissimus~
- selbst.
-
- Alles miteinander
-
- Von der Courage eigner Person,
- dem weit und breit bekannten ~Simplicissimo~
- zum Verdruß und Widerwillen, dem
- ~Autori~ in die Feder ~dictirt~, der sich vor
- dißmal nennet
- ~Philarchus Grossus~ von Trommenheim,
- auf Griffsberg &c.
-
- Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.
-
-
-
-
-Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der
-merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser
-lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin
-und Zigeunerin Courage.
-
-
- =Das erste Capitel.= Gründlicher und nothwendiger Vorbericht,
- weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden
- Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin
- Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf
- erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.
-
- =Das zweite Capitel.= Jungfrau Lebuschka (hernachmal
- genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco,
- muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben;
- dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich
- Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.
-
- =Das dritte Capitel.= Janco vertauschet sein edles
- Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen
- Courage.
-
- =Das vierte Capitel.= Courage wird darum eine Ehefrau
- und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe
- werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile
- lediger Weise getrieben hatte.
-
- =Das fünfte Capitel.= Was die Rittmeisterin Courage in
- ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes
- gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen
- wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern
- mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
-
- =Das sechste Capitel.= Courage kommt durch wunderliche
- Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit
- dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.
-
- =Das siebente Capitel.= Courage schreitet zur dritten Ehe
- und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber
- nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die
- Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution
- und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie
- sitzen läßt.
-
- =Das achte Capitel.= Courage hält sich in einer Occasion
- trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen
- Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger
- Ueberlaufer gefangen und gehenket worden.
-
- =Das neunte Capitel.= Courage quittirt den Krieg, nachdem
- ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman
- vor einen Spott gehalten wird.
-
- =Das zehnte Capitel.= Courage erfähret nach langem Verlangen,
- Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und
- freiet darauf wiederum einen Hauptmann.
-
- =Das elfte Capitel.= Die neue Hauptmännin Courage
- ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister
- und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit
- in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann
- und wird eine unglückselige Witwe.
-
- =Das zwölfte Capitel.= Der Courage wird ihre treffliche
- Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen
- Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen
- und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich
- von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen,
- erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf
- ein Schloß geführt.
-
- =Das dreizehnte Capitel.= Courage wird als ein gräfliches
- Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister
- gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung
- der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar
- listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich
- verlassen.
-
- =Das vierzehnte Capitel.= Courage wirft ihre Liebe auf
- einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen
- wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird
- ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten
- vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie
- legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu
- Hülfe kame.
-
- =Das funfzehnte Capitel.= Courage hält sich bei einem
- Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie,
- dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand
- lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf
- eine Marketenterin.
-
- =Das sechzehnte Capitel.= Courage nennet ihren Courtisan,
- den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein
- Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer
- Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich
- hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket
- sich stattlich in den Handel.
-
- =Das siebzehnte Capitel.= Der Courage widerfährt ein
- lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer
- italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen
- Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin
- als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht
- auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen.
-
- =Das achtzehnte Capitel.= Die gewissenlose Courage erkauft
- von einem Musquetierer einen ~Spiritum Familiarem~, empfindet
- darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und
- Willen von statten.
-
- =Das neunzehnte Capitel.= Courage richtet ihren Springinsfeld
- zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer
- vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller
- gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt
- und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.
-
- =Das zwanzigste Capitel.= Courage nebenst ihrem Springinsfeld
- bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie
- dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter
- war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in
- die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen
- verlegte.
-
- =Das einundzwanzigste Capitel.= Courage wird von
- ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel
- zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade
- und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil.
-
- =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Courage wird von
- ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen
- des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich
- zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des
- Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das
- beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem ~Spiritu Familiari~.
-
- =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Courage heurathet
- wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr
- erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten
- Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk
- wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten
- Soldaten.
-
- =Das vierundzwanzigste Capitel.= Courage bekommt
- eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und
- macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie
- ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind
- vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage
- mit ihm erzeugt hätte.
-
- =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Courage treibet mit
- einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel,
- als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten
- und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle
- fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben,
- endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird.
-
- =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Courage wird eine
- Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr
- Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten
- antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten,
- ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem
- Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus
- nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.
-
- =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Nachdem der Courage
- Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf
- ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter
- welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten
- Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält
- sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder
- zustellen.
-
- =Das achtundzwanzigste Capitel.= Courage kommt mit
- ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird,
- reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr
- Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman
- im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen
- die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen
- sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
-
-
-
-
-Das erste Capitel.
-
- Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen
- und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin
- und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen
- Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.
-
-
-Ja -- werdet ihr sagen, ihr Herren -- wer solte wol gemeint haben, daß
-sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn
-Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das
-Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat
-sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht,
-und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre
-vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die
-begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und
-Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen,
-daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten
-Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere
-Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue
-Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt
-ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen,
-ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung
-schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.
-
-Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden
-gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte
-zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer
-Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und
-endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret,
-beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen
-gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde
-die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie
-wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie
-dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher
-erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel
-jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders
-würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte -- werdet ihr
-sagen --, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt
-und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als
-Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden
-als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die,
-deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn
-kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie
-wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen
-anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage
-Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last
-der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand
-Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund
-begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung
-zu fassen die Gnad haben können.
-
-Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also
-werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser
-meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches
-erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder
-jung oder gar zu Stücken lachen.
-
-Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?
-
-Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange
-Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam
-angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset
-daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und
-diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen,
-der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne
-unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen
-überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben
-nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu
-ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber
-zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir
-manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen
-Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird,
-mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich
-meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte
-als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch
-folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden
-Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich
-bändig zu machen. Die ~Cholera~[7] hat sich mit den Jahren bei mir
-vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der
-Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann
-dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte ~Phlegmam~[8]
-evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die
-melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid?
-Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus
-langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige
-Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche,
-wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach
-jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und
-in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die
-gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir
-doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der
-übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu
-widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch
-nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret,
-ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit
-nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan!
-
-Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren,
-warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller
-Welt deine Laster offenbarn?
-
-Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt
-nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich
-im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen
-spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine
-und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung
-vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit
-was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse,
-wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer
-Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze
-ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und
-Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei.
-
-Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und
-die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und
-Sünder abgestraft.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«.
-
-[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen.
-
-[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen.
-
-[7] =~Cholera~=, Galle.
-
-[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen.
-
-[9] =beschweret=, beschwöret.
-
-
-
-
-Das zweite Capitel.
-
- Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den
- Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen
- Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und
- was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.
-
-
-Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne
-Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem
-böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.
-
-Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings
-und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine
-Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste
-mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug
-auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum
-Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit
-angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter;
-ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen
-Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der
-Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum
-zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren,
-welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und
-solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und
-von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft
-der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau
-behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern
-meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten
-sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn
-ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.
-
-Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der
-Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei
-Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den
-Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen
-grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach
-hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann
-ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und
-Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um
-euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«
-
-Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!
-
-Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf
-der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in
-aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.
-
-»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren
-entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan
-euch das ander auch wieder wachsen.«
-
-Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt
-gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten
-hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie
-mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden
-verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch
-in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit
-großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche
-Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will
-mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der
-eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder
-genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal
-solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant
-worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin
-ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen
-wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem
-ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich
-nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe
-michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich
-zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht
-glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen
-hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.
-
-Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte
-ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer
-Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere
-Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die
-böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß:
-wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein
-Teutscher Flachs in finden.«
-
-»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk
-an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«
-
-»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn
-aus der Küheweid[19] bringe.«
-
-»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden
-erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne,
-die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu
-dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel
-auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«
-
-Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte,
-daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten.
-Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem
-geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und
-Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das
-Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt
-schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich
-der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page
-und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern
-böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer
-Nation haben wolte.
-
-Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste
-meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen
-so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und
-ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten
-Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum
-Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und
-Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von
-ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20]
-wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte,
-muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung
-eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch
-reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf
-lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine
-weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich
-lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen
-wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte,
-daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte,
-so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken
-solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst
-nicht mitgebracht.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben
-will!
-
-[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch
-gebräuchlich.
-
-[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen,
-Prachiner Kreis.
-
-[13] Vgl. die Einleitung.
-
-[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer.
-
-[15] =Dauben=, Einbildungen.
-
-[16] =schmecken=, riechen, merken.
-
-[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild
-hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.
-
-[18] =Kuder=, Werch, Heede.
-
-[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.
-
-[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags.
-
-
-
-
-Das dritte Capitel.
-
- Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten
- Rittmeister um den Namen Courage.
-
-
-Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger
-Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein
-reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich
-mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so
-viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt
-hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten.
-Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und
-Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar
-tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken
-seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es
-die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich
-ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng
-so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde
-vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die
-Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals
-machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht
-wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie
-ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon
-seine Besoldung hat.
-
-Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich,
-der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in
-Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem
-sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung
-curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir
-seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines
-Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur
-diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar
-nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein
-roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn
-niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König
-Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein
-Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich
-aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende
-jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher
-Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns
-werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich
-und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch
-nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß
-mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war,
-von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht
-kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich
-nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe
-preißmachen.
-
-Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte,
-mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja
-von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch
-die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte
-zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber
-solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten,
-daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein
-treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch
-so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom
-Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war,
-und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste,
-das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen
-können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit
-einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet.
-Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich
-der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen
-meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen
-getraute.
-
-Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord
-gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils
-alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten
-zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen
-alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum
-allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten
-bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte
-ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben,
-und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation
-gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die
-Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen
-hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei
-gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von
-den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen,
-unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz
-wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht
-hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel
-mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum
-wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß
-ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich
-mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich
-meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß
-er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte
-ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm
-gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon
-und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was
-Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte,
-wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu
-denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er
-sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte
-noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus.
-
-Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam,
-sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich
-lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht
-gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges
-Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch
-unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber
-die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen
-Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum,
-daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines
-Mannsmenschen Hände kommen sein.«
-
-Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die
-Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister
-wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen
-müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen
-befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch
-verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte
-dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.
-
-»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu
-Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und
-demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und
-hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer
-hergebrachten Ehr beschützen.«
-
-Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu
-weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst
-gewesen.
-
-Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen,
-daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein
-Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach
-mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen;
-mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre,
-der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele
-mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich
-mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu
-entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen,
-allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen
-ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen,
-unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im
-Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du
-guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht
-eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum
-abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe
-du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du
-zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten
-worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich
-sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar
-ordenlich von mir vernehmen solt.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[21] =Rakonitz=, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag.
-
-[22] =Alphonsus=, Alfons X., König von Leon und Castilien,
-reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph,
-Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von
-Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.
-
-[23] =Iylau=, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn.
-
-[24] =Trebitz=, =Trebitsch=, =Trzebicza=, Flecken,
-Fähren, Kreis Iglau.
-
-[25] =mundirte=, montirte, ausrüstete.
-
-[26] =schnellen=, in die Höhe, wieder zu stehen kommen.
-
-[27] =Filz=, Schelte, Strafrede.
-
-[28] =verzwicken=, zweideutig ausdrücken.
-
-[29] =wagen=, Gefahr laufen.
-
-[30] =Zeiger=, =Zieger=, Käse.
-
-
-
-
-Das vierte Capitel.
-
- Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich
- darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den
- Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.
-
-
-Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und
-versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs.
-Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten
-und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine
-Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben
-konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich
-eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben
-meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen
-Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war
-froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen
-war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit
-meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien
-ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen
-das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders
-manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin
-nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig
-behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch
-mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben.
-Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht
-mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben
-Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern
-vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer
-sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste
-Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was
-schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer
-Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und
-lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen
-gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein
-solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod
-selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der
-Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal
-kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen,
-daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben
-muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der
-Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen
-möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei
-umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit
-von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein
-Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen
-und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum
-Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und
-zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von
-mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand
-herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung
-gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß
-ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte.
-
-Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und
-nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und
-beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir
-würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen
-giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche
-erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg
-und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37]
-kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich
-verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten
-niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu
-fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst
-pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte
-prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war.
-Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß
-er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher
-eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und
-communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter
-und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme
-im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner
-Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil
-ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt
-nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu
-leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben.
-Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als
-ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück
-beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß,
-welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang
-tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen
-mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem
-Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr
-das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt
-einem der Teufel zum ersten hin.
-
-Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir
-nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön
-Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir
-von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch
-von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte
-aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar
-gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich
-elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder
-zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen
-meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor
-belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu
-Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an
-der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich
-mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer
-Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen,
-zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig
-finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen.
-Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich
-vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so
-viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im
-Krieg redlich und ehrlich gewonnen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[31] =dermalen eins=, dermaleinst.
-
-[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11
-in ihrer Weise auf!
-
-[33] =toll=, auffallend.
-
-[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche
-gehen.
-
-[35] =Georgi=, Szt. György.
-
-[36] =die Insul=, Schütt.
-
-[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser
-ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der
-Neitra 1626; vgl. die Einleitung.
-
-[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein
-Beileid bezeigte.
-
-[39] =gut edel=, von gutem Adel.
-
-
-
-
-Das fünfte Capitel.
-
- Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares
- züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie
- einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen
- bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig
- unterwirft.
-
-
-Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach
-Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in
-den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein
-Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine
-Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40]
-zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus
-kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht
-viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks
-und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant,
-welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen
-Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die
-sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich
-wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und
-ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür
-leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und
-eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen,
-Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich
-aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund
-vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen,
-das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen
-anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner
-Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich
-meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit
-solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit
-mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer
-besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern,
-wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen,
-sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen.
-Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und
-lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode
-aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie,
-wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch
-glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte
-sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem
-schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.
-
-Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden
-Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den
-»Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu
-ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen
-machte, das ließe sie nicht unterwegen.
-
-Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die
-Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich
-zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen
-wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach
-an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm
-gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag
-hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig,
-welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt
-hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte,
-noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich
-die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol
-unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen
-anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um
-ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in
-der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser
-spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es
-ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit
-nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft
-vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener
-alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt,
-und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten
-oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen,
-die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf
-meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend
-neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit
-mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und
-lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer
-solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten,
-da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und
-dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit
-mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte,
-daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste
-nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil
-seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu
-ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen
-Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines
-Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten,
-die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal
-mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen
-ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er
-seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte,
-wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte
-mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol
-leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles
-verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich
-in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den
-Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte
-maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur
-seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich;
-ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht
-sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine
-Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte
-sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe
-damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber
-nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin
-kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von
-jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber
-ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein
-von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem
-Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da
-ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe
-Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen
-Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer
-guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem
-ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen
-weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte
-mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen
-Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht
-darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück
-columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid
-geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß
-ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt
-hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador,
-welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach
-diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren
-konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das
-mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern
-behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle
-gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß
-ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte,
-ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern,
-Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte
-wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen
-verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz
-zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:
-
- Ein jeder Tag bricht dir was ab
- Von deiner Schönheit biß ins Grab.
-
-Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger
-gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen
-mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die
-Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt
-dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich
-beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich
-allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können,
-sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar
-daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte,
-seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr
-blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber
-getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und
-zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte
-einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich
-eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[40] =genau=, sparsam.
-
-[41] =Daus-Es=, =Daus-As=, 2 und 1 im Kartenspiel =
-durchtriebenes Weib.
-
-[42] =Hofbursch=, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.
-
-[43] =sich enthalten=, sich aufhalten.
-
-[44] =aufsetzen=, frisieren und coiffieren.
-
-[45] =Amadis=, vgl. die Einleitung.
-
-[46] =dörfen=, wagen.
-
-[47] =Anwurf=, erster Angriff.
-
-[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso
-verliebt waren.
-
-[49] =columbinen=, ~colombin~, ~couleur gorge de pigeon~,
-taubenhalsfarbig
-
-[50] =malzern=, malzen, figürlich Ausbeute machen.
-
-[51] =Reise=, Dienst.
-
-
-
-
-Das sechste Capitel.
-
- Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und
- freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt
- lebte.
-
-
-Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners
-zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine
-Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches
-ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber
-potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen
-sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman
-gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen
-Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und
-wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie
-der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an
-einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen.
-Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag,
-allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen
-pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde
-ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische
-Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig
-Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und,
-weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit
-einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht
-gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24
-Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er
-mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten
-könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich
-ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken,
-wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus
-Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie
-mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein
-Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so
-werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern
-disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er
-genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und
-damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil
-wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter
-seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der
-Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall
-er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit
-dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die
-Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei
-mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie
-wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich
-an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den
-alten Reimen:
-
- Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
- Aber es geht ihn nicht von Herzen,
- Sie pflegen sich nur so zu stellen;
- Sie können weinen, wann sie wöllen.
-
-Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu
-trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wol
-bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen
-dem weinenden und betrübten Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poß
-gienge mir auch an, und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit
-hohem Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem
-ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der Copulation
-im geringsten nicht berühren solte, welches er beides verheißen und
-gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen[56]
-ankamen, welches eben damals dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder
-selbst per Accord übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs
-heftige Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden
-mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, ehe er möchte
-erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, welches kein geringe
-Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der Armee gewesen, als
-sich etliche hohe Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien
-gekant, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren
-sie so bescheiden[57], daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich
-ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, darüber ich aber
-gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, außer daß ich den
-Namen Courage wiederum gedulden muste.
-
-Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich eben so
-hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute.
-Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich gerne sahe. Gleich wie
-ich aber solches geduldete, also gab er auch zu, daß ich mit Reden
-und Geberden gegen jederman desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn
-dann jemands vexierte, daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte,
-antwortet er auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob
-ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei dem,
-was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit,
-dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit
-ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel und Zeug montirt. Ich ritte
-nicht wie andere Officiersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf
-einem Mannssattel, und ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich
-doch Pistolen und einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte
-auch jederzeit einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war
-im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber also
-versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und einen jungen
-Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine Rencontra gegen dem
-Feinde, so war mir unmüglich, apart[58] nicht mit zu machen. Ich sagte
-vielmalen, eine Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren
-nicht wagen dörfte, solte auch kein Plümage[59] wie ein Mann tragen.
-Und demnach mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne
-kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so kühn,
-wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner oder, wie mans
-nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen und neben dem
-Troupen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger, weil
-ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter
-meiner Wirthin erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen[60]
-konte.
-
-So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte mehr Beuten
-als mancher geschworner Soldat, welches auch Manchen und Manche
-verdroß; aber da fragte ich wenig nach, dann es gab mir Schmalz auf
-meine Suppen. Die Verträulichkeit meines sonst (gegen meiner Natur
-zu rechnen) ganz unvermöglichen Manns verursachte, daß ich ihm
-gleichwol Farb hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir
-anmeldeten, die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er ließe
-mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto weniger
-bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen frech, aber
-auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann, im Feld so häuslich
-und zusammenhebig[61] als immer ein Weib, in Beobachtung der Pferde
-besser als ein guter Stallmeister, und in den Quartieren von solcher
-Prosperität, daß mich mein Hauptmann nicht besser hätte wünschen
-mögen. Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er
-gerne, daß ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf hinaus fuhr,
-weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte, daß wir einen guten
-Particul darvon in eine vornehme Stadt zu verwahren geben musten. Und
-also lebte ich trefflich glückselig und vergnügt, hätte mir auch meine
-Tage keinen anderen Handel gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser
-beritten gewest wäre. Aber das Glück oder mein Fatum ließe mich nicht
-lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann bei Wißlach todt
-geschossen wurde, sihe, so ward ich wiederum in einer kurzen Zeit zu
-einer Wittib.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[52] =befriedet=, wo Frieden ist.
-
-[53] =schrei=, schrie (mhd. ~schrei~, ~part.~ von
-~schrien~).
-
-[54] =gepartet=, getheilt (von der Beute).
-
-[55] =Bursch=, Gesellschaft, Haufen.
-
-[56] =Weidhausen=. Vgl. die Einleitung.
-
-[57] =bescheiden=, verständig, discret.
-
-[58] =apart=, abgesondert, allein.
-
-[59] =Plümage=, Federbusch.
-
-[60] =öffnen=, in etwas eindringen, verwunden.
-
-[61] =zusammenhebig=, haushälterisch, wirtschaftlich.
-
-
-
-
-Das siebente Capitel.
-
- Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine
- Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit
- ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch
- ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar
- macht und sie sitzen läßt.
-
-
-Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederum
-ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen
-nehmen wolte, dann ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte
-auch schöne Pferd und ziemlich viel alt Geld, und ob ich mich gleich
-vernehmen ließe, daß ich meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb
-Jahr trauren wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die
-um mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat, herum
-schwärmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei dem Regiment
-Unterhalt und Quartier, biß ich mein Gelegenheit anders anstellte;
-hingegen ließe ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen,
-und wann es Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind
-etwas zu erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als
-ein Soldat, allermaßen ich in dem anmuthigen und fast lustigen Treffen
-bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen
-Cornet samt seiner Standart gefangen bekommen. Meine beide Knechte aber
-haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht,
-welche sie unserem Accord gemäß mit mir theilen musten. Nach dieser
-Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem
-vorigen Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider
-meinen Willen seit seinem Tod gefastet, sihe, so gedachte ich, durch
-meine Wahl alle solche Versaumnus wieder einzubringen, und versprach
-mich einem Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler
-beides an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit übertraf. Dieser
-war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz von Haaren, aber weiß von
-Haut und in meinen Augen so schön, daß ihn kein Maler hätte schöner
-malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, biß er
-mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich
-so Freuden voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein
-beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten die Ehre,
-daß der Obriste selbst neben den meisten hohen Officiern des Regiments
-bei der Hochzeit erschienen, die uns alle vergeblich viel Glück in eine
-langwürige Ehe wünschten.
-
-Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen
-lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem
-Gespräch unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte
-mein Leutenant seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß
-er zween starke Prügel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und
-ich bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten
-versuchen müssen, unterließe derowegen nicht, vor den Jungen zu bitten,
-biß er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tisch
-zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte mein
-Hochzeiter zu mir: »Ja, Liebste, ihr wißt, daß jederman davor gehalten
-und geglaubt, ihr hättet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen
-getragen, welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht
-geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann nicht unbillich
-zu besorgen habe, ihr möchtet in solcher Gewohnheit verharren und
-auch die meinige tragen wollen, welches mir aber zu leiden unmüglich
-oder doch sonst schwer fallen würde, sehet, so liegen sie dorten
-auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir
-beide uns, wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und
-behaupten woltet, zuvor darum schlagen könten; sintemal mein Schatz
-selbst erachten kan, daß es besser gethan ist, sie fallen gleich jetzt
-im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als wann wir hernach in
-stehender Ehe täglich darum kriegen.«
-
-Ich antwortete: »Mein Liebster!« -- und damit gab ich ihm gar einen
-herzlichen Kuß -- »ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir
-einander vor dißmal zu liefern, seie allbereit gehalten. So hab ich
-auch niemalen in Sinn genommen, euere Hosen zu prätendirn; sondern,
-gleich wie ich wol weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber
-wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinem
-Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er werde derowegen
-sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von seinen
-Fußsohlen genommen worden wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein
-Ehegemahl halten, vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterstünde,
-ihme auf den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe, mit
-demüthiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.«
-
-»Ha ha«, sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu
-sich zu reißen, ehe mans gewahr wird. Aber es muß zuvor darum gefochten
-sein, damit ich wisse, wer dem anderen künftig zu gehorsamen schuldig.«
-
-Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer Narr. Ich aber
-sprang aus dem Bette und legte mein Hemd und Schlafhosen an, erwischte
-den kürzsten, aber doch den stärksten Prügel und sagte: »Weil ihr mir
-je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit,
-an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, über den Ueberwundenen
-zusprecht, so wäre ich wol närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus
-Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.«
-
-Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner wartete
-und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und
-gedachte mich beim Kopf zu fassen, um mir alsdann den Buckel fein mit
-guter Muße abzuraumen. Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er
-sichs versahe, hatte er eins am Kopf, davon er hinaus dürmelte[62],
-wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween Stecken
-zusammen, sie zur Thür hinaus zu werfen, und da ich solche öffnete,
-stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum
-Theil durch einen Spalt zugesehen hatten. Diese ließe ich lachen, so
-lang sie mochten, schlug die Thür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock
-um mich und brachte meinen Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen,
-mit Wasser aus einem Lavor[63] wieder zu sich selbst. Und da ich ihn
-zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich die
-Officier vor der Thür auch zu uns ins Zimmer kommen.
-
-Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst
-erachten. Ich merkte wol, daß mein Hochzeiter diese Officier
-veranlaßt, daß sie sich um diese Zeit vorn Zimmer einstellen und seiner
-Thorheit Zeugen sein solten; dann als sie den Hegel[64] gefoppet, er
-würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich gegen ihnen gerühmt,
-daß er einen sonderbaren Vortheil[65] wisse, welchen er den ersten
-Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wolte,
-daß ich zittern würde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute
-Mensch hätte es gegen einer anderen als der Courage probirn mögen;
-gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermans Gespött worden,
-und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren
-befohlen und auferlegt worden wäre. Wie wir aber miteinander gelebet,
-kan sich jeder leicht einbilden, nämlich wie Hund und Katzen. Als er
-sich nun anderer Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gespött
-der Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle meine
-Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten Pferden und einem
-Knecht zum Gegentheil[66]
-
-
-
-
-Das achte Capitel.
-
- Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem
- Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, daß
- ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen und gehenket
- worden.
-
-
-Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand viel elender
-ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche argwohneten, ich
-würde ihm folgen und wir hätten unsere Flucht also mit einander
-angelegt. Da ich aber den Obristen um Rath und Befelch fragte, wie
-ich mich verhalten solte, sagte er, ich möchte bei dem Regiment
-verbleiben, so wolte er mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie
-andere Witweiber verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman
-den gedachten Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen, weil
-mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd fort
-waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut gemacht; doch ließe
-ich meine Armuth nicht merken, damit mir keine Verachtung zuwüchse.
-Meine beide Knechte, die Herrndienste versahen, hatte ich noch samt
-einem Jungen und noch etlichen Schindmären oder Bagagepferden; davon
-und von meiner Männerbagage versilberte ich, was Geld galte, und
-machte mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib
-auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich nicht
-meines gleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battalia wie vor
-Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit erwarten, weil man mir zu
-Gefallen doch keine Schlacht gehalten, wann ichs gleich begehrt hätte.
-Damit ich aber gleichwol auch wiederum zu Geld kommen möchte, dessen
-es auf dem Fouragieren selten setzte, ließe ich, beides um solches zu
-verdienen und meinen Ausreißer um seine Untreu zu bezahlen, mich von
-denen treffen, die spendierten; und also brachte ich mich durch und
-dingte mir noch einen starken Jungen zum Knecht, der mir muste helfen
-stehlen, wann die andere beide musten wachen. Das trieb ich so fort,
-biß wir den Braunschweiger über den Mayn jagten und viel der Seinigen
-darin ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte
-und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, daß er solche
-Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt hätte; dann ich nahme in der
-Caracole[67] einen Major vom Gegentheil vor seinem Troupen hinweg, als
-er die Charge redoupliren wolte; und als ihn einer von den Seinigen
-zu erretten gedachte und mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf
-losbrennete, daß mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn
-dergestalt mit meinem Säbel, daß er noch etliche Schritte ohne Kopf mit
-mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen war.
-Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und in die Flucht gewendet
-worden, mir auch der Major einen ziemlichen Stumpen Goldsorten samt
-einer güldenen Ketten und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben
-hatte, ließe ich meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und
-lieferte ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die
-zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs Ersaufen
-und auf dem Land an ein grausams Niedermachen gieng; und alldieweil
-noch ein jeder bei seinem Troupen bleiben muste, so viel immer möglich,
-packte ich eine Gutsche mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher
-weder Geld noch lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren
-Kleidern und weißem Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines
-Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich den Major gelassen hatte,
-welcher sich schier zu Tod kränkte, daß er von einem solchen jungen
-Weib gefangen worden. Da er aber sahe, daß so wol in meinen Hosensäcken
-als in den Halftern Pistolen staken, die ich samt meinem Carbiner
-dort wieder lude und fertig machte, auch hörete, was ich hiebevor bei
-Wimpfen ausgerichtet, gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte,
-der Teufel möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben!
-
-Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als mich und mein
-Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten zu erschnappen, fande aber
-den Obristleutenant von unserem Regiment dort unter seinem Pferde
-liegen, der mich kante und um Hülf anschriee. Ich packte ihn auf meines
-Jungen Pferd und führte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte
-Gutsche, alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste.
-Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol von
-meinen Neidern als meinen Gönnern gelobt wurde. Beide Theil sagten,
-ich wäre der Teufel selber; und eben damals war mein höchster Wunsch,
-daß ich nur kein Weibsbild wäre. Aber was wars drum? Es war null
-und verhümpelt[68]. Ich gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen
-auszugeben, ob ich vielleicht dardurch erlangen möchte, offentlich
-Hosen zu tragen und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte
-ich aber durch meine unmäßige Begierden so viel Kerl empfinden lassen,
-wer ich wäre, daß ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, was
-ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen würden sonst ein anders von mir
-gesagt und verursacht haben, daß es dahin kommen wäre, daß mich beides
-Medici und Hebammen beschauen müsten. Behalfe mich derowegen, wie ich
-konte, und wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es wären
-wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die Männer gegen ihren
-Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des Obristen Gnad erhalten und
-von ihme wider meine Mißgönstige beschützt werden möchte, präsentirte
-ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Gutsche mit samt den Pferden,
-darvor er mir 200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem,
-was ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte,
-abermal in einer namhaften Stadt verwahrte.
-
-Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal noch belagert
-hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten, sihe, da schlugen
-Corduba und der von Anhalt abermal den Braunschweiger und Mannsfelder
-bei Floreack, in welchem Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant
-gefangen, von den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberläufer
-mit seinem allerbesten Hals an einen Baum geknüpft worden, wordurch
-ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu einer Wittib ward. Ich
-bekam aber so ein Haufen Feinde, die da sagten, die Strahlhex[69] hat
-den armen Teufel ums Leben gebracht, daß ich ihm das Leben gern länger
-gönnen und mich noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, biß er gleichwol
-anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, wann es
-nur hätte sein können.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[62] =dürmeln=, türmeln, taumeln.
-
-[63] =Lavor=, ~lavoir~, Waschbecken.
-
-[64] =Hegel=, Hag, Zuchtstier.
-
-[65] =Vortheil=, List.
-
-[66] =Gegentheil=, Gegenpartei, Feind.
-
-[67] =Caracole=, Schwenkung einer Schwadron auf die linke
-oder rechte Seite.
-
-[68] =verhümpelt=, verpfuscht.
-
-[69] =Strahlhexe=, wie Blitzhexe, Wetterhexe.
-
-
-
-
-Das neunte Capitel.
-
- Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will
- und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.
-
-
-Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger je mehr
-leiden[70] muste. Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen
-gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl einer solchen Vettel
-dienen!«
-
-Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein jeder sagte: »Nim
-du sie! Ich begehr ihrer nicht.«
-
-Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also
-thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe Leut und schlechte
-Potentaten waren, die dorften sich nicht bei mir anmelden, so hätte
-ich ohnedas auch keinen aus denselbigen angesehen. Ich empfande zwar
-nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet;
-aber doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. Ich wäre
-gerne in eine andere Haut geschloffen[71], aber beides die Gewohnheit
-und meine tägliche Gesellschaften wolten mir keine Besserung zulassen,
-wie dann die allermeiste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer
-zu werden pflegen. Ich putzte mich wieder und richtete dem einen
-und andern allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen
-anseilen und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war
-schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage schon
-allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei den Regimentern vorüber
-ritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend Stimmen offentlich
-ausgerufen, also daß ich mich schier wie ein Nachteule bei Tage nicht
-mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äußerten[72] mich ehrliche
-Weiber; das Lumpengesindel beim Troß schuhriegelte[73] mich sonst; und
-was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt
-hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch
-ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen aufgegossen
-ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach so in die Länge kein Gut
-mehr thun werde. Etliche Officier hatte ich noch zu Freunden, die
-aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre
-Wollüste, theils mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber
-machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der
-mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner schämten, oder
-daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen
-Männern schädlich wäre, oder aber daß sie sich sonst, ich weiß nicht
-warum, vor mir förchteten.
-
-Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß Regiment,
-sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittirn, und konte
-es auch um so viel desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe
-Officier meiner vorlängst gern los gewesen wären. Ja ich kan mich auch
-nicht überreden lassen, zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen
-Leuten viel gefunden haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es
-seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den
-mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein paar
-Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, daß
-seine schöne Gutsche durch die Courage vom Feind erobert und ihm
-verehrt worden sein solte. Daß ich den verwundeten Obristleutenant aus
-der Battalia und Todsgefahr errettet und zu den Unserigen geführt,
-darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht
-allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich sahe,
-mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht zu gedenken,
-lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die
-Officiersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter
-dem ganzen Regiment, zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele,
-und beides hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz
-einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins
-Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste Hazarde
-erfordert, und darüber sonst manchen das Kalte Wehe[74] angestoßen
-hätte.
-
-Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde als Freunde
-hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es würde ein jedwedere
-von meiner widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre
-sonderbare[75] Manier eins anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit
-darzu ereignet.
-
-O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen
-unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein
-jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts
-hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes
-Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es
-Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76]
-Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion
-niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde
-deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten
-trauen dörfen?
-
-Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch
-selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir
-meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen.
-
-Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste
-Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich
-von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne
-große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich
-einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich
-keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen
-vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten
-und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten,
-wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und
-wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines
-untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend.
-Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und
-beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber
-niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man
-eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man
-einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich
-sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen
-unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war,
-um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen
-Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine
-100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon,
-und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites
-Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert
-und zuwegen gebracht habe.
-
-Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit
-gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg,
-was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte
-ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie
-mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte
-abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen
-meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte
-oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen
-in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die
-Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben
-darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese
-den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese
-ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet
-sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose
-Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie
-mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und
-brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß
-mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein
-gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider
-meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und
-meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der
-Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben.
-
-[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=,
-schlüpfen, kriechen.
-
-[72] =äußern=, ~trans.~ meiden.
-
-[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten.
-
-[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte
-Fieber.
-
-[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche.
-
-[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in
-Grimmelshausen's Schriften.
-
-
-
-
-Das zehnte Capitel.
-
- Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen
- andern Mann.
-
-
-Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen,
-dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was
-sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich
-(welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen
-zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene
-Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot
-gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich
-wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu
-schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger
-zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich
-von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich
-brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte,
-den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich
-so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon
-haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es
-mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese
-gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein
-Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren
-hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob
-mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe
-fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte
-sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor
-dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich
-meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit
-leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch
-lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein
-unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde
-sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir
-fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen
-wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar
-todt wären.
-
-Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen
-dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten.
-
-Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht
-richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant
-oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die
-gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier
-beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier
-ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig
-und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren
-der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen
-seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82]
-und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen
-Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die
-türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von
-ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie
-hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer
-aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst
-ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er
-sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen;
-und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn
-entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte
-sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich
-auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame
-Mittel und Unterhaltung hergeben.
-
-»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen
-Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei
-Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr
-durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
-
-Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte
-doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so
-schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich
-keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit
-meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter
-sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch
-auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar,
-daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns
-vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen
-so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich
-huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue
-Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr
-und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000
-Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach,
-durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter
-kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen
-Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns
-vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben
-worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und
-Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen,
-meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt,
-ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern
-wolte.
-
-Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam
-ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre.
-Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer
-im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen
-getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich
-bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu
-ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich
-selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten
-Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man
-sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im
-Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und
-wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel
-zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk,
-welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen
-wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß
-er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die
-Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines
-Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt
-und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein
-gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst
-nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und
-nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen
-Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel
-geschwollen, dem must du schrepfen!
-
-Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich
-und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem,
-das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu
-actioniren.
-
-Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth
-seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor
-einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der
-Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so
-weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und
-ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten
-waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er
-aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige
-versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte,
-ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler,
-die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in
-stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das
-Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich
-Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen,
-darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht,
-hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit
-gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der
-Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben,
-sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg
-marschiern müsten.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[77] =Geschlechter=, Patricier.
-
-[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben.
-
-[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.
-
-[80] =verderben=, zu Grunde richten.
-
-[81] =Tummel=, Taumel, Rausch.
-
-[82] Vgl. die Einleitung.
-
-[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten.
-
-
-
-
-Das elfte Capitel.
-
- Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder
- unversehens zu einer Wittib.
-
-
-Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein
-Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß
-ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem
-Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie
-und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen.
-Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit
-zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit
-dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm
-einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch
-mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich
-wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten
-gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee
-bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann
-sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche
-läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und
-vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also
-daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm
-doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte.
-
-Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil
-sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem
-dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen
-sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder
-mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte;
-mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd,
-Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern
-Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den
-mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder,
-wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!«
-
-»Warum?«
-
-»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.«
-
-Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk,
-mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und
-zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage
-genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.
-
-Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction
-geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die
-Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern
-als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen
-wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am
-allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen,
-sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein
-Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen
-hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in
-Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von
-vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng
-zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke
-Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern
-trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe,
-daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig,
-jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen
-Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als
-biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte.
-Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und
-Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den
-Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar
-ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte,
-vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie
-trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal
-gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die
-Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel
-zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von
-denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und
-Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht
-in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches
-wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel
-nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil
-wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr
-Beuten zu machen.
-
-Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte
-sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte,
-und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag
-und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen
-niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser
-Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder
-nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber
-gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen
-Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs
-in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in
-meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem
-besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten.
-
-Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90],
-Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem
-letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern
-ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends
-keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn
-auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten
-mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca
-gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment,
-welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch
-verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen.
-
-Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly
-dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark
-mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer
-verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die
-Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen
-Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend
-Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf
-und mich zu einer unglückseligen Wittib machte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen.
-Vgl. die Einleitung.
-
-[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe.
-
-[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang.
-
-[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen.
-
-[88] =erben=, ~trans.~ beerben.
-
-[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil
-Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.
-
-[90] =Verden=, vgl. die Einleitung.
-
-[91] =behalten=, abhalten, trennen.
-
-
-
-
-Das zwölfte Capitel.
-
- Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.
-
-
-Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und
-uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also
-ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück
-derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem
-Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit
-meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand
-erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da
-nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem
-Troupen hinweg.
-
-»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten,
-den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß
-du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters
-unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!«
-
-Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick
-entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn
-allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere
-Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen
-Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher
-alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese
-Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir
-hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier
-den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich
-von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch
-dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern
-er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg
-genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham
-resignirt und dänische Dienst angenommen.
-
-Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum
-besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner
-Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen,
-worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud
-sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit
-sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen
-sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund
-herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als
-daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu
-werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch
-deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters
-zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß
-meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam
-contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal
-gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar
-nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich
-überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui,
-ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit
-zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht
-mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld
-gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es
-hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu
-lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich
-fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche
-aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend
-auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen
-auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit
-Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß
-ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll
-Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann
-es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln
-gegeißelt hätten.
-
-Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder
-mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen
-wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter
-Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die
-Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des
-menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit
-mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich
-anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert
-haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann
-sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens
-preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des
-Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder
-anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier
-mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige
-Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner
-Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte
-und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter
-gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in
-das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt
-strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der
-Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen.
-Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum
-so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu
-schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die
-Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen,
-daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer
-Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu
-dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene
-Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?«
-
-Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen,
-fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach
-mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von
-ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94]
-seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem
-gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß
-mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so
-tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche
-Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter
-richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als
-mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.«
-»Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust?
-Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?«
-
-Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten,
-daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern
-auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der
-Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten
-richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen;
-dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit
-mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch
-alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen
-vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien
-Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu
-tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich
-einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner
-Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner
-Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin
-unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner
-Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und
-Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen.
-
-[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib.
-
-[94] Vgl. die Einleitung.
-
-
-
-
-Das dreizehnte Capitel.
-
- Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse,
- und wie sie selbige wieder verloren.
-
-
-Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb
-erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer
-kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als
-auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier
-auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu
-erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer
-gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil,
-glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei
-mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen
-Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte.
-
-Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der
-eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte.
-Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein
-Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen
-Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich
-seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er
-mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner
-worden wäre.
-
-»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein
-Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz
-und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders
-begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum
-Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren
-elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der
-Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum
-Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder
-solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich
-glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95]
-mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch
-äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit
-wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich
-diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte,
-zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits
-wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht
-zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel
-tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin
-gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen,
-geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----«
-
-Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu
-demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst
-verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und
-wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering
-achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt
-zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein
-Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in
-seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm
-vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten
-verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete
-auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach
-wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber
-solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust
-meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende
-an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er
-bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr
-und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle
-sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde,
-keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden
-Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes
-Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an
-zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre,
-nach dem alten Reimen:
-
- Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
- Gleich als gieng es ihn von Herzen;
- Sie pflegen sich nur so zu stellen
- Und können weinen, wann sie wöllen.
-
-Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000
-Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und
-mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber
-er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich
-nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie
-er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es
-eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten
-brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann
-ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß
-sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß
-sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann
-nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt,
-wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über
-zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich
-auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich
-schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe;
-doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte
-Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden
-tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:
-
- Ein Schneider auf eim Roß,
- Ein Hur aufm Schloß,
- Ein Laus auf dem Grind --
- Seind drei stolzer Hofgesind.
-
-Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er
-sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an
-einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den
-König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem
-Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem
-Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter
-und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was
-er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine
-Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie
-die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge
-für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen
-bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte.
-Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so
-behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch
-meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der
-Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren
-sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.
-
-Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte
-Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten
-Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte,
-mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen
-gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn
-allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären
-derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber
-weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit
-erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht
-allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann
-mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst
-revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe
-und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98]
-alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch
-jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich
-mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin
-verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen
-und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe.
-Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines
-Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben
-brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich
-nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich
-lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann
-solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja
-sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich
-war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so
-Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg
-führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang
-nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen
-würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der
-Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde
-gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und
-Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt
-worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug,
-mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche
-Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen
-gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen?
-Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf
-ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die
-verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von
-einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen,
-und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie
-abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach
-anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich
-überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu
-gewinnen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera,
-Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid,
-~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von
-Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt
-wurde.
-
-[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen.
-
-[97] =Moger=, Mogor, Mogul.
-
-[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten
-Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.
-
-[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten.
-
-[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen.
-
-[101] =spannen=, abzielen.
-
-
-
-
-Das vierzehnte Capitel.
-
- Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich
- einem Musquetierer theilhaftig machte.
-
-
-Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht
-wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe.
-Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich
-glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte,
-wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen
-gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und
-der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem
-Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger
-so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten.
-Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche
-Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich
-zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage
-biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig
-verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir
-mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna
-nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so
-muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte
-mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und
-bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und
-unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte
-und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen
-ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und
-hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht
-zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen
-er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also
-daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich
-vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden,
-woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter
-welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann
-damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen
-glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß
-aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch
-Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und
-solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage
-zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters
-Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am
-allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus
-machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große
-Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht
-werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches
-noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von
-Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den
-Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete
-Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf
-seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein
-Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir
-hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit
-zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals
-Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal
-und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein
-Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber
-mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein
-anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn
-der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch
-etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der
-Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern
-seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte
-diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus
-Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen
-gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder
-zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so
-exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie
-weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre.
-Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er
-war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal
-eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten
-Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe,
-daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem
-Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf
-meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den
-andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit
-allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl
-brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an
-Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar
-kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten,
-und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern
-Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt
-seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den
-Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit
-Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin
-gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein
-Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment
-geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.
-
-So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween
-Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten,
-dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in
-einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen.
-Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so
-hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn
-die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend
-eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt
-und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich
-mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen
-erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als
-welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen
-ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen
-auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und
-zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre
-scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden,
-sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in
-jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins
-davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war
-stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so
-wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem
-Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel,
-eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen,
-einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul
-kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch
-zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame
-Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter
-uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten,
-begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein
-jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano
-beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach
-und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf
-und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß
-er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu
-laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen
-entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend.
-
-Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen
-befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner
-Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als
-daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu
-diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was
-sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann
-auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich
-der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes
-Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher,
-wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt,
-er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen
-helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit
-käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine
-erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen
-nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu
-sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe
-ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub,
-und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen
-wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch
-des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto,
-Altringer und Gallas in Italia zu gehen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[102] =Stormarn=, im südlichen Theil Holsteins.
-
-[103] erbitten, losbitten.
-
-[104] =hechel=, heikel.
-
-[105] =überzwergs=, quer.
-
-
-
-
-Das fünfzehnte Capitel.
-
- Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben
- einander versprochen.
-
-
-Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich
-damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg
-richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von
-meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir
-den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder
-auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106]
-und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend
-weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier
-gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine
-Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment,
-darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man
-mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich
-wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig
-gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil
-unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell
-auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen
-gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das
-Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib.
-Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr
-Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder
-neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich,
-weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich
-vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer
-langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige
-Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden
-Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und
-vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen
-Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich
-sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er
-aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken,
-war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte
-ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte,
-eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und
-Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu
-vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem
-Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie
-ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen
-möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen
-und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in
-meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr
-oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin
-eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich
-damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde,
-sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in
-meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu
-schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag.
-
-Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen
-Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es
-mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das
-geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem
-Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe
-so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen
-und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte.
-Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste
-Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte,
-erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau
-Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr
-mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß
-sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich
-in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen
-Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden
-genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.«
-
-Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch
-deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken.
-Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir
-in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen
-Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch
-gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«,
-antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann
-da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit
-an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr
-sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum
-Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer
-Gefährlichkeit errettete.«
-
-Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann
-ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte.
-
-»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was
-habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«,
-antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen
-Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich
-kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der
-geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter
-verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft
-genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich
-beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine
-Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten
-Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung,
-noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine
-Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen
-werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück
-und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie
-glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.«
-
-Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch
-sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er
-selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch
-kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern
-Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig
-und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei,
-mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen.
-Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein
-Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch
-selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr,
-daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich
-eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir
-nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen
-solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar
-erfunden werden.«
-
-»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so
-wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt
-schätzen.«
-
-Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu
-gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr
-gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt.
-Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung
-der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden
-möchtet?«
-
-Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er
-mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von
-deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens,
-die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur
-zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden,
-daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher
-in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner
-Libertät ohne mich leben würde.
-
-Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen,
-dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben,
-da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet,
-wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen
-unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch,
-den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir
-ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß
-Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was
-er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du
-erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen
-erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du
-ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen
-brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten
-versprach.
-
-Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer
-Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin
-sein möchte.
-
-Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer
-Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben
-desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum.
-
-Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen
-nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm
-befruchtet.
-
-Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die
-Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur
-selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann
-das Gebiet[113] über sein Weib habe.
-
-Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern
-noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern
-Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst
-Ehemänner zum Eifern[114] verursachte.
-
-Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben,
-solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft
-wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig
-vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn
-selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern,
-wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa
-er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen
-werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte
-Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben
-wir einander.
-
-Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte
-er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen
-nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden
-solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde.
-
-Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen,
-bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal
-nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich
-hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu
-Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit
-dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag
-getrieben hätte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[106] =haushäblich=, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.
-
-[107] =witzig=, verständig.
-
-[108] manchen Gang um mich that.
-
-[109] =bastant=, genügend.
-
-[110] =entzucken=, entrücken.
-
-[111] =erläutern=, erklären, ausführlich darstellen.
-
-[112] =erworgen=, ~intr.~ ersticken, umkommen.
-
-[113] =Gebiet=, Herrschaft.
-
-[114] =zum Eifern=, zur Eifersucht.
-
-[115] =mit dem Judenspieß laufen=, wuchern und schachern.
-Vgl. Simplicissimus, ~II~, Cap. 25 (Th. ~I~, S. 69).
-
-
-
-
-Das sechzehnte Capitel.
-
- Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.
-
-
-Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen,
-worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch
-oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich
-die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja,
-wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit,
-solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen,
-daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe,
-was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr,
-er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste
-Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter,
-die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen
-wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116]
-als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld
-zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann
-ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich
-mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig
-angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit
-soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann
-ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander
-gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung
-durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen
-von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war
-und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten
-eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken
-geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz
-und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum
-nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd
-zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun
-mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben
-Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war
-das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob
-er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich
-fragte allbereit um ~s. v.~[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem
-Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr
-Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und
-gleich baar bezahlen.«
-
-Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen
-ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir
-den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten.
-Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich
-wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er
-ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der
-Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten
-halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der
-Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein
-&c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr
-geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte.
-Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120]
-den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du,
-Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten
-Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein,
-die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und
-sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner
-Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger
-als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und
-Kernessig[121] sein mag.
-
-Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften
-nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug
-bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war,
-discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber,
-und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen
-solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er
-nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte
-mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber
-Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen
-unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können,
-wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich
-solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein,
-und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht
-unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen
-Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur
-Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir
-nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe
-mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern
-Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das
-Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er
-nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte
-er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte
-ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.«
-
-Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine.
-Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung
-nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und
-womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich
-das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens
-zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst,
-und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.«
-
-»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und
-höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit
-zu erfahren.«
-
-Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht,
-wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein
-Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er
-konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken,
-daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen
-mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht
-besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in
-Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren
-würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan
-ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß
-zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander
-so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter
-versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand
-einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu
-hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war
-Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er
-muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war
-ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte
-als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei
-dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt
-waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession
-und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein
-behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden
-Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück
-von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich
-rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann
-an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und
-reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld
-samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern
-die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in
-Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen
-dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und
-in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller
-Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste,
-wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen
-Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt
-den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin,
-daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich
-meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung
-hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und
-Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen
-aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit
-weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber
-verloren haben.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[116] =geizig=, gierig.
-
-[117] =nisteln=, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im
-Allgemeinen: sich zu schaffen machen.
-
-[118] ~s. v. salva venia.~
-
-[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied,
-das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.
-
-[120] =Heuratsnotul=, Ehecontract.
-
-[121] =Kernessig=, =ausgestochener Essig=, ein ausgemachter
-Schelm. Vgl. Simplicissimus, ~I~, Cap. 18 (Th. ~I~, S. 77).
-
-[122] =sich entblöden=, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten.
-
-[123] =trutzen=, ~trans.~ Trotz bieten.
-
-[124] =Ists um diese Zeit=, verhält es sich so.
-
-[125] =Schmiralia=, von schmieren, Bestechungen.
-
-
-
-
-Das siebzehnte Capitel.
-
- Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie sie sich
- deswegen wieder rächete.
-
-
-Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden
-Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan
-noch der Schwein hütetest und ehe du geschickt genug warest, anderer
-Leute Narr zu sein, und hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich
-im Saurbrunnen betrogen. Nach der ersten Mantuanischen Belägerung
-bekamen wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo
-es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng kein
-Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage fand, und wo sie
-sich einstellete, da galten die italiänische Putani[126] wol nichts,
-dann bei den Italiänern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den
-Teutschen konte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich
-viel zu freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch
-nicht so gar hoffärtig und theuer, und hatte sich niemands keines
-Betrugs von mir zu besorgen, von dem aber die Italiänerinnen dichte
-voll staken. Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den
-welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und mich
-hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen mir setzte.
-Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die
-berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte.
-Solches Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte
-mir derowegen wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß
-etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen
-wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, daß sie endlich
-den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine solche liebliche Stimm über
-Tafel hören ließen, daß ich mich deren schämen muste. Und sobald sie
-die Thür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen Ungestüm
-nach einander heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter
-eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde,
-um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung allererst
-rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder
-zehen, wiewol sie so geschwind auf einander folgten, daß sie niemand
-zählen konte. Und ich glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der
-Gebühr nach fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer
-geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich
-darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur eine halbe
-Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter mehr Qual von dem
-Lachen, als ich von dem continuirlichen Trompeten erlitten.
-
-Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf und wolte vor
-Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät auch mein Gastherr, als
-der mich zu etwas anders, als diese schöne Music zu halten, zu sich
-kommen lassen, hoch und theuer schwerend, daß er diesen Affront rächen
-wolte, wann er nur erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und
-Ameiseneier-Köch[127] diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich
-aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel
-angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit den
-blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte tödten wollen,
-biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, daß obengedachte
-Kürschnerin damit umgehen könte, und weil er sie unten im Hause
-gesehen, müste er gedenken, daß sie irgends von einer eifersüchtigen
-Damen gedinget worden, mich einem oder andern Cavalier durch diesen
-Possen zu verleiden; maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen
-einem reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner
-Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute
-Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich
-auf eine schleunige Rach, die ich aber weder offentlich noch grausam
-ins Werk setzen dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das
-Land dem Feind abgenommen) gute Ordre halten musten.
-
-Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich nit anders
-hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, als erkundigt
-ich derjenigen Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und
-Wandel, Thun und Lassen auf das genaueste, als ich immer konte. Und als
-mir ein Fenster gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr
-wolten, Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden
-Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders meiner noch
-fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, und zwar auf
-solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen vorschriebe; dann mich
-däuchte, es wäre billich, weil sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß
-ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und
-solches geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit
-dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen durch
-M. Asmussen[128], deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine
-Stange oder Schwinggerten, damit man die Nüß herunter schlägt oder
-die Rauchcamin zu säubern pflegt, angebunden und von dem einen bei
-finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an
-ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das
-Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der Speck beides
-Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien
-besudelte, nach welchem Streich sowol der Leffler als Executor darvon
-liefen und die Hur am Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte.
-Die Kürschnerin bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar,
-und solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen
-zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell aus der Insul
-Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch kein Abschrötlin von dem
-Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen ließe, es wäre gleich vom
-Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner
-Haar oder Woll blutt[129] hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so
-ein paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld darum,
-welches ihm auch etwas zu bröslen[130] ins Haus verschaffte; und wann
-es gleich langsam und gering kam, so kam es doch wol zu seiner Zeit.
-Solches wurde ich von einem andern Kürschner innen, der mir denselben
-Winter einen Pelz fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll
-und Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser[131]
-daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer
-Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren,
-ließe ich sie einem von meinen Jungen dem Kürschner unten um sein
-Secret herum streuen, als welches ziemlich weit hinaus offen stunde.
-Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese Klumpen Haar und Woll
-sonder[132] liegen sahe und sie vor die seinige hielte, konte er sich
-nicht anderst einbilden, als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt
-und zu Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern,
-gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und
-verloren hätte, und weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und
-noch darzu trutzige Wort gab, schlug er sie so lederweich, als gelind
-er sonst anderer wilder und bissiger Thieren Felle bereiten konte, der
-heimischen Katzenbälg zu geschweigen, welches mich so wol contentirte,
-daß ich keinen Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte.
-
-Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens das Recept
-verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein so variable Stimme
-erheben müssen; dann er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise
-genossen, so die Würkungen haben sollen, einen Lärmen zu erregen,
-wie ich allererst einen erzählet. Weil er aber bei hohen und niedern
-Officiern wol dran war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die
-den italiänischen Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, ich
-auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder morgen in die Kur
-kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben; gleichwol
-wolte und konte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in
-der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwol sie auch
-andere riechen musten, da gleichwol sie selbst schon verdauet waren.
-Er hatte einen kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin
-er allerhand Waar enthielte[133], die zu ihrer Aufenthaltung[134]
-einen solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus
-dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, durch einen
-langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande, mit dem andern
-Ende aber zum Kellerloch hinein henken und also das Brunnenwasser
-die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen ließe, daß
-der Keller am Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen
-etliche Fäßlein Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war;
-was aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, zu
-verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder hinweg nehmen
-ließe, vermeinte jederman des Morgens, es wäre entweder im Keller eine
-Quell entsprungen, oder dieser Posse seie dem Apotheker durch Zauberei
-zugerichtet worden. Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so
-wol ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine
-verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, daß der
-Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten
-mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzerin genant, weil
-ichs besser als andere gekönt.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[126] =Putani=, ital. ~puttane~.
-
-[127] Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's »Ewigwährendem
-Calender« empfohlen.
-
-[128] In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erklären
-mag.
-
-[129] =blutt=, mhd. ~blut~, leer, bloß, rein.
-
-[130] =bröslen=, brocken, einbrocken.
-
-[131] =Schermesser=, sehr uneigentlich so genannt, vgl.
-Simplicissimus, ~IV~, 11.
-
-[132] =sonder=, einzeln, zerstreut.
-
-[133] =enthalten=, aufbewahren.
-
-[134] =Aufenthaltung=, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung.
-
-
-
-
-Das achtzehnte Capitel.
-
- Gar zu übermachte[135] Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage.
-
-
-Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, thät mir so
-sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; und gleich wie es
-mir allbereit eines Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschehe,
-also fieng ichs auch an nicht zu achten, ob es mit Gottes oder des
-Mammons Hülf besser prosequirt werden möchte. Einmal[136] es galte mir
-endlich gleich, mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was
-für einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, wann
-ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld muste einen Roßtäuscher
-abgeben, und was er nit wuste, das must er von mir lernen, in welcher
-Profession ich mich tausenderlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge
-gebrauchte. Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen,
-geschweige des Zinns, Kupfers, Getüchs[137], der Kleidung und was es
-sonst sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder
-gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß ich
-nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer nicht wuste,
-wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es gewonnen, wie
-er wolte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir wie zu einem Juden,
-die den Dieben getreuer sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit,
-selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem
-Materialistenkram gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir
-hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum auch
-einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit
-demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt war. Hingegen muste
-ich auch spendiren und schmieren, um mich und meine Hantierungen zu
-beschützen. Der Profoß war mein Vatter, seine alte Mär (seine alte
-Frau, wolt ich sagen) meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau
-und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem
-demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine
-Handelschaft einbüßen mögen.
-
-Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte sagen, so
-ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musquet
-getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen Gläslein, welches
-nicht recht einer Spinnen und auch nicht recht einem Scorpion gleich
-sahe. Ich hielte es vor keine Insect oder lebendige Creatur, weil das
-Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte
-erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck
-eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch
-ein Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung
-vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas regte und herum
-grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen
-anbote, fragte ich: »Wie theuer?«
-
-Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden
-darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein darzu schenken. Er aber
-sagte, die Bezahlung seie allbereit zu Genügen geschehen, welches mich
-an einen solchen alten Weinbeißer verwunderte und verursachte, ihn zu
-fragen, warum er einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im
-Kauf zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte.
-
-»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie mit
-anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf,
-vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie diß Kleinod wieder
-hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, als sie es selbsten
-erkauft hat.«
-
-Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen.«
-
-Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so
-hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in Händen und noch keinen
-Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um 3 Kronen kauft und um 2 wieder
-hingeben.«
-
-Diß Ding war mir ein Gesäg[138], darein ich mich nicht richten konte
-oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil ich ein satten
-Rausch und[139] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der
-Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus,
-oder (lieber Leser, sag mir selbst, was ich sagen sol!) ich wuste nit,
-was ich mit dem alten Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns
-genug zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß mir
-andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein
-Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, machte mich so sicher,
-daß ich mein erkauften Schatz einsteckte.
-
-Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich meinen
-Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß wissen, daß ich
-allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte mich gleich, welcher
-Gestalt ich das Ding kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen
-raren und lieben Sachen, als Ringen, Kleinodien und dergleichen,
-um solches aufzuheben, biß mir etwan ein Kunstverständiger an die
-Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich
-aber ungefähr[140] unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande
-ich dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem
-Hosensack, welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein
-Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß ich mich
-fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe mir aufstieße,
-fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben hätte, erzählte ihm
-darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit zugetragen, und bat ihn,
-er wolte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es
-umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau
-Courage, es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der
-ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu
-erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer
-Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosperität. Er
-macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen
-Feinden geförchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn
-verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß.
-Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und bringt
-zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.«
-
-In Summa der alte Lauer[141] schnitte mir so einen Haufen daher,
-daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus mit seinem
-Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol einbilden können, daß
-der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst geben würde,
-so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun
-müste, dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere
-Leute in Gestalt eines Galgenmännels[142] bestehlen, das sogenannte
-Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg
-verehren müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier gar
-nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem
-solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich sagte: Es wird ohne
-Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er solte mir
-nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr
-und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen
-Dienste ohne andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau
-Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß ihrs nämlich
-um geringern Preis hingeben solt, wann ihr dessen Diensten müd seid,
-als ihrs selbsten erkauft habt, welches ich euch gleich damals, als ihr
-mirs abgehandelt, nicht verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die
-Frau von andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs.
-
-Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, mein
-Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud
-Salomonis[143]; ihr vertrauet ich alles, und also auch was mir mit
-dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, antwortet sie, »es ist
-ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet, was euch der
-Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß,
-wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne
-Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und
-Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er sich nicht anderst als je
-länger je wolfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Käufer zu
-theil werden müsse. Und ihr, liebe Tochter, stehet in großer Gefahr,
-weil ihr ihn zum allerletzten zu verkaufen habt; dann welcher Narr
-wird ihn von euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern
-eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?«
-
-Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm genug bestellt
-war; doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die
-Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt,
-daß ich alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst
-dieser Hülfe, dieses Beistands und dieser glückseligen Accantage[144]
-genießen, so lang du kanst; indessen findest du wol einen
-leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim schweren Trunk
-oder aus Armuth, Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus
-Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen
-Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt.
-
-Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß und Form,
-wie es mir beides von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen
-oder angenommenen böhmischen Mutter beschrieben worden. Ich verspürte
-auch seine Würkung täglich; dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins
-auszapfte, vertrieb ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal
-meinen Trank oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit
-aus. Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe
-war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht
-aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. Kam ich in ein
-Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder daß es sonsten ein Herberg
-oder verlassene Wohnung war, darin sonst niemand wohnen konte (maßen
-man die Marquetenter und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren
-pfleget), so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß
-nit durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu
-finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen &c.
-Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche waren, die der Courage
-nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachten, ja verfolgten
-als ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem größeren ~lumen~
-erleuchtet, als ich von meinem ~flamine~[145] bethört gewesen. Solches
-machte mich zwar witzig und lernete mich durch allerhand Nachdenken
-philosophiren und betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber
-allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern
-dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und nichts zum
-Fundament zu raumen[146] gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde,
-wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich dir zum Ueberfluß, dein Lob zu
-bekrönen, weil du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer
-Damen im Saurbrunnen genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal
-kantest.
-
-Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja so groß, daß
-ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete.
-
-Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas
-nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen das Verkehren
-spielten, so wärest du mir weniger ins Netze gerathen als diejenige,
-die im Schutz Gottes waren, da ich den Spiritum familiarem hatte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[135] =übermacht=, übertrieben.
-
-[136] =einmal=, kurz, überhaupt.
-
-[137] =Getüch=, Tuchwaaren.
-
-[138] =Gesäg=, Gerede.
-
-[139] =und= fehlt in allen Ausgaben.
-
-[140] =ungefähr=, zufällig.
-
-[141] =Lauer=, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein
-Lauer.
-
-[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die
-Einleitung zum »Simplicissimus«, S. ~LXV~.
-
-[143] =Sabud Salomonis.= Sabud, der Sohn Nathan's, des
-Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5.
-
-[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen
-Avantage, Vortheil.
-
-[145] =~flamen~=, es ist wol gemeint: geistiger Hauch,
-geistiges Wesen.
-
-[146] =raumen=, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege
-schaffen.
-
-
-
-
-Das neunzehnte Capitel.
-
- Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu seiner
- Perfection kommen.
-
-
-Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. Nicht nur ich
-gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein Springinsfeld, den du
-allerdings vor deinen besten Cameraden und vor einen braven Kerl in
-deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, muste mir auch folgen. Und was
-wolts gehindert haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein,
-sintemal andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer
-(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier fromme Männer
-gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, ich will nicht
-sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen
-Accord eingangen, wie Springinsfeld gethan? Höre die Histori!
-
-Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in
-eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und
-in unser Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen
-nicht allein ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen
-Bürger zu schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau[147]
-meinen Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel
-herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder Jehu[148]
-verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine Kirche, weil ich
-mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden in Italia an solchen
-heiligen Oertern gestiftet und zu Faden geschlagen[149], aus Ursach,
-daß man die schöne Weiber daselbsten, so liebeswürdig zu sein scheinen,
-sonst nirgends hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu
-stehen, mit deren Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte[150],
-weil mich derjenige nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen
-Blick schenkte. Ich gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie
-mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir
-einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß ich mich
-zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht unter dem
-ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich
-mein Springinsfeld auch ein; ich weiß aber darum nit warum, kan auch
-schwerlich glauben, daß ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann
-ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn
-noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten
-eingepflanzt. Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und
-kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben solte,
-wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen
-Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft werden möchte.
-
-Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer Diener und
-hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre,
-der sein Palatium an dem Markt stehen hätte; ich hingegen sagte ihm
-ausdrücklich, daß er fürderhin weder meiner Huld länger genießen noch
-meinen Leib einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er mir
-zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber sichere Anschläg,
-Mittel und Gelegenheit an die Hand geben wolte. Er kratzte sich zwar
-hinter den Ohren und entsetzte sich vor meinem Zumuthen als wie vor
-einer unmüglichen Sach; aber da es lang herum gieng[151], erklärt er
-sich, meinetwegen in Tod zu gehen.
-
-Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie
-einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu, und
-vielleicht besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selbsten zu
-einem solchen Ausbund worden, wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt
-hätte.
-
-Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen
-Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein Gewehr und
-einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder Kästen zu öffnen, wo
-ich zukommen konte. Ich ließe denselben Stiel inwendig hohl drehen in
-gemessener Weite, daß ich entweder Ducaten oder eine Schiedmünz in
-selbiger Größe hinein packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer
-jederzeit bei mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte,
-oder ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig
-mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll,
-deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der Hand hätte. Da
-er fertig, probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern[152], die
-ich zu mir genommen, solche um ander Geld zu veralieniren. Die Hohle
-meines Stabs hatte eben die Weite ihres Bezirks[153], doch also eng und
-beschnitten, daß ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste,
-doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen
-laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil
-ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß wann die Lutzer
-gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des
-Stiels an Statt eines Steckens zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich
-mich darauf steuerte[154], etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben
-klunkerten und ein dünsteres[155] Geklingel machten, welches seltzam
-und verwunderlich genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön
-rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem
-Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, welcher
-Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln solte.
-
-Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine Parücke auf,
-wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel und thät zween
-ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen der Damen Palatio hinüber
-stunde und das Haus vom Fundament an biß übers Dach hinaus beschauete,
-gleichsam als ob ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen
-Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit
-dem man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch sonst
-im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum vagiren und auf
-meinen Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner nothwendig
-bedörfte, dann der Vogel redete so gut italiänisch als teutsch, welches
-aber jener nicht konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier
-ohnnöthig zu nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in
-wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder wol gar auch
-zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich ein stark Gegitter vor
-einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld noch nicht
-abließe, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe,
-da schickte angeregte Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines
-continuirlichen Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften
-hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour kommen und
-dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er
-nicht allein zu erheben, sondern auch eine ganze Stadt damit reich zu
-machen getrauete. Hierauf ließe die Dame beides den Springinsfeld und
-den Tambour zu sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem
-verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große Begierden
-geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor
-einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. »Nein«, antwortet
-der Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt,
-und hält sich nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene
-Sachen finde, hat auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten
-Schlössern ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen
-gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, ihme, Tambour, gar
-nicht bekant.
-
-In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen[156] und
-beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen solte. Er begehrte
-zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber zündete das dritte an,
-welches er bei sich hatte und vermittelst eines messenen[157] Drahts,
-der durch die Kerze gieng, ausleschen konte, wann er wolte. Mit diesen
-dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld
-und der Tambour im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht zu
-Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge,
-da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel
-also processionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da
-sie hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich
-in den Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem ~A. R.~[158]
-befeuchtet hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er
-seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er sein Liecht aus.
-
-»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der Schatz
-eingemauret.«
-
-Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug etlichmal
-mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die Lutzer nach und nach,
-so manchen Streich er an die Mauer thät, herunter rollten und ihr
-gewöhnliches Getön machten.
-
-»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet[159],
-welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist zeitig und muß
-ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel gehet, sonst wirds
-künftig vor Verfließung anderer sieben Jahr umsonst sein.«
-
-Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid geschworen hätten,
-das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, als stellten sie meinem
-Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame begehrte an ihn, er
-wolte um die Gebühr den Schatz erheben, wolte auch gleich um ein
-Gewisses mit ihm accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege
-in dergleichen Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was man
-ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch dabei bewenden mit
-Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn wolte, daß er damit
-zufrieden sein würde.
-
-Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte
-Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen
-Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild
-beides in ihrem jungfräulichen und fräulichen Stand am Halse getragen
-hätte; zweitens solte er alleinig in den Keller geschlossen oder
-versperrt, und von der Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen
-werden, damit sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach
-versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand
-gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. Hierauf gab
-man ihm und dem Tambour eine Collation und ihme, Tambour, wegen seines
-Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen
-herbeigeschafft, nach solchen Springinsfeld in Keller verschlossen,
-woraus unmüglich schiene, einen Kerl zu entrinnen[160], dann das
-Fenster oder Tagelicht, so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch
-und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. Der
-Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und mich
-allen Verlauf berichtete.
-
-Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin
-die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das
-Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg gebrochen, ließe ich ein
-Seil hinunter zu meinem Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt
-aller Zugehör zu mir herauf, da ich dann auch den verlangten schönen
-Smaragd fande.
-
-Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück,
-welches mir so wol abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den
-Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber
-spazierte den Tag nach vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der
-Stadt herum, die sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man
-unter den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun sihe,
-Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität durch
-mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir auch dieses
-nur zum Exempel, dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück sagen
-solte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich
-wetten, es würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen[161] seind, die
-Zeit zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie du deine
-Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer und lustiger Buch
-abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. Doch will ich dich noch ein
-kleines lassen hören.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[147] =Cyprianische Jungfrau.= Justin., ~Hist. XVIII.~
-cap. 5, erzählt, Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros
-achtzig Jungfrauen geraubt, die nach der Sitte des Landes an das Ufer
-des Meeres geschickt worden waren, um sich dort ihre Aussteuer zu
-verdienen.
-
-[148] =Jesebel=, die Gemahlin Ahab's. Jehu, der das Haus
-Ahab's ausrottete. 2 Könige 10.
-
-[149] =zu Faden schlagen=, vom Schneiderhandwerk, ein
-Stück mit losen und weiten Stichen zusammennähen, in Norddeutschland
-=reihen=, dann von dem Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz
-ist =auswirken=, die Arbeit fertig machen. Beide Ausdrücke gebraucht
-Grimmelshausen im übertragenen Sinne, selbst z. B. vom Essen.
-
-[150] =eifern mit=, eifersüchtig sein auf.
-
-[151] =da es lang herumgieng=, nachdem die Sache länger besprochen
-worden war.
-
-[152] =Lutzer=, Blutzer, schweizerische Scheidemünze.
-
-[153] =Bezirk=, Umfang.
-
-[154] =steuern=, stützen.
-
-[155] =dünster=, düster, dumpf.
-
-[156] =die Glock gegossen=, sprichwörtlich: die Sache abgemacht.
-
-[157] =messene=, von ~mësse~, mhd., Bronze; diese alte Form
-steht hier für messingene, welche Metallmischung um die Mitte des 16.
-Jahrh. erfunden wurde.
-
-[158] ~A. R. Aqua Regis~, Königswasser, Goldscheidewasser.
-
-[159] =verblüht=, ausgeblüht, gezeitigt zur Hebung.
-
-[160] Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben,
-~Accus. c. infin.~ daß ein Kerl entrinne.
-
-[161] =Schosen=, ~choses~, Sachen.
-
-
-
-
-Das zwanzigste Capitel.
-
- Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Italiäner bestohlen.
-
-
-Als wir uns versahen, wir würden noch lang vor Casal liegen bleiben
-müssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern ihrer viel baueten
-ihnen auch sonst Hütten aus andern Materialien, sich desto besser
-in die Länge zu behelfen. Unter anderen Schacherern befanden sich
-zween Mailänder im Lager, die hatten ihnen eine Hütte von Brettern
-zugerichtet, ihre Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren,
-welche da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst
-allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten zu
-Roß und Fuß. Diese thäten mir meines Bedunkens viel Abtrag[162] und
-Schaden, indem sie nämlich von den Kriegsleuten allerhand Beuten von
-Silbergeschmeid und Juweln um den halben, ja den vierten Theil ihres
-Werths erhandelten, welcher Gewinn mir zum Theil zukommen wäre, wann
-sie nit vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs
-wenigst zu wuchern[163], weil in meiner Macht nit stunde, ihnen das
-Handwerk gar niederzulegen.
-
-Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer Waar, und dasselbige war
-auch zugleich ihr Gaden[164]; oben auf dem Boden aber unter dem Dach
-war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen, wohinauf ungefähr sieben
-oder acht Staffeln giengen; und durch den Boden hatten sie ein offenes
-Loch gelassen, um dadurch nicht allein desto besser zu hören, wann
-etwan Mauser einbrächen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe
-mit Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen
-waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Thür ohne sonderlichen
-Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag gar gering[165].
-Mein Springinsfeld muste mir eine Welle scharfer Dörner in Mannslänge
-zuwegen bringen, woran auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich
-füllete eine messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen
-wir beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf war.
-Die Thür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine Kunst, weil ich
-zuvor alles fleißig abgesehen; und da solches vollbracht und geschehen,
-stackte Springinsfeld die Dornwell vor die Stiegen, als welche vor
-sich selbst keine Thür hatte, von welchem Geräusch beide Italiäner
-erwachten und zu rumpeln anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, daß
-sie zum ersten zu obigen Loch herunter schauen würden, als dann auch
-geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so voller
-Essig, daß ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick vergieng; der
-ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die Stiegen hinunter und wurde
-von der Dornwell so unfreundlich empfangen, daß er gleichwie auch
-sein Camerad in solcher unversehenen Begebenheit und großem Schrecken
-sich nichts anders einbilden konten, also es wäre eitel Zauberei und
-Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein Dutzet
-zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit fort gemacht,
-ich aber ließe mich mit einem Stück Leinwat genügen, drehete mich damit
-aus und schlug die Thür hinter mir wieder zu, die beide Welsche also
-in ihrer Anfechtung hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die
-Augen noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu handeln
-gehabt haben wird.
-
-Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den Springinsfeld
-nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie gehöret, nicht aus Noth
-oder Mangel, sondern mehrentheils darum, damit ich mich an meinen
-Widerwärtigen[166] revangiren möchte. Springinsfeld aber lernete
-indessen die Kunst und kam so meisterlich in die Griff, daß er sich
-unterstanden hätte, alles zu mausen, es wäre dann gar mit Ketten
-an das Firmament geheftet gewesen, und ich ließe ihn solches auch
-treulich genießen, dann ich gönnete ihm, daß er einen eigenen Säckel
-haben und mit dem halben gestohlenen Gut, maßen wir solche Eroberungen
-miteinander theilten, thun und handeln dörfte, was er wolte. Weil er
-aber trefflich auf das Spielen verpicht war, so kam er selten zu großem
-Geld; und wann er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa
-zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die Länge nicht in Possession,
-sintemal ihm sein unbeständig Glück das Fundament zum Reichthum durch
-den unbeständigen Würfel jederzeit wieder hinweg zwackte. Im übrigen
-verblieb er mir ganz getreu und gehorsam, also daß ich mir auch keinen
-bessern Sclaven in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte. Jetzt höre
-auch, was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich mich
-endlich wieder von ihm geschieden.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[162] =Abtrag=, Abbruch.
-
-[163] =wuchern=, reichlich vergelten.
-
-[164] =Gaden=, Laden.
-
-[165] =gering=, leicht, anstellig, schlau.
-
-[166] =Widerwärtige=, Gegner, Feinde.
-
-
-
-
-Das einundzwanzigste Capitel.
-
- Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen.
-
-
-Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen wurde, muste unser
-Regiment von Casal hinweg und auch in die Mantuanische Belägerung.
-Daselbsten liefe mir mehr Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen
-Läger, dann gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche,
-also bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich mein
-Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergrößerte, so daß
-ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in die teutsche
-Reichsstädte übermachte, bei welcher glücklichen Prosperität, großem
-täglichen Gewinn und genugsamem Ueberfluß, dessen ich und mein Gesindel
-genossen, da sonst mancher Hunger und Mangel leiden muste, mein
-Springinsfeld anfienge allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er
-wolte eine tägliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu
-saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen, und ließe
-allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und die Gelegenheiten,
-sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein gut Jahr haben. Ueber das
-hatte er auch etliche ungerathene und verschwenderische Cameraden an
-sich gehenkt, die ihn verführten und zu allem demjenigen untüchtig
-machten, worzu ich ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise
-abgeführet[167] hatte. »Ha«, sagten sie, »bist du ein Mann, und läst
-deine Hur beides über dich und das Deinige Meister sein? Es wäre noch
-genug, wann du ein böses Eheweib hättest, von deren du dergleichen
-leiden müstest. Wann ich in deinem Hemd verborgen stäke, so schlüg ich
-sie, biß sie mir parirte, oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.«
-
-Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen und Verdruß
-und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte
-ins Feld springen machen, ohne daß ich mich im geringsten etwas
-dergleichen gegen ihm oder seinem Anhang hätte vermerken lassen.
-Mein Gesind, darunter ich auch vier starke Tremel[168] zu Knechten
-hatte, war mir getreu und auf meiner Seiten; alle Officierer des
-Regiments waren mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir
-wol und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles
-noch mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu
-meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich
-stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. Ich wuste wol, daß
-der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur ~pro forma~ repräsentiren
-muste, das Haupt meiner Marquetenterei darstellte, und daß ich unter
-dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß
-ich bald ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir
-mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm täglich Geld,
-beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß ich die Beständigkeit
-seiner vorigen Verhaltung bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer,
-verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich
-dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel
-dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem
-Wort, daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; dann
-ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden und verdienet,
-zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, daß ich mich weder
-um ihn noch die Marquetenterei, ja um den ganzen Krieg, und was ich
-noch darin kriegen und hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber
-ich weiß nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden
-zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu begehren, oder
-ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamer Weis
-fortfuhre, dann er stellte sich gar freundlich und demüthig und gab
-mir niemalen kein sauern Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste
-sein Anliegen wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte
-aber aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen wider
-mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte sichs endlich
-wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen wir dann, es sei
-ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von einander kamen.
-
-Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit
-einem Rausch heimkommen war. Sihe, da schlug er mich mit der Faust von
-allen Kräften ins Angesicht, daß ich nicht allein darvon erwachte,
-sondern das Blut liefe mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus,
-und wurde mir von selbigem Streich so törmisch[169] im Kopf, daß mich
-noch Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. Da kan
-man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine andächtige
-Letenei[170] vorbetete. Ich hieße ihn einen Mörder und was mir sonst
-noch mehr von dergleichen ehrbaren Tituln ins Maul kommen. Er hingegen
-sagte: »Du Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab es ja
-redlich gewonnen!«
-
-Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich zu schaffen
-hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im Bette aufrecht zu
-sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit einander zu ringen. Und weil
-er noch fort und fort Geld von mir haben wolte, gabe ich ihm eine
-kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum
-Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter
-und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten
-und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um zu sehen, was da
-zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen
-vom Stab, als welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den
-Marquetentern logirt werden, nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß,
-Regimentsquartiermeister, Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel
-und dergleichen; denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der
-Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne einige Schuld und
-Ursach tractirt. Mein angehender[171] milchweißer Busem war überall mit
-Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte mein
-Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten
-gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß
-man die Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme
-kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts
-jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die Ursach unserer
-Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf
-erzählte, vermeinte der ganze Umstand, Springinsfeld müste unsinnig
-worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung
-seiner Cameraden und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die
-Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein
-vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten[172],
-und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen[173], grabelte
-Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das
-bei des Oberisten Bagage brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu
-ersinnen und vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen
-Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß er nicht vor
-mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und die vorige Huld und Gnad
-wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die Ohren und wolte
-ihn weder wissen noch hören, biß endlich unser Obristleutenant von der
-Rund darzu kam, gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu
-schweren, daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen,
-allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz[174] auf dem Spiel gestandenen
-Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und
-wider seinen Willen und Meinung seine liebe unschuldige Frau im Schlaf
-getroffen. Der Obristleutenant war ein Cavalier, der mich und alle
-Huren wie die Pest haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit
-ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit
-ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wolte mich
-zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten verdient, mit
-Ruthen aushauen lassen.
-
-Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter gibts[175]
-nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet nichts; bist
-du gleich Obristleutenant und beides vor meiner Schönheit und meinen
-Verehrungen schußfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als
-einer, die sich gar gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben.
-
-Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld aber auch,
-als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen würde, so wolte er
-ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was er bei Nacht zu
-zweien malen gegen mir gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht
-wieder kommen würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten
-den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen
-Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann[176] zu geben, aber
-über dessen Procedere[177] wir uns hinter den Ohren zu kratzen würden
-Ursachen haben. Also giengen wir wieder mit einander zu Bette und
-hatten beiderseits unsere Stöße, maßen ich dem Springinsfeld so wenig
-gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit
-großen Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären,
-derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle
-bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der
-empfangene Streich, oder vielmehr daß ich seiner gern los gewest wäre,
-entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. Ja ich gab ihm auch den
-andern Tag nicht allein kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum
-Saufen, und sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die
-Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft damit zu
-treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche solche so Tags
-so Nachts wol eingenähet auf ihrem bloßen Leib tragen muste.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum
-Schlechten.
-
-[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel.
-
-[169] =törmisch=, schwindlig.
-
-[170] =Letenei=, soll heißen Litanei.
-
-[171] =angehend=, sich hebend, schwellend.
-
-[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen.
-
-[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen.
-
-[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz.
-
-[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben.
-
-[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit,
-Schiedsrichter.
-
-[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren.
-
-
-
-
-Das zweiundzwanzigste Capitel.
-
- Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit
- sie ihn zur Letze[178] begabt.
-
-
-Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit
-an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der
-Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen
-den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach,
-gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt
-werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya
-und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in
-Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so
-wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre.
-Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und
-die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen
-Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem
-Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten
-setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als
-ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine
-Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur
-~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit,
-vermittelst deren ich seiner los werden möchte.
-
-Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt,
-welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger,
-verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder
-Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich
-durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis
-in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und
-Wolfahrt gebracht werden mag.
-
-Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste
-Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und
-unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im
-geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich,
-ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und
-sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer
-nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von
-Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten
-Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in
-obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf
-lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd,
-wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und
-mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich
-erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich
-meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld
-mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich
-an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre.
-Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner
-Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der
-Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten
-damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein
-schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube
-auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein
-muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und
-schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie
-solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal
-so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen
-kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern,
-der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der
-Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der
-allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch
-Drohung gestiftet hatte.
-
-Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß
-selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen
-sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser
-Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt,
-seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen,
-derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu
-befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste
-gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie
-alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr
-als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst
-und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten
-die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug
-gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in
-mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen.
-
-Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich
-ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen
-als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich
-Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und
-dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um
-uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines
-Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen
-Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein
-solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant,
-so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt
-ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner
-Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam,
-was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur
-ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei
-einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und
-vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser
-Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um
-dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich
-replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten
-Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm
-hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die
-Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich
-dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße
-es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns
-beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach
-befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.
-
-Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und
-Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183];
-dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und
-also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob
-der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre
-mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel
-vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich,
-daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so
-halsstarrig zuruck hielte.
-
-Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan
-zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die
-sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden
-und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten,
-verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war,
-wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184]
-Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher
-Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und
-Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so
-er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns
-bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt,
-daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen
-solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den
-Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald
-hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner
-Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und
-vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen.
-
-Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur
-einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so
-hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in
-allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze
-zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden.
-Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte,
-trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder
-verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs
-Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir
-denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann
-auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten,
-vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht
-darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern
-da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder
-in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel
-etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack
-gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und
-also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte,
-wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte
-ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit
-meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds
-des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann
-Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde,
-daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied.
-
-[179] =Kriegspossen=, Kriegslist.
-
-[180] Vgl. die Einleitung.
-
-[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug.
-
-[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen.
-
-[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut
-beschlagen sein, befriedigen, abfinden.
-
-[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich.
-
-[185] =Anstalt=, Veranstaltung.
-
-[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich.
-
-
-
-
-Das dreiundzwanzigste Capitel.
-
- Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe.
-
-
-Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich
-versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte
-lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige
-Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten,
-weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des
-Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß
-alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte
-ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und
-Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder
-Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz
-der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich
-dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S.
-Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen
-Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte,
-dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen,
-und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner
-besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden.
-Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der
-Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und
-wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche
-erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern
-dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich
-mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte.
-
-Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht
-daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden
-und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem
-Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe,
-da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er
-daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der
-Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er
-selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen
-Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum
-zu verlassen genöthigt wurden.
-
-Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer
-Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht
-derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren
-und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen
-trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer
-beifügen möchte.
-
-Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch
-bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte
-mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs
-einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es
-der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre,
-mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen.
-Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war
-kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada
-vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen
-Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und
-Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und
-Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht
-geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen
-werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer
-Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein
-schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch
-kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte
-ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten
-widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen,
-weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines
-Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich
-eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann
-die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in
-meinem Gemüth verursachte.
-
-Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche
-Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder zu gewinnen, welche
-aber mehr ruinirt als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit
-dem Regiment, darunter mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich
-des Bodensees und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch
-Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor Prag auch
-gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland zu kommen und nach
-seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir dasselbe Patrimonium und des
-Orts Gelegenheit so wol gefiele, daß ich mir dieselbige Reichsstadt
-gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde
-des Erzhauses Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts,
-ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also daß ich mir
-nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage
-dort sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil
-nach dieser namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt
-aufgemauset wurde, daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten
-meiner Muthmaßung nach zu hoffen.
-
-Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich kaufte Viehe
-und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit
-anderst, als wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt,
-oder als ob sonst der Friede vollkommen beschlossen worden wäre.
-Und zu solchem Ende ließe ich alles mein Geld, das ich zu Prag und
-sonst in großen Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das
-meiste hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner
-Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu =einer= Zeit zu Narren
-worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau; ich verthät mein
-Geld unnützlich, du aber deine Jugend; du kamest zu einem schlechten
-Krieg, ich aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch
-in weitem Feld stunde; dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen
-Durchzüg und Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones
-mit nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht ziemlich
-groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung weislich
-zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; dann niemand
-in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen Manns Freunde
-nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst ihnen
-erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht
-hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt
-und nichts destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet.
-Es gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen sein.
-Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, begehre auch
-dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden von dir, sondern ich sage
-dirs darum, daß du wissen soltest, daß ich mich gleichwol nicht viel
-deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern daß ich mich noch darzu
-freuete, wann wir einem Regiment musten Winterquartier geben; dann
-sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch;
-da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben
-in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, wie sie wolten, und
-sie musten sich auch hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen
-hatten, gegen mir anlassen, wie ichs haben wolte, also daß sie wenig
-Geld mit sich aus dem Quartier ins Feld trugen; worzu ich dann mehr
-als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der
-damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd,
-die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich
-und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine damalige liebe
-Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als
-mich deswegen zu strafen, sintemal ihre Weiber und Töchter, so lang
-ich vorhanden war und mein Netz ausspannen dörfte, nur desto länger
-from verblieben. Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel
-dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann Mars
-wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung machte, was
-mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich
-fande, daß meine Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen
-Kriegskosten übertroffen. Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich
-dir auch sage, mit was vor einer Laugen ich dir gezwaget[187]; wil
-derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du
-magst aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, mir
-ohngehindert in die Rede fallen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[187] =zwagen= ~c. dat.~, waschen.
-
-
-
-
-Das vierundzwanzigste Capitel.
-
- Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen und
- einander betrogen.
-
-
-Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, als die
-Churbairische und Französische, Weimarische in der schwäbischen Gränze
-einander in den Haaren lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren
-die meiste Officierer trefflich geneigt auf dasjenige, was ich ihnen
-gern um die Gebühr mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus
-großer Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner
-eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und beinahe
-ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam ich dasjenige,
-was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmäßiger Weise
-gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, mit wolgeneigter Gunst.
-Diese schlugen aus und begunten mich mit Rubinen zu zieren, als der
-lustige und fröhliche Frühling den ganzen Erdboden mit allerhand
-schönen wolgezierten Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel
-genug hatte, mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in
-einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici Vorgeben
-nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riethe
-er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen und also meine vorige
-Gesundheit desto völliger wiederum erholen. Solchem zufolge rüstet ich
-mich aufs beste aus, mit einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem
-Knecht und einer Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer
-daß sie die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt.
-
-Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius
-Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und Gleich gesellt sich gern,
-sprach der Teufel zum Kohler. Ich trug mich ganz adelich, und weil
-Simplicius so toll aufzoge und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch
-vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das
-Seil über die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr
-practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem Wunsch nach
-mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden
-angesegelt, und ich tractirte ihn wie etwan die Circe den irrenden
-Ulissem; und alsobald faßte ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn
-schon gewiß an der Schnur. Aber der lose Vogel risse solche entzwei,
-vermittelst eines Funds[188], dardurch er mir seine große Undankbarkeit
-zu meinem Spott und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er
-durch einen blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut,
-das er mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich
-wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich
-verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen hinten und
-vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten,
-ein Lied darvon sangen und mich dergestalt aushöhneten, daß ich den
-Spott nicht mehr vertragen und erleiden konte, sondern eh die Cur gar
-vollendet, den Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte.
-
-Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch
-am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich sei mehr mobilis als
-nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. Wann er selbst aber nobel, oder
-sonst ein gut Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine
-leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten,
-nicht gehenkt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also
-vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber Leser,
-was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er (damit ich seine
-eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle
-Vergnügung, die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson
-erhalten, vor deren Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen, ja
-von deren, die noch kaum der Holzcur[189] entronnen? Der arme Teufel
-hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er
-mit besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet
-dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe
-einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem jeden Stück
-Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; da muß er
-aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden Theil meiner vorigen
-Schönheit bei weitem nicht mehr hatte, sonderlich behalfe mich
-allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke, deren er mir nicht
-wenig, sondern einer großen Menge abgeleckt. Aber genug hiervon!
-Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt
-vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den
-Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte ich mich
-auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides beschimpft und verachtet
-worden. Und meine Magd hatte sich daselbsten eben so frisch gehalten
-als ich, und weil die arme Tröpfin keinen Scherz verstehen konte,
-ein junges Söhnlein vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch
-auf meinem Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht.
-Dasselbe muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol sie
-Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, daß
-sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, muste meine Magd
-ihr Kind entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln,
-ja seidenen Decken und Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug
-eine bessere Gestalt und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers
-Knechts zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher Weile
-vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen Bericht,
-daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu glauben, wie
-herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete, daß
-er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen
-worden, und daß ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettig und
-Senf auf dem Brod zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben
-gemacht, die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich der
-Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner Jugend
-verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden Alter von mir
-glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier vierzig Jahr erlebt und
-war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius einer gewesen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[188]: =Fund=, Erfindung, List.
-
-[189] =Holzcur=, Decoct von Pockenholz, ~lignum Guajaci~.
-
-
-
-
-Das fünfundzwanzigste Capitel.
-
- Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen.
-
-
-Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem fernern
-Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine
-Dame Simplicius übertölpelt zu haben sich gerühmet. Gleichwie er aber
-von deme, was allbereit gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als
-Spott und Schand haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was
-ich noch fürters anzeigen werde.
-
-Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von
-Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und
-alle andere trutzte; und neben mir wohnete ein alter Mechaberis[190]
-oder Susannenmann, welcher ein Weib hatte, die viel älter war als er
-selbsten. Dieser wurde zeitlich innen, von was vor einer Gattung ich
-war, und ich schlug auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu
-bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen kamen
-und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, darmit es sein
-eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so
-sicher als in diesem Garten zusammen kommen konten, als da das grüne
-Laub und die verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen,
-aber nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten.
-Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser Sündenmaß seie damal
-entweder voll und überhäuft gewesen, oder die Güte Gottes hätte uns zur
-Besserung und Buße berufen wollen. Wir hatten einander im Anfang des
-Septembris Losung[191] gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten
-unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween Musquetierer
-aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend
-ihren Part von meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen
-und zu brechen anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es
-war ziemlich finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als
-ich, bei dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk
-mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben gewohnt
-waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der eine Soldat regte
-sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und
-war so unvorsichtig, daß er alle seine Birn, die er gebrochen hatte,
-verschüttelt, und als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich
-und der Alte sich nichts anders ein, als es wäre etwan ein starkes
-Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen
-Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit Worten
-zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander
-liefen. Die auf dem Baum aber konten sich des Lachens nicht enthalten,
-welches uns noch größere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da
-vermeinte, es wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich
-ein jedes von uns in seine Gewahrsam.
-
-Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie ein Musquetierer:
-»Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weist du
-dann?« Jener antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.«
-
-Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich merkte, was
-die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht anröthete, wiewol ich mich
-sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich machte mir gleich die Rechnung,
-daß ich eine Hatz ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob
-hergehen würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf
-der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der Magistrat
-nichts anders thun, als daß er mich und den Alten beim Kopf nehmen und
-jedweders besonders gefangen setzen ließe. Wir leugneten aber beide wie
-die Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete.
-
-Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt mein
-Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander liefe, weil
-sie nit alle von meinen losen Stücken wusten und mir die Mägd getreu
-waren. Endlich verschnappte ich den Handel selbst, als nämlich der
-Schultheiß, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß
-kam und großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund
-der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller
-falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen
-und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens
-heraus und sagte: »So schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte
-Scheißer nicht hat halten können!«
-
-Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir doch getreulich
-dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher,
-thät die Thür auf und wiese mir einen Notarium und beisichhabende
-Zeugen, die alle meine und seine Reden und Gegenreden angehört und
-aufgemerkt hatten.
-
-Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn hielten darvor,
-man solte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen
-Stücke bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze
-Last der Erden um eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz
-mir auch weitläuftig notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich
-vernehmen, man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den
-Gesetzen ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren.
-Würde man so streng mit mir procedirn, so würden noch viel, die vor
-ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir das
-Geleit geben müssen. Ich konte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und
-meine Wort und Protestationes fielen so scharf und schlau, daß sich
-Verständige darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine
-Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter Strafe, alle
-meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen muste, darunter sich
-gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler baar Geld befande. Meine
-Kleidungen und was zu meinem Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer
-etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In
-Summa was wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man
-strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt im Krieg,
-und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich solte gesagt haben:
-jederweiberlich), daß die Stadt meiner so ~taliter qualiter~[192] los
-worden.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[190] =Mechaberis=, scherzhaft oder misverstanden statt
-~moechator~, Ehebrecher.
-
-[191] =Losung=, verabredetes Wort oder Zeichen.
-
-[192] =~taliter qualiter~=, auf diese gute Art.
-
-
-
-
-Das sechsundzwanzigste Capitel.
-
- Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und
- Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten
- Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter
- wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem
- Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus
- nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.
-
-
-Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu
-welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an
-solchen mangelte, so gedachte ich mich zu den Weimarischen oder Hessen
-zu machen, welche damal im Kintzger Thal[193] und der Orten herum sich
-befanden, um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann
-bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen
-Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie mich dann
-auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht
-wenig verstellet. So war auch mein Reichthum hin, der oft die alte
-Weiber wieder an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und
-Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und brachte
-etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte ich mich samt einem
-Boten auf den Weg, um mein Glück zu suchen, wo ichs finden möchte.
-Ich trafe aber nichts als Unglück an, dann ehe ich Schiltach[194]
-erlangte, kriegte uns eine weimarische Partei Musquetierer, welche
-den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich
-aber mit sich in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein
-kaiserliches Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau
-todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines Mannes
-Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich ins Elsaß nach Haus zu
-begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so schön als
-vor diesem, gleichwol aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die
-einen Musquetierer aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner
-zum Weib begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber
-diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit
-Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte.
-In Summa, ich wurde eine Frau Musquetiererin, ehe mich der Caplan
-copulirte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine
-Marquetenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht,
-solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische
-Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht
-und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge ich an, mit Tabak und
-Branntewein zu schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis
-hätte gewinnen wollen, was ich kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam
-mich blutsauer an, so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen
-schweren Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal Essen
-und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich mein Lebtag
-nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich einen
-trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern
-auch schneller laufen konte als manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun
-dergestalt zween Esel zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch
-besten Fleißes, damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen
-könte. Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen wurde,
-konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und verzögerte[195]
-also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang des Maien, bei
-Herbsthausen[196] treffliche Stöße gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen
-meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser
-zuvor ein artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider
-seinen Willen ins Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen.
-
-Er gieng ein[197], auf seiner Officier Zumuthen und mein Gutbefindung,
-sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel, in
-Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, einige Brief an Ort und
-Ende zu tragen, dahin sonst niemand zu schicken wegen der kaiserlichen
-Parteien, welcher wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die
-Conjunction etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals
-von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren, so
-daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret hätte. Doch
-muste es sein, weil ein ziemlich Stück Geld zu verdienen war, und er
-verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs aber fande er einen
-todten Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher
-ohne Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar rother
-scharlachener Hosen mit silbern Galaunen[198] verbrämt anhatte,
-welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; so war
-sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den Hosen gemäß. Er besahe
-den Fund und konte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder von den
-Schwarzwäldern todtgeschlagen worden wäre. Doch galte es ihm gleich,
-welches Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers ihm
-auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen,
-welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen muste. Solches glückte
-ihm auch; als er aber die Hosen herab streifte, wolten solche nicht
-hotten[199], weil die Feuchtigkeit des allbereit verwesenden Körpers
-sich unter den Knien herum, allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden
-pflegte, sich beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und
-dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren waren. Er
-hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, und weil der Tropf
-sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, eins vom andern zu ledigen,
-hiebe er dem Corpo mit seiner Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen
-und Koller zusammen, und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein
-solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten
-dorfte.
-
-Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches
-Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in die Stuben trug und zunächst
-bei meinem Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte.
-Indessen war es gegen Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit
-von den Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum
-Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er umkehrte oder
-letz[200] machte, an, ließe sein altes Gelümp samt den Schenkeln beim
-Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich in
-unser Quartier.
-
-Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen.
-Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und
-Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge
-sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen
-wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu,
-als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht
-allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und
-sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil
-ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst
-vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die
-Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den
-sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches
-gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie
-sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre.
-Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen,
-aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub
-lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte.
-Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter
-Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts,
-ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da
-sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und
-den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die
-Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm
-samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame
-Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das
-Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber
-es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und
-Kind darvon, wann ich umkäme?
-
-Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das
-Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm
-oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst
-aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu
-bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit
-trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger
-hinweg gebrant.
-
-Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück
-zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich
-gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor
-den Springinsfeld abrichte!
-
-Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu;
-überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen
-todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald.
-
-[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen.
-
-[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg.
-
-[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen.
-
-[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen.
-
-[199] =hotten=, vorwärts gehen.
-
-[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.
-
-[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze,
-für die Saujagd bestimmt.
-
-[202] =ausreuten=, ausrotten.
-
-[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen.
-
-
-
-
-Das siebenundzwanzigste Capitel.
-
- Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage
- selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar
- an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem
- verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien,
- behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder
- zustellen.
-
-
-In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels
-darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg
-geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen
-Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und
-demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich
-mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich
-endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen
-Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich
-mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen
-Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen
-Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern
-mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde
-ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum
-Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu
-machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur
-von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen
-fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden
-Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so
-höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren
-worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine
-vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich
-das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner
-Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer
-alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte
-ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht
-wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß
-ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen.
-
-Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne
-Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und
-meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret,
-wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag
-ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein
-dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich
-auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder
-etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was
-ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln
-verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine
-Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte
-kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten
-vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her,
-daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere
-gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu
-der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie
-auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung
-nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir
-endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse,
-den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu
-bringen.
-
-»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und
-sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch
-anhaben wie der große Goliath.«
-
-Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben
-diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins
-Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste
-alles unbeschrieen zugehen.
-
-Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen
-auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer.
-Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als
-sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich
-Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als
-ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier,
-machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische
-Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach
-sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«
-
-Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd,
-und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare
-Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich
-den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß
-ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach
-verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam
-angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette,
-mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.
-
-Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem
-Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren
-mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute
-gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison,
-der solche wieder von mir fordert.
-
-Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht
-sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich
-rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener
-absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem
-schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe,
-da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen,
-sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol
-4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der
-Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen,
-wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor
-dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen
-Betrugs selbsten.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung.
-
-[205] Die =Wartburg= in Thüringen.
-
-[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk.
-
-[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie
-Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.
-
-[208] =elend=, leidend.
-
-[209] =Knopf=, Knoten.
-
-[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«.
-
-[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln,
-mit der flachen Klinge schlagen.
-
-
-
-
-Das achtundzwanzigste Capitel.
-
- Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih
- gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu
- schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun
- jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die
- Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt
- ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
-
-
-Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott
-von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee,
-die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann
-beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht
-allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe
-auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir
-das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe,
-daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich
-noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf
-setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden
-probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser
-abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich
-ich mich zu den Zigeunern schicke.
-
-Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen
-großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen
-und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern,
-Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde.
-Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei
-seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme
-etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen
-und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er
-dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es
-roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens,
-daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande,
-daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich
-folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich
-ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem
-Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine
-große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich
-erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns
-hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und
-sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich
-etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich
-ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann
-über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang,
-weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle
-alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant
-einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen
-bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so
-gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch
-alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen
-thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von
-andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um
-ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte,
-stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln
-wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe
-den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil
-exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte
-sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich
-dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und
-Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen
-ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern
-nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den
-Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach
-geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die
-Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter
-zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe,
-dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir
-nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber
-im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und
-Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus
-den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns
-entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur
-Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer
-kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken
-lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib
-und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf
-unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten,
-mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die
-Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu,
-welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in
-den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch
-bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und
-jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das
-Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte
-derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem
-Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg
-wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen
-frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten
-von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller
-Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.
-
-Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero
-unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und
-Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man
-ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander
-beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte.
-Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers
-verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder
-Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern
-uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden
-des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches
-Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns
-nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas,
-dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von
-waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen,
-deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol,
-daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen
-Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder
-wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels
-Schwager worden sei.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[212] =Kürbe=, Kirchweih.
-
-[213] =kahl=, geringfügig, elend, werthlos.
-
-[214] =als=, wie.
-
-[215] =waserlei=, wie welcherlei.
-
-[216] =Gabelreuterin=, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).
-
-
-
-
-Zugab des Autors.
-
-
-Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und
-auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen
-gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen
-entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und
-diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217] abgesagt oder
-wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin
-diese ~lupas~[218] nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß
-bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit,
-Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös
-Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen
-gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend
-beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen
-und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei
-sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt.
-
-
- =Ende=.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[217] =Beliden=, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach
-ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der
-Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.
-
-[218] =lupa=, Wölfin, gemeine Buhlerin.
-
-
-
-
-Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins.
-
-
-Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung,
-~lib. 5~, ~cap. 6~, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt,
-wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr
-selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert,
-weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst
-abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um
-vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen,
-weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein
-bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen
-getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit
-berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur,
-und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm
-darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und
-betrogen habe.
-
-
-
-
- II.
-
- Der seltzame Springinsfeld.
-
-
-
-
- Der seltzame
- =Springinsfeld=,
-
- Das ist
- Kurtzweilige, lusterweckende und
- recht lächerliche Lebensbeschreibung
- Eines weiland frischen, wolversuchten
- und tapfern Soldaten,
- Nunmehr aber ausgemergelten,
- abgelebten, doch dabei recht
- verschlagnen
- Landstörzers und Bettlers,
- Samt
- seiner wunderlichen Gaukeltasche.
-
- Auf Anordnung des weit und
- breit bekanten Simplicissimi
- Verfasset und zu Papier gebracht
- von
-
- ~Philarcho Grosso~ von
- Tromerheim.
-
- * * * * *
-
- Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei
- Felix Stratiot.
-
- Anno 1670.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- =Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung
- den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.
-
- =Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
-
- =Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder
- widerfahren.
-
- =Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen
- Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.
-
- =Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung
- dictirt.
-
- =Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und
- erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn
- empfangen.
-
- =Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene
- treffliche Losung.
-
- =Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den
- Springinsfeld die Kunst lernete.
-
- =Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum
- Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.
-
- =Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er
- anfangs in Krieg kommen.
-
- =Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern
- wahrhafte Historien.
-
- =Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager,
- hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.
-
- =Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld
- wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer
- unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.
-
- =Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück
- und Unglück.
-
- =Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im
- Nördlinger Treffen gehalten.
-
- =Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger
- Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.
-
- =Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird
- wiederum ein reicher Dragoner.
-
- =Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem
- Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.
-
- =Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß
- auf das kaiserliche Armistitium.
-
- =Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum
- Friedensschluß und endlicher Abdankung.
-
- =Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet
- sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird
- wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.
-
- =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds
- in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.
-
- =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der
- Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder
- nacheinander los.
-
- =Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor
- lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen
- unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen
- dem Türken wird.
-
- =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in
- Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.
-
- =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für
- Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.
-
- =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des
- Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.
-
-
-
-
-Das erste Capitel.
-
- Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung
- dieses Werkleins befördert.
-
-
-Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit
-höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen,
-aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um
-einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit
-den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner
-unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der
-gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich
-noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige
-Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich
-aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer
-Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken
-und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche
-höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich
-endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu
-spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution
-kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach
-ich mir wiederum ein anders[220] zu und versichert mich selbst eines
-weit bessern Ausgangs.
-
-Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich
-brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret
-ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese
-Fachtung[221] schon eintränken.
-
-Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222] innerlichen
-Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von
-außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die
-Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit
-einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und
-wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223].
-Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und
-aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens
-gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen
-mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein
-ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz
-hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen
-künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr
-kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt
-ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein
-Almusen begehrt?«
-
-Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu
-Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage
-ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben
-und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen
-Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und
-endlich zu ihren Herrn -- man denke doch nur, wie verwirrt ich damals
-in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt
-vorbringe -- ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren
-werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen),
-als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung
-accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn?
-oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was
-bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch
-keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer
-wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in
-meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen)
-aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten
-Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der
-Gebühr nach zu begegnen. Doch lallete ich endlich mit[225] aus Forcht,
-Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so
-viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation
-ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.
-
-»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig?
-Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den
-Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder
-um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen
-stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler
-gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und
-unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte
-euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.«
-
-Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich
-gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts
-weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu
-nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete,
-solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich
-und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine
-Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung,
-mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu
-erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann
-ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug.
-
-Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab
-mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem
-Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als
-mithin[227] wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen
-der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und
-versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so
-ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer
-nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.«
-
-Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch,
-daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228] als vernünftig antwortet:
-»So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jeden
-~s. h.~[229] Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich
-brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so
-werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten
-manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn
-mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich ~in literis~
-abgeführt[230] hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich
-meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen,
-wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231] geben. Ach, sagte ich,
-warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen,
-Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest
-du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor
-großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur
-jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu
-gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das
-Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In
-diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der
-allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag!
-
-In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir
-aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige
-grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit
-geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer
-warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde,
-gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[219] Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.
-
-[220] =ein anders=, auf andere Weise.
-
-[221] =Fachtung=, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen
-Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche
-Entstellung an.
-
-[222] In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.
-
-[223] =besprechen=, anreden.
-
-[224] =aufenthalten=, trösten.
-
-[225] =mit=; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.
-
-[226] =gesessen sein=, durch Grundbesitz sicher sein?
-
-[227] =als=, mhd. ~allez~, stets, fortwährend; =mithin=, im Gehen,
-unterwegs.
-
-[228] =unbescheiden=, indiscret, unverständig.
-
-[229] =~s. h.~=, ~salvo halore~, wie ~salva venia~.
-
-[230] =abführen=, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.
-
-[231] =Product=, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich,
-Schlag auf den Hintern.
-
-[232] =das Geschenk=, den üblichen Zehrpfennig für wandernde
-Handwerksburschen.
-
-
-
-
-Das zweite Capitel.
-
- Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
-
-
-Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter
-höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was
-beliebt dem Herrn?«
-
-Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst,
-jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb
-Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub,
-darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die
-benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.
-
-Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich
-rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann
-befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit
-beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte.
-Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und
-Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch
-darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich
-ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen,
-sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein
-Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er
-so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden.
-Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel,
-dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber
-kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet,
-daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe.
-Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm
-biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte
-antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt,
-gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab,
-oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel
-versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem
-Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.
-
-Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und
-indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß
-sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen
-Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben
-Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da
-doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst
-an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder
-wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach
-und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem
-hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen
-sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein
-Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe
-ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als
-mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den
-Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden;
-und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart
-zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen,
-sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn
-zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben
-Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte,
-zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar
-höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner
-vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob
-derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr
-aus India kommen.«
-
-Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine
-Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich
-jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz,
-sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu,
-welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu
-wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen
-habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor
-einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu
-vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«
-
-Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu
-verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt,
-daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.
-
-Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein
-mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack
-ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das
-allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine
-Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines
-Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen
-Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier
-einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl
-sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein
-einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein
-sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne
-~faeces~[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner
-Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen
-sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte
-kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich
-überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich
-kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein
-getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser
-gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern
-gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich
-selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von
-diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein
-gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch
-völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen,
-noch nichts darvon verloren hätte.
-
-Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten,
-da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein,
-den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe.
-Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige
-hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher
-striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß
-einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es
-wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich
-schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach
-keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß
-er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene
-Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der
-Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein
-anderes Bein gelassen?«
-
-»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«
-
-Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«
-
-»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt
-freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch
-und einen Strumpf.«
-
-»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der
-Springinsfeld?«
-
-»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der
-Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte
-Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«
-
-»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits
-vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals
-einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der
-sich Simplicius genennet?«
-
-Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben
-derselbe Simplicius bin ich.«
-
-Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel
-erschlag!«
-
-»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du
-allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und
-ungeheißen[245] bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch
-zu bewillkommen?«
-
-»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«,
-sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen
-worden?«
-
-Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich
-mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten
-der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde
-deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.«
-
-»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir
-vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr mit dir um nichts, es
-seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.«
-
-Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch
-gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen
-auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der
-bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab
-ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.«
-
-Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich
-etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme
-auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben
-wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit
-dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er
-dergleichen wol mehr hätte gesehen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[233] =gedenken=, denken an etwas.
-
-[234] =im Pfenningwerth zehren=, einzelne Gerichte verzehren, wobei
-der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt
-~à la carte~ essen.
-
-[235] =vor=, zuvor.
-
-[236] =aufreiben=, vertilgen.
-
-[237] =Chili=, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt,
-wie das angrenzende Patagonien.
-
-[238] =Chica=, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.
-
-[239] =Electuarium=, Latwerge.
-
-[240] =Theriak=, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte.
-
-[241] =~faeces~=, Hefen.
-
-[242] =Kronzer=, Grunzer, Schnorrer, Bettler.
-
-[243] =sich betragen=, sich behelfen.
-
-[244] =freurt=, friert (mhd. ~vriust~).
-
-[245] =ungeheißen= (unaufgefordert), dreist, frech.
-
-
-
-
-Das dritte Capitel.
-
- Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.
-
-
-Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen
-unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in
-Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und
-von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben.
-Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein
-heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken
-hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend
-nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er
-stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir
-auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste
-zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen
-dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn
-Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und
-sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler
-geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich
-sie hab gerben[248] lassen.«
-
-»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der
-Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.«
-
-»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur.
-
-»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei
-taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal
-man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.«
-
-»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner
-Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.«
-
-»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet
-damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine
-Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über
-Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem
-Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor
-Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius
-aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er
-hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das
-ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar
-ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme,
-viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit
-den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte
-die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio
-zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene
-Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen
-eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider
-seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße
-eingenommen.
-
-»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld.
-
-»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer
-eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne
-welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich
-auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.«
-
-Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter
-Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen
-Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden
-zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?«
-
-»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die
-Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen,
-dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig
-gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der
-Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund,
-er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich
-besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all
-zu frei gangen.«
-
-Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen
-angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum
-Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß
-der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden,
-dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden
-Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine
-Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] ~in libro
-de tranquillitate vitæ~, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt,
-vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen
-soll.«
-
-Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das
-Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu
-weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles
-hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als
-das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf
-die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs
-Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von
-Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser
-Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird
-in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig
-seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden!
-Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir
-Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu
-weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die
-Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.«
-
-»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du
-seiest ein Pfaff worden!«
-
-»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz
-haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen
-eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?«
-
-Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann
-Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen
-jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil
-meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren
-stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit
-einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und
-etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch
-ohnbeschwert erzählen.
-
-»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer,
-so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen
-soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil
-einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der
-gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden,
-nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er
-von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend
-begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page
-beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche
-Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden,
-denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und
-Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie
-in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund
-auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect
-aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier
-aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen,
-daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit
-ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige
-Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut
-getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie
-zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die ~s. h.~ Harngäng
-dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten,
-sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich
-entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte,
-als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte,
-liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet
-worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete,
-fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?»
-
-»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret
-war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir
-Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim
-Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm
-hinten am Gang das Gemach und sagte: «Dort drinnen.»«
-
-»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter
-Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß
-das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen
-Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und
-Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie
-sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich
-kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier
-aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[246] =Rebmann=, Weinbauer.
-
-[247] =Kärst=, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den
-Weinbergen.
-
-[248] =gerben=, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten:
-entkörnen, also doppelsinnig.
-
-[249] =röllen=, durch Rollen enthülsen.
-
-[250] =hotzeln= (schaukeln, wiegen), sich schütteln.
-
-[251] =Demokritos= von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr.
-Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage,
-die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος).
-
-[252] =Heraklitos= aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der
-ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.
-
-[253] ~L. Ann. Seneca, de tranquillitate =animi=, cap. 15:
-Democritum potius imitemur quam Heraclitum.~
-
-[254] =Zoroastris=, nach Plinius, ~hist. natur. VII, 15, fin.~
-
-[255] =Nero.= Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts
-davon; er sagt in angeführter Stelle: ~risisse =unum= hominem
-accepimus~.
-
-[256] =lernen=, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen.
-
-[257] =Tiberius Nero=, Suet., ~Tiber. cap. 62~, hatte diese
-Marter erfunden, ~ut larga meri potione oneratos repente veretris
-=deligatis= fidiculorum simul et urinae tormento distenderet~.
-
-[258] =vernußbicklen= heißt demnach: fest unterbinden.
-
-[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses
-Namens.
-
-
-
-
-Das vierte Capitel.
-
- Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug
- der Courage.
-
-
-Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht
-auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet
-mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen
-hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen
-Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding
-hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des
-Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus
-zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche
-hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich
-antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige
-zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch,
-sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des
-Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich
-doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß
-derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung
-schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt
-und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche
-Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und
-unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret,
-als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete,
-sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da
-garint[261] rüra!«
-
-Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter
-Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und
-unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du
-must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder
-gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen
-oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien
-Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über
-die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.«
-
-Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget
-hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere
-ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen,
-neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr
-nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr,
-wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen
-lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem
-importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir
-vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden
-so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich
-auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann
-ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen
-zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich
-seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich
-die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.«
-
-Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich
-vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein
-dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung
-eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um
-Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine
-Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe
-andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig
-sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt.
-Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht
-tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche
-Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in
-meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich
-versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.«
-Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch
-bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen
-müssen.«
-
-Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob
-er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden.
-Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das
-Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung
-der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«,
-sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige
-unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur
-fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu
-hören verlange.«
-
-Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben,
-dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des
-fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.«
-
-»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr
-weiß, und schone meiner auch nit!«
-
-Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen
-wolte.
-
-»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen
-ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich
-aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu
-begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier
-gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation
-meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir
-hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des
-Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe
-ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn,
-welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht
-betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in
-eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel
-Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich
-dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück
-Wildbret vorhanden gewest wäre. Das höreten ihre Herren alsobalden
-und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf
-mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf
-einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild
-aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen
-die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich
-auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an
-die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber,
-Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß
-ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder
-von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein,
-sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen
-Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre
-Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder,
-und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die
-jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich
-habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also
-durchstreichen lassen!«
-
-»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer
-Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß,
-ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein
-prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen
-ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte,
-wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst
-vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste.
-Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie
-ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie
-hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas
-falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie
-mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn
-nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder
-Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem
-annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht
-häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und
-geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine
-Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen
-dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von
-Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher
-aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war,
-mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams
-an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war
-schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe
-mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie
-hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr
-langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich,
-weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich
-die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel
-seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt)
-überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund
-in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer
-Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant.
-
-[261] =garind=, grind, Kopf.
-
-[262] =belebten=, verlebten.
-
-[263] =spanischer Mantel=, ein schwerer Zuber mit einem Loch im
-Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem =steinernen Mantel=
-ist das Gefängniß gemeint.
-
-[264] Die ersten Drucke haben »von andern«.
-
-[265] =Krumm-Schiltach=, Baden, Oberrheinkreis.
-
-[266] =Stäuber=, Stöber, Spürhund; =Wind=, Windhund.
-
-[267] =Gejaid=, Jagd.
-
-[268] =bestäten=, bestätigen, das Vorhandensein eines Wildes an einem
-bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen.
-
-[269] =werklich=, spaßhaft, wunderlich.
-
-[270] =wie noch=, wie jetzt noch.
-
-[271] =Geschmelzte Arbeit=, Schmelz, Email.
-
-[272] =Zahlperlen=, die größten, die nicht nach dem Gewicht, sondern
-nach der Zahl verkauft werden.
-
-[273] =Serge=, deutsch Sarsche, leichtes Tuch.
-
-[274] =lustig=, reizend, hübsch.
-
-[275] =Aurach=, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon
-damals bedeutende Leinenindustrie.
-
-
-
-
-Das fünfte Capitel.
-
- Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.
-
-
-»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige
-Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon
-gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen
-und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner
-weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von
-den Leuten?»
-
-»Ich antwortet: «Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von
-Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine
-Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen
-Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.»«
-
-»«Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht
-ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich
-wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.»«
-
-»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß
-aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu
-halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten
-solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen,
-das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation
-der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir
-nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.«
-
-»«Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts
-schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen
-und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.»«
-
-»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd
-von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner
-war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald,
-da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl
-befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein
-Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach
-vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also
-nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein
-Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel
-unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich
-unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi
-Lebensbeschreibung hervor.«
-
-»«Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch
-handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir
-die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt
-schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen
-hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit
-genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter
-Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut,
-nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten
-schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet,
-alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides
-mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen
-Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene
-Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen,
-daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen,
-welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen
-mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit
-Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so
-er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen
-und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor
-welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht
-1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden
-vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein
-werde.»«
-
-Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die
-Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten
-meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr
-diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da
-sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit
-ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals,
-als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr
-selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen
-ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als
-im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd
-als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein
-Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich
-selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung
-folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die
-Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner
-Erzählung fort; was sagte sie ferners?«
-
-Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich
-solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung
-informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens,
-ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu
-lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren,
-und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine
-begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere
-Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem
-Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie
-wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach
-vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein
-müste.«
-
-»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu
-lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines
-hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den
-dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm,
-nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein
-einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam,
-die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen,
-Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde
-um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam
-Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die
-Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin
-selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das
-Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche
-Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an
-einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten.
-Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber
-zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten
-und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den
-Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als
-wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes
-Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und
-zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das
-Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder-
-und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über
-der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager
-aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd
-untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng:
-Wer selten reit &c.[286]«
-
-»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden
-und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde,
-alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und
-Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber
-nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287],
-Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß
-bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja
-ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht,
-als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber
-in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod
-zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth
-einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der
-uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem
-Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.«
-
-»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose
-Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt,
-oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder
-zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte
-eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses
-genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich
-mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt
-umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie
-überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290]
-selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch
-besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen
-Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden,
-sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen
-wird, bezogen haben will.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[276] =toll=, keck und auffallend gekleidet.
-
-[277] =angehen=, gelingen.
-
-[278] =einzig=, einzeln.
-
-[279] =Göttelgeld=, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe.
-
-[280] =Gewelsch=, Sprachverdrehen, von =welschen=.
-
-[281] =eitel=, (nicht anders als) durchaus.
-
-[282] =als=, stets, fortwährend.
-
-[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[284] Die =Murg=, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis
-entspringend, bei Rastatt mündend.
-
-[285] =untergeben=, zum Reiten geben.
-
-[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der
-A. weh.
-
-[287] =Rick=, Rück, Rücken, Höhenzug.
-
-[288] =Horb=, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
-
-[289] =Gernsbach= in Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[290] =Anacharsis=, ein Scythe, der auf seinen Reisen in
-Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit
-der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr
-wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen
-Götterdienst einführen wollte. Herodot, ~IV~, 76. Cicer. ~Tusc.~ B. 32.
-90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein
-Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten
-Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an
-den Schluß des vorhergehenden Satzes.
-
-[291] =verehren=, ~trans.~, um dem Herrn damit ein Geschenk zu
-machen.
-
-[292] =zu ihrer eigenen Hand=, in ihrem Namen.
-
-
-
-
-Das sechste Capitel.
-
- Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von
- der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.
-
-
-Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre,
-und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel
-ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in
-Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht
-gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese
-Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.«
-
-»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld,
-»oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die
-Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!«
-
-Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius
-war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns,
-enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum
-Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen
-kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher
-Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und
-Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel
-oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun
-gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so
-wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum
-Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen;
-aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu
-kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß
-ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter
-böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht,
-daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach
-vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich
-nur[297] selber wolte.
-
-Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den
-so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften
-dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit
-Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298],
-Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war
-Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen,
-die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten.
-Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel
-durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten
-Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich
-weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir
-waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei
-nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die
-ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten
-empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem
-allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil
-gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns,
-Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit
-sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten
-einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit
-ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war.
-Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte
-zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer
-und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden
-hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns
-ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar
-nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je
-nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn
-hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der
-Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.
-
-»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem
-hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch
-erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben
-so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo
-selbsten.«
-
-»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil
-Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit
-andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich
-dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage
-selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten
-findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz.
-Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit
-leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug,
-hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als
-vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich
-Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol!
-Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch
-noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch
-ein Zigeuner zu sein.«
-
-»«Mein Sohn», sagte sie, «wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist
-der Sach bald geholfen.»«
-
-»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.«
-
-»«Diß ist bald gelernet», sagte sie; «ich hab sie ehe als in einem
-halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne
-Beischläferin zum Heurath verschaffen.»«
-
-»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath
-gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu
-kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern
-zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch
-nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches
-das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen
-Eltern zu hoffen hätte.«
-
-»«Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn», sagte das Rabenaas
-weiters, «und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser
-Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann
-du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem
-allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen
-wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen,
-die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.»«
-
-»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr
-Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul
-machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto
-ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu
-bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306].«
-
-»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine
-junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste
-aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere
-bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks
-ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist,
-deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte
-sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich
-wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen
-lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage
-Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört
-hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser
-vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer
-andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der
-Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als
-ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer
-wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch
-an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an
-mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte,
-dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.«
-
-»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern
-kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir
-einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin
-klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich
-einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine
-Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend
-bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren
-lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte.
-Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte
-mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in
-ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer
-so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich
-gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition,
-daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und
-alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu
-solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein
-absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.«
-
-»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut
-und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht
-an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: «So, mein Sohn, ich
-sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.»«
-
-»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet
-ich. Sie aber sagte: «Beschaue deine Hände!»«
-
-»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine
-Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor
-die meinige erkante, sonder darvor erschrak.«
-
-»«Diese Salbung, mein Kind», sagte sie, «gilt bei uns so viel, als bei
-den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu
-auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.»«
-
-»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß
-sie hätten zerbersten mögen.«
-
-»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein
-zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder solte ich anders thun, als
-nach deren Willen mich zu accomodirn, in welcher Gewalt ich damals war?«
-
-»«Hei», sagte ich, «was geschneidts[310] dann auch mich? Vermeinet ihr
-dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? Höret nur
-auf zu lachen, und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll!»«
-
-»«Wann du wilt, wann du wilt», antwortet Courage; «doch der Gestalt,
-wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.»«
-
-»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit fertig, ohne[311]
-daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor, Diebsstück darzu
-hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeunerin worden.
-Derowegen begehrte ich gar höflich die versprochene Bezahlung. Sie aber
-sagte: «Ho, mein Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch
-wol kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.»«
-
-»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit
-halten solst? Und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen
-wolte, setzte und verordnete sie mich vor der ägyptischen Nation
-Obersten Secretarium durch ganz Teutschland und that Promessen, daß
-mein Heurath mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben
-würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben
-werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte,
-dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit ihrer
-gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte war kaum
-verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach samt Weib
-und Kind etwan selbdreißigst das Bielerthal herunter marschierten,
-auf welchem Weg Courage ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder
-auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren
-und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher
-Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der
-ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag
-marschierten wir vollends biß an den Rhein und blieben zunächst an
-einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen
-über Nacht, um den folgenden Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des
-Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande sich
-der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und seine Braut so
-gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als
-nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[293] =Blackscheißer=, Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, =Black=,
-Dinte.
-
-[294] =Kandel=, Bier- oder Weinkrug.
-
-[295] =enthalten von=, abhalten. Im Text steht »=vorm=«, dies würde
-nicht den richtigen Sinn geben.
-
-[296] =Ammeister=, Bürgermeister.
-
-[297] =nur=, die ältesten Ausgaben haben »mir«.
-
-[298] =Tabaksaufen=, wie im Französischen ~boire~, rauchen.
-
-[299] =ohne=, ausgenommen.
-
-[300] =Liegen=, Lügen.
-
-[301] =kläpfen=, vom oberdeutschen Schallwort »klapf«, »klapp«,
-klappen, knallen.
-
-[302] =dürfen=, brauchen.
-
-[303] =auf den alten Kaiser= (gleichsam auf den verstorbenen
-Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus ~III.~
-20: »auf den alten Kaiser dahin leben«.
-
-[304] =vortheilhaftig=, listig.
-
-[305] =das Maul machen=, die Miene machen, sich das Ansehen geben,
-so thun.
-
-[306] =sich abscheibeln=, abdrehen, sich davon machen.
-
-[307] =angehen=, anbeißen, ins Netz gehen, sich fangen lassen.
-
-[308] =gestältig=, fügsam, zuthunlich.
-
-[309] =Lucius Apulejus= aus Madaura in Afrika, geboren
-unter der Regierung Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in
-Karthago. Er schrieb: »~Metamorphoseon s. de asino aureo libri~«; ein
-liederlicher Jüngling Lucius, den Grimmelshausen mit dem Verfasser
-identificirt, wird in einen Esel verwandelt, aber in den Mysterien
-wieder zum Menschen neugeboren.
-
-[310] =geschneiden=, kümmern.
-
-[311] =ohne=, ausgenommen.
-
-
-
-
-Das siebente Capitel.
-
- Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung[312].
-
-
-»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte gnädig sein wollen,
-dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, daß mich diß lose Gesindel
-nit gar ermordet und mich im Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld,
-so ich noch zur Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld,
-was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, der ich
-doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel so wol als euch
-betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam kein Mensch, an den sie
-sich machen will, entgehen kan, wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn
-Simplicissimo beinahe selbst widerfahren wäre?«
-
-Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, guter Freund!
-Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!«
-
-»Mein«[313], antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der armen Tröpfin
-nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits ohnedas der
-Verdammnus nahe, biß über die Ohren im Sündenschlamm, ja allerdings
-schon gar der Höllen im Rachen steckt? Bete darvor ein paar andächtiger
-Vatterunser vor sie, daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu
-wahrer Buße bringen wolle!«
-
-»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie der Donner
-erschlüg!«
-
-»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere dich, wann
-du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, die sich zwischen
-deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege hinunterfallen[314]
-wolte.«
-
-Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?«
-
-Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen
-Seufzen[315].
-
-Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei
-überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit
-er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er
-antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund
-vergehet.«
-
-Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder
-samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste
-Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß
-besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub
-gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf
-Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch
-hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben
-solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und
-sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit
-ich mich ernähre!«
-
-Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen.
-Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin
-Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere
-Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf
-offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen.
-Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen
-Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen
-drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio:
-»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?«
-
-Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du
-wilt, so lasse sehen, was du kanst!«
-
-Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu
-agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4,
-5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem
-Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die
-Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte
-mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen
-Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der
-Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben
-Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor
-Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen.
-
-Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem
-Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius
-zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein
-Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen,
-aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor
-Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles
-natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen,
-als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen
-dessentwegen befinden werden.«
-
-Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem
-Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen
-eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe
-da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein
-Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?«
-
-Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen,
-er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es
-ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden
-würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum.
-Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen.
-
-»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als
-Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein
-Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß
-wieder hinaus.«
-
-Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er
-dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern
-nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander
-Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch
-in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im
-Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames.
-
-»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir
-lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir
-aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts
-taugen; sie müssen wieder fort.«
-
-Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand
-im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen
-ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes
-Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm
-und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat
-entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch
-aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen,
-wird mein sein.«
-
-Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300
-zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So
-muß man diese Kerl aufheben.«
-
-Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe
-darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im
-Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er:
-»Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten
-wieder weg.«
-
-Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem
-Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er
-könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste,
-daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden.
-
-»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.«
-
-Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte,
-und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-,
-Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts
-als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs
-auch wol unterweg können lassen.«
-
-Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete.
-Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt
-deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch
-das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.
-
-»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser
-Narren wieder los bin worden!«
-
-Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322].
-Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen
-was ihr könnet!«
-
-Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst
-nichts als Trinkgeschirr.
-
-»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und
-ich mache gern Gesegne Gott.«
-
-Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht,
-mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch
-auch bald zu theil werden soll.«
-
-Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken,
-welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das
-Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel
-Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser
-genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein.
-
-Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert
-darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.
-
-»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine
-glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in
-dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten
-halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen
-trefflichen Urkunden geholfen hat.«
-
-Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein
-Ende.
-
-Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen
-und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt,
-sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol
-kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben
-auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein
-Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich
-ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und
-seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so
-roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien
-Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich
-ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor
-Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in
-Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer
-Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor
-Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet
-werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr
-ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den
-allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken
-sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie
-gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.«
-
-Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll
-Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas
-einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier,
-davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche
-Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes
-gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen,
-verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er
-allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste
-aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese
-geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der
-Wein verwunderten.
-
-»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit
-dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß
-dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen
-zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem
-spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein,
-den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat,
-lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von
-diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr
-feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen
-halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig
-Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla
-mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum
-Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens
-gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen
-und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein
-vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe
-ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert
-und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil
-Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen.
-
-Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein
-Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326],
-giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die
-4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte
-und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen.
-
-»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich
-ernähre?«
-
-»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich
-sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du
-mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein
-spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[312] =Losung=, Erlös, Einnahme.
-
-[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~.
-
-[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die
-Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine
-Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied
-dazwischen.
-
-[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer.
-
-[316] =Knan=, Vater.
-
-[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender«
-befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.
-
-[318] =der Umstand=, die Umstehenden.
-
-[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen.
-
-[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu
-steigen.
-
-[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel.
-
-[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben.
-
-[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.
-
-[324] =rahn=, rahnig, dünn.
-
-[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der
-Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl.
-Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6.
-
-[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben
-wollte.
-
-[327] =Rabbi=, Meister.
-
-[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel,
-gebraucht wie Pfifferling.
-
-
-
-
-Das achte Capitel.
-
- Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst
- lernete.
-
-
-»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar
-ein ungeschliffen Maul!«
-
-»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe
-nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«
-
-»Wie ist dir dann?« fragte jener.
-
-»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte,
-du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen
-trefflichen Lehrmeister gehabt.«
-
-»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch
-festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch
-ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so
-böse Gedanken von mir zu machen?«
-
-»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen
-genugsam gesehen.«
-
-Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß
-du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol
-noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften,
-wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon
-du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und
-Verblendungen hältst.«
-
-»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das
-Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und
-Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und
-behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.«
-
-»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme
-mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die
-4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch
-laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut
-Geld gelöst.«
-
-»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine
-Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?«
-
-Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern?
-Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur
-deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!«
-
-Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den
-Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und
-bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch
-wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte.
-
-»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner
-Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich
-zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe
-oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen
-Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht
-zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine
-alte Possen und Grillen übe?«
-
-»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte
-Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann
-sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben
-gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu,
-wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott
-das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in
-deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin
-ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen,
-mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar
-füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen
-köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter
-abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und
-Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet
-und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast
-geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere
-Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht
-einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch
-nicht an unsere Bekehrung gedenken.«
-
-»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld,
-das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster
-oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit
-beraubte.«
-
-Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine
-vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der
-Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes
-verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich
-beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich
-der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der
-Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein
-spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«
-
-Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor
-die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern
-zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch
-auf deine Erinnerung bedenken wolle.«
-
-Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz
-befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden,
-also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine
-Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er
-zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei
-oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem
-Mark mit dem Buch üben sahest?«
-
-Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich
-dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«
-
-»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der
-dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich
-auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was
-ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte
-Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder
-ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die
-Kunst nit wirst üben können.«
-
-Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er
-sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet:
-»Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so
-erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der
-Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand
-Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen,
-so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg
-zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor
-Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich
-auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei
-den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich
-damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor
-grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden;
-bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei,
-und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß
-diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der
-Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen.
-Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift
-nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige,
-Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer
-und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß
-dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen
-Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse.
-Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern
-vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit
-nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die
-allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt
-durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus
-gebracht werden.«
-
-»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel;
-wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«
-
-Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu
-auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch
-umgehen sollest.«
-
-»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«
-
-»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon
-selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen
-gedenken sollest.«
-
-»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler
-und wäre dieser Obligation ledig.«
-
-Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun;
-nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches
-zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds
-werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den
-geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du
-dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht,
-du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir
-gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«
-
-Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir
-fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen
-Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter,
-das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit
-Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich
-mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine
-schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen
-verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir
-vor solche Kunst haben willst.«
-
-Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld
-alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte
-ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich
-auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage
-hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt
-gemein zu machen[331]
-
-FUSSNOTEN:
-
-[329] =da=, in den Ausgaben steht als Druckfehler »=das=«.
-
-[330] =Wahns=, alle Ausgaben haben: »wann«.
-
-[331] Vgl. den Anhang.
-
-
-
-
-Das neunte Capitel.
-
- Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben
- wolte.
-
-
-Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und
-Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich
-wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste
-so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter
-Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um
-dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht,
-daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht
-geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um
-den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern
-ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam
-auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als
-welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft
-vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings
-wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder,
-der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er
-sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich
-einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.
-
-Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge
-Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht,
-ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und
-gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich
-nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero
-setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich
-abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu
-fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte,
-Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark
-damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe
-er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr
-haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches
-nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er
-solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog
-alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter
-vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß
-weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen,
-und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen
-Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und
-zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften
-zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten)
-durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte
-er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten),
-zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das
-Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun,
-seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.«
-
-Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit
-wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius
-gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er
-gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so
-wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.
-
-Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei
-welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte
-und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten.
-Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein
-Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem
-einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit
-herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu
-schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe ~Grobiani~ zu sein
-pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern
-Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, ~mores~ zu lernen, so
-daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene
-Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß
-setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen
-löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still,
-nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert
-er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen
-staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen
-verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so
-unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen,
-als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter
-ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin,
-der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits
-oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie
-zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer
-Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel
-zu sehen pflegt.
-
-Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also
-haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine
-Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der
-Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht
-beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen
-der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken
-behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß
-er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte.
-Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns
-an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen
-vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem
-jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen
-munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er
-an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft,
-und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte.
-Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo
-er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre,
-ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und
-etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und
-zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c.
-
-»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen
-müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel
-zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen;
-gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete
-es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die
-Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der
-flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen
-Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst
-nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter
-kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar
-genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters
-und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen
-ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun
-hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist
-auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab;
-und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung
-beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit
-unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und
-wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und
-daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht
-auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und
-Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.«
-
-»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in
-deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte,
-die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und
-Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im
-Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen.
-Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig
-würdest?«
-
-»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß
-nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr
-an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der
-Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und
-zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt
-ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige
-daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß
-nehmen.«
-
-»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so
-wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.«
-
-»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs
-mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann
-verbrennte Kinder das Feur förchten.«
-
-Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?«
-
-»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein
-güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem
-Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht
-meine Ehefrau.«
-
-»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden;
-denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine
-etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die
-treulich mit dir hausen werde?«
-
-Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; gleichwol aber
-ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen
-pflegt, theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten,
-die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche
-Ausgaben, dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben,
-zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist
-nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit
-mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch
-an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen. Soll sie
-mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem
-Kuchengeschirr herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders
-das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und
-Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth säubern läßt?
-Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen
-wird (welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn
-begehre), wann nämlich eins krank, das ander gesund, das dritte faul,
-das vierte muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst
-widerspenstig, ungehorsam und nichts nutz ist?«
-
-Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines
-rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst von dem heiligen,
-von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegneten
-Ehestand weit anderst reden. Und gleich wie eine fromme, tugendhafte
-Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Manns ist, also
-verdrüßt dich, daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt
-hat.«
-
-»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du kanst bei deinen
-Biren wol merken, wann andere zeitigen[338].«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[332] =neuangestandener=, neu eingetretener.
-
-[333] =stürzen=, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben.
-
-[334] =Freundschaft=, Verwandtschaft.
-
-[335] =lieber=, ~interj.~, ~quæso~.
-
-[336] =Stamm=, Abstammung, Stand.
-
-[337] =aus dem Geschirr schlagen=, wie: über den Strang schlagen.
-
-[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern
-ergeht.
-
-
-
-
-Das zehnte Capitel.
-
- Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.
-
-
-»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, sagte Simplicius,
-»seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht anders oder eine zu
-heurathen persuadirn können; hingegen aber möchte ich wol von dir
-vernehmen, wo du gebürtig, wie du in Krieg kommen und wie es dir
-bißhero darinnen ergangen, biß du aus einem so tapfern Soldaten zu
-einem solchen elenden Stelzer worden seiest.«
-
-Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, deinen
-eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck vor Augen zu
-legen, so werde ich mich auch nit schämen, den meinigen hier im
-Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits offenbar sein soll,
-was zwischen mir und der Courage vorgangen, die gleichwol uns beide,
-wie ich vernehme, mit einander verschwägert. Jetzt höre dann deines
-Schwagers Ankunft.«
-
-»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von hohem altem
-Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter Vatter aber ein
-albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben von schlechter
-Ankunft[339] und geringen Mittlen gewesen. Als dieser mit einem zahmen
-Löwen und einem Dromedari in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern
-gewohnet, herum zohe[340] und beides diese Thier und seine Kunst
-um Geld sehen ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein
-junges Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit
-so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie mit
-Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern ein Stück Geld
-auszufischen und mit besagtem meinem Vatter wider ihrer Eltern Wissen
-und Willen darvonzuziehen. Und solches hat ihr auch zu ihrem Unglück
-geglückt, unangesehen sie einander aufrecht[341] geehlicht. Also wurde
-meine Mutter aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende
-Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst die erste
-und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein Vatter, da ich kaum
-geboren worden, von einem Seil herunter stürzet und den Hals zerbrach,
-durch welchen leidigen Fall meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib
-wurde.«
-
-»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder heimzukehren,
-ohne daß sie sich damaln auch über die hundert Meilen von denselbigen
-im Dalmatia bei einer Compagnie Comödianten befande; hingegen war
-sie schön, jung und reich und hatte dannenhero unter meines Vattern
-hinterlassenen Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe,
-der war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen
-Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe mich auf, biß
-ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich alle ~principia~
-seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, Geigen, Pfeifen, beides
-auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus der Taschen spielen, durch den
-Reif springen und andere seltzame Aufzüg und närrische Affen-Posturen
-machen, also daß ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und
-das ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction
-angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und schreiben, griechisch
-reden von meiner Mutter und sclavonisch von meinem Vatter. So begriffe
-ich auch mithin in Steyr, Kärnten und andern angrenzenden teutschen
-Provinzen um etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum in
-Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich gedachter
-mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um keine 1000 Ducaten
-verkauft hätte, wann gleich alle Tag Jahrmark gewesen wäre.«
-
-»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils in
-Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen[342], Walachei,
-Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, Böhmen, Ungarn, Steyr
-und Kärnten herummer; und da wir in diesen Ländern viel Geld
-aufgehoben[343] hatten und mein Stiefvatter willens war, seines Weibs
-Eltern auch zu besuchen (als vor denen zu erscheinen er sich nicht
-scheuete, weil er sich gar einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie
-ein Graf aufziehen konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria[344]
-in Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia und
-Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo dann meiner Mutter Eltern
-sich befanden.«
-
-»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein Vatter seine Kunst
-auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen lassen, oder vielmehr
-dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning schätzen[345], als
-welche damal in völligem Flor und Reichthum stunde. Wir kehrten
-daselbst zu solchem Ende ein, und zwar nicht in der Kirchen, sonder
-unserer Gewohnheit nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir
-blößlich[346] eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin,
-um Consens anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde
-Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. Es wurde
-erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten ward, wurde ich samt
-meinem Stiefbruder, der mir weder in Dexterität unserer Kunst noch
-in andern Stücken bei weitem nicht zu vergleichen, mit einem Reif,
-einer Gaukeltaschen und andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob
-ich nicht auf den Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld
-verdienen könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- und
-Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng Freud und Lust zu
-machen; aber ach! ich gelangte an ein Ort, das alles meines Jammers,
-Elends und eignen Unlusts ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe
-außer dem Hafen segelfertig auf der Reide[347] lagen, die nur auf guten
-Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien
-albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu führen, sihe, da
-geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, weil wir durch einen
-der Ihrigen im Nachen[348] überredet worden waren, es würde daselbst
-ein trefflich Trinkgeld setzen, maßen uns auch derselbige Nache mit
-überführte. Wir hatten unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus
-Mitternacht ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer
-in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die Segel,
-nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich und meinen Bruder
-das Schiffen wider unsern Willen erdulden. Jener thät, als wolte er
-verzweifeln; ich aber ließe mich noch trösten, nicht allein darum, weil
-ich von Natur alles gern auf die leichte Achsel nehme, sonder auch,
-weil mir der eine Rittmeister, der sich ganz in meine Gestuosität[349]
-verliebt, gleichsam güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben
-und sein Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol
-gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die
-Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann sie nicht geliefert
-wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit ihnen eine Seeschlacht
-angehen oder einen Krieg anfahen würden. Derowegen gab ich mich nur
-desto geduldiger drein, genosse es auch besser als mein Bruder, welcher
-sich dergestalt kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia
-abfuhren, alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.«
-
-»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so fort zu Land
-durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins Land von Lützenburg, und also
-in die Spanische Niederlande, alwo wir neben andern Völkern mehr unter
-dem berühmten Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um
-dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich war
-noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen Muthwillen zu;
-ich wurde weder durch strenges Marschiern noch andere Kriegsarbeiten
-abgemattet; so wuste ich auch noch nichts vom verdrüßlichen
-Schmalhansen, als welcher damals bei weitem noch nicht so bekant bei
-unser Soldatesca war, als er sich nachgehends im teutschen Krieg
-gemacht hat, in welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben
-kennen lernen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[339] =Ankunft=, Abkunft.
-
-[340] =zohe=, altes ~præt.~ zu ziehen, zog.
-
-[341] =aufrecht=, ~adv.~, aufrichtig, ehrlich.
-
-[342] =Wossen=, Bosnien.
-
-[343] =aufheben=, erheben, einnehmen.
-
-[344] =Histria=, Istria.
-
-[345] =schätzen=, in Contribution setzen, brandschatzen.
-
-[346] =blößlich=, bloß, nur.
-
-[347] =Reide=, Rhede.
-
-[348] =Nache=, Boot.
-
-[349] =Gestuosität=, Beweglichkeit; ~gestuosus~ kommt bei Apul. vor.
-
-
-
-
-Das elfte Capitel.
-
- Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.
-
-
-»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, wie denjenigen,
-so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so einmal zu solcher
-unseligen Congregation gelangen, schwerlich oder wol gar nit mehr
-darvon kommen können, also gehets auch dem mehrentheils[350] von
-den Soldaten, welche, wann sie gut Sach haben, nicht aus dem Krieg
-begehren, und wann sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen
-können. Von denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners
-gedulden müssen, biß sie entweders durch eine Occasion[351] bleiben
-oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, könte man
-darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte;
-von denen aber, so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder
-unnützlich verschleudern, kan man gedenken, daß ihnen der gütige
-Himmel nicht gönne, sich ihr großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das
-Sprichwort wahr zu machen:
-
- So gewonnen,
- So zerronnen.
-
-und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen wieder fort.«
-
-»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche
-denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und derselbigen muß
-ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, der berühmte Tilly,
-nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kränzels, seine
-Unterhabende[352] aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt
-gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner Soldat von den Seinigen eine große
-Beut von Baarschaft, so in lauter Geldsorten bestanden, erobert
-und alsogleich wieder mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu
-erfahren, ließe er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem
-unglückseligen Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene und
-wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von andern vernommen
-(etliche sagten wol von 30000, andere von weit mehrern Ducaten), sagte
-der Graf zu ihme: Du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug
-haben und wie ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber
-hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch
-zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem Kaiser nutz
-zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, der sonst den Ruhm
-eines Soldatenvatters gehabt, daß dieser Kerl als eine unnütze Last
-der Erden in freien Luft gehenkt werden solte, welches Urtheil auch
-alsobalden vollzogen worden.«
-
-»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit[353] der
-Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat über
-20000 Ducaten ~in specie~ darin erwischt, solche aber bald hernach
-auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches dem Königsmark
-gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch diesen Soldaten vor sich
-kommen ließe, um ihn erstlich zu sehen und ihm alsdann nach Erkundigung
-der Wahrheit ebenmäßig obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu
-lassen, wie er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach[354].
-Als aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er mit
-einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können mich mit
-Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen lassen, weil ich
-Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine größere Beute zu erhalten.
-Diese Antwort, welche vor ein Omen gehalten wurde, erhielte dem guten
-Gesellen zwar das Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut,
-vielweniger den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu
-hart bedrängt wurde.«
-
-»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem Holtzischen
-Regiment[355] zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne Zweifel den
-sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen oder doch wenigst viel
-von ihm gehöret haben. Er war bei besagtem Regiment ein Musquetierer,
-und kurz vorm Friedensschluß trug er eine Pique, wie ich ihn dann in
-solchem Stand und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd
-hinten und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand
-der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem geriethe in
-dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller französischen
-Duplonen ein solche Beut in die Hände, daß er selbige schwerlich
-ertragen, weniger zählen und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz
-seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät
-dieser liederliche Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall[356]
-seines großen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt
-und Vestung[357] der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus
-Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach so viel
-erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen lassen; daselbst
-staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und lebte täglich wie ein
-Prinz, der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat; er hielte zween
-Kutscher, zween Laquaien, zween Page, ein Kammerdiener in schöner
-Liberei, und nachdem er sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen
-Pferden versehen, reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes
-über die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte,
-die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren zubrachte
-und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich den Obristen Lumpus
-nennete. Solches herrliche Leben währete ungefähr sechs Wochen,
-in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister, der General von
-Holtz[358] auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte,
-weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er
-zu seiner Hinkunft zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich,
-daß ein fremder Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem
-er zu weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck
-Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel zu
-discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als dem großen
-Atlante[359] sowol alle Weg und Steg, Wälder und Felder, Berge und
-Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle adeliche Familien des
-Römischen Reichs bekant waren, als fragte er nur nach dieses Cavaliers
-Namen. Als er aber verstunde, daß er sich den Obristen Lumpus nennete
-und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten
-von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er ein Begierde,
-mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen. Er
-fragte den Wirth um seine Qualitäten, und da er verstunde, daß er
-zwar sehr gesellig, eines lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit
-selber, doch aber von wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto
-größer. Derowegen verfügte[360] er mit dem Wirth, des Lumpi Consens
-zu erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen
-möchte.«
-
-»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen und bei dem
-Confect in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine
-göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. «Mit diesem Tractament»,
-sagte er zu seinem Obristen, «wollen euer Excellenz verlieb nehmen
-und meiner dabei im besten gedenken.» Der von Holtz verwundert sich
-über diß Anerbieten und antwortet, daß er nicht wisse, womit er
-ein solch Präsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig
-würde verdienen können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches
-anzunehmen. Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen;
-er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in deren ihr Excellenz
-selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung zu thun obligirt sei,
-und alsdann verhoffe er hinwiederum von seiner Excellenz eine Gnad
-zu erhalten, die zwar keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber
-erkennen könte, daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun
-dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als jemanden
-versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger,
-sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil es Lumpus überein[361]
-so haben wolte, mit courtoisen[362] Promessen, solches auf begebende
-Fäll zu remeritirn.«
-
-»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er passirte nie bei
-keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, die ihm zu Ehrn ins
-Gewehr stunde, ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf,
-und also machte ers überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein
-reicher Herr zu erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle
-Tag den Wirth aus[363], ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller
-abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert hätte.
-Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also wurde er auch
-mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, wie ich schon erwähnet,
-in sechs Wochen. Darauf versilbert er Kutschen und Pferd; das gieng
-auch bald hindurch. Endlich musten seine stattliche Kleider samt
-dem weißen Zeug daran; das jagte er alles durch die Gurgel. Und da
-seine Diener sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander
-ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da er
-nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich in einem
-schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, schenkte ihm
-der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld bei ihm verzehret
-hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, biß solche auch allerdings
-wiederum verzehret waren. Der Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol
-begraset, oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht,
-oder anderer Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit
-Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, biß er
-selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig war, schenkte ihm der
-Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum Zehrpfennig auf den Weg; er aber
-antwortet, weil es Zehrgeld sein solte, so wolte ers lieber bei ihm
-als einem andern verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum
-biß auf den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit
-wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch 5 Reichsthaler
-gab, sich damit fort zu machen. Und den er zuvor ihr Gnaden genennet
-und anfänglich unterthänlich willkommen sein heißen, den muste er damal
-dutzen, wolte er anders seiner los werden; dann als er sahe, daß er
-auch diese letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem
-Gesinde, daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. Da er
-nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu quittirn, sihe,
-da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen das noch übrige
-kleine Fünklein seines großen Schatzes vollends mit Bier. Folgends kam
-er wiederum bei Heilbrunn zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in
-die Eisen geschlossen und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei
-acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. Wolte nun
-der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des
-Stricks entübrigt sein, so muste er sich wol seinem Obristen, den er
-deswegen stattlich verehret, offenbaren, welcher ihn auch alsobalden
-von beiden befreien ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er
-so viel Gelds so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts
-antwortet, als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein
-Tag nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zu
-Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte er auf solche Weis
-durch seine Beut erfahren müssen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[350] =mehrentheils=, ~adv.~, wie »theils« von Grimmelshausen öfter
-als Substantiv gebraucht.
-
-[351] =Occasion=, Treffen, Gefecht.
-
-[352] =Unterhabende=, Untergebene.
-
-[353] =die kleine Seit=, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.
-
-[354] =zusprechen=, zuerkennen.
-
-[355] =dem Holtzischen Regiment=, vgl. S. 178, Anm. 1.
-
-[356] =Anfall=, das Zufallen.
-
-[357] =eine Stadt und Vestung=: Ingolstadt, auf welches der
-König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte;
-dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.
-
-[358] =Georg Friedrich von Holtz=, ein »Soldat von Fortun«,
-stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von
-Baiern; starb 1666.
-
-[359] =dem großen Atlante.= Es ist hier nicht der mythische
-Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten
-Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208.
-
-[360] =verfügen=, ausmachen, verabreden.
-
-[361] =überein=, durchaus.
-
-[362] =courtois=, höflich.
-
-[363] =auszahlen=, voll bezahlen.
-
-
-
-
-Das zwölfte Capitel.
-
- Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item
- wie ihn ein Baur zaubern lernet.
-
-
-Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern
-erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus:
-»Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als
-die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den
-Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat
-und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser
-Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren,
-welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den
-Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?«
-
-Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann
-ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener
-gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und
-gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem
-aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides
-Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man
-auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.«
-
-Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im
-Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg
-unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor,
-wie es dir selbst gangen.«
-
-»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen,
-wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des
-nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist
-diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius
-Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut
-überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt
-brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich
-darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua
-retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft
-des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt,
-aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck
-empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit
-Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu
-verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich
-mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365]
-der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als
-sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen
-marschierte.«
-
-»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und
-gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die
-~Tirones~[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen
-ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen
-aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor
-gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber
-nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder
-austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil
-es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto
-tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine
-Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet
-und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied
-dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch
-mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich
-dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen,
-daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen
-dörfte.«
-
-»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main
-schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen
-in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig
-Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und
-nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich
-kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden,
-Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu
-helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst
-willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt,
-allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So
-kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In
-der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch
-ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich
-ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten
-oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369]
-genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370],
-den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel
-zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als
-welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich
-wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin
-den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals
-etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in
-ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte,
-übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm
-Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein
-paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371]
-Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger
-Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich
-im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener
-Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht
-darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der
-Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo
-sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein
-nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das
-Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden
-zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem
-Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen,
-einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war
-so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm
-die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte
-ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte
-auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde,
-sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er
-ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde,
-wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch
-sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf
-mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag
-und sagte: «Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi
-segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken
-Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler
-gewen.»«
-
-»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern
-Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit
-ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum
-Bauern: «Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier,
-daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich
-kan ausrichten.»«
-
-»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem
-Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil
-er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen
-wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu
-kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt
-und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier
-ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und
-großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich
-beherrschten.«
-
-»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt
-und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem
-Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie
-auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte,
-zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu
-solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376]
-zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377]
-und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich
-fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum
-erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein
-Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge
-wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen,
-der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb,
-mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister
-gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide
-verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und
-nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen
-auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein
-Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste
-ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen,
-so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche
-auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden:
-«Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören
-und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General
-Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er
-verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige
-Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.«
-
-»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte
-ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei
-Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst
-bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische
-Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde,
-antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme,
-gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein
-liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.«
-
-»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber
-konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.«
-
-»«O Bruder», sagte er auf Böhmisch zu mir, «du bist wol ein Schalk,
-die Leute zu äffen.» Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: «Und
-du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht
-verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher
-Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.»«
-
-»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht
-hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er
-nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm
-Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so
-viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich
-beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch
-bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen
-Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich
-solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen
-unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch
-wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt
-seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[364] =Frankenthal=, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der
-Esenach, mit einem Kanal zum Rhein. =Don Gonsales von Cordua= wurde
-vom Mansfelder gezwungen, die Belagerung aufzuheben.
-
-[365] =gegen=, entgegen.
-
-[366] =~Tirones~=, Rekruten.
-
-[367] =Stattlo=, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk
-Münster.
-
-[368] =Salva Guardi=, ~sauvegarde~, Schutzwache.
-
-[369] =hürnen Seifrid=, nach dem bekannten Volksbuche.
-
-[370] =Banddegen=, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen.
-
-[371] =übrig=, überflüssig, reichlich.
-
-[372] =welche=, einige, manche.
-
-[373] =der Cimbrier Chersonesus=, Jütland und Schleswig-Holstein.
-
-[374] =Potthast=, im nördlichen Deutschland noch jetzt gebräuchlich,
-sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch.
-
-[375] =tröge=, trocken, gedörrt, geräuchert.
-
-[376] =enmits over Deelen=, mitten über die Dielen.
-
-[377] =Pentalpes= oder =Pentaples=, vielleicht für Pentagramm,
-Drudenfuß.
-
-[378] =dump=, =dümper=, dumpf.
-
-[379] Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die
-Rede. Vgl. über diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte.
-
-
-
-
-Das dreizehnte Capitel.
-
- Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter
- den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen und
- endlich ein Freireuter worden.
-
-
-Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung zuhörete,
-ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bistu
-gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger
-gewesen!«
-
-»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet ihr
-euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem
-Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige Thierer sein und darzu keine
-kranke, wann ich sie würdigen solte, selbige mir zuzuschreiben. Und
-zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich
-annahm zu Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel
-rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie
-allesamen mit den Schwänzen an die Hörner zusammen gebunden wären, sie
-gewißlich von hier biß auf euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen
-er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein
-soll. Was vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein
-und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß ich vor dem
-großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und
-Enten, zu gedenken?«
-
-»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das
-Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort
-des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich,
-deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Bettlen ernähren müssest.«
-
-Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen[380] und sagte:
-»Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius hats kein Haar
-besser gemacht und gleichwol noch seine beide Füße übrig, woraus ihr
-genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und
-ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen,
-daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut
-auch seinem Beruf nicht genug.«
-
-Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn
-schon darum geben, dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam
-gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zu werfen.«
-
-»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem
-alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also
-lautet:
-
- So bald ein Soldat wird geboren,
- Sein ihm drei Bauren auserkoren:
- Der erste, der ihn ernährt,
- Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert,
- Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt.
-
-»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen
-Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme
-Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, beides schuldige und
-unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sonder auch ihre
-eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie
-nur zukommen können.«
-
-Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war halt Gaul als
-Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten
-Schelmen und hingegen diese von jenen Diebe genant, so daß diesen Reden
-nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und
-dannenhero war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene
-aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du
-vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo
-du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.«
-
-»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, das Rabenaas,
-aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wolte, wann es nicht
-die Folge meiner Histori erfordert. Zu dieser Vettel kam ich, nachdem
-ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld
-ledig gemacht hatte. Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder
-ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr
-darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so sich
-zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen.
-Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf
-entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich mag einmal mein eigne
-Guckgaucherei[381] nit selbst ausblasen, sonder es ist mir genug,
-wann ich glauben muß, sie werde meiner so wenig als deiner verschonet
-haben. Diß ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende
-Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als
-ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt,
-von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu werden,
-wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in
-den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und
-Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt[382] und fertig, und
-in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar ~insationabilis~[383],
-daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran
-gethan, wann er ihr zu Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals
-gehenkt und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte.
-Diese Unholde[384], als sie meiner müd worden, brachte beides durch
-Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie
-saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittirn muste.
-Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit,
-hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich große Angst
-ausstunde, biß ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.«
-
-»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter
-dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische,
-folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich
-daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts
-ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst
-wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen
-ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen
-ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden
-Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere
-Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem
-Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer
-vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen,
-welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen,
-als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem
-Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte,
-dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich
-auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden
-möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber
-wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er
-noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich,
-zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor
-Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders
-nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der
-einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen
-Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten
-kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen
-werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem
-Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor
-sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der
-einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe
-mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen,
-daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.«
-
-»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden
-überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so
-lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte.
-Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der
-alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von
-Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen
-Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu
-Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin
-wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den
-Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich
-genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil
-von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und
-englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein
-voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich
-zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen
-den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer
-Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und
-langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig
-gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.«
-
-»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe
-wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen,
-daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz
-lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison
-zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens
-Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt
-hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm,
-sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den
-Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er
-mich entließe.«
-
-»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich
-und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor
-einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment,
-darunter ich gehörte, gelangen möchte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[380] =einen großen Schallen=, so wird zu lesen sein statt
-»Schollen«: lachte, daß es laut schallte.
-
-[381] =Guckgaucherei=, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).
-
-[382] =abgeführt=, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.
-
-[383] =~insationabilis~=, Springinsfeld will sagen ~insatiabilis~,
-unersättlich.
-
-[384] =Unholde=, Unholdin, Hexe.
-
-[385] =wider=, die Drucke haben »unter«.
-
-[386] =creirt=, geschaffen, bestimmt.
-
-[387] =zu uns genommen=, gefangen genommen.
-
-
-
-
-Das vierzehnte Capitel
-
- erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück.
-
-
-»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, der
-nach diesem glücklichen Streich in Westphalen herum fuhr wie eine
-Windsbraut, und das war ein Leben vor mich, dergleichen ich mir
-vorlängst eins gewünscht hatte. Als er die Städte Lemgau[388], Herfort,
-Bielefeld und andere um Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort
-die Dörfer und Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen,
-setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier mit seinen
-vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von Lüneburg putzten,
-folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit und schaffte mir
-desto mehr Raubs. Vor Stade, alwo wir den schwedischen General Todt
-hinweg schlugen und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg,
-bekam ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene
-Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht so viel
-Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen Roßhändler hätte
-ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld und Glück zugleich mit
-vermehrte, fieng ich an zu gedenken, ob ich nicht auch ein Officier
-abgeben würde.«
-
-»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr einlegten, außer
-daß wir die Holländer aus ihren Schanzen vor Mastricht nit schlagen
-konten. Den Hessen und den Bavadis[389] berupften wir gleichsam wie
-wir wolten, und den Lüneburger, der Wolfenbüttel einzunehmen sich
-bemühete, lehreten wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das
-braunschweigische Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber
-Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem Wallensteiner
-und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu einer Hochzeit, in welcher
-aber beiderseits allertapferste Helden und berühmteste Generalen ihrer
-Zeit gleichsam mitten in ihrem Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit
-Myrrhen und Rauten[390] bekrönet worden.«
-
-»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus und unser berühmte
-Pappenheimer, beide ritterlich streitend, ihr Leben zu =einer= Zeit
-in =einem= Flügel gelassen, wie dann der Graf kaum eine viertel oder
-halbe Stund länger als der König gelebt haben soll, sihe, da erhub
-sich ererst die wüthende Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten.
-Jedwedere Seite stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche
-Maur, und was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den
-entseeleten Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß an den
-Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen[391] sie mit
-zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet worden, eine
-sonderbare Kraft und Würkung empfangen, beides die auf sich habende
-Todte und Lebendige zu demjenigen anzufrischen und zu entzünden,
-was ein rechtschaffner Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten
-schuldig, maßen beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß
-die stockfinstere Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger
-streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.«
-
-»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends in
-Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil die Kräfte nit
-hatte, uns zu jagen; und da ichs beim Liecht besahe, wurde ich gewahr,
-daß ich in der Schlacht meinen Knecht und bei der Bagage meinen Jungen
-samt allem, was ich vermocht[392], verloren. Den letztern Schaden
-zwar hatten mir unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches
-auch andern mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel
-aufgeknüpft worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.«
-
-»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der Anfang und
-gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen Unglücks, das noch
-länger bei mir continuiren solte; dann nachdem mich die Altringische
-erkanten, muste ich wieder unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein,
-worunter ich mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher
-Gestalt hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder weil
-ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon gebracht, so
-war auch die Hoffnung pritsch[393], ein Officier zu werden.«
-
-»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen und Kempten
-einnehmen und den Schwedischen Forbus[394] striegeln helfen, in allen
-diesen dreien Occasionen aber kein andere Beut als die Pest an Hals
-bekommen, und zwar allererst als wir mit dem Wallenstein in Sachsen
-und Schlesien gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben
-an dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in
-unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche Zufäll
-betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich Wunder, daß dem
-einen und andern der Lust in Krieg zu ziehen nit vergehet. Aber viel
-ein mehrers verwundert mich, wann ich sehe, daß alte Soldaten, die
-allerhand Unglück, Leiden und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum
-öftern ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht
-quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne[395], oder
-ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen
-und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine Art einer sonderbaren
-unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; schätze wol, es seie ein Art
-derjenigen Thorheit, damit sich die Hofleute schleppen, welche dem
-Hofleben, darwider sie doch täglich murren, nicht ehender resigniren,
-als biß sie solches mit ihres Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie
-wollen oder wollen nicht.«
-
-»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit unserer Contagion
-behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, der unsers Gelds gleichwie
-wir seiner Arzneimittel bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so
-das ander mangelte, wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm
-und wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, die
-ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich[396] nach dem
-andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und als wir wieder
-zu reuten getrauten, machten wir sich auf den Weg, uns durch Mähren
-in Oesterreich zu begeben, alwo unser Regiment gute Winterquartier
-genosse.«
-
-»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. Wir beide
-Schwache und noch halb Kranke wurden von einer Rott Räuber, die wir
-mehr vor Bauren als Soldaten hielten, angegriffen, abgesetzt[397],
-biß auf die nackende Haut ausgezogen und noch darzu mit Stößen übel
-tractirt, und konten schwerlich unser eigen Leben und vor unsere
-Kleider etwas von ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der
-damaligen grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel
-mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet
-gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren war. Ich
-hatte noch etliche Gleich von meiner göldenen Kette verschluckt: darauf
-bestund all mein übriger Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen
-der Teufel gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen,
-biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste ichs noch vor
-einen großen Gewinn halten, daß sie mir den Bauch nicht aufgeschnitten,
-anstatt daß sie uns endlich wieder lebendig von sich ließen. In solchem
-ellenden Zustand, da uns zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit
-und bequem Wetter zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche
-Leute, daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf
-kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad kein
-Niemezy[398] oder Niemey gewesen, der die slavonische Sprach nicht
-gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren[399] vom mährischen
-Landmann beides Essensspeis und alte Kleider erbettelte, damit wir
-sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert[400], jedoch dicker wider die
-grimmige Winterskälte bewaffneten. Also armselig haben wir Mähren
-allgemach durchkrochen, viel Ellend erlitten und von dem Bauersmann,
-der dem Soldaten niemals hold wird, mehr spitzige Schmachreden als
-willige Steur und Almosen eingenommen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[388] =Lemgau=, Lemgo.
-
-[389] =Bavadis=, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam
-als Oberst mit Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor
-Pappenheim aus Westphalen zurückziehen.
-
-[390] =Myrrhen und Rauten=, als Leichenschmuck.
-
-[391] =um willen=, deswegen weil.
-
-[392] =vermögen=, im Vermögen haben, besitzen.
-
-[393] =pritsch=, dahin.
-
-[394] =Forbus=, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst
-vorkommenden weniger bekannten Ereignisse und Namen, so weit dies
-möglich war, nachgewiesen worden sind.
-
-[395] =ein Loch gewinnen=, auch sonst bei Grimmelshausen
-und selbst in geschichtlichen Werken, z. B. im ~Theatrum Europæum~,
-vorkommend, sprichwörtlich: ein Ende nehmen.
-
-[396] das =Gleich=, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr.
-Glied einer Kette.
-
-[397] =absetzen=, vom Pferde reißen.
-
-[398] =Niemezy=, Deutscher.
-
-[399] =Parlaren=, Sprechen.
-
-[400] =ziert=, geziert.
-
-
-
-
-Das fünfzehnte Capitel.
-
- Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen
- gehalten.
-
-
-»Zu[401] unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir wieder
-beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu Eger
-umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada zum
-Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen und sich
-selbst zum König in Böhmen machen wollen. Hierdurch wurde zwar diß
-hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, aber zugleich auch das
-kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum Theil um der verfluchten
-Wallensteinischen Zusammenverschwörung halber vor verdächtig gehalten
-werden wolten, zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt, weil man ihre
-Treu zuvor probieren muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues
-dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, daß es
-liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, maßen die
-schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung unterschiedlicher
-Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich der unüberwindlichste
-dritte Ferdinand, damaliger ungar- und böheimischer König, die Waffen
-selbst ergriffen. Dieser mustert uns und führte uns bei 60000 stark
-samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche
-Stadt ich hiebevor, nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen
-müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem General,
-dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen unter Gustav Horn
-entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auf der
-Brücke ziemlich heiß hergienge, alwo mir nicht allein mein Pferd unterm
-Leib, sonder auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser
-rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.«
-
-»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen und sich der
-hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, mit uns völlig conjungirt,
-zogen wir auf das Ries[402] und belägerten Nördlingen. Damals war ich
-ein unberittener und auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht
-genossen, ein Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges
-erschnappt hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß
-man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, als
-die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. Indem es aber
-hierüber zu einem fast blutigen Treffen geriethe, gedachte ich auch
-eine Beut zu holen oder das Leben darüber zu verlieren, dann ich wolte
-viel lieber todt als ein solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet
-und zusihet, wie tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich
-um den Barchet jagen[403]. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser
-oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte,
-sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen ins Gedräng, als die Victori
-noch in der Wag stunde und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch
-und Staub bedeckt war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei
-der Battalia den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings
-verloren. Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, den Ungern
-und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über eben denjenigen Ort, da
-ich mich befande, des Willens, in Eil die da und dort liegende Todte zu
-besuchen und zu plündern, wird[404] ich gezwungen niederzufallen und
-mich denjenigen gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte.
-Das thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen den
-Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, deren sie
-abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.«
-
-»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher
-wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim Zaum hielte und
-den einen Schenkel entzwei geschossen, den andern aber noch im Stegreif
-stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, weil er ihm selbst nicht helfen
-könte.«
-
-»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!«
-
-»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer
-Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges Wort mir
-zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen Hund genant.«
-
-»Ich fragte: Was Volks?«
-
-»Er antwort: Gut schwedisch.«
-
-»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der andern Hand
-eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet damit den wenigen
-Rest des bittenden Lebens. Und diß ist die Würkung des verfluchten
-Geschützes, daß nämlich ein geringer Bärnhäuter dem allertapfersten
-Helden, nachdem er zuvor vielleicht auch durch einen liederlichen
-Stallratzen ungefähr beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande
-Goldstücker bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen
-Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk war mit Gold und
-Silber gestickt, das Degengefäß von Silber gemacht, und sein Hengst
-ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, dergleichen ich meine Tag
-niemalen überschritten[405]. Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem
-ich Gefahr merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen
-oder ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und
-da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern
-oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, waren nach damaligem
-Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, muste ich gleichwol bei mir
-selbst erseufzen und gedenken: wann der unüberwindliche starke Hercules
-jetziger Zeit selbst noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als
-dieser brave Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt
-werden.«
-
-»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, daß sie
-sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, gefangen zu
-nehmen und Beuten zu machen, welches lauter Zeichen der erhaltenen
-Victori waren. Ich machte mir anderer gehabte Mühe zu Nutz und stund
-zu den Siegern in ihr Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte,
-ohne daß ich blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus
-kleiden konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl
-von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, ohnangesehen
-sie tapfer gefochten hatten.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[401] =Zu=, bei.
-
-[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern.
-
-[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war
-ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller,
-Bayr. Wörterb.
-
-[404] =wird=, ~præs.~ zu werden.
-
-[405] =überschreiten=, besteigen.
-
-
-
-
-Das sechzehnte Capitel.
-
- Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er
- von etlichen Wölfen belägert wird.
-
-
-»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften
-Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche
-Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin
-diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und
-zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was
-die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die
-zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien
-Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil
-meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz
-Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten
-Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen
-mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert,
-darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu
-einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit,
-die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser
-wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und
-demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte
-der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein
-stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407]
-zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe,
-sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere
-Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und
-zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit
-ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren
-es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang
-unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich
-daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte
-ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408],
-Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus,
-deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war,
-welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich
-deren auszugeben hatte.«
-
-»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze
-Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest
-unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo
-wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham,
-Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen
-helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich,
-mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du
-selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon
-zu erzählen.[413]«
-
-»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen
-und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg
-marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der
-Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich
-alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart
-hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in
-Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen
-und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die
-Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln
-giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.«
-
-»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter dem Lamboy ein
-solche Armatur, die wir leicht übermeisterten und von der Kemper
-Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg schlugen. Diesem Sieg folgten
-Neuß, Kempen und andere Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir
-genossen, und ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden.
-Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbei, weil
-ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der Compagni verbleiben
-muste. Demnach wir aber Gülch[414] plünderten und mit den Leuten auf
-dem Land sowol im Erzstift Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens
-procedirn dörften, erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich
-wieder von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn
-getraute.«
-
-»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten schon
-ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich[415] vergeblich zur Uebergab
-ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, die bei Zons[416]
-lagen, sonder auch die Spanische ans Leder wolten. Dannenhero schlupfte
-Guebrian den Kopf aus der Schlinge, quittirte den Rheinstrom und
-führte uns durch den Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum
-zu rauben, zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten
-gefunden, biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar Jean de
-Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf[417] in die Haar gerathen und
-einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen. Aber
-wer kein Glück hat, der fällt die Nas ab, wann er gleich auf den Rucken
-zu liegen kommt, dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant
-von Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter[418] zu nennen
-pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, wo damals das
-baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen Regiment Dragoner
-zugestellt, darunter ich anfänglich gedienet.«
-
-»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, weil ich noch
-kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu Balingen[419] und widerfuhre
-mir ein Poß um selbige Zeit, welcher zwar von keiner Importanz,
-gleichwol aber so seltzam, verwunderlich und mir so eine schlechte
-Kurzweil gewesen, daß ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel,
-denen der damalige ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant,
-mir solches nicht glauben werden.«
-
-»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, daß die
-Weimarische unter Reinholden von Rose 1200 Pferd stark ausgangen,
-uns aufzuheben, gedachte er solches an Ort und End zu notificirn,
-von dannen succurirt werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet,
-noch ohnberitten, zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine
-Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, ich
-würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern mit
-einem Schreiben nach Villingen[420] geschickt, von dieser obhandenen
-Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu bringen; und golte gleich,
-ob ich vom Gegentheil unterwegs gefangen würde oder nicht, dann wann
-solches geschehen wäre, so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag
-entdeckt gewesen, und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich
-kam glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen,
-um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. Als ich nun durch ein
-Dorf passirte, darinnen keine Mäus, geschweige Katzen, Hund und ander
-Vieh, viel weniger Menschen sich befunden, sahe ich gegen mir einen
-großen Wolf avanziren, welcher ~recta~ mit aufgesperrtem Rachen auf
-mich zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein ander
-Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich derowegen in
-das nächste Haus und hätte die Thür hinter mir gern zugeschlagen, wann
-es nur eine gehabt, aber es mangelte deren sowol als der Fenster und
-des Stubenofens. Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus
-nachfolgen würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort nicht
-respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, sonder
-zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach hernach;
-dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andre Stiege
-hinauf nehmen muste. Und weil mich der Wolf sehen ließe, daß er auch
-Stiegen steigen konte so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in
-aller Eil, welches zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch
-ein Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich eilends die
-Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den Latten zu behelfen, auf
-welchen ich je länger je höher hinauf kletterte. Und als ich mich hoch
-genug daroben und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande,
-öffnete ich im Dach ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der
-Wolf die Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.«
-
-»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr Cameraden
-bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden stelleten, als ob
-sie einen Anschlag zu erstimmen[421] begriffen, wie sie mir beikommen
-möchten. Ich hingegen chargirte mit halben und ganzen Zieglen auf sie
-hinunter, konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte[422]
-oder starke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf
-den Pelz traf, so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder
-behielten mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die
-stockfinstere Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont
-bedeckte, mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten
-Schneeflocken gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang
-des Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich
-kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen konte.
-Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschröckliche
-Music an, daß ich vermeinte, ich müste von ihrem grausamen Geheul
-übers Dach herunter fallen. In Summa, es ist unmüglich zu glauben, was
-vor eine ellende Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher
-äußersten Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in
-was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der
-Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig währet, welche
-nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den schröcklichen Teufeln
-selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder gar in der Höllen, nicht
-nur in gemeiner Kälte, sonder in ewig brennendem Feur, nicht nur eine
-Nacht, in Hoffnung erlöst zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden.
-Diese Nacht war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte,
-es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete weder Hahnen
-krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft und erfroren dorten
-im rauhen Luft, daß ich gegen Tag all Augenblick vermeinte, ich müste
-herunter fallen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[406] =Erhaltung=, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war.
-
-[407] =Fickmühle=, Zwickmühle, Stellung der Steine im
-Mühlenspiel, wo beim Aufziehen der Mühle eine andere geschlossen wird.
-
-[408] =Jacobiner=, englische Goldkronen.
-
-[409] =Umgicker=, das Wort kann ich nicht nachweisen.
-
-[410] =Une=, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm.
-
-[411] =Kammen=, Kamen, ebendaselbst.
-
-[412] =Werl=, ebend., Kreis Soest.
-
-[413] Vgl. »Simplicissimus«, Buch ~II~ und ~III~.
-
-[414] =Gülch=, Jülich.
-
-[415] =Lechnich=, Städtchen, Regierungsbezirk Köln, Kreis
-Euskirchen.
-
-[416] =Zons=, Städtchen, Reg. Düsseldorf, Kr. Neuß.
-
-[417] =Schorndorf=, Würtemb. Jaxtkreis, Stadt.
-
-[418] =Kirbereuter=, Kirchweihreiter.
-
-[419] =Balingen=, Oberamtsstadt in Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
-
-[420] =Villingen=, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach.
-
-[421] =erstimmen=, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen.
-
-[422] =satt=, genügend, wirksam.
-
-
-
-
-Das siebzehnte Capitel.
-
- Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner.
-
-
-»Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum, ich sahe
-aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung zu meiner Erlösung
-hätte schöpfen mögen, sonder hatte vielmehr Ursach, gleichsam gar
-zu verzagen, dann ich war müd, matt, schläferig und noch darzu
-auch hungerig. Ich beflisse mich sonderlich, mich des Schlafens zu
-enthalten, weil die geringste Einnickung der Anfang meines ewigen
-Schlafs gewesen wäre, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder über
-das Dach herunter purzlen müssen. Indessen bewachten mich die Wölfe
-noch immer fort, ob zwar bißweilen deren etliche die Stiege auf und ab
-spazierten. Nach denjenigen, die oben im Hause unterm Dach verblieben,
-warf ich zwar ohne Unterlaß mit Zieglen, ob ich sie vielleicht
-vertreiben möchte. Es nutzte mir aber zu nichts anders, als daß ich
-mich durch dasselbige Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den
-Schatten oder eine Copei einer geringen Wärme in die Glieder schaffte.
-Und dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.«
-
-»Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein gänzliches
-Verderben ergeben hatte, kamen fünf Kerl in sachtem Galop daher
-geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres Gewehrs ansahe,
-daß sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden. Den letzten kante ich
-am Pferd, daß es ein Wachtmeister vom Sporckischen Regiment war, der
-mich gar wol kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und
-sahen mich anfänglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser
-näherten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch als einem
-Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten mich herunter
-schießen. Als ich aber gedachten Wachtmeister mit Namen nennete, mich
-damit zu erkennen gab und darneben versicherte, daß in 24 Stunden kein
-vernünftige Seele im Dorf gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach
-Schiltwacht gehalten, erzählet ich ihnen auch zugleich mein Geschäfte
-und was vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten.
-Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem starken
-Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm, ließe er alsobalden
-zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen, in das Haus gehen und sonst
-das Haus umstellen, auch Schiltwachten außerhalb dem Dorf aufführen.
-Als nun jene ins Haus gestürmt, wurden 8 Wölf so erschossen als sonst
-niedergemacht, und im Keller fünf menschliche Körper gefunden, von
-welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten. Vermög
-eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Paßzedel und eines
-Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines Gürtels, darinnen
-Ducaten vernähet waren, ist ein Metzger unter diesen gewesen, der die
-Donau hinunter gewolt, etliche Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese
-fünf Menschenköpfe fanden wir auch Aas von andern Thieren, also daß es
-in diesem Keller einer alten Schindgruben ähnlich sahe.«
-
-»Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil zu erkundigen,
-was die Weimarische im Sinn hätten. Und da er solcher Gestalten von
-mir erfuhr, was des Rose Intention wäre, befahl er alsobalden in
-demselbigen Dorf zu füttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben,
-was jeder von kurzem Futter hinter sich führte, dann in demselbigen
-Dorf war nichts vorhanden, das die Pferde genießen konten, als das
-Stroh auf etlichen Dächern. Und alsdann fütterte auch ein jeder sich
-selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von deren mir mildiglich
-mitgetheilt wurde, als dessen ich damals auch trefflich vonnöthen.«
-
-»Der Obriste hielte die Begegnus mit den Wölfen vor ein gut Omen, noch
-ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er gedachte, auf Balingen zu
-gehen und mit Zuziehung unserer daselbst liegenden Dragoner dem Rosa
-einen Streich zu versetzen. Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den
-richtigsten Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht
-marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, daß Rosa sich zwar bei
-Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner auszuheben,
-sonder den Ort, den er vor leer gehalten, zu besetzen. Weil er aber
-zu spat kommen, hätte er sich in das Dorf Geislingen[423] logirt, um
-über Nacht daselbst liegen zu bleiben. Hierauf ändert der Obriste
-alsobalden seinen Anschlag und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen
-zu, alwo wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose mit bei
-sich habenden vier Regimentern gar unsäuberlich aus dem ersten Schlaf
-weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf, die übrige aber hielten
-darvor haußen[424] und zündeten es an vier Orten an. Darauf wurden
-gleichsam in einem Augenblick diese vier Regimenter zerstöbert[425]
-und ruinirt. 200 wurden gefangen ohne die Officier, und sonst viel
-schöne Beuten gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, daß
-ich auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen möchte, als
-durchschliche ich die Häuser zu äußerst am Dorf und zunächst an einem
-Ort, da es brante, und bekam drei schöne gesattelte Pferd mit aller
-Zugehör und einem Jungen, dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder
-zu Fuß darvon gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das
-Niederbüchsen unserer im Feld haltenden Reuter geförchtet, als die
-gemeiniglich nur den Flüchtigen zu Pferd zusetzten.«
-
-»Des Morgens frühe ließe mich der Obriste mit meiner Beut wiederum nach
-Balingen reiten, unserm Commendanten und seinen Dragonern die Botschaft
-seines glücklich verrichten Einfalls zu bringen. Ich war willkommen,
-nicht allein wegen der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen
-der guten Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines
-Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt
-hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler versprochen, wann ich
-zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht ausgerichtet haben würde.
-Weil ich aber jetzt so wol heim kam, verehrte er mir deren zwei und
-machte mich noch drüberhin zu einem Corporal. Derowegen versilberte
-ich das eine Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erlösten
-Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob ich
-nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben wurde. Eben
-auf denselbigen Tag, daran ich so groß worden, gieng Rothweil an den
-Guebrian über, aber die Weimarische haben diese Stadt nicht viel länger
-behauptet, als biß die Tuttlinger Kirchmeß[426] gehalten worden,
-auf deren ich zwar wenig Beuten einkramen können, weil ich als ein
-Unteroffizier anders zu thun hatte. Dann nachdem solche vorüber, nahm
-sie unser General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich
-damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt, wäre ich
-beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt oder wol gar
-als ein Corporal, der andern abwehren sollen, aufgehenkt worden, dafern
-mich mein gutes Pferd nicht beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen
-Thaler, die ich den Nachjagenden spendirte, aus den Händen des Profosen
-und Steckenknechts errettet hätten.«
-
-»Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob gleich
-Herr Corporal Springinsfeld anfänglich in denselbigen eine herbe
-Hauptkrankheit überstunde, also daß ihm auch kein Härlein Heu auf der
-obern Bühne übrig verbliebe, so schlug es ihme dannoch hernach so wol
-zu, daß er mitten im Krieg einen solchen fetten Kopf überkam, wie ein
-Dorfschultheiß mitten in Friedenszeiten.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[423] =Geislingen=, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt
-Balingen.
-
-[424] =haußen=, (hie außen) außerhalb.
-
-[425] =zerstöbern=, zerstreuen.
-
-[426] =Tuttlinger Kirchmeß=, der Ueberfall bei Tuttlingen,
-Stadt auf der Baar, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl.
-die Einleitung.
-
-
-
-
-Das achtzehnte Capitel.
-
- Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem
- Treffen vor Herbsthausen ergangen.
-
-
-»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy
-wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder
-holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das
-Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung
-der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große
-Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser
-folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit
-Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin
-über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert.
-Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc
-de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger
-auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und
-weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam
-als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie
-stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden,
-wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und
-wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der
-überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten
-geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben
-gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den
-andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren,
-daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander
-zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als
-wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns
-ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto
-tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit
-großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener
-aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.«
-
-»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds
-Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen
-wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein
-worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer
-Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret
-und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht,
-als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine
-Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen,
-es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler
-Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf
-wider eine Maur lauft.«
-
-»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig
-erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub
-umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen.
-Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim
-mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den
-ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern
-und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen
-Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo
-mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen
-hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich
-Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.«
-
-»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten
-an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz
-gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg,
-Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland
-wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum
-allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein
-Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann
-de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die
-Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier
-giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten
-und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An
-dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten
-Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und
-unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden.
-Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und
-weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher
-uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner
-klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war,
-so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und
-zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel
-geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich
-sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche
-Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel
-Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.«
-
-»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich
-kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste
-von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen
-vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt
-ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen,
-die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da
-empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu
-Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch
-beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder
-im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436]
-die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das
-Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich
-aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von
-Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu
-wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir
-uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein
-machen solte.«
-
-»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er
-ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen
-dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme
-Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in
-diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich
-geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig
-gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch
-den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse,
-daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser
-zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den
-ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein,
-daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu
-ertappen, beschädigen solte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[427] =Ueberlingen=, Baden, Seekreis am Bodensee.
-
-[428] =aufheben=, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache
-machen.
-
-[429] =sich erschnauben=, verschnaufen, zu Athem kommen.
-
-[430] =rumpeln=, rasch einfallen, vgl. überrumpeln.
-
-[431] =Bensheim=, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.
-
-[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt
-erschossen; ~Theat. Europ. V~, 581.
-
-[433] =Weinheim=, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.
-
-[434] =Schmeißen=, Schlagen.
-
-[435] =Jankau=, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen
-endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.
-
-[436] =Nagolt=, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in
-einem tiefen Thal gelegen.
-
-
-
-
-Das neunzehnte Capitel.
-
- Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium.
-
-
-»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren ohne die
-Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß unsere Armee biß an die
-niederhessische Grenze hinunter gieng und Amöneburg[437] entsetzte, vor
-Kirchhain[438] sich vergeblich bemühete und dardurch in ein Wespennest
-stache, das ist, daß sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn
-verursachte; wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen
-muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund[439] mit
-andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner empfangenen Wunden
-curirn. Aber als sich unsere Armee mit einem Succurs von ungefähr
-fünfthalb tausend Mann, den ihr der Graf von Geleen[440] zugebracht,
-nach Heilbrunn zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen
-Fugger, Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste ich auch
-dort liegen bleiben.«
-
-»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und
-Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc d'Anguin
-zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und die Unserige zu
-erfolgen.[441] Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn wol liegen, aber
-Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches sie beschossen, mit
-stürmender Hand eingenommen und auf 600 Mann von uns darinnen so
-gefangen bekommen als niedergemacht haben. Daselbst seind sie über
-den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten
-Oerter, auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie
-unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bei
-Allerheim[442], warbei unser tapferer General-Feldmarschall von Mercy
-das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen sie Nördlingen[443] mit
-Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister von meinem Regiment, der
-mit 400 von unsern Dragonern und 200 Musquetierern in Dinkelspiel[444]
-lag, daß er sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad
-ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen[445],
-wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als wann es auch in dem
-Treffen gewesen wäre. Von dar giengen sie über Schwäbischen Hall[446]
-gegen uns los, weil es uns auch gelten solte, und fiengen an gegen
-uns zu agirn und sich zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren
-Ankunft vermerkten, als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16
-kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden sie
-wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, als
-wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten. Und ich kan
-auch nicht sehen, was sie diese theure Victori anders genutzt, als
-daß sie die Unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus
-dem Weg geraumet; dann sie wurden bis nach Philipsburg[447] verfolget
-und verloren alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir
-bekamen auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein Feldstück,
-ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft von ihnen, darvon
-sich die Teutsche alle unterstellen und also unsere Armee wieder
-verstärken musten. Folgends giengen wir wieder in unserem gewöhnlichen
-Gäu, das ist in Franken, im anspachischen und würtenbergischen Lande in
-die Winterquartier, die Kaiserlichen aber in Böhmen.«
-
-»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer Armee in
-Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, denen daselbst befindlichen
-Schweden einen guten Streich zu versetzen. Weil es aber außer der Zeit
-und hierzu gar unbequem Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich
-selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders draus, als
-daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände
-kommen.«
-
-»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen den
-Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um sich zu greifen,
-seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen und durch die
-Wetterau biß zwischen Kirchhain und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da
-es zwar zu keiner Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte
-Völker an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich
-einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes Pferd samt
-60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil dann der Feind nicht
-schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain in seinem verschanzten und
-wol proviantirten Läger verbliebe, wir aber an Fourage Mangel litten,
-zogen wir uns zuruck in die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und
-Hessen, als die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein
-Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda[448] in Battalia, spielte
-mit Stücken zusammen[449] und sahen einander an wie zween zähnbleckende
-Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen. Endlich ließen
-sie uns gegen dem Camberger Grund[450] marschiern, sie aber giengen
-in vollen Sprüngen über den Main und der Donau zu und ließen uns das
-Nachsehen.«
-
-»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen,
-den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein und anders der
-Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns gleich Königsmark bei
-Schwabenhausen[451] zwackte, so seind wir jedoch noch in 800 Pferd
-stark in Augspurg angelangt, eben als sich die Schweden vergebliche
-Hoffnung gemacht, selbe Stadt in Güte einzubekommen. Gleich darauf
-kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns;
-worauf die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit mit
-Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. Und ich glaube auch,
-sie würden uns gewaltig heiß gemacht und endlich auch die Stadt gar
-überkommen haben, wann sich die Unserige nicht bald darvor präsentirt
-hätten; als welche sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt
-hatten und die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg
-schröckten.«
-
-»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten Dragonern liegen,
-biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, Schweden und Hessen einen halben
-Frieden oder wenigst (ich weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand
-der Waffen machte. Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr
-durch Fußvölker abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es um
-Denkendorf[452] herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.«
-
-»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste eine
-solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, mit
-ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen überzugehen[453],
-zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor welche sie bißhero so
-ritterlich gefochten, zu plündern, unter welchen vornehmlich mein
-Obrister auch gewesen, der doch ein Soldat von Fortun und zu seinem
-Stand durch seines großen Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert
-worden war. Er erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein
-schandlicher Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an einem
-aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, maßen ich ein
-Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao bei Passau gesehen. Andern
-wurde solches Unterfangen wegen ihrer hohen Verdienste und großer
-Aestimation nachgesehen, als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen
-auch ein Bessers meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt,
-weiß ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann sagen,
-wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen[454] aufgewartet,
-biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[437] =Amöneburg=, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der
-Ohm, Städtchen von 1600 Einwohnern.
-
-[438] =Kirchhain=, Städtchen ebendaselbst.
-
-[439] =Taubergrund=, Tauberthal.
-
-[440] =Graf von Geleen= oder Gleen, vgl. die Einleitung.
-
-[441] =erfolgen=, nachrücken, um jemand einzuholen.
-
-[442] =Allerheim=, Dorf in Baiern, Landger. Nördlingen.
-
-[443] =Nördlingen=, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der
-Eger.
-
-[444] =Dinkelsbühl=, Stadt in Baiern, an der Wörnitz.
-
-[445] =sich unterstellen müssen=, untergesteckt werden, um dem Feinde
-zu dienen.
-
-[446] =Schwäbisch Hall=, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher.
-
-[447] =Philippsburg=, ehemals Reichsfestung in Baden, an der Salzbach.
-
-[448] =Nidda=, Nebenfluß des Mains, in Hessen-Darmstadt, mündet bei
-Höchst.
-
-[449] =spielten zusammen=, d. h. miteinander.
-
-[450] =Camberger Grund=, Thal bei Camberg am Emsbach.
-
-[451] =Schwabenhausen=, es ist wol Schwabhausen im bairischen
-Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt Landsberg: kleine
-Dörfer.
-
-[452] =Denkendorf=, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg.
-
-[453] Vgl. die Einleitung.
-
-[454] =Dientlen=, Dirnen.
-
-
-
-
-Das zwanzigste Capitel.
-
- Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher
- Abdankung.
-
-
-»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers alten Kriegs, wie
-etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr leuchten: Mercy war todt,
-Joan de Werth nicht mehr unser, und der Holzapfel, sonst Melander,
-den Schweden und Franzosen nicht so herb und handig[455] wie etwan
-zuvor den Kaiserischen, da er noch den Hessen dienete, wiewol der
-rechtschaffne Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns
-der Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien uns
-etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich wie eine
-Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz so viel als nichts
-bewegen ließen), wir solten nur eilen mit der Flucht, so wolten sie uns
-an Oerter jagen, alwo eine Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese
-haben errathen, was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen
-durch ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß unter den
-Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben Batzen, sonder auch sogar
-um eine verächtliche Pfeif Tabak hingegeben worden. Damals stund unser
-Sach liederlich; der von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen
-bringen, daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt
-werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den wehrlichen[456]
-Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom hinüber passieren,
-welchen zu überschreiten auch das Gegentheil erkühnete.«
-
-»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf und
-das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. Ich lag unter sieben
-doch schwachen Regimenten in Wasserburg[457], als beide Feindsarmeen
-suchten denselbigen Ort zu bezwingen und über besagten Fluß in das
-gegenüberliegende volle Land zu gehen, in welchem etliche steinalte
-Leute die Tag ihres Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen
-hatten. Weil aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war,
-etwas daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden
-Kugeln zusprachen, giengen sie auf Mühldorf[458] und wolten dort
-ins Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. Aber
-ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein kaiserliche
-Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd wurden und ihr
-Hauptquartier zu Pfarrkirchen[459] nahmen, alwo sie erstlich der Hunger
-und endlich die Pest zu besuchen anfieng, die sie auch endlich zwischen
-dem Tirolischen Gebürg und der Donau, zwischen dem Inn und der Iser
-hinaus getrieben, wann sie das Generalarmistitium, so dem volligen
-Frieden vorgieng, nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.«
-
-»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach Hilperstein[460],
-Heideck[461] und selbiger Orten herum gelegt, da sich ein artliches
-Spiel unter uns zugetragen; dann es fande sich ein Corporal, der
-wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was ihn vor eine Narrheit darzu
-angetrieben. Ein Musterschreiber[462], so allererst aus der Schul
-entloffen, war sein Secretarius, und also hatten auch andere von
-seinen Creaturen andere Officia und Aemter. Viel neigten sich zu ihm,
-sonderlich junge ohnerfarne Leut, und jagten die höchste Offizier zum
-theil von sich, oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen
-Gewalt. Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol
-gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. Und
-sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben zu einer
-andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann der Feind in der Nähe und
-man unserer beiseits[463] nöthig gewesen, ins Werk gesetzt worden wäre;
-dann unser Regiment war damals eins von den stärksten und vermochte
-eitel geübte wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder
-junge Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen worden.
-Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen nicht abstehen
-wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten Völkern,
-welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und Blutvergießung Meister wurden
-und den neuen Obristen viertheilen, oder besser zu sagen, fünftheilen
-(dann der Kopf kam auch sonder) und an vier Straßen auf Räder legen,
-18 ansehenliche Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil
-köpfen und zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment
-aber die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem Feldherrn
-wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor meinem Ende oder vor
-dem völligen Frieden aus einem Fourier zu einem Quartiermeister und
-das Regiment aus Dragonern zu Reutern gemacht, und dieses ist das
-Letzte, was ich dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori
-zu erzählen weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, zu
-welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen Jungen,
-auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld ohne die drei Monatsold
-vermöchte, die ich bei der Abdankung empfieng, dann ich hatte nun ein
-geraume Zeit hero kein Unglück gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also
-muste ich aufhören zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum
-besten. Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte,
-versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und begab mich
-mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, wie ich meinen Handel
-ferner anstellen, oder was mir sonst vor ein Glück zustehen möchte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[455] =handig=, hurtig, behende.
-
-[456] =wehrlich=, gut befestigt und vertheidigt.
-
-[457] =Wasserburg=, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.
-
-[458] =Mühldorf=, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern.
-
-[459] =Pfarrkirchen=, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts
-in Niederbaiern.
-
-[460] =Hilperstein=, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines
-Bezirksamts, Baiern.
-
-[461] =Heideck=, bei Hilpoltstein.
-
-[462] =Musterschreiber=, der die Musterrollen führt, in welche die
-Namen der Soldaten eingetragen werden.
-
-[463] =beiseits=, besonders.
-
-
-
-
-Das einundzwanzigste Capitel.
-
- Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk
- er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein ehrlichen Abschied
- hinter der Thür[464].
-
-
-»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und traf zu bemeldtem
-Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, die war nit viel jünger,
-hatte auch nicht viel weniger Geld als ich. Und weil wir einander
-öfters bei der Armee gesehen, machten wir desto ehender Kundschaft
-mit einander. Sie merkte Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und
-dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht
-mit uns beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers
-nicht glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land zu
-Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt[465], und solches
-war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal ich alsdann
-die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, die mir am
-besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug
-aufschneiden, viel weniger genug beklagen, daß sie in ihrer Jugend
-gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seligen von denselbigen[466]
-hinweg geraubt und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider
-ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen kan,
-daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol als mir die erste
-Einnehmung der Festung Frankenthal[467] gedachte. Was darfs aber vieler
-Umstände? Wir machtens gar kurz mit einander und traten nicht allein
-mit der Heurathsabred, sonder auch mit der Copulation geschwind
-zusammen. Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß
-abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben
-solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas keine Hoffnung mehr
-war, alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut
-haben, ihren Sohn aber, den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich
-aussteuren solte. 100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu
-vermachen und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock
-dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar ein
-wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber darum weder
-Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich beinahe so viel zu
-bauen hatte, als wann ichs von neuem hätte angefangen. Das überstunde
-ich mit feiner Geduld und wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen
-hatt, getreulich an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven
-Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den
-Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger von Jerusalem
-hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen der schweren
-Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld[468] geben, da ich doch viel
-lieber noch länger Krieg haben mögen), nicht leichter, sonder viel
-schwerer wurde, vornehmlich darum, weil es damals viel reisende Leut
-gab, beides von Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die
-ihr Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich zu
-schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.«
-
-»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel mir
-trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs
-Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich auch nach
-und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine Sinne und Gedanken
-anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte. Ich wäre auch
-zeitlich zu einem reichen Mann worden, wann mich das Unglück nicht
-anderwärtlicher Weise geritten.«
-
-»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern Leuten
-beneidet und angefeindet, und das um so viel desto mehr, je mehr
-bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt wird; dahingegen die
-Freigebigkeit bei männiglich Gunst erwirbt, vornehmlich wann sie mit
-Demuth begleitet wird. Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als
-biß seine Würkung ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß
-meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge ein jeder
-an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche so häufig zufallen
-möchten, so gar daß auch etliche entblödeten zu gedenken, ich und mein
-Weib könte hexen. Und also gab ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und
-Lassen heimlich genaue Achtung. Unter andern war ein Erzfunk[469] an
-demselbigen Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener
-und fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol
-ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit einem
-Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei Nationen an
-selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die Quelle meiner Reichthum
-kommen und mir eins anmachen[470] möchten, und hierauf waren sie desto
-geflissener, weil bereits etliche deren Landsleute aufgewannet[471]
-hatten und verdorben waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart
-schicken können. Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die
-Umgelter[472] gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, eben
-als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte.
-Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, ich könte aus
-Wasser Wein machen, schütteten sie mir noch denselben Abend etwas von
-geschnittenen Stroh, das man den Pferden unter dem Habern zu füttern
-pflegt, in meinen Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag
-auch in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt.
-Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich eingelegt hatte,
-und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; und ob ich gleich
-schwören konte, daß ich von dieser Mixtur nichts gewust, dann mein
-Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dißmal so endlich[473] gewest,
-so half es doch nichts, sonder der Wein ward mir genommen und ich noch
-darzu um 1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen
-gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte und den Weg
-aller Welt gieng. Es wäre mir auch die Wirthschaft ferners zu treiben
-gar niedergelegt worden, wann desselbigen Orts ein andere solche
-ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer
-Wirthschaft geschickt hätte.«
-
-»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor Freunde und
-was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so veracht, daß kein ehrlicher
-Mann etwas mehr mit mir zu schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich
-mehr, und wann ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht
-gedankt. Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann etwan
-irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch nichts von meiner
-Kunst gehöret hatte. Solches alles war mir schwer zu ertragen, und weil
-ich ohnedas auch eine Kurzweil mit zweien Mägden angestellt hatte,
-welches in Bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so
-packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen ließe,
-setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, ich hätte
-meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu verrichten, nahm ich
-meinen Weg auf die rechte Hand der Donau zu, dem Grafen von Serin[474],
-der damal fast die ganze Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet,
-wider den Türken zu dienen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[464] =den Abschied hinter der Thür nehmen=, heimlich davon gehen.
-
-[465] die bairische Pfalz.
-
-[466] =von denselbigen=, nämlich von ihren Reichthümern.
-
-[467] =Frankenthal=, die Einnahme oder vielmehr die
-Belagerung geschah im Jahre 1621; vgl. oben S. 182.
-
-[468] =Friedengeld=, Abgaben, Steuern zu den Kosten der
-Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl.
-Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739.
-
-[469] =Funke=, =Fünkchen=, Schelm, verwegener Mensch.
-
-[470] =eins anmachen=, etwas anthun, zu Leide thun.
-
-[471] =aufgewannet.= Die übrigen Drucke haben »darauf gewohnet«.
-=Aufwannen=, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen oder
-verlieren.
-
-[472] =Umgelter=, Zolleinnehmer.
-
-[473] =endlich=, mhd. ~endelich~, anstellig, hurtig, fleißig,
-geschäftig.
-
-[474] =Graf von Serin=, vgl. die Einleitung.
-
-
-
-
-Das zweiundzwanzigste Capitel.
-
- Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung mit
- einer Leirerin.
-
-
-»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und erhalten, ohne
-daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen Kaiser selbst gedienet.
-Ich kam eben, als etliche freiwillige Franzosen sich eingefunden, ihrem
-König zu Gefallen wider die türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe
-Krieg gefiele mir nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch
-halbes Glück darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten
-oder den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen müste,
-daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert ich so mit
-und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen entweder meinen
-Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, verblieb aber allzeit in dem Pfad
-der Mittelmaß, und wann ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte,
-so hatte ich doch niemals weder das Glück noch die Witz[475] noch die
-Gelegenheit, solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. Und
-solcher Gestalt brachte ich mich durch[476] biß in die allerletzte
-Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich aber mein
-vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und unter demselben liegen
-verbleiben muste mit gesundem Leibe, biß beides Freund und Feind das
-Feld getheilt und sich etlichmal über mich hinüber geschwenkt hatten;
-da ich dann von den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle
-Kräfte meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten
-und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner Kleider beraubt
-worden, in denen ich etliche schöne Ducaten versteckt hatte.«
-
-»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, als wann
-ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein entzwei geschlagen worden
-wäre. Ich hatte nichts mehr an als das Hemd und konte weder gehen,
-sitzen noch stehen, und weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern
-und Beuten zu machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich
-lag, biß mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen
-Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, dort von
-jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen wurde, der mich hin
-und wieder mit seinem ~Oleum Bapolium~[477] schmirbte[478].«
-
-»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der
-Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren
-solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um
-einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals
-vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem
-ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem
-Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes
-Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in
-die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder
-zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß
-zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich
-auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch
-Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.«
-
-»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in
-Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk,
-das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der
-ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei
-welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige
-gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit
-Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.«
-
-»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit
-in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich
-zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und
-Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem
-Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen
-eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und
-nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte
-und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter
-Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession
-ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.«
-
-»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib
-bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half
-ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und
-Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug,
-und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen
-Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und
-was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe
-ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms
-schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren
-eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das
-ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder
-gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der
-Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir,
-daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte,
-sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks
-bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich,
-so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen
-noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines
-ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit
-verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs
-müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit
-seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben.
-Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten
-und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten,
-ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.«
-
-»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand
-Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482],
-Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483],
-Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler,
-Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte
-Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten,
-in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol
-auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste
-selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser
-eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre
-Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender
-Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol
-andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten
-nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich
-mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil
-dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»«
-
-»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul
-um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß
-Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde,
-verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen
-würden.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand.
-
-[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.
-
-[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen
-der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.
-
-[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren.
-
-[479] =gerade=, gerade gewachsen.
-
-[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt,
-heimatlos.
-
-[481] =in ihre=, zu ihrer.
-
-[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen
-sein Affenspiel treibt.
-
-[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht.
-
-[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner.
-
-
-
-
-Das dreiundzwanzigste Capitel.
-
- Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird
- Springinsfeld nacheinander wieder los.
-
-
-»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485]
-Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so
-verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach
-und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen
-wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu
-machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub
-zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und
-hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese
-ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu
-kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich
-auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die
-Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem
-Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes
-Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte
-mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen
-Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen
-den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin
-zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und
-gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht
-trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich
-etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt
-verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare
-Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern,
-das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen
-Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als
-ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit
-viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und
-Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487],
-darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich
-zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«
-
-»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens,
-das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen,
-alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter
-folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der
-älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein
-suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen
-vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur
-starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer
-Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen,
-weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein
-ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches
-reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte,
-auch besser zuschlug.«
-
-»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich
-auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich
-zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den
-Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und
-zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld
-nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im
-Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden
-Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken,
-was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch
-einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel-
-und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu
-vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so
-gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten
-oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491]
-liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte.
-Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet
-und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den
-Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe
-ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick
-verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in
-die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser,
-wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines
-Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte.
-Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte
-mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich
-selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«
-
-»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was
-ich habe.«
-
-»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden
-hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren
-Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie
-sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen
-Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im
-Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß
-ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten
-und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst
-um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir
-das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie
-wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit
-einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen
-hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein
-Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im
-Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte
-und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt,
-sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen.
-Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol
-fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«
-
-»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig
-verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch
-gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal
-von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch
-dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an
-Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er
-unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz
-gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod
-unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich
-und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer
-fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann
-einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden
-möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in
-meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich
-ehender das Nest verbrennen.«
-
-»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte
-sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt,
-du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch
-immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben
-zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines
-Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird,
-genießen sollest.«
-
-»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch
-in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir
-täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten,
-dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja,
-ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493]
-deine Mutter! &c.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[485] =grandig=, heftig, außerordentlich.
-
-[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen.
-
-[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es
-die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie
-träges Gähnen.
-
-[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette.
-
-[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig
-künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen
-will, stets vorbeisticht.
-
-[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen.
-
-[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig.
-
-[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der
-Bedeutung: sich packen.
-
-[493] =brühen=, necken, foppen.
-
-
-
-
-Das vierundzwanzigste Capitel.
-
- Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen
- angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder
- ein Soldat gegen dem Türken wird.
-
-
-»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte,
-schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch
-mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol,
-daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust
-vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt
-desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so
-gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen
-Schalmei und Geigen darin zu suchen.«
-
-»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich
-dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig
-und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben
-mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und
-da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut
-oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen
-mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und
-mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und
-dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären,
-durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und
-Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen
-und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man
-Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem
-Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«
-
-»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das
-schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin
-nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in
-Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus
-wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack
-steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs
-Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du
-dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest,
-daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest,
-um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal
-gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig
-vergessen mögest!«
-
-»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler
-vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten
-und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen
-mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine
-Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im
-Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem
-Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold
-und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter
-sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags
-befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs
-Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine
-Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib
-obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich
-keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn,
-Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas?
-Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen
-Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei,
-dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun
-reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn
-wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat
-ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden.
-Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe
-sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen.
-Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas
-anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als
-es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und
-wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler
-von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils
-ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn
-unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen
-befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der
-bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler
-wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist
-viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder
-leichtveränderlich wie Luna.«
-
-»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet
-gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich
-Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal
-und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da
-es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich
-unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem
-Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen,
-waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen
-gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit
-großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem
-Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch
-mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter
-der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal
-erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen
-zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie
-bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher,
-Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich
-diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang
-niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche
-und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen
-abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und
-nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr
-nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war,
-stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels
-dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der
-seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so
-muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder
-unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern
-und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der
-Armen Schweiß verschwendet.«
-
-»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage
-als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt.
-Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift
-zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein
-geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen
-Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und
-ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den
-Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die
-ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines
-solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu
-erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen
-pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan
-eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln
-vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder
-wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein
-zweischneidig Schwerd befunden habe.«
-
-»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet
-sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß
-wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen
-Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm
-darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich
-im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht
-so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als
-Nonnen gefunden würden &c.«
-
-»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder
-aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen
-als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts
-unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste,
-das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern
-und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501]
-trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte
-der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht
-jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel
-durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt,
-weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch
-gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen,
-kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich
-das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus
-Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die
-Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.«
-
-»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen
-gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe,
-da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute
-Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben
-springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß
-ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[494] =fast geistlich=: München.
-
-[495] =Das Bild auf der Säulen=, die Marianische Säule auf
-dem Schrannenplatz, von Kurfürst Maximilian ~I.~ zum Gedächtniß der
-Prager Schlacht 1638 errichtet.
-
-[496] =Salve= (~regina~), Gesang am Schluß des
-Abendgottesdienstes.
-
-[497] =Sol=, die Sonne, =Luna=, der Mond, als Zeichen der edeln
-Metalle.
-
-[498] =luck=, =lucker=, locker.
-
-[499] =Daus-Es.= Siehe oben S. 24.
-
-[500] =ungestiegelfritzt=, wie ungestriegelt.
-
-[501] =Pfisterei=, Klosterbäckerei (~pistorium~).
-
-[502] =Beck=, Bäcker.
-
-[503] =Agnus Dei=, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem
-das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht
-und deshalb natürlich wunderthätig.
-
-
-
-
-Das fünfundzwanzigste Capitel.
-
- Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in
- Teutschland kam.
-
-
-»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten und dannoch zu
-Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten, unsern Weg über
-den Zirlberg[504] auf Inspruck, folgends über den Brenner auf Trient
-und dann ferners nach Treviso, alwo wir alle ganz neu gekleidet und von
-dannen vollends nach Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem
-wir ein paar Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt
-wurden; in welchem ellendem Anblick[505] wir auch glücklich anlangten.
-Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel unter den Füßen
-wachsen, dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wiesen, was wir
-konten oder vermochten, unseren armseligen Steinhaufen beschützen zu
-helfen. Und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich
-drei Türken mit meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und
-gering ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, die
-armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute zu machen, war
-ferne von mir, weil wir sich gleich wieder heim retiriren musten. Den
-andern Tag gieng es noch toller her, und ich brachte auch zween Männer
-mehr als den vorigen um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht
-glaubte, daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann mich
-dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es oft bei uns
-auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres Lebens die, so Thaler
-hatten, beschützen, bewachen und noch darzu mit ihren arbeitsamen
-Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Ueberwindung
-erobern und ihnen noch drüberhin beides die Ehr, die Beut und die
-Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg
-oder Beglerbeg[506], viel weniger gar ein Bassa[507] unter denjenigen
-zu sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu setzen.
-Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den Troupen von solchem
-Stoff mehr gewesen seien als der Anführer vornen an der Spitzen.«
-
-»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, daß ich
-mitten in Candia der Schweden erkantliche[508] Manier loben muste, die
-ihre ohnedle[509] Soldaten, sie wären gleich fremder oder heimischer
-Nation gewesen, höcher als ihre edle und doch ohnkriegbare Landsleut
-ästimirt; wannenhero sie dann auch so großes Glück gehabt haben. Doch
-ließe ich mich ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen,
-was einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden wie
-ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich mich,
-auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe doch nichts
-anders darmit als bißweilen eine geringe Verehrung. Und als kaum der
-zehende Mann von denen mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen
-waren, wurde der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest
-seiner kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als wann
-sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder in die vorige
-Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.«
-
-»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen.
-Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und verrichtet hingegen
-selbst größere als Roßarbeit. Indem mich nun in solchem Zustand kein
-feindlicher Musquetenschuß fällen oder ein türkischer Säbel verwunden
-konte, sihe, so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minen so
-unbarmherzig an meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie
-Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel alsobalden biß
-über das Knie hinweg nehmen muste. Aber diß Unglück kam nicht allein,
-dann als ich dort lag als ein soldatischer Patient, mich an meinem
-Schaden curirn zu lassen, bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem
-großen Hauptwehe, warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln[510], als
-mein Liegerstatt mit Unlust[511] erfüllt wurde.«
-
-»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und Nieder Zeugnus
-gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auf
-solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparet, wiewol die
-Venetianer ihre Soldaten so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen,
-wann sie solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse[512] auch anderer
-ehrlicher Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie kein
-Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. Als nun
-solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte kaum einen oder
-zween, die ihr völlige Gesundheit entweder bißhero erhalten oder doch
-wieder erholet hatten, auf die Posten thun konten, sihe, da wurde
-es unversehens Friede, als wir beinahe in letzten Zügen lagen. Nach
-unserer Abführung, und nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer
-ausgestanden, langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von
-uns und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten mit
-Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, wurden in
-das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich behelfen muste, biß ich
-gleichwol wieder heil wurde und auf meinem hölzernen Bein herummer
-stelzen konte.«
-
-»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an
-Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann ich den redlichen
-Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. Hingegen wurde mir
-zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten eine Steuer zur Wegzehrung
-bettlen dorfte, und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten,
-die ich noch habe, weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron
-vor den Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen
-Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne das, sintemal
-wir fast alle, was übrig verblieben von uns, unsere Haar verloren
-hatten, sehr mager und ausgehungert und so schwarz aussahen wie die
-allerschwärzste Zigeuner. Weilen mir dann nun das Bettlen so wol
-zuschlug, trieb ichs fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland
-ankam, der Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit
-zu freuen[513], daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen
-guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; dann ich
-gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil sie selbst aus dem
-vornehmlichsten Stammen der Erzbettler entsprossen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[504] =Zirlberg=, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.
-
-[505] der =ellende Anblick=, bezieht sich auf den »armseligen
-Steinhaufen«.
-
-[506] =Beg=, =Bei=, Herr, Titel höherer Beamten und
-vornehmer Fremden; =Beglerbeg=, =Beilerbei=, Titel der Statthalter,
-welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.
-
-[507] =Bassa=, Pascha.
-
-[508] =erkantlich=, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.
-
-[509] =ohnedel=, unadelich.
-
-[510] =Fabeln=, Fieberphantasien.
-
-[511] =Unlust=, Schmuz.
-
-[512] =genießen=, ~cum genet. pers.~, von jemand Hülfe erhalten.
-
-[513] =freuen=, ~trans.~ wie im Mhd., erfreuen.
-
-
-
-
-Das sechsundzwanzigste Capitel.
-
- Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich
- ihren Lohn bekommen habe.
-
-
-»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder
-antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514],
-Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung sie die meiste Zeit
-ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte
-aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch
-in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische
-Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen
-und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als
-ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig
-zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner
-Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf
-das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515] geplagt
-und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte,
-also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige
-wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von
-hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was
-ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder
-bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516] erzählen.«
-
-»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals,
-als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen
-Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen
-sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf
-dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel
-selbst verhängt[518] worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen
-die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem
-dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die
-Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts
-in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß
-sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger
-leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen
-wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer
-der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und
-andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches
-zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr
-nicht weit von hinnen Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch
-gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr
-herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt
-hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht
-Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen,
-darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer
-künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre
-Unwissenheit zu erkennen.«
-
-»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf
-einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des
-Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser
-war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher
-Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem
-Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde
-er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er
-vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals
-dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er
-sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an
-den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend
-gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber
-doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen,
-legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519]
-mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und
-zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um
-den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck,
-daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr
-bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor
-ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich
-stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu
-nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und
-sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß
-ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?«
-
-»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs
-Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein unadelicher
-Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer
-nähere.«
-
-»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein
-Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr
-allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt
-hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch
-um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen,
-was ich mit euch zu reden habe.«
-
-»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein
-teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden
-solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu
-ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.«
-
-»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott
-mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht,
-euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber
-bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter
-von Staufenberg[520] erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von
-meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß,
-es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl
-erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit
-diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor
-allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer
-Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang
-verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist!
-Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht
-allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu
-seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der
-reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber
-verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten
-Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit
-ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag
-haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch
-theilen wollen.«
-
-»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä
-als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen
-Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was
-ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab
-das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem
-Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten
-und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit
-Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls
-zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem
-Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn
-fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte,
-worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«
-
-»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der
-Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte
-mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen,
-da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und
-seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute.
-Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie
-sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß
-eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet
-worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin
-zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches
-sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe
-Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen,
-ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber
-verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem
-Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der
-Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte;
-worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche
-Hülf zu thun versprach.«
-
-»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit
-Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten
-und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet,
-niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch
-zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der
-Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«
-
-»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit
-einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht
-wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im
-Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von
-den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren,
-sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen
-demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn
-Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525].
-Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die
-vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung
-und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen
-sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken
-voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen
-eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock
-und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch
-verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«
-
-»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb
-aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar
-kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein
-Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20
-Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der
-Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie
-man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine
-österreichische Sprach gehabt.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[514] =Störer=, wie Storger, Störzer, Vagabund.
-
-[515] =visierlich=, possierlich, spaßhaft.
-
-[516] =ohnschwer=, ohne Beschwerde; wenn es ihm nicht zu viel Mühe
-mache.
-
-[517] =Pistor=, Klosterbäcker.
-
-[518] =verhängen=, erlauben, gestatten.
-
-[519] =Stück=, Zeug, Stoff.
-
-[520] =Melusine= und =Ritter von Staufenberg=, vgl. über die Sage
-und ihre Literatur die Einleitung.
-
-[521] =Heiligthum=, Heilthum, Reliquien von Heiligen.
-
-[522] =Meerfein=, (nicht fei) späterer Name für das alte
-~meerminne~. Vgl. ~merfeine~, ~wazzerfeine~. In Fischart's neuer
-Ausgabe des Stauffenbergers (Straßburg 1588) kommt diese Form noch vor:
-»Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.«
-
-[523] =Jubilierer=, Juwelier.
-
-[524] =just=, von richtigem Feingehalt.
-
-[525] =spielt=, ~præt.~ zu spalten, wie im Mhd.
-
-
-
-
-Das siebenundzwanzigste Capitel.
-
- Endlicher Beschluß von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf.
-
-
-»Durch diese Erzählung erfuhr ich, was das wunderbarliche Vogelnestlein
-bei meinem Weib gewürkt, wie sie der Kützel ihres geilen Fleisches zur
-Ehebrecherin, zur Mörderin, mich selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei
-gemacht, und sie endlich selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur
-gebracht habe. Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit
-ihr zugetragen.«
-
-»Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste hätte ich schier
-vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern, ein
-junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und Haar, Kleidern und
-allem hinweg kommen, daß bißher kein Mensch erfahren, wohin er geflogen
-oder gestoben sei. Und solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er
-sich gebuckt, ein Nastüchlein, welches auch zugleich verschwunden,
-aufzuheben, so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen.«
-
-»Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, daß dein Nestlein wieder
-einen andern Meister hat. Gott geb, daß es ihm besser als meinem Weib
-bekomme!«
-
-»Ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen können, wann ich
-ihnen nur hätte die Wahrheit sagen wollen; aber ich schwieg still, und
-ließe dieselbige sich unter einander verwundern und disputirn, so lang
-sie wolten, betrachtet darneben, wie grob der Unwissenden Wahn betrüge,
-und was wol auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit
-anderst erzählt worden wären, wann die Scribenten den Grund recht
-gewust hätten.«
-
-»Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren, wo mein Weib
-hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige und durchstelzte damit
-das Erzstift Salzburg, das ganze Baiern und Schwabenland, Franken und
-die Wetterau. Endlich kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte
-überall, wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so glückselig
-hierin, daß ich glaube, es spendire mir mancher etwas, der selbst nit
-den zehenden Theil so viel Geld hat als ich. Und weil ich sehe, daß von
-meinem Capital nichts abgehet, ich aber gleichwol einen als den andern
-Weg in aller Freiheit mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann
-ichs bedörftig, ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt
-sich gern) zur Nothhelferin haben kan, so wiste[526] ich nicht, was
-mich bewegen solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja ich
-wiste auch kein bessers für mich zu finden. Weistu aber, mein Simplice,
-mir ein anders und bessers zu weisen, so möchte ich deinen Rath gern
-hören und nach Gestaltsame der Sach demselben auch gern folgen.«
-
-»Ich wolte dir wünschen«, antwortet Simplicius, »du führtest hier
-zeitlich dein Leben, daß du das ewige nicht verlierest!«
-
-»O Münchspossen!« sagte Springinsfeld; »es ist nicht müglich, du bist
-seither in einem Kloster gestocken, oder hast im Sinn, in Bälde in eins
-zu schliefen[527], daß du immer wider dein alte Gewohnheit so albere
-Fratzen herfürbringst.«
-
-»Wann du nicht in Himmel wilst«, antwortet Simplicius, »so wird dich
-niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber, du thätest auch wie ein
-Christenmensch und fiengest an zu gedenken an deine letzte Ding, welche
-zu erfahren du noch einen kurzen Sprung zu thun hast.«
-
-Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, und solches
-verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu schlafen, wie dann
-zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher Anmuthung[528] folgten wir und
-thäten die Augen zu, uns noch ein paar Stund innerlich zu beschauen,
-stunden auch nicht ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu
-etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. Als
-wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir Zeitung,
-daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch stark mit Eis gehe,
-so daß niemand weder herüber noch hinüber kommen könte. Derowegen
-resolvirte sich Simplicius, denselben Tag mit seinen Leuten noch in
-der Stadt zu verbleiben, in welcher Zeit er weder den Springinsfeld
-noch mich von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich
-dessen Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet,
-schriftlich aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde,
-daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. Und
-dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals wol
-bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er auf seinen Hof,
-bei ihm auszuwintern[529], betheuerte aber gegen mir gar hoch, daß er
-solches nicht seiner paar hundert Ducaten halber thu, sondern zu sehen,
-ob er ihn nicht auf den christlichen Weg eines gottseligen Lebens
-bringen möchte. Wie ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn
-der verwichne März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum
-in seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs und
-bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser abenteurliche
-Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhof, als er
-ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, sein letztes
-
-
- =Ende=.
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[526] =wiste=, wüßte.
-
-[527] =schliefen=, schlüpfen, kriechen.
-
-[528] =Anmuthung=, Anwandlung.
-
-[529] =auswintern=, durchwintern, den Winter hindurch bleiben.
-
-
-
-
- Anhang.
-
-
-
-
- Der erste
-
- Bärnhäuter,
-
- Nicht ohne sonderbare darunter
- verborgene lehrreiche Geheimnus,
-
- sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und
- sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal
- zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls)
- andern zum Exempel
- vorgestellet
-
- Samt ~Simplicissimi~ Gaukeltasche
-
- von
-
- ~Illiterato Ignorantio~, zugenant ~Idiota~.
-
- (=Holzschnitt=: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.)
-
- Gedruckt im Jahre 1670.
-
-
-
-
-Des ersten Bärnhäuters Bildnus.
-
-(=Holzschnitt=: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen den
-Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.)
-
-
- So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter,
- Den Namen ich bekam vons Bären Haut,
- Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut,
- Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider.
- So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen,
- So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen.
- Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut,
- Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit.
-
- ~f[530]. Prorursicutius[531].~
-
-FUSSNOTEN:
-
-[530] ~f.~, ~fecit~.
-
-[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein:
-~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein
-Bärnhäuter durch und durch.
-
-
-
-
-Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.
-
-
-Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter
-~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten
-Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen,
-diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin
-aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers
-auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus
-nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß
-Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch
-beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus
-dieser Name entsprungen:
-
-Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem
-türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher
-Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret.
-
-Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch
-kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu
-ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm
-ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder
-Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und
-sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und
-ihn endlich gar zu einem Herrn machen.
-
-»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche
-Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.«
-
-»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was
-du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.«
-
-Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen.
-»Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.«
-
-Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase,
-daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das
-Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte:
-
-»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen
-versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um
-Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige,
-wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine
-Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen,
-diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein
-Vatterunser beten.«
-
-»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein
-versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.«
-
-Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir
-zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern
-gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.«
-
-Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen,
-um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber
-eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir
-nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut
-begabt bist worden.«
-
-Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen
-Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner
-übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde
-Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.
-
-Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und
-wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher
-abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als
-einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde
-erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels
-seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter
-Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische
-Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer
-Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten
-eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller
-mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte
-Rübsamen hineinsäen können.
-
-Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der
-Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war,
-einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539];
-doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen
-und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder
-zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe
-thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords
-und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine
-sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich
-zusammen verbunden.
-
-Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen
-Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig.
-
-Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um
-die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er
-ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern
-eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast.
-
-Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch
-besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt
-kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös
-Geschrei bringen solten.
-
-In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß
-der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein
-wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und
-malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten
-Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains,
-Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und
-griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri,
-Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja
-sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der
-Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich
-verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese
-Gemälde selbst verfertigt.
-
-Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und
-seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm
-alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als
-seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß
-er Gelds vollauf hätte.
-
-Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch
-sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.«
-
-Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande
-sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er
-die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero
-auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541]
-wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er
-sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten
-verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die
-übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren,
-und die er bißher noch nicht gesehen.
-
-Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe
-aber fragte hinwiederum: wer sonst?
-
-Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die
-Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.«
-
-»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher
-vermeint.«
-
-Der Herr fragte: »Wer bist du?«
-
-Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein Soldat von
-Fortun[544], und hab mich neulich im Krieg wider den Türken brauchen
-lassen.«
-
-Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen war, fragte
-ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: »Ich habe drei
-Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch ihre Mutter ihrer
-Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander nicht kennet. Ich wil
-dich solche sehen lassen; wirst du nun wissen, welches die Aelteste,
-Mittlere und die Jüngste sei, so wil ich dir eine davon zum Weibe
-geben, welche du unter ihnen haben wilst; wo nicht, so solst du samt
-deinem Vermögen mir zum Eigenthum verfallen sein.«
-
-Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle Herr mit heim,
-ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen.
-
-Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: »Wisse,
-dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte und die
-Aelteste auf der linken, die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu
-stellen.«
-
-Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches die Erst, die
-Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum Weib begehrt, schwur der
-Herr alsobalden, er wolte seine Parole halten, wie es einem ehrlichen
-Cavalier gebühre, Gott geb was[545] die Mutter darzu sagte, und wie
-sich sein Kind darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für
-sich gehen lassen, ehe ein ander Gewirr[546] drein käme.
-
-Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere Geschäften vor,
-doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, und da er einen kostbaren
-Ring, der hierzu gemacht war, von einander geschraubt und ein Theil
-darvon seiner Braut gegeben hatte, gieng er seines Wegs.
-
-Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwarz
-und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich mit dem
-abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was halfs? Ihr Herr
-Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern gönneten ihr diese Heurath;
-sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter und erneuerten
-damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens,
-welches sie doch alles durch Geduld überwande.
-
-Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter in den Rhein
-ins Bad; er richtet[547] ihm seine Haar und beschor selbige samt dem
-garstigen Bart auf die neue Mode und zieret ihn dergestalt auf durch
-besondern Anstrich, daß er sich[548] dem schönsten Cavalier vergliche.
-
-»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere dich wie ein
-rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; ich wil meine Schätze
-aufthun, die ich hierum vergraben habe, und dir Gelds genug hierzu
-geben.«
-
-Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt kommen können,
-war er desto gehorsamer.
-
-Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen
-Kleidern und vielen Dienern in[549] Livree wie ein Großvezier, und da
-es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich wieder ein und sagte zu
-ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heurath«, und damit er desto
-reicher erscheinen konte, füllete er ihm beide Gutschenkisten voller
-Gold, welches er ihm beides zur Beschuldigung[550] und zum Heurathsgut
-mitgab.
-
-Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter voran,
-seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung seines Dienstes und Grußes
-anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier auf dem Weg begriffen wäre,
-ihme zuzusprechen und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit
-einem Wort, eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er
-anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte.
-
-Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber Gast sein
-würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen und wol empfangen,
-auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen
-die beide älteste Töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu
-gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt
-hatten.
-
-Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein Turteltäubchen,
-das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als eine Versprochene keine
-Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen Herrn zu bekommen,
-wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen höhnischen Blick
-und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben,
-welches ihr tief ins Herz geschnitten.
-
-Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen Golds das Jawort
-und unter den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam, zumalen
-noch jede von den ältesten Schwestern ihn zu bekommen festiglich
-verhoffte, offenbarte er sich der Jüngsten durch ein Stück des von
-einander geschraubten Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt.
-
-So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken hingegen
-jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen.
-
-Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was sie thäten,
-und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen Tochter Glück, daß
-sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, welche zugleich von
-Schamhaftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden,
-also daß sich die eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen
-stürzte.
-
-Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich erschiene: »Nun
-haben wir mit einander[551] ausgefischt[552]; du hast eine und ich zwo
-von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen
-Cavalier versagt.«
-
- * * * * *
-
-=Mein hochgeehrter und ~respective~ großgünstiger lieber Leser= nehme
-vor dißmal hiermit verlieb und urtheile aus dieser Erzählung, was er
-will; alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernach
-kommen.
-
-
- =Ende.=
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[532] =ausecken=, gründlich herausbringen.
-
-[533] =mir gedenkt=, ich erinnere mich.
-
-[534] =Hohenroth=; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein,
-so ist dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf
-des Namens liegt in Nassau, Amt Herborn.
-
-[535] Bekanntlich war es Bajazet ~I.~, der den König Sigismund bei
-Nikopolis schlug.
-
-[536] =Commiß=, alles, was den Soldaten geliefert wird.
-
-[537] =taug=, mhd. ~touc~, ~præteritopræs.~ zu tügen, taugen, passen,
-anstehen.
-
-[538] =Höllenzopf=, eigentlich =Hollenzopf=, verworrenes und
-verfilztes Haar, wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt,
-sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; Adelung, Wörterb. hat
-»Höllenzopf«, ~plica polonica~.
-
-[539] =auszahlen=, ~trans.~, gänzlich bezahlen.
-
-[540] =ausgeben=, vorgeben.
-
-[541] =mehrers zu=, wie: immer zu.
-
-[542] =künstlich=, kunstreich.
-
-[543] =weder=, als.
-
-[544] =Soldat von Fortun=, der seine Stellung sich selbst und nicht
-etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat.
-
-[545] =Gott geb was=, was auch.
-
-[546] =Gewirr=, Störung, Hinderniß.
-
-[547] =richten=, in Ordnung bringen.
-
-[548] Im Druck fehlt: sich.
-
-[549] =in= fehlt im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich«
-gehört zu »wie ein Großvezier« und nicht zu »Livree«.
-
-[550] =Beschuldigung=, wol Druckfehler für Besoldung.
-
-[551] =mit einander=, alle beide.
-
-[552] =ausfischen=, ~intrans.~ einen Fang thun.
-
-
-
-
- ~Simplicissimi~ wunderliche
-
- Gaukel-Tasche
-
- Allen Gauklern, Markschreiern,
- Spielleuten, in Summa allen denen
- nöthig und nützlich, die auf offenen Märkten
- gern einen Umstand herbei brächten, oder
- sonst eine Gesellschaft lustig zu machen
- haben.
-
- Verwunderlich und lustig zu sehen.
-
- (=Holzschnitt=: Ein Jäger mit Hunden.)
-
- Entworfen
-
- durch obigen Autorem.
-
- [Illustration]
-
- Gedruckt im Jahr 1670.
-
-
-
-
-Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, mit
-einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] abzuwehren;
-neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit Buckeln und ein Apfel.)
-
-
-Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen
-Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt ausgeben,
-aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt
-zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch Fabionen[553], noch
-Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder kurzweiligen Schalk
-vermocht[554], das Volk dardurch zu seinem Stand zu bringen, als hat er
-sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer Gaukeltaschen gebraucht, dem
-Volk daraus wahrgesagt, manche Kurzweil dardurch angerichtet und sich
-überaus wol darbei befunden. Als man ihn aber in die Karte gesehen,
-und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt[555] hatte,
-seind ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen[556], die auch
-nicht abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch
-herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpfe in
-ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen könten. ~Vale.~
-
-FUSSNOTEN:
-
-[553] =Fabionen=, Paviane.
-
-[554] =vermögen=, besitzen.
-
-[555] =ablegen=, niederlegen, aufgeben.
-
-[556] =angelegen sein=, wie anliegen, ersuchen, zureden.
-
-
-
-
-An die Umstehenden.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; links
-und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.)
-
-
- Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen,
- Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen!
- Er blättere herum, er suche hin und her,
- Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr,
-
- So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen,
- Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen,
- Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still,
- Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil.
-
-
-Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten werden sol.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht eine
-Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, mit einem Prügel,
-den er in der Rechten hält.)
-
-
-Wann der Artifex seine Kunst weisen[557] will, so fasset er mit seinem
-rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter nach einander
-herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; ist dann irgend einer
-unter dem Umstand, der entweder gelehrt oder andächtig ist, so lässet
-er denselben in das zugethane Buch blasen, ergreift den Griff mit No.
-2 gezeichnet, laß die Blätter abermal herumschnellen, so sihet man
-sonst nichts als diese Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der,
-so hinein geblasen, sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann
-bläst er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der
-Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter dem
-Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen,
-folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem Reichen, daß er viel Geld
-habe; hernach bläset er selbst wieder durchs Buch und weiset dem
-Umstand mit No. 1 nur die weiße Blätter. Ist dann einer unter dem
-Haufen, der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein
-blasen und weise ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie
-einem solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe so
-wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es sei ein Soldat
-oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein solcher, der vor einen
-Helden gehalten sein wil, den lasse er ins Buch blasen und weise ihm
-vermittelst No. 5 lauter Wehr und Waffen und sage: diß ist ein Kerl,
-der Lust zum Krieg hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und
-weise durch No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder
-Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und weise ihm No.
-6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er selbst ins Buch und
-zeige ihm abermal nur weiße Blätter. Ist dann ein Jungfernknechtla bei
-der Gesellschaft, den lasse ins Buch blasen und zeige ihm durch No.
-7, daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine
-Anzeigung sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal
-wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur die weiße
-Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der gern spielt, den läßt
-er ins Buch blasen und weiset ihm hernach durch No. 8 die Karten, bläst
-hernach selbst wieder ins Buch und zeigt abermal nur weiße Blätter.
-Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so
-dumm nicht sein, daß er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder
-Alter abnehmen könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als
-die Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht hiermit
-procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen halten, viel
-weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. Gehab dich wol.
-
- (=Holzschnitt=: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem Ballen
- Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.)
-
-FUSSNOTEN:
-
-[557] Im Text als Druckfehler: »wissen«.
-
-
-
-
-Die Geizigen und
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher
- [kabbalistischer?] Zeichen. -- ~II.~ Avers und Revers einer Münze: 1.
- eine Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: ~Dante Deo et
- ordinum concordia~, 2. von einem Kranz umgeben: ~Fridericus elec.
- Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619~. ~III.~ darunter eine
- Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem Stern, der
- äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. Quer vor
- dem ersten Doppelkreise: ~ortas~ [~ortus~], zwischen dem ersten und
- zweiten: ~occas9~.)
-
-
- Du hast deine Lust am Geld,
- An den Thalern und Ducaten,
- Welche hoch acht alle Welt,
- Welche mir und dir nicht schaden.
- Doch halt gänzlich ich darvor,
- Daß der Geiz dich eingenommen;
- Laß nach, ich sag dirs ins Ohr,
- Du wirst sonst Unglück bekommen.
-
-
-
-
- Mauschals betreffend.
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Darunter links
- ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts ein
- Hifthorn. -- ~III.~ Avers und Revers einer Münze: 1. Ein Engel hält ein
- Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: ~mo: no: fratrum: ducum:
- saxoni:~ 2. ein Wappenschild, Löwe, Reichs-Adler, Längsbalken, Löwe,
- mit 4 Feldern ~Lantgrviorum. thur. et mar-mi.~)
-
-
- Karger Jud! Wiltu mehr Gold
- Auch aus meinem Buch erpressen,
- Das ich selbst gern haben wolt?
- Du komst mir vor sehr vermessen.
- Laß darvor die güldnen Stück
- Springen, die du eingeschlossen;
- Diese laß mir hier zurück,
- Sonst machst du mir schlimme Possen.
-
-
-
-
- Die Possenreißer und
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Ein nackter Mann
- auf dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren mit
- Kappe hineingezwängt; oben links und rechts je ein Ballen mit Stiel.)
-
-
- Du hast gewiß zu viel ein Sparren,
- Weil sich dir hier lauter Narren
- Unversehens stellen für;
- Doch getrost! In diesen Orden
- Sein schon viel geschrieben worden,
- Du bists nicht allein, glaub mir.
- Allenthalben sie herkommen,
- Du bist auch nicht ausgenommen.
-
-
-
-
- Schalksnarren betreffend.
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Charaktere. -- ~II.~ Ein Narr in einer Straße,
- auf jeder Hand ein Rabe, drüber: grab, grab, grab. -- ~III.~
- Charaktere.)
-
-
- Willkommen, lieber Cammerad!
- Es ist ja vor dich nicht schad,
- Wann du dich gleich ließt einschreiben,
- Die Zeit mit uns zu vertreiben.
- Ei, betrachte uns doch recht,
- Lieber, unser groß Geschlecht,
- Du darfst dich ja gar nicht scheuen,
- Es wird dich niemals gereuen.
-
-
-
-
- Die Soldaten und
-
- (=Holzschnitt=: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein
- bekleidetes Weib, darüber: venus; aus einem andern Zelte rechts schaut
- ebenfalls eine weibliche Figur hervor, darüber: firbas[558]. Die
- übrigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet[559],
- gut, trüw, zucht, abenthür, liebe, scham. Der Stock sehr roh.)
-
-
- Du hast ein herzhaft Geblüte,
- Hörest nicht gern viel von Güte;
- Vor Musqueten und Cartaunen
- Pflegestu nicht zu erstaunen;
- Auf den Degen hältst du viel,
- Du liebst hoch des Martis Spiel.
- Halt dich wol, es kan sich schicken,
- Daß dir all dein[560] Thun mög glücken.
-
- FUSSNOTEN:
-
- [558] =firbas=, fürbaß, vorwärts.
-
- [559] =stet=, Standhaftigkeit.
-
- [560] =dein=, in den Ausgaben steht als Druckfehler =mein=.
-
-
-
-
- Kriegsgurgeln betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und
- Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Stoßwaffen. Ebenso roh wie der
- vorige Stock.)
-
-
- Du hast deine Freud in Waffen,
- Auf Musqueten, Puffen, Paffen
- Ist dein ganz Herz hingericht;
- Deine Hoffnung treugt dich nicht,
- Ich hab von dem Glück vernommen,
- Daß du werdest wol ankommen;
- Führ den Degen nur fein frisch,
- Daß der Feind dir nicht entwisch.
-
-
-
-
- Die Weinschläuch und
-
- (=Holzschnitt=: Bacchus auf einem Faß stehend, links ein Weinbauer,
- der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr mit einer
- Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein runder Becher
- mit Buckeln.)
-
-
- Gott segn es, lieber Bruder!
- Thue mir bald Bescheid;
- Es ist wahrlich ein guter,
- Ich sing drein mit Herzensfreud.
- Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken?
- Mir pflegt er Freud zu erwecken.
- Du gibst meinem Herzen Kraft,
- Ei du edler Rebensaft!
-
-
-
-
- Bierbrüder betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend, die Frau
- trinkt aus einem großen Deckelkrug, der Mann aus einem Zwiebelglase,
- während ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt. Darunter ein kleines
- Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher [oder eine Kanne?])
-
-
- Ich hab dirs gleich angemerket,
- Daß der Trunk dich trefflich stärket,
- Drum bring ich dir jetzt eins zu:
- Trink es aus biß auf den Grunde!
- Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde,
- Hast du doch drauf gute Ruh.
- Sie macht dir nichts mehr zu schaffen,
- Wann der Rausch ist ausgeschlafen.
-
-
-
-
- Die Courtisanen und
-
- (=Holzschnitt=: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer Dame, die
- er um die Schulter faßt, rasch fortschreitend; neben ihm links ein
- Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.)
-
-
- O du schöner Jungfernknecht!
- Du kommst jetzund eben recht,
- Es gibt was zu cortesiren;
- Ich will dich gar recht anführen.
- Aber sihe dich wol für,
- Daß dein Schatz dich nicht verführ,
- Sitzest du auf die Leimstangen,
- So bist plötzlich du gefangen.
-
-
-
-
- Jungfernknechte betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken Hand,
- reicht einer Dame zum Abschied die rechte.)
-
-
- Hat die Liebeskrankheit dich
- Ganz besessen gleich wie mich,
- Ei wol! Geh behutsam nur,
- Daß man nicht komm auf die Spur.
- Laß den Hasen ja nicht blicken,
- Du musts wissen zu verzwicken;
- Wilttu handeln recht gescheit,
- Ei, so gehe nicht so weit!
-
-
-
-
- Die Gaukler, Spitzbuben
-
- (=Holzschnitt=: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten
- Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer verkauft
- einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein Knabe, der ihr
- einen Zopf abschneidet, links am äußersten Rand ein Mann, der mit dem
- Finger zeigt.)
-
-
- Trumpfen, letzten Stich, Pikieren,
- Bald gewinnen, bald verlieren,
- Ist dir ein gemeine Sach,
- Spessern[561], Quanzen[562] und Labeten[563]
- Half dir oft aus vielen Nöthen,
- Bracht dir auch oft Ungemach.
- Man schlug dich oft auf die Taschen,
- Wollen wir jetzunder paschen?[564]
-
- FUSSNOTEN:
-
- [561] =Spessern=, überbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch
- gebräuchlichen »es bessern.«
-
- [562] =Quanzen=, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die
- Partie haben, ~avoir quinze sur la partie~; daher der Name eines
- Spiels, wobei der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, ~jouer au
- quinze~.
-
- [563] =Labeten=, durch Kaufen sein Spiel verlieren.
-
- [564] =paschen=, einen Pasch werfen, dann würfeln überhaupt.
-
-
-
-
- und Spieler betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei Männer
- spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen sitzend;
- auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.)
-
-
- Eichel, Schellen, Grün und Herz
- Bringen dir bald Freud, bald Schmerz.
- Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen;
- Bald heißts: Mein Geld ist zerronnen.
- Sags nur meiner Frauen nicht,
- Was hier bei dem Spiel geschicht,
- Sie möcht treten sonst ins Mittel
- Und mir lesen ein Capitel.
-
-
-
-
- Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.
-
-
- Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet,
- Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet.
- Versuch es auch einmal, gewiß, es reut dich nicht,
- Wann deine Kunst mit Maß zu rechter Zeit geschicht.
-
- Man lebt doch in der Welt, muß sehn, wie man sich nähret,
- Daß man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret.
- Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut,
- So machstu, daß man dir stets alles Gutes thut.
-
-
- Ende.
-
- (=Holzschnitt=: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige Cäcilia?].
- Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit den Händen zwei
- Blasbälge.)
-
- Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
- gesperrter Text markiert durch = ... =
- Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.
- Viele Wörter stammen aus deutschen Dialekten und wurden entsprechend
- beibehalten.
- Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend
- geändert.
- 'n mit Makron' wurde durch '[=n]' ersetzt.
- Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster
-Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster Theil
-(von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
-
-Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-Editor: Julius Tittmann
-
-Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
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-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_ii"></a></span></p>
-
-
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-
-<h1>Deutsche Dichter</h1>
-
-<p class="p1 center font11">des</p>
-
-<p class="p1 center font16">siebzehnten Jahrhunderts.</p>
-
-<p class="center font11"><em class="gesperrt">Mit Einleitungen und Anmerkungen.</em></p>
-
-<p class="p2 center font11">Herausgegeben</p>
-
-<p class="p2 center font09">von</p>
-
-<p class="p2 center font12"><b>Karl Goedeke und Julius Tittmann.</b></p>
-
-<p class="pmb2" />
- <div class="figcenter">
- <img src="images/tb001.jpg" alt="Dekoration" />
- </div>
-
-<p class="p3 center font11"><em class="gesperrt">Zehnter Band.</em></p>
-
-<p class="center font11"><b>Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.</b></p>
-
-<p class="center font11"><em class="gesperrt">Erster Theil.</em></p>
-
-<p class="pmb3" />
- <div class="figcenter">
- <img src="images/signet_001.jpg" alt="Signet" />
- </div>
-<p class="pmb1" />
-
-<p class="center font11">Leipzig:</p>
-<p class="center font11"><em class="gesperrt">F. A. Brockhaus.</em></p>
-<hr class="tb5" />
-<p class="center font10">1877.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii">[S. iii]</a></span></p>
-
-
-<p class="p3 center font22"><b>Simplicianische Schriften.</b></p>
-
-<p class="p1 center font11">Von</p>
-
-<p class="p1 center font16"><b>Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.</b></p>
-
-<p class="center">Herausgegeben</p>
-
-<p class="center font09">von</p>
-
-<p class="p1 pmb2 center font12">Julius Tittmann.</p>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<p class="p2 center">Erster Theil.</p>
-
-<p class="center font12">Trutz Simplex. &mdash; Der seltzame Springinsfeld.</p>
-
-<p class="center font10">Anhang: Der erste B&auml;rnh&auml;uter. &mdash; Gaukel-Tasche.</p>
-
-<p class="pmb3" />
- <div class="figcenter">
- <img src="images/signet_001.jpg" alt="Signet" />
- </div>
-<p class="pmb1" />
-
-
-<p class="center font11">Leipzig:</p>
-<p class="center font11"><em class="gesperrt">F. A. Brockhaus.</em></p>
-<hr class="tb5" />
-<p class="center font10">1877.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iv"></a></span></p>
-
-
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-<hr class="chap" />
-
-
-<h2>Inhalt</h2>
-
-<div class="block6">
-<table border="0" cellspacing="2" cellpadding="1" class="tdl" summary="Inhalt">
- <colgroup> <col width="4%" /> <col width="4%" /> <col width="50%" /> <col width="20%" />
- </colgroup>
- <tr>
- <td align="right" colspan="4"><span class="font08">Seite</span></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td align="left" colspan="3"><span class="font10">Die Simplicianischen Schriften.<br />
- I.</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_v">v</a><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font09">
- Kurzer, doch ausf&uuml;hrlicher Inhalt und Auszug der merkw&uuml;rdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandst&ouml;rzerin und Zigeunerin Courage.
- </span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_5">5</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das erste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zweite Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_12">12</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dritte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_16">16</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_23">23</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_28">28</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebente Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das achte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_35">35</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das neunte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_38">38</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das elfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zw&ouml;lfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dreizehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_53">53</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das achtzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_76">76</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das neunzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_87">87</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das einundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_89">89</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zweiundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dreiundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_102">102</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechsundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebenundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_112">112</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das achtundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Zugab des Autors.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_119">119</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font09">Wahrhaftige Ursach und kurzgefa&szlig;ter Inhalt dieses Tract&auml;tleins.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_120">120</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Der seltzame Springinsfeld.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das erste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zweite Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dritte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_135">135</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_144">144</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_149">149</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebente Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_155">155</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das achte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_162">162</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das neunte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_166">166</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_172">172</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das elfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_175">175</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zw&ouml;lfte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_181">181</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dreizehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_186">186</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_191">191</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_195">195</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_198">198</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_203">203</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das achtzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_206">206</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das neunzehnte Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_210">210</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_213">213</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das einundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_216">216</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das zweiundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_219">219</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das dreiundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_223">223</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das vierundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_227">227</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_231">231</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das sechsundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_234">234</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Das siebenundzwanzigste Capitel.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_240">240</a></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Anhang.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_243">243</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Des ersten B&auml;rnh&auml;uters Bildnus.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_246">246</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Vom Ursprung des Namens B&auml;rnh&auml;uter.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_247">247</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Der Autor an den K&auml;ufer und sonst jedermann.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_256">256</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">An die Umstehenden.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_257">257</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Geizigen und...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_260">260</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...Mauschals betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_261">261</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Possenrei&szlig;er und...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_262">262</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...Schalksnarren betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_263">263</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Soldaten und...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_264">264</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...Kriegsgurgeln betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_265">265</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Weinschl&auml;uch und...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_266">266</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...Bierbr&uuml;der betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_267">267</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Courtisanen und...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_268">268</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...Jungfernknechte betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_269">269</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">Die Gaukler, Spitzbuben...</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_270">270</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"></td>
- <td align="left"><span class="font09">...und Spieler betreffend.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_271">271</a></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td></td>
- <td align="left" colspan="2"><span class="font10">Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.</span></td>
- <td align="right"><a href="#Seite_272">272</a></td>
- </tr>
-
-</table>
-</div>
-
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v"></a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Simplicianischen_Schriften" class="nobreak">Die Simplicianischen Schriften.</h2>
-<h3>I.</h3>
-
-
-<p>Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme f&uuml;r Hans
-Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen
-Roman &raquo;Simplicissimus&laquo; gerade in dem Jahre, wo
-seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte
-vergangen sind, ist an sich f&uuml;r den Kenner und Verehrer
-seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht
-jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntni&szlig;
-des vollen Werthes des vielgenannten Mannes;
-sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man
-d&uuml;rfte sagen, zuf&auml;llig und gewaltsam geweckt worden. Darum
-scheint die Bef&uuml;rchtung nahe zu liegen, dieselbe werde
-bald und ohne Nachwirkung vor&uuml;bergehen. Ueberdies ist die
-Bearbeitung des &raquo;Simplicissimus&laquo;, welche den ersten Ansto&szlig; zu
-dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider
-nicht geeignet, ein gen&uuml;gendes oder gar nur ein wahres
-Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualit&auml;t zu
-geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft,
-das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen,
-da&szlig; seine Art, sein Wollen und K&ouml;nnen unverk&uuml;rzt und unentstellt
-zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und
-nachdr&uuml;cklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.</p>
-
-<p>Im &raquo;Simplicissimus&laquo; wird uns der Verlauf eines
-Menschenlebens vorgef&uuml;hrt, das in seinen allgemein g&uuml;ltigen
-Momenten immer verst&auml;ndlich bleibt, wenn auch der
- <span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[S. vi]</a></span>
-Entwickelungsgang desselben durch Zust&auml;nde und Ereignisse bedingt
-wird, die der Gegenwart fremd erscheinen m&ouml;gen.
-Diese Verh&auml;ltnisse und Thatsachen geh&ouml;ren der Geschichte
-unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren
-gro&szlig;en Z&uuml;gen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt
-sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln
-und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben,
-mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen.
-Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem
-Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das
-mu&szlig; jeder empfinden, der &uuml;berhaupt sehen kann und will.
-Aus der durch dieses Gem&auml;lde erleichterten Entgegenstellung
-des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes
-entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die
-Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei
-auf den Gedanken kommen, da&szlig; ihre, &uuml;berdies schlecht construirten
-R&uuml;ckschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn
-arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung
-schwer sch&auml;digen m&ouml;chten.</p>
-
-<p>Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen
-&raquo;Simplicissimus&laquo; erblickte in dem Gesagten die Aufforderung,
-das Seinige zu thun, um die volle Sch&auml;tzung Grimmelshausen's
-in einem gr&ouml;&szlig;ern Leserkreise zu f&ouml;rdern, und entschlo&szlig;
-sich zur Fortsetzung der Arbeiten f&uuml;r das Verst&auml;ndni&szlig;
-seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden
-vorliegenden B&auml;nde in die Sammlung der &raquo;Deutschen
-Dichter des siebzehnten Jahrhunderts&laquo;. Dieselben schlie&szlig;en
-sich dem Hauptwerke unmittelbar an.</p>
-
-<p>Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine
-Welt f&uuml;r sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen,
-Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum
-harmonischen Abschlu&szlig; gelangt ist; diese Harmonie durchdringt
-dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der
-Darstellung bis auf ihr &auml;u&szlig;eres Mittel, die Sprache. In
-diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter;
- <span class="pagenum"><a id="Seite_vii">[S. vii]</a></span>
-ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. F&uuml;r
-denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle
-Individualit&auml;t sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger
-Uebersch&auml;tzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher
-Erw&auml;gung zu keinem andern Urtheil gelangt.</p>
-
-<p>Was f&uuml;r die gesammte Gattung der epischen Dichtung
-gilt, dem mu&szlig; auch in der besondern Art derselben, dem
-Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der
-neuern Zeit verlaufen mu&szlig;te, im allgemeinen wenigstens,
-Geltung zukommen: da&szlig; die ideale Welt des Dichters, sein
-individuelles Geistesleben, mit dem thats&auml;chlichen geistigen
-und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle,
-in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden
-die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo
-hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die h&ouml;chste formelle
-Kunst denselben nicht g&auml;nzlich ausgleichen; in die Auffassung
-und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen,
-und m&ouml;glicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich
-als k&uuml;nstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen
-einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen
-und der Apperception des Dichters wird st&ouml;rend in
-der Dichtung selbst empfunden und l&auml;&szlig;t das Gef&uuml;hl der Unbefriedigtheit
-zur&uuml;ck. Auf der andern Seite aber scheint in
-Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung
-unerl&auml;&szlig;lich zu sein, sobald die B&uuml;hne, auf welcher die Handlung
-sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angeh&ouml;rt,
-mehr noch da, wo das Thats&auml;chliche der eigenen
-Pers&ouml;nlichkeit nahe tritt, <em class="gesperrt">die</em> Bedingung, da&szlig; bei der Ausf&uuml;hrung
-seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse
-Ferne ger&uuml;ckt und die durch subjective Theilnahme f&uuml;r
-Personen und Ereignisse gest&ouml;rte Ruhe wiedergewonnen sei,
-denn nur einem ungetr&uuml;bten Blick kann die klare Erfassung
-des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.</p>
-
-<p>Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte
-als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben
- <span class="pagenum"><a id="Seite_viii">[S. viii]</a></span>
-erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, da&szlig; die Annahme
-fast mit Gewalt sich aufdr&auml;ngt, er selbst sei der Held
-seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch
-fehlt, diese Identit&auml;t auch nur in den wichtigsten Punkten
-festzustellen, und seine schriftstellerische Th&auml;tigkeit f&auml;llt erst
-gegen das Ende seines Lebens, wo der gro&szlig;e Kampf, in
-dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgek&auml;mpft war, wenngleich
-seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen
-sich f&uuml;hlbar machte.</p>
-
-<p>Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt
-haben, deren Ausbau die Einleitung zum &raquo;Simplicissimus&laquo;
-zu schildern versucht, in ihrem vollst&auml;ndigen Zusammenfallen
-mit der &auml;u&szlig;ern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe
-von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck
-die &raquo;Simplicianischen&laquo; genannt werden. In ihnen bewegt
-sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch
-mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die
-&uuml;brigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder fl&uuml;chtige
-Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, da&szlig; die Zusammengeh&ouml;rigkeit
-dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe
-seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine
-&uuml;brige Schriftstellerei nur eine beil&auml;ufige und gelegentliche
-war, von seinen Lesern nicht &uuml;bersehen werde. Er hat sich
-dar&uuml;ber kurz und b&uuml;ndig ausgesprochen, indem er die Reihefolge,
-die sich schon aus innern Gr&uuml;nden wie der Zeit der
-Entstehung nach ergibt, noch ausdr&uuml;cklich feststellt. Dieser
-Zusammenhang zu einem gr&ouml;&szlig;ern Ganzen wird in nachstehender
-Weise vermittelt.</p>
-
-<p>Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer
-Zeit in Ber&uuml;hrung kam, wo er einmal gute Tage hatte und
-der alte Leichtsinn sein Recht forderte, war auch eine vornehm
-auftretende Dame, die er im Sauerbrunnen zu Grie&szlig;bach
-kennen lernte. Sie war sch&ouml;n und gewandt genug, ihn
-in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten
-Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr f&uuml;r
- <span class="pagenum"><a id="Seite_ix">[S. ix]</a></span>
-<span class="antiqua">mobilis</span> als <span class="antiqua">nobilis</span> zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so
-&uuml;bertrieben mit &raquo;liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen
-ihrer brennenden Affection&laquo; zu, da&szlig; er sich vor sich selbst
-und in ihrer Seele sch&auml;men mu&szlig;te. Deshalb suchte er sie
-bald wieder loszuwerden; die von ihr selbst erz&auml;hlte &raquo;gute
-Manier&laquo;, mit welcher ihm dies gelang, war freilich &auml;rgerlich
-und sehr wenig cavalierm&auml;&szlig;ig. Sie wurde zu aller Welt
-Spott und verlie&szlig; so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz
-ihrer Thaten.</p>
-
-<p>Nach der Abreise der Hochstaplerin &uuml;berlie&szlig; sich Simplicissimus
-ganz dem heitern Treiben des Badelebens. Aber
-bald schmerzlich ber&uuml;hrt durch den Tod seines theuersten
-Freundes, des &raquo;Herzbruders&laquo;, begann er auf einsamen G&auml;ngen
-in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen und den Stand
-eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem
-Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuw&auml;gen;
-&uuml;berdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent
-f&uuml;r verlorne Freundschaft. Das war die rechte Stimmung
-f&uuml;r die Hauptperson in einer Dorfgeschichte. Im sch&ouml;nen
-Renchthale beginnt die Einleitung unter Nachtigallengesang
-und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die gro&szlig;e
-Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang
-hier der einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten
-das Seil &uuml;ber die H&ouml;rner. Sch&ouml;n freilich m&uuml;ssen
-wir sie der Beschreibung nach nennen, die jugendfrische
-Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer
-besch&auml;ftigt sah. Wenn sie mit ihren wei&szlig;en H&auml;nden ihre
-weiche Butter im Wasser k&uuml;hlte, so hatte sie dagegen mit
-ihren klaren schwarzen Augen sein ebenso weiches Herz in
-Brand gesetzt. Darauf geht alles seinen ordnungsm&auml;&szlig;igen
-Gang: Gem&uuml;thszustand eines mit allen Thorheiten beladenen
-Phantasten, standhafte Weigerung &mdash; der Weg zum Besitz
-geht nat&uuml;rlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte
-Simplicissimus durch seine ersten Pflege&auml;ltern im Spessart
-die Beweise seiner adelichen Geburt erhalten, und er besa&szlig; Geld
- <span class="pagenum"><a id="Seite_x">[S. x]</a></span>
-genug, eine reich ausgestattete Bauerwirthschaft zu gr&uuml;nden.
-Nun folgt die Hochzeit und der Anfang eines echten Junkerlebens,
-wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft entschiedene
-Anlage besitzt. Sie trinkt gern und h&auml;ufig den
-lieben Wein, und bald geht alles liederlich und r&uuml;ckw&auml;rts
-in Haus und Hof. Besonders denkw&uuml;rdig aber war der
-Tag, an dem nicht blo&szlig; die junge Frau eines Kn&auml;bleins gena&szlig;,
-sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde
-ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor
-die Th&uuml;r gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch
-bange, und es kam ihm vor, als m&uuml;sse noch eins aus jedem
-Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die Obrigkeit mit
-rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch wenigstens
-das Gute, da&szlig; sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten
-der Liebe f&uuml;r immer verleidete.</p>
-
-<p>Spielte nun auch die Dame von Grie&szlig;bach nur eine sehr
-kleine Rolle in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so
-war dieser Charakter doch interessant als Repr&auml;sentant einer
-Klasse von Weibern, die dem Soldatenleben jener Zeit eine
-eigenth&uuml;mlichen F&auml;rbung gaben, jenen fahrenden Frauen, die
-den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte es an merkw&uuml;rdigen
-Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die
-sich als interessantes Beiwerk f&uuml;r die detaillirte Ausmalung
-des Leitbildes verwerten lie&szlig;en. Der Verfasser bedient
-sich dieses Charakters, um zun&auml;chst die Verbindung mit dem
-Werke in dem oben er&ouml;rterten Sinne herzustellen und zugleich
-die Schilderung eines solchen verlornen Lebens daran
-zu kn&uuml;pfen.</p>
-
-<p>Die Form ist geschickt gew&auml;hlt. Die Landstreicherin erz&auml;hlt,
-wie dies in der Natur der Picarischen Romane liegt,
-ihr Leben selbst. Der Zweck, den sie pers&ouml;nlich bei der
-Ver&ouml;ffentlichung verfolgt, liegt in der fl&uuml;chtigen Beziehung
-zu Simplicissimus und ist ihr durch den Wunsch nach Rache
-eingegeben. Der Aufenthalt in Grie&szlig;bach bezeichnet eigentlich
-das Ende ihres Gro&szlig;lebens, ja aller ihrer Erfolge. Von
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xi">[S. xi]</a></span>
-da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie
-vielleicht mehr geliebt hatte als einen der beg&uuml;nstigten M&auml;nner,
-der sie sogar wenigstens &auml;u&szlig;erlich wieder h&auml;tte zu Ehren
-bringen k&ouml;nnen, war ihr aus dem Netz gegangen; da&szlig; er
-aber gar die fatale Geschichte aller Welt erz&auml;hlt, sch&uuml;rte in
-ihrem Herzen einen Ha&szlig;, den sie jahrelang mit sich umhertrug.
-Nun sollte aber zun&auml;chst Simplicissimus, dann jeder
-wissen &mdash; denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht
-das Geringste mehr gelegen &mdash;, wer sie eigentlich war, und
-was f&uuml;r einen Streich sie gegen ihn gef&uuml;hrt, als sie ihm
-den Knaben ihrer Zofe unterschob, den er als seinen Sohn
-und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei ist jedoch
-nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule
-gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar
-von ein paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie
-ihre Enth&uuml;llungen in die Feder dictirt. Nach der Ver&ouml;ffentlichung
-derselben hatte der Schreiber sich einst im Vorzimmer
-eines gro&szlig;en Herrn vergeblich um eine Stelle bem&uuml;ht.
-Die strenge K&auml;lte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort
-findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende
-Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus;
-dann tritt ein bejahrter Stelzfu&szlig; herein, ein Spielmann
-mit der Geige, ein fr&uuml;herer Kamerad des Simplicissimus,
-einst ein anstelliger und tapferer Bursch, mit dem
-auch die Dame eine Zeitlang im Guten und B&ouml;sen verkehrt
-hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den
-beiden Kriegsgef&auml;hrten. Der erste, von der Reise in fremde
-L&auml;nder, deren Hauptereigni&szlig; eine Robinsonade auf einer unbewohnten
-Insel der S&uuml;dsee bildet, zur&uuml;ckgekehrt, wohnte
-als ehrsamer Landwirth in seiner Heimat am Spessart. Des
-andern Leben war auf die gew&ouml;hnliche Weise abgeschlossen
-worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber erkennt
-nat&uuml;rlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte
-berichten m&uuml;ssen, und bald kommt es zu unliebsamen Er&ouml;rterungen;
-er erz&auml;hlt, wie er zu der Autorschaft gekommen,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xii">[S. xii]</a></span>
-und von dem Lohn, der ihm daf&uuml;r geworden. Wir erfahren
-bei der Gelegenheit, da&szlig; dem alten Herrn durch das Buch
-der gr&ouml;&szlig;te Dienst geschehen ist, denn die Erz&auml;hlung l&auml;&szlig;t
-keinen Zweifel, da&szlig; der Knabe, der ihm untergeschoben
-werden sollte, wirklich der seinige, da&szlig; also der Zweck
-des Buchs verfehlt ist. Endlich, nachdem des Simplicissimus
-Pflege&auml;ltern, der &raquo;Knan&laquo; und die &raquo;Meuder&laquo;, sammt dem Sohn
-hinzugekommen, hat der Leser das Vergn&uuml;gen, sich die ganze,
-&uuml;brigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische Familie
-vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag
-&uuml;ber zusammen, und um die lange Winternacht zu k&uuml;rzen,
-erz&auml;hlt der alte Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus
-beauftragt den Schreiber, auch diese niederzuschreiben
-und herauszugeben, damit die Welt erfahre, da&szlig; der junge
-Simplicius nicht von einer Landstreicherin abstamme.</p>
-
-<p>Wenn der Zusammenhang der beiden Erz&auml;hlungen des vorliegenden
-Bandes mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz
-nat&uuml;rlicher ist, indem er in ansprechender Weise und durch
-dem Leser bekannte Personen vermittelt wird, so sind die
-beiden andern, der erste und zweite Theil des &raquo;Vogelnestes&laquo;,
-die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen k&uuml;nstlichen,
-nur mehr &auml;u&szlig;erlichen Zusammenhang gesetzt; nur
-schwache F&auml;den leiten zu beiden und von einer zur andern
-hin&uuml;ber, die von einem wunderbaren Ereigni&szlig; im Leben des
-Stelzfu&szlig;es ausgehen. Ueberdies wird der Leser aus den
-Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in halbwegs
-geordnete Zust&auml;nde gef&uuml;hrt. Der abgedankte Soldat hatte
-sich eine Zeitlang mit einem Leierm&auml;dchen umhergetrieben.
-Der Zufall setzte sie in Besitz eines gro&szlig;en Schatzes, der
-ihrem Elend h&auml;tte ein Ende machen k&ouml;nnen, es ist ein zauberhaftes
-<em class="gesperrt">Vogelnest</em>, das seinen Tr&auml;ger unsichtbar macht. Die
-Fr&uuml;chte des Fundes genie&szlig;t die Leichtfertige allein, indem
-sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu Diebstahl
-und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu
-bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xiii">[S. xiii]</a></span>
-und stirbt eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel
-gelangt in die H&auml;nde eines jungen Mannes, der bei
-dem Ausgang des Abenteuers zugegen war. Seine Erlebnisse
-schildert die erste Abtheilung; als er endlich desselben
-&uuml;berdr&uuml;ssig geworden, wirft er das gef&auml;hrliche Spielzeug von
-sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch
-dieser war schon beil&auml;ufig erw&auml;hnt worden; es ist ein Kaufmann,
-in dessen Hause die unsichtbare Landl&auml;uferin einen
-gro&szlig;en Diebstahl ausgef&uuml;hrt hatte, und der nun auf diese
-Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur Befriedigung
-seiner Gel&uuml;ste sich die Wege gebahnt sieht.</p>
-
-<p class="pmb2">Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der
-einzelnen Schriften festgestellt. Nach der schon erw&auml;hnten
-Bemerkung Grimmelshausen's folgen auf die <em class="gesperrt">sechs</em> B&uuml;cher
-des &raquo;Simplicissimus&laquo; &mdash; wodurch also die Echtheit der sogenannten
-&raquo;Continuation&laquo; ausdr&uuml;cklich anerkannt wird &mdash; die
-&uuml;brigen in folgender Ordnung: &raquo;Trutz Simplex&laquo;, &raquo;Springinsfeld&laquo;,
-der erste und der zweite Theil des &raquo;Vogelnests&laquo;.
-Das Verh&auml;ltni&szlig; dieser Schriften zu den spanischen Dichtern
-und den durch letztere angeregten &auml;hnlichen Erscheinungen in der
-franz&ouml;sischen Literatur ist in der Einleitung zum &raquo;Simplicissimus&laquo;
-er&ouml;rtert worden. F&uuml;r Grimmelshausen waren
-Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, Mateo
-Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zug&auml;nglich.
-Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann,
-beruht auf innerlicher Verwandtschaft. Was dort in der
-Gesammtliteratur sich vollzog, das hat hier in dem reichen
-Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.</p>
-
-<p>Auch der &raquo;Trutz Simplex oder Ausf&uuml;hrliche und wunderseltzame
-Lebensbeschreibung der Erzbetr&uuml;gerin und Landst&ouml;rzerin
-Courage&laquo;<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> ist nicht ohne Vorbild, wenn man es so
-nennen will.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xiv">[S. xiv]</a></span>
-Ubeda's &raquo;<span class="antiqua">Picara Justina</span>&laquo; war durch eine
-Uebersetzung in Deutschland bekannt (Frankfurt 1626 &mdash; 27.)
-Man k&ouml;nnte jedoch h&ouml;chstens an eine formelle Anlehnung, aber
-man darf an keine Nachahmung, am wenigsten an eine bewu&szlig;te
-Nachbildung denken. Zuv&ouml;rderst verbietet das schon der Boden,
-auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten l&auml;&szlig;t.
-Was das Volksleben in Spanien beg&uuml;nstigte und als nat&uuml;rlich
-erscheinen l&auml;&szlig;t, w&auml;re unter den gew&ouml;hnlichen Verh&auml;ltnissen bei
-uns unm&ouml;glich gewesen. Der Krieg hatte hier die M&ouml;glichkeit
-erst geschaffen. Das junge b&ouml;hmische M&auml;dchen, k&ouml;rperlich
-und geistig reich ausgestattet, nicht schlecht erzogen und
-unterrichtet, wird in einem f&uuml;r die Bildung des Charakters
-gef&auml;hrlichen Alter in das wilde Treiben des Soldatenlebens
-im Feld und in den Quartieren hineingesto&szlig;en. Es war
-dies &raquo;der erste Sprung in die Welt&laquo;, wie ihn &auml;hnlich auch
-Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben &mdash; und hier tritt
-schon ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit
-mit Springinsfeld zu Tage &mdash; entspricht jedoch durchaus ihren
-Neigungen. Der Spessarter Bauernknabe wird gegen seine
-eigentliche Neigung geworfen und getrieben; die Erkenntni&szlig;
-eines w&uuml;rdigen Lebenszieles geht ihm nie ganz verloren;
-die schlimmen Seiten seines Lebens sind von au&szlig;en in ihn
-hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xv">[S. xv]</a></span>
-mit Lust sich gehen l&auml;&szlig;t, da sind die Triebfedern eben die
-edlern Regungen des m&auml;nnlichen Willens, der pers&ouml;nliche
-Muth, der Drang nach Auszeichnung und Ehre. Die B&ouml;hmin
-aber l&auml;&szlig;t sich nicht blos gehen, sondern verfolgt ihre Ziele,
-die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und die
-Gesetzlosigkeit ihr pers&ouml;nlich eintragen k&ouml;nnen, mit der
-ganzen Energie ihrer Natur. Diese l&auml;&szlig;t sich mit wenigen
-Strichen zeichnen; in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften
-verk&ouml;rpert, welche die b&ouml;se Welt &uuml;berhaupt dem weiblichen
-Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der ma&szlig;losesten Sinnlichkeit
-und einer wilden Sucht nach Aufregung, die sie pers&ouml;nlich
-in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch
-nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gef&uuml;hl,
-das sonst bei den verdorbensten Weibern noch hervorbricht;
-daf&uuml;r eine r&uuml;cksichtslose H&auml;rte, mit der sie alles ihren
-Zwecken dienstbar macht, und eine Elasticit&auml;t, die nach den
-schwersten Schl&auml;gen wieder in die H&ouml;he schnellt.</p>
-
-<p>Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe,
-eine hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen
-von Dirnen, wie sie bei den Regimentern sich umhertrieben;
-mit diesen kommt sie jedoch pers&ouml;nlich kaum in Ber&uuml;hrung. Jener
-verlorne Haufe rekrutierte sich zum Theil aus den &raquo;&ouml;ffentlichen
-Frauen&laquo;, wie sie in den St&auml;dten, ehrlos freilich und
-unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet
-wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Ungl&uuml;cklichen,
-die au&szlig;er Heimat und Familie die Ehre eingeb&uuml;&szlig;t hatten.
-Ueber diese, die auch bei den Heeren unter der Zucht von
-besondern Waibeln standen, wei&szlig; sie sich zu erheben. Zu
-Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, die
-nach damaliger Sitte nicht selten ihre M&auml;nner im Felde
-begleiteten. Als sie sich den Eintritt in ein h&ouml;heres gesellschaftliches
-Leben er&ouml;ffnet sah, f&uuml;hlte sie wohl, da&szlig; es neben
-ihrer Sch&ouml;nheit und ihrem nat&uuml;rlichen Verstande doch einer
-besondern Vorbereitung f&uuml;r diese Kreise bed&uuml;rfe. Es ist ein
-feiner Zug in der Darstellung Grimmelshausen's, da&szlig; er die
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xvi">[S. xvi]</a></span>
-junge Frau denjenigen Weg einschlagen l&auml;&szlig;t, welcher der
-bequemste und deswegen der gew&ouml;hnlichste war.</p>
-
-<p>In der f&uuml;r die h&ouml;hern St&auml;nde zun&auml;chst berechneten
-Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen
-ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts
-unmittelbar aus Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung
-erschienenes Buch, der &raquo;Amadis aus Frankreich&laquo;, in
-der Gunst der Leser alle &uuml;brigen in den Schatten gestellt.
-Und in der That entsprach dasselbe, was seinen materiellen
-Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberfl&auml;chlichkeit jener Gesellschaftsschichten
-ungleich besser als die alten, auf solidern
-Fundamenten aufgebauten B&uuml;cher, wie der &raquo;Fierabras&laquo;,
-die &raquo;Haimonskinder&laquo;, die &raquo;Magellone&laquo; oder der &raquo;Kaiser
-Octavianus&laquo;, die man gern dem Volke &uuml;berlie&szlig;. Jene endlosen
-Abenteuer nebst schl&uuml;pfrigen Liebesgeschichten, die freilich
-der Uebersetzer dadurch zu rechtfertigen sucht, da&szlig; denselben
-ja die nutzbare Lehre und Aufkl&auml;rung &uuml;ber Welth&auml;ndel und
-Regimente als Gegengift beigegeben werde, schmeichelten der
-innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, der
-darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit
-angeh&ouml;rige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber
-war es die Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen
-zu haben scheint. Die Vorrede der deutschen Ausgabe hatte
-dem Buche schon eine hervorragende Wichtigkeit &raquo;f&uuml;r die
-Polierung unserer Muttersprache&laquo; vindicirt. Eine heilsame
-Selbsterkenntni&szlig; scheint dann bemerkt zu haben, da&szlig; man
-hier lernen k&ouml;nne, die innere Rohheit unter &auml;u&szlig;erm Schliff
-zu verbergen, die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem
-Flitterstaat zu bekleiden, die Inhaltslosigkeit der Gedanken
-und Empfindungen unter klingendem Wortschwall zu verh&uuml;llen.
-Der Einfall war nicht einmal neu und stammte aus derselben
-Bezugsquelle wie der Roman selbst, was nat&uuml;rlich
-demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich
-selbst ein Buch erschienen, das die Sache nicht allein f&uuml;r
-den Gebrauch merklich erleichterte, sondern auch die moralische
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xvii">[S. xvii]</a></span>
-Gef&auml;hrlichkeit abschw&auml;chte, indem man alles Thats&auml;chliche weggelassen
-hatte. Die im &raquo;Amadis&laquo; und seinen endlosen Ausspinnungen
-enthaltenen &raquo;besonders wohlgef&auml;lligen Reden,
-Briefe, Gespr&auml;che&laquo; hatte man zum Handgebrauch gesammelt;
-eine deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Stra&szlig;burg 1597.</p>
-
-<p>Die Beliebtheit des Romans mu&szlig; in der That au&szlig;erordentlich
-gewesen sein; dies bekundet sich schon in der
-heftigen Reaction, die sich vorzugsweise in der neuen poetischen
-Richtung des Jahrhunderts aussprach. Auf das
-Urtheil des Chorf&uuml;hrers am neudeutschen Parnassus ist nicht
-viel zu geben. Martin Opitz, der die &raquo;<span class="antiqua">Historia Amadaei</span>&laquo;
-mit &uuml;berschwenglichen Lobpreisungen &uuml;bersch&uuml;ttete, war, als
-er diese in seinem &raquo;Aristarchus&laquo; ver&ouml;ffentlichte, ein noch sehr
-jugendlicher Schriftsteller, der eben &uuml;ber die Schule hinaus
-war, und man erkennt hier unschwer eine Uebersch&auml;tzung des
-formellen Verdienstes. Ein solches kommt dem Buche und
-der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das wurde auch von
-einzelnen Verst&auml;ndigen anerkannt, unter denen, abgesehen von
-Philipp von Zesen, auch M&auml;nner wie der Sprachforscher
-Schottelius und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.</p>
-
-<p>Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen
-Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdr&uuml;cklich
-betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte,
-dann gegen die Anachronismen, &raquo;die unchristlichen und n&auml;rrischen
-Zauberpossen&laquo; u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit
-Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Tr&auml;umereien erf&uuml;llende
-und die Sinne aufregende Lekt&uuml;re.</p>
-
-<p>Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch,
-tr&auml;gt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben
-andern Scribenten in der H&ouml;lle sein Quartier anzuweisen,
-und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und
-Advocaten, &raquo;als Leuten, die in diesen St&uuml;cken vor andern
-wohl erfahren&laquo;. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie
-es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie
-sch&auml;rfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xviii">[S. xviii]</a></span>
-erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht
-ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die
-Lieder vom &raquo;Tannenbaum&laquo; und &raquo;Lindenschmied&laquo; sangen und
-die Jungfern &uuml;ber Haus- und Landwirtschaft zu sprechen
-wu&szlig;ten, der modernen Heldenzeit gegen&uuml;ber, die von Krieg
-und Mannesmuth <em class="gesperrt">redet</em>, und wo die Damen ihren Beruf
-in der &raquo;Courtoisie&laquo; erblicken.</p>
-
-<p>Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich
-Buchholz trieb den Eifer so weit, da&szlig; er den Versuch machte,
-&raquo;das schands&uuml;chtige Amadisbuch&laquo;, wie er es nannte, durch zwei
-dickleibige eigene Romane, den &raquo;Christlichen deutschen Gro&szlig;f&uuml;rsten
-Hercules u.s.w.&laquo; (1659) und &raquo;den Christlichen
-k&ouml;niglichen F&uuml;rsten Herculiscus&laquo; (1665), die dem verha&szlig;ten
-Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in
-Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des
-Publikums zu verdr&auml;ngen. Sie sollten den Leser zu einem
-heilsamern Geschmack hin&uuml;berziehen und nicht allein das
-&raquo;weltwallende&laquo;, sondern zugleich das &raquo;geisthimmlische&laquo; Gem&uuml;th
-erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen
-Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen
-Zorn des Mannes bel&auml;chelt haben wie die weitschweifige
-Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der
-modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch
-darin entschiedener Realist, da&szlig; er sich nicht in Declamationen
-ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der
-Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die
-damit dennoch nicht &uuml;ber die allgemeine Schw&auml;che der
-Frauen im Gebrauch der Fremdw&ouml;rter hinauskommt, und einen
-ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre
-Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen l&auml;&szlig;t.</p>
-
-<p>Das Verh&auml;ltni&szlig; zu Simplicissimus ist als durchgehendes
-Motiv f&uuml;r die Form der Darstellung in geschickter Weise
-benutzt. Die Benennung &raquo;Trutzsimplex&laquo; ist schon insofern
-bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der
-Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres fr&uuml;hern
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xix">[S. xix]</a></span>
-Liebhabers ebenb&uuml;rtig gegen&uuml;ber, aber noch mehr, alles sei
-zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die h&auml;ufigen
-Apostrophen an den Verha&szlig;ten, die Schadenfreude, mit der
-sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angef&uuml;hrt, das
-Behagen, mit welchem sie erz&auml;hlt, da&szlig; sie es war, die seinen
-Gef&auml;hrten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit
-erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen,
-nachdem sie ihn v&ouml;llig beherrscht und ausgenutzt,
-und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem
-Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch
-schlie&szlig;lich um die ewige Seligkeit h&auml;tte bringen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans
-eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben pers&ouml;nlich
-in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka
-ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, der
-einst der gewaltigste Herr von B&ouml;hmen gewesen war. Er
-geh&ouml;rte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen &raquo;die
-Rebellen&laquo; zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem
-Anfangsbuchstaben nach k&ouml;nnte man an den Grafen Matthias
-von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat
-den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf
-den die Umst&auml;nde zu passen scheinen. Er wurde schon 1618
-&raquo;wegen eigenm&auml;chtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung
-und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen R&ouml;mischen
-Reichs Acht verfallen&laquo; erkl&auml;rt, &raquo;aus dem Frieden in Unfrieden
-gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jederm&auml;nniglich
-erlaubt&laquo; (Gottfried, Historische Chronik, <span class="antiqua">II.</span> 13). Diese Achtserkl&auml;rung
-wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage
-durch einen schwedischen Offizier aus den H&auml;nden brutaler
-Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen
-Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses F&uuml;rsten zur
-T&uuml;rkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xx">[S. xx]</a></span>
-&uuml;ber Venedig nach England ging, um ein H&uuml;lfegesuch im Namen
-Bethlen's zu &uuml;berbringen, m&ouml;gen Veranlassung zu den Zeitungsger&uuml;chten
-von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.</p>
-
-<p>Die Aufzeichnungen der Landst&ouml;rzerin beginnen mit dem
-ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode
-des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den b&ouml;hmischen
-St&auml;nden nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des K&ouml;nigreichs
-abspielte, zur Zeit als es dem jungen K&ouml;nig Ferdinand,
-bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Vers&ouml;hnung
-aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und
-Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von
-Baiern, f&uuml;r sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurf&uuml;rsten
-Friedrich von der Pfalz zum K&ouml;nig von B&ouml;hmen
-seine Hausmacht zur Bek&auml;mpfung der evangelischen Union
-nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein
-Heer bei Donauw&ouml;rth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen
-des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst
-des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten lie&szlig;,
-den Erfolg gehabt, die B&ouml;hmen zu isolieren, was durch
-den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thats&auml;chlich geschah.
-Maximilian ging sofort nach Ober&ouml;sterreich, zwang die protestantischen
-St&auml;nde zur Huldigung, vereinigte sich mit dem
-kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval,
-Grafen von Buquoi, in Unter&ouml;sterreich und zwang so die
-b&ouml;hmische Streitmacht, zum Schutz des K&ouml;nigreichs abzuziehen.
-Die festen Pl&auml;tze in Nieder&ouml;sterreich wurden theils verlassen,
-theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen.
-Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor
-dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden
-mu&szlig;te, wandten sich die B&ouml;hmen gegen Znaim nach M&auml;hren;
-das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan
-festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte
-zwar den B&ouml;hmen nach M&auml;hren folgen, f&uuml;gte sich aber
-der Ansicht da&szlig; es gerathener sei, direct auf Prag zu
-marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxi">[S. xxi]</a></span>
-den B&ouml;hmen nur g&uuml;nstig sein konnte, um dem Feinde keine
-Zeit zu Verst&auml;rkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen.
-W&auml;hrend der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im
-Kreis Pissek wandte &mdash; es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's
-oder ein Druckfehler, wenn (Kap. <span class="antiqua">II.</span>) statt dessen
-Budweis genannt wird &mdash;, zog Buquoi auf Pragatitsch,
-welches erst nach hartn&auml;ckiger Gegenwehr seiner Bewohner,
-und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager
-durch Gesch&uuml;tz verst&auml;rkt hatte, im Sturm genommen wurde.
-Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare &raquo;Kirchweih&laquo;,
-welche Libuschka, das junge &raquo;f&uuml;rwitzige Ding&laquo;, aus
-der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den
-Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage
-in dem St&auml;dtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner
-z&auml;hlt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.</p>
-
-<p>Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch
-Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde
-damals noch nicht ausgef&uuml;hrt; also auch hier ist Grimmelshausen
-ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly
-verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht
-hatte, zu ihm &uuml;berzugehen, w&auml;hrend die &uuml;brigen mit Sack
-und Pack abzogen. Dagegen ist die Erw&auml;hnung einer
-Verwundung Buquoi's (S. <a href="#Seite_16">16</a>) richtig; er erhielt in einem
-Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine
-Schu&szlig;wunde am Schenkel.</p>
-
-<p>Nach der Schlacht am Wei&szlig;en Berge ging Maximilian
-nach Baiern zur&uuml;ck; den F&uuml;rsten von Lichtenstein hatte er
-zum Statthalter von B&ouml;hmen ernannt und ihm Tilly
-mit einem Theil der Armee beigegeben, w&auml;hrend der Kurf&uuml;rst
-von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz
-abzog. Buquoi dagegen wandte sich &uuml;ber Deutschbrod nach
-M&auml;hren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen.
-So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Br&uuml;nn, und
-darauf in Olm&uuml;tz. Der weitere Marsch nach Ungarn im
-Fr&uuml;hling 1621 verlief anfangs gl&uuml;cklich, bis zur Belagerung
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxii">[S. xxii]</a></span>
-von Neuh&auml;usel, die dem tapfern General das Leben kostete.
-Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranr&uuml;ckte, sah das
-kaiserliche Heer sich zum R&uuml;ckzuge gen&ouml;thigt. Libuschka's Geliebter
-kam mit einer fl&uuml;chtigen Abtheilung verwundet nach Pre&szlig;burg, wo
-er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mu&szlig;te
-aufgegeben werden, was die Kaiserlichen haupts&auml;chlich der von
-Grimmelshausen erw&auml;hnten H&uuml;lfe aus M&auml;hren zu danken hatten.</p>
-
-<p>Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der
-Mannsfelder den Baiern &uuml;bergeben hatte, finden wir die
-junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf
-hatte sich in gef&auml;hrlicher Lage befunden, da Ritterschaft und
-St&auml;dte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich
-durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als
-wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er
-war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die
-Maske fallen lassen, w&auml;hrend wegen des gl&uuml;cklichen Ereignisses
-in Prag und andern St&auml;dten das Tedeum gesungen und die
-Glocken gel&auml;utet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim
-und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage
-erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von
-Durlach, bei H&ouml;chst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag
-mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und
-verlie&szlig; nach der Blokade von Frankenthal das Heer, w&auml;hrend
-Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.</p>
-
-<p>Der Lieutenant, der Libuschka schm&auml;hlich verlassen, war
-indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es mu&szlig; auffallen,
-da&szlig; Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen
-Heere den Sieg zuschreibt, w&auml;hrend derselbe doch mit gr&ouml;&szlig;erm
-Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch
-genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's
-weist direct auf das &raquo;<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>&laquo; als Quelle hin,
-wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird,
-obgleich der ausf&uuml;hrliche Bericht &uuml;ber die Schlacht das Gegentheil
-ergibt. Aber der Dichter konnte ja unm&ouml;glich alles aus
-eigenen Erinnerungen sch&ouml;pfen, und das genannte gro&szlig;e
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxiii">[S. xxiii]</a></span>
-Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverl&auml;ssige
-Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse
-in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen
-hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von
-Fach bekannt sein d&uuml;rfte und fast der Vermuthung Raum
-l&auml;&szlig;t, der Verfasser sei bei den erz&auml;hlten Ereignissen pers&ouml;nlich
-zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge
-Georg von L&uuml;neburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg
-und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon
-dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fu&szlig; und zu Pferd
-zu H&uuml;lfe. Courage kam ihrer Erz&auml;hlung nach, wahrscheinlich
-mit diesen Truppen, bei den &raquo;H&auml;usern Gleichen&laquo; in der N&auml;he
-von G&ouml;ttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen
-geh&ouml;rten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend &uuml;bel
-hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene
-Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Fr&uuml;hling 1626 hatte
-hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen.
-Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches
-Gut Wittmarshof, das Tilly zerst&ouml;rt hatte. Eine Compagnie
-des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.</p>
-
-<p>Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefa&szlig;t, folgender.
-Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August
-geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenb&uuml;ttel einigerma&szlig;en
-erholt hatte, lie&szlig; der D&auml;nenk&ouml;nig sie jenseit der
-Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst
-nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen
-gelegenen festen Pl&auml;tze waren mittlerweile in die H&auml;nde der
-Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen
-nun die St&auml;nde, mit gesammter Hand die Gegenwehr
-zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des
-11. Kapitels erw&auml;hnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung
-am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen
-worden, capitulierte. Der K&ouml;nig hatte es auch auf Verden abgesehen,
-mu&szlig;te jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese
-Absicht aufgeben. Indessen war auch die Vers&ouml;hnung des
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxiv">[S. xxiv]</a></span>
-Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu
-Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen,
-das d&auml;nische Heer &uuml;ber die Elbe bis nach J&uuml;tland gedr&auml;ngt.</p>
-
-<p>Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen
-zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von
-Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen
-gef&uuml;hrt. Durch den F&uuml;rsten war der n&auml;chste Agnat seines
-Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdr&uuml;cklich durch
-Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden H&auml;user
-von Habsburg erblickten darin eine Gefahr f&uuml;r ihren Einflu&szlig;
-in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That
-dem legitimen Nachfolger seine H&uuml;lfe zusagte, und w&uuml;nschten
-seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen
-zu verleihen, ein Plan, f&uuml;r den sich auch Savoyen
-erkl&auml;rt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen,
-durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil
-von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von
-Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre
-sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier
-unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der
-kr&auml;ftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten
-Tohras ohne Erfolg. Nun r&uuml;ckten auch die Oesterreicher
-unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November
-1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden
-Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverst&auml;ndni&szlig; in der
-Stadt unterhalten, so wurde es m&ouml;glich, in der Nacht sich
-derselben auf Schiffen zu n&auml;hern, die Thore zu sprengen
-und die schwache Besatzung zu &uuml;berw&auml;ltigen. Die Folge
-war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche
-Friedensschlu&szlig; zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der
-Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen
-waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst
-Gelegenheit fand, seine gro&szlig;en politischen Talente zu zeigen.
-In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich
-Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxv">[S. xxv]</a></span>
-wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung,
-bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande
-und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.</p>
-
-<p class="pmb2">Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im
-Mai 1632, das seit November 1631 sich in den H&auml;nden
-der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte
-die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet,
-begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei
-N&ouml;rdlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der
-Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach W&uuml;rtemberg,
-um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen
-Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden G&uuml;ter eingesetzt,
-h&auml;uslich niederzulassen. Nun geht es abw&auml;rts, die
-fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit
-bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als
-Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge
-mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum
-Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant
-von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie ger&auml;th
-nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach B&ouml;hmen
-begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson einger&uuml;ckt
-war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in
-Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gew&auml;hrte,
-findet das Leben der merkw&uuml;rdigen Tochter Eva's einen anst&auml;ndigen
-Abschlu&szlig;. In sp&auml;tern Jahren sollte sie &mdash; so erfahren
-wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's
-&mdash; den geliebten und geha&szlig;ten Simplicissimus noch
-einmal wiedersehen. In Grie&szlig;bach, so erz&auml;hlt das im
-Jahr 1672 erschienene &raquo;Rathst&uuml;bel Plutonis oder Kunst reich
-zu werden&laquo;, hatte sich eine aus den verschiedensten St&auml;nden
-zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm
-man unter F&uuml;hrung eines vornehmen Touristen, eines
-&raquo;reisenden Landbeschauers&laquo;, einen Spaziergang in die Umgegend
-und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden &raquo;weit
-berufenen&laquo; Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxvi">[S. xxvi]</a></span>
-ein Gespr&auml;ch &uuml;ber das auf dem Titel genannte Thema, an
-dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint
-pl&ouml;tzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus
-holt auch den alten Stelzfu&szlig; Springinsfeld herbei.
-Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen
-und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der N&auml;he betrachten,
-und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in
-leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erw&auml;gen.</p>
-
-<p>Die Leser des &raquo;Simplicissimus&laquo; erinnern sich des jungen
-Kriegsmanns, mit dem der J&auml;ger von Soest im westf&auml;lischen
-Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie
-werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie
-in der zweiten Erz&auml;hlung dieses Bandes die Geschichte
-seines Lebens: &raquo;Den seltzamen Springinsfeld&laquo;<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, zur Hand
-nehmen. Auch im &raquo;Trutzsimplex&laquo; ist ihm keine Rolle angewiesen,
-die ihn besonders interessant erscheinen lie&szlig;e. Man
-mu&szlig; den kleinen Roman nur im Zusammenhang des gr&ouml;&szlig;ern
-Ganzen, als Illustration einer eigenth&uuml;mlichen Seite des
-Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant
-zur &raquo;Landst&ouml;rzerin Courage&laquo;.</p>
-
-<p>Springinsfeld ist der Repr&auml;sentant der gew&ouml;hnlichen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxvii">[S. xxvii]</a></span>
-Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und
-weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die
-Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuf&uuml;hrte, wo
-manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein fr&uuml;hes
-Grab auf gr&uuml;ner Heide fanden; auch darin ein Seitenst&uuml;ck
-zu Libuschka, da&szlig; beide, um sich durchzuschlagen, ihre nat&uuml;rlichen
-Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Sch&ouml;nheit,
-Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gem&auml;&szlig; ausnutzen.
-Solche Leute waren den F&uuml;hrern willkommen; der fr&uuml;here
-Seilt&auml;nzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken
-und unbedenklich; sonst geistig nur mittelm&auml;&szlig;ig begabt, leichtsinnig
-und nur des n&auml;chsten Tages gedenkend, alles im geraden
-Gegensatz zu dem alten Kriegsgef&auml;hrten, der gegen des
-Lebensende beider, als nach l&auml;nger denn drei&szlig;ig Jahren der
-Zufall sie zusammenf&uuml;hrt, auf das sch&auml;rfste hervortritt. Der
-Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen
-des Stromes angek&auml;mpft und war endlich zu Land geschlagen;
-das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach
-Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu k&ouml;nnen, und
-mu&szlig;te seinem guten Geschick danken, da&szlig; der alte Kamerad sich
-seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben
-hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.</p>
-
-<p>In dem Namen schon ist der ganze Charakter des
-Abenteurers, damals wie heute f&uuml;r jedermann verst&auml;ndlich,
-ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte
-erz&auml;hlt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung
-zur&uuml;ckf&uuml;hrt. Er geh&ouml;rt zu der Zahl von Namen,
-die, alten volksth&uuml;mlichen Benennungen von Elben und Kobolden
-entnommen, in M&auml;rchen und Sagen, vorz&uuml;glich aber
-in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch
-darin erkennbar, da&szlig; die meisten derselben an Wald und
-Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu
-das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch,
-Hans vom Busch, Gr&uuml;nlaub, Gr&uuml;newald, Gr&uuml;nedel mit
-einer Bedeutung, die sogar an die franz&ouml;sischen <span class="antiqua">noms de</span>
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxviii">[S. xxviii]</a></span>
-<span class="antiqua">guerre</span>, wie <span class="antiqua">Sautebuisson</span>, <span class="antiqua">Jolibois</span>, <span class="antiqua">Verdelet</span> anklingt.
-Sp&auml;ter wurden dieselben auf christliche Teufel &uuml;bertragen und
-gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren
-Namen zu verstecken, auf Soldaten, R&auml;uber und Landfahrer
-&uuml;ber. In pseudonymen Fehdeerkl&auml;rungen, unter Droh- und
-Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.</p>
-
-<p>Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen
-ist ein gro&szlig;er Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener
-Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgef&auml;hrten
-Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name
-in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen
-Mannes mit mancher Soldatengeschichte verkn&uuml;pft war. Daf&uuml;r
-sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen
-Details, die kaum anderswoher als aus pers&ouml;nlichen Erlebnissen
-und eigener Beobachtung gesch&ouml;pft sein k&ouml;nnen.
-Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang
-der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht
-erz&auml;hlten Begebenheiten schwer verst&auml;ndlich sein; f&uuml;r
-diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht f&uuml;r
-den <em class="gesperrt">Kenner</em> der Geschichte, der sich &uuml;berall selbst zurecht
-finden wird; nat&uuml;rlich m&uuml;ssen wir auf vollkommene Klarstellung
-jeder Einzelheit verzichten.</p>
-
-<p>Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola
-in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal
-im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam
-zu Tilly eben vor der ungl&uuml;cklichen Schlacht bei Wiesloch,
-dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen
-Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des
-d&auml;nischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit
-dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut)
-kehrte er nach Deutschland zur&uuml;ck, diente in Niedersachsen
-und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen
-im Holsteinschen, in Th&uuml;ringen und Hessen, eine
-Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen
-genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxix">[S. xxix]</a></span>
-vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit
-Pappenheim's gl&uuml;cklichem Stern war er darauf wieder in
-Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen
-Bavadis und die Hessen, vor Wolfenb&uuml;ttel und Hildesheim,
-bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stie&szlig;.
-Nach der Schlacht bei L&uuml;tzen, als in der Nacht darauf die
-kaiserliche Armee zun&auml;chst nach Leipzig und gleichsam fl&uuml;chtig,
-obgleich von den Siegern unverfolgt, nach B&ouml;hmen marschirte,
-begann f&uuml;r unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht
-hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles,
-was er besa&szlig;, verloren und mu&szlig;te, von den Altringerschen
-erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit
-die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang gef&uuml;hrt, ein
-Ende hatte. Er mu&szlig;te nun bei Kempten und Memmingen
-und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner
-dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach
-Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er
-wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu
-Eger beendet; der junge K&ouml;nig Ferdinand hatte selbst die
-F&uuml;hrung eines 60000 Mann starken Heers &uuml;bernommen.</p>
-
-<p>Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich
-bekannten Ereignissen; er k&auml;mpfte mit Altringer und Johann
-de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Br&uuml;cke,
-nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand
-bei N&ouml;rdlingen. Inzwischen war das B&uuml;ndni&szlig; mit Frankreich
-zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp
-von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf
-zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf
-einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von
-den Hessen gefangen, mu&szlig;te er nun im Erzstift K&ouml;ln gegen
-die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor
-Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und
-gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant
-sich nach Frankreich zur&uuml;ckzogen, wieder zu seinem Regiment.
-So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxx">[S. xxx]</a></span>
-Rottweil; besonders hier scheinen die erz&auml;hlten Einzelheiten
-auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf
-ist folgender.</p>
-
-<p>Die Weimarischen, in der Absicht, &uuml;ber die Donau
-in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein &uuml;berschritten
-und zogen &uuml;ber den Schwarzwald auf Rottweil; der
-Generalmajor Reinhold von Rosen r&uuml;ckte im November
-1643 vor die feste Stadt Balingen, die er f&uuml;r unvertheidigt
-hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon
-besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende
-Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork
-durch einen Bauern Nachricht erhalten und f&uuml;hrte nur mit
-520 Pferden einen n&auml;chtlichen Ueberfall aus, der so gl&auml;nzend
-gelang, da&szlig; die feindliche Reiterei gr&ouml;&szlig;tentheils niedergehauen,
-200 Mann mit einer Anzahl h&ouml;herer Offiziere gefangen wurden,
-und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes
-Schlo&szlig; entkam. Um diesseit des Rheins einen
-festen Punkt f&uuml;r ihre Operationen zu haben, machten dann
-Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen;
-dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der
-t&ouml;dtlichen Verwundung des franz&ouml;sischen Generals durch
-Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an
-Fourrage f&uuml;r Winterquartiere sich als ungeeignet erwies,
-entschlo&szlig; man sich, in die Landstrecken von M&uuml;llen bis
-Donaueschingen einzur&uuml;cken. Die St&auml;be mit allem Gesch&uuml;tz
-und zwei Regimentern zu Fu&szlig; kamen in Tuttlingen zu liegen;
-die &uuml;brigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand
-in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen
-unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld
-und Franz von Mercy die Donau &uuml;berschritten und erfuhren
-hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann
-von Werth f&uuml;hrte den Vortrab; durch W&auml;lder und Engp&auml;sse
-ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer,
-wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November
-a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxi">[S. xxxi]</a></span>
-dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil,
-zu dem Springinsfeld geh&ouml;rte; derselbe erfolgte auf
-das weimarische Gesch&uuml;tz bei der Kirche unter dem Schlo&szlig;
-Homburg so rasch, da&szlig; das Hauptquartier den Verlust erst
-bemerkte, als die Wolffischen die eroberten St&uuml;cke gegen die
-Stadt kehrten; auch das Schlo&szlig; war bald genommen.
-Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen,
-zog sich aber bald zur&uuml;ck, verfolgt von dem Oberstwachtmeister
-Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der
-franz&ouml;sischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg
-im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fu&szlig;volk,
-w&auml;hrend Johann von Werth die feindliche Reiterei bei
-M&uuml;llen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische
-Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das
-Hauptquartier mu&szlig;te sich auf Gnade und Ungnade ergeben.
-Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verst&auml;rkt, ging durch
-das Kinziger Thal bei Neuenburg &uuml;ber den Rhein nach dem
-Elsa&szlig;; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz
-entkommen. Dies war die sogenannte &raquo;Tuttlinger Kirchme&szlig;&laquo;,
-die den Schweden mehr als drei&szlig;ig Regimenter kostete.</p>
-
-<p>Kaum weniger heftig waren die K&auml;mpfe des folgenden
-Sommers 1644. Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli
-beginnt die Belagerung von Freiburg durch die Baiern. In
-den Gefechten vor der Stadt begegnen wir auch Rosen
-wieder und dem Obersten von K&uuml;rnreuter (K&uuml;rnrieder), den
-Springinsfeld den &raquo;K&uuml;rbereuter&laquo; nennt. Nach dreizehn
-St&uuml;rmen ging die Stadt an Mercy &uuml;ber. Die unter dem
-Herzog von Enghien und Turenne, die zum Entsatz zu sp&auml;t
-kamen, um die Schanzen gef&uuml;hrten Gefechte waren so blutig,
-da&szlig; Johann de Werth eines &auml;hnlichen Kampfes sich nicht
-erinnerte; besonders hei&szlig; ging es den 4. August am Burghalder
-Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es
-gegen Villingen, darauf ins W&uuml;rtembergische und die Unterpfalz.
-Springinsfeld war mit bei Mannheim, wo Rosen
-sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt mit Sturm
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxii">[S. xxxii]</a></span>
-nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem
-Nachen &uuml;ber den Rhein, die &uuml;brigen wurden niedergemacht.
-Darauf mu&szlig;te H&ouml;chst accordiren. Mercy und de Werth
-hatten sich nach der Bergstra&szlig;e gewandt; hier wurde das
-St&auml;dtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen und die
-Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei
-dieser Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit
-einer Fackel gegen das Thor lief, durch einen Schu&szlig; aus
-der Stadt. Springinsfeld deutet nur kurz an, wie dort gehaust
-wurde; alles, was Waffen trug, wurde niedergemacht.
-Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment dabei besonders
-th&auml;tig; er verschweigt, da&szlig; dasselbe zusammen mit dem
-Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgepl&uuml;ndert,
-viele B&uuml;rger erschlagen, selbst die Frauen und
-M&auml;dchen nicht verschont und, wie das &raquo;<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>&laquo;
-sich ausdr&uuml;ckt, &raquo;eine unerh&ouml;rte Schande getrieben hatte&laquo;.
-Weinheim war besser davongekommen, indem es sich auf
-Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen,
-die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische,
-gesteckt wurden. Die ferner nur beil&auml;ufig erw&auml;hnte Belagerung
-und Uebergabe des festen Schlosses Nagold, dessen
-Besatzung aus Franzosen bestand, an den bairischen Feldzeugmeister
-Baron von Rauschenberg erfolgte erst am
-8. December 1645.</p>
-
-<p>Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt,
-sind verst&auml;ndlich erz&auml;hlt. Der von Springinsfeld erw&auml;hnte
-Geleen oder Gleen (Gottfried) war in Baiern bis zum
-Feldmarschall gestiegen, darauf in kaiserliche Dienste getreten
-und in den Grafenstand erhoben worden. In der Schlacht
-bei Allerheim wurde der linke Fl&uuml;gel unter dem Marschall
-Grammont geschlagen, w&auml;hrend der rechte, von Turenne
-pers&ouml;nlich gef&uuml;hrt, einen vollst&auml;ndigen Sieg davontrug, wobei
-die Baiern vierzig Fahnen verloren (3. August n. St.).
-Vielleicht dieses Ungl&uuml;cks wegen geht Grimmelshausen leicht
-dar&uuml;ber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth mit mehreren
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxiii">[S. xxxiii]</a></span>
-h&ouml;hern Offizieren in franz&ouml;sische Gefangenschaft, wurde jedoch
-bald wieder entlassen und &uuml;bernahm das Commando f&uuml;r den
-gefallenen General.</p>
-
-<p>In den October 1646 f&auml;llt die erfolglose Belagerung der
-Stadt Augsburg durch die Schweden unter Wrangel. Auf
-besondern Befehl des Kurf&uuml;rsten war kurz vorher der Oberst
-Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment mitten
-durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe,
-an den Weinheim &uuml;berging; er war, bei Allerheim gefangen,
-wieder freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von
-Augsburg genannt. Als die kaiserlich-kurf&uuml;rstliche Armee
-zum Entsatz anr&uuml;ckte, sahen sich die Schweden zum Abzug
-gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand &raquo;der junge
-Kolb&laquo; besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb
-in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am
-6. M&auml;rz 1647 mit Schweden und Frankreich abgeschlossen,
-aber bekanntlich am 14. September schon gek&uuml;ndigt wurde.</p>
-
-<p>Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erw&auml;hnten
-&raquo;Generalspersonen&laquo; sind der General der Reiterei Johann de
-Werth und der Generalwachtmeister Spork gemeint. Der
-Kaiser hatte unter dem 14. Juli ein <span class="antiqua">Mandatum avocatorium</span>
-an die gesammten Kriegsleute der bairischen Armee &raquo;aller
-Grade und Nationen, als des Heil. R&ouml;mischen Reichs V&ouml;lker&laquo;,
-erlassen. Der Kurf&uuml;rst antwortete mit einem Schreiben an
-die Gener&auml;le und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies
-gelang ihm so vollst&auml;ndig, da&szlig; sie jenen beiden M&auml;nnern
-den Gehorsam aufk&uuml;ndigten. De Werth und Spork gelangten
-mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.</p>
-
-<p>Zum Verst&auml;ndni&szlig; der sehr vorsichtig gehaltenen Erz&auml;hlung
-werden die folgenden, dem &raquo;<span class="antiqua">Theatrum Europaeum</span>&laquo;
-(Theil <span class="antiqua">VI.</span> S. 57 fg., wo die Acten, Ausschreiben und Berichte
-&uuml;ber die Maximilian Emanuel schmerzlich ber&uuml;hrende
-Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen Notizen gen&uuml;gen.
-Werth hatte f&uuml;r die Truppen, die er nach Oesterreich
-f&uuml;hren wollte, und zwar f&uuml;r die Regimenter Werth
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxiv">[S. xxxiv]</a></span>
-Spork, Lapierre, Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und
-Walbote und die Kreutzischen Dragoner als Einstellungsort
-die Gegend bei Vilshofen an der Donau bestimmt; die
-&uuml;brigen waren nach einem andern Platz beordert, darunter
-der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz
-soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewu&szlig;t haben.
-Die in der Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem
-Befehl von vornherein nicht nachgekommen, ebensowenig der
-im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre genannte Oberst Elter.
-Alle &uuml;brigen kehrten zu ihrer Pflicht und in ihre fr&uuml;hern
-Quartiere zur&uuml;ck. Auf Werth's Kopf setzte der Kurf&uuml;rst
-einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige
-erging ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl.
-Gegen Spork scheint man mit weniger Eifer vorgegangen
-zu sein. Schoch entkam mit seinem Regiment nach
-Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug begehrte,
-angehalten und in Haft genommen, der Commandant
-aber, der mit ihm unter einer Decke spielte, lie&szlig; ihn entkommen.
-Die Meuterei, &uuml;ber welche nun weiter berichtet
-wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es wird dies eine
-von dem Werth'schen Handel unabh&auml;ngige Milit&auml;rrevolte gewesen
-sein, f&uuml;r die man die Zeit des Waffenstillstandes als
-g&uuml;nstig ansah, und wie sie, nur in gr&ouml;&szlig;erm Ma&szlig;stabe, auch
-bei den Weimarischen vorkamen. Vielleicht h&auml;ngt die Ma&szlig;regel
-damit zusammen, die Maximilian nach dem kurzen
-Bericht des &raquo;<span class="antiqua">Theatr. Europ.</span>&laquo; (<span class="antiqua">V</span>, 1293) gegen einige Regimenter,
-das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische,
-ergreifen mu&szlig;te. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere
-abgedankt, die gemeinen Knechte untergesteckt. M&ouml;glich,
-da&szlig; auch unser Abenteurer bei dieser Gelegenheit seinen Abschied
-erhielt.</p>
-
-<p>Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden
-zu gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg
-geschickt, aus dem schwedischen Hauptquartier dagegen der
-Oberst Horn nach Augsburg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_xxxv">[S. xxxv]</a></span></p>
-
-<p>Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's f&auml;llt in eine Periode
-der Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten
-Gl&uuml;ck unter energischen F&uuml;hrern um so schmerzlicher empfunden
-wurde. Das Heer scheint den Grund derselben in der
-F&uuml;hrung der Generale Holzapfel, genannt Melander, und
-des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der letztere
-wurde im folgenden Jahre nach M&uuml;nchen gef&uuml;hrt, um sich
-wegen seiner Nachl&auml;ssigkeit, namentlich in der Vertheidigung
-des Lechstroms zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.</p>
-
-<p>Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit
-und die Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof
-trieben, war es l&auml;ngst in Deutschland Friede geworden. So
-entschlo&szlig; er sich, &uuml;ber die Grenzen des Vaterlandes hinaus
-dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus Zrinyi
-gegen die T&uuml;rken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen
-Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann
-dies geschehen, daf&uuml;r fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen
-Erz&auml;hlung jeder Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem
-Jahre 1664 in den Zenith seines Ruhmes ein. Unter der
-&raquo;letzten Hauptaction&laquo; (Kap. 22) kann jedoch nur der unter
-Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab
-im August 1664 verstanden werden, welchem ein von den
-T&uuml;rken angebotener, auf zwanzig Jahre geschlossener Friede
-folgte. Als nach der Niederlage Rakoczi's in Ungarn und
-nach der Eroberung von Neuh&auml;usel die T&uuml;rken in aller Form
-den Krieg erkl&auml;rten, hatte Frankreich eine Heerschar von
-f&uuml;nftausend Mann zur H&uuml;lfe Oesterreichs gesandt.</p>
-
-<p>Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik
-Venedig im ganzen ziemlich l&auml;ssig gef&uuml;hrt, auch um die
-Hauptstadt war bislang mit geringem Erfolge gek&auml;mpft
-worden. Der Friedensschlu&szlig; erlaubte jetzt den T&uuml;rken, eine
-bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen,
-und zu Anfang 1667 lagen unter pers&ouml;nlicher Anf&uuml;hrung
-des Gro&szlig;veziers mehr als drei&szlig;igtausend Mann vor Candia.
-Die Gener&auml;le Barbaro und Villa schickten sich zu kr&auml;ftiger
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxvi">[S. xxxvi]</a></span>
-Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an Minen
-und Contreminen gearbeitet, wobei die T&uuml;rken gegen zehntausend
-Mann verloren haben sollen. Als endlich im
-folgenden Jahre spanische, franz&ouml;sische und braunschweig-l&uuml;neburgische
-Truppen anlangten, fa&szlig;te die bedr&auml;ngte Besatzung
-neue Hoffnung. Aber die franz&ouml;sische Abtheilung
-wurde unter den Mauern der Stadt vollst&auml;ndig geschlagen
-und verlie&szlig; die Insel im September, auf die H&auml;lfte zusammengeschmolzen.
-In der Stadt lagen nur noch viertausend
-Mann, und der Feind war den Vertheidigungswerken
-so nahe gekommen, da&szlig; die Capitulation unvermeidlich war.
-Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den
-17. September 1668.</p>
-
-<p>Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu
-verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst
-eine Zeitlang Inhaber und F&uuml;hrer eines schwedischen Regiments
-gewesen, hatte in Episoden seiner &raquo;Dianea&laquo; (1644
-nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in
-Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem
-weitschweifigen Buchholz, in den oben erw&auml;hnten &raquo;Heldengeschichten&laquo;
-war es, wie er selbst sich dessen r&uuml;hmte, gelungen,
-&raquo;au&szlig;er der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen
-Discursen auch den ganzen Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg
-durch Ver&auml;nderung etlicher weniger Umst&auml;nde mit einzubringen&laquo;.
-Aber wie anders gestaltet sich das alles bei
-Grimmelshausen! Was dort als unn&uuml;tze Spielerei eines
-Pedanten erscheint &mdash; denn ein Zweck ist doch &uuml;berhaupt
-nicht einzusehen &mdash; ist hier der furchtbare Boden, auf dem
-mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die
-lebendige Handlung sich auswirkt.</p>
-
-<p>Grimmelshausen l&auml;&szlig;t den alten Landsknecht, der dem
-verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht
-hatte widerstehen k&ouml;nnen und als Kr&uuml;ppel zur&uuml;ckkehrte, bald
-darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte
-seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxvii">[S. xxxvii]</a></span>
-dem &raquo;Trutz Simplex&laquo;, geschrieben sein, was auch mit den &uuml;brigen
-Angaben stimmt.</p>
-
-<p>Sein w&uuml;stes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille
-und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach
-des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war,
-die Seele des schwer zug&auml;nglichen alten Gesellen zu retten,
-nachdem er ihn zu christlicher Erkenntni&szlig; und einem ehrbaren
-Wandel bekehrt hatte.</p>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<p>Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften
-geschlossen. Die Ankn&uuml;pfung der beiden noch &uuml;brigen Erz&auml;hlungen
-und deren Verbindung untereinander ist, wie
-oben schon gezeigt wurde, wenn auch k&uuml;nstlicher und loser,
-doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier
-das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der
-Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, da&szlig; Grimmelshausen,
-wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem
-Aberglauben und der M&auml;rchen- und Sagenwelt des Volkes
-gesch&ouml;pft hat. F&uuml;r unsere Zeit freilich, die auch in dieser
-Beziehung dem alten Volksbewu&szlig;tsein sich entfremdet, wird
-eine kurze Ausf&uuml;hrung des Hauptgehalts der benutzten Motive
-nicht f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig gehalten werden.</p>
-
-<p>In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm
-Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in
-verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes,
-wie ihn der Lydierk&ouml;nig Gyges trug, im germanischen G&ouml;tterglauben
-unter den &raquo;Wunschdingen&laquo; als Tarnkappe. Hier ist
-das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm
-(&raquo;Deutsche Sagen&laquo;, <span class="antiqua">I</span>, 40) kennt f&uuml;r diesen Glauben keine andere
-Quelle als eben Grimmelshausen's &raquo;Springinsfeld&laquo;. Er
-meint, der Name h&auml;nge mit einer gleich der Mandragora
-oder der Alraun zauberkr&auml;ftigen Pflanze, dem Zweiblatt,
-zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen &raquo;Vogelnest&laquo;
-genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxviii">[S. xxxviii]</a></span>
-heute im Volke (in Niedersachsen, im F&uuml;rstenthum G&ouml;ttingen
-und Grubenhagen). Ein Vogel tr&auml;gt einen unsichtbar
-machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest &mdash; genau so
-fa&szlig;t es Grimmelshausen &mdash;, um dasselbe vor Gefahren sicher zu
-stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen;
-auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring
-gefa&szlig;ten Stein (Hartmann von Aue, &raquo;Iwein&laquo;, Abent. <span class="antiqua">II</span>,
-V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen
-besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der
-Johannisnacht zeitig wird, z. B. zuf&auml;llig in den Schuh gefallen
-sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden l&auml;&szlig;t. Da&szlig;
-das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten
-Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden,
-allem B&ouml;sen feindlichen Kraft des Elements, die jeden
-Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den
-Spiegel &uuml;bertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar
-anwesende Geister erblicken l&auml;&szlig;t.</p>
-
-<p>Die Episode von dem Tode des Leierm&auml;dchens schlie&szlig;t
-sich unmittelbar an den Fund des k&ouml;stlichen, doch in unrechter
-Hand gef&auml;hrlichen Schatzes. Dieser Gefahr war ihr
-Gef&auml;hrte, der schon einmal mit einem Spiritus familiaris
-in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die Schuld
-eines Weibes, gl&uuml;cklich entgangen. Seine b&ouml;se Ahnung sollte
-an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erf&uuml;llung
-gehen. Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand
-Gaunerstreiche, Neckereien und Spuk damit ausgef&uuml;hrt, als
-sie auf den Gedanken kam, ein gro&szlig;artigeres Zauberdrama,
-eine Feerie im romantischen Stil, worin sie selbst die Hauptrolle
-&uuml;bernahm, in Scene zu setzen, ohne zu ahnen, da&szlig; das
-prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, dem
-Lustspiele einen tragischen Schlu&szlig; anh&auml;ngen werde. Die
-Wahl des Stoffes ist sehr gl&uuml;cklich; sie entnahm denselben
-einer der reizendsten Geschichten aus den Volksb&uuml;chern des
-sechzehnten Jahrhunderts: wie eine &uuml;berirdische Jungfrau
-einen sterblichen Menschen durch ihre Liebe begl&uuml;ckt. Grimmelshausen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xxxix">[S. xxxix]</a></span>
-hat zwei in der Dichtung getrennte Ueberlieferungen
-miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer
-urspr&uuml;nglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches
-Gedicht, um das Jahr 1300 verfa&szlig;t, nach einer
-nun verlornen Stra&szlig;burger Handschrift zuerst 1480, dann
-&ouml;fter gedruckt, 1580 von Johann Fischart bearbeitet, zuletzt
-neu herausgegeben von Oskar J&auml;nicke (&raquo;Altdeutsche Studien&laquo;,
-Berlin 1871), erz&auml;hlt die Sage in folgender Gestalt:
-Ritter Petermann von Temringen, vom Schlo&szlig; Stauffenberg
-in der Ortenau, wollte am Pfingsttag fr&uuml;h zur Messe
-nach Nu&szlig;bach reiten, da fand er unterwegs eine wundersch&ouml;ne
-Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte sie, habe
-sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan,
-seit er ein Pferd &uuml;berschritten; &uuml;berall habe sie ihn geschirmt
-im Kampf, beim Turnier wie im St&uuml;rmen und Streiten.
-Sie werden einig, sich zu verbinden, und der Ritter geht
-die einzige ihm gestellte Bedingung freudig ein: &raquo;nimm
-welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!&laquo; So leben sie
-zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und
-drau&szlig;en, wo auch seine Ritterschaft ihn hinf&uuml;hrt. Als er
-einst mit Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten
-an, sich endlich ein Weib zu suchen. Er bleibt
-standhaft und erneuert der Geliebten sein Gel&uuml;bde, aber in
-banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er werde
-sonst in drei Tagen sterben m&uuml;ssen. Als es sich darauf
-begab, da&szlig; zu Frankfurt ein R&ouml;mischer K&ouml;nig gew&auml;hlt
-wurde, stellte auch er sich am Hoflager ein. Da dringt auch
-der K&ouml;nig in ihn und bietet ihm die einzige Nichte, die Erbin
-von K&auml;rnten, zur Braut; auch jetzt kann er sich nicht entschlie&szlig;en,
-und erst als die allein seligmachende Kirche in
-der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die H&ouml;lle
-hei&szlig; macht, gibt er nach. In der Nacht k&uuml;ndigt ihm die
-schmerzlich Betrogene die nahe Erf&uuml;llung seines Geschicks an,
-wenn er nicht jetzt noch von seinem Vorhaben abstehe; als
-n&auml;heres Vorzeichen werde er ihren nackten Fu&szlig; erblicken.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xl">[S. xl]</a></span>
-Aber der Mann h&auml;lt alles f&uuml;r Betrug des Teufels. Die
-Braut h&auml;lt ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird
-gefeiert, da st&ouml;&szlig;t pl&ouml;tzlich der sch&ouml;nste Frauenfu&szlig; durch die
-Decke des Saales. Nun bestellt der Ritter sein Haus und
-stirbt. Die junge Braut gelobt, in einem Kloster dem Verm&auml;hlten
-treu zu bleiben.</p>
-
-<p>Es tritt hier, was wir nur andeuten k&ouml;nnen, die Beziehung
-der Sage zum germanischen G&ouml;tterglauben noch
-deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's Geliebte ist als
-Walk&uuml;re aufzufassen, als &raquo;W&uuml;nschelweib&laquo; oder &raquo;Wunschm&auml;dchen&laquo;.
-Der &raquo;Wunsch&laquo;, wodurch eigentlich und urspr&uuml;nglich
-ihr Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu
-Gebot, w&auml;hrend die sp&auml;tere Anschauung den Namen von
-der Gabe ableitet, zu erscheinen, so oft der Geliebte sie
-herbeiw&uuml;nscht. Sie kann ihm Gl&uuml;ck und Reichthum zuwenden.
-Auch darin gleicht sie den Walk&uuml;ren, da&szlig; sie unsichtbar
-den Auserw&auml;hlten h&uuml;tet und ihn sch&uuml;tzend in den
-Kampf begleitet. Doch alles das sammt ihrer Liebe ist
-Bedingungen unterworfen, die sie selbst nicht aufheben kann.
-Auch das ist ein alter Zug, da&szlig; der Umgang mit g&ouml;ttlichen
-Frauen das Leben der Helden k&uuml;rzt; meist werden sie in der
-Bl&uuml;te des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus
-von Aphrodite und Anchises im griechischen G&ouml;tterglauben.</p>
-
-<p>Die &raquo;Melusina&laquo;, 1456 aus dem Franz&ouml;sischen von Th&uuml;ring
-von Ringolfingen &uuml;bertragen, seit dem ersten Druck (Stra&szlig;burg
-um 1474) bis in unsere Tage ein weitverbreitetes
-Volksbuch, ber&uuml;hrt sich in den Grundz&uuml;gen damit; Melusina
-ist jedoch entschieden eine Nixe, eine &raquo;Meerfein&laquo;, und das
-Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von
-Poitiers alles Gl&uuml;ck, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum,
-aber unter der Bedingung, da&szlig; er nie nach ihrem
-Ursprung noch jemals nach ihrem Thun und Lassen an
-einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde jegliches
-Unheil &uuml;ber ihn kommen und er sie auf ewig verlieren.
-Er bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschlie&szlig;t
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xli">[S. xli]</a></span>
-reuig sein Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung
-mit der ersten Sage wird bei Grimmelshausen dadurch
-vermittelt, da&szlig; das Leierm&auml;dchen sich Minolanda,
-Melusinnes Schwestertochter, nennt. K&ouml;nig Helias hatte
-noch zwei zauberkundige T&ouml;chter, die vielleicht die Sage
-kannte, denn der Name erinnert an Minne, Meerminne.
-Eine solche ist auch in der localen Ueberlieferung, wie sie in
-Baden und am Schwarzwald zu Hause ist, die Geliebte des
-Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd heimkehrend,
-findet sie an einem Born unfern Nu&szlig;bachs. Sie nennt sich
-selbst ein &raquo;M&uuml;mmelchen&laquo; &mdash; der Mummelsee liegt in der
-Nachbarschaft &mdash;; des Ritters Namen hat sie den J&auml;gern
-abgeh&ouml;rt. Das &uuml;brige stimmt ungef&auml;hr: statt des R&ouml;mischen
-Kaisers ist es ein fr&auml;nkischer Herzog, der den Diemringer
-f&uuml;r seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand seiner
-Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend
-durch einen seichten Flu&szlig; reitet, wird er pl&ouml;tzlich von
-st&uuml;rmisch heranbrausenden Wellen fortgerissen.</p>
-
-<p>Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin
-stirbt der ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die
-Schauspielerin b&uuml;&szlig;t ihren Frevel. Das Zauberger&auml;th &uuml;berdauert
-die Katastrophe, um als Leitmotiv von dem Verfasser
-der Simplicianischen Schriften noch ferner verwandt
-zu werden.</p>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<p class="pmb2">Die vorliegende Ausgabe des &raquo;Trutz Simplex&laquo; beruht
-auf dem einzigen bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem
-mit der Jahrzahl 1670 bezeichneten &raquo;Springinsfeld&laquo; voraus
-und ist also unmittelbar nach oder noch w&auml;hrend der Abfassung
-der &raquo;Continuation&laquo; oder des sechsten Buchs des &raquo;Simplicissimus&laquo;
-geschrieben, aber nicht eher im Druck erschienen.
-Es w&uuml;rde also die Annahme nicht irren, dies sei zu Anfang
-1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der
-G&ouml;ttinger Bibliothek ist dem &raquo;Springinsfeld&laquo; vorgebunden.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xlii">[S. xlii]</a></span>
-Den Text, den ich gew&auml;hlt, denselben, f&uuml;r den auch Keller
-sich entschieden hat, halte ich nach reiflicher Erw&auml;gung
-f&uuml;r den besten, ohne jedoch die Frage beantworten zu wollen,
-ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre eine
-rechtm&auml;&szlig;ige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler
-sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in
-den Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung
-bedurfte, w&auml;hrend einzelne Eigenth&uuml;mlichkeiten der Rechtschreibung,
-soweit es die f&uuml;r unsere &uuml;brigen Publicationen
-und speciell f&uuml;r den &raquo;Simplicissimus&laquo; angenommenen Grunds&auml;tze
-erlaubten, beibehalten worden sind.</p>
-
-<p>Den &raquo;Anhang&laquo; m&ouml;ge der Leser als eine, wenn an sich
-nicht sehr bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe
-betrachten. Der erneuerte Abdruck der &raquo;Gaukel-Tasche&laquo; findet
-seine Berechtigung schon darin, da&szlig; das Titelblatt des
-&raquo;Springinsfeld&laquo; dieselbe erwarten l&auml;&szlig;t. Was den Inhalt
-und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt dar&uuml;ber die ausf&uuml;hrliche
-Beschreibung der Scene (&raquo;Springinsfeld&laquo; Kap. <span class="antiqua">VII</span>),
-wo Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler
-auftritt, gen&uuml;gende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 best&auml;tigt
-auch das, was der Schreiber (&raquo;Springinsfeld&laquo; Kap. <span class="antiqua">VIII</span>) von
-seiner Absicht sagt, das B&uuml;chlein zu ver&ouml;ffentlichen. Dasselbe
-war bisjetzt nur durch die Gesammtausgabe bekannt, wo es
-unmittelbar auf den &raquo;Ersten B&auml;rnh&auml;uter&laquo; folgt. Die alte
-Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt worden
-ist, befindet sich ebenfalls auf der Universit&auml;tsbibliothek zu
-G&ouml;ttingen; die gro&szlig;e Seltenheit erkl&auml;rt sich leicht aus der
-Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt
-Herr Wilhelm Seibt in Frankfurt, dessen gef&auml;lliger Mittheilung
-ich diese Nachricht verdanke. Ein f&uuml;r den Kenner der
-Simplicianischen Literatur sehr erfreulicher Aufsatz in der
-&raquo;Frankfurter Zeitung&laquo; (1876, Nr. 230 Morgenblatt) enth&auml;lt
-auch einen Bericht &uuml;ber Seibt's Entdeckung, da&szlig; die Holzschnitte,
-welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xliii">[S. xliii]</a></span>
-da&szlig; Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker,
-die Originalst&ouml;cke zu des genannten K&uuml;nstlers sch&ouml;nem, sehr
-selten gewordenen Kartenbuch: &raquo;K&uuml;nstliche und wolgerissene
-Figuren in ein neues Kartenspiel&laquo; u.s.w. (N&uuml;rnberg
-1588. 4.) f&uuml;r den Druck verwandt hat.</p>
-
-<p class="pmb2">Das bekannte M&auml;rchen vom &raquo;Ersten B&auml;rnh&auml;uter&laquo; ist der
-&raquo;Gaukel-Tasche&laquo; auch in der alten Ausgabe vorgedruckt.
-Die Art und Weise, wie Grimmelshausen dasselbe erz&auml;hlt,
-ist in der Darstellung so vortrefflich, da&szlig; wir uns
-nicht entschlie&szlig;en mochten, dasselbe beiseite zu lassen. Wegen
-der verwandten Auffassungen d&uuml;rfen wir auf der Br&uuml;der
-Grimm &raquo;Kinder- und Hausm&auml;rchen&laquo; (Nr. 100 und 101)
-verweisen, die sich in jedermanns H&auml;nden befinden. Den Anmerkungen
-(Bd. <span class="antiqua">III</span>, S. 181 fg.) haben wir wenig hinzuzuf&uuml;gen.
-Das zweite Grimm'sche M&auml;rchen, ebenfalls &raquo;Der
-B&auml;renh&auml;uter&laquo; genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen
-am meisten &uuml;berein; dort ist der Vater der drei T&ouml;chter
-ein Mann, dem der Landsknecht Geld gegeben, hier ein
-reicher Kunstkenner, der die durch den Teufel f&uuml;r seinen Sch&uuml;tzling
-gemalten Bilder sammt dessen Reichth&uuml;mern besitzen m&ouml;chte,
-ein Zug, der in dem ersten der M&auml;rchen: &raquo;Des Teufels
-ru&szlig;iger Bruder&laquo;, darin sein Gegenst&uuml;ck findet, da&szlig; ein
-K&ouml;nig von der in der H&ouml;lle gelernten Kunst des Soldaten
-so entz&uuml;ckt wird, da&szlig; er ihm eine seiner T&ouml;chter verspricht.
-Die &ouml;sterreichische Fassung kenne ich nur aus Happel's &raquo;Gr&ouml;&szlig;ten
-Denkw&uuml;rdigkeiten der Welt&laquo; (<span class="antiqua">II</span>, 712). Die Geschichte spielt
-in einer Stadt, wo noch die &raquo;Abbildung derselben auf einer
-Tafel&laquo; aufbewahrt wird. Statt der verlornen Schlacht bei
-Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die Niederlage des
-christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav genannt.
-Die Wahrscheinlichkeit, da&szlig; Grimmelshausen aus dem Volksmunde
-gesch&ouml;pft, w&uuml;rde diese Abweichung gen&uuml;gend erkl&auml;ren.</p>
-
-<p class="pmb3">Zum Schlu&szlig; sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum
-ersten Kapitel des &raquo;Simplicissimus&laquo; zu vervollst&auml;ndigen.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_xliv">[S. xliv]</a></span>
-Grimmelshausen spricht &uuml;ber die Sucht geringer Leute, sobald
-sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als vornehme
-Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn
-auch ihre Vor&auml;ltern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe
-getrieben haben: &raquo;obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen
-32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des
-Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein m&ouml;gen.&laquo; Aus Seibt's
-erw&auml;hnten Mittheilungen, die mir erst nach dem Drucke des
-ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe ich, da&szlig; in
-Nicl. Ulenhart's Erz&auml;hlung &raquo;Isaak Winterfelder und Jobst
-von der Schneid&laquo; (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundri&szlig;,
-S. 432), einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle
-&raquo;<span class="antiqua">Rinconete y Cortadillo</span>&laquo;, deren Schauplatz nach Prag verlegt
-wird, das Oberhaupt aller Gauner und Dirnen dieser Stadt
-&raquo;Zuckerbastel&laquo; genannt wird. Grimmelshausen wird also die
-Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erkl&auml;rung
-des Namens scheint daneben bestehen zu k&ouml;nnen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der R&uuml;ckseite
-stehen im Original &mdash; zur Erkl&auml;rung des vorgehefteten Kupferstichs
-Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei
-Toilettengegenst&auml;nde auf der Erde verstreuend &mdash; folgende Verse:</p>
-<span class="newpre">
-Erkl&auml;rung des Kupfers<br />
-oder<br />
-Die den geneigten Leser anredende Courage.<br />
-<br />
-Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue,<br />
-So wirf' ichs drum nicht weg, um da&szlig; es mich gereue,<br />
-Da&szlig; ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht,<br />
-Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt.
-Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kr&auml;usen;<br />
-Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den L&auml;usen,<br />
-Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz,<br />
-Und was ich m&ouml;ge thun dem Simplici zum Trutz.
-</span>
-</div>
-
-<div class="footnote">
- <p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> S. 52 dieses Bandes Zeile 2 mu&szlig; es statt &raquo;seiner leiblichen
- Frauen Tochter&laquo; hei&szlig;en: seine leibliche Frau Tochter.</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
- <p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Titelkupfer: Der Stelzfu&szlig; mit der Geige.</p>
-<p>Auf der R&uuml;ckseite des Titels:</p>
-<p>Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,<br />
-Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,<br />
-Zu werden reich und gro&szlig; durch Krieg und Kriegeswaffen,<br />
-Oder, wenn das nit gl&uuml;ckt, soldatisch einzuschlafen.<br />
-Mein Fatum, was th&auml;t das, die Zeit und auch das Gl&uuml;ck?<br />
-Sie stimmten in <em class="gesperrt">ein</em> Horn, zeigten mir ihre T&uuml;ck.<br />
-Ich wurd des Gl&uuml;ckes Ball, must wie das Gl&uuml;ck umw&auml;lzen,<br />
-Mich lassen richten zu, da&szlig; ich nun brauch ein Stelzen,<br />
-Stelz jetzt vors Bauren Th&uuml;r im Land von Haus zu Haus,<br />
-Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,<br />
-Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,<br />
-Da&szlig; theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.</p>
-</div>
-
-</div>
-
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-
-<p class="p3 center font18"><b>
-I.<br />
-<br />
-Trutz Simplex.</b><br />
-</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a></span></p>
-
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-
-<p class="center font22"><b>Trutz Simplex</b></p>
-
-<p class="center font11">Oder</p>
-
-<p class="center font14">Ausf&uuml;hrliche und wunderseltzame</p>
-
-<p class="center font12"><b>Lebensbeschreibung</b></p>
-
-<p class="center font11">Der Erzbetr&uuml;gerin und Landst&ouml;rzerin</p>
-
-<p class="center font18">Courage,</p>
-
-<p class="center font14">Wie sie anfangs eine Rittmei-</p>
-<p class="center font12">sterin, hernach eine Hauptm&auml;nnin, ferner</p>
-<p class="center font11">eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,</p>
-<p class="center font11">Musquetiererin und letzlich eine</p>
-<p class="center font11">Zigeunerin abgegeben, Meisterlich</p>
-<p class="center font11"><span class="antiqua">agiret</span> und ausb&uuml;ndig</p>
-<p class="center font11 pmb2">vorgestellet:</p>
-
-<p class="center font14">Eben so lustig, annehmlich un&#772; nutzlich</p>
-<p class="center font12">zu betrachten als <span class="antiqua">Simplicissimus</span></p>
-<p class="center font11 pmb2">selbst.</p>
-
-<p class="pmb1 center font11">Alles miteinander</p>
-
-<p class="center font14">Von der Courage eigner Per-</p>
-<p class="center font12">son, dem weit und breit bekannten <span class="antiqua">Simpli-</span></p>
-<p class="center font11"><span class="antiqua">cissimo</span> zum Verdru&szlig; und Widerwillen, dem</p>
-<p class="center font11"><span class="antiqua">Autori</span> in die Feder <span class="antiqua">dictirt</span>, der sich vor</p>
-<p class="center font11">di&szlig;mal nennet</p>
-<p class="center font11"><span class="antiqua">Philarchus Grossus</span> von Trommenheim,</p>
-<p class="center font11">auf Griffsberg &amp;c.</p>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<p class="center pmb3">Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a></span></p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Kurzer_doch_ausfuhrlicher_Inhalt_und_Auszug_der">Kurzer, doch ausf&uuml;hrlicher Inhalt und Auszug der
-merkw&uuml;rdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser
-lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandst&ouml;rzerin
-und Zigeunerin Courage.</h2>
-
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_9">Das erste Capitel.</a></em> Gr&uuml;ndlicher und nothwendiger Vorbericht,
-weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden
-Ursachen die alte Erzbetr&uuml;gerin, Landst&ouml;rzerin und Zigeunerin
-Courage ihren wundernsw&uuml;rdigen und recht seltzamen Lebenslauf
-erz&auml;hlet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_12">Das zweite Capitel.</a></em> Jungfrau Lebuschka (hernachmal
-genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco,
-mu&szlig; in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben;
-dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches
-ferner mit ihr zugetragen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_16">Das dritte Capitel.</a></em> Janco vertauschet sein edles Jungferkr&auml;nzlein
-bei einem resoluten Rittmeister um den Namen Courage.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_20">Das vierte Capitel.</a></em> Courage wird darum eine Ehefrau
-und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe
-werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile
-lediger Weise getrieben hatte.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_23">Das f&uuml;nfte Capitel.</a></em> Was die Rittmeisterin Courage in
-ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und z&uuml;chtiges, wie auch verruchtes
-gottloses Leben gef&uuml;hret, wie sie einem Grafen zu Willen
-wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern<br />
-mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_28">Das sechste Capitel.</a></em> Courage kommt durch wunderliche
-Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit
-dem sie trefflich gl&uuml;ckselig und vergn&uuml;gt lebte.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_32">Das siebente Capitel.</a></em> Courage schreitet zur dritten Ehe
-und wird aus einer Hauptm&auml;nnin eine Leutenantin, triffts aber
-nicht so wol als vorhero, schl&auml;gt sich mit ihrem Leutenant um die
-Hosen mit Pr&uuml;geln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution
-und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie
-sitzen l&auml;&szlig;t.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_35">Das achte Capitel.</a></em> Courage h&auml;lt sich in einer Occasion
-trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen
-Major gefangen und erf&auml;hrt, da&szlig; ihr Leutenant als ein meineidiger
-Ueberlaufer gefangen und gehenket worden.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_38">Das neunte Capitel.</a></em> Courage quittirt den Krieg, nachdem
-ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman
-vor einen Spott gehalten wird.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_42">Das zehnte Capitel.</a></em> Courage erf&auml;hret nach langem Verlangen,
-W&uuml;nschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und
-freiet darauf wiederum einen Hauptmann.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_46">Das elfte Capitel.</a></em> Die neue Hauptm&auml;nnin Courage
-ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister
-und gemeinen Reuter durch ihre heldenm&auml;&szlig;ige Tapferkeit
-in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann
-und wird eine ungl&uuml;ckselige Witwe.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_49">Das zw&ouml;lfte Capitel.</a></em> Der Courage wird ihre treffliche
-Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen
-Major eingetr&auml;nkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen
-und mu&szlig; eine gar sch&auml;ndliche Arbeit verrichten, wird aber endlich
-von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen,
-erbeten, da&szlig; ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf
-ein Schlo&szlig; gef&uuml;hrt.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_53">Das dreizehnte Capitel.</a></em> Courage wird als ein gr&auml;fliches
-Fr&auml;ulein auf einem Schlo&szlig; gehalten, von dem Rittmeister
-gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung
-der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar
-listig aus dem Schlo&szlig; nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich
-verlassen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_57">Das vierzehnte Capitel.</a></em> Courage wirft ihre Liebe auf
-einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme H&ouml;rner aufsetzen
-wolte, also zeichnete, da&szlig; er des Aufstehens verga&szlig;. Darauf wird
-ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten
-vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie
-legen wolten, ziemlich &uuml;bel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu
-H&uuml;lfe kame.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_62">Das funfzehnte Capitel.</a></em> Courage h&auml;lt sich bei einem
-Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie,
-dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand
-lediger Weise mit ihme treiben m&ouml;chte; wird auch darauf
-eine Marketenterin.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_67">Das sechzehnte Capitel.</a></em> Courage nennet ihren Courtisan,
-den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein
-F&auml;nderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar gro&szlig;er
-H&ouml;rner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich
-hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket
-sich stattlich in den Handel.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_71">Das siebzehnte Capitel.</a></em> Der Courage widerf&auml;hrt ein
-l&auml;cherlicher Posse, den ihr eine K&uuml;rschnerin auf Anstiften einer
-itali&auml;nischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen
-Herrn beim Nachtimbi&szlig; war; sie bezahlet aber sowol die Putanin
-als die K&uuml;rschnerin wieder redlich und ausb&uuml;ndig, macht
-auch einem Apotheker ein wunderliches St&uuml;ckchen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_76">Das achtzehnte Capitel.</a></em> Die gewissenlose Courage erkauft
-von einem Musquetierer einen <span class="antiqua">Spiritum Familiarem</span>, empfindet
-darbei gro&szlig;es Gl&uuml;ck, und gehet ihr alles nach Wunsch und
-Willen von statten.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_81">Das neunzehnte Capitel.</a></em> Courage richtet ihren Springinsfeld
-zu allerlei Schelmenst&uuml;cklein trefflich ab, der sich bei einer
-vornehmen Dame vor einen Schatzgr&auml;ber ausgibt, in den Keller
-gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt
-und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_87">Das zwanzigste Capitel.</a></em> Courage nebenst ihrem Springinsfeld
-bestiehlt zween Mail&auml;nder auf unerh&ouml;rte Weise, indeme sie
-dem einen, der sehen wolte, was in ihrer H&uuml;tten vor ein Gepolter
-war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in
-die Augen spr&uuml;tzte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen
-verlegte.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_89">Das einundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird von
-ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und &uuml;bel
-zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie dem&uuml;thig um Gnade
-und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_93">Das zweiundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird von
-ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen
-des Obristen Wachtfeuer zugetragen, dar&uuml;ber sie erwacht und j&auml;mmerlich
-zu schreien beginnet, da&szlig; alle Officierer zulaufen und des
-Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das
-beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem <span class="antiqua">Spiritu Familiari</span>.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_98">Das dreiundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage heurathet
-wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr
-erwarmet, wieder beraubet, l&auml;sset sich darauf auf ihres ersten
-Hauptmanns G&uuml;ter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk
-wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten
-Soldaten.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_102">Das vierundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage bekommt
-eine unfl&auml;tige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und
-macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie
-ihn redlich wieder und l&auml;&szlig;t ihm ihrer Magd neugebornes Kind
-vor seine Th&uuml;r legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage
-mit ihm erzeugt h&auml;tte.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_105">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage treibet mit
-einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungeb&uuml;hrliche H&auml;ndel,
-als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten
-und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle
-fallen lie&szlig;; dar&uuml;ber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben,
-endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird.</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_108">Das sechsundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage wird eine
-Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr
-Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten
-antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten,
-ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem
-Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterl&auml;sset und rei&szlig;aus
-nimmt; darauf sich ein recht l&auml;cherlicher Po&szlig; zutr&auml;gt.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_112">Das siebenundzwanzigste Capitel.</a></em> Nachdem der Courage
-Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf
-ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter
-welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten
-Fr&auml;ulein wahr, entwendet ihr dar&uuml;ber alle Kleinodien, beh&auml;lt
-sie aber nicht lang, sondern mu&szlig; solche wol abgepr&uuml;gelt wieder
-zustellen.</span></p>
-
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_115">Das achtundzwanzigste Capitel.</a></em> Courage kommt mit
-ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird,
-reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schie&szlig;en; ihr
-Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman
-im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen
-die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen
-sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.</span></p>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-
-
-<h2 id="Das_erste_Capitel">Das erste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Gr&uuml;ndlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und
-Gefallen und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetr&uuml;gerin,
-Landst&ouml;rzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernsw&uuml;rdigen
-und recht seltzamen Lebenslauf erz&auml;hlet und der ganzen Welt vor
-die Augen stellet.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ja &mdash; werdet ihr sagen, ihr Herren &mdash; wer solte wol gemeint
-haben, da&szlig; sich die alte Schell<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> einmal unterstehen w&uuml;rde, dem
-k&uuml;nftigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor
-sein? Sie mu&szlig; wol, dann das Gumpen<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> ihrer Jugend hat
-sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr
-beschwertes und ge&auml;ngstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das
-verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre vorige
-&uuml;berh&auml;ufte Thorheiten l&auml;nger zu treiben sich sch&auml;met und die
-begangene St&uuml;ck l&auml;nger im Herzen verschlossen zu tragen ein
-Ekel und Abscheu hat. Das alte Rabenaas f&auml;het einmal an
-zu sehen und zu f&uuml;hlen, da&szlig; der gewisse Tod n&auml;chstens bei ihr
-anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck abzun&ouml;thigen, vermittelst
-dessen sie unumg&auml;nglich in ein andere Welt verreisen
-und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue Rechenschaft
-geben mu&szlig;. Darum beginnet sie im Angesicht der
-ganzen Welt ihren alten Esel von &uuml;berh&auml;ufter Last seiner Beschwerden
-zu entladen, ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern
-m&ouml;chte, da&szlig; sie Hoffnung sch&ouml;pfen k&ouml;nte, noch endlich die
-himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.</p>
-
-<p>Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber
-werden gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden d&ouml;rfen,
-ihre alte zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend
-mit franz&ouml;sischer Grindsalb, folgends mit allerhand italian-
- <span class="pagenum"><a id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-und spanischer Schminke und endlich mit egyptischer L&auml;ussalben
-und vielem G&auml;nsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz ger&auml;uchert
-und so oft eine andere Farbe anzunehmen gezwungen,
-widerum wei&szlig; zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde
-die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen
-und sie wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld
-bringen, wann sie dergestalt ihre Bubenst&uuml;ck und begangene
-Laster berichtsweis daher erz&auml;hlet, von ihrem Herzen zu r&auml;umen?
-Solte wol diese alte Vettel jetzt, da sie alle beide F&uuml;&szlig;e
-bereits im Grab hat, wann sie anders w&uuml;rdig ist, eines Grabs
-theilhaftig zu werden, diese Alte &mdash; werdet ihr sagen &mdash;, die sich
-ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgew&auml;lzt und
-mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenst&uuml;cken
-als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern
-Tods&uuml;nden als Tagen und mit mehrern gemeinen S&uuml;nden
-als Stunden beladen, die, deren<a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>, so alt sie auch ist, noch niemal
-keine Bekehrung in Sinn kommen, sich unterstehen, sich mit
-Gott zu vers&ouml;hnen? Vermeinet sie wol, anjetzo noch zurecht
-zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen anf&auml;het mehr
-h&ouml;llische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Woll&uuml;ste
-genossen und empfunden? Ja, wann diese unn&uuml;tze abgelebte
-Last der Erden neben solchen Woll&uuml;sten sich nicht auch
-in andern allerhand Erzlastern herum gew&auml;lzt, ja gar in der
-Bosheit allertiefsten Abgrund begeben und versenkt h&auml;tte, so
-m&ouml;chte sie noch wol ein wenig Hoffnung zu fassen die Gnad
-haben k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken,
-und also werdet ihr euch &uuml;ber mich verwundern, wann
-euch die Zeitung von dieser meiner Haupt- oder Generalbeicht
-zu Ohren kommt. Und wann ich solches erfahre, so werde ich
-meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder
-gar zu St&uuml;cken lachen.</p>
-
-<p>Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?</p>
-
-<p>Darum, da&szlig; ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens
-so lange Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele
-seie ihr gleichsam angewachsen, gedenke an das Sterben, eine
-solche, wie ihr wisset da&szlig; ich bin und mein Lebtag gewesen,
-gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen
-Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, der H&ouml;llen zugerichtet,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_11">[S. 11]</a></span>
-gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne unverhohlen,
-da&szlig; ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen
-&uuml;berreden wollen, nicht zu r&uuml;sten, noch deme, was mich ihrem
-Vorgeben nach verhindert, v&ouml;llig zu resignirn entschlie&szlig;en k&ouml;nnen,
-als worzu ich ein St&uuml;ck zu wenig, hingegen aber etlicher,
-vornehmlich aber zweier zu viel habe. Das, so mir manglet,
-ist die Reu, und was mir manglen solte, ist der Geiz und der
-Neid. Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit
-Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, mit Verlust
-der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr ha&szlig;te, als ich meinen
-Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte
-als mein Geld, so m&ouml;chte vielleicht die himmlische Gabe der
-Reue auch folgen. Ich wei&szlig; die Art der unterschiedlichen Alter
-eines jeden Weibsbilds und best&auml;tige mit meinem Exempel,
-da&szlig; alte Hund schwerlich b&auml;ndig zu machen. Die <span class="antiqua">Cholera</span><a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>
-hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kan die
-Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen S&auml;u-Magen,
-umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann dem
-Zorn widerstehen m&ouml;gen? Wer wil mir die &uuml;berh&auml;ufte <span class="antiqua">Phlegmam</span><a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>
-evacuirn und mich also von der Tr&auml;gheit curiren?
-Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen
-die Neigung zum Neid? Wer wird mich &uuml;berreden
-k&ouml;nnen, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung
-wei&szlig;, da&szlig; sie aus N&ouml;then erretten und der einzige
-Trost meines Alters sein k&ouml;nnen? Damal, damal, ihr Herrn
-Geistliche, wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen,
-den ich euerm Rath nach jetzt erst antreten sol, als ich noch
-in der Bl&uuml;t meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld
-lebte; dann ob ich gleich damals die gef&auml;hrliche Zeit
-der k&uuml;tzelhaften Anfechtung angieng, so w&auml;re mir doch leichter
-gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der &uuml;brigen
-dreien &auml;rgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu
-widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen
-noch nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt,
-und lehret, ermahnet, bittet, ja beschweret<a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> sie, da&szlig; sie
-es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen,
-als die arme Courage gethan!</p>
-
-<p>Aber h&ouml;re, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-dich zu bekehren, warum wilst du dann deinen Lebenslauf
-beichtsweis erz&auml;hlen und aller Welt deine Laster offenbarn?</p>
-
-<p>Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich
-anderer Gestalt nicht an ihm r&auml;chen kan; dann nachdem dieser
-schlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geschw&auml;ngert (scilicet<a id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>)
-und hernach durch einen sp&ouml;ttlichen Possen von sich geschafft,
-gehet er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand
-vermittelst seiner sch&ouml;nen Lebensbeschreibung vor aller Welt aus.
-Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erz&auml;hlen, mit was vor
-einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse,
-wessen er sich ger&uuml;hmt, und vielleicht w&uuml;nschet, da&szlig; er von
-unserer Histori allerdings still geschwiegen h&auml;tte; woraus aber
-die ganze ehrbare Welt abzunehmen, da&szlig; gemeiniglich Gaul
-als Gurr<a id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, Hurn und Buben eins Gelichters und keins um
-ein Haar besser als das ander sei.</p>
-
-<p class="pmb3">Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum
-Kohler; und die S&uuml;nden und S&uuml;nder werden wiederum gemeiniglich
-durch S&uuml;nden und S&uuml;nder abgestraft.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> <em class="gesperrt">Schelle</em>, &raquo;schellenlaute Th&ouml;rin&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <em class="gesperrt">Gumpen</em>, Springen, H&uuml;pfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> <em class="gesperrt">deren</em>, der, <span class="antiqua">dat.</span> wie &ouml;fters bei Grimmelshausen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cholera</span></em>, Galle.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Phlegmam</span></em>, Acc. als <span class="antiqua">fem.</span> genommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> <em class="gesperrt">beschweret</em>, beschw&ouml;ret.</p></div></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_zweite_Capitel">Das zweite Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den
-Krieg, nennet sich Janco und mu&szlig; in demselben eine Zeitlang
-einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich
-verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische V&ouml;lker ihre
-leibeigne Unterthanen tractirn, d&ouml;rften wol vermeinen, ich
-w&auml;re von einem b&ouml;hmischen Edelmann und eines Bauren
-Tochter erzeugt und geboren worden.</p>
-
-<p>Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch
-viel Dings und wei&szlig; es doch nicht. Wann ich sagte, ich h&auml;tte
-gewust, wer meine Eltern gewesen, so w&uuml;rde ich l&uuml;gen, und
-solches w&auml;re nicht das erste mal. Dieses aber wei&szlig; ich wol,
-da&szlig; ich zu Bragoditz<a id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> z&auml;rtlich genug auferzogen, zur Schulen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum N&auml;hen, Stricken,
-Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angef&uuml;hrt
-worden bin. Das Kostgeld kam flei&szlig;ig von meinem Vatter;
-ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte
-manchen Gru&szlig;, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort
-geredet. Als der Baierf&uuml;rst<a id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> mit dem Buquoy in B&ouml;hmen
-zog, den neuen K&ouml;nig wiederum zu verjagen, da war ich eben
-ein f&uuml;rwitzigs Ding von dreizehen Jahren, welches anfieng
-nachzutichten, wo ich doch herkommen sein m&ouml;chte; und solches
-war mein gr&ouml;&szlig;tes Anliegen<a id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>, weil ich nicht fragen dorfte und
-von mir selbst nichts ergr&uuml;nden konte. Ich wurde vor der
-Gemeinschaft der Leut verwahrt wie ein sch&ouml;nes Gem&auml;l vorm
-Staub. Meine Kostfrau behielte mich immer in den Augen,
-und weil ich mit andern T&ouml;chtern meines Alters keine Gespielschaft
-machen dorfte, sihe, so vermehrten sich meine Grillen
-und Dauben<a id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>, die der F&uuml;rwitz in meinem Hirn ausheckte,
-au&szlig;er welchen ich mich auch mit sonst nichts bek&uuml;mmerte.</p>
-
-<p>Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte,
-gieng der Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz.
-Budweis ergab sich bei Zeiten und th&auml;t sehr weislich; Bragoditz
-aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen Waffen,
-welche auch mit den Halsstarrigen grausam umgiengen. Da
-nun meine Kostfrau schmeckte<a id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, wo die Sach hinaus wolte,
-sagte sie zeitlich zu mir: &raquo;Jungfrau Libuschka, wann ihr eine
-Jungfrau bleiben wolt, so m&uuml;st ihr euch scheren lassen und
-Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle
-um euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden
-zu beobachten.&laquo;</p>
-
-<p>Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!</p>
-
-<p>Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes
-Haar auf der rechten Seiten hinweg; das auf der linken
-aber lie&szlig;e sie stehen, in aller Ma&szlig; und Form, wie es die
-vornehmste Mannspersonen damals trugen.</p>
-
-<p>&raquo;So, mein Tochter&laquo;, sagte sie, &raquo;wann ihr diesem Strudel mit
-Ehren entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und
-in einem Jahr kan euch das ander auch wieder wachsen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich lie&szlig;e mich gern tr&ouml;sten, dann ich bin von Jugend
-auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am
- <span class="pagenum"><a id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-allern&auml;rrischten hergieng. Und als sie mir auch Hosen und
-Wamst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte thun, und
-wie ich mich in den &uuml;brigen Geberden verhalten solte. Also
-erwarteten wir der kaiserlichen V&ouml;lker Einbruch in die Stadt,
-meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit
-gro&szlig;er Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungew&ouml;hnliche
-K&uuml;rbe<a id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> setzen w&uuml;rde. Solches wurde ich bald gewahr.
-Ich will mich aber drum nicht aufhalten mit Erz&auml;hlung,
-wie die M&auml;nner in der eingenommenen Stadt von den
-Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder genothz&uuml;chtiget und die
-Stadt selbst gepl&uuml;ndert worden, sintemal solches in dem verwichenen
-langwierigen Krieg so gemein und bekant worden, da&szlig;
-alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen wei&szlig;. Di&szlig;
-bin ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze
-Histori erz&auml;hlen wil, da&szlig; mich ein teutscher Reuter vor einen
-Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragirn,
-das ist stehlen helfen solte. Ich nennete mich Janco
-und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich lie&szlig;e michs, aller
-B&ouml;hmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich
-zart, sch&ouml;n, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt
-nicht glauben wil, dem wolte ich w&uuml;nschen, da&szlig; er mich vor
-50 Jahren gesehen h&auml;tte, so w&uuml;rde er mir dessentwegen schon
-ein ander gut Zeugni&szlig; geben.</p>
-
-<p>Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia
-brachte, fragte ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein
-sch&ouml;ner junger tapferer Cavalier war, was er mit mir machen
-wolte. Er antwortet: &raquo;Was andere Reuter mit ihren Jungen
-machen, mausen und der Pferde warten, worzu die b&ouml;hmische
-Art, wie ich h&ouml;re, die beste sein soll. Man sagt vor gewi&szlig;:
-wo ein B&ouml;hm Kuder<a id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> aus einem Haus trage, da werde gewi&szlig;lich
-kein Teutscher Flachs in finden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie aber&laquo;, antwortet der Rittmeister, &raquo;wann er di&szlig; b&ouml;hmisch
-Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum Probst&uuml;ck
-deine Pferd hinweg?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wil&laquo;, sagt der Reuter, &raquo;schon Achtung auf ihn geben,
-bi&szlig; ich ihn aus der K&uuml;heweid<a id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> bringe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die Baurenbuben&laquo;, antwortet der Rittmeister, &raquo;die bei den
- <span class="pagenum"><a id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-Pferden erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als
-die Burgerss&ouml;hne, die in den St&auml;dten nicht lernen k&ouml;nnen, wie
-einem Pferde zu warten. Zu dem dunkt mich, dieser Jung sei
-ehrlicher Leut Kind und viel zu h&auml;ckel auferzogen worden,
-einem Reuter seine Pferd zu versehen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne da&szlig; ich dergleichen
-gethan h&auml;tte, da&szlig; ich etwas von ihrem Discurs verst&uuml;nde,
-weil sie teutsch redeten. Meine gr&ouml;&szlig;te Sorg war, ich m&ouml;chte
-wieder abgeschafft und nach dem gepl&uuml;nderten Bragoditz zuruckgejagt
-werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Gesch&uuml;tz
-und die Trompeten, von welchem Schall mir das Herz
-im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug geh&ouml;rt hatte. Zuletzt
-schickte sichs, ich wei&szlig; nicht zu meinem Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck,
-da&szlig; mich der Rittmeister selbst behielte, da&szlig; ich seiner Person
-wie ein Page und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter
-aber gab er einen andern b&ouml;hmischen Knollfinken zum Jungen,
-weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wolte.</p>
-
-<p class="pmb3">Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich
-wuste meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschw&auml;nzen, seine
-Kleidungen so sauber zu halten, sein wei&szlig; leinen Zeug so nett
-zu accomodirn und ihn in allem so wol zu pflegen, da&szlig; er
-mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten muste.
-Und weil ich auch einen gro&szlig;en Lust zum Gewehr hatte, versahe
-ich dasselbe dergestalten, da&szlig; sich Herr und Knechte darauf
-verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von ihm,
-da&szlig; er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche<a id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>
-wehrhaft machte. Ueber das, da&szlig; ich mich hierin so
-frisch hielte, muste sich auch jederman &uuml;ber mich verwundern
-und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verstands halten,
-da&szlig; ich so bald teutsch reden lernete, weil niemand wuste,
-da&szlig; ichs bereits von Jugend auf lernen m&uuml;ssen. Darneben
-beflisse ich mich aufs h&ouml;chste, alle meine weibliche Sitten auszumustern
-und hingegen mannliche anzunehmen; ich lernte mit
-Flei&szlig; fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen wie
-ein B&uuml;rstenbinder, soff Br&uuml;derschaft mit denen, die ich vermeinte,
-da&szlig; sie meines Gleichens w&auml;ren, und wann ich etwas
-zu betheuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten,
-damit ja niemand merken solte, warum ich in meiner
-Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst nicht mitgebracht.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> <em class="gesperrt">scilicet</em>, ironisch, &ouml;fter bei Grimmelshausen: wer es glauben will!</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> <em class="gesperrt">Gurre</em>, schlechter Gaul. Die sprichw&ouml;rtliche Redensart noch gebr&auml;uchlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> <em class="gesperrt">Bragoditz</em>, <em class="gesperrt">Pragatitz</em>, jetzt Prachatitz in B&ouml;hmen, Prachiner Kreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> <em class="gesperrt">Anliegen</em>, Sorge, Kummer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> <em class="gesperrt">Dauben</em>, Einbildungen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">schmecken</em>, riechen, merken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> <em class="gesperrt">K&uuml;rbe</em>, <em class="gesperrt">Kirbe</em>, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild hergeht; auch im
-&raquo;Simplicissimus&laquo; &ouml;fters gebraucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> <em class="gesperrt">Kuder</em>, Werch, Heede.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> <em class="gesperrt">aus der K&uuml;heweid</em>, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <em class="gesperrt">Maultasche</em>, Maulschelle, statt des Ritterschlags.</p></div></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_dritte_Capitel">Das dritte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Janco vertauschet sein edles Jungferkr&auml;nzlein bei einem resoluten
-Rittmeister um den Namen Courage.</p>
-</div>
-
-
-<p>Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein sch&ouml;ner
-junger Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter
-T&auml;nzer, ein reuterischer Soldat und &uuml;beraus sehr auf das Jagen
-verpicht; sonderlich mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war
-sein gr&ouml;&szlig;ter Spa&szlig;. Er hatte so viel Barts ums Maul als
-ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt h&auml;tte, so h&auml;tte
-ihn der Tausendste vor eine sch&ouml;ne Jungfrau gehalten. Aber
-wo komm ich hin? Ich mu&szlig; meine Histori erz&auml;hlen. Als
-Budweis und Bragoditz &uuml;ber, giengen beide Armeen vor Pilsen,
-welches sich zwar tapfer wehrete, aber hernach auch mit j&auml;mmerlichem
-W&uuml;rgen und Aufhenken seine Straf empfieng. Von
-dannen ruckten sie auf Rakonitz<a id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>, allwo es die erste St&ouml;&szlig; im
-Feld setzte, die ich sahe. Und damals w&uuml;nschte ich ein Mann
-zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuh&auml;ngen; dann es
-gieng so lustig her, da&szlig; mir das Herz im Leib lachte. Und
-solche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem Wei&szlig;en
-Berg bei Prag, weil die Unsere einen gro&szlig;en Sieg erhielten
-und wenig Volk einb&uuml;&szlig;ten. Damals machte mein Rittmeister
-treffliche Beuten; ich aber lie&szlig;e mich nicht wie ein Page oder
-K&auml;mmerling, vielweniger als ein M&auml;gdchen, sondern wie ein
-Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen
-und darvon seine Besoldung hat.</p>
-
-<p>Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in
-Oesterreich, der s&auml;chsische Churf&uuml;rst in die Lausnitz, und unser
-General Buquoy in M&auml;hren, des Kaisers Rebellen wiederum
-in Gehorsam zu bringen. Und indem sich dieser letztere an
-seiner bei Rakonitz empfangenen Besch&auml;digung curiren lie&szlig;e,
-sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir seinethalber
-genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines
-Rittmeisters Liebw&uuml;rdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete
-nur diejenige Qualit&auml;ten, die ich oben von ihm erz&auml;hlet,
-und achtete gar nicht, da&szlig; er weder lesen noch schreiben konte
- <span class="pagenum"><a id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-und im &uuml;brigen so ein roher Mensch war, da&szlig; ich bei meiner
-Treu schweren kan, ich h&auml;tte ihn niemalen h&ouml;ren oder sehen
-beten.Und wann ihn gleich der weise K&ouml;nig Alphonsus<a id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>
-selbst eine sch&ouml;ne Bestia genant h&auml;tte, so w&auml;re mein Liebesfeur,
-das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich
-aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig &uuml;brighabende
-jungfr&auml;uliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe
-aber mit solcher Ungeduld, da&szlig; ich, unangesehen meiner Jugend,
-die noch keines Manns werth war, mir oft w&uuml;nschte, derjenigen
-Stelle zu vertreten, die ich und andere Leute ihm zu Zeiten
-zukuppelten. So hemmte anf&auml;nglich auch nicht wenig den ungest&uuml;men
-und gef&auml;hrlichen Ausbruch meiner Liebe, da&szlig; mein
-Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren
-war, von dem ich mir einbilden muste, da&szlig; er keine, die ihre
-Eltern nicht kennete, ehelichen w&uuml;rde; und seine Matresse zu
-sein, konte ich mich nicht entschlie&szlig;en, weil ich t&auml;glich bei der
-Armee so viel Huren sahe prei&szlig;machen.</p>
-
-<p>Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir
-selber f&uuml;hrte, mich greulich qu&auml;lte, so war ich doch geil und
-ausgelassen darbei, ja von einer solchen Natur, da&szlig; mir weder
-mein innerlichs Anliegen noch die &auml;u&szlig;erliche Arbeit und Kriegsunruhe
-etwas zu schaffen gab. Ich hatte zwar nichts zu thun,
-als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber solches lernete
-mich die Liebe mit solchem Flei&szlig; und Eifer verrichten,
-da&szlig; mein Herr tausend Eid vor einen geschworen h&auml;tte, es
-lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen,
-sie w&auml;ren auch so scharf gewesen, als sie immer wolten,
-kame ich ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten, wiewol
-ichs gar nicht zu thun schuldig war, und &uuml;berdas war ich
-allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, das ihm gefiele.
-So h&auml;tte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen
-k&ouml;nnen, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, da&szlig; ich
-ihn weit mit einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht
-geehrt und angebetet. Indessen wuchse mir mein Busen
-je l&auml;nger je gr&ouml;&szlig;er, und druckte mich der Schuh je l&auml;nger je
-heftiger, dergestalt, da&szlig; ich weder von au&szlig;en meine Br&uuml;ste
- <span class="pagenum"><a id="Seite_18">[S. 18]</a></span>
-noch den innerlichen Brand im Herzen l&auml;nger zu verbergen
-getraute.</p>
-
-<p>Als wir Iylau<a id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> best&uuml;rmet, Trebitz<a id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> bezwungen, Znaim
-zum Accord gebracht, Br&uuml;n und Olm&uuml;tz unter das Joch geworfen
-und meistenteils alle andere St&auml;dte zum Gehorsam
-getrieben, seind mir gute Beuten zugestanden, welche mir mein
-Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen alle schenkte, wormit
-ich mich trefflich mundirte<a id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> und selbst zum allerbesten beritten
-machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten bei
-dem Marquetentern mit den Kerln ein Ma&szlig; Wein trank.
-Einsmals machte ich mich mit etlichen lustig, die mir aus
-Neid empfindliche Wort gaben, und sonderlich war ein Feindseliger
-darunter, der die b&ouml;hmische Nation gar zu sehr schm&auml;hete
-und verachtete. Der Narr hielte mir vor, da&szlig; die B&ouml;hmen
-ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden K&auml;s gefressen
-h&auml;tten, und foppte mich allerdings, als wann ich pers&ouml;nlich
-darbei gewesen w&auml;re. Derowegen kamen wir beiderseits
-zu Scheltworten, von den Worten zu Nasenst&uuml;bern, und
-von den St&ouml;&szlig;en zum Rupfen und Ringen, unter welcher Arbeit
-mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz wischte, mich
-bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht hatte;
-welcher zwar vergebliche, doch m&ouml;rderische Griff mich viel mehr
-verdrosse, als wann er nicht leer abgangen w&auml;re. Und eben
-darum wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig,
-also da&szlig; ich aller meiner St&auml;rk und Geschwindigkeit zusammengebote
-und mich mit Kratzen, Bei&szlig;en, Schlagen und Treten
-dergestalt wehrete, da&szlig; ich meinen Feind hinunter brachte und
-ihn im Angesicht also zurichtete, da&szlig; er mehr einer Teufelslarven
-als einem Menschen gleich sahe. Ich h&auml;tte ihn auch
-gar erw&uuml;rgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm
-gerissen und Fried gemacht h&auml;tte. Ich kam mit einem blauen
-Aug darvon und konte mir wol einbilden, da&szlig; der schlimme
-Kund gewahr worden, was Geschlechts ich gewesen; und ich
-glaub auch, da&szlig; ers offenbart h&auml;tte, wann er nicht gef&uuml;rchtet,
-da&szlig; er entweder mehr St&ouml;&szlig;e bekommen oder zu denen, die er
-allbereit empfangen, ausgelacht worden w&auml;re, um da&szlig; er sich
-von einem M&auml;gdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er
-m&ouml;chte noch endlich schnellen<a id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>, sihe, so drehete ich mich aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p>Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser
-Quartier kam, sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier,
-mit denen er sich lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich
-vor eine Schlacht gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte
-mich als ein resolutes junges B&uuml;rschel, und eben darum war
-mein Filz<a id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> desto geringer; doch unterlie&szlig;e er nicht, mir dessentwegen
-einen Verweis zu geben. Als aber die Predigt am
-allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen Gegentheil
-so gar abscheulich zugerichtet h&auml;tte, antwortet ich: &raquo;Darum,
-da&szlig; er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch
-keines Mannsmenschen H&auml;nde kommen sein.&laquo;</p>
-
-<p>Dann ich wolte es verzwicken<a id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> und nicht so grob nennen,
-wie die Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man,
-wann ich Meister w&auml;re, auch nicht mehr so unh&ouml;flich, sondern
-unz&uuml;chtige Messer hei&szlig;en m&uuml;ste. Und weil meine Jungfrauschaft
-ohnedas sich in letzten Z&uuml;gen befand, zumalen ich wagen<a id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>
-muste, mein Gegentheil w&uuml;rde mich doch verrathen, sihe,
-so entbl&ouml;&szlig;te ich meinen schneewei&szlig;en Busen und zeigte dem
-Rittmeister meine anziehende harte Br&uuml;ste.</p>
-
-<p>&raquo;Sehet, Herr&laquo;, sagte ich, &raquo;hie sehet ihr eine Jungfrau, welche
-sich zu Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu
-erretten, und demnach sie Gott und das Gl&uuml;ck in eure H&auml;nde
-verf&uuml;gt, so bittet sie und hofft, ihr werdet sie auch als ein
-ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer hergebrachten Ehr besch&uuml;tzen.&laquo;</p>
-
-<p>Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erb&auml;rmlich
-an zu weinen, da&szlig; einer drauf gestorben w&auml;re, es sei
-mein gr&uuml;ndlicher Ernst gewesen.</p>
-
-<p class="pmb3">Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und
-muste doch lachen, da&szlig; ich mit einem neuen Namen viel Farben
-beschrieben hatte, die mein Schild und Helm f&uuml;hrte. Er
-tr&ouml;stete mich gar freundlich und versprach mit gelehrten Worten,
-meine Ehre wie sein eigen Leben zu besch&uuml;tzen; mit den
-Werken aber bezeugte er alsobalden, da&szlig; er der erste w&auml;re,
-der meinem Kr&auml;nzlein nachstellte, und sein unz&uuml;chtig Gegrabel
-gefiele mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen.
-Doch wehrete ich mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen
-oder seinen Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen
-und noch begieriger zu machen, allerma&szlig;en mir der Po&szlig; so
- <span class="pagenum"><a id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-artlich angieng, da&szlig; ich nichts geschehen lie&szlig;e, bi&szlig; er mir zuvor
-bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, unangesehen
-ich mir wol einbilden konte, er w&uuml;rde solches so wenig im
-Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun
-schaue, du guter Simplex, du d&ouml;rftest dir hiebevor im Sauerbrunnen
-vielleicht eingebildet haben, du seiest der erste gewesen,
-der den s&uuml;&szlig;en Milchraum abgehoben! Ach nein, du Tropf,
-du bist betrogen; er war hin, ehe du vielleicht bist geboren
-worden, darum dir dann billich, weil du zu spat aufgestanden,
-nur der Zeiger<a id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> geb&uuml;hrt und vorbehalten worden. Aber di&szlig;
-ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich sonst
-angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch
-gar ordenlich von mir vernehmen solt.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> <em class="gesperrt">Rakonitz</em>, St&auml;dtchen in B&ouml;hmen, Regierungsbezirk Prag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> <em class="gesperrt">Alphonsus</em>, Alfons X., K&ouml;nig von Leon und Castilien, reg. 1252 bis
-1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, Astronom. Von ihm
-sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von Aragonien, gest. 1458, wie
-H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> <em class="gesperrt">Iylau</em>, Iglau, M&auml;hren, Regierungsbezirk Br&uuml;nn.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> <em class="gesperrt">Trebitz</em>, <em class="gesperrt">Trebitsch</em>, <em class="gesperrt">Trzebicza</em>, Flecken, F&auml;hren, Kreis Iglau.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> <em class="gesperrt">mundirte</em>, montirte, ausr&uuml;stete.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> <em class="gesperrt">schnellen</em>, in die H&ouml;he, wieder zu stehen kommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> <em class="gesperrt">Filz</em>, Schelte, Strafrede.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> <em class="gesperrt">verzwicken</em>, zweideutig ausdr&uuml;cken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> <em class="gesperrt">wagen</em>, Gefahr laufen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> <em class="gesperrt">Zeiger</em>, <em class="gesperrt">Zieger</em>, K&auml;se.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_vierte_Capitel">Das vierte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie
-gleich darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie
-vorhero den Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.</p>
-</div>
-
-
-<p>Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher
-Liebe und versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners
-und seines Eheweibs. Ich qu&auml;lte ihn oft, da&szlig; er dermalen
-eins<a id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> sein Versprechen halten und mich zur Kirchen f&uuml;hren solte;
-aber er hatte allzeit eine Ausrede, vermittelst deren er die Sach
-auf die lange Bank schieben konte. Niemalen konte ich ihn
-besser zu Chor treiben, als wann ich eine gleichsam unsinnige
-Liebe gegen ihn bezeugte und darneben meine Jungfrauschaft
-wie des Jephthae Tochter<a id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> beweinte, welchen Verlust ich doch
-nicht dreier Heller werth sch&auml;tzte. Ja ich war froh, da&szlig; mir
-solche als ein schwerer untr&auml;glicher Last entnommen war, weil
-mich nunmehr der F&uuml;rwitz verlassen. Doch brachte ich mit
-meiner liebreizenden Importunit&auml;t so viel zuwegen, da&szlig; er mir
-zu Wien ein toll<a id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Kleid machen lie&szlig;e auf die neue Mode, wie
-es damalen das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so da&szlig;
-mir nichts anders manglete als die Copulation, und da&szlig; man
-mich einmal Frau Rittmeisterin nennete, wormit er mir eine
- <span class="pagenum"><a id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-gro&szlig;e Hoffnung machte und mich willig behielte. Ich dorfte
-aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch mich vor ein
-Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben.
-Und was mich zum allermeisten verdrosse, war di&szlig;, da&szlig; er
-mich nicht mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage
-nante. Denselben Namen &auml;hmten andere nach, ohne da&szlig; sie
-dessen Ursprung wusten, sondern vermeinten, mein Herr hie&szlig;e
-mich dessentwegen also, weil ich mit einer sonderbaren Resolution
-und unvergleichlichen Courage in die aller&auml;rgste Feindsgefahren
-zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was
-schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben M&auml;gdchen, die
-ihr noch euer Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt,
-seid gewarnet und lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben,
-dann mit derselbigen gehet zugleich euere Freiheit in Duckas<a id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>
-und ihr gerathet in ein solche Marter und Sclaverei, die
-schwerer zu erdulden ist als der Tod selbsten. Ich habs erfahren
-und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der Verlust
-meines Kr&auml;nzleins th&auml;t mir zwar nicht wehe, dann ich hab
-niemal kein Schlo&szlig; darum zu kaufen begehrt; aber dieses
-gieng mir zu Herzen, da&szlig; ich mich noch deswegen foppen lassen
-und noch gute Wort darzu geben muste, wolte ich nicht in
-Sorgen leben, da&szlig; mein Rittmeister aus der Schul schwatzen
-und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen m&ouml;chte.
-Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betr&uuml;glichen Schnapphahnerei
-umgehet, sehet euch vor, da&szlig; ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit
-von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget,
-wie man ein Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier,
-nachdem er eine Dame betrogen und sich folgends an ein andere
-verheuraten wolte, wiederum zum Beischlaf gelockt, des
-Nachts aber ermordet, elend zerst&uuml;mmelt und zum Fenster hinaus
-auf die offene Stra&szlig; geworfen wurde. Ich mu&szlig; von mir
-selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand
-herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht
-stetig Hoffnung gemacht h&auml;tte, mich noch endlich ohne allen
-Zweifel zu ehelichen, da&szlig; ich ihm einmal unversehens in einer
-Occasion ein Kugel geschenkt h&auml;tte.</p>
-
-<p>Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in
-Ungarn und nahmen zum ersten Pre&szlig;burg ein, allwo wir auch
-unsere meiste Bagage und beste Sachen hinterlegeten, weil sich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-mein Rittmeister versahe, wir w&uuml;rden mit dem Bethlen Gabor
-eine Feldschlacht wagen m&uuml;ssen. Von dannen giengen wir nach
-S. Georgi<a id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>, Possing, Moder und andere Ort, welche erstlich gepl&uuml;ndert
-und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg und
-fast die ganze Insul<a id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> nahmen wir ein, und vor Neusoll<a id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> kriegten
-wir einige St&ouml;&szlig;e, allwo nicht allein mein Rittmeister t&ouml;dtlich verwundet,
-sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten
-niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, da&szlig; wir
-anfiengen zu fliehen, und nicht aufh&ouml;reten, bi&szlig; wir nach Pre&szlig;burg
-kamen. Daselbst pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem
-Flei&szlig;, aber die Wund&auml;rzte prophezeiten ihm den gewissen
-Tod, weil ihm die Lung verwundet war. Derowegen wurde
-er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, da&szlig; er
-sich mit Gott vers&ouml;hnet, dann unser Regimentscaplan war ein
-solcher eiferiger Seelensorger, da&szlig; er ihm keine Ruhe lie&szlig;, bi&szlig;
-er beichtet und communicirte. Nach solchem wurde er beides
-durch seinen Beichtvatter und sein eigen Gewissen angespornt
-und getrieben, da&szlig; er mich mit ihme im Bette copuliren lie&szlig;e,
-welches nicht seinem Leib, sondern seiner Seelen zum besten
-angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil ich ihn
-&uuml;berredet, da&szlig; ich mich von ihm schwanger bef&auml;nde. So verkehrt
-nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber,
-mit ihnen ehelich zu leben; dieser aber ehelichte mich, weil er
-wuste, da&szlig; er solte sterben. Aus diesem Verlauf musten die
-Leute nun glauben, da&szlig; ich ihn nicht als ein getreuer Diener,
-sondern als seine Matre&szlig; bedient und sein Ungl&uuml;ck beweinet
-hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu
-Pa&szlig;, welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber
-nicht lang tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er
-nach wenig Tagen mich zur Wittib machte. Und damals gieng
-mirs allerdings wie jenem Weib, die bei ihres Manns Begr&auml;bnis
-einem ihrer Befreundten, der ihr das Leid klagte<a id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, zur
-Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, f&uuml;hrt einem der
-Teufel zum ersten hin.</p>
-
-<p class="pmb3">Ich lie&szlig;e ihn seinem Stand gem&auml;&szlig; pr&auml;chtig genug begraben,
-dann er mir nicht allein sch&ouml;ne Pferd, Gewehr und Kleider,
-sondern auch ein sch&ouml;n St&uuml;ck Geld hinterlassen, und um
- <span class="pagenum"><a id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-alle diese Begebenheit lie&szlig;e ich mir von dem Geistlichen schriftlichen
-Urkund geben, der Hoffnung, dardurch von seiner Eltern
-Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte aber auf
-flei&szlig;iges Nachforschen nichts anders erfahren, als da&szlig; er zwar
-gut edel<a id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, da&szlig;
-er sich elend behelfen m&uuml;ssen, wann ihm die B&ouml;hmen keinen
-Krieg geschickt oder zugericht h&auml;tten. Ich verlore aber zu
-Pre&szlig;burg nicht allein diesen meinen Liebsten, sondern wurde
-auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor bel&auml;gert. Dieweil
-aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu Fu&szlig; aus
-M&auml;hren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an
-der Eroberung verzweifelt und die Bel&auml;gerung aufgehoben, habe
-ich mich mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden,
-Dienern und ganzer Bagage nach Wien begeben, um von
-dannen wiederum in B&ouml;hmen zu kommen, zu sehen, ob ich
-vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig finden und
-von ihr erkundigen m&ouml;chte, wer doch meine Eltern gewesen.
-Ich k&uuml;tzelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was
-ich n&auml;mlich vor Ehr und Ansehens haben w&uuml;rde, wann ich
-wieder nach Haus k&auml;me und so viel Pferd und Diener mitbr&auml;chte,
-das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und
-ehrlich gewonnen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> <em class="gesperrt">dermalen eins</em>, dermaleinst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Libuschka fa&szlig;t die Erz&auml;hlung im Buch der Richter Cap. 11 in ihrer Weise auf!</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> <em class="gesperrt">toll</em>, auffallend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> <em class="gesperrt">in Duckas gehen</em>, sprichw&ouml;rtlich wie: in die Br&uuml;che gehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> <em class="gesperrt">Georgi</em>, Szt. Gy&ouml;rgy.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> <em class="gesperrt">die Insul</em>, Sch&uuml;tt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <em class="gesperrt">Neusoll</em>, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der
-Belagerung von Neuh&auml;usel an der Neitra 1626; vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">das Leid klagte</em> (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein Beileid bezeigte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> <em class="gesperrt">gut edel</em>, von gutem Adel.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class=" break" />
-
-
-<h2 id="Das_funfte_Capitel">Das f&uuml;nfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein
-ehrbares z&uuml;chtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben gef&uuml;hret,
-wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine
-Pistolen bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen,
-willig unterwirft.</p>
-</div>
-
-
-<p>Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von
-Wien aus nach Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen
-getraute, zumalen es in den Wirthsh&auml;usern grausam theur
-zu zehren war, als verkaufte ich mein Pferde und schaffte alle
-meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und
-bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau<a id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>
-zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher
-nach Haus kommen k&ouml;nte. Dieselbe Wittib war ein rechtes
- <span class="pagenum"><a id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-Daus-Es<a id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a>, die nicht viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo
-T&ouml;chter aber waren unsers Volks und beides bei der Hofbursch<a id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>
-und den Kriegsofficiern wol bekant, welche mich auch bei denselben
-bald bekant machten, so da&szlig; dergleichen Schnapphahnen
-in K&uuml;rze die gro&szlig;e Sch&ouml;nheit der Rittmeisterin, die sich bei
-ihnen enthielte<a id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, unter einander zu r&uuml;hmen wusten. Gleich
-wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen
-und ehrbare Gravit&auml;t verliehe, zumalen meine Sch&ouml;nheit
-desto h&ouml;her herf&uuml;r leuchten machte, also hielte ich mich auch anf&auml;nglich
-gar still und eingezogen. Meine Magd muste spinnen,
-ich aber begab mich aufs N&auml;hen, Wirken und andere Frauenzimmerarbeit,
-da&szlig; es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte
-ich meine Sch&ouml;nheit auf und konte oft eine ganze Stund vorm
-Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen,
-das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen ver&auml;nderliche
-Sachen anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame
-Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung
-gewesen sein, da&szlig; ich meiner Wirthin T&ouml;chtern bald
-nach&auml;hmen w&uuml;rde; welche auch, damit solches bald geschehe,
-samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit mir zu machen
-und, mir die Zeit zu k&uuml;rzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten,
-da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern,
-wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu
-sein pflegen, sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige
-inclinirt gewesen. Sie wuste mit weitl&auml;ufigen Umschweifen
-artlich herum zu kommen, und lernete meine Magd anf&auml;nglich,
-wie sie mich recht auf die neue Mode aufsetzen<a id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> und ankleiden
-solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, wie ich meine wei&szlig;e
-Haut noch wei&szlig;er, und meine goldfarbe Haar noch gl&auml;nzender
-machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte
-sie: es w&auml;re immer schad, da&szlig; so ein edele Creatur immerhin
-in einem schwarzen Sack stecken und wie ein Turtelt&auml;ublein
-leben solte.</p>
-
-<p>Das th&auml;t mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem
-ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie
-lehnete mir auch den &raquo;Amadis&laquo;<a id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>, die Zeit darin zu vertreiben
-und Complimenten daraus zu ergreifen, und was sie sonst
- <span class="pagenum"><a id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
-erdenken konte, das zu Liebesl&uuml;sten reizen machte, das lie&szlig;e
-sie nicht unterwegen.</p>
-
-<p>Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und
-unter die Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen
-und wie ich zu solchem Titul kommen; und weil sie
-mich nicht anders zu nennen wusten, verbliebe mir der Nam
-Courage. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters
-zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab, und
-indem ich sahe, da&szlig; meiner Wirthin T&ouml;chter so guten Zuschlag
-hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise
-w&auml;sserig, welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst
-gern geg&ouml;nnt h&auml;tte. Doch dorfte<a id="FNanchor_46_46"></a><a href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> sie mir, so lang ich die
-Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen,
-weil sie sahe, da&szlig; ich die Anw&uuml;rf<a id="FNanchor_47_47"></a><a href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>, so hierauf zieleten,
-gar kaltsinnig annahm. Gleichwol unterlie&szlig;en etliche vornehme
-Leute nicht, ihr t&auml;glich meinetwegen anzuliegen und um
-ihr Haus herum zu schw&auml;rmen wie die Raubbienen um ein
-Immenfa&szlig;. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich
-in der Kirchen gesehen und sich aufs &auml;u&szlig;erste verliebt hatte.
-Dieser spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen;
-und damit es ihm anderw&auml;rts gelingen m&ouml;chte, weil ihn meine
-Wirthin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir anzubringen getraute,
-die er dessentwegen oft vergeblich ersucht, erkundigte er
-von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments,
-darunter mein Rittmeister gelebt, und als er der
-Officier Namen wuste, dem&uuml;thigt er sich, mir aufzuwarten oder
-mich pers&ouml;nlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen,
-die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er
-auch auf meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, da&szlig;
-er in der Jugend neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft
-und Vertraulichkeit mit ihm gehabt h&auml;tte, beklagte auch
-seinen fr&uuml;hezeitigen Abgang und lamentirte damit zugleich &uuml;ber
-mein Ungl&uuml;ck, da&szlig; es mich in einer solchen zarten Jugend so
-bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgend
-was seiner H&uuml;lfe bed&uuml;rftig w&auml;re, &amp;c. Mit solchen und dergleichen
-Aufz&uuml;gen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft
-mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar
-greifen konnte, da&szlig; er im Reden irrete, dann mein Rittmeister
-hatte ja das geringste nicht studiert, so lie&szlig;e ich mir doch seine
- <span class="pagenum"><a id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-Weise wolgefallen, weil seine Meinung dahin gieng, des abgangnen
-Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte
-ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und
-zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens
-und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten,
-die genugsam waren, ihme anzudeuten, da&szlig; sich seine
-Liebe vor di&szlig;mal mit einem guten Anfang gen&uuml;gen lassen, er
-selbst aber wiederum einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte.
-Den andern Tag schickte er seinen Laquaien, zu vernehmen,
-ob er mir kein Ungelegenheit machte, wann er k&auml;me mich zu
-besuchen. Ich lie&szlig;e ihm wider sagen, er machte mir zwar
-keine Ungelegenheit und ich m&ouml;chte seine Gegenwart auch wol
-leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe,
-denen alles verd&auml;chtig vork&auml;me, so b&auml;te ich, er wolle meiner
-verschonen und mich in kein b&ouml;s Geschrei bringen. Diese unh&ouml;fliche
-Antwort machte den Grafen nicht allein nicht zornig,
-sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause
-vor&uuml;ber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden,
-wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; ich wolte
-mein Waar recht theur an Mann bringen und lie&szlig;e mich nicht
-sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte
-ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid,
-darin ich mich dorfte sehen lassen. Da unterlie&szlig;e ich nichts,
-das mich ziern m&ouml;chte, und zohe damit die Augen und Herzen
-vieler gro&szlig;en Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann
-ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin kam. Ich
-hatte t&auml;glich viel Gr&uuml;&szlig;e und Botschaften von diesen und von
-jenen anzuh&ouml;ren, die alle in des Grafen Spital krank lagen<a id="FNanchor_48_48"></a><a href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>;
-aber ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, bi&szlig; ganz Wien
-nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Sch&ouml;nheit,
-sondern auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer
-seltenen Tugenden erf&uuml;llt ward. Da ich nun meine Sach so
-weit gebracht, da&szlig; man mich schier vor eine halbe Heiliginne
-hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bi&szlig;her bezwungenen Begierden
-den Zaum einmal schie&szlig;en zu lassen und die Leute in ihrer
-guten von mir gefa&szlig;ten Meinung zu betr&uuml;gen. Der Graf war
-der erste, dem ich Gunst bezeugte und widerfahren lie&szlig;e, weil
-er solche zu erlangen weder M&uuml;he noch Unkosten sparete. Er
-war zwar liebenswerth und liebte mich auch von Herzen, und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
-ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine
-Begierden zu s&auml;ttigen; aber dannoch so w&auml;re er nicht darzu
-kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein
-St&uuml;ck columbinen<a id="FNanchor_49_49"></a><a href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem
-neuen Kleid geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in
-meine Haushaltung, um da&szlig; ich mich &uuml;ber meines Manns Verlust
-desto besser tr&ouml;sten solte, verehrt h&auml;tte. Der ander nach
-ihm war eines gro&szlig;en Potentaten Ambassador, welcher mir die
-erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach diesen kamen
-auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren konten,
-dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das
-mochte entweder drau&szlig;en bleiben oder sich mit meiner Wirthin
-T&ouml;chtern behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, da&szlig;
-meine M&uuml;hle gleichsam nie leer stunde; ich malzerte<a id="FNanchor_50_50"></a><a href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> auch so
-meisterlich, da&szlig; ich inner Monatsfrist &uuml;ber 1000 Ducaten <span class="antiqua">in
-specie</span> zusammen brachte, ohne dasjenige, was mir an Kleinodien,
-Ringen, Ketten, Armb&auml;ndern, Sammet, Seiden und
-Leinengezeug (mit Str&uuml;mpfen und Handschuhen dorfte wol
-keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen
-verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend
-f&uuml;rderhin zu Nutz zu machen, weil ich wuste, da&szlig; es hei&szlig;t:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Ein jeder Tag bricht dir was ab<br /></span>
-<span class="i01">Von deiner Sch&ouml;nheit bi&szlig; ins Grab.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="pmb3">Und es m&uuml;ste mich auch noch auf diese Stund reuen,
-wann ich weniger gethan h&auml;tte. Endlich machte ichs so grob,
-da&szlig; die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeigen,
-und ich mir wol einbilden konte, die Sach w&uuml;rde so in die
-L&auml;nge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen
-auch keine Reis<a id="FNanchor_51_51"></a><a href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> ab. Meine Wirthin war mir treulich beholfen
-und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie
-lernete mich allerhand feine K&uuml;nste, die nicht nur leichtfertige
-Weiber k&ouml;nnen, sondern auch solche, damit sich theils lose
-M&auml;nner schleppen, so gar da&szlig; ich mich auch fest machen und
-einem jeden, wann ich nur wolte, seine B&uuml;chsen zubannen konte.
-Und ich glaube, wann ich l&auml;nger bei ihr blieben w&auml;re, da&szlig;
-ich auch gar hexen gelernt h&auml;tte. Demnach ich aber getreulich
-gewarnet wurde, da&szlig; die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und
-zerst&ouml;ren w&uuml;rde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens aus
-dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach
-Prag zu kommen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> <em class="gesperrt">genau</em>, sparsam.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> <em class="gesperrt">Daus-Es</em>, <em class="gesperrt">Daus-As</em>, 2 und 1 im Kartenspiel = durchtriebenes Weib.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> <em class="gesperrt">Hofbursch</em>, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> <em class="gesperrt">sich enthalten</em>, sich aufhalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> <em class="gesperrt">aufsetzen</em>, frisieren und coiffieren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> <em class="gesperrt">Amadis</em>, vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_46_46"></a><a href="#FNanchor_46_46"><span class="label">[46]</span></a> <em class="gesperrt">d&ouml;rfen</em>, wagen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_47_47"></a><a href="#FNanchor_47_47"><span class="label">[47]</span></a> <em class="gesperrt">Anwurf</em>, erster Angriff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_48_48"></a><a href="#FNanchor_48_48"><span class="label">[48]</span></a> An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso verliebt waren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_49_49"></a><a href="#FNanchor_49_49"><span class="label">[49]</span></a> <em class="gesperrt">columbinen</em>, <span class="antiqua">colombin</span>, <span class="antiqua">couleur gorge de pigeon</span>, taubenhalsfarbig</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_50_50"></a><a href="#FNanchor_50_50"><span class="label">[50]</span></a> <em class="gesperrt">malzern</em>, malzen, fig&uuml;rlich Ausbeute machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_51_51"></a><a href="#FNanchor_51_51"><span class="label">[51]</span></a> <em class="gesperrt">Reise</em>, Dienst.</p></div></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_sechste_Capitel">Das sechste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe
-und freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich gl&uuml;ckselig und
-vergn&uuml;gt lebte.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich h&auml;tte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk
-ferners zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu
-sehen und meine Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz
-zu reisen, welches ich als in einem befriedeten<a id="FNanchor_52_52"></a><a href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> Land
-sicher zu thun getraute. Aber potz Herz, da ich an einem
-Abend allbereit den Ort vor mir liegen sahe, da kamen eilf
-Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman gethan hatte,
-vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen
-Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich
-an und wanderten mit mir und meinem Calesch dem B&ouml;hmerwald
-zu, als wann sie der Teufel selbst gejagt h&auml;tte. Ich
-schrei<a id="FNanchor_53_53"></a><a href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> zwar, als wann ich an einer Folter gehangen w&auml;re,
-aber sie machten mich bald schweigen. Um Mitternacht kamen
-sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, allwo sie anfiengen
-zu f&uuml;ttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen
-pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es
-wurde ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem
-sie ihre viehische Begierden s&auml;ttigten, wurden sie von einem
-Hauptmann, der mit drei&szlig;ig Dragonern eine Convoy nach
-Pilsen verrichtet hatte, &uuml;berfallen und, weil sie durch falsche
-Feldzeichen ihren Herren verl&auml;ugnet, alle mit einander niedergemacht.
-Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht
-gepartet<a id="FNanchor_54_54"></a><a href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>, und demnach ich kaiserlichen Pa&szlig; hatte und noch nicht
-24 Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann
-vor, da&szlig; er mich und das Meinige vor keine rechtm&auml;&szlig;ige
-Beuten halten und behalten k&ouml;nte. Er muste es selbst
-bekennen, aber gleichwol, sagte er, w&auml;re ich ihm um meiner
- <span class="pagenum"><a id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-Erl&ouml;sung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, wann er
-einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr
-aus H&auml;nden zu lassen ged&auml;chte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin,
-wie mein Pa&szlig; auswiese, so seie er ein verwittibter
-Hauptmann; wann mein Will darbei w&auml;re, so w&uuml;rde die Beut
-bald getheilt sein; wo nicht, so werde er mich gleichwol mitnehmen
-und hernach erst mit einem jedwedern disputirn,
-ob die Beute rechtm&auml;&szlig;ig sei oder nicht. Hiermit lie&szlig;e er
-genugsam scheinen, da&szlig; er allbereit den Narrn an mir gefressen,
-und damit er das Wasser auf seine M&uuml;hl richtete, sagte er,
-diesen Vortheil wolte er mir lassen, da&szlig; ich erw&auml;hlen m&ouml;chte,
-ob er die Beute unter seine ganze Bursch<a id="FNanchor_55_55"></a><a href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a> theilen solte, oder
-ob ich vermittelst der Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben
-wolte, auf welchen Fall er seine bei sich habende Leute
-schon bereden wolte, da&szlig; ich mit dem Meinigen keine rechtm&auml;&szlig;ige
-Beute, sonder ihme allein durch die Verehelichung zust&auml;ndig
-worden w&auml;re. Ich antwortete, wann die Wahl bei
-mir st&uuml;nde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte
-w&auml;re, sie wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen.
-Und damit fienge ich an zu weinen, als wann mirs gr&uuml;ndlicher
-Ernst gewesen w&auml;re, nach den alten Reimen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,<br /></span>
-<span class="i01">Aber es geht ihn nicht von Herzen,<br /></span>
-<span class="i01">Sie pflegen sich nur so zu stellen;<br /></span>
-<span class="i01">Sie k&ouml;nnen weinen, wann sie w&ouml;llen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu
-geben, mich zu tr&ouml;sten, sich selbst aber st&auml;rker zu verlieben,
-sintemal mir wol bewust, da&szlig; sich die Herzen der Mannsbilder
-am allermeisten gegen dem weinenden und betr&uuml;bten Frauenzimmer
-zu &ouml;ffnen pflegen. Der Po&szlig; gienge mir auch an,
-und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit hohem
-Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem
-ausdr&uuml;cklichen Beding und Vorbehalt, da&szlig; er mich vor der
-Copulation im geringsten nicht ber&uuml;hren solte, welches er beides
-verhei&szlig;en und gehalten, bi&szlig; wir in die Mansfeldische Befestigungen
-zu Weidhausen<a id="FNanchor_56_56"></a><a href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> ankamen, welches eben damals
-dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder selbst per Accord
-&uuml;bergeben worden. Und demnach meines Serviteurs heftige
- <span class="pagenum"><a id="Seite_30">[S. 30]</a></span>
-Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen l&auml;ngern Verzug gedulden
-mochte, lie&szlig;e er sich mit mir ehelich zusammen geben,
-ehe er m&ouml;chte erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet,
-welches kein geringe Summa war. Ich war aber kaum
-einen Monat bei der Armee gewesen, als sich etliche hohe
-Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien gekant, sondern
-auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren sie
-so bescheiden<a id="FNanchor_57_57"></a><a href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>, da&szlig; sie weder meine noch ihre Ehr offentlich
-ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um,
-dar&uuml;ber ich aber gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand,
-au&szlig;er da&szlig; ich den Namen Courage wiederum gedulden muste.</p>
-
-<p>Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich
-eben so hoch &uuml;ber meine gelbe Batzen als wegen meiner Sch&ouml;nheit
-erfreute. Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich
-gerne sahe. Gleich wie ich aber solches geduldete, also gab er
-auch zu, da&szlig; ich mit Reden und Geberden gegen jederman
-desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn dann jemands vexierte,
-da&szlig; er mit der Zeit wol H&ouml;rner kriegen d&ouml;rfte, antwortet er
-auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob ihm
-gleich einer &uuml;ber sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei
-dem, was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern
-nehme Zeit, dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen.
-Er hielte mir jederzeit ein trefflich Pferd, mit sch&ouml;nem Sattel
-und Zeug montirt. Ich ritte nicht wie andere Officiersfrauen
-in einem Weibersattel, sondern auf einem Mannssattel, und
-ob ich gleich &uuml;berzwergs sa&szlig;e, so f&uuml;hrte ich doch Pistolen und
-einen t&uuml;rkischen S&auml;bel unter dem Schenkel, hatte auch jederzeit
-einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war im
-&uuml;brigen mit Hosen und einem d&uuml;nnen taffeten R&ouml;cklein dar&uuml;ber
-also versehen, da&szlig; ich all Augenblick schrittling sitzen und
-einen jungen Reuterskerl pr&auml;sentirn konte. Gab es dann eine
-Rencontra gegen dem Feinde, so war mir unm&uuml;glich, apart<a id="FNanchor_58_58"></a><a href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a>
-nicht mit zu machen. Ich sagte vielmalen, eine Dame, die
-sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren nicht wagen d&ouml;rfte,
-solte auch kein Pl&uuml;mage<a id="FNanchor_59_59"></a><a href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> wie ein Mann tragen. Und demnach
-mir es bei etlichen Bettelt&auml;nzen gl&uuml;ckte, da&szlig; ich Gefangne
-kriegte, die sich keine B&auml;rnh&auml;uter zu sein dunken, wurde ich so
-k&uuml;hn, wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner
- <span class="pagenum"><a id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
-oder, wie mans nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite
-zu h&auml;ngen und neben dem Troupen auch zweien zu begegnen,
-und solches desto hartn&auml;ckiger, weil ich und mein Pferd vermittelst
-der Kunst, die ich von vielgedachter meiner Wirthin
-erlernet, so hart war, da&szlig; mich keine Kugel &ouml;ffnen<a id="FNanchor_60_60"></a><a href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> konte.</p>
-
-<p class="pmb3">So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte
-mehr Beuten als mancher geschworner Soldat, welches auch
-Manchen und Manche verdro&szlig;; aber da fragte ich wenig nach,
-dann es gab mir Schmalz auf meine Suppen. Die Vertr&auml;ulichkeit
-meines sonst (gegen meiner Natur zu rechnen) ganz
-unverm&ouml;glichen Manns verursachte, da&szlig; ich ihm gleichwol Farb
-hielte, ob sich gleich H&ouml;here als Hauptleute bei mir anmeldeten,
-die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er lie&szlig;e
-mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto
-weniger bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen
-frech, aber auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann,
-im Feld so h&auml;uslich und zusammenhebig<a id="FNanchor_61_61"></a><a href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> als immer ein
-Weib, in Beobachtung der Pferde besser als ein guter Stallmeister,
-und in den Quartieren von solcher Prosperit&auml;t, da&szlig;
-mich mein Hauptmann nicht besser h&auml;tte w&uuml;nschen m&ouml;gen.
-Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er
-gerne, da&szlig; ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf
-hinaus fuhr, weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte,
-da&szlig; wir einen guten Particul darvon in eine vornehme Stadt
-zu verwahren geben musten. Und also lebte ich trefflich gl&uuml;ckselig
-und vergn&uuml;gt, h&auml;tte mir auch meine Tage keinen anderen
-Handel gew&uuml;nscht, wann nur mein Mann etwas besser beritten
-gewest w&auml;re. Aber das Gl&uuml;ck oder mein Fatum lie&szlig;e mich
-nicht lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann
-bei Wi&szlig;lach todt geschossen wurde, sihe, so ward ich
-wiederum in einer kurzen Zeit zu einer Wittib.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_52_52"></a><a href="#FNanchor_52_52"><span class="label">[52]</span></a> <em class="gesperrt">befriedet</em>, wo Frieden ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_53_53"></a><a href="#FNanchor_53_53"><span class="label">[53]</span></a> <em class="gesperrt">schrei</em>, schrie (mhd. <span class="antiqua">schrei</span>, <span class="antiqua">part.</span> von
-<span class="antiqua">schrien</span>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_54_54"></a><a href="#FNanchor_54_54"><span class="label">[54]</span></a> <em class="gesperrt">gepartet</em>, getheilt (von der Beute).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_55_55"></a><a href="#FNanchor_55_55"><span class="label">[55]</span></a> <em class="gesperrt">Bursch</em>, Gesellschaft, Haufen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_56_56"></a><a href="#FNanchor_56_56"><span class="label">[56]</span></a> <em class="gesperrt">Weidhausen</em>. Vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_57_57"></a><a href="#FNanchor_57_57"><span class="label">[57]</span></a> <em class="gesperrt">bescheiden</em>, verst&auml;ndig, discret.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_58_58"></a><a href="#FNanchor_58_58"><span class="label">[58]</span></a> <em class="gesperrt">apart</em>, abgesondert, allein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_59_59"></a><a href="#FNanchor_59_59"><span class="label">[59]</span></a> <em class="gesperrt">Pl&uuml;mage</em>, Federbusch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_60_60"></a><a href="#FNanchor_60_60"><span class="label">[60]</span></a> <em class="gesperrt">&ouml;ffnen</em>, in etwas eindringen, verwunden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_61_61"></a><a href="#FNanchor_61_61"><span class="label">[61]</span></a> <em class="gesperrt">zusammenhebig</em>, haush&auml;lterisch, wirtschaftlich.</p></div>
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_siebente_Capitel">Das siebente Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptm&auml;nnin
-eine Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero,
-schl&auml;gt sich mit ihrem Leutenant um die Hosen mit Pr&uuml;geln und
-gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution und Courage; darauf
-sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen l&auml;&szlig;t.</p>
-</div>
-
-
-<p>Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich
-schon wiederum ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter,
-welchen ich aus ihnen nehmen wolte, dann ich war nicht allein
-sch&ouml;n und jung, sondern hatte auch sch&ouml;ne Pferd und ziemlich
-viel alt Geld, und ob ich mich gleich vernehmen lie&szlig;e, da&szlig; ich
-meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb Jahr trauren
-wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die um
-mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat,
-herum schw&auml;rmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir
-bei dem Regiment Unterhalt und Quartier, bi&szlig; ich mein
-Gelegenheit anders anstellte; hingegen lie&szlig;e ich zween von
-meinen Knechten Herrendienste versehen, und wann es Gelegenheit
-gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind etwas zu
-erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als
-ein Soldat, allerma&szlig;en ich in dem anmuthigen und fast lustigen
-Treffen bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit
-Heilbrunn einen Cornet samt seiner Standart gefangen
-bekommen. Meine beide Knechte aber haben bei Pl&uuml;nderung
-der W&auml;gen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht, welche
-sie unserem Accord gem&auml;&szlig; mit mir theilen musten. Nach
-dieser Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach
-ich bei meinem vorigen Mann mehr gute T&auml;ge als gute
-N&auml;chte gehabt, zumalen wider meinen Willen seit seinem Tod
-gefastet, sihe, so gedachte ich, durch meine Wahl alle solche
-Versaumnus wieder einzubringen, und versprach mich einem
-Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler
-beides an Sch&ouml;nheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit &uuml;bertraf.
-Dieser war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz
-von Haaren, aber wei&szlig; von Haut und in meinen Augen so
-sch&ouml;n, da&szlig; ihn kein Maler h&auml;tte sch&ouml;ner malen k&ouml;nnen. Er
-bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, bi&szlig; er mich erl&ouml;ffelt,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich so Freuden
-voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein
-beseligt h&auml;tte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten
-die Ehre, da&szlig; der Obriste selbst neben den meisten hohen
-Officiern des Regiments bei der Hochzeit erschienen, die uns
-alle vergeblich viel Gl&uuml;ck in eine langw&uuml;rige Ehe w&uuml;nschten.</p>
-
-<p>Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der
-Sonnen beisammen lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand
-liebreichem und freundlichem Gespr&auml;ch unterhielten, ich
-auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte mein Leutenant seinem
-Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, da&szlig; er zween
-starke Pr&uuml;gel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und ich
-bildete mir ein, der arme Schelm w&uuml;rde dieselbe am allerersten
-versuchen m&uuml;ssen, unterlie&szlig;e derowegen nicht, vor den Jungen
-zu bitten, bi&szlig; er beide Pr&uuml;gel brachte und auf empfangenen
-Befelch auf den Tisch zum Nachtzeug legte. Als nun der
-Jung wieder hinweg war, sagte mein Hochzeiter zu mir: &raquo;Ja,
-Liebste, ihr wi&szlig;t, da&szlig; jederman davor gehalten und geglaubt,
-ihr h&auml;ttet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen getragen,
-welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht
-geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann
-nicht unbillich zu besorgen habe, ihr m&ouml;chtet in solcher Gewohnheit
-verharren und auch die meinige tragen wollen, welches
-mir aber zu leiden unm&uuml;glich oder doch sonst schwer fallen
-w&uuml;rde, sehet, so liegen sie dorten auf dem Tische und jene
-zween Pr&uuml;gel zu dem Ende darbei, damit wir beide uns,
-wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und behaupten
-woltet, zuvor darum schlagen k&ouml;nten; sintemal mein
-Schatz selbst erachten kan, da&szlig; es besser gethan ist, sie fallen
-gleich jetzt im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als
-wann wir hernach in stehender Ehe t&auml;glich darum kriegen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich antwortete: &raquo;Mein Liebster!&laquo; &mdash; und damit gab ich
-ihm gar einen herzlichen Ku&szlig; &mdash; &raquo;ich h&auml;tte vermeint gehabt,
-diejenige Schlacht, so wir einander vor di&szlig;mal zu liefern, seie
-allbereit gehalten. So hab ich auch niemalen in Sinn genommen,
-euere Hosen zu pr&auml;tendirn; sondern, gleich wie ich
-wol wei&szlig;, da&szlig; das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber
-wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft,
-meinem Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er
-werde derowegen sich meines Herkommens erinnern und mich
-nicht, als wann ich von seinen Fu&szlig;sohlen genommen worden
- <span class="pagenum"><a id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-w&auml;re, vor sein Fu&szlig;tuch, sondern vor sein Ehegemahl halten,
-vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterst&uuml;nde, ihme auf
-den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten beh&uuml;lfe, mit
-dem&uuml;thiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ha ha&laquo;, sagte er, &raquo;das sein die rechte Weibergriffe, die
-Herrschaft zu sich zu rei&szlig;en, ehe mans gewahr wird. Aber
-es mu&szlig; zuvor darum gefochten sein, damit ich wisse, wer dem
-anderen k&uuml;nftig zu gehorsamen schuldig.&laquo;</p>
-
-<p>Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer
-Narr. Ich aber sprang aus dem Bette und legte mein
-Hemd und Schlafhosen an, erwischte den k&uuml;rzsten, aber doch
-den st&auml;rksten Pr&uuml;gel und sagte: &raquo;Weil ihr mir je zu fechten
-befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit, an die
-ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, &uuml;ber den Ueberwundenen
-zusprecht, so w&auml;re ich wol n&auml;rrisch, wann ich eine
-Gelegenheit aus H&auml;nden lie&szlig;e, etwas zu erhalten, daran ich
-sonst nicht gedenken d&ouml;rfte.&laquo;</p>
-
-<p>Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner
-wartete und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den
-andern Pr&uuml;gel und gedachte mich beim Kopf zu fassen, um
-mir alsdann den Buckel fein mit guter Mu&szlig;e abzuraumen.
-Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er sichs versahe,
-hatte er eins am Kopf, davon er hinaus d&uuml;rmelte<a id="FNanchor_62_62"></a><a href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>, wie
-ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween
-Stecken zusammen, sie zur Th&uuml;r hinaus zu werfen, und da ich
-solche &ouml;ffnete, stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel
-zugeh&ouml;ret und zum Theil durch einen Spalt zugesehen hatten.
-Diese lie&szlig;e ich lachen, so lang sie mochten, schlug die Th&uuml;r vor
-ihnen wieder zu, warf meinen Rock um mich und brachte meinen
-Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen, mit Wasser
-aus einem Lavor<a id="FNanchor_63_63"></a><a href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> wieder zu sich selbst. Und da ich ihn zum
-Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, lie&szlig;e ich
-die Officier vor der Th&uuml;r auch zu uns ins Zimmer kommen.</p>
-
-<p class="pmb3">Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich
-selbst erachten. Ich merkte wol, da&szlig; mein Hochzeiter diese
-Officier veranla&szlig;t, da&szlig; sie sich um diese Zeit vorn Zimmer
-einstellen und seiner Thorheit Zeugen sein solten; dann als
-sie den Hegel<a id="FNanchor_64_64"></a><a href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> gefoppet, er w&uuml;rde mir die Hosen lassen m&uuml;ssen,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-hatte er sich gegen ihnen ger&uuml;hmt, da&szlig; er einen sonderbaren
-Vortheil<a id="FNanchor_65_65"></a><a href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> wisse, welchen er den ersten Morgen ins Werk setzen
-und mich dardurch so geschmeidig machen wolte, da&szlig; ich zittern
-w&uuml;rde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute Mensch
-h&auml;tte es gegen einer anderen als der Courage probirn m&ouml;gen;
-gegen mir hat er so viel ausgerichtet, da&szlig; er jedermans Gesp&ouml;tt
-worden, und ich h&auml;tte nicht mit ihm gehauset, wann
-mirs nicht von H&ouml;heren befohlen und auferlegt worden w&auml;re.
-Wie wir aber miteinander gelebet, kan sich jeder leicht einbilden,
-n&auml;mlich wie Hund und Katzen. Als er sich nun anderer
-Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gesp&ouml;tt der
-Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle
-meine Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten
-Pferden und einem Knecht zum Gegentheil<a id="FNanchor_66_66"></a><a href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a></p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_62_62"></a><a href="#FNanchor_62_62"><span class="label">[62]</span></a> <em class="gesperrt">d&uuml;rmeln</em>, t&uuml;rmeln, taumeln.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_63_63"></a><a href="#FNanchor_63_63"><span class="label">[63]</span></a> <em class="gesperrt">Lavor</em>, <span class="antiqua">lavoir</span>, Waschbecken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_64_64"></a><a href="#FNanchor_64_64"><span class="label">[64]</span></a> <em class="gesperrt">Hegel</em>, Hag, Zuchtstier.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_65_65"></a><a href="#FNanchor_65_65"><span class="label">[65]</span></a> <em class="gesperrt">Vortheil</em>, List.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_66_66"></a><a href="#FNanchor_66_66"><span class="label">[66]</span></a> <em class="gesperrt">Gegentheil</em>, Gegenpartei, Feind.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_achte_Capitel">Das achte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage h&auml;lt sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem
-Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erf&auml;hrt,
-da&szlig; ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen
-und gehenket worden.</p>
-</div>
-
-
-<p>Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand
-viel elender ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche
-argwohneten, ich w&uuml;rde ihm folgen und wir h&auml;tten unsere
-Flucht also mit einander angelegt. Da ich aber den Obristen
-um Rath und Befelch fragte, wie ich mich verhalten solte,
-sagte er, ich m&ouml;chte bei dem Regiment verbleiben, so wolte er
-mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie andere Witweiber
-verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman den gedachten
-Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen,
-weil mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd
-fort waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut
-gemacht; doch lie&szlig;e ich meine Armuth nicht merken, damit mir
-keine Verachtung zuw&uuml;chse. Meine beide Knechte, die Herrndienste
-versahen, hatte ich noch samt einem Jungen und noch
- <span class="pagenum"><a id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-etlichen Schindm&auml;ren oder Bagagepferden; davon und von meiner
-M&auml;nnerbagage versilberte ich, was Geld galte, und machte
-mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib
-auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich
-nicht meines gleichen. Ich w&uuml;nschte mir oft wieder eine Battalia
-wie vor Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit
-erwarten, weil man mir zu Gefallen doch keine Schlacht gehalten,
-wann ichs gleich begehrt h&auml;tte. Damit ich aber gleichwol
-auch wiederum zu Geld kommen m&ouml;chte, dessen es auf
-dem Fouragieren selten setzte, lie&szlig;e ich, beides um solches zu
-verdienen und meinen Ausrei&szlig;er um seine Untreu zu bezahlen,
-mich von denen treffen, die spendierten; und also brachte ich
-mich durch und dingte mir noch einen starken Jungen zum
-Knecht, der mir muste helfen stehlen, wann die andere beide
-musten wachen. Das trieb ich so fort, bi&szlig; wir den Braunschweiger
-&uuml;ber den Mayn jagten und viel der Seinigen darin
-ers&auml;uften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte
-und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, da&szlig; er
-solche Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt h&auml;tte; dann
-ich nahme in der Caracole<a id="FNanchor_67_67"></a><a href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> einen Major vom Gegentheil vor
-seinem Troupen hinweg, als er die Charge redoupliren wolte;
-und als ihn einer von den Seinigen zu erretten gedachte und
-mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf losbrennete, da&szlig;
-mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn dergestalt
-mit meinem S&auml;bel, da&szlig; er noch etliche Schritte ohne Kopf
-mit mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen
-war. Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und
-in die Flucht gewendet worden, mir auch der Major einen
-ziemlichen Stumpen Goldsorten samt einer g&uuml;ldenen Ketten
-und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben hatte, lie&szlig;e ich
-meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und lieferte
-ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die
-zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erb&auml;rmlichs
-Ersaufen und auf dem Land an ein grausams Niedermachen
-gieng; und alldieweil noch ein jeder bei seinem Troupen
-bleiben muste, so viel immer m&ouml;glich, packte ich eine Gutsche
-mit sechs sch&ouml;nen Br&auml;unen an, auf welcher weder Geld noch
-lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren Kleidern
-und wei&szlig;em Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines
- <span class="pagenum"><a id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-Knechts oder Jungen H&uuml;lf dahin, wo ich den Major gelassen
-hatte, welcher sich schier zu Tod kr&auml;nkte, da&szlig; er von einem
-solchen jungen Weib gefangen worden. Da er aber sahe, da&szlig;
-so wol in meinen Hosens&auml;cken als in den Halftern Pistolen
-staken, die ich samt meinem Carbiner dort wieder lude und fertig
-machte, auch h&ouml;rete, was ich hiebevor bei Wimpfen ausgerichtet,
-gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte, der Teufel
-m&ouml;chte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben!</p>
-
-<p>Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als
-mich und mein Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten
-zu erschnappen, fande aber den Obristleutenant von unserem
-Regiment dort unter seinem Pferde liegen, der mich kante und
-um H&uuml;lf anschriee. Ich packte ihn auf meines Jungen Pferd
-und f&uuml;hrte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte Gutsche,
-alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste.
-Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol
-von meinen Neidern als meinen G&ouml;nnern gelobt wurde. Beide
-Theil sagten, ich w&auml;re der Teufel selber; und eben damals
-war mein h&ouml;chster Wunsch, da&szlig; ich nur kein Weibsbild w&auml;re.
-Aber was wars drum? Es war null und verh&uuml;mpelt<a id="FNanchor_68_68"></a><a href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>. Ich
-gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen auszugeben, ob
-ich vielleicht dardurch erlangen m&ouml;chte, offentlich Hosen zu tragen
-und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte ich aber
-durch meine unm&auml;&szlig;ige Begierden so viel Kerl empfinden lassen,
-wer ich w&auml;re, da&szlig; ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen,
-was ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen w&uuml;rden sonst ein
-anders von mir gesagt und verursacht haben, da&szlig; es dahin
-kommen w&auml;re, da&szlig; mich beides Medici und Hebammen beschauen
-m&uuml;sten. Behalfe mich derowegen, wie ich konte, und
-wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es w&auml;ren
-wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die M&auml;nner
-gegen ihren Feinden gefochten h&auml;tten. Damit ich nun des
-Obristen Gnad erhalten und von ihme wider meine Mi&szlig;g&ouml;nstige
-besch&uuml;tzt werden m&ouml;chte, pr&auml;sentirte ich ihm neben dem Gefangnen
-auch meine Gutsche mit samt den Pferden, darvor er mir
-200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem, was
-ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte,
-abermal in einer namhaften Stadt verwahrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal
-noch belagert hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten,
-sihe, da schlugen Corduba und der von Anhalt abermal
-den Braunschweiger und Mannsfelder bei Floreack, in welchem
-Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant gefangen, von
-den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberl&auml;ufer
-mit seinem allerbesten Hals an einen Baum gekn&uuml;pft worden,
-wordurch ich zwar wieder von meinem Mann erl&ouml;st und zu
-einer Wittib ward. Ich bekam aber so ein Haufen Feinde,
-die da sagten, die Strahlhex<a id="FNanchor_69_69"></a><a href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> hat den armen Teufel ums Leben
-gebracht, da&szlig; ich ihm das Leben gern l&auml;nger g&ouml;nnen und mich
-noch ein Weil mit ihm gedulden m&ouml;gen, bi&szlig; er gleichwol
-anderw&auml;rts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen,
-wann es nur h&auml;tte sein k&ouml;nnen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_67_67"></a><a href="#FNanchor_67_67"><span class="label">[67]</span></a> <em class="gesperrt">Caracole</em>, Schwenkung einer Schwadron auf die linke oder rechte Seite.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_68_68"></a><a href="#FNanchor_68_68"><span class="label">[68]</span></a> <em class="gesperrt">verh&uuml;mpelt</em>, verpfuscht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_69_69"></a><a href="#FNanchor_69_69"><span class="label">[69]</span></a> <em class="gesperrt">Strahlhexe</em>, wie Blitzhexe, Wetterhexe.</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_neunte_Capitel">Das neunte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten
-will und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.</p>
-</div>
-
-
-<p>Also kam es nach und nach dahin, da&szlig; ich mich je l&auml;nger
-je mehr leiden<a id="FNanchor_70_70"></a><a href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> muste. Meine Knechte wurden mir verf&uuml;hrt,
-weil zu ihnen gesagt wurde: &raquo;Pfui Teufel, wie m&ouml;cht ihr Kerl
-einer solchen Vettel dienen!&laquo;</p>
-
-<p>Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein
-jeder sagte: &raquo;Nim du sie! Ich begehr ihrer nicht.&laquo;</p>
-
-<p>Was ehrlich gesinnet war, sch&uuml;ttelt den Kopf &uuml;ber mich,
-und also th&auml;ten auch beinahe alle Officier; was aber geringe
-Leut und schlechte Potentaten waren, die dorften sich nicht
-bei mir anmelden, so h&auml;tte ich ohnedas auch keinen aus denselbigen
-angesehen. Ich empfande zwar nicht am Hals, wie
-mein Mann, was unser n&auml;rrisch Fechten ausgerichtet; aber
-doch hatte ich l&auml;nger daran als er am Henken zu verdauen.
-Ich w&auml;re gerne in eine andere Haut geschloffen<a id="FNanchor_71_71"></a><a href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>, aber beides
-die Gewohnheit und meine t&auml;gliche Gesellschaften wolten mir
-keine Besserung zulassen, wie dann die allermeiste Leute in
-Krieg viel eher &auml;rger als fr&ouml;mmer zu werden pflegen. Ich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
-putzte mich wieder und richtete dem einen und andern allerhand
-Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen anseilen
-und ins Garn bringen m&ouml;chte; aber es half nichts; ich war
-schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage
-schon allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei
-den Regimentern vor&uuml;ber ritte, wurde mir meine Ehre durch
-viel tausend Stimmen offentlich ausgerufen, also da&szlig; ich mich
-schier wie ein Nachteule bei Tage nicht mehr dorfte sehen lassen.
-Im Marschieren &auml;u&szlig;erten<a id="FNanchor_72_72"></a><a href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> mich ehrliche Weiber; das Lumpengesindel
-beim Tro&szlig; schuhriegelte<a id="FNanchor_73_73"></a><a href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> mich sonst; und was etwan
-vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern gesch&uuml;tzt
-h&auml;tten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir
-aber durch ihr sch&auml;ndlichs Geschrei mit der allersch&auml;rfsten Laugen
-aufgegossen ward, also da&szlig; ich wol sahe, da&szlig; meine Sach
-so in die L&auml;nge kein Gut mehr thun werde. Etliche Officier
-hatte ich noch zu Freunden, die aber nicht meinen, sondern
-ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre Woll&uuml;ste, theils
-mein Geld, andere meine sch&ouml;ne Pferd. Sie alle aber machten
-mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner,
-der mich zu heurathen begehrte, entweder da&szlig; sie sich meiner
-sch&auml;mten, oder da&szlig; sie mir eine ungl&uuml;ckliche Eigenschaft zuschrieben,
-die alle meinen M&auml;nnern sch&auml;dlich w&auml;re, oder aber da&szlig;
-sie sich sonst, ich wei&szlig; nicht warum, vor mir f&ouml;rchteten.</p>
-
-<p>Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur di&szlig;
-Regiment, sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu
-quittirn, und konte es auch um so viel desto leichter ins
-Werk setzen, weil die hohe Officier meiner vorl&auml;ngst gern los
-gewesen w&auml;ren. Ja ich kan mich auch nicht &uuml;berreden lassen,
-zu glauben, da&szlig; sich unter andern ehrlichen Leuten viel gefunden
-haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es seien
-dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den
-mittelm&auml;&szlig;igen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein
-paar Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm
-nicht gern, da&szlig; seine sch&ouml;ne Gutsche durch die Courage vom
-Feind erobert und ihm verehrt worden sein solte. Da&szlig; ich
-den verwundeten Obristleutenant aus der Battalia und Todsgefahr
-errettet und zu den Unserigen gef&uuml;hrt, darvon schriebe
-er ihm so wenig Ehr zu, da&szlig; er mir meiner M&uuml;he nicht
-allein mit &raquo;Potz-Velten&laquo; dankte, sondern auch, wann er mich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-sahe, mit griesgramenden Minen err&ouml;thet und mir, wie leicht
-zu gedenken, lauter Gl&uuml;ck und Heil an den Hals w&uuml;nschte.
-Das Frauenzimmer oder die Officiersweiber hasseten mich, weil
-ich weit sch&ouml;ner war als eine unter dem ganzen Regiment,
-zumalen theils ihren M&auml;nnern auch besser gefiele, und beides
-hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um da&szlig; ich trutz
-einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen
-und ins Werk zu setzen, das die gr&ouml;ste Tapferkeit und verwegneste
-Hazarde erfordert, und dar&uuml;ber sonst manchen das
-Kalte Wehe<a id="FNanchor_74_74"></a><a href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> angesto&szlig;en h&auml;tte.</p>
-
-<p>Gleich wie ich nun leicht merkte, da&szlig; ich viel mehr Feinde
-als Freunde hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es
-w&uuml;rde ein jedwedere von meiner widerw&auml;rtigen Gattung gar
-nicht unterlassen, mir auf ihre sonderbare<a id="FNanchor_75_75"></a><a href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Manier eins anzumachen,
-wann sich nur die Gelegenheit darzu ereignet.</p>
-
-<p>O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen
-unterschiedlichen Feinden entgehen k&ouml;nnen, von denen vielleicht
-ein jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du
-sonst nichts h&auml;ttest als deine sch&ouml;ne Pferde, deine sch&ouml;ne Kleider,
-dein sch&ouml;nes Gewehr und den Glauben, da&szlig; du viel Geld
-bei dir habest, so w&auml;ren es Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen,
-dich heimlich hinzurichten.<a id="FNanchor_76_76"></a><a href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Wie, wann dich dergleichen
-Kerl ermordeten oder in einer Occasion niedermachten, was
-w&uuml;rde wol f&uuml;r ein Hahn darnach kr&auml;hen? Wer w&uuml;rde deinen
-Tod r&auml;chen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten
-trauen d&ouml;rfen?</p>
-
-<p>Mit dergleichen Sorgen qu&auml;lte ich mich selbst und fragte
-mich auch selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte,
-ders treulich mit mir meinete. Und eben deswegen muste ich
-mir auch selbst folgen.</p>
-
-<p>Demnach sprach ich den Obristen um einen Pa&szlig; an in
-die n&auml;chste Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und
-wolgelegen war, mich von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den
-erlangte ich nicht allein ohne gro&szlig;e M&uuml;he, sondern noch an
-Statt eines Abschieds einen Urkund, da&szlig; ich einem Hauptmann
-vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich
-keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als
-ich solchen vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem
- <span class="pagenum"><a id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-Regiment aufgehalten und in solcher w&auml;hrenden Zeit also wol,
-fromm und ehrlich gehalten, wie einer rechtschaffnen ehr- und
-tugendliebenden Damen geb&uuml;hre und wolanst&auml;ndig seie, mich
-derowegen jederm&auml;nniglichen um solchen meines untadelhaften
-tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. Und
-solche fette L&uuml;gen wurden mit eigenh&auml;ndiger Subscription und
-beigedrucktem Sigill in bester Form bekr&auml;ftigt. Solches lasse
-sich aber niemand wundern, dann je schlimmer sich einer h&auml;lt,
-und je lieber man eines gerne los w&auml;re, je trefflicher wird
-der Abschied sein, den man einem solchen mit auf den Weg
-gibt, sonderlich wann derselbe zugleich sein Lohn sein mu&szlig;.
-Einen Knecht und ein Pferd lie&szlig;e ich dem Obristen unter
-seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war,
-um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte
-ich einen Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs sch&ouml;ne Pferd,
-darunter das eine 100 Ducaten werth gewesen, samt einem
-wolgespickten Wagen darvon, und kan ich bei meinem gro&szlig;en
-Gewissen (etliche nennen es ein weites Gewissen) nicht sagen,
-mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert und zuwegen
-gebracht habe.</p>
-
-<p class="pmb3">Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in
-Sicherheit gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab
-sonst alles hinweg, was Geld golte und ich nicht gar n&ouml;thig
-brauchte. Mein Gesind schaffte ich auch mit einander ab, einen
-geringen Kosten zu haben. Gleich wie mirs aber zu Wien
-war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte abermal des
-Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen
-meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben h&auml;tte; dann
-meine alte oder vielmehr die junge Kunden von der Armee
-ritten mir zu Gefallen in die Stadt und fragten mir mit
-solchem Namen nach, welchen auch die Kinder auf der Gassen
-ehender als das Vatterunser lerneten, und eben darum wiese
-ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese den
-Stadtleuten erz&auml;hlten, was ich vor ein Daus-Es w&auml;re, so erwiese
-ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und
-Siegel und beredet sie, die Officier geben keiner andern Ursachen
-halber solche lose St&uuml;ck von mir aus, als weil ich nicht beschaffen
-sein wolte, wie sie mich gerne h&auml;tten. Und dergestalt
-bisse ich mich zimlich heraus und brachte vermittelst meiner
-guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, da&szlig; mich die Stadt, bi&szlig;
-ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein gerings
- <span class="pagenum"><a id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
-Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider
-meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen
-hielte und meiner Sch&ouml;nheit, die je l&auml;nger je mehr zunahm,
-aufs beste pflegte, der Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen
-wackern Mann zu bekommen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_70_70"></a><a href="#FNanchor_70_70"><span class="label">[70]</span></a> <em class="gesperrt">sich leiden</em>, Verdru&szlig; und
-Aerger haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_71_71"></a><a href="#FNanchor_71_71"><span class="label">[71]</span></a> <em class="gesperrt">geschloffen</em>, <span class="antiqua">part. praet.</span> zu <em class="gesperrt">schliefen</em>, schl&uuml;pfen, kriechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_72_72"></a><a href="#FNanchor_72_72"><span class="label">[72]</span></a> <em class="gesperrt">&auml;u&szlig;ern</em>, <span class="antiqua">trans.</span> meiden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_73_73"></a><a href="#FNanchor_73_73"><span class="label">[73]</span></a> <em class="gesperrt">schuhriegeln</em>, Verdru&szlig; bereiten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_74_74"></a><a href="#FNanchor_74_74"><span class="label">[74]</span></a> <em class="gesperrt">das Kalte Wehe</em>, auch blo&szlig; das &raquo;Kalte&laquo;, das kalte Fieber.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_75_75"></a><a href="#FNanchor_75_75"><span class="label">[75]</span></a> <em class="gesperrt">sonderbare</em>, besondere, eigenth&uuml;mliche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_76_76"></a><a href="#FNanchor_76_76"><span class="label">[76]</span></a> <em class="gesperrt">hinrichten</em>, t&ouml;dten, in diesem Sinne
-immer in Grimmelshausen's Schriften.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_zehnte_Capitel">Das zehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage erf&auml;hrt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder
-einen andern Mann.</p>
-</div>
-
-
-<p>Aber ich h&auml;tte lang harren m&uuml;ssen, bi&szlig; mir etwas Rechts
-angebissen, dann die gute Geschlechter<a id="FNanchor_77_77"></a><a href="#Footnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> verblieben bei ihres
-gleichen, und was sonst reich war, konte auch sonst reiche und
-sch&ouml;ne und vornehmlich (welches man damals noch in etwas
-beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Weibern haben, also
-da&szlig; sie nicht bedorften, sich an eine verlassene Soldatenhur zu
-henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot gemacht
-oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein
-Geld, ich wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut
-waren mir ohnedas zu schlecht. Und damit blieb ich ein ganz
-Jahr sitzen, welches mir l&auml;nger zu gedulden gar schwer und
-ganz wider die Natur war, sintemal ich von der guten Sache,
-die ich genosse, ganz k&uuml;tzelig wurde; dann ich brauchte mein
-Geld, so ich hie und dort in den gro&szlig;en St&auml;dten hatte, den
-Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschie&szlig;en<a id="FNanchor_78_78"></a><a href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a>, daraus ich so
-ein ehrlich Gewinnchen erhielte, da&szlig; ich ziemliche gute Tag
-davon haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren
-dorfte. Weilen es mir dann an einem andern Ort mangelte
-und meine schwache Beine diese gute Sache nicht mehr ertragen
-konten oder wolten, machte ich mein Geld per Wechsel
-auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren hernach und
-suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob mir
-vielleicht alldorten ein besser Gl&uuml;ck anstehen m&ouml;chte. Dieselbe
-fande ich gar arm, weder<a id="FNanchor_79_79"></a><a href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> ich sie verlassen, dann der Krieg
-hatte sie nit allein sehr verderbt<a id="FNanchor_80_80"></a><a href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a>, sondern sie hatte auch allbereit
-vor dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-Sie freuete sich meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie
-sahe, da&szlig; ich nicht mit leerer Hand angestochen kam; ihr erstes
-Willkommenhei&szlig;en aber war doch lauter Weinen; und indem
-sie mich k&uuml;&szlig;te, nennete sie mich zugleich ein ungl&uuml;ckseliges
-Fr&auml;ulin, welches seinem Herkommen gem&auml;&szlig; schwerlich w&uuml;rde
-sein Leben und Stand f&uuml;hren m&ouml;gen, mit fernerem Anhang,
-da&szlig; sie mir f&uuml;rderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu
-rathen und vorzustehen wisse, weil meine beste Freund und
-Verwandten entweder verjagt oder gar todt w&auml;ren.</p>
-
-<p>Und &uuml;berdas sagte sie, w&uuml;rde ich mich schwerlich vor
-den Kaiserlichen d&ouml;rfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung
-wissen wolten.</p>
-
-<p>Und damit heulete sie immer fort, also da&szlig; ich mich in
-ihre Rede nicht richten, noch begreifen konte, ob es gehauen
-oder gestochen, gebrant oder gebohrt w&auml;re. Da ich sie aber
-mit Essen und Trinken, dann die gute Tr&ouml;pfin muste den
-j&auml;mmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier beherbergen,
-wiederum gelabt und also zurecht gebracht, da&szlig; sie schier ein
-Tummel<a id="FNanchor_81_81"></a><a href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> hatte, erz&auml;hlte sie mir mein Herkommen gar offenherzig
-und sagte, da&szlig; mein nat&uuml;rlicher Vatter ein Graf und
-vor wenig Jahren der gewaltigste Herr im ganzen K&ouml;nigreich
-gewesen, nunmehr aber wegen seiner Rebellion wider den Kaiser
-des Lands vertrieben worden<a id="FNanchor_82_82"></a><a href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> und, wie die Zeitungen mitgebracht,
-jetzunder an der t&uuml;rkischen Porten sei, alda er auch so
-gar sein christliche Religion in die t&uuml;rkische ver&auml;ndert haben
-solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von ehrlichem Geschlecht
-geboren, aber eben so arm als sch&ouml;n gewesen. Sie
-h&auml;tte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer
-aufgehalten, und indem sie der Gr&auml;fin aufgewartet,
-w&auml;re der Graf selbst ihr Leibeigener worden, und h&auml;tte solche
-Dienste getrieben, bi&szlig; er sie auf einen adelichen Sitz verschafft,
-da sie mit mir niederkommen; und weilen eben damals sie,
-meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn entw&ouml;hnet, den sie
-mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, h&auml;tte sie meine
-S&auml;ugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich
-auferziehen m&uuml;ssen, worzu dann beides Vatter und Mutter
-genugsame Mittel und Unterhaltung hergeben.</p>
-
-<p>&raquo;Ihr seid zwar, liebes Fr&auml;ulin&laquo;, sagte sie ferner, &raquo;einem
-tapferen Edelmann von euerem Vatter versprochen worden,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-derselbe ist aber bei Eroberung von Pilsen gefangen und als ein
-Meineidiger neben andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt
-worden.&laquo;</p>
-
-<p>Also erfuhr ich, was ich vorl&auml;ngst zu wissen gew&uuml;nscht,
-und w&uuml;nschte doch nunmehr, da&szlig; ichs niemal erfahren h&auml;tte;
-sintemal ich so schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu
-hoffen. Und weil ich keinen andern und bessern Rath wuste,
-so machte ich einen Accord mit meiner S&auml;ugamm, da&szlig; sie
-hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter sein solte. Sie
-war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch auf ihren
-Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, da&szlig;
-wir den Bekanten aus den Augen k&auml;men, sondern zu sehen,
-ob uns vielleicht alldorten ein anders Gl&uuml;ck anscheinen m&ouml;chte.
-Im &uuml;brigen so waren wir recht vor einander, nicht da&szlig; sie
-h&auml;tte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine Ern&auml;hrerin,
-ich aber eine getreue Person bedorfte, gleich wie
-diese eine gewesen, deren ich beides Ehr und Gut vertrauen
-konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichsthaler
-baar Geld beieinander und dannenhero damals keine
-Ursach, durch sch&auml;ndlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen.
-Meine neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron,
-hielte sie selbst in gro&szlig;en Ehren und erzeigte ihr vor den
-Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns vor Leute aus, die
-auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden
-w&auml;ren, suchten unseren Gewinn mit N&auml;hen, auch Gold-, Silber- und
-Seidensticken, und hielten uns im &uuml;brigen gar still und
-eingezogen, meine Batzen genau zusammen haltend, weil man
-solche zu verthun pflegt, ehe mans vermeint, und deren keine
-andere kan gewinnen, wann man gern wolte.</p>
-
-<p>Nun, di&szlig; w&auml;re ein feines Leben gewest, das wir f&uuml;hrten,
-ja gleichsam ein kl&ouml;sterliches, wann uns nur die Best&auml;ndigkeit
-nicht abgangen w&auml;re. Ich bekam bald Buhler; etliche suchten
-mich wie das Frauenzimmer im Bordell, und andere Tropfen,
-die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel
-vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich bereden, sie w&uuml;rden
-durch die grausame Liebe, die sie zu mir tr&uuml;gen, zu ihren
-Begierden angesporet. Ich h&auml;tte aber keinem geglaubt, wann
-ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach
-dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann
-gleich wie man sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel
-im Sack und eine Hur im Haus l&auml;&szlig;t sich nicht verbergen,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-also wurde ich auch gleich bekant und wegen meiner Sch&ouml;nheit
-&uuml;beral ber&uuml;hmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und
-unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, welcher
-vorgabe, da&szlig; er vor Liebe in den letzten Z&uuml;ge l&auml;ge. Hingegen
-wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden,
-da&szlig; er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich erma&szlig;e
-die Beschaffenheit und das Verm&ouml;gen meiner Kunden
-nach der Regul meines Wirths zum Guldenen L&ouml;wen zu N.
-Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt und gar zu unm&auml;&szlig;ig
-viel h&ouml;flicher Complimenten macht, so ist ein gewisse
-Anzeigung, da&szlig; er entweder nicht viel zum besten, oder sonst
-nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit
-Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen
-und einer herrischen Botm&auml;&szlig;igkeit, so gedenke ich: holla, diesem
-Kerl ist der Beutel geschwollen, dem must du schrepfen!</p>
-
-<p>Also tractiere ich die H&ouml;fliche mit Gegenh&ouml;flichkeit, damit sie
-mich und meine Herberg anderw&auml;rts loben, die Schnarcher<a id="FNanchor_83_83"></a><a href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>
-aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren
-Beutel rechtschaffen zu actioniren.</p>
-
-<p class="pmb3">Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser
-Wirth seine h&ouml;fliche G&auml;st, als hielte er mich hingegen, wo
-nicht gar vor einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein
-Muster und Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit
-selbsten. In Summa er kam so weit, da&szlig; er von der
-Verehlichung mit mir anfieng zu schw&auml;tzen, und lie&szlig;e auch
-nicht nach, bi&szlig; er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten
-waren diese, da&szlig; ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen,
-er aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath
-um dieselbige versichern solte, damit, wann er vor mir
-ohne Erben sterben solte, ich deren wieder habhaft werden k&ouml;nte;
-die &uuml;brige 2000 Reichsthaler, die ich noch h&auml;tte, solten an ein
-gewi&szlig; Ort auf Zins gelegt und in stehender Ehe die Zins von
-meinem Hauptmann genossen werden, das Capital aber ohnver&auml;ndert
-bleiben, bi&szlig; wir Erben h&auml;tten; auch solte ich Macht
-haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Verm&ouml;gen,
-darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die
-ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren wohin ich wolte &amp;c.
-Demnach wurde die Hochzeit gehalten, und als wir vermeinten,
-zu Prag bei einander, so lang der Krieg w&auml;hrete, in der
-Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, sihe, da
-kam Ordre, da&szlig; wir nach Holstein in den D&auml;nem&auml;rkischen Krieg
-marschiern m&uuml;sten.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_77_77"></a><a href="#FNanchor_77_77"><span class="label">[77]</span></a> <em class="gesperrt">Geschlechter</em>, Patricier.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_78_78"></a><a href="#FNanchor_78_78"><span class="label">[78]</span></a> <em class="gesperrt">beischie&szlig;en</em>, etwas in das Gesch&auml;ft
-geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_79_79"></a><a href="#FNanchor_79_79"><span class="label">[79]</span></a> <em class="gesperrt">weder</em>, als, wie; sonst h&auml;ufiger nach Comparativen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_80_80"></a><a href="#FNanchor_80_80"><span class="label">[80]</span></a> <em class="gesperrt">verderben</em>, zu Grunde richten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_81_81"></a><a href="#FNanchor_81_81"><span class="label">[81]</span></a> <em class="gesperrt">Tummel</em>, Taumel, Rausch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_82_82"></a><a href="#FNanchor_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_83_83"></a><a href="#FNanchor_83_83"><span class="label">[83]</span></a> <em class="gesperrt">Schnarcher</em>, die mit groben Redensarten auftreten.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_elfte_Capitel">Das elfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Nachdem Courage anf&auml;het sich fromm zu halten, wird sie wieder
-unversehens zu einer Wittib.</p></div>
-
-
-<p>Ich r&uuml;stete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser
-als mein Hauptmann wuste, was darzu geh&ouml;rete; und indem
-ich mich &auml;ngstigte, da&szlig; ich wieder dahin muste, wo man die
-Courage kennete, erz&auml;hlte ich meinem Mann mein ganzes gef&uuml;hrtes
-Leben, bi&szlig; auf die Hurenst&uuml;cke, die ich hie und da begangen,
-und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen.
-Vom Namen Courage &uuml;berredet ich ihn, da&szlig; er mir wegen
-meiner Tapferkeit zugewachsen w&auml;re, wie dann sonst auch jedermann
-von mir glaubte. Mit dieser Erz&auml;hlung kam ich denjenigen
-vor, die mir sonst etwan bei ihm einen b&ouml;sen Rauch
-gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch mehr darzu,
-ja mehr als mir lieb gewesen, erz&auml;hlet h&auml;tten. Und gleich
-wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen
-Schlachten gegen dem Feind gehalten, bi&szlig; es folgends andere
-Leut bei der Armee bezeugten, also glaubte er nachgehends
-auch andern Leuten nicht, wann sie ihm von meinen schlimmen
-St&uuml;cken aufschnitten, weil ich solche l&auml;ugnete. Sonst war er
-in allen seinen Handlungen sehr bed&auml;chtig und vern&uuml;nftig, ansehenlich
-von Person und einer von den Beherzten, also da&szlig;
-ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da
-ihm doch billicher etwas Ehrliches geb&uuml;hrt h&auml;tte.</p>
-
-<p>Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin
-und K&ouml;chin, weil sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe
-unseren Bagagewagen mit allem dem, was man ersinnen h&auml;tte
-m&ouml;gen, das uns im Feld solt n&ouml;thig gewesen sein, und machte
-eine solche Anstalt unter dem Gesind, da&szlig; weder mein Mann
-selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte; mich
-selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd,
-Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei
-den H&auml;usern Gleichen<a id="FNanchor_84_84"></a><a href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> zu der Tillischen Armee, alwo ich bald
- <span class="pagenum"><a id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-erkant, und von den mehristen Spottv&ouml;geln zusammen geschrieen
-wurde: &raquo;Lustig, ihr Br&uuml;der, wir haben ein gut Omen, k&uuml;nftige
-Schlacht zu gewinnen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.&laquo;</p>
-
-<p>Und zwar diese Lappen redeten nicht &uuml;bel von der Sach,
-dann das Volk, mit dem ich kam, war ein Succurs von drei
-Regimentern zu Pferd und zweien zu Fu&szlig;, welches nicht zu
-verachten, sondern der Armada Courage genug mitgebracht,
-wann ich gleich nicht dabei gewesen w&auml;re.</p>
-
-<p>Meines Behalts<a id="FNanchor_85_85"></a><a href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> den zweiten Tag nach dieser gl&uuml;cklichen
-Conjunction geriethen die Unserige dem K&ouml;nig von D&auml;nemark
-bei Lutter in die Haar, allwo ich f&uuml;rwahr nicht bei der Bagage
-bleiben mochte, sondern als des Feinds erste Hitze verloschen
-und die Unserige das Treffen wieder tapfer erneuert, mich
-mitten ins Gedr&auml;ng mischte, wo es am allerdicksten war. Ich
-mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen, sondern wolte
-meinem Mann gleich in der Erste<a id="FNanchor_86_86"></a><a href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> weisen, da&szlig; mein Zunamen
-an mir nicht &uuml;bel angelegt w&auml;re, noch er sich dessen zu sch&auml;men
-h&auml;tte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines
-gleichen in Prag nicht gehabt, mit dem S&auml;bel Platz, bi&szlig; ich
-einen Rittmeister von vornehmen d&auml;nischen Geschlecht beim
-Kopf kriegte und aus dem Gedr&auml;ng zu meinem Bagagewagen
-brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke P&uuml;ff; wir
-lie&szlig;en aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern
-trugen nur etliche M&auml;ler und Beulen darvon. Weilen ich
-dann sahe, da&szlig; es so gl&uuml;cklich abgieng, machte ich mein Gewehr
-wieder fertig, jagte hin und holete noch einen Quartiermeister
-samt einem gemeinen Reuter, welche nicht ehe gewahr
-wurden, da&szlig; ich ein Weibsbild war, als bi&szlig; ich sie zu obengedachten
-Rittmeister und meinen Leuten brachte. Ich besuchte<a id="FNanchor_87_87"></a><a href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a>
-keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und Geldswerth
-heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber lie&szlig;e ich den
-Rittmeister fast h&ouml;flich tractiren und nit anr&uuml;hren, viel weniger
-gar ausziehen. Aber als ich mich mit Flei&szlig; ein wenig beiseits
-machte, vertauschten meine Knecht mit den andern beiden
-ihre Kleider, weil sie trefflich wol mit K&ouml;llern mondirt waren.
-Ich h&auml;tte es zum dritten mal gewagt und fortgeschmiedet, dieweil
- <span class="pagenum"><a id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-das Eisen weich gewesen und die Schlacht gew&auml;hret, so
-mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel zumuthen.
-Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten
-von denen, die sich aufs Schlo&szlig; Lutter retiriert und ewiglich
-auf Gnad und Ungnad ergeben hatten, also da&szlig; wir beide in
-und nach dieser Schlacht in allem und allem aus tausend
-Gulden werth vom Feind erobert, welches wir gleich nach dem
-Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel nacher Prag zu
-meinen alldortigen 2000 Reichsthalern &uuml;berschafft, weil wir
-dessen im Feld nicht bed&ouml;rftig und t&auml;glich hofften, noch mehr
-Beuten zu machen.</p>
-
-<p>Ich und mein Mann bekamen einander je l&auml;nger je lieber,
-und sch&auml;tzte sich als das eine gl&uuml;ckselig, weil es das andere
-zum Ehegemahl hatte, und wann wir uns nit beide gesch&auml;mt
-h&auml;tten, so glaub ich, ich w&auml;re Tag und Nacht, in den Laufgr&auml;ben,
-auf der Wacht und in allen Occasionen niemal von
-seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser
-Verm&ouml;gen, also da&szlig; das Letztlebende, wir bek&auml;men gleich Erben
-oder nicht, das Verstorbene erben<a id="FNanchor_88_88"></a><a href="#Footnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>, meine S&auml;ugamme oder
-Mutter aber gleichwol auch ern&auml;hren solte, so lang sie lebte,
-als welche uns gro&szlig;en Flei&szlig; und Treu bezeugte. Solche Verm&auml;chtnus
-hinterlegten wir, weil wirs in Duplo ausgefertigt,
-eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in meines
-Manns Heimath hin, Hochteutschland<a id="FNanchor_89_89"></a><a href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a>, so damals noch in seinem
-besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste
-nicht erlitten.</p>
-
-<p>Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck,
-Verden<a id="FNanchor_90_90"></a><a href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a>, Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein,
-in welchem letztgenanten Schlo&szlig; Hoya mein Mann mit etlichen
-commandirten V&ouml;lkern ohne Bagage muste liegen verbleiben.
-Gleichwie mich aber sonst nirgends keine Gefahr von meinem
-Mann behalten<a id="FNanchor_91_91"></a><a href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> konte, also wolte ich ihn auch auf diesem
-Schlo&szlig; nit allein lassen, aus Furcht, die L&auml;use m&ouml;chten mir
-ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca
-ges&auml;ubert h&auml;tten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem
-Regiment, welches hingieng, die Winterquartier zu genie&szlig;en,
-bei welcher ich auch verbleiben und solchen Genu&szlig; h&auml;tte einziehen
-sollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen,
-und Tilly dergestalt seine V&ouml;lker zertheilet, sihe, da kam der
-K&ouml;nig in D&auml;nemark mit einer Armee und wolte im Winter
-wieder gewinnen, was er im Sommer verloren. Er stellte
-sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die Nu&szlig; zu hart zu
-bei&szlig;en war, lie&szlig;e er selbige Stadt liegen und seinen Zorn am
-Schlo&szlig; Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend
-Kanonsch&uuml;ssen durchl&ouml;chert, darunter auch einer meinen
-lieben Mann traf und mich zu einer ungl&uuml;ckseligen Wittib
-machte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_84_84"></a><a href="#FNanchor_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Die festen H&auml;user, die <em class="gesperrt">Gleichen</em>, s&uuml;dwestlich von G&ouml;ttingen. Vgl. die
-Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_85_85"></a><a href="#FNanchor_85_85"><span class="label">[85]</span></a> <em class="gesperrt">meines Behalts</em>, soviel ich behalten habe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_86_86"></a><a href="#FNanchor_86_86"><span class="label">[86]</span></a> <em class="gesperrt">in der Erste</em> (nieders.
-<span class="antiqua">in der erst</span>), gleich zu Anfang.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_87_87"></a><a href="#FNanchor_87_87"><span class="label">[87]</span></a> <em class="gesperrt">besuchen</em>, durchsuchen nach Werthsachen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_88_88"></a><a href="#FNanchor_88_88"><span class="label">[88]</span></a> <em class="gesperrt">erben</em>, <span class="antiqua">trans.</span> beerben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_89_89"></a><a href="#FNanchor_89_89"><span class="label">[89]</span></a> <em class="gesperrt">Hochteutschland</em>, der h&ouml;her liegende
-s&uuml;dliche Theil Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_90_90"></a><a href="#FNanchor_90_90"><span class="label">[90]</span></a> <em class="gesperrt">Verden</em>, vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_91_91"></a><a href="#FNanchor_91_91"><span class="label">[91]</span></a> <em class="gesperrt">behalten</em>, abhalten, trennen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_zwolfte_Capitel">Das zw&ouml;lfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetr&auml;nkt.</p></div>
-
-
-<p>Als nun die Unserige das Schlo&szlig; aus Forcht, es m&ouml;chte
-einfallen und uns alle bedecken, dem K&ouml;nig &uuml;bergaben und
-herauszogen, ich auch also ganz betr&uuml;bt und weinend mit marschierte,
-sahe mich zu allem Ungl&uuml;ck derjenige Major, den ich
-hiebevor von den Braunschweigischen bei dem Mainstrom gefangen
-bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewi&szlig;heit
-meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen
-damaligen Stand erfuhre, da&szlig; ich n&auml;mlich allererst zu einer
-Wittib worden w&auml;re, da nahme er die Gelegenheit in Acht
-und zwackte mich ohnversehens von dem Troupen hinweg.</p>
-
-<p>&raquo;Du Bluthex&laquo;, sagte er, &raquo;jetzt wil ich dir den Spott
-wieder vergelten, den du mir vor Jahren bei H&ouml;chst bewiesen
-hast, und dich lehren, da&szlig; du hinfort weder Wehr noch Waffen
-mehr f&uuml;hren, noch dich weiters unterstehen sollest, einen Cavalier
-gefangen zu nehmen!&laquo;</p>
-
-<p>Er sahe so gr&auml;&szlig;lich aus, da&szlig; ich mich auch nur vor seinem
-Anblick entsetzte. W&auml;re ich aber auf meinem Rappen gesessen
-und h&auml;tte ihn allein f&uuml;r mir im Feld gehabt, so h&auml;tte
-ich getraut, ihn eine andere Sprache reden zu lernen. Indessen
-f&uuml;hrte er mich mitten unter einen Troupen Reuter und
-gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher alles, was
-ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese Stell
-bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erz&auml;hlte
-mir hingegen, da&szlig; er beinahe damals, als ich ihn gefangen
-bekommen, schier den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren
- <span class="pagenum"><a id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-h&auml;tte, um da&szlig; er sich von einem Weibsbild vor der Brigaden
-hinweg fangen lassen und dardurch dem Troupen eine Unordnung
-und g&auml;nzliche Zertrennung verursacht, wofern er nicht sich
-damit ausgeredet, da&szlig; ihn diejenige, so ihn hinweg genommen,
-durch Zauberei verblendet; zuletzt h&auml;tte er doch aus Scham
-resignirt und d&auml;nische Dienst angenommen.</p>
-
-<p>Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin
-wenig zum besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang,
-zu Revanche seiner Schmach, wie ers nennete, seine viehische
-Begierden zu vollbringen, worbei doch (pfui der sch&auml;ndlichen
-Thorheit) weder Lust noch Freud sein konte, indem er mir an
-statt der K&uuml;&szlig;, ob ich mich gleich nit sonderlich sperret, nur
-dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen sie unversehens
-aus wie die fl&uuml;chtige Hasen, hinter denen die Windhund herstreichen,
-also da&szlig; ich mir nichts anders einbilden konte,
-als da&szlig; sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht
-gejagt zu werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da
-der Bauer den Tisch deckte. Da lude mein tapferer Held von
-Officiern seines Gelichters zu Gast, die sich durch mich mit ihm
-verschw&auml;gern musten, also da&szlig; meine sonst ohners&auml;ttliche fleischliche
-Begierden dermalen genugsam contentirt wurden. Die
-dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal gelassen waren,
-als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar nit
-besser, sondern viel &auml;rger; dann nachdem ich dieselbe k&uuml;mmerlich
-&uuml;berstanden und alle diese Hengste sich m&uuml;d gerammelt
-hatten (pfui, ich sch&auml;mte michs beinahe zu sagen, wann ichs
-dir, Simplicissime, nit zu Ehren und Gefallen th&auml;te), muste ich
-auch vor der Herren Angesicht mich von den Knechten treffen
-lassen. Ich hatte bi&szlig;her alles mit Geduld gelitten und gedacht,
-ich h&auml;tte es hiebevor verschuldet; aber da es hierzu kam,
-war mirs ein abscheulicher Greuel, also da&szlig; ich anfieng zu
-lamentiren, zu schm&auml;len und Gott um H&uuml;lf und Rach anzurufen.
-Aber ich fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen
-Unmenschen, welche aller Scham und christlichen Ehrbarkeit
-vergessen mich zuerst nackend auszohen, wie ich auf diese
-Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen auf die Erden
-sch&uuml;tten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit Spie&szlig;ruthen
-n&ouml;thigten. Ja sie w&uuml;rzten mich mit Salz und Pfeffer,
-da&szlig; ich gumpen und pl&uuml;tzen<a id="FNanchor_92_92"></a><a href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> muste wie ein Esel, dem man
- <span class="pagenum"><a id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
-ein Handvoll Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden;
-und ich glaube, wann es nicht Winterszeit gewesen w&auml;re, da&szlig;
-sie mich auch mit Brennesseln gegei&szlig;elt h&auml;tten.</p>
-
-<p>Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis
-geben, oder mir als einer Zauberin den Proce&szlig; durch den
-Henker machen lassen wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche
-ihnen allen zu schlechter Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig
-gemacht. Zudem sagten die Verst&auml;ndigste (wann anders
-diese Bestien auch noch ein F&uuml;nklein des menschlichen Verstands
-gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit mir h&auml;tte
-vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich anfangs
-unber&uuml;hrt gelassen und in die H&auml;nde der Justitz geliefert
-haben. Also kam das Urtheil heraus, da&szlig; man mich den
-Nachmittag (dann sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit
-still) den Reuterjungens preisgeben solte. Als sie sich nun des
-elenden Spectaculs des Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich
-meine Kleider wieder anziehen, und da ich allerdings damit
-fertig, begehrte ein Cavalier mit dem Obristleutenant zu sprechen,
-und das war eben derjenige Rittmeister, den ich vor Lutter
-gefangen bekommen; der hatt von meiner Gefangenschaft geh&ouml;rt.
-Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte und zugleich
-sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor
-Lutter gefangen, f&uuml;hrete ihn der Obristleutenant gleich bei der
-Hand in das Zimmer und sagte: &raquo;Da sitzt die Carania<a id="FNanchor_93_93"></a><a href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a>; ich
-will sie jetzt strack den Jungen preisgeben.&laquo; Dann er nicht
-anders vermeinte, als der Rittmeister w&uuml;rde sowol als er ein
-grausame Rach an mir &uuml;ben wollen. Aber der ehrliche Cavalier
-war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum so kl&auml;glich
-dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu
-sch&uuml;tteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf
-die Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden
-willen, da&szlig; er sich &uuml;ber mich elende Dame erbarmen und mich
-vor mehrerer Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der
-Hand auf und sagte zu dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden:
-&raquo;Ach, ihr rechtschaffene Br&uuml;der, was habt ihr mit
-dieser Damen angefangen?&laquo;</p>
-
-<p>Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig
-gesoffen, fiele ihm in die Red und sagte: &raquo;Was, sie ist eine
-Zauberin!&laquo; &raquo;Ach mein Herr verzeihe mir&laquo;, antwortet der
- <span class="pagenum"><a id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-Rittmeister; &raquo;so viel ich von ihr wei&szlig;, so bedunkt mich, sie sei des
-tapfern alten Grafen von T.<a id="FNanchor_94_94"></a><a href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> seiner leiblichen Frauen Tochter,
-welcher rechtschaffene Held bei dem gemeinen Wesen Leib und
-Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also da&szlig; mein gn&auml;digster
-K&ouml;nig nicht gut hei&szlig;en wird, wann man dessen Kinder so tractirt,
-ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche
-Seiten gefangen bekommen. Ja ich d&ouml;rfte glauben, ihr Herr
-Vatter richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider
-den Kaiser aus, als mancher thun mag, der eine fliegende
-Armada gegen ihn zu Felde f&uuml;hret.&laquo; &raquo;Ha&laquo;, antwortet der
-flegelhaftige Oberstleutenant, &raquo;was hab ich gewust? Warum
-hat sie das Maul nicht aufgethan?&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten
-und wusten, da&szlig; er nicht allein von einem hohen d&auml;nischen
-Geschlecht, sondern auch bei dem K&ouml;nig in h&ouml;chsten Gnaden
-war, baten gar dem&uuml;thig, der Rittmeister wolte di&szlig; &uuml;bersehen,
-als eine geschehene Sach zum besten richten und vermittlen,
-da&szlig; sie hierdurch in keine Ungelegenheit k&auml;men; dahingegen
-obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit mit
-Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich
-auch alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber
-nur mit Weinen vergeben. Und also kam ich, zwar &uuml;bel gesch&auml;ndt,
-aus dieser Bestien Gewalt in des Rittmeisters H&auml;nde,
-welcher mich weit h&ouml;flicher zu tractiren wuste; dann er schickte
-mich alsobalden, ohne da&szlig; er mich einmal ber&uuml;hrt hatte, durch
-einen Diener und einen Reuter von seiner Compagnia in D&auml;nemark
-auf ein adelich Haus, das ihm k&uuml;rzlich von seiner Mutter
-Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin
-unterhalten wurde; welche unversehene Erl&ouml;sung ich beides
-meiner Sch&ouml;nheit und meiner S&auml;ugamme zu danken, als die
-ohne mein Wissen und Willen dem Rittmeister mein Herkommen
-vertr&auml;ulich erz&auml;hlt hatte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_92_92"></a><a href="#FNanchor_92_92"><span class="label">[92]</span></a> <em class="gesperrt">plitzen</em>, <em class="gesperrt">pl&uuml;tzen</em>, plutzen, niederfallen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_93_93"></a><a href="#FNanchor_93_93"><span class="label">[93]</span></a> <em class="gesperrt">Carania</em>, ital. <span class="antiqua">carogna</span>, Luder, liederliches Weib.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_94_94"></a><a href="#FNanchor_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div></div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_dreizehnte_Capitel">Das dreizehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was vor gute T&auml;ge und N&auml;chte die gr&auml;flich Fr&auml;ulin im Schlo&szlig;
-genosse, und wie sie selbige wieder verloren.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich pflegte meiner Gesundheit und b&auml;hete mich aus, wie
-einer, der halb erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem
-Stubenofen oder zum Feuer kommt; dann ich hatte damals
-auf der Welt sonst nichts zu thun, als auf der Streu zu liegen
-und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier auszum&auml;sten,
-um auf den k&uuml;nftigen Sommer im Feld desto geruheter
-zu erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto
-frischer gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in B&auml;lde
-wieder ganz heil, glatth&auml;rig und meines Cavaliers begierig.
-Der stellte sich auch bei mir ein, ehe die l&auml;ngste N&auml;cht gar
-vergiengen, weil er der lieblichen Fr&uuml;hlingszeit so wenig als
-ich mit Geduld erwarten konte.</p>
-
-<p>Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon
-mich doch nur der eine sehen dorfte, n&auml;mlich derjenige, der
-mich auch hingebracht hatte. Es ist nicht zu glauben, mit
-was vor herzbrechenden Worten er sein Mitleiden, das er mit
-mir trug, bezeugete, um da&szlig; ich in den leidigen Wittibstand
-gesetzt worden, mit was vor gro&szlig;en Verhei&szlig;ungen er mich seiner
-getreuen Dienste versicherte, und mit was vor H&ouml;flichkeit
-er mir klagte, da&szlig; er beides mit Leib und Seel vor Lutter
-mein Gefangner worden w&auml;re.</p>
-
-<p>&raquo;Hochgeborne sch&ouml;nste Dam&laquo;, sagte er, &raquo;dem Leib nach hat
-mich mein Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich
-doch in &uuml;brigen ganz und gar eueren Sclaven bleiben lassen,
-welcher jetzt nichts anders begehrt und darum hieher kommen,
-als aus ihrem Munde den Sentenz zum Tod oder zum Leben
-anzuh&ouml;ren; zum Leben zwar, wann ihr euch &uuml;ber eueren elenden
-Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gef&auml;ngnus
-der Liebe mit tr&ouml;stlichem Mitleiden tr&ouml;stet und vom Tod errettet,
-oder zum Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe
-nicht theilhaftig werden oder solcher euerer Liebe unw&uuml;rdig gesch&auml;tzt
-werden solte. Ich sch&auml;tzte mich gl&uuml;ckselig, da sie mich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-wie ein andere ritterliche Penthesilea<a id="FNanchor_95_95"></a><a href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> mitten aus der Schlacht
-gefangen hinweg gef&uuml;hrt hatte; und da mir durch &auml;u&szlig;erliche
-Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit wieder
-zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich
-diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen
-hielte, zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen
-beiderseits wider einander strebenden Kriegswaffen jemals
-wiederum ins Gesicht zu bekommen. Solchen meinen bi&szlig;herigen
-elenden Jammer bezeugen viel tausend Seufzer, die ich seithero
-zu meiner liebw&uuml;rdigen Feindin gesendet, und weil solche alle
-vergeblich in die leere Luft giengen, geriethe ich allgemach in
-Verzweifelung und w&auml;re auch &mdash;&mdash;&laquo;</p>
-
-<p class="pmb1">Solche und dergleichen Sachen brachte der Schlo&szlig;herr vor,
-mich zu demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so
-sehr als er selbst verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen
-Schulen gewesen und wol wuste, da&szlig; man dasjenige, was
-einem leicht ankommt, auch gering achtet, als stellte ich mich,
-gar weit von seiner Meinung entfernt zu sein, und klagte hingegen,
-da&szlig; ich im Werk befande, da&szlig; ich sein Gefangner w&auml;re,
-sintemal ich meines Leibs nit m&auml;chtig, sondern in seinem Gewalt
-aufgehalten w&uuml;rde. Ich m&uuml;ste zwar bekennen, da&szlig; ich
-ihm vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum
-allergenauesten verbunden, weilen er mich von meinen Ehrensch&auml;ndern
-errettet, erkennete auch, da&szlig; mein Schuldigkeit seie,
-solche ehrliche und lobw&uuml;rdige Rach wieder gegen ihm mit
-h&ouml;chster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber solche meine
-Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust meiner
-Ehr abgelegt werden m&uuml;ste, und da&szlig; ich eben zu solchem
-Ende an dieses Ort gebracht worden w&auml;re, so k&ouml;nte ich nicht
-sehen, was er bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmw&uuml;rdige
-Erl&ouml;sung vor Ehr und bei mir vor einen Dank zu
-gewarten, mit dem&uuml;tiger Bitte, er wolle sich durch eine That,
-die ihn vielleicht bald wieder reuen w&uuml;rde, keinen Schandflecken
-anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden Cavaliers
-den Nachklang zufreien<a id="FNanchor_96_96"></a><a href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a>, da&szlig; er ein armes verlassenes Weibsbild
-in seinem Hause wider ihren Willen &amp;c. Und damit fieng
- <span class="pagenum"><a id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-ich an zu weinen, als wann mirs ein lauterer gr&uuml;ndlicher
-Ernst gewesen w&auml;re, nach dem alten Reimen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,<br /></span>
-<span class="i01">Gleich als gieng es ihn von Herzen;<br /></span>
-<span class="i01">Sie pflegen sich nur so zu stellen<br /></span>
-<span class="i01">Und k&ouml;nnen weinen, wann sie w&ouml;llen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="p1 pmb1">Ja, damit er mich noch h&ouml;her &auml;stimiren solte, bote ich ihm
-1000 Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unber&uuml;hrt
-lassen und mich wiederum zu den Meinigen sicher
-passieren lassen wolte. Aber er antwortet, seine Liebe gegen
-mir sei so beschaffen, da&szlig; er mich nicht vor das ganze K&ouml;nigreich
-B&ouml;hmen verwechseln k&ouml;nte; zu dem seie er seines Herkommens
-und Standes halber mir gar nit ungleich, da&szlig; es
-eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficult&auml;ten
-brauchen solte. Es hatte mit uns beiden nat&uuml;rlich
-ein Ansehen, als wann ein T&auml;ubler irgend einen Tauber und
-eine T&auml;ubin zusammen sperret, da&szlig; sie sich paaren sollen, welche
-sich anf&auml;nglich lang genug abmatten, bi&szlig; sie des Handels endlich
-eins werden. Eben also machten wirs auch, dann nachdem
-mich Zeit sein bedunkte, ich h&auml;tte mich lang genug widersetzt,
-wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht
-&uuml;ber zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig,
-das ich auf seine g&uuml;ldene Promessen in alles einwilligte,
-was er begehrte. Ich schlug ihm auch so wol zu,
-da&szlig; er einen ganzen Monat bei mir bliebe; doch wuste niemand
-warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte
-Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gr&auml;fl.
-Gnaden tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte
-Sprichwort lautet:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Ein Schneider auf eim Ro&szlig;,<br /></span>
-<span class="i01">Ein Hur aufm Schlo&szlig;,<br /></span>
-<span class="i01">Ein Laus auf dem Grind &mdash;<br /></span>
-<span class="i01">Seind drei stolzer Hofgesind.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="p1">Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft,
-und wann er sich nicht gesch&auml;mt h&auml;tte, so glaub ich, er h&auml;tte
-den Degen gar an einen Nagel gehenkt; aber er muste beides
-seinen Herren Vattern und den K&ouml;nig selbst scheuen, als der
-sich den Krieg, wiewol mit schlechtem Gl&uuml;ck, ernstlich angelegen
-sein lie&szlig;e. Doch macht ers mit seinem Besuchen so grob und
-kam so oft, da&szlig; es endlich sein alter Herr Vatter und Frau
- <span class="pagenum"><a id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-Mutter merkten und auf flei&szlig;ig Nachforschen erfuhren, was
-er vor einen Magnet in seinem Schlo&szlig; heimlich aufhielte, der
-seine Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen
-erkundigten sie die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich
-und trugen gro&szlig;e Sorge f&uuml;r ihren Sohn, da&szlig; er sich vielleicht
-mit mir verplempern und hangen bleiben m&ouml;chte an einer, davon
-ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. Derowegen
-wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerst&ouml;ren, und doch so behutsam
-damit umgehen, da&szlig; sie sich auch nicht an mir vergriffen,
-noch meine Verwandte vor den Kopf stie&szlig;en, wann ich
-etwan, wie sie von der Haushofmeisterin vernommen, von
-einem gr&auml;flichen Geschlecht geboren sein und ihr Sohn auch
-mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.</p>
-
-<p class="pmb3">Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, da&szlig;
-mich die alte Haushofmeisterin gar vertr&auml;ulich warnete, es
-h&auml;tten meines Liebsten Eltern erfahren, da&szlig; ihr Herr Sohn
-eine Liebhaberin heimlich enthielte, mit derer er sich wider ihrer,
-der Eltern, Willen zu verehelichen ged&auml;chte, so sie aber durchaus
-nicht zugeben k&ouml;nten, dieweil sie ihn allbereit an ein fast
-hohes Haus zu verheurathen versprochen; w&auml;ren derowegen gesinnet,
-mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber weiters
-mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit
-erschreckte mich zwar die Alte, ich lie&szlig;e aber meine Angst
-nicht allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig,
-als wann mich der gro&szlig;e Moger<a id="FNanchor_97_97"></a><a href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> aus India wo nit besch&uuml;tzen,
-doch wenigst revanchiren w&uuml;rde, sintemal ich mich auf meines
-Liebhabers gro&szlig;e Liebe und stattliche Verhei&szlig;ung verlassen, von
-welchem ich auch gleichsam<a id="FNanchor_98_98"></a><a href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> alle acht Tage nit nur blo&szlig;e liebreiche
-Schreiben, sondern auch jedesmal ansehenliche Verehrungen
-empfieng. Dargegen beklagte ich mich in Widerantwort
-gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin verstanden<a id="FNanchor_99_99"></a><a href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>, mit
-Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen und verhindern,
-da&szlig; mir und meinem Geschlecht kein Spott widerf&uuml;hre.
-Das End solcher Correspondenz war, da&szlig; zuletzt zween Diener, in
-meines Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir
-Schreiben brachten, da&szlig; ich mich alsobalden mit ihnen verf&uuml;gen
-solte, um mich nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es
- <span class="pagenum"><a id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-w&auml;re seinen Eltern gleich lieb oder leid, offentlich zur Kirchen
-f&uuml;hren wolte; wann alsdann solches geschehen w&auml;re, so w&uuml;rden
-beides Vatter und Mutter wol ja sagen und als zu einer geschehenen
-Sach das Beste reden m&uuml;ssen. Ich war gleich fix
-und fertig, wie ein alt Feuerschlo&szlig;, und lie&szlig;e mich so Tags
-so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes
-Hamburg f&uuml;hren, allda sich meine zween Diener abstohlen und
-mich so lang nach einem Cavalier aus D&auml;nemark umsehen
-lie&szlig;en, der mich heurathen w&uuml;rde, als ich immer wolte. Da
-wurde ich allererst gewahr, da&szlig; der Hagel geschlagen und die
-Betr&uuml;gerin betrogen worden w&auml;re. Ja mir wurde gesagt, ich
-m&ouml;chte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und Gott
-danken, da&szlig; die vornehme Braut unterwegs nicht in der See
-ertr&auml;nkt worden w&auml;re, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten
-noch stark genug, mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir
-vielleicht ein vergebliche Sicherheit einbilde, einen Sprung<a id="FNanchor_100_100"></a><a href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> zu
-weisen, der einer solchen geb&uuml;hre, worvor man w&uuml;ste da&szlig; ich
-zu halten sei. Was solt ich machen? Mein Hochzeiterei,
-meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf ich
-gespannet<a id="FNanchor_101_101"></a><a href="#Footnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a>, war dahin und mit einander zu Grund gefallen.
-Die vertr&auml;uliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten
-von einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern
-eingeloffen, und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen,
-hatten sie abgeben, mich an den Ort zu bringen, da
-ich jetzt sa&szlig;e und allgemach anfienge mit dem Schmalhansen zu
-conferirn, der mich leichtlich &uuml;berredete, mein t&auml;glich Maulfutter
-mit einer n&auml;chtlichen Handarbeit zu gewinnen.</p>
-
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_95_95"></a><a href="#FNanchor_95_95"><span class="label">[95]</span></a> <em class="gesperrt">Penthesilea</em>, Tochter des Ares und der Otrera, K&ouml;nigin der Amazonen,
-bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, <span class="antiqua">Heroid</span>., Ep. 21. V. 118.
-Sie kam den Troern zu H&uuml;lfe, wurde aber von Achilleus get&ouml;dtet, der, als er
-sie sterben sah, von Liebe erf&uuml;llt wurde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_96_96"></a><a href="#FNanchor_96_96"><span class="label">[96]</span></a> <em class="gesperrt">zufreien</em>, verbinden mit, hinzuf&uuml;gen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_97_97"></a><a href="#FNanchor_97_97"><span class="label">[97]</span></a> <em class="gesperrt">Moger</em>, Mogor, Mogul.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_98_98"></a><a href="#FNanchor_98_98"><span class="label">[98]</span></a> <em class="gesperrt">gleichsam</em>, fast, beinahe, <em class="gesperrt">schier</em>, in dieser
-letzten Bedeutung &ouml;fter bei Grimmelshausen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_99_99"></a><a href="#FNanchor_99_99"><span class="label">[99]</span></a> <em class="gesperrt">verstehen</em> <span class="antiqua">c. genet.</span>,
-von etwas verst&auml;ndigen, unterrichten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_100_100"></a><a href="#FNanchor_100_100"><span class="label">[100]</span></a> <em class="gesperrt">einen Sprung weisen</em>, wie: die Wege weisen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_101_101"></a><a href="#FNanchor_101_101"><span class="label">[101]</span></a> <em class="gesperrt">spannen</em>, abzielen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_vierzehnte_Capitel">Das vierzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod
-sich einem Musquetierer theilhaftig machte.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich wei&szlig; nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er
-mich nicht wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht
-oder geweint habe. Mir wars leid, da&szlig; ich seiner nicht mehr
-zu genie&szlig;en hatte, und ich glaub, da&szlig; er auch gern noch l&auml;nger
-mit mir vorlieb genommen h&auml;tte, wann ihm nur seine
- <span class="pagenum"><a id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Z&auml;hnen gezogen.
-Um diese Zeit &uuml;berschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und
-der Graf Schlick ganz Holstein und andere d&auml;nische L&auml;nder
-mit einem Haufen kaiserlicher V&ouml;lker wie mit einer S&uuml;ndflut,
-deren die Hamburger so wol als andere Ort mit Proviant
-und Munizion aushelfen musten. Dannenhero gab es viel
-Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche Kundenarbeit.
-Endlich erfuhre ich, da&szlig; meine angenommene Mutter sich zwar
-noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine
-Bagage bi&szlig; auf ein paar Pferde verloren, welches mir den
-Compa&szlig; gewaltig verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar
-wol zu, und ich h&auml;tte mir mein Lebtage kein bessere H&auml;ndel
-gew&uuml;nscht. Weil aber solche Fortuna nicht l&auml;nger bestehen
-konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so muste ich
-bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte
-mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebw&uuml;rdig,
-resolut und bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich
-alle meine Netz und unterlie&szlig;e kein J&auml;gerst&uuml;cklein, bi&szlig; ich ihn
-in meine Strick brachte und so verliebt machte, da&szlig; er mir
-Salat aus der Faust essen m&ouml;gen ohne einigen Ekel. Dieser
-versprach mir bei Teufelholen die Ehe und h&auml;tte mich auch
-gleich in Hamburg zur Kirchen gef&uuml;hrt, wann er nicht zuvor
-seinem Rittmeisters Consens hierzu h&auml;tte erbitten m&uuml;ssen, welchen
-er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment
-brachte, also da&szlig; er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete,
-die Copulation w&uuml;rklich vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten
-sich seine Cameraden, woher ihm das Gl&uuml;ck so eine
-sch&ouml;ne junge Maitresse zugeschickt, unter welchen die allermeiste
-gern seine Schw&auml;ger h&auml;tten werden m&ouml;gen; dann damals waren
-die V&ouml;lker bei dieser sieghaften Armee wegen langw&uuml;rigen
-gl&uuml;cklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch
-Ueberflu&szlig; aller Dinge dergestalt fett und ausgef&uuml;llt, da&szlig; der
-gr&ouml;ste Theil, durch K&uuml;tzel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer
-Wollust nachzuh&auml;ngen und solchen abzuwarten als um Beuten
-zu schauen oder nach Brod und Fourage zu trachten gewohnt
-war; und sonderlich so war meines Hochzeiters Corporal ein
-solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am allermeisten
-verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus
-machte, anderen die H&ouml;rner aufzusetzen, und sichs vor eine
-gro&szlig;e Schand gerechnet h&auml;tte, wann er solches irgends unterstanden
-und nicht werkstellig machen m&ouml;gen. Wir lagen damals
- <span class="pagenum"><a id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-in Stormaren<a id="FNanchor_102_102"></a><a href="#Footnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a>, welches noch niemals gewust, was Krieg
-gewesen; dannenhero war es noch voll von Ueberflu&szlig; und reich
-an Nahrung, wor&uuml;ber wir uns Herren nanten und den Landmann
-vor unsere Knechte, K&ouml;ch und Tafeldecker hielten. Da
-w&auml;hrete Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein
-Reuter den andern auf seines Hauswirths Speis und Trank
-zu Gast. Diesen <span class="antiqua">modum</span> hielte mein Hochzeiter auch, worauf
-angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir hinter die Haut
-zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit zweien
-von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals
-Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der
-Corporal und commandirte ihn zu der Standarten auf die
-Wacht, damit, wann mein Hochzeiter fort w&auml;re, er sich selbst
-mit mir erg&ouml;tzen k&ouml;nte. Weil aber mein Hochzeiter den Possen
-bald merkte und ungern leiden wolte, da&szlig; ein anderer seine
-Stell vertreten oder, da&szlig; ichs fein teutsch gebe, da&szlig; ihn der
-Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm,
-da&szlig; noch etliche w&auml;ren, denen vor ihm geb&uuml;hrte, solche
-Wacht zu versehen. Der Corporal hingegen sagte ihm, er
-solte nicht viel disputirn, sondern seinem Commando parirn,
-oder er wolte ihm F&uuml;&szlig;e machen; dann er wolte diese seine
-Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus
-Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht
-zu g&ouml;nnen gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang,
-bi&szlig; er von Leder zog und ihn auf die Wacht n&ouml;thigen, oder
-in Kraft habenden Gewalts so exemplarisch zeichnen wolte, da&szlig;
-ein andermal ein anderer wisse, wie weit ein Untergebener
-seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig w&auml;re. Aber ach,
-mein lieber Stern verstund den Handel leider &uuml;bel, dann er war
-eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal
-eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und
-erhitzten Gebl&uuml;ts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt
-vertriebe, da&szlig; ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide
-G&auml;st giengen ihrem Corporal auf sein Zuschreien zu H&uuml;lf und
-mit ihren Fochteln auch auf meinen Hochzeiter los, davon er
-den einen alsobalden durchstach und den andern zum Haus
-hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit allein
-den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl
-brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen f&uuml;hrten,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-allwo er an H&auml;nd und F&uuml;&szlig;en in Band und Ketten geschlossen
-wurde. Man machts gar kurz mit ihm, dann den andern
-Tag ward Standrecht &uuml;ber ihn gehalten, und ob zwar sonnenklar
-an Tag kam, da&szlig; der Corporal ihn keiner andern Ursachen
-halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an
-Statt seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam
-gegen den Officiern zu erhalten, da&szlig; mein Hochzeiter
-aufgehenkt, ich aber mit Ruthen ausgehauen werden solte, weil
-ich an solcher That ein Urs&auml;cherin gewesen. Jedoch wurden
-wir beide so weit erbeten<a id="FNanchor_103_103"></a><a href="#Footnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a>, da&szlig; mein Hochzeiter harquebusirt,
-ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment geschickt wurde,
-welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.</p>
-
-<p>So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden
-sich doch zween Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen
-solche vers&uuml;&szlig;en wolten, dann ich war kaum ein Stund gehend
-hinweg, da sa&szlig;en diese beide in einem Busch, dardurch ich muste
-passiren, mich willkommen zu hei&szlig;en. Ich bin zwar, wann ich
-die Wahrheit bekennen mu&szlig;, meine Tage niemal so hechel<a id="FNanchor_104_104"></a><a href="#Footnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> gewesen,
-einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn
-die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in
-meinem Elend eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten,
-wessentwegen ich verjagt und mein Auserw&auml;hlter todt geschossen
-worden, widersetzte ich mich mit Gewalt; dann ich konte mir
-wol einbilden, wann sie ihren Willen erlangt und vollbracht,
-da&szlig; sie mich auch erst gepl&uuml;ndert h&auml;tten, als welches Vorhaben
-ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen ablesen
-konte, sintemal sie sich nicht sch&auml;mten, mit entbl&ouml;&szlig;ten
-Degen auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich
-zu erschrecken und zu dem, was sie suchten, zu n&ouml;thigen. Weil
-ich aber wuste, da&szlig; ihre scharfe Klingen meiner Haut weniger
-als zwo Spie&szlig;gerten abhaben w&uuml;rden, sihe, da waffnete ich
-mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in jede Hand
-eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, da&szlig; der eine eins
-davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander
-war st&auml;rker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme
-dann so wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir
-hatten unter w&auml;hrendem Gefecht ein wildes Geschrei. Er hie&szlig;e
-mich eine Hur, eine Vettel, eine Hex und gar einen Teufel;
-hingegen nante ich ihn einen Schelmen, einen Ehrendieb, und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
-was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul kam,
-welches Balgen einen Musquetierer &uuml;berzwergs<a id="FNanchor_105_105"></a><a href="#Footnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> durch den Busch
-zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor
-seltzame Spr&uuml;ng gegen einander ver&uuml;bten, nicht wissend, welchem
-Theil er unter uns beistehen oder H&uuml;lfe leisten solte. Und als
-wir ihn erblickten, begehrte ein jedes, er wolte es von dem
-andern erretten. Da kan nun ein jeder wol gedenken, da&szlig;
-Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano beigestanden,
-vornehmlich als ich ihm gleich g&uuml;ldene Berge versprach und
-ihn meine ausb&uuml;ndige Sch&ouml;nheit blendet und bezwang. Er
-pa&szlig;te auf und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit
-Bedrohung dahin, da&szlig; er mir nicht allein den Rucken wendet,
-sondern auch anfieng darvon zu laufen, da&szlig; ihm die Schuchsohlen
-h&auml;tten herunter fallen m&ouml;gen, seinen entseelten Cameraden
-sich in seinem Blut w&auml;lzend hinterlassend.</p>
-
-<p class="pmb3">Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein
-beisammen befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam
-&uuml;ber meiner Sch&ouml;nheit und hatte nit das Herz, etwas
-anders mit mir zu reden, als da&szlig; er mich fragte, durch was
-vor ein Geschick ich so gar allein zu diesem Reuter kommen
-w&auml;re. Darauf erz&auml;hlte ich alles ihm haarklein, was sich mit
-meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann
-auch mit mir zugetragen, so dann, da&szlig; mich diese beide
-Reuter, n&auml;mlich der gegenw&auml;rtige Todte und der Entloffene,
-als ein armes verlassenes Weibsbild mit Gewalt sch&auml;nden
-wollen, deren ich mich aber bi&szlig;her, wie er selbst zum
-Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt, er wolte als
-mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner besch&uuml;tzen helfen,
-bi&szlig; ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit
-k&auml;me, versicherte ihn auch ferner, da&szlig; ich ihme vor solche seine
-erwiesene H&uuml;lfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens
-zu begegnen nicht ermanglen w&uuml;rde. Er besuchte darauf den
-Todten und nahme zu sich, was er Sch&auml;tzbarliches bei sich hatte,
-welches ihm seine M&uuml;he ziemlich belohnte. Darauf machten
-wir uns beide bald aus dem Staub, und indem wir unseren
-F&uuml;&szlig;en gleichsam &uuml;ber Verm&ouml;gen zusprachen, kamen wir desto
-ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch
-des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem
-Colalto, Altringer und Gallas in Italia zu gehen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_102_102"></a><a href="#FNanchor_102_102"><span class="label">[102]</span></a> <em class="gesperrt">Stormarn</em>, im s&uuml;dlichen Theil Holsteins.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_103_103"></a><a href="#FNanchor_103_103"><span class="label">[103]</span></a> erbitten, losbitten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_104_104"></a><a href="#FNanchor_104_104"><span class="label">[104]</span></a> <em class="gesperrt">hechel</em>, heikel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_105_105"></a><a href="#FNanchor_105_105"><span class="label">[105]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;berzwergs</em>, quer.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_funfzehnte_Capitel">Das f&uuml;nfzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben
-einander versprochen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen w&auml;re,
-so h&auml;tte ich damals meine Sach anders anstellen und auf einen
-ehrlichern Weg richten k&ouml;nnen, dann meine angenommene Mutter
-mit noch zweien von meinen Pferden und etwas an baarem
-Geld erkundigt mich und gab mir den Rath, ich solte mich
-aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder auf meines
-Hauptmanns G&uuml;ter thun und mich im Frieden haush&auml;blich<a id="FNanchor_106_106"></a><a href="#Footnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a>
-und geruhlich ern&auml;hren. Aber ich lie&szlig;e meiner unbesonnenen
-Jugend weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je
-toller das Bier gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte.
-Ich und gedachte meine Mutter hielten sich bei einem Marquetenter
-unter demjenigen Regiment, darunter mein Mann,
-der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man mich
-seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, da&szlig; ich
-wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen h&auml;tte,
-wann wir geruhig gewest und irgends in einem Quartier gelegen
-w&auml;ren. Aber dieweil unsere Kriegsmacht von 20000
-Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell auf Italia marschierte
-und durch Graub&uuml;nden, das viel Verhinderungen gemacht,
-brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige<a id="FNanchor_107_107"></a><a href="#Footnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a> an das Freien,
-und dannenhero verbliebe ich auch desto l&auml;nger eine Wittib.
-Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst
-ihr Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst
-mir extra oder neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten
-sie mich vor viel zu ehrlich, weil ich mich bei meinem vorigen
-Mann gehalten, da&szlig; mich m&auml;nniglich vor ehrlicher hielte, als
-ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer langwierigen Fasten
-wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige Musquetier,
-so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden Reutern
-gehabt, zu H&uuml;lfe kommen, dergestalt an mir vergafft und
-vernarret, da&szlig; er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern
- <span class="pagenum"><a id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-mir manchen Trab schenkte<a id="FNanchor_108_108"></a><a href="#Footnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a>, wann er nur Zeit haben und
-abkommen konte. Ich sahe wol, was mit ihm umgieng und
-wo ihn der Schuch druckte; weil er aber die Courage nicht
-hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken, war bei mir
-die Verachtung so gro&szlig; als das Mitleiden. Doch &auml;nderte ich
-nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte,
-eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb
-und Hantierung betrachtete und t&auml;glich vor Augen sahe,
-was ihm immerzu vor Gewinn zugieng, und da&szlig; hingegen
-mancher braver Officier mit dem Schmalhansen Tafel halten
-muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie ich auch eine solche
-Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen m&ouml;chte. Ich
-machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Verm&ouml;gen
-und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantit&auml;t
-Goldst&uuml;cker in meiner Brust vern&auml;het wuste, gar wol bastant<a id="FNanchor_109_109"></a><a href="#Footnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a>
-zu sein. Nur die Ehr oder Schand lag mir noch im Weg,
-da&szlig; ich n&auml;mlich aus einer Hauptm&auml;nnin eine Marquetenterin
-werden solte. Als ich mich aber erinnerte, da&szlig; ich damals
-keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden w&uuml;rde,
-sihe, da war der W&uuml;rfel schon geworfen, und ich fieng bereits
-an, in meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen
-und &auml;rger zu schinden und zu schachern, als ein Jud
-von 50 oder 60 Jahren thun mag.</p>
-
-<p>Eben um diese Zeit, als wir n&auml;mlich mit unserem dreifachen
-kaiserlichen Heer &uuml;ber die Alpes oder das hohe Geb&uuml;rg
-in Italiam gelangt, war es mit meines Galanen Liebe aufs
-h&ouml;chste kommen, ohne da&szlig; er noch das geringste Wort darvon
-mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem Vorwand,
-ein Ma&szlig; Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und
-sahe so bleich und trostlos aus, als wann er k&uuml;rzlich ein Kind
-bekommen und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt
-oder gew&uuml;st h&auml;tte. Seine traurige Blick und seine sehnliche
-Seufzer waren seine beste Sprach, die er mit mir redet, und
-da ich ihn um sein Anliegen fragte, erk&uuml;hnete er gleichwol
-also zu antworten: &raquo;Ach, meine allerliebste Frau Hauptm&auml;nnin
-(dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr mein
-Anliegen erz&auml;hlen solte, so w&uuml;rde ich sie entweder erz&ouml;rnen, da&szlig;
-sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt<a id="FNanchor_110_110"></a><a href="#Footnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a> und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-mich in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr w&uuml;rdigt; oder
-ich w&uuml;rde einen Verweis meines Frevels von ihr empfangen,
-deren eins von diesen beiden genugsam w&auml;re, mich dem Tod
-vollends aufzuopfern.&laquo;</p>
-
-<p>Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet:
-&raquo;Wann euch deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein
-jedes davon erquicken. Und weil ich euch dessentwegen verbunden
-bin, da&szlig; ihr mich, als wir in den Vierlanden zwischen
-Hamburg und L&uuml;beck lagen, von meinen Ehrensch&auml;ndern errettet,
-so g&ouml;nne ich euch herzlich gern, da&szlig; ihr euch gesund und
-satt an mir sehen m&ouml;get.&laquo; &raquo;Ach, mein hochgeehrte Frau&laquo;,
-antwortet er, &raquo;es befindet sich hierin ganz das Widerspiel;
-dann da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine
-Krankheit an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann
-ich sie nicht mehr sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer
-Zustand, der mir zum Recompens widerfahren, dieweil
-ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer Gef&auml;hrlichkeit errettete.&laquo;</p>
-
-<p>Ich sagte, so m&uuml;ste ich einer gro&szlig;en Untreu zu beschuldigen
-sein, wann ich dergestalt Gutes mit B&ouml;sem vergolten h&auml;tte.</p>
-
-<p>&raquo;Das sag ich nicht&laquo;, antwortet mein Musquetierer. Ich
-replicirte: &raquo;Was habt ihr dann zu klagen?&laquo; &raquo;Ueber mich,
-&uuml;ber meine Ungl&uuml;ckseligkeit&laquo;, antwortet er, &raquo;und &uuml;ber meine
-Verh&auml;ngnus oder vielleicht &uuml;ber meinen Vorwitz, &uuml;ber meine
-Einbildung oder ich wei&szlig; selbst nicht &uuml;ber was. Ich kan nicht
-sagen, da&szlig; die Frau Hauptm&auml;nnin undankbar sei, dann um
-der geringen M&uuml;he willen, die ich anlegte, als ich den noch
-lebenden Reuter verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich
-dessen Verlassenschaft genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau
-zuvor des Lebens hochr&uuml;hmlich beraubte, damit er sie ihrer
-Ehr nicht sch&auml;ndlich berauben solte. Meine Frau Gebieterin&laquo;,
-sagte er ferner, &raquo;ich bin in einem solchen verwirrten Stand,
-der mich so verwirret, da&szlig; ich auch weder meine Verwirrung,
-noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger
-meine Unschuld oder so etwas erl&auml;utern<a id="FNanchor_111_111"></a><a href="#Footnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> m&ouml;chte, dardurch mir
-geholfen werden k&ouml;nte. Sehet, allersch&ouml;nste Dam, ich sterbe,
-weil mir das Gl&uuml;ck und mein geringer Stand nicht g&ouml;nnet,
-ihrer Hoheit zu erweisen, wie gl&uuml;ckselig ich mich erkennete, ihr
-geringster Diener zu sein.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Ich stunde da wie eine N&auml;rrin, weil ich von einem geringen
-und noch sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander
-und, wie er selbst sagte, aus einem verwirrten Gem&uuml;th
-laufende Reden h&ouml;rete. Doch kamen sie mir vor, als
-wann sie mir nichts desto weniger einen muntern Geist und
-sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb w&uuml;rdig und
-mir nicht &uuml;bel anst&auml;ndig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei,
-mit welcher ich damals gro&szlig; schwanger gieng, rechtschaffen
-zu bedienen. Derowegen machte ichs mit dem Tropfen
-gar kurz und sagte zu ihm: &raquo;Mein Freund, ihr nennet mich f&uuml;rs
-erst euer Gebieterin, f&uuml;rs zweit euch selbst meinen Diener,
-wann ihrs nur sein k&ouml;ntet; f&uuml;rs dritt klagt ihr, da&szlig; ihr ohne
-meine Gegenwart sterben m&uuml;st. Daraus nun erkenne ich eine
-gro&szlig;e Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir
-nur, wormit ich solche Liebe erwidern m&ouml;ge; dann ich will
-gegen einen solchen, der mich von meinen Ehrensch&auml;ndern errettet,
-nicht undankbar erfunden werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mit Gegenlieb&laquo;, sagte mein Galan; &raquo;und wann ich dann
-w&uuml;rdig w&auml;re, so wolte ich mich vor den allergl&uuml;ckseligsten Menschen
-in der ganzen Welt sch&auml;tzen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich antwortet: &raquo;Ihr habt allererst selbst bekennet, da&szlig; euer
-Stand zu gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein w&uuml;nschet,
-und was ihr gegen mir mit weitl&auml;ufigen Worten weiters
-zu verstehen gegeben habt. Was Raths aber, damit euch geholfen
-und ich von aller Bez&uuml;chtigung der Undankbarkeit und
-Untreu, ihr aber euers Leidens ent&uuml;brigt werden m&ouml;chtet?&laquo;</p>
-
-<p>Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal
-er mich mehr vor eine G&ouml;ttin als vor eine irdische Creatur
-halte, von deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des
-Todes oder des Lebens, die Servitut oder Freiheit, ja alles
-gern annehmen wolte, was mir nur zu befehlen beliebte. Und
-solches bezeugte er mit solchen Geberden, da&szlig; ich wol erachten
-konte, ich h&auml;tte einen Narren am Strick, der eher in seiner
-Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen<a id="FNanchor_112_112"></a><a href="#Footnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a>, als in seiner Libert&auml;t
-ohne mich leben w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde
-zu fischen, dieweil das Wasser tr&uuml;b war; und warum wolte
-ichs nicht gethan haben, da doch der Teufel selbst diejenige,
-die er in solchem Stand findet, wie sich mein Leffler befande,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-vollends in seine Netze zu bringen unterstehet? Ich sage di&szlig;
-nicht, da&szlig; ein ehrlicher Christenmensch, den Werken dieses seines
-abgefeimten b&ouml;sen Feindes zu folgen an mir ein Exempel
-nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern da&szlig;
-Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne,
-sehe, was er vor eine Dame an mir geliebt. Und h&ouml;re nur
-zu, Simplex, so wirst du erfahren, da&szlig; ich dir dasjenige St&uuml;cklein,
-so du mir im Sauerbrunnen erwiesen, dergestalt wieder
-eingetr&auml;nkt, da&szlig; du vor ein Pfund, so du ausgeben, wieder
-ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen brachte
-ich so weit, da&szlig; er mir folgende Puncten eingieng und zu
-halten versprach.</p>
-
-<p>Erstlich solte er sich von seinem Regiment losw&uuml;rken, weil
-er anderer Gestalt mein Diener nicht sein k&ouml;nte, ich aber keine
-Musquetiererin sein m&ouml;chte.</p>
-
-<p>Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie
-ein anderer Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu
-erweisen pflege, eben desgleichen zu thun schuldig sein, und ich
-ihme hinwiederum.</p>
-
-<p>Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen
-Kirchen nicht ehe best&auml;tigt werden, ich bef&auml;nde mich dann zuvor
-von ihm befruchtet.</p>
-
-<p>Bi&szlig; dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein
-&uuml;ber die Nahrung, sondern auch &uuml;ber meinen Leib, ja auch
-&uuml;ber meinen Serviteur selbsten haben und behalten, in aller
-Ma&szlig; und Form, wie sonst ein Mann das Gebiet<a id="FNanchor_113_113"></a><a href="#Footnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> &uuml;ber sein
-Weib habe.</p>
-
-<p>Kraft dessen solte er f&uuml;nftens nicht Macht haben, mich zu
-verhindern noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen,
-wann ich mit andern Mannsbildern conversire oder etwas
-dergleichen unterst&uuml;nde, das sonst Ehem&auml;nner zum Eifern<a id="FNanchor_114_114"></a><a href="#Footnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a> verursachte.</p>
-
-<p>Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin
-abzugeben, solte er zwar in solchem Gesch&auml;fte das Haupt sein
-und der Handelschaft wie ein getreuer und flei&szlig;iger Hauswirth
-so Tags, so Nachts emsig vorstehen, mir aber das Obercommando,
-sonderlich &uuml;ber das Geld und ihn selbsten lassen und
-gehorsamlich gedulden, ja &auml;ndern und verbessern, wann ich ihme
-wegen einiger seiner Saumsal corrigirn w&uuml;rde; in Summa er
- <span class="pagenum"><a id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-solte von m&auml;nniglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen
-werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen
-mir obenangeregte Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen.
-Und solches alles verschrieben wir einander.</p>
-
-<p>Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern
-m&ouml;ge, solte er zum siebenden gedulden, da&szlig; ich ihn mit einem
-sonderbaren Namen nennete, welcher Nam aus den ersten W&ouml;rtern
-des Befehls genommen werden solte, wormit ich ihn das
-erste mal etwas zu thun hei&szlig;en w&uuml;rde.</p>
-
-<p class="pmb3">Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten
-geschworen, best&auml;tigte ich solches mit einem Ku&szlig;, lie&szlig;e ihn aber
-vor di&szlig;mal nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald
-sein Abscheid; ich hingegen griffe mich an und brachte unter
-einem andern Regiment zu Fu&szlig; zuwegen alles, was ein
-Marquetenter haben solte, und fieng an mit dem Judenspie&szlig;
-zu laufen<a id="FNanchor_115_115"></a><a href="#Footnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a>, als wann ich das Handwerk mein Lebtag getrieben
-h&auml;tte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_106_106"></a><a href="#FNanchor_106_106"><span class="label">[106]</span></a> <em class="gesperrt">haush&auml;blich</em>, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_107_107"></a><a href="#FNanchor_107_107"><span class="label">[107]</span></a> <em class="gesperrt">witzig</em>, verst&auml;ndig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_108_108"></a><a href="#FNanchor_108_108"><span class="label">[108]</span></a> manchen Gang um mich that.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_109_109"></a><a href="#FNanchor_109_109"><span class="label">[109]</span></a> <em class="gesperrt">bastant</em>, gen&uuml;gend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_110_110"></a><a href="#FNanchor_110_110"><span class="label">[110]</span></a> <em class="gesperrt">entzucken</em>,
-entr&uuml;cken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_111_111"></a><a href="#FNanchor_111_111"><span class="label">[111]</span></a> <em class="gesperrt">erl&auml;utern</em>, erkl&auml;ren, ausf&uuml;hrlich darstellen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_112_112"></a><a href="#FNanchor_112_112"><span class="label">[112]</span></a> <em class="gesperrt">erworgen</em>, <span class="antiqua">intr.</span> ersticken, umkommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_113_113"></a><a href="#FNanchor_113_113"><span class="label">[113]</span></a> <em class="gesperrt">Gebiet</em>, Herrschaft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_114_114"></a><a href="#FNanchor_114_114"><span class="label">[114]</span></a> <em class="gesperrt">zum Eifern</em>, zur Eifersucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_115_115"></a><a href="#FNanchor_115_115"><span class="label">[115]</span></a> <em class="gesperrt">mit dem Judenspie&szlig; laufen</em>, wuchern und schachern. Vgl. Simplicissimus,
-<span class="antiqua">II</span>, Cap. 25 (Th. <span class="antiqua">I</span>, S. 69).</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_sechzehnte_Capitel">Das sechzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.</p>
-</div>
-
-
-<p>Mein junger Mann lie&szlig;e sich trefflich wol an in allem demjenigen,
-worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte.
-So hielte er auch oben vermeldte Articul so nett und erzeigte
-sich so gehorsam, da&szlig; ich die geringste Ursach nicht hatte, mich
-&uuml;ber ihn zu beschweren. Ja, wann er mir ansehen konte, was
-mein Will war, so war er schon bereit, solchen zu vollbringen;
-dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen, da&szlig; er mit
-h&ouml;renden Ohren nit h&ouml;rete noch mit sehenden Augen nit sahe,
-was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete
-vielmehr, er h&auml;tte die allerfr&ouml;mste, getreueste, verst&auml;ndigste und
-keuscheste Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine
-angenommene Mutter, die er meinetwegen auch in gro&szlig;en Ehren
-hielte, trefflich zu helfen wuste. Diese war viel listiger als
-eine F&uuml;chsin, viel geiziger<a id="FNanchor_116_116"></a><a href="#Footnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> als eine W&ouml;lfin, und ich kan nicht
- <span class="pagenum"><a id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-sagen, ob sie in der Kunst Geld zu gewinnen oder zu kupplen
-am vortrefflichsten gewesen sei. Wann ich ein los St&uuml;cklein
-in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich mich um etwas
-scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig angesehen
-sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit
-soviel als versichert, da&szlig; mein Verlangen ins Werk gestellt
-w&uuml;rde; dann ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser
-Colossi Schenkel auseinander gespannet, zwischen welchen die
-gr&ouml;ste Schiff ohne Segelstreichung durchpassiren k&ouml;nnen. Einmal
-hatte ich gro&szlig;e Begierden, eines Jungen von Adel theilhaftig
-zu sein, der selbiger Zeit noch F&auml;hndrich war und mir seine
-Liebe vorl&auml;ngstens zu verstehen gegeben. Wir hatten eben damals,
-als mich diese Lust ankam, das L&auml;ger bei einem Flecken
-geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk
-um Holz und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng
-beim Wagen herum nisteln<a id="FNanchor_117_117"></a><a href="#Footnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a>, als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen
-und die Pferd zun&auml;chst bei uns zu andern auf die
-Weid laufen lassen. Weil ich nun mein Anliegen meiner
-Mutter er&ouml;ffnet, schaffte sie mir denselben F&auml;hndrich, wiewol
-zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war das erste
-Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob
-er Geld h&auml;tte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte,
-ich fragte allbereit um <span class="antiqua">s. v.</span><a id="FNanchor_118_118"></a><a href="#Footnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a> den Hurenlohn, sagte ich zu
-meinem Marquetenter: &raquo;Spring ins Feld und fange unsern
-Schecken! Der Herr F&auml;hndrich wolte ihn gern bereuten und
-uns denselben abhandlen und gleich baar bezahlen.&laquo;</p>
-
-<p>Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng,
-meinen ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte
-Schildwacht, dieweil wir den Kauf miteinander machten und
-auch einander ritterlich bezahlten. Demnach sich aber das Pferd
-nicht von meinem Marquetenter so leichtlich wie seine Marquetenterin
-vom F&auml;hndrich fangen lassen wolte, kam er ganz erm&uuml;det
-wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der F&auml;hndrich
-wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten halber
-hat besagter F&auml;hndrich nachgehends ein Lied gemacht, &raquo;der Scheck&laquo;<a id="FNanchor_119_119"></a><a href="#Footnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a>
-genant, anfahend: &raquo;Ach was f&uuml;r unaussprechliche Pein &amp;c.&laquo;,
-mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche
- <span class="pagenum"><a id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-Jahr geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung
-hatte. Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft
-unserer Heuratsnotul<a id="FNanchor_120_120"></a><a href="#Footnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> den Namen Springinsfeld, und di&szlig; ist
-eben der Springinsfeld, den du, Simplicissime, in deiner
-Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten Kerl r&uuml;hmest.
-Du must auch wissen, da&szlig; er alle diejenige St&uuml;cklein, die er
-und du beides in Westphalen und zu Philippsburg ver&uuml;bet,
-und sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von
-mir und meiner Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm
-paaret, war er einf&auml;ltiger als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter
-von uns, als ein Luchs und Kernessig<a id="FNanchor_121_121"></a><a href="#Footnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a> sein mag.</p>
-
-<p>Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine
-Wissenschaften nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir
-das Lehrgeld zuvor genug bezahlen m&uuml;ssen. Einsmals da er
-noch in seiner ersten Einfalt war, discurirten er, ich und meine
-Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, und er entbl&ouml;dete
-sich<a id="FNanchor_122_122"></a><a href="#Footnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> zu r&uuml;hmen, da&szlig; ihn kein Weibsbild betr&uuml;gen solte,
-sie w&auml;re auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er
-nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also
-bedauchte mich hingegen, solches w&auml;re meiner und aller verst&auml;ndigen
-Weiber Dexterit&auml;t viel zu nahe und nachtheilig geredet,
-sagte ihm derowegen unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor
-der Morgensuppe betr&uuml;gen k&ouml;nnen, wann ichs nur thun wolte.
-Er hingegen verma&szlig; sich zu sagen, wann ich solches k&ouml;nte, so
-wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein, und trutzte<a id="FNanchor_123_123"></a><a href="#Footnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a>
-mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht unterst&uuml;nde,
-doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar
-keinen Betrug von den neunen bei ihm anbr&auml;chte, da&szlig; ich mich
-alsdann zur Kirchen f&uuml;hren und mit ihm ehrlich copuliren
-lassen solte. Nachdem wir nun solcher Gestalt der Wettung
-eins worden, kam ich des Morgens fr&uuml;he mit der Suppensch&uuml;ssel,
-darin das Brod lag, und hatte in der andern Hand
-das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir
-das Messer ein wenig sch&auml;rfen, damit ich die Suppe einschneiden
-k&ouml;nte. Er nahm Messer und Stein von mir; weil er
-aber kein Wasser hatte, leckte er den Wetzstein mit der Zunge,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte ich: &raquo;Nun, das walt
-Gott! das ist schon zwei mal.&laquo;</p>
-
-<p>Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine.
-Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer
-gestrigen Wettung nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet:
-&raquo;ja&laquo;, und fragte, ob und womit ich ihn dann schon betrogen.
-Ich antwortet: &raquo;Erstlich machte ich das Messer stumpf, damit
-du es wieder sch&auml;rfer wetzen m&uuml;stest; zweitens zog ich den
-Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst, und
-gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Oho!&laquo; sagte er, &raquo;ists um diese Zeit<a id="FNanchor_124_124"></a><a href="#Footnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a>, so schweig nur still
-und h&ouml;re auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die
-restirende Mal nit zu erfahren.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen.
-Bei Nacht, wann ich sonst nichts Bessers hatte, war
-er mein Mann, bei Tag mein Knecht, und wann es die Leute
-sahen, mein Herr und Meister &uuml;berall. Er konte sich auch so
-artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, da&szlig; ich
-mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann h&auml;tte w&uuml;nschen
-m&ouml;gen, und ich h&auml;tte ihn auch mehr als gern geehlicht,
-wann ich nicht besorget, er w&uuml;rde dadurch den Zaum des Gehorsams
-verlieren und in Behauptung der billichen Oberherrlichkeit,
-die ihm alsdann geb&uuml;hren w&uuml;rde, mir hundertf&auml;ltig
-wiederum eintr&auml;nken, was ich ihm etwan ohnverehlicht zuwider
-gethan und er ohne Zweifel mit gro&szlig;em Verdru&szlig; zuzeiten verschmerzen
-m&uuml;ssen. Indessen lebten wir bei und mit einander
-so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein
-Mutter versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner
-Statt, ich den Stand einer sch&ouml;nen K&ouml;chin oder Kellerin, die
-ein Wirth darum auf der Streu h&auml;lt, damit er viel G&auml;st bekommen
-m&ouml;ge; mein Springinsfeld aber war Herr und Knecht
-und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er muste
-mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst
-war ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen
-ich mehr hielte als mancher Hauptmann; dann wir hatten
-liederliche Commi&szlig;metzger bei dem Regiment, welche lieber
-Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt waren; darum
-drang ich mich durch Schmiralia<a id="FNanchor_125_125"></a><a href="#Footnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a> in ihre Profession und hielte
- <span class="pagenum"><a id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-zween Metzgerknecht vor einen, also da&szlig; ich das Pr&auml; allein
-behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem
-jeden Gast, er w&auml;re auch herkommen, woher er immer wolte,
-mit einem St&uuml;ck von allerhand Gattung Fleisch zu H&uuml;lf kommen
-konte, ob er es gleich rohe, gesotten, gebraten oder lebendig
-haben wollen. Gieng es dann an ein Stehlen, Rauben
-und Pl&uuml;ndern, wie es dann in dem vollen und reichen Italia
-treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld samt
-meinem Gesind ihre H&auml;lse daran wagen, etwas einzuholen,
-sondern die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben,
-die sie in Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich
-dergestalt gegen dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den
-Freunden aber im Lager und in den Quartiern mit dem
-Judenspie&szlig; fochte, auch wo man mir in aller Freundlichkeit
-offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste, wuchse
-mein Beutel so gro&szlig; darvon, da&szlig; ich beinahe alle Monat einen
-Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu &uuml;bermachen hatte,
-und litte samt den Meinigen doch niemals keinen Mangel;
-dann ich beflisse mich dahin, da&szlig; mein Mutter, mein Springinsfeld,
-mein &uuml;brig Gesind und vornehmlich meine Pferde zu
-jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und F&uuml;tterung hatten, und
-h&auml;tte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und Tag
-und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen.
-Hingegen aber musten sie sich auch beflei&szlig;en, einzutragen und
-in solcher Arbeit weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten
-sie Hals und Kopf dar&uuml;ber verloren haben.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_116_116"></a><a href="#FNanchor_116_116"><span class="label">[116]</span></a> <em class="gesperrt">geizig</em>, gierig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_117_117"></a><a href="#FNanchor_117_117"><span class="label">[117]</span></a> <em class="gesperrt">nisteln</em>, nesteln, festbinden, schn&uuml;ren, sonst auch im Allgemeinen: sich zu
-schaffen machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_118_118"></a><a href="#FNanchor_118_118"><span class="label">[118]</span></a> <span class="antiqua">s. v. salva venia.</span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_119_119"></a><a href="#FNanchor_119_119"><span class="label">[119]</span></a> Grimmelshausen meint sicher ein
-damals verbreitetes Schelmenlied, das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_120_120"></a><a href="#FNanchor_120_120"><span class="label">[120]</span></a> <em class="gesperrt">Heuratsnotul</em>, Ehecontract.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_121_121"></a><a href="#FNanchor_121_121"><span class="label">[121]</span></a> <em class="gesperrt">Kernessig</em>, <em class="gesperrt">ausgestochener
-Essig</em>, ein ausgemachter Schelm. Vgl. Simplicissimus, <span class="antiqua">I</span>, Cap. 18 (Th. <span class="antiqua">I</span>,
-S. 77).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_122_122"></a><a href="#FNanchor_122_122"><span class="label">[122]</span></a> <em class="gesperrt">sich entbl&ouml;den</em>, (die Bl&ouml;digkeit ablegen) sich erdreisten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_123_123"></a><a href="#FNanchor_123_123"><span class="label">[123]</span></a> <em class="gesperrt">trutzen</em>, <span class="antiqua">trans.</span> Trotz bieten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_124_124"></a><a href="#FNanchor_124_124"><span class="label">[124]</span></a> <em class="gesperrt">Ists um diese Zeit</em>, verh&auml;lt es sich so.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_125_125"></a><a href="#FNanchor_125_125"><span class="label">[125]</span></a> <em class="gesperrt">Schmiralia</em>, von schmieren, Bestechungen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_siebzehnte_Capitel">Das siebzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was der Courage vor ein l&auml;cherlicher Po&szlig; wiederfuhre, und wie
-sie sich deswegen wieder r&auml;chete.</p>
-</div>
-
-
-<p>Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden
-Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du
-vielleicht deinem Knan noch der Schwein h&uuml;tetest und ehe du
-geschickt genug warest, anderer Leute Narr zu sein, und hast
-dir doch einbilden d&ouml;rfen, du habest mich im Saurbrunnen betrogen.
-Nach der ersten Mantuanischen Bel&auml;gerung bekamen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-wir unser Winterquartier in einem lustigen St&auml;dtlein, allwo
-es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng
-kein Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage
-fand, und wo sie sich einstellete, da galten die itali&auml;nische Putani<a id="FNanchor_126_126"></a><a href="#Footnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a>
-wol nichts, dann bei den Itali&auml;nern war ich Wildbret
-und etwas Fremds, bei den Teutschen konte ich die Sprach,
-und gegen beiden Nationen war ich viel zu freundlich, darneben
-noch trefflich sch&ouml;n; so war ich auch nicht so gar hoff&auml;rtig und
-theuer, und hatte sich niemands keines Betrugs von mir zu besorgen,
-von dem aber die Itali&auml;nerinnen dichte voll staken.
-Solche meine Beschaffenheiten verursachten, da&szlig; ich den welschen
-Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verlie&szlig;en und
-mich hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Gebl&uuml;t
-gegen mir setzte. Einsmals lude mich ein vornehmer Herr
-zum Nachtessen, der zuvor die ber&uuml;hmteste Putana bedient, sie
-aber auch meinetwegen verlassen hatte. Solches Fleisch gedachte
-mir jene wiederum zu entziehen und brachte mir derowegen
-wiederum durch eine K&uuml;rschnerin bei demselben Nachtimbi&szlig;
-etwas bei, davon sich mein Bauch bl&auml;hete, als ob er h&auml;tte
-zerspringen wollen; ja die Leibsd&uuml;nste dr&auml;ngten mich dergestalt,
-da&szlig; sie endlich den Ausgang mit Gewalt &ouml;ffneten und eine
-solche liebliche Stimm &uuml;ber Tafel h&ouml;ren lie&szlig;en, da&szlig; ich mich
-deren sch&auml;men muste. Und sobald sie die Th&uuml;r einmal gefunden,
-passierten sie mit einer solchen Ungest&uuml;m nach einander
-heraus, da&szlig; es daher donnerte, als ob etliche Regimenter eine
-Salve geben h&auml;tten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch
-aufstunde, um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung
-allererst rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir
-aufs wenigst einer oder zehen, wiewol sie so geschwind auf
-einander folgten, da&szlig; sie niemand z&auml;hlen konte. Und ich
-glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der Geb&uuml;hr nach
-fein ordentlich austheilen k&ouml;nnen, da&szlig; ich zwo ganzer geschlagener
-Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich
-darmit h&auml;tte verrichten m&ouml;gen. Es w&auml;hrete aber ungef&auml;hr nur
-eine halbe Stund, in welcher Zeit beides G&auml;st und Aufwarter
-mehr Qual von dem Lachen, als ich von dem continuirlichen
-Trompeten erlitten.</p>
-
-<p>Diesen Possen rechnete ich mir vor einen gro&szlig;en Schimpf
-und wolte vor Scham und Unmuth ausrei&szlig;en; eben also th&auml;t
- <span class="pagenum"><a id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-auch mein Gastherr, als der mich zu etwas anders, als diese
-sch&ouml;ne Music zu halten, zu sich kommen lassen, hoch und theuer
-schwerend, da&szlig; er diesen Affront r&auml;chen wolte, wann er nur
-erfahren k&ouml;nte, durch was vor Pfefferk&ouml;rner- und Ameiseneier-K&ouml;ch<a id="FNanchor_127_127"></a><a href="#Footnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a>
-diese Harmonia angestimmt worden w&auml;re. Weil ich aber
-daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel
-angestellt, sihe, so sa&szlig;e ich dort zu protzen, als wann ich mit
-den blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles h&auml;tte
-t&ouml;dten wollen, bi&szlig; ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr,
-da&szlig; obengedachte K&uuml;rschnerin damit umgehen k&ouml;nte, und weil
-er sie unten im Hause gesehen, m&uuml;ste er gedenken, da&szlig; sie
-irgends von einer eifers&uuml;chtigen Damen gedinget worden, mich
-einem oder andern Cavalier durch diesen Possen zu verleiden;
-ma&szlig;en man von ihr w&uuml;ste, da&szlig; sie eben dergleichen einem
-reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner
-Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen
-Leute Gegenwart h&ouml;ren lassen. Darauf gab ich mich
-zufrieden und bedachte mich auf eine schleunige Rach, die ich
-aber weder offentlich noch grausam ins Werk setzen dorfte, weil
-wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das Land dem Feind
-abgenommen) gute Ordre halten musten.</p>
-
-<p>Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, da&szlig; es n&auml;mlich
-nit anders hergangen, als wie obengedachter Tischgeno&szlig; geargwohnet,
-als erkundigt ich derjenigen Damen, die mir den Possen
-hatt zugerichtet, Handel und Wandel, Thun und Lassen auf
-das genaueste, als ich immer konte. Und als mir ein Fenster
-gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr wolten,
-Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden
-Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders
-meiner noch f&uuml;rderhin genie&szlig;en, die Rach zu vollziehen versprechen,
-und zwar auf solche und kein andere Weis, als wie
-ich ihnen vorschriebe; dann mich d&auml;uchte, es w&auml;re billich, weil
-sie mich nur mit dem Dunst vexirt, da&szlig; ich sie mit nichts
-anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und solches
-geschahe folgender Gestalt. Ich lie&szlig;e eine rinderne Blasen mit
-dem &auml;rgsten Unrath f&uuml;llen, der in den untersichgehenden Caminen
-durch M. Asmussen<a id="FNanchor_128_128"></a><a href="#Footnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a>, deren S&auml;uberern, zu finden.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-Solche ward an eine Stange oder Schwinggerten, damit man
-die N&uuml;&szlig; herunter schl&auml;gt oder die Rauchcamin zu s&auml;ubern
-pflegt, angebunden und von dem einen bei finsterer Nacht, als
-der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an ihrem gew&ouml;hnlichen
-Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das
-Angesicht geschlagen, da&szlig; die Blase zersprang und ihr der
-Speck beides Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt
-allen Zierden und Kleinodien besudelte, nach welchem Streich
-sowol der Leffler als Executor darvon liefen und die Hur am
-Fenster lamentiren lie&szlig;en, so lang sie wolte. Die K&uuml;rschnerin
-bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar, und
-solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen
-zu halten, als wann er sie von dem g&uuml;ldenen Widderfell
-aus der Insul Colchis abgeschoren h&auml;tte, so gar da&szlig; er auch
-kein Abschr&ouml;tlin von dem Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung
-kommen lie&szlig;e, es w&auml;re gleich vom Biber, Hasen oder dem Lamm
-gewesen, er h&auml;tte solches dann zuvor seiner Haar oder Woll
-blutt<a id="FNanchor_129_129"></a><a href="#Footnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so ein
-paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld
-darum, welches ihm auch etwas zu br&ouml;slen<a id="FNanchor_130_130"></a><a href="#Footnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a> ins Haus verschaffte;
-und wann es gleich langsam und gering kam, so kam
-es doch wol zu seiner Zeit. Solches wurde ich von einem
-andern K&uuml;rschner innen, der mir denselben Winter einen Pelz
-f&uuml;tterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll und
-Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser<a id="FNanchor_131_131"></a><a href="#Footnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a>
-daraus. Als solche fertig oder, besser zu erl&auml;utern, als mit
-ihrer Materi wie der Quacksalber ihre B&uuml;chslin versehen oder
-besalbet waren, lie&szlig;e ich sie einem von meinen Jungen dem
-K&uuml;rschner unten um sein Secret herum streuen, als welches
-ziemlich weit hinaus offen stunde. Da nun der erbsenz&auml;hlerische
-Haushalter diese Klumpen Haar und Woll sonder<a id="FNanchor_132_132"></a><a href="#Footnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a> liegen sahe
-und sie vor die seinige hielte, konte er sich nicht anderst einbilden,
-als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt und zu
-Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern,
-gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset
-und verloren h&auml;tte, und weil sie ja so best&auml;ndig als
-eine Hex leugnete und noch darzu trutzige Wort gab, schlug
-er sie so lederweich, als gelind er sonst anderer wilder und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-bissiger Thieren Felle bereiten konte, der heimischen Katzenb&auml;lg
-zu geschweigen, welches mich so wol contentirte, da&szlig; ich keinen
-Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte.</p>
-
-<p class="pmb3">Nun war der Apotheker noch &uuml;brig, der meines Vermuthens
-das Recept verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein
-so variable Stimme erheben m&uuml;ssen; dann er hielte Singv&ouml;gel,
-die solche Sachen zur Speise genossen, so die W&uuml;rkungen haben
-sollen, einen L&auml;rmen zu erregen, wie ich allererst einen erz&auml;hlet.
-Weil er aber bei hohen und niedern Officiern wol dran
-war, zumaln wir ihn t&auml;glich bei unseren Kranken, die den itali&auml;nischen
-Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten,
-ich auch selbst zu sorgen, ich m&ouml;chte ihm etwan heut oder
-morgen in die Kur kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich
-an ihn reiben; gleichwol wolte und konte ich so viel Luftkerls,
-die zwar vorl&auml;ngst wieder in der Luft zerstoben waren, ohngerochen
-nicht verdauen, obwol sie auch andere riechen musten,
-da gleichwol sie selbst schon verdauet waren. Er hatte einen
-kleinen gew&ouml;lbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin er
-allerhand Waar enthielte<a id="FNanchor_133_133"></a><a href="#Footnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a>, die zu ihrer Aufenthaltung<a id="FNanchor_134_134"></a><a href="#Footnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a> einen
-solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus
-dem R&ouml;hrbrunnen, der auf dem Platz zun&auml;chst dabei stunde,
-durch einen langen Ochsendarm, den ich am Brunnenr&ouml;hrn
-anbande, mit dem andern Ende aber zum Kellerloch hinein
-henken und also das Brunnenwasser die ganze lange Winternacht
-so ordentlich hineinlaufen lie&szlig;e, da&szlig; der Keller am Morgen geschwappelt
-voll Wasser war. Da schwammen etliche F&auml;&szlig;lein
-Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war; was
-aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser,
-zu verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder
-hinweg nehmen lie&szlig;e, vermeinte jederman des Morgens, es
-w&auml;re entweder im Keller eine Quell entsprungen, oder dieser
-Posse seie dem Apotheker durch Zauberei zugerichtet worden.
-Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so wol ausgerichtet,
-lachte ich in die F&auml;uste, als der Apotheker um seine
-verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund,
-da&szlig; der Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen,
-dann sonst h&auml;tten mich die unn&uuml;tze Bursch ohne Zweifel die
-Generalfarzerin genant, weil ichs besser als andere gek&ouml;nt.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_126_126"></a><a href="#FNanchor_126_126"><span class="label">[126]</span></a> <em class="gesperrt">Putani</em>, ital. <span class="antiqua">puttane</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_127_127"></a><a href="#FNanchor_127_127"><span class="label">[127]</span></a> Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's &raquo;Ewigw&auml;hrendem Calender&laquo;
-empfohlen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_128_128"></a><a href="#FNanchor_128_128"><span class="label">[128]</span></a> In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erkl&auml;ren
-mag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_129_129"></a><a href="#FNanchor_129_129"><span class="label">[129]</span></a> <em class="gesperrt">blutt</em>, mhd. <span class="antiqua">blut</span>, leer, blo&szlig;, rein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_130_130"></a><a href="#FNanchor_130_130"><span class="label">[130]</span></a> <em class="gesperrt">br&ouml;slen</em>, brocken, einbrocken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_131_131"></a><a href="#FNanchor_131_131"><span class="label">[131]</span></a> <em class="gesperrt">Schermesser</em>, sehr uneigentlich so genannt, vgl. Simplicissimus, <span class="antiqua">IV</span>, 11.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_132_132"></a><a href="#FNanchor_132_132"><span class="label">[132]</span></a> <em class="gesperrt">sonder</em>, einzeln, zerstreut.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_133_133"></a><a href="#FNanchor_133_133"><span class="label">[133]</span></a> <em class="gesperrt">enthalten</em>, aufbewahren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_134_134"></a><a href="#FNanchor_134_134"><span class="label">[134]</span></a> <em class="gesperrt">Aufenthaltung</em>, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_achtzehnte_Capitel">Das achtzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Gar zu &uuml;bermachte<a id="FNanchor_135_135"></a><a href="#Footnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a> Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage.</p>
-</div>
-
-
-<p>Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng,
-th&auml;t mir so sanft, da&szlig; ich dessen je l&auml;nger je mehr begehrte;
-und gleich wie es mir allbereit eines Dings war, ob es mit
-Ehren oder Unehren geschehe, also fieng ichs auch an nicht zu
-achten, ob es mit Gottes oder des Mammons H&uuml;lf besser prosequirt
-werden m&ouml;chte. Einmal<a id="FNanchor_136_136"></a><a href="#Footnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> es galte mir endlich gleich,
-mit was f&uuml;r V&ouml;rtheilen, mit was f&uuml;r Griffen, mit was f&uuml;r
-einem Gewissen und mit was f&uuml;r Hantierungen ich prosperirte,
-wann ich nur reich werden m&ouml;chte. Mein Springinsfeld
-muste einen Ro&szlig;t&auml;uscher abgeben, und was er nit wuste, das
-must er von mir lernen, in welcher Profession ich mich tausenderlei
-Schelmst&uuml;cke, Diebsgriff und Betr&uuml;ge gebrauchte.
-Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, geschweige
-des Zinns, Kupfers, Get&uuml;chs<a id="FNanchor_137_137"></a><a href="#Footnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a>, der Kleidung und was es sonst
-sein m&ouml;gen, es w&auml;re gleich rechtm&auml;&szlig;ig erbeutet, geraubet oder
-gar gestohlen gewesen, war mir zu k&ouml;stlich oder zu gering, da&szlig;
-ich nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer
-nicht wuste, wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er
-h&auml;tte es gewonnen, wie er wolte, so hatte er einen sichern
-Zutritt zu mir wie zu einem Juden, die den Dieben getreuer
-sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit, selbige zu strafen.
-Dannenhero waren meine beide W&auml;gen mehr einem Materialistenkram
-gleich, als da&szlig; man nur kostbare Victualia bei mir
-h&auml;tte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum
-auch einem jedwedern Soldaten, er w&auml;re gleich hoch oder nieder
-gewest, mit demjenigen ums Geld helfen, dessen er ben&ouml;thigt
-war. Hingegen muste ich auch spendiren und schmieren, um
-mich und meine Hantierungen zu besch&uuml;tzen. Der Profo&szlig; war
-mein Vatter, seine alte M&auml;r (seine alte Frau, wolt ich sagen)
-meine Mutter, die Obristin meine gn&auml;dige Frau und der Obrist
-selbst mein gn&auml;diger Herr, welche mich alle vor allem demjenigen
-sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine
-Handelschaft einb&uuml;&szlig;en m&ouml;gen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Einsmals brachte mir ein alter H&uuml;hnerf&auml;nger, ich wolte
-sagen, so ein alter Soldat, der lang vor dem b&ouml;hmischen Unwesen
-eine Musquet getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen
-Gl&auml;slein, welches nicht recht einer Spinnen und
-auch nicht recht einem Scorpion gleich sahe. Ich hielte es vor
-keine Insect oder lebendige Creatur, weil das Glas keinen Luft
-hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben h&auml;tte erhalten
-m&ouml;gen, sondern vermeinte, es w&auml;re irgends ein Kunststuck eines
-vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch ein
-Gleichnus, ich wei&szlig; nit von was vor einer ewigw&auml;hrenden
-Bewegung vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterla&szlig; im Glas
-regte und herum grabelte. Ich sch&auml;tzte es hoch, und weil
-mirs der Alte zu verkaufen anbote, fragte ich: &raquo;Wie theuer?&laquo;</p>
-
-<p>Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch
-alsobalden darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldma&szlig; Wein
-darzu schenken. Er aber sagte, die Bezahlung seie allbereit zu
-Gen&uuml;gen geschehen, welches mich an einen solchen alten Weinbei&szlig;er
-verwunderte und verursachte, ihn zu fragen, warum er
-einen Trunk ausschl&uuml;ge, den ich doch einem jeden im Kauf
-zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, Frau Courage&laquo;, antwortet er, &raquo;es ist hiermit nicht wie
-mit anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf
-und Verkauf, verm&ouml;g dessen die Frau zusehen mag, wann sie
-di&szlig; Kleinod wieder hingibt, da&szlig; sie es n&auml;mlich wolfeiler verkaufe,
-als sie es selbsten erkauft hat.&laquo;</p>
-
-<p>Ich sagte: &raquo;So w&uuml;rde ich auf solche Weis wenig daran
-gewinnen.&laquo;</p>
-
-<p>Er antwortet: &raquo;Darum lasse ich sie sorgen. Was mich
-anbelangt, so hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in
-H&auml;nden und noch keinen Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um
-3 Kronen kauft und um 2 wieder hingeben.&laquo;</p>
-
-<p>Di&szlig; Ding war mir ein Ges&auml;g<a id="FNanchor_138_138"></a><a href="#Footnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a>, darein ich mich nicht richten
-konte oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil
-ich ein satten Rausch und<a id="FNanchor_139_139"></a><a href="#Footnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> zu gewarten hatte, ich w&uuml;rde etliche
-Abgesandte der Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine
-desto geringere Bek&uuml;mmernus, oder (lieber Leser, sag mir selbst,
-was ich sagen sol!) ich wuste nit, was ich mit dem alten
-Kracher machen solte. Er d&auml;uchte mich nicht Manns genug
-zu sein, die Courage zu betr&uuml;gen, und die Gewohnheit, da&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-mir andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas
-um ein Ducaten hingaben, das deren hundert werth war,
-machte mich so sicher, da&szlig; ich mein erkauften Schatz einsteckte.</p>
-
-<p>Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich
-meinen Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man mu&szlig;
-wissen, da&szlig; ich allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte
-mich gleich, welcher Gestalt ich das Ding kauft hatte,
-legte es derowegen zu andern meinen raren und lieben Sachen,
-als Ringen, Kleinodien und dergleichen, um solches aufzuheben,
-bi&szlig; mir etwan ein Kunstverst&auml;ndiger an die Hand k&auml;me, der
-mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich aber ungef&auml;hr<a id="FNanchor_140_140"></a><a href="#Footnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a>
-unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande ich dasselbe
-nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem Hosensack,
-welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein
-F&uuml;rwitz, zu wissen was es doch eigentlich w&auml;re, machte, da&szlig;
-ich mich flei&szlig;ig nach dessen Verk&auml;ufer umsahe, und als derselbe
-mir aufstie&szlig;e, fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben
-h&auml;tte, erz&auml;hlte ihm darneben, was vor ein Wunderwerk
-sich damit zugetragen, und bat ihn, er wolte mir doch desselben
-Wesen, Kraft, W&uuml;rkung, K&uuml;nste, und wie es umst&auml;ndlich
-damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: &raquo;Frau Courage,
-es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen,
-der ihn erkauft und bei sich hat, gro&szlig; Gl&uuml;ck zuwegen bringt.
-Er gibt zu erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft
-zu jedwederer Handelschaft genugsame Kaufleute und
-vermehret die Prosperit&auml;t. Er macht, da&szlig; sein Besitzer von
-seinen Freunden geliebt und von seinen Feinden gef&ouml;rchtet
-werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn verl&auml;&szlig;t, den
-macht er so fest als Stahl und beh&uuml;tet ihn vor Gef&auml;ngni&szlig;.
-Er gibt Gl&uuml;ck, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und
-bringt zuwegen, da&szlig; seinen Besitzer fast alle Welt lieben mu&szlig;.&laquo;</p>
-
-<p>In Summa der alte Lauer<a id="FNanchor_141_141"></a><a href="#Footnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a> schnitte mir so einen Haufen
-daher, da&szlig; ich mich gl&uuml;ckseliger zu sein dauchte als Fortunatus
-mit seinem Seckel und W&uuml;nschh&uuml;tel. Weil ich mir aber wol
-einbilden k&ouml;nnen, da&szlig; der sogenannte dienende Geist diese Gaben
-nit umsonst geben w&uuml;rde, so fragte ich den Alten, was
-ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun m&uuml;ste, dann ich h&auml;tte
-geh&ouml;ret, da&szlig; diejenige Zauberer, welche andere Leute in Gestalt
- <span class="pagenum"><a id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-eines Galgenm&auml;nnels<a id="FNanchor_142_142"></a><a href="#Footnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a> bestehlen, das sogenannte Galgenm&auml;nnel
-mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg verehren
-m&uuml;sten. Der Alte antwortet: es d&ouml;rfte des Dings hier
-gar nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen M&auml;nnel als
-mit einem solchen Ding, das ich von ihm gekauft h&auml;tte. Ich
-sagte: Es wird ohne Zweifel mein Diener und Narr nicht
-umsonst sein wollen; er solte mir nur kecklich und vertr&auml;ulich
-offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr und auch so gar ohne
-Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen Dienste ohne
-andere Verbindung und Gegendienste genie&szlig;en k&ouml;nte. &raquo;Frau
-Courage&laquo;, antwortet der Alte, &raquo;ihr w&uuml;st bereits genug, da&szlig;
-ihrs n&auml;mlich um geringern Preis hingeben solt, wann ihr
-dessen Diensten m&uuml;d seid, als ihrs selbsten erkauft habt, welches
-ich euch gleich damals, als ihr mirs abgehandelt, nicht
-verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die Frau von
-andern erfahren.&laquo; Und damit gieng der Alte seines Wegs.</p>
-
-<p>Meine b&ouml;hmische Mutter war damals mein innerster Rath,
-mein Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein
-Sabud Salomonis<a id="FNanchor_143_143"></a><a href="#Footnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a>; ihr vertrauet ich alles, und also auch
-was mir mit dem erkauften Markschatz begegnet w&auml;re. &raquo;He&laquo;,
-antwortet sie, &raquo;es ist ein Stirpitus flammiliarum, der alles
-dasjenige leistet, was euch der Verkaufer von ihm erz&auml;hlet;
-allein wer ihn hat, bi&szlig; er stirbt, der mu&szlig;, wie mir gesagt
-worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne Zweifel
-seinem Namen nach die H&ouml;ll sein wird, allwo es voller
-Feuer und Flammen sein soll. Und eben deswegen l&auml;&szlig;t er
-sich nicht anderst als je l&auml;nger je wolfeiler verkaufen, damit
-ihm endlich der letzte K&auml;ufer zu theil werden m&uuml;sse. Und ihr,
-liebe Tochter, stehet in gro&szlig;er Gefahr, weil ihr ihn zum allerletzten
-zu verkaufen habt; dann welcher Narr wird ihn von
-euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern
-eigentlich wei&szlig;, da&szlig; er seine Verdammnus von euch erhandelt?&laquo;</p>
-
-<p>Ich konte leichtlich erachten, da&szlig; mein Handel schlimm
-genug bestellt war; doch machte mein leichter Sinn, meine
-bl&uuml;hende Jugend, die Hoffnung eines langen Lebens und die
-gemeine Gottlosigkeit der Welt, da&szlig; ich alles auf die leichte
-Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst dieser H&uuml;lfe, dieses Beistands
- <span class="pagenum"><a id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
-und dieser gl&uuml;ckseligen Accantage<a id="FNanchor_144_144"></a><a href="#Footnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> genie&szlig;en, so lang
-du kanst; indessen findest du wol einen leichtfertigen Gesellen
-in der Welt, der entweder beim schweren Trunk oder aus Armuth,
-Desperation, blinder Hoffnung gro&szlig;en Gl&uuml;ckes, oder aus
-Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen
-diesen Gast wieder von dir um die Geb&uuml;hr annimmt.</p>
-
-<p>Diesem nach gebrauchte ich mich dessen H&uuml;lf in aller Ma&szlig;
-und Form, wie es mir beides von dem alten Verk&auml;ufer als
-auch meiner Kostfrauen oder angenommenen b&ouml;hmischen Mutter
-beschrieben worden. Ich versp&uuml;rte auch seine W&uuml;rkung t&auml;glich;
-dann wo ein Marquetenter ein Fa&szlig; Weins auszapfte, vertrieb
-ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal meinen Trank
-oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit aus.
-Welchen ich ansahe und w&uuml;nschte seiner zu genie&szlig;en, derselbe
-war gleich fix und fertig, mir in der allerunterth&auml;nigsten Andacht
-aufzuwarten, ja mich fast wie eine G&ouml;ttin zu ehren.
-Kam ich in ein Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder
-da&szlig; es sonsten ein Herberg oder verlassene Wohnung war,
-darin sonst niemand wohnen konte (ma&szlig;en man die Marquetenter
-und Commi&szlig;metzger in keinem Palast zu logieren pfleget),
-so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, wei&szlig; nit
-durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Sch&auml;tze zu
-finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen
-&amp;c. Hingegen kan ich nicht leugnen, da&szlig; auch etliche
-waren, die der Courage nichts nachfragten, sondern sie viel mehr
-verachten, ja verfolgten als ehreten, ohne Zweifel darum, weil
-sie von einem gr&ouml;&szlig;eren <span class="antiqua">lumen</span> erleuchtet, als ich von meinem
-<span class="antiqua">flamine</span><a id="FNanchor_145_145"></a><a href="#Footnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a> beth&ouml;rt gewesen. Solches machte mich zwar witzig
-und lernete mich durch allerhand Nachdenken philosophiren und
-betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber allbereit
-in der Gewinns&uuml;chtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern
-derma&szlig;en ertr&auml;nkt, da&szlig; ichs bleiben lie&szlig;e, wie es war, und
-nichts zum Fundament zu raumen<a id="FNanchor_146_146"></a><a href="#Footnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a> gedachte, darauf meine
-Seligkeit bestunde, wie auch noch. Di&szlig;, Simplice, sage ich
-dir zum Ueberflu&szlig;, dein Lob zu bekr&ouml;nen, weil du dich in
-deiner Lebensbeschreibung ger&uuml;hmt hast, einer Damen im Saurbrunnen
-genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal kantest.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p>Indessen wurde mein Geldhaufen je l&auml;nger je gr&ouml;&szlig;er, ja
-so gro&szlig;, da&szlig; ich mich auch bei meinem Verm&ouml;gen f&uuml;rchtete.</p>
-
-<p class="pmb3">H&ouml;re, Simplice, ich mu&szlig; dich wieder etwas erinnern.
-W&auml;rest du etwas nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen
-das Verkehren spielten, so w&auml;rest du mir weniger ins
-Netze gerathen als diejenige, die im Schutz Gottes waren, da
-ich den Spiritum familiarem hatte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_135_135"></a><a href="#FNanchor_135_135"><span class="label">[135]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;bermacht</em>, &uuml;bertrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_136_136"></a><a href="#FNanchor_136_136"><span class="label">[136]</span></a> <em class="gesperrt">einmal</em>, kurz, &uuml;berhaupt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_137_137"></a><a href="#FNanchor_137_137"><span class="label">[137]</span></a> <em class="gesperrt">Get&uuml;ch</em>, Tuchwaaren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_138_138"></a><a href="#FNanchor_138_138"><span class="label">[138]</span></a> <em class="gesperrt">Ges&auml;g</em>, Gerede.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_139_139"></a><a href="#FNanchor_139_139"><span class="label">[139]</span></a> <em class="gesperrt">und</em> fehlt in allen Ausgaben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_140_140"></a><a href="#FNanchor_140_140"><span class="label">[140]</span></a> <em class="gesperrt">ungef&auml;hr</em>, zuf&auml;llig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_141_141"></a><a href="#FNanchor_141_141"><span class="label">[141]</span></a> <em class="gesperrt">Lauer</em>, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der
-Bauer ein Lauer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_142_142"></a><a href="#FNanchor_142_142"><span class="label">[142]</span></a> Vgl. &raquo;Simplicissimi Galgenm&auml;nnlein&laquo; &amp;c. 1673 und die Einleitung zum
-&raquo;Simplicissimus&laquo;, S. <span class="antiqua">LXV</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_143_143"></a><a href="#FNanchor_143_143"><span class="label">[143]</span></a> <em class="gesperrt">Sabud Salomonis.</em> Sabud, der Sohn
-Nathan's, des Priesters, war des K&ouml;nigs Freund. 1 K&ouml;nige 4, 5.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_144_144"></a><a href="#FNanchor_144_144"><span class="label">[144]</span></a> Die Gesammtausgabe hat &raquo;abbantage&laquo;; Courage will sagen Avantage,
-Vortheil.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_145_145"></a><a href="#FNanchor_145_145"><span class="label">[145]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">flamen</span></em>, es ist wol gemeint: geistiger Hauch, geistiges Wesen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_146_146"></a><a href="#FNanchor_146_146"><span class="label">[146]</span></a> <em class="gesperrt">raumen</em>, aufr&auml;umen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege schaffen.</p></div>
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_neunzehnte_Capitel">Das neunzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, bi&szlig; er zu
-seiner Perfection kommen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice.
-Nicht nur ich gieng den obenerz&auml;hlten Weg; sondern auch mein
-Springinsfeld, den du allerdings vor deinen besten Cameraden
-und vor einen braven Kerl in deiner Lebensbeschreibung ger&uuml;hmt
-hast, muste mir auch folgen. Und was wolts gehindert
-haben oder vor ein gro&szlig;es Meerwunder gewesen sein, sintemal
-andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche M&auml;nner
-(wann ich anders M&auml;nner sagen darf, ich h&auml;tte aber schier
-fromme M&auml;nner gesagt) eben zu dergleichen losen St&uuml;cken verm&ouml;gen,
-ich will nicht sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer
-Verm&auml;hlung keinen solchen Accord eingangen, wie Springinsfeld
-gethan? H&ouml;re die Histori!</p>
-
-<p>Als wir vor dem ber&uuml;hmten Casal lagen, fuhren ich und
-Springinsfeld in eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war,
-Victualia einzukaufen und in unser L&auml;ger zu bringen. Gleichwie
-nun aber ich in dergleichen F&auml;llen nicht allein ausgieng,
-als ein Nachk&ouml;mmling der hierosolymitanischen B&uuml;rger zu
-schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau<a id="FNanchor_147_147"></a><a href="#Footnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a> meinen
-Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel
-herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder
-Jehu<a id="FNanchor_148_148"></a><a href="#Footnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a> verf&uuml;hren m&ouml;chte. Zu solchem Ende gieng ich in eine
-Kirche, weil ich mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften w&uuml;rden
-in Italia an solchen heiligen Oertern gestiftet und zu Faden
- <span class="pagenum"><a id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-geschlagen<a id="FNanchor_149_149"></a><a href="#Footnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a>, aus Ursach, da&szlig; man die sch&ouml;ne Weiber daselbsten,
-so liebesw&uuml;rdig zu sein scheinen, sonst nirgends hinkommen
-lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu stehen, mit deren
-Sch&ouml;nheit und Schmuck ich zugleich eiferte<a id="FNanchor_150_150"></a><a href="#Footnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a>, weil mich derjenige
-nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen Blick schenkte. Ich
-gestehe es, da&szlig; mich im Herzen verdro&szlig;, da&szlig; sie mir vorgezogen
-und ich vor einem Leimst&auml;ngler gegen ihr, wie ich mir
-einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdru&szlig; und da&szlig;
-ich mich zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gr&ouml;ste Andacht
-unter dem ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar
-geendigt war, stellte sich mein Springinsfeld auch ein; ich
-wei&szlig; aber darum nit warum, kan auch schwerlich glauben, da&szlig;
-ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann ich hatte ihn nicht
-darzu gew&ouml;hnet; so wars ihm auch weder angeborn noch aus
-Lesung der heiligen Schriften oder H&ouml;rung der Predigten eingepflanzt.
-Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und
-kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, da&szlig; er Achtung geben
-solte, wo gemeldte Dame ihre Wohnung h&auml;tte, damit ich des
-&uuml;beraus sch&ouml;nen Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft
-werden m&ouml;chte.</p>
-
-<p>Er th&auml;t seinem schuldigen Gehorsam gem&auml;&szlig; wie ein treuer
-Diener und hinterbrachte mir, da&szlig; sie eine vornehme Frau
-eines reichen Herrn w&auml;re, der sein Palatium an dem Markt
-stehen h&auml;tte; ich hingegen sagte ihm ausdr&uuml;cklich, da&szlig; er f&uuml;rderhin
-weder meiner Huld l&auml;nger genie&szlig;en noch meinen Leib
-einigmal mehr ber&uuml;hren solte, es w&auml;re dann Sach, da&szlig; er
-mir zuvor ihren Smaragd einh&auml;ndigte, worzu ich ihm aber
-sichere Anschl&auml;g, Mittel und Gelegenheit an die Hand geben
-wolte. Er kratzte sich zwar hinter den Ohren und entsetzte
-sich vor meinem Zumuthen als wie vor einer unm&uuml;glichen
-Sach; aber da es lang herum gieng<a id="FNanchor_151_151"></a><a href="#Footnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a>, erkl&auml;rt er sich, meinetwegen
-in Tod zu gehen.</p>
-
-<p>Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld
-gleichsam wie einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte
-auch die Art darzu, und vielleicht besser als du, w&auml;re aber
- <span class="pagenum"><a id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-nimmermehr von ihm selbsten zu einem solchen Ausbund worden,
-wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt h&auml;tte.</p>
-
-<p>Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in
-meinen Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein
-Gewehr und einen Schl&uuml;ssel brauchte, der Bauren Tr&ouml;g oder
-K&auml;sten zu &ouml;ffnen, wo ich zukommen konte. Ich lie&szlig;e denselben
-Stiel inwendig hohl drehen in gemessener Weite, da&szlig; ich entweder
-Ducaten oder eine Schiedm&uuml;nz in selbiger Gr&ouml;&szlig;e hinein
-packen m&ouml;chte; dann weil ich selbigen Hammer jederzeit bei
-mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte, oder
-ein Paar Pistolen mehr f&uuml;hren wolte, so gedachte ich ihn inwendig
-mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Gl&uuml;cks- oder
-Ungl&uuml;cksf&auml;ll, deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der
-Hand h&auml;tte. Da er fertig, probierte ich seine Weite mit
-etlichen Lutzern<a id="FNanchor_152_152"></a><a href="#Footnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a>, die ich zu mir genommen, solche um ander
-Geld zu veralieniren. Die Hohle meines Stabs hatte eben
-die Weite ihres Bezirks<a id="FNanchor_153_153"></a><a href="#Footnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a>, doch also eng und beschnitten, da&szlig;
-ich sie, die Lutzer, um etwas hinein n&ouml;thigen muste, doch bei
-weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen
-laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausf&uuml;llen,
-weil ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, da&szlig;
-wann die Lutzer gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen
-in der Hand hatte, mich des Stiels an Statt eines Steckens
-zu gebrauchen, da&szlig; zuweilen, wann ich mich darauf steuerte<a id="FNanchor_154_154"></a><a href="#Footnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a>,
-etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben klunkerten und ein
-d&uuml;nsteres<a id="FNanchor_155_155"></a><a href="#Footnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a> Geklingel machten, welches seltzam und verwunderlich
-genug lautet, weil niemand wuste, woher das Get&ouml;n r&uuml;hrete.
-Was darfs vieler weitl&auml;uftigen Beschreibung? Ich gab meinem
-Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction,
-welcher Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln
-solte.</p>
-
-<p>Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine
-Par&uuml;cke auf, wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel
-und th&auml;t zween ganzer Tag nicht anders, als da&szlig; er gegen
-der Damen Palatio hin&uuml;ber stunde und das Haus vom Fundament
-an bi&szlig; &uuml;bers Dach hinaus beschauete, gleichsam als ob
-ers h&auml;tte kaufen wollen. So hatte ich auch einen Tambour
-im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit dem
- <span class="pagenum"><a id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-man andere Essig h&auml;tte sauer machen k&ouml;nnen, der dorfte auch
-sonst im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum
-vagiren und auf meinen Springinsfeld Achtung zu geben,
-wann er etwan seiner nothwendig bed&ouml;rfte, dann der Vogel
-redete so gut itali&auml;nisch als teutsch, welches aber jener nicht
-konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier ohnn&ouml;thig zu
-nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in
-wenig Stunden alle Metalla durchfri&szlig;t und m&uuml;rb macht oder
-wol gar auch zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich
-ein stark Gegitter vor einem Kellerloch. Als nun den dritten
-Tag Springinsfeld noch nicht ablie&szlig;e, das Haus anzugaffen
-wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe, da schickte angeregte
-Dame hin und lie&szlig;e fragen um die Ursach seines continuirlichen
-Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften
-h&auml;tte. Springinsfeld hingegen lie&szlig;e bemeldten Tambour
-kommen und dolmetschen, da&szlig; ein solcher Schatz im Hause verborgen
-l&auml;ge, den er nicht allein zu erheben, sondern auch eine
-ganze Stadt damit reich zu machen getrauete. Hierauf lie&szlig;e
-die Dame beides den Springinsfeld und den Tambour zu
-sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem verborgenen
-Schatz Springinsfelds L&uuml;gen angeh&ouml;rt und gro&szlig;e
-Begierden gesch&ouml;pft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour,
-was dieser vor einer w&auml;re, ob er ein Soldat sei, und dergleichen.
-&raquo;Nein&laquo;, antwortet der Tausendschelm, &raquo;er ist ein halber
-Schwarzk&uuml;nstler, wie man sagt, und h&auml;lt sich nur zu dem Ende
-bei der Armee auf, damit er verborgene Sachen finde, hat
-auch, wie ich geh&ouml;ret, in Teutschland auf alten Schl&ouml;ssern
-ganze eiserne Tr&ouml;g und K&auml;sten voll Geld gefunden und zuwegen
-gebracht.&laquo; Im &uuml;brigen aber seie er, Springinsfeld,
-ihme, Tambour, gar nicht bekant.</p>
-
-<p>In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen<a id="FNanchor_156_156"></a><a href="#Footnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a>
-und beschlossen, da&szlig; Springinsfeld den Schatz suchen
-solte. Er begehrte zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber
-z&uuml;ndete das dritte an, welches er bei sich hatte und vermittelst
-eines messenen<a id="FNanchor_157_157"></a><a href="#Footnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a> Drahts, der durch die Kerze gieng, ausleschen
-konte, wann er wolte. Mit diesen dreien Liechtern giengen
-die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld und der Tambour
- <span class="pagenum"><a id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht
-zu Haus war, dann Springinsfeld hatte sie &uuml;berredet, wo
-der Schatz l&auml;ge, da w&uuml;rde seine Kerzen von sich selbst ausgehen.
-Da sie nun viel Winkel also processionsweis durchstrichen
-und Springinsfeld an allen Orten, da sie hingeleuchtet,
-wunderbarliche W&ouml;rter gebrummelt, kamen sie endlich in den
-Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem <span class="antiqua">A. R.</span><a id="FNanchor_158_158"></a><a href="#Footnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a> befeuchtet
-hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer,
-und indem er seine gew&ouml;hnliche Ceremonien machte, zuckte er
-sein Liecht aus.</p>
-
-<p>&raquo;Da, da&laquo;, lie&szlig;e er durch den Tambour sagen, &raquo;liegt der
-Schatz eingemauret.&laquo;</p>
-
-<p>Brummelte darauf noch etliche n&auml;rrische W&ouml;rter und schlug
-etlichmal mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die
-Lutzer nach und nach, so manchen Streich er an die Mauer
-th&auml;t, herunter rollten und ihr gew&ouml;hnliches Get&ouml;n machten.</p>
-
-<p>&raquo;H&ouml;ret ihr?&laquo; sagte er darauf, &raquo;der Schatz hat abermal verbl&uuml;het<a id="FNanchor_159_159"></a><a href="#Footnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a>,
-welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist
-zeitig und mu&szlig; ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch
-im Igel gehet, sonst wirds k&uuml;nftig vor Verflie&szlig;ung anderer
-sieben Jahr umsonst sein.&laquo;</p>
-
-<p>Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid
-geschworen h&auml;tten, das Geklingel w&auml;re in der Mauer gewesen,
-als stellten sie meinem Springinsfeld v&ouml;lligen Glauben zu,
-und die Dame begehrte an ihn, er wolte um die Geb&uuml;hr den
-Schatz erheben, wolte auch gleich um ein Gewisses mit ihm
-accordirn. Als er sich aber h&ouml;ren lie&szlig;e, er pflege in dergleichen
-F&auml;llen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was
-man ihm mit gutem Willen gebe, lie&szlig;e es die Dame auch
-dabei bewenden mit Versicherung, da&szlig; sie ihn dergestalt contentirn
-wolte, da&szlig; er damit zufrieden sein w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Demnach begehrte er 17 erlesene K&ouml;rner Weihrauch, vier
-geweihte Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen
-Diamant, einen Smaragd, einen Rubin und einen Saphir,
-welche Kleinodien ein Weibsbild beides in ihrem jungfr&auml;ulichen
-und fr&auml;ulichen Stand am Halse getragen h&auml;tte; zweitens solte
-er alleinig in den Keller geschlossen oder versperrt, und von der
-Damen selbst der Schl&uuml;ssel zur Hand genommen werden, damit
- <span class="pagenum"><a id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
-sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach versichert
-sein, als auch er, bis er den Schatz gl&uuml;cklich zur Hand
-gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben m&ouml;chte.
-Hierauf gab man ihm und dem Tambour eine Collation und
-ihme, Tambour, wegen seines Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen
-wurden die begehrte Zugeh&ouml;rungen herbeigeschafft, nach
-solchen Springinsfeld in Keller verschlossen, woraus unm&uuml;glich
-schiene, einen Kerl zu entrinnen<a id="FNanchor_160_160"></a><a href="#Footnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a>, dann das Fenster oder Tagelicht,
-so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch und
-noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret.
-Der Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir
-kam und mich allen Verlauf berichtete.</p>
-
-<p>Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit,
-darin die Leute am h&auml;rtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem
-ich das Gegitter so leicht als einen R&uuml;bschnitz hinweg
-gebrochen, lie&szlig;e ich ein Seil hinunter zu meinem Springinsfeld
-in Keller und zoge ihn daran samt aller Zugeh&ouml;r zu mir
-herauf, da ich dann auch den verlangten sch&ouml;nen Smaragd
-fande.</p>
-
-<p class="pmb3">Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das
-Schelmst&uuml;ck, welches mir so wol abgangen war. Der Tambour
-hatte sich bereits den Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht,
-mein Springinsfeld aber spazierte den Tag nach vollbrachter
-Schatzerhebung mit andern in der Stadt herum, die
-sich &uuml;ber den listigen Dieb verwunderten, eben als man unter
-den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun
-sihe, Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterit&auml;t
-durch mich zuwegen gebracht und ausge&uuml;bet worden.
-Ich erz&auml;hle dir auch dieses nur zum Exempel, dann wann ich
-dir alle Buben- und Schelmenst&uuml;ck sagen solte, die er mir zu
-Gefallen werkstellig machen m&uuml;ssen, so dorfte ich wetten, es
-w&uuml;rde mir und dir, wiewol es lustige Schosen<a id="FNanchor_161_161"></a><a href="#Footnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> seind, die Zeit
-zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie
-du deine Narrenpossen beschrieben hast, so w&uuml;rde es ein gr&ouml;&szlig;er
-und lustiger Buch abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung.
-Doch will ich dich noch ein kleines lassen h&ouml;ren.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_147_147"></a><a href="#FNanchor_147_147"><span class="label">[147]</span></a> <em class="gesperrt">Cyprianische Jungfrau.</em> Justin., <span class="antiqua">Hist. XVIII.</span> cap. 5, erz&auml;hlt,
-Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros achtzig Jungfrauen geraubt,
-die nach der Sitte des Landes an das Ufer des Meeres geschickt worden waren,
-um sich dort ihre Aussteuer zu verdienen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_148_148"></a><a href="#FNanchor_148_148"><span class="label">[148]</span></a> <em class="gesperrt">Jesebel</em>, die Gemahlin Ahab's.
-Jehu, der das Haus Ahab's ausrottete. 2 K&ouml;nige 10.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_149_149"></a><a href="#FNanchor_149_149"><span class="label">[149]</span></a> <em class="gesperrt">zu Faden schlagen</em>, vom Schneiderhandwerk, ein St&uuml;ck mit losen und
-weiten Stichen zusammenn&auml;hen, in Norddeutschland <em class="gesperrt">reihen</em>, dann von dem
-Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz ist <em class="gesperrt">auswirken</em>, die Arbeit fertig
-machen. Beide Ausdr&uuml;cke gebraucht Grimmelshausen im &uuml;bertragenen Sinne,
-selbst z. B. vom Essen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_150_150"></a><a href="#FNanchor_150_150"><span class="label">[150]</span></a> <em class="gesperrt">eifern mit</em>, eifers&uuml;chtig sein auf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_151_151"></a><a href="#FNanchor_151_151"><span class="label">[151]</span></a> <em class="gesperrt">da es
-lang herumgieng</em>, nachdem die Sache l&auml;nger besprochen worden war.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_152_152"></a><a href="#FNanchor_152_152"><span class="label">[152]</span></a> <em class="gesperrt">Lutzer</em>, Blutzer, schweizerische Scheidem&uuml;nze.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_153_153"></a><a href="#FNanchor_153_153"><span class="label">[153]</span></a> <em class="gesperrt">Bezirk</em>, Umfang.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_154_154"></a><a href="#FNanchor_154_154"><span class="label">[154]</span></a> <em class="gesperrt">steuern</em>, st&uuml;tzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_155_155"></a><a href="#FNanchor_155_155"><span class="label">[155]</span></a> <em class="gesperrt">d&uuml;nster</em>, d&uuml;ster, dumpf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_156_156"></a><a href="#FNanchor_156_156"><span class="label">[156]</span></a> <em class="gesperrt">die Glock gegossen</em>, sprichw&ouml;rtlich: die Sache abgemacht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_157_157"></a><a href="#FNanchor_157_157"><span class="label">[157]</span></a> <em class="gesperrt">messene</em>,
-von <span class="antiqua">mësse</span>, mhd., Bronze; diese alte Form steht hier f&uuml;r messingene,
-welche Metallmischung um die Mitte des 16. Jahrh. erfunden wurde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_158_158"></a><a href="#FNanchor_158_158"><span class="label">[158]</span></a> <span class="antiqua">A. R. Aqua Regis</span>, K&ouml;nigswasser, Goldscheidewasser.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_159_159"></a><a href="#FNanchor_159_159"><span class="label">[159]</span></a> <em class="gesperrt">verbl&uuml;ht</em>,
-ausgebl&uuml;ht, gezeitigt zur Hebung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_160_160"></a><a href="#FNanchor_160_160"><span class="label">[160]</span></a> Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben, <span class="antiqua">Accus. c. infin.</span> da&szlig;
-ein Kerl entrinne.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_161_161"></a><a href="#FNanchor_161_161"><span class="label">[161]</span></a> <em class="gesperrt">Schosen</em>, <span class="antiqua">choses</span>, Sachen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_zwanzigste_Capitel">Das zwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Itali&auml;ner
-bestohlen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Als wir uns versahen, wir w&uuml;rden noch lang vor Casal
-liegen bleiben m&uuml;ssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern
-ihrer viel baueten ihnen auch sonst H&uuml;tten aus andern Materialien,
-sich desto besser in die L&auml;nge zu behelfen. Unter anderen
-Schacherern befanden sich zween Mail&auml;nder im Lager,
-die hatten ihnen eine H&uuml;tte von Brettern zugerichtet, ihre
-Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren, welche
-da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst
-allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten
-zu Ro&szlig; und Fu&szlig;. Diese th&auml;ten mir meines Bedunkens
-viel Abtrag<a id="FNanchor_162_162"></a><a href="#Footnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> und Schaden, indem sie n&auml;mlich von den Kriegsleuten
-allerhand Beuten von Silbergeschmeid und Juweln um
-den halben, ja den vierten Theil ihres Werths erhandelten,
-welcher Gewinn mir zum Theil zukommen w&auml;re, wann sie nit
-vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs
-wenigst zu wuchern<a id="FNanchor_163_163"></a><a href="#Footnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a>, weil in meiner Macht nit stunde, ihnen
-das Handwerk gar niederzulegen.</p>
-
-<p>Unten in der H&uuml;tten war die Behaltnus ihrer Waar, und
-dasselbige war auch zugleich ihr Gaden<a id="FNanchor_164_164"></a><a href="#Footnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a>; oben auf dem Boden
-aber unter dem Dach war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen,
-wohinauf ungef&auml;hr sieben oder acht Staffeln giengen; und
-durch den Boden hatten sie ein offenes Loch gelassen, um dadurch
-nicht allein desto besser zu h&ouml;ren, wann etwan Mauser
-einbr&auml;chen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe mit
-Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen
-waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Th&uuml;r ohne
-sonderlichen Rumor aufzumachen w&auml;re, machte ich meinen Anschlag
-gar gering<a id="FNanchor_165_165"></a><a href="#Footnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a>. Mein Springinsfeld muste mir eine
-Welle scharfer D&ouml;rner in Mannsl&auml;nge zuwegen bringen, woran
-auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich f&uuml;llete eine
-messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen wir
- <span class="pagenum"><a id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-beide an die gedachte H&uuml;tte, als jedermann im besten Schlaf
-war. Die Th&uuml;r in der Stille zu &ouml;ffnen, war mir gar keine
-Kunst, weil ich zuvor alles flei&szlig;ig abgesehen; und da solches
-vollbracht und geschehen, stackte Springinsfeld die Dornwell
-vor die Stiegen, als welche vor sich selbst keine Th&uuml;r hatte,
-von welchem Ger&auml;usch beide Itali&auml;ner erwachten und zu rumpeln
-anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, da&szlig; sie zum
-ersten zu obigen Loch herunter schauen w&uuml;rden, als dann auch
-geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so
-voller Essig, da&szlig; ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick
-vergieng; der ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die
-Stiegen hinunter und wurde von der Dornwell so unfreundlich
-empfangen, da&szlig; er gleichwie auch sein Camerad in solcher
-unversehenen Begebenheit und gro&szlig;em Schrecken sich nichts
-anders einbilden konten, also es w&auml;re eitel Zauberei und
-Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein
-Dutzet zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit
-fort gemacht, ich aber lie&szlig;e mich mit einem St&uuml;ck Leinwat
-gen&uuml;gen, drehete mich damit aus und schlug die Th&uuml;r
-hinter mir wieder zu, die beide Welsche also in ihrer Anfechtung
-hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die Augen
-noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu
-handeln gehabt haben wird.</p>
-
-<p class="pmb3">Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den
-Springinsfeld nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie
-geh&ouml;ret, nicht aus Noth oder Mangel, sondern mehrentheils
-darum, damit ich mich an meinen Widerw&auml;rtigen<a id="FNanchor_166_166"></a><a href="#Footnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> revangiren
-m&ouml;chte. Springinsfeld aber lernete indessen die Kunst und
-kam so meisterlich in die Griff, da&szlig; er sich unterstanden h&auml;tte,
-alles zu mausen, es w&auml;re dann gar mit Ketten an das Firmament
-geheftet gewesen, und ich lie&szlig;e ihn solches auch treulich
-genie&szlig;en, dann ich g&ouml;nnete ihm, da&szlig; er einen eigenen
-S&auml;ckel haben und mit dem halben gestohlenen Gut, ma&szlig;en
-wir solche Eroberungen miteinander theilten, thun und handeln
-d&ouml;rfte, was er wolte. Weil er aber trefflich auf das Spielen
-verpicht war, so kam er selten zu gro&szlig;em Geld; und wann
-er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa
-zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die L&auml;nge nicht in Possession,
-sintemal ihm sein unbest&auml;ndig Gl&uuml;ck das Fundament
- <span class="pagenum"><a id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-zum Reichthum durch den unbest&auml;ndigen W&uuml;rfel jederzeit wieder
-hinweg zwackte. Im &uuml;brigen verblieb er mir ganz getreu
-und gehorsam, also da&szlig; ich mir auch keinen bessern Sclaven
-in der ganzen Welt zu finden getrauet h&auml;tte. Jetzt h&ouml;re auch,
-was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich
-mich endlich wieder von ihm geschieden.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_162_162"></a><a href="#FNanchor_162_162"><span class="label">[162]</span></a> <em class="gesperrt">Abtrag</em>, Abbruch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_163_163"></a><a href="#FNanchor_163_163"><span class="label">[163]</span></a> <em class="gesperrt">wuchern</em>, reichlich vergelten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_164_164"></a><a href="#FNanchor_164_164"><span class="label">[164]</span></a> <em class="gesperrt">Gaden</em>,
-Laden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_165_165"></a><a href="#FNanchor_165_165"><span class="label">[165]</span></a> <em class="gesperrt">gering</em>, leicht, anstellig, schlau.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_166_166"></a><a href="#FNanchor_166_166"><span class="label">[166]</span></a> <em class="gesperrt">Widerw&auml;rtige</em>, Gegner, Feinde.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_einundzwanzigste_Capitel">Das einundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Erz&auml;hlung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen
-wurde, muste unser Regiment von Casal hinweg und auch in
-die Mantuanische Bel&auml;gerung. Daselbsten liefe mir mehr
-Wasser auf meine M&uuml;hl als in dem vorigen L&auml;ger, dann
-gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche, also
-bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich
-mein Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergr&ouml;&szlig;erte,
-so da&szlig; ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in
-die teutsche Reichsst&auml;dte &uuml;bermachte, bei welcher gl&uuml;cklichen Prosperit&auml;t,
-gro&szlig;em t&auml;glichen Gewinn und genugsamem Ueberflu&szlig;,
-dessen ich und mein Gesindel genossen, da sonst mancher Hunger
-und Mangel leiden muste, mein Springinsfeld anfienge
-allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er wolte eine
-t&auml;gliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu
-saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen,
-und lie&szlig;e allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und
-die Gelegenheiten, sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein
-gut Jahr haben. Ueber das hatte er auch etliche ungerathene
-und verschwenderische Cameraden an sich gehenkt, die ihn verf&uuml;hrten
-und zu allem demjenigen unt&uuml;chtig machten, worzu ich
-ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise abgef&uuml;hret<a id="FNanchor_167_167"></a><a href="#Footnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a>
-hatte. &raquo;Ha&laquo;, sagten sie, &raquo;bist du ein Mann, und
-l&auml;st deine Hur beides &uuml;ber dich und das Deinige Meister sein?
-Es w&auml;re noch genug, wann du ein b&ouml;ses Eheweib h&auml;ttest, von
-deren du dergleichen leiden m&uuml;stest. Wann ich in deinem
- <span class="pagenum"><a id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
-Hemd verborgen st&auml;ke, so schl&uuml;g ich sie, bi&szlig; sie mir parirte,
-oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.&laquo;</p>
-
-<p>Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit gro&szlig;em Unwillen
-und Verdru&szlig; und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen
-Springinsfeld m&ouml;chte ins Feld springen machen, ohne
-da&szlig; ich mich im geringsten etwas dergleichen gegen ihm oder
-seinem Anhang h&auml;tte vermerken lassen. Mein Gesind, darunter
-ich auch vier starke Tremel<a id="FNanchor_168_168"></a><a href="#Footnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a> zu Knechten hatte, war mir getreu
-und auf meiner Seiten; alle Officierer des Regiments waren
-mir nicht &uuml;bel gewogen; der Obrist selbst wolte mir wol und
-die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles noch
-mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, da&szlig; ich H&uuml;lf zu
-meinem k&uuml;nftigen Hauskrieg zu hoffen h&auml;tte, dessen Ank&uuml;ndigung
-ich st&uuml;ndlich von meinem Springinsfeld gew&auml;rtig war.
-Ich wuste wol, da&szlig; der Mann, welchen mir Springinsfeld
-aber nur <span class="antiqua">pro forma</span> repr&auml;sentiren muste, das Haupt meiner
-Marquetenterei darstellte, und da&szlig; ich unter dem Schatten seiner
-Person in meiner Handelschaft agirte, auch da&szlig; ich bald
-ausgemarquetentert haben w&uuml;rde, wann ein solches Haupt mir
-mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm
-t&auml;glich Geld, beides zu spielen und zu banquetieren, nicht da&szlig;
-ich die Best&auml;ndigkeit seiner vorigen Verhaltung best&auml;tigen
-wollen, sondern ihn desto kirrer, verwegener und ausgelassener
-gegen mir zu machen, damit er sich dardurch verplumpen und
-durch ein rechtschaffenes grobianisches St&uuml;ckel dem Besitz meiner
-und des Meinigen sich unw&uuml;rdig machen, mit einem Wort,
-da&szlig; er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden;
-dann ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden
-und verdienet, zumalen auch anderw&auml;rtshin in Sicherheit gebracht,
-da&szlig; ich mich weder um ihn noch die Marquetenterei,
-ja um den ganzen Krieg, und was ich noch darin kriegen und
-hinweg nehmen konte, wenig mehr bek&uuml;mmerte. Aber ich wei&szlig;
-nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden
-zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu
-begehren, oder ob er sonst in erz&auml;hltem seinem liederlichen
-Leben unachtsamer Weis fortfuhre, dann er stellte sich gar
-freundlich und dem&uuml;thig und gab mir niemalen kein sauern
-Blick, geschweige ein b&ouml;ses Wort. Ich wuste sein Anliegen
-wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte aber
- <span class="pagenum"><a id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-aus seinen Werken nicht sp&uuml;ren, da&szlig; er etwas dergleichen
-wider mich zu unterstehen bedacht gewesen w&auml;re. Doch schickte
-sichs endlich wunderbarlich, da&szlig; er mich offendirte, wessentwegen
-wir dann, es sei ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von
-einander kamen.</p>
-
-<p>Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg,
-als er eben mit einem Rausch heimkommen war. Sihe, da
-schlug er mich mit der Faust von allen Kr&auml;ften ins Angesicht,
-da&szlig; ich nicht allein darvon erwachte, sondern das Blut liefe
-mir auch h&auml;ufig zum Maul und der Nasen heraus, und wurde
-mir von selbigem Streich so t&ouml;rmisch<a id="FNanchor_169_169"></a><a href="#Footnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a> im Kopf, da&szlig; mich noch
-Wunder gibt, da&szlig; er mir nit alle Z&auml;hn in Hals geschlagen.
-Da kan man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm
-vor eine and&auml;chtige Letenei<a id="FNanchor_170_170"></a><a href="#Footnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a> vorbetete. Ich hie&szlig;e ihn einen
-M&ouml;rder und was mir sonst noch mehr von dergleichen ehrbaren
-Tituln ins Maul kommen. Er hingegen sagte: &raquo;Du
-Hundsfut, warum l&auml;&szlig;est du mir mein Geld nicht? Ich hab
-es ja redlich gewonnen!&laquo;</p>
-
-<p>Und wolte noch immer mehr St&ouml;&szlig;e hergeben, also da&szlig; ich
-zu schaffen hatte, mich deren zu erwehren, ma&szlig;en wir beede im
-Bette aufrecht zu sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit
-einander zu ringen. Und weil er noch fort und fort Geld
-von mir haben wolte, gabe ich ihm eine kr&auml;ftige Ohrfeigen,
-die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum Zelt hinaus
-und hatte ein solches Lamentiren, da&szlig; nit nur meine Mutter
-und &uuml;briges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten
-und aus ihren H&uuml;tten und Gezelten hervorkrochen, um
-zu sehen, was da zu thun oder sonst vorgangen w&auml;re. Dasselbe
-waren lauter Personen vom Stab, als welche gemeiniglich
-hinter die Regimenter zu den Marquetentern logirt werden,
-n&auml;mlich der Caplan, Regimentsschulthei&szlig;, Regimentsquartiermeister,
-Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel und dergleichen;
-denen erz&auml;hlet ich ein langs und ein breits, und der
-Augenschein gab auch, wie mich mein sch&ouml;ner Mann ohne
-einige Schuld und Ursach tractirt. Mein angehender<a id="FNanchor_171_171"></a><a href="#Footnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> milchwei&szlig;er
-Busem war &uuml;berall mit Blut besprengt, und des Springinsfelds
-unbarmherzige Faust hatte mein Angesicht, welches
-man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten gesehen, mit
- <span class="pagenum"><a id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, da&szlig; man die
-Courage sonst nirgends bei als an ihrer erb&auml;rmlichen Stimme
-kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderw&auml;rts
-jemalen h&auml;tte klagen h&ouml;ren. Man fragte mich um die
-Ursach unserer Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht.
-Weil ich nun allen Verlauf erz&auml;hlte, vermeinte der ganze Umstand,
-Springinsfeld m&uuml;ste unsinnig worden sein; ich aber
-glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung seiner Cameraden
-und Saufbr&uuml;der angefangen, um mir erstlich hinter die Hosen,
-zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein
-vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander
-pappelten<a id="FNanchor_172_172"></a><a href="#Footnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a>, und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu
-stellen<a id="FNanchor_173_173"></a><a href="#Footnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a>, grabelte Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er
-kam zu uns zum Wachtfeuer, das bei des Oberisten Bagage
-brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu ersinnen und
-vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen
-Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, da&szlig;
-er nicht vor mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und
-die vorige Huld und Gnad wieder von mir zu erlangen; aber
-ich verstopfte die Ohren und wolte ihn weder wissen noch h&ouml;ren,
-bi&szlig; endlich unser Obristleutenant von der Rund darzu kam,
-gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu schweren,
-da&szlig; ihm getr&auml;umt h&auml;tte, er w&auml;re auf dem Spielplatz gesessen,
-allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz<a id="FNanchor_174_174"></a><a href="#Footnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> auf dem Spiel gestandenen
-Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen
-geschlagen und wider seinen Willen und Meinung seine
-liebe unschuldige Frau im Schlaf getroffen. Der Obristleutenant
-war ein Cavalier, der mich und alle Huren wie die Pest
-ha&szlig;te, hingegen aber meinem Springinsfeld nit ohngewogen
-war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit
-ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder
-er wolte mich zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorl&auml;ngsten
-verdient, mit Ruthen aushauen lassen.</p>
-
-<p>Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter
-gibts<a id="FNanchor_175_175"></a><a href="#Footnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet
-nichts; bist du gleich Obristleutenant und beides vor meiner
-Sch&ouml;nheit und meinen Verehrungen schu&szlig;frei, so seind doch
-andere, und zwar deren mehr als einer, die sich gar gern
-dadurch ber&uuml;cken lassen, mir recht zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Ich schwieg so still wie ein M&auml;usel; mein Springinsfeld
-aber auch, als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen
-w&uuml;rde, so wolte er ihn bei Tag auf einmal dergestalt
-strafen um das, was er bei Nacht zu zweien malen gegen mir
-ges&uuml;ndigt, da&szlig; er gewi&szlig;lich das dritte mal nicht wieder kommen
-w&uuml;rde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten den
-Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den k&uuml;nftigen
-Morgen kein Ursach h&auml;tte, uns einen T&auml;digsmann<a id="FNanchor_176_176"></a><a href="#Footnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a> zu
-geben, aber &uuml;ber dessen Procedere<a id="FNanchor_177_177"></a><a href="#Footnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> wir uns hinter den Ohren
-zu kratzen w&uuml;rden Ursachen haben. Also giengen wir wieder
-mit einander zu Bette und hatten beiderseits unsere St&ouml;&szlig;e,
-ma&szlig;en ich dem Springinsfeld so wenig gefeiret als er mir.
-Er bekr&auml;ftigt nochmals seinen gehabten Traum mit gro&szlig;en
-Schw&uuml;ren, ich aber behauptete, da&szlig; alle Tr&auml;ume falsch w&auml;ren,
-derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle
-bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen,
-aber der empfangene Streich, oder vielmehr da&szlig; ich
-seiner gern los gewest w&auml;re, entzogen ihm bei mir alle Willf&auml;hrigkeit.
-Ja ich gab ihm auch den andern Tag nicht allein
-kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum Saufen, und
-sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die
-Batzen k&auml;me, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft
-damit zu treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter,
-welche solche so Tags so Nachts wol eingen&auml;het auf ihrem
-blo&szlig;en Leib tragen muste.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_167_167"></a><a href="#FNanchor_167_167"><span class="label">[167]</span></a> <em class="gesperrt">abf&uuml;hren</em>, wie anf&uuml;hren, anleiten, namentlich zum Schlechten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_168_168"></a><a href="#FNanchor_168_168"><span class="label">[168]</span></a> <em class="gesperrt">Tremel</em>, Tr&auml;mel, Pr&uuml;gel, Bengel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_169_169"></a><a href="#FNanchor_169_169"><span class="label">[169]</span></a> <em class="gesperrt">t&ouml;rmisch</em>, schwindlig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_170_170"></a><a href="#FNanchor_170_170"><span class="label">[170]</span></a> <em class="gesperrt">Letenei</em>, soll hei&szlig;en Litanei.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_171_171"></a><a href="#FNanchor_171_171"><span class="label">[171]</span></a> <em class="gesperrt">angehend</em>,
-sich hebend, schwellend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_172_172"></a><a href="#FNanchor_172_172"><span class="label">[172]</span></a> <em class="gesperrt">pappeln</em>, <span class="antiqua">ns.</span> babbeln, schwatzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_173_173"></a><a href="#FNanchor_173_173"><span class="label">[173]</span></a> <em class="gesperrt">stellen</em>, zum Stehen bringen,
-stillen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_174_174"></a><a href="#FNanchor_174_174"><span class="label">[174]</span></a> <em class="gesperrt">Schanz</em>, <span class="antiqua">chance</span>, Einsatz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_175_175"></a><a href="#FNanchor_175_175"><span class="label">[175]</span></a> <em class="gesperrt">gibts</em>, fehlt in allen Ausgaben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_176_176"></a><a href="#FNanchor_176_176"><span class="label">[176]</span></a> <em class="gesperrt">T&auml;digmann</em>, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit, Schiedsrichter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_177_177"></a><a href="#FNanchor_177_177"><span class="label">[177]</span></a> <em class="gesperrt">Procedere</em>, Vorgehen, Verfahren.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_zweiundzwanzigste_Capitel">Das zweiundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden,
-und wormit sie ihn zur Letze<a id="FNanchor_178_178"></a><a href="#Footnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> begabt.</p>
-</div>
-
-
-<p>Gleich nach dieser unserer n&auml;chtlichen Schlacht stunde es
-wenig Zeit an, da&szlig; Mantua mit einem Kriegspossen<a id="FNanchor_179_179"></a><a href="#Footnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a> eingenommen
-wurde, ja der Fried selbst zwischen den R&ouml;misch-Kaiserlichen
-und Franzosen, zwischen den Herzogen von Savoia
-und Nivers<a id="FNanchor_180_180"></a><a href="#Footnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a> folgte ohnl&auml;ngst hernach, gleichsam als wann der
- <span class="pagenum"><a id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
-welsche Krieg mit unserm Treffen h&auml;tte geendigt werden m&uuml;ssen.
-Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya und
-st&uuml;rmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche V&ouml;lker aber in
-Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich
-dann so wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat
-gewesen w&auml;re. Wir wurden, uns entweder zu erfrischen,
-oder weil die rothe Ruhr und die Pest selbst unter uns regierte,
-an einem Ort in den kaiserlichen Erblanden etliche Wochen
-an die Donau ins freie Feld mit unserem Regiment logirt,
-da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten setzte wie
-in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als ich
-konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr
-als eine Hundsdemuth gegen mir versp&uuml;ren lie&szlig;e, den Frieden
-wiederum, doch nur <span class="antiqua">pro forma</span>, geschlossen; dann ich laurete
-t&auml;glich auf Gelegenheit, vermittelst deren ich seiner los werden
-m&ouml;chte.</p>
-
-<p>Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender
-Gestalt, welche Begebenheit genugsam bezeuget, da&szlig; ein vorsichtiger,
-verst&auml;ndiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und
-n&uuml;chtern weder Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen
-kan, gar leichtlich durch seine eigene bl&ouml;de Gebrechlichkeit
-schlaf- und weintrunkener Weis in alles Unheil und Ungl&uuml;ck
-gest&uuml;rzt und also um alles sein Gl&uuml;ck und Wolfahrt gebracht
-werden mag.</p>
-
-<p>Gleichwie nun aber ich in meinem Gem&uuml;th auch um die
-allergeringste Schmach und vermeinte zugef&uuml;gte Unbillichkeit
-ganz rachgierig und unvers&ouml;hnlich war, als erzeigte sich auch
-mein Leib, wann er im geringsten verletzt w&uuml;rde, gleichsam
-ganz unheilsam. Nicht wei&szlig; ich, ob derselbe dem Gem&uuml;th
-nach&auml;hmte, oder ob die Z&auml;rte meiner Haut und sonderbaren
-Complexion so grobe St&ouml;&szlig;e wie ein Salzburger Holzbauer
-nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster
-und von Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem
-sonst zarten Angesicht, die er mir im Lager von Mantua
-eingetr&auml;nkt, da er mich in obbemeldten Lager an der Donau,
-als ich abermal mitten im besten Schlaf lag, bei der Mitten
-kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd, wie er
-mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe
-und mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste,
-nachdem ich erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol
-merkte ich meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande
- <span class="pagenum"><a id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
-und den Springinsfeld mit mir so schnell gegen dem Feuer
-zueilen sahe. Derowegen fienge ich an zu schreien, als wann ich
-mitten unter die M&ouml;rder gefallen w&auml;re. Davon erwachte alles
-im L&auml;ger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner Partisan aus
-seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der
-Meinung, einen entstandenen gro&szlig;en L&auml;rmen zu stillen, dann
-wir hatten damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts
-anders als ein sch&ouml;nes l&auml;cherliches Einsehen und n&auml;rrisches
-Spectacul. Ich glaube auch, da&szlig; es recht artlich und kurzweilig
-anzuschauen gewesen sein mu&szlig;. Die Wacht empfienge
-den Springinsfeld mit seiner unwilligen und schreienden Last,
-ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie solche
-nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal
-so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen.
-Indessen kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und
-niedern Officiern, der sich schier zu Tod lachen wolte und
-welchem nicht allein der Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant
-gegenw&auml;rtig war, der allererst neulich den Frieden
-zwischen mir und dem Springinsfeld durch Drohung gestiftet
-hatte.</p>
-
-<p>Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder,
-ich wei&szlig; selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er
-wieder zu seinen sieben Sinnen kommen, fragte ihn der
-Obriste, was er mit dieser Gugelfuhr<a id="FNanchor_181_181"></a><a href="#Footnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> gemeint h&auml;tte. Da
-antwortet er, ihm h&auml;tte getr&auml;umt, seine Courage w&auml;re &uuml;berall
-mit giftigen Schlangen umgeben gewesen, derowegen er sie seinem
-Einfall nach, sie zu erretten und davon zu befreien, entweder
-in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste gehalten,
-h&auml;tte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und w&auml;re, wie
-sie alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches
-ihm mehr als von Grund seines Herzens leid seie. Aber
-beides der Obrist selbst und der Obristleutenant, der ihm vor
-Mantua beigestanden, sch&uuml;ttelten die K&ouml;pf dar&uuml;ber und lie&szlig;en
-ihn, weil sich schon jedermann satt genug gelacht hatte, vor
-die lange Weil zum Profosen f&uuml;hren, mich aber in mein Gezelt
-gehen, vollends auszuschlafen.</p>
-
-<p>Den folgenden Morgen gieng unser Proce&szlig; an und solte
-auch gleich ausgehen<a id="FNanchor_182_182"></a><a href="#Footnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a>, weil sie im Krieg nicht so lang zu
- <span class="pagenum"><a id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-w&auml;hren pflegen als an einigen Orten im Frieden. Jederman
-wuste zuvor wol, da&szlig; ich Springinsfelds Ehefrau nicht war,
-sondern nur seine Matre&szlig;, und dessentwegen bedorften wir
-auch vor kein Consistorium zu kommen, um uns scheiden zu
-lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines Lebens
-bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen
-Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, da&szlig; ein
-solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden k&ouml;nte. Der Obristleutenant,
-so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten
-gewesen, war jetzt ganz wider ihn, und die &uuml;brige vom Regiment
-schier alle auf meiner Seiten. Demnach ich aber mit
-meinem Contract schriftlich hervorkam, was Gestalt wir beisammen
-zu wohnen einander versprachen bi&szlig; zur ehrlichen Copulation,
-zumalen meine Lebensgefahr, die ich k&uuml;nftig bei einem
-solchen Ehegatten zu sorgen h&auml;tte, trefflich aufzumutzen und
-vorzusch&uuml;tzen wuste, fiel endlich der Bescheid, da&szlig; wir bei gewisser
-Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein
-solten, uns um dasjenig, so wir miteinander errungen und
-gewonnen, zu vergleichen. Ich replicirte hingegen, da&szlig; solches
-Letzte wider den Accord unserer ersten Zusammenf&uuml;gung laufe,
-und da&szlig; Springinsfeld, seit er mich bei ihm h&auml;tte, oder,
-teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die
-Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen h&auml;tte,
-welches ich dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun
-k&ouml;nte. Endlich hie&szlig;e es, wann der Vergleich nach Billichkeit
-solcher Umst&auml;nde zwischen uns beeden selbst nicht g&uuml;tlich
-getroffen werden k&ouml;nte, da&szlig; alsdann nach befindenden Dingen
-von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.</p>
-
-<p>Ich lie&szlig;e mich mit diesem Bescheid mehr als gern gen&uuml;gen,
-und Springinsfeld lie&szlig;e sich auch gern mit einem Geringen
-beschlagen<a id="FNanchor_183_183"></a><a href="#Footnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a>; dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden
-Gewinn und also nit mehr wie in Italia tractirte,
-also da&szlig; es schiene, als ob der Schmalhans bei uns anklopfen
-wolte, vermeinte der Geck, es w&auml;re mit meinem Geld auf der
-Neige und bei weitem nicht mehr so viel vorhanden, als ich
-noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich, da&szlig; ers
-nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so
-halsstarrig zuruck hielte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner,
-darunter du etwan zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch
-allerhand junge Bursch, die sich hin und wieder bei den Officiern
-der Regimenter zu Fu&szlig; befanden und nun erwachsen
-waren, aber keine Musquetierer werden wolten, verst&auml;rkt, welches
-eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war, wessentwegen
-er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern<a id="FNanchor_184_184"></a><a href="#Footnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> Accord
-einlie&szlig;e, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher Gestalt:
-Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel
-und Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet
-Reuterkoller, so er in Italia durch meine Anstalt<a id="FNanchor_185_185"></a><a href="#Footnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a> gestohlen;
-dann wir hatten uns bi&szlig;her damit nicht d&ouml;rfen sehen lassen.
-Damit wurde auch eingedingt, da&szlig; er mir zugleich meinen
-Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen solte, welches auch
-geschahe. Und in solcher Ma&szlig; habe ich den Springinsfeld
-abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald h&ouml;ren,
-mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner
-Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine
-kleine Geduld und vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld
-mit seinem Ding im Glas gangen.</p>
-
-<p class="pmb3">Sobald er solches hatte, bekam er W&uuml;rm &uuml;ber W&uuml;rm im
-Kopf. Wann er nur einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage
-niemal nichts Leids gethan, so h&auml;tte er ihn gleich an Hals
-schlagen m&ouml;gen; und er spielte auch in allen seinen Duellen
-den Meister. Er wuste alle verborgene Sch&auml;tze zu finden und
-andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnn&ouml;thig zu melden. Demnach
-er aber erfuhre, was vor einen gef&auml;hrlichen Gast er herbergte,
-trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber
-drum nicht wieder verkaufen, weil der Satz oder der Schlag
-seines Kaufschillings aufs Ende kommen war. Ehe er nun
-selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir denselbigen wieder
-anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann auch
-auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen
-wolten, vor die F&uuml;&szlig;e warf. Ich aber lachte ihn nur aus,
-und solches zwar nicht darum vergebens, dann ich hube ihn
-nicht allein nicht auf, sondern da Springinsfeld wieder in
-sein Quartier kam, da fande er ihn wieder in seinem Schubsack.
-Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel etlichmal
-in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem
- <span class="pagenum"><a id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-Sack gefunden, bi&szlig; er endlich denselbigen in einen Bachofen
-geworfen und also seiner los worden. Indessen er sich nun
-so hiermit schleppte, wurde mir ganz ungeheuer<a id="FNanchor_186_186"></a><a href="#Footnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a> bei der Sach;
-derowegen versilberte ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind
-ab und setzte mich mit meiner b&ouml;hmischen Mutter nach Passau,
-vermittelst meines vielen Gelds des Kriegs Ausgang zu erwarten,
-sintemal ich zu sorgen hatte, wann Springinsfeld
-solches Kaufs und Verkaufs halber &uuml;ber mich klagen w&uuml;rde,
-da&szlig; mir alsdann als einer Zauberin der Proce&szlig; gemacht werden
-d&ouml;rfte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_178_178"></a><a href="#FNanchor_178_178"><span class="label">[178]</span></a> <em class="gesperrt">Letze</em>, Abschiedsmahl,
-Abschied.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_179_179"></a><a href="#FNanchor_179_179"><span class="label">[179]</span></a> <em class="gesperrt">Kriegspossen</em>, Kriegslist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_180_180"></a><a href="#FNanchor_180_180"><span class="label">[180]</span></a> Vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_181_181"></a><a href="#FNanchor_181_181"><span class="label">[181]</span></a> <em class="gesperrt">Gugelfuhr</em>, Kappenfahrt, Narrenaufzug.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_182_182"></a><a href="#FNanchor_182_182"><span class="label">[182]</span></a> <em class="gesperrt">ausgehen</em>, zu Ende gelangen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_183_183"></a><a href="#FNanchor_183_183"><span class="label">[183]</span></a> <em class="gesperrt">beschlagen</em>, reichlich versehen, ausr&uuml;sten, vgl. gut beschlagen sein, befriedigen,
-abfinden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_184_184"></a><a href="#FNanchor_184_184"><span class="label">[184]</span></a> <em class="gesperrt">leidenlich</em>, leidlich, ertr&auml;glich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_185_185"></a><a href="#FNanchor_185_185"><span class="label">[185]</span></a> <em class="gesperrt">Anstalt</em>, Veranstaltung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_186_186"></a><a href="#FNanchor_186_186"><span class="label">[186]</span></a> <em class="gesperrt">ungeheuer</em>, wie nicht geheuer, unheimlich.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_dreiundzwanzigste_Capitel">Das dreiundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach
-gehalten habe.</p>
-</div>
-
-
-<p>Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als
-ich mich versehen hatte. Es war mir gar zu pf&auml;ffisch und zu
-and&auml;chtig; ich h&auml;tte lieber an Statt der Nonnen Soldaten
-oder an Statt der M&ouml;nche einige Hofbursch dort sehen m&ouml;gen,
-und gleichwol verharrete ich daselbsten, weil damals nicht nur
-B&ouml;hmen, sondern auch fast alle Provinzen des Teutschlandes
-mit Krieg &uuml;berschwemmt waren. Indem ich nun sahe, da&szlig;
-alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte
-ich mich gleichfalls aufs wenigst &auml;u&szlig;erlich nach ihrer
-Weis und Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine
-b&ouml;hmische Mutter oder Kostfrau das Gl&uuml;ck, da&szlig; sie an diesem
-and&auml;chtigen Ort unter dem Glanz der angenommenen Gottseligkeit
-den Weg aller Welt gieng, welche ich dann auch ansehenlicher
-begraben lie&szlig;e, als wann sie zu Prag bei S. Jacobs
-Thor gestorben w&auml;re. Ich hielte es vor ein Omen meiner
-k&uuml;nftigen Ungl&uuml;ckseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der
-Welt mehr hatte, dem ich mich und das Meinige rechtschaffen
-h&auml;tte vertrauen m&ouml;gen, und derentwegen ha&szlig;te ich den unschuldigen
-Ort, darin ich meiner besten Freundin, S&auml;ugammen
-und Auferzieherin war beraubt worden. Doch patientirt ich
-mich daselbst, bi&szlig; ich Zeitung bekam, da&szlig; der Wallensteiner
-Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und
-wiederum in des R&ouml;mischen Kaisers Gewalt gebracht; dann
-auf solche erlangte Zeitung und weil der Schwed zu M&uuml;nchen
-und in ganz Baiern dominirt, zumalen in Passau seinetwegen
-gro&szlig;e Forcht war, machte ich mich wieder in besagtes Prag,
-wo ich mein meistes Geld liegen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p>Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich
-noch nicht recht daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes
-Geld und Gut im Frieden und meinem Bedunken nach in
-einer so gro&szlig;en und dannenhero auch meinem Vermuthen nach
-sehr sichern Statt wollustbarlich zu genie&szlig;en, sihe, da schlug
-der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er daselbst
-53 F&auml;hnlin erobert, kam er, Prag zu &auml;ngstigen. Aber
-der Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt,
-als er selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu H&uuml;lfe,
-durch welchen Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern
-auch ganz B&ouml;hmen wiederum zu verlassen gen&ouml;thigt wurden.</p>
-
-<p>Damals sahe ich, da&szlig; weder die gro&szlig;e und gewaltige
-St&auml;dte noch ihrer W&auml;ll, Th&uuml;rn, Mauren und Gr&auml;ben mich
-und das Meinige vor der Kriegsmacht derjenigen, die nur im
-freien Feld, in H&uuml;tten und Zelten logieren und von einem
-Ort zum andern schweifen, besch&uuml;tzen k&ouml;nten. Derowegen trachtet
-ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer
-beif&uuml;gen m&ouml;chte.</p>
-
-<p>Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber
-gleichwol doch bei weitem nicht mehr so sch&ouml;n als vor etlich
-Jahren. Dannoch brachte mein Flei&szlig; und Erfahrenheit mir
-abermal aus dem Gallassischen Succurs einen Hauptmann
-zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es der Stadt
-Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest w&auml;re, mich
-auf allen Fall mit M&auml;nnern und zwar mit Hauptleuten zu
-versehen. Unsere Hochzeit wurde gleichsam gr&auml;flich gehalten,
-und solche war kaum vor&uuml;ber, als wir Ordre kriegten, uns zu
-der kaiserlichen Armada vor N&ouml;rdlingen zu begeben, die sich
-kurz zuvor mit dem hispanischen Ferdinand Cardinal-Infant
-conjungirt, Donauwerth eingenommen und N&ouml;rdlingen belagert
-hatte. Diese nun kamen der F&uuml;rst von Weimar und Gustavus
-Horn zu entsetzen, wor&uuml;ber es zu einer blutigen Schlacht geriethe,
-deren Verlauf und darauf erfolgte Ver&auml;nderung nicht
-vergessen werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie
-aber auf unserer Seiten &uuml;berall gl&uuml;cklich abliefe, also war sie
- <span class="pagenum"><a id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-mir gleichsam allein sch&auml;dlich und ungl&uuml;ckhaft, indem sie mich
-meines Manns, der noch kaum bei mir erwarmet, im ersten
-Angriff beraubte. Ueberdas so hatte ich nicht das Gl&uuml;ck,
-wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten widerfahren,
-vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen,
-weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch
-wegen meines Manns allzufr&uuml;hen Tods nirgends zukommen
-konte. Solches bedunkten mich eitel Vorbedeutungen meines
-k&uuml;nftigen Verderbens zu sein, welches dann die erste Melancholia,
-die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in meinem
-Gem&uuml;th verursachte.</p>
-
-<p>Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in
-unterschiedliche Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder
-zu gewinnen, welche aber mehr ruinirt als eingenommen und
-behauptet worden. Ich folgte mit dem Regiment, darunter
-mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich des Bodensees
-und Wirtenberger Landes bem&auml;chtigt, und ergriffe dardurch
-Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor
-Prag auch gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland
-zu kommen und nach seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir
-dasselbe Patrimonium und des Orts Gelegenheit so wol gefiele,
-da&szlig; ich mir dieselbige Reichsstadt gleich zu einer Wohnung
-erw&auml;hlete, vornehmlich darum, weil die Feinde des Erzhauses
-Oesterreich zum Theil bi&szlig; &uuml;ber den Rhein und anderw&auml;rts,
-ich wei&szlig; als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren,
-also da&szlig; ich mir nichts Gewissers einbildete, dann ich w&uuml;rde
-ihrentwegen mein Lebtage dort sicher wohnen. So mochte ich
-ohnedas nicht wieder in Krieg, weil nach dieser namhaften
-N&ouml;rdlinger Schlacht &uuml;berall alles dergestalt aufgemauset wurde,
-da&szlig; die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten meiner Muthma&szlig;ung
-nach zu hoffen.</p>
-
-<p class="pmb3">Derowegen fienge ich an auf gut B&auml;urisch zu hausen; ich
-kaufte Viehe und liegende G&uuml;ter, ich dingte Knecht und M&auml;gd
-und schickte mich nit anderst, als wann der Krieg durch diese
-Schlacht allerdings geendigt, oder als ob sonst der Friede vollkommen
-beschlossen worden w&auml;re. Und zu solchem Ende lie&szlig;e
-ich alles mein Geld, das ich zu Prag und sonst in gro&szlig;en
-St&auml;dten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das meiste
-hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner
-Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu <em class="gesperrt">einer</em>
-Zeit zu Narren worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber
- <span class="pagenum"><a id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-zu Hanau; ich verth&auml;t mein Geld unn&uuml;tzlich, du aber deine Jugend;
-du kamest zu einem schlechten Krieg, ich aber bildet mir
-vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch in weitem Feld stunde;
-dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen Durchz&uuml;g und
-Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones mit
-nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht
-ziemlich gro&szlig;, oder ich nicht so witzig gewesen w&auml;re, dessen Besitzung
-weislich zu verbergen, so w&auml;re ich zeitlich caput worden;
-dann niemand in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen
-Manns Freunde nicht, weil ich dessen hinterlassene
-G&uuml;ter genosse, die sonst ihnen erblich zugefallen w&auml;ren, wann
-mich, wie sie sagten, der Hagel nicht hingeschlagen h&auml;tte.
-Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt und nichts
-destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet. Es
-gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen
-sein. Aber solches erz&auml;hle ich dir darum nicht klagender Weis,
-begehre auch dessentwegen weder Trost, H&uuml;lf noch Mitleiden
-von dir, sondern ich sage dirs darum, da&szlig; du wissen soltest,
-da&szlig; ich mich gleichwol nicht viel deswegen bek&uuml;mmerte noch
-betr&uuml;bte, sondern da&szlig; ich mich noch darzu freuete, wann wir
-einem Regiment musten Winterquartier geben; dann sobald
-solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zut&auml;ppisch;
-da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren
-und Buben in meinem Hause, ich lie&szlig;e mich gegen ihnen an,
-wie sie wolten, und sie musten sich auch hinwiederum, wann
-sie nur einmal angebissen hatten, gegen mir anlassen, wie ichs
-haben wolte, also da&szlig; sie wenig Geld mit sich aus dem Quartier
-ins Feld trugen; worzu ich dann mehr als tausenderlei
-V&ouml;rtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der damals
-etwas darwider gesagt h&auml;tte. Ich hielte allezeit ein paar M&auml;gd,
-die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, kl&uuml;glich
-und behutsam damit um, da&szlig; auch der Magistrat, meine
-damalige liebe Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die
-Finger zu sehen, als mich deswegen zu strafen, sintemal ihre
-Weiber und T&ouml;chter, so lang ich vorhanden war und mein
-Netz ausspannen d&ouml;rfte, nur desto l&auml;nger from verblieben.
-Die&szlig; Leben f&uuml;hrete ich etliche Jahr, ehe ich mich &uuml;bel dabei
-befande, zu welcher Zeit ich j&auml;hrlich gegen dem Sommer, wann
-Mars wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung
-machte, was mich denselbigen Winter der Krieg gekostet,
-da ich dann gemeiniglich fande, da&szlig; meine Prosperit&auml;t und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-Einnahm die Ausgab meiner schuldigen Kriegskosten &uuml;bertroffen.
-Aber, Simplice, jetzt ists an dem, da&szlig; ich dir auch sage, mit
-was vor einer Laugen ich dir gezwaget<a id="FNanchor_187_187"></a><a href="#Footnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a>; wil derowegen jetzt
-nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du magst
-aber wol auch zuh&ouml;ren und, wann du vermeinest, da&szlig; ich l&uuml;ge,
-mir ohngehindert in die Rede fallen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_187_187"></a><a href="#FNanchor_187_187"><span class="label">[187]</span></a> <em class="gesperrt">zwagen</em> <span class="antiqua">c. dat.</span>, waschen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_vierundzwanzigste_Capitel">Das vierundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen
-und einander betrogen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden,
-als die Churbairische und Franz&ouml;sische, Weimarische in der
-schw&auml;bischen Gr&auml;nze einander in den Haaren lagen und sich
-zwackten. Unter denselbigen waren die meiste Officierer trefflich
-geneigt auf dasjenige, was ich ihnen gern um die Geb&uuml;hr
-mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus gro&szlig;er
-Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner
-eigenen uners&auml;ttlichen Natur halber gar zu grob machte, und
-beinahe ohne Unterschied zulie&szlig;e, wer nur wolte, sihe, da bekam
-ich dasjenige, was mir bereits vor zw&ouml;lf oder funfzehen Jahren
-rechtm&auml;&szlig;iger Weise geb&uuml;hret h&auml;tte, n&auml;mlich die liebe Franzosen,
-mit wolgeneigter Gunst. Diese schlugen aus und begunten
-mich mit Rubinen zu zieren, als der lustige und fr&ouml;hliche Fr&uuml;hling
-den ganzen Erdboden mit allerhand sch&ouml;nen wolgezierten
-Blumen besetzte. Gesund war mirs, da&szlig; ich Mittel genug hatte,
-mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in einer
-Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici
-Vorgeben nach das Gebl&uuml;t noch nicht vollkommen gereinigt
-gewesen, da riethe er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen
-und also meine vorige Gesundheit desto v&ouml;lliger wiederum
-erholen. Solchem zufolge r&uuml;stet ich mich aufs beste aus, mit
-einem sch&ouml;nen Calesch, zweien Pferden, einem Knecht und einer
-Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, au&szlig;er da&szlig; sie
-die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt.</p>
-
-<p>Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als
-Herr Simplicius Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und
- <span class="pagenum"><a id="Seite_103">[S. 103]</a></span>
-Gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler. Ich
-trug mich ganz adelich, und weil Simplicius so toll aufzoge
-und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch vor einen tapfern
-Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das Seil &uuml;ber
-die H&ouml;rner werfen und ihn, wie ich schon zum &ouml;ftern mehr
-practicirt, zu meinem Ehemann kriegen k&ouml;nte. Er kam meinem
-Wunsch nach mit v&ouml;lligem Wind in den gef&auml;hrlichen Port meiner
-sattsamen Begierden angesegelt, und ich tractirte ihn wie
-etwan die Circe den irrenden Ulissem; und alsobald fa&szlig;te ich
-eine gewisse Zuversicht, ich h&auml;tte ihn schon gewi&szlig; an der Schnur.
-Aber der lose Vogel risse solche entzwei, vermittelst eines Funds<a id="FNanchor_188_188"></a><a href="#Footnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a>,
-dardurch er mir seine gro&szlig;e Undankbarkeit zu meinem Spott
-und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er durch einen
-blinden Pistolenschu&szlig; und einer Wasserspritze voll Blut, das er
-mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich w&auml;re
-verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich
-verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen
-hinten und vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern
-auf mich zeigten, ein Lied darvon sangen und mich dergestalt
-aush&ouml;hneten, da&szlig; ich den Spott nicht mehr vertragen
-und erleiden konte, sondern eh die Cur gar vollendet, den
-Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte.</p>
-
-<p class="pmb3">Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserz&auml;hlung
-im 5. Buch am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich
-sei mehr mobilis als nobilis gewesen. Ich gebe beides zu.
-Wann er selbst aber nobel, oder sonst ein gut Haar an ihm
-gewesen w&auml;re, so h&auml;tte er sich an so keine leichtfertige und
-unversch&auml;mte Dirne, wie er mich vor eine gehalten, nicht gehenkt,
-viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also
-vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber
-Leser, was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, da&szlig; er
-(damit ich seine eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen
-freien Zutritt und alle Vergn&uuml;gung, die er begehren und w&uuml;nschen
-m&ouml;gen, von einer Weibsperson erhalten, vor deren Leichtfertigkeit
-er ein Abscheuen bekommen, ja von deren, die noch
-kaum der Holzcur<a id="FNanchor_189_189"></a><a href="#Footnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a> entronnen? Der arme Teufel hat eine gewaltige
-Ehre darvon, sich dessen zu r&uuml;hmen, welches er mit
-besseren Ehren billich h&auml;tte verschweigen sollen. Aber es gehet
- <span class="pagenum"><a id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
-dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvern&uuml;nftige
-Viehe einem jedwedern geschleierten Thier wie der J&auml;ger einem
-jeden St&uuml;ck Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatth&auml;rig gewesen;
-da mu&szlig; er aber wissen, da&szlig; ich damals den siebenzehenden
-Theil meiner vorigen Sch&ouml;nheit bei weitem nicht mehr
-hatte, sonderlich behalfe mich allbereit mit allerhand Anstrich
-und Schminke, deren er mir nicht wenig, sondern einer gro&szlig;en
-Menge abgeleckt. Aber genug hiervon! Narren soll man mit
-Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt vernehme
-der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verlie&szlig;e den
-Sauerbrunnen mit gro&szlig;em Verdru&szlig; und Unwillen, also bedachte
-ich mich auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides
-beschimpft und verachtet worden. Und meine Magd hatte sich
-daselbsten eben so frisch gehalten als ich, und weil die arme
-Tr&ouml;pfin keinen Scherz verstehen konte, ein junges S&ouml;hnlein
-vor ein Trinkgeld aufgeb&uuml;ndelt, welches sie auch auf meinem
-Meierhof au&szlig;er der Stadt gl&uuml;cklich zur Welt gebracht. Dasselbe
-muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol
-sie Simplicius sein Tage niemals ber&uuml;hrte. Sobald ich
-nun erfahren, da&szlig; sich Simplicius mit einer Baurentochter verm&auml;hlet,
-muste meine Magd ihr Kind entw&ouml;hnen und dasselbige,
-nachdem ichs mit zarten Windeln, ja seidenen Decken und
-Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug eine bessere Gestalt
-und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers Knechts
-zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei n&auml;chtlicher
-Weile vor seine Th&uuml;r gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen
-Bericht, da&szlig; er solches mit mir erzeugt h&auml;tte. Es ist nicht
-zu glauben, wie herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich
-da ich h&ouml;rete, da&szlig; er dessentwegen von seiner Obrigkeit so
-trefflich zur Straf gezogen worden, und da&szlig; ihm diesen Fund
-sein Weib alle Tag mit Merrettig und Senf auf dem Brod
-zu essen gab, item, da&szlig; ich dem Simpeln guten Glauben gemacht,
-die Unfruchtbare h&auml;tte geboren, da ich doch, wann ich
-der Art gewest w&auml;re, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner
-Jugend verrichtet haben w&uuml;rde, was er in meinem herzunahenden
-Alter von mir glaubte; dann ich hatte damals allbereit
-schier vierzig Jahr erlebt und war eines schlimmen Kerls
-nicht w&uuml;rdig, als Simplicius einer gewesen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_188_188"></a><a href="#FNanchor_188_188"><span class="label">[188]</span></a> <em class="gesperrt">Fund</em>, Erfindung, List.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_189_189"></a><a href="#FNanchor_189_189"><span class="label">[189]</span></a> <em class="gesperrt">Holzcur</em>, Decoct von Pockenholz, <span class="antiqua">lignum
-Guajaci</span>.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_funfundzwanzigste_Capitel">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage wird &uuml;ber ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufh&ouml;ren von meinem
-fernern Lebenslauf zu erz&auml;hlen, weilen genugsam verstanden
-worden, was vor eine Dame Simplicius &uuml;bert&ouml;lpelt zu haben
-sich ger&uuml;hmet. Gleichwie er aber von deme, was allbereit gesagt
-worden, ohne Zweifel fast nichts als Spott und Schand
-haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was ich
-noch f&uuml;rters anzeigen werde.</p>
-
-<p>Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt,
-beides von Obsgew&auml;chs, Kr&auml;uter und Blumen, der sich dorfte
-sehen lassen und alle andere trutzte; und neben mir wohnete
-ein alter Mechaberis<a id="FNanchor_190_190"></a><a href="#Footnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> oder Susannenmann, welcher ein Weib
-hatte, die viel &auml;lter war als er selbsten. Dieser wurde zeitlich
-innen, von was vor einer Gattung ich war, und ich schlug
-auch nicht ab, im Nothfall mich seiner H&uuml;lf zu bedienen,
-wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen
-kamen und gleichsam im Raub und h&ouml;chster Eil Blumen brachen,
-darmit es sein eifers&uuml;chtige Alte nit gewahr w&uuml;rde, wie
-wir dann auch nirgends so sicher als in diesem Garten zusammen
-kommen konten, als da das gr&uuml;ne Laub und die verdeckte
-G&auml;ng unserer Meinung nach vor den Menschen, aber
-nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten.
-Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser
-S&uuml;ndenma&szlig; seie damal entweder voll und &uuml;berh&auml;uft gewesen,
-oder die G&uuml;te Gottes h&auml;tte uns zur Besserung und Bu&szlig;e berufen
-wollen. Wir hatten einander im Anfang des Septembris
-Losung<a id="FNanchor_191_191"></a><a href="#Footnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a> gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten
-unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween
-Musquetierer aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht
-hatten, selbigen Abend ihren Part von meinen Birn zu stehlen,
-wie sie auch den Baum bestiegen und zu brechen anfiengen,
-ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es war ziemlich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als ich, bei
-dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk
-mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben
-gewohnt waren. Potzherz! ich wei&szlig; nicht wie es gienge, der
-eine Soldat regte sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr
-besser wahrzunehmen, und war so unvorsichtig, da&szlig; er alle
-seine Birn, die er gebrochen hatte, versch&uuml;ttelt, und als selbige
-auf den Boden fielen, bildeten ich und der Alte sich nichts
-anders ein, als es w&auml;re etwan ein starkes Erdbiden von
-Gott gesendet und verh&auml;ngt, uns von unsern schandlichen
-S&uuml;nden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit
-Worten zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken
-von einander liefen. Die auf dem Baum aber konten sich
-des Lachens nicht enthalten, welches uns noch gr&ouml;&szlig;ere Furcht
-einjagte, sonderlich dem Alten, der da vermeinte, es w&auml;re ein
-Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich ein jedes
-von uns in seine Gewahrsam.</p>
-
-<p>Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie
-ein Musquetierer: &raquo;Ich wei&szlig; was.&laquo; Ein anderer fragte ihn
-mit vollem Hals: &raquo;Was weist du dann?&laquo; Jener antwortet:
-&raquo;Es hat heut Birnen geerdbidmet.&laquo;</p>
-
-<p>Di&szlig; Geschrei kam je l&auml;nger je st&auml;rker, also da&szlig; ich gleich
-merkte, was die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht
-anr&ouml;thete, wiewol ich mich sonst zu sch&auml;men nit gewohnet
-war. Ich machte mir gleich die Rechnung, da&szlig; ich eine Hatz
-ausstehen m&uuml;ste, gedachte aber nicht, da&szlig; es so grob hergehen
-w&uuml;rde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf
-der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der
-Magistrat nichts anders thun, als da&szlig; er mich und den Alten
-beim Kopf nehmen und jedweders besonders gefangen setzen
-lie&szlig;e. Wir leugneten aber beide wie die Hexen, ob man uns
-gleich mit dem Henker und der Tortur dr&auml;uete.</p>
-
-<p>Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt
-mein Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander
-liefe, weil sie nit alle von meinen losen St&uuml;cken wusten
-und mir die M&auml;gd getreu waren. Endlich verschnappte ich
-den Handel selbst, als n&auml;mlich der Schulthei&szlig;, welcher mich
-Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gef&auml;ngni&szlig; kam und
-gro&szlig;es Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund
-der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er
-mich in aller falschen Vertr&auml;ulichkeit &uuml;berredet, mein Alter h&auml;tte
- <span class="pagenum"><a id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-den begangenen und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden,
-fuhre ich unversehens heraus und sagte: &raquo;So schlag ihm der
-Hagel ins Maul, weils der alte Schei&szlig;er nicht hat halten
-k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p>Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir
-doch getreulich dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir
-eine scharfe Predigt daher, th&auml;t die Th&uuml;r auf und wiese mir
-einen Notarium und beisichhabende Zeugen, die alle meine und
-seine Reden und Gegenreden angeh&ouml;rt und aufgemerkt hatten.</p>
-
-<p class="pmb3">Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn
-hielten darvor, man solte mich an die Folter werfen, so w&uuml;rde
-ich viel mehr dergleichen St&uuml;cke bekennen und alsdann nach
-befindenden Dingen als eine unn&uuml;tze Last der Erden um eines
-Kopfs k&uuml;rzer zu machen sein, welcher Sentenz mir auch weitl&auml;uftig
-notificirt wurde. Ich hingegen lie&szlig;e mich vernehmen,
-man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den Gesetzen
-ein Gen&uuml;gen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren.
-W&uuml;rde man so streng mit mir procedirn, so w&uuml;rden
-noch viel, die vor ehrliche Burger gehalten werden, mit mir
-zur Leiche gehen oder mir das Geleit geben m&uuml;ssen. Ich konte
-schw&auml;tzen wie ein Rechtsgelehrter, und meine Wort und Protestationes
-fielen so scharf und schlau, da&szlig; sich Verst&auml;ndige
-darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, da&szlig; ich auf eine
-Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter
-Strafe, alle meine Mobilia und liegende G&uuml;ter dahinten lassen
-muste, darunter sich gleichwol mehr als &uuml;ber 1000 Reichsthaler
-baar Geld befande. Meine Kleidungen und was zu meinem
-Leib geh&ouml;rte, wurde mir gefolgt, au&szlig;er etliche Kleinodien, die
-einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In Summa was
-wolte ich thun? Ich hatte wol Gr&ouml;&szlig;eres verdient, wann man
-strenger mit mir h&auml;tte procediren wollen; aber es war halt
-im Krieg, und dankte jederm&auml;nniglich dem g&uuml;tigen Himmel (ich
-solte gesagt haben: jederweiberlich), da&szlig; die Stadt meiner so
-<span class="antiqua">taliter qualiter</span><a id="FNanchor_192_192"></a><a href="#Footnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> los worden.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_190_190"></a><a href="#FNanchor_190_190"><span class="label">[190]</span></a> <em class="gesperrt">Mechaberis</em>, scherzhaft oder misverstanden statt <span class="antiqua">moechator</span>, Ehebrecher.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_191_191"></a><a href="#FNanchor_191_191"><span class="label">[191]</span></a> <em class="gesperrt">Losung</em>, verabredetes Wort oder Zeichen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_192_192"></a><a href="#FNanchor_192_192"><span class="label">[192]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">taliter qualiter</span></em>, auf diese gute Art.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Das_sechsundzwanzigste_Capitel">Das sechsundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und
-Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen
-todten Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen
-nicht herunter wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen
-packet und bei einem Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts
-hinterl&auml;sset und rei&szlig;aus nimmt; darauf sich ein recht l&auml;cherlicher
-Po&szlig; zutr&auml;gt.</p>
-</div>
-
-
-<p>Damals lagen weit herum keine kaiserliche V&ouml;lker oder
-Armeen, zu welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn
-hatte. Weil mirs dann nun an solchen mangelte, so gedachte
-ich mich zu den Weimarischen oder Hessen zu machen, welche
-damal im Kintzger Thal<a id="FNanchor_193_193"></a><a href="#Footnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a> und der Orten herum sich befanden,
-um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann
-bekommen k&ouml;nte. Aber ach! die erste Bl&uuml;te meiner ohnvergleichlichen
-Sch&ouml;nheit war fort und wie eine Fr&uuml;hlingsblum
-verwelket, wie mich dann auch mein neulicher Unfall und
-daraus entstandene Bek&uuml;mmernus nicht wenig verstellet. So
-war auch mein Reichthum hin, der oft die alte Weiber wieder
-an M&auml;nner bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und
-Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und
-brachte etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte
-ich mich samt einem Boten auf den Weg, um mein Gl&uuml;ck zu
-suchen, wo ichs finden m&ouml;chte. Ich trafe aber nichts als Ungl&uuml;ck
-an, dann ehe ich Schiltach<a id="FNanchor_194_194"></a><a href="#Footnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a> erlangte, kriegte uns eine
-weimarische Partei Musquetierer, welche den Boten abpr&uuml;gelten,
-pl&uuml;nderten und wieder von sich jagten, mich aber mit sich in
-ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein kaiserliches
-Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau
-todt blieben w&auml;re, und &uuml;berredet die Kerl, da&szlig; ich in meines
-Mannes Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich
-ins Elsa&szlig; nach Haus zu begeben. Ich war, wie obgedacht,
-bei weitem nicht mehr so sch&ouml;n als vor diesem, gleichwol aber
-doch noch von solcher Beschaffenheit, die einen Musquetierer
-aus der Partei so verliebt machte, da&szlig; er meiner zum Weib
- <span class="pagenum"><a id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber
-diesem Einzigen mit gutem Willen g&ouml;nnen, als von der ganzen
-Partei mit Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was
-dieser aus Lieb suchte. In Summa, ich wurde eine Frau
-Musquetiererin, ehe mich der Caplan copulirte. Ich hatte im
-Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine Marquetenterin
-abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht,
-solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine b&ouml;hmische
-Mutter, und &uuml;berdas bedunkte mich, mein Mann w&auml;re
-viel zu schlecht und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge
-ich an, mit Tabak und Branntewein zu schachern, gleichsam als
-ob ich wieder halbbatzenweis h&auml;tte gewinnen wollen, was ich
-k&uuml;rzlich bei Tausenden verloren. Es kam mich blutsauer an,
-so zu Fu&szlig; daher zu marschieren und noch darzu einen schweren
-Pack zu tragen, neben dem, da&szlig; es auch zu Zeiten schmal
-Essen und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich
-mein Lebtag nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt
-brachte ich einen trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht
-allein schwer tragen, sondern auch schneller laufen konte als
-manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun dergestalt zween Esel
-zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch besten Flei&szlig;es,
-damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen k&ouml;nte.
-Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen
-wurde, konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und
-verz&ouml;gerte<a id="FNanchor_195_195"></a><a href="#Footnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a> also mein Leben, bi&szlig; uns der von Mercy, in Anfang
-des Maien, bei Herbsthausen<a id="FNanchor_196_196"></a><a href="#Footnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> treffliche St&ouml;&szlig;e gab. Ehe
-ich aber fortfahre, solchen meinen Lebenslauf weiters hinaus
-zu erz&auml;hlen, so will ich dem Leser zuvor ein artliches St&uuml;ckel
-er&ouml;ffnen, das mein damaliger Mann wider seinen Willen ins
-Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen.</p>
-
-<p>Er gieng ein<a id="FNanchor_197_197"></a><a href="#Footnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a>, auf seiner Officier Zumuthen und mein
-Gutbefindung, sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer
-Axt auf der Achsel, in Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns,
-einige Brief an Ort und Ende zu tragen, dahin sonst
-niemand zu schicken wegen der kaiserlichen Parteien, welcher
-wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die Conjunction
-etlicher V&ouml;lker und andere Kriegsanschl&auml;g. Es ware damals
-von grimmiger K&auml;lte gleichsam Stein und Bein zusammen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-gefroren, so da&szlig; mich das arme Schaf auf seiner Reise schier
-gedauret h&auml;tte. Doch muste es sein, weil ein ziemlich St&uuml;ck
-Geld zu verdienen war, und er verrichtet auch alles sehr
-gl&uuml;cklich. Unterwegs aber fande er einen todten K&ouml;rper in
-seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher ohne
-Zweifel eines Officiers gewesen sein mu&szlig;, weil er ein Paar
-rother scharlachener Hosen mit silbern Galaunen<a id="FNanchor_198_198"></a><a href="#Footnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> verbr&auml;mt
-anhatte, welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten;
-so war sein K&ouml;ller samt Stiefeln und Sporen auch den
-Hosen gem&auml;&szlig;. Er besahe den Fund und konte nicht ersinnen,
-ob der Kerl erfroren oder von den Schwarzw&auml;ldern todtgeschlagen
-worden w&auml;re. Doch galte es ihm gleich, welches
-Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, da&szlig; ers
-ihm auszog, und da er dasselbige hatte, gel&uuml;stet ihn auch nach
-den Hosen, welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen
-muste. Solches gl&uuml;ckte ihm auch; als er aber die Hosen herab
-streifte, wolten solche nicht hotten<a id="FNanchor_199_199"></a><a href="#Footnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a>, weil die Feuchtigkeit des
-allbereit verwesenden K&ouml;rpers sich unter den Knien herum,
-allwo man dazumal die Hosenb&auml;ndel zu binden pflegte, sich
-beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und dannenhero
-Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren
-waren. Er hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen,
-und weil der Tropf sonst kein ander Mittel in der Eil sahe,
-eins vom andern zu ledigen, hiebe er dem Corpo mit seiner
-Axt die F&uuml;&szlig;e ab, packte solche samt Hosen und Koller zusammen,
-und fande mit seinem B&uuml;ndel bei einem Bauern ein
-solche Gnad, da&szlig; er bei ihme hintern warmen Stubenofen
-&uuml;bernachten dorfte.</p>
-
-<p>Dieselbe Nacht k&auml;lbert dem Bauern zu allem Ungl&uuml;ck eine
-Kuhe, welches Kalb seine Magd wegen der gro&szlig;en K&auml;lte in
-die Stuben trug und zun&auml;chst bei meinem Mann auf eine halbe
-Well Stroh zum Stubenofen setzte. Indessen war es gegen
-Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit von den
-Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum
-Theil aus und hingegen das K&ouml;ller und die Hosen, die er
-umkehrte oder letz<a id="FNanchor_200_200"></a><a href="#Footnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a> machte, an, lie&szlig;e sein altes Gel&uuml;mp samt
-den Schenkeln beim Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus
-und kam wieder gl&uuml;cklich in unser Quartier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Des Morgens fr&uuml;he kam die Magd wiederum, dem Kalb
-Rath zu schaffen. Als sie aber die beide Schenkel samt meines
-Mannes alten Lumpen und Schurzfell darbei liegen sahe
-und meinen Mann nicht fande, fienge sie an zu schreien, als
-wann sie mitten unter die M&ouml;rder gefallen w&auml;re. Sie liefe
-zur Stuben hinaus und schlug die Th&uuml;r hinter ihr zu, als
-wann sie der Teufel gejagt h&auml;tte, von welchem L&auml;rmen dann
-nicht allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft
-erwachte und sich einbildete, es w&auml;ren Krieger vorhanden,
-wessenwegen ein Theil ausrisse, das ander aber sich in die
-Wehr schickte. Der Bauer selbst vernahm von der Magd,
-welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die Ursach ihres Geschreis,
-da&szlig; n&auml;mlich das Kalb den armen Zimmermann, den
-sie &uuml;ber Nacht geherbergt, bi&szlig; auf die F&uuml;&szlig;e gefressen und ein
-solches gr&auml;&szlig;liches Gesicht gegen ihr gemacht h&auml;tte, da&szlig; sie
-glaube, wann sie sich nicht aus dem Staub gemacht, da&szlig; es
-auch an sie gesprungen w&auml;re. Der Bauer wolte das Kalb
-mit seinem Knebelspie&szlig;<a id="FNanchor_201_201"></a><a href="#Footnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a> niedermachen, aber sein Weib wolte
-ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub lassen,
-sondern vermittelte, da&szlig; er den Schulthei&szlig;en um H&uuml;lf ansuchte.
-Der lie&szlig;e alsobald der Gemein zusammen l&auml;uten, um das Haus
-gesamter Hand zu st&uuml;rmen und diesen gemeinen Feind des
-menschlichen Geschlechts, ehe er gar zu einer Kuhe aufw&uuml;chse,
-bei Zeiten auszureuten<a id="FNanchor_202_202"></a><a href="#Footnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a>. Da sahe man nun ein artliches
-Spectakel, wie die B&auml;urin ihre Kinder und den Hausrath zum
-Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die Bauren
-zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schr&ouml;cklichen Wurm
-samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen
-genugsame Zeugn&uuml;s einer gro&szlig;en Grausamkeit einbildete. Der
-Schulthei&szlig; gebote, das Haus zu st&uuml;rmen und dieses greuliche
-Wunderthier niederzumachen; aber es schonete ein jeder seine
-Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und Kind darvon,
-wann ich umk&auml;me?</p>
-
-<p>Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen,
-da&szlig; man das Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht
-von einem Lindwurm oder Drachen besprungen worden,
-hinweg brennen und dem Bauern selbst aus gemeinem Seckel
-eine Erg&ouml;tzung und H&uuml;lfe thun solte, ein anders zu bauen.
-Solches wurde fr&ouml;hlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit
- <span class="pagenum"><a id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-tr&ouml;steten, sie m&uuml;sten gedenken, es h&auml;tten solches die Diebskrieger
-hinweg gebrant.</p>
-
-<p>Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann w&uuml;rde
-trefflich Gl&uuml;ck zu dergleichen St&uuml;cken haben, weil ihm dieses
-ungef&auml;hr begegnet. Ich gedachte: was w&uuml;rde er erst ins
-Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor den Springinsfeld
-abrichte!</p>
-
-<p class="pmb3">Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch<a id="FNanchor_203_203"></a><a href="#Footnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a>
-darzu; &uuml;berdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen
-vor Herbsthausen todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz
-verstehen konte.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_193_193"></a><a href="#FNanchor_193_193"><span class="label">[193]</span></a> <em class="gesperrt">Kintzger Thal</em>, an der Kinzig im Schwarzwald.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_194_194"></a><a href="#FNanchor_194_194"><span class="label">[194]</span></a> <em class="gesperrt">Schiltach</em>, Baden, Mittelrheinkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_195_195"></a><a href="#FNanchor_195_195"><span class="label">[195]</span></a> <em class="gesperrt">verz&ouml;gern</em>, hinhalten, k&uuml;mmerlich durchbringen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_196_196"></a><a href="#FNanchor_196_196"><span class="label">[196]</span></a> <em class="gesperrt">Herbsthausen</em>, Jaxtkreis, W&uuml;rtemberg.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_197_197"></a><a href="#FNanchor_197_197"><span class="label">[197]</span></a> <em class="gesperrt">eingehen</em>, einwilligen, &uuml;bernehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_198_198"></a><a href="#FNanchor_198_198"><span class="label">[198]</span></a> <em class="gesperrt">Galaunen</em>, Galonen, Tressen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_199_199"></a><a href="#FNanchor_199_199"><span class="label">[199]</span></a> <em class="gesperrt">hotten</em>, vorw&auml;rts gehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_200_200"></a><a href="#FNanchor_200_200"><span class="label">[200]</span></a> <em class="gesperrt">letz</em>,
-verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_201_201"></a><a href="#FNanchor_201_201"><span class="label">[201]</span></a> <em class="gesperrt">Knebelspie&szlig;</em>, Spie&szlig; mit einer Querstange unter der Spitze, f&uuml;r die
-Saujagd bestimmt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_202_202"></a><a href="#FNanchor_202_202"><span class="label">[202]</span></a> <em class="gesperrt">ausreuten</em>, ausrotten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_203_203"></a><a href="#FNanchor_203_203"><span class="label">[203]</span></a> <em class="gesperrt">hundsklinkerisch</em>, niedertr&auml;chtig, verkommen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_siebenundzwanzigste_Capitel">Das siebenundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage
-selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar
-an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie
-sagt einem verliebten Fr&auml;ulein wahr, entwendet ihr dar&uuml;ber alle
-Kleinodien, beh&auml;lt sie aber nicht lang, sondern mu&szlig; solche wol abgepr&uuml;gelt
-wieder zustellen.</p>
-</div>
-
-
-<p>In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten
-Maulesels darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste
-Bagage hinweg geworfen, retterirte mich auch mit dem
-Rest der &uuml;brig gebliebenen Armee, so wol als der Touraine<a id="FNanchor_204_204"></a><a href="#Footnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a>
-selbsten, bi&szlig; nach Cassel; und demnach mein Mann todtgeblieben
-und ich niemand mehr hatte, zu dem ich mich h&auml;tte
-gesellen m&ouml;gen oder der sich meiner angenommen, nahme ich
-endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der
-schwedischen Hauptarmada bei den K&ouml;nigsmarkischen V&ouml;lkern
-befanden, welche sich mit uns bei Wartburg<a id="FNanchor_205_205"></a><a href="#Footnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a> conjungirt.
-Und indem ich bei ihnen einen Leutenant antrafe, der gleich meiner
-guten Qualit&auml;ten und trefflichen Hand zum Stehlen, wie auch
-etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern mehr Tugenden,
-deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde ich
-gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, da&szlig; ich weder
- <span class="pagenum"><a id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-<span class="antiqua">Oleum Talci</span><a id="FNanchor_206_206"></a><a href="#Footnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich wei&szlig;
-und sch&ouml;n zu machen, weil sowol mein Stand selbsten als
-mein Mann diejenige Couleur von mir erforderte, die man des
-Teufels Leibfarb nennet. Derowegen fienge ich an mich mit
-G&auml;nsschmalz, L&auml;ussalbe und andern haarf&auml;rbenden Unguenten
-also flei&szlig;ig zu beschmieren, da&szlig; ich in kurzer Zeit so h&ouml;llrieglerisch<a id="FNanchor_207_207"></a><a href="#Footnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a>
-aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren
-worden w&auml;re. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich
-&uuml;ber meine vielf&auml;ltige Ver&auml;nderung verwundern. Nichts desto
-weniger schickte sich das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor,
-da&szlig; ich es auch mit keiner Obristin vertauscht haben
-wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer alten &auml;gyptischen
-Gro&szlig;mutter wahrsagen; l&uuml;gen und stehlen aber kunte ich zuvor,
-au&szlig;er da&szlig; ich der Zigeuner gew&ouml;hnliche Handgriff noch nicht
-wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in K&uuml;rze
-so perfect, da&szlig; ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen
-h&auml;tte passiren m&ouml;gen.</p>
-
-<p>Gleichwol aber war ich so schlau nicht, da&szlig; es mir &uuml;berall
-ohne Gefahr, ja ohne St&ouml;&szlig;e abgangen w&auml;re, wiewol ich mehr
-einheimste und meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als
-sonst meiner zehne. H&ouml;ret, wie mirs einsmals so &uuml;bel gelungen!
-Wir lagen &uuml;ber Nacht und ein Tag ohnweit von
-einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein
-dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich
-machte mich auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als
-Geld auszugeben oder etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts
-zu erkaufen gedachte, als was ich mit f&uuml;nf Fingern oder sonst
-einem k&uuml;nstlichen Griff zu erhandeln verhoffte. Ich war nicht
-weit die Stadt hinein passirt, als mir eine Madamoiselle eine
-Magd zuschickte und mir sagen lie&szlig;e, ich solte kommen, ihrer
-Fr&auml;ulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten vernahm
-ich gar von weitem und gleichsam &uuml;ber hundert Meilen her,
-da&szlig; ihrer Fr&auml;ulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein
-andere gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz,
-dann da ich zu der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung
-so nett zu, da&szlig; sie auch alle Calendermacherei, ja der
-elenden<a id="FNanchor_208_208"></a><a href="#Footnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> Madamoisellen Meinung nach alle Propheten samt
- <span class="pagenum"><a id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-ihren Prophezeiungen &uuml;bertrafe. Sie klagte mir endlich ihre
-Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse,
-den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte
-Gleis zu bringen.</p>
-
-<p>&raquo;Freilich, tapfere Dame&laquo;, sagte ich, &raquo;er mu&szlig; wieder umkehren
-und sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er
-gleich einen Harnisch anhaben wie der gro&szlig;e Goliath.&laquo;</p>
-
-<p>Nichts Angenehmers h&auml;tte diese verliebte Tr&ouml;pfin h&ouml;ren
-m&ouml;gen als eben di&szlig; und begehrte auch nichts anders, als
-da&szlig; meine K&uuml;nst alsobald ins Werk gesetzt w&uuml;rden. Ich sagte,
-wir m&uuml;ssen allein sein, und es m&uuml;ste alles unbeschrieen zugehen.</p>
-
-<p>Darauf wurden ihr M&auml;gd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen
-auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in
-ihr Schlafkammer. Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier,
-den sie gebraucht, als sie um ihren Vatter Leid getragen, item
-zwei Ohrgeh&auml;ng, ein k&ouml;stlich Halsgeh&auml;ng, das sie eben anhatte,
-ihren G&uuml;rtel und liebsten Ring. Als ich diese Kleinodien
-hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, machte etliche
-Kn&ouml;pf<a id="FNanchor_209_209"></a><a href="#Footnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a> daran, murmelte unterschiedliche n&auml;rrische W&ouml;rter darzu
-und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach
-sagte ich: &raquo;Wir m&uuml;ssen mit einander in Keller.&laquo;</p>
-
-<p>Da wir hinkamen, &uuml;berredet ich sie, da&szlig; sie sich ausz&ouml;ge
-bi&szlig; aufs Hemd, und unterdessen als solches geschahe, machte
-ich etliche wunderbare Characteres an den Boden eines gro&szlig;en
-Fasses voll Wein, zoge endlich den Zapfen heraus und befahl
-der Damen, ihren Finger vorzuhalten, bi&szlig; ich die Kunst mit
-dem Zapfen droben im Hause auch der Geb&uuml;hr nach verrichtet
-h&auml;tte. Da ich nun das einf&auml;ltige Ding dergestalten gleichsam
-angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem
-Bette, mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.</p>
-
-<p class="pmb3">Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte
-samt dem Ihrigen<a id="FNanchor_210_210"></a><a href="#Footnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a> vom g&uuml;tigen Himmel besch&uuml;tzt, oder ihre
-Kleinodia waren mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser
-Lager mit meiner Beute gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer
-Officier aus der Guarnison, der solche wieder von mir
-fordert. Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders;
-doch kan ich nicht sagen, da&szlig; er mich gepr&uuml;gelt, hingegen aber
- <span class="pagenum"><a id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-schweren, da&szlig; er mich rechtschaffen gedegelt<a id="FNanchor_211_211"></a><a href="#Footnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a> habe; dann nachdem
-er seinen Diener absteigen lassen, um mich zu besuchen,
-ich aber demselbigen mit meinem schr&ouml;cklichen Zigeunermesser
-begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe, da zog er von Leder
-und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen, sondern
-f&auml;rbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, da&szlig; ich
-wol 4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich
-glaube auch, der Teufel h&auml;tte bi&szlig; auf diese Stund noch nicht
-aufgeh&ouml;ret zuzuschlagen, wann ich ihm meine Beut nicht wieder
-hingeworfen. Und dieses war vor di&szlig;mal der Lohn beides
-meiner artlichen Erfindung und des k&uuml;nstlichen Betrugs selbsten.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_204_204"></a><a href="#FNanchor_204_204"><span class="label">[204]</span></a> <em class="gesperrt">Touraine</em>, Turenne,
-vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_205_205"></a><a href="#FNanchor_205_205"><span class="label">[205]</span></a> Die <em class="gesperrt">Wartburg</em> in Th&uuml;ringen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_206_206"></a><a href="#FNanchor_206_206"><span class="label">[206]</span></a> <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Oleum Talci</em></span>, fl&uuml;ssige Schminke aus Talk.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_207_207"></a><a href="#FNanchor_207_207"><span class="label">[207]</span></a> <em class="gesperrt">h&ouml;llrieglerisch</em>,
-von H&ouml;llenriegel, mhd. <span class="antiqua">helle-rigel</span>, wie H&ouml;llenbrand, der H&ouml;lle angeh&ouml;rig, wie
-ein Teufel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_208_208"></a><a href="#FNanchor_208_208"><span class="label">[208]</span></a> <em class="gesperrt">elend</em>, leidend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_209_209"></a><a href="#FNanchor_209_209"><span class="label">[209]</span></a> <em class="gesperrt">Knopf</em>, Knoten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_210_210"></a><a href="#FNanchor_210_210"><span class="label">[210]</span></a> Im Druck steht &raquo;<em class="gesperrt">dieser</em>&laquo; &mdash; &raquo;<em class="gesperrt">Seinigen</em>&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_211_211"></a><a href="#FNanchor_211_211"><span class="label">[211]</span></a> <em class="gesperrt">degeln</em>, von <em class="gesperrt">Degen</em>, als Gegensatz zu pr&uuml;geln, fuchteln, mit der flachen
-Klinge schlagen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="Das_achtundzwanzigste_Capitel">Das achtundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih
-gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne
-todt zu schie&szlig;en; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen;
-wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen,
-stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und
-machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.</p>
-</div>
-
-
-<p>Unl&auml;ngst nach diesem &uuml;berstandenen Strau&szlig; kam unsere
-zigeunerische Rott von den K&ouml;nigsmarkischen V&ouml;lkern wieder zu
-der schwedischen Hauptarmee, die damals Torstensohn commandirt
-und in B&ouml;hmen gef&uuml;hrt, allwo dann beide Heer zusammenkamen.
-Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht
-allein bi&szlig; nach dem Friedensschlu&szlig; bei dieser Armada, sondern
-verlie&szlig;e auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden
-war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugew&ouml;hnen getrauete.
-Und demnach ich sehe, da&szlig; mein Schreiber noch ein
-wei&szlig; Blatt Papier &uuml;brig hat, also will ich noch zu guter Letzt
-oder zum Valete ein St&uuml;cklein erz&auml;hlen und darauf setzen lassen,
-welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden probirt und
-practicirt hat werden m&uuml;ssen, bei welchem der Leser abnehmen
-kan, was ich sonst m&ouml;chte ausgerichtet haben, und wie artlich
-ich mich zu den Zigeunern schicke.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p>Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend
-vor einen gro&szlig;en Flecken, darinnen eben K&uuml;rbe<a id="FNanchor_212_212"></a><a href="#Footnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> war, welcher
-Ursachen wegen und weil wir einen ziemlichen starken Troupen
-von M&auml;nnern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns das
-Nachtl&auml;ger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der
-sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei seinen adelichen
-Worten, da&szlig; er gut vor allen Schaden sein, und weme
-etwas verderbt oder entwendet w&uuml;rde, solches aus dem Seinigen
-bezahlen und noch darzu den Th&auml;ter an Leib und Leben
-strafen wolte, wormit er dann endlich nach langer M&uuml;he erhielte,
-da&szlig; wir aufgenommen wurden. Es roche &uuml;berall im
-Flecken so wol nach dem K&uuml;rbe-Gebratens und Gebackens, da&szlig;
-ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdru&szlig; empfande,
-da&szlig; die Bauern allein solches fressen solten, erfand
-auch gleich folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden
-k&ouml;nten. Ich lie&szlig;e einen wackern jungen Kerl aus den
-Unserigen eine Henne vor dem Wirthshause todtschie&szlig;en, wor&uuml;ber
-sich alsobald bei meinem Mann eine gro&szlig;e Klage &uuml;ber
-den Th&auml;ter erhube. Mein Mann stellte sich schr&ouml;cklich erz&ouml;rnet
-und lie&szlig;e gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns
-hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches
-geschahe und sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz
-versammleten, sagte ich etlichen auf unsere Diebssprach, was
-mein Anschlag w&auml;re, und da&szlig; sich ein jedes Weib zum Zugreifen
-gefa&szlig;t machen solte. Also hielte mein Mann &uuml;ber den
-Th&auml;ter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang,
-weil er seines Obristleutenanten Befelch &uuml;bergangen. Darauf
-erscholle alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, da&szlig; der
-Obristleutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte
-henken lassen. Etlichen bedunkte solche Procedur zu rigorose;
-andere lobten uns, da&szlig; wir so gute Ordre hielten. Einer
-aus uns muste den Henker agiren, welcher auch alsobalden
-dem Maleficanten die H&auml;nde auf den Rucken bande. Hingegen
-th&auml;t sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte
-von andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen.
-Sie bat um ihres Manns Leben und da&szlig; man ihre kleine
-Kinder bedenken wolte, stellte sich darneben so kl&auml;glich, als
-wann sie h&auml;tte verzweifeln wollen. Mein Mann aber wolte
-sie weder sehen noch h&ouml;ren, sondern lie&szlig;e den Uebelth&auml;ter hinaus
- <span class="pagenum"><a id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
-gegen einen Wald f&uuml;hren, an ihm das Urtheil exequiren
-zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken h&auml;tte sich
-nunmehr versammlet, den armen S&uuml;nder henken zu sehen, wie
-sich dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und
-alt, Weib und Mann, Knecht und M&auml;gd, Kind und Kegel mit
-uns hinaus begab. Hingegen lie&szlig;e gedachte junge Zigeunerin
-mit ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab, zu heulen, zu
-schreien und zu bitten, und da man an den Wald und zu
-einem Baum kam, daran der Hennenm&ouml;rder dem Ansehen nach
-gekn&uuml;pft werden solte, stellte sie sich so erb&auml;rmlich, da&szlig; erstlich
-die Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen
-vor den Misth&auml;ter zu bitten, auch nicht aufh&ouml;reten, bi&szlig; sich
-mein Mann erweichen lie&szlig;e, dem armen S&uuml;nder ihrentwegen
-das Leben zu schenken. Indessen wir nun au&szlig;erhalb dem
-Dorf diese Com&ouml;di agirten, mausten unsere Weiber im Flecken
-nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspie&szlig; und Fleischh&auml;fen
-leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus
-den W&auml;gen gefischt hatten, verlie&szlig;en sie den Flecken und kamen
-uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre
-M&auml;nner zur Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten,
-um da&szlig; er einer kahlen<a id="FNanchor_213_213"></a><a href="#Footnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> Hennen halber einen so wackern
-Menschen h&auml;tte aufhenken lassen wollen, dardurch sein armes
-Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge
-Kinder zu Waisen gemacht w&auml;ren worden. Auf unsere Sprache
-aber sagten sie, da&szlig; sie gute Beuten erschnappt h&auml;tten, mit
-welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe
-die Bauren ihren Verlust innen w&uuml;rden. Darauf schriee ich
-den Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem
-Flecken zu entfernen, in den Wald hinein ausrei&szlig;en solten;
-denen setzte mein Mann und was noch bei ihm war mit
-blo&szlig;em Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und jene
-hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen.
-Das Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergie&szlig;ung,
-wolte derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten
-einander mit stetigem Schie&szlig;en bi&szlig; tief in Wald hinein,
-worin die Unsern alle Weg und Steg wusten. In Summa,
-wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen fr&uuml;he
-nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten
- <span class="pagenum"><a id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann
-aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.</p>
-
-<p class="pmb3">Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europ&auml;
-seithero unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenst&uuml;ck
-und Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet,
-da&szlig; man ein ganz Ries Papier haben m&uuml;ste, wann
-man solche alle mit einander beschreiben wolte. Ja ich glaube
-nicht, da&szlig; man genug damit h&auml;tte. Und eben dessentwegen
-habe ich mich mein Lebtag &uuml;ber nichts mehrers verwundert,
-als da&szlig; man uns in den L&auml;ndern geduldet, sintemal wir weder
-Gott noch den Menschen nichts n&uuml;tzen noch zu dienen begehren,
-sondern uns nur mit L&uuml;gen, Betriegen und Stehlen gen&auml;hret,
-beides zu Schaden des Landmanns als<a id="FNanchor_214_214"></a><a href="#Footnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> der gro&szlig;en
-Herren selbst, denen wir manches St&uuml;ck Wild verzehren. Ich
-mu&szlig; aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen
-b&ouml;sen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo
-zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben,
-von waserlei<a id="FNanchor_215_215"></a><a href="#Footnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> Haaren seine Beischl&auml;ferin im Sauerbrunnen
-gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich ger&uuml;hmet,
-glaube auch wol, da&szlig; er an andern Orten mehr, wann er
-vermeint, er habe eines sch&ouml;nen Frauenzimmers genossen, mit
-dergleichen franz&ouml;sischen Huren oder wol gar mit Gabelreuterinnen<a id="FNanchor_216_216"></a><a href="#Footnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a>
-betrogen und also gar des Teufels Schwager worden
-sei.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_212_212"></a><a href="#FNanchor_212_212"><span class="label">[212]</span></a> <em class="gesperrt">K&uuml;rbe</em>, Kirchweih.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_213_213"></a><a href="#FNanchor_213_213"><span class="label">[213]</span></a> <em class="gesperrt">kahl</em>, geringf&uuml;gig, elend, werthlos.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_214_214"></a><a href="#FNanchor_214_214"><span class="label">[214]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, wie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_215_215"></a><a href="#FNanchor_215_215"><span class="label">[215]</span></a> <em class="gesperrt">waserlei</em>, wie welcherlei.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_216_216"></a><a href="#FNanchor_216_216"><span class="label">[216]</span></a> <em class="gesperrt">Gabelreuterin</em>,
-Hexe (die zum Hexensabbat reitet).</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Zugab_des_Autors">Zugab des Autors.</h2>
-
-
-<p class="pmb3">Darum dann nun, ihr z&uuml;chtige J&uuml;ngling, ihr ehrliche
-Wittwer, und auch ihr verehlichte M&auml;nner, die ihr euch noch
-bi&szlig;hero vor diesen gef&auml;hrlichen Chimeris vorgesehen, denen
-schr&ouml;cklichen Medusen entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten
-Sirenen verstopft und diesen unergr&uuml;ndlichen und bodenlosen
-Belidibus<a id="FNanchor_217_217"></a><a href="#Footnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a> abgesagt oder wenigst mit der Flucht widerstanden
-seid, lasset euch auch f&uuml;rderhin diese <span class="antiqua">lupas</span><a id="FNanchor_218_218"></a><a href="#Footnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a> nicht beth&ouml;ren,
-dann einmal mehr als gewi&szlig; ist, da&szlig; bei Hurenlieb
-nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, Schand,
-Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein
-b&ouml;s Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was
-man an ihnen gehabt, wie unfl&auml;tig, wie sch&auml;ndlich, lausig,
-grindig, unrein, stinkend beides am Athem und am ganzen
-Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen und auswendig voller
-Blattern gewesen, da&szlig; man sich endlich dessen bei sich selbsten
-sch&auml;men mu&szlig; und oftermals viel zu spat beklagt.</p>
-
-
-<p class="center pmb3">
-<em class="gesperrt">Ende</em>.<br />
-</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_217_217"></a><a href="#FNanchor_217_217"><span class="label">[217]</span></a> <em class="gesperrt">Beliden</em>, die Danaiden, T&ouml;chter des Danaus, nach ihrem Gro&szlig;vater
-Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mu&szlig;ten
-sie Wasser in ein durchl&ouml;chertes Fa&szlig; sch&ouml;pfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_218_218"></a><a href="#FNanchor_218_218"><span class="label">[218]</span></a> <em class="gesperrt">lupa</em>, W&ouml;lfin, gemeine
-Buhlerin.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Wahrhaftige_Ursach_und_kurzgefasster_Inhalt_dieses">Wahrhaftige Ursach und kurzgefa&szlig;ter Inhalt dieses
-Tract&auml;tleins.</h2>
-
-
-<p class="pmb3">Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung,
-<span class="antiqua">lib. 5</span>, <span class="antiqua">cap. 6</span>, vernimmt, da&szlig; er ihrer mit schlechtem
-Lob gedenkt, wird sie derma&szlig;en &uuml;ber ihn erbittert, da&szlig;
-sie ihm zu Spott, ihr selbsten aber zu eigner Schand, worum
-sie sich aber wenig bek&uuml;mmert, weil sie allererst unter den
-Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst abgesagt, ihren ganzen
-liederlich gef&uuml;hrten Lebenslauf an Tag gibt, um vor der ganzen
-Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen,
-weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu
-sein bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein
-Abscheuen getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit
-und Bosheit ber&uuml;hmet, ma&szlig;en daraus zu schlie&szlig;en, da&szlig; Gaul
-als Gurr, Bub als Hur, und kein Theil um ein Haar besser
-sei als das ander; reibet ihm darneben trefflich ein, wie
-meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und betrogen habe.</p>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-
-<p class="center font18"><b>II.</b></p>
-
-<p class="p2 center font18 pmb3"><b>Der seltzame Springinsfeld.</b></p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a></span></p>
-
-<p class="p3 pmb3"></p>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-
-<p class="center font12"><b>Der seltzame</b></p>
-<p class="center font22"><em class="gesperrt">Springinsfeld</em>,</p>
-
-<p class="center font10">Das ist</p>
-<p class="center font12"><b>Kurtzweilige, lusterweckende und</b></p>
-<p class="center font11"><b>recht l&auml;cherliche Lebensbe-</b></p>
-<p class="center font10">schreibung</p>
-<p class="center font11"><b>Eines weiland frischen, wolversuchten</b></p>
-<p class="center font10">und tapfern Soldaten,</p>
-<p class="center font12"><b>Nunmehr aber ausgemergelten,</b></p>
-<p class="center font11"><b>abgelebten, doch dabei recht</b></p>
-<p class="center font10">verschlagnen</p>
-<p class="center font18"><b>Landst&ouml;rzers und Bettlers,</b></p>
-<p class="center font10">Samt</p>
-<p class="center font12"><b>seiner wunderlichen Gaukeltasche.</b></p>
-
-<p class="center font12"><b>Auf Anordnung des weit und</b></p>
-<p class="center font10">breit bekanten <span class="antiqua">Simplicissimi</span></p>
-<p class="center font11"><b>Verfasset und zu Papier gebracht</b></p>
-<p class="center font11"><b>von</b></p>
-
-<p class="center font16"><span class="antiqua">Philarcho Grosso</span> von</p>
-<p class="center font16 pmb2">Tromerheim.</p>
-
- <div class="figcenter">
- <img src="images/tb002.jpg" alt="Dekoration" />
- </div>
-
-<p class="p2 center font12"><b>Gedruckt in <span class="antiqua">Paphlagonia</span> bei</b></p>
-<p class="p2 center font11"><b>Felix Stratiot.</b></p>
-
-<p class="center"><b>Anno</b> <span class="antiqua">1670.</span></p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a></span></p>
-
-<p class="p3 pmb3"></p>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-
-<h2><a id="Inhalt">Inhalt.</a></h2>
-
-
-<div class="block6c">
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_127">Das erste Capitel.</a></em> Was vor eine schwer verd&auml;uliche
-Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins bef&uuml;rdert.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_130">Das zweite Capitel.</a></em> Conjunctio Saturni, Martis et
-Mercurii.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_135">Das dritte Capitel.</a></em> Ein l&auml;cherlicher Po&szlig;, der einem
-Zechbruder widerfahren.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_140">Das vierte Capitel.</a></em> Der Autor ger&auml;th unter einen
-Haufen Zigeuner und erz&auml;hlet den Aufzug der Courage.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_144">Das f&uuml;nfte Capitel.</a></em> Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung
-dictirt.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_149">Das sechste Capitel.</a></em> Der Autor continuirt vorige Materiam
-und erz&auml;hlet den Dank, den er von der Courage vor seinen
-Schreiberlohn empfangen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_155">Das siebente Capitel.</a></em> Simplicissimi Gaukeltasch und
-erhaltene treffliche Losung.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_162">Das achte Capitel.</a></em> Mit was vor einem Geding Simplicissimus
-den Springinsfeld die Kunst lernete.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_166">Das neunte Capitel.</a></em> Tisch- und Nachtgespr&auml;ch, und
-warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_172">Das zehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld's Herkunft, und wie
-er anfangs in Krieg kommen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_175">Das elfte Capitel.</a></em> Von dreien merkw&uuml;rdigen Verschwendern
-wahrhafte Historien.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_181">Das zw&ouml;lfte Capitel.</a></em> Springinsfeld wird ein Trommelschlager,
-hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern
-lernete.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_186">Das dreizehnte Capitel.</a></em> Durch was vor Gl&uuml;cksfall
-Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach
-ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter
-worden.</span></p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<div class="block6c">
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_191">Das vierzehnte Capitel</a></em> erz&auml;hlet Springinsfeld's ferner
-Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_195">Das funfzehnte Capitel.</a></em> Wie heroisch sich Springinsfeld
-im N&ouml;rdlinger Treffen gehalten.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_198">Das sechzehnte Capitel.</a></em> Wo Springinsfeld nach der
-N&ouml;rdlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen W&ouml;lfen
-bel&auml;gert wird.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_203">Das siebzehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld bekomt Succurs
-und wird wiederum ein reicher Dragoner.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_206">Das achtzehnte Capitel.</a></em> Wie es dem Springinsfeld
-von dem Tuttlinger Me&szlig;tag an bi&szlig; nach dem Treffen vor Herbsthausen
-ergangen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_210">Das neunzehnte Capitel.</a></em> Springinsfeld's fernere Historia
-bi&szlig; auf das kaiserliche Armistitium.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_213">Das zwanzigste Capitel.</a></em> Continuatio solcher Histori bi&szlig;
-zum Friedensschlu&szlig; und endlicher Abdankung.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_216">Das einundzwanzigste Capitel.</a></em> Springinsfeld verheurathet
-sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht,
-wird wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied
-hinter der Th&uuml;r.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_219">Das zweiundzwanzigste Capitel.</a></em> T&uuml;rkenkrieg des
-Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer
-Leirerinen.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_223">Das dreiundzwanzigste Capitel.</a></em> Seines blinden
-Schw&auml;hers, der Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld
-wieder nacheinander los.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_227">Das vierundzwanzigste Capitel.</a></em> Was die Leirerin vor
-lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen
-unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen
-dem T&uuml;rken wird.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_231">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</a></em> Was und wie Springinsfeld
-in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_234">Das sechsundzwanzigste Capitel.</a></em> Was die Leirerin
-weiters f&uuml;r Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen
-habe.</span></p>
-
-<p><span class="i02"><em class="gesperrt"><a href="#Seite_240">Das siebenundzwanzigste Capitel.</a></em> Endlicher Beschlu&szlig;
-von des Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.</span></p>
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_erste_Capitel">Das erste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was vor eine schwer verd&auml;uliche Veranlassung den Autor zu Verfassung
-dieses Werkleins bef&ouml;rdert.</p></div>
-
-
-<p>Als ich verwichne Weihnachtme&szlig; in eines vornehmen Herrn
-Hof mit h&ouml;chst verdrie&szlig;licher Patienz, um eine Resolution zu
-erlangen, aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar
-beweglich um einen Schreiberdienst gebeten und in derselben
-meinen hohen Flei&szlig; mit den allerand&auml;chtigsten Worten ger&uuml;hmt,
-auch die Best&auml;ndigkeit meiner unvergleichlichen Treu genugsam
-versichert hatte, gleichwol aber der gew&uuml;nschte Bescheid dermaleins
-nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich noch viel ungeduldiger,
-vornehmlich als ich sahe, da&szlig; die schmutzige Kuchen-
-und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich aber
-wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer
-Versuchung w&uuml;rdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei
-Gedanken und grillenhaftige Einf&auml;ll, und wie ich in erstgedachter
-Bursche h&ouml;hnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte
-mich, sie w&uuml;rden sich endlich unterfangen, mir den Hut zu
-drehen und den Kunzen mit mir zu spielen<a id="FNanchor_219_219"></a><a href="#Footnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a>, wann ich entweder
-nicht bald ein angenehme Resolution kriegte oder ohne
-dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach ich mir
-wiederum ein anders<a id="FNanchor_220_220"></a><a href="#Footnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a> zu und versichert mich selbst eines weit
-bessern Ausgangs.</p>
-
-<p>Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding
-haben! dann ich brachte alles das hinterst zum v&ouml;rdersten vor,
-weil ich ganz verwirret ware. Erlangstu diesen Dienst, so
-kanstu diesen Schindhunden diese Fachtung<a id="FNanchor_221_221"></a><a href="#Footnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a> schon eintr&auml;nken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>Ich wurde aber nicht allein von diesen unertr&auml;glichen<a id="FNanchor_222_222"></a><a href="#Footnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a> innerlichen
-Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen
-K&auml;lte von au&szlig;enhero dergestalt geplagt, da&szlig; ein jeder, der
-mich gesehen und die K&auml;lt nit selbst empfunden, tausend Eid
-geschworen h&auml;tte, ich w&auml;re mit einem drei- oder viert&auml;gigen
-Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und wieder, ohne da&szlig;
-sie meiner viel geachtet oder mich besprochen<a id="FNanchor_223_223"></a><a href="#Footnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a>. Als ich mich
-aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und aufenthielte<a id="FNanchor_224_224"></a><a href="#Footnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a>,
-da wurde ich eines holdseligen Kammerk&auml;tzchens gewahr;
-deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen
-mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses
-w&auml;re ein ohnzweifelbares Omen, da&szlig; ich ihr Serviteur werden
-w&uuml;rde. Das Herz hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich
-der Wahn einer solchen k&uuml;nftigen Gl&uuml;ckseligkeit versicherte. Da
-sie aber zu mir kam und ihr kirschenrothes M&auml;ulchen aufth&auml;t,
-sagte sie: &raquo;Guter Freund, was habt ihr hier zu thun? Seid
-ihr vielleicht ein armer Sch&uuml;ler, der etwan ein Almusen begehrt?&laquo;</p>
-
-<p>Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung
-zu Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoff&auml;rtige
-Geister, was sage ich: hoff&auml;rtige? ich will sagen: gleich so
-gro&szlig;m&uuml;thige Sinne haben und besitzen, als etwan die Schneider
-selbsten, die sich bei gro&szlig;en Herren zut&auml;ppisch machen, wann
-sie erstlich ihre Kammerdiener und endlich zu ihren Herrn &mdash;
-man denke doch nur, wie verwirrt ich damals in mir selbst
-gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt vorbringe
-&mdash; ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann gro&szlig;e
-Herren werden ja weder Schreiber noch Schneider &uuml;ber sich zu
-Herrn setzen), als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach
-meiner Einbildung accommodirt und gesagt haben: Was beliebt
-meinem hochgeehrten Herrn? oder: Was verlangt derselbe hier
-vor Gesch&auml;fte zu verrichten? Nun was bedarfs vieler Wort?
-Ich wurde ganz best&uuml;rzt und konte die Jungfer doch keiner
-Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer wolst&auml;ndigen
-Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort
-in meinem Capitolio (so der alten R&ouml;mer R&uuml;st- und Waffenkammer
-gewesen) aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen
-bringen, diesem ersten Streich, der mir empfindlicher
-als eine dichte Maulschell vorkam, der Geb&uuml;hr nach zu begegnen.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-Doch lallete ich endlich mit<a id="FNanchor_225_225"></a><a href="#Footnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a> aus Forcht, Hoffnung und K&auml;lte
-verursachter zitterender oder babender Stimme so viel daher,
-da&szlig; ich derjenig Monsieur w&auml;re, der auf Recommendation ehrlicher
-Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.</p>
-
-<p>&raquo;Ach mein gar lieber Gott&laquo;, antwortet das Rabenaas,
-&raquo;ist er derselbig? Ach, er schlage solche Gedanken aus dem
-Sinn, dann ein solcher, der den Dienst haben will, welchen er
-verlangt, mu&szlig; meinen gn. Herren entweder um 1000 Thaler
-gesessen sein<a id="FNanchor_226_226"></a><a href="#Footnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a>, oder um solche Summa einen B&uuml;rgen stellen.
-Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler gegeben
-worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet,
-und unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, da&szlig; ihr da
-seied; ich wolte euch sonst so lang in dieser K&auml;lte nit haben
-stehen lassen.&laquo;</p>
-
-<p>Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase
-hatte. Ich gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus
-eines Knechts weniger! Ich hatte gar nit den Willen,
-angeregten halben Thaler zu nehmen, ma&szlig;en ich mich auch
-drum wehrete, weil ich mir einbildete, solche Abfertigung w&auml;re
-meiner schreiberischen Reputation schimpflich und zuwider. Doch
-gedachte ich: wer wei&szlig;, wo dir dieser Herr noch eine Gnad erweisen
-kan! Schob ihn derowegen in Sack und fa&szlig;te eine
-Hoffnung, mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen
-Dienst noch zu erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad
-verscherzen w&uuml;rde, wann ich so trutzig und halsst&auml;rrig di&szlig; geringe
-Geld ausschlug.</p>
-
-<p>Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die
-Jungfer selbst gab mir das Geleit bi&szlig; unter das Thor, weil
-sie dasselbe, als gegen dem Mittagimbs, gleich zu beschlie&szlig;en
-willens. Da machten wir nun noch als mithin<a id="FNanchor_227_227"></a><a href="#Footnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> wegen des
-halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen der Jungfer
-diese Wort entfuhren: &raquo;Er nehme ihn nur kecklich hin und versichere
-sich, da&szlig; mein gn. Herr und Frau auch das Geringste,
-so ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte
-ihnen einer nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.&laquo;</p>
-
-<p>Das verdrosse mich so grausam &uuml;bel und jagte mich so in
-Harnisch, da&szlig; ich der Jungfer mehr unbescheiden<a id="FNanchor_228_228"></a><a href="#Footnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> als vern&uuml;nftig
- <span class="pagenum"><a id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-antwortet: &raquo;So saget euren gn. Herrn&laquo;, sprach ich,
-&raquo;wann er mir einen jeden <span class="antiqua">s. h.</span><a id="FNanchor_229_229"></a><a href="#Footnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a> Arschwisch, darzu er meine
-Supplication unweislich brauchen m&ouml;chte, ehe er sie gelesen,
-so theur bezahlen wolle, so werde es ihm ehender an Geld,
-als mir an Papier, Federn und Dinten manglen.&laquo; Darauf
-trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn mehr unsinnig
-als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich <span class="antiqua">in literis</span>
-abgef&uuml;hrt<a id="FNanchor_230_230"></a><a href="#Footnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a> hatten, so wenig Dank, da&szlig; mich auch reuete, da&szlig;
-ich meinen Pr&auml;ceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht
-geloffen, wann sie mir etwan zu Zeit einen Product<a id="FNanchor_231_231"></a><a href="#Footnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a> geben.
-Ach, sagte ich, warum haben dich doch deine Eltern nicht ein
-Handwerk oder Dreschen, Strohschneiden oder dergleichen so
-etwas lernen lassen? So h&auml;ttest du da jetzunder auch bei
-jedem Bauren Arbeit und d&ouml;rftest nicht vor gro&szlig;en Herren
-thun stehen, ihnen zu schmeichlen; k&ouml;ntestu doch nur jetzt das
-allerver&auml;chtlichste Handwerk, das sein mag, so f&auml;ndestu gleichwol
-Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und
-dir das Geschenk hielten<a id="FNanchor_232_232"></a><a href="#Footnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a>, wann sie dir gleich keine Arbeit
-g&auml;ben &amp;c. In diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch
-deiner an, und bist der allerverachtetste B&auml;rnh&auml;uter, der sein mag!</p>
-
-<p class="pmb3">In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg.
-Gleichwie mir aber der Zorn nach und nach vergieng, also
-empfande ich die damalige grausame K&auml;lte je l&auml;nger je mehr,
-deren ich bi&szlig;hero so hoch noch nit geachtet hatte; ja sie qu&auml;lte
-mich dergestalt, da&szlig; ich nach einer warmen Stub seufzete, und
-demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde, gienge ich
-mehr der W&auml;rme halber hinein, als den Durst zu l&ouml;schen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_219_219"></a><a href="#FNanchor_219_219"><span class="label">[219]</span></a> Sprichw&ouml;rtlich: verh&ouml;hnen und schimpflich behandeln.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_220_220"></a><a href="#FNanchor_220_220"><span class="label">[220]</span></a> <em class="gesperrt">ein anders</em>,
-auf andere Weise.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_221_221"></a><a href="#FNanchor_221_221"><span class="label">[221]</span></a> <em class="gesperrt">Fachtung</em>, von Facht, F&auml;cher, F&auml;chelung. Der Autor
-will sagen Verachtung. Jakob Grimm, W&ouml;rterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche
-Entstellung an.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_222_222"></a><a href="#FNanchor_222_222"><span class="label">[222]</span></a> In den Ausgaben als Druckfehler: &raquo;und t&auml;glich&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_223_223"></a><a href="#FNanchor_223_223"><span class="label">[223]</span></a> <em class="gesperrt">besprechen</em>, anreden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_224_224"></a><a href="#FNanchor_224_224"><span class="label">[224]</span></a> <em class="gesperrt">aufenthalten</em>, tr&ouml;sten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_225_225"></a><a href="#FNanchor_225_225"><span class="label">[225]</span></a> <em class="gesperrt">mit</em>; die Ausgaben haben &raquo;mit einer&laquo;, oder &raquo;mit meiner&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_226_226"></a><a href="#FNanchor_226_226"><span class="label">[226]</span></a> <em class="gesperrt">gesessen
-sein</em>, durch Grundbesitz sicher sein?</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_227_227"></a><a href="#FNanchor_227_227"><span class="label">[227]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, mhd. <span class="antiqua">allez</span>, stets, fortw&auml;hrend;
-<em class="gesperrt">mithin</em>, im Gehen, unterwegs.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_228_228"></a><a href="#FNanchor_228_228"><span class="label">[228]</span></a> <em class="gesperrt">unbescheiden</em>, indiscret, unverst&auml;ndig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_229_229"></a><a href="#FNanchor_229_229"><span class="label">[229]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">s. h.</span></em>, <span class="antiqua">salvo halore</span>, wie <span class="antiqua">salva venia</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_230_230"></a><a href="#FNanchor_230_230"><span class="label">[230]</span></a> <em class="gesperrt">abf&uuml;hren</em>, wie anf&uuml;hren,
-anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_231_231"></a><a href="#FNanchor_231_231"><span class="label">[231]</span></a> <em class="gesperrt">Product</em>, Schulwitz, an manchen
-Orten noch jetzt gebr&auml;uchlich, Schlag auf den Hintern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_232_232"></a><a href="#FNanchor_232_232"><span class="label">[232]</span></a> <em class="gesperrt">das Geschenk</em>,
-den &uuml;blichen Zehrpfennig f&uuml;r wandernde Handwerksburschen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_zweite_Capitel">Das zweite Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.</p>
-</div>
-
-
-<p>Daselbst wurde ich viel h&ouml;flicher empfangen als von obengedachter
-h&ouml;flichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam
-gleich und fragte: &raquo;Was beliebt dem Herrn?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p>Ich gedachte<a id="FNanchor_233_233"></a><a href="#Footnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a> zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst,
-jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm:
-&raquo;Ein gute halb Ma&szlig; Wein&laquo;, die er mir auch gleich langte, dann
-es war kein Badstub, darin man die Hitz bezahlte, sonder ein
-Ort der Zehrung, darin man die ben&ouml;thigte W&auml;rme umsonst
-hatte oder wenigist in die Zech rechnete.</p>
-
-<p>Ich setzte mich mit meiner halben Ma&szlig; Wein sehr nahe
-zum Ofen, um mich rechtschaffen auszub&auml;hen, alwo sich an
-eben demselbigen Tische ein Mann befande, der im Pfenningwerth
-zehrete<a id="FNanchor_234_234"></a><a href="#Footnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a> und drescherm&auml;&szlig;iger Weis mit beiden Backen
-so gewaltig zuhiebe, da&szlig; ich mich dar&uuml;ber verwunderte. Er
-hatte allbereit eine Supp im Magen und vor<a id="FNanchor_235_235"></a><a href="#Footnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a> zwei Kraut
-und Fleisch allerdings aufgerieben<a id="FNanchor_236_236"></a><a href="#Footnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a>, da ich hinkam, und fragte
-noch darzu nach einem guten St&uuml;ck Gebratens, welches verursachte,
-da&szlig; ich ihn besser betrachtete; da sahe ich, da&szlig; er
-nicht nur zum Fressen, sonder auch an der Gestalt viel ein
-anderer Mensch war, als ich mein Lebtag jemals einen gesehen;
-dann von Proportion des Leibs war er so gro&szlig;, als
-w&auml;re er in Chili<a id="FNanchor_237_237"></a><a href="#Footnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a> oder Chica<a id="FNanchor_238_238"></a><a href="#Footnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> geboren worden. Sein Bart
-war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, dahin
-er der G&auml;ste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber
-kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet,
-da&szlig; Nabuchodonosor dergleichen in seiner Versto&szlig;ung
-getragen habe. Er hatte einen schwarzen Kittel an von w&uuml;llenem
-Tuch, der gieng ihm bi&szlig; an die Kniekehlen, auf ein
-ganz fremde und beinahe auf die alte antiquit&auml;tische Manier
-mit gr&uuml;nem W&uuml;llentuch an den N&auml;then unterlegt, gef&uuml;ttert
-und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, oben
-mit zweien Kn&ouml;pfen und unten mit einem langen eisernen
-Stachel versehen, so dick und kr&auml;ftig, da&szlig; man einem gar
-leicht in einem Streiche die letzte Oelung damit h&auml;tt reichen
-m&ouml;gen.</p>
-
-<p>Ich vergaffte mich schier zum Narren &uuml;ber diesem seltzamen
-Aufzug, und indeme ich ihn je l&auml;nger je mehr betrachtete,
-wurde ich gewahr, da&szlig; sein ungeheurer Bart ganz widersinns,
-das ist wider die europ&auml;ischen B&auml;rt geart und gef&auml;rbt war;
- <span class="pagenum"><a id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-dann die Haar, so ererst bei einem halben Jahr gewachsen,
-sahen ganz falb, was aber &auml;lter war, brandschwarz, da doch
-hingegen bei andern B&auml;rten von solcher Farb die Haar zun&auml;chst
-an der Haut ganz schwarz und die &uuml;brige je &auml;lter je
-falber oder wetterf&auml;rbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte
-der Ursach nach und konte keine andere ersinnen, als da&szlig; die
-schwarze Haar in einem hitzigen Lande, die falbe aber in einem
-viel k&auml;ltern m&uuml;sten gewachsen sein, und solches war auch die
-Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein Gebratens warten
-und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, lie&szlig;e ers
-&uuml;ber das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte,
-als mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, da&szlig;
-ihm jemand den Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein
-anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul, welches
-die grausame K&auml;lte ganz starrhart zugefr&ouml;rt hatte, auch nunmehr
-wieder ein wenig begunte aufzuthauen, sihe, da kamen
-wir gar miteinander in ein Gespr&auml;ch, warin ich ihn zum allerersten
-fragte, ob er nicht ererst vor ungef&auml;hr einem halben
-Jahr aus India kommen w&auml;re. Doch damit er keine Ursach
-haben m&ouml;chte, zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs
-meines Bedunkens gar h&ouml;flich vor, dann ich sagte: &raquo;Mein hochgeehrter
-Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zu vergeben,
-wann sie sich erk&uuml;hnet zu fragen, ob derselbe nicht allererst
-vor einem halben Jahr aus India kommen.&laquo;</p>
-
-<p>Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: &raquo;Wann
-ihr sonst keine Nachricht und Kundschaft von meiner Person
-habt, als da&szlig; ihr mich jetzt das erste mal sehet, so messe ich
-euerer Jugend keinen Vorwitz, sonder einen rechtschaffenen Verstand
-und ein solches Judicium zu, welche beide ein Begierde
-in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu wissen, was euer Verstand
-von mir gefa&szlig;t und das Judicium beschlossen habe;
-derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, da&szlig; ich
-vor einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich
-euch hernach zu vernehmen geben, da&szlig; ihr von mir und meiner
-Reise recht geurtheilt.&laquo;</p>
-
-<p>Als ich ihm nun sagte, da&szlig; mir die Haar seines Barts
-solches zu verstehen geben, antwortet er, ich h&auml;tte recht und
-damit an Tag gelegt, da&szlig; noch mehr als nur dieses hinter
-mir stecke.</p>
-
-<p>Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber
-seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er
- <span class="pagenum"><a id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-hatte aus seinem Sack ein zinnern B&uuml;chse gezogen, in deren
-ein Electuarium<a id="FNanchor_239_239"></a><a href="#Footnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a> war, das allerdings dem Theriak<a id="FNanchor_240_240"></a><a href="#Footnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> gleich
-sahe; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen
-Materi und mischets unter ein gemeines Trinkgl&auml;slein neuen
-Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen Zweenbatzenwein),
-davon er so dick und gelb wurde, da&szlig; er schier einer
-widerw&auml;rtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baum&ouml;l
-sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit
-ein einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der
-milchfarbe neue Wein sich alsobalden ver&auml;nderte, alle noch in
-sich habende unvergohrne <span class="antiqua">faeces</span><a id="FNanchor_241_241"></a><a href="#Footnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> zu Boden fallen lie&szlig;e und
-wie ein alter abgelegner Wein von Farb dem Gold gleich erschiene.
-Er sahe wol, da&szlig; ich keinen sonderlichen Lust zu seinem
-Getr&auml;nk trug, sagte derowegen, ich solte kecklich trinken,
-es w&uuml;rde mir nichts schaden; und als ich mich &uuml;berreden lie&szlig;e,
-den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich kr&auml;ftig und
-gut, da&szlig; ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein getrunken
-h&auml;tte, wann ich nicht gesehen, da&szlig; es ein neuer Elsasser gewesen.
-Darauf erz&auml;hlte er mir, da&szlig; er diese Kunst bei den
-Armeniern gelernet, und erwiese im Werk, da&szlig; ein alter abgelegener,
-sonst an sich selbst sehr k&ouml;stlicher Wein, wie ich damal
-vor mir stehen hatte, von diesem Elixir, wie ers nennet,
-bei weitem nicht so gut wurde als ein gemeiner neuer; dessen
-gab er Ursach, da&szlig; der neue seine Kr&auml;fte noch v&ouml;lliger bei
-einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen,
-noch nichts darvon verloren h&auml;tte.</p>
-
-<p>Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander
-discurirten, da trat ein alter Kronzer<a id="FNanchor_242_242"></a><a href="#Footnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a> mit einem Stelzfu&szlig;
-zur Stuben hinein, den die eingenommene K&auml;lte auch
-gleich wie mich zum Stubenofen triebe. Er hatte sich kaum
-ein wenig gew&auml;rmet, als er eine kleine Discantgeige hervorzog,
-dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher
-striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt,
-da&szlig; einer, der ihn nur geh&ouml;rt und nicht gesehen, h&auml;tt
-glauben m&uuml;ssen, es w&auml;ren dreierlei Saitenspiel untereinander
-gewesen. Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet
-und hatte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-dann sein magere Gestalt bezeugte, da&szlig; er sich mit den
-Schmalhansen betragen<a id="FNanchor_243_243"></a><a href="#Footnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a>, und seine ausgefallene Haar, da&szlig; er
-noch darzu eine schwere Krankheit &uuml;berstehen m&uuml;ssen. Der
-Schwarzrock, so bei mir sa&szlig;e, sagte zu ihm: &raquo;Landsmann, wo
-hastu dein anderes Bein gelassen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Herr&laquo;, antwortet dieser, &raquo;in Candia.&laquo;</p>
-
-<p>Darauf sagte jener: &raquo;Das ist schlimm.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O nein, nit so gar schlimm&laquo;, antwortet der Stelzer,
-&raquo;dann jetzt freurt<a id="FNanchor_244_244"></a><a href="#Footnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> mich nur an ein Fu&szlig;, und ich bedarf auch
-nur einen Schuch und einen Strumpf.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;H&ouml;re&laquo;, sagte der im schwarzen Rock ferner, &raquo;bistu nit der
-Springinsfeld?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vor Zeiten&laquo;, antwortet dieser, &raquo;war ichs, aber jetz bin ich
-der Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten,
-alte Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;An deiner artlichen Music&laquo;, antwortet jener, &raquo;als welche
-ich bereits vor mehr als drei&szlig;ig Jahren zu Soest geh&ouml;ret
-habe. Hastu nicht damals einen Cameraden gehabt unter
-denen daselbst gelegenen Dragonern, der sich Simplicius genennet?&laquo;</p>
-
-<p>Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock:
-&raquo;Und eben derselbe Simplicius bin ich.&laquo;</p>
-
-<p>Hier&uuml;ber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: &raquo;Da&szlig; dich
-der Hagel erschlag!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie&laquo;, sprach Simplicius zu ihm, &raquo;sch&auml;mestu dich nicht,
-da&szlig; du allbereit so ein alter Kr&uuml;ppel und dannoch noch so
-rohe, gottlos und ungehei&szlig;en<a id="FNanchor_245_245"></a><a href="#Footnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a> bist, deinen alten Cameraden
-mit einem solchen Wunsch zu bewillkommen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewi&szlig;
-besser gemacht&laquo;, sagte Springinsfeld, &raquo;oder bistu seither vielleicht
-zu einem Heiligen worden?&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Wann ich gleich kein Heiliger bin,
-so hab ich mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der
-Jahr die b&ouml;se Sitten der unbesonnenen Jugend abzulegen, und
-bin der Meinung, solches w&uuml;rde deinem Alter auch anst&auml;ndiger
-sein als Fluchen und Gottsl&auml;stern.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein Bruder&laquo;, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig,
-&raquo;vergeb mir vor di&szlig;mal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr
- <span class="pagenum"><a id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-mit dir um nichts, es seien dann etwan ein paar Kandel
-Wein, zu disputiren.&laquo;</p>
-
-<p>Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungehei&szlig;en
-zu uns an Tisch gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor,
-kn&uuml;pfte denselbigen auf, ferners sagende: &raquo;Und damit du
-nicht etwan vermeinen m&ouml;chtest, der bettelhafte Springinsfeld
-wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab ich auch noch ein
-paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Und damit sch&uuml;tte er eine Hand voll Ducaten auf den
-Tisch, welche ich etwas mehr als 200 zu sein sch&auml;tzte, und befahl
-dem Hausknecht, ihme auch eine Ma&szlig; Wein herzubringen,
-welches aber Simplicius nicht zugeben wolte, sonder brachte
-ihm eins und sagte, was es des Gepr&auml;ngs mit dem Gelde
-viel bed&ouml;rfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er dergleichen
-wol mehr h&auml;tte gesehen.</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_233_233"></a><a href="#FNanchor_233_233"><span class="label">[233]</span></a> <em class="gesperrt">gedenken</em>, denken an etwas.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_234_234"></a><a href="#FNanchor_234_234"><span class="label">[234]</span></a> <em class="gesperrt">im Pfenningwerth zehren</em>,
-einzelne Gerichte verzehren, wobei der Wirth den Preis angibt, damals gebr&auml;uchlich,
-etwa wie jetzt <span class="antiqua">à la carte</span> essen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_235_235"></a><a href="#FNanchor_235_235"><span class="label">[235]</span></a> <em class="gesperrt">vor</em>, zuvor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_236_236"></a><a href="#FNanchor_236_236"><span class="label">[236]</span></a> <em class="gesperrt">aufreiben</em>,
-vertilgen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_237_237"></a><a href="#FNanchor_237_237"><span class="label">[237]</span></a> <em class="gesperrt">Chili</em>, vielleicht durch die Gr&ouml;&szlig;e der Einwohner bekannt, wie
-das angrenzende Patagonien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_238_238"></a><a href="#FNanchor_238_238"><span class="label">[238]</span></a> <em class="gesperrt">Chica</em>, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_239_239"></a><a href="#FNanchor_239_239"><span class="label">[239]</span></a> <em class="gesperrt">Electuarium</em>, Latwerge.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_240_240"></a><a href="#FNanchor_240_240"><span class="label">[240]</span></a> <em class="gesperrt">Theriak</em>, Gegenmittel gegen (thierische)
-Gifte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_241_241"></a><a href="#FNanchor_241_241"><span class="label">[241]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">faeces</span></em>, Hefen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_242_242"></a><a href="#FNanchor_242_242"><span class="label">[242]</span></a> <em class="gesperrt">Kronzer</em>, Grunzer, Schnorrer, Bettler.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_243_243"></a><a href="#FNanchor_243_243"><span class="label">[243]</span></a> <em class="gesperrt">sich betragen</em>, sich behelfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_244_244"></a><a href="#FNanchor_244_244"><span class="label">[244]</span></a> <em class="gesperrt">freurt</em>, friert (mhd. <span class="antiqua">vriust</span>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_245_245"></a><a href="#FNanchor_245_245"><span class="label">[245]</span></a> <em class="gesperrt">ungehei&szlig;en</em> (unaufgefordert), dreist, frech.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_dritte_Capitel">Das dritte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Ein l&auml;cherlicher Po&szlig;, der einem Zechbruder widerfahren.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich muste mich verwundern und freuete mich, da&szlig; ich derjenigen
-unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von
-welchen ich in Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams
-Dings gelesen, und von denen ich aus Anstalt der Courage
-selbst dergleichen geschrieben. Als sich ihre Wortwechslung geendigt
-und Simplicius ein Glas voll Wein heraus gehoben,
-das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken hatte,
-da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und
-Jugend nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht
-hielte. Er stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen,
-wo ich zuvor und nach mir auch Springinsfeld gestanden,
-gleichsam als wann alle ankommende G&auml;ste zuvor dorthin
-h&auml;tten stehen m&uuml;ssen, ehe sie sich h&auml;tten niedersetzen d&ouml;rfen;
-und gleich hernach folgte ein &uuml;berrheinischer Baur, der ohn
-Zweifel ein Rebmann<a id="FNanchor_246_246"></a><a href="#Footnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> war; dieser ruckte vor jenem die Kappe
- <span class="pagenum"><a id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-und sagte: &raquo;Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen
-Reichsthaler geben, damit ich mein K&auml;rst<a id="FNanchor_247_247"></a><a href="#Footnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> aus der Schmieden
-l&ouml;sen m&ouml;ge, alwo ich sie hab gerben<a id="FNanchor_248_248"></a><a href="#Footnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a> lassen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ach was zum Schinder ist das?&laquo; antwortet jener; &raquo;was
-machstu mit der Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet,
-man gerbe sie in der M&uuml;hlen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Meine K&auml;rst! meine K&auml;rst!&laquo; sagte der Baur.</p>
-
-<p>&raquo;Ich h&ouml;rs wol&laquo;, antwortet der Schaffner; &raquo;vermeinestu
-dann, ich sei taub? Mich wundert nur, was du damit in der
-Schmieden machst, sintemal man die Gersten in der M&uuml;hl zu
-gerben oder zu r&ouml;llen<a id="FNanchor_249_249"></a><a href="#Footnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> pflegt.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ei, Herr Schaffner&laquo;, sagte der Baur, &raquo;ich sagte euch von
-keiner Gersten, sonder von meinem K&auml;rsten, damit ich hacke.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja so&laquo;, antwortet der Schaffner, &raquo;das w&auml;re ein anders&laquo;,
-und z&auml;hlet damit dem B&auml;uerlein einen Thaler hin, den
-er auch gleich in seine Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte:
-Sollestu ein Schaffner &uuml;ber Rebleut sein und weist noch
-nichts von den K&auml;rsten! Dann er befahl dem Bauren, da&szlig; er
-solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor Creaturen
-w&auml;ren, und was der Schmied daran gemacht h&auml;tte. Simplicius
-aber, der diesem Gespr&auml;ch auch zugeh&ouml;ret, fieng an zu lachen,
-da&szlig; er hotzelte<a id="FNanchor_250_250"></a><a href="#Footnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a>, welches auch das erste und letzte Gel&auml;chter
-war, das ich von ihm geh&ouml;ret und gesehen, dann er verhielte
-sich sonst gar ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben
-und mannlichen Stimme, viel lieblicher und freundlicher, als er
-aussahe, wiewol er auch mit den Worten gar gesparsam umgieng.
-Springinsfeld hingegen verlangte die Ursach solches
-Lachens zu h&ouml;ren, lie&szlig;e auch nicht ab am Simplicio zu bitten,
-bi&szlig; er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene Wort
-des Bauren h&auml;tten ihn an einen Possen erinnert, den er auch
-wegen eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen
-Jugend, zwar wider seinen Willen, angestellet, wessentwegen
-er gleichwol ziemliche St&ouml;&szlig;e eingenommen.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, was war das?&laquo; fragte Springinsfeld.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist unn&ouml;thig&laquo;, antwortete Simplicius, &raquo;da&szlig; ich euch
-zu einer eitelen Thorheit reize, darvor ich das &uuml;berm&auml;&szlig;ige
- <span class="pagenum"><a id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-Gel&auml;chter halte, ohne welches ihr aber die Histori nit anh&ouml;ren
-k&ouml;nnet, dann ich w&uuml;rde mich auf solchen Fall mit fremder
-S&uuml;nde beladen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich warf meine Karten mit unter und sagte: &raquo;Hat doch
-mein hochgeehrter Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so
-manchen l&auml;cherlichen Schwank eingebracht; warum wolte er
-dann jetzt seinen alten Cameraden zu Gefallen ein einzige
-l&auml;cherliche Geschicht nicht erz&auml;hlen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Jenes th&auml;t ich&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;weil fast niemand
-mehr die Wahrheit gern blo&szlig; beschauet oder h&ouml;ren will, ihr
-ein Kleid anzuziehen, dardurch sie bei den Menschen angenehm
-verbliebe, und dasjenig gutwillig geh&ouml;ret und angenommen
-w&uuml;rde, was ich hin und wider an der Menschen Sitten zu
-corrigiren bedacht war. Und gewi&szlig;lich, mein Freund, er sei
-versichert, da&szlig; ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich
-besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten
-all zu frei gangen.&laquo;</p>
-
-<p>Ich replicirt hinwider und sagte: &raquo;Das Lachen ist den
-Menschen angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern
-Thieren zum Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich,
-wie wir dann lesen, da&szlig; der lachende Democritus<a id="FNanchor_251_251"></a><a href="#Footnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a> in guter
-Gesundheit 109 Jahr alt worden, dahingegen der weinende
-Heraclitus<a id="FNanchor_252_252"></a><a href="#Footnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a> in fr&uuml;hem Alter eines elenden Tods und zwar in
-einer K&uuml;hhaut, darin er sich wicklen lassen, seine Glieder zu
-heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca<a id="FNanchor_253_253"></a><a href="#Footnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a> <span class="antiqua">in libro de
-tranquillitate vitæ</span>, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt,
-vermahnet, da&szlig; man mehr dem Democrito als dem Heraclito
-nachfolgen soll.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Das Weinen geh&ouml;ret dem Menschen
-so wol als das Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit
-zu lachen oder allzeit zu weinen, wie diese beide M&auml;nner gethan,
-w&auml;re eine Thorheit; dann alles hat seine Zeit. Gleichwol
-aber ist das Weinen dem Menschen mehr als das Lachen
-angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf die
-Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des
- <span class="pagenum"><a id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-K&ouml;nigs Zoroastris<a id="FNanchor_254_254"></a><a href="#Footnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a>, der, wie er geborn, alsbald gelacht, so
-zwar von Nerone<a id="FNanchor_255_255"></a><a href="#Footnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a> auch gesagt wird), sonder es hat der Herr
-Christus unser Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber da&szlig;
-er jemals gelacht, wird in H. Schrift nirgends gefunden, sonder
-hat vielmehr gesagt: Selig seind, die weinen und Leid tragen,
-dann sie werden getr&ouml;st werden! Seneca, als ein Heid,
-mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir Christen
-aber haben mehr Ursach, &uuml;ber die Bosheit der Menschen zu
-weinen als &uuml;ber ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen,
-da&szlig; auf die S&uuml;nde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen
-folgen wird.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Bei mein Eid&laquo;, sagte hierauf Springinsfeld, &raquo;wann ich nit
-glaube, du seiest ein Pfaff worden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du grober Gesell&laquo;, antwortet ihm Simplicius, &raquo;wie darfst
-du das Herz haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schw&ouml;ren,
-wann du mit deinen eignen Augen das Widerspiel sihest?
-Weist du auch wol, was ein Eid ist?&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld muste sich ein wenig sch&auml;men und bat um
-Verzeihung; dann Simplici Mienen waren so ernsthaft und
-bedrohenlich, da&szlig; er einen jeden damit erschr&ouml;cken konte. Ich
-aber sagte zu demselbigen: &raquo;Weil meines hochgeehrten Herrn
-Reden und Schriften voller Sittenlehren stecken, so mu&szlig; ohne
-Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit einem so herzlichem
-Gel&auml;chter erinnert, beides lustig zu h&ouml;ren und etwas
-Nutzlichs daraus zu lernen sein&laquo;, mit Bitte, er wolte sie doch
-ohnbeschwert erz&auml;hlen.</p>
-
-<p>&raquo;Nichts anders&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;lernet<a id="FNanchor_256_256"></a><a href="#Footnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> sie, als
-da&szlig; einer, so jemand etwas N&ouml;thiges fragt, solche Sprach und
-Wort gebrauchen soll, da&szlig; sie der, so gefragt wird, geschwind
-verstehe und in der Eil einen richtigen Bescheid dar&uuml;ber geben
-k&ouml;nne; sodann, da&szlig; einer, der gefragt worden, die Frag aber
-nicht eigentlich und gewi&szlig; verstanden, nit alsobald antworten,
-sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er von h&ouml;herer
-Qualit&auml;t ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen geb&uuml;hrend
-begehren soll. Die l&auml;cherliche Histori ist diese. Als ich noch
-Page beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals
- <span class="pagenum"><a id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-ansehenliche Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische
-befanden, denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen
-lie&szlig;e. Die Fremde und Heimische waren gleichsam in zwo
-Parteien unterschieden, einander wie in einer Battalia mit
-Saufen zu &uuml;berwinden. Das Frauenzimmer stund auf und
-verf&uuml;gte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect
-aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die
-Cavalier aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends
-aufzuf&uuml;llen, da&szlig; sich auch etliche mit dem Rucken an die
-Stubth&uuml;r lehneten, damit ja keiner aus dieser Schlacht entrunne,
-welches mich an diejenige Marter ermahnet, darmit
-Tiberius<a id="FNanchor_257_257"></a><a href="#Footnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a>, der r&ouml;mische Kaiser, viel Leut get&ouml;dtet; dann wann
-er solche umbringen lassen wolte, lie&szlig;e er sie zuvor zu vielem
-Trinken n&ouml;thigen, ihnen hernach die <span class="antiqua">s. h.</span> Harng&auml;ng derma&szlig;en
-vernu&szlig;bicklen<a id="FNanchor_258_258"></a><a href="#Footnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a>, da&szlig; sie den Urin nicht lassen k&ouml;nten, sonder
-endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich
-entwischte einer, der damal kein gr&ouml;&szlig;er Anliegen und Begierde
-hatte, als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn
-Zweifel gewaltig dr&auml;ngte, liefe er wie ein Hund aus der
-Kuchen, der mit hei&szlig;em Wasser gebr&uuml;het worden, in welcher
-Eil er mir zu seinem und meinem Ungl&uuml;ck begegnete, fragende:
-&laquo;Kleiner, wo ist das Secret?&raquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel<a id="FNanchor_259_259"></a><a href="#Footnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a>, was
-ein Secret war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschlie&szlig;erin,
-welche wir Gret nanten, die sonst aber Margaretha
-hie&szlig;e und sich eben damals beim Frauenzimmer befand, dahin
-sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm hinten am Gang
-das Gemach und sagte: &rsaquo;Dort drinnen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter
-Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er
-war so fertig, da&szlig; das Th&uuml;raufmachen, das Hineintreten und
-der Anbruch des strengen Wasserflusses in einem Augenblick
-miteinander geschahe in Ansehung und Gegenwart des ganzen
-Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und
-wie sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten.
-Ich kriegte St&ouml;&szlig;e, weil ich die Ohren nit besser aufgethan;
-der Officier aber hatte Spott darvon, da&szlig; er nicht anders mit
-mir geredet.&laquo;</p>
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_246_246"></a><a href="#FNanchor_246_246"><span class="label">[246]</span></a> <em class="gesperrt">Rebmann</em>, Weinbauer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_247_247"></a><a href="#FNanchor_247_247"><span class="label">[247]</span></a> <em class="gesperrt">K&auml;rst</em>, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den Weinbergen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_248_248"></a><a href="#FNanchor_248_248"><span class="label">[248]</span></a> <em class="gesperrt">gerben</em>, gar, fertig machen, speciell von H&uuml;lsenfr&uuml;chten: entk&ouml;rnen, also
-doppelsinnig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_249_249"></a><a href="#FNanchor_249_249"><span class="label">[249]</span></a> <em class="gesperrt">r&ouml;llen</em>, durch Rollen enth&uuml;lsen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_250_250"></a><a href="#FNanchor_250_250"><span class="label">[250]</span></a> <em class="gesperrt">hotzeln</em> (schaukeln,
-wiegen), sich sch&uuml;tteln.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_251_251"></a><a href="#FNanchor_251_251"><span class="label">[251]</span></a> <em class="gesperrt">Demokritos</em> von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr. Das Hauptziel
-der Erkenntni&szlig; ist ihm die Gem&uuml;thsruhe. Daher die Sage, die ihn den
-lachenden nennt (γελασῖνος).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_252_252"></a><a href="#FNanchor_252_252"><span class="label">[252]</span></a> <em class="gesperrt">Heraklitos</em> aus Ephesus, 500 v. Chr.,
-wegen der ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_253_253"></a><a href="#FNanchor_253_253"><span class="label">[253]</span></a> <span class="antiqua">L. Ann. Seneca, de tranquillitate <em class="gesperrt">animi</em>, cap. 15: Democritum potius
-imitemur quam Heraclitum.</span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_254_254"></a><a href="#FNanchor_254_254"><span class="label">[254]</span></a> <em class="gesperrt">Zoroastris</em>, nach Plinius, <span class="antiqua">hist. natur. VII, 15, fin.</span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_255_255"></a><a href="#FNanchor_255_255"><span class="label">[255]</span></a> <em class="gesperrt">Nero.</em> Grimmelshausen's
-Quelle? Plinius wei&szlig; nichts davon; er sagt in angef&uuml;hrter Stelle:
-<span class="antiqua">risisse &mdash; <em class="gesperrt">unum</em> hominem accepimus</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_256_256"></a><a href="#FNanchor_256_256"><span class="label">[256]</span></a> <em class="gesperrt">lernen</em>, lehren, wie gew&ouml;hnlich
-bei Grimmelshausen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_257_257"></a><a href="#FNanchor_257_257"><span class="label">[257]</span></a> <em class="gesperrt">Tiberius Nero</em>, Suet., <span class="antiqua">Tiber. cap. 62</span>, hatte diese Marter erfunden,
-<span class="antiqua">ut larga meri potione oneratos repente veretris <em class="gesperrt">deligatis</em> fidiculorum
-simul et urinae tormento distenderet</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_258_258"></a><a href="#FNanchor_258_258"><span class="label">[258]</span></a> <em class="gesperrt">vernu&szlig;bicklen</em> hei&szlig;t demnach:
-fest unterbinden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_259_259"></a><a href="#FNanchor_259_259"><span class="label">[259]</span></a> Gemeint ist der &raquo;T. Michel&laquo; in Grimmelshausen's Schrift
-dieses Namens.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_vierte_Capitel">Das vierte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Der Autor ger&auml;th unter einen Haufen Zigeuner und erz&auml;hlet den
-Aufzug der Courage.</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich sagte zum Simplicio, es w&auml;re schad, da&szlig; er diese
-Histori nicht auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht h&auml;tte;
-er aber antwortet mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen
-hinein bringen h&auml;tte sollen, so w&auml;re sein Buch gr&ouml;&szlig;er
-worden als des Stumpfen Schweizerchronik<a id="FNanchor_260_260"></a><a href="#Footnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a>; &uuml;berdas reue
-ihn, da&szlig; er so viel l&auml;cherlich Ding hinein gesetzt, weil er sehe,
-da&szlig; es mehr gebraucht werde, anstatt des Eulnspiegels die
-Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus zu lernen.
-Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche hielte,
-und ob ich dardurch ge&auml;rgert oder gebessert worden w&auml;re. Ich
-antwortet, mein Judicium w&auml;re viel zu gering, entweder dasselbige
-zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider
-das Buch, sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben m&uuml;ssen,
-dabei auch des Springinsfelds nicht zum r&uuml;hmlichsten gedacht
-worden, so h&auml;tte ich doch das Buch weder gelobt noch getadelt,
-sonder damals gelernet, da&szlig; derjenig, so &uuml;bermannet sei, sich
-nach derjenigen Willen und Anmuthung schicken m&uuml;ste, in deren
-Gewalt er sich bef&auml;nde. Als ich dieses gesagt und meiner
-Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche Mundart
-andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoff&auml;rtig
-und unh&ouml;flich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit
-angeh&ouml;ret, als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte,
-da ich ihn nennete, sagte er: &raquo;Potz gr&uuml;tz, du G&ouml;lschnabel! h&auml;tt
-ich di du&szlig;a, i wottar da garint<a id="FNanchor_261_261"></a><a href="#Footnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a> r&uuml;ra!&laquo;</p>
-
-<p>Aber Simplicius antwortet ihm: &raquo;Ich h&auml;tte schier gesagt:
-du alter Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest
-belebten<a id="FNanchor_262_262"></a><a href="#Footnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a> und unserm Muthwillen nach gleichsam &uuml;ber das
- <span class="pagenum"><a id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-ganze Land herrschten. Du must jetzt mit deiner Stelzen nach
-einer andern Pfeifen tanzen, oder gew&auml;rtig sein, wann du es
-zu grob machst, da&szlig; man dir einen steinernen oder wol gar
-einen spanischen Mantel<a id="FNanchor_263_263"></a><a href="#Footnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a> anlegt. In dieser freien Stadt
-stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber
-&uuml;ber die Schnur hauet, der mu&szlig; es auch verantworten oder
-b&uuml;&szlig;en.&laquo;</p>
-
-<p>Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann
-gem&uuml;&szlig;iget h&auml;tte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich
-verwundere ihn, da&szlig; auch neben ihm des Springinsfelds
-gedacht werden m&uuml;ssen, neben welchem er doch die Tage seines
-Lebens &uuml;ber drei Vierteljahr nicht zugebracht. Ich antwortet:
-&raquo;Wann ihm mein hochgeehrter Herr, wie ich mich dann keines
-andern versehe, die Wahrheit gefallen lassen und mir, was ich
-gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem importunen Springinsfeld,
-dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir vorl&auml;ngst
-andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden so
-wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erz&auml;hlen, da&szlig; sie sich
-auch beede selbst dar&uuml;ber verwundern sollen, mit Versicherung,
-wann ich meinen hochgeehrten Herren von solchen l&ouml;bl. Qualit&auml;ten
-beschaffen zu sein gewust h&auml;tte, als ich jetzunder vor
-Augen sehe, da&szlig; ich seinetwegen keine Feder angesetzt haben
-wolte, und solten mir gleich die Zigeuner den Hals zerbrochen
-haben.&laquo;</p>
-
-<p>Ob nun gleich Simplicius ein gro&szlig; Verlangen hatte, zu
-h&ouml;ren, was ich vorbringen w&uuml;rde, so sagte er doch zuvor:
-&raquo;Mein Freund, es w&auml;re ein dumme Unbesonnenheit, ja wider
-alle Gerechtigkeit und die Darstellung eines tyrannischen Sinns,
-wann wir einander<a id="FNanchor_264_264"></a><a href="#Footnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a> strafen wolten um Sachen, die wir selbst
-begangen. Hat er in seinem Schreiben meine Laster ger&uuml;ttelt,
-so &uuml;bertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe andern
-die ihrige, doch, da&szlig; es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig
-sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt.
-Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann
-nicht tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben,
-solche Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich
-sie gesehen, in meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er
- <span class="pagenum"><a id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-erz&auml;hle nur her; ich versprich und versichere alles, was er von
-mir begehrt und gebeten.&laquo; Ich antwortet: &raquo;Ich m&ouml;chte gleich
-reden oder schweigen, so w&uuml;rde doch bald weltk&uuml;ndig werden,
-was ich zu schreiben mich zwingen lassen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
-
-<p>Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte
-ihn, ob er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage
-genant worden. Er antwortet: &raquo;Ach die Bluthex! Schlag sie
-der Donner! Lebt das Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere
-Bestia seit Erschaffung der Welt von der lieben Sonnen
-niemal beschienen worden!&laquo; &raquo;Ei, ei&laquo;, sagte Simplicius zu
-ihm, &raquo;was seind das abermal vor leichtfertige unbesonnene
-Wort?&laquo; Zu mir aber sprach er: &raquo;Ich bitte, er fahre doch
-nur fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erz&auml;hlen, was ich
-so herzlich zu h&ouml;ren verlange.&laquo;</p>
-
-<p>Ich antwortet: &raquo;Mein hochgeehrter Herr wird sich bald
-m&uuml;d geh&ouml;rt haben, dann dieses ist eben diejenige, deren er im
-sechsten Capitul des f&uuml;nften Buchs seiner Lebensbeschreibung
-selbst gedacht hat.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es gilt gleich&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;er sage nur, was
-er von ihr wei&szlig;, und schone meiner auch nit!&laquo;</p>
-
-<p>Auf solches erz&auml;hlete ich folgender Gestalt, was Simplicius
-wissen wolte.</p>
-
-<p>&raquo;Gleich auf n&auml;chstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant,
-einen ausb&uuml;ndigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg
-begriffen, mich aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom,
-und zwar auf hieher zu begeben, entweder als ein armer
-Sch&uuml;ler Pr&auml;ceptorsweis, wie es hier gebr&auml;uchlich, meine Studien
-fortzusetzen, oder auf Recommendation meiner Verwandten, von
-denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir hatte, einen
-Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der H&ouml;he des
-Schwarzwaldes von Krummenschiltach<a id="FNanchor_265_265"></a><a href="#Footnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a> hieherwarts wanderte,
-sahe ich von weitem einen gro&szlig;en Haufen Lumpengesindel gegen
-mir avanzirn, welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete,
-mich auch nicht betrogen fande; und weil ich ihnen
-nit trauete, verbarg ich mich in eine Hecke, da sie zum allerdicksten
-war. Aber weil diese Bursch viel Hunde, so wol
-St&auml;uber<a id="FNanchor_266_266"></a><a href="#Footnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a> als Winde bei sich hatten, sp&uuml;rten mich dieselbige
-gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein St&uuml;ck
- <span class="pagenum"><a id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-Wildbret vorhanden gewest w&auml;re.&laquo; &raquo;Das h&ouml;reten ihre Herren
-alsobalden und eileten mit ihren B&uuml;chsen oder langen Schnaphahnen-R&ouml;hren
-auf mich zu. Einer stellte sich hieher, der
-ander dorthin, wie auf einem Gejaid<a id="FNanchor_267_267"></a><a href="#Footnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a>, da man dem best&auml;ten<a id="FNanchor_268_268"></a><a href="#Footnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a>
-und aufgetriebenen Wild aufpasset. Als ich nun solche meine
-Gefahr vor Augen sahe, zumalen die Hunde auch allbereit an
-mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich auch an zu schreien,
-als wann man mir allbereit das Weidmesser an die Gurgel
-gesetzt h&auml;tte; hierauf liefen beides M&auml;nner, Weiber, Knaben
-und M&auml;gdlein herzu und stellten sich so werklich<a id="FNanchor_269_269"></a><a href="#Footnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a>, da&szlig; ich
-nicht schlie&szlig;en konte, ob mich das garstige Volk umbringen
-oder von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor
-Forcht ein, sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich
-an einsamen Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf,
-damit ihre Todtschl&auml;ge verborgen blieben. Es gab mich auch
-wie noch<a id="FNanchor_270_270"></a><a href="#Footnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> Wunder, und ich verfluchte das Zusehen derjenigen,
-denen das Wild und die jagdbare Gerechtigkeiten zust&auml;ndig,
-da&szlig; sie ihre L&auml;nder mit bei sich habenden Hunden und Gewehr
-von diesem beschreiten Diebsgesindel also durchstreichen
-lassen!&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Da ich mich nun solcherma&szlig;en zwischen ihnen befande wie
-ein armer S&uuml;nder, den man jetzt aufkn&uuml;pfen will, so da&szlig; er
-selbst nicht wei&szlig;, ob er noch lebendig oder bereits halb todt
-seie, sihe, da kam ein pr&auml;chtige Zigeunerin auf einem Maulesel
-daher geritten, dergleichen ich mein Tage nicht gesehen, noch
-von einer solchen geh&ouml;ret hatte, wessentwegen ich sie dann, wo
-nicht gar vor die K&ouml;nigin, doch wenigst vor eine vornehme
-F&uuml;rstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste. Sie schiene
-eine Person von ungef&auml;hr sechzig Jahren zu sein, aber wie ich
-seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs &auml;lter.
-Sie hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar,
-sonder etwas falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold
-und Edelgesteinen wie mit einer Kron zusammen gefa&szlig;t, an
-dessen Statt andere Zigeunerinn nur einen schlechten Bendel
-oder, wans wol abgehet, einen Flor oder Schleier oder auch
-wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem annoch
-frischem Angesicht sahe man, da&szlig; sie in ihrer Jugend
- <span class="pagenum"><a id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-nicht h&auml;&szlig;lich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk
-von Gold und geschmelzter Arbeit<a id="FNanchor_271_271"></a><a href="#Footnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a>, mit Diamanten besetzt,
-und um den Hals eine Schnur voll Zahlperlen<a id="FNanchor_272_272"></a><a href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a>, deren
-sich keine F&uuml;rstin h&auml;tte sch&auml;men d&ouml;rfen. Ihre Serge<a id="FNanchor_273_273"></a><a href="#Footnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a> war von
-keinem groben Teppich, sonder von Scharlach und durchaus
-mit gr&uuml;nem Pl&uuml;sch-Samet gef&uuml;ttert; nebenher aber, wie ihr
-Rock, der von kostbarem gr&uuml;nem englischen Tuch war, mit silbernen
-Passamenten verbr&auml;mt. Sie hatte weder Brust noch
-Wams an, aber wol ein Paar lustiger<a id="FNanchor_274_274"></a><a href="#Footnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a> polnischer Stiefel; ihr
-Hemd war schneewei&szlig;, von reinem Auracher Leinwat<a id="FNanchor_275_275"></a><a href="#Footnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a>, &uuml;berall
-um die N&auml;the mit schwarzer Seiden auf die b&ouml;hmische Manier
-ausgen&auml;het, woraus sie hervor schiene wie eine Heidelbeer in
-einer Milch. So trug sie auch ihr langes Zigeunermesser nicht
-verborgen unterm Rock, sondern offentlich, weil sichs seiner
-Sch&ouml;ne wegen wol damit prangen lie&szlig;e; und wann ich die
-Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten
-Schachtel seie dieser Habit sonderlich zu Esel (h&auml;tte schier: zu
-Pferd, gesagt) &uuml;beraus wol angestanden, wie ich sie dann auch
-noch bi&szlig; auf diese Stund in meiner Einbildung sehen kann,
-wann ich will.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_260_260"></a><a href="#FNanchor_260_260"><span class="label">[260]</span></a> Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Z&uuml;rich. Seine Schweizer Chronik,
-1548, ist ein umfangreicher Foliant.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_261_261"></a><a href="#FNanchor_261_261"><span class="label">[261]</span></a> <em class="gesperrt">garind</em>, grind, Kopf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_262_262"></a><a href="#FNanchor_262_262"><span class="label">[262]</span></a> <em class="gesperrt">belebten</em>,
-verlebten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_263_263"></a><a href="#FNanchor_263_263"><span class="label">[263]</span></a> <em class="gesperrt">spanischer Mantel</em>, ein schwerer Zuber mit einem Loch im Boden,
-den der Delinquent tragen mu&szlig;te; mit einem <em class="gesperrt">steinernen Mantel</em> ist das
-Gef&auml;ngni&szlig; gemeint.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_264_264"></a><a href="#FNanchor_264_264"><span class="label">[264]</span></a> Die ersten Drucke haben &raquo;von andern&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_265_265"></a><a href="#FNanchor_265_265"><span class="label">[265]</span></a> <em class="gesperrt">Krumm-Schiltach</em>, Baden, Oberrheinkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_266_266"></a><a href="#FNanchor_266_266"><span class="label">[266]</span></a> <em class="gesperrt">St&auml;uber</em>, St&ouml;ber, Sp&uuml;rhund; <em class="gesperrt">Wind</em>, Windhund.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_267_267"></a><a href="#FNanchor_267_267"><span class="label">[267]</span></a> <em class="gesperrt">Gejaid</em>, Jagd.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_268_268"></a><a href="#FNanchor_268_268"><span class="label">[268]</span></a> <em class="gesperrt">best&auml;ten</em>, best&auml;tigen, das Vorhandensein eines
-Wildes an einem bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_269_269"></a><a href="#FNanchor_269_269"><span class="label">[269]</span></a> <em class="gesperrt">werklich</em>, spa&szlig;haft, wunderlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_270_270"></a><a href="#FNanchor_270_270"><span class="label">[270]</span></a> <em class="gesperrt">wie noch</em>, wie jetzt noch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_271_271"></a><a href="#FNanchor_271_271"><span class="label">[271]</span></a> <em class="gesperrt">Geschmelzte Arbeit</em>, Schmelz, Email.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_272_272"></a><a href="#FNanchor_272_272"><span class="label">[272]</span></a> <em class="gesperrt">Zahlperlen</em>, die gr&ouml;&szlig;ten,
-die nicht nach dem Gewicht, sondern nach der Zahl verkauft werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_273_273"></a><a href="#FNanchor_273_273"><span class="label">[273]</span></a> <em class="gesperrt">Serge</em>, deutsch Sarsche, leichtes Tuch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_274_274"></a><a href="#FNanchor_274_274"><span class="label">[274]</span></a> <em class="gesperrt">lustig</em>, reizend, h&uuml;bsch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_275_275"></a><a href="#FNanchor_275_275"><span class="label">[275]</span></a> <em class="gesperrt">Aurach</em>, Urach, W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon damals bedeutende
-Leinenindustrie.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_funfte_Capitel">Das f&uuml;nfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Nun diese tolle<a id="FNanchor_276_276"></a><a href="#Footnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> Zigeunerin, welche von den andern eine
-gn&auml;dige Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der
-Dame von Babylon gehalten wurde, wann sie nur auf einem
-siebenk&ouml;pfigen Drachen gesessen und ein wenig sch&ouml;ner gewesen
-w&auml;re, sagte zu mir: &laquo;Ach, mein sch&ouml;ner wei&szlig;er junger Gesell,
-was machstu hier so gar allein und so weit von den Leuten?&raquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich antwortet: &rsaquo;Mein gro&szlig;m&auml;chtige, hochgeehrte Frau, ich
-komm von Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an
-den Rheinstrom in eine Stadt zu reisen, entweder daselbst ein
-mehrers zu studieren, oder einen Dienst zu bekommen, dann ich
-bin ein armer Schuler.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Da&szlig; dich Gott beh&uuml;et, mein Kind&raquo;, fragte sie, &laquo;woltestu
-mir nicht ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und
-etwas schreiba? Ich wolte dir alle Tag ein Reichsthaler
-geben.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler w&auml;re nicht zu verachten;
-wer wei&szlig; aber, was du schreiben solst! So gro&szlig;es
-Anerbieten ist vor suspect zu halten. Und wann sie nicht
-selbst gesagt h&auml;tte, da&szlig; mich Gott beh&uuml;ten solte, so h&auml;tte ich
-vermeinet, es w&auml;re ein Teufelsgespenst gewesen, das mich
-durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation
-der Hexenzunft h&auml;tt einverleiben wollen. Mein Antwort war:
-Wann es mir nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben,
-was sie begehrt.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Ai wol nai, main Kind&raquo;, sagte sie hierauf; &laquo;es wird dir
-gar nichts schaden, beh&uuml;t Gott! Komm nur mit uns; ich will
-dir darneben auch Essen und Trinken geben, so gut ichs hab,
-bi&szlig; du fertig sein wirst.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als
-der Beutel &ouml;d von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmei&szlig;
-wie ein Gefangner war, sihe, so schlendert ich mit dahin und
-zwar in einem dicken Wald, da wir die erste Nacht logirten,
-allwo sich allbereit etliche Kerl befanden, die einen sch&ouml;nen
-Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein Feuermachens,
-Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach vollkommen
-versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also
-nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser
-wurde ein Zelt von wei&szlig;em Barchet aufgeschlagen, welches sie
-auf ihrem Maulesel unterm Sattel f&uuml;hret; sie aber f&uuml;hrte
-mich etwas beiseits, setzte sich unter einen Baum, hie&szlig;e mich
-zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi Lebensbeschreibung
-hervor.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Seht da, mein Freund&raquo;, sagte sie, &laquo;dieser Kerl, von dem
-di&szlig; Buch handelt, hat mir ehemalen den gr&ouml;sten Schabernack
-angethan, der mir die Tage meines Lebens jemal widerfahren,
-welches mich dergestalt schmirzt, da&szlig; mir unm&uuml;glich f&auml;llt, ihm
-seine Buberei ungerochen hingehen zu lassen; dann nachdem
-er meiner gutwilligen Freundlichkeit genug genossen, hat sich
-der undankbare Vogel (mein hochgeehrter Herr verzeihe mir,
-da&szlig; ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut, nicht allein
-mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erh&ouml;rten schlimmen
-Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht gesch&auml;met,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_146">[S. 146]</a></span>
-alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen,
-beides mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch
-den offentlichen Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine
-erste an mir begangene Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetr&auml;nkt;
-dann als ich vernommen, da&szlig; sich der schlimme Gast
-verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen, welches meine Kammermagd
-eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen mit
-mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Th&uuml;r legen
-lassen, mit Bericht, da&szlig; ich solche Frucht von ihm empfangen
-und geboren h&auml;tte, so er auch glauben, das Kind zu seinem
-gro&szlig;en Spott annehmen und erziehen und sich noch darzu von
-der Obrigkeit tapfer strafen lassen m&uuml;ssen, vor welchen Betrug,
-da&szlig; er mir so rechtschaffen angangen<a id="FNanchor_277_277"></a><a href="#Footnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a>, ich nicht 1000 Reichsthaler
-nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden
-vernommen, da&szlig; dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger
-Erb sein werde.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius, so mir bi&szlig;her and&auml;chtig zugeh&ouml;ret, fiele mir
-hier in die Red und sagte: &raquo;Wann ich noch wie hiebevor in
-dergleichen Thorheiten meine Freud suchte, so w&uuml;rde mirs keine
-geringe Ergetzung sein, da&szlig; ihr diese N&auml;rrin einbildet, sie habe
-mich hiemit hinters Liecht gef&uuml;hrt, da sie mir doch dardurch
-den allergr&ouml;&szlig;ten Dienst gethan und sich noch mit ihrem eitlen
-K&uuml;tzlen bi&szlig; auf diese Stund selbst betreugt; dann damals, als
-ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei
-ihr selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius,
-dessen ich nicht verl&auml;ugnen kann, weil er mir sowol
-im Gem&uuml;t nachartet, als im Angesicht und an Leibsproportion
-gleichet, von derselben Kammermagd als einer losen Zigeunerin
-geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein Exempel,
-da&szlig; oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich selbst
-betriegen, und da&szlig; Gott die gro&szlig;e S&uuml;nden, wo kein Besserung
-folgt, mit noch gr&ouml;&szlig;ern S&uuml;nden zu strafen pflege, davon endlich
-die Verdammnus desto gr&ouml;&szlig;er wird. Aber ich bitte, er
-fahre in seiner Erz&auml;hlung fort; was sagte sie ferners?&laquo;</p>
-
-<p>Ich gehorchte und redet weiters folgenderma&szlig;en: &raquo;Sie befahle
-mir, ich solte mich ein wenig in meines hochgeehrten
-Herrn Lebensbeschreibung informirn, um mich darnach haben
-zu richten, dann sie w&auml;re Willens, ihren Lebenslauf auf eben
-diese Gattung durch mich beschreiben zu lassen, um solche
- <span class="pagenum"><a id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren, und das
-zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine begangene
-Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere
-Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor di&szlig;mal haben m&ouml;chte,
-aus dem Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser
-obliegen m&ouml;chte; sie wolte indessen Schreibzeug und Papier
-zur Hand bringen und mich nach vollendter Arbeit dergestalt
-belohnen, da&szlig; ich zufrieden mit ihr sein m&uuml;ste.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Also hatte ich die zween erste T&auml;ge anderster nichts zu
-thun, als zu lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit
-ich auch meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz
-expedirte. Da es aber den dritten Tag an ein Schreibens
-gehen solte, wurde es unversehens Alarm, nit da&szlig; uns jemand
-angegriffen oder verfolgt h&auml;tte, sondern als ein einzige<a id="FNanchor_278_278"></a><a href="#Footnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a> Zigeunerin
-in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam, die eine
-reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen,
-G&ouml;ttelgeld<a id="FNanchor_279_279"></a><a href="#Footnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a> und allerhand Sachen, so man den Kindern zur
-Zierde um die H&auml;lse zu h&auml;ngen pflegt, erschnappt hatte. Da
-war ein seltzam Gewelsch<a id="FNanchor_280_280"></a><a href="#Footnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a> zu h&ouml;ren und ein geschwinder Aufbruch
-zu sehen. Die Courage (dann also nennet sich diese
-allervornehmste Zigeunerin selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte
-die Ordre und theilet das Lumpengesindel in unterschiedliche
-Troupen aus, mit Befelch, welche Wege diese oder jene brauchen,
-auch wie, wo und wann sie wieder an einem gewissen Ort,
-den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten. Als nun
-die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber
-zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten
-und zwar eitel<a id="FNanchor_281_281"></a><a href="#Footnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a> wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen
-den Schwarzwald hinunter, in solcher uns&auml;glichen
-schnellen Eil, als wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro
-deswegen ein ganzes Heer nachgejagt h&auml;tte. Sie h&ouml;ret auch
-nicht auf zu fliehen, und zwar als<a id="FNanchor_282_282"></a><a href="#Footnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> auf der obersten H&ouml;he des
-Schwarzwalds, bi&szlig; wir das Schutter-, Kinzcher-, Peters-,
-Noppenauer-, Cappler-, Sa&szlig;walder- und Bieler-Thal<a id="FNanchor_283_283"></a><a href="#Footnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a> passirt
-und die hohe und gro&szlig;e Waldungen &uuml;ber der Murg<a id="FNanchor_284_284"></a><a href="#Footnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a> erlangt
-hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager aufgeschlagen.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd untergegeben<a id="FNanchor_285_285"></a><a href="#Footnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a>,
-darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng:
-Wer selten reit &amp;c.<a id="FNanchor_286_286"></a><a href="#Footnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a>&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich merkte wol, da&szlig; diese Suite der Courage, die mit mir
-in 13 Pferden und eitel M&auml;nnern und Weibern, aber in keinen
-Kindern bestunde, alles Verm&ouml;gen der &uuml;brigen Zigeuner,
-so viel sie an Gold, Silber und Kleinodien zusammen gestohlen,
-mit sich f&uuml;hrte und verwahrte. Ueber nichts verwundert
-ich mich mehr, als da&szlig; diese Leute alle Rick<a id="FNanchor_287_287"></a><a href="#Footnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a>, Weg und Steg
-an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und da&szlig;
-bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt
-war, ja ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung.
-Noch dieselbe Nacht, als wir kaum ein wenig gessen und geruhet
-hatten, wurden zwei Weiber in die Landstracht verkleidet
-und gegen Horb<a id="FNanchor_288_288"></a><a href="#Footnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a> geschickt, Brod zu holen, unterm Vorwand,
-als wann sie solches vor einen Dorfwirth einkauften, wie dann
-ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach<a id="FNanchor_289_289"></a><a href="#Footnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a> ritte, der uns gleich den
-andern Tag ein paar L&auml;gel Wein brachte, die er seinem Vorgeben
-nach von einem Rebmann gekauft hatte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die
-gottlose Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie
-es intitulirt, oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung
-in die Feder zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch,
-sonder brauchte eine solche Manier, die ihren klugen Verstand
-und dann auch dieses genugsam zu verstehen gab, da&szlig; sie auch
-bei Leuten gewesen und sich mit wunderbarer Verwandelung
-der Gl&uuml;cksf&auml;ll weit und breit in der Welt umgesehen und viel
-darin erfahren und gelernet h&auml;tte. Ich fande sie &uuml;beraus
-rachgierig, so da&szlig; ich glaube, sie sei zu dem Anacharse<a id="FNanchor_290_290"></a><a href="#Footnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> selbst
-in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann
-auch besagtes Tract&auml;tel, um den Herrn zu verehren<a id="FNanchor_291_291"></a><a href="#Footnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a>, zu ihrer
-eignen Hand<a id="FNanchor_292_292"></a><a href="#Footnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a> hat schreiben lassen; von welchem ich weiters
-nichts melden, sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn
-Zweifel bald drucken lassen wird, bezogen haben will.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_276_276"></a><a href="#FNanchor_276_276"><span class="label">[276]</span></a> <em class="gesperrt">toll</em>, keck und auffallend gekleidet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_277_277"></a><a href="#FNanchor_277_277"><span class="label">[277]</span></a> <em class="gesperrt">angehen</em>, gelingen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_278_278"></a><a href="#FNanchor_278_278"><span class="label">[278]</span></a> <em class="gesperrt">einzig</em>, einzeln.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_279_279"></a><a href="#FNanchor_279_279"><span class="label">[279]</span></a> <em class="gesperrt">G&ouml;ttelgeld</em>, Pathengeld; vgl. Gotte, G&ouml;ttel,
-Pathe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_280_280"></a><a href="#FNanchor_280_280"><span class="label">[280]</span></a> <em class="gesperrt">Gewelsch</em>, Sprachverdrehen, von <em class="gesperrt">welschen</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_281_281"></a><a href="#FNanchor_281_281"><span class="label">[281]</span></a> <em class="gesperrt">eitel</em>,
-(nicht anders als) durchaus.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_282_282"></a><a href="#FNanchor_282_282"><span class="label">[282]</span></a> <em class="gesperrt">als</em>, stets, fortw&auml;hrend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_283_283"></a><a href="#FNanchor_283_283"><span class="label">[283]</span></a> s&auml;mmtlich in
-Baden, Mittelrheinkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_284_284"></a><a href="#FNanchor_284_284"><span class="label">[284]</span></a> Die <em class="gesperrt">Murg</em>, Nebenflu&szlig; des Rheins, am Fu&szlig; des
-Kniebis entspringend, bei Rastatt m&uuml;ndend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_285_285"></a><a href="#FNanchor_285_285"><span class="label">[285]</span></a> <em class="gesperrt">untergeben</em>, zum Reiten geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_286_286"></a><a href="#FNanchor_286_286"><span class="label">[286]</span></a> Das Sprichwort lautet: Wer selten
-reitet, dem thut der A. weh.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_287_287"></a><a href="#FNanchor_287_287"><span class="label">[287]</span></a> <em class="gesperrt">Rick</em>, R&uuml;ck, R&uuml;cken, H&ouml;henzug.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_288_288"></a><a href="#FNanchor_288_288"><span class="label">[288]</span></a> <em class="gesperrt">Horb</em>,
-St&auml;dtchen, W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_289_289"></a><a href="#FNanchor_289_289"><span class="label">[289]</span></a> <em class="gesperrt">Gernsbach</em> in Baden, Mittelrheinkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_290_290"></a><a href="#FNanchor_290_290"><span class="label">[290]</span></a> <em class="gesperrt">Anacharsis</em>, ein Scythe, der auf seinen Reisen in Griechenland
-Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit der Lebensweise. Er lernte
-auch Solon kennen. Nach seiner R&uuml;ckkehr wurde er von seinem Bruder Saulios
-get&ouml;dtet, weil er griechischen G&ouml;tterdienst einf&uuml;hren wollte. Herodot, <span class="antiqua">IV</span>,
-76. Cicer. <span class="antiqua">Tusc.</span> B. 32. 90. F&uuml;r die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich
-nirgends ein Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten
-Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und geh&ouml;rt dann an
-den Schlu&szlig; des vorhergehenden Satzes.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_291_291"></a><a href="#FNanchor_291_291"><span class="label">[291]</span></a> <em class="gesperrt">verehren</em>, <span class="antiqua">trans.</span>, um dem Herrn
-damit ein Geschenk zu machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_292_292"></a><a href="#FNanchor_292_292"><span class="label">[292]</span></a> <em class="gesperrt">zu ihrer eigenen Hand</em>, in ihrem Namen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_sechste_Capitel">Das sechste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Der Autor continuirt vorige Materia und erz&auml;hlet den Dank, den
-er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.</p>
-</div>
-
-
-<p>Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag
-kommen w&auml;re, und was sie mit ihm zu schaffen gehabt h&auml;tte.
-Ich antwortet: &raquo;Soviel ich mich noch zu erinnern wei&szlig;, ist
-sie, wie ich bereits gemeldet, in Italia seine Matre&szlig; oder,
-allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht gewesen, ma&szlig;en
-sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese Schandvettel
-angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Schweig, da&szlig; dich der Hagel erschlag, du Schurk&laquo;, sagte
-Springinsfeld, &raquo;oder ich schmei&szlig; dir Blackschei&szlig;er<a id="FNanchor_293_293"></a><a href="#Footnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a>, der Teufel
-soll sterben, die Kandel<a id="FNanchor_294_294"></a><a href="#Footnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> &uuml;bern Kopf, da&szlig; dir der rothe Saft
-hernach gehet!&laquo;</p>
-
-<p>Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel.
-Aber Simplicius war eben so geschwind und weit st&auml;rker als
-er, auch eines andern Sinns, enthielte ihne derowegen vom<a id="FNanchor_295_295"></a><a href="#Footnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a>
-Streich und bedrohete ihn, ihn zum Fenster hinaus zu werfen,
-wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen kam der
-Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher
-Anzeigung, wann wir nicht still w&auml;ren, da&szlig; bald Thurnh&uuml;ter
-und Fausth&auml;mmer vorhanden sein w&uuml;rden, die den Urs&auml;cher
-solcher H&auml;ndel oder wol gar uns alle drei an ein ander
-Ort f&uuml;hren solten. Ob ich nun gleich hierauf vor Angst zitterte
-und so still wurde wie ein M&auml;usel, so wolte ich doch
-gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum Ammeister<a id="FNanchor_296_296"></a><a href="#Footnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a>
-gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen;
-aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen
-und einige davon zu kriegen verhoffte, sprach mir neben
- <span class="pagenum"><a id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-Simplicio so freundlich zu, da&szlig; ichs unterwegen lie&szlig;e, wiewol
-Springinsfeld noch immerhin wie ein alter b&ouml;ser Hund gegen
-mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, da&szlig;
-ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene
-Schmach vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein
-solte, so lang ich nur<a id="FNanchor_297_297"></a><a href="#Footnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> selber wolte.</p>
-
-<p>Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann
-wieder von den so genannten Zigeunern hinweg kommen w&auml;re,
-und mit was vor Gesch&auml;ften dieselbige ihre Zeit in den W&auml;ldern
-passirt h&auml;tten. Ich antwortet: &raquo;Mit Essen, Trinken,
-Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen<a id="FNanchor_298_298"></a><a href="#Footnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a>, Singen,
-Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber gr&ouml;&szlig;te Arbeit
-war Kochen und Feuern, ohne<a id="FNanchor_299_299"></a><a href="#Footnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> da&szlig; etliche alte Hexen hie
-und da sa&szlig;en, die junge im Wahrsagen oder vielmehr im
-Liegen<a id="FNanchor_300_300"></a><a href="#Footnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a> zu unterrichten. Theils M&auml;nner aber giengen dem
-Gewild nach, welches sie ohne Zweifel durch zauberische Segen
-zum Stillstehen zu bannen und mit abget&ouml;dten Pulver, das
-nicht laut kl&auml;pfte<a id="FNanchor_301_301"></a><a href="#Footnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a>, zu f&auml;llen wusten, ma&szlig;en ich weder an Wild
-noch Zahm keinen Mangel bei ihnen versp&uuml;ren konte. Wir
-waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine
-Partei nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche
-waren, die ich bi&szlig;hero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar
-nit beim besten empfangen wurden, anticipirten bei der Courage
-(ich sch&auml;tze, aus ihrem allgemeinen Seckel) Geld; andere aber
-brachten Beuten, und kein Theil gelangte an, das nicht entweder
-Brod, Butter, Speck, H&uuml;hner, G&auml;ns, Enten, Spanferkel,
-Gei&szlig;en, H&auml;mmel oder auch wol gem&auml;ste Schwein mit sich gebracht
-h&auml;tte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten
-einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die &uuml;ber der verbotenen
-Arbeit ertappt und mit trefflichen St&ouml;&szlig;en und Schl&auml;gen
-abgefertigt worden war. Und ich sch&auml;tze, wie dann leicht zu
-gedenken, da&szlig; sie obengedachte zahme Schnabelweid und das
-kleine Viehe entweder in oder um die D&ouml;rfer und Baurenh&ouml;fe
-hinweg gef&uuml;chslet oder hin und wieder von den Heerden hinweg
-gew&ouml;lfelt haben. Gleichwie nun t&auml;glich solche Compagnien bei
-uns ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von
-uns hinweg, zwar nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf
- <span class="pagenum"><a id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-andere Manieren bekleidet, je nachdem sie meines Davorhaltens
-ein Diebsst&uuml;ck zu verrichten im Sinn hatten. Und dieses,
-mein hochgeehrter Herr, waren die Gesch&auml;fte der Zigeuner, die
-ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.</p>
-
-<p>&raquo;Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem
-hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder
-auch erz&auml;hlen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der
-Courage zu eben so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld
-oder dem Simplicissimo selbsten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich dorfte<a id="FNanchor_302_302"></a><a href="#Footnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> t&auml;glich &uuml;ber 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil
-Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann
-mochte ich mit andern spazieren gehen, spielen oder andere
-Kurzweil haben, worzu sich dann alle gar geneigt und gesellig
-gegen mir erzeigten; ja die Courage selbst leiste mir die mehrigste
-Gesellschaft, dann bei diesen Leuten findet durchaus einige
-Traurigkeit, Sorg oder Bek&uuml;mmernus keinen Platz. Sie ermahnten
-mich an die Marder und F&uuml;chse, welche in ihrer Freiheit
-leben und auf den alten Kaiser<a id="FNanchor_303_303"></a><a href="#Footnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a>, doch vorsichtig und listig
-genug, hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben
-so geschwind als vortheilhaftig<a id="FNanchor_304_304"></a><a href="#Footnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> sich aus dem Staub machen.
-Einsmals fragte mich Courage, wie mir di&szlig; freie Leben gefiele.
-Ich antwortet: Ueberaus wol! Und ob gleich alles erlogen
-war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch noch ferner
-dran, da&szlig; ich mir schon nicht nur einmal gew&uuml;nscht, auch ein
-Zigeuner zu sein.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Mein Sohn&lsaquo;, sagte sie, &rsaquo;wann du Lust hast, bei uns zu
-bleiben, so ist der Sach bald geholfen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, mein Frau&laquo;, antwortet ich, &raquo;wann ich auch die
-Sprache k&ouml;nte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Di&szlig; ist bald gelernet&lsaquo;, sagte sie; &rsaquo;ich hab sie ehe als in
-einem halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich
-will euch ein sch&ouml;ne Beischl&auml;ferin zum Heurath verschaffen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst
-zu Rath gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser
-Leben als hier zu kriegen getraute; des Studierens und Tag
-und Nacht &uuml;ber den B&uuml;chern zu hocken, w&auml;re ich schon vor
-l&auml;ngsten m&uuml;d worden; so m&ouml;chte ich auch nicht arbeiten, viel
- <span class="pagenum"><a id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches das Schlimmste
-w&auml;r, da&szlig; ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen Eltern
-zu hoffen h&auml;tte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn&lsaquo;, sagte
-das Rabenaas weiters, &rsaquo;und kanst leicht hierbei abnehmen und
-probieren, was unser Manier zu leben vor anderer Menschen
-Leben vor einen Vorzug habe, wann du n&auml;mlich sihest, da&szlig;
-kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem allergr&ouml;&szlig;ten
-F&uuml;rsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen
-wolte; es w&uuml;rde alle solche hohe f&uuml;rstliche Gnaden vor nichts
-sch&auml;tzen, die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch
-verlangen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber,
-was ihr Springinsfeld gew&uuml;nscht, und indem ich ihr dieser
-Gestalt das Maul machte<a id="FNanchor_305_305"></a><a href="#Footnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a>, als wenn ich bei ihr verbleiben
-wolte, hoffte ich desto ehender die Freiheit, mit andern auszugehen,
-und also Gelegenheit zu bekommen, mich wieder von
-ihr abzuscheiblen<a id="FNanchor_306_306"></a><a href="#Footnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a>.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die
-brachten eine junge Zigeunerin mit sich, die sch&ouml;ner war, als
-die allersch&ouml;nste aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese
-machte so wol als andere bald Kundschaft zu mir (dann man
-mu&szlig; wissen, da&szlig; unter dieses Volks ledigen Leuten wegen
-ihres M&uuml;&szlig;iggangs die L&ouml;ffelei eine Gewohnheit ist, deren sie
-sich weder zu sch&auml;men noch zu scheuen pflegen) und erzeigte
-sich so freundlich, holdselig und liebreizend, da&szlig; ich glaube, ich
-w&auml;re angangen<a id="FNanchor_307_307"></a><a href="#Footnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a>, wann mich nicht die Sorg, ich w&uuml;rde auch
-hexen lernen m&uuml;ssen, darvon abgeschr&ouml;ckt, und ich nicht zuvor
-der Courage Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem
-eignen Maul geh&ouml;rt h&auml;tte. Eben darum traute ich desto weniger
-und sahe mich desto besser vor; doch erzeigte ich mich
-gest&auml;ltiger<a id="FNanchor_308_308"></a><a href="#Footnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> gegen ihr als gegen einer andern. Sie fragte mich
-gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der Frau Gr&auml;fin,
-dann also nannte sie die Courage, zu schreiben h&auml;tte. Als ich
-ihr aber die Antwort gabe, es w&auml;re ohnn&ouml;thig, da&szlig; es die
-Jungfer w&uuml;ste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder
-ich merkte auch an der Courage selbsten meiner Einbildung
- <span class="pagenum"><a id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-nach, da&szlig; sie solche Frag an mich zu thun befohlen und also
-meine Verschwiegenheit probiert hatte, dann sie ward mir immer
-je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus
-den Kleidern kommen, wessentwegen sich dann die M&uuml;llerfl&ouml;he
-h&auml;ufig bei mir einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner
-Jungfer Zigeunerin klagte. Dieselbe lachte mich anf&auml;nglich
-gewaltig aus und nannte mich einen einfaltigen Tropfen;
-aber den andern Morgen brachte sie eine Salbe, welche alle
-L&auml;use vertreiben w&uuml;rde, wann ich nur darmit nackend bei einem
-Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren
-lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte.
-Ich sch&auml;mte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es
-m&ouml;chte mir gehen wie Apulejo<a id="FNanchor_309_309"></a><a href="#Footnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a>, welcher durch dergleichen
-Schmiersel in ein Esel verwandelt worden. Indessen qu&auml;lte
-mich aber das Ungeziefer so greulich, da&szlig; ichs nicht mehr erleiden
-kunte; dannenhero ward ich gezwungen, diese Salbung
-zu gebrauchen, doch mit dieser Condition, da&szlig; sich die Jungfer
-zuvor von mir schmieren lassen solte, und alsdann wolte ich
-ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu solcher Verrichtung
-nun machten wir etwas fern von unserm L&auml;ger ein absonderlichs
-Feur und th&auml;ten dabei, was wir abgeredet hatten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die L&auml;use giengen zwar fort, aber den Morgen fr&uuml;he sahe
-ich mit Haut und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber.
-Ich wuste es noch nicht an mir, bi&szlig; mich die Courage vexierte
-und sagte: &rsaquo;So, mein Sohn, ich sehe wol, du bist deinem
-Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau
-Mutter&laquo;, antwortet ich. Sie aber sagte: &rsaquo;Beschaue deine
-H&auml;nde!&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und mit dem lie&szlig;e sie einen Spiegel holen, in welchem
-sie mir eine Gestalt wiese, die ich wegen &uuml;berm&auml;&szlig;iger Schw&auml;rze
-selbst nicht mehr vor die meinige erkante, sonder darvor erschrak.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Diese Salbung, mein Kind&lsaquo;, sagte sie, &rsaquo;gilt bei uns so
-viel, als bei den T&uuml;rken die Beschneidung; und welche dich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_154">[S. 154]</a></span>
-gesalbet hat, die mustu auch zum Weib haben, sie gefalle dir
-gleich oder nicht.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an
-zu lachen, da&szlig; sie h&auml;tten zerbersten m&ouml;gen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, h&auml;tte ich Stein
-und Bein zusammen fluchen m&ouml;gen; aber was wolte oder
-solte ich anders thun, als nach deren Willen mich zu accomodirn,
-in welcher Gewalt ich damals war?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Hei&lsaquo;, sagte ich, &rsaquo;was geschneidts<a id="FNanchor_310_310"></a><a href="#Footnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> dann auch mich? Vermeinet
-ihr dann wol, diese Ver&auml;nderung sei mir so gar ein
-gro&szlig;er Kummer? H&ouml;ret nur auf zu lachen, und sagt mir darvor,
-wann ich Hochzeit haben soll!&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Wann du wilt, wann du wilt&lsaquo;, antwortet Courage; &rsaquo;doch
-der Gestalt, wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben
-k&ouml;nnen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit
-fertig, ohne<a id="FNanchor_311_311"></a><a href="#Footnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> da&szlig; ich noch ein paar, ich wei&szlig; aber nit was
-vor, Diebsst&uuml;ck darzu h&auml;tte setzen sollen, die sie ver&uuml;bet, seit
-sie eine Zigeunerin worden. Derowegen begehrte ich gar h&ouml;flich
-die versprochene Bezahlung. Sie aber sagte: &rsaquo;Ho, mein
-Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch wol kommen,
-wann du Hochzeit gehalten haben wirst.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, da&szlig;
-du mich hiermit halten solst? Und als sie merkte, da&szlig; ich
-etwas sauers darzu sehen wolte, setzte und verordnete sie mich
-vor der &auml;gyptischen Nation Obersten Secretarium durch ganz
-Teutschland und that Promessen, da&szlig; mein Heurath mit ihrer
-Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben w&uuml;rde, vollzogen
-und mir zwei sch&ouml;ne Pferd zum Heurathgut mitgegeben
-werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte,
-dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit
-ihrer gew&ouml;hnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte
-war kaum verloffen, als wir aufbrachen und mit guter
-Ordre fein gemach samt Weib und Kind etwan selbdrei&szlig;igst
-das Bielerthal herunter marschierten, auf welchem Weg Courage
-ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder auch wie sonst
-ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren
-und halfe das Quartier auf etlichen Bauernh&ouml;fen machen, in
-welcher Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes
- <span class="pagenum"><a id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-Mitglied der ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken lie&szlig;e.
-Den andern Tag marschierten wir vollends bi&szlig; an den Rhein
-und blieben zun&auml;chst an einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war,
-in einem Busch bei der Landstra&szlig;en &uuml;ber Nacht, um den folgenden
-Tag vollends &uuml;ber Rhein zu gehen. Aber des Morgens,
-da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande
-sich der gute Herr ganz allein, ma&szlig;en ihn die Zigeuner und
-seine Braut so gar verlassen, da&szlig; er von ihnen auch sonst
-nichts als nur die holdselige Farbe zum freundlichen Ged&auml;chtnus
-noch &uuml;brig hatte.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_293_293"></a><a href="#FNanchor_293_293"><span class="label">[293]</span></a> <em class="gesperrt">Blackschei&szlig;er</em>,
-Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, <em class="gesperrt">Black</em>, Dinte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_294_294"></a><a href="#FNanchor_294_294"><span class="label">[294]</span></a> <em class="gesperrt">Kandel</em>, Bier- oder Weinkrug.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_295_295"></a><a href="#FNanchor_295_295"><span class="label">[295]</span></a> <em class="gesperrt">enthalten von</em>, abhalten. Im Text steht &raquo;<em class="gesperrt">vorm</em>&laquo;, dies
-w&uuml;rde nicht den richtigen Sinn geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_296_296"></a><a href="#FNanchor_296_296"><span class="label">[296]</span></a> <em class="gesperrt">Ammeister</em>, B&uuml;rgermeister.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_297_297"></a><a href="#FNanchor_297_297"><span class="label">[297]</span></a> <em class="gesperrt">nur</em>, die &auml;ltesten Ausgaben haben &raquo;mir&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_298_298"></a><a href="#FNanchor_298_298"><span class="label">[298]</span></a> <em class="gesperrt">Tabaksaufen</em>, wie im
-Franz&ouml;sischen <span class="antiqua">boire</span>, rauchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_299_299"></a><a href="#FNanchor_299_299"><span class="label">[299]</span></a> <em class="gesperrt">ohne</em>, ausgenommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_300_300"></a><a href="#FNanchor_300_300"><span class="label">[300]</span></a> <em class="gesperrt">Liegen</em>, L&uuml;gen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_301_301"></a><a href="#FNanchor_301_301"><span class="label">[301]</span></a> <em class="gesperrt">kl&auml;pfen</em>, vom oberdeutschen Schallwort &raquo;klapf&laquo;, &raquo;klapp&laquo;, klappen, knallen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_302_302"></a><a href="#FNanchor_302_302"><span class="label">[302]</span></a> <em class="gesperrt">d&uuml;rfen</em>, brauchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_303_303"></a><a href="#FNanchor_303_303"><span class="label">[303]</span></a> <em class="gesperrt">auf den alten Kaiser</em> (gleichsam auf den
-verstorbenen Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus
-<span class="antiqua">III.</span> 20: &raquo;auf den alten Kaiser dahin leben&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_304_304"></a><a href="#FNanchor_304_304"><span class="label">[304]</span></a> <em class="gesperrt">vortheilhaftig</em>, listig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_305_305"></a><a href="#FNanchor_305_305"><span class="label">[305]</span></a> <em class="gesperrt">das Maul machen</em>, die Miene machen, sich das Ansehen geben, so thun.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_306_306"></a><a href="#FNanchor_306_306"><span class="label">[306]</span></a> <em class="gesperrt">sich abscheibeln</em>, abdrehen, sich davon machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_307_307"></a><a href="#FNanchor_307_307"><span class="label">[307]</span></a> <em class="gesperrt">angehen</em>, anbei&szlig;en, ins Netz gehen, sich fangen lassen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_308_308"></a><a href="#FNanchor_308_308"><span class="label">[308]</span></a> <em class="gesperrt">gest&auml;ltig</em>, f&uuml;gsam, zuthunlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_309_309"></a><a href="#FNanchor_309_309"><span class="label">[309]</span></a> <em class="gesperrt">Lucius Apulejus</em> aus Madaura in Afrika, geboren unter der Regierung
-Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in Karthago. Er schrieb: &raquo;<span class="antiqua">Metamorphoseon
-s. de asino aureo libri</span>&laquo;; ein liederlicher J&uuml;ngling Lucius, den
-Grimmelshausen mit dem Verfasser identificirt, wird in einen Esel verwandelt,
-aber in den Mysterien wieder zum Menschen neugeboren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_310_310"></a><a href="#FNanchor_310_310"><span class="label">[310]</span></a> <em class="gesperrt">geschneiden</em>, k&uuml;mmern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_311_311"></a><a href="#FNanchor_311_311"><span class="label">[311]</span></a> <em class="gesperrt">ohne</em>, ausgenommen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_siebente_Capitel">Das siebente Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung<a id="FNanchor_312_312"></a><a href="#Footnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a>.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Da sa&szlig;e ich nun, als wann mir Gott nit mehr h&auml;tte
-gn&auml;dig sein wollen, dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte,
-da&szlig; mich di&szlig; lose Gesindel nit gar ermordet und mich im
-Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld, so ich noch zur
-Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld,
-was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, &uuml;ber mich zu kollern,
-der ich doch so freiwillig erz&auml;hle, da&szlig; mich diese arge Vettel
-so wol als euch betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam
-kein Mensch, an den sie sich machen will, entgehen kan,
-wie dann gegenw&auml;rtigem ehrlichen Herrn Simplicissimo beinahe
-selbst widerfahren w&auml;re?&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortet mir: &raquo;Nichts, nichts, gar nichts,
-guter Freund! Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein&laquo;<a id="FNanchor_313_313"></a><a href="#Footnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a>, antwortet ihm Simplicius, &raquo;w&uuml;nsche doch der
-armen Tr&ouml;pfin nicht B&ouml;ses mehr! H&ouml;restu nicht, da&szlig; sie allbereits
-ohnedas der Verdammnus nahe, bi&szlig; &uuml;ber die Ohren im
-S&uuml;ndenschlamm, ja allerdings schon gar der H&ouml;llen im Rachen
-steckt? Bete darvor ein paar and&auml;chtiger Vatterunser vor sie,
-da&szlig; die G&uuml;te Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu wahrer
-Bu&szlig;e bringen wolle!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was?&laquo; sagte Springinsfeld; &raquo;ich wolte lieber, da&szlig; sie
-der Donner erschl&uuml;g!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[S. 156]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ach da&szlig; Gott walt!&laquo; antwortet Simplicius; &raquo;ich versichere
-dich, wann du nicht anders thust als so, da&szlig; ich um die Wahl,
-die sich zwischen deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege
-hinunterfallen<a id="FNanchor_314_314"></a><a href="#Footnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> wolte.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld sagte darauf: &raquo;Was geheits mich?&laquo;</p>
-
-<p>Aber der gute Simplicius sch&uuml;ttelt den Kopf mit einem
-tiefen Seufzen<a id="FNanchor_315_315"></a><a href="#Footnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a>.</p>
-
-<p>Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir
-hatten alle drei &uuml;berfl&uuml;ssig genug gef&uuml;ttert, als Springinsfeld
-Simplicium fragte, womit er sich doch ern&auml;hre, und was sein
-Stand, Handel und Wandel w&auml;re. Er antwortet ihm: &raquo;Da&szlig;
-will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund vergehet.&laquo;</p>
-
-<p>Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein
-Knan<a id="FNanchor_316_316"></a><a href="#Footnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> und Meuder samt einem starken Bauernknecht daher,
-welche zwei Paar ausgem&auml;ste Ochsen vor sich trieben und in
-Stall stelleten. Er verschaffte, da&szlig; besagte seine beide Alte
-alsobalden aus der K&auml;lte in die warme Stub gehen musten,
-welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf Simplicii
-Ewigem Calender<a id="FNanchor_317_317"></a><a href="#Footnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a> darstellen; und als der Knecht auch
-hineinkam, befahl er dem Wirth, da&szlig; er ihnen Essen und
-Trinken geben solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein
-Knecht getragen, und sagte dem Springinsfeld: &raquo;Jetzt komm
-mit mir, damit du sehest, womit ich mich ern&auml;hre!&laquo;</p>
-
-<p>Mir aber sagte er, wann ich wolte, so k&ouml;nte ich wol auch
-mitgehen. Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen
-Platz, wohin Simplicius einen Tisch, eine Ma&szlig; neuen Wein
-und ein halb Dutzet leere Gl&auml;ser bringen lie&szlig;e. Das hatte
-ein Ansehen, als wann wir dorten auf offenem Markt in der
-gr&ouml;&szlig;ten K&auml;lte h&auml;tten mit einander zechen wollen. Wir kriegten
-bald viel Zuseher, behielten aber keinen best&auml;ndigen Umstand<a id="FNanchor_318_318"></a><a href="#Footnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a>,
-dieweil die grimmige K&auml;lte einen jeden wieder fortzugehen
-drang<a id="FNanchor_319_319"></a><a href="#Footnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a>. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio:
-&raquo;Bruder, wiltu, da&szlig; ich dir diese Leute hier still
-stehend mache?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Die Kunst kan ich wol selber,
-aber wann du wilt, so lasse sehen, was du kanst!&laquo;</p>
-
-<p>Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herf&uuml;r und
-fieng an zu agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte
-ein Maul von 3, 4, 5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege<a id="FNanchor_320_320"></a><a href="#Footnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a>,
-musicirte er auch mit dem Maul darunter, wie er zuvor im
-Wirthshause gethan hatte. Da aber die Geige, als welche in
-der W&auml;rme gestimmt worden, kein gut in der K&auml;lte mehr thun
-wolte, &uuml;bte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen
-Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul
-der W&ouml;lfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender
-als in einer halben Viertelstund einen Umstand bekamen von
-mehr als 600 Menschen, die vor Verwunderung Maul und
-Augen aufsperrten und der K&auml;lte verga&szlig;en.</p>
-
-<p>Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit
-auch er dem Volk sein Meinung vorbringen k&ouml;nte. Als di&szlig;
-geschahe, sagte Simplicius zum Umstand: &raquo;Ihr Herren, ich
-bin kein Schreier, kein Storger, kein Quacksalber, kein Arzt,
-sonder ein K&uuml;nstler. Ich kan zwar nit hexen, aber meine
-K&uuml;nste seind so wunderbarlich, da&szlig; sie von vielen vor Zauberei
-gehalten werden. Da&szlig; aber solches nit wahr sei, sonder alles
-nat&uuml;rlicher Weis zugehe, ist aus gegenw&auml;rtigem Buche zu ersehen,
-als warinnen sich genugsame glaubw&uuml;rdige Urkunden
-und Zeugnussen dessentwegen befinden werden.&laquo;</p>
-
-<p>Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und bl&auml;ttert
-darin herum, dem Umstand seine glaubw&uuml;rdige Schein zu
-weisen, aber sihe, da erschienen eitel wei&szlig;e Bl&auml;tter. &raquo;So!&laquo;
-sagt er dar&uuml;ber, &raquo;so sehe ich wol, ich stehe da wie Butter
-an der Sonnen. Ach&laquo;, sagte er zum Umstand, &raquo;ist kein Gelehrter
-unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen
-k&ouml;nte?&laquo;</p>
-
-<p>Und demnach zween Stutzer zun&auml;chst bei ihm stunden, bat
-er den einen, er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen,
-mit Versicherung, da&szlig; es ihm weder an seinen Ehren noch an
-seiner Seligkeit nichts schaden w&uuml;rde. Da derselbe solches gethan,
-bl&auml;ttert Simplicius im Buch herum. Da erschiene nichts
-anders als lauter Wehr und Waffen.</p>
-
-<p>&raquo;Ha&laquo;, sagte er, &raquo;diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen
-besser als B&uuml;cher und Buchstaben; er wird ehender einen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-braven Soldaten als ein Doctor abgeben. Aber was soll mir
-das Gewehr in meinem Buch? Es mu&szlig; wieder hinaus.&laquo;</p>
-
-<p>Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam
-als wann er dardurch geblasen, und wiese darauf dem
-Umstand wiederum im Umbl&auml;ttern nur wei&szlig;e Bl&auml;tter, war&uuml;ber
-sich jedermann verwunderte. Der ander Stutzer, der neben
-erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch in das Buch
-zu blasen. Als selbiges geschehen, bl&auml;ttert Simplicius im Buche
-herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers
-und Dames.</p>
-
-<p>&raquo;Sehet&laquo;, sagte er, &raquo;dieser Cavalier l&ouml;ffelt gern, dann er
-hat mir lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch
-geblasen. Was soll mir aber so viel m&uuml;&szlig;ige Bursch? Es
-seind fressende Pf&auml;nder, die mir nichts taugen; sie m&uuml;ssen
-wieder fort.&laquo;</p>
-
-<p>Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte
-allem Umstand im Umbl&auml;ttern eitel Wei&szlig;es. Diesem nach lie&szlig;e
-Simplicius einen ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen
-Ansehen ein gro&szlig;es Verm&ouml;gen zu vermuthen war, hernach umbl&auml;ttert
-er das Buch und wiese ihm und dem Umstand lauter
-Thaler und Ducaten, sagende: &raquo;Dieser Herr hat entweder viel
-Geld, oder wird bald viel bekommen, oder w&uuml;nscht doch aufs
-wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein
-geblasen, wird mein sein.&laquo;</p>
-
-<p>Und damit hie&szlig;e er mich seinen Sack aufhalten, in welchem
-er wol 300 zinnene B&uuml;chsen hatte; dahinein bliese er durchs
-Buch und sagte: &raquo;So mu&szlig; man diese Kerl aufheben.&laquo;</p>
-
-<p>Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur
-wei&szlig; Papier. Lie&szlig;e darauf einen andern mittelm&auml;&szlig;igen Stands
-hinein blasen, bl&auml;ttert im Buch herummer, und als eitel W&uuml;rfel
-und Karten erschienen, sagte er: &raquo;Dieser spielt gern, hingegen
-ich nit, darum m&uuml;ssen mir die Karten wieder weg.&laquo;</p>
-
-<p>Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte
-er abermal dem Umstand nur wei&szlig;e Bl&auml;tter. Ein Fatzvogel<a id="FNanchor_321_321"></a><a href="#Footnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a>
-unterm Umstand sagte, er k&ouml;nte lesen und schreiben, er solte
-ihn hinein blasen lassen, er w&uuml;ste, da&szlig; alsdann sch&ouml;ne Testimonia
-erscheinen w&uuml;rden.</p>
-
-<p>&raquo;O ja&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;diese Ehr kann euch gleich
-widerfahren.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>Hielte ihm demnach das Buch vor, lie&szlig;e ihn blasen, so
-lang er wolte, und als es geschehen, zeigte er ihm und dem
-Umstand lauter Hasen-, Esels- und Narrenk&ouml;pf im Umbl&auml;ttern
-und sagte: &raquo;Wann ihr sonst nichts als meine und euere
-Br&uuml;der habt herein blasen wollen, so h&auml;ttet ihrs auch wol
-unterweg k&ouml;nnen lassen.&laquo;</p>
-
-<p>Das gab ein solches Gel&auml;chter, da&szlig; mans &uuml;ber das neunte
-Haus h&ouml;rete. Simplicius aber sagt, er m&uuml;ste die Unziefer
-wieder abschaffen, k&ouml;nt deren Stell wol selbst vertreten. Und
-mit dem bliese er wieder durch das Buch und zeigte dem Umstand
-wiederum wie zuvor nur wei&szlig;e Bl&auml;tter.</p>
-
-<p>&raquo;Ach&laquo;, sagt er, &raquo;wie bin ich doch so herzlich froh, da&szlig; ich
-dieser Narren wieder los bin worden!&laquo;</p>
-
-<p>Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu
-handlen<a id="FNanchor_322_322"></a><a href="#Footnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a>. Zu selbigem sagte Simplicius: &raquo;Mein, blaset doch
-auch herein, zu sehen was ihr k&ouml;nnet!&laquo;</p>
-
-<p>Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und
-andern sonst nichts als Trinkgeschirr.</p>
-
-<p>&raquo;Ha!&laquo; sagte Simplicius, &raquo;dis ist meines gleichen; der
-trinkt gern, und ich mache gern Gesegne Gott.&laquo;</p>
-
-<p>Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu
-ihm: &raquo;Secht, mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk
-vor euch, der euch auch bald zu theil werden soll.&laquo;</p>
-
-<p>Zu mir aber sprach er, ich solte die Gl&auml;ser nacheinander
-einschenken, welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er
-wieder durch das Buch, zeigte dem Umstand abermal wei&szlig;e
-Bl&auml;tter und sagte, so viel Trinkgeschirr k&ouml;nte er vor di&szlig;mal
-nit f&uuml;llen, er h&auml;tte selber Gl&auml;ser genug zu gegenw&auml;rtiger seiner
-einzigen Ma&szlig; Wein.</p>
-
-<p>Endlich lie&szlig;e er einen jungen Studenten in das Buch blasen,
-bl&auml;ttert darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.</p>
-
-<p>&raquo;Haha&laquo;, sagte er, &raquo;bistu einmal da? Recht, ihr Herren!
-Di&szlig; sein meine glaubw&uuml;rdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor
-gesagt. Diese will ich in dem Buch lassen, gegenw&auml;rtigen
-jungen Herrn aber vor einen Gelehrten halten und ihm auch
-eins bringen, um da&szlig; er mir wieder zu meinen trefflichen Urkunden
-geholfen hat.&laquo;</p>
-
-<p>Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner
-Gaukelei ein Ende.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p>
-
-<p>Hingegen lie&szlig;e er einen aus dem Umstand eine B&uuml;chse aus
-dem Sack langen und sagte: &raquo;Ihr Herren habt verstanden,
-da&szlig; ich mich vor keinen Arzt, sonder vor einen K&uuml;nstler ausgebe.
-Das sag ich noch, aber gleichwol kan man mich gar wol vor
-einen Weinarzt halten; dann die Wein haben auch ihre Krankheiten
-und M&auml;ngel, die ich alle curirn kan. Ist ein Wein
-weich und so z&auml;he, da&szlig; man ihn aufhasteln<a id="FNanchor_323_323"></a><a href="#Footnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a> k&ouml;nte, so hilf ich
-ihm, ehe man zweinzig z&auml;hlen kan, da&szlig; er im Einschenken rauschet
-und seine Geisterlein &uuml;ber das Glas hinausspringen; ist
-er rahn<a id="FNanchor_324_324"></a><a href="#Footnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> und so roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine
-nat&uuml;rliche Farb in dreien Tagen wieder; schmeckt er nach
-einem schimmlichten Fa&szlig;, so bring ich ihm in wenig Tagen
-einen solchen Geschmack zuwegen, da&szlig; man ihn vor Muscateller
-trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder
-in Hessen gewachsen w&auml;re, und darneben wegen seiner Jugend
-oder anderer Ursachen halber so tr&uuml;b, da&szlig; er die W&uuml;rml&ouml;cher
-stopfen und beides vor Speis und Trank, wie an theils
-Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet werden k&ouml;nte, sehet, ihr
-Herren, so mache ich ihn alsobalden, da&szlig; ihr ihn entweder vor
-Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den allerbesten
-oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken
-sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie
-gegenw&auml;rtig probirn und euch deren Gewi&szlig;heit vor Augen
-stellen.&laquo;</p>
-
-<p>Demnach th&auml;t er einer Erbsen gro&szlig; aus der B&uuml;chsen in
-ein Glas voll Wein und r&uuml;hrete alles unter einander; davon
-gosse er in das eine Glas einen Tropfen, in das ander zwei,
-ins dritte drei und ins vierte vier, davon sich der Wein in
-den Gl&auml;sern alsobalden in unterschiedliche Farben ver&auml;nderte,
-je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes gegossen
-hatte; das f&uuml;nfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen,
-verblieb wie es war, n&auml;mlich ein neuer tr&uuml;ber roher Wein,
-wie er allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann lie&szlig;e er
-die Vornehmste aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche
-sich alle &uuml;ber diese geschwinde Ver&auml;nderung und unterschiedliche
-Geschmack und Arten der Wein verwunderten.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, ihr Herren&laquo;, fuhr er weiters fort, &raquo;nachdem ihr nun
-die Gewi&szlig;heit dieser Kunst gesehen, so m&uuml;st ihr auch wissen,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-da&szlig; einer Erbsen gro&szlig; dieses Elixirs in eine Ma&szlig; und ein
-solche B&uuml;chse voll in einen Ohmen zu viel sei, den Wein
-aufs allerh&ouml;chste zu verbessern und ihn dem spanischen Wein
-oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, den
-man ver&auml;ndern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust
-hat, lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der
-mag mir heut von diesem Elixir abkaufen, dann morgen
-findet er ein B&uuml;chsel wol nit mehr feil um 6 Batzen, wie
-heut, sintemal was mir &uuml;brig bleibt, morgen einen halben
-Gulden gelten mu&szlig;; zwar nit eben darum, da&szlig; ich so gar
-n&ouml;thig Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache
-wie die Sibylla mit ihren B&uuml;chern<a id="FNanchor_325_325"></a><a href="#Footnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a>&laquo;. Wir hatten damals bei
-1000 Personen zum Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder,
-und da es an ein Kaufens gieng, hatte Simplicius beinahe
-nicht H&auml;nde genug, Geld einzunehmen und B&uuml;chsen hinzugeben;
-ich aber verspendirte den vorhandenen Wein vollends,
-den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe
-ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine B&uuml;chsen
-versilbert und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also
-da&szlig; er die halbe Theil Leut, so deren noch begehrten, muste
-leer hingehen lassen.</p>
-
-<p>Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgl&auml;ser und Kannen
-wieder an sein Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen
-darvor gemacht<a id="FNanchor_326_326"></a><a href="#Footnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a>, giengen wir wieder miteinander in unser Herberg,
-alwo Simplici Knan die 4 Ochsen allbereit um hundert
-und drei&szlig;ig Reichsthaler verkauft hatte und fertig war, Simplicio
-das Geld darzuz&auml;hlen.</p>
-
-<p>&raquo;Sihestu nun&laquo;, sagte Simplicius zum Springinsfeld, &raquo;womit
-ich mich ern&auml;hre?&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Freilich sihe ichs&laquo;, antwortet Springinsfeld; &raquo;ich hab vermeinet,
-ich sei ein Rabbi<a id="FNanchor_327_327"></a><a href="#Footnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a>, Geld zu machen, aber jetzt sehe
-ich wol, da&szlig; du mich weit &uuml;bertriffst; ja ich glaube, der Teufel
-selbst sei nur vor ein spitzigs Lederlein<a id="FNanchor_328_328"></a><a href="#Footnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a> gegen dir zu rechnen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_312_312"></a><a href="#FNanchor_312_312"><span class="label">[312]</span></a> <em class="gesperrt">Losung</em>, Erl&ouml;s, Einnahme.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_313_313"></a><a href="#FNanchor_313_313"><span class="label">[313]</span></a> <em class="gesperrt">Mein</em>, <span class="antiqua">interj.</span>: Ich bitte dich, <span class="antiqua">quæso</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_314_314"></a><a href="#FNanchor_314_314"><span class="label">[314]</span></a> <em class="gesperrt">keine Stiege</em> &amp;c., soll wol hei&szlig;en; wenn ich die Wahl h&auml;tte zwischen
-deiner und ihrer Seligkeit, so w&uuml;rde ich mir keine M&uuml;he geben, keinen Schritt
-darum thun, denn es ist kein Unterschied dazwischen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_315_315"></a><a href="#FNanchor_315_315"><span class="label">[315]</span></a> <em class="gesperrt">Seufzen</em>, <span class="antiqua">subst. masc.</span> Seufzer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_316_316"></a><a href="#FNanchor_316_316"><span class="label">[316]</span></a> <em class="gesperrt">Knan</em>, Vater.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_317_317"></a><a href="#FNanchor_317_317"><span class="label">[317]</span></a> Auf dem Titelkupfer zum &raquo;Ewigw&auml;hrenden
-Calender&laquo; befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_318_318"></a><a href="#FNanchor_318_318"><span class="label">[318]</span></a> <em class="gesperrt">der Umstand</em>, die Umstehenden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_319_319"></a><a href="#FNanchor_319_319"><span class="label">[319]</span></a> <em class="gesperrt">dringen</em>, <span class="antiqua">trans.</span>, wie dr&auml;ngen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_320_320"></a><a href="#FNanchor_320_320"><span class="label">[320]</span></a> <em class="gesperrt">giege</em>, gieg, starkes <span class="antiqua">præt.</span> zu geigen, wie <em class="gesperrt">stieg</em> zu steigen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_321_321"></a><a href="#FNanchor_321_321"><span class="label">[321]</span></a> <em class="gesperrt">Fatzvogel</em>, wie Spa&szlig;vogel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_322_322"></a><a href="#FNanchor_322_322"><span class="label">[322]</span></a> <em class="gesperrt">mit Kupfer handeln</em>, rothen Ausschlag im Gesicht haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_323_323"></a><a href="#FNanchor_323_323"><span class="label">[323]</span></a> <em class="gesperrt">aufhasteln</em>, aufhaspeln, wie die sp&auml;tern Drucke haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_324_324"></a><a href="#FNanchor_324_324"><span class="label">[324]</span></a> <em class="gesperrt">rahn</em>, rahnig, d&uuml;nn.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_325_325"></a><a href="#FNanchor_325_325"><span class="label">[325]</span></a> Es ist die bekannte Geschichte von den B&uuml;chern der Cum&auml;ischen Sibylle
-gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. Lactant., <span class="antiqua">Divin. instit.</span> B. <span class="antiqua">I</span>, 6.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_326_326"></a><a href="#FNanchor_326_326"><span class="label">[326]</span></a> <em class="gesperrt">seinen Willen darvor gemacht</em>, gegeben hatte, was er haben wollte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_327_327"></a><a href="#FNanchor_327_327"><span class="label">[327]</span></a> <em class="gesperrt">Rabbi</em>, Meister.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_328_328"></a><a href="#FNanchor_328_328"><span class="label">[328]</span></a> <em class="gesperrt">spitzigs Lederlein</em>, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel,
-gebraucht wie Pfifferling.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_achte_Capitel">Das achte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld
-die Kunst lernete.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Mein Gott, Springinsfeld&laquo;, sagte Simplicius, &raquo;wie hast
-du doch so gar ein ungeschliffen Maul!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist noch nichts&laquo;, antwortet Springinsfeld; &raquo;ich sage
-das Halbe nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie ist dir dann?&laquo; fragte jener.</p>
-
-<p>&raquo;Mir ist schier&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;wann ichs nur
-sagen d&ouml;rfte, du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest
-doch wenigst sonst einen trefflichen Lehrmeister gehabt.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und mir&laquo;, sagte Simplicius, &raquo;ist ganz zu Sinn und
-glaube es auch festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest
-dein Handwerk auch ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein,
-was geb ich dir vor Ursachen, so b&ouml;se Gedanken von mir zu
-machen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;habe ja heut deine Verblendungen
-genugsam gesehen.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet hingegen: &raquo;Es ist dir allerdings ein
-Schand, da&szlig; du allbereit so alt, so lang in der Welt herum
-geloffen und gleichwol noch so alber bist, da&szlig; du nat&uuml;rliche
-Kunstst&uuml;ck und Wissenschaften, wie du heut an Ver&auml;nderung des
-Weins, und schlechte Kinderpossen, davon du heut ein Exempel
-an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und Verblendungen
-h&auml;ltst.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja&laquo;, sagte Springinsfeld, &raquo;es ist nit nur das; ich sihe,
-da&szlig; dir das Geld gleichsam zuschneiet, da<a id="FNanchor_329_329"></a><a href="#Footnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a> ich doch mit so
-gro&szlig;er M&uuml;h und Arbeit Pfenning erobern, und wann ich
-dessen einen Vorrath haben und behalten will, beides an meinem
-Leib und an meinem Maul ersparen mu&szlig;.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du Phantast!&laquo; sprach Simplicius; &raquo;vermeinest du dann,
-di&szlig; Geld komme mich ohne Schnaubens und Bartwischens an?
-Meine beide Alte haben die 4 Ochsen mit M&uuml;he und Kosten
-erziehen und ausm&auml;sten, ich aber auch laboriren m&uuml;ssen, bi&szlig;
-ich die <span class="antiqua">materiam</span> verfertigt, daraus ich heut Geld gel&ouml;st.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Was ists aber mit dem Buch?&laquo; fragte Springinsfeld;
-&raquo;ists keine Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit
-unter?&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Was ists mit den Taschenspielern
-und Gauklern? Narren- und Kinderwerk ists, dar&uuml;ber ihr einf&auml;ltige
-Tropfen euch nur deshalber verwundert, weil es euer
-grober Verstand nicht begreifen kan!&laquo;</p>
-
-<p>Nach langer solcher Wortwechslung sch&auml;tzte endlich Springinsfeld
-den Simplicium gl&uuml;ckselig, wann er diese K&uuml;nste nat&uuml;rlicher
-Weis k&ouml;nte, und bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er
-ihn die Kunst lernete, da&szlig; er auch wie er aus einem Buche
-wahrsagen oder gauklen k&ouml;nte.</p>
-
-<p>&raquo;Dann&laquo;, sagt er, &raquo;lieber Bruder, ich mu&szlig; mich mit Bettlen
-und meiner Geige ern&auml;hren; wie vermeinest du wol, da&szlig; es
-mir so trefflich zustatten kommen w&uuml;rde, wann ich mich irgends
-bei einer Bauernk&uuml;rbe oder einer Hochzeit einfinden und meine
-Zuh&ouml;rer mit diesem artlichen St&uuml;ckel belustigen und zur Verwunderung
-bringen k&ouml;nte? W&uuml;rde es nicht zehenmal mehr
-Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine alte
-Possen und Grillen &uuml;be?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein Freund&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;es w&auml;re gut,
-wann du deine alte Possen und Grillen, wie du es nennest,
-gar unterwegen lie&szlig;est; dann sihe, du bist allerdings ein siebenzigj&auml;hriger
-Mann, der auf der Gruben gehet und allerdings
-kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, wie ich gesehen,
-ein fein St&uuml;ck Geld, darmit du dich, so lang dir Gott
-das Leben noch g&ouml;nnen m&ouml;chte, gar wol ausbringen kanst.
-Wann ich in deiner Haut steckte, so beg&auml;be ich mich in einen
-geruhigen Stand, darin ich mein gef&uuml;hrtes Leben bedenken,
-meine begangene St&uuml;cklein bereuen, mich zu Gott bekehren und
-ihme nunmehr allein dienen k&ouml;nte; welches gar f&uuml;glich irgends
-in einem Spital, darinnen du dir eine Pfr&uuml;nd kaufen k&ouml;ntest,
-oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorh&uuml;ter abgeben
-m&ouml;chtest, beschehen k&ouml;nte. Es ist mehr als genug getobt
-und Gott versucht, wann wir bi&szlig; an das Alter der Welt
-Thorheiten angeklebet und in allerhand S&uuml;nden und Lastern
-gleichsam wie ein Sau im Morast geschwemmt und umgew&auml;lzt
-haben; aber viel &auml;rger und noch eine gr&ouml;&szlig;ere Thorheit ists,
-wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht einmal
-an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also
-auch nicht an unsere Bekehrung gedenken.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;N&auml;rrisch th&auml;t ich&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;wann ich
-mein Geld, das ich mit gro&szlig;er M&uuml;h und Arbeit zusammen
-gebracht, in ein Kloster oder Spital steckte, solches zu belohnen
-damit es mich meiner Freiheit beraubte.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius hingegen sagte: &raquo;Alsdann thustu n&auml;rrisch,
-wann du eine vermeinte Freiheit zu genie&szlig;en gedenkest, indessen
-aber ein Knecht der S&uuml;nd, ein Sclav des Teufels und also,
-ach leider, auch ein Feind Gottes verbleibest. Ich beharre
-noch meiner vorigen Meinung, da&szlig; dir n&auml;mlich beides rathsam
-und nutzlich w&auml;re, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich der
-Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus &uuml;berf&auml;llt, dann sihe, der
-Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget,
-und dein spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortet: &raquo;Bruder, empfang du zwanzig
-Thaler von mir vor die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen
-denen, die ihnen gern zuh&ouml;ren. Hingegen will ich
-dir versprechen, da&szlig; ich mich gleichwol auch auf deine Erinnerung
-bedenken wolle.&laquo;</p>
-
-<p>Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel
-und unn&uuml;tz befindet, das nicht zu etwas Guts k&ouml;nte emploirt
-und verwendet werden, also gedachte auch Simplicius durch
-sein Buch, welches er seine Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld
-zu bekehren; derowegen sagte er zu ihm: &raquo;H&ouml;re, mein
-Freund, hieltestu in Ernst darvor, es w&auml;re Zauberei oder
-wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf
-dem Mark mit dem Buch &uuml;ben sahest?&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortet: &raquo;Ja, und ich glaubte es auch
-noch, wann ich dich jetzt nicht so gottselig reden h&ouml;rete.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun dann&laquo;, sagte Simplicius, &raquo;dieser Rede und dieses
-Wahns<a id="FNanchor_330_330"></a><a href="#Footnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a>, der dich betrogen, bleib eingedenk bi&szlig; in dein End,
-und versprech mir, dich auch desjenigen allweg, so oft du das
-Buch brauchest, zu erinnern, was ich dir ferner sagen werde!
-So will ich dich nit allein die vermeinte Kunst umsonst und
-ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder ich will dir
-noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die Kunst
-nit wirst &uuml;ben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen
-w&auml;ren, deren er sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte.
-Simplicius antwortet: &raquo;Wann du erstlich den Zusehern lauter
- <span class="pagenum"><a id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-wei&szlig;e Bl&auml;tter zeigest, so erinnere dich, da&szlig; dir Gott in der
-heiligen Tauf das wei&szlig;e Kleid der Unschuld wiederum geschenkt
-habe, welches du aber seither mit allerhand S&uuml;nden so vielmal
-besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, so erinnere
-dich, wie &auml;rgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg
-zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was
-vor Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also
-erinnere dich auch bei den Trinkgeschirren deiner ver&uuml;bten unfl&auml;tigen
-Sauferei, bei den W&uuml;rfeln und Karten, wie manche
-edle Zeit und Stund du unn&uuml;tzlich damit zugebracht, was vor
-Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor grausamen Gottesl&auml;sterung
-der Allerh&ouml;chste dabei geunehret worden; bei den
-Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenj&auml;gerei, und
-wann du an die Narrenk&ouml;pfe komst, so glaube sicherlich, da&szlig;
-diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerz&auml;hlte
-der Welt Lockungen betr&uuml;gen und um ihre ewige Seligkeit
-bringen lassen. Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, da&szlig;
-die heilige Schrift nicht l&uuml;ge, die da sagt, da&szlig; die Geizige,
-die Neidige, Zorns&uuml;chtige, Haderkatzen, Balger und M&ouml;rder,
-die Spieler, die Saufer und die Hurer und Ehebrecher schwerlich
-das Reich Gottes werden besitzen, und da&szlig; dannenhero
-derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen Lastern
-verf&uuml;hren und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse.
-Gleich wie nun die meiste und zwar die einf&auml;ltigste von deinen
-Zusehern vermeinen, sie w&uuml;rden durch dich verblendet, so
-doch in Wahrheit nit ist, also bedenke du hingegen und f&uuml;hre
-wol zu Gem&uuml;th, da&szlig; die allermeiste von den unverst&auml;ndigen
-Menschen von dem Teufel und der Welt durch obige Laster
-unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus gebracht
-werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein Bruder&laquo;, sagte hierauf Springinsfeld, &raquo;des Dings ist
-gar zu viel; wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Mein Freund, wann du das nicht
-kanst, so wirstu auch nit behalten k&ouml;nnen, wie du recht geschicklich
-mit dem Buch umgehen sollest.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ei&laquo;, sagte Springinsfeld, &raquo;das will ich schon lernen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und das Buch&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;wird dich alsdann
-auch schon selber an dasjenig erinnern, waran du meinet-
-oder vielmehr deinetwegen gedenken sollest.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich g&auml;be dir aber&laquo;, sagt Springinsfeld, &raquo;lieber die
-20 Reichsthaler und w&auml;re dieser Obligation ledig.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Di&szlig; will aber Simplicius nicht
-thun; nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft,
-solches zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so
-viel Gelds werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein
-Gewissen macht, den geringsten Heller von dir zu nehmen,
-sintemal er nicht wei&szlig;, wie du dein Geld gewonnen und erobert
-hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, du versprechest mir
-dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir gesagt, wann
-du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: &raquo;Du erweckest
-bei mir fast &auml;ngstige Gedanken; ich sihe, da&szlig; du deinen
-Nutzen und auch meinen Schaden nicht begehrest. <span class="antiqua">Ma foi</span>,
-Bruder, es steckt etwas darhinter, das ich nicht verstehe. So
-viel kan ich schlie&szlig;en, weil du mir mit Annehmung des Gelds
-nit sch&auml;dlich zu sein begehrest, da&szlig; du es treulich mit mir
-meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine
-schwere B&uuml;rde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest.
-Derowegen verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein,
-was du von mir vor solche Kunst haben willst.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem
-Springinsfeld alle V&ouml;rthel und Griff; und demnach sie mich
-auch zusehen lie&szlig;en, fa&szlig;te ich die Beschaffenheit desselben so
-genau ins Ged&auml;chtnus, da&szlig; ich auch stracks eins dergleichen
-machen k&ouml;nte, wie ich dann etliche Tage hernach th&auml;t, um
-solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt gemein zu
-machen<a id="FNanchor_331_331"></a><a href="#Footnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a></p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_329_329"></a><a href="#FNanchor_329_329"><span class="label">[329]</span></a> <em class="gesperrt">da</em>, in den Ausgaben steht als Druckfehler &raquo;<em class="gesperrt">das</em>&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_330_330"></a><a href="#FNanchor_330_330"><span class="label">[330]</span></a> <em class="gesperrt">Wahns</em>, alle Ausgaben haben: &raquo;wann&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_331_331"></a><a href="#FNanchor_331_331"><span class="label">[331]</span></a> Vgl. den Anhang.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_neunte_Capitel">Das neunte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Tisch- und Nachtgespr&auml;ch, und warum Springinsfeld kein Weib
-haben wolte.</p>
-</div>
-
-
-<p>Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio
-und Springinsfelden vergieng, n&auml;herte sich die Zeit des Nachtessens.
-Ich wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius
-sagte, ich m&uuml;ste so wol als Springinsfeld sein Gast
-sein, jener zwar als ein alter Camerad und jetziger neuangestandener<a id="FNanchor_332_332"></a><a href="#Footnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a>
-Lehrjung, ich aber um dessentwillen, da&szlig; ich ihm
- <span class="pagenum"><a id="Seite_167">[S. 167]</a></span>
-heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, da&szlig; n&auml;mlich sein
-Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren
-worden seie; zu dem seie auch billich, da&szlig; er mich beides um
-den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern
-ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander
-redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von
-seinen Collegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte
-und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch
-ein riesem&auml;&szlig;iger langer Kerl, allerdings wie sein Vatter, und
-sahe ihm von Angesicht so &auml;hnlich, da&szlig; ein jeder, der es auch
-nicht gewust h&auml;tte, unschwer abnehmen k&ouml;nnen, da&szlig; er sein nat&uuml;rlicher
-Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich
-einbildet, sie h&auml;tte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich
-betrogen.</p>
-
-<p>Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der
-alt und junge Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten,
-den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii
-Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte
-zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen
-k&ouml;nten, so th&auml;t ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero
-setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus
-ich abnahm, da&szlig; Springinsfelds Ged&auml;chtnus und Verstand,
-etwas geschwind zu fassen, nit so gar h&ouml;lzern war; dann als
-ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er
-ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agiren sehen, gar
-verwunderlich hatte beschreiben lassen, lie&szlig;e er durch den jungen
-den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben k&ouml;nte,
-solches zu sehen; aber er antwortet, er h&auml;tte solches nicht mehr
-in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er solte
-beiden Studenten weisen, was er heut gelernt h&auml;tte. Der zog
-alsbald das Buch herf&uuml;r und bl&auml;ttert den Studenten die wei&szlig;e
-Bl&auml;tter vor den Augen herum, sagende: &raquo;Also glatt und unbeschrieben
-wie di&szlig; wei&szlig;e Papier seind euere Seelen erschaffen
-und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere
-Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die
-Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber
-ihr Kerl pflegt, anstatt l&ouml;bliche Wissenschaften zu ergreifen, das
-Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen
-und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte
-er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die W&uuml;rfel und
-Karten), zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu
- <span class="pagenum"><a id="Seite_168">[S. 168]</a></span>
-verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, da&szlig; alle
-diejenige, die solches thun, seien lauter solche Kerl, wie ihr
-hier vor Augen sehet.&laquo;</p>
-
-<p>Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsk&ouml;pfe;
-und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack.
-Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wol, da&szlig;
-er zum Springinsfeld sagte, wann er gewust h&auml;tte, da&szlig; er die
-Kunst so bald und so wol begreifen w&uuml;rde, so wolte er ihm
-nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.</p>
-
-<p>Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet,
-nicht lang; bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius
-seine beide Alte und diese hinwiederum ihn und seinen
-Sohn ehreten und tractirten. Da sahe und versp&uuml;rte man
-nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein Theil das ander
-aufs h&ouml;chste respecirte, so merkte man doch bei keinem einige
-Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Vertr&auml;ulichkeit
-herf&uuml;r. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten
-zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe
-<span class="antiqua">Grobiani</span> zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit,
-als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Pr&auml;ceptorem
-gehabt, <span class="antiqua">mores</span> zu lernen, so da&szlig; ich mich verwunderte,
-wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus
-seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fu&szlig; setzen
-und seine so einf&auml;ltige als grobe Hausgenossen zu solchen l&ouml;blichen
-Sitten gew&ouml;hnen k&ouml;nnen. Der Springinsfeld war ganz
-still, nicht wei&szlig; ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder
-spintisiert er &uuml;ber die Geheimnussen, so in der Simplicianischen
-Gaukeltaschen staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand
-Nachsinnungen verursachten. Im &uuml;brigen ists gewi&szlig;, da&szlig;
-selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt
-wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war.
-Der Knan sah aus wie ein alter ehrbarer Baurenschulthei&szlig;,
-die Meuder wie seine Frau Schulthei&szlig;in, der Baurenknecht
-wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben
-im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad
-wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie
-ein armer Blackschei&szlig;er oder Pr&auml;ceptor in seinem abgeschabenen
-schwarzen Kleidel zu sehen pflegt.</p>
-
-<p>Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es
-Simplicius also haben wolte und Springinsfeld den Wirth
-versicherte, da&szlig; er keine L&auml;use h&auml;tte. Diese beide lagen jeder
- <span class="pagenum"><a id="Seite_169">[S. 169]</a></span>
-allein, gleichwie hingegen der Knan und die Meuder, die beide
-Studiosi, und ich und der Baurenknecht beisammen schliefen.
-Dieser hielte mich so hart, da&szlig; ich ohnangesehen der gro&szlig;en
-K&auml;lte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken behalten
-konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen,
-da&szlig; er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen
-k&ouml;nte. Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen,
-also verbliebe uns an der winterlangen Nacht viel &uuml;brig, da&szlig;
-wir nicht durchzuschlafen verm&ouml;chten. Der Knan und die Meuder
-erwachten zum ersten, und indem jener kr&ouml;chzet, diese aber
-mit ihm pappelt, wurden wir &uuml;brige allsammen munter. Da
-nun Simplicius merkte, da&szlig; Springinsfeld wachte, fieng er an
-mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft,
-und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen,
-erinnerte. Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie
-es ihm seithero ergangen, wo er bi&szlig;her in der Welt herum
-gest&uuml;rzt<a id="FNanchor_333_333"></a><a href="#Footnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a>, wo sein Vatterland w&auml;re, ob er daselbsten keine Verwandte
-oder nicht auch Weib und Kind und etwan irgends
-eine h&auml;usliche Wohnung h&auml;tte, warum er so armselig und zerrissen
-daher ziehe, da er doch ein St&uuml;ckel Geld beisammen
-h&auml;tte &amp;c.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, Bruder&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;wann ich dir
-alles erz&auml;hlen m&uuml;ste, so w&uuml;rde uns der siebenst&uuml;ndige Rest
-dieser langen Nacht viel zu kurz werden. In meinem Vatterland
-bin ich zwar k&uuml;rzlich gewesen; gleich wie ich aber niemal
-nichts Eigens darin besessen, also g&ouml;nnete es mir auch vor
-di&szlig;mal kein bleibende Statt, sonder lie&szlig;e mir die Beschaffenheit
-meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der fl&uuml;chtige
-Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen
-Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Br&uuml;der
-oder sonst nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe
-niemand meinen Stiefvatter kennen, in dessen Heimat ich gleichwol
-ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt; wie
-wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters und meiner
-Mutter Freundschaft<a id="FNanchor_334_334"></a><a href="#Footnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> haben erfahren k&ouml;nnen, von welchen ich
-nicht eigentlich wei&szlig;, wo sie geb&uuml;rtig gewesen? Weilen dann
-nun hieraus leicht abzunehmen, da&szlig; ich kein eigen Haus vermag,
-also ist auch leicht zu gedenken, da&szlig; ich keine Hausfrau
- <span class="pagenum"><a id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-noch Kinder hab; und lieber<a id="FNanchor_335_335"></a><a href="#Footnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a>, warum solte ich mich mit einer
-solchen Beschwerung beladen? Da&szlig; ich aber meine Batzen zusammen
-halte, daran thu ich nit unrecht, seitemal ich beides
-wei&szlig;, wie schwerlich sie zu bekommen und wie tr&ouml;stlich sie einem
-im verlassenen und m&uuml;hseligen Alter seien. Und da&szlig; ich
-schlie&szlig;lich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht auch
-nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm<a id="FNanchor_336_336"></a><a href="#Footnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> und
-Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich h&auml;tte gleichwol vermeint&laquo;, antwortet Simplicius,
-&raquo;wann ich in deiner Haut steckte, es w&auml;re mir rathsamer, wann
-ich ein Weib h&auml;tte, die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst
-ehrlicher Lieb und Treu mit Hilf und Rath zu Trost
-und Statten k&auml;me, als dergestalt im Elend herum zu kriechen
-und mich von aller Welt verlassen zu sehen. Wie vermeinestu
-wol, da&szlig; dirs gehen wird, wann du irgends bettl&auml;gerig
-w&uuml;rdest?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O Bruder&laquo;, sagte Springinsfeld, &raquo;dieser Schuch ist an
-meinen Fu&szlig; nicht gerecht; dann h&auml;tte ich eine Alte, so m&uuml;ste
-ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir apothekern; w&auml;re sie
-jung, so w&auml;re ich nur der Deckmantel; w&auml;re sie mittelm&auml;&szlig;ig,
-so w&auml;re sie vielleicht b&ouml;s und zanks&uuml;chtig; w&auml;r sie reich, so
-w&auml;r ich veracht; w&auml;re sie arm, so k&ouml;nt ich ja wol denken, da&szlig;
-sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige da&szlig; ein
-jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfu&szlig;
-nehmen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ach&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;wann du jede Hecken f&uuml;rchten
-wilst, so wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, Bruder&laquo;, sagte Springinsfeld, &raquo;wann du w&uuml;stest,
-wie &uuml;bel mirs mit einem Weib gangen, so w&uuml;rdest du dich
-gar nit verwundern, wann verbrennte Kinder das Feur
-f&ouml;rchten.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius fragte: &raquo;Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wol nein&laquo;, antwortet Springinsfeld; &raquo;bei derselbigen
-hatte ich ein g&uuml;ldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam
-offentlich aus dem Geschirr schlug<a id="FNanchor_337_337"></a><a href="#Footnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a>; aber was geheite
-es mich? Sie war doch nicht meine Ehefrau.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ei pfui&laquo;, sagte Simplicius, &raquo;rede doch nicht so grob und
-unbescheiden; denke, da&szlig; du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber
-h&ouml;re, wann dich eine etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei
-kein ehrlich Weib mehr, die treulich mit dir hausen werde?&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortete: &raquo;Das will ich nicht l&auml;ugnen;
-gleichwol aber ist gewi&szlig;, da&szlig; alle Wolthaten, die ein Weib
-dem Mann zu erzeigen pflegt, theur genug bezahlt werden
-m&uuml;ssen; ihre allerbeste Arbeiten, die sie verrichten, verk&uuml;ndigen
-dem Mann eitel K&ouml;sten und beschwerliche Ausgaben, dardurch
-dasjenig, was der Mann mit M&uuml;he und Arbeit erworben,
-zum &ouml;ftern unn&uuml;tzlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib,
-so ist nichts Gewissers, als da&szlig; mir ein jede von meinen Ducaten
-hinfort nit mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie
-mir und ihr ein St&uuml;ck Tuch an Leib, so mu&szlig; ich Flachs, Woll
-und Weberlohn bezahlen. Soll sie mir was kochen, so mu&szlig;
-ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem Kuchengeschirr
-herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer mu&szlig; anders das
-Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz,
-Seif und W&auml;scherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Ger&auml;th
-s&auml;ubern l&auml;&szlig;t? Und wie gehts allererst, wann man mit
-einem Haufen Kindern beladen wird (welches ich zwar nit erfahren
-habe, aber auch nicht zu erfahrn begehre), wann n&auml;mlich
-eins krank, das ander gesund, das dritte faul, das vierte
-muthwillig, das f&uuml;nfte eselhaftig und das sechste sonst widerspenstig,
-ungehorsam und nichts nutz ist?&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius antwortet: &raquo;Du bist halt ein alter Kracher,
-der keines rechtschaffenen Weibs werth ist; du w&uuml;rdest sonst
-von dem heiligen, von Gott selbst eingesetzten und mit vielen
-Verhei&szlig;ungen gesegneten Ehestand weit anderst reden. Und
-gleich wie eine fromme, tugendhafte Frau eine Gabe Gottes
-und eine Kron und Zierd des Manns ist, also verdr&uuml;&szlig;t dich,
-da&szlig; dich der g&uuml;tige Himmel mit keiner solchen gew&uuml;rdigt hat.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Wahrhaftig, Simplice&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;du
-kanst bei deinen Biren wol merken, wann andere zeitigen<a id="FNanchor_338_338"></a><a href="#Footnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a>.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_332_332"></a><a href="#FNanchor_332_332"><span class="label">[332]</span></a> <em class="gesperrt">neuangestandener</em>, neu eingetretener.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_333_333"></a><a href="#FNanchor_333_333"><span class="label">[333]</span></a> <em class="gesperrt">st&uuml;rzen</em>, st&ouml;rzen, sich als Landfahrer umhertreiben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_334_334"></a><a href="#FNanchor_334_334"><span class="label">[334]</span></a> <em class="gesperrt">Freundschaft</em>, Verwandtschaft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_335_335"></a><a href="#FNanchor_335_335"><span class="label">[335]</span></a> <em class="gesperrt">lieber</em>, <span class="antiqua">interj.</span>, <span class="antiqua">quæso</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_336_336"></a><a href="#FNanchor_336_336"><span class="label">[336]</span></a> <em class="gesperrt">Stamm</em>, Abstammung, Stand.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_337_337"></a><a href="#FNanchor_337_337"><span class="label">[337]</span></a> <em class="gesperrt">aus dem Geschirr schlagen</em>, wie: &uuml;ber den Strang schlagen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_338_338"></a><a href="#FNanchor_338_338"><span class="label">[338]</span></a> d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern ergeht.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_zehnte_Capitel">Das zehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet&laquo;,
-sagte Simplicius, &raquo;seitemal ich sehe, da&szlig; ich dich doch nicht
-anders oder eine zu heurathen persuadirn k&ouml;nnen; hingegen
-aber m&ouml;chte ich wol von dir vernehmen, wo du geb&uuml;rtig, wie
-du in Krieg kommen und wie es dir bi&szlig;hero darinnen ergangen,
-bi&szlig; du aus einem so tapfern Soldaten zu einem
-solchen elenden Stelzer worden seiest.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortet: &raquo;So du dich nicht gescheuet hast,
-deinen eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck
-vor Augen zu legen, so werde ich mich auch nit sch&auml;men, den
-meinigen hier im Finstern zu erz&auml;hlen; vornehmlich weil bereits
-offenbar sein soll, was zwischen mir und der Courage vorgangen,
-die gleichwol uns beide, wie ich vernehme, mit einander
-verschw&auml;gert. Jetzt h&ouml;re dann deines Schwagers Ankunft.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von
-hohem altem Geschlecht und gro&szlig;en Reichthumen, mein rechter
-Vatter aber ein albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben
-von schlechter Ankunft<a id="FNanchor_339_339"></a><a href="#Footnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a> und geringen Mittlen gewesen.
-Als dieser mit einem zahmen L&ouml;wen und einem Dromedari
-in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern gewohnet, herum
-zohe<a id="FNanchor_340_340"></a><a href="#Footnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> und beides diese Thier und seine Kunst um Geld sehen
-lie&szlig;e, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein junges
-Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit
-so wol, da&szlig; sie sich gleich in ihn vernarrete, also da&szlig; sie
-mit H&uuml;lf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern
-ein St&uuml;ck Geld auszufischen und mit besagtem meinem Vatter
-wider ihrer Eltern Wissen und Willen darvonzuziehen. Und
-solches hat ihr auch zu ihrem Ungl&uuml;ck gegl&uuml;ckt, unangesehen
-sie einander aufrecht<a id="FNanchor_341_341"></a><a href="#Footnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> geehlicht. Also wurde meine Mutter
-aus einer se&szlig;haften vornehmen Damen eine umschweifende
-Com&ouml;diantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst
- <span class="pagenum"><a id="Seite_173">[S. 173]</a></span>
-die erste und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein
-Vatter, da ich kaum geboren worden, von einem Seil herunter
-st&uuml;rzet und den Hals zerbrach, durch welchen leidigen Fall
-meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib wurde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Zu ihren erz&ouml;rnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder
-heimzukehren, ohne da&szlig; sie sich damaln auch &uuml;ber die hundert
-Meilen von denselbigen im Dalmatia bei einer Compagnie
-Com&ouml;dianten befande; hingegen war sie sch&ouml;n, jung und reich
-und hatte dannenhero unter meines Vattern hinterlassenen
-Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien lie&szlig;e, der
-war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen
-Profession, die mein Vatter ge&uuml;bt hatte. Dieser zohe
-mich auf, bi&szlig; ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich
-alle <span class="antiqua">principia</span> seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen,
-Geigen, Pfeifen, beides auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus
-der Taschen spielen, durch den Reif springen und andere seltzame
-Aufz&uuml;g und n&auml;rrische Affen-Posturen machen, also da&szlig;
-ein jeder leichtlich sehen konte, da&szlig; mir das eine und das
-ander mehr angeborn als angeflogen oder durch flei&szlig;ige Instruction
-angew&ouml;hnet worden. Dabei lernete ich lesen und
-schreiben, griechisch reden von meiner Mutter und sclavonisch
-von meinem Vatter. So begriffe ich auch mithin in Steyr,
-K&auml;rnten und andern angrenzenden teutschen Provinzen um
-etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum
-in B&auml;lde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, da&szlig; mich
-gedachter mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um
-keine 1000 Ducaten verkauft h&auml;tte, wann gleich alle Tag
-Jahrmark gewesen w&auml;re.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In solcher meiner bl&uuml;henden Jugend vagirten wir mehrentheils
-in Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen<a id="FNanchor_342_342"></a><a href="#Footnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a>,
-Walachei, Siebenb&uuml;rgen, Reu&szlig;en, Polen, Littau, M&auml;hrn,
-B&ouml;hmen, Ungarn, Steyr und K&auml;rnten herummer; und da wir
-in diesen L&auml;ndern viel Geld aufgehoben<a id="FNanchor_343_343"></a><a href="#Footnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a> hatten und mein Stiefvatter
-willens war, seines Weibs Eltern auch zu besuchen (als
-vor denen zu erscheinen er sich nicht scheuete, weil er sich gar
-einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie ein Graf aufziehen
-konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria<a id="FNanchor_344_344"></a><a href="#Footnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> in
-Croatiam und Sclavoniam; von dannen f&uuml;hrt ers durch Dalmatia
- <span class="pagenum"><a id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-und Albania per Gr&auml;ciam in Moream zu gehen, alwo
-dann meiner Mutter Eltern sich befanden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein
-Vatter seine Kunst auch in der ber&uuml;hmten Stadt Ragusa sehen
-lassen, oder vielmehr dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning
-sch&auml;tzen<a id="FNanchor_345_345"></a><a href="#Footnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a>, als welche damal in v&ouml;lligem Flor und
-Reichthum stunde. Wir kehrten daselbst zu solchem Ende ein,
-und zwar nicht in der Kirchen, sonder unserer Gewohnheit
-nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir bl&ouml;&szlig;lich<a id="FNanchor_346_346"></a><a href="#Footnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a>
-eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin, um Consens
-anzuhalten, da&szlig; er beides seine bei sich habende fremde
-Thier und seine Kunst um die Geb&uuml;hr dem Volk m&ouml;chte weisen.
-Es wurde erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten
-ward, wurde ich samt meinem Stiefbruder, der mir weder
-in Dexterit&auml;t unserer Kunst noch in andern St&uuml;cken bei weitem
-nicht zu vergleichen, mit einem Reif, einer Gaukeltaschen und
-andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob ich nicht auf den
-Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld verdienen
-k&ouml;nte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff-
-und Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftspr&uuml;ng
-Freud und Lust zu machen; aber ach! ich gelangte an ein
-Ort, das alles meines Jammers, Elends und eignen Unlusts
-ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe au&szlig;er dem
-Hafen segelfertig auf der Reide<a id="FNanchor_347_347"></a><a href="#Footnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a> lagen, die nur auf guten
-Wind warteten, etliche neugeworbene V&ouml;lker, darunter zwo Compagnien
-albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu
-f&uuml;hren, sihe, da geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe,
-weil wir durch einen der Ihrigen im Nachen<a id="FNanchor_348_348"></a><a href="#Footnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> &uuml;berredet worden
-waren, es w&uuml;rde daselbst ein trefflich Trinkgeld setzen,
-ma&szlig;en uns auch derselbige Nache mit &uuml;berf&uuml;hrte. Wir hatten
-unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus Mitternacht
-ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer
-in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die
-Segel, nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich
-und meinen Bruder das Schiffen wider unsern Willen erdulden.
-Jener th&auml;t, als wolte er verzweifeln; ich aber lie&szlig;e mich noch
-tr&ouml;sten, nicht allein darum, weil ich von Natur alles gern auf
-die leichte Achsel nehme, sonder auch, weil mir der eine Rittmeister,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-der sich ganz in meine Gestuosit&auml;t<a id="FNanchor_349_349"></a><a href="#Footnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a> verliebt, gleichsam
-g&uuml;ldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben und sein
-Page abgeben w&uuml;rde. Was solte ich thun? Ich konte wol
-gedenken, da&szlig; kein Schiff unserthalben wieder zur&uuml;ck fahren,
-noch die Raguser zweier entf&uuml;hrten Gauklerbuben wegen, wann
-sie nicht geliefert wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit
-ihnen eine Seeschlacht angehen oder einen Krieg anfahen w&uuml;rden.
-Derowegen gab ich mich nur desto geduldiger drein, genosse
-es auch besser als mein Bruder, welcher sich dergestalt
-kr&auml;nkte, da&szlig; er starb, ehe wir wieder von Sicilia abfuhren,
-alwo wir noch einige Fu&szlig;v&ouml;lker einnahmen.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Von dannen gelangten wir in das Mail&auml;ndische, und so
-fort zu Land durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins
-Land von L&uuml;tzenburg, und also in die Spanische Niederlande,
-alwo wir neben andern V&ouml;lkern mehr unter dem ber&uuml;hmten
-Ambrosio Spinola wider des K&ouml;nigs Feinde agirten. Um
-dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich
-war noch jung, mein Herr liebte mich und lie&szlig;e mir allen
-Muthwillen zu; ich wurde weder durch strenges Marschiern
-noch andere Kriegsarbeiten abgemattet; so wuste ich auch noch
-nichts vom verdr&uuml;&szlig;lichen Schmalhansen, als welcher damals
-bei weitem noch nicht so bekant bei unser Soldatesca war,
-als er sich nachgehends im teutschen Krieg gemacht hat, in
-welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben kennen
-lernen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_339_339"></a><a href="#FNanchor_339_339"><span class="label">[339]</span></a> <em class="gesperrt">Ankunft</em>, Abkunft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_340_340"></a><a href="#FNanchor_340_340"><span class="label">[340]</span></a> <em class="gesperrt">zohe</em>, altes <span class="antiqua">præt.</span> zu ziehen, zog.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_341_341"></a><a href="#FNanchor_341_341"><span class="label">[341]</span></a> <em class="gesperrt">aufrecht</em>, <span class="antiqua">adv.</span>, aufrichtig, ehrlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_342_342"></a><a href="#FNanchor_342_342"><span class="label">[342]</span></a> <em class="gesperrt">Wossen</em>, Bosnien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_343_343"></a><a href="#FNanchor_343_343"><span class="label">[343]</span></a> <em class="gesperrt">aufheben</em>, erheben, einnehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_344_344"></a><a href="#FNanchor_344_344"><span class="label">[344]</span></a> <em class="gesperrt">Histria</em>, Istria.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_345_345"></a><a href="#FNanchor_345_345"><span class="label">[345]</span></a> <em class="gesperrt">sch&auml;tzen</em>, in Contribution setzen, brandschatzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_346_346"></a><a href="#FNanchor_346_346"><span class="label">[346]</span></a> <em class="gesperrt">bl&ouml;&szlig;lich</em>, blo&szlig;, nur.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_347_347"></a><a href="#FNanchor_347_347"><span class="label">[347]</span></a> <em class="gesperrt">Reide</em>, Rhede.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_348_348"></a><a href="#FNanchor_348_348"><span class="label">[348]</span></a> <em class="gesperrt">Nache</em>, Boot.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_349_349"></a><a href="#FNanchor_349_349"><span class="label">[349]</span></a> <em class="gesperrt">Gestuosit&auml;t</em>, Beweglichkeit; <span class="antiqua">gestuosus</span> kommt bei Apul. vor.</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-
-<h2 id="II_Das_elfte_Capitel">Das elfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Von dreien merkw&uuml;rdigen Verschwendern wahrhafte Historien.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen,
-wie denjenigen, so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so
-einmal zu solcher unseligen Congregation gelangen, schwerlich
-oder wol gar nit mehr darvon kommen k&ouml;nnen, also gehets
-auch dem mehrentheils<a id="FNanchor_350_350"></a><a href="#Footnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a> von den Soldaten, welche, wann sie
- <span class="pagenum"><a id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-gut Sach haben, nicht aus dem Krieg begehren, und wann
-sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen k&ouml;nnen. Von
-denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners gedulden
-m&uuml;ssen, bi&szlig; sie entweders durch eine Occasion<a id="FNanchor_351_351"></a><a href="#Footnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a> bleiben
-oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben m&uuml;ssen,
-k&ouml;nte man darvor halten, da&szlig; es ihr Fatum oder Verh&auml;ngnus
-so mit sich br&auml;chte; von denen aber, so reiche Beut machen
-und gleichwol solche wieder unn&uuml;tzlich verschleudern, kan man
-gedenken, da&szlig; ihnen der g&uuml;tige Himmel nicht g&ouml;nne, sich ihr
-gro&szlig;es Gl&uuml;ck zu nutz, sonder vielmehr das Sprichwort wahr
-zu machen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">So gewonnen,<br /></span>
-<span class="i01">So zerronnen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen
-wieder fort.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche
-denkw&uuml;rdige Exempel, welche solches best&auml;tigen, und
-derselbigen mu&szlig; ich hier weitl&auml;ufiger gedenken. Des ersten,
-der ber&uuml;hmte Tilly, nachdem er die Stadt Magdenburg ihres
-jungfr&auml;ulichen Kr&auml;nzels, seine Unterhabende<a id="FNanchor_352_352"></a><a href="#Footnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> aber dieselbe ihrer
-Zierd und Reichthum beraubt gehabt, erfuhr, da&szlig; ein gemeiner
-Soldat von den Seinigen eine gro&szlig;e Beut von Baarschaft, so
-in lauter Geldsorten bestanden, erobert und alsogleich wieder
-mit W&uuml;rfeln verloren h&auml;tte. Die Wahrheit zu erfahren, lie&szlig;e
-er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem ungl&uuml;ckseligen
-Spieler selbsten verstanden, da&szlig; die gewonnene
-und wieder verschwendete Summa gr&ouml;&szlig;er gewesen, als er von
-andern vernommen (etliche sagten wol von 30000, andere
-von weit mehrern Ducaten), sagte der Graf zu ihme: Du h&auml;ttest
-an diesem Geld die Tag deines Lebens genug haben und wie
-ein Herr darbei leben k&ouml;nnen, wann du dirs nur selber h&auml;ttest
-g&ouml;nnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch
-zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem
-Kaiser nutz zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General,
-der sonst den Ruhm eines Soldatenvatters gehabt, da&szlig;
-dieser Kerl als eine unn&uuml;tze Last der Erden in freien Luft gehenkt
-werden solte, welches Urtheil auch alsobalden vollzogen
-worden.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Des andern, als der schwedische K&ouml;nigsmark die kleine Seit<a id="FNanchor_353_353"></a><a href="#Footnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a>
-der Stadt Prag &uuml;berrumpelt und gleichm&auml;&szlig;ig ein gemeiner Soldat
-&uuml;ber 20000 Ducaten <span class="antiqua">in specie</span> darin erwischt, solche aber bald
-hernach auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches
-dem K&ouml;nigsmark gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch
-diesen Soldaten vor sich kommen lie&szlig;e, um ihn erstlich zu
-sehen und ihm alsdann nach Erkundigung der Wahrheit ebenm&auml;&szlig;ig
-obenangeregten Tillyschen Proce&szlig; machen zu lassen, wie
-er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach<a id="FNanchor_354_354"></a><a href="#Footnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a>. Als
-aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er
-mit einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz k&ouml;nnen
-mich mit Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufh&auml;ngen
-lassen, weil ich Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine
-gr&ouml;&szlig;ere Beute zu erhalten. Diese Antwort, welche vor ein
-Omen gehalten wurde, erhielte dem guten Gesellen zwar das
-Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut, vielweniger
-den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu
-hart bedr&auml;ngt wurde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem
-Holtzischen Regiment<a id="FNanchor_355_355"></a><a href="#Footnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a> zu Fu&szlig; bekant gewesen ist, der wird ohne
-Zweifel den sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen
-oder doch wenigst viel von ihm geh&ouml;ret haben. Er war bei
-besagtem Regiment ein Musquetierer, und kurz vorm Friedensschlu&szlig;
-trug er eine Pique, wie ich ihn dann in solchem Stand
-und zwar sehr &uuml;bel bekleidet, also da&szlig; ihm das Hemd hinten
-und vornen zu den Hosen heraushieng, unter w&auml;hrendem Stillstand
-der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem
-geriethe in dem Treffen vor Herbsthausen in einem F&auml;&szlig;lein
-voller franz&ouml;sischen Duplonen ein solche Beut in die H&auml;nde,
-da&szlig; er selbige schwerlich ertragen, weniger z&auml;hlen und noch
-weniger aus ihrer Zahl die Substanz seines damaligen Reichthums
-wissen und rechnen konte! Was th&auml;t dieser liederliche
-Lumpus aber, da er den &uuml;berm&auml;&szlig;igen Anfall<a id="FNanchor_356_356"></a><a href="#Footnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a> seines gro&szlig;en
-Gl&uuml;cks nicht erkante? Er verf&uuml;gte sich in eine Stadt und
-Vestung<a id="FNanchor_357_357"></a><a href="#Footnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a> der Baiern, &uuml;ber welche ehemalen der gro&szlig;e Gustavus
-Adolphus die Z&auml;hne zusammen gebissen, da&szlig; er sie nach
- <span class="pagenum"><a id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-so viel erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen
-lassen; daselbst staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und
-lebte t&auml;glich wie ein Prinz, der j&auml;hrlich etliche Millionen zu
-verzehren hat; er hielte zween Kutscher, zween Laquaien, zween
-Page, ein Kammerdiener in sch&ouml;ner Liberei, und nachdem er
-sich auch mit einer Kutschen und sechs sch&ouml;nen Pferden versehen,
-reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes &uuml;ber
-die Donau hin&uuml;ber, allwo er in der besten Herberg einkehrte,
-die Zeit mit Essen, Trinken und t&auml;glichem Spatzierenfahren
-zubrachte und sich selbsten mit einem neuen Namen, n&auml;mlich
-den Obristen Lumpus nennete. Solches herrliche Leben w&auml;hrete
-ungef&auml;hr sechs Wochen, in welcher Zeit sein eigner und
-rechter Obrister, der General von Holtz<a id="FNanchor_358_358"></a><a href="#Footnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> auch dorthin kam und
-eben in derselbigen Herberg einkehrte, weilen er ein sonderbares
-lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er zu seiner Hinkunft
-zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich, da&szlig; ein fremder
-Cavalier sein gew&ouml;hnlich Logement einh&auml;tte, welchem er zu
-weichen nicht zumuthen d&ouml;rfte, weil er ein ansehenlich Stuck
-Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel
-zu discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als
-dem gro&szlig;en Atlante<a id="FNanchor_359_359"></a><a href="#Footnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> sowol alle Weg und Steg, W&auml;lder und
-Felder, Berge und Th&auml;ler, P&auml;&szlig; und Wasserfl&uuml;sse, als auch alle
-adeliche Familien des R&ouml;mischen Reichs bekant waren, als
-fragte er nur nach dieses Cavaliers Namen. Als er aber verstunde,
-da&szlig; er sich den Obristen Lumpus nennete und sich
-weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten
-von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er
-ein Begierde, mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit
-ihm bekant zu machen. Er fragte den Wirth um seine Qualit&auml;ten,
-und da er verstunde, da&szlig; er zwar sehr gesellig, eines
-lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit selber, doch aber von
-wenig Worten w&auml;re, wurde seine Begierde desto gr&ouml;&szlig;er. Derowegen
-verf&uuml;gte<a id="FNanchor_360_360"></a><a href="#Footnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a> er mit dem Wirth, des Lumpi Consens zu
-erhalten, da&szlig; er denselben Abend mit ihm &uuml;ber einer Tafel
-speisen m&ouml;chte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Der Herr Obriste Lumpus lie&szlig;e ihm solches wol gefallen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_179">[S. 179]</a></span>
-und bei dem Confect in einer Sch&uuml;ssel 500 neue franz&ouml;sische
-Pistolen und eine g&ouml;ldene Ketten von 100 Ducaten auftragen.
-&laquo;Mit diesem Tractament&raquo;, sagte er zu seinem Obristen, &laquo;wollen
-euer Excellenz verlieb nehmen und meiner dabei im besten gedenken.&raquo;
-Der von Holtz verwundert sich &uuml;ber di&szlig; Anerbieten und
-antwortet, da&szlig; er nicht wisse, womit er ein solch Pr&auml;sent um
-den Herrn Obristen verdienet oder ins k&uuml;nftig w&uuml;rde verdienen
-k&ouml;nnen, derowegen wolte ihm nicht geb&uuml;hren, solches anzunehmen.
-Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschm&auml;hen;
-er hoffte, es w&uuml;rde sich die Zeit bald ereignen, in
-deren ihr Excellenz selbst erkennen w&uuml;rden, da&szlig; er diese Verehrung
-zu thun obligirt sei, und alsdann verhoffe er hinwiederum
-von seiner Excellenz eine Gnad zu erhalten, die zwar
-keinen Pfenning kosten w&uuml;rde, daraus er aber erkennen k&ouml;nte,
-da&szlig; er diese Schankung nit &uuml;bel angelegt. Gleichwie nun
-dergleichen g&ouml;ldene Streich viel seltener ausgeschlagen als
-jemanden versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz
-nicht l&auml;nger, sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil
-es Lumpus &uuml;berein<a id="FNanchor_361_361"></a><a href="#Footnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> so haben wolte, mit courtoisen<a id="FNanchor_362_362"></a><a href="#Footnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> Promessen,
-solches auf begebende F&auml;ll zu remeritirn.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er
-passirte nie bei keiner Wacht ver&uuml;ber, da er nicht der Soldatesca,
-die ihm zu Ehrn ins Gewehr stunde, ein Dutzet oder
-wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf, und also machte ers
-&uuml;berall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein reicher Herr zu
-erzeigen. Alle Tag hatte er G&auml;st und zahlte auch alle Tag
-den Wirth aus<a id="FNanchor_363_363"></a><a href="#Footnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a>, ohne da&szlig; er ihm jemals den geringsten Heller
-abgebrochen oder &uuml;ber eine allzu theure Rechnung sich beschwert
-h&auml;tte. Gleichwie aber ein Brunnen bald zu ersch&ouml;pfen, also
-wurde er auch mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar,
-wie ich schon erw&auml;hnet, in sechs Wochen. Darauf versilbert
-er Kutschen und Pferd; das gieng auch bald hindurch. Endlich
-musten seine stattliche Kleider samt dem wei&szlig;en Zeug daran;
-das jagte er alles durch die Gurgel. Und da seine Diener
-sahen, da&szlig; er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander
-ihren Abschied, welche er auch gern passirn lie&szlig;e. Zuletzt, da
-er nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, n&auml;mlich
-in einem schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-schenkte ihm der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld
-bei ihm verzehret hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht,
-bi&szlig; solche auch allerdings wiederum verzehret waren. Der
-Wirth, entweder da&szlig; er sich bei ihm wol begraset, oder ihn
-&uuml;bernommen und sich deswegen ein Gewissen macht, oder anderer
-Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit
-Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht,
-bi&szlig; er selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig
-war, schenkte ihm der Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum
-Zehrpfennig auf den Weg; er aber antwortet, weil es Zehrgeld
-sein solte, so wolte ers lieber bei ihm als einem andern
-verzehren, h&ouml;rete auch nit auf, bi&szlig; solche wiederum bi&szlig; auf
-den letzten Heller hindurch waren, war&uuml;ber sich der Wirth mit
-wunderlichen Gedanken &auml;ngstigte und ihm gleichwol noch
-5 Reichsthaler gab, sich damit fort zu machen. Und den er
-zuvor ihr Gnaden genennet und anf&auml;nglich unterth&auml;nlich willkommen
-sein hei&szlig;en, den muste er damal dutzen, wolte er anders
-seiner los werden; dann als er sahe, da&szlig; er auch diese
-letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem Gesinde,
-da&szlig; sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten.
-Da er nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu
-quittirn, sihe, da gieng er in ein anders und verl&ouml;schte in demselbigen
-das noch &uuml;brige kleine F&uuml;nklein seines gro&szlig;en Schatzes
-vollends mit Bier. Folgends kam er wiederum bei Heilbrunn
-zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in die Eisen geschlossen
-und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei acht
-Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war.
-Wolte nun der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen
-wie auch der Gefahr des Stricks ent&uuml;brigt sein, so muste er
-sich wol seinem Obristen, den er deswegen stattlich verehret,
-offenbaren, welcher ihn auch alsobalden von beiden befreien
-lie&szlig;e, doch mit einem gro&szlig;en Verweis, da&szlig; er so viel Gelds
-so unn&uuml;tzlich verschwendet, worauf er anders nichts antwortet,
-als da&szlig; er zu seiner Enschuldigung sagte, er h&auml;tt alle sein Tag
-nichts mehrers gew&uuml;nscht, als zu wissen, wie einem gro&szlig;en
-Herrn zu Muth w&auml;re, der alles genug h&auml;tte; und solches h&auml;tte
-er auf solche Weis durch seine Beut erfahren m&uuml;ssen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_350_350"></a><a href="#FNanchor_350_350"><span class="label">[350]</span></a> <em class="gesperrt">mehrentheils</em>, <span class="antiqua">adv.</span>, wie &raquo;theils&laquo; von Grimmelshausen &ouml;fter als Substantiv
-gebraucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_351_351"></a><a href="#FNanchor_351_351"><span class="label">[351]</span></a> <em class="gesperrt">Occasion</em>, Treffen, Gefecht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_352_352"></a><a href="#FNanchor_352_352"><span class="label">[352]</span></a> <em class="gesperrt">Unterhabende</em>, Untergebene.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_353_353"></a><a href="#FNanchor_353_353"><span class="label">[353]</span></a> <em class="gesperrt">die kleine Seit</em>, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_354_354"></a><a href="#FNanchor_354_354"><span class="label">[354]</span></a> <em class="gesperrt">zusprechen</em>, zuerkennen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_355_355"></a><a href="#FNanchor_355_355"><span class="label">[355]</span></a> <em class="gesperrt">dem Holtzischen Regiment</em>, vgl. S. 178, Anm. 1.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_356_356"></a><a href="#FNanchor_356_356"><span class="label">[356]</span></a> <em class="gesperrt">Anfall</em>, das Zufallen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_357_357"></a><a href="#FNanchor_357_357"><span class="label">[357]</span></a> <em class="gesperrt">eine Stadt und Vestung</em>: Ingolstadt, auf
-welches der K&ouml;nig von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte;
-dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_358_358"></a><a href="#FNanchor_358_358"><span class="label">[358]</span></a> <em class="gesperrt">Georg Friedrich von Holtz</em>, ein &raquo;Soldat von Fortun&laquo;, stieg bis zum
-Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurf&uuml;rsten von Baiern; starb 1666.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_359_359"></a><a href="#FNanchor_359_359"><span class="label">[359]</span></a> <em class="gesperrt">dem gro&szlig;en Atlante.</em> Es ist hier nicht der mythische Atlas, sondern eine
-der mit diesem Namen damals schon benannten Kartensammlungen gemeint.
-Vgl. unten S. 208.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_360_360"></a><a href="#FNanchor_360_360"><span class="label">[360]</span></a> <em class="gesperrt">verf&uuml;gen</em>, ausmachen, verabreden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_361_361"></a><a href="#FNanchor_361_361"><span class="label">[361]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;berein</em>, durchaus.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_362_362"></a><a href="#FNanchor_362_362"><span class="label">[362]</span></a> <em class="gesperrt">courtois</em>, h&ouml;flich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_363_363"></a><a href="#FNanchor_363_363"><span class="label">[363]</span></a> <em class="gesperrt">auszahlen</em>, voll bezahlen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[S. 181]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_zwolfte_Capitel">Das zw&ouml;lfte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer;
-item wie ihn ein Baur zaubern lernet.</p>
-</div>
-
-
-<p>Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften
-Verschwendern erz&auml;hlt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte
-Simplicissimus: &raquo;Dieser letzte th&auml;t zwar th&ouml;rlich genug, aber
-gleichwol weislicher als die zween erstern, und ich kan mir
-keine gr&ouml;&szlig;ere Thorheit unter den Menschen einbilden, als derjenige
-eine begehet, der viel Gelds hat und mit einem anfahet
-zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser Erz&auml;hlung
-bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren,
-welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben
-bei den Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst
-weiters?&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld antwortet: &raquo;Ich kan nit anders sagen, als
-wol; dann wann ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen
-soll, so war jener g&uuml;lden und dieser eisern. In jenem
-wurden die Soldaten ausbezahlt und gebraucht, doch aber ihr
-Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem aber wurden sie ohnbezahlt
-gelassen, die L&auml;nder ruinirt und beides Bauern und
-Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also da&szlig;
-man auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: &raquo;Entweder
-redestu im Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du
-wilst den Krieg unterscheiden und vergi&szlig;t abermal deiner eignen
-Person; sage darvor, wie es dir selbst gangen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich mu&szlig; ja wol&laquo;, antwort Springinsfeld, &raquo;ein wenig
-Umst&auml;nde machen, wann ich der vorigen guten T&auml;ge gedenke
-und mich zugleich des nachfolgenden Ellends erinnere; aber die
-Folge meiner Histori ist diese. Ich kam mit den Spanischen
-in die untere Pfalz, als Ambrosius Spinola dasselbe gl&uuml;ckselige
-Land gleichwie mit einer S&uuml;ndflut &uuml;berfiele und in kurzer
-Zeit wunderviel St&auml;dte unter seinen Gewalt brachte. Da
-machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, da&szlig; ich dar&uuml;ber
-erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua
- <span class="pagenum"><a id="Seite_182">[S. 182]</a></span>
-retirirt, nachdem er die Frankenthalische<a id="FNanchor_364_364"></a><a href="#Footnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a> Bel&auml;gerung wegen
-Ankunft des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim &uuml;ber
-den Rhein gejagt, aufheben m&uuml;ssen) krank zuruck geblieben,
-alwo ich den ersten Tuck empfand, den mir das Gl&uuml;ck im
-Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit Bettlen behelfen und
-viel schm&auml;hliche Reden h&ouml;ren, weil ich nichts zu verzehren
-hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, lie&szlig;e ich
-mich durch zween andere Kerl &uuml;berreden, da&szlig; ich mit ihnen
-gegen<a id="FNanchor_365_365"></a><a href="#Footnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a> der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg
-erreichten, eben als sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder
-und ihrem Ungl&uuml;ck entgegen marschierte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich war damals ein aufgeschossen B&uuml;rschlin von 17 Jahren,
-und gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich
-unter die <span class="antiqua">Tirones</span><a id="FNanchor_366_366"></a><a href="#Footnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> aufzunehmen; aber zu einem Tambour
-h&auml;tte man keinen &auml;rgern Ausbund kriegen k&ouml;nnen, ma&szlig;en ich
-auch vor einen solchen aufgenommen und, so lang ich mich
-darzu gebrauchen lie&szlig;e, auch darvor gehalten wurde. Wir bekamen
-damal zwar ein wenig St&ouml;&szlig;e, es war aber nichts gegen
-denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder austheileten.
-Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen,
-weil es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es
-seinen Valor desto tapferer. Ich selbst th&auml;t damals etwas
-Ohngew&ouml;hnlichs: ich henkte meine Trommel auf den Buckel
-und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet und Bandelier
-und gebrauchte mich damit im allerv&ouml;rdersten Glied derma&szlig;en,
-da&szlig; es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder
-ihm auch mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit
-erlangte ich dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch
-ein ziemlich Ansehen, da&szlig; ich meine Trommel gar ablegen
-und f&uuml;rderhin eine Musquete tragen d&ouml;rfte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei
-dem Main schlagen, item bei Stattlo<a id="FNanchor_367_367"></a><a href="#Footnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a>, und kam auch endlich
-mit demselbigen in D&auml;nem&auml;rkischen Krieg in Holstein, ohne
-da&szlig; ich noch ein einzig H&auml;rlein Bart oder eine empfangene
-Wunden aufzuweisen gehabt h&auml;tte. Und nachdem ich bei Lutter
- <span class="pagenum"><a id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-den K&ouml;nig selbst besiegen helfen, wurde ich kurz hernach in
-eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden, Langwedel,
-Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu
-helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner
-Officier Gunst willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf
-Salva Guardi<a id="FNanchor_368_368"></a><a href="#Footnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a> gelegt, allwo ich beides meinen Leib erquickte
-und meinen Beutel spickte. So kriegte ich auch unter diesem
-Regiment drei seltzame Nachnamen. In der Erste nante man
-mich den General Farzer, weil ich, da ich noch ein Trommelschlager
-war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich ein ganze Stund
-lang, auch wol l&auml;nger, mit dem Hintern verrichten oder h&ouml;ren
-lassen konte. Zum andern wurde ich der h&uuml;rnen Seifrid<a id="FNanchor_369_369"></a><a href="#Footnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a> genant,
-weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen<a id="FNanchor_370_370"></a><a href="#Footnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a>,
-den ich in beiden H&auml;nden f&uuml;hrte, dreier Kerl erwehrete
-und sie &uuml;bel zu schanden hauete. Den dritten brachte
-mir ein Diebsbaur auf, als welcher verursachte, da&szlig; man der
-ersten beiden Namen verga&szlig; und mich wegen eines l&auml;cherlichen
-Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin den Teufelsbanner
-nennete. Das f&uuml;gte sich also. Demnach ich einsmals etliche
-Ro&szlig;h&auml;ndler mit friesl&auml;ndischen Pferden aus unserm Quartier
-in ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim
-kommen konte, &uuml;bernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch
-ein paar Kerl von unserm Regiment bei sich im Quartier
-liegen und eben denselbigen Tag ein paar feister Schwein gemetzget
-hatte. Er war nit wol mit &uuml;brigem<a id="FNanchor_371_371"></a><a href="#Footnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a> Bettwerk versehen
-und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger
-Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen
-logirte ich im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten
-guter neugebachener W&uuml;rste abgespeiset hatte. Dieselbe
-schmeckten mir so wol, da&szlig; ich nicht darvor schlafen konte,
-sonder lag und spintisirte, wie ich auch der Schweine selbst
-theilhaftig werden m&ouml;chte. Und weil ich wol wuste, wo sie
-hiengen, nahm ich die M&uuml;he, stunde auf und trug ein halb
-Schwein nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie
-daselbst unter das Stroh, der Meinung, solche die k&uuml;nftige
-Nacht mit H&uuml;lf meiner Cameraden zu holen. Des Morgens
-aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem Bauren
- <span class="pagenum"><a id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-und seinen S&ouml;hnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen,
-einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der
-Baur war so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und
-klagte mir, da&szlig; ihm die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen
-worden w&auml;ren. Was, sagte ich, du schlimmer
-Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte
-auch so gr&auml;&szlig;liche Mienen, da&szlig; dem Tropfen angst und
-bang bei mir wurde, sonderlich als ich ihn fragte, ob er
-St&ouml;&szlig;e von mir haben wolte. Weil er ihm nun leicht die
-Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen w&uuml;rde, wann er
-mich desjenigen, so ich verrichtet, bez&uuml;chtigte, das zwar auch
-sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol
-nicht auf mich erweisen k&ouml;nte, da kam der schlaue Vocativus
-auf ein andern Schlag und sagte: &rsaquo;Min Heer, ik vertruwe
-ju nichtes B&ouml;se, maer iken hebbe mi segen laten, dat welche<a id="FNanchor_372_372"></a><a href="#Footnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a>
-Kriegers wat K&uuml;nste konden maken, derliken Saken weder
-bitobrengen; wann gi dat k&uuml;nnt, ik sal ju twen Richsdaler
-gewen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich &uuml;berschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern
-Quartiern Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm
-zu thun w&auml;re, damit ich die zween Thaler mit Manier bekommen
-m&ouml;chte, sagte derohalben zum Bauern: &rsaquo;Mein Vatter,
-das w&auml;re ein anders. Er bitte meinen Officier, da&szlig; er mir
-erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich
-kan ausrichten.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu
-meinem Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte,
-mitzugehen, weil er mir an dem Winken meiner Augen ansahe,
-da&szlig; ich den Bauren betriegen wolte; dann wir hatten
-in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu kurzweilen, seitemal
-wir den K&ouml;nig von D&auml;nemark aus dem Feld gejagt und
-alle Bel&auml;gerung geendigt hatten, ma&szlig;en wir damals der Cimbrier
-ganzen Chersonesum<a id="FNanchor_373_373"></a><a href="#Footnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a>, alles was zwischen dem Baltischen
-Meer und gro&szlig;en Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und
-Weser lag, geruhiglich beherrschten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den
-Tisch schon gedeckt und mit einem Potthast<a id="FNanchor_374_374"></a><a href="#Footnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a>, einem St&uuml;ck kalten
- <span class="pagenum"><a id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-Rindfleisch aus dem Salz, mit tr&ouml;gen<a id="FNanchor_375_375"></a><a href="#Footnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a> Schunken, Knackw&uuml;rsten
-und dergleichen Dings wie auch mit einem guten Trunk Hamburger
-Bier geziert. Mir aber beliebte, zuvor die Kunst zu
-brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu solchem Ende
-machte ich mit meinem blo&szlig;en Degen enmits over Deelen<a id="FNanchor_376_376"></a><a href="#Footnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a>
-zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes<a id="FNanchor_377_377"></a><a href="#Footnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a>
-und ander n&auml;rrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele,
-und als ich fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer
-sich f&ouml;rchte oder zum erschr&ouml;cken geneigt sei und derohalben
-den leibhaftigen Teufel und sein Mutter selbst in grausamer
-Gestalt nicht anzusehen getraue, der m&ouml;ge wol abtreten.
-Darauf gieng alles von mir weg, bi&szlig; auf einen B&ouml;hmen,
-der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir
-verblieb, mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er
-nur einen Lehrmeister gehabt, als da&szlig; er vor anderen beherzter
-gewesen w&auml;re. Wir wurden beide verschlossen und verriegelt,
-damit ja niemand das Werk verhinderte, und nachdem
-ich dem B&ouml;hmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen
-auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng
-wie ein Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher
-hatte, so muste ich der Sach auch ein Ansehen machen
-und eine Beschwerung brauchen, so in einer fremden Sprach
-geschehen muste. Derowegen th&auml;t ich solche auf Sclavonisch
-und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden: &laquo;Hier
-stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einf&auml;ltige beth&ouml;ren
-und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir,
-du General Farzer, wohin der H&uuml;rnen Seifrid die vier
-Schwein versteckt, welche er verwichne Nacht diesem n&auml;rrischen
-Bauren gestohlen, um solche k&uuml;nftige Nacht mit seinen guten
-Br&uuml;dern vollends abzuholen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet,
-machte ich so seltzame Gauklerspr&uuml;ng in meinem Ring
-und lie&szlig;e so vielerlei Thierer Stimme mithin h&ouml;ren, da&szlig; der
-B&ouml;hm, wie er mir hernach selbst bekant, vor Angst in die
-Hosen gethan h&auml;tte, wann er meine schnackische Beschwerung
-nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald m&uuml;d wurde,
-antwortet ich mir selber mit einer hohlen d&uuml;mpern<a id="FNanchor_378_378"></a><a href="#Footnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a> Stimme,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_186">[S. 186]</a></span>
-gleichsam als wann sie von fernen geh&ouml;ret w&uuml;rde: Die vier
-halbe Schwein liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm
-Stroh verborgen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein
-Ende. Der B&ouml;hm aber konte das Lachen kaum verhalten, bi&szlig;
-wir aus dem Ring kamen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;O Bruder&lsaquo;, sagte er auf B&ouml;hmisch zu mir, &rsaquo;du bist wol
-ein Schalk, die Leute zu &auml;ffen.&lsaquo; Ich aber antwortet ihm in
-gleicher Sprach: &rsaquo;Und du bist wol ein Schelm, wann du die
-Geheimnus dieses St&uuml;cks nicht verschweigest, bi&szlig; wir aus diesen
-Quartieren kommen; dann solcher Gestalt mu&szlig; man den Bauren
-kratzen, wo sie es bed&ouml;rfen.&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht
-nur schlecht hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings
-darzu, was er n&auml;mlich in w&auml;hrender Action vor Spectra gesehen,
-da&szlig; die, so mich vorm Hause nur geh&ouml;ret hatten, alles
-glaubten und mit ihrer Autorit&auml;t so viel bezeugten, da&szlig; man
-mich vor ein Schwarzk&uuml;nstler hielte, und mich beides Baurn
-und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch
-bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch l&auml;nger bei
-demselbigen Regiment verblieben w&auml;re, es h&auml;tten mir etliche
-auch zugemuthet, ich solte Reuter in Feld und hingegen ganze
-Parteien und Esquadronen unsichtbar machen<a id="FNanchor_379_379"></a><a href="#Footnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a>. Der Baur, nachdem
-er sein schweinen Fleisch wieder hatte, gab mir die zween
-Reichsthaler mit gro&szlig;em Dank und samt seinen Soldaten den
-ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_364_364"></a><a href="#FNanchor_364_364"><span class="label">[364]</span></a> <em class="gesperrt">Frankenthal</em>, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der Esenach, mit einem
-Kanal zum Rhein. <em class="gesperrt">Don Gonsales von Cordua</em> wurde vom Mansfelder
-gezwungen, die Belagerung aufzuheben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_365_365"></a><a href="#FNanchor_365_365"><span class="label">[365]</span></a> <em class="gesperrt">gegen</em>, entgegen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_366_366"></a><a href="#FNanchor_366_366"><span class="label">[366]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Tirones</span></em>, Rekruten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_367_367"></a><a href="#FNanchor_367_367"><span class="label">[367]</span></a> <em class="gesperrt">Stattlo</em>, Stadtlohe, Stadt Loën, Preu&szlig;en, Regierungsbezirk
-M&uuml;nster.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_368_368"></a><a href="#FNanchor_368_368"><span class="label">[368]</span></a> <em class="gesperrt">Salva Guardi</em>, <span class="antiqua">sauvegarde</span>, Schutzwache.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_369_369"></a><a href="#FNanchor_369_369"><span class="label">[369]</span></a> <em class="gesperrt">h&uuml;rnen Seifrid</em>, nach dem bekannten Volksbuche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_370_370"></a><a href="#FNanchor_370_370"><span class="label">[370]</span></a> <em class="gesperrt">Banddegen</em>, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_371_371"></a><a href="#FNanchor_371_371"><span class="label">[371]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;brig</em>, &uuml;berfl&uuml;ssig, reichlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_372_372"></a><a href="#FNanchor_372_372"><span class="label">[372]</span></a> <em class="gesperrt">welche</em>, einige, manche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_373_373"></a><a href="#FNanchor_373_373"><span class="label">[373]</span></a> <em class="gesperrt">der Cimbrier Chersonesus</em>, J&uuml;tland
-und Schleswig-Holstein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_374_374"></a><a href="#FNanchor_374_374"><span class="label">[374]</span></a> <em class="gesperrt">Potthast</em>, im n&ouml;rdlichen Deutschland noch jetzt
-gebr&auml;uchlich, sauer eingemachte St&uuml;cke Schweinefleisch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_375_375"></a><a href="#FNanchor_375_375"><span class="label">[375]</span></a> <em class="gesperrt">tr&ouml;ge</em>, trocken, ged&ouml;rrt, ger&auml;uchert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_376_376"></a><a href="#FNanchor_376_376"><span class="label">[376]</span></a> <em class="gesperrt">enmits over Deelen</em>, mitten &uuml;ber die Dielen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_377_377"></a><a href="#FNanchor_377_377"><span class="label">[377]</span></a> <em class="gesperrt">Pentalpes</em> oder <em class="gesperrt">Pentaples</em>, vielleicht f&uuml;r Pentagramm,
-Drudenfu&szlig;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_378_378"></a><a href="#FNanchor_378_378"><span class="label">[378]</span></a> <em class="gesperrt">dump</em>, <em class="gesperrt">d&uuml;mper</em>, dumpf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_379_379"></a><a href="#FNanchor_379_379"><span class="label">[379]</span></a> Davon ist auch im zweiten Theil des &raquo;Vogelnestes&laquo; die Rede. Vgl. &uuml;ber
-diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_dreizehnte_Capitel">Das dreizehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Durch was vor Gl&uuml;cksf&auml;ll Springinsfeld wieder ein Musquetierer
-unter den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen
-und endlich ein Freireuter worden.</p>
-</div>
-
-
-<p>Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erz&auml;hlung
-zuh&ouml;rete, lie&szlig;e sich hier h&ouml;ren und sagte: &raquo;O du alter
- <span class="pagenum"><a id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-Schei&szlig;er, wie bistu gewi&szlig;lich so ein arger Baurenschinder, so
-ein schlauer H&uuml;hnerf&auml;nger gewesen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was, Mutter&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;H&uuml;hnerf&auml;nger?
-Wollet ihr euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen,
-mit solchem Bubenspiel umgangen? Es musten vierf&uuml;&szlig;ige
-Thierer sein und darzu keine kranke, wann ich sie w&uuml;rdigen
-solte, selbige mir zuzuschreiben. Und zwar so waren
-alte K&uuml;he die allerschlechtiste Waar, deren ich mich annahm zu
-Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel
-rauben und stehlen helfen, da&szlig;, wann eine nach der andern
-und also sie allesamen mit den Schw&auml;nzen an die H&ouml;rner
-zusammen gebunden w&auml;ren, sie gewi&szlig;lich von hier bi&szlig; auf
-euren Baurenhof reichen w&uuml;rden, ohnangesehen er, wie ich h&ouml;re,
-bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein soll. Was
-vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein
-und fette H&auml;mmel gestohlen? Bed&auml;ucht euch auch wol, da&szlig;
-ich vor dem gro&szlig;en Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner,
-als H&uuml;hner, G&auml;ns und Enten, zu gedenken?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, ja&laquo;, sagte die Meuder, &raquo;drum hat dir der liebe Gott
-auch das Handwerk niedergelegt und dich eines Fu&szlig;es beraubt,
-damit du hinfort des Kriegs m&uuml;&szlig;ig stehen, die ehrliche Bauren
-ungeplagt lassen und dich, deine alte Diebsgriff zu b&uuml;&szlig;en, mit
-Bettlen ern&auml;hren m&uuml;ssest.&laquo;</p>
-
-<p>Springinsfeld lachte hier&uuml;ber einen gro&szlig;en Schallen<a id="FNanchor_380_380"></a><a href="#Footnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> und
-sagte: &raquo;Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius
-hats kein Haar besser gemacht und gleichwol noch seine beide
-F&uuml;&szlig;e &uuml;brig, woraus ihr genugsam abnehmen k&ouml;nnet, da&szlig; ich
-mich nit an den Bauren vers&uuml;ndigt und ihrentwegen meinen
-Fu&szlig; verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, da&szlig; sie
-die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut
-auch seinem Beruf nicht genug.&laquo;</p>
-
-<p>Die Meuder antwortet: &raquo;Der Teufel in der H&ouml;llen w&uuml;rde
-ihnen den Lohn schon darum geben, dann wann der g&uuml;tige
-Vatter das Kind genugsam gez&uuml;chtigt h&auml;tte, so pflege er alsdann
-die Ruthe ins Feuer zu werfen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Mutter, ihr werdet euch irren&laquo;, sagte Springinsfeld,
-&raquo;nach dem alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten,
-welcher also lautet:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">So bald ein Soldat wird geboren,<br /></span>
-<span class="i01">Sein ihm drei Bauren auserkoren:<br /></span>
-<span class="i01">Der erste, der ihn ern&auml;hrt,<br /></span>
-<span class="i01">Der ander, der ihm ein sch&ouml;nes Weib beschert,<br /></span>
-<span class="i01">Und der dritt, der vor ihn zu H&ouml;llen f&auml;hrt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&raquo;Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen
-Kriegstroublen etliche Bauren viel &auml;rger gemacht als
-die fromme Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger,
-beides schuldige und unschuldige, wo sie ihrer m&auml;chtig worden,
-ermordet, sonder auch ihre eigne Nachbarn, ja sogar ihre
-Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie nur zukommen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
-
-<p>Simplicius sagte: &raquo;Was darfs viel Disputirens? Es war
-halt Gaul als Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren
-wurden von den Soldaten Schelmen und hingegen diese von
-jenen Diebe genant, so da&szlig; diesen Reden nach kein ehrlicher
-oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und dannenhero
-war n&ouml;thig, da&szlig; der edel Friedensschlu&szlig; alles Beschehene
-aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte.
-Erz&auml;hle du vor di&szlig;mal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng,
-und vornehmlich, wo du den heroischen Namen Springinsfeld
-aufgetrieben habest.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Den hat mir&laquo;, antwortet Springinsfeld, &raquo;die Courage,
-das Rabenaas, aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden
-wolte, wann es nicht die Folge meiner Histori erfordert. Zu
-dieser Vettel kam ich, nachdem ich mich ihrentwegen bei obengedachten
-Regiment mit einem St&uuml;ck Geld ledig gemacht hatte.
-Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder ihr Knecht
-gewesen sei; ich sch&auml;tze, ich war beides und noch ihr Narr
-darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so
-sich zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar
-wissen. Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren
-Lebenslauf entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich
-mag einmal mein eigne Guckgaucherei<a id="FNanchor_381_381"></a><a href="#Footnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a> nit selbst ausblasen,
-sonder es ist mir genug, wann ich glauben mu&szlig;, sie werde
-meiner so wenig als deiner verschonet haben. Di&szlig; ist gewi&szlig;,
-mein Simplice, da&szlig; ihre damalige liebreizende Sch&ouml;nheit von
-solchen Kr&auml;ften war, da&szlig; sie noch wol andere Kerl, als ich
-gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie h&auml;tte auch meritirt,
-von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu
- <span class="pagenum"><a id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-werden, wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen w&auml;re;
-aber sie war in den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei
-Schelmst&uuml;cken und Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgef&uuml;hrt<a id="FNanchor_382_382"></a><a href="#Footnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a>
-und fertig, und in Vergn&uuml;gung ihrer br&uuml;nstigen Geilheit
-so gar <span class="antiqua">insationabilis</span><a id="FNanchor_383_383"></a><a href="#Footnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a>, da&szlig; ich g&auml;nzlich darvor halte, es
-h&auml;tte niemand keine S&uuml;nde daran gethan, wann er ihr zu
-Ersparung Holzes einen halben M&uuml;hlstein an Hals gehenkt
-und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen h&auml;tte.
-Diese Unholde<a id="FNanchor_384_384"></a><a href="#Footnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a>, als sie meiner m&uuml;d worden, brachte beides
-durch Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere
-Faust, darauf sie sa&szlig;, zuwegen, da&szlig; ich sie wider meines Herzen
-Willen quittirn muste. Sie gab mir zwar ein Stuck Geld,
-Pferd, Kleider und Gewehr mit, hingegen aber auch den Teufel
-im Glas, wessentwegen ich gro&szlig;e Angst ausstunde, bi&szlig; ich
-seiner wieder ohne Schaden los wurde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und
-unter dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins W&uuml;rtenbergische,
-folgends in Th&uuml;ringen und endlich in Hessen
-kommen, haben wir sich daselbst mit andern V&ouml;lkern mehr
-conjungirt und doch sonst nichts ausgericht, als da&szlig; wir
-wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst wurde auf
-einer Partei wider<a id="FNanchor_385_385"></a><a href="#Footnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a> die Schwedische gefangen, unter denen ich
-auch ein Musquetierer werden muste, bi&szlig; mich die Kaiserlichen
-ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem
-Schweden W&uuml;rzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms,
-Manheim und andere Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde
-ich in Westphalen geschickt, dem Kurf&uuml;rsten von C&ouml;ln selbige
-Bisthumer unter dem ber&uuml;hmten Pappenheimer vor den Hessen
-besch&uuml;tzen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, welches
-mir so widerw&auml;rtig war, da&szlig; ich mich ehe h&auml;tt aufhenken
-lassen, als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir
-gar nicht wie jenem Schwaben, der ein halb Dutzet solcher
-St&auml;nglein auf sich nehmen wolte, dann ich hatte 18 Schuh
-lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich auch alle Stund
-darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden m&ouml;chte.
-Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber
-wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer sch&auml;tze, so besitzt
- <span class="pagenum"><a id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-er noch gegen ihm eine herrliche Gl&uuml;ckseligkeit. Es ist verdrie&szlig;lich,
-zu gedenken, geschweige zu erz&auml;hlen, was die gute
-Tropfen vor Ungemach ausstehen m&uuml;ssen, und es kans auch
-keiner glauben, ders nicht selber erf&auml;hrt. Und dannenhero
-glaube ich, da&szlig; derjenige, der einen Piquenierer niedermacht,
-den er sonst verschonen k&ouml;nte, einen Unschuldigen ermordet und
-solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob
-diese arme Schiebochsen (mit diesem sp&ouml;ttischen Namen werden
-sie genennet) gleich creirt<a id="FNanchor_386_386"></a><a href="#Footnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> sein, ihre Brigaden vor dem Einhauen
-der Reuter im freien Feld zu besch&uuml;tzen, so thun sie
-doch vor sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst
-recht, der einem oder dem andern in seinen langen Spie&szlig;
-rennet. In Summa, ich habe mein Tage viel scharfe Occasionen
-gesehen, aber selten wahrgenommen, da&szlig; ein Piquenierer jemand
-umgebracht h&auml;tte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen
-Cameraden &uuml;berredet, da&szlig; er mir sein Musquete auf die
-Mauserei verliehe und so lang mein Pique trug, bi&szlig; ich wieder
-k&auml;me und eine Beut mitbr&auml;chte. Es gl&uuml;ckte mir, dann
-unserer drei, darunter ein Landskind war, der alle Weg und
-Winkel wol wuste, erkundigten einen G&uuml;terwagen, so von Bremen
-nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen
-hessischen Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben
-giengen wir zu Gefallen allerdings bi&szlig; an Harzwald, und da
-er an den Ort kam, wohin wir ihn gew&uuml;nscht, schossen wir
-gleich im Angriff den Musquetierer, den Fuhrmann und den
-Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewi&szlig; vor sich genommen,
-spannten hernach 6 sch&ouml;ner Pferde aus und &ouml;ffneten in
-der Eil von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es
-viel Seidenwaar und englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber
-vor uns stak in einem F&auml;&szlig;lein voller Karten, n&auml;mlich ungef&auml;hr
-bei 1200 Reichsthalern, welches ich zwar fande, aber
-mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen den
-Pferden gleichsam &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen zu, und indem wir in
-kurzer Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir
-aller Gefahr und langten eben bei den Unserigen wieder an,
-als Pappenheim sich fertig gemacht, den Bannier vor Magdeburg
-hinweg zu schlagen.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu
-fliehen, ehe wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends
-nicht geschehen, da&szlig; er uns von seinem Nachzug nicht etlich
-hundert Mann auf dem Platz lassen muste. Und nachdem wir
-alles wol ausgerichtet, die Guarnison zu uns genommen<a id="FNanchor_387_387"></a><a href="#Footnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a> und
-der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens Befestigung an W&auml;llen
-und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt hatten, brachte
-ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, sonder
-unter ein Regiment Dragoner geh&ouml;rig, welches sich damals
-bei den Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung
-zuwegen, da&szlig; er mich entlie&szlig;e.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Also wurde ich meiner verdrie&szlig;lichen Pique wieder los,
-montierte mich und einen Knecht zum besten und nahm bei
-einem Regiment zu Pferd vor einen Freireuter Aufenthalt, so
-lang bi&szlig; ich wieder zu meinem Regiment, darunter ich geh&ouml;rte,
-gelangen m&ouml;chte.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_380_380"></a><a href="#FNanchor_380_380"><span class="label">[380]</span></a> <em class="gesperrt">einen gro&szlig;en Schallen</em>, so wird zu lesen sein statt &raquo;Schollen&laquo;:
-lachte, da&szlig; es laut schallte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_381_381"></a><a href="#FNanchor_381_381"><span class="label">[381]</span></a> <em class="gesperrt">Guckgaucherei</em>, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_382_382"></a><a href="#FNanchor_382_382"><span class="label">[382]</span></a> <em class="gesperrt">abgef&uuml;hrt</em>, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_383_383"></a><a href="#FNanchor_383_383"><span class="label">[383]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">insationabilis</span></em>,
-Springinsfeld will sagen <span class="antiqua">insatiabilis</span>, uners&auml;ttlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_384_384"></a><a href="#FNanchor_384_384"><span class="label">[384]</span></a> <em class="gesperrt">Unholde</em>,
-Unholdin, Hexe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_385_385"></a><a href="#FNanchor_385_385"><span class="label">[385]</span></a> <em class="gesperrt">wider</em>, die Drucke haben &raquo;unter&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_386_386"></a><a href="#FNanchor_386_386"><span class="label">[386]</span></a> <em class="gesperrt">creirt</em>, geschaffen, bestimmt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_387_387"></a><a href="#FNanchor_387_387"><span class="label">[387]</span></a> <em class="gesperrt">zu uns genommen</em>, gefangen genommen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_vierzehnte_Capitel">Das vierzehnte Capitel</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">erz&auml;hlet Springinsfelds ferner Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Gl&uuml;ckseligkeit,
-der nach diesem gl&uuml;cklichen Streich in Westphalen
-herum fuhr wie eine Windsbraut, und das war ein Leben
-vor mich, dergleichen ich mir vorl&auml;ngst eins gew&uuml;nscht hatte.
-Als er die St&auml;dte Lemgau<a id="FNanchor_388_388"></a><a href="#Footnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a>, Herfort, Bielefeld und andere um
-Geld sch&auml;tzte, bestahl ich hingegen da und dort die D&ouml;rfer und
-Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen,
-setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier
-mit seinen vier Regimentern &uuml;berfielen und Herzog Georg von
-L&uuml;neburg putzten, folgte das Gl&uuml;ck meiner gewohnlichen Verwogenheit
-und schaffte mir desto mehr Raubs. Vor Stade,
-alwo wir den schwedischen General Todt hinweg schlugen
-und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg, bekam
-ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein g&ouml;ldene
-Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht
-so viel Pferde zusammen, da&szlig; ich mich gar wol vor einen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-Ro&szlig;h&auml;ndler h&auml;tte ausgeben d&ouml;rfen; und dieweil sich mein Geld
-und Gl&uuml;ck zugleich mit vermehrte, fieng ich an zu gedenken,
-ob ich nicht auch ein Officier abgeben w&uuml;rde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr
-einlegten, au&szlig;er da&szlig; wir die Holl&auml;nder aus ihren Schanzen
-vor Mastricht nit schlagen konten. Den Hessen und den Bavadis<a id="FNanchor_389_389"></a><a href="#Footnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a>
-berupften wir gleichsam wie wir wolten, und den L&uuml;neburger,
-der Wolfenb&uuml;ttel einzunehmen sich bem&uuml;hete, lehreten
-wir einen Sprung, da&szlig; er sich selbst unter das braunschweigische
-Gesch&uuml;tz in Schutz geben m&uuml;ste. Nachdem wir aber
-Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem
-Wallensteiner und k&uuml;nftiger Schlacht vor L&uuml;tzen wie zu
-einer Hochzeit, in welcher aber beiderseits allertapferste Helden
-und ber&uuml;hmteste Generalen ihrer Zeit gleichsam mitten in ihrem
-Gl&uuml;ckslauf anstatt der Lorberkr&auml;nze mit Myrrhen und Rauten<a id="FNanchor_390_390"></a><a href="#Footnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a>
-bekr&ouml;net worden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nachdem nun daselbsten der gro&szlig;e Gustavus Adolphus
-und unser ber&uuml;hmte Pappenheimer, beide ritterlich streitend,
-ihr Leben zu <em class="gesperrt">einer</em> Zeit in <em class="gesperrt">einem</em> Fl&uuml;gel gelassen, wie dann
-der Graf kaum eine viertel oder halbe Stund l&auml;nger als der
-K&ouml;nig gelebt haben soll, sihe, da erhub sich ererst die w&uuml;thende
-Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten. Jedwedere Seite
-stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche Maur, und
-was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den entseeleten
-K&ouml;rpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr bi&szlig;
-an den Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen<a id="FNanchor_391_391"></a><a href="#Footnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a>
-sie mit zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet
-worden, eine sonderbare Kraft und W&uuml;rkung empfangen,
-beides die auf sich habende Todte und Lebendige zu
-demjenigen anzufrischen und zu entz&uuml;nden, was ein rechtschaffner
-Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten schuldig, ma&szlig;en
-beide Theil in solcher Best&auml;ndigkeit verharreten, bi&szlig; die stockfinstere
-Nacht den &uuml;brig verbliebenen abgematten Rest selbiger
-streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends
-in B&ouml;hmen, wie die Fl&uuml;chtige, unangesehen unser Gegentheil
-die Kr&auml;fte nit hatte, uns zu jagen; und da ichs beim
- <span class="pagenum"><a id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-Liecht besahe, wurde ich gewahr, da&szlig; ich in der Schlacht meinen
-Knecht und bei der Bagage meinen Jungen samt allem, was
-ich vermocht<a id="FNanchor_392_392"></a><a href="#Footnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a>, verloren. Den letztern Schaden zwar hatten mir
-unsere eigne V&ouml;lker zugef&uuml;gt, und demnach solches auch andern
-mehr widerfahren, als seind von den Th&auml;tern auch viel aufgekn&uuml;pft
-worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der
-Anfang und gleichsam nur ein Omen oder Pr&auml;ludium desjenigen
-Ungl&uuml;cks, das noch l&auml;nger bei mir continuiren solte;
-dann nachdem mich die Altringische erkanten, muste ich wieder
-unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein, worunter ich
-mich anf&auml;nglich vor einen unterhalten lassen; und solcher Gestalt
-hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder
-weil ich auch alles verloren au&szlig;er dem, was ich am Leib darvon
-gebracht, so war auch die Hoffnung pritsch<a id="FNanchor_393_393"></a><a href="#Footnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a>, ein Officier
-zu werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen
-und Kempten einnehmen und den Schwedischen Forbus<a id="FNanchor_394_394"></a><a href="#Footnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a>
-striegeln helfen, in allen diesen dreien Occasionen aber kein
-andere Beut als die Pest an Hals bekommen, und zwar allererst
-als wir mit dem Wallenstein in Sachsen und Schlesien
-gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben an
-dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in
-unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erb&auml;rmliche
-Zuf&auml;ll betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich
-Wunder, da&szlig; dem einen und andern der Lust in Krieg zu
-ziehen nit vergehet. Aber viel ein mehrers verwundert mich,
-wann ich sehe, da&szlig; alte Soldaten, die allerhand Ungl&uuml;ck, Leiden
-und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum &ouml;ftern
-ihrem Verderben k&uuml;mmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht
-quittiren, es seie dann, da&szlig; er selbst ein Loch gewinne<a id="FNanchor_395_395"></a><a href="#Footnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a>, oder
-ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen
-und auszuharren. Nicht wei&szlig; ich, was vor eine
-Art einer sonderbaren unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet;
-sch&auml;tze wol, es seie ein Art derjenigen Thorheit, damit sich die
- <span class="pagenum"><a id="Seite_194">[S. 194]</a></span>
-Hofleute schleppen, welche dem Hofleben, darwider sie doch t&auml;glich
-murren, nicht ehender resigniren, als bi&szlig; sie solches mit ihres
-Prinzen Ungnad aufgeben m&uuml;ssen, sie wollen oder wollen nicht.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir verharreten in einem St&auml;dtlein, welches auch mit
-unserer Contagion behaftet war, und zwar bei einem Barbierer,
-der unsers Gelds gleichwie wir seiner Arzneimittel
-bed&ouml;rftig, wiewol beide Theil desjenigen, so das ander mangelte,
-wenig &uuml;brig hatte, dann der Barbierer war arm und
-wir waren nicht reich; derowegen muste meine g&ouml;ldene Kette,
-die ich hiebevor vor Stade erwischt, t&auml;glich ein Gleich<a id="FNanchor_396_396"></a><a href="#Footnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a> nach
-dem andern hergeben, bi&szlig; wir wieder gesund wurden. Und
-als wir wieder zu reuten getrauten, machten wir sich auf den
-Weg, uns durch M&auml;hren in Oesterreich zu begeben, alwo unser
-Regiment gute Winterquartier genosse.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Aber sihe, kein Ungl&uuml;ck allein, wann es anfangt zu w&uuml;then.
-Wir beide Schwache und noch halb Kranke wurden von
-einer Rott R&auml;uber, die wir mehr vor Bauren als Soldaten
-hielten, angegriffen, abgesetzt<a id="FNanchor_397_397"></a><a href="#Footnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a>, bi&szlig; auf die nackende Haut ausgezogen
-und noch darzu mit St&ouml;&szlig;en &uuml;bel tractirt, und konten
-schwerlich unser eigen Leben und vor unsere Kleider etwas von
-ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der damaligen
-grausamen Wintersk&auml;lte zu besch&uuml;tzen, welches aber nicht viel
-mehrers th&auml;t, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet
-gehabt h&auml;tten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen
-gefroren war. Ich hatte noch etliche Gleich von meiner
-g&ouml;ldenen Kette verschluckt: darauf bestund all mein &uuml;briger
-Trost und Hoffnung; aber ich glaub, da&szlig; ihnen der Teufel
-gesagt haben mu&szlig;, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen,
-bi&szlig; sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste
-ichs noch vor einen gro&szlig;en Gewinn halten, da&szlig; sie mir den
-Bauch nicht aufgeschnitten, anstatt da&szlig; sie uns endlich wieder
-lebendig von sich lie&szlig;en. In solchem ellenden Zustand, da uns
-zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit und bequem Wetter
-zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche Leute,
-da&szlig; sie uns mit Nachtherberg und einem St&uuml;ck Brod zu H&uuml;lf
-kamen, und war uns trefflich gesund, da&szlig; ich wie mein Camerad
-kein Niemezy<a id="FNanchor_398_398"></a><a href="#Footnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a> oder Niemey gewesen, der die slavonische
-Sprach nicht gek&ouml;nt, sintemalen ich durch solches Parlaren<a id="FNanchor_399_399"></a><a href="#Footnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a>
-vom m&auml;hrischen Landmann beides Essensspeis und alte Kleider
-erbettelte, damit wir sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert<a id="FNanchor_400_400"></a><a href="#Footnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a>, jedoch
-dicker wider die grimmige Wintersk&auml;lte bewaffneten. Also
-armselig haben wir M&auml;hren allgemach durchkrochen, viel Ellend
-erlitten und von dem Bauersmann, der dem Soldaten niemals
-hold wird, mehr spitzige Schmachreden als willige Steur und
-Almosen eingenommen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_388_388"></a><a href="#FNanchor_388_388"><span class="label">[388]</span></a> <em class="gesperrt">Lemgau</em>, Lemgo.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_389_389"></a><a href="#FNanchor_389_389"><span class="label">[389]</span></a> <em class="gesperrt">Bavadis</em>, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam als Oberst mit
-Gustav Adolph nach Deutschland; er mu&szlig;te sich damals vor Pappenheim aus
-Westphalen zur&uuml;ckziehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_390_390"></a><a href="#FNanchor_390_390"><span class="label">[390]</span></a> <em class="gesperrt">Myrrhen und Rauten</em>, als Leichenschmuck.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_391_391"></a><a href="#FNanchor_391_391"><span class="label">[391]</span></a> <em class="gesperrt">um willen</em>, deswegen weil.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_392_392"></a><a href="#FNanchor_392_392"><span class="label">[392]</span></a> <em class="gesperrt">verm&ouml;gen</em>, im Verm&ouml;gen haben, besitzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_393_393"></a><a href="#FNanchor_393_393"><span class="label">[393]</span></a> <em class="gesperrt">pritsch</em>, dahin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_394_394"></a><a href="#FNanchor_394_394"><span class="label">[394]</span></a> <em class="gesperrt">Forbus</em>, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst vorkommenden weniger bekannten
-Ereignisse und Namen, so weit dies m&ouml;glich war, nachgewiesen worden
-sind.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_395_395"></a><a href="#FNanchor_395_395"><span class="label">[395]</span></a> <em class="gesperrt">ein Loch gewinnen</em>, auch sonst bei Grimmelshausen und selbst in
-geschichtlichen Werken, z. B. im <span class="antiqua">Theatrum Europæum</span>, vorkommend, sprichw&ouml;rtlich:
-ein Ende nehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_396_396"></a><a href="#FNanchor_396_396"><span class="label">[396]</span></a> das <em class="gesperrt">Gleich</em>, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr. Glied einer
-Kette.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_397_397"></a><a href="#FNanchor_397_397"><span class="label">[397]</span></a> <em class="gesperrt">absetzen</em>, vom Pferde rei&szlig;en.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_398_398"></a><a href="#FNanchor_398_398"><span class="label">[398]</span></a> <em class="gesperrt">Niemezy</em>, Deutscher.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_399_399"></a><a href="#FNanchor_399_399"><span class="label">[399]</span></a> <em class="gesperrt">Parlaren</em>, Sprechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_400_400"></a><a href="#FNanchor_400_400"><span class="label">[400]</span></a> <em class="gesperrt">ziert</em>, geziert.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_funfzehnte_Capitel">Das f&uuml;nfzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor N&ouml;rdlingen
-gehalten.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Zu<a id="FNanchor_401_401"></a><a href="#Footnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir
-wieder beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu
-Eger umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada
-zum Gegentheil &uuml;bergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen
-und sich selbst zum K&ouml;nig in B&ouml;hmen machen wollen.
-Hierdurch wurde zwar di&szlig; hochl&ouml;blich erzf&uuml;rstlich Haus errettet,
-aber zugleich auch das kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum
-Theil um der verfluchten Wallensteinischen Zusammenverschw&ouml;rung
-halber vor verd&auml;chtig gehalten werden wolten, zum Gebrauch
-vor unt&uuml;chtig gesch&auml;tzt, weil man ihre Treu zuvor probieren
-muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues
-dem Kaiser wiederum schw&ouml;ren; aber dieser Verzug verursachte,
-da&szlig; es liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen,
-ma&szlig;en die schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung
-unterschiedlicher St&auml;dte gewaltig um sich griffen, bi&szlig; endlich
-der un&uuml;berwindlichste dritte Ferdinand, damaliger ungar- und
-b&ouml;heimischer K&ouml;nig, die Waffen selbst ergriffen. Dieser mustert
-uns und f&uuml;hrte uns bei 60000 stark samt einer unvergleichlichen
-Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche Stadt ich hiebevor,
-nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen
-m&uuml;ssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem
-General, dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen
-unter Gustav Horn entgegen commandirt worden; da es
-dann sonderlich zu Landshut auf der Br&uuml;cke ziemlich hei&szlig; hergienge,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_196">[S. 196]</a></span>
-alwo mir nicht allein mein Pferd unterm Leib, sonder
-auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser rechtschaffene
-General von Altringen todt geschossen wurde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns &uuml;bergangen
-und sich der hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant,
-mit uns v&ouml;llig conjungirt, zogen wir auf das Ries<a id="FNanchor_402_402"></a><a href="#Footnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> und bel&auml;gerten
-N&ouml;rdlingen. Damals war ich ein unberittener und
-auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht genossen, ein
-Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges erschnappt
-hatte) Verm&ouml;gens halber ein fast armer Schelm, so gar, da&szlig;
-man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte,
-als die Schweden kamen, die bel&auml;gerte Stadt zu entsetzen.
-Indem es aber hier&uuml;ber zu einem fast blutigen Treffen
-geriethe, gedachte ich auch eine Beut zu holen oder das Leben
-dar&uuml;ber zu verlieren, dann ich wolte viel lieber todt als ein
-solcher B&auml;rnh&auml;uter sein, der nur dastehet und zusihet, wie
-tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich um den
-Barchet jagen<a id="FNanchor_403_403"></a><a href="#Footnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a>. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser
-oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch
-darvon kriegte, sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen
-ins Gedr&auml;ng, als die Victori noch in der Wag stunde und
-der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch und Staub bedeckt
-war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei der Battalia
-den Rucken, weil sie sahen, da&szlig; ihr Sach allerdings verloren.
-Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth,
-den Ungern und Croaten wieder zuruck gejagt wurden &uuml;ber
-eben denjenigen Ort, da ich mich befande, des Willens, in
-Eil die da und dort liegende Todte zu besuchen und zu pl&uuml;ndern,
-wird<a id="FNanchor_404_404"></a><a href="#Footnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> ich gezwungen niederzufallen und mich denjenigen
-gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte. Das
-th&auml;t ich etlichmal, bi&szlig; beiderseits einander jagende Troupen
-den Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden,
-deren sie abermal daselbst ziemlich sitzen lie&szlig;en, allein &uuml;berlassen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher
-wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim
-Zaum hielte und den einen Schenkel entzwei geschossen, den
- <span class="pagenum"><a id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-andern aber noch im Stegreif stecken hatte, mir um H&uuml;lf zuschrie,
-weil er ihm selbst nicht helfen k&ouml;nte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer
-Viertelstund h&auml;ttest du mich nicht gew&uuml;rdigt, nur ein einziges
-Wort mir zuzusprechen, du h&auml;ttest mich dann etwan einen
-Hund genant.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich fragte: Was Volks?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er antwort: Gut schwedisch.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der
-andern Hand eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet
-damit den wenigen Rest des bittenden Lebens. Und di&szlig; ist
-die W&uuml;rkung des verfluchten Gesch&uuml;tzes, da&szlig; n&auml;mlich ein geringer
-B&auml;rnh&auml;uter dem allertapfersten Helden, nachdem er zuvor
-vielleicht auch durch einen liederlichen Stallratzen ungef&auml;hr
-besch&auml;digt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande Goldst&uuml;cker
-bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen
-Gr&ouml;&szlig;e meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk
-war mit Gold und Silber gestickt, das Degengef&auml;&szlig; von Silber
-gemacht, und sein Hengst ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd,
-dergleichen ich meine Tag niemalen &uuml;berschritten<a id="FNanchor_405_405"></a><a href="#Footnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a>.
-Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem ich Gefahr
-merkte, also da&szlig; ich nit l&auml;nger Mist bei ihm zu machen oder
-ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und
-da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern
-oder B&uuml;chsenscheiden, wie sie die Bauren nennen,
-waren nach damaligem Gebrauch genugsam mit Patronen versehen,
-muste ich gleichwol bei mir selbst erseufzen und gedenken:
-wann der un&uuml;berwindliche starke Hercules jetziger Zeit selbst
-noch lebte, so k&ouml;nte er solcher Gestalt sowol als dieser brave
-Officier auch von dem allergeringsten Ro&szlig;buben erlegt werden.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand,
-da&szlig; sie sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen,
-gefangen zu nehmen und Beuten zu machen, welches lauter
-Zeichen der erhaltenen Victori waren. Ich machte mir anderer
-gehabte M&uuml;he zu Nutz und stund zu den Siegern in ihr
-Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht gl&uuml;ckte, ohne da&szlig; ich
-bl&ouml;&szlig;lich noch so viel erschnappte, da&szlig; ich mich daraus kleiden
-konte. Dergleichen geringes Gl&uuml;ck hatten auch die &uuml;brige Kerl
-von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander,
-ohnangesehen sie tapfer gefochten hatten.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_401_401"></a><a href="#FNanchor_401_401"><span class="label">[401]</span></a> <em class="gesperrt">Zu</em>, bei.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_402_402"></a><a href="#FNanchor_402_402"><span class="label">[402]</span></a> <em class="gesperrt">das Ries</em>, Ebene im Osten von W&uuml;rtemberg bis gegen Baiern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_403_403"></a><a href="#FNanchor_403_403"><span class="label">[403]</span></a> <em class="gesperrt">um den Barchet jagen</em>; ein St&uuml;ck dieses Zeuges war ein gew&ouml;hnlicher
-Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller, Bayr. W&ouml;rterb.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_404_404"></a><a href="#FNanchor_404_404"><span class="label">[404]</span></a> <em class="gesperrt">wird</em>, <span class="antiqua">præs.</span> zu werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_405_405"></a><a href="#FNanchor_405_405"><span class="label">[405]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;berschreiten</em>, besteigen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_sechzehnte_Capitel">Das sechzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wo Springinsfeld nach der N&ouml;rdlinger Schlacht herum vagirt,
-und wie er von etlichen W&ouml;lfen bel&auml;gert wird.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Gleichwie nun nach Erhaltung<a id="FNanchor_406_406"></a><a href="#Footnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a> dieser gewaltigen und namhaften
-Schlacht das gro&szlig;e sieghafte kaiserliche Kriegsheer in
-unterschiedliche L&auml;nder geschickt wurde, also empfanden auch alle
-Provinzen, dahin diese gelangten, die W&uuml;rkung des gedachten
-blutigen Treffens, und zwar nicht allein was das Schwert,
-sonder auch was der Hunger und was die Pest jedes absonderlich
-zu thun verm&ouml;chte, ja wie grausam die zusammen gestimmte
-erschr&ouml;ckliche Harmonia dieser gesamten dreien Hauptstrafen
-die Menschen zum Grab tanzen machen k&ouml;nne. Den
-Antheil meines Ungl&uuml;cks, damit die damalige armselige Zeit
-gleichsam ganz Europa heimsuchte, &uuml;berstunde ich an den aller
-ungl&uuml;ckseligsten Oertern, n&auml;mlich am Rheinstrom, der vor allen
-andern teutschen Fl&uuml;ssen mit Tr&uuml;bsal &uuml;berschwemmt wurde,
-seitemal er erstlich das Schwert, darauf den Hunger, drittens
-die Pest und endlich alle drei Plagen zu einer Zeit und auf
-einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit, die zwar viel
-zur ewigen Ruhe oder Unruhe bef&uuml;rderte, ich dem Kaiser
-wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen
-halfe. Und demnach der weimarische Herzog Bernhardus
-damals durch die Kr&auml;fte der franz&ouml;sischen Fl&uuml;gel am
-Rhein herum schwebte und durch sein stetigs Agirn, indem er
-an besagtem Flu&szlig; wie auf einer Fickm&uuml;hl<a id="FNanchor_407_407"></a><a href="#Footnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> zu spielen wuste,
-nit nur zu der ansto&szlig;enden L&auml;nder Ruin Ursach gabe, sonder
-auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere
-Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte,
-&auml;u&szlig;erist und zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe,
-da b&uuml;&szlig;te ich mit ein nit nur mein Pferd, das mir vor N&ouml;rdlingen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_199">[S. 199]</a></span>
-zugestanden, deren es, wo wir nur hin marschirten,
-aller Orten voll lag, den Untergang unserer Armee bezeugen
-zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich daselbsten
-bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte
-ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner<a id="FNanchor_408_408"></a><a href="#Footnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a>,
-Umgicker<a id="FNanchor_409_409"></a><a href="#Footnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> &amp;c. vor guldene spanische und englische
-Kopfst&uuml;cker aus, deren ein zwei oder drei silberne in meinem
-Sinn golte und werth war, welche auch jedermann in solchem
-Preis gern von mir annahm, so lang ich deren auszugeben
-hatte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie
-das ganze Land mit der seinigen, in B&auml;lde fertig worden,
-gieng der kleine Rest unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments
-in Westphalen; alwo wir unter dem Grafen von G&ouml;tz
-die St&auml;dte Dortmund, Paderborn, Ham, Une<a id="FNanchor_410_410"></a><a href="#Footnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a>, Kammen<a id="FNanchor_411_411"></a><a href="#Footnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a>,
-Werl<a id="FNanchor_412_412"></a><a href="#Footnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a>, Soest und andere Ort mehr einnehmen helfen. Und
-damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich,
-mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen.
-Und weil du selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist
-unn&ouml;thig, etwas darvon zu erz&auml;hlen.<a id="FNanchor_413_413"></a><a href="#Footnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a>&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du bist aber nicht &uuml;ber drei Vierteljahr zuvor vom Feind
-gefangen und der Graf von G&ouml;tz ist kaum ein Vierteljahr aus
-Westphalen hinweg marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas,
-Commendant in der Lippstadt, durch einen Anschlag Soest
-einnahm. Damals verlore ich alles, was ich in langer Zeit
-zusammen geraspelt und vorm Maul erspart hatte. Solches
-und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in
-Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen
-lassen und mich so lange hinter der Maur patientirn muste,
-bi&szlig; beides die Hessen und Franz&ouml;sisch-Weimarische &uuml;ber Rhein
-in das Erzstift C&ouml;ln giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen
-ich lang nachgeseufzet.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter
-dem Lamboy ein solche Armatur, die wir leicht &uuml;bermeisterten
-und von der Kemper Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg
-schlugen. Diesem Sieg folgten Neu&szlig;, Kempen und andere
- <span class="pagenum"><a id="Seite_200">[S. 200]</a></span>
-Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir genossen, und
-ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden.
-Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich
-darbei, weil ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der
-Compagni verbleiben muste. Demnach wir aber G&uuml;lch<a id="FNanchor_414_414"></a><a href="#Footnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> pl&uuml;nderten
-und mit den Leuten auf dem Land sowol im Erzstift
-C&ouml;ln als Herzogthum G&uuml;lch unsers Gefallens procedirn d&ouml;rften,
-erschunde ich so viel Gelds zusammen, da&szlig; ich mich wieder
-von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn
-getraute.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten
-schon ausgemauset war, da wir n&auml;mlich Lechnich<a id="FNanchor_415_415"></a><a href="#Footnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a> vergeblich
-zur Uebergab &auml;ngstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische,
-die bei Zons<a id="FNanchor_416_416"></a><a href="#Footnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> lagen, sonder auch die Spanische ans Leder
-wolten. Dannenhero schlupfte Guebrian den Kopf aus der
-Schlinge, quittirte den Rheinstrom und f&uuml;hrte uns durch den
-Th&uuml;ringer Wald in Franken, alwo wir wiederum zu rauben,
-zu pl&uuml;ndern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten gefunden,
-bi&szlig; wir in das W&uuml;rtenbergische kommen, da uns zwar
-Jean de Werd n&auml;chtlicher Zeit ohnweit Schorndorf<a id="FNanchor_417_417"></a><a href="#Footnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a> in die
-Haar gerathen und einen Bi&szlig; versetzt, aber gleichwol das Fell
-nicht grob zerrissen. Aber wer kein Gl&uuml;ck hat, der f&auml;llt die
-Nas ab, wann er gleich auf den Rucken zu liegen kommt,
-dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant von
-K&uuml;rnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter<a id="FNanchor_418_418"></a><a href="#Footnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a> zu
-nennen pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen,
-wo damals das baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen
-Regiment Dragoner zugestellt, darunter ich anf&auml;nglich
-gedienet.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fu&szlig;,
-weil ich noch kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu
-Balingen<a id="FNanchor_419_419"></a><a href="#Footnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a> und widerfuhre mir ein Po&szlig; um selbige Zeit,
-welcher zwar von keiner Importanz, gleichwol aber so seltzam,
-verwunderlich und mir so eine schlechte Kurzweil gewesen, da&szlig;
-ich ihn erz&auml;hlen mu&szlig;; ohnangesehen ihrer viel, denen der damalige
- <span class="pagenum"><a id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant,
-mir solches nicht glauben werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen,
-da&szlig; die Weimarische unter Reinholden von Rose
-1200 Pferd stark ausgangen, uns aufzuheben, gedachte er
-solches an Ort und End zu notificirn, von dannen succurirt
-werden k&ouml;nte. Weil ich dann, wie obgemeldet, noch ohnberitten,
-zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine
-Person so beschaffen war, da&szlig; man mir kecklich zutrauen konte,
-ich w&uuml;rde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern
-mit einem Schreiben nach Villingen<a id="FNanchor_420_420"></a><a href="#Footnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> geschickt, von
-dieser obhandenen Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu
-bringen; und golte gleich, ob ich vom Gegentheil unterwegs
-gefangen w&uuml;rde oder nicht, dann wann solches geschehen w&auml;re,
-so h&auml;tte der Feind erfahren, da&szlig; sein Anschlag entdeckt gewesen,
-und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich kam
-gl&uuml;cklich durch und lie&szlig;e mich auch gegen Abend wieder abfertigen,
-um die Nacht &uuml;ber wieder auf Balingen zu kommen.
-Als ich nun durch ein Dorf passirte, darinnen keine M&auml;us,
-geschweige Katzen, Hund und ander Vieh, viel weniger Menschen
-sich befunden, sahe ich gegen mir einen gro&szlig;en Wolf
-avanziren, welcher <span class="antiqua">recta</span> mit aufgesperrtem Rachen auf mich
-zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein
-ander Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich
-derowegen in das n&auml;chste Haus und h&auml;tte die Th&uuml;r hinter
-mir gern zugeschlagen, wann es nur eine gehabt, aber es
-mangelte deren sowol als der Fenster und des Stubenofens.
-Ich gedachte wol nit, da&szlig; mir der Wolf in das Haus nachfolgen
-w&uuml;rde, aber er war so unverschamt, da&szlig; er den Ort
-nicht respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden,
-sonder zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach
-hernach; dannenhero ich nothwendig mein Refugium
-die erste und andre Stiege hinauf nehmen muste. Und weil
-mich der Wolf sehen lie&szlig;e, da&szlig; er auch Stiegen steigen konte
-so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in aller Eil, welches
-zwar k&uuml;mmerlich und mit gro&szlig;er Noth geschahe, durch ein
-Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich
-eilends die Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den
- <span class="pagenum"><a id="Seite_202">[S. 202]</a></span>
-Latten zu behelfen, auf welchen ich je l&auml;nger je h&ouml;her hinauf
-kletterte. Und als ich mich hoch genug daroben und also vor
-dem Wolf in Sicherheit zu sein befande, &ouml;ffnete ich im Dach
-ein gr&ouml;&szlig;ere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der Wolf die
-Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr
-Cameraden bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden
-stelleten, als ob sie einen Anschlag zu erstimmen<a id="FNanchor_421_421"></a><a href="#Footnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a> begriffen,
-wie sie mir beikommen m&ouml;chten. Ich hingegen chargirte mit
-halben und ganzen Zieglen auf sie hinunter, konte aber durch
-die Latten weder gewisse noch satte<a id="FNanchor_422_422"></a><a href="#Footnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a> oder starke W&uuml;rf thun;
-und wann ich gleich den einen oder andern auf den Pelz traf,
-so bek&uuml;mmerten sie sich doch nichts darum, sonder behielten
-mich also bel&auml;gert oder bloquirt. Indessen ruckte die stockfinstere
-Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont bedeckte,
-mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten Schneeflocken
-gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang des
-Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so da&szlig; ich mich
-k&uuml;mmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen
-konte. Ueberdas fiengen die W&ouml;lfe nach Mitternacht eine
-solche erschr&ouml;ckliche Music an, da&szlig; ich vermeinte, ich m&uuml;ste von
-ihrem grausamen Geheul &uuml;bers Dach herunter fallen. In
-Summa, es ist unm&uuml;glich zu glauben, was vor eine ellende
-Nacht ich damals &uuml;berstanden. Und eben um solcher &auml;u&szlig;ersten
-Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in was
-vor einem j&auml;mmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in
-der H&ouml;llen sich befinden m&uuml;sten, bei denen ihr Leiden ewig
-w&auml;hret, welche nit nur bei etlichen W&ouml;lfen, sondern bei den
-schr&ouml;cklichen Teufeln selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder
-gar in der H&ouml;llen, nicht nur in gemeiner K&auml;lte, sonder in
-ewig brennendem Feur, nicht nur eine Nacht, in Hoffnung erl&ouml;st
-zu werden, sonder ewig, ewig gequ&auml;lt w&uuml;rden. Diese Nacht
-war mir l&auml;nger als sonst vier, so gar da&szlig; ich auch sorgte,
-es w&uuml;rde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich h&ouml;rete
-weder Hahnen kr&auml;hen noch die Uhr schlagen und sa&szlig;e so unsanft
-und erfroren dorten im rauhen Luft, da&szlig; ich gegen Tag
-all Augenblick vermeinte, ich m&uuml;ste herunter fallen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_406_406"></a><a href="#FNanchor_406_406"><span class="label">[406]</span></a> <em class="gesperrt">Erhaltung</em>, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_407_407"></a><a href="#FNanchor_407_407"><span class="label">[407]</span></a> <em class="gesperrt">Fickm&uuml;hle</em>, Zwickm&uuml;hle, Stellung der Steine im M&uuml;hlenspiel, wo beim
-Aufziehen der M&uuml;hle eine andere geschlossen wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_408_408"></a><a href="#FNanchor_408_408"><span class="label">[408]</span></a> <em class="gesperrt">Jacobiner</em>, englische Goldkronen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_409_409"></a><a href="#FNanchor_409_409"><span class="label">[409]</span></a> <em class="gesperrt">Umgicker</em>, das Wort kann ich nicht nachweisen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_410_410"></a><a href="#FNanchor_410_410"><span class="label">[410]</span></a> <em class="gesperrt">Une</em>, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_411_411"></a><a href="#FNanchor_411_411"><span class="label">[411]</span></a> <em class="gesperrt">Kammen</em>, Kamen, ebendaselbst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_412_412"></a><a href="#FNanchor_412_412"><span class="label">[412]</span></a> <em class="gesperrt">Werl</em>, ebend., Kreis Soest.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_413_413"></a><a href="#FNanchor_413_413"><span class="label">[413]</span></a> Vgl. &raquo;Simplicissimus&laquo;, Buch <span class="antiqua">II</span> und <span class="antiqua">III</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_414_414"></a><a href="#FNanchor_414_414"><span class="label">[414]</span></a> <em class="gesperrt">G&uuml;lch</em>, J&uuml;lich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_415_415"></a><a href="#FNanchor_415_415"><span class="label">[415]</span></a> <em class="gesperrt">Lechnich</em>, St&auml;dtchen, Regierungsbezirk K&ouml;ln,
-Kreis Euskirchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_416_416"></a><a href="#FNanchor_416_416"><span class="label">[416]</span></a> <em class="gesperrt">Zons</em>, St&auml;dtchen, Reg. D&uuml;sseldorf, Kr. Neu&szlig;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_417_417"></a><a href="#FNanchor_417_417"><span class="label">[417]</span></a> <em class="gesperrt">Schorndorf</em>, W&uuml;rtemb. Jaxtkreis, Stadt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_418_418"></a><a href="#FNanchor_418_418"><span class="label">[418]</span></a> <em class="gesperrt">Kirbereuter</em>, Kirchweihreiter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_419_419"></a><a href="#FNanchor_419_419"><span class="label">[419]</span></a> <em class="gesperrt">Balingen</em>, Oberamtsstadt in W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_420_420"></a><a href="#FNanchor_420_420"><span class="label">[420]</span></a> <em class="gesperrt">Villingen</em>, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_421_421"></a><a href="#FNanchor_421_421"><span class="label">[421]</span></a> <em class="gesperrt">erstimmen</em>, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_422_422"></a><a href="#FNanchor_422_422"><span class="label">[422]</span></a> <em class="gesperrt">satt</em>, gen&uuml;gend, wirksam.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_siebzehnte_Capitel">Das siebzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher
-Dragoner.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum,
-ich sahe aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung
-zu meiner Erl&ouml;sung h&auml;tte sch&ouml;pfen m&ouml;gen, sonder hatte vielmehr
-Ursach, gleichsam gar zu verzagen, dann ich war m&uuml;d,
-matt, schl&auml;ferig und noch darzu auch hungerig. Ich beflisse
-mich sonderlich, mich des Schlafens zu enthalten, weil die geringste
-Einnickung der Anfang meines ewigen Schlafs gewesen
-w&auml;re, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder &uuml;ber das
-Dach herunter purzlen m&uuml;ssen. Indessen bewachten mich die
-W&ouml;lfe noch immer fort, ob zwar bi&szlig;weilen deren etliche die
-Stiege auf und ab spazierten. Nach denjenigen, die oben im
-Hause unterm Dach verblieben, warf ich zwar ohne Unterla&szlig;
-mit Zieglen, ob ich sie vielleicht vertreiben m&ouml;chte. Es nutzte
-mir aber zu nichts anders, als da&szlig; ich mich durch dasselbige
-Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den Schatten oder
-eine Copei einer geringen W&auml;rme in die Glieder schaffte. Und
-dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein
-g&auml;nzliches Verderben ergeben hatte, kamen f&uuml;nf Kerl in sachtem
-Galop daher geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres
-Gewehrs ansahe, da&szlig; sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden.
-Den letzten kante ich am Pferd, da&szlig; es ein Wachtmeister
-vom Sporckischen Regiment war, der mich gar wol
-kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und sahen
-mich anf&auml;nglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser
-n&auml;herten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch
-als einem Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten
-mich herunter schie&szlig;en. Als ich aber gedachten Wachtmeister
-mit Namen nennete, mich damit zu erkennen gab und darneben
-versicherte, da&szlig; in 24 Stunden kein vern&uuml;nftige Seele im Dorf
-gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach Schiltwacht gehalten,
-erz&auml;hlet ich ihnen auch zugleich mein Gesch&auml;fte und was
- <span class="pagenum"><a id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten.
-Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem
-starken Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm,
-lie&szlig;e er alsobalden zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen,
-in das Haus gehen und sonst das Haus umstellen, auch Schiltwachten
-au&szlig;erhalb dem Dorf auff&uuml;hren. Als nun jene ins
-Haus gest&uuml;rmt, wurden 8 W&ouml;lf so erschossen als sonst niedergemacht,
-und im Keller f&uuml;nf menschliche K&ouml;rper gefunden, von
-welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten.
-Verm&ouml;g eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Pa&szlig;zedel
-und eines Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines
-G&uuml;rtels, darinnen Ducaten vern&auml;het waren, ist ein Metzger
-unter diesen gewesen, der die Donau hinunter gewolt, etliche
-Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese f&uuml;nf Menschenk&ouml;pfe
-fanden wir auch Aas von andern Thieren, also da&szlig; es in
-diesem Keller einer alten Schindgruben &auml;hnlich sahe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil
-zu erkundigen, was die Weimarische im Sinn h&auml;tten.
-Und da er solcher Gestalten von mir erfuhr, was des Rose
-Intention w&auml;re, befahl er alsobalden in demselbigen Dorf zu
-f&uuml;ttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben, was jeder
-von kurzem Futter hinter sich f&uuml;hrte, dann in demselbigen Dorf
-war nichts vorhanden, das die Pferde genie&szlig;en konten, als
-das Stroh auf etlichen D&auml;chern. Und alsdann f&uuml;tterte auch
-ein jeder sich selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von
-deren mir mildiglich mitgetheilt wurde, als dessen ich damals
-auch trefflich vonn&ouml;then.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Der Obriste hielte die Begegnus mit den W&ouml;lfen vor ein
-gut Omen, noch ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er
-gedachte, auf Balingen zu gehen und mit Zuziehung unserer
-daselbst liegenden Dragoner dem Rosa einen Streich zu versetzen.
-Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den richtigsten
-Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht
-marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, da&szlig; Rosa sich zwar
-bei Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner
-auszuheben, sonder den Ort, den er vor leer gehalten,
-zu besetzen. Weil er aber zu spat kommen, h&auml;tte er sich in
-das Dorf Geislingen<a id="FNanchor_423_423"></a><a href="#Footnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> logirt, um &uuml;ber Nacht daselbst liegen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-zu bleiben. Hierauf &auml;ndert der Obriste alsobalden seinen Anschlag
-und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen zu, alwo
-wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose
-mit bei sich habenden vier Regimentern gar uns&auml;uberlich aus
-dem ersten Schlaf weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf,
-die &uuml;brige aber hielten darvor hau&szlig;en<a id="FNanchor_424_424"></a><a href="#Footnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> und z&uuml;ndeten es an
-vier Orten an. Darauf wurden gleichsam in einem Augenblick
-diese vier Regimenter zerst&ouml;bert<a id="FNanchor_425_425"></a><a href="#Footnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a> und ruinirt. 200 wurden
-gefangen ohne die Officier, und sonst viel sch&ouml;ne Beuten
-gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, da&szlig; ich
-auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen
-m&ouml;chte, als durchschliche ich die H&auml;user zu &auml;u&szlig;erst am Dorf
-und zun&auml;chst an einem Ort, da es brante, und bekam drei
-sch&ouml;ne gesattelte Pferd mit aller Zugeh&ouml;r und einem Jungen,
-dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder zu Fu&szlig; darvon
-gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das Niederb&uuml;chsen
-unserer im Feld haltenden Reuter gef&ouml;rchtet, als die
-gemeiniglich nur den Fl&uuml;chtigen zu Pferd zusetzten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Des Morgens fr&uuml;he lie&szlig;e mich der Obriste mit meiner
-Beut wiederum nach Balingen reiten, unserm Commendanten
-und seinen Dragonern die Botschaft seines gl&uuml;cklich verrichten
-Einfalls zu bringen. Ich war willkommen, nicht allein wegen
-der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen der guten
-Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines
-Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt
-hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler
-versprochen, wann ich zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht
-ausgerichtet haben w&uuml;rde. Weil ich aber jetzt so wol heim
-kam, verehrte er mir deren zwei und machte mich noch dr&uuml;berhin
-zu einem Corporal. Derowegen versilberte ich das eine
-Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erl&ouml;sten
-Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob
-ich nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben
-wurde. Eben auf denselbigen Tag, daran ich so gro&szlig; worden,
-gieng Rothweil an den Guebrian &uuml;ber, aber die Weimarische
-haben diese Stadt nicht viel l&auml;nger behauptet, als bi&szlig; die Tuttlinger
-Kirchme&szlig;<a id="FNanchor_426_426"></a><a href="#Footnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a> gehalten worden, auf deren ich zwar wenig
- <span class="pagenum"><a id="Seite_206">[S. 206]</a></span>
-Beuten einkramen k&ouml;nnen, weil ich als ein Unteroffizier anders
-zu thun hatte. Dann nachdem solche vor&uuml;ber, nahm sie unser
-General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich
-damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt,
-w&auml;re ich beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt
-oder wol gar als ein Corporal, der andern abwehren
-sollen, aufgehenkt worden, dafern mich mein gutes Pferd nicht
-beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen Thaler, die ich
-den Nachjagenden spendirte, aus den H&auml;nden des Profosen
-und Steckenknechts errettet h&auml;tten.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob
-gleich Herr Corporal Springinsfeld anf&auml;nglich in denselbigen
-eine herbe Hauptkrankheit &uuml;berstunde, also da&szlig; ihm auch kein
-H&auml;rlein Heu auf der obern B&uuml;hne &uuml;brig verbliebe, so schlug
-es ihme dannoch hernach so wol zu, da&szlig; er mitten im Krieg
-einen solchen fetten Kopf &uuml;berkam, wie ein Dorfschulthei&szlig; mitten
-in Friedenszeiten.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_423_423"></a><a href="#FNanchor_423_423"><span class="label">[423]</span></a> <em class="gesperrt">Geislingen</em>, Dorf, W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt Balingen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_424_424"></a><a href="#FNanchor_424_424"><span class="label">[424]</span></a> <em class="gesperrt">hau&szlig;en</em>, (hie au&szlig;en) au&szlig;erhalb.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_425_425"></a><a href="#FNanchor_425_425"><span class="label">[425]</span></a> <em class="gesperrt">zerst&ouml;bern</em>, zerstreuen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_426_426"></a><a href="#FNanchor_426_426"><span class="label">[426]</span></a> <em class="gesperrt">Tuttlinger Kirchme&szlig;</em>, der Ueberfall bei Tuttlingen, Stadt auf der Baar,
-W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_achtzehnte_Capitel">Das achtzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchme&szlig; an bi&szlig;
-nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Den folgenden Sommer f&uuml;hrete uns der kluge General
-Freiherr von Mercy wieder mit einer sch&ouml;nen und zwar fast
-auf ein altfr&auml;nkische oder holl&auml;ndische Manier, da alles mit
-guter Ordre zugehet, zu Felde. Das Vornehmste, das wir
-gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung der Stadt
-Ueberlingen<a id="FNanchor_427_427"></a><a href="#Footnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a>, deren Guarnison nun eine Zeit lang gro&szlig;e Ungelegenheit
-auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte.
-Dieser folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr
-nacheinander mit Einziehung der Contributionen gleichsam wie
-eine milit&auml;rische K&ouml;nigin &uuml;ber den ganzen Schwarzwald geherrschet
-und sich aus ihm bereichert. Wir hatten aber dieselbige
-Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc de Anguin
-und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten
-L&auml;ger auf die Finger zu klopfen, ma&szlig;en sie auf die Schanzen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-gest&uuml;rmt und weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet,
-gleichsam als wann sie nur wie die Pfifferling &uuml;ber Nacht
-gewachsen w&auml;ren. Sie st&uuml;rmten mit unglaublicher Furi gegen
-uns hinauf wie resolute Helden, wurden aber jedesmal beides
-zu Ro&szlig; und Fu&szlig; derma&szlig;en bewillkommt und wieder abgefertigt,
-da&szlig; sie mit ihrem h&auml;ufigen Herunterpurzlen der &uuml;berstreuten
-Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten geschneiet
-h&auml;tte. Es war auch billich, da&szlig; diejenige, deren Leben gering
-geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den andern
-Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren,
-da&szlig; ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man sch&auml;rfer
-einander zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es
-hatte das Ansehen, als wann die Franzosen nicht &uuml;bers Herz
-wolten oder k&ouml;nten bringen, uns ohn&uuml;berwunden von sich zu
-lassen, und eben dahero fochten sie desto tapferer, ja unsinniger.
-Hingegen stritten wir vern&uuml;nftig und mit gro&szlig;em Vortheil;
-dahero kams, da&szlig; unserer nicht viel &uuml;ber 1000, jener aber &uuml;ber
-6000 erschlagen und verwundet worden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir Dragoner haben neben den C&uuml;rassierern unter Johann
-von Werds Anf&uuml;hrung das Beste gethan, und wann unserer
-mehr zu Pferd gewesen w&auml;ren, so w&uuml;rde den Franzosen ihre
-Frechheit &uuml;bel eingetr&auml;nkt sein worden. Wir kamen zwar mit
-einem blauen Aug darvon, aber mit gro&szlig;er Ehr, dieweil wir
-sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret und ihm
-allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht,
-als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen
-auch keine Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit
-genugsam sehen lassen, es seie dann einem aufzuheben<a id="FNanchor_428_428"></a><a href="#Footnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> oder
-vorzurucken, wann er so vieler Soldaten Blut unn&uuml;tzlich verschwendet
-oder sonst ohne Noth mit dem Kopf wider eine
-Maur lauft.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Da wir sich nun in unserm w&uuml;rtenbergischen Lande ein
-wenig erschnaubet<a id="FNanchor_429_429"></a><a href="#Footnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a> und zugleich marschierend sich um einen
-Raub umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz
-zu erhaschen. Derowegen rumpelten<a id="FNanchor_430_430"></a><a href="#Footnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a> wir hinein und gleich
-darauf in Mannheim mit st&uuml;rmender Hand, worinnen ich abermal,
-weil ich einer unter den ersten war, der hinein kam, eine
- <span class="pagenum"><a id="Seite_208">[S. 208]</a></span>
-ansehnliche Beut von Geld, Kleidern und Pferden machte.
-Diesemnach s&auml;uberten wir H&ouml;chst von der hessischen Besatzung
-per Accord und nahmen Bensheim<a id="FNanchor_431_431"></a><a href="#Footnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a> mit Sturm ein, alwo mein
-Obrister<a id="FNanchor_432_432"></a><a href="#Footnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> das Leben durch einen Schu&szlig; einb&uuml;ste. Darinnen
-hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten,
-da&szlig; sich Weinheim<a id="FNanchor_433_433"></a><a href="#Footnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Um diese Zeit stunde es um unsere Armee &uuml;beraus wol,
-dann wir hatten an dem Mercy einen verst&auml;ndigen und tapfern
-General, an dem von Holtz gleichsam einen Atlanten, der die
-Beschaffenheit aller Weg, Steg, P&auml;ss, Berg, Fl&uuml;ss, W&auml;lder,
-Felder und Th&auml;ler durch ganz Teutschland wol wuste, dahero
-er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum allervortelhaftigsten
-f&uuml;hren und einquartieren, auch wann es an ein
-Schmei&szlig;ens<a id="FNanchor_434_434"></a><a href="#Footnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a> gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte.
-Am Joann de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins
-Feld, mit welchem die Soldaten lieber in eine Occasion als
-in ein schlechtes Winterquartier giengen, weil er den Ruhm
-hatte, da&szlig; er beides in offentlichem Fechten und Verrichtung
-seiner heimlichen Anschl&auml;ge sehr gl&uuml;ckselig sei. An dem w&uuml;rtenberger
-Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten
-Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt
-und unsere j&auml;hrliche Winterquartier darinnen zu nehmen,
-erschaffen worden. Der Kurf&uuml;rst aus Baiern selbst, wahrlich
-ein erfahrner Feldherr und weiser Kriegsf&uuml;rst, war gleichsam
-unser Vatter und Versorger, welcher uns gleichsam von weitem
-zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner klugen und
-vorsichtigen Feder f&uuml;hrte; und was das allermeiste war, so
-hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Ro&szlig;
-und zu Fu&szlig;, und von denselbigen an bis auf den geringsten
-Soldaten eitel ge&uuml;bte, herz- und standhafte Krieger. Und ich
-d&ouml;rfte beinahe kecklich sagen, wann ein Potentat im Anfang
-seines Kriegs gleich eine solche Armee beisammen h&auml;tte, da&szlig;
-er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel Tirones bei einander,
-dannoch leichtlich besiegen m&ouml;chte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber ich mu&szlig; wieder auf meine Histori kommen; die verh&auml;lt
-sich k&uuml;rzlich also, da&szlig; n&auml;mlich nach geendigtem Winterquartier
- <span class="pagenum"><a id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-die meiste von uns in B&ouml;hmen zu den Kaiserischen
-giengen und von den Schwedischen vor Jankau<a id="FNanchor_435_435"></a><a href="#Footnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a> ihr Theil
-St&ouml;&szlig;e holeten, und haben wir solcher Gestalt ihrer Ungl&uuml;ckseligkeit
-oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen, die sie,
-ich wei&szlig; nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da
-empfangen, mit Darstreckung unserer H&auml;lse &ouml;fters auswetzen,
-ja zu Zeiten ihrentwegen gar einb&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen, wie dann vor
-di&szlig;mal auch beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem
-Treffen, sonder im W&uuml;rtenbergischen, in welcher Gegend
-mein Obrister zu Nagolt<a id="FNanchor_436_436"></a><a href="#Footnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a> die Schanze h&auml;&szlig;lich &uuml;bersehen
-und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das Leben erb&auml;rmlicher
-Weise eingeb&uuml;&szlig;t. Und damals kam es darzu, da&szlig; ich aus
-einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der
-von Mercy unsere V&ouml;lker hin und wieder zusammen zohe, um
-dem Tourenne zu wehren, da&szlig; er sich in unserm G&auml;u, in
-Schwaben und Franken, daraus wir uns selbst zu erhalten gewohnet
-waren, nicht zu heimisch und gemein machen solte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Und dieses ist dem von Mercy vor di&szlig;mal auch noch gelungen,
-ma&szlig;en er ohnversehens auf die Franz&ouml;sische losgangen
-und sie bei Herbsthausen derma&szlig;en geklopft, da&szlig; ihm Touraine
-das Feld raumen und viel vornehme Officier- und Generalspersonen
-hinterlassen m&uuml;ssen. Ich wurde in diesem Treffen
-zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gef&auml;hrlich geschossen,
-gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten unt&uuml;chtig gemacht,
-weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch den
-Fl&uuml;chtigen nachjagen konte, welches mich so blut&uuml;bel verdrosse,
-da&szlig; ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein
-Vatterunser zusammen bringen konte; dann weil mein harte
-Haut bi&szlig;hero nur mit den ankommenden Kuglen gescherzt,
-vermeinte ich, es solte nicht sein, da&szlig; ein anderer mehr als
-ich k&ouml;nnen und mich eben jetzt, da etwas zu ertappen, besch&auml;digen
-solte.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_427_427"></a><a href="#FNanchor_427_427"><span class="label">[427]</span></a> <em class="gesperrt">Ueberlingen</em>, Baden, Seekreis am Bodensee.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_428_428"></a><a href="#FNanchor_428_428"><span class="label">[428]</span></a> <em class="gesperrt">aufheben</em>, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_429_429"></a><a href="#FNanchor_429_429"><span class="label">[429]</span></a> <em class="gesperrt">sich erschnauben</em>, verschnaufen, zu Athem kommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_430_430"></a><a href="#FNanchor_430_430"><span class="label">[430]</span></a> <em class="gesperrt">rumpeln</em>, rasch einfallen, vgl. &uuml;berrumpeln.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_431_431"></a><a href="#FNanchor_431_431"><span class="label">[431]</span></a> <em class="gesperrt">Bensheim</em>, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_432_432"></a><a href="#FNanchor_432_432"><span class="label">[432]</span></a> Er hie&szlig; Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt erschossen; <span class="antiqua">Theat.
-Europ. V</span>, 581.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_433_433"></a><a href="#FNanchor_433_433"><span class="label">[433]</span></a> <em class="gesperrt">Weinheim</em>, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_434_434"></a><a href="#FNanchor_434_434"><span class="label">[434]</span></a> <em class="gesperrt">Schmei&szlig;en</em>, Schlagen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_435_435"></a><a href="#FNanchor_435_435"><span class="label">[435]</span></a> <em class="gesperrt">Jankau</em>, oder Jankow, Dorf in B&ouml;hmen. Mit diesem Treffen endete
-die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_436_436"></a><a href="#FNanchor_436_436"><span class="label">[436]</span></a> <em class="gesperrt">Nagolt</em>, in W&uuml;rtemberg, Schwarzwaldkreis,
-an der Nagold in einem tiefen Thal gelegen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_neunzehnte_Capitel">Das neunzehnte Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Springinsfelds fernere Historia bi&szlig; auf das bairische Armistitium.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Die Fr&uuml;chte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren
-ohne die Beuten und die Gefangene nichts anders, als da&szlig;
-unsere Armee bi&szlig; an die niederhessische Grenze hinunter gieng
-und Am&ouml;neburg<a id="FNanchor_437_437"></a><a href="#Footnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a> entsetzte, vor Kirchhain<a id="FNanchor_438_438"></a><a href="#Footnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a> sich vergeblich bem&uuml;hete
-und dardurch in ein Wespennest stache, das ist, da&szlig;
-sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn verursachte;
-wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen
-muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund<a id="FNanchor_439_439"></a><a href="#Footnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a>
-mit andern Besch&auml;digten mehr und lie&szlig;e mich an meiner
-empfangenen Wunden curirn. Aber als sich unsere Armee
-mit einem Succurs von ungef&auml;hr f&uuml;nfthalb tausend Mann,
-den ihr der Graf von Geleen<a id="FNanchor_440_440"></a><a href="#Footnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> zugebracht, nach Heilbrunn
-zohe und selbige Stadt mit V&ouml;lkern unter dem Obristen Fugger,
-Obristen Caspar und meinem Obristen verst&auml;rkte, muste
-ich auch dort liegen bleiben.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und
-K&ouml;nigsmarkische V&ouml;lker in die unter Pfalz, nahmen den Duc
-d'Anguin zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und
-die Unserige zu erfolgen.<a id="FNanchor_441_441"></a><a href="#Footnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a> Zwar lie&szlig;en sie uns zu Heilbrunn
-wol liegen, aber Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches
-sie beschossen, mit st&uuml;rmender Hand eingenommen und auf
-600 Mann von uns darinnen so gefangen bekommen als
-niedergemacht haben. Daselbst seind sie &uuml;ber den Necker an
-die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten Oerter,
-auch der Stadt Rothenburg bem&auml;chtigt. Endlich brachten sie
-unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen
-Sieg bei Allerheim<a id="FNanchor_442_442"></a><a href="#Footnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a>, warbei unser tapferer General-Feldmarschall
-von Mercy das Leben auch eingeb&uuml;&szlig;t. Folgends nahmen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_211">[S. 211]</a></span>
-sie N&ouml;rdlingen<a id="FNanchor_443_443"></a><a href="#Footnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> mit Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister
-von meinem Regiment, der mit 400 von unsern Dragonern
-und 200 Musquetierern in Dinkelspiel<a id="FNanchor_444_444"></a><a href="#Footnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a> lag, da&szlig; er
-sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad
-ergehen muste. Und weilen sich diese V&ouml;lker musten unterstellen<a id="FNanchor_445_445"></a><a href="#Footnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a>,
-wurde unser Regiment mehr dardurch geschw&auml;cht, als
-wann es auch in dem Treffen gewesen w&auml;re. Von dar giengen
-sie &uuml;ber Schw&auml;bischen Hall<a id="FNanchor_446_446"></a><a href="#Footnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> gegen uns los, weil es uns
-auch gelten solte, und fiengen an gegen uns zu agirn und sich
-zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren Ankunft vermerkten,
-als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16
-kaiserischen Regimentern verst&auml;rkt hatte, sihe, da verschwanden
-sie wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander,
-als wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten
-h&auml;tten. Und ich kan auch nicht sehen, was sie diese theure
-Victori anders genutzt, als da&szlig; sie die Unserige ein wenig geschw&auml;cht
-und den ber&uuml;hmten Mercy aus dem Weg geraumet;
-dann sie wurden bis nach Philipsburg<a id="FNanchor_447_447"></a><a href="#Footnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> verfolget und verloren
-alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir bekamen
-auch zu Wimpfen acht sch&ouml;ne halbe Carthaunen, ein
-Feldst&uuml;ck, ein Feurm&ouml;rsel und hin und wieder viel Mannschaft
-von ihnen, darvon sich die Teutsche alle unterstellen und also
-unsere Armee wieder verst&auml;rken musten. Folgends giengen
-wir wieder in unserem gew&ouml;hnlichen G&auml;u, das ist in Franken,
-im anspachischen und w&uuml;rtenbergischen Lande in die Winterquartier,
-die Kaiserlichen aber in B&ouml;hmen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer
-Armee in B&ouml;hmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung,
-denen daselbst befindlichen Schweden einen guten Streich zu
-versetzen. Weil es aber au&szlig;er der Zeit und hierzu gar unbequem
-Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich
-selbsten dasselbe K&ouml;nigreich quittirten, wurde nichts anders
-draus, als da&szlig; wiederum etliche Oerter von den Schweden in
-der Kaiserlichen H&auml;nde kommen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen
-den F&uuml;rstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um
- <span class="pagenum"><a id="Seite_212">[S. 212]</a></span>
-sich zu greifen, seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu
-Feld gangen und durch die Wetterau bi&szlig; zwischen Kirchhain
-und Am&ouml;neburg ihme entgegen gezogen, da es zwar zu keiner
-Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte V&ouml;lker
-an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich
-einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein sch&ouml;nes
-Pferd samt 60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil
-dann der Feind nicht schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain
-in seinem verschanzten und wol proviantirten L&auml;ger verbliebe,
-wir aber an Fourage Mangel litten, zogen wir uns zuruck in
-die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und Hessen, als
-die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein
-Seit di&szlig;-, das ander Theil jenseit der Nidda<a id="FNanchor_448_448"></a><a href="#Footnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> in Battalia,
-spielte mit St&uuml;cken zusammen<a id="FNanchor_449_449"></a><a href="#Footnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> und sahen einander an wie zween
-z&auml;hnbleckende Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen
-wollen. Endlich lie&szlig;en sie uns gegen dem Camberger Grund<a id="FNanchor_450_450"></a><a href="#Footnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a>
-marschiern, sie aber giengen in vollen Spr&uuml;ngen &uuml;ber den Main
-und der Donau zu und lie&szlig;en uns das Nachsehen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen,
-den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein
-und anders der Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns
-gleich K&ouml;nigsmark bei Schwabenhausen<a id="FNanchor_451_451"></a><a href="#Footnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a> zwackte, so seind wir
-jedoch noch in 800 Pferd stark in Augspurg angelangt, eben
-als sich die Schweden vergebliche Hoffnung gemacht, selbe Stadt
-in G&uuml;te einzubekommen. Gleich darauf kam der Obriste
-Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns; worauf
-die Schweden uns in aller Eil bel&auml;gerten und in kurzer Zeit
-mit Approchiren unter die St&uuml;cke auf den Graben kamen.
-Und ich glaube auch, sie w&uuml;rden uns gewaltig hei&szlig; gemacht
-und endlich auch die Stadt gar &uuml;berkommen haben, wann sich
-die Unserige nicht bald darvor pr&auml;sentirt h&auml;tten; als welche
-sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verst&auml;rkt hatten und
-die Feindsv&ouml;lker desto k&uuml;hner von der Bel&auml;gerung hinweg
-schr&ouml;ckten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten
- <span class="pagenum"><a id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-Dragonern liegen, bi&szlig; Bairn und C&ouml;ln mit den Franzosen,
-Schweden und Hessen einen halben Frieden oder wenigst (ich
-wei&szlig; selbst nit, was es war) ein Stillstand der Waffen machte.
-Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr durch Fu&szlig;v&ouml;lker
-abgel&ouml;st und kam wieder zu meinem Regiment, als es
-um Denkendorf<a id="FNanchor_452_452"></a><a href="#Footnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> herum auf der faulen B&auml;renhaut m&uuml;&szlig;ig lag.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste
-eine solche Ruhe schwerlich ertragen, also da&szlig; sie sich unterstunden,
-mit ihren unterhabenden V&ouml;lkern zu den Kaiserlichen
-&uuml;berzugehen<a id="FNanchor_453_453"></a><a href="#Footnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a>, zuvor aber ihres eignen Feldherrn L&auml;nder, vor
-welche sie bi&szlig;hero so ritterlich gefochten, zu pl&uuml;ndern, unter
-welchen vornehmlich mein Obrister auch gewesen, der doch ein
-Soldat von Fortun und zu seinem Stand durch seines gro&szlig;en
-Kurf&uuml;rsten Mildigkeit und Gnad bef&ouml;rdert worden war. Er
-erlangte aber anderster nichts darmit, als da&szlig; ihm ein schandlicher
-Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an
-einem aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde,
-ma&szlig;en ich ein Exemplar solcher Ehrens&auml;ulen zu S. Nicolao
-bei Passau gesehen. Andern wurde solches Unterfangen wegen
-ihrer hohen Verdienste und gro&szlig;er Aestimation nachgesehen,
-als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen auch ein Bessers
-meritirten. Nachdem solcher L&auml;rme wieder gestillt, wei&szlig;
-ich nichts Denkw&uuml;rdigs von mir zu erz&auml;hlen, ich wolte dann
-sagen, wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen<a id="FNanchor_454_454"></a><a href="#Footnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a>
-aufgewartet, bi&szlig; wir die Degen wieder in die H&auml;nd genommen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_437_437"></a><a href="#FNanchor_437_437"><span class="label">[437]</span></a> <em class="gesperrt">Am&ouml;neburg</em>, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der Ohm,
-St&auml;dtchen von 1600 Einwohnern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_438_438"></a><a href="#FNanchor_438_438"><span class="label">[438]</span></a> <em class="gesperrt">Kirchhain</em>, St&auml;dtchen ebendaselbst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_439_439"></a><a href="#FNanchor_439_439"><span class="label">[439]</span></a> <em class="gesperrt">Taubergrund</em>, Tauberthal.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_440_440"></a><a href="#FNanchor_440_440"><span class="label">[440]</span></a> <em class="gesperrt">Graf von Geleen</em> oder Gleen,
-vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_441_441"></a><a href="#FNanchor_441_441"><span class="label">[441]</span></a> <em class="gesperrt">erfolgen</em>, nachr&uuml;cken, um jemand einzuholen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_442_442"></a><a href="#FNanchor_442_442"><span class="label">[442]</span></a> <em class="gesperrt">Allerheim</em>, Dorf in Baiern, Landger. N&ouml;rdlingen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_443_443"></a><a href="#FNanchor_443_443"><span class="label">[443]</span></a> <em class="gesperrt">N&ouml;rdlingen</em>, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der Eger.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_444_444"></a><a href="#FNanchor_444_444"><span class="label">[444]</span></a> <em class="gesperrt">Dinkelsb&uuml;hl</em>, Stadt in Baiern, an der W&ouml;rnitz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_445_445"></a><a href="#FNanchor_445_445"><span class="label">[445]</span></a> <em class="gesperrt">sich unterstellen
-m&uuml;ssen</em>, untergesteckt werden, um dem Feinde zu dienen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_446_446"></a><a href="#FNanchor_446_446"><span class="label">[446]</span></a> <em class="gesperrt">Schw&auml;bisch
-Hall</em>, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_447_447"></a><a href="#FNanchor_447_447"><span class="label">[447]</span></a> <em class="gesperrt">Philippsburg</em>, ehemals
-Reichsfestung in Baden, an der Salzbach.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_448_448"></a><a href="#FNanchor_448_448"><span class="label">[448]</span></a> <em class="gesperrt">Nidda</em>, Nebenflu&szlig; des Mains, in Hessen-Darmstadt, m&uuml;ndet bei H&ouml;chst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_449_449"></a><a href="#FNanchor_449_449"><span class="label">[449]</span></a> <em class="gesperrt">spielten zusammen</em>, d. h. miteinander.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_450_450"></a><a href="#FNanchor_450_450"><span class="label">[450]</span></a> <em class="gesperrt">Camberger Grund</em>,
-Thal bei Camberg am Emsbach.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_451_451"></a><a href="#FNanchor_451_451"><span class="label">[451]</span></a> <em class="gesperrt">Schwabenhausen</em>, es ist wol Schwabhausen
-im bairischen Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt
-Landsberg: kleine D&ouml;rfer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_452_452"></a><a href="#FNanchor_452_452"><span class="label">[452]</span></a> <em class="gesperrt">Denkendorf</em>, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_453_453"></a><a href="#FNanchor_453_453"><span class="label">[453]</span></a> Vgl. die
-Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_454_454"></a><a href="#FNanchor_454_454"><span class="label">[454]</span></a> <em class="gesperrt">Dientlen</em>, Dirnen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_zwanzigste_Capitel">Das zwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Continuation solcher Histori bi&szlig; zum Friedensschlu&szlig; und endlicher
-Abdankung.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers
-alten Kriegs, wie etwan hiebevor, zum alten Gl&uuml;ck nicht mehr
-leuchten: Mercy war todt, Joan de Werth nicht mehr unser,
-und der Holzapfel, sonst Melander, den Schweden und Franzosen
-nicht so herb und handig<a id="FNanchor_455_455"></a><a href="#Footnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a> wie etwan zuvor den Kaiserischen,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-da er noch den Hessen dienete, wiewol der rechtschaffne
-Soldat das Seinig th&auml;t, ja sein Leben dargab, als uns der
-Feind &uuml;ber den Lech und &uuml;ber die Iser jagte. Damals schrien
-uns etliche vom Gegentheil &uuml;ber das Wasser zu (als wir n&auml;mlich
-wie eine Maur stunden und uns durch des Feinds Gesch&uuml;tz
-so viel als nichts bewegen lie&szlig;en), wir solten nur eilen
-mit der Flucht, so wolten sie uns an Oerter jagen, alwo eine
-Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese haben errathen,
-was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen durch
-ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, da&szlig;
-unter den Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben
-Batzen, sonder auch sogar um eine ver&auml;chtliche Pfeif Tabak
-hingegeben worden. Damals stund unser Sach liederlich; der
-von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen bringen,
-da&szlig; jemand aus den Unserigen f&uuml;glich mit Lorberkr&auml;nzen bekr&ouml;nt
-werden m&ouml;chte, sonder wir musten, was nicht in den
-wehrlichen<a id="FNanchor_456_456"></a><a href="#Footnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a> Oertern liegen bliebe, auch so gar &uuml;ber den Innstrom
-hin&uuml;ber passieren, welchen zu &uuml;berschreiten auch das
-Gegentheil erk&uuml;hnete.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber an diesem strengen Flu&szlig; hat sich der strenge Siegslauf
-und das Gl&uuml;ck der Schweden und Franzosen gesto&szlig;en.
-Ich lag unter sieben doch schwachen Regimenten in Wasserburg<a id="FNanchor_457_457"></a><a href="#Footnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a>,
-als beide Feindsarmeen suchten denselbigen Ort zu bezwingen
-und &uuml;ber besagten Flu&szlig; in das gegen&uuml;berliegende volle Land
-zu gehen, in welchem etliche steinalte Leute die Tag ihres
-Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen hatten. Weil
-aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unm&uuml;glich war, etwas
-daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit gl&uuml;henden Kugeln
-zusprachen, giengen sie auf M&uuml;hldorf<a id="FNanchor_458_458"></a><a href="#Footnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a> und wolten dort ins
-Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht.
-Aber ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein
-kaiserliche Generalsperson, bi&szlig; sie der vergeblichen Arbeit m&uuml;d
-wurden und ihr Hauptquartier zu Pfarrkirchen<a id="FNanchor_459_459"></a><a href="#Footnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> nahmen, alwo
-sie erstlich der Hunger und endlich die Pest zu besuchen anfieng,
-die sie auch endlich zwischen dem Tirolischen Geb&uuml;rg und der
-Donau, zwischen dem Inn und der Iser hinaus getrieben, wann
- <span class="pagenum"><a id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-sie das Generalarmistitium, so dem volligen Frieden vorgieng,
-nicht veranla&szlig;t h&auml;tte, bessere Quartier zu beziehen.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Unter w&auml;hrendem Stillstand wurde unser Regiment nach
-Hilperstein<a id="FNanchor_460_460"></a><a href="#Footnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a>, Heideck<a id="FNanchor_461_461"></a><a href="#Footnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> und selbiger Orten herum gelegt, da
-sich ein artliches Spiel unter uns zugetragen; dann es fande
-sich ein Corporal, der wolte Obrister sein, nicht wei&szlig; ich, was
-ihn vor eine Narrheit darzu angetrieben. Ein Musterschreiber<a id="FNanchor_462_462"></a><a href="#Footnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a>,
-so allererst aus der Schul entloffen, war sein Secretarius, und
-also hatten auch andere von seinen Creaturen andere Officia
-und Aemter. Viel neigten sich zu ihm, sonderlich junge ohnerfarne
-Leut, und jagten die h&ouml;chste Offizier zum theil von sich,
-oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen Gewalt.
-Meines gleichen aber von Unterofficieren lie&szlig;en sie gleichwol
-gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren.
-Und sie h&auml;tten auch ein Gro&szlig;es ausgerichtet, wann ihr Vorhaben
-zu einer andern Zeit, n&auml;mlich in Kriegsn&ouml;then, wann
-der Feind in der N&auml;he und man unserer beiseits<a id="FNanchor_463_463"></a><a href="#Footnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> n&ouml;thig gewesen,
-ins Werk gesetzt worden w&auml;re; dann unser Regiment
-war damals eins von den st&auml;rksten und vermochte eitel ge&uuml;bte
-wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder junge
-Wageh&auml;ls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen
-worden. Als dieser von seiner Thorheit auf g&uuml;tlichs Ermahnen
-nicht abstehen wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten
-V&ouml;lkern, welche zu Hilperstein ohne alle M&uuml;he und
-Blutvergie&szlig;ung Meister wurden und den neuen Obristen viertheilen,
-oder besser zu sagen, f&uuml;nftheilen (dann der Kopf kam auch
-sonder) und an vier Stra&szlig;en auf R&auml;der legen, 18 ansehenliche
-Kerl aber von seinen Principalanh&auml;ngern zum Theil k&ouml;pfen und
-zum Theil an ihre allerbeste H&auml;lse aufhenken, dem Regiment aber
-die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem
-Feldherrn wieder schw&ouml;ren lie&szlig;en. Also wurde ich noch vor
-meinem Ende oder vor dem v&ouml;lligen Frieden aus einem Fourier
-zu einem Quartiermeister und das Regiment aus Dragonern
-zu Reutern gemacht, und dieses ist das Letzte, was ich
-dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori zu erz&auml;hlen
-wei&szlig;, ohne da&szlig; wir bald hernach abgedankt worden,
-zu welcher Zeit ich drei sch&ouml;ne Pferd, einen Knecht und einen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-Jungen, auch ohngef&auml;hr bei 300 Ducaten in baarem Geld
-ohne die drei Monatsold verm&ouml;chte, die ich bei der Abdankung
-empfieng, dann ich hatte nun ein geraume Zeit hero kein Ungl&uuml;ck
-gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also muste ich aufh&ouml;ren
-zu kriegen, da ich vermeinte, ich k&ouml;nte es zum besten.
-Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte,
-versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und
-begab mich mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen,
-wie ich meinen Handel ferner anstellen, oder was mir sonst
-vor ein Gl&uuml;ck zustehen m&ouml;chte.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_455_455"></a><a href="#FNanchor_455_455"><span class="label">[455]</span></a> <em class="gesperrt">handig</em>, hurtig, behende.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_456_456"></a><a href="#FNanchor_456_456"><span class="label">[456]</span></a> <em class="gesperrt">wehrlich</em>, gut befestigt und vertheidigt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_457_457"></a><a href="#FNanchor_457_457"><span class="label">[457]</span></a> <em class="gesperrt">Wasserburg</em>, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_458_458"></a><a href="#FNanchor_458_458"><span class="label">[458]</span></a> <em class="gesperrt">M&uuml;hldorf</em>, Stadt im Amtsbezirk gleichen
-Namens, Baiern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_459_459"></a><a href="#FNanchor_459_459"><span class="label">[459]</span></a> <em class="gesperrt">Pfarrkirchen</em>, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts
-in Niederbaiern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_460_460"></a><a href="#FNanchor_460_460"><span class="label">[460]</span></a> <em class="gesperrt">Hilperstein</em>, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines Bezirksamts, Baiern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_461_461"></a><a href="#FNanchor_461_461"><span class="label">[461]</span></a> <em class="gesperrt">Heideck</em>, bei Hilpoltstein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_462_462"></a><a href="#FNanchor_462_462"><span class="label">[462]</span></a> <em class="gesperrt">Musterschreiber</em>, der die Musterrollen
-f&uuml;hrt, in welche die Namen der Soldaten eingetragen werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_463_463"></a><a href="#FNanchor_463_463"><span class="label">[463]</span></a> <em class="gesperrt">beiseits</em>, besonders.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_einundzwanzigste_Capitel">Das einundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches
-Handwerk er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein
-ehrlichen Abschied hinter der Th&uuml;r<a id="FNanchor_464_464"></a><a href="#Footnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a>.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Ich war damals ein Mann von ungef&auml;hr 50 Jahren und
-traf zu bemeldtem Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an,
-die war nit viel j&uuml;nger, hatte auch nicht viel weniger Geld
-als ich. Und weil wir einander &ouml;fters bei der Armee gesehen,
-machten wir desto ehender Kundschaft mit einander. Sie merkte
-Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und dannenhero fieng
-gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht mit uns
-beiden ein Paar geben k&ouml;nte, sagten auch beidenseits, wers nicht
-glauben wolte, der m&ouml;chte es z&auml;hlen. Sie war in dem Land
-zu Haus, darin man allerhand Religionen passiren l&auml;&szlig;t<a id="FNanchor_465_465"></a><a href="#Footnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a>, und
-solches war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal
-ich alsdann die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen,
-die mir am besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen
-zu Haus nicht genug aufschneiden, viel weniger genug
-beklagen, da&szlig; sie in ihrer Jugend gleich im Anfang des Kriegs
-von ihrem Mann seligen von denselbigen<a id="FNanchor_466_466"></a><a href="#Footnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a> hinweg geraubt
-und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider
-ihren Willen gemacht worden w&auml;re, worbei man unschwer abnehmen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-kan, da&szlig; sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol
-als mir die erste Einnehmung der Festung Frankenthal<a id="FNanchor_467_467"></a><a href="#Footnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a> gedachte.
-Was darfs aber vieler Umst&auml;nde? Wir machtens gar
-kurz mit einander und traten nicht allein mit der Heurathsabred,
-sonder auch mit der Copulation geschwind zusammen.
-Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch di&szlig;
-abgehandelt und verschrieben, da&szlig; ich, wann sie vor mir absterben
-solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas
-keine Hoffnung mehr war, alsdann die Tage meines Lebens
-den Sitz und Genu&szlig; auf ihrem Gut haben, ihren Sohn aber,
-den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich aussteuren solte.
-100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu vermachen
-und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock
-dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar
-ein wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schlo&szlig;, aber
-darum weder Oefen, Th&uuml;ren, L&auml;den noch Fenster, also da&szlig; ich
-beinahe so viel zu bauen hatte, als wann ichs von neuem
-h&auml;tte angefangen. Das &uuml;berstunde ich mit feiner Geduld und
-wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen hatt, getreulich
-an, so da&szlig; ich vor einen braven Wirth in einem braven
-Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch
-den Judenspie&szlig; so wol f&uuml;hren, als ein sechzigj&auml;hriger Burger
-von Jerusalem h&auml;tte thun m&ouml;gen, also da&szlig; unser Seckel, ohnangesehen
-der schweren Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld<a id="FNanchor_468_468"></a><a href="#Footnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a>
-geben, da ich doch viel lieber noch l&auml;nger Krieg haben
-m&ouml;gen), nicht leichter, sonder viel schwerer wurde, vornehmlich
-darum, weil es damals viel reisende Leut gab, beides von
-Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die ihr
-Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich
-zu schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel
-mir trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs
-Erzmuster eines Geizwansts war, also gew&ouml;hnte sie mich
-auch nach und nach, da&szlig; ich ihr nach&ouml;hmte und alle meine
-Sinne und Gedanken anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen
-scharren m&ouml;chte. Ich w&auml;re auch zeitlich zu einem reichen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-Mann worden, wann mich das Ungl&uuml;ck nicht anderw&auml;rtlicher
-Weise geritten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern
-Leuten beneidet und angefeindet, und das um so viel
-desto mehr, je mehr bei denen, so reich werden, der Geiz versp&uuml;rt
-wird; dahingegen die Freigebigkeit bei m&auml;nniglich Gunst
-erwirbt, vornehmlich wann sie mit Demuth begleitet wird.
-Solchen Neid versp&uuml;ret ich nicht ehender, als bi&szlig; seine W&uuml;rkung
-ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, da&szlig;
-meine Reichthum zusehens gr&uuml;neten und aufwuchsen, also fienge
-ein jeder an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche
-so h&auml;ufig zufallen m&ouml;chten, so gar da&szlig; auch etliche entbl&ouml;deten
-zu gedenken, ich und mein Weib k&ouml;nte hexen. Und also gab
-ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und Lassen heimlich genaue
-Achtung. Unter andern war ein Erzfunk<a id="FNanchor_469_469"></a><a href="#Footnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> an demselbigen
-Ort, dem ich ehemalen ein sch&ouml;n gro&szlig; St&uuml;ck wolgelegener und
-fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit g&ouml;nnet, wiewol
-ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit
-einem Holl&auml;nder und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei
-Nationen an selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die
-Quelle meiner Reichthum kommen und mir eins anmachen<a id="FNanchor_470_470"></a><a href="#Footnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a>
-m&ouml;chten, und hierauf waren sie desto geflissener, weil bereits
-etliche deren Landsleute aufgewannet<a id="FNanchor_471_471"></a><a href="#Footnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a> hatten und verdorben
-waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart schicken k&ouml;nnen.
-Einmals kamen mir zween W&auml;gen voll Wein, der durch die
-Umgelter<a id="FNanchor_472_472"></a><a href="#Footnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a> gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde,
-eben als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren
-solte. Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten,
-ich k&ouml;nte aus Wasser Wein machen, sch&uuml;tteten sie mir
-noch denselben Abend etwas von geschnittenen Stroh, das
-man den Pferden unter dem Habern zu f&uuml;ttern pflegt, in meinen
-Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag auch
-in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt.
-Man visitirt alle Fa&szlig; und fande mehr Wein, als ich
-eingelegt hatte, und in jedwederen Fa&szlig; etwas von dem H&auml;ckerling;
-und ob ich gleich schw&ouml;ren konte, da&szlig; ich von dieser
- <span class="pagenum"><a id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-Mixtur nichts gewust, dann mein Weib und ihr Sohn waren
-ohne mich vor di&szlig;mal so endlich<a id="FNanchor_473_473"></a><a href="#Footnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a> gewest, so half es doch nichts,
-sonder der Wein ward mir genommen und ich noch darzu um
-1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen derma&szlig;en zu Herzen
-gieng, da&szlig; sie vor Scham und Bek&uuml;mmernus dar&uuml;ber erkrankte
-und den Weg aller Welt gieng. Es w&auml;re mir auch
-die Wirthschaft ferners zu treiben gar niedergelegt worden,
-wann desselbigen Orts ein andere solche ansehenliche Gelegenheit
-vorhanden gewesen w&auml;re, die sich zu einer Wirthschaft geschickt
-h&auml;tte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor
-Freunde und was Feinde ich bi&szlig;her gehabt. Ich wurde so
-veracht, da&szlig; kein ehrlicher Mann etwas mehr mit mir zu
-schaffen wolte haben. Niemand gr&uuml;&szlig;te mich mehr, und wann
-ich jemand einen guten Tag w&uuml;nschte, so wurde mir nicht gedankt.
-Ich kriegte schier keine G&auml;ste mehr, ausgenommen wann
-etwan irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch
-nichts von meiner Kunst geh&ouml;ret hatte. Solches alles war
-mir schwer zu ertragen, und weil ich ohnedas auch eine Kurzweil
-mit zweien M&auml;gden angestellt hatte, welches in B&auml;lde
-seinen Ausbruch mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en nehmen w&uuml;rde, so
-packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen
-lie&szlig;e, setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben,
-ich h&auml;tte meiner Gewohnheit nach Gesch&auml;fte zu Frankfort zu
-verrichten, nahm ich meinen Weg auf die rechte Hand der Donau
-zu, dem Grafen von Serin<a id="FNanchor_474_474"></a><a href="#Footnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a>, der damal fast die ganze
-Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erf&uuml;llet, wider den T&uuml;rken
-zu dienen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_464_464"></a><a href="#FNanchor_464_464"><span class="label">[464]</span></a> <em class="gesperrt">den Abschied hinter der Th&uuml;r nehmen</em>, heimlich davon gehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_465_465"></a><a href="#FNanchor_465_465"><span class="label">[465]</span></a> die bairische Pfalz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_466_466"></a><a href="#FNanchor_466_466"><span class="label">[466]</span></a> <em class="gesperrt">von denselbigen</em>, n&auml;mlich von ihren Reichth&uuml;mern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_467_467"></a><a href="#FNanchor_467_467"><span class="label">[467]</span></a> <em class="gesperrt">Frankenthal</em>, die Einnahme oder vielmehr die Belagerung geschah im
-Jahre 1621; vgl. oben S. 182.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_468_468"></a><a href="#FNanchor_468_468"><span class="label">[468]</span></a> <em class="gesperrt">Friedengeld</em>, Abgaben, Steuern zu den
-Kosten der Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl.
-Grimmelshausen's &raquo;Traumgesicht&laquo; (Ausgabe 1684), S. 739.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_469_469"></a><a href="#FNanchor_469_469"><span class="label">[469]</span></a> <em class="gesperrt">Funke</em>, <em class="gesperrt">F&uuml;nkchen</em>, Schelm, verwegener Mensch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_470_470"></a><a href="#FNanchor_470_470"><span class="label">[470]</span></a> <em class="gesperrt">eins anmachen</em>,
-etwas anthun, zu Leide thun.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_471_471"></a><a href="#FNanchor_471_471"><span class="label">[471]</span></a> <em class="gesperrt">aufgewannet.</em> Die &uuml;brigen Drucke haben
-&raquo;darauf gewohnet&laquo;. <em class="gesperrt">Aufwannen</em>, mit dem Verm&ouml;gen aufr&auml;umen, es durchbringen
-oder verlieren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_472_472"></a><a href="#FNanchor_472_472"><span class="label">[472]</span></a> <em class="gesperrt">Umgelter</em>, Zolleinnehmer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_473_473"></a><a href="#FNanchor_473_473"><span class="label">[473]</span></a> <em class="gesperrt">endlich</em>, mhd. <span class="antiqua">endelich</span>, anstellig, hurtig, flei&szlig;ig, gesch&auml;ftig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_474_474"></a><a href="#FNanchor_474_474"><span class="label">[474]</span></a> <em class="gesperrt">Graf
-von Serin</em>, vgl. die Einleitung.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_zweiundzwanzigste_Capitel">Das zweiundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">T&uuml;rkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung
-mit einer Leirerin.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Was ich mir gew&uuml;nscht, das hab ich auch gefunden und
-erhalten, ohne da&szlig; ich nicht dem Serin, sonder dem R&ouml;mischen
-Kaiser selbst gedienet. Ich kam eben, als etliche freiwillige
-Franzosen sich eingefunden, ihrem K&ouml;nig zu Gefallen wider die
- <span class="pagenum"><a id="Seite_220">[S. 220]</a></span>
-t&uuml;rkische S&auml;bel Ehr einzulegen. Derselbe Krieg gefiele mir
-nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch halbes Gl&uuml;ck
-darinnen, weil ich mich anf&auml;nglich nicht darein richten oder
-den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen
-m&uuml;ste, da&szlig; man sich auch reich und gro&szlig; kriegte. Doch schlendert
-ich so mit und suchte jederzeit in den allersch&auml;rfsten Occasionen
-entweder meinen Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen,
-verblieb aber allzeit in dem Pfad der Mittelma&szlig;, und wann
-ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte, so hatte ich
-doch niemals weder das Gl&uuml;ck noch die Witz<a id="FNanchor_475_475"></a><a href="#Footnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a> noch die Gelegenheit,
-solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren.
-Und solcher Gestalt brachte ich mich durch<a id="FNanchor_476_476"></a><a href="#Footnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> bi&szlig; in die allerletzte
-Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich
-aber mein vortrefflich Pferd durch einen Schu&szlig; verlor und
-unter demselben liegen verbleiben muste mit gesundem Leibe,
-bi&szlig; beides Freund und Feind das Feld getheilt und sich etlichmal
-&uuml;ber mich hin&uuml;ber geschwenkt hatten; da ich dann von
-den Pferden so ellend zertreten worden, da&szlig; ich alle Kr&auml;fte
-meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten
-und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner
-Kleider beraubt worden, in denen ich etliche sch&ouml;ne Ducaten
-versteckt hatte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders,
-als wann ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein
-entzwei geschlagen worden w&auml;re. Ich hatte nichts mehr an
-als das Hemd und konte weder gehen, sitzen noch stehen, und
-weil jeder verpicht war, die Todte zu pl&uuml;ndern und Beuten zu
-machen, als lie&szlig;e mich auch ein jeder liegen, wie ich lag, bi&szlig;
-mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen
-Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem,
-dort von jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen
-wurde, der mich hin und wieder mit seinem <span class="antiqua">Oleum Bapolium</span><a id="FNanchor_477_477"></a><a href="#Footnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a>
-schmirbte<a id="FNanchor_478_478"></a><a href="#Footnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a>.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt
-worden. Der Marquetender, so mich f&uuml;hren, und der Feldscherer,
-so mich curiren solte, waren beide unwillig, und &uuml;berdas
- <span class="pagenum"><a id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-muste ich Hunger leiden um einen geringen Pfenning,
-dann mit dem Commi&szlig;brod wurde meiner mehrmals vergessen,
-und bettlen zu gehen hatte ich die Kr&auml;ften nicht. Indem ich
-mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich m&uuml;ste auf dem
-Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein
-geringes Gl&uuml;ck an, da&szlig; ich n&auml;mlich mit andern Kranken und
-Besch&auml;digten mehr in die Steirmark muste, alwo wir verlegt
-wurden, unsere Gesundheit wieder zu erholen. Das w&auml;hrete,
-bi&szlig; wir nach dem unversehenen Friedensschlu&szlig; zum theil unseren
-Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich
-auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder
-Heller noch Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem
-Leib behielte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht
-gar richtig, in Summa da war guter Rath theuer und bei
-mir Bettlen das beste Handwerk, das ich zu treiben getraute.
-Dasselbe schlug mir auch besser zu als der ungrische Krieg,
-dann ich fande ein faules Leben und s&uuml;&szlig;es Brod, bei welchem
-ich bald wieder meine vorige Kr&auml;fte eroberte, weil diejenige gern
-gaben, die bedachten, da&szlig; ich um Erhaltung der Christenheit
-Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Als ich nun meine Gesundheit wieder v&ouml;llig erhalten, kam
-mir drum nit in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu
-verlassen und mich ehrlich zu ern&auml;hren, sonder ich machte vielmehr
-mit allerhand Bettlern und Landst&ouml;rzern gute Bekant-
-und Cameradschaft, vornehmlich mit einem Blinden, der viel
-bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen eine einzige
-gerade<a id="FNanchor_479_479"></a><a href="#Footnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a> Tochter hatte, die auf der Leier spielte und nicht allein
-sich selbst damit ern&auml;hrte, sonder noch Geld zuruck legte und
-ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich
-alter Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen
-Profession ein Stab deines vorhandenen und nunmehr
-verwiesenen<a id="FNanchor_480_480"></a><a href="#Footnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a> Alters sein.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten
-zu einem Weib bekommen m&ouml;chte, &uuml;berkam ich eine Discantgeige
-ihr zu Gefallen und half ihr beides vor den Th&uuml;ren
-und auf den Jahrm&auml;rkten, Baurent&auml;nzen und Kirchweihen in
-ihre<a id="FNanchor_481_481"></a><a href="#Footnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a> Leir spielen, welches uns trefflich eintrug, und was wir
- <span class="pagenum"><a id="Seite_222">[S. 222]</a></span>
-so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen Vorthel.
-Die allerwei&szlig;este St&uuml;cklein Brod lie&szlig;e ich ihr zukommen,
-und was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen
-bekamen, lie&szlig;e ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bi&szlig;weilen
-bei ihnen etwas Warms schmarotzte, insonderheit wann
-ich etwan da oder dort einem Bauren eine Henn abgefangen,
-die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das ist beim allerbesten)
-zu s&auml;ubern, zu f&uuml;llen, zu spicken und entweder gesotten
-oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol
-der Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so vertr&auml;ulich
-mit mir, da&szlig; ich mein Vorhaben nicht l&auml;nger verbergen
-oder aufschieben konte, sonder um die Tochter anhielte,
-darauf ich dann auch das Jawort stracks bekam, doch mit dem
-ausdr&uuml;cklichen Geding und Vorbehalt, da&szlig; ich mich, so lang ich
-sein Tochter h&auml;tte, nirgendshin h&auml;uslich niederlassen noch den
-freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines
-ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterth&auml;nig zu
-machen nit verf&uuml;hren lassen solte; zweitens solte ich auch f&uuml;rderhin
-des Kriegs m&uuml;&szlig;ig stehen, und drittens mich jeweils auf
-des Blinden Ordre mit seiner Familia aus einem friedsamen
-guten Land in das ander begeben. Dahingegen versprach er
-mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten und zu f&uuml;hren,
-da&szlig; ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten, ob wir
-gleich bi&szlig;weilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen m&uuml;sten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da
-sich allerhand Landst&ouml;rzer von guten Bekanten beifanden, als
-Puppaper<a id="FNanchor_482_482"></a><a href="#Footnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a>, Seilt&auml;nzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher<a id="FNanchor_483_483"></a><a href="#Footnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a>,
-Scheerenschleifer, Spengler<a id="FNanchor_484_484"></a><a href="#Footnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a>, Leirerinnen, Meisterbettler,
-Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist.
-Ein einzige alte Scheuer war genug, beides Tafel und das
-Beilager darin zu halten, in deren wir auf t&uuml;rkisch auf der
-Erden herum sa&szlig;en und gleichwol auf alt teutsch herum soffen.
-Der Hochzeiter und seine Braut muste selbst in Stroh verlieb
-nehmen, weil ehrlichere G&auml;ste die Wirthsh&auml;user eingenommen
-hatten, und als er murren wolte, um da&szlig; sie ihre Jungfrauschaft
-nit zu ihm bracht, sagte sie: &rsaquo;Bistu so ein ellender Narr,
-da&szlig; du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol
- <span class="pagenum"><a id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Br&auml;uten
-nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist,
-so m&uuml;ste ich mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen,
-sonderlich weil dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt
-worden.&rsaquo;&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte
-zwar das Maul um etwas henken, aber sie sagte mir ausdr&uuml;cklich,
-wann ich sie di&szlig; Narrenwerks halber, das doch nur
-in einem eitelen Wahn best&uuml;nde, verachten wolte, so w&uuml;ste sie
-noch Kerl, die sie nicht verschm&auml;hen w&uuml;rden.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_475_475"></a><a href="#FNanchor_475_475"><span class="label">[475]</span></a> <em class="gesperrt">die Witz</em>, <span class="antiqua">fem.</span> wie im Mhd., der Verstand.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_476_476"></a><a href="#FNanchor_476_476"><span class="label">[476]</span></a> <em class="gesperrt">durch</em>, die Ausgaben
-haben als Druckfehler: &raquo;durch solche&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_477_477"></a><a href="#FNanchor_477_477"><span class="label">[477]</span></a> <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Oleum Bapolium</span></em>, <span class="antiqua">Oleum popoleum</span>,
-Pappel&ouml;l, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes
-Mittel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_478_478"></a><a href="#FNanchor_478_478"><span class="label">[478]</span></a> <em class="gesperrt">schmirben</em>, mhd. <span class="antiqua">smirwen</span>, schmieren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_479_479"></a><a href="#FNanchor_479_479"><span class="label">[479]</span></a> <em class="gesperrt">gerade</em>, gerade gewachsen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_480_480"></a><a href="#FNanchor_480_480"><span class="label">[480]</span></a> <em class="gesperrt">verwiesen</em>, wie im Mhd. <span class="antiqua">verwisen</span>,
-hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_481_481"></a><a href="#FNanchor_481_481"><span class="label">[481]</span></a> <em class="gesperrt">in ihre</em>, zu ihrer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_482_482"></a><a href="#FNanchor_482_482"><span class="label">[482]</span></a> <em class="gesperrt">Puppaper</em>, nieders&auml;chsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel
-treibt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_483_483"></a><a href="#FNanchor_483_483"><span class="label">[483]</span></a> <em class="gesperrt">Haftenmacher</em>, der Hefteln und Stecknadeln macht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_484_484"></a><a href="#FNanchor_484_484"><span class="label">[484]</span></a> <em class="gesperrt">Spengler</em>, G&uuml;rtler, Klempner.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_dreiundzwanzigste_Capitel">Das dreiundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Seines blinden Schw&auml;hers, der Schwiegermutter und seines Weibes
-wird Springinsfeld nacheinander wieder los.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige<a id="FNanchor_485_485"></a><a href="#Footnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a>
-Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch
-so verschmitzt, listig und freundlich, da&szlig; sie mir endlich
-dieselbe nach und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir
-ja so viel daran gelegen w&auml;re, so wolte sie mir gern verg&ouml;nnen,
-ja selbst die Anstalt darzu machen, da&szlig; mir anderw&auml;rts
-eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub zu theil
-werden m&uuml;ste; aber das junge Rabenaas &uuml;bertrieb<a id="FNanchor_486_486"></a><a href="#Footnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> und hielte
-mich so streng, da&szlig; ich anderer wol verga&szlig;. Und eben diese
-ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor
-mich zu kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt w&auml;re. Sie
-brachte es endlich auch dahin, da&szlig; ich beinahe der Knecht, sie
-und ihre Eltern aber die Herren &uuml;ber mich waren, unangesehen
-ich so viel mit meiner Geigen, dem Taschenspiel und anderer
-Kurzweil zuwegen brachte, da&szlig; ich ein fettes Maulfutter und
-faule T&auml;ge ohne sie h&auml;tte haben m&ouml;gen. Ueberdas plagte
-mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen
-Augen sehen muste, da&szlig; sie sich viel ausgelassener und
-geiler gegen den Kerlen heraus lie&szlig;e, als die Ehrbarkeit einer
- <span class="pagenum"><a id="Seite_224">[S. 224]</a></span>
-frommen Leirerin zulie&szlig;e. Da&szlig; ich aber solches alles erduldete
-und mich endlich ganz und gar drein ergeben konte, war
-die Ursach, da&szlig; ich meinem Alter nicht trauete, besorgende,
-dessen herannahende Gebrechlichkeit m&ouml;chte mich etwan in eine
-Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt verlassen
-sein w&uuml;rde, wann ich di&szlig; mein ehrlich Weib und ihre
-ehrbare Freundschaft vorn Kopf stie&szlig;e, welche gleichwol bei
-300 Reichsthalern, das ich nur wuste, in Geld beisammen
-hatten, solches auf dergleichen Nothfall anzuwenden. Ja, was
-mehr ist, ich lie&szlig;e endlich mein Weib als ein junges geiles
-Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit viel mehr
-m&ouml;chte, und machte mir hingegen die faule T&auml;g mit Essen
-und Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben<a id="FNanchor_487_487"></a><a href="#Footnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a>,
-darin wir gar vertr&auml;ulich mit einander zu hausen
-anfiengen, da&szlig; ich zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Indessen haben wir Unter- und Ober&ouml;sterreich, das L&auml;ndlin
-der Ens, das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil
-von Baiern durchstrichen, alwo mir mein Schw&auml;hervatter an
-einem Schlagflu&szlig; erstickt. Die Mutter folgt ihm hernach und
-lie&szlig;e uns f&uuml;nf ellende Kr&uuml;ppel zu versorgen. Der &auml;lteste Sohn
-wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein suchen;
-das lie&szlig;en ich und mein Weib gern geschehen. Zu den &uuml;brigen
-vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es
-waren aber nur starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen,
-das Almosen mit ihrer Armseligkeit einzutreiben. Wir lie&szlig;en
-sie ihnen auch gern folgen, weil wir bedacht waren, unser
-Nahrung nicht mehr unter dem Schein ellender Bettler, sonder
-durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches reputierlicher zu
-sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, auch besser
-zuschlug.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Derowegen lie&szlig;e ich mich und sie ein wenig besser kleiden,
-n&auml;mlich auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt;
-auch bekam ich zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit
-ich hin und wieder den Bauren ums Geld ein angenehme
-Kurzweil machte, dann wir fiengen an und zohen nur den
-Jahrm&auml;rkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld nach
-und nach ziemlich vermehrte. Wir sa&szlig;en einsmals bei einander
- <span class="pagenum"><a id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-im Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vor&uuml;berflie&szlig;enden
-Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen
-und zu trinken, was wir mit uns trugen. Da machten wir
-Anschl&auml;g, wie wir auch einen Puppaperkram mit einem Gl&uuml;ckhafen,
-Trillstern<a id="FNanchor_488_488"></a><a href="#Footnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a>, W&uuml;rfel- und Riemenspiel<a id="FNanchor_489_489"></a><a href="#Footnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> aufrichten wolten,
-um unsern Gewinn damit zu vermehren, dann wir hielten
-darvor, wann eins nit abgieng<a id="FNanchor_490_490"></a><a href="#Footnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a>, so gieng doch das ander.
-Unter solchem Gespr&auml;ch sahe ich an dem Schatten oder Gegenschein
-eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel<a id="FNanchor_491_491"></a><a href="#Footnote_491_491" class="fnanchor">[491]</a> liegen,
-das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte.
-Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches
-betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert
-sie auf den Baum und holet herunter, was wir im Wasser
-gesehen hatten. Ich sahe ihr gar eben zu und wurde gewahr,
-da&szlig; sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding,
-dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in die Hand genommen
-hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, wie
-sie n&auml;mlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines
-Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter
-genommen hatte. Ich fragte sie, was sie f&uuml;r ein Vogelnest
-h&auml;tte. Sie hingegen fragte mich, ob ich sie dann sehe. Ich
-antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich selbst nicht, aber wol
-deine Gestalt im Wasser.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu
-sehen, was ich habe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es kam mir gar verwunderlich vor, da&szlig; ich mein Weib
-solte reden h&ouml;ren, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer
-wars, da&szlig; ich ihren Schatten an der Sonnen wandlen sahe
-und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den
-Schatten n&auml;herte, so da&szlig; sie selbst keinen Schatten mehr warf,
-weil sie sich nunmehr au&szlig;erhalb dem Sonnenschein im Schatten
-befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, au&szlig;er da&szlig;
-ich ein kleines Ger&auml;usch vernahm, das sie beides mit ihren
-Fu&szlig;tritten und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam,
-als wann ein Gespenst um mich herummer gewesen w&auml;re.
-Sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_226">[S. 226]</a></span>
-Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie wiederum, hingegen
-aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit
-einander und befanden jedesmal, da&szlig; dasjenige, so das Nest
-in H&auml;nden hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das
-Nestlein in ein Nast&uuml;chel, damit der Stein oder das Kraut
-oder Wurzel, welches sich im Nest befande und solche W&uuml;rkung
-an sich hatt, nicht heraus fallen solte und etwan verloren
-w&uuml;rde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir
-einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen.
-Das Nestnast&uuml;chel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen
-Ort wol f&uuml;hlen, wohin sie es gelegt hatte.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich muste mich &uuml;ber diese Sach, wie leicht zu gedenken,
-nicht wenig verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen
-nichts gesehen noch geh&ouml;ret. Hingegen erz&auml;hlte mir
-mein Weib, ihre Eltern h&auml;tten vielmal von einem Kerl gesagt,
-der ein solches Nest gehabt und sich durch dessen Kraft und
-W&uuml;rkung ganz reich gemacht h&auml;tte; er w&auml;re n&auml;mlich an Ort
-und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das
-h&auml;tte er unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch
-einen gro&szlig;en Schatz gesamlet; wann ich derowegen wolte, so
-k&ouml;nte ich durch di&szlig; Kleinod unserer Armuth auch zu H&uuml;lf
-kommen. Ich antwortet: Di&szlig; Ding ist mislich und gef&auml;hrlich,
-und m&ouml;chte sich leicht schicken, da&szlig; sich irgends einer f&auml;nde,
-der mehr als andere Leut sehen k&ouml;nte, durch welchen alsdann
-einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt
-werden m&ouml;chte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben
-und allererst in meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen
-legen wolte, so wolte ich ehender das Nest verbrennen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sobald ich di&szlig; gesagt und mein Weib solches geh&ouml;ret
-hatte, erwischte sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte:
-Du albere alte Hundsfutt, du bist weder meiner noch dieses
-Kleinods werth, und es w&auml;re auch immer schad, wann du
-anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben zubringen
-soltest. Gedenke nur nicht, da&szlig; du mich die Tage deines
-Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir di&szlig; Nest eintragen
-wird, genie&szlig;en sollest.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte
-sich doch in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme gen&uuml;gen
-lassen, was wir t&auml;glich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen
-Leuten erhielten, dabei wir gleichwol keinen Hunger
- <span class="pagenum"><a id="Seite_227">[S. 227]</a></span>
-leiden d&ouml;rften. Sie antwortet: Ja, ja, du alter Hosenschei&szlig;er,
-gehei dich<a id="FNanchor_492_492"></a><a href="#Footnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a> nur hin, und br&uuml;he<a id="FNanchor_493_493"></a><a href="#Footnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a>
-deine Mutter! &amp;c.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_485_485"></a><a href="#FNanchor_485_485"><span class="label">[485]</span></a> <em class="gesperrt">grandig</em>, heftig, au&szlig;erordentlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_486_486"></a><a href="#FNanchor_486_486"><span class="label">[486]</span></a> <em class="gesperrt">&uuml;bertreiben</em>, &uuml;berm&auml;&szlig;ig in Anspruch nehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_487_487"></a><a href="#FNanchor_487_487"><span class="label">[487]</span></a> <em class="gesperrt">Spenglerleben</em>, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften
-Spengler f&uuml;hren. Vgl. Spengler, schw&auml;bisch, soviel wie tr&auml;ges G&auml;hnen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_488_488"></a><a href="#FNanchor_488_488"><span class="label">[488]</span></a> <em class="gesperrt">Trillstern</em>, Drehscheibe, eine Art Roulette.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_489_489"></a><a href="#FNanchor_489_489"><span class="label">[489]</span></a> <em class="gesperrt">Riemenspiel</em>, <em class="gesperrt">Riemenstechen</em>, ein derartig k&uuml;nstlich zusammengerollter Riemen, da&szlig; jemand,
-der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_490_490"></a><a href="#FNanchor_490_490"><span class="label">[490]</span></a> <em class="gesperrt">abgehen</em>, einschlagen, gelingen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_491_491"></a><a href="#FNanchor_491_491"><span class="label">[491]</span></a> <em class="gesperrt">Zwickgabel</em>, gabelf&ouml;rmiger Zweig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_492_492"></a><a href="#FNanchor_492_492"><span class="label">[492]</span></a> <em class="gesperrt">sich geheien</em>, sich qu&auml;len, sich abm&uuml;hen, dann auch in der Bedeutung:
-sich packen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_493_493"></a><a href="#FNanchor_493_493"><span class="label">[493]</span></a> <em class="gesperrt">br&uuml;hen</em>, necken, foppen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_vierundzwanzigste_Capitel">Das vierundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen
-angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber
-wieder ein Soldat gegen dem T&uuml;rken wird.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr h&ouml;ren
-noch sehen konte, schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren
-B&uuml;ndl oder Pack auch mitnehmen, welchen sie bei mir liegen
-lassen; dann ich wuste wol, da&szlig; sie kein Geld darinnen, sonder
-unser Baarschaft in ihrer Brust vern&auml;het hatte. Demnach
-gieng ich den n&auml;chsten Weg gegen der Hauptstadt desselbigen
-Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich<a id="FNanchor_494_494"></a><a href="#Footnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a> t&ouml;net, so gieng ich
-doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen
-Schalmei und Geigen darin zu suchen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche
-mich dingten, da&szlig; ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen
-kurzweilig und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf
-machen solte. Sie gaben mir neben Essen und Trinken
-alle Tag einen halben Reichsthaler, und da sie sahen, da&szlig; ich
-ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut oder einige andere
-Lockv&ouml;gel, die sie auf ihren Herd h&auml;tten w&uuml;nschen m&ouml;gen,
-andere zu fangen, &uuml;berredeten sie mich, da&szlig; ich Geld nahm
-und mich stellete, als wann ich mich auch h&auml;tte unterhalten
-lassen. Und dieses machte, da&szlig; ich ihrer noch viel, die sonst
-nicht angangen w&auml;ren, durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste
-verstrickte. Unser Thun und Lassen war nichts anders
-als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen und sich sonst
-lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man
-Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in
-Candia wie dem Hund das Gras, der wol b&uuml;&szlig;et, was er gefressen.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten
-stund, das sch&ouml;ne Bild auf der S&auml;ulen<a id="FNanchor_495_495"></a><a href="#Footnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> allda betrachtete und
-sonsthin nirgends gedachte, wurde ich gewahr, da&szlig; mir etwas
-Schweres in Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel
-machte, da&szlig; ich daraus wol h&ouml;ren konte, da&szlig; es Reichsthaler
-waren. Da ich nun die Hand in Sack steckte und ein Handvoll
-Thaler griffe, h&ouml;ret ich zugleich meines Weibs Stimm,
-die sagte zu mir: Du alter Hosenschei&szlig;er, was verwunderst du
-dich &uuml;ber di&szlig; paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du
-wissest, da&szlig; ich deren noch mehr habe, auf da&szlig; du dich zu
-gr&auml;men Ursach habest, um willen du dich meines Gl&uuml;cks nicht
-theilhaftig gemacht. Vor di&szlig;mal gehe hin und versaufe diese,
-auf da&szlig; du deines Ellends ein wenig vergessen m&ouml;gest!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen
-Fehler vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen
-ihr verhalten und die Vers&ouml;hnung wieder erlangen solte; aber
-sie lie&szlig;e sich gegen mir ferners weder h&ouml;ren noch sehen. Derowegen
-gieng ich in meine Herberg und zechte beides mit den
-Werbern und ihren Neugeworbenen im Brantwein bi&szlig; in den
-Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem Wirth
-Zeitung bekamen, da&szlig; einem reichen Herrn in der Stadt viel
-Gold und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden
-w&auml;ren, darunter sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte
-Ducaten eines Schlags befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig,
-nahm ein Abtrittel aufs Secret, als h&auml;tte ich sonst
-was thun wollen, beschaute aber nur meine Thaler, deren 30
-waren, und sahe ihnen an, da&szlig; mein ehelichs Weib obbemeldten
-reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich
-keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch
-in Argwohn, Gefahr und Noth br&auml;chte. Aber was that mein
-Weib, das junge Rabenaas? Sie hat nicht nur mir, sonder
-bei hundert Personen unterschiedlichen Stands von ihren gestohlenen
-Thalern hin und wieder dem einen drei, dem andern
-vier, f&uuml;nf, sechs, auch mehr in die S&auml;cke gesteckt. Was nun
-reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem
-rechten Herrn wieder; was aber arm, gewissenlos und meines
-gleichen gewesen, hat ohne Zweifel sowol als ich behalten, was
- <span class="pagenum"><a id="Seite_229">[S. 229]</a></span>
-es in seinem Sack gefunden. Und ich kan nit ersinnen, warum
-sie di&szlig; gethan haben mu&szlig;, es habe sich dann diese Vettel mit
-so schwerem Geld nicht schleppen m&ouml;gen. Doch kan auch wol
-sein, da&szlig; sie solches per Spa&szlig; gethan, um etwas anzustellen,
-dar&uuml;ber sich die Leute zu verwundern h&auml;tten; dann als es
-gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve<a id="FNanchor_496_496"></a><a href="#Footnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> gieng und
-hin und wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert
-derselbigen Thaler von oben herunter geworfen, von den Leuten
-aufgelesen und mehrentheils ihrem Herrn zugestellt worden.
-Dieses verursachte, da&szlig; des Herrn unschuldig Gesind, welches
-Diebstahls halber im Verdacht und deswegen bef&auml;ngnu&szlig;t war,
-wiederum auf freien Fu&szlig; gestellt wurde; und hoffte der bestohlene
-Herr, seine doppelte Ducaten w&uuml;rden auch wie die
-Thaler wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das
-holde Gold ist viel schwerer als das Silber, und Sol<a id="FNanchor_497_497"></a><a href="#Footnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> ist nicht
-so beweglich oder leichtver&auml;nderlich wie Luna.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Den andern Tag wurde bei einem gro&szlig;en Herrn ein
-stattlich Banquet gehalten, darbei sich viel andere gro&szlig;e Herren
-und ansehenlich Frauenzimmer befanden. Diese sa&szlig;en alle in
-einem sch&ouml;nen gro&szlig;en Saal und hatten die vier beste Spielleut
-in der ganzen Stadt bei sich. Da es nun bei dem Confect
-auch an einen Tanz gehen solte, lie&szlig;e sich unversehens bei den
-Spielleuten auch eine Leir h&ouml;ren, mit gro&szlig;em Schrecken aller
-deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, waren
-die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zun&auml;chst bei ihnen
-geh&ouml;ret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die
-&uuml;brige mit gro&szlig;er Forcht, und ihr Gedr&auml;ng wurde desto heftiger,
-weil sie in dem Winkel, darin die Spielleute gesessen,
-ein g&auml;hlings Gel&auml;chter noch mehrers erschreckte, also da&szlig; wenig
-gefehlet, da&szlig; nicht etliche unter der Th&uuml;ren erdruckt w&auml;ren
-worden. Nachdem nun jederm&auml;nniglich den Saal erz&auml;hlterma&szlig;en
-geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Th&uuml;r stehen zu
-bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten,
-wie bi&szlig;weilen ein paar Sessel, bi&szlig;weilen ein paar silberner
-Tischbecher, Platten und ander Geschirr mit einander herum
-tanzten; und obgleich di&szlig; Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm,
-so hatte jedoch noch lang niemand das Herz, in den Saal zu
-gehen, unangesehen man Geistliche und Soldaten geholet, das
- <span class="pagenum"><a id="Seite_230">[S. 230]</a></span>
-Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen abzutreiben;
-den Morgen fr&uuml;he aber, als man wieder in den Saal kam,
-und nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von
-Silbergeschirr nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel
-damit &uuml;berstellet war, st&auml;rkte diese Begebenheit den Wahn des
-gemeinen unbesonnenen P&ouml;fels dergestalten, da&szlig; diejenige lucke<a id="FNanchor_498_498"></a><a href="#Footnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a>
-Kl&uuml;gling, die gestern wegen der seltzamen Geschicht mit dem
-gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so mu&szlig; der Hagel
-in die gr&ouml;&szlig;te H&auml;ufen schlagen, damit das Geld auch wieder
-unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten,
-zu l&auml;stern und zu sagen: Also mu&szlig; der Teufel einen Spielmann
-abgeben, wo man der Armen Schwei&szlig; verschwendet.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Noch eins mu&szlig; ich erz&auml;hlen, das meine andere und viel
-&auml;rgere Courage als die erste Unholde meines Darvorhaltens
-aus lauter Rach angestellt. Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin
-auf einem gro&szlig;en und reichen Stift zu Gefallen ihre Leir gestimmt,
-um derselben ein Liedlein, und zwar ein geistlichs, aufzuspielen,
-der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen
-Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt da&szlig; diese
-h&ouml;ren und ihre milde Hand aufthun solte, th&auml;t sie etwas zu
-streng und scharf den Mund auf und lie&szlig;e hingegen mein
-guts Weibchen eine Predigt h&ouml;ren, die ihr eben so verdr&uuml;&szlig;lich
-als unverdaulich fiele; dann sie war eines solchen Inhalts,
-damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu erschrecken
-und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen
-pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und
-ihr etwan eingebildet haben, sie h&auml;tte irgends eine Laienschwester
-zu capiteln vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es<a id="FNanchor_499_499"></a><a href="#Footnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a>,
-eine Schlang oder wol gar einen halben Teufel, deren Zung
-ich &ouml;fters sch&auml;rpfer als ein zweischneidig Schwerd befunden
-habe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine
-Hur an? antwortet sie ihr; ihr m&uuml;st wissen, da&szlig; ich meinen
-ehrlichen Mann habe, und da&szlig; wir nicht all Nonnen oder
-reich sein oder unser Brod bei guten faulen T&auml;gen essen k&ouml;nnen
-Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm darum,
-und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so la&szlig;t
-mich im &uuml;brigen auch ungestiegelfritzt!<a id="FNanchor_500_500"></a><a href="#Footnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> Wer wei&szlig;, wann vielleicht
- <span class="pagenum"><a id="Seite_231">[S. 231]</a></span>
-nicht so viel Almosen gegeben worden w&auml;ren, ob nicht
-mehr Leirerinn als Nonnen gefunden w&uuml;rden &amp;c.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon.
-Jetzunder aber hatte man auf dem Land und in der
-Stadt von sonst nichts zu sagen als von der Abtissin und
-einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts unaufh&ouml;rlich plage,
-welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, das
-sie ihr that, war, da&szlig; sie ihr die Ring des Nachts von den
-Fingern und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches
-in die Pfisterei<a id="FNanchor_501_501"></a><a href="#Footnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a> trug. Dem Becken<a id="FNanchor_502_502"></a><a href="#Footnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> steckte sie die Ring an
-seinen Finger und legte der gn&auml;digen Frauen Habit zu dessen
-F&uuml;&szlig;en, ohne da&szlig; sie dieselbe Nacht jemand geh&ouml;ret oder gemerkt
-h&auml;tte. Und solches hat sie ohn Zweifel durch den Hauptschl&uuml;ssel
-zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, weil er
-ungef&auml;hr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch
-gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht
-zugewachsen, kan man leicht erachten. Man redete noch von
-vielen Sachen, damit sich das Gespenst mit der Abtissin vexirt,
-worwider weder Weihwasser, Agnus Dei<a id="FNanchor_503_503"></a><a href="#Footnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> noch andere Sachen
-nichts helfen wolten, darvon man aber die Wahrheit au&szlig;erhalb
-dem Kloster nicht wol erfahren konte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft
-zusammen gebracht, und indem ich vermeinte, ich d&ouml;rfte
-zuruck bleiben, sihe, da befand sich der Betrieger selbst betrogen,
-und muste der gute Springinsfeld eben sowol als die andere
-um die Candische Gruben springen, die er andern durch sein
-Zusprechen gegraben hatte, doch da&szlig; ich die Stell eines Corporals
-zu Fu&szlig; bedienen solte.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_494_494"></a><a href="#FNanchor_494_494"><span class="label">[494]</span></a> <em class="gesperrt">fast geistlich</em>: M&uuml;nchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_495_495"></a><a href="#FNanchor_495_495"><span class="label">[495]</span></a> <em class="gesperrt">Das Bild auf der S&auml;ulen</em>, die Marianische S&auml;ule auf dem
-Schrannenplatz, von Kurf&uuml;rst Maximilian <span class="antiqua">I.</span> zum Ged&auml;chtni&szlig; der Prager Schlacht
-1638 errichtet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_496_496"></a><a href="#FNanchor_496_496"><span class="label">[496]</span></a> <em class="gesperrt">Salve</em> (<span class="antiqua">regina</span>), Gesang am Schlu&szlig; des Abendgottesdienstes.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_497_497"></a><a href="#FNanchor_497_497"><span class="label">[497]</span></a> <em class="gesperrt">Sol</em>,
-die Sonne, <em class="gesperrt">Luna</em>, der Mond, als Zeichen der edeln Metalle.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_498_498"></a><a href="#FNanchor_498_498"><span class="label">[498]</span></a> <em class="gesperrt">luck</em>, <em class="gesperrt">lucker</em>, locker.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_499_499"></a><a href="#FNanchor_499_499"><span class="label">[499]</span></a> <em class="gesperrt">Daus-Es.</em> Siehe oben S. 24.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_500_500"></a><a href="#FNanchor_500_500"><span class="label">[500]</span></a> <em class="gesperrt">ungestiegelfritzt</em>, wie ungestriegelt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_501_501"></a><a href="#FNanchor_501_501"><span class="label">[501]</span></a> <em class="gesperrt">Pfisterei</em>, Klosterb&auml;ckerei (<span class="antiqua">pistorium</span>).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_502_502"></a><a href="#FNanchor_502_502"><span class="label">[502]</span></a> <em class="gesperrt">Beck</em>, B&auml;cker.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_503_503"></a><a href="#FNanchor_503_503"><span class="label">[503]</span></a> <em class="gesperrt">Agnus
-Dei</em>, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem das Lamm mit der Siegesfahne
-aufgedr&uuml;ckt ist, von einem Papste geweiht und deshalb nat&uuml;rlich wunderth&auml;tig.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_funfundzwanzigste_Capitel">Das f&uuml;nfundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder
-in Teutschland kam.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten
-und dannoch zu Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten,
- <span class="pagenum"><a id="Seite_232">[S. 232]</a></span>
-unsern Weg &uuml;ber den Zirlberg<a id="FNanchor_504_504"></a><a href="#Footnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> auf Inspruck, folgends
-&uuml;ber den Brenner auf Trient und dann ferners nach Treviso,
-alwo wir alle ganz neu gekleidet und von dannen vollends nach
-Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem wir ein paar
-Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia gef&uuml;hrt
-wurden; in welchem ellendem Anblick<a id="FNanchor_505_505"></a><a href="#Footnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a> wir auch gl&uuml;cklich anlangten.
-Man lie&szlig;e uns nicht lang feiren oder viel Schimmel
-unter den F&uuml;&szlig;en wachsen, dann gleich den andern Tag fielen
-wir aus und wiesen, was wir konten oder vermochten, unseren
-armseligen Steinhaufen besch&uuml;tzen zu helfen. Und dasselbe erste
-mal gl&uuml;ckte es mir selbsten so wol, da&szlig; ich drei T&uuml;rken mit
-meiner halben Pique spie&szlig;te, welches mich so leicht und gering
-ankame, da&szlig; ich mir noch bis auf diese Stund einbilden mu&szlig;,
-die armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute
-zu machen, war ferne von mir, weil wir sich gleich wieder
-heim retiriren musten. Den andern Tag gieng es noch toller
-her, und ich brachte auch zween M&auml;nner mehr als den vorigen
-um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht glaubte,
-da&szlig; sie alle f&uuml;nfe ein einzige Ducat verm&ouml;cht haben; dann
-mich dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es
-oft bei uns auch geben hat, die n&auml;mlich mit Darsetzung ihres
-Lebens die, so Thaler hatten, besch&uuml;tzen, bewachen und noch
-darzu mit ihren arbeitsamen H&auml;nden und ritterlichen F&auml;usten
-die Ehr der erhaltenen Ueberwindung erobern und ihnen noch
-dr&uuml;berhin beides die Ehr, die Beut und die Belohnung darvon
-&uuml;berlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg oder
-Beglerbeg<a id="FNanchor_506_506"></a><a href="#Footnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a>, viel weniger gar ein Bassa<a id="FNanchor_507_507"></a><a href="#Footnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> unter denjenigen zu
-sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu
-setzen. Doch mag wol sein, da&szlig; der Antreiber hinter den
-Troupen von solchem Stoff mehr gewesen seien als der Anf&uuml;hrer
-vornen an der Spitzen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte,
-da&szlig; ich mitten in Candia der Schweden erkantliche<a id="FNanchor_508_508"></a><a href="#Footnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a>
-Manier loben muste, die ihre ohnedle<a id="FNanchor_509_509"></a><a href="#Footnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a> Soldaten, sie w&auml;ren
-gleich fremder oder heimischer Nation gewesen, h&ouml;cher als ihre
-edle und doch ohnkriegbare Landsleut &auml;stimirt; wannenhero sie
- <span class="pagenum"><a id="Seite_233">[S. 233]</a></span>
-dann auch so gro&szlig;es Gl&uuml;ck gehabt haben. Doch lie&szlig;e ich mich
-ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen, was
-einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden
-wie ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich
-mich, auch die K&uuml;nste der Maulw&uuml;rfe zu &uuml;bertreffen, und erwarbe
-doch nichts anders darmit als bi&szlig;weilen eine geringe
-Verehrung. Und als kaum der zehende Mann von denen
-mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen waren, wurde
-der ellende Springinsfeld &uuml;ber den noch ellenderen Rest seiner
-kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als
-wann sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder
-in die vorige Kr&auml;fte und Courage h&auml;tte gesetzt werden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen.
-Ich half die noch wenig &uuml;brige Ro&szlig; fressen und
-verrichtet hingegen selbst gr&ouml;&szlig;ere als Ro&szlig;arbeit. Indem mich
-nun in solchem Zustand kein feindlicher Musquetenschu&szlig; f&auml;llen
-oder ein t&uuml;rkischer S&auml;bel verwunden konte, sihe, so schlug mir
-ein Stein aus einer springenden Minen so unbarmherzig an
-meinen einen Fu&szlig;, da&szlig; mir das Gebein in den Waden wie
-S&auml;gmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel
-alsobalden bi&szlig; &uuml;ber das Knie hinweg nehmen muste. Aber
-di&szlig; Ungl&uuml;ck kam nicht allein, dann als ich dort lag als ein
-soldatischer Patient, mich an meinem Schaden curirn zu lassen,
-bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem gro&szlig;en Hauptwehe,
-warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln<a id="FNanchor_510_510"></a><a href="#Footnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a>, als
-mein Liegerstatt mit Unlust<a id="FNanchor_511_511"></a><a href="#Footnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> erf&uuml;llt wurde.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nichts ges&uuml;nder war mir damals, als da&szlig; mir Hoch und
-Nieder Zeugnus gab, ich w&auml;re ein Ausbund von einem guten
-Soldaten gewesen; dann auf solches Lob wurden auch andere
-Medicamenten nicht gesparet, wiewol die Venetianer ihre Soldaten
-so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen, wann sie
-solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse<a id="FNanchor_512_512"></a><a href="#Footnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> auch anderer ehrlicher
-Kerl, die noch lebten und das Ihrig th&auml;ten, damit sie
-kein Exempel h&auml;tten, das sie tr&auml;g und verdrossen machen m&ouml;chte.
-Als nun solche auch so d&uuml;nn wurden, da&szlig; wir auf die Letzte
-kaum einen oder zween, die ihr v&ouml;llige Gesundheit entweder
-bi&szlig;hero erhalten oder doch wieder erholet hatten, auf die Posten
-thun konten, sihe, da wurde es unversehens Friede, als wir
- <span class="pagenum"><a id="Seite_234">[S. 234]</a></span>
-beinahe in letzten Z&uuml;gen lagen. Nach unserer Abf&uuml;hrung, und
-nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer ausgestanden,
-langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von uns
-und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten
-mit Lorberkr&auml;nzen bekr&ouml;net und mit Gold &uuml;bersch&uuml;ttet zu werden,
-wurden in das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich
-behelfen muste, bi&szlig; ich gleichwol wieder heil wurde und auf
-meinem h&ouml;lzernen Bein herummer stelzen konte.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas
-wenigs an Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann
-ich den redlichen Holl&auml;ndern in Ostindia gedient gehabt h&auml;tte.
-Hingegen wurde mir zugelassen, da&szlig; ich von ehrlichen Leuten
-eine Steuer zur Wegzehrung bettlen dorfte, und dergestalt completiret
-ich die Zahl meiner Ducaten, die ich noch habe, weil
-mir mancher Signor und manche and&auml;chtige Matron vor den
-Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen
-Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne
-das, sintemal wir fast alle, was &uuml;brig verblieben von uns,
-unsere Haar verloren hatten, sehr mager und ausgehungert
-und so schwarz aussahen wie die allerschw&auml;rzste Zigeuner.
-Weilen mir dann nun das Bettlen so wol zuschlug, trieb ichs
-fort, bi&szlig; ich von Venedig wieder in Teutschland ankam, der
-Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit zu
-freuen<a id="FNanchor_513_513"></a><a href="#Footnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a>, da&szlig; ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen
-guten Werkzeug darzu, n&auml;mlich meinen Stelzfu&szlig; mitbr&auml;chte;
-dann ich gedachte: di&szlig; Ding kan ihr nicht &uuml;bel gefallen, weil
-sie selbst aus dem vornehmlichsten Stammen der Erzbettler
-entsprossen.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_504_504"></a><a href="#FNanchor_504_504"><span class="label">[504]</span></a> <em class="gesperrt">Zirlberg</em>, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_505_505"></a><a href="#FNanchor_505_505"><span class="label">[505]</span></a> der <em class="gesperrt">ellende Anblick</em>, bezieht sich auf den &raquo;armseligen Steinhaufen&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_506_506"></a><a href="#FNanchor_506_506"><span class="label">[506]</span></a> <em class="gesperrt">Beg</em>, <em class="gesperrt">Bei</em>, Herr, Titel h&ouml;herer Beamten und vornehmer Fremden; <em class="gesperrt">Beglerbeg</em>,
-<em class="gesperrt">Beilerbei</em>, Titel der Statthalter, welche sich drei Ro&szlig;schweife vortragen
-lassen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_507_507"></a><a href="#FNanchor_507_507"><span class="label">[507]</span></a> <em class="gesperrt">Bassa</em>, Pascha.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_508_508"></a><a href="#FNanchor_508_508"><span class="label">[508]</span></a> <em class="gesperrt">erkantlich</em>, erkenntlich, dankbar f&uuml;r geleistete
-Dienste.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_509_509"></a><a href="#FNanchor_509_509"><span class="label">[509]</span></a> <em class="gesperrt">ohnedel</em>, unadelich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_510_510"></a><a href="#FNanchor_510_510"><span class="label">[510]</span></a> <em class="gesperrt">Fabeln</em>, Fieberphantasien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_511_511"></a><a href="#FNanchor_511_511"><span class="label">[511]</span></a> <em class="gesperrt">Unlust</em>, Schmuz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_512_512"></a><a href="#FNanchor_512_512"><span class="label">[512]</span></a> <em class="gesperrt">genie&szlig;en</em>, <span class="antiqua">cum genet. pers.</span>, von jemand H&uuml;lfe erhalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_513_513"></a><a href="#FNanchor_513_513"><span class="label">[513]</span></a> <em class="gesperrt">freuen</em>, <span class="antiqua">trans.</span> wie im Mhd., erfreuen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<h2 id="II_Das_sechsundzwanzigste_Capitel">Das sechsundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich
-ihren Lohn bekommen habe.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender
-wieder antreffen m&ouml;chte, so gesellete ich mich zu allerhand
-St&ouml;rern<a id="FNanchor_514_514"></a><a href="#Footnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a>, Landl&auml;ufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung
- <span class="pagenum"><a id="Seite_235">[S. 235]</a></span>
-sie die meiste Zeit ihres Lebens zugebracht. Bei denselben
-fragte ich flei&szlig;ig nach, konte aber weder Stumpf noch Stiel
-von ihr erfahren. Endlich kam ich auch in diejenige Stadt,
-darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische Kriegsdienste
-kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen und
-erz&auml;hlte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann
-als ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann
-gar and&auml;chtig zuh&ouml;rete. Und als ich hingegen auch fragte,
-was sich seithero meiner Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen,
-kam er unter andern auch auf das Gespenst, das hiebevor die
-Abtisse so visierlich<a id="FNanchor_515_515"></a><a href="#Footnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> geplagt und vexirt, welches aber nunmehr
-wieder allerdings aufgeh&ouml;rt h&auml;tte, also da&szlig; man darvor halte,
-dasselbe Gespenst sei eben dasjenige wunderbarliche Weibsbilde
-gewesen, deren K&ouml;rper neulich ohnweit von hinnen verbrant
-worden w&auml;re. Weilen dann nun di&szlig; eben dasjenig war, was
-ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren,
-sonder bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer<a id="FNanchor_516_516"></a><a href="#Footnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a> erz&auml;hlen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte:
-Eben damals, als die Abtissin von dem Gespenst so gequ&auml;lt
-und allerdings in einen Argwohn gebracht wurde, als buhle
-sie mit ihrem Pistor<a id="FNanchor_517_517"></a><a href="#Footnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a>, trugen sich andere dergleichen Possen
-mehr beides hier in der Stadt und auf dem Lande zu, also
-da&szlig; theils Leute vermeinten, es w&auml;re dem Teufel selbst verh&auml;ngt<a id="FNanchor_518_518"></a><a href="#Footnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a>
-worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen die
-Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier,
-dem dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar
-etlichen die Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen
-man hernach doch anderw&auml;rts in andern H&auml;usern und auch
-bei andern Personen ohne ihr Wissen, da&szlig; sie es hatten, wieder
-mehrentheils gefunden, woraus jeder Verst&auml;ndiger leicht
-schlosse, da&szlig; der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen w&auml;re.
-Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, da&szlig;
-einer der andern Person n&auml;chtlicher Zeit die Kleider hinweg
-genommen und andere darvor hingelegt worden, ohne da&szlig; man
-wissen konte, wie solches zugangen und beschehen w&auml;re. Es
-hielte ohnl&auml;ngst hernach ein Freiherr nicht weit von hinnen
- <span class="pagenum"><a id="Seite_236">[S. 236]</a></span>
-Beilager, warbei es wo nit f&uuml;rstlich, jedoch gr&auml;flich hergieng;
-bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr herrlicher
-Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt hatte,
-samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein
-schlecht Weiberkleid voller L&auml;use, wie es die Soldatenweiber zu
-tragen pflegen, darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein
-Zeichen hielten einer k&uuml;nftigen ungl&uuml;ckseligen Ehe. Aber
-diese Wahrsager gaben damit nur ihre Unwissenheit zu erkennen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Den n&auml;chst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein
-Beckenknecht auf einen Sonntag in einen etwan drei Meil von
-hier entlegenen Wald, des Willens, Vogelnester zu suchen und
-junge V&ouml;gel auszunehmen; dieser war beides von Angesicht
-und Leibsproportion ein sch&ouml;ner ansehnlicher J&uuml;ngling und
-darneben fromm und gottsf&ouml;rchtig. Wie er nun an einem
-W&auml;sserlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete,
-wurde er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen
-Wasser badet. Er vermeinte, es w&auml;re irgends eine Dirn aus
-dem Flecken, darin er damals dienete; derowegen lie&szlig;e er sich
-durch den F&uuml;rwitz bereden, da&szlig; er sich niedersetzte; zu verharren,
-bi&szlig; sie sich anlegte, damit er sie an den Kleidern kennen und
-alsdann etwas an ihr, um da&szlig; er sie nackend gesehen, zu
-vexieren haben m&ouml;chte. Es gieng wie er gedachte, aber doch
-etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser
-gestiegen, legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern
-St&uuml;ck<a id="FNanchor_519_519"></a><a href="#Footnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich
-nieder, k&auml;mpelt und z&ouml;pfte ihre Haar, legte k&ouml;stliche Perlein
-und andere Kleinodien um den Hals und zierte ihren Kopf
-dergestalt mit dergleichen Geschmuck, da&szlig; sie einer F&uuml;rstin gleichsahe.
-Der gute Beckenknecht hatte ihr bi&szlig;hero mit Forcht und
-Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor ihrer ansehenlichen
-Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich stellen,
-als wann er sie gar nicht gesehen h&auml;tte. Weil er aber gar
-zu nahe bei ihr war, also da&szlig; sie ihn sehen muste, schrie sie
-ihm zu und sagte: H&ouml;ret, junger Gesell, seid ihr dann so
-grob und unh&ouml;flich, da&szlig; ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen
-dorft?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte:
-Gn&auml;digs Fr&auml;ulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, da&szlig; ein
- <span class="pagenum"><a id="Seite_237">[S. 237]</a></span>
-unadelicher Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen
-Frauenzimmer n&auml;here.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das m&uuml;&szlig;t ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es
-ist ja ein Mensch des andern werth, und &uuml;berdas hab ich schon
-etlich hundert Jahr allhier auf euch gewartet. Sintemal es
-dann nun Gott einmal geschickt hat, da&szlig; wir diese lang gew&uuml;nschte
-Stund erlebt haben, so bitt ich euch um Gottes
-willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen, was
-ich mit euch zu reden habe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es
-w&auml;re ein teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk
-verf&uuml;hrt werden solt. Als er sie aber Gott nennen h&ouml;rete,
-setzte er sich ohne Scheu zu ihr nieder; sie aber fieng folgender
-Gestalt an zu reden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem
-lieben Gott mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und
-mein einzige Zuversicht, euer lieber Nam ist Jacob und euer
-Vatterland hei&szlig;t Allendorf; ich aber bin Minolanda, der Melusinen
-Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter von Staufenberg<a id="FNanchor_520_520"></a><a href="#Footnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a>
-erzeugt und dergestalt verflucht hat, da&szlig; ich von meiner
-Geburt an bi&szlig; an J&uuml;ngsten Tag in diesem Wald verbleiben
-mu&szlig;, es seie dann Sach, da&szlig; ihr mich zu euerer Herkunft zu
-euerm Ehegemahl erw&auml;hlen und dardurch von solcher Verfluchung
-erl&ouml;sen werdet; doch mit diesem ausdrucklichen Vorbehalt
-und Geding, da&szlig; ihr euch wie bi&szlig;her vor allen Dingen
-der Tugend und Gottesforcht beflei&szlig;igen, aller anderer Weibsbilder
-m&uuml;&szlig;ig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr
-lang verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was
-euch zu thun ist! Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding
-halten, so werde ich nicht allein erl&ouml;st, sonder wie ein ander
-Mensch auch Kinder zeugen und zu seiner Zeit seliglich aus
-dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der reichst und gl&uuml;ckseligst
-Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber verschm&auml;het,
-so mu&szlig; ich, wie ihr bereits geh&ouml;ret habt, bi&szlig; an
-J&uuml;ngsten Tag hier verbleiben und werde alsdann &uuml;ber euere
-Unbarmherzigkeit ewiglich Rach schreien; das Gl&uuml;ck aber, so
-ihr alsdann euer Lebtag haben werdet, werden auch die Allerungl&uuml;ckseligste
-nicht mit euch theilen wollen.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[S. 238]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der
-Melusin&auml; als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch
-viel mehr dergleichen M&auml;rlin von verfluchten Jungfrauen
-geh&ouml;ret hatte, glaubt alles, was ihm gesagt worden; derohalben
-besonne er sich nicht lang, sonder gab das Jawort von sich
-und best&auml;tiget solche Ehe mit oft wiederholtem Beischlaf. Sie
-aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten und nahm
-ein g&uuml;ldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit Heiligthum<a id="FNanchor_521_521"></a><a href="#Footnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a>
-gef&uuml;llt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls zustellte,
-damit er nicht sorgen solte, er h&auml;tte vielleicht mit einem Teufelsgespenst
-zu thun. Und zum Beschlu&szlig; wurde abgeredet, da&szlig;
-sie ihn f&uuml;rderhin die meiste N&auml;chte in seiner Schlafkammer besuchen
-wolte, worauf sie vor seinen Augen verschwunden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht
-bei der Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein
-Gewissen sagte, es k&ouml;nte mit dieser heimlichen und wunderbarlichen
-Ehe nicht recht hergehen, da ereignete sich eine Gelegenheit,
-mit deren er hieher kam und seinem Beichtvatter alle
-Geschichte au&szlig;erhalb der Beicht vertraute. Als dieser verstunde,
-was diese Meerfein<a id="FNanchor_522_522"></a><a href="#Footnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a> oder Minolanda, wie sie sich genennet,
-vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, da&szlig; eben
-ein solcher einer vornehmen Fr&auml;ulin bei ihrem Beilager entwendet
-worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret
-auch das Kreuzlin zu sehen, so ihm seine Beischl&auml;ferin verehrt
-hatte. Als er solches sahe, &uuml;berredet er den Beckenknecht, da&szlig;
-ers ihm nur ein einzige halbe Stund lie&szlig;e, selbiges einem
-Jubilierer<a id="FNanchor_523_523"></a><a href="#Footnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a> zu weisen, um zu vernehmen, ob das Gold auch
-just<a id="FNanchor_524_524"></a><a href="#Footnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> und die Steine auch gut w&auml;ren; er aber verf&uuml;gte sich sogleich
-damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem Gl&uuml;ck hier
-war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der
-Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen
-werden m&ouml;chte; worzu der ge&auml;ngstigte Beckenknecht seinen Willen
-gab und alle m&ouml;gliche H&uuml;lf zu thun versprach.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Diesem nach wurden den dritten Abend zw&ouml;lf beherzte
-M&auml;nner mit Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer
- <span class="pagenum"><a id="Seite_239">[S. 239]</a></span>
-um Mitternacht st&uuml;rmten und Th&uuml;ren und L&auml;den wol in acht
-nahmen, damit, als solche er&ouml;ffnet, niemand hinaus entrinnen
-k&ouml;nte. So bald solches geschahe, und auch zugleich zween mit
-Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der Becker zu
-ihnen: Sie ist schon nit mehr da.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein
-Messer mit einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe
-man solches recht wahrgenommen, da stak einem andern, der
-eine Fackel trug, eins im Herzen, darvon derselbige alsobald
-todt darnieder fiele. Einer von den Bewehrten erma&szlig;e, aus
-welcher Gegend diese Stich herkommen waren, sprang derowegen
-zuruck und f&uuml;hrte einen solchen starken Streich gegen demselben
-Winkel zu, da&szlig; er damit der so unselig als unsichtbarn Melusinen
-die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte<a id="FNanchor_525_525"></a><a href="#Footnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a>. Ja
-dieser Streich war von solchen Kr&auml;ften, da&szlig; man nit allein die
-vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch
-Lung und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das
-Herz noch zapplen sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien,
-die Finger staken voll k&ouml;stlicher Ring, und der Kopf
-war gleichsam in Gold und Perlen eingeh&uuml;llet. Sonst hatte
-sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock und ein Paar
-seidener Str&uuml;mpfe an; aber ihr silbern St&uuml;ck, das sie auch
-verrathen, lag unter dem Hauptkissen.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Der Becker lebte noch, bi&szlig; er gebeicht und communicirt
-hatte; er starb aber hernach mit gro&szlig;er Reu und Leid und
-verwundert sich, da&szlig; so gar kein Geld bei seiner Schl&auml;ferin
-gefunden worden, dessen sie doch ein Ueberflu&szlig; gehabt h&auml;tte.
-Sie ist ohngef&auml;hr aus ihrem Angesicht vor 20 Jahr alt gesch&auml;tzt,
-und ihr K&ouml;rper als einer Zauberin verbrant, der Beck
-aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden.
-Wie man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch
-beinahe eine &ouml;sterreichische Sprach gehabt.&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_514_514"></a><a href="#FNanchor_514_514"><span class="label">[514]</span></a> <em class="gesperrt">St&ouml;rer</em>, wie Storger, St&ouml;rzer, Vagabund.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_515_515"></a><a href="#FNanchor_515_515"><span class="label">[515]</span></a> <em class="gesperrt">visierlich</em>, possierlich, spa&szlig;haft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_516_516"></a><a href="#FNanchor_516_516"><span class="label">[516]</span></a> <em class="gesperrt">ohnschwer</em>, ohne Beschwerde;
-wenn es ihm nicht zu viel M&uuml;he mache.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_517_517"></a><a href="#FNanchor_517_517"><span class="label">[517]</span></a> <em class="gesperrt">Pistor</em>, Klosterb&auml;cker.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_518_518"></a><a href="#FNanchor_518_518"><span class="label">[518]</span></a> <em class="gesperrt">verh&auml;ngen</em>, erlauben, gestatten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_519_519"></a><a href="#FNanchor_519_519"><span class="label">[519]</span></a> <em class="gesperrt">St&uuml;ck</em>, Zeug, Stoff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_520_520"></a><a href="#FNanchor_520_520"><span class="label">[520]</span></a> <em class="gesperrt">Melusine</em> und <em class="gesperrt">Ritter von Staufenberg</em>, vgl. &uuml;ber die Sage und
-ihre Literatur die Einleitung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_521_521"></a><a href="#FNanchor_521_521"><span class="label">[521]</span></a> <em class="gesperrt">Heiligthum</em>, Heilthum, Reliquien von Heiligen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_522_522"></a><a href="#FNanchor_522_522"><span class="label">[522]</span></a> <em class="gesperrt">Meerfein</em>,
-(nicht fei) sp&auml;terer Name f&uuml;r das alte <span class="antiqua">meerminne</span>. Vgl. <span class="antiqua">merfeine</span>, <span class="antiqua">wazzerfeine</span>.
-In Fischart's neuer Ausgabe des Stauffenbergers (Stra&szlig;burg 1588) kommt diese
-Form noch vor: &raquo;Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.&laquo;</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_523_523"></a><a href="#FNanchor_523_523"><span class="label">[523]</span></a> <em class="gesperrt">Jubilierer</em>, Juwelier.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_524_524"></a><a href="#FNanchor_524_524"><span class="label">[524]</span></a> <em class="gesperrt">just</em>, von richtigem Feingehalt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_525_525"></a><a href="#FNanchor_525_525"><span class="label">[525]</span></a> <em class="gesperrt">spielt</em>, <span class="antiqua">præt.</span> zu spalten, wie im Mhd.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[S. 240]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="II_Das_siebenundzwanzigste_Capitel">Das siebenundzwanzigste Capitel.</h2>
-
-<div class="block6c">
-<p class="center font09 pmb1">Endlicher Beschlu&szlig; von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf.</p>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Durch diese Erz&auml;hlung erfuhr ich, was das wunderbarliche
-Vogelnestlein bei meinem Weib gew&uuml;rkt, wie sie der K&uuml;tzel
-ihres geilen Fleisches zur Ehebrecherin, zur M&ouml;rderin, mich
-selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei gemacht, und sie endlich
-selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur gebracht habe.
-Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit ihr zugetragen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste h&auml;tte ich
-schier vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern,
-ein junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und
-Haar, Kleidern und allem hinweg kommen, da&szlig; bi&szlig;her kein
-Mensch erfahren, wohin er geflogen oder gestoben sei. Und
-solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er sich gebuckt,
-ein Nast&uuml;chlein, welches auch zugleich verschwunden, aufzuheben,
-so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zust&auml;ndig gewesen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, da&szlig; dein Nestlein
-wieder einen andern Meister hat. Gott geb, da&szlig; es ihm
-besser als meinem Weib bekomme!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich h&auml;tte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen
-k&ouml;nnen, wann ich ihnen nur h&auml;tte die Wahrheit sagen wollen;
-aber ich schwieg still, und lie&szlig;e dieselbige sich unter einander
-verwundern und disputirn, so lang sie wolten, betrachtet darneben,
-wie grob der Unwissenden Wahn betr&uuml;ge, und was wol
-auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit anderst
-erz&auml;hlt worden w&auml;ren, wann die Scribenten den Grund recht
-gewust h&auml;tten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren,
-wo mein Weib hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige
-und durchstelzte damit das Erzstift Salzburg, das ganze
-Baiern und Schwabenland, Franken und die Wetterau. Endlich
-kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte &uuml;berall,
-wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so gl&uuml;ckselig
-hierin, da&szlig; ich glaube, es spendire mir mancher etwas,
-der selbst nit den zehenden Theil so viel Geld hat als ich.
-Und weil ich sehe, da&szlig; von meinem Capital nichts abgehet, ich
- <span class="pagenum"><a id="Seite_241">[S. 241]</a></span>
-aber gleichwol einen als den andern Weg in aller Freiheit
-mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann ichs bed&ouml;rftig,
-ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt sich gern)
-zur Nothhelferin haben kan, so wiste<a id="FNanchor_526_526"></a><a href="#Footnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a> ich nicht, was mich bewegen
-solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja
-ich wiste auch kein bessers f&uuml;r mich zu finden. Weistu aber,
-mein Simplice, mir ein anders und bessers zu weisen, so
-m&ouml;chte ich deinen Rath gern h&ouml;ren und nach Gestaltsame der
-Sach demselben auch gern folgen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wolte dir w&uuml;nschen&laquo;, antwortet Simplicius, &raquo;du
-f&uuml;hrtest hier zeitlich dein Leben, da&szlig; du das ewige nicht verlierest!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O M&uuml;nchspossen!&laquo; sagte Springinsfeld; &raquo;es ist nicht
-m&uuml;glich, du bist seither in einem Kloster gestocken, oder hast
-im Sinn, in B&auml;lde in eins zu schliefen<a id="FNanchor_527_527"></a><a href="#Footnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a>, da&szlig; du immer wider
-dein alte Gewohnheit so albere Fratzen herf&uuml;rbringst.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wann du nicht in Himmel wilst&laquo;, antwortet Simplicius,
-&raquo;so wird dich niemand hinein tragen; allein w&auml;re mir lieber,
-du th&auml;test auch wie ein Christenmensch und fiengest an zu gedenken
-an deine letzte Ding, welche zu erfahren du noch einen
-kurzen Sprung zu thun hast.&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Unter diesem Gespr&auml;ch fieng es an unvermerkt zu tagen,
-und solches verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu
-schlafen, wie dann zum &ouml;ftern zu geschehen pflegt. Solcher
-Anmuthung<a id="FNanchor_528_528"></a><a href="#Footnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a> folgten wir und th&auml;ten die Augen zu, uns noch
-ein paar Stund innerlich zu beschauen, stunden auch nicht
-ehender auf, als bi&szlig; uns der Appetit der M&auml;gen zu etlichen
-Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut n&ouml;thigte.
-Als wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir
-Zeitung, da&szlig; der Rhein die Br&uuml;ck hinweggenommen und noch
-stark mit Eis gehe, so da&szlig; niemand weder her&uuml;ber noch hin&uuml;ber
-kommen k&ouml;nte. Derowegen resolvirte sich Simplicius,
-denselben Tag mit seinen Leuten noch in der Stadt zu verbleiben,
-in welcher Zeit er weder den Springinsfeld noch mich
-von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, da&szlig; ich dessen
-Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erz&auml;hlet, schriftlich
-aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund w&uuml;rde, da&szlig;
-sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie.
- <span class="pagenum"><a id="Seite_242">[S. 242]</a></span>
-Und dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals
-wol bed&ouml;rfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er
-auf seinen Hof, bei ihm auszuwintern<a id="FNanchor_529_529"></a><a href="#Footnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a>, betheuerte aber gegen
-mir gar hoch, da&szlig; er solches nicht seiner paar hundert Ducaten
-halber thu, sondern zu sehen, ob er ihn nicht auf den
-christlichen Weg eines gottseligen Lebens bringen m&ouml;chte. Wie
-ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn der verwichne
-M&auml;rz aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum in
-seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs
-und bessers Leben zu f&uuml;hren bewegt worden; nahm also dieser
-abenteurliche Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi
-Bauerhof, als er ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt,
-sein letztes</p>
-
-<p class="center pmb3">
-<em class="gesperrt">Ende</em>.<br />
-</p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_526_526"></a><a href="#FNanchor_526_526"><span class="label">[526]</span></a> <em class="gesperrt">wiste</em>, w&uuml;&szlig;te.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_527_527"></a><a href="#FNanchor_527_527"><span class="label">[527]</span></a> <em class="gesperrt">schliefen</em>, schl&uuml;pfen, kriechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_528_528"></a><a href="#FNanchor_528_528"><span class="label">[528]</span></a> <em class="gesperrt">Anmuthung</em>, Anwandlung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_529_529"></a><a href="#FNanchor_529_529"><span class="label">[529]</span></a> <em class="gesperrt">auswintern</em>, durchwintern, den Winter hindurch bleiben.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-
-<h2>Anhang.</h2>
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a></span></p>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-
-<p class="p2 center font11">Der erste</p>
-
-<p class="center font22"><em class="gesperrt">B&auml;rnh&auml;uter</em>,</p>
-
-<p class="center font16">Nicht ohne sonderbare darun-</p>
-<p class="center font12"><b>ter verborgene lehrreiche Geheimnus,</b></p>
-
-<p class="center font11 pmb1">sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und<br />
-sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor di&szlig;mal<br />
-zwar nur vom Ursprung dieses sch&ouml;nen Ehrentituls)<br />
-andern zum Exempel<br />
-vorgestellet</p>
-
-<p class="center font12 pmb1">Samt <span class="antiqua">Simplicissimi</span> Gaukeltasche</p>
-
-<p class="center font09">von</p>
-
-<p class="center font12 pmb2"><b><span class="antiqua">Illiterato Ignorantio</span>, zugenant <span class="antiqua">Idiota</span>.</b></p>
-
-<p class="center font10 pmb2">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Musikanten mit Fl&ouml;te, Gambe, Harfe.)</p>
-
-<p class="center font12 pmb3"><b>Gedruckt im Jahre 1670.</b></p>
-
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2 id="Des_ersten_Barnhauters_Bildnus">Des ersten B&auml;rnh&auml;uters Bildnus.</h2>
-
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen
-den Beinen ein Trinkgef&auml;&szlig; mit Buckeln.)</p>
-
-<div class="block6c">
-<p>
-So sah ich aus, ich erster B&auml;renh&auml;uter,<br />
-<span style="margin-left: 1em;">Den Namen ich bekam vons B&auml;ren Haut,</span><br />
-<span style="margin-left: 1em;">Den ich erscho&szlig;, da&szlig; mir nicht einmal graut,</span><br />
-Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider.<br />
-So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen,<br />
-So tief mu&szlig; er im h&ouml;chsten Schimpf jetzt liegen.<br />
-<span style="margin-left: 1em;">Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut,</span><br />
-<span style="margin-left: 1em;">Das st&uuml;rzt der Neid in allzu kurzer Zeit.</span><br />
-</p>
-
-<p class="pmb3">
-<span class="antiqua">f<a id="FNanchor_530_530"></a><a href="#Footnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a>. Prorursicutius<a id="FNanchor_531_531"></a><a href="#Footnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a>.</span><br />
-</p>
-</div>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_530_530"></a><a href="#FNanchor_530_530"><span class="label">[530]</span></a> <span class="antiqua">f.</span>, <span class="antiqua">fecit</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_531_531"></a><a href="#FNanchor_531_531"><span class="label">[531]</span></a> So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein: <span class="antiqua">Prorsursicutius</span>,
-aus <span class="antiqua">prorsus</span>, <span class="antiqua">ursus</span>, <span class="antiqua">cutis</span> gebildet: ein B&auml;rnh&auml;uter durch und durch.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Vom_Ursprung_des_Namens">Vom Ursprung des Namens
-B&auml;rnh&auml;uter.</h2>
-
-
-<p>Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens
-B&auml;rnh&auml;uter <span class="antiqua">per etymologiam</span> ausecken<a id="FNanchor_532_532"></a><a href="#Footnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> wollen, haben vermeint,
-da&szlig; vor alten Zeiten, da die alten Teutschen noch auf
-allerhand H&auml;uten geschlafen, diejenige zum Spott mit diesem
-Namen genennet worden, die immerhin aus Faulheit auf ihrer
-B&auml;rnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers auszurichten
-begehrt. Es mag sein, mir gedenkt<a id="FNanchor_533_533"></a><a href="#Footnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a> so weit hinaus nicht, da&szlig;
-ich Nachricht darvon geben k&ouml;nte; aber auf dem Schlo&szlig; Hohenroth<a id="FNanchor_534_534"></a><a href="#Footnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a>
-hat sich ein uraltes Gem&auml;ld gefunden, davon auch beigef&uuml;gtes
-Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht,
-voraus dieser Name entsprungen:</p>
-
-<p>Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer
-K&ouml;nig, von dem t&uuml;rkischen Kaiser Celapino<a id="FNanchor_535_535"></a><a href="#Footnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> geschlagen worden,
-ist ein teutscher Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald
-entronnen und darin verirret.</p>
-
-<p>Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen K&ouml;nig, kein
-Geld und auch kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste,
-sich insk&uuml;nftig zu ern&auml;hren, hatte er allerhand schwerm&uuml;thige
-Gedanken; da erschien ihm ohngef&auml;hr und ehe er sichs versahe,
-ein abscheuliches Gespenst oder Geist, wei&szlig; nicht, obs der b&ouml;se
- <span class="pagenum"><a id="Seite_248">[S. 248]</a></span>
-Geist selber gewesen oder nicht, und sagte, wann er ihm dienen
-wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und ihn endlich
-gar zu einem Herrn machen.</p>
-
-<p>&raquo;O ja&laquo;, antwortet der Landsknecht; &raquo;aber mit dem Geding,
-da&szlig; mir solche Dienste an meiner Seligkeit nicht sch&auml;dlich seien.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich mu&szlig; aber auch zuvor sehen&laquo;, sagte der Geist, &raquo;was
-du kanst und was du f&uuml;r eine Courage habest, damit ich mein
-Geld nicht umsonst ausgebe.&laquo;</p>
-
-<p>Indem er solches redet, kam ein gro&szlig;er ungeheurer B&auml;r daher
-geloffen. &raquo;Diesen&laquo;, sagte der Geist, &raquo;schie&szlig;e vor den Kopf.&laquo;</p>
-
-<p>Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den B&auml;ren
-auf die Nase, da&szlig; er &uuml;ber und &uuml;ber purzelte. Da solches geschehen
-war, fieng das Gespenst oder der Geist an mit ihm zu
-capitulieren und sagte:</p>
-
-<p>&raquo;Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr
-zu dienen versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund
-Schildwacht um Mitternacht stehen, deine Haar und Bart
-weder k&auml;mpeln, noch selbige, wie auch die N&auml;gel, nicht abschneiden,
-die Nase nicht schneuzen, deine H&auml;nd und das Angesicht nicht
-w&auml;schen, den Hintern nicht wischen, diese B&auml;rnhaut anstatt
-des Mantels und Betts brauchen und niemal kein Vatterunser
-beten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hingegen wil ich dich mit Commi&szlig;<a id="FNanchor_536_536"></a><a href="#Footnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a>, Bier, Tabak und
-Brantewein versehen, da&szlig; du dich &uuml;ber dich selbst verwundern
-wirst m&uuml;ssen.&laquo;</p>
-
-<p>Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist:
-&raquo;Alles, was du mir zu unterlassen geboten hast, habe ich von
-Natur mein Tage niemal gern gethan; ich wasch mich nicht
-gern, ich bete nicht gern &amp;c.&laquo;</p>
-
-<p>Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen
-zu wissen, um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben;
-als er aber eines Heiligen Namen nennete, sprach der
-Geist: &raquo;Dieser taug<a id="FNanchor_537_537"></a><a href="#Footnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a> mir nicht, du solst B&auml;rnh&auml;uter hei&szlig;en
-wegen der B&auml;rnhaut, damit du heut begabt bist worden.&laquo;</p>
-
-<p>Darauf zog er dem B&auml;rn die Haut ab und machte seinem
-Neugebornen einen Mantel daraus und f&uuml;hrte ihn mitsamt
-derselben Haut und aller seiner &uuml;brigen Bagage durch die
- <span class="pagenum"><a id="Seite_249">[S. 249]</a></span>
-Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches &ouml;de Schlo&szlig; von dieser
-wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.</p>
-
-<p>Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenj&auml;hrige Dienste
-und wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und N&auml;geln
-ein solcher abscheulicher Unflat, da&szlig; er dem Geist selbst &auml;hnlicher
-sah als einem vern&uuml;nftigen Menschen, der nach Gottes
-herrlichem Ebenbilde erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt
-eines ehrbaren Mantels seine liebliche B&auml;rnhaut um sich
-hatte; dann seine Haar wurden lauter H&ouml;llenz&ouml;pf<a id="FNanchor_538_538"></a><a href="#Footnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a>, die ihm
-um die Achseln herumhiengen wie indianische Schafschw&auml;nze.
-Sein Bart war <span class="antiqua">s. h.</span> von Rotz, Geifer und anderer Unlust in
-einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine N&auml;gel hatten
-eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller
-mistigem Unflat, da&szlig; man dem gemeinen Sprichwort nach gar
-wol h&auml;tte R&uuml;bsamen hineins&auml;en k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe &uuml;berstanden hatte,
-kam der Geist von sich selbst und deutet ihm an, da&szlig; es nunmehr
-Zeit war, einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Geb&uuml;hr
-nach auszuzahlen<a id="FNanchor_539_539"></a><a href="#Footnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a>; doch steckte er ihm zuvor seine Hosens&auml;cke
-voller Ducaten und Pistolen und befahle ihm, sich lustig
-zu machen und kein Geld zu sparen, sonder zu thun und zu
-lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe th&auml;t,
-aber dergestalt, da&szlig; er aus den Schranken des getroffenen Accords
-und seiner bi&szlig;herigen Gewohnheit nicht scheiden solte,
-weil seine sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren,
-in denen sie sich zusammen verbunden.</p>
-
-<p>Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner
-greulichen Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er
-traurig.</p>
-
-<p>Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist,
-dem Fremden um die Geb&uuml;hr Kost und Herberg mitzutheilen,
-abgewiesen wurde, zeigte er ihm aus dem einen Hosensack eine
-Handvoll Ducaten und aus dem andern eine Handvoll Duplonen
-und wurde darauf dessen willkommener Gast.</p>
-
-<p>Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem
-er ihn auch besonders tractierte, damit andere G&auml;ste ab seiner
- <span class="pagenum"><a id="Seite_250">[S. 250]</a></span>
-h&auml;&szlig;lichen Gestalt kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen
-die Herberg in kein b&ouml;s Geschrei bringen solten.</p>
-
-<p>In demselben m&auml;stete sich der B&auml;rnh&auml;uter von des Geistes
-Gelde aus, bi&szlig; der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der
-Reis begriffen zu sein wuste, der in selbiger Herberg einkehren
-w&uuml;rde; da kam er bei Nacht und malet in selbigem Zimmer alle
-Contrafet nach dem Leben der ber&uuml;hmtisten Personen, so seit
-Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains, Lamechs,
-Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helen&auml;, der trojanischen und
-griechischen F&uuml;rsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris,
-Cyri, Alexandri Magni, Julii C&auml;saris, Neronis, Caligul&auml;,
-des Mohamets &amp;c., ja sogar auch deren Bildnus, so noch in
-die Welt kommen sollen, als der Widerchristen und anderer
-&amp;c., wor&uuml;ber sich der Wirth nicht unbillich verwunderte; vornehmlich
-als der B&auml;rnh&auml;uter ausgab<a id="FNanchor_540_540"></a><a href="#Footnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a>, er h&auml;tte diese Gem&auml;lde
-selbst verfertigt.</p>
-
-<p>Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg
-dort nahm und seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte:
-was Neues? erz&auml;hlte er ihm alles, was er von seinem seltzamen
-Gast wuste und nicht wuste, als seinen wunderlichen
-Aufzug, seine gro&szlig;e Kunst in der Malerei, und da&szlig; er Gelds
-vollauf h&auml;tte.</p>
-
-<p>Der Herr antwortet: &raquo;Ich mu&szlig; di&szlig; ohngew&ouml;hnlich Wunder
-morgen auch sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt,
-schwerlich glauben.&laquo;</p>
-
-<p>Wie er des Morgens fr&uuml;he selber sahe, was er geh&ouml;rt
-hatte, befande sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer
-Unterscheid, als da&szlig; er die Kunst der Malerei besser als jener
-verstunde und sich dannenhero auch beides &uuml;ber die kunstreiche
-Hand und die Arbeit mehrers zu<a id="FNanchor_541_541"></a><a href="#Footnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> wunderte; dann ihre Perfection
-war unvergleichlich, und indem er sahe, da&szlig; sich viel
-Contrafet mit denen k&uuml;nstlichen<a id="FNanchor_542_542"></a><a href="#Footnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> Antiquit&auml;ten verglichen, die er
-allbereit anderw&auml;rtlich gesehen, glaubt er, da&szlig; die &uuml;brige auch
-denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repr&auml;sentieren, und
-die er bi&szlig;her noch nicht gesehen.</p>
-
-<p>Er fragte den B&auml;rnh&auml;uter, ob er solche Arbeit gemacht
-h&auml;tte; derselbe aber fragte hinwiederum: wer sonst?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-<p>Der Herr sagte hierauf: &raquo;So mustu viel wissen, wann du
-auch die Gestalten der k&uuml;nftigen Menschen zu entwerfen weist.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Allzeit&laquo;, antwortet der B&auml;rnh&auml;uter, &raquo;wei&szlig; ich mehr weder<a id="FNanchor_543_543"></a><a href="#Footnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a>
-mancher vermeint.&laquo;</p>
-
-<p>Der Herr fragte: &raquo;Wer bist du?&laquo;</p>
-
-<p>Jener antwortet: &raquo;Ich bin der Oberst B&auml;rnh&auml;uter, ein
-Soldat von Fortun<a id="FNanchor_544_544"></a><a href="#Footnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a>, und hab mich neulich im Krieg wider
-den T&uuml;rken brauchen lassen.&laquo;</p>
-
-<p>Weil nun di&szlig; ein neuer und noch kein schandlicher Namen
-war, fragte ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte:
-&raquo;Ich habe drei T&ouml;chter von gleicher sch&ouml;ner Gestalt, welche auch
-ihre Mutter ihrer Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander
-nicht kennet. Ich wil dich solche sehen lassen; wirst du nun
-wissen, welches die Aelteste, Mittlere und die J&uuml;ngste sei, so
-wil ich dir eine davon zum Weibe geben, welche du unter ihnen
-haben wilst; wo nicht, so solst du samt deinem Verm&ouml;gen mir
-zum Eigenthum verfallen sein.&laquo;</p>
-
-<p>Da der B&auml;rnh&auml;uter dessen zufrieden, nahm ihn der edle
-Herr mit heim, ihn seine T&ouml;chter zu solchem Ende sehen zu
-lassen.</p>
-
-<p>Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum B&auml;rnh&auml;uter:
-&raquo;Wisse, dieser Herr pflegt auf solche F&auml;ll die J&uuml;ngste
-in die Mitte und die Aelteste auf der linken, die Mittlere aber
-auf ihre rechte Seite zu stellen.&laquo;</p>
-
-<p>Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches
-die Erst, die Ander und Dritte war, zumalen die J&uuml;ngste zum
-Weib begehrt, schwur der Herr alsobalden, er wolte seine Parole
-halten, wie es einem ehrlichen Cavalier geb&uuml;hre, Gott
-geb was<a id="FNanchor_545_545"></a><a href="#Footnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> die Mutter darzu sagte, und wie sich sein Kind
-darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich f&uuml;r sich gehen
-lassen, ehe ein ander Gewirr<a id="FNanchor_546_546"></a><a href="#Footnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> drein k&auml;me.</p>
-
-<p>Aber der B&auml;rnh&auml;uter wolte nicht, sonder wendet andere
-Gesch&auml;ften vor, doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen,
-und da er einen kostbaren Ring, der hierzu gemacht war, von
-einander geschraubt und ein Theil darvon seiner Braut gegeben
-hatte, gieng er seines Wegs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-<p>Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit
-schwarz und w&uuml;nschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich
-mit dem abscheulichen B&auml;rnh&auml;uter zu verehlichen. Aber was
-halfs? Ihr Herr Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern
-g&ouml;nneten ihr diese Heurath; sie vexierten sie t&auml;glich mit ihrem
-sch&ouml;nen Hochzeiter und erneuerten damit st&uuml;ndlich und t&auml;glich
-die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens, welches sie doch
-alles durch Geduld &uuml;berwande.</p>
-
-<p>Der Geist kam hingegen wieder und f&uuml;hrte den B&auml;rnh&auml;uter
-in den Rhein ins Bad; er richtet<a id="FNanchor_547_547"></a><a href="#Footnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a> ihm seine Haar und beschor
-selbige samt dem garstigen Bart auf die neue Mode und
-zieret ihn dergestalt auf durch besondern Anstrich, da&szlig; er sich<a id="FNanchor_548_548"></a><a href="#Footnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a>
-dem sch&ouml;nsten Cavalier vergliche.</p>
-
-<p>&raquo;Jetzt gehe hin nach N.&laquo;, sagte er zu ihm, &raquo;und montiere
-dich wie ein rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr;
-ich wil meine Sch&auml;tze aufthun, die ich hierum vergraben habe,
-und dir Gelds genug hierzu geben.&laquo;</p>
-
-<p>Weil nun dem B&auml;rnh&auml;uter kein erw&uuml;nschterer Befehl h&auml;tt
-kommen k&ouml;nnen, war er desto gehorsamer.</p>
-
-<p>Er hielte sich mit sch&ouml;nen Pferden, herrlichen Gutschen, k&ouml;stlichen
-Kleidern und vielen Dienern in<a id="FNanchor_549_549"></a><a href="#Footnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> Livree wie ein Gro&szlig;vezier,
-und da es dem Geist Zeit sein d&auml;uchte, stellte er sich
-wieder ein und sagte zu ihm: &raquo;Jetzt fahr hin und vollziehe
-deinen Heurath&laquo;, und damit er desto reicher erscheinen konte,
-f&uuml;llete er ihm beide Gutschenkisten voller Gold, welches er ihm
-beides zur Beschuldigung<a id="FNanchor_550_550"></a><a href="#Footnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a> und zum Heurathsgut mitgab.</p>
-
-<p>Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter
-voran, seinem k&uuml;nftigen Schw&auml;hr neben Vermeldung
-seines Dienstes und Gru&szlig;es anzuzeigen, da&szlig; ein stattlicher Cavalier
-auf dem Weg begriffen w&auml;re, ihme zuzusprechen und
-seinem Frauenzimmer geb&uuml;hrend aufzuwarten, mit einem Wort,
-eine aus seinen T&ouml;chtern zum Gemahl zu begehren, wofern er
-anderst gelitten werden m&ouml;chte und keine Ungelegenheit machte.</p>
-
-<p>Als er nun die h&ouml;fliche Antwort bekam, da&szlig; er ein lieber
-Gast sein w&uuml;rde, ist er mit seiner Suite pr&auml;chtig eingezogen
-und wol empfangen, auch zu Bezeugung mehrerer Willf&auml;hrigkeit
- <span class="pagenum"><a id="Seite_253">[S. 253]</a></span>
-oben an die Tafel zwischen die beide &auml;lteste T&ouml;chter gesetzt
-worden, welche sich auch ihm zu gefallen, weil ihn jede
-zu bekommen verhofft, trefflich geschm&uuml;ckt hatten.</p>
-
-<p>Die J&uuml;ngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein
-Turtelt&auml;ubchen, das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als
-eine Versprochene keine Hoffnung sch&ouml;pfen d&ouml;rfte, diesen ansehnlichen
-Herrn zu bekommen, wessentwegen ihr die Schwestern
-mit den Augen manchen h&ouml;hnischen Blick und mit Worten
-manchen empfindlichen und ver&auml;chtlichen Stich gaben, welches
-ihr tief ins Herz geschnitten.</p>
-
-<p>Als nun der B&auml;rnh&auml;uter nach Vorweisung seines vielen
-Golds das Jawort und unter den T&ouml;chtern von Vatter und
-Mutter die Wahl bekam, zumalen noch jede von den &auml;ltesten
-Schwestern ihn zu bekommen festiglich verhoffte, offenbarte er
-sich der J&uuml;ngsten durch ein St&uuml;ck des von einander geschraubten
-Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt.</p>
-
-<p>So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken
-hingegen jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so
-g&auml;hling beraubt sahen.</p>
-
-<p>Sie wurden so best&uuml;rzt, da&szlig; sie nicht mehr wusten, was
-sie th&auml;ten, und ihre Eltern wurden so erfreut &uuml;ber der einen
-Tochter Gl&uuml;ck, da&szlig; sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen,
-welche zugleich von Schamhaftigkeit und dem Neid
-gegen ihrer Schwester angefochten wurden, also da&szlig; sich die
-eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen st&uuml;rzte.</p>
-
-<p>Also sagte der Geist, der dem B&auml;rnh&auml;uter ganz fr&ouml;hlich
-erschiene: &raquo;Nun haben wir mit einander<a id="FNanchor_551_551"></a><a href="#Footnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> ausgefischt<a id="FNanchor_552_552"></a><a href="#Footnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a>; du hast
-eine und ich zwo von den T&ouml;chtern bekommen, die hiebevor ihr
-Vatter manchem ehrlichen Cavalier versagt.&laquo;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Mein hochgeehrter und <span class="antiqua">respective</span> gro&szlig;g&uuml;nstiger
-lieber Leser</em> nehme vor di&szlig;mal hiermit verlieb und urtheile
-aus dieser Erz&auml;hlung, was er will; alsdann werde ich verhoffentlich
-mit der Erl&auml;uterung hernach kommen.</p>
-
-<p class="center font12 pmb3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_532_532"></a><a href="#FNanchor_532_532"><span class="label">[532]</span></a> <em class="gesperrt">ausecken</em>, gr&uuml;ndlich herausbringen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_533_533"></a><a href="#FNanchor_533_533"><span class="label">[533]</span></a> <em class="gesperrt">mir gedenkt</em>, ich erinnere mich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_534_534"></a><a href="#FNanchor_534_534"><span class="label">[534]</span></a> <em class="gesperrt">Hohenroth</em>; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein, so ist
-dieselbe in der N&auml;he des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf des Namens liegt
-in Nassau, Amt Herborn.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_535_535"></a><a href="#FNanchor_535_535"><span class="label">[535]</span></a> Bekanntlich war es Bajazet <span class="antiqua">I.</span>, der den K&ouml;nig
-Sigismund bei Nikopolis schlug.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_536_536"></a><a href="#FNanchor_536_536"><span class="label">[536]</span></a> <em class="gesperrt">Commi&szlig;</em>, alles, was den Soldaten geliefert wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_537_537"></a><a href="#FNanchor_537_537"><span class="label">[537]</span></a> <em class="gesperrt">taug</em>, mhd.
-<span class="antiqua">touc</span>, <span class="antiqua">præteritopræs.</span> zu t&uuml;gen, taugen, passen, anstehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_538_538"></a><a href="#FNanchor_538_538"><span class="label">[538]</span></a> <em class="gesperrt">H&ouml;llenzopf</em>, eigentlich <em class="gesperrt">Hollenzopf</em>, verworrenes und verfilztes Haar,
-wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, tr&auml;gt, sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf;
-Adelung, W&ouml;rterb. hat &raquo;H&ouml;llenzopf&laquo;, <span class="antiqua">plica polonica</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_539_539"></a><a href="#FNanchor_539_539"><span class="label">[539]</span></a> <em class="gesperrt">auszahlen</em>,
-<span class="antiqua">trans.</span>, g&auml;nzlich bezahlen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_540_540"></a><a href="#FNanchor_540_540"><span class="label">[540]</span></a> <em class="gesperrt">ausgeben</em>, vorgeben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_541_541"></a><a href="#FNanchor_541_541"><span class="label">[541]</span></a> <em class="gesperrt">mehrers zu</em>, wie: immer zu.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_542_542"></a><a href="#FNanchor_542_542"><span class="label">[542]</span></a> <em class="gesperrt">k&uuml;nstlich</em>, kunstreich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_543_543"></a><a href="#FNanchor_543_543"><span class="label">[543]</span></a> <em class="gesperrt">weder</em>, als.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_544_544"></a><a href="#FNanchor_544_544"><span class="label">[544]</span></a> <em class="gesperrt">Soldat von Fortun</em>, der seine Stellung sich selbst
-und nicht etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_545_545"></a><a href="#FNanchor_545_545"><span class="label">[545]</span></a> <em class="gesperrt">Gott geb was</em>, was auch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_546_546"></a><a href="#FNanchor_546_546"><span class="label">[546]</span></a> <em class="gesperrt">Gewirr</em>, St&ouml;rung, Hinderni&szlig;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_547_547"></a><a href="#FNanchor_547_547"><span class="label">[547]</span></a> <em class="gesperrt">richten</em>, in Ordnung bringen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_548_548"></a><a href="#FNanchor_548_548"><span class="label">[548]</span></a> Im Druck fehlt: sich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_549_549"></a><a href="#FNanchor_549_549"><span class="label">[549]</span></a> <em class="gesperrt">in</em> fehlt
-im Texte, es mu&szlig; aber stehen, denn &raquo;er hielte sich&laquo; geh&ouml;rt zu &raquo;wie ein Gro&szlig;vezier&laquo;
-und nicht zu &raquo;Livree&laquo;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_550_550"></a><a href="#FNanchor_550_550"><span class="label">[550]</span></a> <em class="gesperrt">Beschuldigung</em>, wol Druckfehler f&uuml;r Besoldung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_551_551"></a><a href="#FNanchor_551_551"><span class="label">[551]</span></a> <em class="gesperrt">mit einander</em>, alle beide.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_552_552"></a><a href="#FNanchor_552_552"><span class="label">[552]</span></a> <em class="gesperrt">ausfischen</em>, <span class="antiqua">intrans.</span> einen Fang
-thun.</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a></span></p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p>
-
-
-<p class="center font11"><b><span class="antiqua">Simplicissimi</span> wunderliche</b></p>
-
-<p class="center font22"><em class="gesperrt">Gaukel-Tasche</em></p>
-
-<p class="center font12"><b>Allen Gauklern, Markschrei-</b></p>
-<p class="center font11"><b>ern, Spielleuten, in Summa allen de-</b></p>
-<p class="center font10">nenn&ouml;thig und n&uuml;tzlich, die auf offenen M&auml;rkten<br />
-gern einen Umstand herbei br&auml;chten, oder<br />
-sonst eine Gesellschaft lustig zu machen<br />
-haben.</p>
-
-<p class="center font11"><b>Verwunderlich und lustig zu sehen.</b></p>
-
-<p class="p3 center font11 pmb3">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein J&auml;ger mit Hunden.)</p>
-
-<p class="center font09">Entworfen</p>
-
-<p class="center font12 pmb3"><b>durch obigen Autorem.</b></p>
-
- <div class="figcenter">
- <img src="images/tb002.jpg" alt="Dekoration" />
- </div>
-
-<p class="p3 center font12 pmb3"><b>Gedruckt im Jahr 1670.</b></p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Der_Autor_an_den_Kaufer_und_sonst_jedermann">Der Autor an den K&auml;ufer und sonst jedermann.</h2>
-
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter B&uuml;chern,
-mit einem Fliegenwedel in der Hand, um die M&uuml;cken [Grillen]
-abzuwehren; neben ihm auf einem Tisch ein gro&szlig;er Humpen mit
-Buckeln und ein Apfel.)</p>
-
-
-<p class="pmb3">Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen
-Simplicissimi zu sehen, da&szlig; er sich oft f&uuml;r einen Arzt
-ausgeben, aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen t&auml;glichen
-Unterhalt zu sch&ouml;pfen. Weil er aber weder Affen, noch
-Fabionen<a id="FNanchor_553_553"></a><a href="#Footnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a>, noch Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder
-kurzweiligen Schalk vermocht<a id="FNanchor_554_554"></a><a href="#Footnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a>, das Volk dardurch zu seinem Stand
-zu bringen, als hat er sich dieses gegenw&auml;rtigen Buchs wie einer
-Gaukeltaschen gebraucht, dem Volk daraus wahrgesagt, manche
-Kurzweil dardurch angerichtet und sich &uuml;beraus wol darbei befunden.
-Als man ihn aber in die Karte gesehen, und nunmehr
-er selbst solche seine Profession abgelegt<a id="FNanchor_555_555"></a><a href="#Footnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> hatte, seind ihm
-etliche seiner guten Freund angelegen gewesen<a id="FNanchor_556_556"></a><a href="#Footnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a>, die auch nicht
-abgelassen haben, bi&szlig; er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch
-herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige
-K&ouml;pfe in ihren Zusammenkunften mit einander dardurch erg&ouml;tzen
-k&ouml;nten. <span class="antiqua">Vale.</span></p>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_553_553"></a><a href="#FNanchor_553_553"><span class="label">[553]</span></a> <em class="gesperrt">Fabionen</em>, Paviane.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_554_554"></a><a href="#FNanchor_554_554"><span class="label">[554]</span></a> <em class="gesperrt">verm&ouml;gen</em>, besitzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_555_555"></a><a href="#FNanchor_555_555"><span class="label">[555]</span></a> <em class="gesperrt">ablegen</em>, niederlegen,
-aufgeben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_556_556"></a><a href="#FNanchor_556_556"><span class="label">[556]</span></a> <em class="gesperrt">angelegen sein</em>, wie anliegen, ersuchen, zureden.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="An_die_Umstehenden">An die Umstehenden.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Koch umgeben von K&uuml;chenger&auml;th und Speisen;
-links und rechts zwei gro&szlig;e Eimer oder Gem&auml;&szlig;e.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Herbei, wer wil sein Gl&uuml;ck zuvor gewi&szlig;lich wissen,<br /></span>
-<span class="i01">Herbei, die M&uuml;h wird ihn wahrhaftig nicht verdrie&szlig;en!<br /></span>
-<span class="i02">Er bl&auml;ttere herum, er suche hin und her,<br /></span>
-<span class="i02">Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr,<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i01">So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen,<br /></span>
-<span class="i01">Da&szlig; er auf einem Blatt dasjenige mu&szlig; sehen,<br /></span>
-<span class="i02">Was ihme nicht gef&auml;llt, so schweig er dannoch still,<br /></span>
-<span class="i02">Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<blockquote>
-<p>Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten
-werden sol.</p>
-
-<p class="pmb2">(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht
-eine Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt,
-mit einem Pr&uuml;gel, den er in der Rechten h&auml;lt.)</p>
-
-
-<p class="pmb2">Wann der Artifex seine Kunst weisen<a id="FNanchor_557_557"></a><a href="#Footnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a> will, so fasset er mit
-seinem rechten Daumen den Griff mit No. 1, la&szlig; die Bl&auml;tter
- <span class="pagenum"><a id="Seite_258">[S. 258]</a></span>
-nach einander herum schnappen, so erscheinet nichts als Wei&szlig;;
-ist dann irgend einer unter dem Umstand, der entweder gelehrt
-oder and&auml;chtig ist, so l&auml;sset er denselben in das zugethane Buch
-blasen, ergreift den Griff mit No. 2 gezeichnet, la&szlig; die Bl&auml;tter
-abermal herumschnellen, so sihet man sonst nichts als diese
-Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der, so hinein geblasen,
-sei ein gelehrter oder and&auml;chtiger Mann. Alsdann bl&auml;st
-er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der
-Gesellschaft wiederum eitel wei&szlig;e Bl&auml;tter. Ist ein Reicher unter
-dem Umstand, den l&auml;&szlig;t er abermal auch wie den Vorigen an
-das Buch blasen, folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem
-Reichen, da&szlig; er viel Geld habe; hernach bl&auml;set er selbst wieder
-durchs Buch und weiset dem Umstand mit No. 1 nur die wei&szlig;e
-Bl&auml;tter. Ist dann einer unter dem Haufen, der ein Sparren
-zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein blasen und weise
-ihm hernach durch No. 4 seine Br&uuml;der, aber zeige sie einem
-solchen, da&szlig; es keine St&ouml;&szlig; setze, dann wann solches gesch&auml;he
-so wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es
-sei ein Soldat oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein
-solcher, der vor einen Helden gehalten sein wil, den lasse er
-ins Buch blasen und weise ihm vermittelst No. 5 lauter Wehr
-und Waffen und sage: di&szlig; ist ein Kerl, der Lust zum Krieg
-hat &amp;c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und weise durch
-No. 1 abermal nur wei&szlig;e Bl&auml;tter. Ist aber ein Saufer oder
-Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und
-weise ihm No. 6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er
-selbst ins Buch und zeige ihm abermal nur wei&szlig;e Bl&auml;tter.
-Ist dann ein Jungfernknechtla bei der Gesellschaft, den lasse
-ins Buch blasen und zeige ihm durch No. 7, da&szlig; er eitel Knaben
-und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine Anzeigung
-sei, da&szlig; er gern l&ouml;ffele, tanze &amp;c.; hernach bl&auml;st er abermal
-wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur
-die wei&szlig;e Bl&auml;tter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der
-gern spielt, den l&auml;&szlig;t er ins Buch blasen und weiset ihm hernach
-durch No. 8 die Karten, bl&auml;st hernach selbst wieder ins Buch und
-zeigt abermal nur wei&szlig;e Bl&auml;tter. Wann aber der Artifex die
-Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so dumm nicht sein, da&szlig;
-er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder Alter abnehmen
-k&ouml;nte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als die
-Jungen, da hingegen diese gern l&ouml;ffeln; wann du nur recht
- <span class="pagenum"><a id="Seite_259">[S. 259]</a></span>
-hiermit procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen
-halten, viel weniger glauben, da&szlig; du ihrer noch mehr machest.
-Gehab dich wol.</p>
-
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Zwei M&auml;nner mit einer Tragbahre mit einem
-Ballen Papier; darauf ein gro&szlig;er Humpen mit Buckeln.)</p>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_557_557"></a><a href="#FNanchor_557_557"><span class="label">[557]</span></a> Im Text als Druckfehler: &raquo;wissen&laquo;.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[S. 260]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Geizigen_und">Die Geizigen und</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher [kabbalistischer?]
-Zeichen. &mdash; <span class="antiqua">II.</span> Avers und Revers einer M&uuml;nze: 1. eine
-Krone durch 5 H&auml;nde getragen mit der Umschrift: <span class="antiqua">Dante Deo et
-ordinum concordia</span>, 2. von einem Kranz umgeben: <span class="antiqua">Fridericus
-elec. Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619</span>. <span class="antiqua">III.</span> darunter
-eine Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem
-Stern, der &auml;u&szlig;ere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander.
-Quer vor dem ersten Doppelkreise: <span class="antiqua">ortas</span> [<span class="antiqua">ortus</span>], zwischen
-dem ersten und zweiten: <span class="antiqua">occas9</span>.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Du hast deine Lust am Geld,<br /></span>
- <span class="i02">An den Thalern und Ducaten,<br /></span>
-<span class="i01">Welche hoch acht alle Welt,<br /></span>
- <span class="i02">Welche mir und dir nicht schaden.<br /></span>
-<span class="i01">Doch halt g&auml;nzlich ich darvor,<br /></span>
- <span class="i02">Da&szlig; der Geiz dich eingenommen;<br /></span>
-<span class="i01">La&szlig; nach, ich sag dirs ins Ohr,<br /></span>
- <span class="i02">Du wirst sonst Ungl&uuml;ck bekommen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Mauschals_betreffend">Mauschals betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p class="pmb3">(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Eine Reihe Charaktere. &mdash; <span class="antiqua">II.</span> Darunter links
-ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts
-ein Hifthorn. &mdash; <span class="antiqua">III.</span> Avers und Revers einer M&uuml;nze: 1. Ein
-Engel h&auml;lt ein Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: <span class="antiqua">mo:
-no: fratrum: ducum: saxoni:</span> 2. ein Wappenschild, L&ouml;we, Reichs-Adler,
-L&auml;ngsbalken, L&ouml;we, mit 4 Feldern <span class="antiqua">Lantgrviorum. thur.
-et mar-mi.</span>)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Karger Jud! Wiltu mehr Gold<br /></span>
- <span class="i02">Auch aus meinem Buch erpressen,<br /></span>
-<span class="i01">Das ich selbst gern haben wolt?<br /></span>
- <span class="i02">Du komst mir vor sehr vermessen.<br /></span>
-<span class="i01">La&szlig; darvor die g&uuml;ldnen St&uuml;ck<br /></span>
- <span class="i02">Springen, die du eingeschlossen;<br /></span>
-<span class="i01">Diese la&szlig; mir hier zur&uuml;ck,<br /></span>
- <span class="i02">Sonst machst du mir schlimme Possen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[S. 262]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Possenreisser_und">Die Possenrei&szlig;er und</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Eine Reihe Charaktere. &mdash; <span class="antiqua">II.</span> Ein nackter Mann auf
-dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren
-mit Kappe hineingezw&auml;ngt; oben links und rechts je ein Ballen
-mit Stiel.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Du hast gewi&szlig; zu viel ein Sparren,<br /></span>
-<span class="i01">Weil sich dir hier lauter Narren<br /></span>
- <span class="i02">Unversehens stellen f&uuml;r;<br /></span>
-<span class="i01">Doch getrost! In diesen Orden<br /></span>
-<span class="i01">Sein schon viel geschrieben worden,<br /></span>
- <span class="i02">Du bists nicht allein, glaub mir.<br /></span>
-<span class="i01">Allenthalben sie herkommen,<br /></span>
-<span class="i01">Du bist auch nicht ausgenommen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[S. 263]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Schalksnarren_betreffend">Schalksnarren betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitte</em>: <span class="antiqua">I.</span> Charaktere. &mdash; <span class="antiqua">II.</span> Ein Narr in einer Stra&szlig;e,
-auf jeder Hand ein Rabe, dr&uuml;ber: grab, grab, grab. &mdash; <span class="antiqua">III.</span> Charaktere.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Willkommen, lieber Cammerad!<br /></span>
-<span class="i01">Es ist ja vor dich nicht schad,<br /></span>
-<span class="i02">Wann du dich gleich lie&szlig;t einschreiben,<br /></span>
-<span class="i02">Die Zeit mit uns zu vertreiben.<br /></span>
-<span class="i01">Ei, betrachte uns doch recht,<br /></span>
-<span class="i01">Lieber, unser gro&szlig; Geschlecht,<br /></span>
-<span class="i02">Du darfst dich ja gar nicht scheuen,<br /></span>
-<span class="i02">Es wird dich niemals gereuen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[S. 264]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Soldaten_und">Die Soldaten und</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein
-bekleidetes Weib, dar&uuml;ber: venus; aus einem andern Zelte rechts
-schaut ebenfalls eine weibliche Figur hervor, dar&uuml;ber: firbas<a id="FNanchor_558_558"></a><a href="#Footnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a>. Die
-&uuml;brigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet<a id="FNanchor_559_559"></a><a href="#Footnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a>,
-gut, tr&uuml;w, zucht, abenth&uuml;r, liebe, scham. Der Stock sehr roh.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Du hast ein herzhaft Gebl&uuml;te,<br /></span>
-<span class="i01">H&ouml;rest nicht gern viel von G&uuml;te;<br /></span>
-<span class="i02">Vor Musqueten und Cartaunen<br /></span>
-<span class="i02">Pflegestu nicht zu erstaunen;<br /></span>
-<span class="i01">Auf den Degen h&auml;ltst du viel,<br /></span>
-<span class="i01">Du liebst hoch des Martis Spiel.<br /></span>
-<span class="i02">Halt dich wol, es kan sich schicken,<br /></span>
-<span class="i02">Da&szlig; dir all dein<a id="FNanchor_560_560"></a><a href="#Footnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> Thun m&ouml;g gl&uuml;cken.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_558_558"></a><a href="#FNanchor_558_558"><span class="label">[558]</span></a> <em class="gesperrt">firbas</em>, f&uuml;rba&szlig;, vorw&auml;rts.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_559_559"></a><a href="#FNanchor_559_559"><span class="label">[559]</span></a> <em class="gesperrt">stet</em>, Standhaftigkeit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_560_560"></a><a href="#FNanchor_560_560"><span class="label">[560]</span></a> <em class="gesperrt">dein</em>, in den
-Ausgaben steht als Druckfehler <em class="gesperrt">mein</em>.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Kriegsgurgeln_betreffend">Kriegsgurgeln betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und
-Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Sto&szlig;waffen. Ebenso roh
-wie der vorige Stock.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Du hast deine Freud in Waffen,<br /></span>
-<span class="i01">Auf Musqueten, Puffen, Paffen<br /></span>
-<span class="i02">Ist dein ganz Herz hingericht;<br /></span>
-<span class="i02">Deine Hoffnung treugt dich nicht,<br /></span>
-<span class="i01">Ich hab von dem Gl&uuml;ck vernommen,<br /></span>
-<span class="i01">Da&szlig; du werdest wol ankommen;<br /></span>
-<span class="i02">F&uuml;hr den Degen nur fein frisch,<br /></span>
-<span class="i02">Da&szlig; der Feind dir nicht entwisch.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Weinschlauch_und">Die Weinschl&auml;uch und</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Bacchus auf einem Fa&szlig; stehend, links ein Weinbauer,
-der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr
-mit einer Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein
-runder Becher mit Buckeln.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Gott segn es, lieber Bruder!<br /></span>
-<span class="i02">Thue mir bald Bescheid;<br /></span>
-<span class="i01">Es ist wahrlich ein guter,<br /></span>
-<span class="i02">Ich sing drein mit Herzensfreud.<br /></span>
-<span class="i01">Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken?<br /></span>
-<span class="i01">Mir pflegt er Freud zu erwecken.<br /></span>
-<span class="i02">Du gibst meinem Herzen Kraft,<br /></span>
-<span class="i02">Ei du edler Rebensaft!<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Bierbruder_betreffend">Bierbr&uuml;der betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend,
-die Frau trinkt aus einem gro&szlig;en Deckelkrug, der Mann aus einem
-Zwiebelglase, w&auml;hrend ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt.
-Darunter ein kleines Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher
-[oder eine Kanne?])</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Ich hab dirs gleich angemerket,<br /></span>
-<span class="i01">Da&szlig; der Trunk dich trefflich st&auml;rket,<br /></span>
-<span class="i02">Drum bring ich dir jetzt eins zu:<br /></span>
-<span class="i01">Trink es aus bi&szlig; auf den Grunde!<br /></span>
-<span class="i01">Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde,<br /></span>
-<span class="i02">Hast du doch drauf gute Ruh.<br /></span>
-<span class="i01">Sie macht dir nichts mehr zu schaffen,<br /></span>
-<span class="i01">Wann der Rausch ist ausgeschlafen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Courtisanen_und">Die Courtisanen und</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer
-Dame, die er um die Schulter fa&szlig;t, rasch fortschreitend; neben ihm
-links ein Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">O du sch&ouml;ner Jungfernknecht!<br /></span>
-<span class="i01">Du kommst jetzund eben recht,<br /></span>
-<span class="i02">Es gibt was zu cortesiren;<br /></span>
-<span class="i02">Ich will dich gar recht anf&uuml;hren.<br /></span>
-<span class="i01">Aber sihe dich wol f&uuml;r,<br /></span>
-<span class="i01">Da&szlig; dein Schatz dich nicht verf&uuml;hr,<br /></span>
-<span class="i02">Sitzest du auf die Leimstangen,<br /></span>
-<span class="i02">So bist pl&ouml;tzlich du gefangen.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Jungfernknechte_betreffend">Jungfernknechte betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken
-Hand, reicht einer Dame zum Abschied die rechte.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Hat die Liebeskrankheit dich<br /></span>
-<span class="i01">Ganz besessen gleich wie mich,<br /></span>
-<span class="i02">Ei wol! Geh behutsam nur,<br /></span>
-<span class="i02">Da&szlig; man nicht komm auf die Spur.<br /></span>
-<span class="i01">La&szlig; den Hasen ja nicht blicken,<br /></span>
-<span class="i01">Du musts wissen zu verzwicken;<br /></span>
-<span class="i02">Wilttu handeln recht gescheit,<br /></span>
-<span class="i02">Ei, so gehe nicht so weit!<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Die_Gaukler_Spitzbuben">Die Gaukler, Spitzbuben</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten
-Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer
-verkauft einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein
-Knabe, der ihr einen Zopf abschneidet, links am &auml;u&szlig;ersten Rand
-ein Mann, der mit dem Finger zeigt.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Trumpfen, letzten Stich, Pikieren,<br /></span>
-<span class="i01">Bald gewinnen, bald verlieren,<br /></span>
-<span class="i02">Ist dir ein gemeine Sach,<br /></span>
-<span class="i01">Spessern<a id="FNanchor_561_561"></a><a href="#Footnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a>, Quanzen<a id="FNanchor_562_562"></a><a href="#Footnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a> und Labeten<a id="FNanchor_563_563"></a><a href="#Footnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a><br /></span>
-<span class="i01">Half dir oft aus vielen N&ouml;then,<br /></span>
-<span class="i02">Bracht dir auch oft Ungemach.<br /></span>
-<span class="i01">Man schlug dich oft auf die Taschen,<br /></span>
-<span class="i01">Wollen wir jetzunder paschen?<a id="FNanchor_564_564"></a><a href="#Footnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a><br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="tb10" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;noten:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_561_561"></a><a href="#FNanchor_561_561"><span class="label">[561]</span></a> <em class="gesperrt">Spessern</em>, &uuml;berbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch gebr&auml;uchlichen
-&raquo;es bessern.&laquo;</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_562_562"></a><a href="#FNanchor_562_562"><span class="label">[562]</span></a> <em class="gesperrt">Quanzen</em>, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die
-Partie haben, <span class="antiqua">avoir quinze sur la partie</span>; daher der Name eines Spiels, wobei
-der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, <span class="antiqua">jouer au quinze</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_563_563"></a><a href="#FNanchor_563_563"><span class="label">[563]</span></a> <em class="gesperrt">Labeten</em>, durch Kaufen sein Spiel verlieren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-<p><a id="Footnote_564_564"></a><a href="#FNanchor_564_564"><span class="label">[564]</span></a> <em class="gesperrt">paschen</em>, einen Pasch werfen, dann
-w&uuml;rfeln &uuml;berhaupt.</p></div>
-
-</div>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271">[S. 271]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="und_Spieler_betreffend">und Spieler betreffend.</h2>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei
-M&auml;nner spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen
-sitzend; auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.)</p>
-
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Eichel, Schellen, Gr&uuml;n und Herz<br /></span>
-<span class="i01">Bringen dir bald Freud, bald Schmerz.<br /></span>
-<span class="i02">Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen;<br /></span>
-<span class="i02">Bald hei&szlig;ts: Mein Geld ist zerronnen.<br /></span>
-<span class="i01">Sags nur meiner Frauen nicht,<br /></span>
-<span class="i01">Was hier bei dem Spiel geschicht,<br /></span>
-<span class="i02">Sie m&ouml;cht treten sonst ins Mittel<br /></span>
-<span class="i02">Und mir lesen ein Capitel.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Des_Autoris_poetische_Erinnerung_an_den_Leser">Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.</h2>
-
-
-<blockquote>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i01">Durch dieses B&uuml;chlein hab ich sehr viel Geld erschnappet,<br /></span>
-<span class="i01">Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet.<br /></span>
-<span class="i02">Versuch es auch einmal, gewi&szlig;, es reut dich nicht,<br /></span>
-<span class="i02">Wann deine Kunst mit Ma&szlig; zu rechter Zeit geschicht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i01">Man lebt doch in der Welt, mu&szlig; sehn, wie man sich n&auml;hret,<br /></span>
-<span class="i01">Da&szlig; man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret.<br /></span>
-<span class="i02">Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut,<br /></span>
-<span class="i02">So machstu, da&szlig; man dir stets alles Gutes thut.<br /></span>
-</div></div>
-</blockquote>
-
-
-<p class="pmb3 center">
-Ende.<br />
-</p>
-
-<blockquote>
-<p>(<em class="gesperrt">Holzschnitt</em>: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige C&auml;cilia?].
-Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit
-den H&auml;nden zwei Blasb&auml;lge.)</p>
-</blockquote>
-
-<hr class="tb10" />
-
-<p class="center font08 pmb3"><b>
-Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.</b></p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p class="break" />
-
-
-<div class="transnote">
-
-<b><a id="Transcribers_notes">Notizen des Bearbeiters:</a></b>
-
-<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p>
-
-<p>Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend ge&auml;ndert.</p>
-
-<p>Inhaltsverzeichnis eingef&uuml;gt.</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster
-Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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