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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) - -Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -Editor: Julius Tittmann - -Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Deutsche Dichter - - des - - siebzehnten Jahrhunderts. - - =Mit Einleitungen und Anmerkungen.= - - Herausgegeben - - von - - Karl Goedeke und Julius Tittmann. - - Zehnter Band. - - Grimmelshausen's Simplicianische Schriften. - - =Erster Theil.= - - [Illustration: Signet] - - Leipzig: - F. A. Brockhaus. - 1877. - - - - - Simplicianische Schriften. - - Von - - Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen. - - Herausgegeben - - von - - Julius Tittmann. - - Erster Theil. - - Trutz Simplex. -- Der seltzame Springinsfeld. - - Anhang: Der erste Bärnhäuter. -- Gaukel-Tasche. - - [Illustration: Signet] - - Leipzig: - F. A. Brockhaus. - 1877. - - - - -Inhalt - - - Die Simplicianischen Schriften. - I. v - - Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten - Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen - Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. 5 - Das erste Capitel. 9 - Das zweite Capitel. 12 - Das dritte Capitel. 16 - Das vierte Capitel. 20 - Das fünfte Capitel. 23 - Das sechste Capitel. 28 - Das siebente Capitel. 32 - Das achte Capitel. 35 - Das neunte Capitel. 38 - Das zehnte Capitel. 42 - Das elfte Capitel. 46 - Das zwölfte Capitel. 49 - Das dreizehnte Capitel. 53 - Das vierzehnte Capitel. 57 - Das fünfzehnte Capitel. 62 - Das sechzehnte Capitel. 67 - Das siebzehnte Capitel. 71 - Das achtzehnte Capitel. 76 - Das neunzehnte Capitel. 81 - Das zwanzigste Capitel. 87 - Das einundzwanzigste Capitel. 89 - Das zweiundzwanzigste Capitel. 93 - Das dreiundzwanzigste Capitel. 98 - Das vierundzwanzigste Capitel. 102 - Das fünfundzwanzigste Capitel. 105 - Das sechsundzwanzigste Capitel. 108 - Das siebenundzwanzigste Capitel. 112 - Das achtundzwanzigste Capitel. 115 - Zugab des Autors. 119 - Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. 120 - Der seltzame Springinsfeld. 121 - Das erste Capitel. 127 - Das zweite Capitel. 130 - Das dritte Capitel. 135 - Das vierte Capitel. 140 - Das fünfte Capitel. 144 - Das sechste Capitel. 149 - Das siebente Capitel. 155 - Das achte Capitel. 162 - Das neunte Capitel. 166 - Das zehnte Capitel. 172 - Das elfte Capitel. 175 - Das zwölfte Capitel. 181 - Das dreizehnte Capitel. 186 - Das vierzehnte Capitel. 191 - Das fünfzehnte Capitel. 195 - Das sechzehnte Capitel. 198 - Das siebzehnte Capitel. 203 - Das achtzehnte Capitel. 206 - Das neunzehnte Capitel. 210 - Das zwanzigste Capitel. 213 - Das einundzwanzigste Capitel. 216 - Das zweiundzwanzigste Capitel. 219 - Das dreiundzwanzigste Capitel. 223 - Das vierundzwanzigste Capitel. 227 - Das fünfundzwanzigste Capitel. 231 - Das sechsundzwanzigste Capitel. 234 - Das siebenundzwanzigste Capitel. 240 - Anhang. 243 - Des ersten Bärnhäuters Bildnus. 246 - Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. 247 - Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. 256 - An die Umstehenden. 257 - Die Geizigen und... 260 - ...Mauschals betreffend. 261 - Die Possenreißer und... 262 - ...Schalksnarren betreffend. 263 - Die Soldaten und... 264 - ...Kriegsgurgeln betreffend. 265 - Die Weinschläuch und... 266 - ...Bierbrüder betreffend. 267 - Die Courtisanen und... 268 - ...Jungfernknechte betreffend. 269 - Die Gaukler, Spitzbuben... 270 - ...und Spieler betreffend. 271 - Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. 272 - - - - - Die Simplicianischen Schriften. - - - - -I. - - -Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph -von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« -gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens -zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und -Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht -jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß -des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch -eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam -geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe -werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die -Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem -Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, -ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's -schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die -Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch -ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können -unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so -vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist. - -Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens -vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer -verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben -durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd -erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der -Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren -großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade -jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen -dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und -Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir -ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; -das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der -durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt -wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch -diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden -diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht -construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, -vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen -möchten. - -Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen -»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das -Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem -größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der -Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der -beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des -siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke -unmittelbar an. - -Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für -sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und -Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; -diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die -Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In -diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme -keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, -der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht -hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich -bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt. - -Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß -auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in -welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im -allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des -Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen -geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, -in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die -Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein -Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben -nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die -Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive -der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung -zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen -und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst -empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der -andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst -eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die -Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr -noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, -=die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter -alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective -Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen -sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des -Gegebenen und seiner Erfolge gelingen. - -Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der -Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe -so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, -er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische -Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten -Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt -erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte -er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit -noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte. - -Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau -die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem -vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale -Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem -Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich -alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte -steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in -dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß -die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe -seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige -Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen -Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig -ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern -Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich -feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in -nachstehender Weise vermittelt. - -Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in -Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn -sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er -im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt -genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten -Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~ -als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben -mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden -Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen -mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr -selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war -freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller -Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer -Thaten. - -Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz -dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt -durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann -er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen -und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem -Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; -überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne -Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in -einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung -unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die -große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der -einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die -Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen, -die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer -beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter -im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen -Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles -seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten -beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht -natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch -seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen -Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete -Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang -eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft -entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben -Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof. -Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau -eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde -ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür -gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als -müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die -Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch -wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der -Liebe für immer verleidete. - -Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle -in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter -doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem -Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen -fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte -es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich -als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes -verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um -zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne -herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen -Lebens daran zu knüpfen. - -Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies -in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der -Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt -in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den -Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet -eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von -da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht -mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar -wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr -aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller -Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit -sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder -wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste -mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie -gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den -er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei -ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule -gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein -paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen -in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der -Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine -Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort -findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende -Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann -tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige, -ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und -tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und -Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den -beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder, -deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der -Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner -Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise -abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber -erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte -berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er -erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm -dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn -durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt -keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte, -wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist. -Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die -»Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, -sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische -Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über -zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte -Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den -Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die -Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin -abstamme. - -Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes -mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in -ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt -wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des -»Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen -künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache -Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem -wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies -wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in -halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich -eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte -sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende -machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger -unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige -allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu -Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu -bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt -eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die -Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen -war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich -desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von -sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war -schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause -die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte, -und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur -Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht. - -Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften -festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's -folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch -also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich -anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, -»Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das -Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch -letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen -Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden. -Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, -Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. -Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher -Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat -hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen. - - * * * * * - -Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame -Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist -nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will. - -Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland -bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine -formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten -an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon -der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten -läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich -erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei -uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst -geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich -ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem -für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben -des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. -Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch -Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon -ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit -Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der -Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen -und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie -ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in -ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust -sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des -männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung -und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt -ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und -die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen -Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen; -in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse -Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der -maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die -sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch -nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei -den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose -Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine -Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe -schnellt. - -Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine -hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie -bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch -persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum -Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos -freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet -wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer -Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei -den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich -zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, -die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten. -Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben -eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und -ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für -diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung -Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen -läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war. - -In der für die höhern Stände zunächst berechneten -Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen -ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus -Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch, -der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in -den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen -materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit -jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf -solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die -»Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«, -die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst -schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu -rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung -über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde, -schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, -der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit -angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die -Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die -Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende -Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine -heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier -lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen, -die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden, -die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem -Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte -aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich -demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein -Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich -erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte, -indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und -seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen -Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine -deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597. - -Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen -sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich -vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts -aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus -ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~« -mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese -in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher -Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt -hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein -solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das -wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen -von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius -und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind. - -Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen -Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter -moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die -Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. -w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit -inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre. - -Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein -Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der -Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung -der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor -andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum -besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, -aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die -Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, -wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen -und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der -modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=, -und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken. - -Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz -trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige -Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, -den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) -und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), -die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar -demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des -Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern -Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern -zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn -der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den -heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des -Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und -Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß -er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als -Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit -dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch -der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder -einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen -Redewendungen anbringen läßt. - -Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die -Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung -»Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, -die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit -der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, -alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen -Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf -aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie -erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der -Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann -endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, -und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk -entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige -Seligkeit hätte bringen können. - -Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische -ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von -geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe -eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von -Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact -gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem -Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn -denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von -Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. -Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen -Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen -Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, -und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, -Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 -wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus -den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei -Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und -seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach -England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, -mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum -Islam gegeben haben. - -Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des -Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der -dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf -dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König -Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung -aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen -zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, -da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von -Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht -mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. -Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, -bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung -treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch -den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian -ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände -zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl -Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich -und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs -abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils -verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als -zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch -der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen -gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, -wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte -zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß -es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor -Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem -Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. -Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek -wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, -wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf -Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, -und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz -verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen -begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge -»fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, -in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem -Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 -Menschen erschlagen worden. - -Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen -in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht -ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 -ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch -Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack -und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's -(S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende -October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel. - -Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; -den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen -ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während -der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz -abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. -Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach -Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere -Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur -Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. -Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche -Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer -flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die -Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die -Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus -Mähren zu danken hatten. - -Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den -Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern -Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da -Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte -sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle -er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der -Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, -während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten -das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei -Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage -erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei -Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, -welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von -Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der -Wetterau bezogen. - -Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der -Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier -geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe -doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch -genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct -auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo -de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche -Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter -konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und -das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien -eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse -in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier -Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt -sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei -den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte -Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von -Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem -Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage -kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den -»Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen -von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel -hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene -Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das -Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen -liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört -hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier. - -Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die -Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. -Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, -ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte -sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im -Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der -Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun -die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte -bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, -dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen -worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, -mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht -aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich -Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der -Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die -Elbe bis nach Jütland gedrängt. - -Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der -Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu -ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste -Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch -Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg -erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten -Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe -zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie -die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen -erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den -Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte -und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon -im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die -Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen -und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun -rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. -Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des -folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der -Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf -Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung -zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und -der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in -der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen -waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine -großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die -Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. -Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei -welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins -freie Feld an der Donau verlegt. - -Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit -November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) -befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal -verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur -Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf -der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um -sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum -Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. -Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und -ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen -sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten -Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht -bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy -die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine -Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs -1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in -Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet -das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In -spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen -Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus -noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 -erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte -sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft -eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen -Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die -Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit -berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch -über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die -Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem -Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld -herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen -und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und -diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser -Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen. - - * * * * * - -Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, -mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute -Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht -zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes -die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur -Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, -die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen -Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer -eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung -als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«. - -Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner -Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, -wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern -zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes -Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, -daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und -Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht -gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere -Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und -unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und -nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem -alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger -denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste -hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die -Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das -Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, -ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick -danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor -bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in -einem Hospital zu enden. - -In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie -heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage -eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben -auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von -Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden -entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen -vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten -derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen -geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, -Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, -die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~, -~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf -christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, -wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und -Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und -Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten. - -Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer -Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus -dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst -niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur -Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. -Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen -Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und -eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer -Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch -den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich -sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den -=Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; -natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit -verzichten. - -Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er -war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo -de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei -Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen -Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen -Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann -Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland -zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, -Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, -eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen -genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und -gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er -darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen -Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des -Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, -als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und -gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen -marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht -hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er -besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei -seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, -die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten -und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner -dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien -gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment -kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand -hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen. - -Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten -Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die -Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem -Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß -mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp -von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, -und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest -zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er -nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten -den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen -und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach -Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in -kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier -scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. -Der geschichtliche Verlauf ist folgender. - -Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern -einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den -Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im -November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt -hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte -seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber -der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte -nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend -gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 -Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen -selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um -diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, -machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; -dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen -Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch -die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als -ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen -bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei -Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter -Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die -Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior -von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren -hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth -führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct -auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am -23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde -dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem -Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz -bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier -den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke -gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold -von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald -zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen -bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen -vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, -während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; -bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in -voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade -ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch -das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein -Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war -die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig -Regimenter kostete. - -Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644. -Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von -Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir -auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den -Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die -Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne, -die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte -waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich -nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder -Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen, -darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit -bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt -mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem -Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte -Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße -gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen -und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser -Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel -gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld -deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug, -wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment -dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem -Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, -viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont -und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte -Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem -es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, -die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt -wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des -festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den -bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8. -December 1645. - -Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind -verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen -(Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in -kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In -der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall -Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich -geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig -Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen -geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth -mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, -wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den -gefallenen General. - -In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg -durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten -war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment -mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, -an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder -freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als -die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich -die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand -»der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb -in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647 -mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14. -September schon gekündigt wurde. - -Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen« -sind der General der Reiterei Johann de Werth und der -Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli -ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen -Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs -Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die -Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so -vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De -Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen. - -Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die -folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo -die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel -schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen -Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich -führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre, -Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen -Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau -bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert, -darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz -soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der -Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht -nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre -genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in -ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst -einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging -ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint -man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem -Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug -begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit -ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über -welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es -wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte -gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig -ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen -vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian -nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige -Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, -ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt, -die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer -bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt. - -Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu -gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem -schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg. - -Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der -Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter -energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer -scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel, -genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der -letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen -seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms -zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft. - -Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die -Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in -Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des -Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus -Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen -Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen, -dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder -Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines -Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur -der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im -August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener, -auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage -Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in -aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von -fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt. - -Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im -ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit -geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den -Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, -und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers -mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa -schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an -Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend -Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische, -französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten, -faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische -Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und -verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. -In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war -den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation -unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den -17. September 1668. - -Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war -nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und -Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner -»Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in -Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen -Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er -selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und -Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen -Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. -Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort -als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist -doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf -dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige -Handlung sich auswirkt. - -Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange -der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als -Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. -Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz -nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen -Angaben stimmt. - -Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden -eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem -es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten -Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem -ehrbaren Wandel bekehrt hatte. - - * * * * * - -Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. -Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung -untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher -und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier -das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung -eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun -pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt -des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser -Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze -Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig -gehalten werden. - -In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender -Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. -B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im -germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier -ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche -Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben -Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer -gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem -Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« -genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke -(in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein -Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein -Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren -sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; -auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten -Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter -den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, -dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. -zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen -verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht -auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der -reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden -Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel -übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister -erblicken läßt. - -Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar -an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen -Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem -Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die -Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte -an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen. -Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche, -Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam, -ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil, -worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu -ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, -dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des -Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten -Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie -eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre -Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte -Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer -ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches -Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger -Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart -bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche -Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter -Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte -am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs -eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte -sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, -seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im -Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich -zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung -freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So -leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und -draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit -Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein -Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein -Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er -werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß -zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich -am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die -einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er -sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche -in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß -macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene -die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von -seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten -Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die -Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da -stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun -bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in -einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben. - -Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum -germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's -Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder -»Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr -Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die -spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so -oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum -zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den -Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles -das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst -nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit -göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der -Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite -und Anchises im griechischen Götterglauben. - -Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen -übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere -Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen -damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und -das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers -alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der -Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun -und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde -jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er -bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein -Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten -Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen -sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte -noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn -der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der -localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause -ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd -heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich -selbst ein »Mümmelchen« -- der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft --; -des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt -ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, -der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand -seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend -durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch -heranbrausenden Wellen fortgerissen. - -Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der -ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt -ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als -Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner -verwandt zu werden. - - * * * * * - -Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen -bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670 -bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach -oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten -Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck -erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu -Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger -Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich -gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte -ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage -beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre -eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler -sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den -Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während -einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für -unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus« -angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind. - - * * * * * - -Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr -bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der -erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon -darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. -Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die -ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. ~VII~), wo -Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt, -genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der -Schreiber (»Springinsfeld« Kap. ~VIII~) von seiner Absicht sagt, das -Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die -Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« -folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt -worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek -zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der -Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm -Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht -verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr -erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 -Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß -die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, -und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, -die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten -gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein -neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt -hat. - -Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche« -auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie -Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so -vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite -zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder -Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich -in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. ~III~, S. 181 fg.) -haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls -»Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am -meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem -der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die -durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen -Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen: -»Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein -König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt -wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische -Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der -Welt« (~II~, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch -die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt -der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die -Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav -genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde -geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären. - - * * * * * - -Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des -»Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die -Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als -vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn -auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben -haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also -besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag -immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst -nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe -ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst -von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432), -einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »~Rinconete y Cortadillo~«, -deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und -Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird -also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des -Namens scheint daneben bestehen zu können. - -FUSSNOTEN: - -[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite -stehen im Original -- zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs -Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei -Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend -- folgende Verse: - - Erklärung des Kupfers - oder - Die den geneigten Leser anredende Courage. - - Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue, - So wirf' ichs drum nicht weg, um daß es mich gereue, - Daß ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht, - Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt. - Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen; - Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen, - Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz, - Und was ich möge thun dem Simplici zum Trutz. - -[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen -Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter. - -[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige. - - Auf der Rückseite des Titels: - - Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld, - Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt, - Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen, - Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen. - Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück? - Sie stimmten in =ein= Horn, zeigten mir ihre Tück. - Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen, - Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen, - Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus, - Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus, - Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben, - Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben. - - - - - I. - - Trutz Simplex. - - - - - Trutz Simplex - - Oder - - Ausführliche und wunderseltzame - - Lebensbeschreibung - - Der Erzbetrügerin und Landstörzerin - - Courage, - - Wie sie anfangs eine Rittmeisterin, - hernach eine Hauptmännin, ferner - eine Leutenantin, bald eine Marketenterin, - Musquetiererin und letzlich eine - Zigeunerin abgegeben, Meisterlich - ~agiret~ und ausbündig - vorgestellet: - - Eben so lustig, annehmlich u[=n] nutzlich - zu betrachten als ~Simplicissimus~ - selbst. - - Alles miteinander - - Von der Courage eigner Person, - dem weit und breit bekannten ~Simplicissimo~ - zum Verdruß und Widerwillen, dem - ~Autori~ in die Feder ~dictirt~, der sich vor - dißmal nennet - ~Philarchus Grossus~ von Trommenheim, - auf Griffsberg &c. - - Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot. - - - - -Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der -merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser -lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin -und Zigeunerin Courage. - - - =Das erste Capitel.= Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, - weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden - Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin - Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf - erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet. - - =Das zweite Capitel.= Jungfrau Lebuschka (hernachmal - genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco, - muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; - dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich - Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen. - - =Das dritte Capitel.= Janco vertauschet sein edles - Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen - Courage. - - =Das vierte Capitel.= Courage wird darum eine Ehefrau - und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe - werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile - lediger Weise getrieben hatte. - - =Das fünfte Capitel.= Was die Rittmeisterin Courage in - ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes - gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen - wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern - mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft. - - =Das sechste Capitel.= Courage kommt durch wunderliche - Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit - dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte. - - =Das siebente Capitel.= Courage schreitet zur dritten Ehe - und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber - nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die - Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution - und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie - sitzen läßt. - - =Das achte Capitel.= Courage hält sich in einer Occasion - trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen - Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger - Ueberlaufer gefangen und gehenket worden. - - =Das neunte Capitel.= Courage quittirt den Krieg, nachdem - ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman - vor einen Spott gehalten wird. - - =Das zehnte Capitel.= Courage erfähret nach langem Verlangen, - Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und - freiet darauf wiederum einen Hauptmann. - - =Das elfte Capitel.= Die neue Hauptmännin Courage - ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister - und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit - in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann - und wird eine unglückselige Witwe. - - =Das zwölfte Capitel.= Der Courage wird ihre treffliche - Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen - Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen - und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich - von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen, - erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf - ein Schloß geführt. - - =Das dreizehnte Capitel.= Courage wird als ein gräfliches - Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister - gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung - der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar - listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich - verlassen. - - =Das vierzehnte Capitel.= Courage wirft ihre Liebe auf - einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen - wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird - ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten - vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie - legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu - Hülfe kame. - - =Das funfzehnte Capitel.= Courage hält sich bei einem - Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie, - dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand - lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf - eine Marketenterin. - - =Das sechzehnte Capitel.= Courage nennet ihren Courtisan, - den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein - Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer - Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich - hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket - sich stattlich in den Handel. - - =Das siebzehnte Capitel.= Der Courage widerfährt ein - lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer - italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen - Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin - als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht - auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen. - - =Das achtzehnte Capitel.= Die gewissenlose Courage erkauft - von einem Musquetierer einen ~Spiritum Familiarem~, empfindet - darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und - Willen von statten. - - =Das neunzehnte Capitel.= Courage richtet ihren Springinsfeld - zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer - vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller - gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt - und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird. - - =Das zwanzigste Capitel.= Courage nebenst ihrem Springinsfeld - bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie - dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter - war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in - die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen - verlegte. - - =Das einundzwanzigste Capitel.= Courage wird von - ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel - zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade - und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil. - - =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Courage wird von - ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen - des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich - zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des - Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das - beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem ~Spiritu Familiari~. - - =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Courage heurathet - wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr - erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten - Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk - wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten - Soldaten. - - =Das vierundzwanzigste Capitel.= Courage bekommt - eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und - macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie - ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind - vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage - mit ihm erzeugt hätte. - - =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Courage treibet mit - einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel, - als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten - und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle - fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben, - endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird. - - =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Courage wird eine - Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr - Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten - antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten, - ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem - Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus - nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt. - - =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Nachdem der Courage - Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf - ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter - welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten - Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält - sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder - zustellen. - - =Das achtundzwanzigste Capitel.= Courage kommt mit - ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, - reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr - Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman - im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen - die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen - sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon. - - - - -Das erste Capitel. - - Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen - und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin - und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen - Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet. - - -Ja -- werdet ihr sagen, ihr Herren -- wer solte wol gemeint haben, daß -sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn -Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das -Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat -sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, -und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre -vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die -begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und -Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, -daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten -Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere -Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue -Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt -ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, -ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung -schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen. - -Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden -gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte -zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer -Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und -endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret, -beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen -gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde -die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie -wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie -dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher -erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel -jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders -würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte -- werdet ihr -sagen --, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt -und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als -Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden -als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die, -deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn -kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie -wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen -anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage -Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last -der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand -Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund -begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung -zu fassen die Gnad haben können. - -Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also -werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser -meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches -erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder -jung oder gar zu Stücken lachen. - -Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen? - -Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange -Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam -angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset -daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und -diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, -der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne -unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen -überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben -nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu -ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber -zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir -manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen -Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, -mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich -meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte -als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch -folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden -Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich -bändig zu machen. Die ~Cholera~[7] hat sich mit den Jahren bei mir -vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der -Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann -dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte ~Phlegmam~[8] -evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die -melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? -Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus -langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige -Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche, -wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach -jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und -in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die -gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir -doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der -übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu -widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch -nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret, -ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit -nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan! - -Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren, -warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller -Welt deine Laster offenbarn? - -Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt -nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich -im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen -spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine -und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung -vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit -was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, -wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer -Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze -ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und -Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei. - -Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und -die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und -Sünder abgestraft. - -FUSSNOTEN: - -[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«. - -[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen. - -[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen. - -[7] =~Cholera~=, Galle. - -[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen. - -[9] =beschweret=, beschwöret. - - - - -Das zweite Capitel. - - Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den - Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen - Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und - was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen. - - -Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne -Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem -böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden. - -Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings -und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine -Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste -mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug -auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum -Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit -angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; -ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen -Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der -Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum -zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, -welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und -solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und -von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft -der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau -behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern -meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten -sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn -ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte. - -Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der -Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei -Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den -Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen -grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach -hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann -ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und -Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um -euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.« - -Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das! - -Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf -der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in -aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen. - -»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren -entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan -euch das ander auch wieder wachsen.« - -Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt -gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten -hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie -mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden -verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch -in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit -großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche -Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will -mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der -eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder -genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal -solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant -worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin -ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen -wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem -ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich -nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe -michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich -zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht -glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen -hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben. - -Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte -ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer -Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere -Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die -böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: -wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein -Teutscher Flachs in finden.« - -»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk -an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?« - -»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn -aus der Küheweid[19] bringe.« - -»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden -erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne, -die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu -dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel -auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.« - -Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte, -daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten. -Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem -geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und -Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das -Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt -schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich -der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page -und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern -böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer -Nation haben wolte. - -Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste -meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen -so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und -ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten -Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum -Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und -Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von -ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20] -wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte, -muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung -eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch -reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf -lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine -weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich -lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen -wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, -daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte, -so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken -solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst -nicht mitgebracht. - -FUSSNOTEN: - -[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben -will! - -[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch -gebräuchlich. - -[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen, -Prachiner Kreis. - -[13] Vgl. die Einleitung. - -[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer. - -[15] =Dauben=, Einbildungen. - -[16] =schmecken=, riechen, merken. - -[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild -hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht. - -[18] =Kuder=, Werch, Heede. - -[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend. - -[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags. - - - - -Das dritte Capitel. - - Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten - Rittmeister um den Namen Courage. - - -Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger -Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein -reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich -mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so -viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt -hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten. -Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und -Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar -tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken -seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es -die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich -ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng -so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde -vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die -Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals -machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht -wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie -ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon -seine Besoldung hat. - -Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich, -der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in -Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem -sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung -curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir -seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines -Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur -diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar -nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein -roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn -niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König -Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein -Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich -aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende -jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher -Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns -werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich -und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch -nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß -mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war, -von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht -kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich -nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe -preißmachen. - -Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte, -mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja -von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch -die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte -zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber -solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten, -daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein -treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch -so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom -Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war, -und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, -das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen -können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit -einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet. -Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich -der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen -meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen -getraute. - -Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord -gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils -alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten -zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen -alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum -allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten -bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte -ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben, -und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation -gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die -Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen -hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei -gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von -den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen, -unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz -wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht -hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel -mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum -wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß -ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich -mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich -meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß -er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte -ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm -gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon -und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was -Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte, -wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu -denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er -sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte -noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus. - -Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam, -sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich -lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht -gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges -Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch -unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber -die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen -Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum, -daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines -Mannsmenschen Hände kommen sein.« - -Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die -Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister -wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen -müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen -befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch -verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte -dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste. - -»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu -Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und -demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und -hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer -hergebrachten Ehr beschützen.« - -Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu -weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst -gewesen. - -Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen, -daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein -Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach -mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; -mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre, -der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele -mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich -mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu -entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen, -allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen -ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, -unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im -Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du -guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht -eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum -abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe -du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du -zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten -worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich -sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar -ordenlich von mir vernehmen solt. - -FUSSNOTEN: - -[21] =Rakonitz=, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag. - -[22] =Alphonsus=, Alfons X., König von Leon und Castilien, -reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, -Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von -Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint. - -[23] =Iylau=, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn. - -[24] =Trebitz=, =Trebitsch=, =Trzebicza=, Flecken, -Fähren, Kreis Iglau. - -[25] =mundirte=, montirte, ausrüstete. - -[26] =schnellen=, in die Höhe, wieder zu stehen kommen. - -[27] =Filz=, Schelte, Strafrede. - -[28] =verzwicken=, zweideutig ausdrücken. - -[29] =wagen=, Gefahr laufen. - -[30] =Zeiger=, =Zieger=, Käse. - - - - -Das vierte Capitel. - - Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich - darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den - Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte. - - -Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und -versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs. -Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten -und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine -Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben -konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich -eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben -meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen -Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war -froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen -war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit -meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien -ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen -das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders -manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin -nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig -behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch -mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben. -Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht -mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben -Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern -vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer -sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste -Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was -schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer -Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und -lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen -gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein -solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod -selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der -Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal -kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen, -daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben -muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der -Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen -möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei -umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit -von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein -Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen -und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum -Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und -zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von -mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand -herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung -gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß -ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte. - -Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und -nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und -beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir -würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen -giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche -erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg -und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37] -kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich -verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten -niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu -fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst -pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte -prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war. -Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß -er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher -eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und -communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter -und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme -im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner -Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil -ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt -nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu -leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben. -Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als -ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück -beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß, -welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang -tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen -mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem -Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr -das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt -einem der Teufel zum ersten hin. - -Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir -nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön -Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir -von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch -von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte -aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar -gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich -elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder -zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen -meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor -belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu -Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an -der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich -mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer -Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen, -zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig -finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. -Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich -vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so -viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im -Krieg redlich und ehrlich gewonnen. - -FUSSNOTEN: - -[31] =dermalen eins=, dermaleinst. - -[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11 -in ihrer Weise auf! - -[33] =toll=, auffallend. - -[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche -gehen. - -[35] =Georgi=, Szt. György. - -[36] =die Insul=, Schütt. - -[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser -ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der -Neitra 1626; vgl. die Einleitung. - -[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein -Beileid bezeigte. - -[39] =gut edel=, von gutem Adel. - - - - -Das fünfte Capitel. - - Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares - züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie - einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen - bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig - unterwirft. - - -Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach -Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in -den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein -Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine -Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40] -zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus -kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht -viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks -und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant, -welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen -Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die -sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich -wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und -ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür -leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und -eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, -Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich -aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund -vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, -das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen -anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner -Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich -meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit -solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit -mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer -besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, -wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, -sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen. -Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und -lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode -aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, -wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch -glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte -sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem -schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte. - -Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden -Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den -»Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu -ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen -machte, das ließe sie nicht unterwegen. - -Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die -Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich -zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen -wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach -an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm -gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag -hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig, -welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt -hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte, -noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich -die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol -unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen -anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um -ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in -der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser -spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es -ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit -nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft -vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener -alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt, -und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten -oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, -die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf -meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend -neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit -mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und -lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer -solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, -da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und -dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit -mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte, -daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste -nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil -seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu -ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen -Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines -Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, -die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal -mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen -ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er -seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte, -wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte -mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol -leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles -verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich -in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den -Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte -maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur -seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; -ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht -sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine -Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte -sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe -damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber -nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin -kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von -jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber -ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein -von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem -Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da -ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe -Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen -Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer -guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem -ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen -weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte -mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen -Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht -darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück -columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid -geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß -ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt -hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador, -welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach -diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren -konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das -mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern -behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle -gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß -ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte, -ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, -Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte -wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen -verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz -zu machen, weil ich wuste, daß es heißt: - - Ein jeder Tag bricht dir was ab - Von deiner Schönheit biß ins Grab. - -Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger -gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen -mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die -Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt -dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich -beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich -allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können, -sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar -daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte, -seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr -blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber -getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und -zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte -einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich -eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen. - -FUSSNOTEN: - -[40] =genau=, sparsam. - -[41] =Daus-Es=, =Daus-As=, 2 und 1 im Kartenspiel = -durchtriebenes Weib. - -[42] =Hofbursch=, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute. - -[43] =sich enthalten=, sich aufhalten. - -[44] =aufsetzen=, frisieren und coiffieren. - -[45] =Amadis=, vgl. die Einleitung. - -[46] =dörfen=, wagen. - -[47] =Anwurf=, erster Angriff. - -[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso -verliebt waren. - -[49] =columbinen=, ~colombin~, ~couleur gorge de pigeon~, -taubenhalsfarbig - -[50] =malzern=, malzen, figürlich Ausbeute machen. - -[51] =Reise=, Dienst. - - - - -Das sechste Capitel. - - Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und - freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt - lebte. - - -Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners -zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine -Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches -ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber -potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen -sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman -gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen -Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und -wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie -der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an -einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen. -Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, -allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen -pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde -ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische -Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig -Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und, -weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit -einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht -gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24 -Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er -mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten -könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich -ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, -wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus -Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie -mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein -Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so -werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern -disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er -genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und -damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil -wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter -seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der -Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall -er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit -dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die -Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei -mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie -wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich -an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den -alten Reimen: - - Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, - Aber es geht ihn nicht von Herzen, - Sie pflegen sich nur so zu stellen; - Sie können weinen, wann sie wöllen. - -Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu -trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wol -bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen -dem weinenden und betrübten Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poß -gienge mir auch an, und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit -hohem Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem -ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der Copulation -im geringsten nicht berühren solte, welches er beides verheißen und -gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen[56] -ankamen, welches eben damals dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder -selbst per Accord übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs -heftige Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden -mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, ehe er möchte -erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, welches kein geringe -Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der Armee gewesen, als -sich etliche hohe Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien -gekant, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren -sie so bescheiden[57], daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich -ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, darüber ich aber -gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, außer daß ich den -Namen Courage wiederum gedulden muste. - -Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich eben so -hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute. -Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich gerne sahe. Gleich wie -ich aber solches geduldete, also gab er auch zu, daß ich mit Reden -und Geberden gegen jederman desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn -dann jemands vexierte, daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte, -antwortet er auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob -ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei dem, -was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit, -dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit -ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel und Zeug montirt. Ich ritte -nicht wie andere Officiersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf -einem Mannssattel, und ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich -doch Pistolen und einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte -auch jederzeit einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war -im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber also -versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und einen jungen -Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine Rencontra gegen dem -Feinde, so war mir unmüglich, apart[58] nicht mit zu machen. Ich sagte -vielmalen, eine Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren -nicht wagen dörfte, solte auch kein Plümage[59] wie ein Mann tragen. -Und demnach mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne -kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so kühn, -wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner oder, wie mans -nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen und neben dem -Troupen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger, weil -ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter -meiner Wirthin erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen[60] -konte. - -So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte mehr Beuten -als mancher geschworner Soldat, welches auch Manchen und Manche -verdroß; aber da fragte ich wenig nach, dann es gab mir Schmalz auf -meine Suppen. Die Verträulichkeit meines sonst (gegen meiner Natur -zu rechnen) ganz unvermöglichen Manns verursachte, daß ich ihm -gleichwol Farb hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir -anmeldeten, die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er ließe -mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto weniger -bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen frech, aber -auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann, im Feld so häuslich -und zusammenhebig[61] als immer ein Weib, in Beobachtung der Pferde -besser als ein guter Stallmeister, und in den Quartieren von solcher -Prosperität, daß mich mein Hauptmann nicht besser hätte wünschen -mögen. Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er -gerne, daß ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf hinaus fuhr, -weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte, daß wir einen guten -Particul darvon in eine vornehme Stadt zu verwahren geben musten. Und -also lebte ich trefflich glückselig und vergnügt, hätte mir auch meine -Tage keinen anderen Handel gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser -beritten gewest wäre. Aber das Glück oder mein Fatum ließe mich nicht -lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann bei Wißlach todt -geschossen wurde, sihe, so ward ich wiederum in einer kurzen Zeit zu -einer Wittib. - -FUSSNOTEN: - -[52] =befriedet=, wo Frieden ist. - -[53] =schrei=, schrie (mhd. ~schrei~, ~part.~ von -~schrien~). - -[54] =gepartet=, getheilt (von der Beute). - -[55] =Bursch=, Gesellschaft, Haufen. - -[56] =Weidhausen=. Vgl. die Einleitung. - -[57] =bescheiden=, verständig, discret. - -[58] =apart=, abgesondert, allein. - -[59] =Plümage=, Federbusch. - -[60] =öffnen=, in etwas eindringen, verwunden. - -[61] =zusammenhebig=, haushälterisch, wirtschaftlich. - - - - -Das siebente Capitel. - - Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine - Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit - ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch - ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar - macht und sie sitzen läßt. - - -Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederum -ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen -nehmen wolte, dann ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte -auch schöne Pferd und ziemlich viel alt Geld, und ob ich mich gleich -vernehmen ließe, daß ich meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb -Jahr trauren wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die -um mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat, herum -schwärmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei dem Regiment -Unterhalt und Quartier, biß ich mein Gelegenheit anders anstellte; -hingegen ließe ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen, -und wann es Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind -etwas zu erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als -ein Soldat, allermaßen ich in dem anmuthigen und fast lustigen Treffen -bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen -Cornet samt seiner Standart gefangen bekommen. Meine beide Knechte aber -haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht, -welche sie unserem Accord gemäß mit mir theilen musten. Nach dieser -Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem -vorigen Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider -meinen Willen seit seinem Tod gefastet, sihe, so gedachte ich, durch -meine Wahl alle solche Versaumnus wieder einzubringen, und versprach -mich einem Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler -beides an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit übertraf. Dieser -war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz von Haaren, aber weiß von -Haut und in meinen Augen so schön, daß ihn kein Maler hätte schöner -malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, biß er -mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich -so Freuden voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein -beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten die Ehre, -daß der Obriste selbst neben den meisten hohen Officiern des Regiments -bei der Hochzeit erschienen, die uns alle vergeblich viel Glück in eine -langwürige Ehe wünschten. - -Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen -lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem -Gespräch unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte -mein Leutenant seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß -er zween starke Prügel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und -ich bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten -versuchen müssen, unterließe derowegen nicht, vor den Jungen zu bitten, -biß er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tisch -zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte mein -Hochzeiter zu mir: »Ja, Liebste, ihr wißt, daß jederman davor gehalten -und geglaubt, ihr hättet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen -getragen, welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht -geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann nicht unbillich -zu besorgen habe, ihr möchtet in solcher Gewohnheit verharren und -auch die meinige tragen wollen, welches mir aber zu leiden unmüglich -oder doch sonst schwer fallen würde, sehet, so liegen sie dorten -auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir -beide uns, wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und -behaupten woltet, zuvor darum schlagen könten; sintemal mein Schatz -selbst erachten kan, daß es besser gethan ist, sie fallen gleich jetzt -im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als wann wir hernach in -stehender Ehe täglich darum kriegen.« - -Ich antwortete: »Mein Liebster!« -- und damit gab ich ihm gar einen -herzlichen Kuß -- »ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir -einander vor dißmal zu liefern, seie allbereit gehalten. So hab ich -auch niemalen in Sinn genommen, euere Hosen zu prätendirn; sondern, -gleich wie ich wol weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber -wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinem -Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er werde derowegen -sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von seinen -Fußsohlen genommen worden wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein -Ehegemahl halten, vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterstünde, -ihme auf den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe, mit -demüthiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.« - -»Ha ha«, sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu -sich zu reißen, ehe mans gewahr wird. Aber es muß zuvor darum gefochten -sein, damit ich wisse, wer dem anderen künftig zu gehorsamen schuldig.« - -Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer Narr. Ich aber -sprang aus dem Bette und legte mein Hemd und Schlafhosen an, erwischte -den kürzsten, aber doch den stärksten Prügel und sagte: »Weil ihr mir -je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit, -an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, über den Ueberwundenen -zusprecht, so wäre ich wol närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus -Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.« - -Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner wartete -und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und -gedachte mich beim Kopf zu fassen, um mir alsdann den Buckel fein mit -guter Muße abzuraumen. Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er -sichs versahe, hatte er eins am Kopf, davon er hinaus dürmelte[62], -wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween Stecken -zusammen, sie zur Thür hinaus zu werfen, und da ich solche öffnete, -stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum -Theil durch einen Spalt zugesehen hatten. Diese ließe ich lachen, so -lang sie mochten, schlug die Thür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock -um mich und brachte meinen Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen, -mit Wasser aus einem Lavor[63] wieder zu sich selbst. Und da ich ihn -zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich die -Officier vor der Thür auch zu uns ins Zimmer kommen. - -Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst -erachten. Ich merkte wol, daß mein Hochzeiter diese Officier -veranlaßt, daß sie sich um diese Zeit vorn Zimmer einstellen und seiner -Thorheit Zeugen sein solten; dann als sie den Hegel[64] gefoppet, er -würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich gegen ihnen gerühmt, -daß er einen sonderbaren Vortheil[65] wisse, welchen er den ersten -Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wolte, -daß ich zittern würde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute -Mensch hätte es gegen einer anderen als der Courage probirn mögen; -gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermans Gespött worden, -und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren -befohlen und auferlegt worden wäre. Wie wir aber miteinander gelebet, -kan sich jeder leicht einbilden, nämlich wie Hund und Katzen. Als er -sich nun anderer Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gespött -der Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle meine -Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten Pferden und einem -Knecht zum Gegentheil[66] - - - - -Das achte Capitel. - - Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem - Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, daß - ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen und gehenket - worden. - - -Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand viel elender -ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche argwohneten, ich -würde ihm folgen und wir hätten unsere Flucht also mit einander -angelegt. Da ich aber den Obristen um Rath und Befelch fragte, wie -ich mich verhalten solte, sagte er, ich möchte bei dem Regiment -verbleiben, so wolte er mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie -andere Witweiber verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman -den gedachten Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen, weil -mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd fort -waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut gemacht; doch ließe -ich meine Armuth nicht merken, damit mir keine Verachtung zuwüchse. -Meine beide Knechte, die Herrndienste versahen, hatte ich noch samt -einem Jungen und noch etlichen Schindmären oder Bagagepferden; davon -und von meiner Männerbagage versilberte ich, was Geld galte, und -machte mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib -auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich nicht -meines gleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battalia wie vor -Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit erwarten, weil man mir zu -Gefallen doch keine Schlacht gehalten, wann ichs gleich begehrt hätte. -Damit ich aber gleichwol auch wiederum zu Geld kommen möchte, dessen -es auf dem Fouragieren selten setzte, ließe ich, beides um solches zu -verdienen und meinen Ausreißer um seine Untreu zu bezahlen, mich von -denen treffen, die spendierten; und also brachte ich mich durch und -dingte mir noch einen starken Jungen zum Knecht, der mir muste helfen -stehlen, wann die andere beide musten wachen. Das trieb ich so fort, -biß wir den Braunschweiger über den Mayn jagten und viel der Seinigen -darin ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte -und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, daß er solche -Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt hätte; dann ich nahme in der -Caracole[67] einen Major vom Gegentheil vor seinem Troupen hinweg, als -er die Charge redoupliren wolte; und als ihn einer von den Seinigen -zu erretten gedachte und mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf -losbrennete, daß mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn -dergestalt mit meinem Säbel, daß er noch etliche Schritte ohne Kopf mit -mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen war. -Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und in die Flucht gewendet -worden, mir auch der Major einen ziemlichen Stumpen Goldsorten samt -einer güldenen Ketten und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben -hatte, ließe ich meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und -lieferte ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die -zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs Ersaufen -und auf dem Land an ein grausams Niedermachen gieng; und alldieweil -noch ein jeder bei seinem Troupen bleiben muste, so viel immer möglich, -packte ich eine Gutsche mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher -weder Geld noch lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren -Kleidern und weißem Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines -Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich den Major gelassen hatte, -welcher sich schier zu Tod kränkte, daß er von einem solchen jungen -Weib gefangen worden. Da er aber sahe, daß so wol in meinen Hosensäcken -als in den Halftern Pistolen staken, die ich samt meinem Carbiner -dort wieder lude und fertig machte, auch hörete, was ich hiebevor bei -Wimpfen ausgerichtet, gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte, -der Teufel möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben! - -Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als mich und mein -Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten zu erschnappen, fande aber -den Obristleutenant von unserem Regiment dort unter seinem Pferde -liegen, der mich kante und um Hülf anschriee. Ich packte ihn auf meines -Jungen Pferd und führte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte -Gutsche, alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste. -Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol von -meinen Neidern als meinen Gönnern gelobt wurde. Beide Theil sagten, -ich wäre der Teufel selber; und eben damals war mein höchster Wunsch, -daß ich nur kein Weibsbild wäre. Aber was wars drum? Es war null -und verhümpelt[68]. Ich gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen -auszugeben, ob ich vielleicht dardurch erlangen möchte, offentlich -Hosen zu tragen und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte -ich aber durch meine unmäßige Begierden so viel Kerl empfinden lassen, -wer ich wäre, daß ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, was -ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen würden sonst ein anders von mir -gesagt und verursacht haben, daß es dahin kommen wäre, daß mich beides -Medici und Hebammen beschauen müsten. Behalfe mich derowegen, wie ich -konte, und wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es wären -wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die Männer gegen ihren -Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des Obristen Gnad erhalten und -von ihme wider meine Mißgönstige beschützt werden möchte, präsentirte -ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Gutsche mit samt den Pferden, -darvor er mir 200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem, -was ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte, -abermal in einer namhaften Stadt verwahrte. - -Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal noch belagert -hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten, sihe, da schlugen -Corduba und der von Anhalt abermal den Braunschweiger und Mannsfelder -bei Floreack, in welchem Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant -gefangen, von den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberläufer -mit seinem allerbesten Hals an einen Baum geknüpft worden, wordurch -ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu einer Wittib ward. Ich -bekam aber so ein Haufen Feinde, die da sagten, die Strahlhex[69] hat -den armen Teufel ums Leben gebracht, daß ich ihm das Leben gern länger -gönnen und mich noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, biß er gleichwol -anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, wann es -nur hätte sein können. - -FUSSNOTEN: - -[62] =dürmeln=, türmeln, taumeln. - -[63] =Lavor=, ~lavoir~, Waschbecken. - -[64] =Hegel=, Hag, Zuchtstier. - -[65] =Vortheil=, List. - -[66] =Gegentheil=, Gegenpartei, Feind. - -[67] =Caracole=, Schwenkung einer Schwadron auf die linke -oder rechte Seite. - -[68] =verhümpelt=, verpfuscht. - -[69] =Strahlhexe=, wie Blitzhexe, Wetterhexe. - - - - -Das neunte Capitel. - - Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will - und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird. - - -Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger je mehr -leiden[70] muste. Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen -gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl einer solchen Vettel -dienen!« - -Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein jeder sagte: »Nim -du sie! Ich begehr ihrer nicht.« - -Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also -thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe Leut und schlechte -Potentaten waren, die dorften sich nicht bei mir anmelden, so hätte -ich ohnedas auch keinen aus denselbigen angesehen. Ich empfande zwar -nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet; -aber doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. Ich wäre -gerne in eine andere Haut geschloffen[71], aber beides die Gewohnheit -und meine tägliche Gesellschaften wolten mir keine Besserung zulassen, -wie dann die allermeiste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer -zu werden pflegen. Ich putzte mich wieder und richtete dem einen -und andern allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen -anseilen und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war -schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage schon -allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei den Regimentern vorüber -ritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend Stimmen offentlich -ausgerufen, also daß ich mich schier wie ein Nachteule bei Tage nicht -mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äußerten[72] mich ehrliche -Weiber; das Lumpengesindel beim Troß schuhriegelte[73] mich sonst; und -was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt -hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch -ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen aufgegossen -ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach so in die Länge kein Gut -mehr thun werde. Etliche Officier hatte ich noch zu Freunden, die -aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre -Wollüste, theils mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber -machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der -mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner schämten, oder -daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen -Männern schädlich wäre, oder aber daß sie sich sonst, ich weiß nicht -warum, vor mir förchteten. - -Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß Regiment, -sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittirn, und konte -es auch um so viel desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe -Officier meiner vorlängst gern los gewesen wären. Ja ich kan mich auch -nicht überreden lassen, zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen -Leuten viel gefunden haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es -seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den -mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein paar -Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, daß -seine schöne Gutsche durch die Courage vom Feind erobert und ihm -verehrt worden sein solte. Daß ich den verwundeten Obristleutenant aus -der Battalia und Todsgefahr errettet und zu den Unserigen geführt, -darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht -allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich sahe, -mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht zu gedenken, -lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die -Officiersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter -dem ganzen Regiment, zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele, -und beides hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz -einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins -Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste Hazarde -erfordert, und darüber sonst manchen das Kalte Wehe[74] angestoßen -hätte. - -Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde als Freunde -hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es würde ein jedwedere -von meiner widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre -sonderbare[75] Manier eins anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit -darzu ereignet. - -O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen -unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein -jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts -hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes -Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es -Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76] -Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion -niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde -deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten -trauen dörfen? - -Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch -selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir -meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen. - -Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste -Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich -von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne -große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich -einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich -keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen -vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten -und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten, -wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und -wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines -untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. -Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und -beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber -niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man -eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man -einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich -sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen -unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war, -um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen -Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine -100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon, -und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites -Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert -und zuwegen gebracht habe. - -Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit -gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg, -was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte -ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie -mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte -abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen -meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte -oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen -in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die -Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben -darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese -den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese -ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet -sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose -Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie -mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und -brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß -mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein -gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider -meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und -meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der -Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen. - -FUSSNOTEN: - -[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben. - -[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=, -schlüpfen, kriechen. - -[72] =äußern=, ~trans.~ meiden. - -[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten. - -[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte -Fieber. - -[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche. - -[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in -Grimmelshausen's Schriften. - - - - -Das zehnte Capitel. - - Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen - andern Mann. - - -Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen, -dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was -sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich -(welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen -zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene -Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot -gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich -wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu -schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger -zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich -von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich -brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte, -den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich -so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon -haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es -mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese -gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein -Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren -hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob -mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe -fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte -sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor -dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich -meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit -leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch -lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein -unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde -sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir -fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen -wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar -todt wären. - -Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen -dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten. - -Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht -richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant -oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die -gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier -beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier -ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig -und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren -der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen -seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82] -und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen -Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die -türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von -ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie -hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer -aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst -ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er -sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen; -und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn -entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte -sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich -auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame -Mittel und Unterhaltung hergeben. - -»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen -Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei -Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr -durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.« - -Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte -doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so -schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich -keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit -meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter -sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch -auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, -daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns -vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen -so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich -huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue -Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr -und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 -Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach, -durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter -kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen -Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns -vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben -worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und -Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, -meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt, -ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern -wolte. - -Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam -ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. -Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer -im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen -getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich -bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu -ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich -selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten -Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man -sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im -Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und -wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel -zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, -welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen -wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß -er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die -Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines -Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt -und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein -gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst -nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und -nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen -Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel -geschwollen, dem must du schrepfen! - -Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich -und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem, -das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu -actioniren. - -Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth -seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor -einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der -Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so -weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und -ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten -waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er -aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige -versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte, -ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler, -die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in -stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das -Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich -Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, -darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht, -hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit -gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der -Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, -sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg -marschiern müsten. - -FUSSNOTEN: - -[77] =Geschlechter=, Patricier. - -[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben. - -[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen. - -[80] =verderben=, zu Grunde richten. - -[81] =Tummel=, Taumel, Rausch. - -[82] Vgl. die Einleitung. - -[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten. - - - - -Das elfte Capitel. - - Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder - unversehens zu einer Wittib. - - -Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein -Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß -ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem -Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie -und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen. -Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit -zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit -dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm -einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch -mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich -wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten -gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee -bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann -sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche -läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und -vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also -daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm -doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte. - -Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil -sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem -dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen -sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder -mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte; -mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd, -Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern -Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den -mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder, -wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!« - -»Warum?« - -»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.« - -Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk, -mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und -zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage -genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre. - -Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction -geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die -Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern -als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen -wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am -allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen, -sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein -Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen -hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in -Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von -vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng -zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke -Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern -trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe, -daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig, -jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen -Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als -biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte. -Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und -Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den -Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar -ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte, -vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie -trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal -gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die -Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel -zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von -denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und -Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht -in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches -wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel -nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil -wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr -Beuten zu machen. - -Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte -sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte, -und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag -und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen -niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser -Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder -nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber -gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen -Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs -in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in -meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem -besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten. - -Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90], -Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem -letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern -ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends -keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn -auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten -mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca -gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment, -welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch -verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen. - -Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly -dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark -mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer -verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die -Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen -Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend -Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf -und mich zu einer unglückseligen Wittib machte. - -FUSSNOTEN: - -[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen. -Vgl. die Einleitung. - -[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe. - -[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang. - -[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen. - -[88] =erben=, ~trans.~ beerben. - -[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil -Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland. - -[90] =Verden=, vgl. die Einleitung. - -[91] =behalten=, abhalten, trennen. - - - - -Das zwölfte Capitel. - - Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt. - - -Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und -uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also -ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück -derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem -Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit -meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand -erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da -nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem -Troupen hinweg. - -»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten, -den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß -du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters -unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!« - -Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick -entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn -allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere -Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen -Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher -alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese -Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir -hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier -den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich -von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch -dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern -er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg -genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham -resignirt und dänische Dienst angenommen. - -Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum -besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner -Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen, -worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud -sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit -sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen -sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund -herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als -daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu -werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch -deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters -zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß -meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam -contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal -gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar -nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich -überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui, -ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit -zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht -mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld -gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es -hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu -lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich -fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche -aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend -auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen -auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit -Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß -ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll -Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann -es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln -gegeißelt hätten. - -Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder -mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen -wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter -Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die -Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des -menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit -mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich -anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert -haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann -sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens -preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des -Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder -anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier -mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige -Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner -Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte -und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter -gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in -das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt -strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der -Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen. -Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum -so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu -schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die -Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen, -daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer -Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu -dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene -Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?« - -Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen, -fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach -mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von -ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94] -seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem -gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß -mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so -tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche -Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter -richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als -mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.« -»Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust? -Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?« - -Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten, -daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern -auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der -Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten -richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen; -dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit -mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch -alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen -vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien -Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu -tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich -einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner -Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner -Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin -unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner -Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und -Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte. - -FUSSNOTEN: - -[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen. - -[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib. - -[94] Vgl. die Einleitung. - - - - -Das dreizehnte Capitel. - - Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse, - und wie sie selbige wieder verloren. - - -Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb -erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer -kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als -auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier -auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu -erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer -gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil, -glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei -mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen -Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte. - -Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der -eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte. -Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein -Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen -Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich -seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er -mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner -worden wäre. - -»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein -Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz -und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders -begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum -Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren -elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der -Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum -Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder -solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich -glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95] -mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch -äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit -wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich -diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte, -zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits -wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht -zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel -tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin -gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen, -geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----« - -Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu -demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst -verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und -wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering -achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt -zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein -Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in -seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm -vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten -verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete -auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach -wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber -solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust -meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende -an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er -bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr -und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle -sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde, -keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden -Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes -Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an -zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre, -nach dem alten Reimen: - - Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, - Gleich als gieng es ihn von Herzen; - Sie pflegen sich nur so zu stellen - Und können weinen, wann sie wöllen. - -Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000 -Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und -mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber -er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich -nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie -er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es -eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten -brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann -ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß -sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß -sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann -nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt, -wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über -zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich -auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich -schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe; -doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte -Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden -tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet: - - Ein Schneider auf eim Roß, - Ein Hur aufm Schloß, - Ein Laus auf dem Grind -- - Seind drei stolzer Hofgesind. - -Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er -sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an -einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den -König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem -Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem -Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter -und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was -er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine -Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie -die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge -für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen -bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. -Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so -behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch -meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der -Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren -sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte. - -Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte -Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten -Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte, -mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen -gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn -allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären -derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber -weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit -erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht -allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann -mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst -revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe -und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98] -alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch -jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich -mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin -verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen -und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe. -Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines -Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben -brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich -nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich -lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann -solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja -sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich -war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so -Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg -führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang -nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen -würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der -Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde -gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und -Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt -worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug, -mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche -Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen -gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen? -Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf -ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die -verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von -einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen, -und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie -abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach -anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich -überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu -gewinnen. - -FUSSNOTEN: - -[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera, -Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, -~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von -Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt -wurde. - -[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen. - -[97] =Moger=, Mogor, Mogul. - -[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten -Bedeutung öfter bei Grimmelshausen. - -[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten. - -[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen. - -[101] =spannen=, abzielen. - - - - -Das vierzehnte Capitel. - - Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich - einem Musquetierer theilhaftig machte. - - -Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht -wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe. -Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich -glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte, -wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen -gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und -der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem -Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger -so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten. -Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche -Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich -zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage -biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig -verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir -mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna -nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so -muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte -mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und -bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und -unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte -und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen -ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und -hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht -zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen -er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also -daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich -vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden, -woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter -welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann -damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen -glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß -aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch -Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und -solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage -zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters -Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am -allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus -machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große -Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht -werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches -noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von -Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den -Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete -Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf -seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein -Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir -hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit -zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals -Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal -und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein -Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber -mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein -anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn -der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch -etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der -Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern -seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte -diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus -Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen -gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder -zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so -exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie -weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre. -Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er -war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal -eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten -Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe, -daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem -Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf -meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den -andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit -allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl -brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an -Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar -kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten, -und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern -Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt -seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den -Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit -Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin -gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein -Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment -geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war. - -So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween -Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten, -dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in -einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen. -Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so -hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn -die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend -eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt -und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich -mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen -erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als -welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen -ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen -auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und -zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre -scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden, -sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in -jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins -davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war -stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so -wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem -Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel, -eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen, -einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul -kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch -zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame -Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter -uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten, -begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein -jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano -beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach -und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf -und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß -er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu -laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen -entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend. - -Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen -befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner -Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als -daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu -diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was -sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann -auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich -der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes -Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher, -wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt, -er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen -helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit -käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine -erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen -nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu -sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe -ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub, -und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen -wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch -des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto, -Altringer und Gallas in Italia zu gehen. - -FUSSNOTEN: - -[102] =Stormarn=, im südlichen Theil Holsteins. - -[103] erbitten, losbitten. - -[104] =hechel=, heikel. - -[105] =überzwergs=, quer. - - - - -Das fünfzehnte Capitel. - - Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben - einander versprochen. - - -Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich -damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg -richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von -meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir -den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder -auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106] -und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend -weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier -gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine -Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment, -darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man -mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich -wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig -gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil -unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell -auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen -gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das -Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib. -Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr -Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder -neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich, -weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich -vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer -langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige -Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden -Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und -vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen -Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich -sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er -aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken, -war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte -ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, -eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und -Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu -vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem -Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie -ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen -möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen -und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in -meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr -oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin -eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich -damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde, -sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in -meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu -schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag. - -Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen -Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es -mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das -geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem -Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe -so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen -und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte. -Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste -Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte, -erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau -Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr -mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß -sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich -in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen -Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden -genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.« - -Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch -deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken. -Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir -in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen -Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch -gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«, -antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann -da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit -an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr -sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum -Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer -Gefährlichkeit errettete.« - -Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann -ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte. - -»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was -habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«, -antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen -Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich -kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der -geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter -verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft -genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich -beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine -Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten -Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung, -noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine -Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen -werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück -und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie -glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.« - -Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch -sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er -selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch -kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern -Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig -und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei, -mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen. -Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein -Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch -selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr, -daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich -eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir -nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen -solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar -erfunden werden.« - -»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so -wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt -schätzen.« - -Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu -gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr -gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt. -Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung -der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden -möchtet?« - -Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er -mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von -deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens, -die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur -zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden, -daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher -in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner -Libertät ohne mich leben würde. - -Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen, -dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben, -da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet, -wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen -unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch, -den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir -ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß -Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was -er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du -erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen -erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du -ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen -brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten -versprach. - -Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer -Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin -sein möchte. - -Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer -Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben -desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum. - -Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen -nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm -befruchtet. - -Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die -Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur -selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann -das Gebiet[113] über sein Weib habe. - -Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern -noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern -Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst -Ehemänner zum Eifern[114] verursachte. - -Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben, -solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft -wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig -vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn -selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern, -wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa -er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen -werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte -Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben -wir einander. - -Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte -er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen -nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden -solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde. - -Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen, -bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal -nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich -hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu -Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit -dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag -getrieben hätte. - -FUSSNOTEN: - -[106] =haushäblich=, angesessen mit einer eigenen Haushaltung. - -[107] =witzig=, verständig. - -[108] manchen Gang um mich that. - -[109] =bastant=, genügend. - -[110] =entzucken=, entrücken. - -[111] =erläutern=, erklären, ausführlich darstellen. - -[112] =erworgen=, ~intr.~ ersticken, umkommen. - -[113] =Gebiet=, Herrschaft. - -[114] =zum Eifern=, zur Eifersucht. - -[115] =mit dem Judenspieß laufen=, wuchern und schachern. -Vgl. Simplicissimus, ~II~, Cap. 25 (Th. ~I~, S. 69). - - - - -Das sechzehnte Capitel. - - Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten. - - -Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen, -worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch -oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich -die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja, -wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit, -solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen, -daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe, -was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr, -er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste -Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter, -die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen -wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116] -als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld -zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann -ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich -mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig -angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit -soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann -ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander -gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung -durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen -von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war -und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten -eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken -geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz -und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum -nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd -zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun -mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben -Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war -das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob -er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich -fragte allbereit um ~s. v.~[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem -Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr -Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und -gleich baar bezahlen.« - -Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen -ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir -den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten. -Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich -wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er -ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der -Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten -halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der -Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein -&c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr -geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte. -Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120] -den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du, -Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten -Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein, -die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und -sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner -Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger -als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und -Kernessig[121] sein mag. - -Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften -nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug -bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war, -discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, -und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen -solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er -nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte -mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber -Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen -unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können, -wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich -solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein, -und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht -unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen -Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur -Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir -nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe -mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern -Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das -Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er -nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte -er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte -ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.« - -Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine. -Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung -nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und -womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich -das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens -zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst, -und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.« - -»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und -höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit -zu erfahren.« - -Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht, -wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein -Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er -konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, -daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen -mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht -besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in -Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren -würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan -ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß -zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander -so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter -versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand -einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu -hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war -Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er -muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war -ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte -als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei -dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt -waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession -und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein -behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden -Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück -von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich -rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann -an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und -reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld -samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern -die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in -Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen -dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und -in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller -Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste, -wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen -Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt -den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin, -daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich -meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung -hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und -Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen -aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit -weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber -verloren haben. - -FUSSNOTEN: - -[116] =geizig=, gierig. - -[117] =nisteln=, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im -Allgemeinen: sich zu schaffen machen. - -[118] ~s. v. salva venia.~ - -[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied, -das noch nicht wieder aufgefunden worden ist. - -[120] =Heuratsnotul=, Ehecontract. - -[121] =Kernessig=, =ausgestochener Essig=, ein ausgemachter -Schelm. Vgl. Simplicissimus, ~I~, Cap. 18 (Th. ~I~, S. 77). - -[122] =sich entblöden=, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten. - -[123] =trutzen=, ~trans.~ Trotz bieten. - -[124] =Ists um diese Zeit=, verhält es sich so. - -[125] =Schmiralia=, von schmieren, Bestechungen. - - - - -Das siebzehnte Capitel. - - Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie sie sich - deswegen wieder rächete. - - -Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden -Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan -noch der Schwein hütetest und ehe du geschickt genug warest, anderer -Leute Narr zu sein, und hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich -im Saurbrunnen betrogen. Nach der ersten Mantuanischen Belägerung -bekamen wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo -es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng kein -Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage fand, und wo sie -sich einstellete, da galten die italiänische Putani[126] wol nichts, -dann bei den Italiänern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den -Teutschen konte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich -viel zu freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch -nicht so gar hoffärtig und theuer, und hatte sich niemands keines -Betrugs von mir zu besorgen, von dem aber die Italiänerinnen dichte -voll staken. Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den -welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und mich -hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen mir setzte. -Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die -berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte. -Solches Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte -mir derowegen wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß -etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen -wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, daß sie endlich -den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine solche liebliche Stimm über -Tafel hören ließen, daß ich mich deren schämen muste. Und sobald sie -die Thür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen Ungestüm -nach einander heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter -eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde, -um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung allererst -rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder -zehen, wiewol sie so geschwind auf einander folgten, daß sie niemand -zählen konte. Und ich glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der -Gebühr nach fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer -geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich -darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur eine halbe -Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter mehr Qual von dem -Lachen, als ich von dem continuirlichen Trompeten erlitten. - -Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf und wolte vor -Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät auch mein Gastherr, als -der mich zu etwas anders, als diese schöne Music zu halten, zu sich -kommen lassen, hoch und theuer schwerend, daß er diesen Affront rächen -wolte, wann er nur erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und -Ameiseneier-Köch[127] diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich -aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel -angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit den -blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte tödten wollen, -biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, daß obengedachte -Kürschnerin damit umgehen könte, und weil er sie unten im Hause -gesehen, müste er gedenken, daß sie irgends von einer eifersüchtigen -Damen gedinget worden, mich einem oder andern Cavalier durch diesen -Possen zu verleiden; maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen -einem reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner -Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute -Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich -auf eine schleunige Rach, die ich aber weder offentlich noch grausam -ins Werk setzen dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das -Land dem Feind abgenommen) gute Ordre halten musten. - -Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich nit anders -hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, als erkundigt -ich derjenigen Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und -Wandel, Thun und Lassen auf das genaueste, als ich immer konte. Und als -mir ein Fenster gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr -wolten, Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden -Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders meiner noch -fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, und zwar auf -solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen vorschriebe; dann mich -däuchte, es wäre billich, weil sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß -ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und -solches geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit -dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen durch -M. Asmussen[128], deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine -Stange oder Schwinggerten, damit man die Nüß herunter schlägt oder -die Rauchcamin zu säubern pflegt, angebunden und von dem einen bei -finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an -ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das -Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der Speck beides -Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien -besudelte, nach welchem Streich sowol der Leffler als Executor darvon -liefen und die Hur am Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte. -Die Kürschnerin bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar, -und solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen -zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell aus der Insul -Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch kein Abschrötlin von dem -Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen ließe, es wäre gleich vom -Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner -Haar oder Woll blutt[129] hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so -ein paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld darum, -welches ihm auch etwas zu bröslen[130] ins Haus verschaffte; und wann -es gleich langsam und gering kam, so kam es doch wol zu seiner Zeit. -Solches wurde ich von einem andern Kürschner innen, der mir denselben -Winter einen Pelz fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll -und Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser[131] -daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer -Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren, -ließe ich sie einem von meinen Jungen dem Kürschner unten um sein -Secret herum streuen, als welches ziemlich weit hinaus offen stunde. -Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese Klumpen Haar und Woll -sonder[132] liegen sahe und sie vor die seinige hielte, konte er sich -nicht anderst einbilden, als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt -und zu Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern, -gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und -verloren hätte, und weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und -noch darzu trutzige Wort gab, schlug er sie so lederweich, als gelind -er sonst anderer wilder und bissiger Thieren Felle bereiten konte, der -heimischen Katzenbälg zu geschweigen, welches mich so wol contentirte, -daß ich keinen Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte. - -Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens das Recept -verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein so variable Stimme -erheben müssen; dann er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise -genossen, so die Würkungen haben sollen, einen Lärmen zu erregen, -wie ich allererst einen erzählet. Weil er aber bei hohen und niedern -Officiern wol dran war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die -den italiänischen Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, ich -auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder morgen in die Kur -kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben; gleichwol -wolte und konte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in -der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwol sie auch -andere riechen musten, da gleichwol sie selbst schon verdauet waren. -Er hatte einen kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin -er allerhand Waar enthielte[133], die zu ihrer Aufenthaltung[134] -einen solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus -dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, durch einen -langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande, mit dem andern -Ende aber zum Kellerloch hinein henken und also das Brunnenwasser -die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen ließe, daß -der Keller am Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen -etliche Fäßlein Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war; -was aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, zu -verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder hinweg nehmen -ließe, vermeinte jederman des Morgens, es wäre entweder im Keller eine -Quell entsprungen, oder dieser Posse seie dem Apotheker durch Zauberei -zugerichtet worden. Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so -wol ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine -verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, daß der -Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten -mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzerin genant, weil -ichs besser als andere gekönt. - -FUSSNOTEN: - -[126] =Putani=, ital. ~puttane~. - -[127] Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's »Ewigwährendem -Calender« empfohlen. - -[128] In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erklären -mag. - -[129] =blutt=, mhd. ~blut~, leer, bloß, rein. - -[130] =bröslen=, brocken, einbrocken. - -[131] =Schermesser=, sehr uneigentlich so genannt, vgl. -Simplicissimus, ~IV~, 11. - -[132] =sonder=, einzeln, zerstreut. - -[133] =enthalten=, aufbewahren. - -[134] =Aufenthaltung=, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung. - - - - -Das achtzehnte Capitel. - - Gar zu übermachte[135] Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage. - - -Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, thät mir so -sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; und gleich wie es -mir allbereit eines Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschehe, -also fieng ichs auch an nicht zu achten, ob es mit Gottes oder des -Mammons Hülf besser prosequirt werden möchte. Einmal[136] es galte mir -endlich gleich, mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was -für einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, wann -ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld muste einen Roßtäuscher -abgeben, und was er nit wuste, das must er von mir lernen, in welcher -Profession ich mich tausenderlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge -gebrauchte. Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, -geschweige des Zinns, Kupfers, Getüchs[137], der Kleidung und was es -sonst sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder -gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß ich -nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer nicht wuste, -wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es gewonnen, wie -er wolte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir wie zu einem Juden, -die den Dieben getreuer sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit, -selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem -Materialistenkram gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir -hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum auch -einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit -demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt war. Hingegen muste -ich auch spendiren und schmieren, um mich und meine Hantierungen zu -beschützen. Der Profoß war mein Vatter, seine alte Mär (seine alte -Frau, wolt ich sagen) meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau -und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem -demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine -Handelschaft einbüßen mögen. - -Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte sagen, so -ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musquet -getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen Gläslein, welches -nicht recht einer Spinnen und auch nicht recht einem Scorpion gleich -sahe. Ich hielte es vor keine Insect oder lebendige Creatur, weil das -Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte -erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck -eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch -ein Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung -vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas regte und herum -grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen -anbote, fragte ich: »Wie theuer?« - -Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden -darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein darzu schenken. Er aber -sagte, die Bezahlung seie allbereit zu Genügen geschehen, welches mich -an einen solchen alten Weinbeißer verwunderte und verursachte, ihn zu -fragen, warum er einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im -Kauf zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte. - -»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie mit -anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf, -vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie diß Kleinod wieder -hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, als sie es selbsten -erkauft hat.« - -Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen.« - -Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so -hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in Händen und noch keinen -Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um 3 Kronen kauft und um 2 wieder -hingeben.« - -Diß Ding war mir ein Gesäg[138], darein ich mich nicht richten konte -oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil ich ein satten -Rausch und[139] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der -Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus, -oder (lieber Leser, sag mir selbst, was ich sagen sol!) ich wuste nit, -was ich mit dem alten Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns -genug zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß mir -andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein -Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, machte mich so sicher, -daß ich mein erkauften Schatz einsteckte. - -Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich meinen -Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß wissen, daß ich -allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte mich gleich, welcher -Gestalt ich das Ding kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen -raren und lieben Sachen, als Ringen, Kleinodien und dergleichen, -um solches aufzuheben, biß mir etwan ein Kunstverständiger an die -Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich -aber ungefähr[140] unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande -ich dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem -Hosensack, welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein -Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß ich mich -fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe mir aufstieße, -fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben hätte, erzählte ihm -darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit zugetragen, und bat ihn, -er wolte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es -umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau -Courage, es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der -ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu -erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer -Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosperität. Er -macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen -Feinden geförchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn -verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß. -Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und bringt -zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.« - -In Summa der alte Lauer[141] schnitte mir so einen Haufen daher, -daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus mit seinem -Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol einbilden können, daß -der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst geben würde, -so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun -müste, dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere -Leute in Gestalt eines Galgenmännels[142] bestehlen, das sogenannte -Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg -verehren müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier gar -nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem -solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich sagte: Es wird ohne -Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er solte mir -nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr -und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen -Dienste ohne andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau -Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß ihrs nämlich -um geringern Preis hingeben solt, wann ihr dessen Diensten müd seid, -als ihrs selbsten erkauft habt, welches ich euch gleich damals, als ihr -mirs abgehandelt, nicht verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die -Frau von andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs. - -Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, mein -Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud -Salomonis[143]; ihr vertrauet ich alles, und also auch was mir mit -dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, antwortet sie, »es ist -ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet, was euch der -Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß, -wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne -Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und -Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er sich nicht anderst als je -länger je wolfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Käufer zu -theil werden müsse. Und ihr, liebe Tochter, stehet in großer Gefahr, -weil ihr ihn zum allerletzten zu verkaufen habt; dann welcher Narr -wird ihn von euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern -eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?« - -Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm genug bestellt -war; doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die -Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt, -daß ich alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst -dieser Hülfe, dieses Beistands und dieser glückseligen Accantage[144] -genießen, so lang du kanst; indessen findest du wol einen -leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim schweren Trunk -oder aus Armuth, Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus -Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen -Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt. - -Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß und Form, -wie es mir beides von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen -oder angenommenen böhmischen Mutter beschrieben worden. Ich verspürte -auch seine Würkung täglich; dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins -auszapfte, vertrieb ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal -meinen Trank oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit -aus. Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe -war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht -aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. Kam ich in ein -Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder daß es sonsten ein Herberg -oder verlassene Wohnung war, darin sonst niemand wohnen konte (maßen -man die Marquetenter und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren -pfleget), so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß -nit durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu -finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen &c. -Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche waren, die der Courage -nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachten, ja verfolgten -als ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem größeren ~lumen~ -erleuchtet, als ich von meinem ~flamine~[145] bethört gewesen. Solches -machte mich zwar witzig und lernete mich durch allerhand Nachdenken -philosophiren und betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber -allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern -dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und nichts zum -Fundament zu raumen[146] gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde, -wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich dir zum Ueberfluß, dein Lob zu -bekrönen, weil du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer -Damen im Saurbrunnen genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal -kantest. - -Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja so groß, daß -ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete. - -Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas -nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen das Verkehren -spielten, so wärest du mir weniger ins Netze gerathen als diejenige, -die im Schutz Gottes waren, da ich den Spiritum familiarem hatte. - -FUSSNOTEN: - -[135] =übermacht=, übertrieben. - -[136] =einmal=, kurz, überhaupt. - -[137] =Getüch=, Tuchwaaren. - -[138] =Gesäg=, Gerede. - -[139] =und= fehlt in allen Ausgaben. - -[140] =ungefähr=, zufällig. - -[141] =Lauer=, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein -Lauer. - -[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die -Einleitung zum »Simplicissimus«, S. ~LXV~. - -[143] =Sabud Salomonis.= Sabud, der Sohn Nathan's, des -Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5. - -[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen -Avantage, Vortheil. - -[145] =~flamen~=, es ist wol gemeint: geistiger Hauch, -geistiges Wesen. - -[146] =raumen=, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege -schaffen. - - - - -Das neunzehnte Capitel. - - Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu seiner - Perfection kommen. - - -Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. Nicht nur ich -gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein Springinsfeld, den du -allerdings vor deinen besten Cameraden und vor einen braven Kerl in -deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, muste mir auch folgen. Und was -wolts gehindert haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein, -sintemal andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer -(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier fromme Männer -gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, ich will nicht -sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen -Accord eingangen, wie Springinsfeld gethan? Höre die Histori! - -Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in -eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und -in unser Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen -nicht allein ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen -Bürger zu schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau[147] -meinen Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel -herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder Jehu[148] -verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine Kirche, weil ich -mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden in Italia an solchen -heiligen Oertern gestiftet und zu Faden geschlagen[149], aus Ursach, -daß man die schöne Weiber daselbsten, so liebeswürdig zu sein scheinen, -sonst nirgends hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu -stehen, mit deren Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte[150], -weil mich derjenige nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen -Blick schenkte. Ich gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie -mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir -einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß ich mich -zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht unter dem -ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich -mein Springinsfeld auch ein; ich weiß aber darum nit warum, kan auch -schwerlich glauben, daß ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann -ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn -noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten -eingepflanzt. Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und -kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben solte, -wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen -Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft werden möchte. - -Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer Diener und -hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre, -der sein Palatium an dem Markt stehen hätte; ich hingegen sagte ihm -ausdrücklich, daß er fürderhin weder meiner Huld länger genießen noch -meinen Leib einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er mir -zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber sichere Anschläg, -Mittel und Gelegenheit an die Hand geben wolte. Er kratzte sich zwar -hinter den Ohren und entsetzte sich vor meinem Zumuthen als wie vor -einer unmüglichen Sach; aber da es lang herum gieng[151], erklärt er -sich, meinetwegen in Tod zu gehen. - -Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie -einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu, und -vielleicht besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selbsten zu -einem solchen Ausbund worden, wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt -hätte. - -Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen -Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein Gewehr und -einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder Kästen zu öffnen, wo -ich zukommen konte. Ich ließe denselben Stiel inwendig hohl drehen in -gemessener Weite, daß ich entweder Ducaten oder eine Schiedmünz in -selbiger Größe hinein packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer -jederzeit bei mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte, -oder ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig -mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll, -deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der Hand hätte. Da -er fertig, probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern[152], die -ich zu mir genommen, solche um ander Geld zu veralieniren. Die Hohle -meines Stabs hatte eben die Weite ihres Bezirks[153], doch also eng und -beschnitten, daß ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste, -doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen -laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil -ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß wann die Lutzer -gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des -Stiels an Statt eines Steckens zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich -mich darauf steuerte[154], etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben -klunkerten und ein dünsteres[155] Geklingel machten, welches seltzam -und verwunderlich genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön -rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem -Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, welcher -Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln solte. - -Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine Parücke auf, -wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel und thät zween -ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen der Damen Palatio hinüber -stunde und das Haus vom Fundament an biß übers Dach hinaus beschauete, -gleichsam als ob ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen -Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit -dem man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch sonst -im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum vagiren und auf -meinen Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner nothwendig -bedörfte, dann der Vogel redete so gut italiänisch als teutsch, welches -aber jener nicht konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier -ohnnöthig zu nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in -wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder wol gar auch -zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich ein stark Gegitter vor -einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld noch nicht -abließe, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe, -da schickte angeregte Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines -continuirlichen Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften -hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour kommen und -dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er -nicht allein zu erheben, sondern auch eine ganze Stadt damit reich zu -machen getrauete. Hierauf ließe die Dame beides den Springinsfeld und -den Tambour zu sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem -verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große Begierden -geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor -einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. »Nein«, antwortet -der Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt, -und hält sich nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene -Sachen finde, hat auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten -Schlössern ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen -gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, ihme, Tambour, gar -nicht bekant. - -In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen[156] und -beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen solte. Er begehrte -zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber zündete das dritte an, -welches er bei sich hatte und vermittelst eines messenen[157] Drahts, -der durch die Kerze gieng, ausleschen konte, wann er wolte. Mit diesen -dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld -und der Tambour im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht zu -Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge, -da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel -also processionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da -sie hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich -in den Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem ~A. R.~[158] -befeuchtet hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er -seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er sein Liecht aus. - -»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der Schatz -eingemauret.« - -Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug etlichmal -mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die Lutzer nach und nach, -so manchen Streich er an die Mauer thät, herunter rollten und ihr -gewöhnliches Getön machten. - -»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet[159], -welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist zeitig und muß -ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel gehet, sonst wirds -künftig vor Verfließung anderer sieben Jahr umsonst sein.« - -Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid geschworen hätten, -das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, als stellten sie meinem -Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame begehrte an ihn, er -wolte um die Gebühr den Schatz erheben, wolte auch gleich um ein -Gewisses mit ihm accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege -in dergleichen Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was man -ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch dabei bewenden mit -Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn wolte, daß er damit -zufrieden sein würde. - -Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte -Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen -Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild -beides in ihrem jungfräulichen und fräulichen Stand am Halse getragen -hätte; zweitens solte er alleinig in den Keller geschlossen oder -versperrt, und von der Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen -werden, damit sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach -versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand -gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. Hierauf gab -man ihm und dem Tambour eine Collation und ihme, Tambour, wegen seines -Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen -herbeigeschafft, nach solchen Springinsfeld in Keller verschlossen, -woraus unmüglich schiene, einen Kerl zu entrinnen[160], dann das -Fenster oder Tagelicht, so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch -und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. Der -Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und mich -allen Verlauf berichtete. - -Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin -die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das -Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg gebrochen, ließe ich ein -Seil hinunter zu meinem Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt -aller Zugehör zu mir herauf, da ich dann auch den verlangten schönen -Smaragd fande. - -Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück, -welches mir so wol abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den -Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber -spazierte den Tag nach vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der -Stadt herum, die sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man -unter den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun sihe, -Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität durch -mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir auch dieses -nur zum Exempel, dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück sagen -solte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich -wetten, es würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen[161] seind, die -Zeit zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie du deine -Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer und lustiger Buch -abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. Doch will ich dich noch ein -kleines lassen hören. - -FUSSNOTEN: - -[147] =Cyprianische Jungfrau.= Justin., ~Hist. XVIII.~ -cap. 5, erzählt, Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros -achtzig Jungfrauen geraubt, die nach der Sitte des Landes an das Ufer -des Meeres geschickt worden waren, um sich dort ihre Aussteuer zu -verdienen. - -[148] =Jesebel=, die Gemahlin Ahab's. Jehu, der das Haus -Ahab's ausrottete. 2 Könige 10. - -[149] =zu Faden schlagen=, vom Schneiderhandwerk, ein -Stück mit losen und weiten Stichen zusammennähen, in Norddeutschland -=reihen=, dann von dem Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz -ist =auswirken=, die Arbeit fertig machen. Beide Ausdrücke gebraucht -Grimmelshausen im übertragenen Sinne, selbst z. B. vom Essen. - -[150] =eifern mit=, eifersüchtig sein auf. - -[151] =da es lang herumgieng=, nachdem die Sache länger besprochen -worden war. - -[152] =Lutzer=, Blutzer, schweizerische Scheidemünze. - -[153] =Bezirk=, Umfang. - -[154] =steuern=, stützen. - -[155] =dünster=, düster, dumpf. - -[156] =die Glock gegossen=, sprichwörtlich: die Sache abgemacht. - -[157] =messene=, von ~mësse~, mhd., Bronze; diese alte Form -steht hier für messingene, welche Metallmischung um die Mitte des 16. -Jahrh. erfunden wurde. - -[158] ~A. R. Aqua Regis~, Königswasser, Goldscheidewasser. - -[159] =verblüht=, ausgeblüht, gezeitigt zur Hebung. - -[160] Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben, -~Accus. c. infin.~ daß ein Kerl entrinne. - -[161] =Schosen=, ~choses~, Sachen. - - - - -Das zwanzigste Capitel. - - Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Italiäner bestohlen. - - -Als wir uns versahen, wir würden noch lang vor Casal liegen bleiben -müssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern ihrer viel baueten -ihnen auch sonst Hütten aus andern Materialien, sich desto besser -in die Länge zu behelfen. Unter anderen Schacherern befanden sich -zween Mailänder im Lager, die hatten ihnen eine Hütte von Brettern -zugerichtet, ihre Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren, -welche da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst -allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten zu -Roß und Fuß. Diese thäten mir meines Bedunkens viel Abtrag[162] und -Schaden, indem sie nämlich von den Kriegsleuten allerhand Beuten von -Silbergeschmeid und Juweln um den halben, ja den vierten Theil ihres -Werths erhandelten, welcher Gewinn mir zum Theil zukommen wäre, wann -sie nit vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs -wenigst zu wuchern[163], weil in meiner Macht nit stunde, ihnen das -Handwerk gar niederzulegen. - -Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer Waar, und dasselbige war -auch zugleich ihr Gaden[164]; oben auf dem Boden aber unter dem Dach -war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen, wohinauf ungefähr sieben -oder acht Staffeln giengen; und durch den Boden hatten sie ein offenes -Loch gelassen, um dadurch nicht allein desto besser zu hören, wann -etwan Mauser einbrächen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe -mit Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen -waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Thür ohne sonderlichen -Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag gar gering[165]. -Mein Springinsfeld muste mir eine Welle scharfer Dörner in Mannslänge -zuwegen bringen, woran auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich -füllete eine messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen -wir beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf war. -Die Thür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine Kunst, weil ich -zuvor alles fleißig abgesehen; und da solches vollbracht und geschehen, -stackte Springinsfeld die Dornwell vor die Stiegen, als welche vor -sich selbst keine Thür hatte, von welchem Geräusch beide Italiäner -erwachten und zu rumpeln anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, daß -sie zum ersten zu obigen Loch herunter schauen würden, als dann auch -geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so voller -Essig, daß ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick vergieng; der -ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die Stiegen hinunter und wurde -von der Dornwell so unfreundlich empfangen, daß er gleichwie auch -sein Camerad in solcher unversehenen Begebenheit und großem Schrecken -sich nichts anders einbilden konten, also es wäre eitel Zauberei und -Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein Dutzet -zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit fort gemacht, -ich aber ließe mich mit einem Stück Leinwat genügen, drehete mich damit -aus und schlug die Thür hinter mir wieder zu, die beide Welsche also -in ihrer Anfechtung hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die -Augen noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu handeln -gehabt haben wird. - -Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den Springinsfeld -nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie gehöret, nicht aus Noth -oder Mangel, sondern mehrentheils darum, damit ich mich an meinen -Widerwärtigen[166] revangiren möchte. Springinsfeld aber lernete -indessen die Kunst und kam so meisterlich in die Griff, daß er sich -unterstanden hätte, alles zu mausen, es wäre dann gar mit Ketten -an das Firmament geheftet gewesen, und ich ließe ihn solches auch -treulich genießen, dann ich gönnete ihm, daß er einen eigenen Säckel -haben und mit dem halben gestohlenen Gut, maßen wir solche Eroberungen -miteinander theilten, thun und handeln dörfte, was er wolte. Weil er -aber trefflich auf das Spielen verpicht war, so kam er selten zu großem -Geld; und wann er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa -zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die Länge nicht in Possession, -sintemal ihm sein unbeständig Glück das Fundament zum Reichthum durch -den unbeständigen Würfel jederzeit wieder hinweg zwackte. Im übrigen -verblieb er mir ganz getreu und gehorsam, also daß ich mir auch keinen -bessern Sclaven in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte. Jetzt höre -auch, was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich mich -endlich wieder von ihm geschieden. - -FUSSNOTEN: - -[162] =Abtrag=, Abbruch. - -[163] =wuchern=, reichlich vergelten. - -[164] =Gaden=, Laden. - -[165] =gering=, leicht, anstellig, schlau. - -[166] =Widerwärtige=, Gegner, Feinde. - - - - -Das einundzwanzigste Capitel. - - Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen. - - -Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen wurde, muste unser -Regiment von Casal hinweg und auch in die Mantuanische Belägerung. -Daselbsten liefe mir mehr Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen -Läger, dann gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche, -also bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich mein -Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergrößerte, so daß -ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in die teutsche -Reichsstädte übermachte, bei welcher glücklichen Prosperität, großem -täglichen Gewinn und genugsamem Ueberfluß, dessen ich und mein Gesindel -genossen, da sonst mancher Hunger und Mangel leiden muste, mein -Springinsfeld anfienge allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er -wolte eine tägliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu -saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen, und ließe -allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und die Gelegenheiten, -sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein gut Jahr haben. Ueber das -hatte er auch etliche ungerathene und verschwenderische Cameraden an -sich gehenkt, die ihn verführten und zu allem demjenigen untüchtig -machten, worzu ich ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise -abgeführet[167] hatte. »Ha«, sagten sie, »bist du ein Mann, und läst -deine Hur beides über dich und das Deinige Meister sein? Es wäre noch -genug, wann du ein böses Eheweib hättest, von deren du dergleichen -leiden müstest. Wann ich in deinem Hemd verborgen stäke, so schlüg ich -sie, biß sie mir parirte, oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.« - -Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen und Verdruß -und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte -ins Feld springen machen, ohne daß ich mich im geringsten etwas -dergleichen gegen ihm oder seinem Anhang hätte vermerken lassen. -Mein Gesind, darunter ich auch vier starke Tremel[168] zu Knechten -hatte, war mir getreu und auf meiner Seiten; alle Officierer des -Regiments waren mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir -wol und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles -noch mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu -meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich -stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. Ich wuste wol, daß -der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur ~pro forma~ repräsentiren -muste, das Haupt meiner Marquetenterei darstellte, und daß ich unter -dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß -ich bald ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir -mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm täglich Geld, -beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß ich die Beständigkeit -seiner vorigen Verhaltung bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer, -verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich -dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel -dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem -Wort, daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; dann -ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden und verdienet, -zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, daß ich mich weder -um ihn noch die Marquetenterei, ja um den ganzen Krieg, und was ich -noch darin kriegen und hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber -ich weiß nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden -zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu begehren, oder -ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamer Weis -fortfuhre, dann er stellte sich gar freundlich und demüthig und gab -mir niemalen kein sauern Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste -sein Anliegen wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte -aber aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen wider -mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte sichs endlich -wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen wir dann, es sei -ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von einander kamen. - -Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit -einem Rausch heimkommen war. Sihe, da schlug er mich mit der Faust von -allen Kräften ins Angesicht, daß ich nicht allein darvon erwachte, -sondern das Blut liefe mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus, -und wurde mir von selbigem Streich so törmisch[169] im Kopf, daß mich -noch Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. Da kan -man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine andächtige -Letenei[170] vorbetete. Ich hieße ihn einen Mörder und was mir sonst -noch mehr von dergleichen ehrbaren Tituln ins Maul kommen. Er hingegen -sagte: »Du Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab es ja -redlich gewonnen!« - -Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich zu schaffen -hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im Bette aufrecht zu -sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit einander zu ringen. Und weil -er noch fort und fort Geld von mir haben wolte, gabe ich ihm eine -kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum -Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter -und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten -und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um zu sehen, was da -zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen -vom Stab, als welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den -Marquetentern logirt werden, nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß, -Regimentsquartiermeister, Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel -und dergleichen; denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der -Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne einige Schuld und -Ursach tractirt. Mein angehender[171] milchweißer Busem war überall mit -Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte mein -Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten -gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß -man die Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme -kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts -jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die Ursach unserer -Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf -erzählte, vermeinte der ganze Umstand, Springinsfeld müste unsinnig -worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung -seiner Cameraden und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die -Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein -vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten[172], -und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen[173], grabelte -Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das -bei des Oberisten Bagage brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu -ersinnen und vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen -Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß er nicht vor -mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und die vorige Huld und Gnad -wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die Ohren und wolte -ihn weder wissen noch hören, biß endlich unser Obristleutenant von der -Rund darzu kam, gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu -schweren, daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen, -allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz[174] auf dem Spiel gestandenen -Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und -wider seinen Willen und Meinung seine liebe unschuldige Frau im Schlaf -getroffen. Der Obristleutenant war ein Cavalier, der mich und alle -Huren wie die Pest haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit -ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit -ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wolte mich -zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten verdient, mit -Ruthen aushauen lassen. - -Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter gibts[175] -nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet nichts; bist -du gleich Obristleutenant und beides vor meiner Schönheit und meinen -Verehrungen schußfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als -einer, die sich gar gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben. - -Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld aber auch, -als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen würde, so wolte er -ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was er bei Nacht zu -zweien malen gegen mir gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht -wieder kommen würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten -den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen -Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann[176] zu geben, aber -über dessen Procedere[177] wir uns hinter den Ohren zu kratzen würden -Ursachen haben. Also giengen wir wieder mit einander zu Bette und -hatten beiderseits unsere Stöße, maßen ich dem Springinsfeld so wenig -gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit -großen Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären, -derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle -bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der -empfangene Streich, oder vielmehr daß ich seiner gern los gewest wäre, -entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. Ja ich gab ihm auch den -andern Tag nicht allein kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum -Saufen, und sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die -Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft damit zu -treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche solche so Tags -so Nachts wol eingenähet auf ihrem bloßen Leib tragen muste. - -FUSSNOTEN: - -[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum -Schlechten. - -[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel. - -[169] =törmisch=, schwindlig. - -[170] =Letenei=, soll heißen Litanei. - -[171] =angehend=, sich hebend, schwellend. - -[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen. - -[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen. - -[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz. - -[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben. - -[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit, -Schiedsrichter. - -[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren. - - - - -Das zweiundzwanzigste Capitel. - - Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit - sie ihn zur Letze[178] begabt. - - -Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit -an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der -Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen -den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach, -gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt -werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya -und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in -Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so -wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre. -Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und -die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen -Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem -Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten -setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als -ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine -Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur -~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit, -vermittelst deren ich seiner los werden möchte. - -Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt, -welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger, -verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder -Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich -durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis -in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und -Wolfahrt gebracht werden mag. - -Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste -Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und -unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im -geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich, -ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und -sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer -nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von -Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten -Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in -obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf -lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd, -wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und -mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich -erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich -meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld -mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich -an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre. -Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner -Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der -Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten -damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein -schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube -auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein -muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und -schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie -solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal -so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen -kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern, -der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der -Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der -allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch -Drohung gestiftet hatte. - -Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß -selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen -sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser -Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt, -seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen, -derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu -befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste -gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie -alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr -als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst -und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten -die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug -gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in -mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen. - -Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich -ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen -als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich -Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und -dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um -uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines -Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen -Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein -solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant, -so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt -ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner -Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam, -was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur -ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei -einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und -vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser -Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um -dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich -replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten -Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm -hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die -Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich -dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße -es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns -beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach -befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte. - -Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und -Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183]; -dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und -also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob -der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre -mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel -vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich, -daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so -halsstarrig zuruck hielte. - -Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan -zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die -sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden -und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten, -verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war, -wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184] -Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher -Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und -Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so -er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns -bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt, -daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen -solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den -Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald -hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner -Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und -vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen. - -Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur -einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so -hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in -allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze -zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden. -Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte, -trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder -verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs -Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir -denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann -auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten, -vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht -darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern -da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder -in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel -etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack -gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und -also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte, -wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte -ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit -meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds -des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann -Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde, -daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte. - -FUSSNOTEN: - -[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied. - -[179] =Kriegspossen=, Kriegslist. - -[180] Vgl. die Einleitung. - -[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug. - -[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen. - -[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut -beschlagen sein, befriedigen, abfinden. - -[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich. - -[185] =Anstalt=, Veranstaltung. - -[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich. - - - - -Das dreiundzwanzigste Capitel. - - Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe. - - -Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich -versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte -lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige -Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten, -weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des -Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß -alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte -ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und -Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder -Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz -der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich -dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S. -Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen -Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte, -dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen, -und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner -besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden. -Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der -Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und -wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche -erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern -dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich -mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte. - -Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht -daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden -und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem -Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe, -da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er -daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der -Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er -selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen -Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum -zu verlassen genöthigt wurden. - -Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer -Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht -derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren -und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen -trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer -beifügen möchte. - -Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch -bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte -mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs -einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es -der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre, -mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen. -Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war -kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada -vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen -Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und -Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und -Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht -geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen -werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer -Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein -schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch -kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte -ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten -widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen, -weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines -Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich -eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann -die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in -meinem Gemüth verursachte. - -Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche -Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder zu gewinnen, welche -aber mehr ruinirt als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit -dem Regiment, darunter mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich -des Bodensees und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch -Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor Prag auch -gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland zu kommen und nach -seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir dasselbe Patrimonium und des -Orts Gelegenheit so wol gefiele, daß ich mir dieselbige Reichsstadt -gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde -des Erzhauses Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts, -ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also daß ich mir -nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage -dort sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil -nach dieser namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt -aufgemauset wurde, daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten -meiner Muthmaßung nach zu hoffen. - -Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich kaufte Viehe -und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit -anderst, als wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt, -oder als ob sonst der Friede vollkommen beschlossen worden wäre. -Und zu solchem Ende ließe ich alles mein Geld, das ich zu Prag und -sonst in großen Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das -meiste hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner -Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu =einer= Zeit zu Narren -worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau; ich verthät mein -Geld unnützlich, du aber deine Jugend; du kamest zu einem schlechten -Krieg, ich aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch -in weitem Feld stunde; dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen -Durchzüg und Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones -mit nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht ziemlich -groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung weislich -zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; dann niemand -in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen Manns Freunde -nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst ihnen -erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht -hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt -und nichts destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet. -Es gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen sein. -Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, begehre auch -dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden von dir, sondern ich sage -dirs darum, daß du wissen soltest, daß ich mich gleichwol nicht viel -deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern daß ich mich noch darzu -freuete, wann wir einem Regiment musten Winterquartier geben; dann -sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch; -da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben -in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, wie sie wolten, und -sie musten sich auch hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen -hatten, gegen mir anlassen, wie ichs haben wolte, also daß sie wenig -Geld mit sich aus dem Quartier ins Feld trugen; worzu ich dann mehr -als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der -damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd, -die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich -und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine damalige liebe -Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als -mich deswegen zu strafen, sintemal ihre Weiber und Töchter, so lang -ich vorhanden war und mein Netz ausspannen dörfte, nur desto länger -from verblieben. Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel -dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann Mars -wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung machte, was -mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich -fande, daß meine Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen -Kriegskosten übertroffen. Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich -dir auch sage, mit was vor einer Laugen ich dir gezwaget[187]; wil -derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du -magst aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, mir -ohngehindert in die Rede fallen. - -FUSSNOTEN: - -[187] =zwagen= ~c. dat.~, waschen. - - - - -Das vierundzwanzigste Capitel. - - Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen und - einander betrogen. - - -Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, als die -Churbairische und Französische, Weimarische in der schwäbischen Gränze -einander in den Haaren lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren -die meiste Officierer trefflich geneigt auf dasjenige, was ich ihnen -gern um die Gebühr mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus -großer Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner -eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und beinahe -ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam ich dasjenige, -was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmäßiger Weise -gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, mit wolgeneigter Gunst. -Diese schlugen aus und begunten mich mit Rubinen zu zieren, als der -lustige und fröhliche Frühling den ganzen Erdboden mit allerhand -schönen wolgezierten Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel -genug hatte, mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in -einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici Vorgeben -nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riethe -er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen und also meine vorige -Gesundheit desto völliger wiederum erholen. Solchem zufolge rüstet ich -mich aufs beste aus, mit einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem -Knecht und einer Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer -daß sie die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt. - -Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius -Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und Gleich gesellt sich gern, -sprach der Teufel zum Kohler. Ich trug mich ganz adelich, und weil -Simplicius so toll aufzoge und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch -vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das -Seil über die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr -practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem Wunsch nach -mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden -angesegelt, und ich tractirte ihn wie etwan die Circe den irrenden -Ulissem; und alsobald faßte ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn -schon gewiß an der Schnur. Aber der lose Vogel risse solche entzwei, -vermittelst eines Funds[188], dardurch er mir seine große Undankbarkeit -zu meinem Spott und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er -durch einen blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut, -das er mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich -wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich -verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen hinten und -vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten, -ein Lied darvon sangen und mich dergestalt aushöhneten, daß ich den -Spott nicht mehr vertragen und erleiden konte, sondern eh die Cur gar -vollendet, den Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte. - -Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch -am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich sei mehr mobilis als -nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. Wann er selbst aber nobel, oder -sonst ein gut Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine -leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten, -nicht gehenkt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also -vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber Leser, -was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er (damit ich seine -eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle -Vergnügung, die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson -erhalten, vor deren Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen, ja -von deren, die noch kaum der Holzcur[189] entronnen? Der arme Teufel -hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er -mit besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet -dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe -einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem jeden Stück -Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; da muß er -aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden Theil meiner vorigen -Schönheit bei weitem nicht mehr hatte, sonderlich behalfe mich -allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke, deren er mir nicht -wenig, sondern einer großen Menge abgeleckt. Aber genug hiervon! -Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt -vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den -Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte ich mich -auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides beschimpft und verachtet -worden. Und meine Magd hatte sich daselbsten eben so frisch gehalten -als ich, und weil die arme Tröpfin keinen Scherz verstehen konte, -ein junges Söhnlein vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch -auf meinem Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht. -Dasselbe muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol sie -Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, daß -sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, muste meine Magd -ihr Kind entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln, -ja seidenen Decken und Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug -eine bessere Gestalt und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers -Knechts zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher Weile -vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen Bericht, -daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu glauben, wie -herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete, daß -er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen -worden, und daß ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettig und -Senf auf dem Brod zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben -gemacht, die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich der -Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner Jugend -verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden Alter von mir -glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier vierzig Jahr erlebt und -war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius einer gewesen. - -FUSSNOTEN: - -[188]: =Fund=, Erfindung, List. - -[189] =Holzcur=, Decoct von Pockenholz, ~lignum Guajaci~. - - - - -Das fünfundzwanzigste Capitel. - - Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen. - - -Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem fernern -Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine -Dame Simplicius übertölpelt zu haben sich gerühmet. Gleichwie er aber -von deme, was allbereit gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als -Spott und Schand haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was -ich noch fürters anzeigen werde. - -Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von -Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und -alle andere trutzte; und neben mir wohnete ein alter Mechaberis[190] -oder Susannenmann, welcher ein Weib hatte, die viel älter war als er -selbsten. Dieser wurde zeitlich innen, von was vor einer Gattung ich -war, und ich schlug auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu -bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen kamen -und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, darmit es sein -eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so -sicher als in diesem Garten zusammen kommen konten, als da das grüne -Laub und die verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen, -aber nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten. -Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser Sündenmaß seie damal -entweder voll und überhäuft gewesen, oder die Güte Gottes hätte uns zur -Besserung und Buße berufen wollen. Wir hatten einander im Anfang des -Septembris Losung[191] gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten -unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween Musquetierer -aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend -ihren Part von meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen -und zu brechen anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es -war ziemlich finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als -ich, bei dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk -mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben gewohnt -waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der eine Soldat regte -sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und -war so unvorsichtig, daß er alle seine Birn, die er gebrochen hatte, -verschüttelt, und als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich -und der Alte sich nichts anders ein, als es wäre etwan ein starkes -Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen -Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit Worten -zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander -liefen. Die auf dem Baum aber konten sich des Lachens nicht enthalten, -welches uns noch größere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da -vermeinte, es wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich -ein jedes von uns in seine Gewahrsam. - -Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie ein Musquetierer: -»Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weist du -dann?« Jener antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.« - -Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich merkte, was -die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht anröthete, wiewol ich mich -sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich machte mir gleich die Rechnung, -daß ich eine Hatz ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob -hergehen würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf -der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der Magistrat -nichts anders thun, als daß er mich und den Alten beim Kopf nehmen und -jedweders besonders gefangen setzen ließe. Wir leugneten aber beide wie -die Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete. - -Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt mein -Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander liefe, weil -sie nit alle von meinen losen Stücken wusten und mir die Mägd getreu -waren. Endlich verschnappte ich den Handel selbst, als nämlich der -Schultheiß, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß -kam und großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund -der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller -falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen -und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens -heraus und sagte: »So schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte -Scheißer nicht hat halten können!« - -Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir doch getreulich -dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher, -thät die Thür auf und wiese mir einen Notarium und beisichhabende -Zeugen, die alle meine und seine Reden und Gegenreden angehört und -aufgemerkt hatten. - -Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn hielten darvor, -man solte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen -Stücke bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze -Last der Erden um eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz -mir auch weitläuftig notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich -vernehmen, man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den -Gesetzen ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren. -Würde man so streng mit mir procedirn, so würden noch viel, die vor -ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir das -Geleit geben müssen. Ich konte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und -meine Wort und Protestationes fielen so scharf und schlau, daß sich -Verständige darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine -Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter Strafe, alle -meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen muste, darunter sich -gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler baar Geld befande. Meine -Kleidungen und was zu meinem Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer -etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In -Summa was wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man -strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt im Krieg, -und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich solte gesagt haben: -jederweiberlich), daß die Stadt meiner so ~taliter qualiter~[192] los -worden. - -FUSSNOTEN: - -[190] =Mechaberis=, scherzhaft oder misverstanden statt -~moechator~, Ehebrecher. - -[191] =Losung=, verabredetes Wort oder Zeichen. - -[192] =~taliter qualiter~=, auf diese gute Art. - - - - -Das sechsundzwanzigste Capitel. - - Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und - Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten - Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter - wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem - Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus - nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt. - - -Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu -welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an -solchen mangelte, so gedachte ich mich zu den Weimarischen oder Hessen -zu machen, welche damal im Kintzger Thal[193] und der Orten herum sich -befanden, um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann -bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen -Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie mich dann -auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht -wenig verstellet. So war auch mein Reichthum hin, der oft die alte -Weiber wieder an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und -Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und brachte -etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte ich mich samt einem -Boten auf den Weg, um mein Glück zu suchen, wo ichs finden möchte. -Ich trafe aber nichts als Unglück an, dann ehe ich Schiltach[194] -erlangte, kriegte uns eine weimarische Partei Musquetierer, welche -den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich -aber mit sich in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein -kaiserliches Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau -todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines Mannes -Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich ins Elsaß nach Haus zu -begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so schön als -vor diesem, gleichwol aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die -einen Musquetierer aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner -zum Weib begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber -diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit -Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte. -In Summa, ich wurde eine Frau Musquetiererin, ehe mich der Caplan -copulirte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine -Marquetenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht, -solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische -Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht -und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge ich an, mit Tabak und -Branntewein zu schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis -hätte gewinnen wollen, was ich kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam -mich blutsauer an, so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen -schweren Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal Essen -und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich mein Lebtag -nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich einen -trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern -auch schneller laufen konte als manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun -dergestalt zween Esel zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch -besten Fleißes, damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen -könte. Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen wurde, -konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und verzögerte[195] -also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang des Maien, bei -Herbsthausen[196] treffliche Stöße gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen -meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser -zuvor ein artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider -seinen Willen ins Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen. - -Er gieng ein[197], auf seiner Officier Zumuthen und mein Gutbefindung, -sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel, in -Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, einige Brief an Ort und -Ende zu tragen, dahin sonst niemand zu schicken wegen der kaiserlichen -Parteien, welcher wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die -Conjunction etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals -von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren, so -daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret hätte. Doch -muste es sein, weil ein ziemlich Stück Geld zu verdienen war, und er -verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs aber fande er einen -todten Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher -ohne Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar rother -scharlachener Hosen mit silbern Galaunen[198] verbrämt anhatte, -welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; so war -sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den Hosen gemäß. Er besahe -den Fund und konte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder von den -Schwarzwäldern todtgeschlagen worden wäre. Doch galte es ihm gleich, -welches Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers ihm -auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen, -welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen muste. Solches glückte -ihm auch; als er aber die Hosen herab streifte, wolten solche nicht -hotten[199], weil die Feuchtigkeit des allbereit verwesenden Körpers -sich unter den Knien herum, allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden -pflegte, sich beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und -dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren waren. Er -hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, und weil der Tropf -sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, eins vom andern zu ledigen, -hiebe er dem Corpo mit seiner Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen -und Koller zusammen, und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein -solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten -dorfte. - -Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches -Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in die Stuben trug und zunächst -bei meinem Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte. -Indessen war es gegen Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit -von den Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum -Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er umkehrte oder -letz[200] machte, an, ließe sein altes Gelümp samt den Schenkeln beim -Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich in -unser Quartier. - -Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen. -Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und -Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge -sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen -wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu, -als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht -allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und -sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil -ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst -vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die -Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den -sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches -gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie -sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre. -Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen, -aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub -lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte. -Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter -Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts, -ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da -sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und -den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die -Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm -samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame -Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das -Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber -es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und -Kind darvon, wann ich umkäme? - -Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das -Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm -oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst -aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu -bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit -trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger -hinweg gebrant. - -Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück -zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich -gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor -den Springinsfeld abrichte! - -Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu; -überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen -todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte. - -FUSSNOTEN: - -[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald. - -[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis. - -[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen. - -[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg. - -[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen. - -[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen. - -[199] =hotten=, vorwärts gehen. - -[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links. - -[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze, -für die Saujagd bestimmt. - -[202] =ausreuten=, ausrotten. - -[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen. - - - - -Das siebenundzwanzigste Capitel. - - Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage - selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar - an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem - verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, - behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder - zustellen. - - -In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels -darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg -geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen -Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und -demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich -mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich -endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen -Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich -mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen -Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen -Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern -mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde -ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum -Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu -machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur -von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen -fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden -Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so -höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren -worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine -vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich -das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner -Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer -alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte -ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht -wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß -ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen. - -Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne -Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und -meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret, -wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag -ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein -dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich -auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder -etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was -ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln -verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine -Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte -kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten -vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her, -daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere -gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu -der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie -auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung -nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir -endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, -den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu -bringen. - -»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und -sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch -anhaben wie der große Goliath.« - -Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben -diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins -Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste -alles unbeschrieen zugehen. - -Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen -auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer. -Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als -sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich -Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als -ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, -machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische -Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach -sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.« - -Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd, -und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare -Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich -den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß -ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach -verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam -angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette, -mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte. - -Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem -Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren -mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute -gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison, -der solche wieder von mir fordert. - -Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht -sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich -rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener -absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem -schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe, -da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen, -sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol -4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der -Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen, -wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor -dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen -Betrugs selbsten. - -FUSSNOTEN: - -[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung. - -[205] Die =Wartburg= in Thüringen. - -[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk. - -[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie -Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel. - -[208] =elend=, leidend. - -[209] =Knopf=, Knoten. - -[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«. - -[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, -mit der flachen Klinge schlagen. - - - - -Das achtundzwanzigste Capitel. - - Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih - gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu - schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun - jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die - Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt - ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon. - - -Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott -von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee, -die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann -beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht -allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe -auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir -das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe, -daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich -noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf -setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden -probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser -abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich -ich mich zu den Zigeunern schicke. - -Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen -großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen -und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern, -Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. -Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei -seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme -etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen -und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er -dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es -roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, -daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, -daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich -folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich -ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem -Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine -große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich -erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns -hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und -sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich -etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich -ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann -über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, -weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle -alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant -einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen -bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so -gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch -alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen -thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von -andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um -ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte, -stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln -wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe -den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil -exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte -sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich -dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und -Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen -ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern -nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den -Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach -geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die -Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter -zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe, -dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir -nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber -im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und -Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus -den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns -entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur -Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer -kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken -lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib -und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf -unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, -mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die -Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu, -welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in -den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch -bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und -jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das -Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte -derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem -Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg -wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen -frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten -von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller -Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen. - -Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero -unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und -Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man -ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander -beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte. -Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers -verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder -Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern -uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden -des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches -Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns -nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, -dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von -waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen, -deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol, -daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen -Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder -wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels -Schwager worden sei. - -FUSSNOTEN: - -[212] =Kürbe=, Kirchweih. - -[213] =kahl=, geringfügig, elend, werthlos. - -[214] =als=, wie. - -[215] =waserlei=, wie welcherlei. - -[216] =Gabelreuterin=, Hexe (die zum Hexensabbat reitet). - - - - -Zugab des Autors. - - -Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und -auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen -gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen -entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und -diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217] abgesagt oder -wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin -diese ~lupas~[218] nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß -bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, -Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös -Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen -gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend -beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen -und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei -sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt. - - - =Ende=. - -FUSSNOTEN: - -[217] =Beliden=, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach -ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der -Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen. - -[218] =lupa=, Wölfin, gemeine Buhlerin. - - - - -Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. - - -Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung, -~lib. 5~, ~cap. 6~, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt, -wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr -selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert, -weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst -abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um -vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen, -weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein -bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen -getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit -berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur, -und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm -darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und -betrogen habe. - - - - - II. - - Der seltzame Springinsfeld. - - - - - Der seltzame - =Springinsfeld=, - - Das ist - Kurtzweilige, lusterweckende und - recht lächerliche Lebensbeschreibung - Eines weiland frischen, wolversuchten - und tapfern Soldaten, - Nunmehr aber ausgemergelten, - abgelebten, doch dabei recht - verschlagnen - Landstörzers und Bettlers, - Samt - seiner wunderlichen Gaukeltasche. - - Auf Anordnung des weit und - breit bekanten Simplicissimi - Verfasset und zu Papier gebracht - von - - ~Philarcho Grosso~ von - Tromerheim. - - * * * * * - - Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei - Felix Stratiot. - - Anno 1670. - - - - -Inhalt. - - - =Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung - den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert. - - =Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii. - - =Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder - widerfahren. - - =Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen - Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage. - - =Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung - dictirt. - - =Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und - erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn - empfangen. - - =Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene - treffliche Losung. - - =Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den - Springinsfeld die Kunst lernete. - - =Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum - Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte. - - =Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er - anfangs in Krieg kommen. - - =Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern - wahrhafte Historien. - - =Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager, - hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete. - - =Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld - wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer - unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden. - - =Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück - und Unglück. - - =Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im - Nördlinger Treffen gehalten. - - =Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger - Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird. - - =Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird - wiederum ein reicher Dragoner. - - =Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem - Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen. - - =Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß - auf das kaiserliche Armistitium. - - =Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum - Friedensschluß und endlicher Abdankung. - - =Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet - sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird - wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür. - - =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds - in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen. - - =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der - Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder - nacheinander los. - - =Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor - lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen - unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen - dem Türken wird. - - =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in - Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam. - - =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für - Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe. - - =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des - Springinsfeld seltzamen Lebenslauf. - - - - -Das erste Capitel. - - Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung - dieses Werkleins befördert. - - -Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit -höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen, -aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um -einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit -den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner -unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der -gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich -noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige -Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich -aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer -Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken -und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche -höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich -endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu -spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution -kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach -ich mir wiederum ein anders[220] zu und versichert mich selbst eines -weit bessern Ausgangs. - -Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich -brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret -ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese -Fachtung[221] schon eintränken. - -Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222] innerlichen -Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von -außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die -Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit -einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und -wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223]. -Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und -aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens -gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen -mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein -ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz -hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen -künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr -kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt -ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein -Almusen begehrt?« - -Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu -Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage -ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben -und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen -Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und -endlich zu ihren Herrn -- man denke doch nur, wie verwirrt ich damals -in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt -vorbringe -- ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren -werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen), -als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung -accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn? -oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was -bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch -keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer -wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in -meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen) -aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten -Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der -Gebühr nach zu begegnen. Doch lallete ich endlich mit[225] aus Forcht, -Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so -viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation -ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte. - -»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig? -Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den -Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder -um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen -stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler -gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und -unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte -euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.« - -Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich -gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts -weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu -nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete, -solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich -und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine -Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung, -mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu -erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann -ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug. - -Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab -mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem -Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als -mithin[227] wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen -der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und -versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so -ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer -nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.« - -Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch, -daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228] als vernünftig antwortet: -»So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jeden -~s. h.~[229] Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich -brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so -werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten -manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn -mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich ~in literis~ -abgeführt[230] hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich -meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen, -wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231] geben. Ach, sagte ich, -warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen, -Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest -du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor -großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur -jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu -gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das -Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In -diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der -allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag! - -In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir -aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige -grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit -geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer -warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde, -gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen. - -FUSSNOTEN: - -[219] Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln. - -[220] =ein anders=, auf andere Weise. - -[221] =Fachtung=, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen -Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche -Entstellung an. - -[222] In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«. - -[223] =besprechen=, anreden. - -[224] =aufenthalten=, trösten. - -[225] =mit=; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«. - -[226] =gesessen sein=, durch Grundbesitz sicher sein? - -[227] =als=, mhd. ~allez~, stets, fortwährend; =mithin=, im Gehen, -unterwegs. - -[228] =unbescheiden=, indiscret, unverständig. - -[229] =~s. h.~=, ~salvo halore~, wie ~salva venia~. - -[230] =abführen=, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1. - -[231] =Product=, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, -Schlag auf den Hintern. - -[232] =das Geschenk=, den üblichen Zehrpfennig für wandernde -Handwerksburschen. - - - - -Das zweite Capitel. - - Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii. - - -Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter -höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was -beliebt dem Herrn?« - -Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, -jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb -Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub, -darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die -benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete. - -Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich -rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann -befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit -beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. -Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und -Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch -darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich -ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen, -sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein -Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er -so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden. -Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, -dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber -kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, -daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe. -Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm -biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte -antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, -gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, -oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel -versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem -Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen. - -Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und -indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß -sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen -Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben -Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da -doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst -an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder -wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach -und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem -hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen -sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein -Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe -ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als -mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den -Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; -und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart -zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen, -sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn -zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben -Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte, -zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar -höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner -vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob -derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr -aus India kommen.« - -Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine -Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich -jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz, -sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu, -welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu -wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen -habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor -einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu -vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.« - -Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu -verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt, -daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke. - -Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein -mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack -ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das -allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine -Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines -Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen -Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier -einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl -sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein -einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein -sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne -~faeces~[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner -Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen -sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte -kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich -überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich -kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein -getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser -gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern -gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich -selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von -diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein -gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch -völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, -noch nichts darvon verloren hätte. - -Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten, -da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein, -den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe. -Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige -hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher -striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß -einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es -wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich -schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach -keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß -er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene -Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der -Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein -anderes Bein gelassen?« - -»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.« - -Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.« - -»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt -freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch -und einen Strumpf.« - -»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der -Springinsfeld?« - -»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der -Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte -Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?« - -»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits -vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals -einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der -sich Simplicius genennet?« - -Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben -derselbe Simplicius bin ich.« - -Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel -erschlag!« - -»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du -allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und -ungeheißen[245] bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch -zu bewillkommen?« - -»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«, -sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen -worden?« - -Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich -mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten -der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde -deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.« - -»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir -vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr mit dir um nichts, es -seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.« - -Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch -gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen -auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der -bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab -ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.« - -Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich -etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme -auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben -wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit -dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er -dergleichen wol mehr hätte gesehen. - -FUSSNOTEN: - -[233] =gedenken=, denken an etwas. - -[234] =im Pfenningwerth zehren=, einzelne Gerichte verzehren, wobei -der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt -~à la carte~ essen. - -[235] =vor=, zuvor. - -[236] =aufreiben=, vertilgen. - -[237] =Chili=, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt, -wie das angrenzende Patagonien. - -[238] =Chica=, vielleicht Chico, Stadt in Mexico. - -[239] =Electuarium=, Latwerge. - -[240] =Theriak=, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte. - -[241] =~faeces~=, Hefen. - -[242] =Kronzer=, Grunzer, Schnorrer, Bettler. - -[243] =sich betragen=, sich behelfen. - -[244] =freurt=, friert (mhd. ~vriust~). - -[245] =ungeheißen= (unaufgefordert), dreist, frech. - - - - -Das dritte Capitel. - - Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren. - - -Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen -unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in -Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und -von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben. -Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein -heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken -hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend -nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er -stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir -auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste -zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen -dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn -Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und -sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler -geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich -sie hab gerben[248] lassen.« - -»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der -Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.« - -»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur. - -»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei -taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal -man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.« - -»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner -Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.« - -»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet -damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine -Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über -Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem -Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor -Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius -aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er -hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das -ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar -ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme, -viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit -den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte -die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio -zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene -Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen -eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider -seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße -eingenommen. - -»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld. - -»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer -eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne -welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich -auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.« - -Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter -Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen -Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden -zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?« - -»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die -Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen, -dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig -gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der -Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund, -er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich -besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all -zu frei gangen.« - -Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen -angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum -Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß -der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden, -dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden -Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine -Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] ~in libro -de tranquillitate vitæ~, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt, -vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen -soll.« - -Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das -Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu -weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles -hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als -das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf -die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs -Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von -Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser -Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird -in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig -seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden! -Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir -Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu -weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die -Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.« - -»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du -seiest ein Pfaff worden!« - -»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz -haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen -eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?« - -Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann -Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen -jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil -meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren -stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit -einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und -etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch -ohnbeschwert erzählen. - -»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer, -so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen -soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil -einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der -gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden, -nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er -von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend -begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page -beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche -Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden, -denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und -Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie -in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund -auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect -aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier -aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen, -daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit -ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige -Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut -getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie -zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die ~s. h.~ Harngäng -dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten, -sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich -entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte, -als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte, -liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet -worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete, -fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?» - -»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret -war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir -Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim -Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm -hinten am Gang das Gemach und sagte: «Dort drinnen.»« - -»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter -Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß -das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen -Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und -Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie -sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich -kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier -aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.« - -FUSSNOTEN: - -[246] =Rebmann=, Weinbauer. - -[247] =Kärst=, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den -Weinbergen. - -[248] =gerben=, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten: -entkörnen, also doppelsinnig. - -[249] =röllen=, durch Rollen enthülsen. - -[250] =hotzeln= (schaukeln, wiegen), sich schütteln. - -[251] =Demokritos= von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr. -Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage, -die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος). - -[252] =Heraklitos= aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der -ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt. - -[253] ~L. Ann. Seneca, de tranquillitate =animi=, cap. 15: -Democritum potius imitemur quam Heraclitum.~ - -[254] =Zoroastris=, nach Plinius, ~hist. natur. VII, 15, fin.~ - -[255] =Nero.= Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts -davon; er sagt in angeführter Stelle: ~risisse =unum= hominem -accepimus~. - -[256] =lernen=, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen. - -[257] =Tiberius Nero=, Suet., ~Tiber. cap. 62~, hatte diese -Marter erfunden, ~ut larga meri potione oneratos repente veretris -=deligatis= fidiculorum simul et urinae tormento distenderet~. - -[258] =vernußbicklen= heißt demnach: fest unterbinden. - -[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses -Namens. - - - - -Das vierte Capitel. - - Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug - der Courage. - - -Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht -auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet -mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen -hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen -Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding -hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des -Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus -zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche -hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich -antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige -zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch, -sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des -Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich -doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß -derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung -schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt -und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche -Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und -unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret, -als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete, -sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da -garint[261] rüra!« - -Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter -Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und -unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du -must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder -gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen -oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien -Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über -die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.« - -Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget -hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere -ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen, -neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr -nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr, -wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen -lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem -importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir -vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden -so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich -auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann -ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen -zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich -seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich -die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.« - -Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich -vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein -dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung -eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um -Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine -Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe -andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig -sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt. -Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht -tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche -Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in -meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich -versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.« -Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch -bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen -müssen.« - -Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob -er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden. -Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das -Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung -der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«, -sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige -unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur -fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu -hören verlange.« - -Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben, -dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des -fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.« - -»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr -weiß, und schone meiner auch nit!« - -Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen -wolte. - -»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen -ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich -aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu -begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier -gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation -meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir -hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des -Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe -ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn, -welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht -betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in -eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel -Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich -dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück -Wildbret vorhanden gewest wäre. Das höreten ihre Herren alsobalden -und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf -mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf -einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild -aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen -die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich -auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an -die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber, -Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß -ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder -von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein, -sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen -Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre -Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder, -und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die -jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich -habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also -durchstreichen lassen!« - -»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer -Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß, -ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein -prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen -ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte, -wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst -vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste. -Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie -ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie -hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas -falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie -mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn -nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder -Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem -annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht -häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und -geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine -Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen -dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von -Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher -aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war, -mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams -an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war -schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe -mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie -hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr -langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich, -weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich -die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel -seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt) -überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund -in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.« - -FUSSNOTEN: - -[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer -Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant. - -[261] =garind=, grind, Kopf. - -[262] =belebten=, verlebten. - -[263] =spanischer Mantel=, ein schwerer Zuber mit einem Loch im -Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem =steinernen Mantel= -ist das Gefängniß gemeint. - -[264] Die ersten Drucke haben »von andern«. - -[265] =Krumm-Schiltach=, Baden, Oberrheinkreis. - -[266] =Stäuber=, Stöber, Spürhund; =Wind=, Windhund. - -[267] =Gejaid=, Jagd. - -[268] =bestäten=, bestätigen, das Vorhandensein eines Wildes an einem -bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen. - -[269] =werklich=, spaßhaft, wunderlich. - -[270] =wie noch=, wie jetzt noch. - -[271] =Geschmelzte Arbeit=, Schmelz, Email. - -[272] =Zahlperlen=, die größten, die nicht nach dem Gewicht, sondern -nach der Zahl verkauft werden. - -[273] =Serge=, deutsch Sarsche, leichtes Tuch. - -[274] =lustig=, reizend, hübsch. - -[275] =Aurach=, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon -damals bedeutende Leinenindustrie. - - - - -Das fünfte Capitel. - - Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt. - - -»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige -Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon -gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen -und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner -weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von -den Leuten?» - -»Ich antwortet: «Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von -Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine -Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen -Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.»« - -»«Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht -ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich -wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.»« - -»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß -aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu -halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten -solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen, -das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation -der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir -nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.« - -»«Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts -schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen -und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.»« - -»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd -von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner -war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald, -da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl -befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein -Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach -vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also -nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein -Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel -unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich -unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi -Lebensbeschreibung hervor.« - -»«Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch -handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir -die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt -schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen -hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit -genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter -Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut, -nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten -schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet, -alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides -mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen -Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene -Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen, -daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen, -welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen -mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit -Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so -er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen -und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor -welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht -1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden -vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein -werde.»« - -Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die -Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten -meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr -diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da -sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit -ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals, -als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr -selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen -ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als -im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd -als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein -Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich -selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung -folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die -Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner -Erzählung fort; was sagte sie ferners?« - -Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich -solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung -informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens, -ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu -lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren, -und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine -begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere -Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem -Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie -wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach -vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein -müste.« - -»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu -lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines -hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den -dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm, -nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein -einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam, -die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen, -Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde -um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam -Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die -Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin -selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das -Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche -Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an -einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten. -Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber -zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten -und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den -Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als -wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes -Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und -zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das -Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder- -und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über -der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager -aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd -untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng: -Wer selten reit &c.[286]« - -»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden -und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde, -alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und -Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber -nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287], -Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß -bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja -ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht, -als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber -in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod -zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth -einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der -uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem -Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.« - -»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose -Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt, -oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder -zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte -eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses -genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich -mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt -umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie -überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290] -selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch -besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen -Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden, -sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen -wird, bezogen haben will.« - -FUSSNOTEN: - -[276] =toll=, keck und auffallend gekleidet. - -[277] =angehen=, gelingen. - -[278] =einzig=, einzeln. - -[279] =Göttelgeld=, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe. - -[280] =Gewelsch=, Sprachverdrehen, von =welschen=. - -[281] =eitel=, (nicht anders als) durchaus. - -[282] =als=, stets, fortwährend. - -[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis. - -[284] Die =Murg=, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis -entspringend, bei Rastatt mündend. - -[285] =untergeben=, zum Reiten geben. - -[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der -A. weh. - -[287] =Rick=, Rück, Rücken, Höhenzug. - -[288] =Horb=, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis. - -[289] =Gernsbach= in Baden, Mittelrheinkreis. - -[290] =Anacharsis=, ein Scythe, der auf seinen Reisen in -Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit -der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr -wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen -Götterdienst einführen wollte. Herodot, ~IV~, 76. Cicer. ~Tusc.~ B. 32. -90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein -Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten -Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an -den Schluß des vorhergehenden Satzes. - -[291] =verehren=, ~trans.~, um dem Herrn damit ein Geschenk zu -machen. - -[292] =zu ihrer eigenen Hand=, in ihrem Namen. - - - - -Das sechste Capitel. - - Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von - der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen. - - -Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre, -und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel -ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in -Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht -gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese -Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.« - -»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld, -»oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die -Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!« - -Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius -war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns, -enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum -Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen -kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher -Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und -Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel -oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun -gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so -wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum -Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen; -aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu -kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß -ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter -böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, -daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach -vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich -nur[297] selber wolte. - -Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den -so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften -dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit -Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298], -Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war -Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen, -die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten. -Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel -durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten -Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich -weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir -waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei -nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die -ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten -empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem -allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil -gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns, -Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit -sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten -einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit -ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war. -Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte -zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer -und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden -hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns -ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar -nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je -nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn -hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der -Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe. - -»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem -hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch -erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben -so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo -selbsten.« - -»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil -Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit -andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich -dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage -selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten -findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz. -Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit -leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug, -hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als -vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich -Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol! -Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch -noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch -ein Zigeuner zu sein.« - -»«Mein Sohn», sagte sie, «wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist -der Sach bald geholfen.»« - -»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.« - -»«Diß ist bald gelernet», sagte sie; «ich hab sie ehe als in einem -halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne -Beischläferin zum Heurath verschaffen.»« - -»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath -gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu -kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern -zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch -nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches -das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen -Eltern zu hoffen hätte.« - -»«Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn», sagte das Rabenaas -weiters, «und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser -Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann -du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem -allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen -wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen, -die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.»« - -»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr -Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul -machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto -ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu -bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306].« - -»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine -junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste -aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere -bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks -ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist, -deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte -sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich -wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen -lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage -Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört -hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser -vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer -andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der -Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als -ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer -wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch -an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an -mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte, -dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.« - -»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern -kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir -einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin -klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich -einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine -Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend -bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren -lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte. -Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte -mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in -ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer -so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich -gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition, -daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und -alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu -solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein -absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.« - -»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut -und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht -an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: «So, mein Sohn, ich -sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.»« - -»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet -ich. Sie aber sagte: «Beschaue deine Hände!»« - -»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine -Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor -die meinige erkante, sonder darvor erschrak.« - -»«Diese Salbung, mein Kind», sagte sie, «gilt bei uns so viel, als bei -den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu -auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.»« - -»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß -sie hätten zerbersten mögen.« - -»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein -zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder solte ich anders thun, als -nach deren Willen mich zu accomodirn, in welcher Gewalt ich damals war?« - -»«Hei», sagte ich, «was geschneidts[310] dann auch mich? Vermeinet ihr -dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? Höret nur -auf zu lachen, und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll!»« - -»«Wann du wilt, wann du wilt», antwortet Courage; «doch der Gestalt, -wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.»« - -»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit fertig, ohne[311] -daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor, Diebsstück darzu -hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeunerin worden. -Derowegen begehrte ich gar höflich die versprochene Bezahlung. Sie aber -sagte: «Ho, mein Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch -wol kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.»« - -»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit -halten solst? Und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen -wolte, setzte und verordnete sie mich vor der ägyptischen Nation -Obersten Secretarium durch ganz Teutschland und that Promessen, daß -mein Heurath mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben -würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben -werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte, -dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit ihrer -gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte war kaum -verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach samt Weib -und Kind etwan selbdreißigst das Bielerthal herunter marschierten, -auf welchem Weg Courage ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder -auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren -und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher -Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der -ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag -marschierten wir vollends biß an den Rhein und blieben zunächst an -einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen -über Nacht, um den folgenden Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des -Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande sich -der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und seine Braut so -gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als -nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.« - -FUSSNOTEN: - -[293] =Blackscheißer=, Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, =Black=, -Dinte. - -[294] =Kandel=, Bier- oder Weinkrug. - -[295] =enthalten von=, abhalten. Im Text steht »=vorm=«, dies würde -nicht den richtigen Sinn geben. - -[296] =Ammeister=, Bürgermeister. - -[297] =nur=, die ältesten Ausgaben haben »mir«. - -[298] =Tabaksaufen=, wie im Französischen ~boire~, rauchen. - -[299] =ohne=, ausgenommen. - -[300] =Liegen=, Lügen. - -[301] =kläpfen=, vom oberdeutschen Schallwort »klapf«, »klapp«, -klappen, knallen. - -[302] =dürfen=, brauchen. - -[303] =auf den alten Kaiser= (gleichsam auf den verstorbenen -Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus ~III.~ -20: »auf den alten Kaiser dahin leben«. - -[304] =vortheilhaftig=, listig. - -[305] =das Maul machen=, die Miene machen, sich das Ansehen geben, -so thun. - -[306] =sich abscheibeln=, abdrehen, sich davon machen. - -[307] =angehen=, anbeißen, ins Netz gehen, sich fangen lassen. - -[308] =gestältig=, fügsam, zuthunlich. - -[309] =Lucius Apulejus= aus Madaura in Afrika, geboren -unter der Regierung Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in -Karthago. Er schrieb: »~Metamorphoseon s. de asino aureo libri~«; ein -liederlicher Jüngling Lucius, den Grimmelshausen mit dem Verfasser -identificirt, wird in einen Esel verwandelt, aber in den Mysterien -wieder zum Menschen neugeboren. - -[310] =geschneiden=, kümmern. - -[311] =ohne=, ausgenommen. - - - - -Das siebente Capitel. - - Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung[312]. - - -»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte gnädig sein wollen, -dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, daß mich diß lose Gesindel -nit gar ermordet und mich im Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld, -so ich noch zur Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld, -was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, der ich -doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel so wol als euch -betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam kein Mensch, an den sie -sich machen will, entgehen kan, wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn -Simplicissimo beinahe selbst widerfahren wäre?« - -Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, guter Freund! -Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!« - -»Mein«[313], antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der armen Tröpfin -nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits ohnedas der -Verdammnus nahe, biß über die Ohren im Sündenschlamm, ja allerdings -schon gar der Höllen im Rachen steckt? Bete darvor ein paar andächtiger -Vatterunser vor sie, daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu -wahrer Buße bringen wolle!« - -»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie der Donner -erschlüg!« - -»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere dich, wann -du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, die sich zwischen -deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege hinunterfallen[314] -wolte.« - -Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?« - -Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen -Seufzen[315]. - -Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei -überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit -er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er -antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund -vergehet.« - -Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder -samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste -Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß -besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub -gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf -Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch -hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben -solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und -sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit -ich mich ernähre!« - -Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen. -Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin -Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere -Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf -offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen. -Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen -Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen -drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio: -»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?« - -Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du -wilt, so lasse sehen, was du kanst!« - -Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu -agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4, -5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem -Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die -Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte -mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen -Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der -Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben -Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor -Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen. - -Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem -Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius -zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein -Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen, -aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor -Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles -natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen, -als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen -dessentwegen befinden werden.« - -Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem -Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen -eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe -da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein -Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?« - -Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen, -er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es -ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden -würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum. -Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen. - -»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als -Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein -Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß -wieder hinaus.« - -Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er -dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern -nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander -Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch -in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im -Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames. - -»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir -lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir -aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts -taugen; sie müssen wieder fort.« - -Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand -im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen -ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes -Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm -und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat -entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch -aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen, -wird mein sein.« - -Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300 -zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So -muß man diese Kerl aufheben.« - -Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe -darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im -Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er: -»Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten -wieder weg.« - -Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem -Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er -könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste, -daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden. - -»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.« - -Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte, -und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-, -Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts -als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs -auch wol unterweg können lassen.« - -Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete. -Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt -deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch -das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter. - -»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser -Narren wieder los bin worden!« - -Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322]. -Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen -was ihr könnet!« - -Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst -nichts als Trinkgeschirr. - -»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und -ich mache gern Gesegne Gott.« - -Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht, -mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch -auch bald zu theil werden soll.« - -Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken, -welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das -Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel -Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser -genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein. - -Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert -darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften. - -»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine -glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in -dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten -halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen -trefflichen Urkunden geholfen hat.« - -Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein -Ende. - -Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen -und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt, -sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol -kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben -auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein -Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich -ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und -seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so -roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien -Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich -ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor -Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in -Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer -Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor -Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet -werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr -ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den -allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken -sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie -gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.« - -Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll -Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas -einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier, -davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche -Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes -gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen, -verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er -allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste -aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese -geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der -Wein verwunderten. - -»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit -dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß -dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen -zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem -spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, -den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat, -lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von -diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr -feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen -halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig -Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla -mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum -Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens -gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen -und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein -vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe -ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert -und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil -Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen. - -Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein -Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326], -giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die -4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte -und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen. - -»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich -ernähre?« - -»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich -sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du -mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein -spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.« - -FUSSNOTEN: - -[312] =Losung=, Erlös, Einnahme. - -[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~. - -[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die -Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine -Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied -dazwischen. - -[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer. - -[316] =Knan=, Vater. - -[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender« -befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie. - -[318] =der Umstand=, die Umstehenden. - -[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen. - -[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu -steigen. - -[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel. - -[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben. - -[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben. - -[324] =rahn=, rahnig, dünn. - -[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der -Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. -Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6. - -[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben -wollte. - -[327] =Rabbi=, Meister. - -[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel, -gebraucht wie Pfifferling. - - - - -Das achte Capitel. - - Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst - lernete. - - -»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar -ein ungeschliffen Maul!« - -»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe -nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.« - -»Wie ist dir dann?« fragte jener. - -»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte, -du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen -trefflichen Lehrmeister gehabt.« - -»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch -festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch -ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so -böse Gedanken von mir zu machen?« - -»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen -genugsam gesehen.« - -Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß -du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol -noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften, -wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon -du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und -Verblendungen hältst.« - -»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das -Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und -Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und -behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.« - -»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme -mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die -4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch -laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut -Geld gelöst.« - -»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine -Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?« - -Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern? -Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur -deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!« - -Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den -Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und -bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch -wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte. - -»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner -Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich -zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe -oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen -Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht -zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine -alte Possen und Grillen übe?« - -»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte -Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann -sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben -gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, -wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott -das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in -deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin -ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen, -mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar -füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen -köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter -abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und -Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet -und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast -geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere -Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht -einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch -nicht an unsere Bekehrung gedenken.« - -»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld, -das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster -oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit -beraubte.« - -Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine -vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der -Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes -verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich -beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich -der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der -Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein -spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.« - -Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor -die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern -zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch -auf deine Erinnerung bedenken wolle.« - -Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz -befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden, -also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine -Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er -zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei -oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem -Mark mit dem Buch üben sahest?« - -Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich -dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.« - -»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der -dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich -auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was -ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte -Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder -ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die -Kunst nit wirst üben können.« - -Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er -sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet: -»Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so -erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der -Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand -Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, -so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg -zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor -Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich -auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei -den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich -damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor -grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden; -bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei, -und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß -diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der -Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen. -Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift -nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige, -Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer -und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß -dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen -Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse. -Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern -vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit -nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die -allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt -durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus -gebracht werden.« - -»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel; -wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!« - -Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu -auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch -umgehen sollest.« - -»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.« - -»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon -selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen -gedenken sollest.« - -»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler -und wäre dieser Obligation ledig.« - -Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun; -nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches -zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds -werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den -geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du -dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, -du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir -gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.« - -Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir -fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen -Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter, -das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit -Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich -mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine -schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen -verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir -vor solche Kunst haben willst.« - -Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld -alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte -ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich -auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage -hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt -gemein zu machen[331] - -FUSSNOTEN: - -[329] =da=, in den Ausgaben steht als Druckfehler »=das=«. - -[330] =Wahns=, alle Ausgaben haben: »wann«. - -[331] Vgl. den Anhang. - - - - -Das neunte Capitel. - - Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben - wolte. - - -Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und -Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich -wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste -so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter -Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um -dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, -daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht -geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um -den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern -ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam -auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als -welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft -vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings -wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, -der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er -sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich -einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen. - -Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge -Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht, -ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und -gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich -nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero -setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich -abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu -fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, -Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark -damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe -er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr -haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches -nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er -solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog -alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter -vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß -weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, -und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen -Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und -zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften -zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) -durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte -er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), -zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das -Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun, -seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.« - -Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit -wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius -gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er -gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so -wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben. - -Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei -welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte -und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten. -Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein -Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem -einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit -herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu -schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe ~Grobiani~ zu sein -pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern -Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, ~mores~ zu lernen, so -daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene -Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß -setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen -löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still, -nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert -er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen -staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen -verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so -unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, -als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter -ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, -der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits -oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie -zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer -Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel -zu sehen pflegt. - -Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also -haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine -Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der -Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht -beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen -der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken -behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß -er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte. -Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns -an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen -vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem -jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen -munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er -an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft, -und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte. -Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo -er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre, -ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und -etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und -zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c. - -»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen -müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel -zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen; -gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete -es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die -Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der -flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen -Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst -nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter -kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar -genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters -und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen -ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun -hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist -auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab; -und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung -beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit -unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und -wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und -daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht -auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und -Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.« - -»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in -deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte, -die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und -Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im -Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen. -Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig -würdest?« - -»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß -nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr -an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der -Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und -zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt -ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige -daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß -nehmen.« - -»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so -wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.« - -»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs -mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann -verbrennte Kinder das Feur förchten.« - -Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?« - -»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein -güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem -Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht -meine Ehefrau.« - -»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden; -denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine -etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die -treulich mit dir hausen werde?« - -Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; gleichwol aber -ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen -pflegt, theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten, -die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche -Ausgaben, dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben, -zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist -nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit -mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch -an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen. Soll sie -mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem -Kuchengeschirr herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders -das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und -Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth säubern läßt? -Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen -wird (welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn -begehre), wann nämlich eins krank, das ander gesund, das dritte faul, -das vierte muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst -widerspenstig, ungehorsam und nichts nutz ist?« - -Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines -rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst von dem heiligen, -von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegneten -Ehestand weit anderst reden. Und gleich wie eine fromme, tugendhafte -Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Manns ist, also -verdrüßt dich, daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt -hat.« - -»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du kanst bei deinen -Biren wol merken, wann andere zeitigen[338].« - -FUSSNOTEN: - -[332] =neuangestandener=, neu eingetretener. - -[333] =stürzen=, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben. - -[334] =Freundschaft=, Verwandtschaft. - -[335] =lieber=, ~interj.~, ~quæso~. - -[336] =Stamm=, Abstammung, Stand. - -[337] =aus dem Geschirr schlagen=, wie: über den Strang schlagen. - -[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern -ergeht. - - - - -Das zehnte Capitel. - - Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen. - - -»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, sagte Simplicius, -»seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht anders oder eine zu -heurathen persuadirn können; hingegen aber möchte ich wol von dir -vernehmen, wo du gebürtig, wie du in Krieg kommen und wie es dir -bißhero darinnen ergangen, biß du aus einem so tapfern Soldaten zu -einem solchen elenden Stelzer worden seiest.« - -Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, deinen -eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck vor Augen zu -legen, so werde ich mich auch nit schämen, den meinigen hier im -Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits offenbar sein soll, -was zwischen mir und der Courage vorgangen, die gleichwol uns beide, -wie ich vernehme, mit einander verschwägert. Jetzt höre dann deines -Schwagers Ankunft.« - -»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von hohem altem -Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter Vatter aber ein -albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben von schlechter -Ankunft[339] und geringen Mittlen gewesen. Als dieser mit einem zahmen -Löwen und einem Dromedari in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern -gewohnet, herum zohe[340] und beides diese Thier und seine Kunst -um Geld sehen ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein -junges Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit -so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie mit -Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern ein Stück Geld -auszufischen und mit besagtem meinem Vatter wider ihrer Eltern Wissen -und Willen darvonzuziehen. Und solches hat ihr auch zu ihrem Unglück -geglückt, unangesehen sie einander aufrecht[341] geehlicht. Also wurde -meine Mutter aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende -Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst die erste -und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein Vatter, da ich kaum -geboren worden, von einem Seil herunter stürzet und den Hals zerbrach, -durch welchen leidigen Fall meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib -wurde.« - -»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder heimzukehren, -ohne daß sie sich damaln auch über die hundert Meilen von denselbigen -im Dalmatia bei einer Compagnie Comödianten befande; hingegen war -sie schön, jung und reich und hatte dannenhero unter meines Vattern -hinterlassenen Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe, -der war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen -Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe mich auf, biß -ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich alle ~principia~ -seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, Geigen, Pfeifen, beides -auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus der Taschen spielen, durch den -Reif springen und andere seltzame Aufzüg und närrische Affen-Posturen -machen, also daß ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und -das ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction -angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und schreiben, griechisch -reden von meiner Mutter und sclavonisch von meinem Vatter. So begriffe -ich auch mithin in Steyr, Kärnten und andern angrenzenden teutschen -Provinzen um etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum in -Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich gedachter -mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um keine 1000 Ducaten -verkauft hätte, wann gleich alle Tag Jahrmark gewesen wäre.« - -»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils in -Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen[342], Walachei, -Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, Böhmen, Ungarn, Steyr -und Kärnten herummer; und da wir in diesen Ländern viel Geld -aufgehoben[343] hatten und mein Stiefvatter willens war, seines Weibs -Eltern auch zu besuchen (als vor denen zu erscheinen er sich nicht -scheuete, weil er sich gar einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie -ein Graf aufziehen konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria[344] -in Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia und -Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo dann meiner Mutter Eltern -sich befanden.« - -»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein Vatter seine Kunst -auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen lassen, oder vielmehr -dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning schätzen[345], als -welche damal in völligem Flor und Reichthum stunde. Wir kehrten -daselbst zu solchem Ende ein, und zwar nicht in der Kirchen, sonder -unserer Gewohnheit nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir -blößlich[346] eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin, -um Consens anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde -Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. Es wurde -erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten ward, wurde ich samt -meinem Stiefbruder, der mir weder in Dexterität unserer Kunst noch -in andern Stücken bei weitem nicht zu vergleichen, mit einem Reif, -einer Gaukeltaschen und andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob -ich nicht auf den Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld -verdienen könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- und -Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng Freud und Lust zu -machen; aber ach! ich gelangte an ein Ort, das alles meines Jammers, -Elends und eignen Unlusts ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe -außer dem Hafen segelfertig auf der Reide[347] lagen, die nur auf guten -Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien -albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu führen, sihe, da -geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, weil wir durch einen -der Ihrigen im Nachen[348] überredet worden waren, es würde daselbst -ein trefflich Trinkgeld setzen, maßen uns auch derselbige Nache mit -überführte. Wir hatten unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus -Mitternacht ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer -in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die Segel, -nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich und meinen Bruder -das Schiffen wider unsern Willen erdulden. Jener thät, als wolte er -verzweifeln; ich aber ließe mich noch trösten, nicht allein darum, weil -ich von Natur alles gern auf die leichte Achsel nehme, sonder auch, -weil mir der eine Rittmeister, der sich ganz in meine Gestuosität[349] -verliebt, gleichsam güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben -und sein Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol -gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die -Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann sie nicht geliefert -wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit ihnen eine Seeschlacht -angehen oder einen Krieg anfahen würden. Derowegen gab ich mich nur -desto geduldiger drein, genosse es auch besser als mein Bruder, welcher -sich dergestalt kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia -abfuhren, alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.« - -»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so fort zu Land -durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins Land von Lützenburg, und also -in die Spanische Niederlande, alwo wir neben andern Völkern mehr unter -dem berühmten Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um -dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich war -noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen Muthwillen zu; -ich wurde weder durch strenges Marschiern noch andere Kriegsarbeiten -abgemattet; so wuste ich auch noch nichts vom verdrüßlichen -Schmalhansen, als welcher damals bei weitem noch nicht so bekant bei -unser Soldatesca war, als er sich nachgehends im teutschen Krieg -gemacht hat, in welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben -kennen lernen.« - -FUSSNOTEN: - -[339] =Ankunft=, Abkunft. - -[340] =zohe=, altes ~præt.~ zu ziehen, zog. - -[341] =aufrecht=, ~adv.~, aufrichtig, ehrlich. - -[342] =Wossen=, Bosnien. - -[343] =aufheben=, erheben, einnehmen. - -[344] =Histria=, Istria. - -[345] =schätzen=, in Contribution setzen, brandschatzen. - -[346] =blößlich=, bloß, nur. - -[347] =Reide=, Rhede. - -[348] =Nache=, Boot. - -[349] =Gestuosität=, Beweglichkeit; ~gestuosus~ kommt bei Apul. vor. - - - - -Das elfte Capitel. - - Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien. - - -»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, wie denjenigen, -so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so einmal zu solcher -unseligen Congregation gelangen, schwerlich oder wol gar nit mehr -darvon kommen können, also gehets auch dem mehrentheils[350] von -den Soldaten, welche, wann sie gut Sach haben, nicht aus dem Krieg -begehren, und wann sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen -können. Von denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners -gedulden müssen, biß sie entweders durch eine Occasion[351] bleiben -oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, könte man -darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte; -von denen aber, so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder -unnützlich verschleudern, kan man gedenken, daß ihnen der gütige -Himmel nicht gönne, sich ihr großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das -Sprichwort wahr zu machen: - - So gewonnen, - So zerronnen. - -und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen wieder fort.« - -»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche -denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und derselbigen muß -ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, der berühmte Tilly, -nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kränzels, seine -Unterhabende[352] aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt -gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner Soldat von den Seinigen eine große -Beut von Baarschaft, so in lauter Geldsorten bestanden, erobert -und alsogleich wieder mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu -erfahren, ließe er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem -unglückseligen Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene und -wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von andern vernommen -(etliche sagten wol von 30000, andere von weit mehrern Ducaten), sagte -der Graf zu ihme: Du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug -haben und wie ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber -hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch -zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem Kaiser nutz -zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, der sonst den Ruhm -eines Soldatenvatters gehabt, daß dieser Kerl als eine unnütze Last -der Erden in freien Luft gehenkt werden solte, welches Urtheil auch -alsobalden vollzogen worden.« - -»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit[353] der -Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat über -20000 Ducaten ~in specie~ darin erwischt, solche aber bald hernach -auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches dem Königsmark -gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch diesen Soldaten vor sich -kommen ließe, um ihn erstlich zu sehen und ihm alsdann nach Erkundigung -der Wahrheit ebenmäßig obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu -lassen, wie er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach[354]. -Als aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er mit -einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können mich mit -Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen lassen, weil ich -Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine größere Beute zu erhalten. -Diese Antwort, welche vor ein Omen gehalten wurde, erhielte dem guten -Gesellen zwar das Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut, -vielweniger den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu -hart bedrängt wurde.« - -»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem Holtzischen -Regiment[355] zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne Zweifel den -sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen oder doch wenigst viel -von ihm gehöret haben. Er war bei besagtem Regiment ein Musquetierer, -und kurz vorm Friedensschluß trug er eine Pique, wie ich ihn dann in -solchem Stand und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd -hinten und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand -der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem geriethe in -dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller französischen -Duplonen ein solche Beut in die Hände, daß er selbige schwerlich -ertragen, weniger zählen und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz -seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät -dieser liederliche Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall[356] -seines großen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt -und Vestung[357] der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus -Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach so viel -erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen lassen; daselbst -staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und lebte täglich wie ein -Prinz, der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat; er hielte zween -Kutscher, zween Laquaien, zween Page, ein Kammerdiener in schöner -Liberei, und nachdem er sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen -Pferden versehen, reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes -über die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte, -die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren zubrachte -und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich den Obristen Lumpus -nennete. Solches herrliche Leben währete ungefähr sechs Wochen, -in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister, der General von -Holtz[358] auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte, -weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er -zu seiner Hinkunft zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich, -daß ein fremder Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem -er zu weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck -Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel zu -discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als dem großen -Atlante[359] sowol alle Weg und Steg, Wälder und Felder, Berge und -Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle adeliche Familien des -Römischen Reichs bekant waren, als fragte er nur nach dieses Cavaliers -Namen. Als er aber verstunde, daß er sich den Obristen Lumpus nennete -und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten -von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er ein Begierde, -mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen. Er -fragte den Wirth um seine Qualitäten, und da er verstunde, daß er -zwar sehr gesellig, eines lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit -selber, doch aber von wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto -größer. Derowegen verfügte[360] er mit dem Wirth, des Lumpi Consens -zu erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen -möchte.« - -»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen und bei dem -Confect in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine -göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. «Mit diesem Tractament», -sagte er zu seinem Obristen, «wollen euer Excellenz verlieb nehmen -und meiner dabei im besten gedenken.» Der von Holtz verwundert sich -über diß Anerbieten und antwortet, daß er nicht wisse, womit er -ein solch Präsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig -würde verdienen können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches -anzunehmen. Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen; -er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in deren ihr Excellenz -selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung zu thun obligirt sei, -und alsdann verhoffe er hinwiederum von seiner Excellenz eine Gnad -zu erhalten, die zwar keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber -erkennen könte, daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun -dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als jemanden -versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger, -sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil es Lumpus überein[361] -so haben wolte, mit courtoisen[362] Promessen, solches auf begebende -Fäll zu remeritirn.« - -»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er passirte nie bei -keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, die ihm zu Ehrn ins -Gewehr stunde, ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf, -und also machte ers überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein -reicher Herr zu erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle -Tag den Wirth aus[363], ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller -abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert hätte. -Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also wurde er auch -mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, wie ich schon erwähnet, -in sechs Wochen. Darauf versilbert er Kutschen und Pferd; das gieng -auch bald hindurch. Endlich musten seine stattliche Kleider samt -dem weißen Zeug daran; das jagte er alles durch die Gurgel. Und da -seine Diener sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander -ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da er -nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich in einem -schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, schenkte ihm -der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld bei ihm verzehret -hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, biß solche auch allerdings -wiederum verzehret waren. Der Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol -begraset, oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht, -oder anderer Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit -Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, biß er -selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig war, schenkte ihm der -Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum Zehrpfennig auf den Weg; er aber -antwortet, weil es Zehrgeld sein solte, so wolte ers lieber bei ihm -als einem andern verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum -biß auf den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit -wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch 5 Reichsthaler -gab, sich damit fort zu machen. Und den er zuvor ihr Gnaden genennet -und anfänglich unterthänlich willkommen sein heißen, den muste er damal -dutzen, wolte er anders seiner los werden; dann als er sahe, daß er -auch diese letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem -Gesinde, daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. Da er -nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu quittirn, sihe, -da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen das noch übrige -kleine Fünklein seines großen Schatzes vollends mit Bier. Folgends kam -er wiederum bei Heilbrunn zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in -die Eisen geschlossen und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei -acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. Wolte nun -der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des -Stricks entübrigt sein, so muste er sich wol seinem Obristen, den er -deswegen stattlich verehret, offenbaren, welcher ihn auch alsobalden -von beiden befreien ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er -so viel Gelds so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts -antwortet, als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein -Tag nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zu -Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte er auf solche Weis -durch seine Beut erfahren müssen.« - -FUSSNOTEN: - -[350] =mehrentheils=, ~adv.~, wie »theils« von Grimmelshausen öfter -als Substantiv gebraucht. - -[351] =Occasion=, Treffen, Gefecht. - -[352] =Unterhabende=, Untergebene. - -[353] =die kleine Seit=, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag. - -[354] =zusprechen=, zuerkennen. - -[355] =dem Holtzischen Regiment=, vgl. S. 178, Anm. 1. - -[356] =Anfall=, das Zufallen. - -[357] =eine Stadt und Vestung=: Ingolstadt, auf welches der -König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte; -dabei fiel Markgraf Christoph von Baden. - -[358] =Georg Friedrich von Holtz=, ein »Soldat von Fortun«, -stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von -Baiern; starb 1666. - -[359] =dem großen Atlante.= Es ist hier nicht der mythische -Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten -Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208. - -[360] =verfügen=, ausmachen, verabreden. - -[361] =überein=, durchaus. - -[362] =courtois=, höflich. - -[363] =auszahlen=, voll bezahlen. - - - - -Das zwölfte Capitel. - - Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item - wie ihn ein Baur zaubern lernet. - - -Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern -erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus: -»Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als -die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den -Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat -und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser -Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren, -welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den -Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?« - -Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann -ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener -gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und -gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem -aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides -Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man -auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.« - -Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im -Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg -unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor, -wie es dir selbst gangen.« - -»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen, -wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des -nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist -diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius -Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut -überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt -brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich -darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua -retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft -des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt, -aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck -empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit -Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu -verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich -mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365] -der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als -sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen -marschierte.« - -»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und -gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die -~Tirones~[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen -ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen -aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor -gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber -nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder -austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil -es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto -tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine -Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet -und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied -dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch -mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich -dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen, -daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen -dörfte.« - -»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main -schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen -in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig -Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und -nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich -kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden, -Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu -helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst -willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt, -allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So -kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In -der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch -ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich -ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten -oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369] -genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370], -den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel -zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als -welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich -wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin -den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals -etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in -ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte, -übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm -Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein -paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371] -Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger -Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich -im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener -Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht -darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der -Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo -sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein -nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das -Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden -zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem -Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen, -einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war -so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm -die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte -ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte -auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde, -sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er -ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde, -wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch -sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf -mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag -und sagte: «Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi -segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken -Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler -gewen.»« - -»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern -Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit -ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum -Bauern: «Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier, -daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich -kan ausrichten.»« - -»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem -Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil -er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen -wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu -kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt -und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier -ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und -großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich -beherrschten.« - -»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt -und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem -Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie -auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte, -zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu -solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376] -zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377] -und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich -fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum -erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein -Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge -wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen, -der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb, -mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister -gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide -verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und -nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen -auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein -Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste -ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen, -so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche -auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden: -«Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören -und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General -Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er -verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige -Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.« - -»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte -ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei -Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst -bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische -Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde, -antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme, -gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein -liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.« - -»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber -konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.« - -»«O Bruder», sagte er auf Böhmisch zu mir, «du bist wol ein Schalk, -die Leute zu äffen.» Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: «Und -du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht -verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher -Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.»« - -»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht -hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er -nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm -Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so -viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich -beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch -bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen -Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich -solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen -unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch -wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt -seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.« - -FUSSNOTEN: - -[364] =Frankenthal=, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der -Esenach, mit einem Kanal zum Rhein. =Don Gonsales von Cordua= wurde -vom Mansfelder gezwungen, die Belagerung aufzuheben. - -[365] =gegen=, entgegen. - -[366] =~Tirones~=, Rekruten. - -[367] =Stattlo=, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk -Münster. - -[368] =Salva Guardi=, ~sauvegarde~, Schutzwache. - -[369] =hürnen Seifrid=, nach dem bekannten Volksbuche. - -[370] =Banddegen=, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen. - -[371] =übrig=, überflüssig, reichlich. - -[372] =welche=, einige, manche. - -[373] =der Cimbrier Chersonesus=, Jütland und Schleswig-Holstein. - -[374] =Potthast=, im nördlichen Deutschland noch jetzt gebräuchlich, -sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch. - -[375] =tröge=, trocken, gedörrt, geräuchert. - -[376] =enmits over Deelen=, mitten über die Dielen. - -[377] =Pentalpes= oder =Pentaples=, vielleicht für Pentagramm, -Drudenfuß. - -[378] =dump=, =dümper=, dumpf. - -[379] Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die -Rede. Vgl. über diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte. - - - - -Das dreizehnte Capitel. - - Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter - den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen und - endlich ein Freireuter worden. - - -Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung zuhörete, -ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bistu -gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger -gewesen!« - -»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet ihr -euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem -Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige Thierer sein und darzu keine -kranke, wann ich sie würdigen solte, selbige mir zuzuschreiben. Und -zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich -annahm zu Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel -rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie -allesamen mit den Schwänzen an die Hörner zusammen gebunden wären, sie -gewißlich von hier biß auf euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen -er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein -soll. Was vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein -und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß ich vor dem -großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und -Enten, zu gedenken?« - -»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das -Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort -des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich, -deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Bettlen ernähren müssest.« - -Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen[380] und sagte: -»Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius hats kein Haar -besser gemacht und gleichwol noch seine beide Füße übrig, woraus ihr -genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und -ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, -daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut -auch seinem Beruf nicht genug.« - -Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn -schon darum geben, dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam -gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zu werfen.« - -»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem -alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also -lautet: - - So bald ein Soldat wird geboren, - Sein ihm drei Bauren auserkoren: - Der erste, der ihn ernährt, - Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert, - Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt. - -»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen -Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme -Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, beides schuldige und -unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sonder auch ihre -eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie -nur zukommen können.« - -Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war halt Gaul als -Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten -Schelmen und hingegen diese von jenen Diebe genant, so daß diesen Reden -nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und -dannenhero war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene -aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du -vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo -du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.« - -»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, das Rabenaas, -aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wolte, wann es nicht -die Folge meiner Histori erfordert. Zu dieser Vettel kam ich, nachdem -ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld -ledig gemacht hatte. Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder -ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr -darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so sich -zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen. -Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf -entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich mag einmal mein eigne -Guckgaucherei[381] nit selbst ausblasen, sonder es ist mir genug, -wann ich glauben muß, sie werde meiner so wenig als deiner verschonet -haben. Diß ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende -Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als -ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt, -von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu werden, -wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in -den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und -Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt[382] und fertig, und -in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar ~insationabilis~[383], -daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran -gethan, wann er ihr zu Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals -gehenkt und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte. -Diese Unholde[384], als sie meiner müd worden, brachte beides durch -Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie -saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittirn muste. -Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit, -hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich große Angst -ausstunde, biß ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.« - -»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter -dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische, -folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich -daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts -ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst -wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen -ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen -ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden -Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere -Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem -Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer -vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, -welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen, -als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem -Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte, -dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich -auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden -möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber -wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er -noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich, -zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor -Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders -nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der -einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen -Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten -kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen -werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem -Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor -sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der -einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe -mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, -daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.« - -»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden -überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so -lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte. -Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der -alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von -Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen -Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu -Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin -wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den -Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich -genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil -von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und -englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein -voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich -zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen -den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer -Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und -langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig -gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.« - -»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe -wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen, -daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz -lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison -zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens -Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt -hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, -sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den -Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er -mich entließe.« - -»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich -und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor -einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment, -darunter ich gehörte, gelangen möchte.« - -FUSSNOTEN: - -[380] =einen großen Schallen=, so wird zu lesen sein statt -»Schollen«: lachte, daß es laut schallte. - -[381] =Guckgaucherei=, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk). - -[382] =abgeführt=, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt. - -[383] =~insationabilis~=, Springinsfeld will sagen ~insatiabilis~, -unersättlich. - -[384] =Unholde=, Unholdin, Hexe. - -[385] =wider=, die Drucke haben »unter«. - -[386] =creirt=, geschaffen, bestimmt. - -[387] =zu uns genommen=, gefangen genommen. - - - - -Das vierzehnte Capitel - - erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück. - - -»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, der -nach diesem glücklichen Streich in Westphalen herum fuhr wie eine -Windsbraut, und das war ein Leben vor mich, dergleichen ich mir -vorlängst eins gewünscht hatte. Als er die Städte Lemgau[388], Herfort, -Bielefeld und andere um Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort -die Dörfer und Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen, -setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier mit seinen -vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von Lüneburg putzten, -folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit und schaffte mir -desto mehr Raubs. Vor Stade, alwo wir den schwedischen General Todt -hinweg schlugen und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg, -bekam ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene -Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht so viel -Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen Roßhändler hätte -ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld und Glück zugleich mit -vermehrte, fieng ich an zu gedenken, ob ich nicht auch ein Officier -abgeben würde.« - -»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr einlegten, außer -daß wir die Holländer aus ihren Schanzen vor Mastricht nit schlagen -konten. Den Hessen und den Bavadis[389] berupften wir gleichsam wie -wir wolten, und den Lüneburger, der Wolfenbüttel einzunehmen sich -bemühete, lehreten wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das -braunschweigische Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber -Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem Wallensteiner -und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu einer Hochzeit, in welcher -aber beiderseits allertapferste Helden und berühmteste Generalen ihrer -Zeit gleichsam mitten in ihrem Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit -Myrrhen und Rauten[390] bekrönet worden.« - -»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus und unser berühmte -Pappenheimer, beide ritterlich streitend, ihr Leben zu =einer= Zeit -in =einem= Flügel gelassen, wie dann der Graf kaum eine viertel oder -halbe Stund länger als der König gelebt haben soll, sihe, da erhub -sich ererst die wüthende Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten. -Jedwedere Seite stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche -Maur, und was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den -entseeleten Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß an den -Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen[391] sie mit -zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet worden, eine -sonderbare Kraft und Würkung empfangen, beides die auf sich habende -Todte und Lebendige zu demjenigen anzufrischen und zu entzünden, -was ein rechtschaffner Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten -schuldig, maßen beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß -die stockfinstere Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger -streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.« - -»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends in -Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil die Kräfte nit -hatte, uns zu jagen; und da ichs beim Liecht besahe, wurde ich gewahr, -daß ich in der Schlacht meinen Knecht und bei der Bagage meinen Jungen -samt allem, was ich vermocht[392], verloren. Den letztern Schaden -zwar hatten mir unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches -auch andern mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel -aufgeknüpft worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.« - -»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der Anfang und -gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen Unglücks, das noch -länger bei mir continuiren solte; dann nachdem mich die Altringische -erkanten, muste ich wieder unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein, -worunter ich mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher -Gestalt hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder weil -ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon gebracht, so -war auch die Hoffnung pritsch[393], ein Officier zu werden.« - -»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen und Kempten -einnehmen und den Schwedischen Forbus[394] striegeln helfen, in allen -diesen dreien Occasionen aber kein andere Beut als die Pest an Hals -bekommen, und zwar allererst als wir mit dem Wallenstein in Sachsen -und Schlesien gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben -an dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in -unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche Zufäll -betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich Wunder, daß dem -einen und andern der Lust in Krieg zu ziehen nit vergehet. Aber viel -ein mehrers verwundert mich, wann ich sehe, daß alte Soldaten, die -allerhand Unglück, Leiden und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum -öftern ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht -quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne[395], oder -ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen -und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine Art einer sonderbaren -unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; schätze wol, es seie ein Art -derjenigen Thorheit, damit sich die Hofleute schleppen, welche dem -Hofleben, darwider sie doch täglich murren, nicht ehender resigniren, -als biß sie solches mit ihres Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie -wollen oder wollen nicht.« - -»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit unserer Contagion -behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, der unsers Gelds gleichwie -wir seiner Arzneimittel bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so -das ander mangelte, wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm -und wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, die -ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich[396] nach dem -andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und als wir wieder -zu reuten getrauten, machten wir sich auf den Weg, uns durch Mähren -in Oesterreich zu begeben, alwo unser Regiment gute Winterquartier -genosse.« - -»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. Wir beide -Schwache und noch halb Kranke wurden von einer Rott Räuber, die wir -mehr vor Bauren als Soldaten hielten, angegriffen, abgesetzt[397], -biß auf die nackende Haut ausgezogen und noch darzu mit Stößen übel -tractirt, und konten schwerlich unser eigen Leben und vor unsere -Kleider etwas von ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der -damaligen grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel -mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet -gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren war. Ich -hatte noch etliche Gleich von meiner göldenen Kette verschluckt: darauf -bestund all mein übriger Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen -der Teufel gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen, -biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste ichs noch vor -einen großen Gewinn halten, daß sie mir den Bauch nicht aufgeschnitten, -anstatt daß sie uns endlich wieder lebendig von sich ließen. In solchem -ellenden Zustand, da uns zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit -und bequem Wetter zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche -Leute, daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf -kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad kein -Niemezy[398] oder Niemey gewesen, der die slavonische Sprach nicht -gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren[399] vom mährischen -Landmann beides Essensspeis und alte Kleider erbettelte, damit wir -sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert[400], jedoch dicker wider die -grimmige Winterskälte bewaffneten. Also armselig haben wir Mähren -allgemach durchkrochen, viel Ellend erlitten und von dem Bauersmann, -der dem Soldaten niemals hold wird, mehr spitzige Schmachreden als -willige Steur und Almosen eingenommen.« - -FUSSNOTEN: - -[388] =Lemgau=, Lemgo. - -[389] =Bavadis=, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam -als Oberst mit Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor -Pappenheim aus Westphalen zurückziehen. - -[390] =Myrrhen und Rauten=, als Leichenschmuck. - -[391] =um willen=, deswegen weil. - -[392] =vermögen=, im Vermögen haben, besitzen. - -[393] =pritsch=, dahin. - -[394] =Forbus=, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst -vorkommenden weniger bekannten Ereignisse und Namen, so weit dies -möglich war, nachgewiesen worden sind. - -[395] =ein Loch gewinnen=, auch sonst bei Grimmelshausen -und selbst in geschichtlichen Werken, z. B. im ~Theatrum Europæum~, -vorkommend, sprichwörtlich: ein Ende nehmen. - -[396] das =Gleich=, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr. -Glied einer Kette. - -[397] =absetzen=, vom Pferde reißen. - -[398] =Niemezy=, Deutscher. - -[399] =Parlaren=, Sprechen. - -[400] =ziert=, geziert. - - - - -Das fünfzehnte Capitel. - - Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen - gehalten. - - -»Zu[401] unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir wieder -beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu Eger -umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada zum -Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen und sich -selbst zum König in Böhmen machen wollen. Hierdurch wurde zwar diß -hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, aber zugleich auch das -kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum Theil um der verfluchten -Wallensteinischen Zusammenverschwörung halber vor verdächtig gehalten -werden wolten, zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt, weil man ihre -Treu zuvor probieren muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues -dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, daß es -liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, maßen die -schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung unterschiedlicher -Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich der unüberwindlichste -dritte Ferdinand, damaliger ungar- und böheimischer König, die Waffen -selbst ergriffen. Dieser mustert uns und führte uns bei 60000 stark -samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche -Stadt ich hiebevor, nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen -müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem General, -dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen unter Gustav Horn -entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auf der -Brücke ziemlich heiß hergienge, alwo mir nicht allein mein Pferd unterm -Leib, sonder auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser -rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.« - -»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen und sich der -hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, mit uns völlig conjungirt, -zogen wir auf das Ries[402] und belägerten Nördlingen. Damals war ich -ein unberittener und auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht -genossen, ein Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges -erschnappt hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß -man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, als -die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. Indem es aber -hierüber zu einem fast blutigen Treffen geriethe, gedachte ich auch -eine Beut zu holen oder das Leben darüber zu verlieren, dann ich wolte -viel lieber todt als ein solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet -und zusihet, wie tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich -um den Barchet jagen[403]. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser -oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte, -sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen ins Gedräng, als die Victori -noch in der Wag stunde und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch -und Staub bedeckt war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei -der Battalia den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings -verloren. Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, den Ungern -und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über eben denjenigen Ort, da -ich mich befande, des Willens, in Eil die da und dort liegende Todte zu -besuchen und zu plündern, wird[404] ich gezwungen niederzufallen und -mich denjenigen gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte. -Das thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen den -Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, deren sie -abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.« - -»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher -wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim Zaum hielte und -den einen Schenkel entzwei geschossen, den andern aber noch im Stegreif -stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, weil er ihm selbst nicht helfen -könte.« - -»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!« - -»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer -Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges Wort mir -zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen Hund genant.« - -»Ich fragte: Was Volks?« - -»Er antwort: Gut schwedisch.« - -»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der andern Hand -eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet damit den wenigen -Rest des bittenden Lebens. Und diß ist die Würkung des verfluchten -Geschützes, daß nämlich ein geringer Bärnhäuter dem allertapfersten -Helden, nachdem er zuvor vielleicht auch durch einen liederlichen -Stallratzen ungefähr beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande -Goldstücker bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen -Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk war mit Gold und -Silber gestickt, das Degengefäß von Silber gemacht, und sein Hengst -ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, dergleichen ich meine Tag -niemalen überschritten[405]. Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem -ich Gefahr merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen -oder ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und -da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern -oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, waren nach damaligem -Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, muste ich gleichwol bei mir -selbst erseufzen und gedenken: wann der unüberwindliche starke Hercules -jetziger Zeit selbst noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als -dieser brave Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt -werden.« - -»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, daß sie -sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, gefangen zu -nehmen und Beuten zu machen, welches lauter Zeichen der erhaltenen -Victori waren. Ich machte mir anderer gehabte Mühe zu Nutz und stund -zu den Siegern in ihr Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte, -ohne daß ich blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus -kleiden konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl -von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, ohnangesehen -sie tapfer gefochten hatten.« - -FUSSNOTEN: - -[401] =Zu=, bei. - -[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern. - -[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war -ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller, -Bayr. Wörterb. - -[404] =wird=, ~præs.~ zu werden. - -[405] =überschreiten=, besteigen. - - - - -Das sechzehnte Capitel. - - Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er - von etlichen Wölfen belägert wird. - - -»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften -Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche -Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin -diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und -zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was -die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die -zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien -Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil -meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz -Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten -Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen -mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert, -darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu -einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit, -die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser -wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und -demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte -der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein -stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407] -zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe, -sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere -Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und -zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit -ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren -es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang -unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich -daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte -ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408], -Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus, -deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war, -welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich -deren auszugeben hatte.« - -»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze -Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest -unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo -wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham, -Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen -helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich, -mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du -selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon -zu erzählen.[413]« - -»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen -und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg -marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der -Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich -alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart -hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in -Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen -und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die -Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln -giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.« - -»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter dem Lamboy ein -solche Armatur, die wir leicht übermeisterten und von der Kemper -Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg schlugen. Diesem Sieg folgten -Neuß, Kempen und andere Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir -genossen, und ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden. -Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbei, weil -ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der Compagni verbleiben -muste. Demnach wir aber Gülch[414] plünderten und mit den Leuten auf -dem Land sowol im Erzstift Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens -procedirn dörften, erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich -wieder von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn -getraute.« - -»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten schon -ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich[415] vergeblich zur Uebergab -ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, die bei Zons[416] -lagen, sonder auch die Spanische ans Leder wolten. Dannenhero schlupfte -Guebrian den Kopf aus der Schlinge, quittirte den Rheinstrom und -führte uns durch den Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum -zu rauben, zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten -gefunden, biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar Jean de -Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf[417] in die Haar gerathen und -einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen. Aber -wer kein Glück hat, der fällt die Nas ab, wann er gleich auf den Rucken -zu liegen kommt, dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant -von Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter[418] zu nennen -pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, wo damals das -baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen Regiment Dragoner -zugestellt, darunter ich anfänglich gedienet.« - -»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, weil ich noch -kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu Balingen[419] und widerfuhre -mir ein Poß um selbige Zeit, welcher zwar von keiner Importanz, -gleichwol aber so seltzam, verwunderlich und mir so eine schlechte -Kurzweil gewesen, daß ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel, -denen der damalige ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant, -mir solches nicht glauben werden.« - -»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, daß die -Weimarische unter Reinholden von Rose 1200 Pferd stark ausgangen, -uns aufzuheben, gedachte er solches an Ort und End zu notificirn, -von dannen succurirt werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet, -noch ohnberitten, zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine -Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, ich -würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern mit -einem Schreiben nach Villingen[420] geschickt, von dieser obhandenen -Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu bringen; und golte gleich, -ob ich vom Gegentheil unterwegs gefangen würde oder nicht, dann wann -solches geschehen wäre, so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag -entdeckt gewesen, und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich -kam glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen, -um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. Als ich nun durch ein -Dorf passirte, darinnen keine Mäus, geschweige Katzen, Hund und ander -Vieh, viel weniger Menschen sich befunden, sahe ich gegen mir einen -großen Wolf avanziren, welcher ~recta~ mit aufgesperrtem Rachen auf -mich zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein ander -Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich derowegen in -das nächste Haus und hätte die Thür hinter mir gern zugeschlagen, wann -es nur eine gehabt, aber es mangelte deren sowol als der Fenster und -des Stubenofens. Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus -nachfolgen würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort nicht -respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, sonder -zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach hernach; -dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andre Stiege -hinauf nehmen muste. Und weil mich der Wolf sehen ließe, daß er auch -Stiegen steigen konte so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in -aller Eil, welches zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch -ein Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich eilends die -Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den Latten zu behelfen, auf -welchen ich je länger je höher hinauf kletterte. Und als ich mich hoch -genug daroben und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande, -öffnete ich im Dach ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der -Wolf die Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.« - -»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr Cameraden -bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden stelleten, als ob -sie einen Anschlag zu erstimmen[421] begriffen, wie sie mir beikommen -möchten. Ich hingegen chargirte mit halben und ganzen Zieglen auf sie -hinunter, konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte[422] -oder starke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf -den Pelz traf, so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder -behielten mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die -stockfinstere Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont -bedeckte, mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten -Schneeflocken gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang -des Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich -kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen konte. -Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschröckliche -Music an, daß ich vermeinte, ich müste von ihrem grausamen Geheul -übers Dach herunter fallen. In Summa, es ist unmüglich zu glauben, was -vor eine ellende Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher -äußersten Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in -was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der -Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig währet, welche -nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den schröcklichen Teufeln -selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder gar in der Höllen, nicht -nur in gemeiner Kälte, sonder in ewig brennendem Feur, nicht nur eine -Nacht, in Hoffnung erlöst zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden. -Diese Nacht war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte, -es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete weder Hahnen -krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft und erfroren dorten -im rauhen Luft, daß ich gegen Tag all Augenblick vermeinte, ich müste -herunter fallen.« - -FUSSNOTEN: - -[406] =Erhaltung=, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war. - -[407] =Fickmühle=, Zwickmühle, Stellung der Steine im -Mühlenspiel, wo beim Aufziehen der Mühle eine andere geschlossen wird. - -[408] =Jacobiner=, englische Goldkronen. - -[409] =Umgicker=, das Wort kann ich nicht nachweisen. - -[410] =Une=, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm. - -[411] =Kammen=, Kamen, ebendaselbst. - -[412] =Werl=, ebend., Kreis Soest. - -[413] Vgl. »Simplicissimus«, Buch ~II~ und ~III~. - -[414] =Gülch=, Jülich. - -[415] =Lechnich=, Städtchen, Regierungsbezirk Köln, Kreis -Euskirchen. - -[416] =Zons=, Städtchen, Reg. Düsseldorf, Kr. Neuß. - -[417] =Schorndorf=, Würtemb. Jaxtkreis, Stadt. - -[418] =Kirbereuter=, Kirchweihreiter. - -[419] =Balingen=, Oberamtsstadt in Würtemberg, Schwarzwaldkreis. - -[420] =Villingen=, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach. - -[421] =erstimmen=, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen. - -[422] =satt=, genügend, wirksam. - - - - -Das siebzehnte Capitel. - - Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner. - - -»Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum, ich sahe -aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung zu meiner Erlösung -hätte schöpfen mögen, sonder hatte vielmehr Ursach, gleichsam gar -zu verzagen, dann ich war müd, matt, schläferig und noch darzu -auch hungerig. Ich beflisse mich sonderlich, mich des Schlafens zu -enthalten, weil die geringste Einnickung der Anfang meines ewigen -Schlafs gewesen wäre, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder über -das Dach herunter purzlen müssen. Indessen bewachten mich die Wölfe -noch immer fort, ob zwar bißweilen deren etliche die Stiege auf und ab -spazierten. Nach denjenigen, die oben im Hause unterm Dach verblieben, -warf ich zwar ohne Unterlaß mit Zieglen, ob ich sie vielleicht -vertreiben möchte. Es nutzte mir aber zu nichts anders, als daß ich -mich durch dasselbige Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den -Schatten oder eine Copei einer geringen Wärme in die Glieder schaffte. -Und dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.« - -»Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein gänzliches -Verderben ergeben hatte, kamen fünf Kerl in sachtem Galop daher -geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres Gewehrs ansahe, -daß sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden. Den letzten kante ich -am Pferd, daß es ein Wachtmeister vom Sporckischen Regiment war, der -mich gar wol kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und -sahen mich anfänglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser -näherten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch als einem -Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten mich herunter -schießen. Als ich aber gedachten Wachtmeister mit Namen nennete, mich -damit zu erkennen gab und darneben versicherte, daß in 24 Stunden kein -vernünftige Seele im Dorf gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach -Schiltwacht gehalten, erzählet ich ihnen auch zugleich mein Geschäfte -und was vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten. -Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem starken -Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm, ließe er alsobalden -zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen, in das Haus gehen und sonst -das Haus umstellen, auch Schiltwachten außerhalb dem Dorf aufführen. -Als nun jene ins Haus gestürmt, wurden 8 Wölf so erschossen als sonst -niedergemacht, und im Keller fünf menschliche Körper gefunden, von -welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten. Vermög -eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Paßzedel und eines -Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines Gürtels, darinnen -Ducaten vernähet waren, ist ein Metzger unter diesen gewesen, der die -Donau hinunter gewolt, etliche Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese -fünf Menschenköpfe fanden wir auch Aas von andern Thieren, also daß es -in diesem Keller einer alten Schindgruben ähnlich sahe.« - -»Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil zu erkundigen, -was die Weimarische im Sinn hätten. Und da er solcher Gestalten von -mir erfuhr, was des Rose Intention wäre, befahl er alsobalden in -demselbigen Dorf zu füttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben, -was jeder von kurzem Futter hinter sich führte, dann in demselbigen -Dorf war nichts vorhanden, das die Pferde genießen konten, als das -Stroh auf etlichen Dächern. Und alsdann fütterte auch ein jeder sich -selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von deren mir mildiglich -mitgetheilt wurde, als dessen ich damals auch trefflich vonnöthen.« - -»Der Obriste hielte die Begegnus mit den Wölfen vor ein gut Omen, noch -ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er gedachte, auf Balingen zu -gehen und mit Zuziehung unserer daselbst liegenden Dragoner dem Rosa -einen Streich zu versetzen. Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den -richtigsten Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht -marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, daß Rosa sich zwar bei -Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner auszuheben, -sonder den Ort, den er vor leer gehalten, zu besetzen. Weil er aber -zu spat kommen, hätte er sich in das Dorf Geislingen[423] logirt, um -über Nacht daselbst liegen zu bleiben. Hierauf ändert der Obriste -alsobalden seinen Anschlag und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen -zu, alwo wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose mit bei -sich habenden vier Regimentern gar unsäuberlich aus dem ersten Schlaf -weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf, die übrige aber hielten -darvor haußen[424] und zündeten es an vier Orten an. Darauf wurden -gleichsam in einem Augenblick diese vier Regimenter zerstöbert[425] -und ruinirt. 200 wurden gefangen ohne die Officier, und sonst viel -schöne Beuten gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, daß -ich auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen möchte, als -durchschliche ich die Häuser zu äußerst am Dorf und zunächst an einem -Ort, da es brante, und bekam drei schöne gesattelte Pferd mit aller -Zugehör und einem Jungen, dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder -zu Fuß darvon gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das -Niederbüchsen unserer im Feld haltenden Reuter geförchtet, als die -gemeiniglich nur den Flüchtigen zu Pferd zusetzten.« - -»Des Morgens frühe ließe mich der Obriste mit meiner Beut wiederum nach -Balingen reiten, unserm Commendanten und seinen Dragonern die Botschaft -seines glücklich verrichten Einfalls zu bringen. Ich war willkommen, -nicht allein wegen der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen -der guten Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines -Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt -hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler versprochen, wann ich -zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht ausgerichtet haben würde. -Weil ich aber jetzt so wol heim kam, verehrte er mir deren zwei und -machte mich noch drüberhin zu einem Corporal. Derowegen versilberte -ich das eine Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erlösten -Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob ich -nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben wurde. Eben -auf denselbigen Tag, daran ich so groß worden, gieng Rothweil an den -Guebrian über, aber die Weimarische haben diese Stadt nicht viel länger -behauptet, als biß die Tuttlinger Kirchmeß[426] gehalten worden, -auf deren ich zwar wenig Beuten einkramen können, weil ich als ein -Unteroffizier anders zu thun hatte. Dann nachdem solche vorüber, nahm -sie unser General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich -damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt, wäre ich -beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt oder wol gar -als ein Corporal, der andern abwehren sollen, aufgehenkt worden, dafern -mich mein gutes Pferd nicht beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen -Thaler, die ich den Nachjagenden spendirte, aus den Händen des Profosen -und Steckenknechts errettet hätten.« - -»Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob gleich -Herr Corporal Springinsfeld anfänglich in denselbigen eine herbe -Hauptkrankheit überstunde, also daß ihm auch kein Härlein Heu auf der -obern Bühne übrig verbliebe, so schlug es ihme dannoch hernach so wol -zu, daß er mitten im Krieg einen solchen fetten Kopf überkam, wie ein -Dorfschultheiß mitten in Friedenszeiten.« - -FUSSNOTEN: - -[423] =Geislingen=, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt -Balingen. - -[424] =haußen=, (hie außen) außerhalb. - -[425] =zerstöbern=, zerstreuen. - -[426] =Tuttlinger Kirchmeß=, der Ueberfall bei Tuttlingen, -Stadt auf der Baar, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl. -die Einleitung. - - - - -Das achtzehnte Capitel. - - Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem - Treffen vor Herbsthausen ergangen. - - -»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy -wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder -holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das -Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung -der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große -Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser -folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit -Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin -über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert. -Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc -de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger -auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und -weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam -als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie -stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden, -wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und -wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der -überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten -geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben -gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den -andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren, -daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander -zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als -wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns -ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto -tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit -großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener -aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.« - -»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds -Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen -wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein -worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer -Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret -und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht, -als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine -Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen, -es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler -Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf -wider eine Maur lauft.« - -»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig -erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub -umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen. -Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim -mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den -ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern -und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen -Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo -mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen -hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich -Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.« - -»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten -an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz -gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg, -Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland -wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum -allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein -Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann -de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die -Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier -giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten -und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An -dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten -Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und -unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden. -Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und -weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher -uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner -klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war, -so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und -zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel -geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich -sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche -Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel -Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.« - -»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich -kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste -von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen -vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt -ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen, -die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da -empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu -Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch -beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder -im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436] -die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das -Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich -aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von -Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu -wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir -uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein -machen solte.« - -»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er -ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen -dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme -Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in -diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich -geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig -gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch -den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse, -daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser -zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den -ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein, -daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu -ertappen, beschädigen solte.« - -FUSSNOTEN: - -[427] =Ueberlingen=, Baden, Seekreis am Bodensee. - -[428] =aufheben=, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache -machen. - -[429] =sich erschnauben=, verschnaufen, zu Athem kommen. - -[430] =rumpeln=, rasch einfallen, vgl. überrumpeln. - -[431] =Bensheim=, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt. - -[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt -erschossen; ~Theat. Europ. V~, 581. - -[433] =Weinheim=, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz. - -[434] =Schmeißen=, Schlagen. - -[435] =Jankau=, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen -endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus. - -[436] =Nagolt=, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in -einem tiefen Thal gelegen. - - - - -Das neunzehnte Capitel. - - Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium. - - -»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren ohne die -Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß unsere Armee biß an die -niederhessische Grenze hinunter gieng und Amöneburg[437] entsetzte, vor -Kirchhain[438] sich vergeblich bemühete und dardurch in ein Wespennest -stache, das ist, daß sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn -verursachte; wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen -muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund[439] mit -andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner empfangenen Wunden -curirn. Aber als sich unsere Armee mit einem Succurs von ungefähr -fünfthalb tausend Mann, den ihr der Graf von Geleen[440] zugebracht, -nach Heilbrunn zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen -Fugger, Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste ich auch -dort liegen bleiben.« - -»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und -Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc d'Anguin -zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und die Unserige zu -erfolgen.[441] Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn wol liegen, aber -Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches sie beschossen, mit -stürmender Hand eingenommen und auf 600 Mann von uns darinnen so -gefangen bekommen als niedergemacht haben. Daselbst seind sie über -den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten -Oerter, auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie -unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bei -Allerheim[442], warbei unser tapferer General-Feldmarschall von Mercy -das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen sie Nördlingen[443] mit -Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister von meinem Regiment, der -mit 400 von unsern Dragonern und 200 Musquetierern in Dinkelspiel[444] -lag, daß er sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad -ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen[445], -wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als wann es auch in dem -Treffen gewesen wäre. Von dar giengen sie über Schwäbischen Hall[446] -gegen uns los, weil es uns auch gelten solte, und fiengen an gegen -uns zu agirn und sich zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren -Ankunft vermerkten, als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16 -kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden sie -wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, als -wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten. Und ich kan -auch nicht sehen, was sie diese theure Victori anders genutzt, als -daß sie die Unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus -dem Weg geraumet; dann sie wurden bis nach Philipsburg[447] verfolget -und verloren alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir -bekamen auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein Feldstück, -ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft von ihnen, darvon -sich die Teutsche alle unterstellen und also unsere Armee wieder -verstärken musten. Folgends giengen wir wieder in unserem gewöhnlichen -Gäu, das ist in Franken, im anspachischen und würtenbergischen Lande in -die Winterquartier, die Kaiserlichen aber in Böhmen.« - -»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer Armee in -Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, denen daselbst befindlichen -Schweden einen guten Streich zu versetzen. Weil es aber außer der Zeit -und hierzu gar unbequem Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich -selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders draus, als -daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände -kommen.« - -»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen den -Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um sich zu greifen, -seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen und durch die -Wetterau biß zwischen Kirchhain und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da -es zwar zu keiner Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte -Völker an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich -einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes Pferd samt -60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil dann der Feind nicht -schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain in seinem verschanzten und -wol proviantirten Läger verbliebe, wir aber an Fourage Mangel litten, -zogen wir uns zuruck in die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und -Hessen, als die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein -Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda[448] in Battalia, spielte -mit Stücken zusammen[449] und sahen einander an wie zween zähnbleckende -Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen. Endlich ließen -sie uns gegen dem Camberger Grund[450] marschiern, sie aber giengen -in vollen Sprüngen über den Main und der Donau zu und ließen uns das -Nachsehen.« - -»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen, -den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein und anders der -Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns gleich Königsmark bei -Schwabenhausen[451] zwackte, so seind wir jedoch noch in 800 Pferd -stark in Augspurg angelangt, eben als sich die Schweden vergebliche -Hoffnung gemacht, selbe Stadt in Güte einzubekommen. Gleich darauf -kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns; -worauf die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit mit -Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. Und ich glaube auch, -sie würden uns gewaltig heiß gemacht und endlich auch die Stadt gar -überkommen haben, wann sich die Unserige nicht bald darvor präsentirt -hätten; als welche sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt -hatten und die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg -schröckten.« - -»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten Dragonern liegen, -biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, Schweden und Hessen einen halben -Frieden oder wenigst (ich weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand -der Waffen machte. Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr -durch Fußvölker abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es um -Denkendorf[452] herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.« - -»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste eine -solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, mit -ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen überzugehen[453], -zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor welche sie bißhero so -ritterlich gefochten, zu plündern, unter welchen vornehmlich mein -Obrister auch gewesen, der doch ein Soldat von Fortun und zu seinem -Stand durch seines großen Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert -worden war. Er erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein -schandlicher Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an einem -aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, maßen ich ein -Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao bei Passau gesehen. Andern -wurde solches Unterfangen wegen ihrer hohen Verdienste und großer -Aestimation nachgesehen, als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen -auch ein Bessers meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt, -weiß ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann sagen, -wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen[454] aufgewartet, -biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.« - -FUSSNOTEN: - -[437] =Amöneburg=, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der -Ohm, Städtchen von 1600 Einwohnern. - -[438] =Kirchhain=, Städtchen ebendaselbst. - -[439] =Taubergrund=, Tauberthal. - -[440] =Graf von Geleen= oder Gleen, vgl. die Einleitung. - -[441] =erfolgen=, nachrücken, um jemand einzuholen. - -[442] =Allerheim=, Dorf in Baiern, Landger. Nördlingen. - -[443] =Nördlingen=, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der -Eger. - -[444] =Dinkelsbühl=, Stadt in Baiern, an der Wörnitz. - -[445] =sich unterstellen müssen=, untergesteckt werden, um dem Feinde -zu dienen. - -[446] =Schwäbisch Hall=, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher. - -[447] =Philippsburg=, ehemals Reichsfestung in Baden, an der Salzbach. - -[448] =Nidda=, Nebenfluß des Mains, in Hessen-Darmstadt, mündet bei -Höchst. - -[449] =spielten zusammen=, d. h. miteinander. - -[450] =Camberger Grund=, Thal bei Camberg am Emsbach. - -[451] =Schwabenhausen=, es ist wol Schwabhausen im bairischen -Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt Landsberg: kleine -Dörfer. - -[452] =Denkendorf=, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg. - -[453] Vgl. die Einleitung. - -[454] =Dientlen=, Dirnen. - - - - -Das zwanzigste Capitel. - - Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher - Abdankung. - - -»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers alten Kriegs, wie -etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr leuchten: Mercy war todt, -Joan de Werth nicht mehr unser, und der Holzapfel, sonst Melander, -den Schweden und Franzosen nicht so herb und handig[455] wie etwan -zuvor den Kaiserischen, da er noch den Hessen dienete, wiewol der -rechtschaffne Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns -der Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien uns -etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich wie eine -Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz so viel als nichts -bewegen ließen), wir solten nur eilen mit der Flucht, so wolten sie uns -an Oerter jagen, alwo eine Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese -haben errathen, was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen -durch ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß unter den -Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben Batzen, sonder auch sogar -um eine verächtliche Pfeif Tabak hingegeben worden. Damals stund unser -Sach liederlich; der von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen -bringen, daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt -werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den wehrlichen[456] -Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom hinüber passieren, -welchen zu überschreiten auch das Gegentheil erkühnete.« - -»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf und -das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. Ich lag unter sieben -doch schwachen Regimenten in Wasserburg[457], als beide Feindsarmeen -suchten denselbigen Ort zu bezwingen und über besagten Fluß in das -gegenüberliegende volle Land zu gehen, in welchem etliche steinalte -Leute die Tag ihres Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen -hatten. Weil aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war, -etwas daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden -Kugeln zusprachen, giengen sie auf Mühldorf[458] und wolten dort -ins Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. Aber -ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein kaiserliche -Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd wurden und ihr -Hauptquartier zu Pfarrkirchen[459] nahmen, alwo sie erstlich der Hunger -und endlich die Pest zu besuchen anfieng, die sie auch endlich zwischen -dem Tirolischen Gebürg und der Donau, zwischen dem Inn und der Iser -hinaus getrieben, wann sie das Generalarmistitium, so dem volligen -Frieden vorgieng, nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.« - -»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach Hilperstein[460], -Heideck[461] und selbiger Orten herum gelegt, da sich ein artliches -Spiel unter uns zugetragen; dann es fande sich ein Corporal, der -wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was ihn vor eine Narrheit darzu -angetrieben. Ein Musterschreiber[462], so allererst aus der Schul -entloffen, war sein Secretarius, und also hatten auch andere von -seinen Creaturen andere Officia und Aemter. Viel neigten sich zu ihm, -sonderlich junge ohnerfarne Leut, und jagten die höchste Offizier zum -theil von sich, oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen -Gewalt. Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol -gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. Und -sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben zu einer -andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann der Feind in der Nähe und -man unserer beiseits[463] nöthig gewesen, ins Werk gesetzt worden wäre; -dann unser Regiment war damals eins von den stärksten und vermochte -eitel geübte wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder -junge Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen worden. -Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen nicht abstehen -wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten Völkern, -welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und Blutvergießung Meister wurden -und den neuen Obristen viertheilen, oder besser zu sagen, fünftheilen -(dann der Kopf kam auch sonder) und an vier Straßen auf Räder legen, -18 ansehenliche Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil -köpfen und zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment -aber die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem Feldherrn -wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor meinem Ende oder vor -dem völligen Frieden aus einem Fourier zu einem Quartiermeister und -das Regiment aus Dragonern zu Reutern gemacht, und dieses ist das -Letzte, was ich dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori -zu erzählen weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, zu -welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen Jungen, -auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld ohne die drei Monatsold -vermöchte, die ich bei der Abdankung empfieng, dann ich hatte nun ein -geraume Zeit hero kein Unglück gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also -muste ich aufhören zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum -besten. Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte, -versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und begab mich -mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, wie ich meinen Handel -ferner anstellen, oder was mir sonst vor ein Glück zustehen möchte.« - -FUSSNOTEN: - -[455] =handig=, hurtig, behende. - -[456] =wehrlich=, gut befestigt und vertheidigt. - -[457] =Wasserburg=, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern. - -[458] =Mühldorf=, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern. - -[459] =Pfarrkirchen=, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts -in Niederbaiern. - -[460] =Hilperstein=, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines -Bezirksamts, Baiern. - -[461] =Heideck=, bei Hilpoltstein. - -[462] =Musterschreiber=, der die Musterrollen führt, in welche die -Namen der Soldaten eingetragen werden. - -[463] =beiseits=, besonders. - - - - -Das einundzwanzigste Capitel. - - Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk - er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein ehrlichen Abschied - hinter der Thür[464]. - - -»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und traf zu bemeldtem -Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, die war nit viel jünger, -hatte auch nicht viel weniger Geld als ich. Und weil wir einander -öfters bei der Armee gesehen, machten wir desto ehender Kundschaft -mit einander. Sie merkte Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und -dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht -mit uns beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers -nicht glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land zu -Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt[465], und solches -war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal ich alsdann -die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, die mir am -besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug -aufschneiden, viel weniger genug beklagen, daß sie in ihrer Jugend -gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seligen von denselbigen[466] -hinweg geraubt und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider -ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen kan, -daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol als mir die erste -Einnehmung der Festung Frankenthal[467] gedachte. Was darfs aber vieler -Umstände? Wir machtens gar kurz mit einander und traten nicht allein -mit der Heurathsabred, sonder auch mit der Copulation geschwind -zusammen. Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß -abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben -solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas keine Hoffnung mehr -war, alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut -haben, ihren Sohn aber, den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich -aussteuren solte. 100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu -vermachen und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock -dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar ein -wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber darum weder -Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich beinahe so viel zu -bauen hatte, als wann ichs von neuem hätte angefangen. Das überstunde -ich mit feiner Geduld und wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen -hatt, getreulich an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven -Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den -Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger von Jerusalem -hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen der schweren -Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld[468] geben, da ich doch viel -lieber noch länger Krieg haben mögen), nicht leichter, sonder viel -schwerer wurde, vornehmlich darum, weil es damals viel reisende Leut -gab, beides von Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die -ihr Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich zu -schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.« - -»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel mir -trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs -Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich auch nach -und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine Sinne und Gedanken -anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte. Ich wäre auch -zeitlich zu einem reichen Mann worden, wann mich das Unglück nicht -anderwärtlicher Weise geritten.« - -»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern Leuten -beneidet und angefeindet, und das um so viel desto mehr, je mehr -bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt wird; dahingegen die -Freigebigkeit bei männiglich Gunst erwirbt, vornehmlich wann sie mit -Demuth begleitet wird. Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als -biß seine Würkung ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß -meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge ein jeder -an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche so häufig zufallen -möchten, so gar daß auch etliche entblödeten zu gedenken, ich und mein -Weib könte hexen. Und also gab ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und -Lassen heimlich genaue Achtung. Unter andern war ein Erzfunk[469] an -demselbigen Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener -und fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol -ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit einem -Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei Nationen an -selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die Quelle meiner Reichthum -kommen und mir eins anmachen[470] möchten, und hierauf waren sie desto -geflissener, weil bereits etliche deren Landsleute aufgewannet[471] -hatten und verdorben waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart -schicken können. Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die -Umgelter[472] gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, eben -als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte. -Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, ich könte aus -Wasser Wein machen, schütteten sie mir noch denselben Abend etwas von -geschnittenen Stroh, das man den Pferden unter dem Habern zu füttern -pflegt, in meinen Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag -auch in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt. -Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich eingelegt hatte, -und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; und ob ich gleich -schwören konte, daß ich von dieser Mixtur nichts gewust, dann mein -Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dißmal so endlich[473] gewest, -so half es doch nichts, sonder der Wein ward mir genommen und ich noch -darzu um 1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen -gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte und den Weg -aller Welt gieng. Es wäre mir auch die Wirthschaft ferners zu treiben -gar niedergelegt worden, wann desselbigen Orts ein andere solche -ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer -Wirthschaft geschickt hätte.« - -»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor Freunde und -was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so veracht, daß kein ehrlicher -Mann etwas mehr mit mir zu schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich -mehr, und wann ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht -gedankt. Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann etwan -irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch nichts von meiner -Kunst gehöret hatte. Solches alles war mir schwer zu ertragen, und weil -ich ohnedas auch eine Kurzweil mit zweien Mägden angestellt hatte, -welches in Bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so -packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen ließe, -setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, ich hätte -meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu verrichten, nahm ich -meinen Weg auf die rechte Hand der Donau zu, dem Grafen von Serin[474], -der damal fast die ganze Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet, -wider den Türken zu dienen.« - -FUSSNOTEN: - -[464] =den Abschied hinter der Thür nehmen=, heimlich davon gehen. - -[465] die bairische Pfalz. - -[466] =von denselbigen=, nämlich von ihren Reichthümern. - -[467] =Frankenthal=, die Einnahme oder vielmehr die -Belagerung geschah im Jahre 1621; vgl. oben S. 182. - -[468] =Friedengeld=, Abgaben, Steuern zu den Kosten der -Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl. -Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739. - -[469] =Funke=, =Fünkchen=, Schelm, verwegener Mensch. - -[470] =eins anmachen=, etwas anthun, zu Leide thun. - -[471] =aufgewannet.= Die übrigen Drucke haben »darauf gewohnet«. -=Aufwannen=, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen oder -verlieren. - -[472] =Umgelter=, Zolleinnehmer. - -[473] =endlich=, mhd. ~endelich~, anstellig, hurtig, fleißig, -geschäftig. - -[474] =Graf von Serin=, vgl. die Einleitung. - - - - -Das zweiundzwanzigste Capitel. - - Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung mit - einer Leirerin. - - -»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und erhalten, ohne -daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen Kaiser selbst gedienet. -Ich kam eben, als etliche freiwillige Franzosen sich eingefunden, ihrem -König zu Gefallen wider die türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe -Krieg gefiele mir nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch -halbes Glück darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten -oder den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen müste, -daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert ich so mit -und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen entweder meinen -Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, verblieb aber allzeit in dem Pfad -der Mittelmaß, und wann ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte, -so hatte ich doch niemals weder das Glück noch die Witz[475] noch die -Gelegenheit, solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. Und -solcher Gestalt brachte ich mich durch[476] biß in die allerletzte -Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich aber mein -vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und unter demselben liegen -verbleiben muste mit gesundem Leibe, biß beides Freund und Feind das -Feld getheilt und sich etlichmal über mich hinüber geschwenkt hatten; -da ich dann von den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle -Kräfte meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten -und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner Kleider beraubt -worden, in denen ich etliche schöne Ducaten versteckt hatte.« - -»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, als wann -ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein entzwei geschlagen worden -wäre. Ich hatte nichts mehr an als das Hemd und konte weder gehen, -sitzen noch stehen, und weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern -und Beuten zu machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich -lag, biß mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen -Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, dort von -jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen wurde, der mich hin -und wieder mit seinem ~Oleum Bapolium~[477] schmirbte[478].« - -»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der -Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren -solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um -einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals -vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem -ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem -Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes -Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in -die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder -zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß -zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich -auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch -Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.« - -»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in -Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk, -das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der -ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei -welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige -gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit -Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.« - -»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit -in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich -zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und -Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem -Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen -eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und -nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte -und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter -Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession -ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.« - -»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib -bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half -ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und -Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug, -und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen -Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und -was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe -ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms -schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren -eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das -ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder -gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der -Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir, -daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte, -sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks -bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich, -so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen -noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines -ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit -verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs -müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit -seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben. -Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten -und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten, -ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.« - -»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand -Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482], -Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483], -Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler, -Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte -Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten, -in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol -auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste -selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser -eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre -Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender -Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol -andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten -nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich -mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil -dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»« - -»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul -um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß -Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde, -verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen -würden.« - -FUSSNOTEN: - -[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand. - -[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«. - -[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen -der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel. - -[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren. - -[479] =gerade=, gerade gewachsen. - -[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt, -heimatlos. - -[481] =in ihre=, zu ihrer. - -[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen -sein Affenspiel treibt. - -[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht. - -[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner. - - - - -Das dreiundzwanzigste Capitel. - - Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird - Springinsfeld nacheinander wieder los. - - -»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485] -Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so -verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach -und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen -wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu -machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub -zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und -hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese -ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu -kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich -auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die -Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem -Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes -Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte -mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen -Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen -den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin -zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und -gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht -trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich -etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt -verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare -Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern, -das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen -Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als -ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit -viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und -Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487], -darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich -zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.« - -»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens, -das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen, -alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter -folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der -älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein -suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen -vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur -starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer -Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen, -weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein -ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches -reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, -auch besser zuschlug.« - -»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich -auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich -zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den -Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und -zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld -nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im -Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden -Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken, -was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch -einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel- -und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu -vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so -gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten -oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491] -liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. -Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet -und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den -Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe -ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick -verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in -die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, -wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines -Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte. -Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte -mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich -selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.« - -»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was -ich habe.« - -»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden -hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren -Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie -sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen -Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im -Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß -ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten -und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst -um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir -das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie -wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit -einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen -hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein -Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im -Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte -und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, -sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. -Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol -fühlen, wohin sie es gelegt hatte.« - -»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig -verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch -gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal -von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch -dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an -Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er -unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz -gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod -unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich -und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer -fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann -einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden -möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in -meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich -ehender das Nest verbrennen.« - -»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte -sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt, -du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch -immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben -zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines -Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird, -genießen sollest.« - -»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch -in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir -täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten, -dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja, -ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493] -deine Mutter! &c.« - -FUSSNOTEN: - -[485] =grandig=, heftig, außerordentlich. - -[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen. - -[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es -die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie -träges Gähnen. - -[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette. - -[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig -künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen -will, stets vorbeisticht. - -[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen. - -[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig. - -[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der -Bedeutung: sich packen. - -[493] =brühen=, necken, foppen. - - - - -Das vierundzwanzigste Capitel. - - Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen - angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder - ein Soldat gegen dem Türken wird. - - -»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte, -schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch -mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol, -daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust -vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt -desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so -gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen -Schalmei und Geigen darin zu suchen.« - -»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich -dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig -und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben -mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und -da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut -oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen -mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und -mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und -dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären, -durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und -Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen -und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man -Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem -Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.« - -»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das -schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin -nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in -Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus -wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack -steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs -Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du -dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest, -daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest, -um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal -gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig -vergessen mögest!« - -»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler -vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten -und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen -mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine -Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im -Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem -Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold -und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter -sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags -befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs -Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine -Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib -obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich -keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn, -Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas? -Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen -Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei, -dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun -reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn -wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat -ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden. -Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe -sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen. -Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas -anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als -es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und -wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler -von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils -ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn -unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen -befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der -bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler -wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist -viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder -leichtveränderlich wie Luna.« - -»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet -gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich -Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal -und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da -es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich -unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem -Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, -waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen -gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit -großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem -Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch -mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter -der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal -erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen -zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie -bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher, -Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich -diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang -niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche -und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen -abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und -nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr -nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war, -stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels -dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der -seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so -muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder -unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern -und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der -Armen Schweiß verschwendet.« - -»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage -als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt. -Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift -zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein -geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen -Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und -ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den -Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die -ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines -solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu -erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen -pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan -eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln -vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder -wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein -zweischneidig Schwerd befunden habe.« - -»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet -sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß -wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen -Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm -darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich -im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht -so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als -Nonnen gefunden würden &c.« - -»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder -aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen -als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts -unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, -das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern -und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501] -trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte -der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht -jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel -durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, -weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch -gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen, -kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich -das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus -Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die -Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.« - -»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen -gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe, -da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute -Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben -springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß -ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.« - -FUSSNOTEN: - -[494] =fast geistlich=: München. - -[495] =Das Bild auf der Säulen=, die Marianische Säule auf -dem Schrannenplatz, von Kurfürst Maximilian ~I.~ zum Gedächtniß der -Prager Schlacht 1638 errichtet. - -[496] =Salve= (~regina~), Gesang am Schluß des -Abendgottesdienstes. - -[497] =Sol=, die Sonne, =Luna=, der Mond, als Zeichen der edeln -Metalle. - -[498] =luck=, =lucker=, locker. - -[499] =Daus-Es.= Siehe oben S. 24. - -[500] =ungestiegelfritzt=, wie ungestriegelt. - -[501] =Pfisterei=, Klosterbäckerei (~pistorium~). - -[502] =Beck=, Bäcker. - -[503] =Agnus Dei=, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem -das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht -und deshalb natürlich wunderthätig. - - - - -Das fünfundzwanzigste Capitel. - - Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in - Teutschland kam. - - -»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten und dannoch zu -Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten, unsern Weg über -den Zirlberg[504] auf Inspruck, folgends über den Brenner auf Trient -und dann ferners nach Treviso, alwo wir alle ganz neu gekleidet und von -dannen vollends nach Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem -wir ein paar Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt -wurden; in welchem ellendem Anblick[505] wir auch glücklich anlangten. -Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel unter den Füßen -wachsen, dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wiesen, was wir -konten oder vermochten, unseren armseligen Steinhaufen beschützen zu -helfen. Und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich -drei Türken mit meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und -gering ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, die -armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute zu machen, war -ferne von mir, weil wir sich gleich wieder heim retiriren musten. Den -andern Tag gieng es noch toller her, und ich brachte auch zween Männer -mehr als den vorigen um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht -glaubte, daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann mich -dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es oft bei uns -auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres Lebens die, so Thaler -hatten, beschützen, bewachen und noch darzu mit ihren arbeitsamen -Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Ueberwindung -erobern und ihnen noch drüberhin beides die Ehr, die Beut und die -Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg -oder Beglerbeg[506], viel weniger gar ein Bassa[507] unter denjenigen -zu sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu setzen. -Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den Troupen von solchem -Stoff mehr gewesen seien als der Anführer vornen an der Spitzen.« - -»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, daß ich -mitten in Candia der Schweden erkantliche[508] Manier loben muste, die -ihre ohnedle[509] Soldaten, sie wären gleich fremder oder heimischer -Nation gewesen, höcher als ihre edle und doch ohnkriegbare Landsleut -ästimirt; wannenhero sie dann auch so großes Glück gehabt haben. Doch -ließe ich mich ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen, -was einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden wie -ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich mich, -auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe doch nichts -anders darmit als bißweilen eine geringe Verehrung. Und als kaum der -zehende Mann von denen mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen -waren, wurde der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest -seiner kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als wann -sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder in die vorige -Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.« - -»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen. -Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und verrichtet hingegen -selbst größere als Roßarbeit. Indem mich nun in solchem Zustand kein -feindlicher Musquetenschuß fällen oder ein türkischer Säbel verwunden -konte, sihe, so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minen so -unbarmherzig an meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie -Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel alsobalden biß -über das Knie hinweg nehmen muste. Aber diß Unglück kam nicht allein, -dann als ich dort lag als ein soldatischer Patient, mich an meinem -Schaden curirn zu lassen, bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem -großen Hauptwehe, warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln[510], als -mein Liegerstatt mit Unlust[511] erfüllt wurde.« - -»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und Nieder Zeugnus -gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auf -solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparet, wiewol die -Venetianer ihre Soldaten so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen, -wann sie solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse[512] auch anderer -ehrlicher Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie kein -Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. Als nun -solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte kaum einen oder -zween, die ihr völlige Gesundheit entweder bißhero erhalten oder doch -wieder erholet hatten, auf die Posten thun konten, sihe, da wurde -es unversehens Friede, als wir beinahe in letzten Zügen lagen. Nach -unserer Abführung, und nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer -ausgestanden, langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von -uns und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten mit -Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, wurden in -das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich behelfen muste, biß ich -gleichwol wieder heil wurde und auf meinem hölzernen Bein herummer -stelzen konte.« - -»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an -Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann ich den redlichen -Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. Hingegen wurde mir -zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten eine Steuer zur Wegzehrung -bettlen dorfte, und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten, -die ich noch habe, weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron -vor den Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen -Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne das, sintemal -wir fast alle, was übrig verblieben von uns, unsere Haar verloren -hatten, sehr mager und ausgehungert und so schwarz aussahen wie die -allerschwärzste Zigeuner. Weilen mir dann nun das Bettlen so wol -zuschlug, trieb ichs fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland -ankam, der Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit -zu freuen[513], daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen -guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; dann ich -gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil sie selbst aus dem -vornehmlichsten Stammen der Erzbettler entsprossen.« - -FUSSNOTEN: - -[504] =Zirlberg=, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand. - -[505] der =ellende Anblick=, bezieht sich auf den »armseligen -Steinhaufen«. - -[506] =Beg=, =Bei=, Herr, Titel höherer Beamten und -vornehmer Fremden; =Beglerbeg=, =Beilerbei=, Titel der Statthalter, -welche sich drei Roßschweife vortragen lassen. - -[507] =Bassa=, Pascha. - -[508] =erkantlich=, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste. - -[509] =ohnedel=, unadelich. - -[510] =Fabeln=, Fieberphantasien. - -[511] =Unlust=, Schmuz. - -[512] =genießen=, ~cum genet. pers.~, von jemand Hülfe erhalten. - -[513] =freuen=, ~trans.~ wie im Mhd., erfreuen. - - - - -Das sechsundzwanzigste Capitel. - - Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich - ihren Lohn bekommen habe. - - -»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder -antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514], -Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung sie die meiste Zeit -ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte -aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch -in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische -Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen -und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als -ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig -zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner -Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf -das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515] geplagt -und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte, -also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige -wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von -hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was -ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder -bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516] erzählen.« - -»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals, -als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen -Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen -sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf -dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel -selbst verhängt[518] worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen -die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem -dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die -Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts -in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß -sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger -leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen -wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer -der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und -andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches -zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr -nicht weit von hinnen Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch -gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr -herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt -hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht -Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen, -darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer -künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre -Unwissenheit zu erkennen.« - -»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf -einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des -Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser -war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher -Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem -Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde -er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er -vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals -dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er -sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an -den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend -gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber -doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen, -legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519] -mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und -zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um -den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck, -daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr -bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor -ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich -stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu -nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und -sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß -ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?« - -»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs -Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein unadelicher -Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer -nähere.« - -»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein -Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr -allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt -hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch -um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen, -was ich mit euch zu reden habe.« - -»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein -teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden -solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu -ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.« - -»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott -mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht, -euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber -bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter -von Staufenberg[520] erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von -meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß, -es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl -erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit -diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor -allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer -Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang -verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist! -Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht -allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu -seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der -reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber -verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten -Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit -ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag -haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch -theilen wollen.« - -»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä -als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen -Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was -ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab -das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem -Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten -und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit -Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls -zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem -Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn -fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte, -worauf sie vor seinen Augen verschwunden.« - -»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der -Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte -mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen, -da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und -seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute. -Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie -sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß -eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet -worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin -zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches -sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe -Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen, -ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber -verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem -Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der -Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte; -worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche -Hülf zu thun versprach.« - -»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit -Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten -und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet, -niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch -zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der -Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.« - -»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit -einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht -wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im -Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von -den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren, -sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen -demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn -Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525]. -Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die -vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung -und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen -sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken -voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen -eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock -und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch -verrathen, lag unter dem Hauptkissen.« - -»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb -aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar -kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein -Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20 -Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der -Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie -man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine -österreichische Sprach gehabt.« - -FUSSNOTEN: - -[514] =Störer=, wie Storger, Störzer, Vagabund. - -[515] =visierlich=, possierlich, spaßhaft. - -[516] =ohnschwer=, ohne Beschwerde; wenn es ihm nicht zu viel Mühe -mache. - -[517] =Pistor=, Klosterbäcker. - -[518] =verhängen=, erlauben, gestatten. - -[519] =Stück=, Zeug, Stoff. - -[520] =Melusine= und =Ritter von Staufenberg=, vgl. über die Sage -und ihre Literatur die Einleitung. - -[521] =Heiligthum=, Heilthum, Reliquien von Heiligen. - -[522] =Meerfein=, (nicht fei) späterer Name für das alte -~meerminne~. Vgl. ~merfeine~, ~wazzerfeine~. In Fischart's neuer -Ausgabe des Stauffenbergers (Straßburg 1588) kommt diese Form noch vor: -»Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.« - -[523] =Jubilierer=, Juwelier. - -[524] =just=, von richtigem Feingehalt. - -[525] =spielt=, ~præt.~ zu spalten, wie im Mhd. - - - - -Das siebenundzwanzigste Capitel. - - Endlicher Beschluß von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf. - - -»Durch diese Erzählung erfuhr ich, was das wunderbarliche Vogelnestlein -bei meinem Weib gewürkt, wie sie der Kützel ihres geilen Fleisches zur -Ehebrecherin, zur Mörderin, mich selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei -gemacht, und sie endlich selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur -gebracht habe. Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit -ihr zugetragen.« - -»Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste hätte ich schier -vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern, ein -junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und Haar, Kleidern und -allem hinweg kommen, daß bißher kein Mensch erfahren, wohin er geflogen -oder gestoben sei. Und solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er -sich gebuckt, ein Nastüchlein, welches auch zugleich verschwunden, -aufzuheben, so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen.« - -»Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, daß dein Nestlein wieder -einen andern Meister hat. Gott geb, daß es ihm besser als meinem Weib -bekomme!« - -»Ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen können, wann ich -ihnen nur hätte die Wahrheit sagen wollen; aber ich schwieg still, und -ließe dieselbige sich unter einander verwundern und disputirn, so lang -sie wolten, betrachtet darneben, wie grob der Unwissenden Wahn betrüge, -und was wol auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit -anderst erzählt worden wären, wann die Scribenten den Grund recht -gewust hätten.« - -»Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren, wo mein Weib -hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige und durchstelzte damit -das Erzstift Salzburg, das ganze Baiern und Schwabenland, Franken und -die Wetterau. Endlich kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte -überall, wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so glückselig -hierin, daß ich glaube, es spendire mir mancher etwas, der selbst nit -den zehenden Theil so viel Geld hat als ich. Und weil ich sehe, daß von -meinem Capital nichts abgehet, ich aber gleichwol einen als den andern -Weg in aller Freiheit mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann -ichs bedörftig, ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt -sich gern) zur Nothhelferin haben kan, so wiste[526] ich nicht, was -mich bewegen solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja ich -wiste auch kein bessers für mich zu finden. Weistu aber, mein Simplice, -mir ein anders und bessers zu weisen, so möchte ich deinen Rath gern -hören und nach Gestaltsame der Sach demselben auch gern folgen.« - -»Ich wolte dir wünschen«, antwortet Simplicius, »du führtest hier -zeitlich dein Leben, daß du das ewige nicht verlierest!« - -»O Münchspossen!« sagte Springinsfeld; »es ist nicht müglich, du bist -seither in einem Kloster gestocken, oder hast im Sinn, in Bälde in eins -zu schliefen[527], daß du immer wider dein alte Gewohnheit so albere -Fratzen herfürbringst.« - -»Wann du nicht in Himmel wilst«, antwortet Simplicius, »so wird dich -niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber, du thätest auch wie ein -Christenmensch und fiengest an zu gedenken an deine letzte Ding, welche -zu erfahren du noch einen kurzen Sprung zu thun hast.« - -Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, und solches -verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu schlafen, wie dann -zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher Anmuthung[528] folgten wir und -thäten die Augen zu, uns noch ein paar Stund innerlich zu beschauen, -stunden auch nicht ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu -etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. Als -wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir Zeitung, -daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch stark mit Eis gehe, -so daß niemand weder herüber noch hinüber kommen könte. Derowegen -resolvirte sich Simplicius, denselben Tag mit seinen Leuten noch in -der Stadt zu verbleiben, in welcher Zeit er weder den Springinsfeld -noch mich von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich -dessen Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet, -schriftlich aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde, -daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. Und -dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals wol -bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er auf seinen Hof, -bei ihm auszuwintern[529], betheuerte aber gegen mir gar hoch, daß er -solches nicht seiner paar hundert Ducaten halber thu, sondern zu sehen, -ob er ihn nicht auf den christlichen Weg eines gottseligen Lebens -bringen möchte. Wie ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn -der verwichne März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum -in seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs und -bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser abenteurliche -Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhof, als er -ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, sein letztes - - - =Ende=. - - -FUSSNOTEN: - -[526] =wiste=, wüßte. - -[527] =schliefen=, schlüpfen, kriechen. - -[528] =Anmuthung=, Anwandlung. - -[529] =auswintern=, durchwintern, den Winter hindurch bleiben. - - - - - Anhang. - - - - - Der erste - - Bärnhäuter, - - Nicht ohne sonderbare darunter - verborgene lehrreiche Geheimnus, - - sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und - sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal - zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls) - andern zum Exempel - vorgestellet - - Samt ~Simplicissimi~ Gaukeltasche - - von - - ~Illiterato Ignorantio~, zugenant ~Idiota~. - - (=Holzschnitt=: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.) - - Gedruckt im Jahre 1670. - - - - -Des ersten Bärnhäuters Bildnus. - -(=Holzschnitt=: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen den -Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.) - - - So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter, - Den Namen ich bekam vons Bären Haut, - Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut, - Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider. - So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen, - So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen. - Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut, - Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit. - - ~f[530]. Prorursicutius[531].~ - -FUSSNOTEN: - -[530] ~f.~, ~fecit~. - -[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein: -~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein -Bärnhäuter durch und durch. - - - - -Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. - - -Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter -~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten -Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen, -diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin -aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers -auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus -nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß -Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch -beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus -dieser Name entsprungen: - -Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem -türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher -Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret. - -Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch -kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu -ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm -ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder -Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und -sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und -ihn endlich gar zu einem Herrn machen. - -»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche -Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.« - -»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was -du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.« - -Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen. -»Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.« - -Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase, -daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das -Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte: - -»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen -versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um -Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige, -wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine -Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen, -diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein -Vatterunser beten.« - -»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein -versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.« - -Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir -zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern -gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.« - -Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen, -um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber -eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir -nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut -begabt bist worden.« - -Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen -Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner -übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde -Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol. - -Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und -wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher -abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als -einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde -erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels -seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter -Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische -Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer -Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten -eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller -mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte -Rübsamen hineinsäen können. - -Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der -Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war, -einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539]; -doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen -und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder -zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe -thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords -und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine -sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich -zusammen verbunden. - -Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen -Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig. - -Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um -die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er -ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern -eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast. - -Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch -besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt -kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös -Geschrei bringen solten. - -In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß -der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein -wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und -malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten -Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains, -Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und -griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri, -Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja -sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der -Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich -verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese -Gemälde selbst verfertigt. - -Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und -seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm -alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als -seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß -er Gelds vollauf hätte. - -Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch -sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.« - -Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande -sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er -die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero -auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541] -wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er -sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten -verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die -übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren, -und die er bißher noch nicht gesehen. - -Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe -aber fragte hinwiederum: wer sonst? - -Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die -Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.« - -»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher -vermeint.« - -Der Herr fragte: »Wer bist du?« - -Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein Soldat von -Fortun[544], und hab mich neulich im Krieg wider den Türken brauchen -lassen.« - -Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen war, fragte -ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: »Ich habe drei -Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch ihre Mutter ihrer -Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander nicht kennet. Ich wil -dich solche sehen lassen; wirst du nun wissen, welches die Aelteste, -Mittlere und die Jüngste sei, so wil ich dir eine davon zum Weibe -geben, welche du unter ihnen haben wilst; wo nicht, so solst du samt -deinem Vermögen mir zum Eigenthum verfallen sein.« - -Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle Herr mit heim, -ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen. - -Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: »Wisse, -dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte und die -Aelteste auf der linken, die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu -stellen.« - -Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches die Erst, die -Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum Weib begehrt, schwur der -Herr alsobalden, er wolte seine Parole halten, wie es einem ehrlichen -Cavalier gebühre, Gott geb was[545] die Mutter darzu sagte, und wie -sich sein Kind darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für -sich gehen lassen, ehe ein ander Gewirr[546] drein käme. - -Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere Geschäften vor, -doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, und da er einen kostbaren -Ring, der hierzu gemacht war, von einander geschraubt und ein Theil -darvon seiner Braut gegeben hatte, gieng er seines Wegs. - -Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwarz -und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich mit dem -abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was halfs? Ihr Herr -Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern gönneten ihr diese Heurath; -sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter und erneuerten -damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens, -welches sie doch alles durch Geduld überwande. - -Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter in den Rhein -ins Bad; er richtet[547] ihm seine Haar und beschor selbige samt dem -garstigen Bart auf die neue Mode und zieret ihn dergestalt auf durch -besondern Anstrich, daß er sich[548] dem schönsten Cavalier vergliche. - -»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere dich wie ein -rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; ich wil meine Schätze -aufthun, die ich hierum vergraben habe, und dir Gelds genug hierzu -geben.« - -Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt kommen können, -war er desto gehorsamer. - -Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen -Kleidern und vielen Dienern in[549] Livree wie ein Großvezier, und da -es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich wieder ein und sagte zu -ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heurath«, und damit er desto -reicher erscheinen konte, füllete er ihm beide Gutschenkisten voller -Gold, welches er ihm beides zur Beschuldigung[550] und zum Heurathsgut -mitgab. - -Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter voran, -seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung seines Dienstes und Grußes -anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier auf dem Weg begriffen wäre, -ihme zuzusprechen und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit -einem Wort, eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er -anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte. - -Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber Gast sein -würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen und wol empfangen, -auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen -die beide älteste Töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu -gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt -hatten. - -Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein Turteltäubchen, -das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als eine Versprochene keine -Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen Herrn zu bekommen, -wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen höhnischen Blick -und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben, -welches ihr tief ins Herz geschnitten. - -Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen Golds das Jawort -und unter den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam, zumalen -noch jede von den ältesten Schwestern ihn zu bekommen festiglich -verhoffte, offenbarte er sich der Jüngsten durch ein Stück des von -einander geschraubten Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt. - -So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken hingegen -jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen. - -Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was sie thäten, -und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen Tochter Glück, daß -sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, welche zugleich von -Schamhaftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden, -also daß sich die eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen -stürzte. - -Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich erschiene: »Nun -haben wir mit einander[551] ausgefischt[552]; du hast eine und ich zwo -von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen -Cavalier versagt.« - - * * * * * - -=Mein hochgeehrter und ~respective~ großgünstiger lieber Leser= nehme -vor dißmal hiermit verlieb und urtheile aus dieser Erzählung, was er -will; alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernach -kommen. - - - =Ende.= - - -FUSSNOTEN: - -[532] =ausecken=, gründlich herausbringen. - -[533] =mir gedenkt=, ich erinnere mich. - -[534] =Hohenroth=; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein, -so ist dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf -des Namens liegt in Nassau, Amt Herborn. - -[535] Bekanntlich war es Bajazet ~I.~, der den König Sigismund bei -Nikopolis schlug. - -[536] =Commiß=, alles, was den Soldaten geliefert wird. - -[537] =taug=, mhd. ~touc~, ~præteritopræs.~ zu tügen, taugen, passen, -anstehen. - -[538] =Höllenzopf=, eigentlich =Hollenzopf=, verworrenes und -verfilztes Haar, wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt, -sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; Adelung, Wörterb. hat -»Höllenzopf«, ~plica polonica~. - -[539] =auszahlen=, ~trans.~, gänzlich bezahlen. - -[540] =ausgeben=, vorgeben. - -[541] =mehrers zu=, wie: immer zu. - -[542] =künstlich=, kunstreich. - -[543] =weder=, als. - -[544] =Soldat von Fortun=, der seine Stellung sich selbst und nicht -etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat. - -[545] =Gott geb was=, was auch. - -[546] =Gewirr=, Störung, Hinderniß. - -[547] =richten=, in Ordnung bringen. - -[548] Im Druck fehlt: sich. - -[549] =in= fehlt im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich« -gehört zu »wie ein Großvezier« und nicht zu »Livree«. - -[550] =Beschuldigung=, wol Druckfehler für Besoldung. - -[551] =mit einander=, alle beide. - -[552] =ausfischen=, ~intrans.~ einen Fang thun. - - - - - ~Simplicissimi~ wunderliche - - Gaukel-Tasche - - Allen Gauklern, Markschreiern, - Spielleuten, in Summa allen denen - nöthig und nützlich, die auf offenen Märkten - gern einen Umstand herbei brächten, oder - sonst eine Gesellschaft lustig zu machen - haben. - - Verwunderlich und lustig zu sehen. - - (=Holzschnitt=: Ein Jäger mit Hunden.) - - Entworfen - - durch obigen Autorem. - - [Illustration] - - Gedruckt im Jahr 1670. - - - - -Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. - -(=Holzschnitt=: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, mit -einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] abzuwehren; -neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit Buckeln und ein Apfel.) - - -Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen -Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt ausgeben, -aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt -zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch Fabionen[553], noch -Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder kurzweiligen Schalk -vermocht[554], das Volk dardurch zu seinem Stand zu bringen, als hat er -sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer Gaukeltaschen gebraucht, dem -Volk daraus wahrgesagt, manche Kurzweil dardurch angerichtet und sich -überaus wol darbei befunden. Als man ihn aber in die Karte gesehen, -und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt[555] hatte, -seind ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen[556], die auch -nicht abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch -herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpfe in -ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen könten. ~Vale.~ - -FUSSNOTEN: - -[553] =Fabionen=, Paviane. - -[554] =vermögen=, besitzen. - -[555] =ablegen=, niederlegen, aufgeben. - -[556] =angelegen sein=, wie anliegen, ersuchen, zureden. - - - - -An die Umstehenden. - -(=Holzschnitt=: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; links -und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.) - - - Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen, - Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen! - Er blättere herum, er suche hin und her, - Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr, - - So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen, - Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen, - Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still, - Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil. - - -Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten werden sol. - -(=Holzschnitt=: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht eine -Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, mit einem Prügel, -den er in der Rechten hält.) - - -Wann der Artifex seine Kunst weisen[557] will, so fasset er mit seinem -rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter nach einander -herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; ist dann irgend einer -unter dem Umstand, der entweder gelehrt oder andächtig ist, so lässet -er denselben in das zugethane Buch blasen, ergreift den Griff mit No. -2 gezeichnet, laß die Blätter abermal herumschnellen, so sihet man -sonst nichts als diese Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der, -so hinein geblasen, sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann -bläst er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der -Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter dem -Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen, -folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem Reichen, daß er viel Geld -habe; hernach bläset er selbst wieder durchs Buch und weiset dem -Umstand mit No. 1 nur die weiße Blätter. Ist dann einer unter dem -Haufen, der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein -blasen und weise ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie -einem solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe so -wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es sei ein Soldat -oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein solcher, der vor einen -Helden gehalten sein wil, den lasse er ins Buch blasen und weise ihm -vermittelst No. 5 lauter Wehr und Waffen und sage: diß ist ein Kerl, -der Lust zum Krieg hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und -weise durch No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder -Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und weise ihm No. -6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er selbst ins Buch und -zeige ihm abermal nur weiße Blätter. Ist dann ein Jungfernknechtla bei -der Gesellschaft, den lasse ins Buch blasen und zeige ihm durch No. -7, daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine -Anzeigung sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal -wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur die weiße -Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der gern spielt, den läßt -er ins Buch blasen und weiset ihm hernach durch No. 8 die Karten, bläst -hernach selbst wieder ins Buch und zeigt abermal nur weiße Blätter. -Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so -dumm nicht sein, daß er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder -Alter abnehmen könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als -die Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht hiermit -procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen halten, viel -weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. Gehab dich wol. - - (=Holzschnitt=: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem Ballen - Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.) - -FUSSNOTEN: - -[557] Im Text als Druckfehler: »wissen«. - - - - -Die Geizigen und - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher - [kabbalistischer?] Zeichen. -- ~II.~ Avers und Revers einer Münze: 1. - eine Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: ~Dante Deo et - ordinum concordia~, 2. von einem Kranz umgeben: ~Fridericus elec. - Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619~. ~III.~ darunter eine - Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem Stern, der - äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. Quer vor - dem ersten Doppelkreise: ~ortas~ [~ortus~], zwischen dem ersten und - zweiten: ~occas9~.) - - - Du hast deine Lust am Geld, - An den Thalern und Ducaten, - Welche hoch acht alle Welt, - Welche mir und dir nicht schaden. - Doch halt gänzlich ich darvor, - Daß der Geiz dich eingenommen; - Laß nach, ich sag dirs ins Ohr, - Du wirst sonst Unglück bekommen. - - - - - Mauschals betreffend. - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Darunter links - ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts ein - Hifthorn. -- ~III.~ Avers und Revers einer Münze: 1. Ein Engel hält ein - Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: ~mo: no: fratrum: ducum: - saxoni:~ 2. ein Wappenschild, Löwe, Reichs-Adler, Längsbalken, Löwe, - mit 4 Feldern ~Lantgrviorum. thur. et mar-mi.~) - - - Karger Jud! Wiltu mehr Gold - Auch aus meinem Buch erpressen, - Das ich selbst gern haben wolt? - Du komst mir vor sehr vermessen. - Laß darvor die güldnen Stück - Springen, die du eingeschlossen; - Diese laß mir hier zurück, - Sonst machst du mir schlimme Possen. - - - - - Die Possenreißer und - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Ein nackter Mann - auf dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren mit - Kappe hineingezwängt; oben links und rechts je ein Ballen mit Stiel.) - - - Du hast gewiß zu viel ein Sparren, - Weil sich dir hier lauter Narren - Unversehens stellen für; - Doch getrost! In diesen Orden - Sein schon viel geschrieben worden, - Du bists nicht allein, glaub mir. - Allenthalben sie herkommen, - Du bist auch nicht ausgenommen. - - - - - Schalksnarren betreffend. - - (=Holzschnitte=: ~I.~ Charaktere. -- ~II.~ Ein Narr in einer Straße, - auf jeder Hand ein Rabe, drüber: grab, grab, grab. -- ~III.~ - Charaktere.) - - - Willkommen, lieber Cammerad! - Es ist ja vor dich nicht schad, - Wann du dich gleich ließt einschreiben, - Die Zeit mit uns zu vertreiben. - Ei, betrachte uns doch recht, - Lieber, unser groß Geschlecht, - Du darfst dich ja gar nicht scheuen, - Es wird dich niemals gereuen. - - - - - Die Soldaten und - - (=Holzschnitt=: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein - bekleidetes Weib, darüber: venus; aus einem andern Zelte rechts schaut - ebenfalls eine weibliche Figur hervor, darüber: firbas[558]. Die - übrigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet[559], - gut, trüw, zucht, abenthür, liebe, scham. Der Stock sehr roh.) - - - Du hast ein herzhaft Geblüte, - Hörest nicht gern viel von Güte; - Vor Musqueten und Cartaunen - Pflegestu nicht zu erstaunen; - Auf den Degen hältst du viel, - Du liebst hoch des Martis Spiel. - Halt dich wol, es kan sich schicken, - Daß dir all dein[560] Thun mög glücken. - - FUSSNOTEN: - - [558] =firbas=, fürbaß, vorwärts. - - [559] =stet=, Standhaftigkeit. - - [560] =dein=, in den Ausgaben steht als Druckfehler =mein=. - - - - - Kriegsgurgeln betreffend. - - (=Holzschnitt=: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und - Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Stoßwaffen. Ebenso roh wie der - vorige Stock.) - - - Du hast deine Freud in Waffen, - Auf Musqueten, Puffen, Paffen - Ist dein ganz Herz hingericht; - Deine Hoffnung treugt dich nicht, - Ich hab von dem Glück vernommen, - Daß du werdest wol ankommen; - Führ den Degen nur fein frisch, - Daß der Feind dir nicht entwisch. - - - - - Die Weinschläuch und - - (=Holzschnitt=: Bacchus auf einem Faß stehend, links ein Weinbauer, - der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr mit einer - Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein runder Becher - mit Buckeln.) - - - Gott segn es, lieber Bruder! - Thue mir bald Bescheid; - Es ist wahrlich ein guter, - Ich sing drein mit Herzensfreud. - Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken? - Mir pflegt er Freud zu erwecken. - Du gibst meinem Herzen Kraft, - Ei du edler Rebensaft! - - - - - Bierbrüder betreffend. - - (=Holzschnitt=: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend, die Frau - trinkt aus einem großen Deckelkrug, der Mann aus einem Zwiebelglase, - während ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt. Darunter ein kleines - Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher [oder eine Kanne?]) - - - Ich hab dirs gleich angemerket, - Daß der Trunk dich trefflich stärket, - Drum bring ich dir jetzt eins zu: - Trink es aus biß auf den Grunde! - Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde, - Hast du doch drauf gute Ruh. - Sie macht dir nichts mehr zu schaffen, - Wann der Rausch ist ausgeschlafen. - - - - - Die Courtisanen und - - (=Holzschnitt=: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer Dame, die - er um die Schulter faßt, rasch fortschreitend; neben ihm links ein - Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.) - - - O du schöner Jungfernknecht! - Du kommst jetzund eben recht, - Es gibt was zu cortesiren; - Ich will dich gar recht anführen. - Aber sihe dich wol für, - Daß dein Schatz dich nicht verführ, - Sitzest du auf die Leimstangen, - So bist plötzlich du gefangen. - - - - - Jungfernknechte betreffend. - - (=Holzschnitt=: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken Hand, - reicht einer Dame zum Abschied die rechte.) - - - Hat die Liebeskrankheit dich - Ganz besessen gleich wie mich, - Ei wol! Geh behutsam nur, - Daß man nicht komm auf die Spur. - Laß den Hasen ja nicht blicken, - Du musts wissen zu verzwicken; - Wilttu handeln recht gescheit, - Ei, so gehe nicht so weit! - - - - - Die Gaukler, Spitzbuben - - (=Holzschnitt=: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten - Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer verkauft - einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein Knabe, der ihr - einen Zopf abschneidet, links am äußersten Rand ein Mann, der mit dem - Finger zeigt.) - - - Trumpfen, letzten Stich, Pikieren, - Bald gewinnen, bald verlieren, - Ist dir ein gemeine Sach, - Spessern[561], Quanzen[562] und Labeten[563] - Half dir oft aus vielen Nöthen, - Bracht dir auch oft Ungemach. - Man schlug dich oft auf die Taschen, - Wollen wir jetzunder paschen?[564] - - FUSSNOTEN: - - [561] =Spessern=, überbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch - gebräuchlichen »es bessern.« - - [562] =Quanzen=, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die - Partie haben, ~avoir quinze sur la partie~; daher der Name eines - Spiels, wobei der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, ~jouer au - quinze~. - - [563] =Labeten=, durch Kaufen sein Spiel verlieren. - - [564] =paschen=, einen Pasch werfen, dann würfeln überhaupt. - - - - - und Spieler betreffend. - - (=Holzschnitt=: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei Männer - spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen sitzend; - auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.) - - - Eichel, Schellen, Grün und Herz - Bringen dir bald Freud, bald Schmerz. - Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen; - Bald heißts: Mein Geld ist zerronnen. - Sags nur meiner Frauen nicht, - Was hier bei dem Spiel geschicht, - Sie möcht treten sonst ins Mittel - Und mir lesen ein Capitel. - - - - - Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. - - - Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet, - Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet. - Versuch es auch einmal, gewiß, es reut dich nicht, - Wann deine Kunst mit Maß zu rechter Zeit geschicht. - - Man lebt doch in der Welt, muß sehn, wie man sich nähret, - Daß man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret. - Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut, - So machstu, daß man dir stets alles Gutes thut. - - - Ende. - - (=Holzschnitt=: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige Cäcilia?]. - Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit den Händen zwei - Blasbälge.) - - Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. - - - - -Notizen des Bearbeiters: - - gesperrter Text markiert durch = ... = - Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~ - Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten. - Viele Wörter stammen aus deutschen Dialekten und wurden entsprechend - beibehalten. - Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend - geändert. - 'n mit Makron' wurde durch '[=n]' ersetzt. - Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster -Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN *** - -***** This file should be named 53054-0.txt or 53054-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/5/53054/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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