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-The Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster Theil
-(von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
-
-Author: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-Editor: Julius Tittmann
-
-Release Date: September 15, 2016 [EBook #53054]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Norbert H. Langkau
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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-
-
- Deutsche Dichter
-
- des
-
- siebzehnten Jahrhunderts.
-
- =Mit Einleitungen und Anmerkungen.=
-
- Herausgegeben
-
- von
-
- Karl Goedeke und Julius Tittmann.
-
- Zehnter Band.
-
- Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.
-
- =Erster Theil.=
-
- [Illustration: Signet]
-
- Leipzig:
- F. A. Brockhaus.
- 1877.
-
-
-
-
- Simplicianische Schriften.
-
- Von
-
- Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.
-
- Herausgegeben
-
- von
-
- Julius Tittmann.
-
- Erster Theil.
-
- Trutz Simplex. -- Der seltzame Springinsfeld.
-
- Anhang: Der erste Bärnhäuter. -- Gaukel-Tasche.
-
- [Illustration: Signet]
-
- Leipzig:
- F. A. Brockhaus.
- 1877.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Die Simplicianischen Schriften.
- I. v
-
- Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten
- Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen
- Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. 5
- Das erste Capitel. 9
- Das zweite Capitel. 12
- Das dritte Capitel. 16
- Das vierte Capitel. 20
- Das fünfte Capitel. 23
- Das sechste Capitel. 28
- Das siebente Capitel. 32
- Das achte Capitel. 35
- Das neunte Capitel. 38
- Das zehnte Capitel. 42
- Das elfte Capitel. 46
- Das zwölfte Capitel. 49
- Das dreizehnte Capitel. 53
- Das vierzehnte Capitel. 57
- Das fünfzehnte Capitel. 62
- Das sechzehnte Capitel. 67
- Das siebzehnte Capitel. 71
- Das achtzehnte Capitel. 76
- Das neunzehnte Capitel. 81
- Das zwanzigste Capitel. 87
- Das einundzwanzigste Capitel. 89
- Das zweiundzwanzigste Capitel. 93
- Das dreiundzwanzigste Capitel. 98
- Das vierundzwanzigste Capitel. 102
- Das fünfundzwanzigste Capitel. 105
- Das sechsundzwanzigste Capitel. 108
- Das siebenundzwanzigste Capitel. 112
- Das achtundzwanzigste Capitel. 115
- Zugab des Autors. 119
- Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. 120
- Der seltzame Springinsfeld. 121
- Das erste Capitel. 127
- Das zweite Capitel. 130
- Das dritte Capitel. 135
- Das vierte Capitel. 140
- Das fünfte Capitel. 144
- Das sechste Capitel. 149
- Das siebente Capitel. 155
- Das achte Capitel. 162
- Das neunte Capitel. 166
- Das zehnte Capitel. 172
- Das elfte Capitel. 175
- Das zwölfte Capitel. 181
- Das dreizehnte Capitel. 186
- Das vierzehnte Capitel. 191
- Das fünfzehnte Capitel. 195
- Das sechzehnte Capitel. 198
- Das siebzehnte Capitel. 203
- Das achtzehnte Capitel. 206
- Das neunzehnte Capitel. 210
- Das zwanzigste Capitel. 213
- Das einundzwanzigste Capitel. 216
- Das zweiundzwanzigste Capitel. 219
- Das dreiundzwanzigste Capitel. 223
- Das vierundzwanzigste Capitel. 227
- Das fünfundzwanzigste Capitel. 231
- Das sechsundzwanzigste Capitel. 234
- Das siebenundzwanzigste Capitel. 240
- Anhang. 243
- Des ersten Bärnhäuters Bildnus. 246
- Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. 247
- Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. 256
- An die Umstehenden. 257
- Die Geizigen und... 260
- ...Mauschals betreffend. 261
- Die Possenreißer und... 262
- ...Schalksnarren betreffend. 263
- Die Soldaten und... 264
- ...Kriegsgurgeln betreffend. 265
- Die Weinschläuch und... 266
- ...Bierbrüder betreffend. 267
- Die Courtisanen und... 268
- ...Jungfernknechte betreffend. 269
- Die Gaukler, Spitzbuben... 270
- ...und Spieler betreffend. 271
- Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. 272
-
-
-
-
- Die Simplicianischen Schriften.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph
-von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus«
-gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens
-zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und
-Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht
-jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß
-des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch
-eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam
-geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe
-werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die
-Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem
-Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet,
-ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's
-schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die
-Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch
-ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können
-unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so
-vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.
-
-Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens
-vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer
-verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben
-durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd
-erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der
-Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren
-großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade
-jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen
-dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und
-Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir
-ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild;
-das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der
-durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt
-wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch
-diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden
-diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht
-construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten,
-vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen
-möchten.
-
-Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen
-»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das
-Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem
-größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der
-Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der
-beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des
-siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke
-unmittelbar an.
-
-Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für
-sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und
-Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist;
-diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die
-Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In
-diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme
-keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich,
-der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht
-hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich
-bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.
-
-Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß
-auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in
-welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im
-allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des
-Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen
-geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle,
-in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die
-Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein
-Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben
-nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die
-Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive
-der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung
-zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen
-und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst
-empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der
-andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst
-eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die
-Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr
-noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt,
-=die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter
-alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective
-Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen
-sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des
-Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.
-
-Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der
-Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe
-so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt,
-er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische
-Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten
-Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt
-erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte
-er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit
-noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.
-
-Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau
-die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem
-vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale
-Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem
-Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich
-alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte
-steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in
-dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß
-die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe
-seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige
-Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen
-Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig
-ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern
-Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich
-feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in
-nachstehender Weise vermittelt.
-
-Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in
-Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn
-sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er
-im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt
-genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten
-Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~
-als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben
-mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden
-Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen
-mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr
-selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war
-freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller
-Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer
-Thaten.
-
-Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz
-dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt
-durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann
-er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen
-und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem
-Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen;
-überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne
-Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in
-einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung
-unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die
-große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der
-einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die
-Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen,
-die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer
-beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter
-im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen
-Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles
-seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten
-beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht
-natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch
-seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen
-Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete
-Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang
-eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft
-entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben
-Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof.
-Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau
-eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde
-ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür
-gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als
-müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die
-Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch
-wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der
-Liebe für immer verleidete.
-
-Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle
-in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter
-doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem
-Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen
-fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte
-es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich
-als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes
-verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um
-zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne
-herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen
-Lebens daran zu knüpfen.
-
-Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies
-in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der
-Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt
-in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den
-Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet
-eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von
-da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht
-mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar
-wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr
-aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller
-Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit
-sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder
-wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste
-mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie
-gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den
-er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei
-ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule
-gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein
-paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen
-in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der
-Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine
-Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort
-findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende
-Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann
-tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige,
-ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und
-tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und
-Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den
-beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder,
-deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der
-Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner
-Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise
-abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber
-erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte
-berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er
-erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm
-dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn
-durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt
-keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte,
-wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist.
-Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die
-»Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen,
-sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische
-Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über
-zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte
-Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den
-Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die
-Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin
-abstamme.
-
-Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes
-mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in
-ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt
-wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des
-»Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen
-künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache
-Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem
-wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies
-wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in
-halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich
-eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte
-sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende
-machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger
-unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige
-allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu
-Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu
-bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt
-eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die
-Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen
-war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich
-desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von
-sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war
-schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause
-die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte,
-und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur
-Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.
-
-Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften
-festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's
-folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch
-also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich
-anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«,
-»Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das
-Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch
-letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen
-Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden.
-Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara,
-Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich.
-Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher
-Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat
-hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.
-
- * * * * *
-
-Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame
-Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist
-nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will.
-
-Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland
-bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine
-formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten
-an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon
-der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten
-läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich
-erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei
-uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst
-geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich
-ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem
-für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben
-des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen.
-Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch
-Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon
-ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit
-Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der
-Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen
-und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie
-ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in
-ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust
-sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des
-männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung
-und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt
-ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und
-die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen
-Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen;
-in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse
-Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der
-maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die
-sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch
-nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei
-den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose
-Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine
-Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe
-schnellt.
-
-Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine
-hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie
-bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch
-persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum
-Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos
-freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet
-wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer
-Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei
-den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich
-zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen,
-die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten.
-Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben
-eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und
-ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für
-diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung
-Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen
-läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.
-
-In der für die höhern Stände zunächst berechneten
-Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen
-ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus
-Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch,
-der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in
-den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen
-materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit
-jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf
-solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die
-»Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«,
-die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst
-schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu
-rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung
-über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde,
-schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels,
-der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit
-angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die
-Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die
-Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende
-Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine
-heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier
-lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen,
-die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden,
-die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem
-Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte
-aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich
-demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein
-Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich
-erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte,
-indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und
-seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen
-Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine
-deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.
-
-Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen
-sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich
-vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts
-aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus
-ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~«
-mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese
-in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher
-Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt
-hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein
-solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das
-wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen
-von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius
-und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.
-
-Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen
-Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter
-moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die
-Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s.
-w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit
-inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.
-
-Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein
-Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der
-Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung
-der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor
-andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum
-besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge,
-aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die
-Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit,
-wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen
-und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der
-modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=,
-und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.
-
-Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz
-trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige
-Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane,
-den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659)
-und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665),
-die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar
-demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des
-Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern
-Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern
-zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn
-der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den
-heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des
-Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und
-Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß
-er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als
-Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit
-dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch
-der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder
-einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen
-Redewendungen anbringen läßt.
-
-Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die
-Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung
-»Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet,
-die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit
-der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr,
-alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen
-Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf
-aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie
-erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der
-Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann
-endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt,
-und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk
-entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige
-Seligkeit hätte bringen können.
-
-Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische
-ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von
-geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe
-eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von
-Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact
-gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem
-Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn
-denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von
-Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen.
-Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen
-Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen
-Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt,
-und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried,
-Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622
-wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus
-den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei
-Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und
-seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach
-England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen,
-mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum
-Islam gegeben haben.
-
-Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des
-Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der
-dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf
-dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König
-Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung
-aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen
-zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen,
-da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von
-Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht
-mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth.
-Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand,
-bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung
-treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch
-den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian
-ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände
-zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl
-Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich
-und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs
-abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils
-verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als
-zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch
-der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen
-gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis,
-wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte
-zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß
-es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor
-Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem
-Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen.
-Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek
-wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler,
-wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf
-Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner,
-und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz
-verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen
-begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge
-»fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen,
-in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem
-Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500
-Menschen erschlagen worden.
-
-Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen
-in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht
-ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621
-ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch
-Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack
-und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's
-(S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende
-October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.
-
-Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück;
-den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen
-ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während
-der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz
-abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren.
-Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach
-Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere
-Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur
-Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete.
-Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche
-Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer
-flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die
-Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die
-Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus
-Mähren zu danken hatten.
-
-Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den
-Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern
-Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da
-Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte
-sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle
-er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der
-Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen,
-während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten
-das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei
-Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage
-erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei
-Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim,
-welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von
-Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der
-Wetterau bezogen.
-
-Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der
-Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier
-geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe
-doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch
-genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct
-auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo
-de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche
-Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter
-konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und
-das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien
-eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse
-in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier
-Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt
-sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei
-den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte
-Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von
-Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem
-Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage
-kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den
-»Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen
-von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel
-hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene
-Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das
-Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen
-liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört
-hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.
-
-Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die
-Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen.
-Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte,
-ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte
-sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im
-Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der
-Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun
-die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte
-bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya,
-dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen
-worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen,
-mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht
-aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich
-Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der
-Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die
-Elbe bis nach Jütland gedrängt.
-
-Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der
-Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu
-ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste
-Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch
-Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg
-erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten
-Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe
-zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie
-die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen
-erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den
-Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte
-und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon
-im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die
-Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen
-und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun
-rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein.
-Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des
-folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der
-Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf
-Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung
-zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und
-der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in
-der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen
-waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine
-großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die
-Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht.
-Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei
-welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins
-freie Feld an der Donau verlegt.
-
-Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit
-November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim)
-befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal
-verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur
-Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf
-der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um
-sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum
-Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen.
-Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und
-ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen
-sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten
-Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht
-bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy
-die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine
-Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs
-1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in
-Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet
-das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In
-spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen
-Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus
-noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672
-erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte
-sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft
-eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen
-Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die
-Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit
-berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch
-über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die
-Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem
-Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld
-herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen
-und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und
-diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser
-Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.
-
- * * * * *
-
-Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns,
-mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute
-Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht
-zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes
-die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur
-Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen,
-die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen
-Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer
-eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung
-als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.
-
-Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner
-Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art,
-wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern
-zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes
-Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka,
-daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und
-Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht
-gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere
-Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und
-unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und
-nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem
-alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger
-denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste
-hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die
-Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das
-Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen,
-ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick
-danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor
-bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in
-einem Hospital zu enden.
-
-In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie
-heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage
-eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben
-auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von
-Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden
-entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen
-vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten
-derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen
-geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch,
-Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung,
-die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~,
-~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf
-christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen,
-wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und
-Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und
-Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.
-
-Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer
-Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus
-dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst
-niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur
-Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war.
-Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen
-Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und
-eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer
-Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch
-den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich
-sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den
-=Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird;
-natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit
-verzichten.
-
-Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er
-war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo
-de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei
-Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen
-Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen
-Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann
-Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland
-zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen,
-Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen,
-eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen
-genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und
-gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er
-darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen
-Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des
-Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen,
-als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und
-gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen
-marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht
-hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er
-besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei
-seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft,
-die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten
-und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner
-dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien
-gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment
-kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand
-hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.
-
-Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten
-Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die
-Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem
-Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß
-mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp
-von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt,
-und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest
-zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er
-nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten
-den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen
-und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach
-Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in
-kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier
-scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen.
-Der geschichtliche Verlauf ist folgender.
-
-Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern
-einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den
-Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im
-November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt
-hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte
-seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber
-der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte
-nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend
-gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200
-Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen
-selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um
-diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben,
-machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen;
-dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen
-Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch
-die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als
-ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen
-bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei
-Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter
-Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die
-Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior
-von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren
-hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth
-führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct
-auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am
-23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde
-dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem
-Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz
-bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier
-den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke
-gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold
-von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald
-zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen
-bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen
-vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk,
-während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte;
-bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in
-voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade
-ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch
-das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein
-Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war
-die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig
-Regimenter kostete.
-
-Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644.
-Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von
-Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir
-auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den
-Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die
-Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne,
-die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte
-waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich
-nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder
-Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen,
-darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit
-bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt
-mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem
-Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte
-Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße
-gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen
-und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser
-Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel
-gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld
-deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug,
-wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment
-dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem
-Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert,
-viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont
-und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte
-Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem
-es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen,
-die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt
-wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des
-festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den
-bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8.
-December 1645.
-
-Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind
-verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen
-(Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in
-kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In
-der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall
-Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich
-geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig
-Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen
-geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth
-mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft,
-wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den
-gefallenen General.
-
-In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg
-durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten
-war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment
-mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe,
-an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder
-freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als
-die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich
-die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand
-»der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb
-in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647
-mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14.
-September schon gekündigt wurde.
-
-Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen«
-sind der General der Reiterei Johann de Werth und der
-Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli
-ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen
-Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs
-Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die
-Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so
-vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De
-Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.
-
-Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die
-folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo
-die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel
-schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen
-Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich
-führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre,
-Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen
-Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau
-bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert,
-darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz
-soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der
-Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht
-nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre
-genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in
-ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst
-einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging
-ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint
-man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem
-Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug
-begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit
-ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über
-welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es
-wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte
-gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig
-ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen
-vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian
-nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige
-Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische,
-ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt,
-die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer
-bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.
-
-Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu
-gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem
-schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.
-
-Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der
-Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter
-energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer
-scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel,
-genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der
-letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen
-seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms
-zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.
-
-Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die
-Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in
-Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des
-Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus
-Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen
-Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen,
-dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder
-Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines
-Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur
-der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im
-August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener,
-auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage
-Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in
-aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von
-fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.
-
-Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im
-ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit
-geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den
-Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen,
-und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers
-mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa
-schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an
-Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend
-Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische,
-französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten,
-faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische
-Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und
-verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen.
-In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war
-den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation
-unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den
-17. September 1668.
-
-Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war
-nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und
-Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner
-»Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in
-Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen
-Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er
-selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und
-Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen
-Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«.
-Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort
-als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist
-doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf
-dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige
-Handlung sich auswirkt.
-
-Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange
-der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als
-Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten.
-Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz
-nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen
-Angaben stimmt.
-
-Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden
-eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem
-es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten
-Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem
-ehrbaren Wandel bekehrt hatte.
-
- * * * * *
-
-Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen.
-Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung
-untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher
-und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier
-das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung
-eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun
-pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt
-des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser
-Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze
-Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig
-gehalten werden.
-
-In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender
-Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z.
-B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im
-germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier
-ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche
-Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben
-Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer
-gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem
-Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest«
-genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke
-(in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein
-Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein
-Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren
-sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen;
-auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten
-Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter
-den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut,
-dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B.
-zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen
-verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht
-auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der
-reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden
-Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel
-übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister
-erblicken läßt.
-
-Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar
-an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen
-Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem
-Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die
-Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte
-an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen.
-Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche,
-Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam,
-ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil,
-worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu
-ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz,
-dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des
-Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten
-Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie
-eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre
-Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte
-Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer
-ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches
-Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger
-Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart
-bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche
-Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter
-Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte
-am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs
-eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte
-sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan,
-seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im
-Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich
-zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung
-freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So
-leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und
-draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit
-Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein
-Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein
-Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er
-werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß
-zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich
-am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die
-einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er
-sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche
-in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß
-macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene
-die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von
-seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten
-Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die
-Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da
-stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun
-bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in
-einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.
-
-Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum
-germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's
-Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder
-»Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr
-Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die
-spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so
-oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum
-zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den
-Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles
-das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst
-nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit
-göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der
-Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite
-und Anchises im griechischen Götterglauben.
-
-Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen
-übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere
-Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen
-damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und
-das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers
-alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der
-Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun
-und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde
-jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er
-bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein
-Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten
-Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen
-sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte
-noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn
-der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der
-localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause
-ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd
-heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich
-selbst ein »Mümmelchen« -- der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft --;
-des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt
-ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog,
-der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand
-seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend
-durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch
-heranbrausenden Wellen fortgerissen.
-
-Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der
-ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt
-ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als
-Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner
-verwandt zu werden.
-
- * * * * *
-
-Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen
-bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670
-bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach
-oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten
-Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck
-erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu
-Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger
-Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich
-gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte
-ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage
-beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre
-eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler
-sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den
-Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während
-einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für
-unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus«
-angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.
-
- * * * * *
-
-Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr
-bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der
-erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon
-darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt.
-Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die
-ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. ~VII~), wo
-Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt,
-genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der
-Schreiber (»Springinsfeld« Kap. ~VIII~) von seiner Absicht sagt, das
-Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die
-Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter«
-folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt
-worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek
-zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der
-Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm
-Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht
-verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr
-erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230
-Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß
-die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind,
-und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker,
-die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten
-gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein
-neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt
-hat.
-
-Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche«
-auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie
-Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so
-vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite
-zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder
-Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich
-in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. ~III~, S. 181 fg.)
-haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls
-»Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am
-meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem
-der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die
-durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen
-Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen:
-»Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein
-König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt
-wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische
-Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der
-Welt« (~II~, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch
-die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt
-der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die
-Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav
-genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde
-geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.
-
- * * * * *
-
-Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des
-»Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die
-Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als
-vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn
-auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben
-haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also
-besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag
-immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst
-nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe
-ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst
-von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432),
-einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »~Rinconete y Cortadillo~«,
-deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und
-Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird
-also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des
-Namens scheint daneben bestehen zu können.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite
-stehen im Original -- zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs
-Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei
-Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend -- folgende Verse:
-
- Erklärung des Kupfers
- oder
- Die den geneigten Leser anredende Courage.
-
- Ob ich der Thorheit Kram hier gleich herunter streue,
- So wirf' ichs drum nicht weg, um daß es mich gereue,
- Daß ich ihn hiebevor geliebet und gebraucht,
- Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt.
- Haarpuder brauch' ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen;
- Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen,
- Tracht sonsten nur nach Gold und mach mir das zu nutz,
- Und was ich möge thun dem Simplici zum Trutz.
-
-[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen
-Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.
-
-[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.
-
- Auf der Rückseite des Titels:
-
- Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,
- Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,
- Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen,
- Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen.
- Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück?
- Sie stimmten in =ein= Horn, zeigten mir ihre Tück.
- Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen,
- Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen,
- Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus,
- Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,
- Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,
- Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.
-
-
-
-
- I.
-
- Trutz Simplex.
-
-
-
-
- Trutz Simplex
-
- Oder
-
- Ausführliche und wunderseltzame
-
- Lebensbeschreibung
-
- Der Erzbetrügerin und Landstörzerin
-
- Courage,
-
- Wie sie anfangs eine Rittmeisterin,
- hernach eine Hauptmännin, ferner
- eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,
- Musquetiererin und letzlich eine
- Zigeunerin abgegeben, Meisterlich
- ~agiret~ und ausbündig
- vorgestellet:
-
- Eben so lustig, annehmlich u[=n] nutzlich
- zu betrachten als ~Simplicissimus~
- selbst.
-
- Alles miteinander
-
- Von der Courage eigner Person,
- dem weit und breit bekannten ~Simplicissimo~
- zum Verdruß und Widerwillen, dem
- ~Autori~ in die Feder ~dictirt~, der sich vor
- dißmal nennet
- ~Philarchus Grossus~ von Trommenheim,
- auf Griffsberg &c.
-
- Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.
-
-
-
-
-Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der
-merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser
-lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin
-und Zigeunerin Courage.
-
-
- =Das erste Capitel.= Gründlicher und nothwendiger Vorbericht,
- weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden
- Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin
- Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf
- erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.
-
- =Das zweite Capitel.= Jungfrau Lebuschka (hernachmal
- genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco,
- muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben;
- dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich
- Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.
-
- =Das dritte Capitel.= Janco vertauschet sein edles
- Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen
- Courage.
-
- =Das vierte Capitel.= Courage wird darum eine Ehefrau
- und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe
- werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile
- lediger Weise getrieben hatte.
-
- =Das fünfte Capitel.= Was die Rittmeisterin Courage in
- ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes
- gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen
- wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern
- mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
-
- =Das sechste Capitel.= Courage kommt durch wunderliche
- Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit
- dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.
-
- =Das siebente Capitel.= Courage schreitet zur dritten Ehe
- und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber
- nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die
- Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution
- und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie
- sitzen läßt.
-
- =Das achte Capitel.= Courage hält sich in einer Occasion
- trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen
- Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger
- Ueberlaufer gefangen und gehenket worden.
-
- =Das neunte Capitel.= Courage quittirt den Krieg, nachdem
- ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman
- vor einen Spott gehalten wird.
-
- =Das zehnte Capitel.= Courage erfähret nach langem Verlangen,
- Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und
- freiet darauf wiederum einen Hauptmann.
-
- =Das elfte Capitel.= Die neue Hauptmännin Courage
- ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister
- und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit
- in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann
- und wird eine unglückselige Witwe.
-
- =Das zwölfte Capitel.= Der Courage wird ihre treffliche
- Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen
- Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen
- und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich
- von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen,
- erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf
- ein Schloß geführt.
-
- =Das dreizehnte Capitel.= Courage wird als ein gräfliches
- Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister
- gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung
- der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar
- listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich
- verlassen.
-
- =Das vierzehnte Capitel.= Courage wirft ihre Liebe auf
- einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen
- wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird
- ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten
- vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie
- legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu
- Hülfe kame.
-
- =Das funfzehnte Capitel.= Courage hält sich bei einem
- Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie,
- dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand
- lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf
- eine Marketenterin.
-
- =Das sechzehnte Capitel.= Courage nennet ihren Courtisan,
- den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein
- Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer
- Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich
- hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket
- sich stattlich in den Handel.
-
- =Das siebzehnte Capitel.= Der Courage widerfährt ein
- lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer
- italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen
- Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin
- als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht
- auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen.
-
- =Das achtzehnte Capitel.= Die gewissenlose Courage erkauft
- von einem Musquetierer einen ~Spiritum Familiarem~, empfindet
- darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und
- Willen von statten.
-
- =Das neunzehnte Capitel.= Courage richtet ihren Springinsfeld
- zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer
- vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller
- gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt
- und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.
-
- =Das zwanzigste Capitel.= Courage nebenst ihrem Springinsfeld
- bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie
- dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter
- war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in
- die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen
- verlegte.
-
- =Das einundzwanzigste Capitel.= Courage wird von
- ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel
- zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade
- und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil.
-
- =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Courage wird von
- ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen
- des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich
- zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des
- Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das
- beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem ~Spiritu Familiari~.
-
- =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Courage heurathet
- wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr
- erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten
- Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk
- wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten
- Soldaten.
-
- =Das vierundzwanzigste Capitel.= Courage bekommt
- eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und
- macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie
- ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind
- vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage
- mit ihm erzeugt hätte.
-
- =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Courage treibet mit
- einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel,
- als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten
- und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle
- fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben,
- endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird.
-
- =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Courage wird eine
- Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr
- Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten
- antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten,
- ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem
- Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus
- nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.
-
- =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Nachdem der Courage
- Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf
- ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter
- welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten
- Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält
- sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder
- zustellen.
-
- =Das achtundzwanzigste Capitel.= Courage kommt mit
- ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird,
- reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr
- Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman
- im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen
- die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen
- sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
-
-
-
-
-Das erste Capitel.
-
- Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen
- und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin
- und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen
- Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.
-
-
-Ja -- werdet ihr sagen, ihr Herren -- wer solte wol gemeint haben, daß
-sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn
-Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das
-Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat
-sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht,
-und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre
-vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die
-begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und
-Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen,
-daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten
-Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere
-Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue
-Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt
-ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen,
-ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung
-schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.
-
-Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden
-gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte
-zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer
-Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und
-endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret,
-beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen
-gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde
-die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie
-wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie
-dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher
-erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel
-jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders
-würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte -- werdet ihr
-sagen --, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt
-und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als
-Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden
-als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die,
-deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn
-kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie
-wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen
-anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage
-Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last
-der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand
-Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund
-begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung
-zu fassen die Gnad haben können.
-
-Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also
-werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser
-meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches
-erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder
-jung oder gar zu Stücken lachen.
-
-Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?
-
-Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange
-Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam
-angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset
-daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und
-diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen,
-der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne
-unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen
-überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben
-nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu
-ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber
-zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir
-manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen
-Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird,
-mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich
-meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte
-als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch
-folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden
-Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich
-bändig zu machen. Die ~Cholera~[7] hat sich mit den Jahren bei mir
-vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der
-Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann
-dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte ~Phlegmam~[8]
-evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die
-melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid?
-Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus
-langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige
-Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche,
-wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach
-jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und
-in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die
-gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir
-doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der
-übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu
-widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch
-nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret,
-ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit
-nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan!
-
-Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren,
-warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller
-Welt deine Laster offenbarn?
-
-Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt
-nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich
-im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen
-spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine
-und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung
-vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit
-was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse,
-wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer
-Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze
-ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und
-Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei.
-
-Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und
-die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und
-Sünder abgestraft.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«.
-
-[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen.
-
-[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen.
-
-[7] =~Cholera~=, Galle.
-
-[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen.
-
-[9] =beschweret=, beschwöret.
-
-
-
-
-Das zweite Capitel.
-
- Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den
- Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen
- Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und
- was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.
-
-
-Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne
-Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem
-böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.
-
-Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings
-und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine
-Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste
-mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug
-auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum
-Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit
-angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter;
-ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen
-Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der
-Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum
-zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren,
-welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und
-solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und
-von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft
-der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau
-behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern
-meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten
-sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn
-ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.
-
-Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der
-Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei
-Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den
-Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen
-grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach
-hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann
-ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und
-Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um
-euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«
-
-Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!
-
-Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf
-der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in
-aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.
-
-»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren
-entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan
-euch das ander auch wieder wachsen.«
-
-Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt
-gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten
-hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie
-mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden
-verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch
-in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit
-großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche
-Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will
-mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der
-eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder
-genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal
-solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant
-worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin
-ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen
-wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem
-ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich
-nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe
-michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich
-zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht
-glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen
-hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.
-
-Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte
-ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer
-Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere
-Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die
-böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß:
-wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein
-Teutscher Flachs in finden.«
-
-»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk
-an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«
-
-»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn
-aus der Küheweid[19] bringe.«
-
-»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden
-erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne,
-die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu
-dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel
-auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«
-
-Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte,
-daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten.
-Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem
-geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und
-Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das
-Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt
-schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich
-der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page
-und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern
-böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer
-Nation haben wolte.
-
-Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste
-meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen
-so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und
-ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten
-Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum
-Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und
-Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von
-ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20]
-wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte,
-muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung
-eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch
-reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf
-lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine
-weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich
-lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen
-wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte,
-daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte,
-so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken
-solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst
-nicht mitgebracht.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben
-will!
-
-[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch
-gebräuchlich.
-
-[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen,
-Prachiner Kreis.
-
-[13] Vgl. die Einleitung.
-
-[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer.
-
-[15] =Dauben=, Einbildungen.
-
-[16] =schmecken=, riechen, merken.
-
-[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild
-hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.
-
-[18] =Kuder=, Werch, Heede.
-
-[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.
-
-[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags.
-
-
-
-
-Das dritte Capitel.
-
- Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten
- Rittmeister um den Namen Courage.
-
-
-Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger
-Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein
-reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich
-mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so
-viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt
-hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten.
-Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und
-Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar
-tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken
-seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es
-die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich
-ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng
-so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde
-vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die
-Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals
-machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht
-wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie
-ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon
-seine Besoldung hat.
-
-Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich,
-der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in
-Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem
-sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung
-curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir
-seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines
-Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur
-diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar
-nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein
-roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn
-niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König
-Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein
-Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich
-aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende
-jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher
-Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns
-werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich
-und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch
-nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß
-mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war,
-von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht
-kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich
-nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe
-preißmachen.
-
-Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte,
-mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja
-von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch
-die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte
-zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber
-solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten,
-daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein
-treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch
-so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom
-Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war,
-und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste,
-das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen
-können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit
-einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet.
-Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich
-der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen
-meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen
-getraute.
-
-Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord
-gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils
-alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten
-zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen
-alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum
-allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten
-bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte
-ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben,
-und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation
-gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die
-Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen
-hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei
-gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von
-den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen,
-unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz
-wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht
-hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel
-mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum
-wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß
-ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich
-mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich
-meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß
-er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte
-ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm
-gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon
-und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was
-Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte,
-wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu
-denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er
-sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte
-noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus.
-
-Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam,
-sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich
-lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht
-gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges
-Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch
-unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber
-die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen
-Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum,
-daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines
-Mannsmenschen Hände kommen sein.«
-
-Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die
-Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister
-wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen
-müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen
-befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch
-verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte
-dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.
-
-»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu
-Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und
-demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und
-hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer
-hergebrachten Ehr beschützen.«
-
-Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu
-weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst
-gewesen.
-
-Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen,
-daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein
-Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach
-mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen;
-mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre,
-der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele
-mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich
-mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu
-entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen,
-allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen
-ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen,
-unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im
-Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du
-guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht
-eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum
-abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe
-du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du
-zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten
-worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich
-sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar
-ordenlich von mir vernehmen solt.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[21] =Rakonitz=, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag.
-
-[22] =Alphonsus=, Alfons X., König von Leon und Castilien,
-reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph,
-Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von
-Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.
-
-[23] =Iylau=, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn.
-
-[24] =Trebitz=, =Trebitsch=, =Trzebicza=, Flecken,
-Fähren, Kreis Iglau.
-
-[25] =mundirte=, montirte, ausrüstete.
-
-[26] =schnellen=, in die Höhe, wieder zu stehen kommen.
-
-[27] =Filz=, Schelte, Strafrede.
-
-[28] =verzwicken=, zweideutig ausdrücken.
-
-[29] =wagen=, Gefahr laufen.
-
-[30] =Zeiger=, =Zieger=, Käse.
-
-
-
-
-Das vierte Capitel.
-
- Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich
- darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den
- Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.
-
-
-Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und
-versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs.
-Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten
-und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine
-Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben
-konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich
-eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben
-meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen
-Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war
-froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen
-war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit
-meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien
-ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen
-das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders
-manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin
-nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig
-behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch
-mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben.
-Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht
-mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben
-Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern
-vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer
-sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste
-Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was
-schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer
-Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und
-lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen
-gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein
-solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod
-selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der
-Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal
-kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen,
-daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben
-muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der
-Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen
-möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei
-umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit
-von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein
-Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen
-und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum
-Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und
-zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von
-mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand
-herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung
-gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß
-ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte.
-
-Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und
-nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und
-beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir
-würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen
-giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche
-erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg
-und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37]
-kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich
-verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten
-niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu
-fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst
-pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte
-prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war.
-Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß
-er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher
-eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und
-communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter
-und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme
-im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner
-Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil
-ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt
-nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu
-leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben.
-Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als
-ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück
-beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß,
-welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang
-tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen
-mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem
-Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr
-das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt
-einem der Teufel zum ersten hin.
-
-Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir
-nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön
-Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir
-von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch
-von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte
-aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar
-gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich
-elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder
-zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen
-meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor
-belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu
-Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an
-der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich
-mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer
-Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen,
-zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig
-finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen.
-Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich
-vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so
-viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im
-Krieg redlich und ehrlich gewonnen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[31] =dermalen eins=, dermaleinst.
-
-[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11
-in ihrer Weise auf!
-
-[33] =toll=, auffallend.
-
-[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche
-gehen.
-
-[35] =Georgi=, Szt. György.
-
-[36] =die Insul=, Schütt.
-
-[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser
-ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der
-Neitra 1626; vgl. die Einleitung.
-
-[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein
-Beileid bezeigte.
-
-[39] =gut edel=, von gutem Adel.
-
-
-
-
-Das fünfte Capitel.
-
- Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares
- züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie
- einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen
- bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig
- unterwirft.
-
-
-Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach
-Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in
-den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein
-Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine
-Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40]
-zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus
-kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht
-viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks
-und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant,
-welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen
-Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die
-sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich
-wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und
-ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür
-leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und
-eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen,
-Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich
-aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund
-vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen,
-das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen
-anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner
-Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich
-meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit
-solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit
-mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer
-besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern,
-wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen,
-sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen.
-Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und
-lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode
-aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie,
-wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch
-glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte
-sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem
-schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.
-
-Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden
-Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den
-»Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu
-ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen
-machte, das ließe sie nicht unterwegen.
-
-Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die
-Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich
-zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen
-wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach
-an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm
-gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag
-hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig,
-welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt
-hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte,
-noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich
-die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol
-unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen
-anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um
-ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in
-der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser
-spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es
-ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit
-nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft
-vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener
-alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt,
-und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten
-oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen,
-die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf
-meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend
-neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit
-mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und
-lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer
-solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten,
-da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und
-dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit
-mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte,
-daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste
-nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil
-seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu
-ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen
-Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines
-Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten,
-die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal
-mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen
-ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er
-seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte,
-wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte
-mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol
-leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles
-verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich
-in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den
-Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte
-maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur
-seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich;
-ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht
-sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine
-Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte
-sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe
-damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber
-nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin
-kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von
-jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber
-ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein
-von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem
-Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da
-ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe
-Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen
-Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer
-guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem
-ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen
-weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte
-mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen
-Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht
-darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück
-columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid
-geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß
-ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt
-hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador,
-welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach
-diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren
-konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das
-mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern
-behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle
-gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß
-ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte,
-ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern,
-Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte
-wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen
-verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz
-zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:
-
- Ein jeder Tag bricht dir was ab
- Von deiner Schönheit biß ins Grab.
-
-Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger
-gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen
-mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die
-Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt
-dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich
-beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich
-allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können,
-sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar
-daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte,
-seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr
-blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber
-getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und
-zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte
-einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich
-eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[40] =genau=, sparsam.
-
-[41] =Daus-Es=, =Daus-As=, 2 und 1 im Kartenspiel =
-durchtriebenes Weib.
-
-[42] =Hofbursch=, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.
-
-[43] =sich enthalten=, sich aufhalten.
-
-[44] =aufsetzen=, frisieren und coiffieren.
-
-[45] =Amadis=, vgl. die Einleitung.
-
-[46] =dörfen=, wagen.
-
-[47] =Anwurf=, erster Angriff.
-
-[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso
-verliebt waren.
-
-[49] =columbinen=, ~colombin~, ~couleur gorge de pigeon~,
-taubenhalsfarbig
-
-[50] =malzern=, malzen, figürlich Ausbeute machen.
-
-[51] =Reise=, Dienst.
-
-
-
-
-Das sechste Capitel.
-
- Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und
- freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt
- lebte.
-
-
-Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners
-zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine
-Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches
-ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber
-potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen
-sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman
-gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen
-Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und
-wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie
-der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an
-einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen.
-Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag,
-allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen
-pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde
-ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische
-Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig
-Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und,
-weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit
-einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht
-gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24
-Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er
-mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten
-könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich
-ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken,
-wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus
-Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie
-mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein
-Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so
-werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern
-disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er
-genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und
-damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil
-wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter
-seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der
-Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall
-er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit
-dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die
-Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei
-mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie
-wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich
-an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den
-alten Reimen:
-
- Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
- Aber es geht ihn nicht von Herzen,
- Sie pflegen sich nur so zu stellen;
- Sie können weinen, wann sie wöllen.
-
-Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu
-trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wol
-bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen
-dem weinenden und betrübten Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poß
-gienge mir auch an, und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit
-hohem Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem
-ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der Copulation
-im geringsten nicht berühren solte, welches er beides verheißen und
-gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen[56]
-ankamen, welches eben damals dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder
-selbst per Accord übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs
-heftige Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden
-mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, ehe er möchte
-erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, welches kein geringe
-Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der Armee gewesen, als
-sich etliche hohe Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien
-gekant, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren
-sie so bescheiden[57], daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich
-ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, darüber ich aber
-gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, außer daß ich den
-Namen Courage wiederum gedulden muste.
-
-Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich eben so
-hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute.
-Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich gerne sahe. Gleich wie
-ich aber solches geduldete, also gab er auch zu, daß ich mit Reden
-und Geberden gegen jederman desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn
-dann jemands vexierte, daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte,
-antwortet er auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob
-ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei dem,
-was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit,
-dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit
-ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel und Zeug montirt. Ich ritte
-nicht wie andere Officiersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf
-einem Mannssattel, und ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich
-doch Pistolen und einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte
-auch jederzeit einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war
-im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber also
-versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und einen jungen
-Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine Rencontra gegen dem
-Feinde, so war mir unmüglich, apart[58] nicht mit zu machen. Ich sagte
-vielmalen, eine Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren
-nicht wagen dörfte, solte auch kein Plümage[59] wie ein Mann tragen.
-Und demnach mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne
-kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so kühn,
-wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner oder, wie mans
-nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen und neben dem
-Troupen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger, weil
-ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter
-meiner Wirthin erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen[60]
-konte.
-
-So giengs und so stund es damal mit mir; ich machte mehr Beuten
-als mancher geschworner Soldat, welches auch Manchen und Manche
-verdroß; aber da fragte ich wenig nach, dann es gab mir Schmalz auf
-meine Suppen. Die Verträulichkeit meines sonst (gegen meiner Natur
-zu rechnen) ganz unvermöglichen Manns verursachte, daß ich ihm
-gleichwol Farb hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir
-anmeldeten, die Stelle seines Leutenants zu vertreten, dann er ließe
-mir durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichts desto weniger
-bei den Gesellschaften lustig, in den Conversationen frech, aber
-auch gegen dem Feind so heroisch als ein Mann, im Feld so häuslich
-und zusammenhebig[61] als immer ein Weib, in Beobachtung der Pferde
-besser als ein guter Stallmeister, und in den Quartieren von solcher
-Prosperität, daß mich mein Hauptmann nicht besser hätte wünschen
-mögen. Und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er
-gerne, daß ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf hinaus fuhr,
-weil sich unser Geld so sehr dardurch vermehrte, daß wir einen guten
-Particul darvon in eine vornehme Stadt zu verwahren geben musten. Und
-also lebte ich trefflich glückselig und vergnügt, hätte mir auch meine
-Tage keinen anderen Handel gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser
-beritten gewest wäre. Aber das Glück oder mein Fatum ließe mich nicht
-lang in solchem Stand, dann nachdem mir mein Hauptmann bei Wißlach todt
-geschossen wurde, sihe, so ward ich wiederum in einer kurzen Zeit zu
-einer Wittib.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[52] =befriedet=, wo Frieden ist.
-
-[53] =schrei=, schrie (mhd. ~schrei~, ~part.~ von
-~schrien~).
-
-[54] =gepartet=, getheilt (von der Beute).
-
-[55] =Bursch=, Gesellschaft, Haufen.
-
-[56] =Weidhausen=. Vgl. die Einleitung.
-
-[57] =bescheiden=, verständig, discret.
-
-[58] =apart=, abgesondert, allein.
-
-[59] =Plümage=, Federbusch.
-
-[60] =öffnen=, in etwas eindringen, verwunden.
-
-[61] =zusammenhebig=, haushälterisch, wirtschaftlich.
-
-
-
-
-Das siebente Capitel.
-
- Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine
- Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit
- ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch
- ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar
- macht und sie sitzen läßt.
-
-
-Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederum
-ein ganz Dutzend Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen
-nehmen wolte, dann ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte
-auch schöne Pferd und ziemlich viel alt Geld, und ob ich mich gleich
-vernehmen ließe, daß ich meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb
-Jahr trauren wolte, so konte ich jedoch die importune Hummeln, die
-um mich wie um einen fetten Honighafen, der keinen Deckel hat, herum
-schwärmten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei dem Regiment
-Unterhalt und Quartier, biß ich mein Gelegenheit anders anstellte;
-hingegen ließe ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen,
-und wann es Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind
-etwas zu erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut so wenig als
-ein Soldat, allermaßen ich in dem anmuthigen und fast lustigen Treffen
-bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen
-Cornet samt seiner Standart gefangen bekommen. Meine beide Knechte aber
-haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an baarem Geld gemacht,
-welche sie unserem Accord gemäß mit mir theilen musten. Nach dieser
-Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem
-vorigen Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider
-meinen Willen seit seinem Tod gefastet, sihe, so gedachte ich, durch
-meine Wahl alle solche Versaumnus wieder einzubringen, und versprach
-mich einem Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler
-beides an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit übertraf. Dieser
-war von Geburt ein Italianer und zwar schwarz von Haaren, aber weiß von
-Haut und in meinen Augen so schön, daß ihn kein Maler hätte schöner
-malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemuth, biß er
-mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich
-so Freuden voll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein
-beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz copuliert und hatten die Ehre,
-daß der Obriste selbst neben den meisten hohen Officiern des Regiments
-bei der Hochzeit erschienen, die uns alle vergeblich viel Glück in eine
-langwürige Ehe wünschten.
-
-Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen
-lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem
-Gespräch unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte
-mein Leutenant seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß
-er zween starke Prügel herbei bringen solte. Er war gehorsam, und
-ich bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten
-versuchen müssen, unterließe derowegen nicht, vor den Jungen zu bitten,
-biß er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tisch
-zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte mein
-Hochzeiter zu mir: »Ja, Liebste, ihr wißt, daß jederman davor gehalten
-und geglaubt, ihr hättet bei euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen
-getragen, welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht
-geringer Beschimpfung nachgeredet worden. Weil ich dann nicht unbillich
-zu besorgen habe, ihr möchtet in solcher Gewohnheit verharren und
-auch die meinige tragen wollen, welches mir aber zu leiden unmüglich
-oder doch sonst schwer fallen würde, sehet, so liegen sie dorten
-auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir
-beide uns, wann ihr sie etwan wie vor diesem euch zuschreiben und
-behaupten woltet, zuvor darum schlagen könten; sintemal mein Schatz
-selbst erachten kan, daß es besser gethan ist, sie fallen gleich jetzt
-im Anfang dem einen oder andern Theil zu, als wann wir hernach in
-stehender Ehe täglich darum kriegen.«
-
-Ich antwortete: »Mein Liebster!« -- und damit gab ich ihm gar einen
-herzlichen Kuß -- »ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir
-einander vor dißmal zu liefern, seie allbereit gehalten. So hab ich
-auch niemalen in Sinn genommen, euere Hosen zu prätendirn; sondern,
-gleich wie ich wol weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber
-wol aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinem
-Herzliebsten werde solches auch bekant sein, und er werde derowegen
-sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von seinen
-Fußsohlen genommen worden wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein
-Ehegemahl halten, vornehmlich, wann ich mich auch nicht unterstünde,
-ihme auf den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe, mit
-demüthiger Bitte, er wolte diese abenteurliche Fechtschul einstellen.«
-
-»Ha ha«, sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu
-sich zu reißen, ehe mans gewahr wird. Aber es muß zuvor darum gefochten
-sein, damit ich wisse, wer dem anderen künftig zu gehorsamen schuldig.«
-
-Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer Narr. Ich aber
-sprang aus dem Bette und legte mein Hemd und Schlafhosen an, erwischte
-den kürzsten, aber doch den stärksten Prügel und sagte: »Weil ihr mir
-je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Theil die Oberherrlichkeit,
-an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt, über den Ueberwundenen
-zusprecht, so wäre ich wol närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus
-Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.«
-
-Er hingegen auch nicht faul, dann nachdem ich also seiner wartete
-und er sein Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und
-gedachte mich beim Kopf zu fassen, um mir alsdann den Buckel fein mit
-guter Muße abzuraumen. Aber ich war ihm viel zu geschwind, dann ehe er
-sichs versahe, hatte er eins am Kopf, davon er hinaus dürmelte[62],
-wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween Stecken
-zusammen, sie zur Thür hinaus zu werfen, und da ich solche öffnete,
-stunden etliche Officier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum
-Theil durch einen Spalt zugesehen hatten. Diese ließe ich lachen, so
-lang sie mochten, schlug die Thür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock
-um mich und brachte meinen Tropfen, meinen Hochzeiter wolte ich sagen,
-mit Wasser aus einem Lavor[63] wieder zu sich selbst. Und da ich ihn
-zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich die
-Officier vor der Thür auch zu uns ins Zimmer kommen.
-
-Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst
-erachten. Ich merkte wol, daß mein Hochzeiter diese Officier
-veranlaßt, daß sie sich um diese Zeit vorn Zimmer einstellen und seiner
-Thorheit Zeugen sein solten; dann als sie den Hegel[64] gefoppet, er
-würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich gegen ihnen gerühmt,
-daß er einen sonderbaren Vortheil[65] wisse, welchen er den ersten
-Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wolte,
-daß ich zittern würde, wann er mich nur schel ansehe. Aber der gute
-Mensch hätte es gegen einer anderen als der Courage probirn mögen;
-gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermans Gespött worden,
-und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren
-befohlen und auferlegt worden wäre. Wie wir aber miteinander gelebet,
-kan sich jeder leicht einbilden, nämlich wie Hund und Katzen. Als er
-sich nun anderer Gestalt an mir nicht revangirn und auch das Gespött
-der Leute nicht mehr gedulden konte, rappelte er einsmals alle meine
-Baarschaft zusammen und gieng mit den dreien besten Pferden und einem
-Knecht zum Gegentheil[66]
-
-
-
-
-Das achte Capitel.
-
- Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem
- Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, daß
- ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen und gehenket
- worden.
-
-
-Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand viel elender
-ist, als wann eine gar keinen Mann hat. Etliche argwohneten, ich
-würde ihm folgen und wir hätten unsere Flucht also mit einander
-angelegt. Da ich aber den Obristen um Rath und Befelch fragte, wie
-ich mich verhalten solte, sagte er, ich möchte bei dem Regiment
-verbleiben, so wolte er mich, so lang ich mich ehrlich hielte, wie
-andere Witweiber verpflegen lassen. Und damit benahme ich jederman
-den gedachten Argwohn. Ich muste mich ziemlich schmal behelfen, weil
-mein Baarschaft ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd fort
-waren, auf denen ich auch manche stattliche Beut gemacht; doch ließe
-ich meine Armuth nicht merken, damit mir keine Verachtung zuwüchse.
-Meine beide Knechte, die Herrndienste versahen, hatte ich noch samt
-einem Jungen und noch etlichen Schindmären oder Bagagepferden; davon
-und von meiner Männerbagage versilberte ich, was Geld galte, und
-machte mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib
-auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragierern fande sich nicht
-meines gleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battalia wie vor
-Wimpfen, aber was halfs? Ich muste der Zeit erwarten, weil man mir zu
-Gefallen doch keine Schlacht gehalten, wann ichs gleich begehrt hätte.
-Damit ich aber gleichwol auch wiederum zu Geld kommen möchte, dessen
-es auf dem Fouragieren selten setzte, ließe ich, beides um solches zu
-verdienen und meinen Ausreißer um seine Untreu zu bezahlen, mich von
-denen treffen, die spendierten; und also brachte ich mich durch und
-dingte mir noch einen starken Jungen zum Knecht, der mir muste helfen
-stehlen, wann die andere beide musten wachen. Das trieb ich so fort,
-biß wir den Braunschweiger über den Mayn jagten und viel der Seinigen
-darin ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte
-und in meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, daß er solche
-Tapferkeit von keinem Mannsbild geglaubt hätte; dann ich nahme in der
-Caracole[67] einen Major vom Gegentheil vor seinem Troupen hinweg, als
-er die Charge redoupliren wolte; und als ihn einer von den Seinigen
-zu erretten gedachte und mir zu solchem Ende eine Pistol an den Kopf
-losbrennete, daß mir Hut und Federn darvon stobe, bezahlte ich ihn
-dergestalt mit meinem Säbel, daß er noch etliche Schritte ohne Kopf mit
-mir ritte, welches beides verwunderlich und abscheulich anzusehen war.
-Nachdem nun dieselbe Esquadron getrennet und in die Flucht gewendet
-worden, mir auch der Major einen ziemlichen Stumpen Goldsorten samt
-einer güldenen Ketten und kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben
-hatte, ließe ich meinen Jungen das Pferd mit ihm vertauschen und
-lieferte ihn den Unserigen in Sicherheit, begab mich darauf an die
-zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs Ersaufen
-und auf dem Land an ein grausams Niedermachen gieng; und alldieweil
-noch ein jeder bei seinem Troupen bleiben muste, so viel immer möglich,
-packte ich eine Gutsche mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher
-weder Geld noch lebendige Personen, aber wol zwo Kisten mit kostbaren
-Kleidern und weißem Zeug sich befanden. Ich brachte sie mit meines
-Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich den Major gelassen hatte,
-welcher sich schier zu Tod kränkte, daß er von einem solchen jungen
-Weib gefangen worden. Da er aber sahe, daß so wol in meinen Hosensäcken
-als in den Halftern Pistolen staken, die ich samt meinem Carbiner
-dort wieder lude und fertig machte, auch hörete, was ich hiebevor bei
-Wimpfen ausgerichtet, gab er sich wiederum etwas zufrieden und sagte,
-der Teufel möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben!
-
-Ich gieng mit meinem Jungen, den ich eben so fest als mich und mein
-Pferd gemacht hatte, hin, noch mehr Beuten zu erschnappen, fande aber
-den Obristleutenant von unserem Regiment dort unter seinem Pferde
-liegen, der mich kante und um Hülf anschriee. Ich packte ihn auf meines
-Jungen Pferd und führte ihn zu den Unserigen in meine erst eroberte
-Gutsche, alda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten muste.
-Es ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht so wol von
-meinen Neidern als meinen Gönnern gelobt wurde. Beide Theil sagten,
-ich wäre der Teufel selber; und eben damals war mein höchster Wunsch,
-daß ich nur kein Weibsbild wäre. Aber was wars drum? Es war null
-und verhümpelt[68]. Ich gedachte oft, mich vor einen Hermaphroditen
-auszugeben, ob ich vielleicht dardurch erlangen möchte, offentlich
-Hosen zu tragen und vor einen jungen Kerl zu passirn; hergegen hatte
-ich aber durch meine unmäßige Begierden so viel Kerl empfinden lassen,
-wer ich wäre, daß ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, was
-ich gerne gewolt, dann so viel Zeugen würden sonst ein anders von mir
-gesagt und verursacht haben, daß es dahin kommen wäre, daß mich beides
-Medici und Hebammen beschauen müsten. Behalfe mich derowegen, wie ich
-konte, und wann man mir viel verweisen wolte, antwortet ich, es wären
-wol ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als die Männer gegen ihren
-Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des Obristen Gnad erhalten und
-von ihme wider meine Mißgönstige beschützt werden möchte, präsentirte
-ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Gutsche mit samt den Pferden,
-darvor er mir 200 Reichsthaler verehrete, welches Geld ich samt dem,
-was ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte,
-abermal in einer namhaften Stadt verwahrte.
-
-Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankenthal noch belagert
-hielten, und also den Meister in der Pfalz spielten, sihe, da schlugen
-Corduba und der von Anhalt abermal den Braunschweiger und Mannsfelder
-bei Floreack, in welchem Treffen mein ausgerissener Mann der Leutenant
-gefangen, von den Unserigen erkant und als ein meineidiger Ueberläufer
-mit seinem allerbesten Hals an einen Baum geknüpft worden, wordurch
-ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu einer Wittib ward. Ich
-bekam aber so ein Haufen Feinde, die da sagten, die Strahlhex[69] hat
-den armen Teufel ums Leben gebracht, daß ich ihm das Leben gern länger
-gönnen und mich noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, biß er gleichwol
-anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, wann es
-nur hätte sein können.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[62] =dürmeln=, türmeln, taumeln.
-
-[63] =Lavor=, ~lavoir~, Waschbecken.
-
-[64] =Hegel=, Hag, Zuchtstier.
-
-[65] =Vortheil=, List.
-
-[66] =Gegentheil=, Gegenpartei, Feind.
-
-[67] =Caracole=, Schwenkung einer Schwadron auf die linke
-oder rechte Seite.
-
-[68] =verhümpelt=, verpfuscht.
-
-[69] =Strahlhexe=, wie Blitzhexe, Wetterhexe.
-
-
-
-
-Das neunte Capitel.
-
- Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will
- und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.
-
-
-Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger je mehr
-leiden[70] muste. Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen
-gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl einer solchen Vettel
-dienen!«
-
-Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein jeder sagte: »Nim
-du sie! Ich begehr ihrer nicht.«
-
-Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also
-thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe Leut und schlechte
-Potentaten waren, die dorften sich nicht bei mir anmelden, so hätte
-ich ohnedas auch keinen aus denselbigen angesehen. Ich empfande zwar
-nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet;
-aber doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. Ich wäre
-gerne in eine andere Haut geschloffen[71], aber beides die Gewohnheit
-und meine tägliche Gesellschaften wolten mir keine Besserung zulassen,
-wie dann die allermeiste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer
-zu werden pflegen. Ich putzte mich wieder und richtete dem einen
-und andern allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen
-anseilen und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war
-schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage schon
-allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei den Regimentern vorüber
-ritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend Stimmen offentlich
-ausgerufen, also daß ich mich schier wie ein Nachteule bei Tage nicht
-mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äußerten[72] mich ehrliche
-Weiber; das Lumpengesindel beim Troß schuhriegelte[73] mich sonst; und
-was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt
-hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch
-ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen aufgegossen
-ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach so in die Länge kein Gut
-mehr thun werde. Etliche Officier hatte ich noch zu Freunden, die
-aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre
-Wollüste, theils mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber
-machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der
-mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner schämten, oder
-daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen
-Männern schädlich wäre, oder aber daß sie sich sonst, ich weiß nicht
-warum, vor mir förchteten.
-
-Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß Regiment,
-sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittirn, und konte
-es auch um so viel desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe
-Officier meiner vorlängst gern los gewesen wären. Ja ich kan mich auch
-nicht überreden lassen, zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen
-Leuten viel gefunden haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es
-seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den
-mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein paar
-Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, daß
-seine schöne Gutsche durch die Courage vom Feind erobert und ihm
-verehrt worden sein solte. Daß ich den verwundeten Obristleutenant aus
-der Battalia und Todsgefahr errettet und zu den Unserigen geführt,
-darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht
-allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich sahe,
-mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht zu gedenken,
-lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die
-Officiersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter
-dem ganzen Regiment, zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele,
-und beides hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz
-einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins
-Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste Hazarde
-erfordert, und darüber sonst manchen das Kalte Wehe[74] angestoßen
-hätte.
-
-Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde als Freunde
-hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es würde ein jedwedere
-von meiner widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre
-sonderbare[75] Manier eins anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit
-darzu ereignet.
-
-O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen
-unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein
-jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts
-hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes
-Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es
-Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76]
-Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion
-niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde
-deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten
-trauen dörfen?
-
-Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch
-selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir
-meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen.
-
-Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste
-Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich
-von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne
-große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich
-einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich
-keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen
-vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten
-und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten,
-wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und
-wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines
-untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend.
-Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und
-beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber
-niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man
-eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man
-einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich
-sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen
-unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war,
-um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen
-Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine
-100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon,
-und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites
-Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert
-und zuwegen gebracht habe.
-
-Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit
-gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg,
-was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte
-ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie
-mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte
-abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen
-meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte
-oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen
-in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die
-Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben
-darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese
-den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese
-ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet
-sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose
-Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie
-mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und
-brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß
-mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein
-gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider
-meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und
-meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der
-Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben.
-
-[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=,
-schlüpfen, kriechen.
-
-[72] =äußern=, ~trans.~ meiden.
-
-[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten.
-
-[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte
-Fieber.
-
-[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche.
-
-[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in
-Grimmelshausen's Schriften.
-
-
-
-
-Das zehnte Capitel.
-
- Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen
- andern Mann.
-
-
-Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen,
-dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was
-sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich
-(welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen
-zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene
-Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot
-gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich
-wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu
-schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger
-zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich
-von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich
-brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte,
-den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich
-so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon
-haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es
-mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese
-gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein
-Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren
-hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob
-mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe
-fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte
-sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor
-dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich
-meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit
-leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch
-lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein
-unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde
-sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir
-fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen
-wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar
-todt wären.
-
-Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen
-dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten.
-
-Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht
-richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant
-oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die
-gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier
-beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier
-ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig
-und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren
-der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen
-seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82]
-und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen
-Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die
-türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von
-ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie
-hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer
-aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst
-ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er
-sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen;
-und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn
-entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte
-sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich
-auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame
-Mittel und Unterhaltung hergeben.
-
-»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen
-Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei
-Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr
-durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
-
-Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte
-doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so
-schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich
-keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit
-meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter
-sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch
-auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar,
-daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns
-vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen
-so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich
-huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue
-Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr
-und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000
-Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach,
-durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter
-kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen
-Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns
-vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben
-worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und
-Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen,
-meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt,
-ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern
-wolte.
-
-Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam
-ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre.
-Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer
-im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen
-getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich
-bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu
-ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich
-selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten
-Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man
-sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im
-Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und
-wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel
-zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk,
-welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen
-wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß
-er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die
-Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines
-Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt
-und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein
-gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst
-nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und
-nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen
-Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel
-geschwollen, dem must du schrepfen!
-
-Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich
-und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem,
-das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu
-actioniren.
-
-Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth
-seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor
-einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der
-Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so
-weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und
-ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten
-waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er
-aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige
-versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte,
-ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler,
-die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in
-stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das
-Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich
-Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen,
-darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht,
-hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit
-gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der
-Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben,
-sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg
-marschiern müsten.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[77] =Geschlechter=, Patricier.
-
-[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben.
-
-[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.
-
-[80] =verderben=, zu Grunde richten.
-
-[81] =Tummel=, Taumel, Rausch.
-
-[82] Vgl. die Einleitung.
-
-[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten.
-
-
-
-
-Das elfte Capitel.
-
- Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder
- unversehens zu einer Wittib.
-
-
-Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein
-Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß
-ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem
-Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie
-und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen.
-Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit
-zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit
-dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm
-einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch
-mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich
-wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten
-gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee
-bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann
-sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche
-läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und
-vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also
-daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm
-doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte.
-
-Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil
-sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem
-dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen
-sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder
-mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte;
-mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd,
-Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern
-Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den
-mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder,
-wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!«
-
-»Warum?«
-
-»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.«
-
-Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk,
-mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und
-zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage
-genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.
-
-Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction
-geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die
-Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern
-als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen
-wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am
-allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen,
-sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein
-Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen
-hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in
-Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von
-vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng
-zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke
-Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern
-trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe,
-daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig,
-jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen
-Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als
-biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte.
-Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und
-Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den
-Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar
-ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte,
-vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie
-trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal
-gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die
-Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel
-zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von
-denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und
-Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht
-in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches
-wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel
-nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil
-wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr
-Beuten zu machen.
-
-Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte
-sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte,
-und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag
-und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen
-niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser
-Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder
-nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber
-gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen
-Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs
-in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in
-meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem
-besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten.
-
-Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90],
-Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem
-letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern
-ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends
-keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn
-auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten
-mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca
-gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment,
-welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch
-verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen.
-
-Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly
-dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark
-mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer
-verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die
-Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen
-Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend
-Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf
-und mich zu einer unglückseligen Wittib machte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen.
-Vgl. die Einleitung.
-
-[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe.
-
-[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang.
-
-[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen.
-
-[88] =erben=, ~trans.~ beerben.
-
-[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil
-Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.
-
-[90] =Verden=, vgl. die Einleitung.
-
-[91] =behalten=, abhalten, trennen.
-
-
-
-
-Das zwölfte Capitel.
-
- Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.
-
-
-Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und
-uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also
-ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück
-derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem
-Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit
-meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand
-erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da
-nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem
-Troupen hinweg.
-
-»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten,
-den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß
-du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters
-unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!«
-
-Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick
-entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn
-allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere
-Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen
-Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher
-alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese
-Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir
-hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier
-den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich
-von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch
-dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern
-er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg
-genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham
-resignirt und dänische Dienst angenommen.
-
-Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum
-besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner
-Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen,
-worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud
-sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit
-sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen
-sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund
-herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als
-daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu
-werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch
-deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters
-zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß
-meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam
-contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal
-gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar
-nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich
-überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui,
-ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit
-zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht
-mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld
-gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es
-hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu
-lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich
-fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche
-aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend
-auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen
-auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit
-Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß
-ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll
-Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann
-es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln
-gegeißelt hätten.
-
-Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder
-mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen
-wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter
-Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die
-Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des
-menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit
-mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich
-anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert
-haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann
-sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens
-preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des
-Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder
-anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier
-mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige
-Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner
-Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte
-und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter
-gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in
-das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt
-strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der
-Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen.
-Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum
-so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu
-schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die
-Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen,
-daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer
-Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu
-dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene
-Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?«
-
-Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen,
-fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach
-mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von
-ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94]
-seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem
-gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß
-mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so
-tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche
-Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter
-richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als
-mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.«
-»Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust?
-Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?«
-
-Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten,
-daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern
-auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der
-Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten
-richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen;
-dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit
-mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch
-alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen
-vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien
-Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu
-tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich
-einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner
-Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner
-Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin
-unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner
-Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und
-Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen.
-
-[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib.
-
-[94] Vgl. die Einleitung.
-
-
-
-
-Das dreizehnte Capitel.
-
- Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse,
- und wie sie selbige wieder verloren.
-
-
-Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb
-erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer
-kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als
-auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier
-auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu
-erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer
-gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil,
-glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei
-mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen
-Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte.
-
-Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der
-eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte.
-Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein
-Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen
-Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich
-seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er
-mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner
-worden wäre.
-
-»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein
-Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz
-und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders
-begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum
-Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren
-elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der
-Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum
-Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder
-solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich
-glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95]
-mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch
-äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit
-wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich
-diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte,
-zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits
-wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht
-zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel
-tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin
-gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen,
-geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----«
-
-Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu
-demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst
-verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und
-wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering
-achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt
-zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein
-Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in
-seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm
-vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten
-verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete
-auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach
-wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber
-solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust
-meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende
-an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er
-bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr
-und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle
-sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde,
-keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden
-Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes
-Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an
-zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre,
-nach dem alten Reimen:
-
- Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
- Gleich als gieng es ihn von Herzen;
- Sie pflegen sich nur so zu stellen
- Und können weinen, wann sie wöllen.
-
-Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000
-Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und
-mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber
-er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich
-nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie
-er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es
-eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten
-brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann
-ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß
-sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß
-sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann
-nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt,
-wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über
-zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich
-auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich
-schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe;
-doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte
-Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden
-tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:
-
- Ein Schneider auf eim Roß,
- Ein Hur aufm Schloß,
- Ein Laus auf dem Grind --
- Seind drei stolzer Hofgesind.
-
-Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er
-sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an
-einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den
-König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem
-Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem
-Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter
-und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was
-er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine
-Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie
-die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge
-für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen
-bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte.
-Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so
-behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch
-meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der
-Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren
-sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.
-
-Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte
-Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten
-Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte,
-mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen
-gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn
-allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären
-derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber
-weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit
-erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht
-allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann
-mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst
-revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe
-und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98]
-alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch
-jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich
-mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin
-verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen
-und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe.
-Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines
-Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben
-brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich
-nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich
-lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann
-solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja
-sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich
-war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so
-Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg
-führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang
-nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen
-würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der
-Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde
-gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und
-Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt
-worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug,
-mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche
-Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen
-gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen?
-Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf
-ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die
-verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von
-einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen,
-und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie
-abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach
-anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich
-überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu
-gewinnen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera,
-Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid,
-~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von
-Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt
-wurde.
-
-[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen.
-
-[97] =Moger=, Mogor, Mogul.
-
-[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten
-Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.
-
-[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten.
-
-[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen.
-
-[101] =spannen=, abzielen.
-
-
-
-
-Das vierzehnte Capitel.
-
- Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich
- einem Musquetierer theilhaftig machte.
-
-
-Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht
-wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe.
-Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich
-glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte,
-wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen
-gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und
-der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem
-Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger
-so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten.
-Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche
-Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich
-zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage
-biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig
-verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir
-mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna
-nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so
-muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte
-mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und
-bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und
-unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte
-und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen
-ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und
-hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht
-zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen
-er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also
-daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich
-vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden,
-woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter
-welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann
-damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen
-glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß
-aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch
-Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und
-solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage
-zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters
-Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am
-allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus
-machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große
-Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht
-werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches
-noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von
-Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den
-Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete
-Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf
-seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein
-Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir
-hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit
-zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals
-Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal
-und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein
-Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber
-mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein
-anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn
-der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch
-etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der
-Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern
-seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte
-diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus
-Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen
-gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder
-zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so
-exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie
-weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre.
-Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er
-war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal
-eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten
-Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe,
-daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem
-Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf
-meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den
-andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit
-allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl
-brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an
-Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar
-kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten,
-und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern
-Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt
-seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den
-Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit
-Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin
-gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein
-Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment
-geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.
-
-So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween
-Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten,
-dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in
-einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen.
-Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so
-hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn
-die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend
-eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt
-und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich
-mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen
-erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als
-welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen
-ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen
-auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und
-zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre
-scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden,
-sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in
-jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins
-davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war
-stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so
-wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem
-Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel,
-eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen,
-einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul
-kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch
-zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame
-Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter
-uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten,
-begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein
-jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano
-beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach
-und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf
-und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß
-er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu
-laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen
-entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend.
-
-Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen
-befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner
-Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als
-daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu
-diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was
-sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann
-auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich
-der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes
-Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher,
-wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt,
-er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen
-helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit
-käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine
-erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen
-nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu
-sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe
-ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub,
-und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen
-wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch
-des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto,
-Altringer und Gallas in Italia zu gehen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[102] =Stormarn=, im südlichen Theil Holsteins.
-
-[103] erbitten, losbitten.
-
-[104] =hechel=, heikel.
-
-[105] =überzwergs=, quer.
-
-
-
-
-Das fünfzehnte Capitel.
-
- Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben
- einander versprochen.
-
-
-Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich
-damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg
-richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von
-meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir
-den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder
-auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106]
-und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend
-weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier
-gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine
-Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment,
-darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man
-mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich
-wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig
-gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil
-unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell
-auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen
-gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das
-Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib.
-Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr
-Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder
-neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich,
-weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich
-vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer
-langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige
-Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden
-Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und
-vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen
-Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich
-sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er
-aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken,
-war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte
-ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte,
-eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und
-Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu
-vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem
-Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie
-ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen
-möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen
-und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in
-meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr
-oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin
-eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich
-damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde,
-sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in
-meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu
-schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag.
-
-Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen
-Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es
-mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das
-geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem
-Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe
-so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen
-und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte.
-Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste
-Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte,
-erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau
-Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr
-mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß
-sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich
-in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen
-Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden
-genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.«
-
-Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch
-deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken.
-Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir
-in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen
-Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch
-gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«,
-antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann
-da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit
-an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr
-sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum
-Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer
-Gefährlichkeit errettete.«
-
-Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann
-ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte.
-
-»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was
-habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«,
-antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen
-Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich
-kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der
-geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter
-verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft
-genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich
-beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine
-Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten
-Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung,
-noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine
-Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen
-werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück
-und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie
-glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.«
-
-Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch
-sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er
-selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch
-kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern
-Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig
-und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei,
-mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen.
-Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein
-Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch
-selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr,
-daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich
-eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir
-nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen
-solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar
-erfunden werden.«
-
-»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so
-wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt
-schätzen.«
-
-Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu
-gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr
-gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt.
-Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung
-der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden
-möchtet?«
-
-Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er
-mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von
-deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens,
-die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur
-zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden,
-daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher
-in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner
-Libertät ohne mich leben würde.
-
-Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen,
-dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben,
-da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet,
-wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen
-unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch,
-den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir
-ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß
-Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was
-er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du
-erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen
-erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du
-ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen
-brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten
-versprach.
-
-Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer
-Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin
-sein möchte.
-
-Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer
-Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben
-desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum.
-
-Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen
-nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm
-befruchtet.
-
-Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die
-Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur
-selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann
-das Gebiet[113] über sein Weib habe.
-
-Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern
-noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern
-Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst
-Ehemänner zum Eifern[114] verursachte.
-
-Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben,
-solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft
-wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig
-vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn
-selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern,
-wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa
-er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen
-werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte
-Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben
-wir einander.
-
-Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte
-er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen
-nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden
-solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde.
-
-Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen,
-bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal
-nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich
-hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu
-Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit
-dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag
-getrieben hätte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[106] =haushäblich=, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.
-
-[107] =witzig=, verständig.
-
-[108] manchen Gang um mich that.
-
-[109] =bastant=, genügend.
-
-[110] =entzucken=, entrücken.
-
-[111] =erläutern=, erklären, ausführlich darstellen.
-
-[112] =erworgen=, ~intr.~ ersticken, umkommen.
-
-[113] =Gebiet=, Herrschaft.
-
-[114] =zum Eifern=, zur Eifersucht.
-
-[115] =mit dem Judenspieß laufen=, wuchern und schachern.
-Vgl. Simplicissimus, ~II~, Cap. 25 (Th. ~I~, S. 69).
-
-
-
-
-Das sechzehnte Capitel.
-
- Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.
-
-
-Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen,
-worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch
-oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich
-die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja,
-wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit,
-solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen,
-daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe,
-was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr,
-er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste
-Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter,
-die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen
-wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116]
-als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld
-zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann
-ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich
-mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig
-angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit
-soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann
-ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander
-gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung
-durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen
-von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war
-und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten
-eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken
-geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz
-und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum
-nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd
-zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun
-mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben
-Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war
-das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob
-er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich
-fragte allbereit um ~s. v.~[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem
-Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr
-Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und
-gleich baar bezahlen.«
-
-Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen
-ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir
-den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten.
-Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich
-wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er
-ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der
-Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten
-halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der
-Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein
-&c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr
-geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte.
-Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120]
-den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du,
-Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten
-Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein,
-die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und
-sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner
-Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger
-als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und
-Kernessig[121] sein mag.
-
-Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften
-nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug
-bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war,
-discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber,
-und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen
-solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er
-nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte
-mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber
-Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen
-unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können,
-wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich
-solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein,
-und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht
-unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen
-Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur
-Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir
-nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe
-mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern
-Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das
-Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er
-nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte
-er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte
-ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.«
-
-Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine.
-Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung
-nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und
-womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich
-das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens
-zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst,
-und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.«
-
-»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und
-höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit
-zu erfahren.«
-
-Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht,
-wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein
-Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er
-konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken,
-daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen
-mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht
-besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in
-Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren
-würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan
-ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß
-zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander
-so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter
-versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand
-einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu
-hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war
-Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er
-muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war
-ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte
-als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei
-dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt
-waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession
-und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein
-behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden
-Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück
-von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich
-rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann
-an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und
-reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld
-samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern
-die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in
-Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen
-dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und
-in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller
-Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste,
-wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen
-Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt
-den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin,
-daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich
-meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung
-hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und
-Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen
-aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit
-weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber
-verloren haben.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[116] =geizig=, gierig.
-
-[117] =nisteln=, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im
-Allgemeinen: sich zu schaffen machen.
-
-[118] ~s. v. salva venia.~
-
-[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied,
-das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.
-
-[120] =Heuratsnotul=, Ehecontract.
-
-[121] =Kernessig=, =ausgestochener Essig=, ein ausgemachter
-Schelm. Vgl. Simplicissimus, ~I~, Cap. 18 (Th. ~I~, S. 77).
-
-[122] =sich entblöden=, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten.
-
-[123] =trutzen=, ~trans.~ Trotz bieten.
-
-[124] =Ists um diese Zeit=, verhält es sich so.
-
-[125] =Schmiralia=, von schmieren, Bestechungen.
-
-
-
-
-Das siebzehnte Capitel.
-
- Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie sie sich
- deswegen wieder rächete.
-
-
-Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden
-Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan
-noch der Schwein hütetest und ehe du geschickt genug warest, anderer
-Leute Narr zu sein, und hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich
-im Saurbrunnen betrogen. Nach der ersten Mantuanischen Belägerung
-bekamen wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo
-es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng kein
-Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage fand, und wo sie
-sich einstellete, da galten die italiänische Putani[126] wol nichts,
-dann bei den Italiänern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den
-Teutschen konte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich
-viel zu freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch
-nicht so gar hoffärtig und theuer, und hatte sich niemands keines
-Betrugs von mir zu besorgen, von dem aber die Italiänerinnen dichte
-voll staken. Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den
-welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und mich
-hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen mir setzte.
-Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die
-berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte.
-Solches Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte
-mir derowegen wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß
-etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen
-wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, daß sie endlich
-den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine solche liebliche Stimm über
-Tafel hören ließen, daß ich mich deren schämen muste. Und sobald sie
-die Thür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen Ungestüm
-nach einander heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter
-eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde,
-um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung allererst
-rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder
-zehen, wiewol sie so geschwind auf einander folgten, daß sie niemand
-zählen konte. Und ich glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der
-Gebühr nach fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer
-geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich
-darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur eine halbe
-Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter mehr Qual von dem
-Lachen, als ich von dem continuirlichen Trompeten erlitten.
-
-Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf und wolte vor
-Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät auch mein Gastherr, als
-der mich zu etwas anders, als diese schöne Music zu halten, zu sich
-kommen lassen, hoch und theuer schwerend, daß er diesen Affront rächen
-wolte, wann er nur erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und
-Ameiseneier-Köch[127] diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich
-aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel
-angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit den
-blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte tödten wollen,
-biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, daß obengedachte
-Kürschnerin damit umgehen könte, und weil er sie unten im Hause
-gesehen, müste er gedenken, daß sie irgends von einer eifersüchtigen
-Damen gedinget worden, mich einem oder andern Cavalier durch diesen
-Possen zu verleiden; maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen
-einem reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner
-Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute
-Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich
-auf eine schleunige Rach, die ich aber weder offentlich noch grausam
-ins Werk setzen dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das
-Land dem Feind abgenommen) gute Ordre halten musten.
-
-Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich nit anders
-hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, als erkundigt
-ich derjenigen Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und
-Wandel, Thun und Lassen auf das genaueste, als ich immer konte. Und als
-mir ein Fenster gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr
-wolten, Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden
-Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders meiner noch
-fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, und zwar auf
-solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen vorschriebe; dann mich
-däuchte, es wäre billich, weil sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß
-ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und
-solches geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit
-dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen durch
-M. Asmussen[128], deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine
-Stange oder Schwinggerten, damit man die Nüß herunter schlägt oder
-die Rauchcamin zu säubern pflegt, angebunden und von dem einen bei
-finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an
-ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das
-Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der Speck beides
-Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien
-besudelte, nach welchem Streich sowol der Leffler als Executor darvon
-liefen und die Hur am Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte.
-Die Kürschnerin bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar,
-und solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen
-zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell aus der Insul
-Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch kein Abschrötlin von dem
-Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen ließe, es wäre gleich vom
-Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner
-Haar oder Woll blutt[129] hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so
-ein paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld darum,
-welches ihm auch etwas zu bröslen[130] ins Haus verschaffte; und wann
-es gleich langsam und gering kam, so kam es doch wol zu seiner Zeit.
-Solches wurde ich von einem andern Kürschner innen, der mir denselben
-Winter einen Pelz fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll
-und Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser[131]
-daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer
-Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren,
-ließe ich sie einem von meinen Jungen dem Kürschner unten um sein
-Secret herum streuen, als welches ziemlich weit hinaus offen stunde.
-Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese Klumpen Haar und Woll
-sonder[132] liegen sahe und sie vor die seinige hielte, konte er sich
-nicht anderst einbilden, als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt
-und zu Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern,
-gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und
-verloren hätte, und weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und
-noch darzu trutzige Wort gab, schlug er sie so lederweich, als gelind
-er sonst anderer wilder und bissiger Thieren Felle bereiten konte, der
-heimischen Katzenbälg zu geschweigen, welches mich so wol contentirte,
-daß ich keinen Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte.
-
-Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens das Recept
-verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein so variable Stimme
-erheben müssen; dann er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise
-genossen, so die Würkungen haben sollen, einen Lärmen zu erregen,
-wie ich allererst einen erzählet. Weil er aber bei hohen und niedern
-Officiern wol dran war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die
-den italiänischen Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, ich
-auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder morgen in die Kur
-kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben; gleichwol
-wolte und konte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in
-der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwol sie auch
-andere riechen musten, da gleichwol sie selbst schon verdauet waren.
-Er hatte einen kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin
-er allerhand Waar enthielte[133], die zu ihrer Aufenthaltung[134]
-einen solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus
-dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, durch einen
-langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande, mit dem andern
-Ende aber zum Kellerloch hinein henken und also das Brunnenwasser
-die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen ließe, daß
-der Keller am Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen
-etliche Fäßlein Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war;
-was aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, zu
-verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder hinweg nehmen
-ließe, vermeinte jederman des Morgens, es wäre entweder im Keller eine
-Quell entsprungen, oder dieser Posse seie dem Apotheker durch Zauberei
-zugerichtet worden. Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so
-wol ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine
-verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, daß der
-Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten
-mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzerin genant, weil
-ichs besser als andere gekönt.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[126] =Putani=, ital. ~puttane~.
-
-[127] Dies Recept wird auch in Grimmelshausen's »Ewigwährendem
-Calender« empfohlen.
-
-[128] In dem Namen liegt ein Wortspiel, das sich der Leser erklären
-mag.
-
-[129] =blutt=, mhd. ~blut~, leer, bloß, rein.
-
-[130] =bröslen=, brocken, einbrocken.
-
-[131] =Schermesser=, sehr uneigentlich so genannt, vgl.
-Simplicissimus, ~IV~, 11.
-
-[132] =sonder=, einzeln, zerstreut.
-
-[133] =enthalten=, aufbewahren.
-
-[134] =Aufenthaltung=, Bewahrung vor dem Verderben, Conservirung.
-
-
-
-
-Das achtzehnte Capitel.
-
- Gar zu übermachte[135] Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage.
-
-
-Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, thät mir so
-sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; und gleich wie es
-mir allbereit eines Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschehe,
-also fieng ichs auch an nicht zu achten, ob es mit Gottes oder des
-Mammons Hülf besser prosequirt werden möchte. Einmal[136] es galte mir
-endlich gleich, mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was
-für einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, wann
-ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld muste einen Roßtäuscher
-abgeben, und was er nit wuste, das must er von mir lernen, in welcher
-Profession ich mich tausenderlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge
-gebrauchte. Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen,
-geschweige des Zinns, Kupfers, Getüchs[137], der Kleidung und was es
-sonst sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder
-gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß ich
-nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer nicht wuste,
-wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es gewonnen, wie
-er wolte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir wie zu einem Juden,
-die den Dieben getreuer sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit,
-selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem
-Materialistenkram gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir
-hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum auch
-einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit
-demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt war. Hingegen muste
-ich auch spendiren und schmieren, um mich und meine Hantierungen zu
-beschützen. Der Profoß war mein Vatter, seine alte Mär (seine alte
-Frau, wolt ich sagen) meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau
-und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem
-demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine
-Handelschaft einbüßen mögen.
-
-Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte sagen, so
-ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musquet
-getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen Gläslein, welches
-nicht recht einer Spinnen und auch nicht recht einem Scorpion gleich
-sahe. Ich hielte es vor keine Insect oder lebendige Creatur, weil das
-Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte
-erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck
-eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch
-ein Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung
-vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas regte und herum
-grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen
-anbote, fragte ich: »Wie theuer?«
-
-Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden
-darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein darzu schenken. Er aber
-sagte, die Bezahlung seie allbereit zu Genügen geschehen, welches mich
-an einen solchen alten Weinbeißer verwunderte und verursachte, ihn zu
-fragen, warum er einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im
-Kauf zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte.
-
-»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie mit
-anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf,
-vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie diß Kleinod wieder
-hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, als sie es selbsten
-erkauft hat.«
-
-Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen.«
-
-Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so
-hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in Händen und noch keinen
-Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um 3 Kronen kauft und um 2 wieder
-hingeben.«
-
-Diß Ding war mir ein Gesäg[138], darein ich mich nicht richten konte
-oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil ich ein satten
-Rausch und[139] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der
-Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus,
-oder (lieber Leser, sag mir selbst, was ich sagen sol!) ich wuste nit,
-was ich mit dem alten Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns
-genug zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß mir
-andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein
-Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, machte mich so sicher,
-daß ich mein erkauften Schatz einsteckte.
-
-Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich meinen
-Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß wissen, daß ich
-allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte mich gleich, welcher
-Gestalt ich das Ding kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen
-raren und lieben Sachen, als Ringen, Kleinodien und dergleichen,
-um solches aufzuheben, biß mir etwan ein Kunstverständiger an die
-Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich
-aber ungefähr[140] unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande
-ich dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem
-Hosensack, welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein
-Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß ich mich
-fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe mir aufstieße,
-fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben hätte, erzählte ihm
-darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit zugetragen, und bat ihn,
-er wolte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es
-umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau
-Courage, es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der
-ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu
-erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer
-Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosperität. Er
-macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen
-Feinden geförchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn
-verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß.
-Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und bringt
-zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.«
-
-In Summa der alte Lauer[141] schnitte mir so einen Haufen daher,
-daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus mit seinem
-Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol einbilden können, daß
-der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst geben würde,
-so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun
-müste, dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere
-Leute in Gestalt eines Galgenmännels[142] bestehlen, das sogenannte
-Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg
-verehren müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier gar
-nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem
-solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich sagte: Es wird ohne
-Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er solte mir
-nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr
-und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen
-Dienste ohne andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau
-Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß ihrs nämlich
-um geringern Preis hingeben solt, wann ihr dessen Diensten müd seid,
-als ihrs selbsten erkauft habt, welches ich euch gleich damals, als ihr
-mirs abgehandelt, nicht verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die
-Frau von andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs.
-
-Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, mein
-Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud
-Salomonis[143]; ihr vertrauet ich alles, und also auch was mir mit
-dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, antwortet sie, »es ist
-ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet, was euch der
-Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß,
-wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne
-Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und
-Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er sich nicht anderst als je
-länger je wolfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Käufer zu
-theil werden müsse. Und ihr, liebe Tochter, stehet in großer Gefahr,
-weil ihr ihn zum allerletzten zu verkaufen habt; dann welcher Narr
-wird ihn von euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern
-eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?«
-
-Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm genug bestellt
-war; doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die
-Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt,
-daß ich alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst
-dieser Hülfe, dieses Beistands und dieser glückseligen Accantage[144]
-genießen, so lang du kanst; indessen findest du wol einen
-leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim schweren Trunk
-oder aus Armuth, Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus
-Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen
-Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt.
-
-Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß und Form,
-wie es mir beides von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen
-oder angenommenen böhmischen Mutter beschrieben worden. Ich verspürte
-auch seine Würkung täglich; dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins
-auszapfte, vertrieb ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal
-meinen Trank oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit
-aus. Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe
-war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht
-aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. Kam ich in ein
-Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder daß es sonsten ein Herberg
-oder verlassene Wohnung war, darin sonst niemand wohnen konte (maßen
-man die Marquetenter und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren
-pfleget), so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß
-nit durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu
-finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen &c.
-Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche waren, die der Courage
-nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachten, ja verfolgten
-als ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem größeren ~lumen~
-erleuchtet, als ich von meinem ~flamine~[145] bethört gewesen. Solches
-machte mich zwar witzig und lernete mich durch allerhand Nachdenken
-philosophiren und betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber
-allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern
-dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und nichts zum
-Fundament zu raumen[146] gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde,
-wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich dir zum Ueberfluß, dein Lob zu
-bekrönen, weil du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer
-Damen im Saurbrunnen genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal
-kantest.
-
-Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja so groß, daß
-ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete.
-
-Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas
-nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen das Verkehren
-spielten, so wärest du mir weniger ins Netze gerathen als diejenige,
-die im Schutz Gottes waren, da ich den Spiritum familiarem hatte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[135] =übermacht=, übertrieben.
-
-[136] =einmal=, kurz, überhaupt.
-
-[137] =Getüch=, Tuchwaaren.
-
-[138] =Gesäg=, Gerede.
-
-[139] =und= fehlt in allen Ausgaben.
-
-[140] =ungefähr=, zufällig.
-
-[141] =Lauer=, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein
-Lauer.
-
-[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die
-Einleitung zum »Simplicissimus«, S. ~LXV~.
-
-[143] =Sabud Salomonis.= Sabud, der Sohn Nathan's, des
-Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5.
-
-[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen
-Avantage, Vortheil.
-
-[145] =~flamen~=, es ist wol gemeint: geistiger Hauch,
-geistiges Wesen.
-
-[146] =raumen=, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege
-schaffen.
-
-
-
-
-Das neunzehnte Capitel.
-
- Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu seiner
- Perfection kommen.
-
-
-Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. Nicht nur ich
-gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein Springinsfeld, den du
-allerdings vor deinen besten Cameraden und vor einen braven Kerl in
-deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, muste mir auch folgen. Und was
-wolts gehindert haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein,
-sintemal andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer
-(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier fromme Männer
-gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, ich will nicht
-sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen
-Accord eingangen, wie Springinsfeld gethan? Höre die Histori!
-
-Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in
-eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und
-in unser Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen
-nicht allein ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen
-Bürger zu schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau[147]
-meinen Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel
-herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder Jehu[148]
-verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine Kirche, weil ich
-mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden in Italia an solchen
-heiligen Oertern gestiftet und zu Faden geschlagen[149], aus Ursach,
-daß man die schöne Weiber daselbsten, so liebeswürdig zu sein scheinen,
-sonst nirgends hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu
-stehen, mit deren Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte[150],
-weil mich derjenige nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen
-Blick schenkte. Ich gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie
-mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir
-einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß ich mich
-zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht unter dem
-ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich
-mein Springinsfeld auch ein; ich weiß aber darum nit warum, kan auch
-schwerlich glauben, daß ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann
-ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn
-noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten
-eingepflanzt. Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und
-kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben solte,
-wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen
-Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft werden möchte.
-
-Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer Diener und
-hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre,
-der sein Palatium an dem Markt stehen hätte; ich hingegen sagte ihm
-ausdrücklich, daß er fürderhin weder meiner Huld länger genießen noch
-meinen Leib einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er mir
-zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber sichere Anschläg,
-Mittel und Gelegenheit an die Hand geben wolte. Er kratzte sich zwar
-hinter den Ohren und entsetzte sich vor meinem Zumuthen als wie vor
-einer unmüglichen Sach; aber da es lang herum gieng[151], erklärt er
-sich, meinetwegen in Tod zu gehen.
-
-Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie
-einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu, und
-vielleicht besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selbsten zu
-einem solchen Ausbund worden, wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt
-hätte.
-
-Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen
-Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein Gewehr und
-einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder Kästen zu öffnen, wo
-ich zukommen konte. Ich ließe denselben Stiel inwendig hohl drehen in
-gemessener Weite, daß ich entweder Ducaten oder eine Schiedmünz in
-selbiger Größe hinein packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer
-jederzeit bei mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte,
-oder ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig
-mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll,
-deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der Hand hätte. Da
-er fertig, probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern[152], die
-ich zu mir genommen, solche um ander Geld zu veralieniren. Die Hohle
-meines Stabs hatte eben die Weite ihres Bezirks[153], doch also eng und
-beschnitten, daß ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste,
-doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen
-laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil
-ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß wann die Lutzer
-gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des
-Stiels an Statt eines Steckens zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich
-mich darauf steuerte[154], etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben
-klunkerten und ein dünsteres[155] Geklingel machten, welches seltzam
-und verwunderlich genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön
-rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem
-Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, welcher
-Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln solte.
-
-Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine Parücke auf,
-wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel und thät zween
-ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen der Damen Palatio hinüber
-stunde und das Haus vom Fundament an biß übers Dach hinaus beschauete,
-gleichsam als ob ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen
-Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit
-dem man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch sonst
-im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum vagiren und auf
-meinen Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner nothwendig
-bedörfte, dann der Vogel redete so gut italiänisch als teutsch, welches
-aber jener nicht konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier
-ohnnöthig zu nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in
-wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder wol gar auch
-zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich ein stark Gegitter vor
-einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld noch nicht
-abließe, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe,
-da schickte angeregte Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines
-continuirlichen Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften
-hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour kommen und
-dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er
-nicht allein zu erheben, sondern auch eine ganze Stadt damit reich zu
-machen getrauete. Hierauf ließe die Dame beides den Springinsfeld und
-den Tambour zu sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem
-verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große Begierden
-geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor
-einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. »Nein«, antwortet
-der Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt,
-und hält sich nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene
-Sachen finde, hat auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten
-Schlössern ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen
-gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, ihme, Tambour, gar
-nicht bekant.
-
-In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen[156] und
-beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen solte. Er begehrte
-zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber zündete das dritte an,
-welches er bei sich hatte und vermittelst eines messenen[157] Drahts,
-der durch die Kerze gieng, ausleschen konte, wann er wolte. Mit diesen
-dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld
-und der Tambour im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht zu
-Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge,
-da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel
-also processionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da
-sie hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich
-in den Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem ~A. R.~[158]
-befeuchtet hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er
-seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er sein Liecht aus.
-
-»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der Schatz
-eingemauret.«
-
-Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug etlichmal
-mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die Lutzer nach und nach,
-so manchen Streich er an die Mauer thät, herunter rollten und ihr
-gewöhnliches Getön machten.
-
-»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet[159],
-welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist zeitig und muß
-ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel gehet, sonst wirds
-künftig vor Verfließung anderer sieben Jahr umsonst sein.«
-
-Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid geschworen hätten,
-das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, als stellten sie meinem
-Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame begehrte an ihn, er
-wolte um die Gebühr den Schatz erheben, wolte auch gleich um ein
-Gewisses mit ihm accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege
-in dergleichen Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was man
-ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch dabei bewenden mit
-Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn wolte, daß er damit
-zufrieden sein würde.
-
-Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte
-Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen
-Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild
-beides in ihrem jungfräulichen und fräulichen Stand am Halse getragen
-hätte; zweitens solte er alleinig in den Keller geschlossen oder
-versperrt, und von der Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen
-werden, damit sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach
-versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand
-gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. Hierauf gab
-man ihm und dem Tambour eine Collation und ihme, Tambour, wegen seines
-Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen
-herbeigeschafft, nach solchen Springinsfeld in Keller verschlossen,
-woraus unmüglich schiene, einen Kerl zu entrinnen[160], dann das
-Fenster oder Tagelicht, so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch
-und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. Der
-Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und mich
-allen Verlauf berichtete.
-
-Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin
-die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das
-Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg gebrochen, ließe ich ein
-Seil hinunter zu meinem Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt
-aller Zugehör zu mir herauf, da ich dann auch den verlangten schönen
-Smaragd fande.
-
-Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück,
-welches mir so wol abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den
-Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber
-spazierte den Tag nach vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der
-Stadt herum, die sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man
-unter den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun sihe,
-Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität durch
-mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir auch dieses
-nur zum Exempel, dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück sagen
-solte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich
-wetten, es würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen[161] seind, die
-Zeit zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie du deine
-Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer und lustiger Buch
-abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. Doch will ich dich noch ein
-kleines lassen hören.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[147] =Cyprianische Jungfrau.= Justin., ~Hist. XVIII.~
-cap. 5, erzählt, Elissa (Dido) habe nach ihrer Flucht auf Kypros
-achtzig Jungfrauen geraubt, die nach der Sitte des Landes an das Ufer
-des Meeres geschickt worden waren, um sich dort ihre Aussteuer zu
-verdienen.
-
-[148] =Jesebel=, die Gemahlin Ahab's. Jehu, der das Haus
-Ahab's ausrottete. 2 Könige 10.
-
-[149] =zu Faden schlagen=, vom Schneiderhandwerk, ein
-Stück mit losen und weiten Stichen zusammennähen, in Norddeutschland
-=reihen=, dann von dem Beginn jeder Arbeit gebraucht, der Gegensatz
-ist =auswirken=, die Arbeit fertig machen. Beide Ausdrücke gebraucht
-Grimmelshausen im übertragenen Sinne, selbst z. B. vom Essen.
-
-[150] =eifern mit=, eifersüchtig sein auf.
-
-[151] =da es lang herumgieng=, nachdem die Sache länger besprochen
-worden war.
-
-[152] =Lutzer=, Blutzer, schweizerische Scheidemünze.
-
-[153] =Bezirk=, Umfang.
-
-[154] =steuern=, stützen.
-
-[155] =dünster=, düster, dumpf.
-
-[156] =die Glock gegossen=, sprichwörtlich: die Sache abgemacht.
-
-[157] =messene=, von ~mësse~, mhd., Bronze; diese alte Form
-steht hier für messingene, welche Metallmischung um die Mitte des 16.
-Jahrh. erfunden wurde.
-
-[158] ~A. R. Aqua Regis~, Königswasser, Goldscheidewasser.
-
-[159] =verblüht=, ausgeblüht, gezeitigt zur Hebung.
-
-[160] Wunderliche Construction, jedoch in allen Ausgaben,
-~Accus. c. infin.~ daß ein Kerl entrinne.
-
-[161] =Schosen=, ~choses~, Sachen.
-
-
-
-
-Das zwanzigste Capitel.
-
- Welcher Gestalt Springinsfeld und Courage zween Italiäner bestohlen.
-
-
-Als wir uns versahen, wir würden noch lang vor Casal liegen bleiben
-müssen, lagen wir nit nur in Zelten, sondern ihrer viel baueten
-ihnen auch sonst Hütten aus andern Materialien, sich desto besser
-in die Länge zu behelfen. Unter anderen Schacherern befanden sich
-zween Mailänder im Lager, die hatten ihnen eine Hütte von Brettern
-zugerichtet, ihre Kaufmannswaare desto sicherer darin zu verwahren,
-welche da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst
-allerhand Kleidungen, beides vor Officierer und gemeine Soldaten zu
-Roß und Fuß. Diese thäten mir meines Bedunkens viel Abtrag[162] und
-Schaden, indem sie nämlich von den Kriegsleuten allerhand Beuten von
-Silbergeschmeid und Juweln um den halben, ja den vierten Theil ihres
-Werths erhandelten, welcher Gewinn mir zum Theil zukommen wäre, wann
-sie nit vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich an ihnen aufs
-wenigst zu wuchern[163], weil in meiner Macht nit stunde, ihnen das
-Handwerk gar niederzulegen.
-
-Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer Waar, und dasselbige war
-auch zugleich ihr Gaden[164]; oben auf dem Boden aber unter dem Dach
-war ihr Liegerstatt, allwo sie schliefen, wohinauf ungefähr sieben
-oder acht Staffeln giengen; und durch den Boden hatten sie ein offenes
-Loch gelassen, um dadurch nicht allein desto besser zu hören, wann
-etwan Mauser einbrächen, sie zu bestehlen, sondern auch solche Diebe
-mit Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich versehen
-waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Thür ohne sonderlichen
-Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag gar gering[165].
-Mein Springinsfeld muste mir eine Welle scharfer Dörner in Mannslänge
-zuwegen bringen, woran auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich
-füllete eine messene Spritze mit scharfem Essig. Also versehen, giengen
-wir beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf war.
-Die Thür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine Kunst, weil ich
-zuvor alles fleißig abgesehen; und da solches vollbracht und geschehen,
-stackte Springinsfeld die Dornwell vor die Stiegen, als welche vor
-sich selbst keine Thür hatte, von welchem Geräusch beide Italiäner
-erwachten und zu rumpeln anfiengen. Wir konten uns wol einbilden, daß
-sie zum ersten zu obigen Loch herunter schauen würden, als dann auch
-geschahe; ich aber spritzte dem einen die Augen alsobald so voller
-Essig, daß ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick vergieng; der
-ander aber liefe im Hemd und Schlafhosen die Stiegen hinunter und wurde
-von der Dornwell so unfreundlich empfangen, daß er gleichwie auch
-sein Camerad in solcher unversehenen Begebenheit und großem Schrecken
-sich nichts anders einbilden konten, also es wäre eitel Zauberei und
-Teufelsgespenst vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein Dutzet
-zusammen gebundene Reuterkoller erwischt und sich damit fort gemacht,
-ich aber ließe mich mit einem Stück Leinwat genügen, drehete mich damit
-aus und schlug die Thür hinter mir wieder zu, die beide Welsche also
-in ihrer Anfechtung hinterlassend, wovon der eine ohne Zweifel die
-Augen noch gewischt, der ander aber noch mit seiner Dornwell zu handeln
-gehabt haben wird.
-
-Schaue, Simplice, so konnte ichs, und also habe ich den Springinsfeld
-nach und nach abgerichtet. Ich stahle, wie gehöret, nicht aus Noth
-oder Mangel, sondern mehrentheils darum, damit ich mich an meinen
-Widerwärtigen[166] revangiren möchte. Springinsfeld aber lernete
-indessen die Kunst und kam so meisterlich in die Griff, daß er sich
-unterstanden hätte, alles zu mausen, es wäre dann gar mit Ketten
-an das Firmament geheftet gewesen, und ich ließe ihn solches auch
-treulich genießen, dann ich gönnete ihm, daß er einen eigenen Säckel
-haben und mit dem halben gestohlenen Gut, maßen wir solche Eroberungen
-miteinander theilten, thun und handeln dörfte, was er wolte. Weil er
-aber trefflich auf das Spielen verpicht war, so kam er selten zu großem
-Geld; und wann er gleich zu Zeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa
-zuwegen brachte, so verblieb er jedoch die Länge nicht in Possession,
-sintemal ihm sein unbeständig Glück das Fundament zum Reichthum durch
-den unbeständigen Würfel jederzeit wieder hinweg zwackte. Im übrigen
-verblieb er mir ganz getreu und gehorsam, also daß ich mir auch keinen
-bessern Sclaven in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte. Jetzt höre
-auch, was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet, und wie ich mich
-endlich wieder von ihm geschieden.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[162] =Abtrag=, Abbruch.
-
-[163] =wuchern=, reichlich vergelten.
-
-[164] =Gaden=, Laden.
-
-[165] =gering=, leicht, anstellig, schlau.
-
-[166] =Widerwärtige=, Gegner, Feinde.
-
-
-
-
-Das einundzwanzigste Capitel.
-
- Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen.
-
-
-Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unserigen eingenommen wurde, muste unser
-Regiment von Casal hinweg und auch in die Mantuanische Belägerung.
-Daselbsten liefe mir mehr Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen
-Läger, dann gleich wie alldorten mehr Volk war, sonderlich Teutsche,
-also bekame ich auch mehr Kunden und Kundenarbeit, davon sich mein
-Geldhaufen wieder ein merkliches geschwinder vergrößerte, so daß
-ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in die teutsche
-Reichsstädte übermachte, bei welcher glücklichen Prosperität, großem
-täglichen Gewinn und genugsamem Ueberfluß, dessen ich und mein Gesindel
-genossen, da sonst mancher Hunger und Mangel leiden muste, mein
-Springinsfeld anfienge allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er
-wolte eine tägliche Gewohnheit daraus machen, nur zu fressen und zu
-saufen, zu spielen und spazieren zu gehen und zu faulenzen, und ließe
-allerdings die Handelschaft der Marquetenterei und die Gelegenheiten,
-sonsten irgends etwas zu erschnappen, ein gut Jahr haben. Ueber das
-hatte er auch etliche ungerathene und verschwenderische Cameraden an
-sich gehenkt, die ihn verführten und zu allem demjenigen untüchtig
-machten, worzu ich ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise
-abgeführet[167] hatte. »Ha«, sagten sie, »bist du ein Mann, und läst
-deine Hur beides über dich und das Deinige Meister sein? Es wäre noch
-genug, wann du ein böses Eheweib hättest, von deren du dergleichen
-leiden müstest. Wann ich in deinem Hemd verborgen stäke, so schlüg ich
-sie, biß sie mir parirte, oder jagte sie vor alle Teufel hinweg.«
-
-Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen und Verdruß
-und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte
-ins Feld springen machen, ohne daß ich mich im geringsten etwas
-dergleichen gegen ihm oder seinem Anhang hätte vermerken lassen.
-Mein Gesind, darunter ich auch vier starke Tremel[168] zu Knechten
-hatte, war mir getreu und auf meiner Seiten; alle Officierer des
-Regiments waren mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir
-wol und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles
-noch mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu
-meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich
-stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. Ich wuste wol, daß
-der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur ~pro forma~ repräsentiren
-muste, das Haupt meiner Marquetenterei darstellte, und daß ich unter
-dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß
-ich bald ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir
-mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm täglich Geld,
-beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß ich die Beständigkeit
-seiner vorigen Verhaltung bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer,
-verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich
-dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel
-dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem
-Wort, daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; dann
-ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden und verdienet,
-zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, daß ich mich weder
-um ihn noch die Marquetenterei, ja um den ganzen Krieg, und was ich
-noch darin kriegen und hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber
-ich weiß nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden
-zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu begehren, oder
-ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamer Weis
-fortfuhre, dann er stellte sich gar freundlich und demüthig und gab
-mir niemalen kein sauern Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste
-sein Anliegen wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte
-aber aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen wider
-mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte sichs endlich
-wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen wir dann, es sei
-ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von einander kamen.
-
-Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit
-einem Rausch heimkommen war. Sihe, da schlug er mich mit der Faust von
-allen Kräften ins Angesicht, daß ich nicht allein darvon erwachte,
-sondern das Blut liefe mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus,
-und wurde mir von selbigem Streich so törmisch[169] im Kopf, daß mich
-noch Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. Da kan
-man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine andächtige
-Letenei[170] vorbetete. Ich hieße ihn einen Mörder und was mir sonst
-noch mehr von dergleichen ehrbaren Tituln ins Maul kommen. Er hingegen
-sagte: »Du Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab es ja
-redlich gewonnen!«
-
-Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich zu schaffen
-hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im Bette aufrecht zu
-sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit einander zu ringen. Und weil
-er noch fort und fort Geld von mir haben wolte, gabe ich ihm eine
-kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum
-Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter
-und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten
-und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um zu sehen, was da
-zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen
-vom Stab, als welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den
-Marquetentern logirt werden, nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß,
-Regimentsquartiermeister, Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel
-und dergleichen; denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der
-Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne einige Schuld und
-Ursach tractirt. Mein angehender[171] milchweißer Busem war überall mit
-Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte mein
-Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten
-gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß
-man die Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme
-kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts
-jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die Ursach unserer
-Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf
-erzählte, vermeinte der ganze Umstand, Springinsfeld müste unsinnig
-worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung
-seiner Cameraden und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die
-Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein
-vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten[172],
-und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen[173], grabelte
-Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das
-bei des Oberisten Bagage brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu
-ersinnen und vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen
-Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß er nicht vor
-mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und die vorige Huld und Gnad
-wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die Ohren und wolte
-ihn weder wissen noch hören, biß endlich unser Obristleutenant von der
-Rund darzu kam, gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu
-schweren, daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen,
-allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz[174] auf dem Spiel gestandenen
-Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und
-wider seinen Willen und Meinung seine liebe unschuldige Frau im Schlaf
-getroffen. Der Obristleutenant war ein Cavalier, der mich und alle
-Huren wie die Pest haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit
-ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit
-ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wolte mich
-zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten verdient, mit
-Ruthen aushauen lassen.
-
-Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter gibts[175]
-nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet nichts; bist
-du gleich Obristleutenant und beides vor meiner Schönheit und meinen
-Verehrungen schußfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als
-einer, die sich gar gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben.
-
-Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld aber auch,
-als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen würde, so wolte er
-ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was er bei Nacht zu
-zweien malen gegen mir gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht
-wieder kommen würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten
-den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen
-Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann[176] zu geben, aber
-über dessen Procedere[177] wir uns hinter den Ohren zu kratzen würden
-Ursachen haben. Also giengen wir wieder mit einander zu Bette und
-hatten beiderseits unsere Stöße, maßen ich dem Springinsfeld so wenig
-gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit
-großen Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären,
-derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle
-bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der
-empfangene Streich, oder vielmehr daß ich seiner gern los gewest wäre,
-entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. Ja ich gab ihm auch den
-andern Tag nicht allein kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum
-Saufen, und sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die
-Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft damit zu
-treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche solche so Tags
-so Nachts wol eingenähet auf ihrem bloßen Leib tragen muste.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum
-Schlechten.
-
-[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel.
-
-[169] =törmisch=, schwindlig.
-
-[170] =Letenei=, soll heißen Litanei.
-
-[171] =angehend=, sich hebend, schwellend.
-
-[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen.
-
-[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen.
-
-[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz.
-
-[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben.
-
-[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit,
-Schiedsrichter.
-
-[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren.
-
-
-
-
-Das zweiundzwanzigste Capitel.
-
- Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit
- sie ihn zur Letze[178] begabt.
-
-
-Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit
-an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der
-Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen
-den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach,
-gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt
-werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya
-und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in
-Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so
-wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre.
-Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und
-die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen
-Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem
-Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten
-setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als
-ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine
-Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur
-~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit,
-vermittelst deren ich seiner los werden möchte.
-
-Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt,
-welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger,
-verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder
-Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich
-durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis
-in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und
-Wolfahrt gebracht werden mag.
-
-Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste
-Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und
-unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im
-geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich,
-ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und
-sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer
-nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von
-Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten
-Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in
-obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf
-lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd,
-wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und
-mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich
-erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich
-meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld
-mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich
-an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre.
-Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner
-Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der
-Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten
-damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein
-schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube
-auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein
-muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und
-schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie
-solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal
-so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen
-kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern,
-der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der
-Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der
-allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch
-Drohung gestiftet hatte.
-
-Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß
-selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen
-sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser
-Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt,
-seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen,
-derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu
-befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste
-gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie
-alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr
-als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst
-und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten
-die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug
-gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in
-mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen.
-
-Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich
-ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen
-als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich
-Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und
-dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um
-uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines
-Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen
-Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein
-solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant,
-so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt
-ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner
-Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam,
-was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur
-ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei
-einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und
-vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser
-Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um
-dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich
-replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten
-Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm
-hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die
-Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich
-dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße
-es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns
-beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach
-befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.
-
-Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und
-Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183];
-dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und
-also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob
-der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre
-mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel
-vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich,
-daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so
-halsstarrig zuruck hielte.
-
-Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan
-zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die
-sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden
-und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten,
-verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war,
-wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184]
-Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher
-Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und
-Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so
-er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns
-bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt,
-daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen
-solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den
-Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald
-hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner
-Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und
-vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen.
-
-Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur
-einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so
-hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in
-allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze
-zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden.
-Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte,
-trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder
-verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs
-Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir
-denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann
-auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten,
-vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht
-darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern
-da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder
-in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel
-etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack
-gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und
-also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte,
-wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte
-ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit
-meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds
-des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann
-Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde,
-daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied.
-
-[179] =Kriegspossen=, Kriegslist.
-
-[180] Vgl. die Einleitung.
-
-[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug.
-
-[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen.
-
-[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut
-beschlagen sein, befriedigen, abfinden.
-
-[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich.
-
-[185] =Anstalt=, Veranstaltung.
-
-[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich.
-
-
-
-
-Das dreiundzwanzigste Capitel.
-
- Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe.
-
-
-Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich
-versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte
-lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige
-Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten,
-weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des
-Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß
-alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte
-ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und
-Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder
-Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz
-der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich
-dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S.
-Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen
-Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte,
-dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen,
-und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner
-besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden.
-Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der
-Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und
-wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche
-erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern
-dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich
-mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte.
-
-Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht
-daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden
-und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem
-Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe,
-da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er
-daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der
-Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er
-selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen
-Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum
-zu verlassen genöthigt wurden.
-
-Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer
-Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht
-derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren
-und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen
-trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer
-beifügen möchte.
-
-Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch
-bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte
-mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs
-einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es
-der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre,
-mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen.
-Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war
-kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada
-vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen
-Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und
-Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und
-Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht
-geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen
-werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer
-Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein
-schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch
-kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte
-ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten
-widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen,
-weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines
-Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich
-eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann
-die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in
-meinem Gemüth verursachte.
-
-Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche
-Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder zu gewinnen, welche
-aber mehr ruinirt als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit
-dem Regiment, darunter mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich
-des Bodensees und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch
-Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor Prag auch
-gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland zu kommen und nach
-seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir dasselbe Patrimonium und des
-Orts Gelegenheit so wol gefiele, daß ich mir dieselbige Reichsstadt
-gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde
-des Erzhauses Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts,
-ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also daß ich mir
-nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage
-dort sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil
-nach dieser namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt
-aufgemauset wurde, daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten
-meiner Muthmaßung nach zu hoffen.
-
-Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich kaufte Viehe
-und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit
-anderst, als wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt,
-oder als ob sonst der Friede vollkommen beschlossen worden wäre.
-Und zu solchem Ende ließe ich alles mein Geld, das ich zu Prag und
-sonst in großen Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das
-meiste hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner
-Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu =einer= Zeit zu Narren
-worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau; ich verthät mein
-Geld unnützlich, du aber deine Jugend; du kamest zu einem schlechten
-Krieg, ich aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch
-in weitem Feld stunde; dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen
-Durchzüg und Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones
-mit nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht ziemlich
-groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung weislich
-zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; dann niemand
-in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen Manns Freunde
-nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst ihnen
-erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht
-hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt
-und nichts destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet.
-Es gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen sein.
-Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, begehre auch
-dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden von dir, sondern ich sage
-dirs darum, daß du wissen soltest, daß ich mich gleichwol nicht viel
-deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern daß ich mich noch darzu
-freuete, wann wir einem Regiment musten Winterquartier geben; dann
-sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch;
-da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben
-in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, wie sie wolten, und
-sie musten sich auch hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen
-hatten, gegen mir anlassen, wie ichs haben wolte, also daß sie wenig
-Geld mit sich aus dem Quartier ins Feld trugen; worzu ich dann mehr
-als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der
-damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd,
-die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich
-und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine damalige liebe
-Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als
-mich deswegen zu strafen, sintemal ihre Weiber und Töchter, so lang
-ich vorhanden war und mein Netz ausspannen dörfte, nur desto länger
-from verblieben. Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel
-dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann Mars
-wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung machte, was
-mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich
-fande, daß meine Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen
-Kriegskosten übertroffen. Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich
-dir auch sage, mit was vor einer Laugen ich dir gezwaget[187]; wil
-derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du
-magst aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, mir
-ohngehindert in die Rede fallen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[187] =zwagen= ~c. dat.~, waschen.
-
-
-
-
-Das vierundzwanzigste Capitel.
-
- Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen und
- einander betrogen.
-
-
-Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, als die
-Churbairische und Französische, Weimarische in der schwäbischen Gränze
-einander in den Haaren lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren
-die meiste Officierer trefflich geneigt auf dasjenige, was ich ihnen
-gern um die Gebühr mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus
-großer Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner
-eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und beinahe
-ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam ich dasjenige,
-was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmäßiger Weise
-gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, mit wolgeneigter Gunst.
-Diese schlugen aus und begunten mich mit Rubinen zu zieren, als der
-lustige und fröhliche Frühling den ganzen Erdboden mit allerhand
-schönen wolgezierten Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel
-genug hatte, mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in
-einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici Vorgeben
-nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riethe
-er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen und also meine vorige
-Gesundheit desto völliger wiederum erholen. Solchem zufolge rüstet ich
-mich aufs beste aus, mit einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem
-Knecht und einer Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer
-daß sie die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt.
-
-Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius
-Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und Gleich gesellt sich gern,
-sprach der Teufel zum Kohler. Ich trug mich ganz adelich, und weil
-Simplicius so toll aufzoge und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch
-vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das
-Seil über die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr
-practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem Wunsch nach
-mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden
-angesegelt, und ich tractirte ihn wie etwan die Circe den irrenden
-Ulissem; und alsobald faßte ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn
-schon gewiß an der Schnur. Aber der lose Vogel risse solche entzwei,
-vermittelst eines Funds[188], dardurch er mir seine große Undankbarkeit
-zu meinem Spott und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er
-durch einen blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut,
-das er mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich
-wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich
-verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen hinten und
-vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten,
-ein Lied darvon sangen und mich dergestalt aushöhneten, daß ich den
-Spott nicht mehr vertragen und erleiden konte, sondern eh die Cur gar
-vollendet, den Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte.
-
-Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch
-am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich sei mehr mobilis als
-nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. Wann er selbst aber nobel, oder
-sonst ein gut Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine
-leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten,
-nicht gehenkt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also
-vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber Leser,
-was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er (damit ich seine
-eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle
-Vergnügung, die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson
-erhalten, vor deren Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen, ja
-von deren, die noch kaum der Holzcur[189] entronnen? Der arme Teufel
-hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er
-mit besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet
-dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe
-einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem jeden Stück
-Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; da muß er
-aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden Theil meiner vorigen
-Schönheit bei weitem nicht mehr hatte, sonderlich behalfe mich
-allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke, deren er mir nicht
-wenig, sondern einer großen Menge abgeleckt. Aber genug hiervon!
-Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt
-vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den
-Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte ich mich
-auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides beschimpft und verachtet
-worden. Und meine Magd hatte sich daselbsten eben so frisch gehalten
-als ich, und weil die arme Tröpfin keinen Scherz verstehen konte,
-ein junges Söhnlein vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch
-auf meinem Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht.
-Dasselbe muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol sie
-Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, daß
-sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, muste meine Magd
-ihr Kind entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln,
-ja seidenen Decken und Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug
-eine bessere Gestalt und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers
-Knechts zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher Weile
-vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen Bericht,
-daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu glauben, wie
-herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete, daß
-er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen
-worden, und daß ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettig und
-Senf auf dem Brod zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben
-gemacht, die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich der
-Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner Jugend
-verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden Alter von mir
-glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier vierzig Jahr erlebt und
-war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius einer gewesen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[188]: =Fund=, Erfindung, List.
-
-[189] =Holzcur=, Decoct von Pockenholz, ~lignum Guajaci~.
-
-
-
-
-Das fünfundzwanzigste Capitel.
-
- Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen.
-
-
-Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem fernern
-Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine
-Dame Simplicius übertölpelt zu haben sich gerühmet. Gleichwie er aber
-von deme, was allbereit gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als
-Spott und Schand haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was
-ich noch fürters anzeigen werde.
-
-Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von
-Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und
-alle andere trutzte; und neben mir wohnete ein alter Mechaberis[190]
-oder Susannenmann, welcher ein Weib hatte, die viel älter war als er
-selbsten. Dieser wurde zeitlich innen, von was vor einer Gattung ich
-war, und ich schlug auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu
-bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen kamen
-und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, darmit es sein
-eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so
-sicher als in diesem Garten zusammen kommen konten, als da das grüne
-Laub und die verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen,
-aber nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten.
-Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser Sündenmaß seie damal
-entweder voll und überhäuft gewesen, oder die Güte Gottes hätte uns zur
-Besserung und Buße berufen wollen. Wir hatten einander im Anfang des
-Septembris Losung[191] gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten
-unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween Musquetierer
-aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend
-ihren Part von meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen
-und zu brechen anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es
-war ziemlich finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als
-ich, bei dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk
-mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben gewohnt
-waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der eine Soldat regte
-sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und
-war so unvorsichtig, daß er alle seine Birn, die er gebrochen hatte,
-verschüttelt, und als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich
-und der Alte sich nichts anders ein, als es wäre etwan ein starkes
-Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen
-Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit Worten
-zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander
-liefen. Die auf dem Baum aber konten sich des Lachens nicht enthalten,
-welches uns noch größere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da
-vermeinte, es wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich
-ein jedes von uns in seine Gewahrsam.
-
-Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie ein Musquetierer:
-»Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weist du
-dann?« Jener antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.«
-
-Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich merkte, was
-die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht anröthete, wiewol ich mich
-sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich machte mir gleich die Rechnung,
-daß ich eine Hatz ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob
-hergehen würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf
-der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der Magistrat
-nichts anders thun, als daß er mich und den Alten beim Kopf nehmen und
-jedweders besonders gefangen setzen ließe. Wir leugneten aber beide wie
-die Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete.
-
-Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt mein
-Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander liefe, weil
-sie nit alle von meinen losen Stücken wusten und mir die Mägd getreu
-waren. Endlich verschnappte ich den Handel selbst, als nämlich der
-Schultheiß, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß
-kam und großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund
-der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller
-falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen
-und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens
-heraus und sagte: »So schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte
-Scheißer nicht hat halten können!«
-
-Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir doch getreulich
-dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher,
-thät die Thür auf und wiese mir einen Notarium und beisichhabende
-Zeugen, die alle meine und seine Reden und Gegenreden angehört und
-aufgemerkt hatten.
-
-Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn hielten darvor,
-man solte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen
-Stücke bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze
-Last der Erden um eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz
-mir auch weitläuftig notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich
-vernehmen, man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den
-Gesetzen ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren.
-Würde man so streng mit mir procedirn, so würden noch viel, die vor
-ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir das
-Geleit geben müssen. Ich konte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und
-meine Wort und Protestationes fielen so scharf und schlau, daß sich
-Verständige darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine
-Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter Strafe, alle
-meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen muste, darunter sich
-gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler baar Geld befande. Meine
-Kleidungen und was zu meinem Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer
-etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In
-Summa was wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man
-strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt im Krieg,
-und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich solte gesagt haben:
-jederweiberlich), daß die Stadt meiner so ~taliter qualiter~[192] los
-worden.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[190] =Mechaberis=, scherzhaft oder misverstanden statt
-~moechator~, Ehebrecher.
-
-[191] =Losung=, verabredetes Wort oder Zeichen.
-
-[192] =~taliter qualiter~=, auf diese gute Art.
-
-
-
-
-Das sechsundzwanzigste Capitel.
-
- Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und
- Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten
- Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter
- wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem
- Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus
- nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.
-
-
-Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu
-welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an
-solchen mangelte, so gedachte ich mich zu den Weimarischen oder Hessen
-zu machen, welche damal im Kintzger Thal[193] und der Orten herum sich
-befanden, um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann
-bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen
-Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie mich dann
-auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht
-wenig verstellet. So war auch mein Reichthum hin, der oft die alte
-Weiber wieder an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und
-Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und brachte
-etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte ich mich samt einem
-Boten auf den Weg, um mein Glück zu suchen, wo ichs finden möchte.
-Ich trafe aber nichts als Unglück an, dann ehe ich Schiltach[194]
-erlangte, kriegte uns eine weimarische Partei Musquetierer, welche
-den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich
-aber mit sich in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein
-kaiserliches Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau
-todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines Mannes
-Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich ins Elsaß nach Haus zu
-begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so schön als
-vor diesem, gleichwol aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die
-einen Musquetierer aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner
-zum Weib begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber
-diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit
-Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte.
-In Summa, ich wurde eine Frau Musquetiererin, ehe mich der Caplan
-copulirte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine
-Marquetenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht,
-solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische
-Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht
-und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge ich an, mit Tabak und
-Branntewein zu schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis
-hätte gewinnen wollen, was ich kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam
-mich blutsauer an, so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen
-schweren Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal Essen
-und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich mein Lebtag
-nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich einen
-trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern
-auch schneller laufen konte als manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun
-dergestalt zween Esel zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch
-besten Fleißes, damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen
-könte. Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen wurde,
-konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und verzögerte[195]
-also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang des Maien, bei
-Herbsthausen[196] treffliche Stöße gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen
-meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser
-zuvor ein artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider
-seinen Willen ins Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen.
-
-Er gieng ein[197], auf seiner Officier Zumuthen und mein Gutbefindung,
-sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel, in
-Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, einige Brief an Ort und
-Ende zu tragen, dahin sonst niemand zu schicken wegen der kaiserlichen
-Parteien, welcher wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die
-Conjunction etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals
-von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren, so
-daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret hätte. Doch
-muste es sein, weil ein ziemlich Stück Geld zu verdienen war, und er
-verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs aber fande er einen
-todten Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher
-ohne Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar rother
-scharlachener Hosen mit silbern Galaunen[198] verbrämt anhatte,
-welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; so war
-sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den Hosen gemäß. Er besahe
-den Fund und konte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder von den
-Schwarzwäldern todtgeschlagen worden wäre. Doch galte es ihm gleich,
-welches Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers ihm
-auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen,
-welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen muste. Solches glückte
-ihm auch; als er aber die Hosen herab streifte, wolten solche nicht
-hotten[199], weil die Feuchtigkeit des allbereit verwesenden Körpers
-sich unter den Knien herum, allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden
-pflegte, sich beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und
-dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren waren. Er
-hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, und weil der Tropf
-sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, eins vom andern zu ledigen,
-hiebe er dem Corpo mit seiner Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen
-und Koller zusammen, und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein
-solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten
-dorfte.
-
-Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches
-Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in die Stuben trug und zunächst
-bei meinem Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte.
-Indessen war es gegen Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit
-von den Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum
-Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er umkehrte oder
-letz[200] machte, an, ließe sein altes Gelümp samt den Schenkeln beim
-Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich in
-unser Quartier.
-
-Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen.
-Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und
-Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge
-sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen
-wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu,
-als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht
-allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und
-sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil
-ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst
-vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die
-Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den
-sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches
-gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie
-sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre.
-Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen,
-aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub
-lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte.
-Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter
-Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts,
-ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da
-sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und
-den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die
-Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm
-samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame
-Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das
-Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber
-es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und
-Kind darvon, wann ich umkäme?
-
-Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das
-Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm
-oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst
-aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu
-bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit
-trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger
-hinweg gebrant.
-
-Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück
-zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich
-gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor
-den Springinsfeld abrichte!
-
-Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu;
-überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen
-todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald.
-
-[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen.
-
-[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg.
-
-[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen.
-
-[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen.
-
-[199] =hotten=, vorwärts gehen.
-
-[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.
-
-[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze,
-für die Saujagd bestimmt.
-
-[202] =ausreuten=, ausrotten.
-
-[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen.
-
-
-
-
-Das siebenundzwanzigste Capitel.
-
- Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage
- selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar
- an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem
- verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien,
- behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder
- zustellen.
-
-
-In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels
-darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg
-geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen
-Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und
-demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich
-mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich
-endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen
-Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich
-mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen
-Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen
-Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern
-mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde
-ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum
-Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu
-machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur
-von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen
-fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden
-Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so
-höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren
-worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine
-vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich
-das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner
-Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer
-alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte
-ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht
-wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß
-ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen.
-
-Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne
-Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und
-meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret,
-wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag
-ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein
-dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich
-auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder
-etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was
-ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln
-verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine
-Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte
-kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten
-vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her,
-daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere
-gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu
-der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie
-auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung
-nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir
-endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse,
-den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu
-bringen.
-
-»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und
-sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch
-anhaben wie der große Goliath.«
-
-Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben
-diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins
-Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste
-alles unbeschrieen zugehen.
-
-Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen
-auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer.
-Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als
-sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich
-Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als
-ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier,
-machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische
-Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach
-sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«
-
-Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd,
-und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare
-Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich
-den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß
-ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach
-verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam
-angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette,
-mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.
-
-Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem
-Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren
-mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute
-gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison,
-der solche wieder von mir fordert.
-
-Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht
-sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich
-rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener
-absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem
-schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe,
-da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen,
-sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol
-4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der
-Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen,
-wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor
-dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen
-Betrugs selbsten.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung.
-
-[205] Die =Wartburg= in Thüringen.
-
-[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk.
-
-[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie
-Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.
-
-[208] =elend=, leidend.
-
-[209] =Knopf=, Knoten.
-
-[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«.
-
-[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln,
-mit der flachen Klinge schlagen.
-
-
-
-
-Das achtundzwanzigste Capitel.
-
- Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih
- gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu
- schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun
- jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die
- Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt
- ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
-
-
-Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott
-von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee,
-die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann
-beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht
-allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe
-auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir
-das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe,
-daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich
-noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf
-setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden
-probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser
-abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich
-ich mich zu den Zigeunern schicke.
-
-Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen
-großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen
-und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern,
-Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde.
-Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei
-seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme
-etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen
-und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er
-dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es
-roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens,
-daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande,
-daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich
-folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich
-ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem
-Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine
-große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich
-erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns
-hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und
-sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich
-etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich
-ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann
-über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang,
-weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle
-alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant
-einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen
-bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so
-gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch
-alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen
-thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von
-andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um
-ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte,
-stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln
-wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe
-den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil
-exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte
-sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich
-dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und
-Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen
-ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern
-nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den
-Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach
-geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die
-Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter
-zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe,
-dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir
-nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber
-im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und
-Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus
-den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns
-entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur
-Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer
-kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken
-lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib
-und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf
-unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten,
-mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die
-Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu,
-welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in
-den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch
-bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und
-jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das
-Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte
-derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem
-Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg
-wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen
-frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten
-von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller
-Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.
-
-Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero
-unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und
-Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man
-ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander
-beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte.
-Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers
-verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder
-Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern
-uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden
-des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches
-Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns
-nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas,
-dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von
-waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen,
-deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol,
-daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen
-Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder
-wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels
-Schwager worden sei.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[212] =Kürbe=, Kirchweih.
-
-[213] =kahl=, geringfügig, elend, werthlos.
-
-[214] =als=, wie.
-
-[215] =waserlei=, wie welcherlei.
-
-[216] =Gabelreuterin=, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).
-
-
-
-
-Zugab des Autors.
-
-
-Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und
-auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen
-gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen
-entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und
-diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217] abgesagt oder
-wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin
-diese ~lupas~[218] nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß
-bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit,
-Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös
-Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen
-gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend
-beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen
-und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei
-sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt.
-
-
- =Ende=.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[217] =Beliden=, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach
-ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der
-Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.
-
-[218] =lupa=, Wölfin, gemeine Buhlerin.
-
-
-
-
-Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins.
-
-
-Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung,
-~lib. 5~, ~cap. 6~, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt,
-wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr
-selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert,
-weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst
-abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um
-vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen,
-weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein
-bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen
-getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit
-berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur,
-und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm
-darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und
-betrogen habe.
-
-
-
-
- II.
-
- Der seltzame Springinsfeld.
-
-
-
-
- Der seltzame
- =Springinsfeld=,
-
- Das ist
- Kurtzweilige, lusterweckende und
- recht lächerliche Lebensbeschreibung
- Eines weiland frischen, wolversuchten
- und tapfern Soldaten,
- Nunmehr aber ausgemergelten,
- abgelebten, doch dabei recht
- verschlagnen
- Landstörzers und Bettlers,
- Samt
- seiner wunderlichen Gaukeltasche.
-
- Auf Anordnung des weit und
- breit bekanten Simplicissimi
- Verfasset und zu Papier gebracht
- von
-
- ~Philarcho Grosso~ von
- Tromerheim.
-
- * * * * *
-
- Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei
- Felix Stratiot.
-
- Anno 1670.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- =Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung
- den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.
-
- =Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
-
- =Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder
- widerfahren.
-
- =Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen
- Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.
-
- =Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung
- dictirt.
-
- =Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und
- erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn
- empfangen.
-
- =Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene
- treffliche Losung.
-
- =Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den
- Springinsfeld die Kunst lernete.
-
- =Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum
- Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.
-
- =Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er
- anfangs in Krieg kommen.
-
- =Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern
- wahrhafte Historien.
-
- =Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager,
- hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.
-
- =Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld
- wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer
- unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.
-
- =Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück
- und Unglück.
-
- =Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im
- Nördlinger Treffen gehalten.
-
- =Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger
- Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.
-
- =Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird
- wiederum ein reicher Dragoner.
-
- =Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem
- Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.
-
- =Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß
- auf das kaiserliche Armistitium.
-
- =Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum
- Friedensschluß und endlicher Abdankung.
-
- =Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet
- sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird
- wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.
-
- =Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds
- in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.
-
- =Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der
- Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder
- nacheinander los.
-
- =Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor
- lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen
- unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen
- dem Türken wird.
-
- =Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in
- Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.
-
- =Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für
- Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.
-
- =Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des
- Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.
-
-
-
-
-Das erste Capitel.
-
- Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung
- dieses Werkleins befördert.
-
-
-Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit
-höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen,
-aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um
-einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit
-den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner
-unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der
-gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich
-noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige
-Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich
-aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer
-Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken
-und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche
-höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich
-endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu
-spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution
-kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach
-ich mir wiederum ein anders[220] zu und versichert mich selbst eines
-weit bessern Ausgangs.
-
-Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich
-brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret
-ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese
-Fachtung[221] schon eintränken.
-
-Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222] innerlichen
-Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von
-außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die
-Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit
-einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und
-wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223].
-Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und
-aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens
-gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen
-mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein
-ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz
-hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen
-künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr
-kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt
-ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein
-Almusen begehrt?«
-
-Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu
-Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage
-ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben
-und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen
-Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und
-endlich zu ihren Herrn -- man denke doch nur, wie verwirrt ich damals
-in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt
-vorbringe -- ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren
-werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen),
-als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung
-accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn?
-oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was
-bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch
-keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer
-wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in
-meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen)
-aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten
-Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der
-Gebühr nach zu begegnen. Doch lallete ich endlich mit[225] aus Forcht,
-Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so
-viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation
-ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.
-
-»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig?
-Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den
-Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder
-um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen
-stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler
-gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und
-unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte
-euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.«
-
-Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich
-gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts
-weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu
-nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete,
-solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich
-und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine
-Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung,
-mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu
-erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann
-ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug.
-
-Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab
-mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem
-Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als
-mithin[227] wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen
-der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und
-versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so
-ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer
-nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.«
-
-Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch,
-daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228] als vernünftig antwortet:
-»So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jeden
-~s. h.~[229] Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich
-brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so
-werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten
-manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn
-mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich ~in literis~
-abgeführt[230] hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich
-meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen,
-wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231] geben. Ach, sagte ich,
-warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen,
-Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest
-du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor
-großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur
-jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu
-gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das
-Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In
-diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der
-allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag!
-
-In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir
-aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige
-grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit
-geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer
-warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde,
-gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[219] Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.
-
-[220] =ein anders=, auf andere Weise.
-
-[221] =Fachtung=, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen
-Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche
-Entstellung an.
-
-[222] In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.
-
-[223] =besprechen=, anreden.
-
-[224] =aufenthalten=, trösten.
-
-[225] =mit=; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.
-
-[226] =gesessen sein=, durch Grundbesitz sicher sein?
-
-[227] =als=, mhd. ~allez~, stets, fortwährend; =mithin=, im Gehen,
-unterwegs.
-
-[228] =unbescheiden=, indiscret, unverständig.
-
-[229] =~s. h.~=, ~salvo halore~, wie ~salva venia~.
-
-[230] =abführen=, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.
-
-[231] =Product=, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich,
-Schlag auf den Hintern.
-
-[232] =das Geschenk=, den üblichen Zehrpfennig für wandernde
-Handwerksburschen.
-
-
-
-
-Das zweite Capitel.
-
- Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
-
-
-Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter
-höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was
-beliebt dem Herrn?«
-
-Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst,
-jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb
-Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub,
-darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die
-benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.
-
-Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich
-rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann
-befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit
-beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte.
-Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und
-Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch
-darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich
-ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen,
-sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein
-Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er
-so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden.
-Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel,
-dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber
-kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet,
-daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe.
-Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm
-biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte
-antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt,
-gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab,
-oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel
-versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem
-Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.
-
-Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und
-indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß
-sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen
-Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben
-Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da
-doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst
-an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder
-wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach
-und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem
-hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen
-sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein
-Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe
-ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als
-mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den
-Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden;
-und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart
-zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen,
-sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn
-zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben
-Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte,
-zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar
-höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner
-vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob
-derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr
-aus India kommen.«
-
-Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine
-Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich
-jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz,
-sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu,
-welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu
-wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen
-habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor
-einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu
-vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«
-
-Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu
-verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt,
-daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.
-
-Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein
-mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack
-ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das
-allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine
-Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines
-Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen
-Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier
-einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl
-sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein
-einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein
-sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne
-~faeces~[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner
-Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen
-sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte
-kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich
-überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich
-kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein
-getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser
-gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern
-gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich
-selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von
-diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein
-gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch
-völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen,
-noch nichts darvon verloren hätte.
-
-Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten,
-da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein,
-den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe.
-Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige
-hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher
-striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß
-einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es
-wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich
-schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach
-keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß
-er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene
-Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der
-Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein
-anderes Bein gelassen?«
-
-»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«
-
-Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«
-
-»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt
-freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch
-und einen Strumpf.«
-
-»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der
-Springinsfeld?«
-
-»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der
-Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte
-Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«
-
-»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits
-vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals
-einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der
-sich Simplicius genennet?«
-
-Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben
-derselbe Simplicius bin ich.«
-
-Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel
-erschlag!«
-
-»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du
-allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und
-ungeheißen[245] bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch
-zu bewillkommen?«
-
-»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«,
-sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen
-worden?«
-
-Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich
-mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten
-der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde
-deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.«
-
-»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir
-vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr mit dir um nichts, es
-seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.«
-
-Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch
-gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen
-auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der
-bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab
-ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.«
-
-Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich
-etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme
-auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben
-wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit
-dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er
-dergleichen wol mehr hätte gesehen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[233] =gedenken=, denken an etwas.
-
-[234] =im Pfenningwerth zehren=, einzelne Gerichte verzehren, wobei
-der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt
-~à la carte~ essen.
-
-[235] =vor=, zuvor.
-
-[236] =aufreiben=, vertilgen.
-
-[237] =Chili=, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt,
-wie das angrenzende Patagonien.
-
-[238] =Chica=, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.
-
-[239] =Electuarium=, Latwerge.
-
-[240] =Theriak=, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte.
-
-[241] =~faeces~=, Hefen.
-
-[242] =Kronzer=, Grunzer, Schnorrer, Bettler.
-
-[243] =sich betragen=, sich behelfen.
-
-[244] =freurt=, friert (mhd. ~vriust~).
-
-[245] =ungeheißen= (unaufgefordert), dreist, frech.
-
-
-
-
-Das dritte Capitel.
-
- Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.
-
-
-Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen
-unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in
-Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und
-von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben.
-Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein
-heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken
-hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend
-nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er
-stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir
-auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste
-zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen
-dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn
-Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und
-sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler
-geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich
-sie hab gerben[248] lassen.«
-
-»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der
-Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.«
-
-»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur.
-
-»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei
-taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal
-man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.«
-
-»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner
-Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.«
-
-»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet
-damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine
-Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über
-Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem
-Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor
-Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius
-aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er
-hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das
-ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar
-ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme,
-viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit
-den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte
-die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio
-zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene
-Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen
-eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider
-seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße
-eingenommen.
-
-»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld.
-
-»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer
-eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne
-welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich
-auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.«
-
-Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter
-Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen
-Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden
-zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?«
-
-»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die
-Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen,
-dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig
-gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der
-Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund,
-er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich
-besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all
-zu frei gangen.«
-
-Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen
-angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum
-Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß
-der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden,
-dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden
-Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine
-Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] ~in libro
-de tranquillitate vitæ~, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt,
-vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen
-soll.«
-
-Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das
-Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu
-weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles
-hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als
-das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf
-die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs
-Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von
-Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser
-Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird
-in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig
-seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden!
-Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir
-Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu
-weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die
-Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.«
-
-»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du
-seiest ein Pfaff worden!«
-
-»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz
-haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen
-eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?«
-
-Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann
-Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen
-jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil
-meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren
-stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit
-einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und
-etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch
-ohnbeschwert erzählen.
-
-»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer,
-so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen
-soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil
-einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der
-gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden,
-nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er
-von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend
-begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page
-beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche
-Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden,
-denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und
-Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie
-in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund
-auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect
-aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier
-aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen,
-daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit
-ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige
-Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut
-getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie
-zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die ~s. h.~ Harngäng
-dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten,
-sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich
-entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte,
-als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte,
-liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet
-worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete,
-fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?»
-
-»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret
-war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir
-Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim
-Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm
-hinten am Gang das Gemach und sagte: «Dort drinnen.»«
-
-»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter
-Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß
-das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen
-Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und
-Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie
-sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich
-kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier
-aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[246] =Rebmann=, Weinbauer.
-
-[247] =Kärst=, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den
-Weinbergen.
-
-[248] =gerben=, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten:
-entkörnen, also doppelsinnig.
-
-[249] =röllen=, durch Rollen enthülsen.
-
-[250] =hotzeln= (schaukeln, wiegen), sich schütteln.
-
-[251] =Demokritos= von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr.
-Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage,
-die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος).
-
-[252] =Heraklitos= aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der
-ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.
-
-[253] ~L. Ann. Seneca, de tranquillitate =animi=, cap. 15:
-Democritum potius imitemur quam Heraclitum.~
-
-[254] =Zoroastris=, nach Plinius, ~hist. natur. VII, 15, fin.~
-
-[255] =Nero.= Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts
-davon; er sagt in angeführter Stelle: ~risisse =unum= hominem
-accepimus~.
-
-[256] =lernen=, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen.
-
-[257] =Tiberius Nero=, Suet., ~Tiber. cap. 62~, hatte diese
-Marter erfunden, ~ut larga meri potione oneratos repente veretris
-=deligatis= fidiculorum simul et urinae tormento distenderet~.
-
-[258] =vernußbicklen= heißt demnach: fest unterbinden.
-
-[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses
-Namens.
-
-
-
-
-Das vierte Capitel.
-
- Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug
- der Courage.
-
-
-Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht
-auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet
-mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen
-hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen
-Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding
-hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des
-Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus
-zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche
-hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich
-antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige
-zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch,
-sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des
-Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich
-doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß
-derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung
-schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt
-und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche
-Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und
-unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret,
-als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete,
-sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da
-garint[261] rüra!«
-
-Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter
-Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und
-unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du
-must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder
-gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen
-oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien
-Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über
-die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.«
-
-Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget
-hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere
-ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen,
-neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr
-nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr,
-wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen
-lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem
-importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir
-vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden
-so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich
-auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann
-ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen
-zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich
-seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich
-die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.«
-
-Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich
-vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein
-dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung
-eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um
-Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine
-Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe
-andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig
-sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt.
-Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht
-tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche
-Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in
-meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich
-versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.«
-Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch
-bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen
-müssen.«
-
-Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob
-er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden.
-Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das
-Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung
-der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«,
-sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige
-unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur
-fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu
-hören verlange.«
-
-Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben,
-dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des
-fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.«
-
-»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr
-weiß, und schone meiner auch nit!«
-
-Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen
-wolte.
-
-»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen
-ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich
-aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu
-begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier
-gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation
-meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir
-hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des
-Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe
-ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn,
-welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht
-betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in
-eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel
-Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich
-dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück
-Wildbret vorhanden gewest wäre. Das höreten ihre Herren alsobalden
-und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf
-mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf
-einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild
-aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen
-die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich
-auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an
-die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber,
-Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß
-ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder
-von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein,
-sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen
-Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre
-Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder,
-und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die
-jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich
-habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also
-durchstreichen lassen!«
-
-»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer
-Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß,
-ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein
-prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen
-ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte,
-wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst
-vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste.
-Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie
-ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie
-hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas
-falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie
-mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn
-nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder
-Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem
-annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht
-häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und
-geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine
-Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen
-dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von
-Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher
-aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war,
-mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams
-an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war
-schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe
-mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie
-hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr
-langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich,
-weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich
-die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel
-seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt)
-überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund
-in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer
-Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant.
-
-[261] =garind=, grind, Kopf.
-
-[262] =belebten=, verlebten.
-
-[263] =spanischer Mantel=, ein schwerer Zuber mit einem Loch im
-Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem =steinernen Mantel=
-ist das Gefängniß gemeint.
-
-[264] Die ersten Drucke haben »von andern«.
-
-[265] =Krumm-Schiltach=, Baden, Oberrheinkreis.
-
-[266] =Stäuber=, Stöber, Spürhund; =Wind=, Windhund.
-
-[267] =Gejaid=, Jagd.
-
-[268] =bestäten=, bestätigen, das Vorhandensein eines Wildes an einem
-bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen.
-
-[269] =werklich=, spaßhaft, wunderlich.
-
-[270] =wie noch=, wie jetzt noch.
-
-[271] =Geschmelzte Arbeit=, Schmelz, Email.
-
-[272] =Zahlperlen=, die größten, die nicht nach dem Gewicht, sondern
-nach der Zahl verkauft werden.
-
-[273] =Serge=, deutsch Sarsche, leichtes Tuch.
-
-[274] =lustig=, reizend, hübsch.
-
-[275] =Aurach=, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon
-damals bedeutende Leinenindustrie.
-
-
-
-
-Das fünfte Capitel.
-
- Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.
-
-
-»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige
-Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon
-gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen
-und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner
-weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von
-den Leuten?»
-
-»Ich antwortet: «Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von
-Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine
-Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen
-Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.»«
-
-»«Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht
-ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich
-wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.»«
-
-»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß
-aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu
-halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten
-solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen,
-das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation
-der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir
-nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.«
-
-»«Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts
-schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen
-und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.»«
-
-»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd
-von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner
-war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald,
-da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl
-befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein
-Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach
-vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also
-nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein
-Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel
-unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich
-unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi
-Lebensbeschreibung hervor.«
-
-»«Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch
-handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir
-die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt
-schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen
-hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit
-genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter
-Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut,
-nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten
-schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet,
-alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides
-mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen
-Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene
-Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen,
-daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen,
-welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen
-mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit
-Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so
-er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen
-und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor
-welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht
-1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden
-vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein
-werde.»«
-
-Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die
-Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten
-meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr
-diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da
-sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit
-ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals,
-als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr
-selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen
-ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als
-im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd
-als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein
-Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich
-selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung
-folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die
-Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner
-Erzählung fort; was sagte sie ferners?«
-
-Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich
-solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung
-informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens,
-ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu
-lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren,
-und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine
-begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere
-Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem
-Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie
-wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach
-vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein
-müste.«
-
-»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu
-lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines
-hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den
-dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm,
-nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein
-einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam,
-die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen,
-Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde
-um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam
-Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die
-Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin
-selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das
-Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche
-Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an
-einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten.
-Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber
-zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten
-und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den
-Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als
-wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes
-Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und
-zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das
-Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder-
-und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über
-der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager
-aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd
-untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng:
-Wer selten reit &c.[286]«
-
-»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden
-und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde,
-alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und
-Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber
-nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287],
-Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß
-bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja
-ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht,
-als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber
-in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod
-zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth
-einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der
-uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem
-Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.«
-
-»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose
-Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt,
-oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder
-zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte
-eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses
-genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich
-mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt
-umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie
-überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290]
-selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch
-besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen
-Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden,
-sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen
-wird, bezogen haben will.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[276] =toll=, keck und auffallend gekleidet.
-
-[277] =angehen=, gelingen.
-
-[278] =einzig=, einzeln.
-
-[279] =Göttelgeld=, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe.
-
-[280] =Gewelsch=, Sprachverdrehen, von =welschen=.
-
-[281] =eitel=, (nicht anders als) durchaus.
-
-[282] =als=, stets, fortwährend.
-
-[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[284] Die =Murg=, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis
-entspringend, bei Rastatt mündend.
-
-[285] =untergeben=, zum Reiten geben.
-
-[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der
-A. weh.
-
-[287] =Rick=, Rück, Rücken, Höhenzug.
-
-[288] =Horb=, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
-
-[289] =Gernsbach= in Baden, Mittelrheinkreis.
-
-[290] =Anacharsis=, ein Scythe, der auf seinen Reisen in
-Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit
-der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr
-wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen
-Götterdienst einführen wollte. Herodot, ~IV~, 76. Cicer. ~Tusc.~ B. 32.
-90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein
-Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten
-Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an
-den Schluß des vorhergehenden Satzes.
-
-[291] =verehren=, ~trans.~, um dem Herrn damit ein Geschenk zu
-machen.
-
-[292] =zu ihrer eigenen Hand=, in ihrem Namen.
-
-
-
-
-Das sechste Capitel.
-
- Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von
- der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.
-
-
-Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre,
-und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel
-ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in
-Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht
-gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese
-Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.«
-
-»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld,
-»oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die
-Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!«
-
-Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius
-war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns,
-enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum
-Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen
-kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher
-Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und
-Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel
-oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun
-gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so
-wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum
-Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen;
-aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu
-kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß
-ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter
-böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht,
-daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach
-vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich
-nur[297] selber wolte.
-
-Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den
-so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften
-dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit
-Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298],
-Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war
-Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen,
-die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten.
-Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel
-durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten
-Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich
-weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir
-waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei
-nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die
-ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten
-empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem
-allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil
-gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns,
-Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit
-sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten
-einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit
-ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war.
-Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte
-zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer
-und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden
-hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns
-ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar
-nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je
-nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn
-hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der
-Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.
-
-»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem
-hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch
-erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben
-so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo
-selbsten.«
-
-»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil
-Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit
-andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich
-dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage
-selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten
-findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz.
-Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit
-leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug,
-hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als
-vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich
-Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol!
-Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch
-noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch
-ein Zigeuner zu sein.«
-
-»«Mein Sohn», sagte sie, «wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist
-der Sach bald geholfen.»«
-
-»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.«
-
-»«Diß ist bald gelernet», sagte sie; «ich hab sie ehe als in einem
-halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne
-Beischläferin zum Heurath verschaffen.»«
-
-»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath
-gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu
-kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern
-zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch
-nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches
-das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen
-Eltern zu hoffen hätte.«
-
-»«Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn», sagte das Rabenaas
-weiters, «und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser
-Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann
-du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem
-allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen
-wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen,
-die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.»«
-
-»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr
-Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul
-machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto
-ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu
-bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306].«
-
-»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine
-junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste
-aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere
-bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks
-ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist,
-deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte
-sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich
-wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen
-lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage
-Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört
-hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser
-vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer
-andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der
-Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als
-ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer
-wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch
-an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an
-mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte,
-dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.«
-
-»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern
-kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir
-einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin
-klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich
-einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine
-Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend
-bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren
-lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte.
-Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte
-mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in
-ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer
-so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich
-gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition,
-daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und
-alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu
-solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein
-absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.«
-
-»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut
-und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht
-an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: «So, mein Sohn, ich
-sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.»«
-
-»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet
-ich. Sie aber sagte: «Beschaue deine Hände!»«
-
-»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine
-Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor
-die meinige erkante, sonder darvor erschrak.«
-
-»«Diese Salbung, mein Kind», sagte sie, «gilt bei uns so viel, als bei
-den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu
-auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.»«
-
-»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß
-sie hätten zerbersten mögen.«
-
-»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein
-zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder solte ich anders thun, als
-nach deren Willen mich zu accomodirn, in welcher Gewalt ich damals war?«
-
-»«Hei», sagte ich, «was geschneidts[310] dann auch mich? Vermeinet ihr
-dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? Höret nur
-auf zu lachen, und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll!»«
-
-»«Wann du wilt, wann du wilt», antwortet Courage; «doch der Gestalt,
-wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.»«
-
-»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit fertig, ohne[311]
-daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor, Diebsstück darzu
-hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeunerin worden.
-Derowegen begehrte ich gar höflich die versprochene Bezahlung. Sie aber
-sagte: «Ho, mein Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch
-wol kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.»«
-
-»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit
-halten solst? Und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen
-wolte, setzte und verordnete sie mich vor der ägyptischen Nation
-Obersten Secretarium durch ganz Teutschland und that Promessen, daß
-mein Heurath mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben
-würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben
-werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte,
-dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit ihrer
-gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte war kaum
-verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach samt Weib
-und Kind etwan selbdreißigst das Bielerthal herunter marschierten,
-auf welchem Weg Courage ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder
-auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren
-und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher
-Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der
-ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag
-marschierten wir vollends biß an den Rhein und blieben zunächst an
-einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen
-über Nacht, um den folgenden Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des
-Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande sich
-der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und seine Braut so
-gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als
-nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[293] =Blackscheißer=, Schreiber, Pedant, als Schimpfwort, =Black=,
-Dinte.
-
-[294] =Kandel=, Bier- oder Weinkrug.
-
-[295] =enthalten von=, abhalten. Im Text steht »=vorm=«, dies würde
-nicht den richtigen Sinn geben.
-
-[296] =Ammeister=, Bürgermeister.
-
-[297] =nur=, die ältesten Ausgaben haben »mir«.
-
-[298] =Tabaksaufen=, wie im Französischen ~boire~, rauchen.
-
-[299] =ohne=, ausgenommen.
-
-[300] =Liegen=, Lügen.
-
-[301] =kläpfen=, vom oberdeutschen Schallwort »klapf«, »klapp«,
-klappen, knallen.
-
-[302] =dürfen=, brauchen.
-
-[303] =auf den alten Kaiser= (gleichsam auf den verstorbenen
-Kaiser sich berufend), sorglos in den Tag hinein. Simplicissimus ~III.~
-20: »auf den alten Kaiser dahin leben«.
-
-[304] =vortheilhaftig=, listig.
-
-[305] =das Maul machen=, die Miene machen, sich das Ansehen geben,
-so thun.
-
-[306] =sich abscheibeln=, abdrehen, sich davon machen.
-
-[307] =angehen=, anbeißen, ins Netz gehen, sich fangen lassen.
-
-[308] =gestältig=, fügsam, zuthunlich.
-
-[309] =Lucius Apulejus= aus Madaura in Afrika, geboren
-unter der Regierung Hadrian's, wohnte zuletzt nach vielen Reisen in
-Karthago. Er schrieb: »~Metamorphoseon s. de asino aureo libri~«; ein
-liederlicher Jüngling Lucius, den Grimmelshausen mit dem Verfasser
-identificirt, wird in einen Esel verwandelt, aber in den Mysterien
-wieder zum Menschen neugeboren.
-
-[310] =geschneiden=, kümmern.
-
-[311] =ohne=, ausgenommen.
-
-
-
-
-Das siebente Capitel.
-
- Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung[312].
-
-
-»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte gnädig sein wollen,
-dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, daß mich diß lose Gesindel
-nit gar ermordet und mich im Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld,
-so ich noch zur Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld,
-was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, der ich
-doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel so wol als euch
-betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam kein Mensch, an den sie
-sich machen will, entgehen kan, wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn
-Simplicissimo beinahe selbst widerfahren wäre?«
-
-Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, guter Freund!
-Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!«
-
-»Mein«[313], antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der armen Tröpfin
-nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits ohnedas der
-Verdammnus nahe, biß über die Ohren im Sündenschlamm, ja allerdings
-schon gar der Höllen im Rachen steckt? Bete darvor ein paar andächtiger
-Vatterunser vor sie, daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu
-wahrer Buße bringen wolle!«
-
-»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie der Donner
-erschlüg!«
-
-»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere dich, wann
-du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, die sich zwischen
-deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege hinunterfallen[314]
-wolte.«
-
-Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?«
-
-Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen
-Seufzen[315].
-
-Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei
-überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit
-er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er
-antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund
-vergehet.«
-
-Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder
-samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste
-Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß
-besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub
-gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf
-Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch
-hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben
-solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und
-sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit
-ich mich ernähre!«
-
-Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen.
-Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin
-Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere
-Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf
-offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen.
-Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen
-Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen
-drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio:
-»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?«
-
-Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du
-wilt, so lasse sehen, was du kanst!«
-
-Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu
-agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4,
-5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem
-Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die
-Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte
-mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen
-Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der
-Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben
-Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor
-Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen.
-
-Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem
-Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius
-zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein
-Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen,
-aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor
-Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles
-natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen,
-als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen
-dessentwegen befinden werden.«
-
-Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem
-Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen
-eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe
-da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein
-Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?«
-
-Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen,
-er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es
-ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden
-würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum.
-Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen.
-
-»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als
-Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein
-Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß
-wieder hinaus.«
-
-Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er
-dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern
-nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander
-Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch
-in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im
-Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames.
-
-»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir
-lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir
-aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts
-taugen; sie müssen wieder fort.«
-
-Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand
-im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen
-ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes
-Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm
-und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat
-entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch
-aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen,
-wird mein sein.«
-
-Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300
-zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So
-muß man diese Kerl aufheben.«
-
-Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe
-darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im
-Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er:
-»Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten
-wieder weg.«
-
-Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem
-Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er
-könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste,
-daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden.
-
-»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.«
-
-Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte,
-und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-,
-Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts
-als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs
-auch wol unterweg können lassen.«
-
-Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete.
-Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt
-deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch
-das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.
-
-»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser
-Narren wieder los bin worden!«
-
-Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322].
-Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen
-was ihr könnet!«
-
-Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst
-nichts als Trinkgeschirr.
-
-»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und
-ich mache gern Gesegne Gott.«
-
-Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht,
-mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch
-auch bald zu theil werden soll.«
-
-Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken,
-welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das
-Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel
-Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser
-genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein.
-
-Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert
-darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.
-
-»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine
-glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in
-dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten
-halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen
-trefflichen Urkunden geholfen hat.«
-
-Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein
-Ende.
-
-Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen
-und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt,
-sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol
-kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben
-auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein
-Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich
-ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und
-seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so
-roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien
-Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich
-ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor
-Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in
-Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer
-Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor
-Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet
-werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr
-ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den
-allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken
-sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie
-gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.«
-
-Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll
-Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas
-einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier,
-davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche
-Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes
-gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen,
-verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er
-allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste
-aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese
-geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der
-Wein verwunderten.
-
-»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit
-dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß
-dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen
-zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem
-spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein,
-den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat,
-lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von
-diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr
-feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen
-halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig
-Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla
-mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum
-Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens
-gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen
-und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein
-vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe
-ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert
-und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil
-Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen.
-
-Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein
-Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326],
-giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die
-4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte
-und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen.
-
-»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich
-ernähre?«
-
-»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich
-sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du
-mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein
-spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[312] =Losung=, Erlös, Einnahme.
-
-[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~.
-
-[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die
-Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine
-Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied
-dazwischen.
-
-[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer.
-
-[316] =Knan=, Vater.
-
-[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender«
-befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.
-
-[318] =der Umstand=, die Umstehenden.
-
-[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen.
-
-[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu
-steigen.
-
-[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel.
-
-[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben.
-
-[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.
-
-[324] =rahn=, rahnig, dünn.
-
-[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der
-Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl.
-Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6.
-
-[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben
-wollte.
-
-[327] =Rabbi=, Meister.
-
-[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel,
-gebraucht wie Pfifferling.
-
-
-
-
-Das achte Capitel.
-
- Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst
- lernete.
-
-
-»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar
-ein ungeschliffen Maul!«
-
-»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe
-nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«
-
-»Wie ist dir dann?« fragte jener.
-
-»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte,
-du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen
-trefflichen Lehrmeister gehabt.«
-
-»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch
-festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch
-ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so
-böse Gedanken von mir zu machen?«
-
-»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen
-genugsam gesehen.«
-
-Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß
-du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol
-noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften,
-wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon
-du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und
-Verblendungen hältst.«
-
-»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das
-Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und
-Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und
-behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.«
-
-»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme
-mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die
-4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch
-laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut
-Geld gelöst.«
-
-»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine
-Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?«
-
-Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern?
-Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur
-deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!«
-
-Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den
-Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und
-bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch
-wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte.
-
-»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner
-Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich
-zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe
-oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen
-Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht
-zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine
-alte Possen und Grillen übe?«
-
-»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte
-Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann
-sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben
-gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu,
-wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott
-das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in
-deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin
-ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen,
-mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar
-füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen
-köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter
-abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und
-Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet
-und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast
-geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere
-Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht
-einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch
-nicht an unsere Bekehrung gedenken.«
-
-»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld,
-das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster
-oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit
-beraubte.«
-
-Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine
-vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der
-Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes
-verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich
-beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich
-der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der
-Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein
-spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«
-
-Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor
-die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern
-zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch
-auf deine Erinnerung bedenken wolle.«
-
-Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz
-befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden,
-also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine
-Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er
-zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei
-oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem
-Mark mit dem Buch üben sahest?«
-
-Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich
-dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«
-
-»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der
-dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich
-auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was
-ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte
-Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder
-ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die
-Kunst nit wirst üben können.«
-
-Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er
-sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet:
-»Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so
-erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der
-Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand
-Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen,
-so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg
-zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor
-Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich
-auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei
-den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich
-damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor
-grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden;
-bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei,
-und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß
-diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der
-Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen.
-Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift
-nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige,
-Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer
-und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß
-dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen
-Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse.
-Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern
-vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit
-nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die
-allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt
-durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus
-gebracht werden.«
-
-»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel;
-wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«
-
-Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu
-auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch
-umgehen sollest.«
-
-»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«
-
-»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon
-selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen
-gedenken sollest.«
-
-»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler
-und wäre dieser Obligation ledig.«
-
-Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun;
-nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches
-zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds
-werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den
-geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du
-dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht,
-du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir
-gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«
-
-Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir
-fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen
-Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter,
-das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit
-Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich
-mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine
-schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen
-verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir
-vor solche Kunst haben willst.«
-
-Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld
-alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte
-ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich
-auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage
-hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt
-gemein zu machen[331]
-
-FUSSNOTEN:
-
-[329] =da=, in den Ausgaben steht als Druckfehler »=das=«.
-
-[330] =Wahns=, alle Ausgaben haben: »wann«.
-
-[331] Vgl. den Anhang.
-
-
-
-
-Das neunte Capitel.
-
- Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben
- wolte.
-
-
-Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und
-Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich
-wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste
-so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter
-Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um
-dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht,
-daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht
-geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um
-den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern
-ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam
-auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als
-welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft
-vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings
-wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder,
-der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er
-sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich
-einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.
-
-Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge
-Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht,
-ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und
-gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich
-nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero
-setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich
-abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu
-fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte,
-Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark
-damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe
-er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr
-haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches
-nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er
-solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog
-alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter
-vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß
-weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen,
-und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen
-Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und
-zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften
-zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten)
-durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte
-er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten),
-zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das
-Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun,
-seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.«
-
-Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit
-wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius
-gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er
-gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so
-wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.
-
-Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei
-welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte
-und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten.
-Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein
-Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem
-einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit
-herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu
-schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe ~Grobiani~ zu sein
-pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern
-Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, ~mores~ zu lernen, so
-daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene
-Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß
-setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen
-löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still,
-nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert
-er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen
-staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen
-verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so
-unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen,
-als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter
-ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin,
-der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits
-oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie
-zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer
-Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel
-zu sehen pflegt.
-
-Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also
-haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine
-Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der
-Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht
-beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen
-der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken
-behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß
-er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte.
-Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns
-an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen
-vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem
-jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen
-munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er
-an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft,
-und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte.
-Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo
-er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre,
-ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und
-etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und
-zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c.
-
-»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen
-müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel
-zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen;
-gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete
-es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die
-Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der
-flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen
-Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst
-nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter
-kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar
-genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters
-und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen
-ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun
-hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist
-auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab;
-und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung
-beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit
-unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und
-wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und
-daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht
-auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und
-Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.«
-
-»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in
-deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte,
-die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und
-Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im
-Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen.
-Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig
-würdest?«
-
-»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß
-nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr
-an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der
-Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und
-zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt
-ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige
-daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß
-nehmen.«
-
-»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so
-wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.«
-
-»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs
-mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann
-verbrennte Kinder das Feur förchten.«
-
-Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?«
-
-»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein
-güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem
-Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht
-meine Ehefrau.«
-
-»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden;
-denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine
-etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die
-treulich mit dir hausen werde?«
-
-Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; gleichwol aber
-ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen
-pflegt, theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten,
-die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche
-Ausgaben, dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben,
-zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist
-nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit
-mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch
-an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen. Soll sie
-mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem
-Kuchengeschirr herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders
-das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und
-Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth säubern läßt?
-Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen
-wird (welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn
-begehre), wann nämlich eins krank, das ander gesund, das dritte faul,
-das vierte muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst
-widerspenstig, ungehorsam und nichts nutz ist?«
-
-Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines
-rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst von dem heiligen,
-von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegneten
-Ehestand weit anderst reden. Und gleich wie eine fromme, tugendhafte
-Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Manns ist, also
-verdrüßt dich, daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt
-hat.«
-
-»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du kanst bei deinen
-Biren wol merken, wann andere zeitigen[338].«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[332] =neuangestandener=, neu eingetretener.
-
-[333] =stürzen=, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben.
-
-[334] =Freundschaft=, Verwandtschaft.
-
-[335] =lieber=, ~interj.~, ~quæso~.
-
-[336] =Stamm=, Abstammung, Stand.
-
-[337] =aus dem Geschirr schlagen=, wie: über den Strang schlagen.
-
-[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern
-ergeht.
-
-
-
-
-Das zehnte Capitel.
-
- Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.
-
-
-»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, sagte Simplicius,
-»seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht anders oder eine zu
-heurathen persuadirn können; hingegen aber möchte ich wol von dir
-vernehmen, wo du gebürtig, wie du in Krieg kommen und wie es dir
-bißhero darinnen ergangen, biß du aus einem so tapfern Soldaten zu
-einem solchen elenden Stelzer worden seiest.«
-
-Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, deinen
-eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck vor Augen zu
-legen, so werde ich mich auch nit schämen, den meinigen hier im
-Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits offenbar sein soll,
-was zwischen mir und der Courage vorgangen, die gleichwol uns beide,
-wie ich vernehme, mit einander verschwägert. Jetzt höre dann deines
-Schwagers Ankunft.«
-
-»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von hohem altem
-Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter Vatter aber ein
-albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben von schlechter
-Ankunft[339] und geringen Mittlen gewesen. Als dieser mit einem zahmen
-Löwen und einem Dromedari in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern
-gewohnet, herum zohe[340] und beides diese Thier und seine Kunst
-um Geld sehen ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein
-junges Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit
-so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie mit
-Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern ein Stück Geld
-auszufischen und mit besagtem meinem Vatter wider ihrer Eltern Wissen
-und Willen darvonzuziehen. Und solches hat ihr auch zu ihrem Unglück
-geglückt, unangesehen sie einander aufrecht[341] geehlicht. Also wurde
-meine Mutter aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende
-Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst die erste
-und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein Vatter, da ich kaum
-geboren worden, von einem Seil herunter stürzet und den Hals zerbrach,
-durch welchen leidigen Fall meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib
-wurde.«
-
-»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder heimzukehren,
-ohne daß sie sich damaln auch über die hundert Meilen von denselbigen
-im Dalmatia bei einer Compagnie Comödianten befande; hingegen war
-sie schön, jung und reich und hatte dannenhero unter meines Vattern
-hinterlassenen Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe,
-der war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen
-Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe mich auf, biß
-ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich alle ~principia~
-seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, Geigen, Pfeifen, beides
-auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus der Taschen spielen, durch den
-Reif springen und andere seltzame Aufzüg und närrische Affen-Posturen
-machen, also daß ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und
-das ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction
-angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und schreiben, griechisch
-reden von meiner Mutter und sclavonisch von meinem Vatter. So begriffe
-ich auch mithin in Steyr, Kärnten und andern angrenzenden teutschen
-Provinzen um etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum in
-Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich gedachter
-mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um keine 1000 Ducaten
-verkauft hätte, wann gleich alle Tag Jahrmark gewesen wäre.«
-
-»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils in
-Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen[342], Walachei,
-Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, Böhmen, Ungarn, Steyr
-und Kärnten herummer; und da wir in diesen Ländern viel Geld
-aufgehoben[343] hatten und mein Stiefvatter willens war, seines Weibs
-Eltern auch zu besuchen (als vor denen zu erscheinen er sich nicht
-scheuete, weil er sich gar einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie
-ein Graf aufziehen konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria[344]
-in Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia und
-Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo dann meiner Mutter Eltern
-sich befanden.«
-
-»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein Vatter seine Kunst
-auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen lassen, oder vielmehr
-dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning schätzen[345], als
-welche damal in völligem Flor und Reichthum stunde. Wir kehrten
-daselbst zu solchem Ende ein, und zwar nicht in der Kirchen, sonder
-unserer Gewohnheit nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir
-blößlich[346] eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin,
-um Consens anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde
-Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. Es wurde
-erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten ward, wurde ich samt
-meinem Stiefbruder, der mir weder in Dexterität unserer Kunst noch
-in andern Stücken bei weitem nicht zu vergleichen, mit einem Reif,
-einer Gaukeltaschen und andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob
-ich nicht auf den Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld
-verdienen könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- und
-Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng Freud und Lust zu
-machen; aber ach! ich gelangte an ein Ort, das alles meines Jammers,
-Elends und eignen Unlusts ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe
-außer dem Hafen segelfertig auf der Reide[347] lagen, die nur auf guten
-Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien
-albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu führen, sihe, da
-geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, weil wir durch einen
-der Ihrigen im Nachen[348] überredet worden waren, es würde daselbst
-ein trefflich Trinkgeld setzen, maßen uns auch derselbige Nache mit
-überführte. Wir hatten unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus
-Mitternacht ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer
-in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die Segel,
-nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich und meinen Bruder
-das Schiffen wider unsern Willen erdulden. Jener thät, als wolte er
-verzweifeln; ich aber ließe mich noch trösten, nicht allein darum, weil
-ich von Natur alles gern auf die leichte Achsel nehme, sonder auch,
-weil mir der eine Rittmeister, der sich ganz in meine Gestuosität[349]
-verliebt, gleichsam güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben
-und sein Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol
-gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die
-Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann sie nicht geliefert
-wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit ihnen eine Seeschlacht
-angehen oder einen Krieg anfahen würden. Derowegen gab ich mich nur
-desto geduldiger drein, genosse es auch besser als mein Bruder, welcher
-sich dergestalt kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia
-abfuhren, alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.«
-
-»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so fort zu Land
-durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins Land von Lützenburg, und also
-in die Spanische Niederlande, alwo wir neben andern Völkern mehr unter
-dem berühmten Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um
-dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich war
-noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen Muthwillen zu;
-ich wurde weder durch strenges Marschiern noch andere Kriegsarbeiten
-abgemattet; so wuste ich auch noch nichts vom verdrüßlichen
-Schmalhansen, als welcher damals bei weitem noch nicht so bekant bei
-unser Soldatesca war, als er sich nachgehends im teutschen Krieg
-gemacht hat, in welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben
-kennen lernen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[339] =Ankunft=, Abkunft.
-
-[340] =zohe=, altes ~præt.~ zu ziehen, zog.
-
-[341] =aufrecht=, ~adv.~, aufrichtig, ehrlich.
-
-[342] =Wossen=, Bosnien.
-
-[343] =aufheben=, erheben, einnehmen.
-
-[344] =Histria=, Istria.
-
-[345] =schätzen=, in Contribution setzen, brandschatzen.
-
-[346] =blößlich=, bloß, nur.
-
-[347] =Reide=, Rhede.
-
-[348] =Nache=, Boot.
-
-[349] =Gestuosität=, Beweglichkeit; ~gestuosus~ kommt bei Apul. vor.
-
-
-
-
-Das elfte Capitel.
-
- Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.
-
-
-»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, wie denjenigen,
-so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so einmal zu solcher
-unseligen Congregation gelangen, schwerlich oder wol gar nit mehr
-darvon kommen können, also gehets auch dem mehrentheils[350] von
-den Soldaten, welche, wann sie gut Sach haben, nicht aus dem Krieg
-begehren, und wann sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen
-können. Von denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners
-gedulden müssen, biß sie entweders durch eine Occasion[351] bleiben
-oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, könte man
-darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte;
-von denen aber, so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder
-unnützlich verschleudern, kan man gedenken, daß ihnen der gütige
-Himmel nicht gönne, sich ihr großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das
-Sprichwort wahr zu machen:
-
- So gewonnen,
- So zerronnen.
-
-und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen wieder fort.«
-
-»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche
-denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und derselbigen muß
-ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, der berühmte Tilly,
-nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kränzels, seine
-Unterhabende[352] aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt
-gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner Soldat von den Seinigen eine große
-Beut von Baarschaft, so in lauter Geldsorten bestanden, erobert
-und alsogleich wieder mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu
-erfahren, ließe er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem
-unglückseligen Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene und
-wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von andern vernommen
-(etliche sagten wol von 30000, andere von weit mehrern Ducaten), sagte
-der Graf zu ihme: Du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug
-haben und wie ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber
-hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch
-zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem Kaiser nutz
-zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, der sonst den Ruhm
-eines Soldatenvatters gehabt, daß dieser Kerl als eine unnütze Last
-der Erden in freien Luft gehenkt werden solte, welches Urtheil auch
-alsobalden vollzogen worden.«
-
-»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit[353] der
-Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat über
-20000 Ducaten ~in specie~ darin erwischt, solche aber bald hernach
-auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches dem Königsmark
-gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch diesen Soldaten vor sich
-kommen ließe, um ihn erstlich zu sehen und ihm alsdann nach Erkundigung
-der Wahrheit ebenmäßig obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu
-lassen, wie er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach[354].
-Als aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er mit
-einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können mich mit
-Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen lassen, weil ich
-Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine größere Beute zu erhalten.
-Diese Antwort, welche vor ein Omen gehalten wurde, erhielte dem guten
-Gesellen zwar das Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut,
-vielweniger den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu
-hart bedrängt wurde.«
-
-»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem Holtzischen
-Regiment[355] zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne Zweifel den
-sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen oder doch wenigst viel
-von ihm gehöret haben. Er war bei besagtem Regiment ein Musquetierer,
-und kurz vorm Friedensschluß trug er eine Pique, wie ich ihn dann in
-solchem Stand und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd
-hinten und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand
-der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem geriethe in
-dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller französischen
-Duplonen ein solche Beut in die Hände, daß er selbige schwerlich
-ertragen, weniger zählen und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz
-seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät
-dieser liederliche Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall[356]
-seines großen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt
-und Vestung[357] der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus
-Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach so viel
-erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen lassen; daselbst
-staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und lebte täglich wie ein
-Prinz, der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat; er hielte zween
-Kutscher, zween Laquaien, zween Page, ein Kammerdiener in schöner
-Liberei, und nachdem er sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen
-Pferden versehen, reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes
-über die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte,
-die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren zubrachte
-und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich den Obristen Lumpus
-nennete. Solches herrliche Leben währete ungefähr sechs Wochen,
-in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister, der General von
-Holtz[358] auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte,
-weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er
-zu seiner Hinkunft zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich,
-daß ein fremder Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem
-er zu weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck
-Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel zu
-discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als dem großen
-Atlante[359] sowol alle Weg und Steg, Wälder und Felder, Berge und
-Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle adeliche Familien des
-Römischen Reichs bekant waren, als fragte er nur nach dieses Cavaliers
-Namen. Als er aber verstunde, daß er sich den Obristen Lumpus nennete
-und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten
-von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er ein Begierde,
-mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen. Er
-fragte den Wirth um seine Qualitäten, und da er verstunde, daß er
-zwar sehr gesellig, eines lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit
-selber, doch aber von wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto
-größer. Derowegen verfügte[360] er mit dem Wirth, des Lumpi Consens
-zu erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen
-möchte.«
-
-»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen und bei dem
-Confect in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine
-göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. «Mit diesem Tractament»,
-sagte er zu seinem Obristen, «wollen euer Excellenz verlieb nehmen
-und meiner dabei im besten gedenken.» Der von Holtz verwundert sich
-über diß Anerbieten und antwortet, daß er nicht wisse, womit er
-ein solch Präsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig
-würde verdienen können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches
-anzunehmen. Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen;
-er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in deren ihr Excellenz
-selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung zu thun obligirt sei,
-und alsdann verhoffe er hinwiederum von seiner Excellenz eine Gnad
-zu erhalten, die zwar keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber
-erkennen könte, daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun
-dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als jemanden
-versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger,
-sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil es Lumpus überein[361]
-so haben wolte, mit courtoisen[362] Promessen, solches auf begebende
-Fäll zu remeritirn.«
-
-»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er passirte nie bei
-keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, die ihm zu Ehrn ins
-Gewehr stunde, ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf,
-und also machte ers überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein
-reicher Herr zu erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle
-Tag den Wirth aus[363], ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller
-abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert hätte.
-Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also wurde er auch
-mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, wie ich schon erwähnet,
-in sechs Wochen. Darauf versilbert er Kutschen und Pferd; das gieng
-auch bald hindurch. Endlich musten seine stattliche Kleider samt
-dem weißen Zeug daran; das jagte er alles durch die Gurgel. Und da
-seine Diener sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander
-ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da er
-nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich in einem
-schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, schenkte ihm
-der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld bei ihm verzehret
-hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, biß solche auch allerdings
-wiederum verzehret waren. Der Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol
-begraset, oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht,
-oder anderer Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit
-Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, biß er
-selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig war, schenkte ihm der
-Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum Zehrpfennig auf den Weg; er aber
-antwortet, weil es Zehrgeld sein solte, so wolte ers lieber bei ihm
-als einem andern verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum
-biß auf den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit
-wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch 5 Reichsthaler
-gab, sich damit fort zu machen. Und den er zuvor ihr Gnaden genennet
-und anfänglich unterthänlich willkommen sein heißen, den muste er damal
-dutzen, wolte er anders seiner los werden; dann als er sahe, daß er
-auch diese letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem
-Gesinde, daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. Da er
-nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu quittirn, sihe,
-da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen das noch übrige
-kleine Fünklein seines großen Schatzes vollends mit Bier. Folgends kam
-er wiederum bei Heilbrunn zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in
-die Eisen geschlossen und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei
-acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. Wolte nun
-der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des
-Stricks entübrigt sein, so muste er sich wol seinem Obristen, den er
-deswegen stattlich verehret, offenbaren, welcher ihn auch alsobalden
-von beiden befreien ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er
-so viel Gelds so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts
-antwortet, als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein
-Tag nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zu
-Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte er auf solche Weis
-durch seine Beut erfahren müssen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[350] =mehrentheils=, ~adv.~, wie »theils« von Grimmelshausen öfter
-als Substantiv gebraucht.
-
-[351] =Occasion=, Treffen, Gefecht.
-
-[352] =Unterhabende=, Untergebene.
-
-[353] =die kleine Seit=, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.
-
-[354] =zusprechen=, zuerkennen.
-
-[355] =dem Holtzischen Regiment=, vgl. S. 178, Anm. 1.
-
-[356] =Anfall=, das Zufallen.
-
-[357] =eine Stadt und Vestung=: Ingolstadt, auf welches der
-König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte;
-dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.
-
-[358] =Georg Friedrich von Holtz=, ein »Soldat von Fortun«,
-stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von
-Baiern; starb 1666.
-
-[359] =dem großen Atlante.= Es ist hier nicht der mythische
-Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten
-Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208.
-
-[360] =verfügen=, ausmachen, verabreden.
-
-[361] =überein=, durchaus.
-
-[362] =courtois=, höflich.
-
-[363] =auszahlen=, voll bezahlen.
-
-
-
-
-Das zwölfte Capitel.
-
- Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item
- wie ihn ein Baur zaubern lernet.
-
-
-Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern
-erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus:
-»Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als
-die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den
-Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat
-und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser
-Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren,
-welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den
-Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?«
-
-Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann
-ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener
-gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und
-gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem
-aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides
-Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man
-auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.«
-
-Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im
-Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg
-unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor,
-wie es dir selbst gangen.«
-
-»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen,
-wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des
-nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist
-diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius
-Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut
-überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt
-brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich
-darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua
-retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft
-des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt,
-aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck
-empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit
-Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu
-verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich
-mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365]
-der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als
-sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen
-marschierte.«
-
-»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und
-gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die
-~Tirones~[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen
-ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen
-aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor
-gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber
-nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder
-austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil
-es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto
-tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine
-Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet
-und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied
-dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch
-mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich
-dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen,
-daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen
-dörfte.«
-
-»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main
-schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen
-in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig
-Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und
-nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich
-kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden,
-Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu
-helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst
-willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt,
-allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So
-kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In
-der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch
-ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich
-ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten
-oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369]
-genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370],
-den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel
-zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als
-welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich
-wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin
-den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals
-etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in
-ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte,
-übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm
-Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein
-paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371]
-Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger
-Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich
-im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener
-Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht
-darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der
-Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo
-sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein
-nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das
-Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden
-zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem
-Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen,
-einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war
-so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm
-die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte
-ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte
-auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde,
-sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er
-ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde,
-wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch
-sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf
-mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag
-und sagte: «Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi
-segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken
-Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler
-gewen.»«
-
-»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern
-Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit
-ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum
-Bauern: «Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier,
-daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich
-kan ausrichten.»«
-
-»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem
-Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil
-er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen
-wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu
-kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt
-und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier
-ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und
-großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich
-beherrschten.«
-
-»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt
-und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem
-Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie
-auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte,
-zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu
-solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376]
-zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377]
-und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich
-fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum
-erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein
-Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge
-wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen,
-der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb,
-mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister
-gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide
-verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und
-nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen
-auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein
-Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste
-ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen,
-so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche
-auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden:
-«Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören
-und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General
-Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er
-verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige
-Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.«
-
-»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte
-ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei
-Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst
-bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische
-Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde,
-antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme,
-gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein
-liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.«
-
-»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber
-konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.«
-
-»«O Bruder», sagte er auf Böhmisch zu mir, «du bist wol ein Schalk,
-die Leute zu äffen.» Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: «Und
-du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht
-verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher
-Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.»«
-
-»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht
-hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er
-nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm
-Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so
-viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich
-beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch
-bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen
-Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich
-solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen
-unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch
-wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt
-seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[364] =Frankenthal=, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der
-Esenach, mit einem Kanal zum Rhein. =Don Gonsales von Cordua= wurde
-vom Mansfelder gezwungen, die Belagerung aufzuheben.
-
-[365] =gegen=, entgegen.
-
-[366] =~Tirones~=, Rekruten.
-
-[367] =Stattlo=, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk
-Münster.
-
-[368] =Salva Guardi=, ~sauvegarde~, Schutzwache.
-
-[369] =hürnen Seifrid=, nach dem bekannten Volksbuche.
-
-[370] =Banddegen=, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen.
-
-[371] =übrig=, überflüssig, reichlich.
-
-[372] =welche=, einige, manche.
-
-[373] =der Cimbrier Chersonesus=, Jütland und Schleswig-Holstein.
-
-[374] =Potthast=, im nördlichen Deutschland noch jetzt gebräuchlich,
-sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch.
-
-[375] =tröge=, trocken, gedörrt, geräuchert.
-
-[376] =enmits over Deelen=, mitten über die Dielen.
-
-[377] =Pentalpes= oder =Pentaples=, vielleicht für Pentagramm,
-Drudenfuß.
-
-[378] =dump=, =dümper=, dumpf.
-
-[379] Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die
-Rede. Vgl. über diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte.
-
-
-
-
-Das dreizehnte Capitel.
-
- Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter
- den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen und
- endlich ein Freireuter worden.
-
-
-Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung zuhörete,
-ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bistu
-gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger
-gewesen!«
-
-»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet ihr
-euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem
-Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige Thierer sein und darzu keine
-kranke, wann ich sie würdigen solte, selbige mir zuzuschreiben. Und
-zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich
-annahm zu Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel
-rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie
-allesamen mit den Schwänzen an die Hörner zusammen gebunden wären, sie
-gewißlich von hier biß auf euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen
-er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein
-soll. Was vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein
-und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß ich vor dem
-großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und
-Enten, zu gedenken?«
-
-»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das
-Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort
-des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich,
-deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Bettlen ernähren müssest.«
-
-Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen[380] und sagte:
-»Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius hats kein Haar
-besser gemacht und gleichwol noch seine beide Füße übrig, woraus ihr
-genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und
-ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen,
-daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut
-auch seinem Beruf nicht genug.«
-
-Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn
-schon darum geben, dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam
-gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zu werfen.«
-
-»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem
-alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also
-lautet:
-
- So bald ein Soldat wird geboren,
- Sein ihm drei Bauren auserkoren:
- Der erste, der ihn ernährt,
- Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert,
- Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt.
-
-»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen
-Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme
-Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, beides schuldige und
-unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sonder auch ihre
-eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie
-nur zukommen können.«
-
-Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war halt Gaul als
-Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten
-Schelmen und hingegen diese von jenen Diebe genant, so daß diesen Reden
-nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und
-dannenhero war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene
-aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du
-vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo
-du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.«
-
-»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, das Rabenaas,
-aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wolte, wann es nicht
-die Folge meiner Histori erfordert. Zu dieser Vettel kam ich, nachdem
-ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld
-ledig gemacht hatte. Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder
-ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr
-darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so sich
-zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen.
-Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf
-entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich mag einmal mein eigne
-Guckgaucherei[381] nit selbst ausblasen, sonder es ist mir genug,
-wann ich glauben muß, sie werde meiner so wenig als deiner verschonet
-haben. Diß ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende
-Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als
-ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt,
-von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu werden,
-wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in
-den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und
-Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt[382] und fertig, und
-in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar ~insationabilis~[383],
-daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran
-gethan, wann er ihr zu Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals
-gehenkt und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte.
-Diese Unholde[384], als sie meiner müd worden, brachte beides durch
-Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie
-saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittirn muste.
-Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit,
-hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich große Angst
-ausstunde, biß ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.«
-
-»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter
-dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische,
-folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich
-daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts
-ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst
-wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen
-ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen
-ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden
-Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere
-Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem
-Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer
-vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen,
-welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen,
-als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem
-Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte,
-dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich
-auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden
-möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber
-wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er
-noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich,
-zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor
-Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders
-nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der
-einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen
-Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten
-kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen
-werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem
-Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor
-sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der
-einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe
-mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen,
-daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.«
-
-»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden
-überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so
-lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte.
-Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der
-alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von
-Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen
-Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu
-Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin
-wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den
-Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich
-genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil
-von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und
-englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein
-voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich
-zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen
-den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer
-Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und
-langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig
-gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.«
-
-»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe
-wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen,
-daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz
-lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison
-zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens
-Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt
-hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm,
-sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den
-Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er
-mich entließe.«
-
-»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich
-und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor
-einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment,
-darunter ich gehörte, gelangen möchte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[380] =einen großen Schallen=, so wird zu lesen sein statt
-»Schollen«: lachte, daß es laut schallte.
-
-[381] =Guckgaucherei=, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).
-
-[382] =abgeführt=, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.
-
-[383] =~insationabilis~=, Springinsfeld will sagen ~insatiabilis~,
-unersättlich.
-
-[384] =Unholde=, Unholdin, Hexe.
-
-[385] =wider=, die Drucke haben »unter«.
-
-[386] =creirt=, geschaffen, bestimmt.
-
-[387] =zu uns genommen=, gefangen genommen.
-
-
-
-
-Das vierzehnte Capitel
-
- erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück.
-
-
-»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, der
-nach diesem glücklichen Streich in Westphalen herum fuhr wie eine
-Windsbraut, und das war ein Leben vor mich, dergleichen ich mir
-vorlängst eins gewünscht hatte. Als er die Städte Lemgau[388], Herfort,
-Bielefeld und andere um Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort
-die Dörfer und Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen,
-setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier mit seinen
-vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von Lüneburg putzten,
-folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit und schaffte mir
-desto mehr Raubs. Vor Stade, alwo wir den schwedischen General Todt
-hinweg schlugen und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg,
-bekam ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene
-Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht so viel
-Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen Roßhändler hätte
-ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld und Glück zugleich mit
-vermehrte, fieng ich an zu gedenken, ob ich nicht auch ein Officier
-abgeben würde.«
-
-»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr einlegten, außer
-daß wir die Holländer aus ihren Schanzen vor Mastricht nit schlagen
-konten. Den Hessen und den Bavadis[389] berupften wir gleichsam wie
-wir wolten, und den Lüneburger, der Wolfenbüttel einzunehmen sich
-bemühete, lehreten wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das
-braunschweigische Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber
-Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem Wallensteiner
-und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu einer Hochzeit, in welcher
-aber beiderseits allertapferste Helden und berühmteste Generalen ihrer
-Zeit gleichsam mitten in ihrem Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit
-Myrrhen und Rauten[390] bekrönet worden.«
-
-»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus und unser berühmte
-Pappenheimer, beide ritterlich streitend, ihr Leben zu =einer= Zeit
-in =einem= Flügel gelassen, wie dann der Graf kaum eine viertel oder
-halbe Stund länger als der König gelebt haben soll, sihe, da erhub
-sich ererst die wüthende Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten.
-Jedwedere Seite stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche
-Maur, und was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den
-entseeleten Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß an den
-Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen[391] sie mit
-zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet worden, eine
-sonderbare Kraft und Würkung empfangen, beides die auf sich habende
-Todte und Lebendige zu demjenigen anzufrischen und zu entzünden,
-was ein rechtschaffner Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten
-schuldig, maßen beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß
-die stockfinstere Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger
-streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.«
-
-»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends in
-Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil die Kräfte nit
-hatte, uns zu jagen; und da ichs beim Liecht besahe, wurde ich gewahr,
-daß ich in der Schlacht meinen Knecht und bei der Bagage meinen Jungen
-samt allem, was ich vermocht[392], verloren. Den letztern Schaden
-zwar hatten mir unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches
-auch andern mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel
-aufgeknüpft worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.«
-
-»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der Anfang und
-gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen Unglücks, das noch
-länger bei mir continuiren solte; dann nachdem mich die Altringische
-erkanten, muste ich wieder unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein,
-worunter ich mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher
-Gestalt hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder weil
-ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon gebracht, so
-war auch die Hoffnung pritsch[393], ein Officier zu werden.«
-
-»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen und Kempten
-einnehmen und den Schwedischen Forbus[394] striegeln helfen, in allen
-diesen dreien Occasionen aber kein andere Beut als die Pest an Hals
-bekommen, und zwar allererst als wir mit dem Wallenstein in Sachsen
-und Schlesien gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben
-an dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in
-unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche Zufäll
-betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich Wunder, daß dem
-einen und andern der Lust in Krieg zu ziehen nit vergehet. Aber viel
-ein mehrers verwundert mich, wann ich sehe, daß alte Soldaten, die
-allerhand Unglück, Leiden und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum
-öftern ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht
-quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne[395], oder
-ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen
-und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine Art einer sonderbaren
-unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; schätze wol, es seie ein Art
-derjenigen Thorheit, damit sich die Hofleute schleppen, welche dem
-Hofleben, darwider sie doch täglich murren, nicht ehender resigniren,
-als biß sie solches mit ihres Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie
-wollen oder wollen nicht.«
-
-»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit unserer Contagion
-behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, der unsers Gelds gleichwie
-wir seiner Arzneimittel bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so
-das ander mangelte, wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm
-und wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, die
-ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich[396] nach dem
-andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und als wir wieder
-zu reuten getrauten, machten wir sich auf den Weg, uns durch Mähren
-in Oesterreich zu begeben, alwo unser Regiment gute Winterquartier
-genosse.«
-
-»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. Wir beide
-Schwache und noch halb Kranke wurden von einer Rott Räuber, die wir
-mehr vor Bauren als Soldaten hielten, angegriffen, abgesetzt[397],
-biß auf die nackende Haut ausgezogen und noch darzu mit Stößen übel
-tractirt, und konten schwerlich unser eigen Leben und vor unsere
-Kleider etwas von ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der
-damaligen grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel
-mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet
-gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren war. Ich
-hatte noch etliche Gleich von meiner göldenen Kette verschluckt: darauf
-bestund all mein übriger Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen
-der Teufel gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen,
-biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste ichs noch vor
-einen großen Gewinn halten, daß sie mir den Bauch nicht aufgeschnitten,
-anstatt daß sie uns endlich wieder lebendig von sich ließen. In solchem
-ellenden Zustand, da uns zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit
-und bequem Wetter zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche
-Leute, daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf
-kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad kein
-Niemezy[398] oder Niemey gewesen, der die slavonische Sprach nicht
-gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren[399] vom mährischen
-Landmann beides Essensspeis und alte Kleider erbettelte, damit wir
-sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert[400], jedoch dicker wider die
-grimmige Winterskälte bewaffneten. Also armselig haben wir Mähren
-allgemach durchkrochen, viel Ellend erlitten und von dem Bauersmann,
-der dem Soldaten niemals hold wird, mehr spitzige Schmachreden als
-willige Steur und Almosen eingenommen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[388] =Lemgau=, Lemgo.
-
-[389] =Bavadis=, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam
-als Oberst mit Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor
-Pappenheim aus Westphalen zurückziehen.
-
-[390] =Myrrhen und Rauten=, als Leichenschmuck.
-
-[391] =um willen=, deswegen weil.
-
-[392] =vermögen=, im Vermögen haben, besitzen.
-
-[393] =pritsch=, dahin.
-
-[394] =Forbus=, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst
-vorkommenden weniger bekannten Ereignisse und Namen, so weit dies
-möglich war, nachgewiesen worden sind.
-
-[395] =ein Loch gewinnen=, auch sonst bei Grimmelshausen
-und selbst in geschichtlichen Werken, z. B. im ~Theatrum Europæum~,
-vorkommend, sprichwörtlich: ein Ende nehmen.
-
-[396] das =Gleich=, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr.
-Glied einer Kette.
-
-[397] =absetzen=, vom Pferde reißen.
-
-[398] =Niemezy=, Deutscher.
-
-[399] =Parlaren=, Sprechen.
-
-[400] =ziert=, geziert.
-
-
-
-
-Das fünfzehnte Capitel.
-
- Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen
- gehalten.
-
-
-»Zu[401] unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir wieder
-beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu Eger
-umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada zum
-Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen und sich
-selbst zum König in Böhmen machen wollen. Hierdurch wurde zwar diß
-hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, aber zugleich auch das
-kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum Theil um der verfluchten
-Wallensteinischen Zusammenverschwörung halber vor verdächtig gehalten
-werden wolten, zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt, weil man ihre
-Treu zuvor probieren muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues
-dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, daß es
-liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, maßen die
-schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung unterschiedlicher
-Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich der unüberwindlichste
-dritte Ferdinand, damaliger ungar- und böheimischer König, die Waffen
-selbst ergriffen. Dieser mustert uns und führte uns bei 60000 stark
-samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche
-Stadt ich hiebevor, nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen
-müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem General,
-dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen unter Gustav Horn
-entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auf der
-Brücke ziemlich heiß hergienge, alwo mir nicht allein mein Pferd unterm
-Leib, sonder auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser
-rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.«
-
-»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen und sich der
-hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, mit uns völlig conjungirt,
-zogen wir auf das Ries[402] und belägerten Nördlingen. Damals war ich
-ein unberittener und auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht
-genossen, ein Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges
-erschnappt hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß
-man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, als
-die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. Indem es aber
-hierüber zu einem fast blutigen Treffen geriethe, gedachte ich auch
-eine Beut zu holen oder das Leben darüber zu verlieren, dann ich wolte
-viel lieber todt als ein solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet
-und zusihet, wie tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich
-um den Barchet jagen[403]. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser
-oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte,
-sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen ins Gedräng, als die Victori
-noch in der Wag stunde und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch
-und Staub bedeckt war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei
-der Battalia den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings
-verloren. Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, den Ungern
-und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über eben denjenigen Ort, da
-ich mich befande, des Willens, in Eil die da und dort liegende Todte zu
-besuchen und zu plündern, wird[404] ich gezwungen niederzufallen und
-mich denjenigen gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte.
-Das thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen den
-Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, deren sie
-abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.«
-
-»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher
-wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim Zaum hielte und
-den einen Schenkel entzwei geschossen, den andern aber noch im Stegreif
-stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, weil er ihm selbst nicht helfen
-könte.«
-
-»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!«
-
-»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer
-Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges Wort mir
-zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen Hund genant.«
-
-»Ich fragte: Was Volks?«
-
-»Er antwort: Gut schwedisch.«
-
-»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der andern Hand
-eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet damit den wenigen
-Rest des bittenden Lebens. Und diß ist die Würkung des verfluchten
-Geschützes, daß nämlich ein geringer Bärnhäuter dem allertapfersten
-Helden, nachdem er zuvor vielleicht auch durch einen liederlichen
-Stallratzen ungefähr beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande
-Goldstücker bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen
-Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk war mit Gold und
-Silber gestickt, das Degengefäß von Silber gemacht, und sein Hengst
-ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, dergleichen ich meine Tag
-niemalen überschritten[405]. Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem
-ich Gefahr merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen
-oder ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und
-da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern
-oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, waren nach damaligem
-Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, muste ich gleichwol bei mir
-selbst erseufzen und gedenken: wann der unüberwindliche starke Hercules
-jetziger Zeit selbst noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als
-dieser brave Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt
-werden.«
-
-»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, daß sie
-sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, gefangen zu
-nehmen und Beuten zu machen, welches lauter Zeichen der erhaltenen
-Victori waren. Ich machte mir anderer gehabte Mühe zu Nutz und stund
-zu den Siegern in ihr Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte,
-ohne daß ich blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus
-kleiden konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl
-von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, ohnangesehen
-sie tapfer gefochten hatten.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[401] =Zu=, bei.
-
-[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern.
-
-[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war
-ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller,
-Bayr. Wörterb.
-
-[404] =wird=, ~præs.~ zu werden.
-
-[405] =überschreiten=, besteigen.
-
-
-
-
-Das sechzehnte Capitel.
-
- Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er
- von etlichen Wölfen belägert wird.
-
-
-»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften
-Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche
-Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin
-diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und
-zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was
-die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die
-zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien
-Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil
-meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz
-Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten
-Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen
-mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert,
-darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu
-einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit,
-die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser
-wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und
-demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte
-der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein
-stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407]
-zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe,
-sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere
-Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und
-zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit
-ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren
-es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang
-unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich
-daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte
-ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408],
-Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus,
-deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war,
-welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich
-deren auszugeben hatte.«
-
-»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze
-Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest
-unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo
-wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham,
-Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen
-helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich,
-mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du
-selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon
-zu erzählen.[413]«
-
-»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen
-und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg
-marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der
-Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich
-alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart
-hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in
-Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen
-und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die
-Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln
-giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.«
-
-»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter dem Lamboy ein
-solche Armatur, die wir leicht übermeisterten und von der Kemper
-Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg schlugen. Diesem Sieg folgten
-Neuß, Kempen und andere Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir
-genossen, und ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden.
-Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbei, weil
-ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der Compagni verbleiben
-muste. Demnach wir aber Gülch[414] plünderten und mit den Leuten auf
-dem Land sowol im Erzstift Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens
-procedirn dörften, erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich
-wieder von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn
-getraute.«
-
-»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten schon
-ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich[415] vergeblich zur Uebergab
-ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, die bei Zons[416]
-lagen, sonder auch die Spanische ans Leder wolten. Dannenhero schlupfte
-Guebrian den Kopf aus der Schlinge, quittirte den Rheinstrom und
-führte uns durch den Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum
-zu rauben, zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten
-gefunden, biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar Jean de
-Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf[417] in die Haar gerathen und
-einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen. Aber
-wer kein Glück hat, der fällt die Nas ab, wann er gleich auf den Rucken
-zu liegen kommt, dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant
-von Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter[418] zu nennen
-pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, wo damals das
-baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen Regiment Dragoner
-zugestellt, darunter ich anfänglich gedienet.«
-
-»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, weil ich noch
-kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu Balingen[419] und widerfuhre
-mir ein Poß um selbige Zeit, welcher zwar von keiner Importanz,
-gleichwol aber so seltzam, verwunderlich und mir so eine schlechte
-Kurzweil gewesen, daß ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel,
-denen der damalige ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant,
-mir solches nicht glauben werden.«
-
-»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, daß die
-Weimarische unter Reinholden von Rose 1200 Pferd stark ausgangen,
-uns aufzuheben, gedachte er solches an Ort und End zu notificirn,
-von dannen succurirt werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet,
-noch ohnberitten, zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine
-Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, ich
-würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern mit
-einem Schreiben nach Villingen[420] geschickt, von dieser obhandenen
-Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu bringen; und golte gleich,
-ob ich vom Gegentheil unterwegs gefangen würde oder nicht, dann wann
-solches geschehen wäre, so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag
-entdeckt gewesen, und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich
-kam glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen,
-um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. Als ich nun durch ein
-Dorf passirte, darinnen keine Mäus, geschweige Katzen, Hund und ander
-Vieh, viel weniger Menschen sich befunden, sahe ich gegen mir einen
-großen Wolf avanziren, welcher ~recta~ mit aufgesperrtem Rachen auf
-mich zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein ander
-Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich derowegen in
-das nächste Haus und hätte die Thür hinter mir gern zugeschlagen, wann
-es nur eine gehabt, aber es mangelte deren sowol als der Fenster und
-des Stubenofens. Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus
-nachfolgen würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort nicht
-respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, sonder
-zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach hernach;
-dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andre Stiege
-hinauf nehmen muste. Und weil mich der Wolf sehen ließe, daß er auch
-Stiegen steigen konte so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in
-aller Eil, welches zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch
-ein Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich eilends die
-Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den Latten zu behelfen, auf
-welchen ich je länger je höher hinauf kletterte. Und als ich mich hoch
-genug daroben und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande,
-öffnete ich im Dach ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der
-Wolf die Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.«
-
-»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr Cameraden
-bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden stelleten, als ob
-sie einen Anschlag zu erstimmen[421] begriffen, wie sie mir beikommen
-möchten. Ich hingegen chargirte mit halben und ganzen Zieglen auf sie
-hinunter, konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte[422]
-oder starke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf
-den Pelz traf, so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder
-behielten mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die
-stockfinstere Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont
-bedeckte, mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten
-Schneeflocken gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang
-des Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich
-kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen konte.
-Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschröckliche
-Music an, daß ich vermeinte, ich müste von ihrem grausamen Geheul
-übers Dach herunter fallen. In Summa, es ist unmüglich zu glauben, was
-vor eine ellende Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher
-äußersten Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in
-was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der
-Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig währet, welche
-nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den schröcklichen Teufeln
-selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder gar in der Höllen, nicht
-nur in gemeiner Kälte, sonder in ewig brennendem Feur, nicht nur eine
-Nacht, in Hoffnung erlöst zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden.
-Diese Nacht war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte,
-es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete weder Hahnen
-krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft und erfroren dorten
-im rauhen Luft, daß ich gegen Tag all Augenblick vermeinte, ich müste
-herunter fallen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[406] =Erhaltung=, Gewinnung: nachdem die Schlacht gewonnen war.
-
-[407] =Fickmühle=, Zwickmühle, Stellung der Steine im
-Mühlenspiel, wo beim Aufziehen der Mühle eine andere geschlossen wird.
-
-[408] =Jacobiner=, englische Goldkronen.
-
-[409] =Umgicker=, das Wort kann ich nicht nachweisen.
-
-[410] =Une=, Unna, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hamm.
-
-[411] =Kammen=, Kamen, ebendaselbst.
-
-[412] =Werl=, ebend., Kreis Soest.
-
-[413] Vgl. »Simplicissimus«, Buch ~II~ und ~III~.
-
-[414] =Gülch=, Jülich.
-
-[415] =Lechnich=, Städtchen, Regierungsbezirk Köln, Kreis
-Euskirchen.
-
-[416] =Zons=, Städtchen, Reg. Düsseldorf, Kr. Neuß.
-
-[417] =Schorndorf=, Würtemb. Jaxtkreis, Stadt.
-
-[418] =Kirbereuter=, Kirchweihreiter.
-
-[419] =Balingen=, Oberamtsstadt in Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
-
-[420] =Villingen=, Stadt in Baden, Seekreis, an der Brigach.
-
-[421] =erstimmen=, (durch Abstimmung) berathen, entwerfen.
-
-[422] =satt=, genügend, wirksam.
-
-
-
-
-Das siebzehnte Capitel.
-
- Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner.
-
-
-»Ich erlebte zwar auf meinem Dach den lieben Tag wiederum, ich sahe
-aber drum nichts, daraus ich einige Hoffnung zu meiner Erlösung
-hätte schöpfen mögen, sonder hatte vielmehr Ursach, gleichsam gar
-zu verzagen, dann ich war müd, matt, schläferig und noch darzu
-auch hungerig. Ich beflisse mich sonderlich, mich des Schlafens zu
-enthalten, weil die geringste Einnickung der Anfang meines ewigen
-Schlafs gewesen wäre, sintemal ich alsdann entweder erfrieren oder über
-das Dach herunter purzlen müssen. Indessen bewachten mich die Wölfe
-noch immer fort, ob zwar bißweilen deren etliche die Stiege auf und ab
-spazierten. Nach denjenigen, die oben im Hause unterm Dach verblieben,
-warf ich zwar ohne Unterlaß mit Zieglen, ob ich sie vielleicht
-vertreiben möchte. Es nutzte mir aber zu nichts anders, als daß ich
-mich durch dasselbige Exercitium des Schlafs erwehrte und mir den
-Schatten oder eine Copei einer geringen Wärme in die Glieder schaffte.
-Und dergestalten brachte ich beinahe den ganzen Tag zu.«
-
-»Gegen Abend aber, da ich mich schier allbereit in mein gänzliches
-Verderben ergeben hatte, kamen fünf Kerl in sachtem Galop daher
-geritten, welchen ich gleich an Fertighaltung ihres Gewehrs ansahe,
-daß sie zu Recognoscirung des Dorfs vorhanden. Den letzten kante ich
-am Pferd, daß es ein Wachtmeister vom Sporckischen Regiment war, der
-mich gar wol kennet. Die erste wurden meiner von fernen gewahr und
-sahen mich anfänglich vor eine Schiltwacht und, da sie sich besser
-näherten, vor einen Bauren an, befahlen mir derowegen auch als einem
-Bauren, ich solte herunter steigen oder sie wolten mich herunter
-schießen. Als ich aber gedachten Wachtmeister mit Namen nennete, mich
-damit zu erkennen gab und darneben versicherte, daß in 24 Stunden kein
-vernünftige Seele im Dorf gewesen, sintemal ich so lange auf dem Dach
-Schiltwacht gehalten, erzählet ich ihnen auch zugleich mein Geschäfte
-und was vor Creaturen mich in meinem beschwerlichen Arrest hielten.
-Hierauf folgte gleich der Obriste Sporck selbsten mit einem starken
-Troupen, und als er meine Beschaffenheit vernahm, ließe er alsobalden
-zehen Reuter mit ihren Carbinern absteigen, in das Haus gehen und sonst
-das Haus umstellen, auch Schiltwachten außerhalb dem Dorf aufführen.
-Als nun jene ins Haus gestürmt, wurden 8 Wölf so erschossen als sonst
-niedergemacht, und im Keller fünf menschliche Körper gefunden, von
-welchen sie auch so gar etliche Gebein aufgefressen hatten. Vermög
-eines Gesteckmessers, eines Stahels, zweier Paßzedel und eines
-Wechselbriefs, der nach Ulm lautet, wie auch eines Gürtels, darinnen
-Ducaten vernähet waren, ist ein Metzger unter diesen gewesen, der die
-Donau hinunter gewolt, etliche Ungarochsen zu kaufen. Und ohne diese
-fünf Menschenköpfe fanden wir auch Aas von andern Thieren, also daß es
-in diesem Keller einer alten Schindgruben ähnlich sahe.«
-
-»Gedachter Obriste war mit 500 Pferden aus, um Rothweil zu erkundigen,
-was die Weimarische im Sinn hätten. Und da er solcher Gestalten von
-mir erfuhr, was des Rose Intention wäre, befahl er alsobalden in
-demselbigen Dorf zu füttern, das ist, den Pferden zu fressen zu geben,
-was jeder von kurzem Futter hinter sich führte, dann in demselbigen
-Dorf war nichts vorhanden, das die Pferde genießen konten, als das
-Stroh auf etlichen Dächern. Und alsdann fütterte auch ein jeder sich
-selbsten, mich aber des Obristen kalte Kuch, von deren mir mildiglich
-mitgetheilt wurde, als dessen ich damals auch trefflich vonnöthen.«
-
-»Der Obriste hielte die Begegnus mit den Wölfen vor ein gut Omen, noch
-ferners ein unverhoffte Beut zu erhalten. Er gedachte, auf Balingen zu
-gehen und mit Zuziehung unserer daselbst liegenden Dragoner dem Rosa
-einen Streich zu versetzen. Ich wurde auf ein Handpferd gesetzt, den
-richtigsten Weg zu weisen. Aber ehe wir gar zwo Stund in die Nacht
-marschiert hatten, kriegten wir Kundschaft, daß Rosa sich zwar bei
-Balingen sehen lassen, aber nicht der Meinung, die Dragoner auszuheben,
-sonder den Ort, den er vor leer gehalten, zu besetzen. Weil er aber
-zu spat kommen, hätte er sich in das Dorf Geislingen[423] logirt, um
-über Nacht daselbst liegen zu bleiben. Hierauf ändert der Obriste
-alsobalden seinen Anschlag und nahm seinen Weg gerad auf Geislingen
-zu, alwo wir auch unversehens um eilf Uhr ankamen und den Rose mit bei
-sich habenden vier Regimentern gar unsäuberlich aus dem ersten Schlaf
-weckten. Bei 300 Reutern setzten ins Dorf, die übrige aber hielten
-darvor haußen[424] und zündeten es an vier Orten an. Darauf wurden
-gleichsam in einem Augenblick diese vier Regimenter zerstöbert[425]
-und ruinirt. 200 wurden gefangen ohne die Officier, und sonst viel
-schöne Beuten gemacht. Und demnach ich von dem Obristen erhalten, daß
-ich auch in das Ort laufen und mich um eine Beut umschauen möchte, als
-durchschliche ich die Häuser zu äußerst am Dorf und zunächst an einem
-Ort, da es brante, und bekam drei schöne gesattelte Pferd mit aller
-Zugehör und einem Jungen, dessen Herr sich mitsamt dem Knecht entweder
-zu Fuß darvon gemacht oder sich sonst versteckt hatte, weil er das
-Niederbüchsen unserer im Feld haltenden Reuter geförchtet, als die
-gemeiniglich nur den Flüchtigen zu Pferd zusetzten.«
-
-»Des Morgens frühe ließe mich der Obriste mit meiner Beut wiederum nach
-Balingen reiten, unserm Commendanten und seinen Dragonern die Botschaft
-seines glücklich verrichten Einfalls zu bringen. Ich war willkommen,
-nicht allein wegen der Botschaft, die ich brachte, sonder auch wegen
-der guten Recommendationschreiben, die mir der Obriste beides meines
-Wolverhaltens und meiner ausgestandenen Gefahr halber mitgetheilt
-hatte. Der Commendant hatte mir ein Dutzet Thaler versprochen, wann ich
-zu meiner Wiederkunft die Botschaft recht ausgerichtet haben würde.
-Weil ich aber jetzt so wol heim kam, verehrte er mir deren zwei und
-machte mich noch drüberhin zu einem Corporal. Derowegen versilberte
-ich das eine Pferd und montirte mich und einen Knecht aus dem erlösten
-Geld desto stattlicher, machte auch abermal hohe Gedanken, ob ich
-nicht noch mit der Zeit ein Kerl von Aestimation abgeben wurde. Eben
-auf denselbigen Tag, daran ich so groß worden, gieng Rothweil an den
-Guebrian über, aber die Weimarische haben diese Stadt nicht viel länger
-behauptet, als biß die Tuttlinger Kirchmeß[426] gehalten worden,
-auf deren ich zwar wenig Beuten einkramen können, weil ich als ein
-Unteroffizier anders zu thun hatte. Dann nachdem solche vorüber, nahm
-sie unser General von Mercy mit Accord wieder hinweg; und weil ich
-damals auch etwas von der ausziehenden Bagage angepackt, wäre ich
-beinahe, wie andern Mausern mehr widerfuhr, harquebusirt oder wol gar
-als ein Corporal, der andern abwehren sollen, aufgehenkt worden, dafern
-mich mein gutes Pferd nicht beizeiten aus der Gefahr getragen und zehen
-Thaler, die ich den Nachjagenden spendirte, aus den Händen des Profosen
-und Steckenknechts errettet hätten.«
-
-»Gleich hierauf bekamen wir gute Winterquartier; und ob gleich
-Herr Corporal Springinsfeld anfänglich in denselbigen eine herbe
-Hauptkrankheit überstunde, also daß ihm auch kein Härlein Heu auf der
-obern Bühne übrig verbliebe, so schlug es ihme dannoch hernach so wol
-zu, daß er mitten im Krieg einen solchen fetten Kopf überkam, wie ein
-Dorfschultheiß mitten in Friedenszeiten.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[423] =Geislingen=, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt
-Balingen.
-
-[424] =haußen=, (hie außen) außerhalb.
-
-[425] =zerstöbern=, zerstreuen.
-
-[426] =Tuttlinger Kirchmeß=, der Ueberfall bei Tuttlingen,
-Stadt auf der Baar, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl.
-die Einleitung.
-
-
-
-
-Das achtzehnte Capitel.
-
- Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem
- Treffen vor Herbsthausen ergangen.
-
-
-»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy
-wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder
-holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das
-Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung
-der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große
-Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser
-folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit
-Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin
-über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert.
-Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc
-de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger
-auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und
-weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam
-als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie
-stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden,
-wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und
-wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der
-überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten
-geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben
-gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den
-andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren,
-daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander
-zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als
-wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns
-ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto
-tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit
-großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener
-aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.«
-
-»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds
-Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen
-wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein
-worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer
-Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret
-und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht,
-als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine
-Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen,
-es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler
-Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf
-wider eine Maur lauft.«
-
-»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig
-erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub
-umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen.
-Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim
-mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den
-ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern
-und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen
-Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo
-mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen
-hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich
-Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.«
-
-»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten
-an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz
-gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg,
-Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland
-wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum
-allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein
-Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann
-de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die
-Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier
-giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten
-und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An
-dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten
-Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und
-unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden.
-Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und
-weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher
-uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner
-klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war,
-so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und
-zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel
-geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich
-sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche
-Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel
-Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.«
-
-»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich
-kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste
-von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen
-vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt
-ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen,
-die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da
-empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu
-Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch
-beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder
-im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436]
-die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das
-Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich
-aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von
-Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu
-wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir
-uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein
-machen solte.«
-
-»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er
-ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen
-dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme
-Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in
-diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich
-geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig
-gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch
-den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse,
-daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser
-zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den
-ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein,
-daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu
-ertappen, beschädigen solte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[427] =Ueberlingen=, Baden, Seekreis am Bodensee.
-
-[428] =aufheben=, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache
-machen.
-
-[429] =sich erschnauben=, verschnaufen, zu Athem kommen.
-
-[430] =rumpeln=, rasch einfallen, vgl. überrumpeln.
-
-[431] =Bensheim=, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.
-
-[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt
-erschossen; ~Theat. Europ. V~, 581.
-
-[433] =Weinheim=, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.
-
-[434] =Schmeißen=, Schlagen.
-
-[435] =Jankau=, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen
-endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.
-
-[436] =Nagolt=, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in
-einem tiefen Thal gelegen.
-
-
-
-
-Das neunzehnte Capitel.
-
- Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium.
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-»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren ohne die
-Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß unsere Armee biß an die
-niederhessische Grenze hinunter gieng und Amöneburg[437] entsetzte, vor
-Kirchhain[438] sich vergeblich bemühete und dardurch in ein Wespennest
-stache, das ist, daß sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn
-verursachte; wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen
-muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund[439] mit
-andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner empfangenen Wunden
-curirn. Aber als sich unsere Armee mit einem Succurs von ungefähr
-fünfthalb tausend Mann, den ihr der Graf von Geleen[440] zugebracht,
-nach Heilbrunn zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen
-Fugger, Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste ich auch
-dort liegen bleiben.«
-
-»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und
-Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc d'Anguin
-zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und die Unserige zu
-erfolgen.[441] Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn wol liegen, aber
-Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches sie beschossen, mit
-stürmender Hand eingenommen und auf 600 Mann von uns darinnen so
-gefangen bekommen als niedergemacht haben. Daselbst seind sie über
-den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten
-Oerter, auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie
-unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bei
-Allerheim[442], warbei unser tapferer General-Feldmarschall von Mercy
-das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen sie Nördlingen[443] mit
-Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister von meinem Regiment, der
-mit 400 von unsern Dragonern und 200 Musquetierern in Dinkelspiel[444]
-lag, daß er sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad
-ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen[445],
-wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als wann es auch in dem
-Treffen gewesen wäre. Von dar giengen sie über Schwäbischen Hall[446]
-gegen uns los, weil es uns auch gelten solte, und fiengen an gegen
-uns zu agirn und sich zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren
-Ankunft vermerkten, als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16
-kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden sie
-wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, als
-wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten. Und ich kan
-auch nicht sehen, was sie diese theure Victori anders genutzt, als
-daß sie die Unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus
-dem Weg geraumet; dann sie wurden bis nach Philipsburg[447] verfolget
-und verloren alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir
-bekamen auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein Feldstück,
-ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft von ihnen, darvon
-sich die Teutsche alle unterstellen und also unsere Armee wieder
-verstärken musten. Folgends giengen wir wieder in unserem gewöhnlichen
-Gäu, das ist in Franken, im anspachischen und würtenbergischen Lande in
-die Winterquartier, die Kaiserlichen aber in Böhmen.«
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-»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer Armee in
-Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, denen daselbst befindlichen
-Schweden einen guten Streich zu versetzen. Weil es aber außer der Zeit
-und hierzu gar unbequem Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich
-selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders draus, als
-daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände
-kommen.«
-
-»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen den
-Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um sich zu greifen,
-seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen und durch die
-Wetterau biß zwischen Kirchhain und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da
-es zwar zu keiner Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte
-Völker an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich
-einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes Pferd samt
-60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil dann der Feind nicht
-schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain in seinem verschanzten und
-wol proviantirten Läger verbliebe, wir aber an Fourage Mangel litten,
-zogen wir uns zuruck in die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und
-Hessen, als die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein
-Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda[448] in Battalia, spielte
-mit Stücken zusammen[449] und sahen einander an wie zween zähnbleckende
-Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen. Endlich ließen
-sie uns gegen dem Camberger Grund[450] marschiern, sie aber giengen
-in vollen Sprüngen über den Main und der Donau zu und ließen uns das
-Nachsehen.«
-
-»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen,
-den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein und anders der
-Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns gleich Königsmark bei
-Schwabenhausen[451] zwackte, so seind wir jedoch noch in 800 Pferd
-stark in Augspurg angelangt, eben als sich die Schweden vergebliche
-Hoffnung gemacht, selbe Stadt in Güte einzubekommen. Gleich darauf
-kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns;
-worauf die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit mit
-Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. Und ich glaube auch,
-sie würden uns gewaltig heiß gemacht und endlich auch die Stadt gar
-überkommen haben, wann sich die Unserige nicht bald darvor präsentirt
-hätten; als welche sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt
-hatten und die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg
-schröckten.«
-
-»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten Dragonern liegen,
-biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, Schweden und Hessen einen halben
-Frieden oder wenigst (ich weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand
-der Waffen machte. Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr
-durch Fußvölker abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es um
-Denkendorf[452] herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.«
-
-»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste eine
-solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, mit
-ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen überzugehen[453],
-zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor welche sie bißhero so
-ritterlich gefochten, zu plündern, unter welchen vornehmlich mein
-Obrister auch gewesen, der doch ein Soldat von Fortun und zu seinem
-Stand durch seines großen Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert
-worden war. Er erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein
-schandlicher Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an einem
-aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, maßen ich ein
-Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao bei Passau gesehen. Andern
-wurde solches Unterfangen wegen ihrer hohen Verdienste und großer
-Aestimation nachgesehen, als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen
-auch ein Bessers meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt,
-weiß ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann sagen,
-wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen[454] aufgewartet,
-biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.«
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-FUSSNOTEN:
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-[437] =Amöneburg=, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kirchhain an der
-Ohm, Städtchen von 1600 Einwohnern.
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-[438] =Kirchhain=, Städtchen ebendaselbst.
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-[439] =Taubergrund=, Tauberthal.
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-[440] =Graf von Geleen= oder Gleen, vgl. die Einleitung.
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-[441] =erfolgen=, nachrücken, um jemand einzuholen.
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-[442] =Allerheim=, Dorf in Baiern, Landger. Nördlingen.
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-[443] =Nördlingen=, ebendaselbst, ehemals freie Reichsstadt, an der
-Eger.
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-[444] =Dinkelsbühl=, Stadt in Baiern, an der Wörnitz.
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-[445] =sich unterstellen müssen=, untergesteckt werden, um dem Feinde
-zu dienen.
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-[446] =Schwäbisch Hall=, Oberamtsstadt in Baiern, am Kocher.
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-[447] =Philippsburg=, ehemals Reichsfestung in Baden, an der Salzbach.
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-[448] =Nidda=, Nebenfluß des Mains, in Hessen-Darmstadt, mündet bei
-Höchst.
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-[449] =spielten zusammen=, d. h. miteinander.
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-[450] =Camberger Grund=, Thal bei Camberg am Emsbach.
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-[451] =Schwabenhausen=, es ist wol Schwabhausen im bairischen
-Bezirksamt Dachau; ein anderes liegt im Bezirksamt Landsberg: kleine
-Dörfer.
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-[452] =Denkendorf=, Dorf in Baiern, Landgericht Kipfenberg.
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-[453] Vgl. die Einleitung.
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-[454] =Dientlen=, Dirnen.
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-Das zwanzigste Capitel.
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- Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher
- Abdankung.
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-»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers alten Kriegs, wie
-etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr leuchten: Mercy war todt,
-Joan de Werth nicht mehr unser, und der Holzapfel, sonst Melander,
-den Schweden und Franzosen nicht so herb und handig[455] wie etwan
-zuvor den Kaiserischen, da er noch den Hessen dienete, wiewol der
-rechtschaffne Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns
-der Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien uns
-etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich wie eine
-Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz so viel als nichts
-bewegen ließen), wir solten nur eilen mit der Flucht, so wolten sie uns
-an Oerter jagen, alwo eine Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese
-haben errathen, was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen
-durch ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß unter den
-Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben Batzen, sonder auch sogar
-um eine verächtliche Pfeif Tabak hingegeben worden. Damals stund unser
-Sach liederlich; der von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen
-bringen, daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt
-werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den wehrlichen[456]
-Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom hinüber passieren,
-welchen zu überschreiten auch das Gegentheil erkühnete.«
-
-»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf und
-das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. Ich lag unter sieben
-doch schwachen Regimenten in Wasserburg[457], als beide Feindsarmeen
-suchten denselbigen Ort zu bezwingen und über besagten Fluß in das
-gegenüberliegende volle Land zu gehen, in welchem etliche steinalte
-Leute die Tag ihres Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen
-hatten. Weil aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war,
-etwas daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden
-Kugeln zusprachen, giengen sie auf Mühldorf[458] und wolten dort
-ins Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. Aber
-ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein kaiserliche
-Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd wurden und ihr
-Hauptquartier zu Pfarrkirchen[459] nahmen, alwo sie erstlich der Hunger
-und endlich die Pest zu besuchen anfieng, die sie auch endlich zwischen
-dem Tirolischen Gebürg und der Donau, zwischen dem Inn und der Iser
-hinaus getrieben, wann sie das Generalarmistitium, so dem volligen
-Frieden vorgieng, nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.«
-
-»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach Hilperstein[460],
-Heideck[461] und selbiger Orten herum gelegt, da sich ein artliches
-Spiel unter uns zugetragen; dann es fande sich ein Corporal, der
-wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was ihn vor eine Narrheit darzu
-angetrieben. Ein Musterschreiber[462], so allererst aus der Schul
-entloffen, war sein Secretarius, und also hatten auch andere von
-seinen Creaturen andere Officia und Aemter. Viel neigten sich zu ihm,
-sonderlich junge ohnerfarne Leut, und jagten die höchste Offizier zum
-theil von sich, oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen
-Gewalt. Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol
-gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. Und
-sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben zu einer
-andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann der Feind in der Nähe und
-man unserer beiseits[463] nöthig gewesen, ins Werk gesetzt worden wäre;
-dann unser Regiment war damals eins von den stärksten und vermochte
-eitel geübte wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder
-junge Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen worden.
-Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen nicht abstehen
-wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten Völkern,
-welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und Blutvergießung Meister wurden
-und den neuen Obristen viertheilen, oder besser zu sagen, fünftheilen
-(dann der Kopf kam auch sonder) und an vier Straßen auf Räder legen,
-18 ansehenliche Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil
-köpfen und zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment
-aber die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem Feldherrn
-wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor meinem Ende oder vor
-dem völligen Frieden aus einem Fourier zu einem Quartiermeister und
-das Regiment aus Dragonern zu Reutern gemacht, und dieses ist das
-Letzte, was ich dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori
-zu erzählen weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, zu
-welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen Jungen,
-auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld ohne die drei Monatsold
-vermöchte, die ich bei der Abdankung empfieng, dann ich hatte nun ein
-geraume Zeit hero kein Unglück gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also
-muste ich aufhören zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum
-besten. Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte,
-versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und begab mich
-mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, wie ich meinen Handel
-ferner anstellen, oder was mir sonst vor ein Glück zustehen möchte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[455] =handig=, hurtig, behende.
-
-[456] =wehrlich=, gut befestigt und vertheidigt.
-
-[457] =Wasserburg=, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.
-
-[458] =Mühldorf=, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern.
-
-[459] =Pfarrkirchen=, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts
-in Niederbaiern.
-
-[460] =Hilperstein=, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines
-Bezirksamts, Baiern.
-
-[461] =Heideck=, bei Hilpoltstein.
-
-[462] =Musterschreiber=, der die Musterrollen führt, in welche die
-Namen der Soldaten eingetragen werden.
-
-[463] =beiseits=, besonders.
-
-
-
-
-Das einundzwanzigste Capitel.
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- Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk
- er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein ehrlichen Abschied
- hinter der Thür[464].
-
-
-»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und traf zu bemeldtem
-Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, die war nit viel jünger,
-hatte auch nicht viel weniger Geld als ich. Und weil wir einander
-öfters bei der Armee gesehen, machten wir desto ehender Kundschaft
-mit einander. Sie merkte Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und
-dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht
-mit uns beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers
-nicht glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land zu
-Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt[465], und solches
-war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal ich alsdann
-die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, die mir am
-besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug
-aufschneiden, viel weniger genug beklagen, daß sie in ihrer Jugend
-gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seligen von denselbigen[466]
-hinweg geraubt und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider
-ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen kan,
-daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol als mir die erste
-Einnehmung der Festung Frankenthal[467] gedachte. Was darfs aber vieler
-Umstände? Wir machtens gar kurz mit einander und traten nicht allein
-mit der Heurathsabred, sonder auch mit der Copulation geschwind
-zusammen. Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß
-abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben
-solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas keine Hoffnung mehr
-war, alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut
-haben, ihren Sohn aber, den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich
-aussteuren solte. 100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu
-vermachen und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock
-dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar ein
-wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber darum weder
-Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich beinahe so viel zu
-bauen hatte, als wann ichs von neuem hätte angefangen. Das überstunde
-ich mit feiner Geduld und wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen
-hatt, getreulich an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven
-Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den
-Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger von Jerusalem
-hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen der schweren
-Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld[468] geben, da ich doch viel
-lieber noch länger Krieg haben mögen), nicht leichter, sonder viel
-schwerer wurde, vornehmlich darum, weil es damals viel reisende Leut
-gab, beides von Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die
-ihr Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich zu
-schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.«
-
-»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel mir
-trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs
-Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich auch nach
-und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine Sinne und Gedanken
-anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte. Ich wäre auch
-zeitlich zu einem reichen Mann worden, wann mich das Unglück nicht
-anderwärtlicher Weise geritten.«
-
-»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern Leuten
-beneidet und angefeindet, und das um so viel desto mehr, je mehr
-bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt wird; dahingegen die
-Freigebigkeit bei männiglich Gunst erwirbt, vornehmlich wann sie mit
-Demuth begleitet wird. Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als
-biß seine Würkung ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß
-meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge ein jeder
-an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche so häufig zufallen
-möchten, so gar daß auch etliche entblödeten zu gedenken, ich und mein
-Weib könte hexen. Und also gab ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und
-Lassen heimlich genaue Achtung. Unter andern war ein Erzfunk[469] an
-demselbigen Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener
-und fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol
-ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit einem
-Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei Nationen an
-selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die Quelle meiner Reichthum
-kommen und mir eins anmachen[470] möchten, und hierauf waren sie desto
-geflissener, weil bereits etliche deren Landsleute aufgewannet[471]
-hatten und verdorben waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart
-schicken können. Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die
-Umgelter[472] gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, eben
-als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte.
-Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, ich könte aus
-Wasser Wein machen, schütteten sie mir noch denselben Abend etwas von
-geschnittenen Stroh, das man den Pferden unter dem Habern zu füttern
-pflegt, in meinen Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag
-auch in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt.
-Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich eingelegt hatte,
-und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; und ob ich gleich
-schwören konte, daß ich von dieser Mixtur nichts gewust, dann mein
-Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dißmal so endlich[473] gewest,
-so half es doch nichts, sonder der Wein ward mir genommen und ich noch
-darzu um 1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen
-gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte und den Weg
-aller Welt gieng. Es wäre mir auch die Wirthschaft ferners zu treiben
-gar niedergelegt worden, wann desselbigen Orts ein andere solche
-ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer
-Wirthschaft geschickt hätte.«
-
-»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor Freunde und
-was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so veracht, daß kein ehrlicher
-Mann etwas mehr mit mir zu schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich
-mehr, und wann ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht
-gedankt. Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann etwan
-irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch nichts von meiner
-Kunst gehöret hatte. Solches alles war mir schwer zu ertragen, und weil
-ich ohnedas auch eine Kurzweil mit zweien Mägden angestellt hatte,
-welches in Bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so
-packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen ließe,
-setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, ich hätte
-meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu verrichten, nahm ich
-meinen Weg auf die rechte Hand der Donau zu, dem Grafen von Serin[474],
-der damal fast die ganze Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet,
-wider den Türken zu dienen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[464] =den Abschied hinter der Thür nehmen=, heimlich davon gehen.
-
-[465] die bairische Pfalz.
-
-[466] =von denselbigen=, nämlich von ihren Reichthümern.
-
-[467] =Frankenthal=, die Einnahme oder vielmehr die
-Belagerung geschah im Jahre 1621; vgl. oben S. 182.
-
-[468] =Friedengeld=, Abgaben, Steuern zu den Kosten der
-Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl.
-Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739.
-
-[469] =Funke=, =Fünkchen=, Schelm, verwegener Mensch.
-
-[470] =eins anmachen=, etwas anthun, zu Leide thun.
-
-[471] =aufgewannet.= Die übrigen Drucke haben »darauf gewohnet«.
-=Aufwannen=, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen oder
-verlieren.
-
-[472] =Umgelter=, Zolleinnehmer.
-
-[473] =endlich=, mhd. ~endelich~, anstellig, hurtig, fleißig,
-geschäftig.
-
-[474] =Graf von Serin=, vgl. die Einleitung.
-
-
-
-
-Das zweiundzwanzigste Capitel.
-
- Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung mit
- einer Leirerin.
-
-
-»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und erhalten, ohne
-daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen Kaiser selbst gedienet.
-Ich kam eben, als etliche freiwillige Franzosen sich eingefunden, ihrem
-König zu Gefallen wider die türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe
-Krieg gefiele mir nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch
-halbes Glück darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten
-oder den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen müste,
-daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert ich so mit
-und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen entweder meinen
-Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, verblieb aber allzeit in dem Pfad
-der Mittelmaß, und wann ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte,
-so hatte ich doch niemals weder das Glück noch die Witz[475] noch die
-Gelegenheit, solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. Und
-solcher Gestalt brachte ich mich durch[476] biß in die allerletzte
-Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich aber mein
-vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und unter demselben liegen
-verbleiben muste mit gesundem Leibe, biß beides Freund und Feind das
-Feld getheilt und sich etlichmal über mich hinüber geschwenkt hatten;
-da ich dann von den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle
-Kräfte meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten
-und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner Kleider beraubt
-worden, in denen ich etliche schöne Ducaten versteckt hatte.«
-
-»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, als wann
-ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein entzwei geschlagen worden
-wäre. Ich hatte nichts mehr an als das Hemd und konte weder gehen,
-sitzen noch stehen, und weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern
-und Beuten zu machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich
-lag, biß mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen
-Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, dort von
-jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen wurde, der mich hin
-und wieder mit seinem ~Oleum Bapolium~[477] schmirbte[478].«
-
-»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der
-Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren
-solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um
-einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals
-vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem
-ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem
-Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes
-Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in
-die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder
-zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß
-zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich
-auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch
-Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.«
-
-»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in
-Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk,
-das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der
-ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei
-welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige
-gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit
-Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.«
-
-»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit
-in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich
-zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und
-Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem
-Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen
-eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und
-nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte
-und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter
-Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession
-ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.«
-
-»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib
-bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half
-ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und
-Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug,
-und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen
-Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und
-was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe
-ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms
-schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren
-eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das
-ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder
-gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der
-Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir,
-daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte,
-sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks
-bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich,
-so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen
-noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines
-ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit
-verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs
-müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit
-seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben.
-Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten
-und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten,
-ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.«
-
-»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand
-Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482],
-Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483],
-Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler,
-Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte
-Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten,
-in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol
-auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste
-selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser
-eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre
-Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender
-Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol
-andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten
-nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich
-mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil
-dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»«
-
-»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul
-um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß
-Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde,
-verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen
-würden.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand.
-
-[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.
-
-[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen
-der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.
-
-[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren.
-
-[479] =gerade=, gerade gewachsen.
-
-[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt,
-heimatlos.
-
-[481] =in ihre=, zu ihrer.
-
-[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen
-sein Affenspiel treibt.
-
-[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht.
-
-[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner.
-
-
-
-
-Das dreiundzwanzigste Capitel.
-
- Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird
- Springinsfeld nacheinander wieder los.
-
-
-»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485]
-Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so
-verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach
-und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen
-wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu
-machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub
-zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und
-hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese
-ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu
-kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich
-auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die
-Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem
-Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes
-Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte
-mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen
-Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen
-den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin
-zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und
-gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht
-trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich
-etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt
-verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare
-Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern,
-das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen
-Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als
-ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit
-viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und
-Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487],
-darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich
-zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«
-
-»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens,
-das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen,
-alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter
-folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der
-älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein
-suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen
-vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur
-starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer
-Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen,
-weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein
-ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches
-reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte,
-auch besser zuschlug.«
-
-»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich
-auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich
-zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den
-Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und
-zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld
-nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im
-Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden
-Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken,
-was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch
-einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel-
-und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu
-vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so
-gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten
-oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491]
-liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte.
-Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet
-und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den
-Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe
-ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick
-verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in
-die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser,
-wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines
-Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte.
-Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte
-mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich
-selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«
-
-»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was
-ich habe.«
-
-»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden
-hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren
-Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie
-sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen
-Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im
-Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß
-ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten
-und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst
-um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir
-das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie
-wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit
-einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen
-hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein
-Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im
-Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte
-und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt,
-sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen.
-Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol
-fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«
-
-»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig
-verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch
-gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal
-von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch
-dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an
-Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er
-unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz
-gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod
-unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich
-und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer
-fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann
-einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden
-möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in
-meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich
-ehender das Nest verbrennen.«
-
-»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte
-sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt,
-du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch
-immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben
-zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines
-Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird,
-genießen sollest.«
-
-»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch
-in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir
-täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten,
-dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja,
-ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493]
-deine Mutter! &c.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[485] =grandig=, heftig, außerordentlich.
-
-[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen.
-
-[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es
-die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie
-träges Gähnen.
-
-[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette.
-
-[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig
-künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen
-will, stets vorbeisticht.
-
-[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen.
-
-[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig.
-
-[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der
-Bedeutung: sich packen.
-
-[493] =brühen=, necken, foppen.
-
-
-
-
-Das vierundzwanzigste Capitel.
-
- Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen
- angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder
- ein Soldat gegen dem Türken wird.
-
-
-»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte,
-schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch
-mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol,
-daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust
-vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt
-desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so
-gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen
-Schalmei und Geigen darin zu suchen.«
-
-»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich
-dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig
-und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben
-mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und
-da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut
-oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen
-mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und
-mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und
-dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären,
-durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und
-Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen
-und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man
-Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem
-Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«
-
-»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das
-schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin
-nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in
-Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus
-wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack
-steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs
-Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du
-dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest,
-daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest,
-um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal
-gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig
-vergessen mögest!«
-
-»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler
-vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten
-und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen
-mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine
-Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im
-Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem
-Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold
-und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter
-sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags
-befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs
-Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine
-Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib
-obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich
-keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn,
-Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas?
-Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen
-Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei,
-dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun
-reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn
-wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat
-ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden.
-Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe
-sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen.
-Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas
-anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als
-es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und
-wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler
-von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils
-ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn
-unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen
-befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der
-bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler
-wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist
-viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder
-leichtveränderlich wie Luna.«
-
-»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet
-gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich
-Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal
-und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da
-es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich
-unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem
-Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen,
-waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen
-gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit
-großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem
-Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch
-mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter
-der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal
-erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen
-zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie
-bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher,
-Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich
-diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang
-niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche
-und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen
-abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und
-nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr
-nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war,
-stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels
-dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der
-seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so
-muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder
-unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern
-und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der
-Armen Schweiß verschwendet.«
-
-»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage
-als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt.
-Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift
-zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein
-geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen
-Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und
-ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den
-Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die
-ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines
-solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu
-erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen
-pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan
-eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln
-vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder
-wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein
-zweischneidig Schwerd befunden habe.«
-
-»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet
-sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß
-wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen
-Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm
-darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich
-im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht
-so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als
-Nonnen gefunden würden &c.«
-
-»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder
-aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen
-als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts
-unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste,
-das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern
-und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501]
-trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte
-der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht
-jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel
-durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt,
-weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch
-gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen,
-kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich
-das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus
-Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die
-Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.«
-
-»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen
-gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe,
-da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute
-Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben
-springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß
-ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[494] =fast geistlich=: München.
-
-[495] =Das Bild auf der Säulen=, die Marianische Säule auf
-dem Schrannenplatz, von Kurfürst Maximilian ~I.~ zum Gedächtniß der
-Prager Schlacht 1638 errichtet.
-
-[496] =Salve= (~regina~), Gesang am Schluß des
-Abendgottesdienstes.
-
-[497] =Sol=, die Sonne, =Luna=, der Mond, als Zeichen der edeln
-Metalle.
-
-[498] =luck=, =lucker=, locker.
-
-[499] =Daus-Es.= Siehe oben S. 24.
-
-[500] =ungestiegelfritzt=, wie ungestriegelt.
-
-[501] =Pfisterei=, Klosterbäckerei (~pistorium~).
-
-[502] =Beck=, Bäcker.
-
-[503] =Agnus Dei=, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem
-das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht
-und deshalb natürlich wunderthätig.
-
-
-
-
-Das fünfundzwanzigste Capitel.
-
- Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in
- Teutschland kam.
-
-
-»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten und dannoch zu
-Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten, unsern Weg über
-den Zirlberg[504] auf Inspruck, folgends über den Brenner auf Trient
-und dann ferners nach Treviso, alwo wir alle ganz neu gekleidet und von
-dannen vollends nach Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem
-wir ein paar Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt
-wurden; in welchem ellendem Anblick[505] wir auch glücklich anlangten.
-Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel unter den Füßen
-wachsen, dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wiesen, was wir
-konten oder vermochten, unseren armseligen Steinhaufen beschützen zu
-helfen. Und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich
-drei Türken mit meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und
-gering ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, die
-armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute zu machen, war
-ferne von mir, weil wir sich gleich wieder heim retiriren musten. Den
-andern Tag gieng es noch toller her, und ich brachte auch zween Männer
-mehr als den vorigen um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht
-glaubte, daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann mich
-dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es oft bei uns
-auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres Lebens die, so Thaler
-hatten, beschützen, bewachen und noch darzu mit ihren arbeitsamen
-Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Ueberwindung
-erobern und ihnen noch drüberhin beides die Ehr, die Beut und die
-Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg
-oder Beglerbeg[506], viel weniger gar ein Bassa[507] unter denjenigen
-zu sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu setzen.
-Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den Troupen von solchem
-Stoff mehr gewesen seien als der Anführer vornen an der Spitzen.«
-
-»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, daß ich
-mitten in Candia der Schweden erkantliche[508] Manier loben muste, die
-ihre ohnedle[509] Soldaten, sie wären gleich fremder oder heimischer
-Nation gewesen, höcher als ihre edle und doch ohnkriegbare Landsleut
-ästimirt; wannenhero sie dann auch so großes Glück gehabt haben. Doch
-ließe ich mich ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen,
-was einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden wie
-ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich mich,
-auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe doch nichts
-anders darmit als bißweilen eine geringe Verehrung. Und als kaum der
-zehende Mann von denen mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen
-waren, wurde der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest
-seiner kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als wann
-sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder in die vorige
-Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.«
-
-»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen.
-Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und verrichtet hingegen
-selbst größere als Roßarbeit. Indem mich nun in solchem Zustand kein
-feindlicher Musquetenschuß fällen oder ein türkischer Säbel verwunden
-konte, sihe, so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minen so
-unbarmherzig an meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie
-Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel alsobalden biß
-über das Knie hinweg nehmen muste. Aber diß Unglück kam nicht allein,
-dann als ich dort lag als ein soldatischer Patient, mich an meinem
-Schaden curirn zu lassen, bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem
-großen Hauptwehe, warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln[510], als
-mein Liegerstatt mit Unlust[511] erfüllt wurde.«
-
-»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und Nieder Zeugnus
-gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auf
-solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparet, wiewol die
-Venetianer ihre Soldaten so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen,
-wann sie solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse[512] auch anderer
-ehrlicher Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie kein
-Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. Als nun
-solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte kaum einen oder
-zween, die ihr völlige Gesundheit entweder bißhero erhalten oder doch
-wieder erholet hatten, auf die Posten thun konten, sihe, da wurde
-es unversehens Friede, als wir beinahe in letzten Zügen lagen. Nach
-unserer Abführung, und nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer
-ausgestanden, langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von
-uns und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten mit
-Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, wurden in
-das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich behelfen muste, biß ich
-gleichwol wieder heil wurde und auf meinem hölzernen Bein herummer
-stelzen konte.«
-
-»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an
-Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann ich den redlichen
-Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. Hingegen wurde mir
-zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten eine Steuer zur Wegzehrung
-bettlen dorfte, und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten,
-die ich noch habe, weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron
-vor den Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen
-Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne das, sintemal
-wir fast alle, was übrig verblieben von uns, unsere Haar verloren
-hatten, sehr mager und ausgehungert und so schwarz aussahen wie die
-allerschwärzste Zigeuner. Weilen mir dann nun das Bettlen so wol
-zuschlug, trieb ichs fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland
-ankam, der Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit
-zu freuen[513], daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen
-guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; dann ich
-gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil sie selbst aus dem
-vornehmlichsten Stammen der Erzbettler entsprossen.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[504] =Zirlberg=, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.
-
-[505] der =ellende Anblick=, bezieht sich auf den »armseligen
-Steinhaufen«.
-
-[506] =Beg=, =Bei=, Herr, Titel höherer Beamten und
-vornehmer Fremden; =Beglerbeg=, =Beilerbei=, Titel der Statthalter,
-welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.
-
-[507] =Bassa=, Pascha.
-
-[508] =erkantlich=, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.
-
-[509] =ohnedel=, unadelich.
-
-[510] =Fabeln=, Fieberphantasien.
-
-[511] =Unlust=, Schmuz.
-
-[512] =genießen=, ~cum genet. pers.~, von jemand Hülfe erhalten.
-
-[513] =freuen=, ~trans.~ wie im Mhd., erfreuen.
-
-
-
-
-Das sechsundzwanzigste Capitel.
-
- Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich
- ihren Lohn bekommen habe.
-
-
-»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder
-antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514],
-Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung sie die meiste Zeit
-ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte
-aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch
-in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische
-Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen
-und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als
-ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig
-zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner
-Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf
-das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515] geplagt
-und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte,
-also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige
-wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von
-hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was
-ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder
-bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516] erzählen.«
-
-»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals,
-als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen
-Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen
-sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf
-dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel
-selbst verhängt[518] worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen
-die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem
-dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die
-Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts
-in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß
-sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger
-leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen
-wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer
-der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und
-andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches
-zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr
-nicht weit von hinnen Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch
-gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr
-herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt
-hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht
-Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen,
-darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer
-künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre
-Unwissenheit zu erkennen.«
-
-»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf
-einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des
-Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser
-war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher
-Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem
-Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde
-er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er
-vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals
-dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er
-sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an
-den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend
-gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber
-doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen,
-legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519]
-mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und
-zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um
-den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck,
-daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr
-bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor
-ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich
-stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu
-nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und
-sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß
-ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?«
-
-»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs
-Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein unadelicher
-Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer
-nähere.«
-
-»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein
-Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr
-allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt
-hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch
-um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen,
-was ich mit euch zu reden habe.«
-
-»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein
-teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden
-solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu
-ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.«
-
-»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott
-mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht,
-euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber
-bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter
-von Staufenberg[520] erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von
-meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß,
-es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl
-erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit
-diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor
-allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer
-Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang
-verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist!
-Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht
-allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu
-seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der
-reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber
-verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten
-Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit
-ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag
-haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch
-theilen wollen.«
-
-»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä
-als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen
-Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was
-ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab
-das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem
-Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten
-und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit
-Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls
-zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem
-Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn
-fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte,
-worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«
-
-»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der
-Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte
-mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen,
-da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und
-seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute.
-Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie
-sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß
-eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet
-worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin
-zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches
-sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe
-Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen,
-ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber
-verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem
-Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der
-Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte;
-worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche
-Hülf zu thun versprach.«
-
-»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit
-Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten
-und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet,
-niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch
-zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der
-Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«
-
-»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit
-einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht
-wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im
-Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von
-den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren,
-sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen
-demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn
-Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525].
-Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die
-vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung
-und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen
-sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken
-voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen
-eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock
-und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch
-verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«
-
-»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb
-aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar
-kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein
-Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20
-Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der
-Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie
-man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine
-österreichische Sprach gehabt.«
-
-FUSSNOTEN:
-
-[514] =Störer=, wie Storger, Störzer, Vagabund.
-
-[515] =visierlich=, possierlich, spaßhaft.
-
-[516] =ohnschwer=, ohne Beschwerde; wenn es ihm nicht zu viel Mühe
-mache.
-
-[517] =Pistor=, Klosterbäcker.
-
-[518] =verhängen=, erlauben, gestatten.
-
-[519] =Stück=, Zeug, Stoff.
-
-[520] =Melusine= und =Ritter von Staufenberg=, vgl. über die Sage
-und ihre Literatur die Einleitung.
-
-[521] =Heiligthum=, Heilthum, Reliquien von Heiligen.
-
-[522] =Meerfein=, (nicht fei) späterer Name für das alte
-~meerminne~. Vgl. ~merfeine~, ~wazzerfeine~. In Fischart's neuer
-Ausgabe des Stauffenbergers (Straßburg 1588) kommt diese Form noch vor:
-»Vorred von der Erscheinung der Merfinen und Familiargeister.«
-
-[523] =Jubilierer=, Juwelier.
-
-[524] =just=, von richtigem Feingehalt.
-
-[525] =spielt=, ~præt.~ zu spalten, wie im Mhd.
-
-
-
-
-Das siebenundzwanzigste Capitel.
-
- Endlicher Beschluß von des Springinsfelds seltzamen Lebenslauf.
-
-
-»Durch diese Erzählung erfuhr ich, was das wunderbarliche Vogelnestlein
-bei meinem Weib gewürkt, wie sie der Kützel ihres geilen Fleisches zur
-Ehebrecherin, zur Mörderin, mich selbst aber zu guter Letze zum Hahnrei
-gemacht, und sie endlich selbst in einen ellenden Tod ja gar ins Feur
-gebracht habe. Ich fragte den Wirth, ob sich sonst nichts weiters mit
-ihr zugetragen.«
-
-»Potz, antwortet er, das Beste und Notabelste hätte ich schier
-vergessen; es ist bei ihrem Tod einer von den Hellebardierern, ein
-junger frischer Kerl, mit Leib und Seel, Haut und Haar, Kleidern und
-allem hinweg kommen, daß bißher kein Mensch erfahren, wohin er geflogen
-oder gestoben sei. Und solches, sagt man, sei ihm widerfahren, als er
-sich gebuckt, ein Nastüchlein, welches auch zugleich verschwunden,
-aufzuheben, so diesem wunderbarlichen Weibsbilde zuständig gewesen.«
-
-»Ho ho, gedacht ich, jetzt weistu auch, daß dein Nestlein wieder
-einen andern Meister hat. Gott geb, daß es ihm besser als meinem Weib
-bekomme!«
-
-»Ich hätte den Leuten allen wol aus dem Traum helfen können, wann ich
-ihnen nur hätte die Wahrheit sagen wollen; aber ich schwieg still, und
-ließe dieselbige sich unter einander verwundern und disputirn, so lang
-sie wolten, betrachtet darneben, wie grob der Unwissenden Wahn betrüge,
-und was wol auf etliche wunderbarliche Historien zu halten, die weit
-anderst erzählt worden wären, wann die Scribenten den Grund recht
-gewust hätten.«
-
-»Nachdem ich nun solcher Gestalt ohnversehens erfahren, wo mein Weib
-hinkommen, schaffte ich mir wieder eine Geige und durchstelzte damit
-das Erzstift Salzburg, das ganze Baiern und Schwabenland, Franken und
-die Wetterau. Endlich kam ich durch die Unterpfalz hieher und suchte
-überall, wo mir mitleidige Leut etwas gaben. Ich bin auch so glückselig
-hierin, daß ich glaube, es spendire mir mancher etwas, der selbst nit
-den zehenden Theil so viel Geld hat als ich. Und weil ich sehe, daß von
-meinem Capital nichts abgehet, ich aber gleichwol einen als den andern
-Weg in aller Freiheit mein guts Maulfutter und auch zu Zeiten, wann
-ichs bedörftig, ein glatte Leirerin (denn gleich und gleich gesellt
-sich gern) zur Nothhelferin haben kan, so wiste[526] ich nicht, was
-mich bewegen solte, ein anders und seligers Leben zu verlangen. Ja ich
-wiste auch kein bessers für mich zu finden. Weistu aber, mein Simplice,
-mir ein anders und bessers zu weisen, so möchte ich deinen Rath gern
-hören und nach Gestaltsame der Sach demselben auch gern folgen.«
-
-»Ich wolte dir wünschen«, antwortet Simplicius, »du führtest hier
-zeitlich dein Leben, daß du das ewige nicht verlierest!«
-
-»O Münchspossen!« sagte Springinsfeld; »es ist nicht müglich, du bist
-seither in einem Kloster gestocken, oder hast im Sinn, in Bälde in eins
-zu schliefen[527], daß du immer wider dein alte Gewohnheit so albere
-Fratzen herfürbringst.«
-
-»Wann du nicht in Himmel wilst«, antwortet Simplicius, »so wird dich
-niemand hinein tragen; allein wäre mir lieber, du thätest auch wie ein
-Christenmensch und fiengest an zu gedenken an deine letzte Ding, welche
-zu erfahren du noch einen kurzen Sprung zu thun hast.«
-
-Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, und solches
-verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu schlafen, wie dann
-zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher Anmuthung[528] folgten wir und
-thäten die Augen zu, uns noch ein paar Stund innerlich zu beschauen,
-stunden auch nicht ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu
-etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. Als
-wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir Zeitung,
-daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch stark mit Eis gehe,
-so daß niemand weder herüber noch hinüber kommen könte. Derowegen
-resolvirte sich Simplicius, denselben Tag mit seinen Leuten noch in
-der Stadt zu verbleiben, in welcher Zeit er weder den Springinsfeld
-noch mich von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich
-dessen Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet,
-schriftlich aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde,
-daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. Und
-dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals wol
-bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er auf seinen Hof,
-bei ihm auszuwintern[529], betheuerte aber gegen mir gar hoch, daß er
-solches nicht seiner paar hundert Ducaten halber thu, sondern zu sehen,
-ob er ihn nicht auf den christlichen Weg eines gottseligen Lebens
-bringen möchte. Wie ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn
-der verwichne März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum
-in seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs und
-bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser abenteurliche
-Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhof, als er
-ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, sein letztes
-
-
- =Ende=.
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[526] =wiste=, wüßte.
-
-[527] =schliefen=, schlüpfen, kriechen.
-
-[528] =Anmuthung=, Anwandlung.
-
-[529] =auswintern=, durchwintern, den Winter hindurch bleiben.
-
-
-
-
- Anhang.
-
-
-
-
- Der erste
-
- Bärnhäuter,
-
- Nicht ohne sonderbare darunter
- verborgene lehrreiche Geheimnus,
-
- sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und
- sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal
- zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls)
- andern zum Exempel
- vorgestellet
-
- Samt ~Simplicissimi~ Gaukeltasche
-
- von
-
- ~Illiterato Ignorantio~, zugenant ~Idiota~.
-
- (=Holzschnitt=: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.)
-
- Gedruckt im Jahre 1670.
-
-
-
-
-Des ersten Bärnhäuters Bildnus.
-
-(=Holzschnitt=: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen den
-Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.)
-
-
- So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter,
- Den Namen ich bekam vons Bären Haut,
- Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut,
- Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider.
- So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen,
- So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen.
- Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut,
- Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit.
-
- ~f[530]. Prorursicutius[531].~
-
-FUSSNOTEN:
-
-[530] ~f.~, ~fecit~.
-
-[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein:
-~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein
-Bärnhäuter durch und durch.
-
-
-
-
-Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.
-
-
-Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter
-~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten
-Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen,
-diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin
-aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers
-auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus
-nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß
-Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch
-beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus
-dieser Name entsprungen:
-
-Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem
-türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher
-Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret.
-
-Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch
-kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu
-ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm
-ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder
-Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und
-sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und
-ihn endlich gar zu einem Herrn machen.
-
-»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche
-Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.«
-
-»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was
-du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.«
-
-Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen.
-»Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.«
-
-Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase,
-daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das
-Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte:
-
-»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen
-versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um
-Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige,
-wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine
-Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen,
-diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein
-Vatterunser beten.«
-
-»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein
-versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.«
-
-Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir
-zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern
-gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.«
-
-Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen,
-um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber
-eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir
-nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut
-begabt bist worden.«
-
-Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen
-Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner
-übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde
-Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.
-
-Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und
-wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher
-abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als
-einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde
-erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels
-seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter
-Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische
-Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer
-Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten
-eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller
-mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte
-Rübsamen hineinsäen können.
-
-Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der
-Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war,
-einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539];
-doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen
-und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder
-zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe
-thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords
-und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine
-sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich
-zusammen verbunden.
-
-Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen
-Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig.
-
-Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um
-die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er
-ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern
-eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast.
-
-Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch
-besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt
-kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös
-Geschrei bringen solten.
-
-In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß
-der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein
-wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und
-malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten
-Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains,
-Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und
-griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri,
-Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja
-sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der
-Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich
-verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese
-Gemälde selbst verfertigt.
-
-Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und
-seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm
-alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als
-seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß
-er Gelds vollauf hätte.
-
-Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch
-sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.«
-
-Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande
-sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er
-die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero
-auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541]
-wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er
-sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten
-verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die
-übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren,
-und die er bißher noch nicht gesehen.
-
-Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe
-aber fragte hinwiederum: wer sonst?
-
-Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die
-Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.«
-
-»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher
-vermeint.«
-
-Der Herr fragte: »Wer bist du?«
-
-Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein Soldat von
-Fortun[544], und hab mich neulich im Krieg wider den Türken brauchen
-lassen.«
-
-Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen war, fragte
-ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: »Ich habe drei
-Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch ihre Mutter ihrer
-Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander nicht kennet. Ich wil
-dich solche sehen lassen; wirst du nun wissen, welches die Aelteste,
-Mittlere und die Jüngste sei, so wil ich dir eine davon zum Weibe
-geben, welche du unter ihnen haben wilst; wo nicht, so solst du samt
-deinem Vermögen mir zum Eigenthum verfallen sein.«
-
-Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle Herr mit heim,
-ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen.
-
-Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: »Wisse,
-dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte und die
-Aelteste auf der linken, die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu
-stellen.«
-
-Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches die Erst, die
-Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum Weib begehrt, schwur der
-Herr alsobalden, er wolte seine Parole halten, wie es einem ehrlichen
-Cavalier gebühre, Gott geb was[545] die Mutter darzu sagte, und wie
-sich sein Kind darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für
-sich gehen lassen, ehe ein ander Gewirr[546] drein käme.
-
-Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere Geschäften vor,
-doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, und da er einen kostbaren
-Ring, der hierzu gemacht war, von einander geschraubt und ein Theil
-darvon seiner Braut gegeben hatte, gieng er seines Wegs.
-
-Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwarz
-und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich mit dem
-abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was halfs? Ihr Herr
-Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern gönneten ihr diese Heurath;
-sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter und erneuerten
-damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens,
-welches sie doch alles durch Geduld überwande.
-
-Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter in den Rhein
-ins Bad; er richtet[547] ihm seine Haar und beschor selbige samt dem
-garstigen Bart auf die neue Mode und zieret ihn dergestalt auf durch
-besondern Anstrich, daß er sich[548] dem schönsten Cavalier vergliche.
-
-»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere dich wie ein
-rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; ich wil meine Schätze
-aufthun, die ich hierum vergraben habe, und dir Gelds genug hierzu
-geben.«
-
-Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt kommen können,
-war er desto gehorsamer.
-
-Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen
-Kleidern und vielen Dienern in[549] Livree wie ein Großvezier, und da
-es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich wieder ein und sagte zu
-ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heurath«, und damit er desto
-reicher erscheinen konte, füllete er ihm beide Gutschenkisten voller
-Gold, welches er ihm beides zur Beschuldigung[550] und zum Heurathsgut
-mitgab.
-
-Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter voran,
-seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung seines Dienstes und Grußes
-anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier auf dem Weg begriffen wäre,
-ihme zuzusprechen und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit
-einem Wort, eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er
-anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte.
-
-Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber Gast sein
-würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen und wol empfangen,
-auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen
-die beide älteste Töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu
-gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt
-hatten.
-
-Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein Turteltäubchen,
-das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als eine Versprochene keine
-Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen Herrn zu bekommen,
-wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen höhnischen Blick
-und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben,
-welches ihr tief ins Herz geschnitten.
-
-Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen Golds das Jawort
-und unter den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam, zumalen
-noch jede von den ältesten Schwestern ihn zu bekommen festiglich
-verhoffte, offenbarte er sich der Jüngsten durch ein Stück des von
-einander geschraubten Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt.
-
-So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken hingegen
-jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen.
-
-Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was sie thäten,
-und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen Tochter Glück, daß
-sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, welche zugleich von
-Schamhaftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden,
-also daß sich die eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen
-stürzte.
-
-Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich erschiene: »Nun
-haben wir mit einander[551] ausgefischt[552]; du hast eine und ich zwo
-von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen
-Cavalier versagt.«
-
- * * * * *
-
-=Mein hochgeehrter und ~respective~ großgünstiger lieber Leser= nehme
-vor dißmal hiermit verlieb und urtheile aus dieser Erzählung, was er
-will; alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernach
-kommen.
-
-
- =Ende.=
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[532] =ausecken=, gründlich herausbringen.
-
-[533] =mir gedenkt=, ich erinnere mich.
-
-[534] =Hohenroth=; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein,
-so ist dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf
-des Namens liegt in Nassau, Amt Herborn.
-
-[535] Bekanntlich war es Bajazet ~I.~, der den König Sigismund bei
-Nikopolis schlug.
-
-[536] =Commiß=, alles, was den Soldaten geliefert wird.
-
-[537] =taug=, mhd. ~touc~, ~præteritopræs.~ zu tügen, taugen, passen,
-anstehen.
-
-[538] =Höllenzopf=, eigentlich =Hollenzopf=, verworrenes und
-verfilztes Haar, wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt,
-sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; Adelung, Wörterb. hat
-»Höllenzopf«, ~plica polonica~.
-
-[539] =auszahlen=, ~trans.~, gänzlich bezahlen.
-
-[540] =ausgeben=, vorgeben.
-
-[541] =mehrers zu=, wie: immer zu.
-
-[542] =künstlich=, kunstreich.
-
-[543] =weder=, als.
-
-[544] =Soldat von Fortun=, der seine Stellung sich selbst und nicht
-etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat.
-
-[545] =Gott geb was=, was auch.
-
-[546] =Gewirr=, Störung, Hinderniß.
-
-[547] =richten=, in Ordnung bringen.
-
-[548] Im Druck fehlt: sich.
-
-[549] =in= fehlt im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich«
-gehört zu »wie ein Großvezier« und nicht zu »Livree«.
-
-[550] =Beschuldigung=, wol Druckfehler für Besoldung.
-
-[551] =mit einander=, alle beide.
-
-[552] =ausfischen=, ~intrans.~ einen Fang thun.
-
-
-
-
- ~Simplicissimi~ wunderliche
-
- Gaukel-Tasche
-
- Allen Gauklern, Markschreiern,
- Spielleuten, in Summa allen denen
- nöthig und nützlich, die auf offenen Märkten
- gern einen Umstand herbei brächten, oder
- sonst eine Gesellschaft lustig zu machen
- haben.
-
- Verwunderlich und lustig zu sehen.
-
- (=Holzschnitt=: Ein Jäger mit Hunden.)
-
- Entworfen
-
- durch obigen Autorem.
-
- [Illustration]
-
- Gedruckt im Jahr 1670.
-
-
-
-
-Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, mit
-einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] abzuwehren;
-neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit Buckeln und ein Apfel.)
-
-
-Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen
-Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt ausgeben,
-aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt
-zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch Fabionen[553], noch
-Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder kurzweiligen Schalk
-vermocht[554], das Volk dardurch zu seinem Stand zu bringen, als hat er
-sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer Gaukeltaschen gebraucht, dem
-Volk daraus wahrgesagt, manche Kurzweil dardurch angerichtet und sich
-überaus wol darbei befunden. Als man ihn aber in die Karte gesehen,
-und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt[555] hatte,
-seind ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen[556], die auch
-nicht abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch
-herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpfe in
-ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen könten. ~Vale.~
-
-FUSSNOTEN:
-
-[553] =Fabionen=, Paviane.
-
-[554] =vermögen=, besitzen.
-
-[555] =ablegen=, niederlegen, aufgeben.
-
-[556] =angelegen sein=, wie anliegen, ersuchen, zureden.
-
-
-
-
-An die Umstehenden.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; links
-und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.)
-
-
- Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen,
- Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen!
- Er blättere herum, er suche hin und her,
- Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr,
-
- So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen,
- Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen,
- Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still,
- Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil.
-
-
-Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten werden sol.
-
-(=Holzschnitt=: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht eine
-Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, mit einem Prügel,
-den er in der Rechten hält.)
-
-
-Wann der Artifex seine Kunst weisen[557] will, so fasset er mit seinem
-rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter nach einander
-herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; ist dann irgend einer
-unter dem Umstand, der entweder gelehrt oder andächtig ist, so lässet
-er denselben in das zugethane Buch blasen, ergreift den Griff mit No.
-2 gezeichnet, laß die Blätter abermal herumschnellen, so sihet man
-sonst nichts als diese Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der,
-so hinein geblasen, sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann
-bläst er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der
-Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter dem
-Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen,
-folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem Reichen, daß er viel Geld
-habe; hernach bläset er selbst wieder durchs Buch und weiset dem
-Umstand mit No. 1 nur die weiße Blätter. Ist dann einer unter dem
-Haufen, der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein
-blasen und weise ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie
-einem solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe so
-wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es sei ein Soldat
-oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein solcher, der vor einen
-Helden gehalten sein wil, den lasse er ins Buch blasen und weise ihm
-vermittelst No. 5 lauter Wehr und Waffen und sage: diß ist ein Kerl,
-der Lust zum Krieg hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und
-weise durch No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder
-Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und weise ihm No.
-6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er selbst ins Buch und
-zeige ihm abermal nur weiße Blätter. Ist dann ein Jungfernknechtla bei
-der Gesellschaft, den lasse ins Buch blasen und zeige ihm durch No.
-7, daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine
-Anzeigung sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal
-wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur die weiße
-Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der gern spielt, den läßt
-er ins Buch blasen und weiset ihm hernach durch No. 8 die Karten, bläst
-hernach selbst wieder ins Buch und zeigt abermal nur weiße Blätter.
-Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so
-dumm nicht sein, daß er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder
-Alter abnehmen könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als
-die Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht hiermit
-procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen halten, viel
-weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. Gehab dich wol.
-
- (=Holzschnitt=: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem Ballen
- Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.)
-
-FUSSNOTEN:
-
-[557] Im Text als Druckfehler: »wissen«.
-
-
-
-
-Die Geizigen und
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher
- [kabbalistischer?] Zeichen. -- ~II.~ Avers und Revers einer Münze: 1.
- eine Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: ~Dante Deo et
- ordinum concordia~, 2. von einem Kranz umgeben: ~Fridericus elec.
- Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619~. ~III.~ darunter eine
- Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem Stern, der
- äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. Quer vor
- dem ersten Doppelkreise: ~ortas~ [~ortus~], zwischen dem ersten und
- zweiten: ~occas9~.)
-
-
- Du hast deine Lust am Geld,
- An den Thalern und Ducaten,
- Welche hoch acht alle Welt,
- Welche mir und dir nicht schaden.
- Doch halt gänzlich ich darvor,
- Daß der Geiz dich eingenommen;
- Laß nach, ich sag dirs ins Ohr,
- Du wirst sonst Unglück bekommen.
-
-
-
-
- Mauschals betreffend.
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Darunter links
- ein Jude, einen Kreis mit einem Punkt auf dem Mantel, rechts ein
- Hifthorn. -- ~III.~ Avers und Revers einer Münze: 1. Ein Engel hält ein
- Wappenschild, den Rautenkranz; Umschrift: ~mo: no: fratrum: ducum:
- saxoni:~ 2. ein Wappenschild, Löwe, Reichs-Adler, Längsbalken, Löwe,
- mit 4 Feldern ~Lantgrviorum. thur. et mar-mi.~)
-
-
- Karger Jud! Wiltu mehr Gold
- Auch aus meinem Buch erpressen,
- Das ich selbst gern haben wolt?
- Du komst mir vor sehr vermessen.
- Laß darvor die güldnen Stück
- Springen, die du eingeschlossen;
- Diese laß mir hier zurück,
- Sonst machst du mir schlimme Possen.
-
-
-
-
- Die Possenreißer und
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Eine Reihe Charaktere. -- ~II.~ Ein nackter Mann
- auf dem Rand einer Badewanne sitzend, der einen bekleideten Narren mit
- Kappe hineingezwängt; oben links und rechts je ein Ballen mit Stiel.)
-
-
- Du hast gewiß zu viel ein Sparren,
- Weil sich dir hier lauter Narren
- Unversehens stellen für;
- Doch getrost! In diesen Orden
- Sein schon viel geschrieben worden,
- Du bists nicht allein, glaub mir.
- Allenthalben sie herkommen,
- Du bist auch nicht ausgenommen.
-
-
-
-
- Schalksnarren betreffend.
-
- (=Holzschnitte=: ~I.~ Charaktere. -- ~II.~ Ein Narr in einer Straße,
- auf jeder Hand ein Rabe, drüber: grab, grab, grab. -- ~III.~
- Charaktere.)
-
-
- Willkommen, lieber Cammerad!
- Es ist ja vor dich nicht schad,
- Wann du dich gleich ließt einschreiben,
- Die Zeit mit uns zu vertreiben.
- Ei, betrachte uns doch recht,
- Lieber, unser groß Geschlecht,
- Du darfst dich ja gar nicht scheuen,
- Es wird dich niemals gereuen.
-
-
-
-
- Die Soldaten und
-
- (=Holzschnitt=: Zehn Zelte; in dem vordersten in der Mitte ein
- bekleidetes Weib, darüber: venus; aus einem andern Zelte rechts schaut
- ebenfalls eine weibliche Figur hervor, darüber: firbas[558]. Die
- übrigen Zelte sind bezeichnet [von links nach rechts]: ere, stet[559],
- gut, trüw, zucht, abenthür, liebe, scham. Der Stock sehr roh.)
-
-
- Du hast ein herzhaft Geblüte,
- Hörest nicht gern viel von Güte;
- Vor Musqueten und Cartaunen
- Pflegestu nicht zu erstaunen;
- Auf den Degen hältst du viel,
- Du liebst hoch des Martis Spiel.
- Halt dich wol, es kan sich schicken,
- Daß dir all dein[560] Thun mög glücken.
-
- FUSSNOTEN:
-
- [558] =firbas=, fürbaß, vorwärts.
-
- [559] =stet=, Standhaftigkeit.
-
- [560] =dein=, in den Ausgaben steht als Druckfehler =mein=.
-
-
-
-
- Kriegsgurgeln betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Allerhand Kriegswerkzeuge: Kanonen, Hand- und
- Faustrohr, ein Paar Pauken, Hieb- und Stoßwaffen. Ebenso roh wie der
- vorige Stock.)
-
-
- Du hast deine Freud in Waffen,
- Auf Musqueten, Puffen, Paffen
- Ist dein ganz Herz hingericht;
- Deine Hoffnung treugt dich nicht,
- Ich hab von dem Glück vernommen,
- Daß du werdest wol ankommen;
- Führ den Degen nur fein frisch,
- Daß der Feind dir nicht entwisch.
-
-
-
-
- Die Weinschläuch und
-
- (=Holzschnitt=: Bacchus auf einem Faß stehend, links ein Weinbauer,
- der in einem Tragkorb Trauben bringt, rechts ein Satyr mit einer
- Pfeife und ein Ziegenbock; oben links und rechts je ein runder Becher
- mit Buckeln.)
-
-
- Gott segn es, lieber Bruder!
- Thue mir bald Bescheid;
- Es ist wahrlich ein guter,
- Ich sing drein mit Herzensfreud.
- Wie ists? Wil der Wein nicht schmecken?
- Mir pflegt er Freud zu erwecken.
- Du gibst meinem Herzen Kraft,
- Ei du edler Rebensaft!
-
-
-
-
- Bierbrüder betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Mann und Frau hinter einem Tisch sitzend, die Frau
- trinkt aus einem großen Deckelkrug, der Mann aus einem Zwiebelglase,
- während ein Hund ein Huhn vom Teller stiehlt. Darunter ein kleines
- Trinkgeschirr und ein liegender Doppelbecher [oder eine Kanne?])
-
-
- Ich hab dirs gleich angemerket,
- Daß der Trunk dich trefflich stärket,
- Drum bring ich dir jetzt eins zu:
- Trink es aus biß auf den Grunde!
- Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde,
- Hast du doch drauf gute Ruh.
- Sie macht dir nichts mehr zu schaffen,
- Wann der Rausch ist ausgeschlafen.
-
-
-
-
- Die Courtisanen und
-
- (=Holzschnitt=: Ein reichgekleideter junger Mann mit einer Dame, die
- er um die Schulter faßt, rasch fortschreitend; neben ihm links ein
- Spielmann gehend, mit Pfeife und Handtrommel.)
-
-
- O du schöner Jungfernknecht!
- Du kommst jetzund eben recht,
- Es gibt was zu cortesiren;
- Ich will dich gar recht anführen.
- Aber sihe dich wol für,
- Daß dein Schatz dich nicht verführ,
- Sitzest du auf die Leimstangen,
- So bist plötzlich du gefangen.
-
-
-
-
- Jungfernknechte betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Ein Reiter zu Pferd, mit dem Hut in der linken Hand,
- reicht einer Dame zum Abschied die rechte.)
-
-
- Hat die Liebeskrankheit dich
- Ganz besessen gleich wie mich,
- Ei wol! Geh behutsam nur,
- Daß man nicht komm auf die Spur.
- Laß den Hasen ja nicht blicken,
- Du musts wissen zu verzwicken;
- Wilttu handeln recht gescheit,
- Ei, so gehe nicht so weit!
-
-
-
-
- Die Gaukler, Spitzbuben
-
- (=Holzschnitt=: Oben eine Karte, Eichelacht, an beiden Seiten
- Charaktere, darunter der untere Theil eines Stocks: ein Bauer verkauft
- einer Frau Eier aus einem Korbe. Hinter der Frau ein Knabe, der ihr
- einen Zopf abschneidet, links am äußersten Rand ein Mann, der mit dem
- Finger zeigt.)
-
-
- Trumpfen, letzten Stich, Pikieren,
- Bald gewinnen, bald verlieren,
- Ist dir ein gemeine Sach,
- Spessern[561], Quanzen[562] und Labeten[563]
- Half dir oft aus vielen Nöthen,
- Bracht dir auch oft Ungemach.
- Man schlug dich oft auf die Taschen,
- Wollen wir jetzunder paschen?[564]
-
- FUSSNOTEN:
-
- [561] =Spessern=, überbieten, mehr ansagen, entstanden aus dem noch
- gebräuchlichen »es bessern.«
-
- [562] =Quanzen=, wahrscheinlich ist gemeint: 15 auf die
- Partie haben, ~avoir quinze sur la partie~; daher der Name eines
- Spiels, wobei der erste, der 15 in der Karte hat, gewinnt, ~jouer au
- quinze~.
-
- [563] =Labeten=, durch Kaufen sein Spiel verlieren.
-
- [564] =paschen=, einen Pasch werfen, dann würfeln überhaupt.
-
-
-
-
- und Spieler betreffend.
-
- (=Holzschnitt=: Herzzehn, daneben Charaktere; unten: zwei Männer
- spielen Triktrak in einer Art Laube, auf viereckigen Steinen sitzend;
- auch das Triktrak steht auf einem solchen Stein.)
-
-
- Eichel, Schellen, Grün und Herz
- Bringen dir bald Freud, bald Schmerz.
- Bald gehts: Jetzt hab ich gewonnen;
- Bald heißts: Mein Geld ist zerronnen.
- Sags nur meiner Frauen nicht,
- Was hier bei dem Spiel geschicht,
- Sie möcht treten sonst ins Mittel
- Und mir lesen ein Capitel.
-
-
-
-
- Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.
-
-
- Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet,
- Besonders wenn ich oft ein simpeln Kerl ertappet.
- Versuch es auch einmal, gewiß, es reut dich nicht,
- Wann deine Kunst mit Maß zu rechter Zeit geschicht.
-
- Man lebt doch in der Welt, muß sehn, wie man sich nähret,
- Daß man der Hungersnoth und des Dursts sich erwehret.
- Wann in den Schranken bleibt der Lust, so ist es gut,
- So machstu, daß man dir stets alles Gutes thut.
-
-
- Ende.
-
- (=Holzschnitt=: Eine Dame spielt die Orgel [eine Heilige Cäcilia?].
- Ein Knabe, rechts hinter der Orgel stehend, bewegt mit den Händen zwei
- Blasbälge.)
-
- Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
- gesperrter Text markiert durch = ... =
- Antiqua-Text markiert durch ~ ... ~
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.
- Viele Wörter stammen aus deutschen Dialekten und wurden entsprechend
- beibehalten.
- Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend
- geändert.
- 'n mit Makron' wurde durch '[=n]' ersetzt.
- Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Simplicianische Schriften, Erster
-Theil (von 2), by Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIMPLICIANISCHE SCHRIFTEN ***
-
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