diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52478-0.txt | 5294 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52478-0.zip | bin | 130035 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52478-h.zip | bin | 266027 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52478-h/52478-h.htm | 7359 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52478-h/images/cover.jpg | bin | 127113 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52478-h/images/signet.png | bin | 1145 -> 0 bytes |
9 files changed, 17 insertions, 12653 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..c3fec20 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #52478 (https://www.gutenberg.org/ebooks/52478) diff --git a/old/52478-0.txt b/old/52478-0.txt deleted file mode 100644 index 227b0a7..0000000 --- a/old/52478-0.txt +++ /dev/null @@ -1,5294 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Novellen um Claudia - -Author: Arnold Zweig - -Release Date: July 2, 2016 [EBook #52478] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Buches. - - - - -[Illustration] - - - - - Die Novellen - um Claudia - - Ein Roman - von - Arnold Zweig - - Kurt Wolff Verlag - Leipzig - - - - -+Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage+ - - -Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar - - - - -Abschnitte: - - - I. Das Postpaket 7 - - II. Das dreizehnte Blatt 55 - - III. Der Stern 95 - - IV. Das Album 147 - - V. Die keusche Nacht 191 - - VI. Die Passion 223 - - VII. Die Sonatine 263 - - - - -Das Postpaket - - -»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia mit tiefer und sanfter -Stimme, als er sich eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die -Garderobe abzunehmen, »das hat James bereits getan«; und wirklich -näherte sich ihnen der livrierte noch junge Diener in gelbgrauem Rock -und weißen Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten -Abendmantel und den dünnen Schals seiner Herrin. Doktor Rohme stand -in Überzieher und hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz -widerhallenden Vorraum. Noch immer fühlte er unter allen Erregungen -dieser kunsterfüllten Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend, -eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt hatte, zehnmal -widerrufen und dennoch nicht aus dem Tatwerden gedrängt; und während -Claudia sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien, die Geübtheit -verrieten, einhüllen ließ, grübelte er, verkniffenen Mundes und mit -abseits träumenden Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden -gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene bittere Wallung des -Nicht-mehr-Ertragens, die ihn gestern überfallen und heute hierher -gestoßen hatte, wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er hatte, -von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes Götz erst geblättert, -dann mit Entsetzen gelesen, und Weislingens Schwanken zwischen dieser -und jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten ins Gesicht -getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung gegen sich stieg ihm in -den Hals dafür, daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen -hatte, Entscheidung und Klarheit in seine Beziehungen zu diesem Mädchen -zu bringen, das er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut zum -Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich, nach der ruhig befreundeten -Art ihres Benehmens, wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für -sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich; er kam sich beschmutzt -vor, besudelte fast auch sie -- so hatte er sich die Qual dieser -Vorstellung verordnet, und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute abend -alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen, auf die Gefahr hin, -für immer entlassen und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden: das -war's, was nottat, und das war unlöslich beschlossen. - -Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd aus dem weißen Seidenstoff -hervorlächelte, legte sie ohne ein Wort ihren Arm in den des -befreundeten Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit sie den Weg -andeutete, scheinbar von ihm zu dem bekannten blauen Automobil der -Eggeling führen, das James bereits hergewinkt hatte und das inmitten -der vielen Leute, die aus den Portalen herausdrängten, wie eine Bestie -toste. Er fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung, die ihm -wiederum grundlos schien, und hätte sich am liebsten verabschiedet, -aber das ging ja nicht an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug -verschwand, ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu Gelegenheit -gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen. Der Chauffeur fuhr an, -kaum daß er sich hatte setzen können; so fiel er beinahe in das -Lederpolster zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen Mundes, -das ihn unglücklich gemacht hätte. Aber das schöne blasse Gesicht -blieb in stiller Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre -Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken an, und er fand sich -wieder in der durchdringend süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen -voll verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen. Einen Augenblick -lang schwirrte das leichte Rauschen und Erzittern des hastenden -Fahrzeugs durch die Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem -eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang war umsonst gefallen; -noch klirrten Rüstungen zu geschwungenen Gebärden und einer männlich -herben und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz von Berlichingen -gespielt, wie um zwei großen Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre -Kunst an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die strömende Genialität -des älteren den wenig zerlegten Ritter in einem reichen Zuge schuf -und lebte, während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich nervösen -und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen Weislingen als einem -heutigen Menschen nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten und -Betonungen eindringlich und modern zu dem ähnlich gearteten Publikum -gesprochen hatten. Das Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen -herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem Genuß in -die Seelen gedrungen und sprang am Schluß mit einem Außersich von -Beifall prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne. - -Während dies schon vage Erinnern in ihm zitterte, quälte er sich -unausgesetzt, ein Mittel ausfindig zu machen, einen Weg, der, ohne -bei ihr Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner Lage zu reden --- wobei sie wohl nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund -abweisend schmal gemacht hätte -- ihm gestattete, seine innere -Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh, so bin ich, nun entscheide -dich ... Aber das war schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich -begann Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit zu fragen: »Eine -eigentümliche Aufführung, Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen, -jedoch nicht schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen als -etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen und erwiderte hoch, ein -wenig umschleiert, in leicht vortragender Weise: »Eigentümlich, -gewiß. Unzeitgemäß, aber modern, wird man urteilen können. Ob Goethe -seinen Weislingen so gesehen hat?« Sie lächelte halb: »Denken Sie an -Weislingen? ich an den Götz ... Ihre Frage behalte ich aber bei: ob er -den Götz so gesehen hat?« Er nahm die Brille ab und rieb sie mit einem -weißen Tuche, während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht, Fräulein -Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf Götz ankommt. Die Leute, die -mit uns heute abend beide sahen, werden vermutlich von dem anderen -mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten. Er ist einer von -ihnen ... von uns. Dieser Götz +kann+ noch in Goethes Sphäre gehören --- ob dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig. Für Goethes -Zeit war sicherlich selbst ein so beeinflußbarer und« -- er stockte -ein wenig, überwand und gab dem folgenden Wort einen starken Nachdruck --- »unmännlicher Mensch etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen -blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter Bitterkeit. - -Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was aus seinem Ton -hervorging; auch hatte sie das starke Empfinden wohl bemerkt, mit -dem der lang Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen hatte, -solange das Spiel gegangen war; aber da sie diese sonst willkommene -Erörterung zu verschieben wünschte, bis die Sachlage vertraulicher und -beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden uns darüber streiten -müssen, ich bin gar nicht Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen -Weislingen verdammen.« - -»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne, denn ...« - -»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt sich aber, mein Herr -Philosoph, der »unmännliche Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch -Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten zu verbannen; -aber ganz vergeblich, denn er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er -sich ... Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle Eigenschaften -besitzt, die Mannheit zu konstituieren, nicht wahr? und zwar in -höchstem Maße besitzt. Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab, -und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß Männlichkeit nicht -mehr da ist. Trotzdem geht er als Mann spazieren.« - -Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve plötzlich eine Hauptstraße. -Nach wildem Holpern auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf -dem Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und zu fliegen, hinein -in eine von milchigem und rötlichem Licht erregend strahlende Luft. -Das Leuchten erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße eindringend, -plötzlich den kleinen hastenden Raum und hob die beiden Gesichter grell -in eine Art intensiverer Gegenwart. - -Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft auf das Thema ein, wie -immer unfähig, sich Gedachtem zu verschließen: »Skizzieren Sie den -Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie sich diese Analyse -wohl zu seinen eigenen Eigenschaften verhalten werde ... - -»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen vor den gleitenden -Lichtern beschattend. »Wir können bei Götz bleiben, denn Götz ist -sehr Mann. Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt ist: Güte, -Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch Weislingen kann gütig sein, aus -Schwäche. Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare ...« - -Sie sprach: »Und die Frau?« - -»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht wahr? gebiert. Der -Mann aber bringt hervor. Er hat die Kraft des Zusammensehens, er -schafft, indem er neu sieht ... Weislingen erblickt das Neue hinterher -und versteht es, er sieht ein. Niemals baut er Brücken zwischen -Getrenntem und sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es dabei -Schwierigkeiten gibt ... Götz nimmt die Dinge fragmentarisch, als -Vielheiten, die einer Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht vor -ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen Ding oder Zustand blind -hingibt und sich beständig verliert.« - -Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. Erst war ihr, als -rede er irgendwie von sich, Ungünstiges. War nicht er vor allem -einsichtig? Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie typisch -männlich Handelnde, die ihm verwandter sein mußten? Warum gerade Götz, -sein Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen zögernden Sätzen -klang etwas Inspiriertes mit, und sie lauschte mehr als dem Inhalt der -Worte diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam sich Lösendes -gab, etwas Rührendes. Doch war ihr für diese Stimmung das Gesagte -zu wichtig, und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder auf. -Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut Ihnen Unrecht, dazu haben -Sie ihn geformt; aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich glaube, -Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. Nun, davon nachher; ich Barbar -habe jetzt nichts als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, daß -auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, wenn Sie uns so spät noch -Gesellschaft leisten wollten.« - -Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem Gegenstand, der ihn so -nahe anging, in einem Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen -Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. Ein Gefühl von Glück -- -noch eine Stunde mit ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; er -wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich auf ihn als gern begrüßten -Gast sah, oder ob das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim ihn -über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher und lächerlicher Besuch -hinwegblendete. Er sagte leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir -... aber ich weiß nicht ... ich hatte den Entschluß fassen wollen, -nicht mehr so häufig bei Ihnen zu sein ...« Ein beizender Haß gegen -sich und eine augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe -explodierte in seiner Brust: das hatte ganz anders geformt und gesagt -werden müssen -- nun klang alles falsch. - -Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem lauten tiefsingenden Ton. Es -lag darin die Stärke und Weisheit eines großen Tieres, das seines Weges -gewiß ist und Schwächeren nicht schaden will. Manchmal antworteten -andere Wagen, hell und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig -oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. Zu beiden Seiten lag -Schwärze, aus der einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; man hatte -fast ohne Übergang die Stadt verlassen und schoß auf der nächtlichen -Asphaltstraße, die sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer -emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort zu. Claudia wandte ihm -ihr Gesicht wieder zu: »Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch -mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder etwas wegnahm. Sie erriet -ihn ungefähr, und als Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein: -wie reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch sein! Wenn er sich -nur nicht so quälte ... - -Er wischte mit der Hand über die Stirn und murmelte: »Sie wissen, wie -sehr Sie unrecht haben, Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so -oft und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich etwas freier, »daß -ich nicht begreife, wie Sie und Ihre Frau Mutter ... Sie wissen doch, -ich bin nun einmal kein Elegant ... Sie haben so viel Nachsicht für -mich ...« Er konnte alsbald nicht weiter, denn sie lachte ihr helles, -reizendes Gelächter eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber -hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. Er sollte sich -nicht beschämen und, nicht einmal harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte -schnell den Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber wofür denn? -Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen und weder Tee noch Wein auf -das Tischtuch gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? Unbedingt ... -»Aber ich könnte es jeden Augenblick tun, ich bewundere mich selbst in -diesem Augenblick,« lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr wohl, sie -entführte das Gespräch in eine Sphäre voll leichter Luft ohne Schwüle. - -»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein könnte. Sie machen sich -überhaupt zu viele Gedanken über sich, ich finde, man muß darin maßvoll -bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden Ton an, der ihn -mit körperlicher Süße durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie -sehr, sehr, allzusehr! -- Aber vielleicht mochte man ihn hier wirklich -leiden, fand ihn erträglich, sah ihn gern? Er fragte fast froh: »Ihre -Frau Mutter hat also auf mich gezählt?« - -»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte ich Ihnen nicht einen Platz -in unserer Loge angeboten? Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den -Entschluß hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« Sie -wußte gut, daß ihm der Klang des Spottes in ihrer Stimme angenehm und -verständlich sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit -einer Konversation herzustellen, und er ging darauf ein. Er schüttelte -vergnügt den Kopf, so daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in -die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte Stirn, deren Haut -viele Sommersprossen zeigte; er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart -durch die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren Spottes wieder auf, -indem er ihn gegen sich kehrte: - -»Sie haben also gegen mich recht behalten. Während ich mich ankleidete, -habe ich mir bewiesen, und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen, -was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich ja doch nicht in Ihrer Loge -zeigen.« - -»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« sagte sie strafend. Sie schien -ihn ruhig zuhörend anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn -und prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr fort: »Ich -wollte mir, da ich endlich am Theater war, an der Kasse nämlich, einen -Parkettsitz kaufen, aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er sollte -nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt nicht, und half zu -nichts, denn am Ende stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen -und aus sich selbst holen mußte. - -»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen grauen Augen blickten heute -zweifellos besonders matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze -und Logen. Das ging beides nicht, das erste mochte ich nicht und -das zweite konnte ich nicht, denn ich dachte, es wäre beinahe eine -Beleidigung.« - -»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte es Ihnen nie verziehen.« Sie -mahnte sich: gib bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen. Kannst -du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? Sie widersetzte sich: -natürlich! ... Ehrlich? nein. Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich, -nach Hause zu gehen.« - -»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach schon wieder Licht -durch die Fenster ein, man war bereits im Ort. Dann wurde sein Glas -undurchsichtig und seine Augen verschwanden. Es war fast unhöflich, -so einsilbig dazusitzen und im Innersten abwesend zu sein; freilich -weilte auch ihre Unaufmerksamkeit bei ihm ... Wenn er davon wüßte! Es -war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: »Aber nun entdeckte ich, -während ich zwei- oder dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich -schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt hatte, diesen Abend -im Theater und ... mit Ihnen zu verbringen und spürte die Macht des -tyrannischen Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an Leute, die -hineinwollten, während es keiner Seele einfiel, hinauszugehen. Da ließ -ich mich denn tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht wußte, -und während ich ausschließlich dachte, daß ich doch hinauswollte, nach -Hause. Wenn ich selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich -peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich vielleicht doch noch auf die -Straße gefunden hätte, aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf, -und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich schon begonnen. -Aber die Hand gaben Sie mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte -den Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer Seele erfaßt und -konnte sogar antworten: »Und warum nicht? Sie störten ja niemand. Es -ist hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen -- wie sagt der -Engländer geschmackvoll? ›~stalls~‹ sagt er, Ställe. Sie machen Theater -und Konzerte möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind wir. -Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer konnte man sich bewegen -und hatte Resonanz, Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem -Beisammen und Gespräch ... Das Automobil fuhr mit einer knirschenden -Kurve durch das Gartengitter und vor das Tor der Villa. Der Diener -öffnete, es war noch kühl und der Atem dampfte. - -Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten Zimmer umher und -dachte nach, gesellschaftsmäßig angekleidet, schwarz, mit breiter -schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er kannte hier jedes Möbel -und jedes Bild, obwohl er für neuere Bilder nicht gerade maßloße -Begeisterung zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich sog jeden -Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er dachte an Claudia und bewegte -aufgeregt die Lippen, als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte -sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte er bei ihr, so war -ihm wohl ums Herz und er dachte dann wenigstens nicht an sie. Freilich -mußte er sich oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. Erst -hatte er alles dem Hause zugerechnet, den schönen Zimmern, in denen man -zu dreien, dann zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer -Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die Tochter ihn lockte und -festhielt, die Tochter. Kannte er seine Pflicht? Fort mußte er, fort -auf der Stelle und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? Er -konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger Dozent mit winzigen -Einnahmen, in Fachkreisen genannt wegen einer polemischen Zerlegung des -Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, Claudia Eggeling, hatte, -wie man sagte, unbändig viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war -ganz unmöglich ... es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehen, -unwiderruflich zu gehen, sofort. Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine -Gründe sagen: Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, aber ...« -Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, er hatte vorhin wieder einmal -nur an sich gedacht, wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse -Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten konnte. Sein Denken -zeigte sich heute stupid und gründlich albern. - -Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder einmal zu bestätigen, -daß es für ihn, Walter Rohme, lächerlich und hoffnungslos blieb, eine -Frau zu suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, gefärbt wie -ein Kupferkessel, und sommersprossig überdies -- sein Aussehen war -einfach komisch: und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung den -da hinter dem Glase, den er hemmungslos hätte schlagen können -- das -gewohnte und vertraute Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen und -Schnurrbart, dick und buschig überhängend, dem Eindrucke eines Piraten -nahe; einem Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, weil -die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, grau hinter den dicken -Gläsern der zerbrechlichen Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich -blaß und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch klang und dünn, das -Kinn allzuzart geformt schien und die Stirn übertrieben nachdenklich. -Ja, dieser Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu guterletzt -noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen linkischer und ungewandter -Art verfügte, nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es stets -bleiben würde. Und das untersteht sich und ist Ich, stöhnte es in ihm. -Nie im Leben war er sich so unerträglich gewesen wie eben jetzt ... -Claudia hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr wenig an eines -Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis und Absalom seien vermutlich dumm -gewesen -- aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn ja kaum, -wenn sie auch ziemlich klug war. Wie sollte sie wohl dazu gelangen, -ihn so tief zu erraten, wie er von ihr Wissen in sich trug ... Nur -das Leiden um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. Er -ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. Denn er konnte -nicht von sich reden, und wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham -und Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, wen er vorhin -verdammte, als er den Berlichingen zum Typus Mann erhob -- wie hätte -sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, durfte er nicht bei ihr -bleiben, und wenn sie ihn sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie -wohl einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal war, und daß -bei Dingen des täglichen Lebens oft die letzte Stimme seiner Ratgeber -seine Handlungen regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, wie? und -würde er vielleicht nicht in allem ihres Willens sein? Ganz gewiß: -und dann ergab sich in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst -lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig, ein Abscheu ... -Sie nannte ihn Freund, nun gut, sie lasen gewisse philosophische -Bücher zusammen, sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam -Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins Schauspielhaus -oder in die Oper -- damit war nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte -entschlossen, sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen -und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch jüngst, als ihre -Mutter sich verspätete? »Ich bin pünktlich und verlange Pünktlichkeit. -Unzuverlässige Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige -Menschen sind ihr ein Greuel ... Das Herz klopfte ihm im Halse, -und seine Hände verkrampften sich: er war verurteilt, und bebende -Verzweiflung machte ihn zittern. - -So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine Seele mit der heillosen -Psychologie. - -»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, sie hat sich bereits -zurückgezogen,« sagte Claudia hinter ihm. Sie hatte in der kurzen -Wartezeit jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er sehr liebte, -das am Hals und an den Ärmeln graugrün besetzte. Das war die Gestalt, -ihm bis in seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte Wesen -mit ruhigen Bewegungen und den klugen schnellen Augen, deren braune -Iris die Seidenfarbe des Kleides enthielt und beseelte, während das -tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen glänzte. Ihre Nase bog -sich kühn und fein zugleich: oh, eine Römerin von Grund auf mit der -gleitenden Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, diese liebte er -- -und sie, die er aufzugeben hatte. - -»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß -er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu -Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das -leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt, -Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, -damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit ...« Das Mädchen -ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die -Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser, -Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben -wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er -zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr. - -Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das -schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs -und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und -milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war -gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen, -war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt -mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in -einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen -Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan -und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An -diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander -gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und -heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung -mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid -- er aber noch immer -ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz, -mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht -erinnernd ... Sie aßen beide in Emsigkeit -- die späte Stunde, die in -dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich -mit Hunger -- und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich -zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein -ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge, -daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein -Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden -... Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und -ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche -Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte -- sie glaubte, er -sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre -sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! -Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er -tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer -von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so -niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und -maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus -der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine -Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer -ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden -Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand -in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt -werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse -und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich; -weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer -Einfalt grotesk wirken ... Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg -- aber -seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein, -kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin -der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere -- und was -Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen -triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!« --- Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des -Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für -ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten -Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und -sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald -nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal -- und ihn -schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht -zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung. - -Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen, -ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen. -Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch -persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie -vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf -einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie -merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen -das öfters vor, dieses ... Schwanken, oder haben Sie es als etwas -Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, -solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr. -Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie -ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über -die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine -Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und -vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens, -das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif -und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte? -Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam, -gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn -erkennen und alles würde zu Ende sein. - -»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? -- Nehmen Sie Tee oder -Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich -täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend -aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl -zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos -quälen. - -»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr -langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen, -aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher -nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust -genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte. - -»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein -und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er -verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß -aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von -Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer: - -»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel, -dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer -und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende -Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und -Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen -leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern. - -»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich -daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein -Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern -- man durfte nichts tun, als -ihnen zusehen ... Er schreckte auf und antwortete: - -»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens -ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste, -gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht -alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste -sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde, -wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die -liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket, -fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen -die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine -Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger -Pergamentband,« -- er lächelte ein wenig -- »Sie wissen, Descartes; -drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten, -einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute -wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte, -aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es. - -»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?« - -»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht -schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der -Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er -wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu -machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen -schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also -empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und -begab mich damit zur Eilfracht.« - -»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe -träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben -Büchern so sorglich umging -- wie gut würde es erst eine ... ein -geliebter Mensch in seiner Nähe haben ... und sie errötete verwirrt. - -»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das -machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der -Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig, -denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man -bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es -besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis, -denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des -Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn -ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein -Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche -Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir -schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« -Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend -wünschte ... - -»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich -solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend -kindlich. - -»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging -nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie -solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine -fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm. -Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte -mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles -noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem. - -»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er -lachte, sah er aus wie ein Junge. - -»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber -einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar -jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und -dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.« - -»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« -- Die Erkenntnis, -die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, -sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich -verloren. - -»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich -umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren -und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun, -es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, -dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas -nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens -freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen -und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem -Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie, -der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und -eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich -mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich, -ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da -brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am -Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen -Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen -zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme -klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es: - -»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?« - -»Ja, das dachte ich auch. -- Nun, wenn ich bitten darf, noch eine -Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die -Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was, -weiß ich nicht mehr.« - -Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von -ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. -Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte -Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen -noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin -dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von -Porzellan und Linnen ... und ist jetzt ein schlimmer Anblick ... Da -stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich -schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere -Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?« - -Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein -Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in -den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles -nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis -in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames, -vielleicht mehr als sie wußten -- sollte er nicht auch davon reden, wie -sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er -damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen -und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat -stürzen würde -- sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine -Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn +gesehen+ hatte, konnte -sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn -verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht. - -Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit -orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie -auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und -zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte -beharrlich und mahnend. »Ich bitte ... Sie ziehen die Zigarre vor;« und -Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich -soll ich nicht rauchen ... danke, da ist Feuer. Wo hielt ich ... Wenn -Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.« -Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren -aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese -Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf -dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden -Schleier von Rauch. - -»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen -kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war -fertig, in der Tat, es war fertig -- und es zitterte einen Moment lang -in ihm nach: fertig. - -»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf -- halt, ich -weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -- und erschrak vor -einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der -Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr. -Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen -eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen -zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine -Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen, -um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu -zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines -Jackett, ein Jockeymützchen -- wenig, wenig. Ich hatte schon ein -ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte -mich entschließen, zurückzugehen --« - -»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein -- - -»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag -Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet -hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei -wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls -schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut -hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, -denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von -Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen -aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute -nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben -hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, -morgen. - -»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des -kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer. -Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber -Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber -als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen -Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er -von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm -ihm den Atem. Er sah sie an, -- sie dachte: um sie zu einer Äußerung -zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß -seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum -Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit -auf. - -»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen. -Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben, -davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin, -schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden. -Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen, -überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz -nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen -ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden. -~Personne.~ Ich rief -- umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von -Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so -sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt. -Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber -ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu -erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen. -Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und -sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme: - -»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre -und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das -Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf -ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen: - -»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr -auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags -nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg -auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof. -Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich -wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und -um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich -war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.« - -Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr -Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: -eigentlich macht er davon viel Aufhebens. - -»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen: - -»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf -den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben -stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie -ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es -abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne -aufzusehen. - -»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß -er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte -auf den Tisch: - -»Was denken Sie also, das ich getan habe?« - -»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«, -entgegnete sie ohne Zaudern. - -»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug -es zur Post.« - -Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück: - -»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr -die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie. - -»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich, -wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu -heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte -noch einmal: »Ja.« - -Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank -wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben -Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte -ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche -läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr -pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der -rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt -er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er -sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes -Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu -glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts -sie kränke und verstöre -- warum zeigte er sich ihr heute so hilflos, -so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein -Verurteilter und rührte sich nicht ... Und sie begriff. Ein Blitz schoß -auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz -lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem -Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer -verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen -Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand -und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die -feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter -Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen -- -erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem -brennenden langen erlösten Kusse. - -»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen -für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch -immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen -Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig, -wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört -hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich. - - - - -Das dreizehnte Blatt - - -»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit -deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine -zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, -wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, -und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten -Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber -abgegeben hatte. - -Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit -zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht -doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas -Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem -Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, -und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die -einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet, -und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt -durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit wieder gut zu -machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken. - -Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand -den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig -zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein -einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des -Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den -Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in -einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und -goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende -Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten -überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins -von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie -glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht -mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem -man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch neben -einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren. -Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den -strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die -niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden -Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender -Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt. -Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus -ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie -die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig ... Man ist doch -sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt -man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund -gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch -nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür -bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand -plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit -segnend geweiteten Armen über einem Kranze von Menschen schwebend, die -sich nackt lieben. - -Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich -radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste -jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit -einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der -Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene -Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen -Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, -hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung -- und -von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, -wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten; -und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die -Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer -da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie -ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen hat die -Erinnerung längst aufgesogen -- streng und ungeheuerlich irgendwie ... -Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer -als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen -bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur -seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel -wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, -und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen -Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen -Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln. - -Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen -Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte. -Ich erzählte, -- denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste -an mir nicht entgeht, -- und wir sprachen bald von der anderen frühen -Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen -Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen -Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün und Schwarz, das in -Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu -altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen -wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch -der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß -er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf -offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht -mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz -augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich -hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja -nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen --- denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal -von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch -zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch -heißt -- als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich -erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen -und schwarzgrünen Kranz der Wälder und den See darbot, tiefblau, -langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen -schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See, -ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem -hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen -leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz -beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen -halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns -erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der -kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth. - -Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung -der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus -freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes -Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er -war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie -aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur hin spottsüchtig -abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich -auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit -einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn -sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt -war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus -der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips, -von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin -blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft -von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die -seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab, -und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, -lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem -leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe -- um wieviel -reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! -- ließen wir uns, Walter -und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das -ganz von einem weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte -geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen -feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher -- -und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen -Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte -er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen, -geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen -und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein -bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend -wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, -doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich -für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner -Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk -zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein -Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich -gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet, unverworren und -logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin -ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah -fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen, -wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus -nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit -dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier -befand. Die schön gebundenen Bände von Taines ~Origines de la France -contemporaine~, die Walter -- was kann ein Gelehrter besseres geben -als Wissen in Anmut? -- ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der -Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat. - -Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl -die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die -mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend -und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit; -aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann -- ich habe solche -Bekanntschaften -- ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der -Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt -zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft, -teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und -dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das -kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind -sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit -verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen -und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich ... -Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an -und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte -- aber staunen ist schwach -gesagt --. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer -Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich, -daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit -gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und -Oberflächen sprach, die die ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren -Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das -Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch -hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch, -zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern, -aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu -sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und -Formfreude daran wendete ... Ich hielt natürlich an mich; auch fand -ich, er müsse irgendwie gereizt sein -- und plötzlich sagte ihm Walter, -daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber -er erregt sei? - -Ich stimmte vorsichtig zu. - -Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk -stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und -überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt, -denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern -leben, unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?« - -Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf -den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die -schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich -sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese -Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und -lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich -fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht -gar schon hervor ... Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu -Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben -wartet Ihrer noch!« - -Liebling! dachte ich ... Und erschrak, wie der andere fast zornig -entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht -reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder -Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen -und aus solchen Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine -Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft, -Lieber, wollen wir aus der Rede lassen -- zumal mich, Sie sehen -ja, das Vergangene nicht freigibt« ... Er sprach nicht viel lauter -als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen -gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern -zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte -überlenken, ihn mißverstehen -- dann wird er dich für eine Pute halten -und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in -bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß -die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge -gedacht -- wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir, -nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe --- Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter -stimmte eifrig bei. Half es? -- Wenn ich das Folgende hätte ahnen -können, ich hätte um keinen Preis oder Schatz von diesen Blättern -gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und -sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte -- ich mochte -ihn nicht so nahe haben -- - -»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals -und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht -das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es -erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres -Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein -Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben -geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und -bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und -gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke -stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer -fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich -ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner -Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses -Bild.« -- Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber -das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde -über mich kommen zu lassen -- eine dieser beschämenden Stunden voller -Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen -hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen -schaudern -- kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort -so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam -mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich -wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. -Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling, -die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: -»Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten, -es ziemte sich, ich wollte es -- aber was geschah? Wider meinen Willen -redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend -zerfraß -- aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her -wie ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen -seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus -einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den -Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner -Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm -seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er -mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zu -+sehen+ beginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine -Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des -Mädchens ... Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich -und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die -ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und -Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des -Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter -an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen, -die einander durch Tücher zu küssen suchen; und die Entblößung des -Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von -Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und ...« Aber -das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser -gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und -am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen -und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend, -die sich nackt lieben!« -- »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen -Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen ...« und indem er Walter -bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte -- -»vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal -- zog -er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß -wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere -Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf -- was wird denn? er -ist doch nicht etwa toll? -- und einen kurzen geweißten Gang entlang. -Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit hellen -Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte, -im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein -schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt -und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude -auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden -See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken -und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und -legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom -Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen -Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des -Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den -selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt -er uns das jetzt und so ... außer sich? Das dachte ich, beugte mich -näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht -der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen -Wundmale der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn -ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die -die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen -Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er -war Gottes Sohn. - -»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die -uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein -ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er -sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit -den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die -Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh -verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten -wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung -und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen -vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben -überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starr auf -das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.« -»Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war -unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn? -Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte -noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende -Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel -hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir -an das Pult gelehnt empfand: - -»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze, -in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in -einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich -gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen -mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. -Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn -er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule -auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die -Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren -war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer -zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus -und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und, -in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das -in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf -Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak, -übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle -Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente. -Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen -Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler, -wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn -das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht -wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus -- unsereiner aber -ist übel dran. Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen -Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel, -ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag -oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die -Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen -Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den -Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.« - -Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor -dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter -Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche -Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen -darzustellen -- und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht -herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden, -was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel -Widerwillen ... und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur, -mein Herr, dachte ich, mich für meine Person entdecken Sie nicht -... Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen -verhielten? -- Er sprach weiter: - -»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers -und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den -Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen -hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich -stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, -die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und -für die ich mich mit Reue und Qual strafte -- alles das war nichts -Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an -den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber -ich -- und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? -- ich -war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und -durch die Hand zum Pinsel führte; +ich+ dachte, +ich+ fühlte, +ich+ -stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was -von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen -darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, -soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt -gelingt, wie man von Raffael sagt -- ich habe Bedenken dagegen, ich -glaube nicht daran, in Klammern -- in der Mitte quält sich unsereins -und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir -gegeben: +ich+ wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte -ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo -auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege -vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: -mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, -mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées -- natürlich -nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend -- wo man anlangt, -gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener -Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten -Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten -Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das -Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen -Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen -zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen -wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs -fertige Entwürfe« -- wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß -und Mühe! -- »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne -Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine -Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche -Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht -signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches -Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und -Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz -durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war -mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus -der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. -Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu -Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und -den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines -Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot -sich, mir zum Druck zu verhelfen -- denn die Presse und dergleichen -konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines -Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und -hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: -da hatte ich etwas +gemacht+.« - -Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem -gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß -ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. -Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft -einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine -Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig, -Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich -mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in -irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen -Stimme: - -»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen -Kunstverlegers ~Dr.~ Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches -Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, -sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm -vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich -verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; -druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus -und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und -jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung -- -es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes -Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. -Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt -- ich genoß diese -Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle -gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte -ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann -fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle -oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich -fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es -ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« -Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir -einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen -könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur -ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« -- er lachte kurz und scharf -- -»empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte -ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das -Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und -nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem -Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und -verstärkt brannte -- er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen -eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von -vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle -keineswegs vonnöten. - -Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; -als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der -Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht -- nur nicht -für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, -abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen -und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster -vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines -Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber -schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: -bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der -Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des -Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke, -stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben -hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um -die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem -Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, -nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die -Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden -Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre -war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn -- eine Wahrheit: die -Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst -dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts -gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es -ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht -verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, -meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig -zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele -haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer -Lächerlichkeit bedeute. - -Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese -Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« -Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser -Niedrigkeit ... - -Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und -eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr -Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er -mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, -mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme -Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, -dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, -ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und -Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen -waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht« -empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den -Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen -- und als -ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, -da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit -Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich -hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt -vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher -verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des -Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia. - -Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis -- ich war ihm doch zu Danke -verpflichtet, nicht wahr -- zärtlich wie einen Abschied; langsam, -eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber -Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm -- es sei zu gut geworden -und ich sollte es verkaufen -- und sich mit den Studien dafür begnügte. - -Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, -verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und -meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen -hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber -ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen -Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst -gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst -auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und -ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender -eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.« - -Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf -- ein Erlöstsein -ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war -endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und -schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die -man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne -Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend -erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was -hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe -Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes -Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war -schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites -lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren -Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer. - -Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter -Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, -ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. -Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um -unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet -unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. -Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen -schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja -tot! Und dann begriff ich -- man brauchte wirklich Zeit, sich an das -Licht zu gewöhnen -- vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine -Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich -hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor -Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche -Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die -Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an ... Ich -stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann -bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte -sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme: - -»Die erste Studie zu dem Porträt -- Sie wissen. Trauriges Ende, ja. --- Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte -Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging -mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem -blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm: - -»Der arme Mensch. Was er gelitten hat --« - -»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« ... Aber ich dachte -an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler. - -»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.« - -Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber -nicht immer, nicht über alles ... und ich liebe dich dennoch ... Aber -schweigen wir von Oswald -- es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise -bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war -eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte -nicht mehr, was er eben gesagt hatte. - -»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher. - -»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke -deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet ... -Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum nicht zu berichtigen. Es -hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich -fragte zaghaft, mädchenhaft: - -»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?« - -»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?« - -»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch -ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen, -mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.« -Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und -nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen -wollte, das mochte ich nicht sagen. - -»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er -sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, -bist lasterhaft gerecht --« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige -auch niemand mit Innenleben -- nicht einmal dich.« - -Er legte lächelnd seine Hand auf die meine: »Dafür ist er ein Künstler -und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.« - -»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen, -was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.« - -»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig, -du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.« - - - - -Der Stern - - -Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf -dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders -tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate ~e-moll~ in -tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, -langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein -Stückchen Nacht, das beinah spricht -- von Trostlosigkeit spricht, -hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die -zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte -Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise -an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem -Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und -Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende -Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer ... Aber -alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den -vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk -gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen -- bis an -einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel -alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das -nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt ... -Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern -von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf -rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter -Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund ... ich erinnere -mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo -mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn -du sie nicht mit mir teiltest ... Vier waren wir -- zwei fielen ab; -du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete -und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. -Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war -schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des +anderen+ -Reichs ... Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an -jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den -blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel -setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die -Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage -und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, -viel erdrückender ... Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand -steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen. - -Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, -beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle -erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren -Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich -richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus -Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den -Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen -durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; -aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt -und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und -Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt -mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht -geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich -hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres -wieder vollständigen Trios -- Sirmisch war lange in Südfrankreich -herumgewandert -- ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; -drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben -so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, -der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat -nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« -fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder -entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth -hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl -geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, -und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, -die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der -Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von -seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich -wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia -gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein -Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt ... - -Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und -hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter -Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt -es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der -Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, -am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, -ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen -schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und -verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen -frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens -kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten -und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief -wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme -für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst -harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt. - -Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt -mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher -Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, -Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich -die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und -in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem -Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der -Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt -die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster -des Divans -- da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen -hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen -als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die -Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke -lehnt: - -»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, -so ist eine Ehefrau die Ursache +davon+ geworden, eine Hausfrau, ein -sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton -ab. - -»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz -einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst -über diese Abwehr. Ich habe, +was+ er sagte, noch nicht aufgenommen, -plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine -Brust. - -Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich -befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe -jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und -doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein -Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem -Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich -damit nicht zufrieden geben kann -- er hat ja erst vor Wochen von dem -Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst -empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung --- aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den -neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und -weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung -fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen -und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal -schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht. - -»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz -und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers -rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute ... Das da« -- er schlägt die -Handfläche auf die Notenseite -- »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir -haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine -Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie -- gnädige Frau!« Seine Stimme -zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder ... es geht -mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab ... Um so ruhiger klingt -die Antwort -- und ich weiß, warum ich das bewundere. - -»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich -fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte -Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden -und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz -aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; -und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor ... daß diese Dame ihm -nicht im geringsten zugetan war.« - -Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und -mich schüttelt's. - -»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? -Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch -wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es -um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! -Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das -beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um -schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil -er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er -liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde --- sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat -diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht -wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger -gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den -Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls -Notiz genommen hätte ... Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann -nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses -Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend -- nein, gnädige -Frau, daß einer wie Oswald Saach um +so eine+ fortgehen mußte ... das -ist ein bißchen widerlich ...« - -Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas -bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten -gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des -Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns -gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle -- ich gewiß --, an -die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen -auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht -um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; +wenn+ es um Freundschaft -geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein -unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der -einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, -wie Frau Eggeling -- ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? -- -die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen -öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -- da geschieht das -Überraschende. - -»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das +ertrage+ ich nicht -länger!« - -Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? -Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und -Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen -Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie -ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue -ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem -Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum -ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage -ich mich -- +was+ ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem -Erschrecken gleicht -- übrigens ist es wirklich Schreck -- und jede -andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit -Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war -von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend ... Aber ehe sie die -Lichter ausblies, habe ich, -- und erst jetzt wird es mir bewußt, -- im -Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen -geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen -Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie -fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede: - -»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch -nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich -im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor -allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth -fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz -gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie -forschend ansieht: - -»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten -Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter -brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich -auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, -obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus -dem Dunkel: - -»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. -Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen -Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der -Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich -heute fast verpflichtet.« - -Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth -hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am -liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf -wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn -sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem -nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum -nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond -steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die -einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem -Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität -am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort -und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das -schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder -zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt -sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe -ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander -Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt -mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die -Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein -Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser -Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief -innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend -- ein unheimliches Auge, -das Claudia ansieht. - -»Zeit oder nicht, gnädige Frau -- was können wir vorläufig sagen? Wenn -Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und -bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm -kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem -befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst -unerklärlichen Leidenschaft -- und jetzt schon, in diesem Augenblicke, -der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich -ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir -die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges -hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes -hineinsagt: - -»Ich habe nichts mehr zu reden.« -- Es ist für meine Ohren ein -feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf -zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, -unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es -um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. -Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich -etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht -an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die -weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr -abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich -beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker -zu lösen und sich -- irre ich nicht? -- Mühe gibt, den kleinen Finger -dabei nicht abzuspreizen: - -»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden -nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben -sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« -Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem -Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen -feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis -eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die -imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr -Beschützer sein ... dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig -und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie -sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts -flüchten konnte? Jagen lassen -- wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr -von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte -Landschaft besonnt und blumig gesehen habe ... Finden sich da -- ich -frage nicht sehr kalt, meiner Treu -- Abgründe, Dickichte und schwarze -Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines -Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen? - -»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die -Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr ...« Sie -blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann -die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs -Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen -hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? -Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten -Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast -physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton -- -mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es -ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel -Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus -- dennoch bewegt ihr -Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen -Sanftmut des sicheren Mannes: - -»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich -verweigern, wenn Sie so bitten ... aber ich sitze hier nicht in eigner -Sache.« - -Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt ... Sie hat ein lebhaftes -Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht -zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich -zurecht. - -Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung -und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber -wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich -werde doch hoffentlich?) - -Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt -das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal -- dann tritt sie wortlos nach -hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch -einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, -Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel -verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen -mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch: - -»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur -halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber -einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er -hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches -zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. -Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive -Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; -ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte -das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf -eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte -und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung -für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von -unten gekommen war.« - -Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig -harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten -sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes -Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein -Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue -Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher -Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem -Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall -der Worte, begeistert, empört, befehlend -- immer glühend und gleichsam -emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, -dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte -... Unterdes höre ich Claudia: - -»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, -innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, -daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er -wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und -außerdem verliebte er sich in mich.« -- In mir klappt etwas zu: eine -Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; -mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben -sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? -- -»Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, -»ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen -jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu -gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft -in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich -meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die -braunen Kastanienblätter, daß es zischte -- und die Augen immer am -Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den -geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man -einen Menschen seiner Art nicht lieben +könne+, daß man ihn als Zugabe -hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach -nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, -daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen -bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst -seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen -und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein -Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, -und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, -schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und -nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er -ließ mich solche Sonaten +erleben+, nur er schuf sie gleichsam noch -einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, -den glühenden Anlauf +und+ die vollendete Einsicht: und wenn er gar -einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich +hörte+ die -brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, -gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer -dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, -die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. -Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem -sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -- es kann vielleicht, für -gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben ...« - -Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton -kalt, zu kalt: - -»Habt ihr noch nicht genug davon?« - -Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; -dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme -an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und -aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. -Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen -nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche -aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, -hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein -roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, -Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem -Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich -bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten -Minuten ... klang ihre Stimme -- ihre Mutter kennt sie nicht besser -als ich -- nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich -Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre -Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört ... Ich kann mich -irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber -vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, -die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur -für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten -hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und -Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn -es gibt Liebe, die nur Stunden währt -- und einiges Rätselhafte wäre -gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer -mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du -guter Gott -- ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß -eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, -es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, -und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen -zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: -du hörst es gleich -- ich fürchte mich; ich fürchte mich ... - -»Habt ihr noch immer nicht genug davon? -- An jenem selben Abende, -weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte -er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, -ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre -seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem -blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie -halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, -sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, -die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt --- denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos -mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl -und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns -zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr -zu trösten -- »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit -hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank -und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein -Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte -er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um -seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des -Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um -des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende -Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er -machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten -und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen -Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich -durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne -durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht -entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und -vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine -Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner -Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr -euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und -er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen -sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe -- er lieferte -mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten -Erinnerung.« - -Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr, -zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen -gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück ... Wie manchen Abend -habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen -lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens -Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte ... -Wie hieß sie? Lisbeth -- weiter fällt mir nichts ein ... Sie hatte -das sanfteste Lächeln ... Ich sehe die Geste, mit der sie mir die -geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch -hinüber ... Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und -warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich ... Ah, Ohlsen -heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus -der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: -das ist dein O, nicht meins. -- Und dies alles hat Claudia an sich -herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen -um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? -Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände -zittern immer noch ... Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages -kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren -alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie -wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund -beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in -der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft -gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; -sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen -Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte -- auf einen -Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen -Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und -den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem -Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, -wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen -mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und, -als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.« - -Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling -- sie hören allzueifrig, niemand -achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von -der Stirn, unbemerkt ... Ich muß sehr blaß aussehen ... Wie oft, wie -unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht! - -»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach -gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte -ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte -ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und -Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja -so völlig -- hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches -Herz gegeben ... Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, -er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -- und -sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend -- »in denen sie ihm rührend -tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer -nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es -sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben -sollte ... Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser -gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung -und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, -jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie -könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und -lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen -ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war -- und das tat er: und -als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten -kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen -Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung -aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar -anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den -kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft -seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend -ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe -verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. -Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr -sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht -eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. -Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler -- denn das -alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar -keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte -- sie war -viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie -auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur -ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren -und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau -keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges -Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht -aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns -- sie hat, wie -die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch -stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von -Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien -mir bewundernswert -- und scheint mir heute noch bewundernswert.« - -Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach -ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar -langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert ... In mir, -- gebe -ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? -- ist diese ganze Weile -erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, -mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia -Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage -vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit --- und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise -kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern -bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher -davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer -Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht -wahr? Oh ja. -- Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist ... -(sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte -Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten -... Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze -Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles ... und Ruhe, -Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf ... Du darfst gut -bitten, mein Alter. - -Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an, -schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen -verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich -habe das Wichtigste vergessen -- warum zwingt ihr mich auch, eine alte -Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald -Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? -... Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?« - -Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur -von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab -... Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den -Aberglauben ... Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas -auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches -sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit -folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich -Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das -rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt -führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu -prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in -seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich -sonst zu rühren: - -»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst ...« mit einer Stimme, die -sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch -das Wort, bitte.« - -Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, -Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). -»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag -zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische -zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für -ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen -und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, -Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft -entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch -Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht -mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört -und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm -gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, -und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und -wolle ein Musiker bleiben.« - -»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem -Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir -aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine -Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als -alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und -scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau -überschätzt -- hat sie sie doch eben erst gewonnen; -- und sie nun -von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, -wie glücklich macht diese drollige Ursache -- sie kitzelt mich süß -in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was -Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem -Freunde vorwerfen, was sie wolle ... je ungerechter sie ihn schilt, -um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds -»Aberglauben« ... - -»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze -damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder -Zwietracht darüber -- wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich -war vielleicht sehr ungeduldig dabei -- am Ende und im Grunde suchen -Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen -Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken -sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen -Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf -nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, -darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche -Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und -alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm -etwa begegnet war; er gelobte weiter -- für sich, nicht bei einem -Heiligen -- bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit -glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich -auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf -sonstige Art orakelnd warf -- ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, -weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich -- und so glaubte er -mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.« - -Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist -sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein -gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, -innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um -mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und -wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe -Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos -belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin -einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig -sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt --- und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für -ihn, den sie gerne makellos sähe ... Ja, ich bin ins Netz geraten und -gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine -Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller -als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre -ersten Worte gesprochen. - -»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft -langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie -leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das -alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele ...« - -»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen -ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen -- das ist -alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x -aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: -Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat -Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht -veranlaßt, jetzt noch zu fechten ...« - -Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein -solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals -vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame -Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in -ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer -Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört -noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen -Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald -sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die -Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, -während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles -umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja -ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, -als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und -bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer -blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie -stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der -leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht -ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem -Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der -Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie -die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander -nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des -Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung -ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem -wegzuschleudern -- aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die -sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die -sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben -wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie -sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche -von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte -Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. -Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist -kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes -läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist -noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen -nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer -keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und -Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und -schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das -Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr -ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. -Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel -daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen -Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden -Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder -ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind -zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe -Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier -Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam -in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, -ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, -und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz -deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen -brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern -ein gnädiges Wahrzeichen sei -- und wie heißt die allgegenwärtige -Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch -entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? +Ruhm!+ rief es in -Oswald Saach.« - -Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast -mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles -sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich -leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel -erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, -zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen. -Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte -zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze -verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner -eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine -zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel -von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches -Vertrauen muß er für sie empfunden haben -- und wie wenig kannte er -sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich -fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie -sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und -verstört ... Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in -mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut -das für mich ist ... Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet -habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, -als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte -Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in -Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein -Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter -gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! -Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es -abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia -- auch das. Die Hand -zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr -stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern -befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften -also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, -eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich ... sind Sie auch -abergläubisch, Claudia, wie?« - -»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was -er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, -begehrte er am heißesten den Ruhm --« - -»Er war ein Künstler, Claudia!« -- »Vortrefflich. Nur verriet er dabei -zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das -Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die -ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit -der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? -nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles -wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, -versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt -wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war ... war. - -»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten -- Fräulein Claudia, Sie -erzählen Märchen.« - -Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die -Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe -zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme -und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung -dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, -Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? -Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter -vom Divan her bedeutsam sagen: - -»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein -anderes, verratenes, verteidigt?« - -Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch: - -»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die -Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht -Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei -- und -nur ich habe damit fertig zu werden ... Aber das ist schließlich eine -Art Glück ... Eben gibt das Klavier ein ~a~ an, ungeduldig, hämmernd, -eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen: -unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt -gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine -glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde -halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich -beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens -enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich -niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in ~d~.« »Das -Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr -stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält -allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema -über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann -kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache -hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit -ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten -schimmert, blaß, klein und unnütz. - - - - -Das Album - - -Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man -bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns -hinter sich, im Dunkelkalten ... Der Park hatte bald keine Gestalt -mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche, -auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen -hingewischt waren -- der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten -nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht -bei ihnen ist -- und eines Tages machen sie sich auf ... Und sehr -grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es -allen für natürlich gilt -- und man glauben muß, man sei von Sinnen -mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter -verläßt die Mutter um willen eines Fremden ... so etwas gab es ... -jeden Tag ... - -Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person -mag eingetreten sein ... Man soll sie nicht stören! Man soll ihr -vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert, -zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin -Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß. - -Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche. - -»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.« - -»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt ...« - -»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute, -Klara. Sie wissen doch Bescheid ...« - -Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten -Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze -glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf -wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften -Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein -Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach -heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte -Vorhang, schräg tanzend und weiß. - -Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch, -mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute -abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden -Tische sitzen und freundlich miteinander speisen -- um zwei vermindert -zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff -versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen, -von den Glücklichen, den eben Vermählten ... Unfaßbar -- und schwer -erträglich ... Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre -Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon -- wie oft -- gegangen -war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten -Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter -ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins -Schlafzimmer, und wieder zurück ... Sie ließ alle Türen offenstehen, -sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die -Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten -Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing, -klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach -hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer -Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag -leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll -kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren, -weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten. -Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die -täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen -herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch -glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften -tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie -verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme -beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen --- Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein ... - -»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des -Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den -Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und -ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom -Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß -sehen: Doktor Walter Rohme ... ja, ja ... als sie das Kind nicht aus -den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender -flossen -- was hatte er da doch ... Tröstendes gesagt? »Sie haben doch -jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte -sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn ... Sie blickte zu -Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides -blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen -Violett ... kränklich sah das aus ... sie strich mit den Fingerspitzen -über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben ... -wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch -der Name des Teppichs? Sie +wollte+ sich darauf besinnen, es war ein -Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's, -von blauem Himmel -- nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte -ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz -des Flügels spiegelt« -- dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die -Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine -tönende Ferne ... Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter -Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer -führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen ... Und Eva -Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links -irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« ... - -Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man -ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es -ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei -gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand ... -welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott ... und es schien -ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre -Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich -beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn -hingebreitet hatten -- vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für -jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und -frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen -Vater. -- Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam -- wie doch diese -gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst -darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von -Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig -dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz -solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und -Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe -mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß, -hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. -Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages -trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt -und nichts dafür aufgebaut ... Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie -gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber -dennoch -- heute spürte sie etwas in sich ... wie leicht hatten es die -anderen ... man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen ... - -Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die -vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber. -Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben -- und sie erschrak vor -den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre -Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine -Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, -tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen -- -aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten ... er kam nicht, -nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen, -halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit -und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle -+einen+ Sinn hatten ... Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in -eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die -dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich -fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen, -in die Ecke des Teppichs beißen -- wenn sie nur noch weinen könnte! -Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und -sterben -- ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr -leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu -leben, herumzugehen, dies und das zu tun -- Jämmerlichkeit und Ekel -insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen; -niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln -dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre -fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen, -ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen ... Und wenn -sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen -müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher -alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß -nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß -- und +wie+ besaß! daß er -nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still, -verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern ... Was sollte sie tun? -Ach, sie hatte alles getan! - -Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte -sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen -Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische, -und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig -von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut -- und hatte sie wieder -fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren -liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen -worden -- denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben -widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese -albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten -Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem -Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter -geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder -lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben, -ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt -hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der -Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten -Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer, -die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark -und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute -Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen -des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die -blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: -Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr -lange Liebe so übel vergalten ... Sie stand hastig auf, entfloh, begann -zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer -einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb -nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche -Anrufung. - -Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen -als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der -unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich -gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue -Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere -Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat -weh vom Denken -- oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende -Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas -drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich -als stechender Druck gefühlt ... Das war die Kunst, ihr Trost und -ihre Macht ... Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche, -deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu +war+ sie -dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese -Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es -sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und -Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in -eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht -zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst -zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den -Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen -mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht -auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's -nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen -Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener -Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete, -nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben -behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen -ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die -Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige -Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das -Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, -und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft -gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll -maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit -damals zugänglich war. Sie +sah+ sie greifbar vor sich, den Kopf -zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb -offen und Tränen in den Augen ... Ja, damals war ihr Musik vertrauter -als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich, -mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht -einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und -ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit -glühenden sanften Händen -- und wartete, worauf aus dem Mädchen ein -Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der -mütterlichen Schulter ausschüttete ... Jene Nachtstunde, wie war sie -eingehüllt in Glück! - -Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte -sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war? -Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern -war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von -abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und -Druckzeilen -- sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder -kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel -ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein -Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, -gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die -Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur -die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte. -Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster -sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte -sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den -kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände -und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell -und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme -aus, Trost, atembar leichte Luft -- beruhige dich! und sie ging mit -aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so -daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ -die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten -Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten -zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen, -eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren, -und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von -Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch -die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen -hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt ... Aber das -Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das -niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die -Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich -durchs Zimmer schreiten -- wo, wo war das zauberische Buch? - -Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen -faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem -Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene -Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe -zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her, -irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so -dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte -hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald -stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie -fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten -Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse -Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen -Stunde ... Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo -fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern, -mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das -Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den -er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der -üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll -bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war -- niemandem lag daran -außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar -zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten -- somit -war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten -Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken -Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter -dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die -Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein -Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen -- das nächste aber enthüllte -Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben -abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte. -War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel -saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das -geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis -an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete -sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des -Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war -seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen -sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest -geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über -die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung -eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet, -ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber ... anderes redete um so -deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind ... »Sind Sie's, -Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu -vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich +bin's+. Sie werden das nicht -ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das -sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum, -denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht -wolle ... »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's -bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für -Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?« -Und die Angelegenheit war erledigt. - -Die Tennisbilder ... sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen -Auges -- das tat wohl ... Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im -Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um -sie her ... Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. -Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße -Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs -Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den -weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern -wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias -Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen -konnte -- ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig, -in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem -Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, -Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde -Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf -gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und -raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die -Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll -zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter -Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet -etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme ... - -Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das -alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser -fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel -gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten -Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende -Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben -niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett -wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm -mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts -gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein -Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein -gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite -herum -- backhand? dann war Claudia dafür berühmt -- auf einem vierten -verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger, -nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der -Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in -den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll ... Das war -jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des -Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann -vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier ... -Doch in den letzten Runden +spielte+ Breithoff -- und siegte. Trotzdem -war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen, -um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann -geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens ... sie -würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia -gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt; -darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich -immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht -sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber -er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter: -das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo -zu spielen, etwa Brahms ~op.~ 108, so ginge das einfach nicht. Arme -und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven -Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so. --- Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim -Erinnern, widerlich ... Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage -sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung ... »Zahm und zu Ihrer -Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig -zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie -haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen. -Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig, -atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu -folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten -Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein -wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich ... - -Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her. -Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter -ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen -Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die -sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr -nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar, -welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach -gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite -unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar -gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon -hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor -dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der -die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er, -die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt: -»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird -- -warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« -Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz -laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich -wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten -zweiter Klasse ...« was ziemlich boshaft war, weil der errötende -Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte, -daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen -waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich -und schalt laut ... Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch -zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein -kunsttheoretisches Kolleg las. -- Auf dem nächsten Bild stand eine -Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen -und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich -gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und -in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem -Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche -Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter, -kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der -Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut -zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise -sexuell aufgeklärt ... sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling -hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und -blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe -schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und -her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und -langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen, -Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne -Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus -und stand da, unzerstört, unverändert ... Nichts ging verloren, und -diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren -gehen? Wie hatte sie sich +darüber+ grämen können! Blieb nicht alles -wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind -- wie -oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, -denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen -Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, -die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der -jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh -gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! ... und ihre Hände wandten -fast in Ehrfurcht das nächste Blatt. - -Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es -fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem -Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit -ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater -- eine Gabe -für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -- (wie jung -Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte -Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit -gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei, -mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen -Schaufeln ... Nichts war an ihnen fesselnd -- warum doch mußte sie -so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau -hier? Unmöglich, sich zu täuschen ... Das war Eva Eggeling, diese -altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen -Achselpuffen und Rüschen überall? - -Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft. -Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses -gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend, -schüttelte sie den Kopf -- eine Haarnadel fiel auf den Teppich -- und -ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit -der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt, -ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und -ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst ... Sie warf -die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen, -sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier -noch einmal! und dieses auch ... Sie hatte es vorhin übersehen, -begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt, -in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge -Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden -mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses -Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem -Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und -ihr! -- -- Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer -und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel -fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet, -die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete -Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht. - -Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die -leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben -wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig -schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise -gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht -mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege -- aber es war -dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie -blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer -deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen -heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling ... Eine fiebrige Folge -von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder -gefühlt -- -- sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im -Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt -wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da -von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel -auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte -es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie -hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte -es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da, -wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie -- dem -Augenblick ward das seine ... und nun war sie alt und begriff nicht -wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva -Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein -rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit -bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf -an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand ... und küßte sie blind -ins Gesicht ... sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte -mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der -Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt -von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib -zersprengte; ein Mädchen war's ... Einmal stand sie auf Notre Dame, -und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter -Dolch, durch Paris -- und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause, -eingesargt ... Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot -war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts -als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft -ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht, -in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß -man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach -aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie -er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein -mehr war als Nichtmehrleben (aber +was+ mehr, fand sie nicht). - -Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner -Stirn und seinem Geiste -- aber noch immer war sie's, Eva, die groß und -wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie -war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich -denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war -es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was -zwischen jung und alt lag, das Leben? - -Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die -Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte -ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel -die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber -ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht, -das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher -durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie -hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen --- war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre -Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann ... Das Herz schlug ihr und -hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört. -Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die -in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen, -unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und -Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht -mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war ... Sie hob -endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen -und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß -ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor -Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper. -Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes -Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte -sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und -ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines -kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen, -ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen -- -bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter -Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln -und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen -Skelett ... - -Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren. - -Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu -fürchten, ehe er da war -- sie konnte sich bei seinem Namen noch immer -nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke -nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe -nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, -unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem -Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es -riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das -Sterben; man stirbt -- das ist irgendwie dumpf grausig ... aber +dabei -lebt man noch+. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet -ein Riß, ein undenkbar schmaler -- aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke -wollte ihn ihr füllen. Laß ab. - -Sie würde also sterben ... was blieb dann von ihr? Was war von ihrer -Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte -- -denn meist war sie vergessen -- und sie, die Tochter. Und so würde -von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis -- ein -gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen -lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die -fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und -der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und -gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie -zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter -aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen -ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor -jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty -Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme -- wie würde das nächste Haus -heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und -es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, -das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es -dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles -Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren -Mütter. - -Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich, -überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem -Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich -frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab -an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte -sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, -daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte -zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. -Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und -Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte. -Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da -draußen ...? Wie das weinen konnte, offen und genußreich ... Doch -keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der -in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte, -denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und -eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und -entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam -geknebeltes Tier. - -»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« -- »Ich bitte.« - -Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich, -wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen -Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet; -und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu -Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte -sich so sehr nach Zuneigung und Trost ... Sie hieß ihn willkommen -und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt, -gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte -nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen -Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht, -was ich anfangen sollte ohne Sie ... Ich muß mich doch erst daran -gewöhnen ...« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen -der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige -Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches -Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen -Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange -elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern? -Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja, -sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und -erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für -ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in -der kranken Hand. »Ich suche schon ... hier? nein, das ist zu bunt ... -Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin, -mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. -Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei -Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie -selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab ... -wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und -hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das -Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder -der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche -Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er -wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, -was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase -klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich -um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese -Trachten ...« Warum war sie denn so bleich? - -Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche -gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte, -während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich -hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun ... Es ist unser -Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich ... mir hat es -erzählt--« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten, -die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die -Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre -Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten -Menschen -- jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund -in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen -aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen -geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß. - -Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos -von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es -Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben -noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie -verlegen wäre ... aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben -war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte -er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines -machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu -verneigen. - -Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging -er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie. - -Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem -Klingen. - - - - -Die keusche Nacht - - -Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf -sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen -- einem Stoff, der -kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur -Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt -taumelte noch in ihrem Kopfe -- aber gleichviel, gleichviel ... sie -fand sich davon gemartert ... Sie preßte die Handflächen kühlend an -beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt -- -und nun stand noch +das+ bevor ... - -Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust -... Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine -Erwartung -- am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht -nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und -nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst -- Angst vor dem Manne, -die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers -vor einer allzufremden Erfahrung ... Sie erinnerte sich ähnlicher -Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden -sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet -- er arbeitete -vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim -Namen -- vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. -Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung -beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. -Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch -gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie -irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert. - -Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein -Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte -klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden -war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. -Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich -irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle -darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, -ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden -mit vertieftem Gefühl -- aber nichts sagte einem, da Natur schwieg, -welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos -wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und -halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen -stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge -dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der -gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den -sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint ... -Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen: -aber sie hingen ohnehin in Ordnung ... und man fand sich abgeschmackt -und ungeduldig empört gegen sich selbst ... Warum er sie jetzt allein -ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu -Abend gegessen hatte! Er sollte kommen! - -Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das -zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht, -und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn, -nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war -unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte -sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen; -die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte -seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und -behutsamsten Klang, den er finden konnte: - -»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm -sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich ... Nicht vor -dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte -zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und -zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten -von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit: - -»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden, -nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit -tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine -Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste -die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte. - -»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte -ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht ...« - -»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die -Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab, -sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und -so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese -Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt. -Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan -übernachten.« - -»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in sich aber bejahte sie -diesen Vorschlag stürmisch: ach ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte -dich! - -Er drang mit den Fingern behutsam in ihr Haar, blickte ins Zimmer, in -das durchschnittlich ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension -und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber nach einer Pause: »Und doch -nicht, Kind. Es wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt nicht -diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, die man immerhin lieb hat -... nicht wahr?« Später, dachte sie schweigend und gejagt; später wird -es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück ... und daß er dies spätere -heute schon bedachte, war das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's -gelten ließ? - -»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre ja morgen und übermorgen -dasselbe Problem gestellt und wäre endlich nicht mehr zu umgehen. -Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir einigen uns so,« schloß -er gemütlich, fast heiter: »du legst dich zu Bett wie stets -- und -dann finde ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde im -Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so morgen und jede Nacht, bis -du dich an deinen Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde schlägt, -überraschend, Liebling. Denn was dich verstört, ist einfach das Wissen. -Nun?« - -Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht: - -»Ist dir das ernst?« - -»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen wie er sich freute, daß -sie Mut faßte, und ihr Mut war dadurch selbstsicherer. - -»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?« - -»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast das mit so rührender -Hoffnung gesagt.« Sie lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge -ihn in diesem Augenblick nicht mißverstehen ... Aber sie hatte noch -etwas Schweres zu fragen: »Und du glaubst, das ... würde gehen, heute?« - -»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. Ich habe schon eine keusche -Nacht neben einem Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas zur -Unterhaltung.« - -»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei -diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir -da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts, -als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst -leugnet: Angst -- und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand -es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang -zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht -machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr -bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein -Blick lehrte ihn, es sei halb zehn. - -»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient -gemacht. ~Au revoir~,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete. - -Sie schloß sie kaum hinter sich -- da schüttete er schon Wasser in -ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es -die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt, -nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe -er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und -Heiterkeit geglaubt -- welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als -möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die -neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem -See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die -Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen -Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher -dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann -durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich, -möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das -brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung. -Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit -scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte -gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte -sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier -konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos -oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er -noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über -solche Stunden hinweghoben -- es galt vielmehr, die schärfste Zügelung -jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es -zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau -- und was alles von dieser -Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil -anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange -man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte -ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück, -das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die -Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte -eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor -Erregung -- vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete -sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur -zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln, -und unter welchen Erschwerungen ... Seine Hände waren leichenkalt. Das -war die Rache der Kultur, die bis hierher drang -- bis hierher, wo die -Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte. -Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett; -er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist -es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der -Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten -Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß -und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte. -Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen -Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende -Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, -die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur -bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde -zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele -die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit -retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das -Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im -Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert -wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und -die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der -Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo -sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und -Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang -- -was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die -Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen -ließ -- das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen -voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen -das Fleisch. - -So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ, -auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen. - -Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen -braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren -jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die -zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, -Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen, -indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim -Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung -nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel, -der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen -zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während -er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen, -die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu -ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung -der Zähne. - -Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich, -allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und -versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie -sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse -beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert -hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes -zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte -sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch -blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das -gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige -Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim, -und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied -bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe -des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als -daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere -nebenan ... Da liege ich nun in einem fremden Bett ... Sie erinnerte -sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen -Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem -Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen -das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr -übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand, -einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel -strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das -den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen -den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der -zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken -vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären, -und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts -und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und -beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das -draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum -sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete, -sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß -mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich -nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern -verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber -und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes -Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die -von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen -und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos ... -Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen -Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens, -hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben -würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim, -im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte -- und -nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis -an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde -Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier, -das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt. - -Es blieb sterbend stehn: die Tür. - -Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich -vom Kissen ab, halb sitzend. - -Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling ... wer sollte es -denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er -hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr. -Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich -bin ganz rasend dumm ... ich weiß nicht ...« - -»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir -lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« ... Er mußte eine -Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und -angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung -mißdeuten, und er +mußte+ ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er. -»Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich -vielleicht.« - -Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie. - -»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie -besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis ...« - -Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der -Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher -Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte -sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und -er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen -seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt -ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit -und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug -einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie -heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er -würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr -Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der -Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte. - -Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen, -der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört. - -Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen -neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines -goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen -Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte. -Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu -Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen -hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie -glücklich sie sind. - -Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf -die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch -jetzt tat? Aber er erschrak -- die Hand entfloh. Es war ihm, als -würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,« -sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit -leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf -die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar -und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte; -es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang. -Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel -vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung: -denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu -fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in -ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben: -und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich -daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in -der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem -ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit -Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam -dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen, -ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar. -So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des -Blutes. - -Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter? -Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« -antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme -war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht -fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte -es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er -die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen -in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten -fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich -fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung -reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und -überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man -mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das -leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte -sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete -sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr, -Claudia Eggeling ... Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn -schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von -Blicken oder ... Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette, -sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß -- und der Mann -nebenan ... bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt ... und -es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und -- -Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz. - -»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre -Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.« - -»Hier, ganz dicht bei dir.« - -Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine -Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und -schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er -lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr -Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis -tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger -als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich -hinüber und atmete in ihren Haaren. - -»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« ... Ihre Keckheit und Sicherheit -und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, -sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu -und entschuldigte die Duldung ... Ihr Atem ging wie zerschnitten, und -kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres -Geistes -- sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin ... Und nun -sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu +dir+,« und er +kam+ -zu ihr ... »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens -zerschlug ihr die Stimme. - -Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte -einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich, -er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres -geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag -über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben -gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über -Katarakte von Lachen und Rausch -- und daß er sich noch berauschen -konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das -verstärkte widerhallend sein Glück. - -Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt -und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder -Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie -hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei ... und daß sie ganz -gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren -und ihr Atem ging sehr laut und schnell. - -»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich -will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände -halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der -Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden -Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er -sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich -- sein erstes -Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen -atemlosen Stimmchen. - -Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine -kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines, -das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte, -tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und -flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?« - -»Ja.« - -Wie irgendeine sagte sie's ... Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante, -mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, -ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm -... Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide. -Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht -näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt -sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks, -das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände -zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu -beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner -Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts -sonst! ... du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt -... Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte -etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die -Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie -ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton: - -»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen, -du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die -ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich -arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle -Knochen des Kopfes auswendig ... Ja, wir machten also eine Fußtour -im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge. -Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe -übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei -Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester -ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ -sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber -kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war -- ich hatte einen -Grog getrunken -- schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf -erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest --- sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen -bis sie still war -- und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht? -und schliefen wie Bruder und Schwester.« - -Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß er: »Du wunderst dich -hoffentlich nicht. Erstens ist man diszipliniert, und zweitens machte -ich mir nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.« - -Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen gefährlichen Weg: -sie empörte sich gegen den vergnügten Ton der Erzählung, gegen die -Blindheit, die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, gegen -die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen glaubte. Sie -fand ihn frivol und sich mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im -tiefsten gekränkt ... Vielleicht war zwischen ihr und jener doch eine -Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso wenig -- schien es nicht -so? Ihre Vernunft war gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß -sie verschmäht sei. - -Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte er nicht), hörte die -Uhr ticken und den langsamen glücklichen Schlag seines Herzens; dann -schwoll die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper an -sich zu fühlen, durch das Erinnern an jene entfacht, wie ein Blutstrom -in ihm hoch; da sagte sie: - -»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte es mit klarem Hohn und -versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen. - -Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff er nichts; einen -Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; dann brach es in ihm auf: -Lisbeth Ohlsen! Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie jedes -törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! Er riß sie an den -Händen nahe und wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen -Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: »Walter!« schrie sie. - -Dann schlug sie die Arme auseinander und wie eine Welle über ihm -zusammen, als er auf sie herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im -Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes -und triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und -Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle -Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle -Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele. - -Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg zu Berg unter der -schwarzen Brücke des sternfunkelnden gewölbten Himmels und rührte das -ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf. Sie liefen an den Strand -mit hellem Klickern, das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht -ein Boot und die Herden stiller Fische, die im schwarzen Wasser standen -und schliefen. - - - - -Die Passion - - -Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, geübte und klare, ein -lobsingender Strom. Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und -sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten sich die Plätze der Tenöre -und Bässe, und das Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und -schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen Fenstern, die die rote -Wand des Halbrunds teilten -- ein breiter schwarzer Streifen, über -dem die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und der vom Metall -der Hörner blitzte. Aber zwischen den hohen hellen Mauern, tief -unter der braunen Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten, -saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe hin tobte die Wucht des -Gesanges, schlug schäumend an den Wänden empor, schien das Licht zu -verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der Menschen dringend, -ihre Herzen wie ein einziges großes Herz. Sie klangen wie Chaos, -diese Chöre, sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen -- -waren sie in den Wolken verschwunden, daß solches geschah? -- und -sie schrieen nach den Pforten der Hölle, damit sie sich öffne, den -Stifter des Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war gefangen -worden, Judas hatte ihn verraten -- und der Chor empörte sich selbst -statt dieses allzulangmütigen Donnerers, er selbst raste wie Flammen in -den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die Flöten und der Aufschrei -der Tenöre, und das rastlose Brausen der Stimmen, die einander -forttrieben, ihre kunstvolle Wildheit und die düstere Szene um den -gefangenen Heiland, welche die Worte malten, gaben die chaotische -Verzweiflung selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder -menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen Regeln erzeugt, -dieses Durcheinander von geführten Stimmen und tönenden Instrumenten -ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen Gebilde, -und die Rhythmen, die sich verwirrten und kreuzten, die Harmonien, -die sich bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen Maße -eines frommen Meisters und seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der -Dirigent: aus dem kleinen Herrn im Frack und mit dreieckiger Glatze -hatte sich das hundertjährige Werk ein Werkzeug geschaffen, um wieder -einmal zu entstehen, hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein in -die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe entrückt, und leitete sich -selbst mit dessen bewegten Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz -in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, die vorn auf ihren -Stühlen saßen, aufstehen und singen mit dem Ganzen ihrer erlernten -Kunst, ließ es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen, -der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ es die Geigen saugend singen -und die Bässe tönen, tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all -die ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in Reihen geordnete -und namenlose Menge. Vor ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben -ging der erste Teil zu Ende. - -Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, auf Stühlen, die in einem -Gange standen, außer der Reihe, denn sie waren zufällig und spät -hierhergeraten und fremd in fremder Stadt; aber sie unterlagen dem -gleichen Banne. Claudias Kinn war auf die Brust geneigt, die sich -unter schillernder Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend wie -eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt im Schoße, und -die Wimpern der fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut -der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen stützte sich auf den -Schenkel, und das Gesicht des Gebeugten lag in der flach gerundeten -Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen war vom Hören schwer wie -Metall und ganz an das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner -bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, das er empfand, -als Claudia bei den Einsetzungsworten des Abendmahls endlich ihre -unfruchtbare kritische Haltung aufgegeben hatte und die Musik einfach -hinnahm, tief in sich geschmiegt, wie sie noch jetzt schien. Seither -hatte er nichts Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten -Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem Inhalt des Werkes -erwuchsen; als der Evangelist vom Ölberg erzählte, lag auf einen -Augenblick in Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein Mensch auf -der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher Sack, und krümmte sich vor dem -Schicksal, und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu schlafen. -Auch sprach es in ihm einmal den Namen Klaus Manths mit einem tief -verächtlichen Ausdruck, und als beim letzten Nachtmahl die Stimme des -Sängers und der schwebende Gesang der Geigen zu einer unbegreiflichen -Einheit und unirdischen Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine -Lippen den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, o Bach!« weil er das -Glück nicht ertragen konnte. Aber sonst war der Mensch, der erzählte -Vorgang und die Musik im lodernden Erleben zu einem formlosen Ding -eingeschmolzen. Es war +sein+ Geschick, dem all das Klingen vorne galt, -und er selbst war darein verflochten und nicht verwandelter als in -einem Traum. Er hatte die unvergängliche Schwermut gefühlt, mit der -diese Worte gesprochen wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter -euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht in einen -derer, die in Verstörung fragten: »Herr, bin ich's?« und einer der -ratlosesten, entsetzt, daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon hauste, -der den Geliebten verriet -- denselben, um den seine Seele vor Erbarmen -schauderte, als er klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und -ruhen? ... Siehe, er ist da, der mich verrät.« Dann hielt ihm die Angst -den Atem an, wie der Jünger den Meister küßte, und jener, der alles -Zukünftige von Anfang schaute, ihn traurig fragte: »Mein Freund, warum -bist du kommen?« und auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und -Güte eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, nach dem -Grauen der Verzweiflung von Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber -der Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, ausgestreut wie -in Wind und erntete dafür die beengende Seligkeit, in der er dumpf -ruhte. Alles, was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war mit schwer -tropfendem Glück getränkt, das wie Honig duftete -- wäre er je dafür -offen gewesen, wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter all -den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in Gethsemane die Stimme des -ganz einsam Leidenden seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen -hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu merken, und -verspürte tiefe Beruhigung, als er die ganz in sich versenkte Frau -reglos neben sich gewahrte. Getragen vom Wissen um die Verbundenheit -mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses Fluges hatte er sich glücklich -lachend in das Werk geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm unter -den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche sollten sie beide -hineintragen, miteinander und einander grüßend, zum ersten Male als -Mann und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und Kunst. - -Musik band ihn ganz -- hatte er doch das Glas abgelegt, um nur zu -hören -- und so entging ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht -in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte inmitten -allen lauten und bewegten Singens wie ein Schiffsjunge im Mastkorb -wenn es stürmt. An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages. -Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden einem froh -aufspringenden Verlangen, die Matthäuspassion zu hören, die nach -Aussagen Mitreisender am Abend in einer der nächsten Städte aufgeführt -wurde. Sie stiegen aus, ließen ihren Zug unbekümmert weiterfahren -und verwanderten die beiden freien Stunden in dem alten Städtchen, -übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit und spitzbübisch -entzückt von dem Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in dem -warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, fiel Claudia so jäh -in Müdigkeit, daß nicht einmal der starke Kaffee, den sie getrunken -hatten, den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere -Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So hatte sie anfangs ohne jede -Freude vor der Aufführung gesessen, hatte kritisch und kundig alle -ihre Unvollkommenheiten ausgespürt -- fehlte doch selbst die Orgel im -alten Saale, während drei oder vier alte Kirchen wundervollen Raum -und sicherlich große Orgeln boten! -- war endlich eingeschlafen und -schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende Träume gehabt, -während um sie Choräle gesungen wurden, in denen eine ganze Gemeinde -ihre Sünden büßte oder sich dem Heiland weihte, während Arien von -Frauenstimmen klangen, begleitet von zwei Flöten, zwei Oboen oder -Geigen, gleich und verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten -Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll und rein wie alte -kristallene Becher; Frauenstimmen hatten sich vermählt, Männerstimmen -sie getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend seine Worte, -und Chöre waren darauf erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge -Kanon von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden Stimmen eine -Größe und Wucht verlieh, die sich nur mit Worten von Psalmen sagen -läßt. Selbst als die stille Stimme des Evangelisten nach der lauten -Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller Melodik in epischer -Schlichtheit, wie der gefangene Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte, -regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht. - -Und der Herr redete. Walter Rohme hob den Kopf, atmete tief und trank -die Stimme des Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war mild und -süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer Hoheit und Reinheit, als -käme sie von weit her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten. -Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten Teil würde sie -wenig mehr erklingen, sie und die langgedehnten hellen Harmonien, die -sie umgaben, so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein um -den Kopf seines Trägers schwebt. Er wünschte dringlich, daß der Herr -die Legionen Engel riefe, von denen er sprach, denn es war schwer -erträglich, so viel Güte und Adel in den Händen eines Volkes zu wissen, -das nach Kreuzen schreien würde ... Und er begriff, daß die Jünger -flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit gegen eigenes -Leid ... Die Stimme schwieg und der Evangelist; und die spielenden -und dennoch leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, die -den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. Er hörte, wie sie -nebeneinander in kleinen Schritten aufstiegen, jäh um ganze Oktaven -fielen und von neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder mählich -abzusteigen mit kurzem Hinundher und Trillern auf manchem Ton; dann -begann der Sopran langsam den altertümlichen Choral, in langen -gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob und senkte: »O Mensch, -bewein' dein' Sünde groß« ... Walter Rohme war vom genauen Studieren -des Werkes damit vertraut und hörte den Anfang mit Genuß, aber die -tiefe Befangenheit und Verzauberung war verschwunden. Die rauhe und -simple Theologie des Textes hallte in ihm nicht wider, wenn er auch die -alten Zeilen und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten er das -Leben gab und legt dabei all Krankheit ab bis sich die Zeit herdrange -...« Die drei anderen Stimmen drängten sich ineinander und spielten -beweglich und ernst um den langsamen Sopran und seine von der Last der -Sünden schweren Schritte. Vor allem aber war das Ende zu fürchten. -Nach dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein wohlverdienter -Beifall zweifellos, der aber alles Zarte und Nachhallende, die -schwebende und undeutliche Süßigkeit der ersten Minuten nach dem Werk -ohne Gnade zerschlug -- das Feinste des Genusses und das Ehrfürchtigste -der Stimmung. Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich unter -dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen Bürgerhände. Welchen -Tumult würde man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte sich -jeden Augenblick: - - »daß er für uns geopfert würd, - trüg unsrer Sünden schwere Bürd« ... - -Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von Verschiebungen der -Rhythmen, von Harmonien, die sich flüchtig berührten, schnitten und -durchdrangen, von kontrapunktischem Gegenströmen und Ineinanderfließen -ungenossen bleiben mußte! Doch je näher der Choral dem Ende zustrebte, -desto quälender ward die Angst. Seine Seele krümmte sich frierend ein: -der tobende Lärm würde sie wie Hagel treffen. Er wünschte inständig, -was jetzt gesungen wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber -köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: »wohl an dem Kreuze -lange.« Der Dirigent nahm den Stab zu den hingedehnten Noten des -Schlusses hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem den Schlußton -lang, lange, während der Baß sich zu einer auf und ab steigenden Figur -rüstete -- dann winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen wie -abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die Luft in der Brust und machte -sich stark, indem er sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten -ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln aufwärts, setzten noch einmal -tief ein, stiegen schräg auf in den endenden Akkord -- und der Dirigent -ließ Stab und Hand müde fallen. - -Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein. - -»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd. - -Die Leute erhoben sich und verließen stumm den Saal. Sie gaben sich -Mühe, geräuschlos zu gehen. - -Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen rund in fassungsloser -Überraschung, die wie ein stürmisches Glück in ihm aufsprang, und ein -Schauer von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart pochte. Sie -kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen Seelen wollten schwer und schwebend -entrückt bleiben. Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung, -mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch umsetzten. Sie fühlten -edler und zarter als er gedacht hatte. Und er bat sie inbrünstig um -Verzeihung wie für eine Kränkung. Man strebte stumm nach den Türen; -in allen Augen hing noch der Glanz des klingenden Traumes und schloß -alle Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte das unbekümmerte -Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, und die vielen Schritte der -Ermüdeten dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh auch ihnen. Er -fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit gegen all diese Unbekannten, daß -sie sich gutgesittet zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten, -und wandte sich stürmisch zu Claudia, damit sie seine Freude teilte. -Sie saß noch immer reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf -und begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um und streifte -ihre Schulter mit der Robe. Darauf bewegte sie leicht den Kopf und -die eine Hand; von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er sich -vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken -- und in dem Augenblicke ihres -Erwachens merkte er, daß sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb -quer übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch, aber starr -und mit leerer Miene, aus der Sinn und Leben entwichen war. Sie hatte -geschlafen. Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er sie an -seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein Glück teilte, flog ihre -Seele abseits und lautlos umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch -dunkle Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von Träumen. Und -doch war ihre Freude, neben ihm diese Musik zu hören, ein Versprechen -gewesen. Sie hatte es nicht gehalten -- sollte er nicht unglücklich -sein über diesen Betrug und entdeckten Verrat? Aber er war es; Trauer -erfüllte ihn, die schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er wußte -nicht, was in ihm, von dieser Überraschung verletzt, nun litt: Leid -um die aufgehobene Gemeinsamkeit, nach der seine Liebe strebte, aber -auch Eitelkeit des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens -entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er sie überschätzt -- und auch -hierin der Stachel: du konntest überschätzen! und vor allem die -Pedanterie, die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft im -Bette ... er überließ sich seinem Gefühl mit gutem Gewissen, wies es -ganz seiner Liebe zu und saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben -oder sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen und blickte -vor sich hin. Sie hatte diese Stunde Seligkeit dumpfschlafend verwehen -lassen ... Sie öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte wie -ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten Stimmchen: »Ich habe -geschlafen!« Er antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie entdeckte, -daß die Leute hinausgingen und schrak auf: »Es ist doch nicht schon -aus?« Sie zog schnell die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der -erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein Gähnen zu verstecken. - -»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, »du hast geschlafen.« -Darauf hob er endlich die Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit -zerstörtes Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich und farblos, und -um die Augen wanden sich tiefe braune Schatten. Er begriff erbleichend, -daß sie nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich zwar erst in -äußere Schichten seines Wissens, drang aber unabweislich mit jedem -Herzschlag tiefer in ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte -wegzugehen, mußte er sie dazu auffordern; so befahl seine klar -dastehende Pflicht. - -»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie mit schuldigem Gesicht, -»ich bin's noch immer; das ist doch erst die Pause, nicht wahr?« - -Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht, das Gegenteil zu -vernehmen, auch bemerkte er flüchtig, wie rührend ihre Haltung -eigentlich sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh -genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten Teil der Passion -opfern, der die gewaltigen Chöre und seine liebsten Arien enthielt, -mußte alle Erwartung, alle Erhobenheit und Entzückung glatt streichen -und weggehen, weil sie schlafen mußte. Er grollte ihr dafür und gab -sich diesem Grolle rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht -in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend sagte: »Für uns -ist's der Schluß.« Und nach einer winzigen Pause -- es wurde ihm gar -zu schwer: »Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun würde sie sich -sträuben, und auch das durfte er nicht gelten lassen. Sie tat es: »Aber -du? Nein, bleiben wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er sich -nicht enthalten zu erwidern -- und er war nicht stark genug, einen -freundlicheren Klang zu erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem -Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und einschläfst?« Er -wußte, das wog als Anklage, in solchem Tone gesprochen, und wie -sollte sie das nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam er -sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und ging gesenkten Kopfes -hinter ihm hinaus. Sie wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah -das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. Er war ganz -bitter vor zielloser Wut; er verließ sie, drängte ohne Rücksicht, -denn alle Vorräume waren voller Menschen, die sich unterhielten, zur -Garderobe -- irgendwie mußte er sich entladen -- warf der Bedienung -unfreundlich die Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher -Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, dachte er. Sie war ihm -entgegengekommen, damit er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen -Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz und wartete, bis er -angezogen war, während jedermann sie erstaunt anblickte. - -Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch ohne Hut im Gespräch mit -einem Mädchen. »Jawohl,« sagte er, während er ihnen Raum gab, »aber -die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, sagte Walter in sich zornig, -für mich kommen sie nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede oder -von Arien. Und während Claudia schwer an seinem Arme ging, quer über -die Straße und unter Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles -versäumte: da waren die Chöre, in denen das Volk nach Barrabas schrie -und »Kreuzige«, wie aus Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des -Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der verlassenen Gläubigen, da -waren Duette von Frauenstimmen und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit -des erzählenden Evangelisten; da waren von allen anderen Arien die -nach den Worten »Am Abend da es kühle war,« und jene beiden von einer -Sologeige begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, spielen -können, die für Alt rhythmisch verschmitzt und sanft, die Baßarie -heiter über die Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel -Einsicht erfordernd ... Er hörte nie oft genug ihren triumphierenden -Gang: »Gebt mir meinen Jesum wieder« ... Und heute stand er auf und -mußte vor ihr davongehen. - -Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete begierig von der -reinen feuchten Nachtluft, während sie noch immer unter Bäumen -hingingen: »Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. Ich glaube, -nur die Luft war schuld da drinnen. Die vielen Menschen!« und nach -einigen Schritten fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich, -Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon Zimmer hätten, müßtest -du bleiben, ich bestände darauf. Aber ich traue mich nicht allein in -ein fremdes Hotel.« - -Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig sich ihr Wesen gab; -aber was sie anbot, nahm er nicht an -- außer allen anderen Gründen -hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht gestattet. Aber -er sagte nur, und er sagte es sanft: »Und drinnen hättest du wieder -die Luft und die vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, um -ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte sich: »Sie haben mich -eigentlich gräßlich gestört und sind an allem schuld,« meinte sie -nachdenklich. »Sie und ... und noch anderes. Dich nicht auch?« »Nein,« -antwortete er. »Was anderes?« Sie schwieg, und er fragte nicht weiter. -Er hatte ihren Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, wie -sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, schämte -sich alles Grolls und selbst des Bedauerns um die verlorene Musik. -Er hatte nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, häßlichen -Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu schaffen, gegen sie, die er zu -innerst zu lieben glaubte, und hatte sich vom Ärger vergiften und -erniedrigen lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich -geworden und bereute sehr. Er schuldete ihr Abbitte und noch viel mehr, -er mußte irgendetwas in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas -Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem Urteil wieder ein wenig -gerechtfertigter dastand. Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und -Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine Brust und machte vor -Erregung größere Schritte. »Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft. - -Sie wanderten schon auf der Straße im grünen Lichte des Gases: das -Pflaster war feucht von Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er -jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte sie. »Ich denke, Liebling. -Wir sind bald da; jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der -rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann nicht so?« »Ja. Ich -will nicht schlafen, ich möchte nur liegen.« - -Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne: -»Du siehst so müde aus, Liebste« ... Zärtlichkeit drängte ihr entgegen -und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und -nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so -gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie -schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute. - -Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche -Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und -setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen -plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch -hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter -summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich -zum Streit ...« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden -Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat -uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig -und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr -glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, -und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß -vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf -er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach -Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn -aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer. -Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst -nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« -Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie -hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.« -Er erstaunte: »Selbstverständlich« ... Und indem eine bange Frage in -ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt? -Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe -hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß. -Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie -lächelte dazu. - -Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia -hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an -seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen, -einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von -bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie -begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob -seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend -und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen -Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem -eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte -er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder -ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen -können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung -auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß, -immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die -Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen -von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte -das den Wert jener großen Gebärde? Und wie? - -Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste, -und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber -vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und -quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen, -und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock, -und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so -abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei -da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia -wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter -den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb -mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie -ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er -wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem -Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging -die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett -streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das -Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang, -und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte. -Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden -Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie -wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte -ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte -des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille -sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende -Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er -so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise -Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so -überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein -seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht ...! - -Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte -schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der -Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort -verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß, -halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte -sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist -du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« ... - -»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und -schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« ... Er neigte sich über -ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden -Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach -Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren -Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch -krank ... - -»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.« - -»Laß, sie fühlen sich schlecht an.« - -»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?« - -»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah -im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und -rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest -keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter -Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis -in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie -einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte -behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch -er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele -so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für -gleiches; aber er gab es schwerer. - -»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?« - -»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin -habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine -fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen -schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und -wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste -aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die -Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis -beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -- ich blieb dir -vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt -falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst -du dich? und ich sagte nein.« - -Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn -erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne. -Nun?« - -Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn -durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem -dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte -zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern -in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das -war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da -fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten. -Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu -haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch -die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie -entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du -scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht -vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?« - -Sie verstand nichts. - -»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich -nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach -dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher. -Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder -oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche? -Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte -auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor -ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich -meine?« - -Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn -befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein -ließ? - -»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt, -was du meinst. Aber wie es zu +dir+ kommt, und gerade heute, das ist -mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -- weil -der Mensch ein hoffendes Tier war. - -»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden. -Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht -nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke -nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich, -und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen -Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem -Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle -ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei --- wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen -jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch, -daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem -Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer. -Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still -aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht -öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als -Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, -noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und -alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab: - -»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde? -Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?« - -»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und -neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um -seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ -sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute -nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;« -küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich. - -Er strich über ihre Stirn und ging. - -Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt; -er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in -sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch -etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun, -so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch -nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie -wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales -noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden ... Das ist ein -weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich, -vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich -frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der -friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, -als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das -Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der -Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten ... - -Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die -Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber -das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren -antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im -tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt -aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf -mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich -wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten, -zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief -abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die -Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam -bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe -zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die -im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb -ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich -zurück. - -Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter -des Eggelingschen Hauses -- Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und -Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin -vorzunehmen waren -- und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. -Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer -kam dazu und die Schlafzimmer ... Der Zigarrenrauch schickte bläuliche -Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten -etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine -nachgingen. - -Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf -das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm -im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die -Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann -er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und -entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu -und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die -er ehrte. - -Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend, -dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen -Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl -unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die -sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe -zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere -zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings -gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem -gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen -aus und ein -- vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick -ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit -einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte -sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit -zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete -sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte -die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden -Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze -Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander -dieser ganze Abend ... Sie schläft und er genießt -- er zürnt ihr -während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis -- und er errät -nicht, +kann+ nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche -Leib, der an eine andere Welt grenzt ... Man war trotz allem ziemlich -allein -- und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das -Leid der Welt vermehrt ... Das verständliche Denken verfiel in ein -Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und -im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner -Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? ... Siehe, er ist -da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer. - - - - -Die Sonatine - - -Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die -blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das -Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend -Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu -Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es -warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, -hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -- sie -atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht --- ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse: - -»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen -einschreiten.« - -Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter ... Hast du die -Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?« - -»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am -Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein -Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie prügeln sich und der -Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt -dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte -dich!« ... und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar ...« und sie -zuckte sonderbar mit den Schultern. - -»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen? -Und welche dafür halten?« - -»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?« - -»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?« - -»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es -damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« ... - -Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«. - -Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit -noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz -rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit -niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte, -brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen -zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen. - -Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte -unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche -Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde, -wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand -- die -junge Frau mußte damit fertig werden können ... Er hörte sie fragen: -»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges -Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, -hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster -stand ohne hinauszusehen -- er erkannte gerade: er mußte sie zu sich -hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden -- drehte sich um -und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen -Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer -und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und -geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise -schnell hinaus. - -Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken -an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. -»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir -bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr -herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft -und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen -erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete -sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor -und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das -Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und -schob die Türen auseinander. -- Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte -von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und -ihr die Hände hinhalten ... irgend einmal, nicht allzuspät. - -»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia ... Der Raum -war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, -das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon -das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und -berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen -sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie -standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das -inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des -vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner -Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der -geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt, -und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener -Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten -herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die -geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu -nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich -die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte -dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe -zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster -fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte -hold vermählte, zitternd und schwindend. - -»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie -Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch -in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend -rauchte. »~Cis-moll~,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein. - -»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er -schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle -ruhte, begann sie. - -Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter -Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang, -über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein -gestickt -- was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück -geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen, -träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der -Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da -es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß -die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum -gegenwärtigen Augenblicke führen siehst ... Ja, du bist es, der hier -sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen -hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer -Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte ... du -bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt -eine tut -- und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als -in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner -gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen -mußte ... Jetzt aber -- bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der -häßliche Bart, der dein Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter -deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften? -Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig -umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu -ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich -erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu -ihr erhobst -- soll sie nie davon wissen? -- aber höre sie: sie sendet -dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist -ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe. - -Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes -Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die -ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme -liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung -auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre -gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik, -ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer -Stufe ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf -und Ab -- fast nichts. Klavierklänge vorher ... aber als er sich der -Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte -Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese -phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den -jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart? -mußte es nicht Mozart sein? - -Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur -die Vorbereitung des ~andante~, erhob er sich unter einem inneren -Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er -den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend, -staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören -nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen? -Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu -schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen -... aber da er wollte -- -- Sein Betragen war ungewöhnlich und -hatte sicher ein starkes Motiv -- was trieb ihn nur? Er kniete vor -dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der -Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die -Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er -die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder -zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die -Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die -Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die -Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ, -streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige -und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es -Brahms sein oder Bach? - -»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen, ~opus~ 137?« - -»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung: -wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste -Sonate, die ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und -du langweilst dich am Ende dabei. Aber das +will+ heute gespielt -werden ... ich hatte es allzulange vergessen ...« Du Gütiger, dachte -sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die -Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im -Flackern der Kerzen. - -»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die -Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen ...« - -»Dein Gewissen hat sehr recht.« - -»Obwohl mich nur das ~andante~ besucht hat?« ... Der Bogen hing schräg -herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt. - -»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben -läßt: erst das ~allegro~, und das ~andante~ als Belohnung.« - -»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück ...« - -»Still! hast du Mamas Brief gelesen?« - -»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns wohlfühlt, und daß -Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen -von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das -ganze Haus und reist, die alte Dame.« - -»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe -- nun, du warst nicht zehn -Jahre lang mit ihr allein ... Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht -nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen ...« - -Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich -auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine -kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die -Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme -verspätete das Thema um einen Takt -- und im Vorwärtsdringen der Geige, -mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der -Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung, -aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias -Lippen von einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten -schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft -glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt. - -Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und -spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die -sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen: -da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah -einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines -Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die -Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die -gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn -der Bogen herabging ... das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich -wie die Kolbengelenke eines Dynamos ... das präzise Auffallen und -rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals -- diese ganze -geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer -lenkte und bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster -Kern -- jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »~cis~« -rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ, -»~cis~! du spielst schon zum zweiten Male ~c~.« - -Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als -Junge eingeübt, er kommt wieder mit.« - -»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?« - -»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen -Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze ...« »Ich bestehe trotzdem -auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem -Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den -Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit -dieser Musik ... Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn -war das eine Eroberung gewesen, eine schwere ... War er ihr nicht -schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? ... Da -wäre schon die Gelegenheit? -- Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an -dir, an ihr ... Sie schlossen. - -Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem -Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die -Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob -seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der -Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach -dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! ... -Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete -sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete. -Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer -Fülle starb, Blüte du meines Glücks ... oh Claudia ... die Tränen waren -ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich -über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das -Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft: - -»Ich glaube, ich war es, die vorhin das ~andante~ nicht erwarten -konnte.« - -»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme. - -Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema -sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie, -aufhüpfend, schreitend und hinab -- und dann lauschte sie lächelnd -und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was -hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten -Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes -in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder -sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen, -während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden -Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und -klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll -von Glück ... Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme -über Menschenstimmen ... fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre -von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte wie man -ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene -Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen ... Man mußte die eignen Töne -ehrfürchtig dämpfen ... Ja, das war die Seele, die tönte, und der -Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, -wie über die Seele das Glück ... Nun kam es an sie, zu antworten -- -und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, -sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien, -die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter« -und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück --« alles in diesem -einen Namen. - -Das ist das Ende -- schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde, -die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe -wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten ... Ein -Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch -ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig -fortgelegt hatte ... Da stand er am Tisch, die Arme gespannt, die -Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht -löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du, -Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, -sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder -wenigstens nicht viel.« ... Sie hörte nicht auf, in den Augen ein -dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es -sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen -Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich -mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete --- oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, -neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem -Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen -seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. -Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu -reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not, -als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen ... dann brach -die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem -Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert ... Dann kam alles das, -womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte, -das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all -das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und -machte mich verzweifeln. Dies hier aber« -- er schlug auf die Noten -- -»und dergleichen tröstete mich« ... Er schwieg tief befreit. Wie das -aus ihm quillt ... Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige -Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich ... -als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen -zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du, -vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches, -schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und -tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich -sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein, -fehllos zu werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein -und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen -Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu -verzeihen -- mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen -Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen -Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser -eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und -versah außerdem den Turnunterricht« ... - -Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen -Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der -er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich -will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« -- -und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die -Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie -vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem -neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel; er -nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe -er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick -hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das -erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen ... was wird er -sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die -Stille, der Mond, das ungewisse Licht ... - -»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester -ein Gott -- was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es -nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um -anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und -bereute -- bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich -naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich +wußte+, -daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber -ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in -einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich -ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig --- aber ich stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen -Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese -Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht -sehen -- dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht, -die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es -dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß -ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei -denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten, -meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es -tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten. -Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen -sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes -Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich -besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, -wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich -Raserei und ich ... gieße ihm ein Glas Wasser ins Gesicht, das neben -mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre -mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung? -Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund -- und dennoch! ... Aus -Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« ... - -Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so -leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen -Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer -Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte, -offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen -Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt ... - -»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir -gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja. -Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten -wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir -uns, und berührten uns und küßten uns. Dann befahl einer, und der -andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der -erste ...« - -Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt -die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter -Abwehr, und ging hinaus -- das Gesicht abgewendet, mit ganz großen -schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß -- ging durch die Tür, -durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den -Schlüssel um, zweimal. - -Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße -Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel -knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in -regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von -elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel -des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der -Mond ganz hell machte ..., dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus -der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte -schnell und entsetzt den Kopf: nicht mich ansehen! Die Kniee wurden -ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte -sie das Gesicht in die Hände und weinte laut. - -Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von -wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter -eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge -hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei -diesem furchtbaren Gestehen ... Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie -keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider ... -Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen -bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von -ihm ... War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war -verschlossen, doppelt -- aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank -davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch -die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als -Furcht und Abscheu ... Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle -zurück, verkroch sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon -versiegten Augen vor sich hin, ins Leere. - -Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben -Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie -es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen, -wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen ... -Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden -sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte -scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden ... entsetzlich -... Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen -und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei ... Welche -Entblößung ... und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in -ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der -Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch, -innerlich unlöslich an ihn geknüpft ... Mußte sie nicht verzweifeln? -... Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause ... -dann sah sie hin und stellte fest: -- ja. Sie atmete tief und wußte -nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort. - -Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf -und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit -und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg, -den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß -wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an -dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich -drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. -Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie ... -Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die -Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie, -hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher -- denn -der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber -der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft -und dem Lichte, mit dem man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? -Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat, -und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich -blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen -hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden -Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im -Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der -Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der -sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle -Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte, -seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten -- warum blieb er -schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch -alles zerstört und zu Ende -- und niemand so verlassen und unglücklich -wie sie ... Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer, -nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? ... - -Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach -dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die -Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich, -sagte es in ihr, besinne dich ... und wie in plötzlichem Entschluß -fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas -Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb -ins lebendige Fleisch! -- Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst -im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann -- wer? Dein Gatte, dein -Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend, -die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch -und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm -begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn -du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war -immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu -verschweigen, nicht zu wissen -- du wolltest stets in Reinheit deinen -Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen -das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was -du das Gemeine nennst ... du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter -Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir -schläft und dem du -- wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben -gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du -nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen -lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er, -von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein. - -Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken -rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht -- wie wohltuend fühlte -sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte -zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene -im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: -was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie -konnte es noch denken, aber sie +fühlte+ es nicht mehr ... Sie war -geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen -- warum -nur? ... Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. -Sie besann sich auf ihn -- vergebens. Er hatte stark gewirkt, und -dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme, -und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie -sich des Geständnisses erinnerte -- nein, wenn dieses Geständnis ihr -eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. -Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen, -ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht -in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt -- -alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden -war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man -Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen; -daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die -Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen -- hätte sie früher -nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte? -Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres -Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie -fortgetragen -- und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und -seine Qualen verwickelt, sich und ihn. - -Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem -- dann machte -sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und -manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen. -Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. -- So möge er; ich litt, -ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr -- nein, nicht einmal ebenso -sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben -- er wird ihn -schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften ... Hätte er -doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß -sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet ... -Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht -gesprochen? Es schien fast so ... Doch gleichviel: das Schlimme blieb -ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber -- sie hielt an -und ihre Stirn spannte sich -- mußte man nicht zusehen, gleichwohl -weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller -Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen: -immer einen Mann neben sich zu sehen -- warum nicht auch diese? »Komme -ich darüber hinweg?« - -Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu, -diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, -er ihr die Hände entgegenhalten und ihr +helfen+? Er hatte es nicht -so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und ... Was tat er -denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, -hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! -- Aber sie verwehrte sich -diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht -denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den -beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das -zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und -hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war ... Aber dennoch: sie -mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich -haben, und morgen würde man sehen. -- Morgen? Beim Lichte eines -neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer -aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte -... eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe? -Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen -niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die -verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch -wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten -- und wie eine Verirrte, -die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte, -die sie ans Fenster führten. - -Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine -Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, -Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz -ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen -traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der -junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze -Pfeife rauchend -- sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den -leichten Rauch -- ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen -kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an; -augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den -rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses. -Sie blieb stehen -- »sie will über die Vordertreppe« -- machte auf dem -anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich -und eilte ihm nach; er nickte. - -Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in -ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das -Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam -mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und -die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise -den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit -vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er, -ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle. - -Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer -ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke -erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in -Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. -Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten -Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf -die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die -mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie -aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben -Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie -ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid -oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die -Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden -Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte -Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung -seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie -über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in -seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in -Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen -sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer -erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten -jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in -die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen, -ganz leisen Stimme aus der innersten Brust: - -»Kannst du mir wirklich verzeihen?« - -Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu -helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?« - -»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und -dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.« - -»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!« - -»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben -hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es -trotzdem« ... - --- »Und es war gut. Es +mußte+ gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte -ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je -später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war -+sehr+ gut.« - -»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen ... Du -sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen -solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz -zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern -aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich -trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß -du von mir wissen solltest -- mich trieb nichts als der eigensüchtige -Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage, -von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich, -mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner -Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die -Versöhnung hineinzuziehen -- oder in mein Ende. Denn ich kann nicht -leben ohne dich -- das habe ich grell gesehen da ich elender war als je -zuvor.« - --- »Aber mein Leben +war+ falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein, -aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt -schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich -Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das -Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber -hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist -geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, -- nur -härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos, -vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es -doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.« - -Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im -silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu -einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen -einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen. - -»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über -dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über -ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns -gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche. -Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns --- Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den -Toten, den du geliebt hattest, -- da sah ich dich, eine Unbekannte. -Heute jedoch -- wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden -weißt?« - --- »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so -viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich -bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin schwach und neu. -Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen, -Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.« - -»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn -von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht -schwerere? Kleine Claudia, was dann?« - --- »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du -bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles -können.« - -»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und -fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen -und einander allezeit die Hände hinhalten.« - -Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre -Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. -So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich -ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die -Lippen sanken aufeinander im Kusse. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 130: setze → setzt - sie {setzt} mehrfach an, schluckt - - S. 175: oberflächig → oberflächlich - wie {oberflächlich} und nebenhin mußten - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - -***** This file should be named 52478-0.txt or 52478-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/4/7/52478/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/52478-0.zip b/old/52478-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 458d099..0000000 --- a/old/52478-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52478-h.zip b/old/52478-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 43f9940..0000000 --- a/old/52478-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52478-h/52478-h.htm b/old/52478-h/52478-h.htm deleted file mode 100644 index 928247a..0000000 --- a/old/52478-h/52478-h.htm +++ /dev/null @@ -1,7359 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figright { - margin-bottom: 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 10%; - padding: 0; - text-align: right; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.3ex 0.1em 0 0; - font-size: 250%; - line-height: 1.7ex; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Novellen um Claudia - -Author: Arnold Zweig - -Release Date: July 2, 2016 [EBook #52478] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen befinden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figright"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Die Novellen<br /> -um Claudia</h1> - -<p class="h2">Ein Roman<br /> -von<br /> -Arnold Zweig</p> - -<p class="center p2">Kurt Wolff Verlag<br /> -Leipzig -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"><em class="gesperrt">Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage</em></p> - -<p class="center p2">Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2><a id="Abschnitte">Abschnitte:</a></h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td class="tdr">I.</td><td>Das Postpaket</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Postpaket">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">II.</td><td>Das dreizehnte Blatt</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_dreizehnte_Blatt">55</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">III.</td><td>Der Stern</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Stern">95</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">IV.</td><td>Das Album</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Album">147</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">V.</td><td>Die keusche Nacht</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_keusche_Nacht">191</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">VI.</td><td>Die Passion</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Passion">223</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">VII.</td><td>Die Sonatine</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Sonatine">263</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> -<h2 id="Das_Postpaket">Das Postpaket</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> -<p class="drop">»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia -mit tiefer und sanfter Stimme, als er sich -eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die Garderobe -abzunehmen, »das hat James bereits getan«; -und wirklich näherte sich ihnen der livrierte noch -junge Diener in gelbgrauem Rock und weißen -Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten -Abendmantel und den dünnen Schals seiner -Herrin. Doktor Rohme stand in Überzieher und -hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz -widerhallenden Vorraum. Noch immer -fühlte er unter allen Erregungen dieser kunsterfüllten -Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend, -eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt -hatte, zehnmal widerrufen und dennoch nicht -aus dem Tatwerden gedrängt; und während Claudia -sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien, -die Geübtheit verrieten, einhüllen ließ, grübelte -er, verkniffenen Mundes und mit abseits träumenden -Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden -gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene -bittere Wallung des Nicht-mehr-Ertragens, die ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -gestern überfallen und heute hierher gestoßen hatte, -wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er -hatte, von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes -Götz erst geblättert, dann mit Entsetzen gelesen, -und Weislingens Schwanken zwischen dieser und -jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten -ins Gesicht getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung -gegen sich stieg ihm in den Hals dafür, -daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen -hatte, Entscheidung und Klarheit in seine -Beziehungen zu diesem Mädchen zu bringen, das -er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut -zum Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich, -nach der ruhig befreundeten Art ihres Benehmens, -wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für -sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich; -er kam sich beschmutzt vor, besudelte fast auch sie – -so hatte er sich die Qual dieser Vorstellung verordnet, -und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute -abend alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen, -auf die Gefahr hin, für immer entlassen -und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden:<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -das war's, was nottat, und das war unlöslich -beschlossen.</p> - -<p>Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd -aus dem weißen Seidenstoff hervorlächelte, legte -sie ohne ein Wort ihren Arm in den des befreundeten -Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit -sie den Weg andeutete, scheinbar von ihm zu -dem bekannten blauen Automobil der Eggeling -führen, das James bereits hergewinkt hatte und -das inmitten der vielen Leute, die aus den Portalen -herausdrängten, wie eine Bestie toste. Er -fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung, -die ihm wiederum grundlos schien, und hätte sich -am liebsten verabschiedet, aber das ging ja nicht -an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug verschwand, -ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu -Gelegenheit gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen. -Der Chauffeur fuhr an, kaum daß er sich -hatte setzen können; so fiel er beinahe in das Lederpolster -zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen -Mundes, das ihn unglücklich gemacht -hätte. Aber das schöne blasse Gesicht blieb in stiller<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre -Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken -an, und er fand sich wieder in der durchdringend -süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen voll -verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen. -Einen Augenblick lang schwirrte das leichte Rauschen -und Erzittern des hastenden Fahrzeugs durch die -Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem -eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang -war umsonst gefallen; noch klirrten Rüstungen zu -geschwungenen Gebärden und einer männlich herben -und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz -von Berlichingen gespielt, wie um zwei großen -Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre Kunst -an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die -strömende Genialität des älteren den wenig zerlegten -Ritter in einem reichen Zuge schuf und lebte, -während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich -nervösen und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen -Weislingen als einem heutigen Menschen -nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten -und Betonungen eindringlich und modern zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -ähnlich gearteten Publikum gesprochen hatten. Das -Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen -herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem -Genuß in die Seelen gedrungen und -sprang am Schluß mit einem Außersich von Beifall -prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne.</p> - -<p>Während dies schon vage Erinnern in ihm -zitterte, quälte er sich unausgesetzt, ein Mittel ausfindig -zu machen, einen Weg, der, ohne bei ihr -Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner -Lage zu reden – wobei sie wohl nur mit hoch -hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund abweisend -schmal gemacht hätte – ihm gestattete, -seine innere Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh, -so bin ich, nun entscheide dich … Aber das war -schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich begann -Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit -zu fragen: »Eine eigentümliche Aufführung, -Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen, jedoch nicht -schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen -als etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen -und erwiderte hoch, ein wenig umschleiert, in leicht<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -vortragender Weise: »Eigentümlich, gewiß. Unzeitgemäß, -aber modern, wird man urteilen können. -Ob Goethe seinen Weislingen so gesehen hat?« -Sie lächelte halb: »Denken Sie an Weislingen? -ich an den Götz … Ihre Frage behalte ich aber -bei: ob er den Götz so gesehen hat?« Er nahm die -Brille ab und rieb sie mit einem weißen Tuche, -während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht, -Fräulein Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf -Götz ankommt. Die Leute, die mit uns heute abend -beide sahen, werden vermutlich von dem anderen -mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten. -Er ist einer von ihnen … von uns. Dieser Götz -<em class="gesperrt">kann</em> noch in Goethes Sphäre gehören – ob -dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig. -Für Goethes Zeit war sicherlich selbst ein so -beeinflußbarer und« – er stockte ein wenig, -überwand und gab dem folgenden Wort einen -starken Nachdruck – »unmännlicher Mensch -etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen -blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter -Bitterkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was -aus seinem Ton hervorging; auch hatte sie das -starke Empfinden wohl bemerkt, mit dem der lang -Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen -hatte, solange das Spiel gegangen war; aber -da sie diese sonst willkommene Erörterung zu verschieben -wünschte, bis die Sachlage vertraulicher -und beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden -uns darüber streiten müssen, ich bin gar nicht -Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen -Weislingen verdammen.«</p> - -<p>»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne, -denn …«</p> - -<p>»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt -sich aber, mein Herr Philosoph, der »unmännliche -Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch -Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten -zu verbannen; aber ganz vergeblich, denn -er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er sich … -Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle -Eigenschaften besitzt, die Mannheit zu konstituieren, -nicht wahr? und zwar in höchstem Maße besitzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab, -und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß -Männlichkeit nicht mehr da ist. Trotzdem geht er -als Mann spazieren.«</p> - -<p>Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve -plötzlich eine Hauptstraße. Nach wildem Holpern -auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf dem -Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und -zu fliegen, hinein in eine von milchigem und rötlichem -Licht erregend strahlende Luft. Das Leuchten -erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße -eindringend, plötzlich den kleinen hastenden Raum -und hob die beiden Gesichter grell in eine Art intensiverer -Gegenwart.</p> - -<p>Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft -auf das Thema ein, wie immer unfähig, sich Gedachtem -zu verschließen: »Skizzieren Sie den -Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie -sich diese Analyse wohl zu seinen eigenen Eigenschaften -verhalten werde …</p> - -<p>»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen -vor den gleitenden Lichtern beschattend. »Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -können bei Götz bleiben, denn Götz ist sehr Mann. -Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt -ist: Güte, Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch -Weislingen kann gütig sein, aus Schwäche. -Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare …«</p> - -<p>Sie sprach: »Und die Frau?«</p> - -<p>»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht -wahr? gebiert. Der Mann aber bringt hervor. -Er hat die Kraft des Zusammensehens, er schafft, -indem er neu sieht … Weislingen erblickt das -Neue hinterher und versteht es, er sieht ein. Niemals -baut er Brücken zwischen Getrenntem und -sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es -dabei Schwierigkeiten gibt … Götz nimmt die -Dinge fragmentarisch, als Vielheiten, die einer -Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht -vor ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen -Ding oder Zustand blind hingibt und sich beständig -verliert.«</p> - -<p>Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. -Erst war ihr, als rede er irgendwie von sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -Ungünstiges. War nicht er vor allem einsichtig? -Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie -typisch männlich Handelnde, die ihm verwandter -sein mußten? Warum gerade Götz, sein -Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen -zögernden Sätzen klang etwas Inspiriertes mit, -und sie lauschte mehr als dem Inhalt der Worte -diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam -sich Lösendes gab, etwas Rührendes. Doch war -ihr für diese Stimmung das Gesagte zu wichtig, -und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder -auf. Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut -Ihnen Unrecht, dazu haben Sie ihn geformt; -aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich -glaube, Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. -Nun, davon nachher; ich Barbar habe jetzt nichts -als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, -daß auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, -wenn Sie uns so spät noch Gesellschaft leisten -wollten.«</p> - -<p>Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem -Gegenstand, der ihn so nahe anging, in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen -Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. -Ein Gefühl von Glück – noch eine Stunde mit -ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; -er wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich -auf ihn als gern begrüßten Gast sah, oder ob -das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim -ihn über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher -und lächerlicher Besuch hinwegblendete. Er sagte -leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir … -aber ich weiß nicht … ich hatte den Entschluß -fassen wollen, nicht mehr so häufig bei Ihnen zu -sein …« Ein beizender Haß gegen sich und eine -augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe -explodierte in seiner Brust: das hatte ganz -anders geformt und gesagt werden müssen – nun -klang alles falsch.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem -lauten tiefsingenden Ton. Es lag darin die Stärke -und Weisheit eines großen Tieres, das seines -Weges gewiß ist und Schwächeren nicht schaden -will. Manchmal antworteten andere Wagen, hell<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig -oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. -Zu beiden Seiten lag Schwärze, aus der -einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; -man hatte fast ohne Übergang die Stadt verlassen -und schoß auf der nächtlichen Asphaltstraße, die -sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer -emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort -zu. Claudia wandte ihm ihr Gesicht wieder zu: -»Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch -mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder -etwas wegnahm. Sie erriet ihn ungefähr, und als -Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein: wie -reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch -sein! Wenn er sich nur nicht so quälte …</p> - -<p>Er wischte mit der Hand über die Stirn und -murmelte: »Sie wissen, wie sehr Sie unrecht haben, -Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so oft -und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich -etwas freier, »daß ich nicht begreife, wie Sie und -Ihre Frau Mutter … Sie wissen doch, ich bin -nun einmal kein Elegant … Sie haben so viel<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -Nachsicht für mich …« Er konnte alsbald nicht -weiter, denn sie lachte ihr helles, reizendes Gelächter -eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber -hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. -Er sollte sich nicht beschämen und, nicht einmal -harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte schnell den -Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber -wofür denn? Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen -und weder Tee noch Wein auf das Tischtuch -gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? -Unbedingt … »Aber ich könnte es jeden Augenblick -tun, ich bewundere mich selbst in diesem Augenblick,« -lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr -wohl, sie entführte das Gespräch in eine Sphäre -voll leichter Luft ohne Schwüle.</p> - -<p>»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein -könnte. Sie machen sich überhaupt zu viele Gedanken -über sich, ich finde, man muß darin maßvoll -bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden -Ton an, der ihn mit körperlicher Süße -durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie sehr, -sehr, allzusehr! – Aber vielleicht mochte man ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -hier wirklich leiden, fand ihn erträglich, sah ihn -gern? Er fragte fast froh: »Ihre Frau Mutter hat -also auf mich gezählt?«</p> - -<p>»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte -ich Ihnen nicht einen Platz in unserer Loge angeboten? -Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den Entschluß -hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« -Sie wußte gut, daß ihm der Klang des -Spottes in ihrer Stimme angenehm und verständlich -sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit -einer Konversation herzustellen, und er ging -darauf ein. Er schüttelte vergnügt den Kopf, so -daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in -die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte -Stirn, deren Haut viele Sommersprossen zeigte; -er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart durch -die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren -Spottes wieder auf, indem er ihn gegen sich -kehrte:</p> - -<p>»Sie haben also gegen mich recht behalten. -Während ich mich ankleidete, habe ich mir bewiesen, -und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich -ja doch nicht in Ihrer Loge zeigen.«</p> - -<p>»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« -sagte sie strafend. Sie schien ihn ruhig zuhörend -anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn und -prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr -fort: »Ich wollte mir, da ich endlich am Theater -war, an der Kasse nämlich, einen Parkettsitz kaufen, -aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er -sollte nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt -nicht, und half zu nichts, denn am Ende -stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen und -aus sich selbst holen mußte.</p> - -<p>»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen -grauen Augen blickten heute zweifellos besonders -matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze -und Logen. Das ging beides nicht, das erste -mochte ich nicht und das zweite konnte ich nicht, -denn ich dachte, es wäre beinahe eine Beleidigung.«</p> - -<p>»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte -es Ihnen nie verziehen.« Sie mahnte sich: gib -bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Kannst du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? -Sie widersetzte sich: natürlich! … Ehrlich? nein. -Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich, nach -Hause zu gehen.«</p> - -<p>»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach -schon wieder Licht durch die Fenster ein, man war -bereits im Ort. Dann wurde sein Glas undurchsichtig -und seine Augen verschwanden. Es war fast -unhöflich, so einsilbig dazusitzen und im Innersten -abwesend zu sein; freilich weilte auch ihre Unaufmerksamkeit -bei ihm … Wenn er davon wüßte! -Es war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: -»Aber nun entdeckte ich, während ich zwei- oder -dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich -schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt -hatte, diesen Abend im Theater und … mit Ihnen -zu verbringen und spürte die Macht des tyrannischen -Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an -Leute, die hineinwollten, während es keiner Seele -einfiel, hinauszugehen. Da ließ ich mich denn -tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht -wußte, und während ich ausschließlich dachte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -ich doch hinauswollte, nach Hause. Wenn ich -selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich -peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich -vielleicht doch noch auf die Straße gefunden hätte, -aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf, -und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich -schon begonnen. Aber die Hand gaben Sie -mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte den -Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer -Seele erfaßt und konnte sogar antworten: »Und -warum nicht? Sie störten ja niemand. Es ist -hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen – -wie sagt der Engländer geschmackvoll? ›<em class="antiqua">stalls</em>‹ sagt -er, Ställe. Sie machen Theater und Konzerte -möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind -wir. Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer -konnte man sich bewegen und hatte Resonanz, -Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem -Beisammen und Gespräch … Das Automobil -fuhr mit einer knirschenden Kurve durch das Gartengitter -und vor das Tor der Villa. Der Diener öffnete, -es war noch kühl und der Atem dampfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten -Zimmer umher und dachte nach, gesellschaftsmäßig -angekleidet, schwarz, mit breiter -schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er -kannte hier jedes Möbel und jedes Bild, obwohl -er für neuere Bilder nicht gerade maßloße Begeisterung -zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich -sog jeden Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er -dachte an Claudia und bewegte aufgeregt die Lippen, -als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte -sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte -er bei ihr, so war ihm wohl ums Herz und er dachte -dann wenigstens nicht an sie. Freilich mußte er sich -oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. -Erst hatte er alles dem Hause zugerechnet, den -schönen Zimmern, in denen man zu dreien, dann -zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer -Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die -Tochter ihn lockte und festhielt, die Tochter. Kannte -er seine Pflicht? Fort mußte er, fort auf der Stelle -und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? -Er konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Dozent mit winzigen Einnahmen, in Fachkreisen -genannt wegen einer polemischen Zerlegung des -Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, -Claudia Eggeling, hatte, wie man sagte, unbändig -viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war -ganz unmöglich … es blieb ihm nichts weiter -übrig, als zu gehen, unwiderruflich zu gehen, sofort. -Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine Gründe sagen: -Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, -aber …« Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, -er hatte vorhin wieder einmal nur an sich gedacht, -wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse -Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten -konnte. Sein Denken zeigte sich heute stupid und -gründlich albern.</p> - -<p>Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder -einmal zu bestätigen, daß es für ihn, Walter Rohme, -lächerlich und hoffnungslos blieb, eine Frau zu -suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, -gefärbt wie ein Kupferkessel, und sommersprossig -überdies – sein Aussehen war einfach komisch: -und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -den da hinter dem Glase, den er hemmungslos -hätte schlagen können – das gewohnte und vertraute -Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen -und Schnurrbart, dick und buschig überhängend, -dem Eindrucke eines Piraten nahe; einem -Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, -weil die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, -grau hinter den dicken Gläsern der zerbrechlichen -Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich blaß -und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch -klang und dünn, das Kinn allzuzart geformt schien -und die Stirn übertrieben nachdenklich. Ja, dieser -Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu -guterletzt noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen -linkischer und ungewandter Art verfügte, -nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es -stets bleiben würde. Und das untersteht sich und ist -Ich, stöhnte es in ihm. Nie im Leben war er sich -so unerträglich gewesen wie eben jetzt … Claudia -hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr -wenig an eines Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis -und Absalom seien vermutlich dumm gewesen –<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn -ja kaum, wenn sie auch ziemlich klug war. Wie -sollte sie wohl dazu gelangen, ihn so tief zu erraten, -wie er von ihr Wissen in sich trug … Nur das Leiden -um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. -Er ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. -Denn er konnte nicht von sich reden, und -wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham und -Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, -wen er vorhin verdammte, als er den Berlichingen -zum Typus Mann erhob – wie hätte -sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, -durfte er nicht bei ihr bleiben, und wenn sie ihn -sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie wohl -einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal -war, und daß bei Dingen des täglichen Lebens -oft die letzte Stimme seiner Ratgeber seine Handlungen -regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, -wie? und würde er vielleicht nicht in allem ihres -Willens sein? Ganz gewiß: und dann ergab sich -in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst -lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -ein Abscheu … Sie nannte ihn Freund, nun gut, -sie lasen gewisse philosophische Bücher zusammen, -sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam -Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins -Schauspielhaus oder in die Oper – damit war -nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte entschlossen, -sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen -und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch -jüngst, als ihre Mutter sich verspätete? »Ich bin -pünktlich und verlange Pünktlichkeit. <span id="corr029">Unzuverlässige</span> -Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige -Menschen sind ihr ein Greuel … Das -Herz klopfte ihm im Halse, und seine Hände verkrampften -sich: er war verurteilt, und bebende Verzweiflung -machte ihn zittern.</p> - -<p>So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine -Seele mit der heillosen Psychologie.</p> - -<p>»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, -sie hat sich bereits zurückgezogen,« sagte Claudia -hinter ihm. Sie hatte in der kurzen Wartezeit -jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er -sehr liebte, das am Hals und an den Ärmeln graugrün<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -besetzte. Das war die Gestalt, ihm bis in -seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte -Wesen mit ruhigen Bewegungen und den klugen -schnellen Augen, deren braune Iris die Seidenfarbe -des Kleides enthielt und beseelte, während -das tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen -glänzte. Ihre Nase bog sich kühn und fein zugleich: -oh, eine Römerin von Grund auf mit der gleitenden -Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, -diese liebte er – und sie, die er aufzugeben hatte.</p> - -<p>»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« -fuhr sie fort. Da entschloß er sich trotz alledem zu -einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu Flucht -und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das -wohl das leichteste sein würde: »Ich denke, es ist -besser, ich gehe jetzt, Fräulein Claudia,« gab er -zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, damit -sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit …« -Das Mädchen ging sehr ruhig auf die Schwelle -des Eßzimmers zu, wandte sich, die Hand auf dem -Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist -besser, Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -ohnehin nur Eier. Das haben wir davon, wenn -wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus -und er zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.</p> - -<p>Von der weißen Decke herab strömte Licht. -Schwarze Täfelung und das schwarze Holz der -Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des -Teppichs und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen -leuchtete rasenhaft und milderte den Ernst -des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es -war gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie -einander gegenübersaßen, war mit weißem feinfädigem -Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt -mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, -mit Wurstarten in einer Tonleiter von Rot, mit -Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen Bestecken -und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem -Porzellan und mit Tellern mancher Größe aus derselben -edlen weißen Erde. An diesem einladenden -und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander -gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor -Rohme, sie freimütig und heiter, leicht vorgeneigt -und essend, nach Herzenslust in Bewegung mit<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid – er -aber noch immer ein wenig steif, noch immer etwas -beengt und geradeaufragend, schwarz, mit weißer -Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen -Specht erinnernd … Sie aßen beide in Emsigkeit -– die späte Stunde, die in dem lichthellen -Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete -sich mit Hunger – und selbst wenn Claudia -Lust verspürt hätte, sogleich zu plaudern, wäre es -nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein -ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick -verriet zur Genüge, daß nur sein Leibliches hier anwesend -sei, um zu essen, und daß sein Geist indessen -anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden … -Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und -schalkhaft, und ließ ihn gern seinen Weg gehen, -weil sie sich inzwischen herzliche Blicke gönnen durfte, -nach denen ihr Gemüt drängte – sie glaubte, er -sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes -Welt; aber wie wäre sie erschrocken, wenn sie die -Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! Er war -nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -Nähe, er tummelte sich auf einem engen Kreise rund -um sie beide und war schwer von Bitterkeit: »Und -warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so -niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen -Sie so selbstgewiß und maßgebend da, während -ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus -der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen -habe, in eine Luft, die das Klima meiner -Seele ist, und weil mein Intellekt größer ist als -der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich -für jeden Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten -sehe, weil ich nicht jemand in mir blind -wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt -werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? -Weil ich für Entschlüsse und Taten so -leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte -ich; weil diese Leute von pompöser Tatkraft und -kurzem Geiste in ihrer Einfalt grotesk wirken … -Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg – aber -seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche -des Geistes? Ach nein, kleine Claudia, wenn Sie -auch über mich siegen und lächeln: ich bin der höhere<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere – -und was Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was -diesen Götz über uns Weislingen triumphieren läßt, -das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!« -– Aber diese böse und hochmütige Aufwallung -ebbte im Fortschreiten des Mahles; und während -er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für -ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit -verurteilten Seele in ruhige Wehmut; -nichts blieb davon als ein trauernder und sanfter -Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde -es bald nicht mehr so gut haben. Vielleicht war -dies das letzte Mal – und ihn schauderte vor seinen -leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht zu -sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.</p> - -<p>Während sie aßen, waren anfangs nur wenig -Worte hin und her gegangen, ein Scherz, eine -Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen. -Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete -sich das Gespräch persönlicher. Claudia beschloß, -jetzt das herbeizuführen, was sie vorhin vermieden -hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -der auf einer Platte lag, besann sie sich: »Sie -erzählten vorhin, auf wie merkwürdige Art Sie -endlich doch in meine Loge kamen. Kommt -Ihnen das öfters vor, dieses … Schwanken, oder -haben Sie es als etwas Ungewöhnliches behalten?« -Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, solche -absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich -nicht mehr. Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich -Ihnen die Geschichte erzählt, wie ich einmal ein -Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak -über die Worte, die soeben, im Augenblick vorher -noch ungewußt, über seine Lippen rollten, und erstaunte. -Wie kam jetzt diese alte beschämende und -vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung -die Frucht eines Suchens, das unterhalb des Bewußtseins -fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif und -fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich -zeigte? Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte -er sie. Woher auch immer sie kam, gerade jetzt, -sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie -ihn erkennen und alles würde zu Ende sein.</p> - -<p>»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? –<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -Nehmen Sie Tee oder Bier?« Was beabsichtigte -er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich täuschen, -aber irgendeine Spannung und Erregung schien -den ganzen Abend aus seinem Wesen zu quellen. -Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl zumute -in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich -nicht nutzlos quälen.</p> - -<p>»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr -spaßig und sehr langweilig, diese Geschichte, außerdem -kann ich gar nicht erzählen, aber ich erzähle -sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher -nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit -schmerzlicher Wollust genoß er den Doppelsinn, -von dem sie ohne Ahnung sein mußte.</p> - -<p>»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« -sagte sie fröhlich. Wie klein und bleich ihre Hände -waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er -verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte -seinen Entschluß aufzulösen, aber er zwang es hinab, -und es schwand. Er fühlte sich von Notwendigkeit -gedrängt und begann tapfer:</p> - -<p>»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -lang. Es regnete viel, dann wollte ich wieder fort. -Ich packte alle meine Sachen in Koffer und in -Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende -Gesellschaft, deren Inhaber die -Herren Säbelberger & Cie. waren und Haftpflicht -ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die -Lippen leise auseinander tat, um etwas zu sagen, -und schwieg gern.</p> - -<p>»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« -Ihre Finger machten sich daran, ein Ei abzuschälen, -und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein -Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern – -man durfte nichts tun, als ihnen zusehen … Er -schreckte auf und antwortete:</p> - -<p>»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, -glauben Sie? Übrigens ist es gar nicht lange her. -Die Bücher lagen in einer großen Kiste, gut verpackt, -das können Sie sich denken. Aber es ließen -sich nicht alle darin unterbringen, und als ich mir -überlegte, daß diese Kiste sehr lange brauchen könnte, -ehe sie mir hierher geschickt werden würde, wählte -ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -mir die liebsten waren, und machte aus ihnen ein -Paket, ein gutes Postpaket, fest aus Pappe und -Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen die -Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, -eine Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes -von 1650, ein denkwürdiger Pergamentband,« -– er lächelte ein wenig – »Sie wissen, -Descartes; drei oder vier alte französische Drucke -des Montaigne und Konsorten, einige schöne englische -Shakespearebände und dergleichen. Lauter -gute wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er -jetzt noch innehielt, ablenkte, aufhörte, ehe es zu -spät war? Nein, feig wäre es.</p> - -<p>»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir -geborgt haben?«</p> - -<p>»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den -Arm (es schien recht schwer) und begab mich damit -auf die Post, Samstag nachmittags. Der Beamte -hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein -gutes Herz, denn er wog das Volumen mitleidig -und riet mir, es doch lieber leichter zu machen, -denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -würde mich einen schönen Batzen Geld kosten. -Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also empfing -ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, -dankte ihm und begab mich damit zur Eilfracht.«</p> - -<p>»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre -Frage klang beinahe träumerisch, denn sie sagte sich -unterdessen: wenn er mit seinen lieben Büchern so -sorglich umging – wie gut würde es erst eine … -ein geliebter Mensch in seiner Nähe haben … und -sie errötete verwirrt.</p> - -<p>»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig -Pfund trug, das machte das Tragen -schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten -von der Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man -empfing mich dort ziemlich hastig, denn am Samstag -nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da -hat man bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der -Beamte bemerkte, man wolle es besorgen, aber ob -ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den -Preis, denn die Menschen sind dort leutselig. Er -betrug etwa das doppelte des Postsatzes. Hm, -sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken -könne, kein Mensch nicht, so sollte ich doch -die Post nehmen, oder die gewöhnliche Fracht. -Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu -gehen. Wir schrieben Samstag, und am Montag -um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« Jetzt konnte -nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man -es dringend wünschte …</p> - -<p>»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie -ihn an. Wie umständlich solch ein Mann sein -konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend -kindlich.</p> - -<p>»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein -Claudia. Ja. Ich ging nach dem Güterbahnhof. -Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie solche -Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte -meine fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, -bald unter dem linken Arm. Es blieb ein -Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und -lachte mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, -vielleicht ging alles noch gut ab. Gib, daß es -so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<p>»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand -zum Tragen zu mieten?« Wenn er lachte, sah er -aus wie ein Junge.</p> - -<p>»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja -nicht allzufern, aber einerseits sah ich niemand -in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar jetzt -allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane -gewesen, und dergleichen mißfällt mir. Ich kam -auch allein endlich zum Güterbahnhof.«</p> - -<p>»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht -wahr?« – Die Erkenntnis, die er unter Wunsch -und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, sprang -jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er -gab sich verloren.</p> - -<p>»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. -Also, da lag ein ziemlich umfangreicher Komplex, -wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren -und dergleichen. Auch mit Büroräumen. -Aber alles fest geschlossen. Nun, es schlug viertel -sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, -dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man -läßt doch so etwas nicht allein. Nicht einmal ein<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -Hund bellte, worüber ich mich übrigens freute, denn -Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein -Klopfen und Pochen, und da fand ich einige Leute -mit Eisenbahnermützen auf dem Kopfe irgendwie -untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte -sie, der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines -Jackett anhatte und eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze -auf den Haaren. An den wandte ich mich -mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer -freundlich, ich solle das Zeug nur dalassen, -er wolle das Zeug schon besorgen, da brauchte ich -gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen -und am Montag ging's fort, da sei gar kein Wort -mehr not. Ich sagte ihm vielen Dank, ließ mein -kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen -Händen zurück und machte mich auf den Heimweg.« -Seine weiche und hohe Stimme klang noch -heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:</p> - -<p>»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen -Sie noch Tee?«</p> - -<p>»Ja, das dachte ich auch. – Nun, wenn ich -bitten darf, noch eine Tasse, den letzten, danke. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -fühlte mich ziemlich guter Laune; die Sonne ging -bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, -was, weiß ich nicht mehr.«</p> - -<p>Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den -Blick, der durstig von ihrem Gesicht getrunken -hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. Schade, -dachte er, während er den Tisch besah, auf dem -das gebrauchte Gerät ungeordnet und unschön stand, -unsere Bedürfnisse hinterlassen noch immer Häßlichkeit, -trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin -dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf -all dem Weiß von Porzellan und Linnen … und -ist jetzt ein schlimmer Anblick … Da stand Claudia -auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, -ich schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört -mich. Nehmen wir unsere Tassen und rauchen wir -nebenan eine Zigarette. Wie?«</p> - -<p>Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit -dieses Gefühls kein Wort; er ergriff nur -seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in -den rotbraunen Raum. Und während sie sich im -Hin- und Hergehen alles nötige Geschirr holten,<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis in -ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten -dennoch Gemeinsames, vielleicht mehr als sie wußten -– sollte er nicht auch davon reden, wie sehnsüchtig -und erstarrt und gleichgültig gegen alle -äußeren Dinge er damals hinlebte? Sollte er sich -nur beklagen, nicht auch entschuldigen und erklären? -Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in -jede Tat stürzen würde – sollte er das nicht gestehen? -Nein. Nein, nein. Seine Aufgabe stand, -genau umrissen. Wenn sie ihn <em class="gesperrt">gesehen</em> hatte, -konnte sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt -sicher sein, daß sie ihn verwerfen werde. Aber die -Hoffnung war verblüht.</p> - -<p>Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf -dem ein Licht mit orangenfarbenem Schirm brannte, -und breite rote Klubsessel nahmen sie auf, während -das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen -und zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. -Eine hohe Uhr pochte beharrlich und -mahnend. »Ich bitte … Sie ziehen die Zigarre -vor;« und Claudia atmete schon den weißen und<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -duftenden Rauch aus. »Eigentlich soll ich nicht -rauchen … danke, da ist Feuer. Wo hielt ich … -Wenn Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, -es ist langweilig.« Wenn sie jetzt ablenkte, -wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren aufhören -und ein andermal den Abschied in Szene -setzen. Nur noch diese Stunde bat er genießen zu -dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf dessen -Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem -wohlriechenden Schleier von Rauch.</p> - -<p>»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht -weiß, was noch kommen kann; es ist ja fertig, und -Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war -fertig, in der Tat, es war fertig – und es zitterte -einen Moment lang in ihm nach: fertig.</p> - -<p>»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin -auf – halt, ich weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -– und erschrak vor einem Gedanken. -Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der -Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein -Papier, daß er von Dr. Rohme ein Paket bekommen -habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über -Eisenbahnmützen zu kommandieren oder vielmehr -müßig bei ihnen zu stehen, um eine Vertrauensperson -zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket -nur zu öffnen, um morgen meine schönen Bücher -bei allen Antiquaren der Stadt zu zerstreuen, ich -wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein -kleines Jackett, ein Jockeymützchen – wenig, wenig. -Ich hatte schon ein ziemliches Stück Weges hinter -mir, ich blieb also stehen und wollte mich entschließen, -zurückzugehen –«</p> - -<p>»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete -Claudia ein –</p> - -<p>»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, -die am Samstag Nachmittag um ein -viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet -hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten -Zeugen dar, drei wohlbeleumdete Zeugen. Das -dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls -schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches -Paket anvertraut hatte; und getröstet machte -ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, denn ich<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und -erinnert, von Vergangenheit überkommen. »Ihre -Bücher hätten Sie durch diese Zeugen aber auch -nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man -würde heute nicht mehr zu jener Unterhaltung -kommen, die sie vorhin verschoben hatte, denn die -Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, -morgen.</p> - -<p>»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß -auch der Mann des kleinen Jacketts an sie dachte. -Sie bildeten eine moralische Ziffer. Mit einem -Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? -Moral? Aber Geld war sicherlich stärker als Moral. -Arme Leute haben Geld lieber als Moral, -Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte -einen Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen -wurde ihm bewußt, daß er von nun an wieder zu -Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm -ihm den Atem. Er sah sie an, – sie dachte: um -sie zu einer Äußerung zu veranlassen, und sie zog -harmlos den Schluß, indem sie fand, daß seine -Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -gegen Geld zum Schweigen.« Und die Form seiner -Stirn wies sicherlich zarte Schönheit auf.</p> - -<p>»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man -konnte sie bestechen. Reisemützchen würde für meine -Bücher eine anständige Summe haben, davon -konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen -waren dahin, schwiegen, blieben stumm wie das -Grab, um dem Volksmunde nachzureden. Und -unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb -ich stehen, überwand Hunger und Müdigkeit und -marschierte zurück. Ich kam kurz nach dreiviertel -auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen -ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte -den ganzen Güterboden. <em class="antiqua">Personne.</em> Ich rief – -umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von Ekel -und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und -müde doppelt so sehr als zuvor, ging ich nach Hause. -Um acht kam ich in die Stadt. Ich wollte die -Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, -aber ich schämte mich, und dann war es mir auch -schon gleichgültig.« Wozu erzählt er mir das eigentlich, -fragte sie sich in leichtem Erstaunen. Es ist<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich -jedoch und sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:</p> - -<p>»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die -Asche von der Zigarre und fuhr dann fort, schneller, -weil der Schluß wie ein Abgrund das Fließen der -Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem -er auf ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander -auf dem Tische lagen:</p> - -<p>»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen -stand ich um sechs Uhr auf, am Ruhetag, am -Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags -nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur -Erholung in Freiburg auf. Ich stand also um sechs -auf und begab mich auf den Güterbahnhof. Natürlich -traf ich keinen Menschen dort, nicht eine -Seele. Ich wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge -um zehn, um halb zwölf und um vier, alle -Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht -mehr, ich war vielmehr von der Idee besessen, das -Meinige wiederzuhaben.«</p> - -<p>Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, -die zu Ende ging. Ihr Blick ruhte nachdenklich<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: eigentlich -macht er davon viel Aufhebens.</p> - -<p>»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:</p> - -<p>»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von -ihrem Gesicht wieder auf den Teppich. »Montag -nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben -stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich -sah ich, sowie ich eintrat, mein Paket. Es lag -ordnungsgemäß da, der Mann hatte es abgeliefert, -redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg -ohne aufzusehen.</p> - -<p>»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, -denn sie fühlte, daß er auf ein Wort wartete. Er -stützte den Kopf in die Hand und blickte auf den -Tisch:</p> - -<p>»Was denken Sie also, das ich getan habe?«</p> - -<p>»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt -zur Bahn gegangen«, entgegnete sie ohne Zaudern.</p> - -<p>»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, -sagte, es habe Eile und trug es zur Post.«</p> - -<p>Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren -Sessel zurück:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. -Und dann kam ihr die Anwandlung laut -und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.</p> - -<p>»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. -Ja, ich genierte mich, wissen Sie.« Er nickte mehrere -Male, ohne den Kopf aus der Hand zu heben -oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte -traurig und sagte noch einmal: »Ja.«</p> - -<p>Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, -der langsam in sie hinabsank wie ein Eimer in einen -dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben -Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte -Linie. Sie zürnte ihm; sie warf ihm eine stumme -Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche läppischen -Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. -Die große Uhr pochte unablässig; Doktor Walter -Rohme besah reglos den Schimmer der rötlichen -Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. -Da sitzt er nun auf seiner Heldentat, dachte sie -zornig. Warum verteidigt er sich nicht? Wo verbarg -sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes -Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -gegeben hatte zu glauben, er werde ihren Weg vor -allem Häßlichen behüten, damit nichts sie kränke -und verstöre – warum zeigte er sich ihr heute so -hilflos, so ausdrücklich schwach? Da saß er nun -gebeugten Nackens wie ein Verurteilter und rührte -sich nicht … Und sie begriff. Ein Blitz schoß auf -und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall -und ganz lauter. Eine Wonne stieg aus ihr -empor wie ein Eimer aus durchsonntem Brunnen, -von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie -lächelte immer verstehender, immer seliger, sie fühlte -eine Wärme und einen süßen Druck in ihrem Herzen -und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand -und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über -den Tisch, bis die feinen Fingerspitzen seinen Handrücken -berührten. Er fuhr aus toter Verzweiflung -auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen -– erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte -die Hand mit einem brennenden langen erlösten -Kusse.</p> - -<p>»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob -sich. »Ich danke Ihnen für diese Erzählung, ja, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch immer, -und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen -kommen Sie zum Tee, dann reden wir von -Weislingen und musizieren ein wenig, wie?« Ihre -Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch -nie gehört hatte, und er drückte die geliebte Hand. -»Ja,« sagte er glücklich.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<h2 id="Das_dreizehnte_Blatt">Das dreizehnte Blatt</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> -<p class="drop">»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht -hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,« -sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine -zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind -Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du -mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, -und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, -diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir -eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben -hatte.</p> - -<p>Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb -meiner Heiterkeit zitterte ganz leise und erregend -diese Unsicherheit: war es nicht doch allzu -bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, -etwas Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, -mit ausdrücklichem Besuche? Nun geschah das, -es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, und war -darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr -die Sitte, die einen anständig entfernten Umgang -mit angenehmen Menschen gestattet, und schließlich -scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt -durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -wieder gut zu machen; aber ging das nicht -allzu weit? Ich hatte Bedenken.</p> - -<p>Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben -Walter und fand den Weg wundervoll: eine breite -und ebene Straße führte uns eilig zu dem kleinen -See, an dem der Maler inmitten schöner Villen -sein einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über -den bepelzten Rücken des Chauffeurs hinweg und -durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den -Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich -wie alte Bronze und in einem klaren Rhythmus -emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen -und goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es -leuchten, die überströmende Sonne unserer Herbstnachmittage, -und die Lücken der Wipfel faßten -überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte -Teile eines Edelsteins von unaussprechlich tiefem -und feurigem Blau. Erstaunlich, wie glücklich die -Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man -sich nicht mehr zu sehnen braucht, wenn man einen -Menschen gefunden hat, mit dem man versuchen -will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -neben einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz -gefaßte Miene bewahren. Ich atmete mit Übermut -die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den -strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender -Blätter; über die niedergelassenen Scheiben hinweg -drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden Seiten -des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich -in strömender Schnelle wie ein Fluß zurück, dem -ein scharfer Bug entgegenstrebt. Dann und wann -gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal -aus ihrem metallenen Munde, und das zarte -Schwirren des Wagens dauerte wie die Stille -selbst, ununterbrochen und gegenwärtig … Man -ist doch sehr undankbar: kaum genießt man, so ist -man glücklich, und kaum lebt man in diesem Glück, -so wird das Genossene sanft in den Hintergrund -gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, -bis es sich durch nachdrückliche Veränderung wieder -meldet. Gegen solche innere Willkür bin ich machtlos, -schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand -plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke -Göttin, Aphrodite mit segnend geweiteten Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -über einem Kranze von Menschen schwebend, die -sich nackt lieben.</p> - -<p>Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus -Manths unvergänglich radiertem Zyklus »der -Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste -jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher -Unbekannten mit einem Schlage zu denen reihte, -die das Höchste versprechen; und zu der Alexander -Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene -Gedichte, und das Reifste, was diesem -empfindlichen und kunstvollen Lyriker bis dahin gelungen -war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, -hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine -Aufrüttelung – und von diesem Geburtstage an -war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, -wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft -weithin entführen mochten; und als man ihn eines -Tages in unser Haus brachte, spannte mich die -Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf -dem Herzen, der immer da ist, wenn ich ein Ereignis -bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich -ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -hat die Erinnerung längst aufgesogen – -streng und ungeheuerlich irgendwie … Und dann -lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, -schärfer als jetzt im Darandenken, da ein kleiner -blonder und mit Sommersprossen bedeckter Mann -sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur -seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß -er auch auf dem Scheitel wenig Haar hatte. Trotzdem -blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, -und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die -leidenschaftlichen Umrisse seiner nackten Menschen -und den tiefbraunen und lichtgoldenen Sammet -der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.</p> - -<p>Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei -mit einem seitlichen Blick beobachtet, erheiterte sich -über mich und forderte eine Beichte. Ich erzählte, -– denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste -an mir nicht entgeht, – und wir sprachen bald von -der anderen frühen Leistung Klaus Manths, dem -vortrefflichen Bildnis seines großen Lehrers, des -Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen -Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -und Schwarz, das in Zeichnung und Haltung -einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu -altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von -den Bildern kamen wir alsbald zu den Menschen, -und nichts war daran wunderlich; war doch der -alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und -wußten wir doch, daß er nie erfahren oder erraten -konnte, warum sein Schüler Manth, auf offenbar -unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes -nicht mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen -hatte, ja ihm ganz augenscheinlich aus dem -Wege gegangen war, wo immer die beiden sich -hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, -kein Mensch, ja nicht einmal eine Zeitung. -Und wir plauderten noch an diesen Dingen – denn -dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir -nun einmal von einer gewissen Entfernung aus lieb -zu erörtern, wenn ich auch zugeben muß, daß diese -Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch heißt -– als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß -zeigte, sich erweiterte, aufklaffte und den unendlichen -Himmel, den purpurnen und schwarzgrünen Kranz<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -der Wälder und den See darbot, tiefblau, langgestreckt -und von einem leichten Winde wellig erregt. -Der Wagen schlüpfte, während mir das Herz -vor Lust schlug, entlang den See, ein wenig abwärts, -glitt in eine Straße hinein und hielt vor -einem hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem -Dach, das scharlachen leuchtete und mit -seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen -Glanz beider, des Himmels und des Sees, sich -erhob. Es war im Oktober, gegen halb fünf, als -wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte -uns erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und -oben, auf dem Absatz der kurzen dunklen Treppe -stand Klaus Manth.</p> - -<p>Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit -der lockeren Haltung der dünnen und kurzen Finger, -die ihm eignet, und lächelte sanft aus freundlichen -Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein -großes Paket hielt, das Kissen, das mir Walter -nicht hatte nehmen dürfen. Er war sorgfältig gekleidet, -und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie -aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -hin spottsüchtig abzuschätzen. Sieh sieh, dachte -ich im Hinaufsteigen, man putzt sich auch hier, -wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt -seiner Arbeit einen ganzen Tag! das ist ein wenig -lächerlich und sehr angenehm; denn sein Anzug gab -sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt -war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes -Jackett gehüllt, aus der gleichfalls schwarzen Weste -erhob sich ein taubenblauer Schlips, von einer Perle -gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen -hin blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes -Gesicht, gelb betupft von Sommersprossen. Er -begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die -seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten -unsere Überkleider ab, und nachdem ich mich am -Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, -lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, -nicht übel zu meinem leider gelblichen Halse und -ganz schwarzen Haaren passe – um wieviel reine -Freude bringt sich, wer nicht eitel! – ließen wir -uns, Walter und ich, in den braunen Sesseln eines -ernsthaften Zimmers nieder, das ganz von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man -hatte geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich -mit einem undurchsichtigen feuchten Hauch und -machte ihn blind und seine Bewegung unsicher – -und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim -Abwischen zusah, diesen Augenblick eines kurzen -heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte -er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten -unbedingt überlegen wollen, geistig und seelisch -überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen -und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, -weil wir sie daran ein bißchen beugen können und -unsere schwatzhaften Zungen daran neckend wetzen? -Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, -doch gewisserweise auch mit froher Neugierde -mein Kissen aus, das ich für diesen Raum -gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner -Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem -Ornamentwerk zarter Kurven ein stahlblauer -Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein Zentrum bezogen -und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war -ein ziemlich gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet,<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -unverworren und logisch bei allem Reichtum -und von einer sorgfältigen Stickerin ausgeführt. -Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft -und sah fast gerührt aus; aber er hielt das -Kissen auf den flachen Händen, wie Männer kleine -Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus -nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich -Mitleid mit dem hübschen Ding, als könnte -es merken, wie unangebracht es sich hier befand. -Die schön gebundenen Bände von Taines <em class="antiqua">Origines -de la France contemporaine</em>, die Walter – was -kann ein Gelehrter besseres geben als Wissen in -Anmut? – ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; -der Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, -das man gern hat.</p> - -<p>Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr -niedlich, ob ich wohl die Teebereitung übernähme. -Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die mit -Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer -häusliche Tugend und Grazie, und mit Recht; dafür -verzeihen sie einem alle Klugheit; aber eine -Studentin, die nicht Eier sieden kann – ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -solche Bekanntschaften – ist ganz umsonst gescheit. -Während ich mit der Teebüchse und dem elektrischen -Kocher hantierte, meinte ich belustigt zu -mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du -müßtest lebhaft, teilnehmend, heiter sein, das kleine -Mädchen machen, dich hierhin und dorthin drehen, -miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. -Das kitzelt die Männer und wärmt ihnen das -Herz, das wollen sie, dann sind sie glücklich, und -du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit -verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit -männlichen Maßen und achten dich bestenfalls einem -halbwegs gescheiten Jungen gleich … Hier merkte -ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit -an und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte -– aber staunen ist schwach gesagt –. Die beiden -sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer -Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es -eigentlich verwunderlich, daß ein Pfleger so strenger -und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit gelassenen -und ironischen Worten von diesen »Künstlern« -der Töpfe und Oberflächen sprach, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren Schnörkeln -verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar -fand und das Wort »Kunst« auf sie nur ironisch -anwandte? Offenbar nicht; und doch hatte ich das -gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war -kindisch, zugegeben, und ich wußte, er sprach von -den berufsmäßigen Verfertigern, aber es tat mir -weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu -sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein -bißchen Geschmack und Formfreude daran wendete … -Ich hielt natürlich an mich; auch fand -ich, er müsse irgendwie gereizt sein – und plötzlich -sagte ihm Walter, daß seine Reden schärfer -und unruhiger klängen als sonst, und worüber er -erregt sei?</p> - -<p>Ich stimmte vorsichtig zu.</p> - -<p>Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen -war, blieb brüsk stehen und rief: »Erregt! -Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und -überdachte mein Leben, das nun halb vergangen -ist! Ja, ich bin erregt, denn die Jahre, die hinter -mir liegen, sind die Zeit, in der die andern leben,<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte -ich von ihnen?«</p> - -<p>Ich beugte mich über das kochende Wasser, -entzog dem blanken Topf den elektrischen Strom -und goß einen dampfenden Strahl auf die schwärzlichen -Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, -wie sie sich sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. -Ich hüllte mich in diese Abwesenheit wie in ein -verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und -lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische -Witterung? Ich fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt -sich etwas Verbotenes, bricht gar schon hervor -… Indessen sagte Walter mit warmem Ton, -der mir zu Herzen ging: »Und die Jahre, die -kommen? Lieber Manth, welch ein Leben wartet -Ihrer noch!«</p> - -<p>Liebling! dachte ich … Und erschrak, wie der -andere fast zornig entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. -Kunst, und darüber wollen wir nicht reden. -Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien -und wieder Arbeit. Davon wollen wir lieber -schweigen. Dergleichen vorbringen und aus solchen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich -meine Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja -für uns getan. Die Zukunft, Lieber, wollen wir -aus der Rede lassen – zumal mich, Sie sehen ja, -das Vergangene nicht freigibt« … Er sprach nicht -viel lauter als gewöhnlich, aber jedes Wort schien -mit Kraft zum Hervorbrechen gesättigt zu sein und -sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern zu -erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne -Pause ins Leichte überlenken, ihn mißverstehen -– dann wird er dich für eine Pute halten und -schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im -Auto; und in bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre -Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß die bei -Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an -Ihre Anfänge gedacht – wie, Walter? an Nottebohms -Bild und an Ihre, sagen wir, nicht unbeträchtlichen -Radierungen vom Leben? Wenn ich -von Musik absehe – Gemaltes oder Gezeichnetes -gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter stimmte -eifrig bei. Half es? – Wenn ich das Folgende -hätte ahnen können, ich hätte um keinen Preis oder<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -Schatz von diesen Blättern gesprochen. Manth -tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und -sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte -– ich mochte ihn nicht so nahe haben –</p> - -<p>»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit -liegen zwischen damals und heut, acht fleißige Jahre. -Und noch ist nichts vergessen, nicht das Bild und -nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten -meinen; es erklang in uns beiden die gleiche staunende -Frage. Die Hand unseres Wirtes glitt über die -Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein Insekt. -»Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe -ein Leben geführt, das nur die Kunst wollte, streng, -keusch, ausschließlich, und bin vorwärts gekommen. -Habe meine Form in die Welt hineingesehen und -gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit -meiner Werke stets unzugänglicher wird, ihre -düstere Herbheit den Bequemen immer fremdartiger, -ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen -mich ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, -um das Erinnern meiner Schmach, die Denkmale -meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -Bild.« – Ich riet mir: jetzt stehst du auf und -fährst heim. Aber das ging ja nicht. Ich hatte -nun sitzen zu bleiben und diese Stunde über mich -kommen zu lassen – eine dieser beschämenden -Stunden voller Pein und Widrigkeit, die allzutief -und schonungslos in einen Menschen hineinleiten. -Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen -schaudern – kann man denn das? Was -würde der Mann aufhüllen, der dort so leise und -leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von -Walter kam mir keine Hilfe; er rührte Zucker in -seinen Tee und sah nicht auf, ich wußte nicht, was -in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. -Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese -Mappe, Claudia Eggeling, die Sie so sehr lieben: -kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: -»Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« -Schweigen war geboten, es ziemte sich, ich wollte -es – aber was geschah? Wider meinen Willen -redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, -die meinen Stolz ätzend zerfraß – aber ich sagte -trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her wie<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den -wunderbaren Geschöpfen seiner spielenden Fantasie, -den erschreckenden Blumen, Menschen aus einem -Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern -hatten; den Knaben, der die formerfüllte Welt -durch das quadratische Gitter seiner Schulung begreifen -soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom -Sturm seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter -Bäume hingeschleudert, die er mit Tränen netzt. -Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, -der zu <em class="gesperrt">sehen</em> beginnt und auf den die Landschaft -einstürmt als wären seine Augen Strudel, alles in -sich zu reißen; und dann die Berührung des Mädchens -… Hier unterbrach er mich und sagte hastig, -geschäftlich und scharf: »Und dann das Nachbilden, -und die Versuchung durch die ehemaligen Formen -in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere -und Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, -und die Qual des Erlebens, und das unzugängliche -Dasein: Menschen, die ihre Gesichter an -einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt -beginnt, Menschen, die einander durch Tücher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -küssen suchen; und die Entblößung des Innersten, -dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben -von Männern, und die Grausamkeit gegen -den eigenen Leib, und …« Aber das letzte Bild, -das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser -gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern -rief sehr warm: »Und am Ende dennoch Aphrodite, -die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen und -mit den Augen lächelnd über einem Kranze von -Menschen schwebend, die sich nackt lieben!« – »Ja,« -sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen Sie mit, kommen -Sie, ich zeige sie Ihnen …« und indem er Walter -bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin -still gelacht hatte – »vor Verlegenheit wurdest -du rot,« scherzte er später einmal – zog er ihn zur -Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und -Geste, daß wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, -durch viele Türen und mehrere Zimmer, eine -schraubenförmige Eisentreppe hinauf – was wird -denn? er ist doch nicht etwa toll? – und einen -kurzen geweißten Gang entlang. Da standen wir, -in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -hellen Wänden und einem ungeheuren Fenster -nach dem See, an der Arbeitsstätte, im Atelier. -»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und -schob ein schräges Pult ans Fenster, lief, indessen -wir, fassungslos verwirrt und zerquält von Spannung, -um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude -auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und -den farbentaumelnden See blickten, deren Bläue, -Röte von goldenen und errötenden Wolken und -ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der -Mappe zurück und legte sie aufgeschlagen auf die -schwarz gebeizte Fläche. Noch vom Fenster her -erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und -strengen Gestalten, deren herbe Linien und düstere -Gewalt die Sinnlichkeit des Werkes heiligen, und -darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, -den selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, -aber warum zeigt er uns das jetzt und so … -außer sich? Das dachte ich, beugte mich näher und -erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, -Christus. Nicht der lächelnde Segen einer Göttin, -sondern die den Augen dargebotenen Wundmale<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; -die Stirn ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt -mit den Löchern und Gruben, die die Dornen -hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen -Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem -Lichte. Er war noch jung; er war Gottes Sohn.</p> - -<p>»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth -mit einer Stimme, die uns beide aufschauen ließ: -aus ihr und aus seinen Augen drohte ein ähnlich -erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. -Dann wandte er sich ab, trat an die Scheiben und -schlug zwei prasselnde Wirbel mit den Fingerspitzen. -Darauf schwieg alles eine geraume Weile, -wie die Stille nach einem äußersten Tumult, der -um uns losgebrochen und jäh verstummt sei und -nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten -wie nach rasender Drehung Erschütterung -und Schreck, die Überraschung und die Gewalt -des vertauschten Werks, und das nachträgliche -Wahrnehmen vermummter Tragik, als höre einer, -das beschneite Feld, das er eben überschritten, sei -der gefrorene See. Walter und ich sahen starr<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -auf das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem -Werk einen neuen Sinn.« »Einen schweren, ganz -anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was -war unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? -Unmöglich. Lüge? Hohn? Wir schwiegen -wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« -Ich wußte noch nicht, ob die Begierde in mir -stärker war oder eine erbebende Furcht, da begann -er schon, stehend, während ich auf einem Schemel -hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, -und Walter hinter mir an das Pult gelehnt -empfand:</p> - -<p>»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, -gleichgültig wo, am Harze, in einer alten Bischofsstadt. -In meinem vierzehnten Jahre legte man in -einem Berliner Vorort eine Straße anders, als -vorher wahrscheinlich gewesen; das hatte zur Folge, -daß wir in eine andere Stadt ziehen mußten, nach -Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. -Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei -blieb's zwischen uns, denn er liebte niemand -außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und -schickte mich auf die Kunstschule nach Breslau. -Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren war -ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, -Zeichenlehrer zu werden. Man entzog mir allen -Zuschuß, strich mich sozusagen aus und ließ mich -auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen -und, in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu -hungern. Man versteht das in den Mansarden von -Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf -Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, -borgt Heringe und Tabak, übernachtet wohl auch -in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle -Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das -keinerlei Akzente. Man hat Kameraden und teilt -mit ihnen das wenige Geld und den großen Enthusiasmus. -All das ist nichts; schlimm hat mans nur -als Maler, wenn man weder Farbe noch Leinwand -kaufen kann, und das war oft, denn das Handwerk -ist teuer. Der Musiker findet überall ein -Klavier, nicht wahr. Der Literat bekommt Tinte in -seinem Kaffeehaus – unsereiner aber ist übel dran.<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert -grauen Packpapiers und den Reichtum der Nuancen -von Schreibtinte. Gleichviel, ich arbeitete. Und -wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag -oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, -entwarf und bekämpfte ich die Erscheinungen, die -sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen -Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten -Zeichnungen, die den Künstler gegen das Leben -stellten, an meine kahlen Wände.«</p> - -<p>Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen -zu ihm auf: er stand vor dem hellgrünen Nordhimmel -des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter -Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; -schon fiel herbstliche Dämmerung. Nun, meine -Miene war geübt ein still horchendes Mädchen darzustellen -– und wenn das halbhelle Licht auch mein -Gesicht herausholte aus dem Dunkel, er würde -dennoch nicht gespiegelt finden, was ich bei dieser -Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, -viel Widerwillen … und ich atmete spöttisch aus. -Entblößen Sie sich nur, mein Herr, dachte ich, mich<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -für meine Person entdecken Sie nicht … Vielleicht -legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit -Frauen verhielten? – Er sprach weiter:</p> - -<p>»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. -Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen, -die schlechte Kleidung und aller Mangel an den -Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden -Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung -und Behagen ruhen und sich stärken könne, -all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, -die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses -manchmal eingab, und für die ich mich mit -Reue und Qual strafte – alles das war nichts -Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich -diente, den Weg, an den ich glaubte, und das -stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich -– und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert -man das? – ich war nie nur Träger einer Leitung -gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die -Hand zum Pinsel führte; <em class="gesperrt">ich</em> dachte, <em class="gesperrt">ich</em> fühlte, -<em class="gesperrt">ich</em> stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die -Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -und Farben auf die weiße Fläche kommen darf, -dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei -Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten, -denen alles ohne Intellekt gelingt, wie -man von Raffael sagt – ich habe Bedenken dagegen, -ich glaube nicht daran, in Klammern – in -der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt -das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war -mir gegeben: <em class="gesperrt">ich</em> wählte, und nach den Gesetzen -meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an. -Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer -man anbeten mag; mich führten sie auf einem -Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden, -und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig -Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig -Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, -Feuerbach, Marées – natürlich nur dem Standpunkt -nach, nicht etwa kopierend – wo man anlangt, -gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen -und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener -Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum -weiten Rhythmus wird, zur herben und starken<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Schönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen -Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das -Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, -Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von -der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen -zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und -immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so -sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, -sechs fertige Entwürfe« – wie eitel seine Stimme -klang, eitel auf Fleiß und Mühe! – »Da starb -plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung -und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ -können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen, -was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung. -Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte, -und so richtete ich mich auf ein sicheres und -einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, -Firnis, Säure und Nadeln, und begann, -meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz -durchdachten Form zu radieren; denn daß es -Radierungen sein würden, war mir von Anfang -an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -aus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden -ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm -dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm, -meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern -zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele -wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens, -besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und -erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen – denn -die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht -kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches. -Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem -Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in -den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwas -<em class="gesperrt">gemacht</em>.«</p> - -<p>Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz -verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es -wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig -vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten -Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und -sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen -Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm -meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand,<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht -schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich -mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle -der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder -und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:</p> - -<p>»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich -einen Brief des großen Kunstverlegers <em class="antiqua">Dr.</em> Venediger: -er habe von autoritativer Seite reiches Lob -über eine Reihe meiner Radierungen gehört und -er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte -mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er -ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß -er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und -ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch -kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. -Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung -und Abstufung des Dunkels und jeder -Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge -Anordnung – es gab keinen ästhetischen Wert, -den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte -sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. -Nun, nicht wahr, man ist jung und<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -unverwöhnt – ich genoß diese Augenblicke; sie -waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er -alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, -dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt. -Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte -er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen -lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich -und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich -entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es -ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist -Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures -Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz -großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen -könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den -Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann -begann ich zu sprechen« – er lachte kurz und -scharf – »empört und begeistert. Aber das ist ja -fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des -Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das -Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da -blind geben und nehmen, die den Trieben folgen, -über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken des<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt -und verstärkt brannte – er verstand nichts -davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und -strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk -von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß -auf der Stelle keineswegs vonnöten.</p> - -<p>Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in -Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt -saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint -es ganz gut und hat für sich ganz Recht – nur -nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für -erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in -der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen -Sommernacht, während die Sterne an meinem -offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und -vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen -wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber -schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, -mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten -sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst -dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine -Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen und<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -die Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer, -inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben -hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer -Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit -der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem -Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür -zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition; -denn irgendeine andere konnte dort die -Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und -einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder -ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre -war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn -– eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren, -die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes -Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das -Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt -um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer, -aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht -verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam -es und warf mich um, meine ganze Existenz; und -als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu -schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -keine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit -ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit -bedeute.</p> - -<p>Ich wiederholte unterdessen fortwährend und -haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser, -geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich -verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts -dieser Niedrigkeit …</p> - -<p>Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich -ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um -meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr -Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in -meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und -suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, -mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber -er, der vornehme Mensch, der empfindliche und -verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte -Landschaften in ihren lichten und verschleierten -Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel -und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer -als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen -waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -wenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß -ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite -über den Liebenden schweben zu lassen – und -als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen -Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch -ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze -beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg -vor mich hin, und begann eine neue glänzende -Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit -und mit totem Innern. Ich verbesserte -zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz -des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte -Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, -Claudia.</p> - -<p>Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis -– ich war ihm doch zu Danke verpflichtet, -nicht wahr – zärtlich wie einen Abschied; langsam, -eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es -sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich -nicht annahm – es sei zu gut geworden und -ich sollte es verkaufen – und sich mit den Studien -dafür begnügte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen -von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die -meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und -meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen -und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir -später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang -mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer -erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich -hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann -vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte -die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und -diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas -war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender -eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, -nie verraten hatte.«</p> - -<p>Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort -auf – ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich -zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich, -endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und -sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei -unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die -man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -ihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein -Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend -erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen -dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben? -Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke -in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, -und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört -worden. Denn stets würden, das war schon -jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden -Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern, -und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten. -Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.</p> - -<p>Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter -und beherrschter Stimme: »Gehen wir -hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei -mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, -an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen, -ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere -geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten -geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich -ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als -tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich -zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich -– man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht -zu gewöhnen – vor mir hing, rahmenlos an die -Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch -bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt -Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf -brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher -Umriß und einige wesentliche Linien. Die -trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, -und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, -glühten mich an … Ich stand und schaute. -Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich -dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und -Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo -wir standen und kommentierte mit gleichgültiger -Stimme:</p> - -<p>»Die erste Studie zu dem Porträt – Sie -wissen. Trauriges Ende, ja. – Ich darf also das -Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände, -aber Walter sah mich bittend an, und so -gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken -und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich -den Hörer nahm:</p> - -<p>»Der arme Mensch. Was er gelitten hat –«</p> - -<p>»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten -haben« … Aber ich dachte an Oswald dabei, -nicht an den kleinen Maler.</p> - -<p>»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«</p> - -<p>Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft -die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles -… und ich liebe dich dennoch … Aber schweigen -wir von Oswald – es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise -bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie -bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt -von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht -mehr, was er eben gesagt hatte.</p> - -<p>»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte -ich daher.</p> - -<p>»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen -und fühlte es im Drucke deiner Hand vorhin.« -Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet … -Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -nicht zu berichtigen. Es hätte ihm wehe getan. -Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. -Ich fragte zaghaft, mädchenhaft:</p> - -<p>»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen -geblieben?«</p> - -<p>»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis -eines solchen Menschen?«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk -ist mir dadurch ferngerückt und neu, fremd geworden. -Ich werde einen Monat brauchen, mich -wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den -Schöpfer auch.« Aber daß ich mich schämte für -den Mann, der mir jetzt gelassen und nun gewissermaßen -nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber -sitzen wollte, das mochte ich nicht sagen.</p> - -<p>»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine -Claudia?« fragte er sogleich in zärtlichem Vorwurf; -ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, -bist lasterhaft gerecht –« und ich schloß mutwillig: -»Ich behellige auch niemand mit Innenleben – -nicht einmal dich.«</p> - -<p>Er legte lächelnd seine Hand auf die meine:<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -»Dafür ist er ein Künstler und wir simple Bürgersleute, -die bei der Kunst zu Gaste gehn.«</p> - -<p>»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er -sich mit dem begnügen, was seine Werke gestehn; -das ist immer noch genug.«</p> - -<p>»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier -fühle. Sind wir einig, du?« Ich nahm den -Hörer auf und log: »Vielleicht.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Stern">Der Stern</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> -<p class="drop">Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen -Walter Rohme« steht auf dem Titel -zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so -besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, -diese »Sonate <em class="antiqua">e-moll</em> in tiefer Lage«. Unter Claudias -Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam -aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit -gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht -– von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch -glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern, -sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: -vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme. -Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied -vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu -einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal -in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander -klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke -ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten -Trauer … Aber alsbald webt Alexander Sirmisch -mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden -Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit -einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessener<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Trauer zu verhüllen – bis an einer Stelle, auf -die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel -alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, -ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei -der letzten Verlassenheit ausstöhnt … Hier läuft -mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein -Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich -strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und -gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter -Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein -Freund … ich erinnere mich, daß es Zeiten gab, -in der Schule, noch auf der Universität, wo mir -das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu -werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest … Vier -waren wir – zwei fielen ab; du aber machtest dich -davon, heimlich an einem Abend, als es regnete -und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter -vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich -und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten -und deine Gestalt schon Bewohner des -<em class="gesperrt">anderen</em> Reichs … Und es ist mir, als müsse der -tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehnt<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -stehen, als müsse er lautlos über den blauen -Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst -an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft -seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt -haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner -Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden -lassen, viel anklagender, viel erdrückender … -Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand -steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.</p> - -<p>Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln -des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre -Scherzo und verändert die Stimmung, die uns -alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich -in unseren Bewegungen, ohne Anteil des -Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte -mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke -um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich -leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur -Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir -aus weiten Augen durch die Dämmerung des -Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber -von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -schwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange, -an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch, -hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, -neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt -mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen -die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich -hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser -erste Abend unseres wieder vollständigen Trios -– Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert -– ein Gedächtnisdienst für Oswald -Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange -Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell; -aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es -ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers -so schweigsam macht. Hat nicht, von dem -Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« -fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, -und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem -von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte -ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung -war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch -war ihm als sehr musikalisch angenehm, und<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche -Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung -erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad, -ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, -wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge -auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte, -und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu -Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben -mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele -tönen läßt, und das die meine ganz besitzt …</p> - -<p>Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein -Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden, -welches eine solche Stimmung angstgespannter -Trauer allein fassen und der Seele -tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf -Variationen, in denen das Cello die Stimme der -Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets -gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen -und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, -ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt -mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans -Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten -Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor -der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade, -das Erblicken des Gleichen im Veränderten -und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks -für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit. -Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für -das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, -jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, -klingen und schweigt.</p> - -<p>Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem -hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller -Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase, -und die beiden anderen; nur die Lichter knistern -über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges -Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten -an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht -leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes -Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos, -sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; -der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, -und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem noch<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster -des Divans – da legt, und wir alle erschrecken, -der Cellist den Bogen hart klappend auf das -schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen -als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und -sagt schneidend in die Stille hinein, während er -sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:</p> - -<p>»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat -man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die -Ursache <em class="gesperrt">davon</em> geworden, eine Hausfrau, ein sittsames -Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch -lehne ich diesen Ton ab.</p> - -<p>»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme -langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier -Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese -Abwehr. Ich habe, <em class="gesperrt">was</em> er sagte, noch nicht aufgenommen, -plötzlich begreife ich's und es schlägt -wie eine Kugel durch meine Brust.</p> - -<p>Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel -und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen -Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt -wieder einmal alle diese Menschen, die einander<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -gernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander -entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern -eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die -mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, -und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben -kann – er hat ja erst vor Wochen von dem Ende -des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß -gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris, -unverhofft, ohne jede Vorbereitung – aber auch -Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst -den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs -erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es -einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung -fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu -Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er -jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal -schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.</p> - -<p>»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs -der Meinung, ganz und gar nicht, daß -zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers -rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute … -Das da« – er schlägt die Handfläche auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Notenseite – »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir -haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das -Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die -Sinfonie – gnädige Frau!« Seine Stimme zittert -beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder -… es geht mit ihm durch; aber ich lehne -es nicht mehr ab … Um so ruhiger klingt die Antwort – und -ich weiß, warum ich das bewundere.</p> - -<p>»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe -wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei, -und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte -Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich -hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr -musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam. -Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war -eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß -Frau Doktor … daß diese Dame ihm nicht im -geringsten zugetan war.«</p> - -<p>Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier -anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.</p> - -<p>»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen -klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich?<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -Doch für ihre Stumpfheit, doch -wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte -wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn -drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was -brauchte er anders um genial zu werden, reif zu -werden, als das beglückende Anschmiegen dieser -Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu -können benötigte er ein erträgliches Dasein, und -weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau -gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer -irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde – -sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. -Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie -hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war -honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller -Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos -sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam -und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls -Notiz genommen hätte … Sind Sie mir -böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken, -wie sehr ich sie verachte, diese zahmen -Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -gackernd und eierlegend – nein, gnädige Frau, -daß einer wie Oswald Saach um <em class="gesperrt">so eine</em> -fortgehen mußte … das ist ein bißchen widerlich …«</p> - -<p>Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch -mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So -sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen? -Oder greift er in eigener Sache an, in der -Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges -verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm -gänzlich recht, vermutlich sehen alle – ich gewiß –, -an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, -mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau; -aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit, -sondern um Freundschaft; <em class="gesperrt">wenn</em> es um -Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel -und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid -ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen -Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke -ich, wie Frau Eggeling – ist ihre Überlegenheit -nicht staunenswert? – die Augen gütig -auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -– da geschieht das Überraschende.</p> - -<p>»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber -das <em class="gesperrt">ertrage</em> ich nicht länger!«</p> - -<p>Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. -Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen -Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung -beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei -heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang -zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der -Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! -Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel -und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus. -Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum -ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. -Was ist das? frage ich mich – <em class="gesperrt">was</em> ist das? -und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken -gleicht – übrigens ist es wirklich Schreck – -und jede andere Regung für Sekunden aus meiner -Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle -Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war -von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend …<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, – und erst -jetzt wird es mir bewußt, – im Umdrehen ihr Gesicht -erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen -geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, -schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts, -ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen -Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:</p> - -<p>»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, -Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!« -und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten -Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, -die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch -für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und -zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes -Glas an die Augen und sagt scherzhaft, -während sie sie forschend ansieht:</p> - -<p>»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer -Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald -Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen -Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser -Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß -eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohl<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, -ruft Claudia aus dem Dunkel:</p> - -<p>»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für -die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja? -Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen -Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen -Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe -sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute -fast verpflichtet.«</p> - -<p>Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu -Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam -verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein -rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter -Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters -überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch -dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen -Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich -mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun -gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert -inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, -die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, -in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerrede<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -ärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel -wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich -dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen -kalter Luft: das schwarze Blau der frühen -Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier -Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine -Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen. -Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne. -Antworten: worauf und was? Aber Alexander -Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem -stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind -horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben -zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar -ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner -Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit -zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen, -lauernd, staunend, schwarz und drohend – ein -unheimliches Auge, das Claudia ansieht.</p> - -<p>»Zeit oder nicht, gnädige Frau – was können -wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet -hat, werden wir wissen. Ich warte; und -bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -tritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens -sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl -nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen -Leidenschaft – und jetzt schon, in diesem -Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die -Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung. -Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in -mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige -Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr -abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes -hineinsagt:</p> - -<p>»Ich habe nichts mehr zu reden.« – Es ist für -meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses -Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber -ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt -an das zu denken, was sie verschweigen -will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß -wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses -erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, -habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der -Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich, -wie der dampfend goldene Teestrahl die weiße<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und -sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein; -dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während -er das Getränk durchwühlt, um den Zucker -zu lösen und sich – irre ich nicht? – Mühe gibt, -den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:</p> - -<p>»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das -nicht genügt. Sie werden nicht umhin können, -uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben -sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist -nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße -Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie -er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte -gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne, -so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein -Duell junger Herren; und ich lächele still über die -imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit -ihr beleidigt und ihr Beschützer sein … dies gibt -den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und -belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm -recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen -lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchten<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -konnte? Jagen lassen – wovon? Ich vermag mir -kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die -ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt -und blumig gesehen habe … Finden sich da -– ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu – Abgründe, -Dickichte und schwarze Wälder, in denen -es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks -solche Überraschungen hervorbrechen?</p> - -<p>»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« -Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig -erfreulich, und ich bedaure so sehr …« Sie blickt -mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, -dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz -fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen; -und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's -einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen -sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos -auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens -wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das -ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art -zu bitten, auf Blick und Ton – mein Herz übertölpelt -mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -es ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. -Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von -diesem schönen Mädchen aus – dennoch bewegt -ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt -sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren -Mannes:</p> - -<p>»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? -Was könnte ich verweigern, wenn Sie so -bitten … aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«</p> - -<p>Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt … -Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung, -diese junge Dame, und wird nicht zögern, -sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören -und setze mich zurecht.</p> - -<p>Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, -bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet -sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn -sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger -lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)</p> - -<p>Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt -sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen -zucken zweimal – dann tritt sie wortlos nach hinten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie -uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die -Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet -neben dem Tische, den Maler, der in -seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes -Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend -unter dem grünen Seidenschirm, mahnt -sie noch:</p> - -<p>»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und -beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme, -während sie hinten im Raume, an uns vorüber -einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht -schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein -Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen -uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir -immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er -war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen -wie er, die in beständigem Pathos leben, sind -für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und -dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte -das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter -her stets merkte und auf eine peinliche Art auch<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte -und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, -ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete -einfach auf immer an ihm, daß er von unten -gekommen war.«</p> - -<p>Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während -meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine -Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte), -wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun -sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn -auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste, -die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, -graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich -hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter -stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem -Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden -Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört, -befehlend – immer glühend und gleichsam -emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er -vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt -war und sich so bald verzehrt hatte … -Unterdes höre ich Claudia:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp -wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich -gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend -und berechtigt war, im Pathos zu leben. -Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen -Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er -sich in mich.« – In mir klappt etwas zu: eine -Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. -Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und -senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon -zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? -– »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus -einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon -Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen -Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum -erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen. -Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten -Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in -dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr -mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter, -daß es zischte – und die Augen immer -am Boden oder bei den großen goldenweißen<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -Wolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen, -sprach er von sich, immer von sich. Daß -man einen Menschen seiner Art nicht lieben <em class="gesperrt">könne</em>, -daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen -und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts -so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst -liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen -Dummkopf zu tauschen bereit sei, und -im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent -nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen -gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen -hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort, -etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit -zu tauschen, und er lachte mit; aber meine -Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose -und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. -Und nur von diesem Menschen lernte ich -die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche -Sonaten <em class="gesperrt">erleben</em>, nur er schuf sie gleichsam noch -einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur -er hatte beides, den glühenden Anlauf <em class="gesperrt">und</em> die -vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -phantasieren begann, so hörte ich, ja ich <em class="gesperrt">hörte</em> die -brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser -zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und -Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser -Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen -Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise -dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte -ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag -trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -– es kann vielleicht, für gewisse Menschen, -noch schöner sein, ihn zu lieben …«</p> - -<p>Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt -mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:</p> - -<p>»Habt ihr noch nicht genug davon?«</p> - -<p>Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, -wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem, -was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme -an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich -sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht; -akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth -räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen -nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -still. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in -die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der -ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der -ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias -Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände. -Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem -Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren -zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich -erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten -… klang ihre Stimme – ihre Mutter kennt -sie nicht besser als ich – nicht tiefer und innerlichst -bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und -Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre -Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört … -Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin -imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie -ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die -von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; -geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das -Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an -einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag -Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es -gibt Liebe, die nur Stunden währt – und einiges -Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre -gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir? -Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer -halben Stunde Liebe? Du guter Gott – ich bin -nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß -eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis -ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern: -daß sie es bis heute verschwiegen hat, und -daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, -ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe -gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du -hörst es gleich – ich fürchte mich; ich fürchte -mich …</p> - -<p>»Habt ihr noch immer nicht genug davon? – An -jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir -uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's -meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche -etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines -Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele -taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -mit einem blonden Mädel und einem fallenden -Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut -und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas -besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung -zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier -und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe -erledigt – denn trotz jener Frage und allen Anteils -erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten -Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und -ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die -Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies -erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten – -»ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger -Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, -eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von -der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein -Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn -von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit -aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner -Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch -nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals -noch ganz ungekannt, sondern um des Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende -Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, -Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten, -diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts -als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen -Grundsätze endlich über den Haufen geredet, -ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit -seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch -seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig -sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein -empfand, weil sie selber arm und vereinsamt -war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn -und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich -nach, mit schüchterner Glut und einer stets -keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr -euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal -an sie gedacht, und er gab mir die Mittel -dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen -sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer -Liebe – er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig, -und betrunken von der holdesten Erinnerung.«</p> - -<p>Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches -Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher -Vorstellungen ein kleines Glück … Wie -manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht -und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds -großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern -Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier -einsiedlerisch hinwegblickte … Wie hieß sie? Lisbeth -– weiter fällt mir nichts ein … Sie hatte -das sanfteste Lächeln … Ich sehe die Geste, mit -der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des -Messers bietet, über den Tisch hinüber … Sie -schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und -warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter -sich … Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal -formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen -Fruchthaut, und Oswald lachte bei -ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. – Und -dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen? -Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen -um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag -sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigen<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände -zittern immer noch … Bin ich denn vom Tee -vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer -Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren -alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in -Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich, -daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt -hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. -Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft -der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich -zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; -sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu -machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu -lieben) wohin er sie geführt hatte – auf einen -Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie -hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein -ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten -unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von -sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der -Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt, -unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr -stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete,<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat, -ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«</p> - -<p>Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling – sie -hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das -ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von -der Stirn, unbemerkt … Ich muß sehr blaß aussehen -… Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia -über alles das nachgedacht!</p> - -<p>»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er -sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein -in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu -fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte -ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, -Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele -Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so -völlig – hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr -ganzes einfaches Herz gegeben … Sie schrieb ihm -Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir -zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -– und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend – -»in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft -abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, -daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte, -wie man ohne ihn leben sollte … Aber der Kampf -begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen -und versucherischen Stadt, wohin sie die -Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten. -Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung, -ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie -dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie -einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte -ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren -Gewohnheiten und Pflichten vertraut war – und -das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah, -vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu -lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen -des Großen Gartens; und oft hat sich mir während -seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt, -als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar -anwesend und wüßte: der Abend zwischen -den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt -wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner -Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -Wind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der -sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet, -und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen -beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, -sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald -gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine -Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend -angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit -einem ganz unbekannten Maler – denn das alles -begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln -saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer -und spärlich ernährte – sie war viel zu vernünftig, -nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch -vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie -doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn -er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen -Staunens darüber, daß die Vergangenheit über -eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein -könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele -nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen -könnte unter solcher Last des Erinnerns -– sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehende<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -Kraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und -die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von -Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und -Liebe widerstand, schien mir bewundernswert – -und scheint mir heute noch bewundernswert.«</p> - -<p>Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, -dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich -weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt, -als hätten sich dort Nadeln gelockert … In mir, -– gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir -ab? – ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend -hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir -schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, -daß Claudia Eggeling sich verbündet und -eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser -Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden -Wirklichkeit – und dieses Mädchen, das sich ohne -Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald -Saachs Geliebten einen Zugang finden: und -so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen -schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen -hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -einer Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, -mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. – -Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen -ist … (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher -sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals -nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten -… Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! -Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos! -vielleicht erklärt das Ende alles … und Ruhe, -Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten -darf … Du darfst gut bitten, mein Alter.</p> - -<p>Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie <span id="corr130">setzt</span> -mehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme -hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher -hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. -»Ich habe das Wichtigste vergessen – warum -zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen! -Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß -Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig -fühlte von unbekannten Gewalten? … Habt ihr -je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch -war?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<p>Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. -Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich -heute durch alle Gefühle, auf und ab … Sie findet -Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet -den Aberglauben … Und was soll das jetzt, und -hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen -kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches -sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen -nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen -macht oder zu Künstlern. Da meldet sich -Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die -Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte -Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; -jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn -es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte -Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine -Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und -sagt, ohne sich sonst zu rühren:</p> - -<p>»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst …« -mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch -sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch -das Wort, bitte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und -her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick -ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). -»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere -sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben -zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder -daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern -für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen -und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie -eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen, -unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er -hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt -oder fähig sei, all das durch Betrachtung -zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit -er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die -Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt -hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen -ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle -sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte -Philosophie und allen Skeptizismus und wolle -ein Musiker bleiben.«</p> - -<p>»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -Klaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich -aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir -aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des -Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn -in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle -Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, -die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja -diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt – -hat sie sie doch eben erst gewonnen; – und sie nun -von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie -selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese -drollige Ursache – sie kitzelt mich süß in der Brust, -ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, -was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer -Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen, -was sie wolle … je ungerechter sie ihn -schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja -kein Wort von Oswalds »Aberglauben« …</p> - -<p>»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! -Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und -ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht -darüber – wissen Sie, was Sie tun?<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig -dabei – am Ende und im Grunde suchen Sie -nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, -die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, -Abneigungen und Handlungen stärken -sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; -Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd -überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen; -er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht -auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten -von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden -zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und -alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder -Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte -weiter – für sich, nicht bei einem Heiligen -– bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit -eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem -Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er -befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf -sonstige Art orakelnd warf – ob er je zu einer -Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint -es mir sehr möglich – und so glaubte er mit besonderer<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -Neigung an die wunscherfüllende Magie -fallender Sterne.«</p> - -<p>Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; -nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden. -Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes -Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt -es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht -angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft -zu verlieren über diese furchtbare und wichtige -Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie -das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft -ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt; -sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie -kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht -haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus -Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches -Bild trübt – und (jäh befällt mich neuer -Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den -sie gerne makellos sähe … Ja, ich bin ins Netz -geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich -altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt -das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor -zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.</p> - -<p>»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, -und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges -nicht allzu leicht hell? Sie leugnen -das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. -Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger -in der Seele …«</p> - -<p>»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange -bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe -zu lösen, Unbekannte einzusetzen – das ist alles. -Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft -der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte -zu verweigern. Genug, genug: Saach war -abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens -hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. -Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch -zu fechten …«</p> - -<p>Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne -mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit -dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen. -Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? -Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das -eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von -einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man -soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und -dann nur noch Musik: an einem der Tage, an -denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, -holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten; -denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die -Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, -streng aufrecht, während er doch geglaubt -hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen, -was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. -Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich -vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je -und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern -und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über -denen der Himmel immer tiefer blaut, den die -ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach -hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die -Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im -Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr -großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde -gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der -Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; -und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter -sind beide bleich, sie sehen einander nicht an; -sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, -des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers -ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die -er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem -wegzuschleudern – aber schmerzvoll durchpulst von -der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert -von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer -bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich -zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon -nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm -werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von -Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende -und verwirrte Reden überwältigen ihn, -die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie -weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die -Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Leid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen; -sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. -Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den -ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die -sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer -keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre -Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit. -Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und -schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie -ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im -Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht, -Nadeln sind verloren worden. Sie gehen -den See entlang. Er muß in dieser Stunde der -eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen, -ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort -von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren -Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt. -Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit -oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, -nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und -ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond. -Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -Kampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern -aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer -lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, -ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker -gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird -in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz -deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; -ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet, -zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges -Wahrzeichen sei – und wie heißt die allgegenwärtige -Begier des Mannes, der soeben dagegen -kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der -ihn um seiner selbst willen liebt? <em class="gesperrt">Ruhm!</em> rief es -in Oswald Saach.«</p> - -<p>Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer -über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und -schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles -sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck -in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander -Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben, -ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und -beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Teppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht; -jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte -zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten -Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für -meine Person bin noch kurze Weile mit meiner -eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine -Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung -hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich -gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. -Welches Vertrauen muß er für sie empfunden -haben – und wie wenig kannte er sie! Er hat -dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich -fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während -er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet, -peinlich betroffen, ratlos und verstört … Ich bedauere -Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas -in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, -völlig, übermäßig gut das für mich ist … Nein -nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe, -meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele -Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches -tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zu<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in -Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen -Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die -Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und -schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien -gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt -an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen. -Das also ist Claudia – auch das. Die Hand -zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch -bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem -Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit -und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: -»Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem -betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl? -Wie kühn, wie unbedenklich … sind -Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«</p> - -<p>»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich -sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte. -Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, -begehrte er am heißesten den Ruhm –«</p> - -<p>»Er war ein Künstler, Claudia!« – »Vortrefflich. -Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seine<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -und die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen -hernach doch wieder ein. Schmäht also eine -Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt -blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe -so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und -schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht -reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben, -oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher, -gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« -Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene -mein Freund war … war.</p> - -<p>»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten – -Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«</p> - -<p>Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke -und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und -an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe -zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der -Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich -werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung -dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. -Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du -bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte -Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:</p> - -<p>»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach -ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«</p> - -<p>Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:</p> - -<p>»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und -hassen das Werk, die Kunst und die Einsamkeit -des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht Manth, -Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran -vorbei – und nur ich habe damit fertig zu werden -… Aber das ist schließlich eine Art Glück … -Eben gibt das Klavier ein <em class="antiqua">a</em> an, ungeduldig, hämmernd, -eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, -Versäumtes nachzuholen: unsere Noten liegen -schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt -gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des -Flügels auf, wie eine glänzend schwarze Schwinge -geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde halb -gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch -Claudia, ich beeile mich mit meiner Geige, fühle<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -eine müde Freude, des Nachdenkens enthoben zu -sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem -ich mich niederlasse und die Noten erkenne: »Opus -70, zwei, in <em class="antiqua">d</em>.« »Das Geistertrio?« Sie erhält -keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr stark ein, -zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello -hält allein einen sanften Ton lang an und fließt -vibrierend in das Thema über, eine kurze stille Melodie, -vom Flügel her wellig begleitet; dann kommt -sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und -ganz der Sache hingegeben an meine Geigenstimme, -die nur Teil einer höheren Einheit ist, mein Ich -aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo -hinten schimmert, blaß, klein und unnütz.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Album">Das Album</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span></p> -<p class="drop">Man sollte sein Herz nicht an Menschen -hängen. Sie gehen fort und man bleibt -ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und -lassen uns hinter sich, im Dunkelkalten … Der -Park hatte bald keine Gestalt mehr, Wiesen und -Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche, -auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet -und Strauchreihen hingewischt waren – der endlos -fallende Schnee. Auch Kinder hielten nicht -stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn -man nicht dicht bei ihnen ist – und eines Tages -machen sie sich auf … Und sehr grauenvoll, daß -niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß -es allen für natürlich gilt – und man glauben -muß, man sei von Sinnen mit seinem Gram. Ein -Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter -verläßt die Mutter um willen eines Fremden … -so etwas gab es … jeden Tag …</p> - -<p>Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen -worden, eine Person mag eingetreten sein … Man -soll sie nicht stören! Man soll ihr vielmehr Ruhe -lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -vertiert, zwingt sie, gegen ihren innersten Willen -sich umzusehen. Die Köchin Klara steht da und -macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.</p> - -<p>Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.</p> - -<p>»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«</p> - -<p>»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt …«</p> - -<p>»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen -Sie mich heute, Klara. Sie wissen doch -Bescheid …«</p> - -<p>Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig -abweisend aus dem weiten Sessel vom Fenster -her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze -glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte -den aufgestützten Kopf wieder dem Fenster zu, vor -dem reichliche Flocken einen graugetupften Vorhang -unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. -Manchmal warf ein Wind Falten hinein, aber -seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach -heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich -fiel der kalte Vorhang, schräg tanzend und weiß.</p> - -<p>Das Andere, Frühere würde also fortgehen?<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -Unfaßbar. Und dennoch, mußten die Freunde ihrer -Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute -abend, andere ein andermal? Man würde wie -sonst vor einem blinkenden Tische sitzen und freundlich -miteinander speisen – um zwei vermindert -zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem -neuen Gesprächsstoff versehen: man würde lächelnd -von den beiden Abgereisten sprechen, von den Glücklichen, -den eben Vermählten … Unfaßbar – und -schwer erträglich … Sie stand auf und hob an, -einen Weg durch alle ihre Räume zu wandern, -diesen, den sie heute schon – wie oft – -gegangen war: vom Wohnzimmer in das grüne -Speisezimmer, durch die dichten Schiebtüren ins -Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter -ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch -das kleine Boudoir ins Schlafzimmer, und wieder -zurück … Sie ließ alle Türen offenstehen, sie ging -mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, -die Möbel schütterten kaum, so leicht war -der Gang der einsamen alten Frau; nur die großen -Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing,<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -klapperten mit leisem Knattern, und der Saum -des Kleides wehte schwach hinter ihr her wie ein -hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer -Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? -Die lange Wohnung lag leer und schweigend vor -ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll -kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau -zu atmen waren, weil ja in den heute ungeheizten -Öfen noch gestern Flammen flatterten. Aber alle, -die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren -und die täglich bewohnten drohten stumm und leer, -leer. Es war etwas aus ihnen herausgeschnitten, -sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände -noch glänzen auch wenn die Muschel gestorben, -die sie belebte, sie klafften tot, schienen kahl und -geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie verlassen -und würde sie lange nicht mehr mit dem -Klange ihrer Stimme beleben, Claudia, die sich -von dem fremden Manne hatte wegführen lassen – -Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein …</p> - -<p>»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den -Namen laut in die Dämmerung des Musikzimmers<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte -zitternd den Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre -Nerven schienen ihr heiß und ganz ermüdet, ihr -Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt -vom Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt -und maßlos abgelenkt. Laß sehen: Doktor -Walter Rohme … ja, ja … als sie das Kind -nicht aus den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, -die vor Scham noch brennender flossen – was -hatte er da doch … Tröstendes gesagt? »Sie -haben doch jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, -Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte sie -nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen -Sohn … Sie blickte zu Boden. Das schwärzliche -Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres -Kleides blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch -lag auf seinem rötlichen Violett … kränklich sah -das aus … sie strich mit den Fingerspitzen über -den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von -Spinnweben … wie drollig der junge Sirmisch -verglich und spaßte; und wie war doch der Name -des Teppichs? Sie <em class="gesperrt">wollte</em> sich darauf besinnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -es war ein Abweg, ein neuer Gedanke und der -nicht schmerzte: von Sommer ging's, von blauem -Himmel – nein, »Teppich des schwarzen Himmels« -(was sollte ihr nur der Firlefanz?), »blau -wie der Himmel, der sich im Ebenholz des Flügels -spiegelt« – dieses Flügels schwarz glänzende Decke, -die Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge -zum Fluge in eine tönende Ferne … Ihre Claudia! -und der Abweg mündete mit unvermuteter Wendung -in die schlimme Straße dieses Tages, die -durch alle Zimmer führte, über alle Teppiche und -durch alle offenen Türen … Und Eva Eggeling -beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und -links irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, -»großer Gott« …</p> - -<p>Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: -was sagte sie da? Man ging sonst an diesem Worte -vorüber wie an jedem anderen, brauchte es ohne -Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das -ihr allerlei gewohnte Dinge entrückte, besah sie es -wie einen neuen Gegenstand … welch fremdartiges -Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott … und es<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -schien ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab -viele Menschen, die, wie ihre Mädchen, bei diesem -sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich -beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle -ihre Sorgen vor ihn hingebreitet hatten – vor -ihn, denn ein männliches Wesen stand für jene -hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann -war ihnen leicht und frei zu Mute, und sie gingen -mit erhobenem Nacken von dem himmlischen Vater. -– Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam -– wie doch diese gut daran waren! Ihr -war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst darnach -fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, -die Luft von Haus und Schule, nachher die -Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig dafür gesorgt, -daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz -solcher Menschen rätselhaft unverständlich -war, die für Gott und Jenseits irgendwelchen -Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe -mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf -schütteln? Sie, gewiß, hatte an der Stelle dieser -Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und -ein vages trauriges Brennen stellte sich ein. Man -hatte etwas in ihr erstickt und nichts dafür aufgebaut -… Sie war aufgeklärt. Niemals hatte -sie gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, -im Gegenteil. Aber dennoch – heute spürte sie -etwas in sich … wie leicht hatten es die anderen … -man sollte den Menschen nicht noch schwächer -machen …</p> - -<p>Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit -sanft singenden Tönen die vierte Stunde. Dämmerung -begann zu werden, Neujahr war kaum -vorüber. Kam Sirmisch früh, so kam er um halb -sieben – und sie erschrak vor den vielen Minuten, -die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre -Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand -ertragen! Es mußte eine Ablenkung geben, irgendeine -Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, tröstete. -War sie so allein gelassen? Was sollte sie -tun? Schlafen – aber es wäre Spott gewesen, -auf den Schlaf zu warten … er kam nicht, nicht -einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -Qualen, halb Bilder und halb Reden, -innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit und -doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, -und die alle <em class="gesperrt">einen</em> Sinn hatten … Was sollte -sie tun? In eine Sofaecke wie in eine Zuflucht -geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in -die dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war -ja gegangen, unwiderruflich fern und auf immer. -Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen, -in die Ecke des Teppichs beißen – wenn sie -nur noch weinen könnte! Ihr Inneres zitterte -wund, brennend und verschlossen. Erkranken und -sterben – ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie -wollte nicht mehr leben: wie denn? mit wem, für -wen? Niemand ertrug, allein weiter zu leben, -herumzugehen, dies und das zu tun – Jämmerlichkeit -und Ekel insgesamt. Mit niemand mehr -sprechen wie sie miteinander sprachen; niemals -mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung -und Lächeln dieses Mädchens, dieses wundervollen -Kindes auch nur zu sehen, ihre fragenden Augen, -ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes -reines Fühlen … Und wenn sie wiederkam? Höhnisch -dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen -müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen -begnügen, wo sie vorher alles innehatte, allein. -Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß nun -der fremde Mensch ihre Tochter besaß – und -<em class="gesperrt">wie</em> besaß! daß er nun in ihr lebte und sie in ihm! -Nicht daran denken, vergessen; still, verdecken, ersticken, -mit Vorhängen und Mauern … Was -sollte sie tun? Ach, sie hatte alles getan!</p> - -<p>Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen -Schränken hatte sie köstliche Gefäße -gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen -Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, -dänische, und Krüge aus China, auf denen Stieglitze -durch rosenzartes Gezweig von Apfelblüten -schlüpften, erlesenes Gut – und hatte sie wieder -fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die -Mappen mit ihren liebsten Holzschnitten waren -aufgeblättert und eilig wieder geschlossen worden -– denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Marienleben widerte sie heute an: hatten diese -sinnlos wütenden Figuren, diese albernen Tiere -mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten -Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher -zu ehrfürchtigem Genusse entzücken können? Man -mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter geblieben -seien, die sie von jeher liebte, und später -vermutlich wieder lieben würde. Aber heute, heute -starrten sie allesamt wie gestorben, ohne Kraft, -Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig -gedankt hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, -Vergessens und der Erlösung. Und -ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten -Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens -Briefe, den Nachsommer, die Seldwyler -und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war -stark und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden -und aufgebaute Wirklichkeit, an der sie sich -aufrichten konnte, abseits von dem Grauen des -ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, -und ballte die blasse Damenhand auf der Lehne -des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: Haß<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese -Werke, die ihr lange Liebe so übel vergalten … -Sie stand hastig auf, entfloh, begann zum dritten -Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das -ihrem Jammer einen schauerlich sanften Ausdruck -gab: »Großer Gott«. Aber das blieb nur ein Laut, -kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts -auf solche Anrufung.</p> - -<p>Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. -Die Scheiben standen als mehrfarbene Vierecke -durchsichtig in den finsteren Mauern der unerleuchteten -Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, -reich gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das -vorher wohlfrisierte graue Haar aus der Ordnung -gebracht und mit brennenden Augen, die schwere -Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. -Ihr Kopf tat weh vom Denken – oder war das -hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende Schmerz -und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen -für etwas drittes? Unaufhörlich wurden da innen -Worte geflüstert und zugleich als stechender Druck -gefühlt … Das war die Kunst, ihr Trost und<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -ihre Macht … Übte sie sie nur auf Gleichmütige -aus, auf Glückliche, deren Seelen nicht jammerten -unter der Kante einer Last? Wozu <em class="gesperrt">war</em> sie dann -nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all -diese Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr -ein Mangel auch hier? Es sollte Menschen geben, -die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und -Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen -konnten wie in eine eisige Grotte, deren -Wände kristallen schimmerten. Vielleicht zerfiel -nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, -die Kunst zu schelten. Vielleicht war ihr -Geist zu alt geworden, um noch den Künsten zu -erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen -mochten sie immerhin die Adern wieder mit -Hoffnung füllen; vielleicht auch solchen, die irgendwie -tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's nicht -Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten -gefährlichen Zeit der Vierundzwanzig, wo die -Angst des Verzweifelnden und eigener Talentlosigkeit -Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete, -nur die Begier, Musik und immer mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Musik zu hören, ihm das Leben behaltenswert -machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit -einen ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen -Gram um die Entfernung eines geliebten -Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige -Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen -Klavier, bewegte das Pedal mit den ungelenken -Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, und -ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und -von Leidenschaft gelösten Zöpfen durch das Haus -tönen, fehlerhaft, unrein und voll maßlosem Pathos, -was ihr von Beethovens Wildheit, von -Bachs Herbheit damals zugänglich war. Sie -<em class="gesperrt">sah</em> sie greifbar vor sich, den Kopf zurückgeworfen -und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten -Mund halb offen und Tränen in den Augen … -Ja, damals war ihr Musik vertrauter als die -Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu -auswich, mit gesenktem Blicke; bis freilich eines -Abends, als das Kind nicht einschlief, die Mutter -sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und -ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -Gesicht liebkoste, mit glühenden sanften Händen – -und wartete, worauf aus dem Mädchen ein -Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen -all ihr Jammer sich an der mütterlichen Schulter -ausschüttete … Jene Nachtstunde, wie war sie -eingehüllt in Glück!</p> - -<p>Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief -überrascht: wie? Hatte sie nicht auf Augenblicke -vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war? -Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? -Sich erinnern war also keine Qual, sondern -ein sanftes Vergessen! Torheit also, von abseitigen -Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, -mit Linien und Druckzeilen – sie strömte vielmehr -wie ein wohltätiges Gas aus jeder kleinen Tatsache, -die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, -gleichviel ob spielend oder trauernd wiedergab! -Sie atmete tief auf, ein Gespanntes löste sich in -ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, gingen -ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand -mehrmals über die Stirn bis in den Augenwinkel -und blickte in das Wohnzimmer, das nur die<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem -Blau erhellte. Sie staunte: alle Türen standen -offen und die unverhängten Fenster sogen Dunkel -und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, -wandte sie dem Zimmer den Rücken und drehte, -auf der Schwelle stehend, den kleinen Schalter: -hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände -und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte -sie dringlich; schnell und tief in Gedanken tauchen. -Von dieser Erleuchtung ging Wärme aus, Trost, -atembar leichte Luft – beruhige dich! und sie ging -mit aufrechteren Schritten durch die Wohnung, -schloß überall die Türen, so daß der helle Raum -abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und -ließ die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. -Wie rief sie am eiligsten Erinnerung herauf? -Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten zu -trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider -herausnehmen, eins nach dem anderen, die in den -Schränken hängen geblieben waren, und dabei die -Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von -Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -die letzten noch die frühsten dieser schönen Hüllen -waren ihr zuhanden, die einen hatte man mitgenommen, -die anderen waren alle verschenkt … -Aber das Album war hiergeblieben, voll von Photographien, -das alte Album, das niemand beachtete! -Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden -die Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten -mußte sie sogleich durchs Zimmer schreiten -– wo, wo war das zauberische Buch?</p> - -<p>Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es -herbei, mit beiden Händen faßte sie den mächtigen -Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem Leder -sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene -Blätter aus dickem Karton von einer -breiten gravierten Silberschließe zusammengehalten -wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her, -irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. -Sie öffnete so dringlich, daß sie sich an der Schließe -fast verletzte, und wandte hastig die ersten Seiten -um, voller ganz alter Photographien. Alsbald stieg -ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im -Zimmer wie fremdartiger Duft; sie sog ihn ein,<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -indem ihre Augen diese toten Bildchen wahrnahmen, -und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse -Art vag und mehr in Vergangenheit lebend -als in dieser gegenwärtigen Stunde … Da schrak -sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo fand -sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts -durchblättern, mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen -und so langsam in das Gewesene hineinschreiten, -wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, -den er mühselig kam. Welches war das neueste -Bild? Es hatte keines der üblichen Brautstandbilder -gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll -bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war -– niemandem lag daran außer Walters Eltern, -die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar zu -gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen -hätten – somit war das letzte vor dreiviertel Jahren -gemacht worden, für die alten Rohmes, Claudia -die Dame darstellend, in großem Hute und dem -schlanken Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes -Mädchengesicht sah unter dem Hutrand -hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -und die Augen richteten sich gleichmütig auf den -Beschauer. Das war Fräulein Eggeling, ein wohlerzogenes -Mädchen – das nächste aber enthüllte -Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, -nicht nach dem Leben abgenommen, sondern nach -dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte. -War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, -die im Profil am Flügel saß, leicht nach vorne geneigt, -die Hände noch auf den Tasten. Das geschlossene -Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende -Fläche bis an den Rand des Gemäldes, und -hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete sich das -Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige -Blau des Herbsthimmels mit weißen Wolken -farbig zu sehen. Aber der Kopf war seitwärts gewendet, -aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße -Augen sprachen den Betrachtenden erschüttert -an, über einem empfindlich fest geschlossenen Munde, -der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel -über die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf -ließ in seiner Verkürzung eine makellose Form erraten. -Claudias Schönheit, banal betrachtet, ging<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -aus diesem Bilde nicht hervor, aber … anderes -redete um so deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, -du mein Kind … »Sind Sie's, Fräulein Claudia?« -hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk -zu vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich -<em class="gesperrt">bin's</em>. Sie werden das nicht ausstellen, nicht -wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute -das sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es -sei eigentlich schade darum, denn ein besseres Frauenbild -habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht -wolle … »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr -peinlich. Lassen Sie's bei sich hängen und verschweigen -Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel -für Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt -bin; aber nicht bald, wie?« Und die Angelegenheit -war erledigt.</p> - -<p>Die Tennisbilder … sie lehnte sich zurück, sie -lächelte geschlossenen Auges – das tat wohl … -Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im -Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich -sympathisch um sie her … Schlanke Jugend, -weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. Helle<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; -springend weiße Bälle, jeder mit seinem bläulichen -Schatten. Sie legt den Arm aufs Geländer der -Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; -an den weißen Straußenfedern des Hutes zerrt -der heiße Wind. Frau von Kaldern wendet ihr -das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias -Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen -sie das verheimlichen konnte – ein kitzelnder -Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig, -in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, -neigen ihr Haar dem Wind entgegen und kommen -sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, Kaldern. -Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die -ritternde Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter -hocken huhngleich oben auf gelben Gestellen. -Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne -und raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; -sie macht die Burschikose sehr anmutig; -Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll zu ihr. -Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, -der halb hinter Frau Eggeling sitzt und bisher ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -stumm dreinsah, und er antwortet etwas Überlegtes, -mit anfangs unfreier Stimme …</p> - -<p>Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange -zu ihnen hinab. Wie das alles auflebte, farbig -und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser -fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder -von Claudias Endspiel gegen Assessor Breithoff, -behend erhaschte Stellungen voll letzten Ausdruckes -und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das -spielende Ringen der Techniken. Hier schoß sie -schräg aufwärts, den Ball von oben niederzuschlagen, -gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum -Rakett wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich -nahe dem Boden, den Arm mit dem Schläger -stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts -gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem -hier, wo vermutlich ein Ball von links zu nehmen -war, spannte sich der Körper elastisch wie ein gedrehtes -Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach -der bedrohten Seite herum – backhand? dann -war Claudia dafür berühmt – auf einem vierten -verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -gefaßten Schläger, nichts als Erwartung des -Balles; und hier schwebte sie ganz in der Luft, -dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel -und den Kopf in den Nacken geworfen, bacchantisch -und zugleich zweckvoll … Das war jener -ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die -linke Ecke des Platzes sandte, während Breithoff -ihn rechts erwartete, Claudia gewann vielleicht -das Spiel, und ging damit als Erste aus dem -Turnier … Doch in den letzten Runden <em class="gesperrt">spielte</em> -Breithoff – und siegte. Trotzdem war Claudia -überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto -saßen, um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, -nach Hause zu fahren; und dann geschah das kurze -eigentümliche Gespräch während des Fahrens … -sie würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? -so, nicht wahr: Claudia gestand, sie habe mittendrin -den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt; -darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten -nämlich immer. Barbarisierten, sagte -er zu der Siegerin. Sie fand das nicht sehr geschickt, -wollte mildern und ihm einen Rückzug<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -machen; aber er ging mit einer Art unterdrückter -und leidender Heftigkeit weiter: das sei beweisbar. -Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit -ihm Duo zu spielen, etwa Brahms <em class="antiqua">op.</em> 108, -so ginge das einfach nicht. Arme und Hände -hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise -primitiven Schlägerschwingen,« sie müßten das -erst vergessen, ausruhen, und so. – Damals war -ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, -heute, beim Erinnern, widerlich … Aber Claudia -sagte, nach zwei Tagen Massage sei alles wieder -zahm und zu seiner Verfügung … »Zahm und zu -Ihrer Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei -wundervoll und höchst nötig zu Zeiten. Und dann -die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie -haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht -ausgeschlossen. Ranküne, Doktor? Warum verkleinern -Sie sich?« Er errötete hastig, atmete und -sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie -nicht zu folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl -sie eifrig dem durcheilten Boden beim Kreisen zusah, -merkte sie doch und zum ersten Male ein wortloses<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -Einvernehmen der beiden. Damals freute -sie sich …</p> - -<p>Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war -schon einige Jahre her. Gleich dabei ein Gruppenbild -von acht jungen Mädchen, Claudia unter -ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig -und diese vielen Mädchenköpfe ähnelten einander. -War das nicht Else Dominik, die sich beim Präparieren -an einer Leiche vergiftet hatte und ein -Jahr nach diesem Bilde schon tot war? Denn -es stellte die Mädchen dar, welche mit Claudia -die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, -nach gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier -auf der anderen Seite unten war der Kopf der -Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar gescheitelt -und aus der Stirn gestrichen, die breit -und klug das schon hübsche Mädchengesicht abschloß. -Sie nickte erheitert drüber hin: vor dieser -unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, -der die Prüfung abgenommen hatte. -Nachdem alles vorüber war, lobte er, die besonderes -geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt:<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht -studieren wird – warum nur? Ihre Begabung -für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« Da -hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht -geblickt und ganz laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, -nein, ich studiere nicht. Ich wünsche nicht, -eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten -zweiter Klasse …« was ziemlich boshaft war, weil -der errötende Herr, wie jeder Anwesende wußte, -durchaus seinen Teil daran hatte, daß Mädchen -noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium -zugelassen waren. Die siebzehnjährige Keckheit, -dachte die Mutter damals zärtlich und schalt laut … -Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch -zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten -Rohme, der ein kunsttheoretisches Kolleg -las. – Auf dem nächsten Bild stand eine Konfirmandin -von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, -zwei Zöpfen und einem goldenen Kreuzchen. In -den Zwischenjahren hatte sie sich gegen das Abbilden -wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich -dafür, und in der Tat war dieses Kindergesicht<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -mit einer großen Nase, breitem Munde und übergroßen -Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche -Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, -erinnerte sich die Mutter, kam sie eines Tages völlig -verstört und krampfhaft weinend aus der Schule -und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche -Institut zurückzukehren: man hatte, modern -wie man war, daselbst klassenweise sexuell aufgeklärt -… sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling -hob den Kopf von den mit kleinen Bildern -besteckten Blättern und blickte in die dunkle Zone, -die sich an den lichten Kreis um die Lampe schmiegte. -Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren -Rucken hin und her, und in der großen sanften -Stille schien sein Geräusch laut und langsam. Wie -viele Dinge in der Seele des Menschen begraben -lagen, Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, -ohne Erwähnung und ohne Dasein. Und -bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang -es heraus und stand da, unzerstört, unverändert … -Nichts ging verloren, und diese lebendige Tochter, -dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren gehen?<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Wie hatte sie sich <em class="gesperrt">darüber</em> grämen können! Blieb -nicht alles wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, -war sie wieder ihr Kind – wie <span id="corr175">oberflächlich</span> und -nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, -denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit -der unveränderlichen Tiefe aller Gemeinsamkeit -zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, die -sie verband und durchströmte in magnetischem -Sprühen, und von der jener dritte auf immer ausgeschlossen -war! Oh Buch der Befreiung, oh gesegnetes -gnadenvolles Buch des Trostes! … und -ihre Hände wandten fast in Ehrfurcht das nächste -Blatt.</p> - -<p>Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia -allein zeige, und es fand sich: ein ganz kleines, -nacktes Kindchen lag großäugig in einem Sessel. -Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in -Gemeinschaft mit ihrem kleinen Bruder, der so -bald starb, mit dem Vater – eine Gabe für die -Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -– (wie jung Eggeling hier aussah), mit beiden -Eltern. Es waren häßliche glatte Photographien<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, -mit gemalten Hintergründen, Felsen oder -einer waldähnlichen Pinselei, mit künstlichen Palmen -und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen -Schaufeln … Nichts war an ihnen fesselnd – -warum doch mußte sie so unverwandt diese Abgeschmacktheit -ansehen? Wer war die Frau hier? -Unmöglich, sich zu täuschen … Das war Eva -Eggeling, diese altfränkisch gekleidete junge Frau -in der langen Taille, mit hohen Achselpuffen und -Rüschen überall?</p> - -<p>Das Staunen, das sie befiel, war fast ein -Schreck und benahm die Luft. Ihr Blick verlängerte -sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses -gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, -jäh zu sich kommend, schüttelte sie den Kopf – eine -Haarnadel fiel auf den Teppich – und ihre Augen -ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, -allein mit der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, -bis ans Kinn verhüllt, ein und ein halbes Jahr -nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und -ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -… Sie warf die schweren Blätter um, so daß sie -klatschend aufeinander fielen, sie überflog die Seiten, -die schon betrachtet waren: hier, und hier noch einmal! -und dieses auch … Sie hatte es vorhin übersehen, -begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte -weiter Blatt um Blatt, in die frühere Zeit zurück, -ehe noch Claudia lebte: da als junge Frau, da -mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, -diese beiden mußten sie als Mädchen zeigen, es -fand sich sogar ein gelblich blasses Kinderbildchen -vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem -Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter -mit der Schwester und ihr! – – Sie erhob sich -rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer und -tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie -einen Handspiegel fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, -zur Lampe, und die Brauen gefaltet, die -Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das -hellbeleuchtete Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.</p> - -<p>Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder -enthielten: die leicht gebogene Nase, der Mund -schmal und fest umrissen, dieselben wagerechten<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war -ein wenig schlaff geworden, körniger und von Linien -durchfurcht, von leise gezogenen Falten an den -Augen, am Munde; es war auch voller und nicht -mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege – -aber es war dasselbe Gesicht, das dieses kleine -Mädchen auch schon hatte! Sie blickte zwischen -den Bildern und dem Spiegel hin und her, und -immer deutlicher schälte sich aus den Veränderungen -der Jahre das Wesen heraus, das geblieben war, -sie, Eva Eggeling … Eine fiebrige Folge von inneren -Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb -gedacht oder gefühlt – – sie spürte sie nicht nur -hinter der Stirn sondern auch im Herzen, als beängstigende -Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt -wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, -diese winzigen Züge da von Reifen, -Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen -fiel auf ihre Brust wie eine Schlinge, die -man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte es gehabt ohne -zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, -und sie hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -nie zerlegt; niemals hatte es sie in Staunen -geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren -da, wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: -man trug sie – dem Augenblick ward das seine … -und nun war sie alt und begriff nicht wie sie's geworden -war. Denn da sah sie ja noch alles, was -einmal Eva Maurer gewesen war, in aufblitzenden -Gesichten: ihre Puppe hatte ein rotes Kleid; ihr -Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden -Tag mit bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im -Garten zog ein Junge ihren Kopf an den Zöpfen -rückwärts, mit umarmender Hand … und küßte -sie blind ins Gesicht … sie rührte sich nicht und -atmete hastig. Sie tanzte mit jungen Leuten, ihr -Fächer war mit Röschen bestickt, einer der Tänzer -war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden -geschüttelt von gräßlichem Stoßen und Zerreißen -in ihrem Innern, das ihr den Leib zersprengte; -ein Mädchen war's … Einmal stand sie auf Notre -Dame, und unter ihr blitzte die Seine durch Paris -wie ein geschlängelter Dolch, durch Paris – und -man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause,<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -eingesargt … Und als Klaus nach drei Tagen, im -Bett verbracht, tot war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ -beibrachten, da fühlte sie nichts als ein ungeheures -wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie -eine Luft ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche -und sah dem Manne ins Gesicht, in das kluge -etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder -daß man tot sein könne, noch, was das war, noch -daß dieser da nicht einfach aufstehen könne und -die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, -wie er pflegte, noch daß er überhaupt -je gelebt; nur sah sie, daß Totsein mehr war -als Nichtmehrleben (aber <em class="gesperrt">was</em> mehr, fand sie -nicht).</p> - -<p>Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter -ihres Mannes mit seiner Stirn und seinem Geiste – -aber noch immer war sie's, Eva, die groß und -wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie -hinten geblieben! Wie war denn das gekommen, -daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich -denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen -Strähnen gelegt? Wo war es denn hin, und wie<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -war es durch sie hindurch geglitten, das, was -zwischen jung und alt lag, das Leben?</p> - -<p>Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit -dem Kinn auf die Brust; der Atem ging kurz und -gebrochen, und hinter der Stirn drückte ein dumpfer -Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie -das Pendel die Zeit zerteilen hörte, und suchte -etwas Deutliches zu denken, aber ein schwarzes -Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben -nicht, das sie dennoch einmal gewesen war. Nach -den Blitzen, die sie vorher durchzündet hatten, war -nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie hatte -geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und -den Mann ertragen – war das überhaupt wahr? -war's gestern? Und heute erlebte das ihre Tochter: -Küsse, Angst, Lust und den Mann … Das Herz -schlug ihr und hatte immer geschlagen. Ihre Ohren -hörten, und immer hatten sie gehört. Aber von -Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva -Eggeling, die in Schauern empfing und Kinder -säugte; etwas war von ihr gewichen, unmerklich, -das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -und Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, -es fand sich nicht mehr vor und sie wußte -nicht, wohinein es verdunstet war … Sie hob endlich -die schweren Lider und sah vor sich hin, erst -ohne zu sehen und als hätten die Augen keinen -Glanz mehr. Dann merkte sie, daß ihre Hand -vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male -vor Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts -sonst an ihrem Körper. Aber eben lag, fast vom -Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes Ding -vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. -Hatte sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige -Wesen da, schlank, weiß und ausdrucksvoll gegliedert, -nicht aus der winzigen täppischen Faust -eines kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam -gedehnt und zugenommen, ohne jemand zum Aufmerken -zu bringen, ungesehen vor allen Augen – -bis es das da geworden war, das Greifding, mit -vielfach zerteilter Haut umkleidetes Fleisch, das -bläuliche Adern enthielt, Muskeln und unsichtbare -Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen -Skelett …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen -Jahren.</p> - -<p>Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte -den Tod nicht zu fürchten, ehe er da war – sie -konnte sich bei seinem Namen noch immer nichts -Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, -denke nach! Sieh hin! Man wird eine -kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe nicht mehr vom -Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, -unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke -liegt zu Bett, auf dem Nachttische Fläschchen mit -roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es riecht nach -Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man -sich gegen das Sterben; man stirbt – das ist irgendwie -dumpf grausig … aber <em class="gesperrt">dabei lebt man -noch</em>. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen -schneidet ein Riß, ein undenkbar schmaler -– aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke wollte -ihn ihr füllen. Laß ab.</p> - -<p>Sie würde also sterben … was blieb dann von -ihr? Was war von ihrer Mutter geblieben? Das -böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte –<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -denn meist war sie vergessen – und sie, die Tochter. -Und so würde von ihr nichts bleiben als diese Tochter -und das Gedächtnis – ein gutes, denn sie hatte -das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen -lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert -und sich in die fremdesten Wege gefunden, die zu -dem bewußten Sein, dem Denken und der Kunst -führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen -werden und gelegentlich auftauchen. Und diese -Albumbilder würden bleiben, bis sie zerbrachen oder -sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter -aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich -einmal aus denen ihrer Mutter löste, und war mit -dem Manne gegangen. Und nun stand vor jener -dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken -beugte. Betty Maurer, Eva Eggeling, Claudia -Rohme – wie würde das nächste Haus heißen? -Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben -herbergten und es weitersandten. Aus einem -Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, das aus -namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit -gaben sie es dahin an ein Unbekanntes, das aus<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -ihrem Schoße ging: denn ein dunkles Tor waren -sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. -Sie waren Mütter.</p> - -<p>Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. -Sie besann sich, überlegte, erhob sich und ging in -ihr Zimmer; sie klingelte dem Mädchen, sah seine -verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich frisieren. -Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck -und gab an, daß man den Tisch decken sollte, und -auf welche Art. Dann fragte sie die Köchin, was -sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, -daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen -stehen müßten und sagte zu der Zofe: »Im Zimmer -des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. Stellen -Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen -lief hinaus, und Frau Eggeling hörte, daß es, kaum -auf dem Gange, laut aufschluchzte. Sie wiegte -den Kopf hin und her. So sehr liebte man das -Kind, da draußen …? Wie das weinen konnte, -offen und genußreich … Doch keinen Augenblick -verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der -in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -zeigen mochte, denn das Mädchen hatte sie sonderbar -behutsam und scheu bedient. Und eine Spannung -hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll -und entladend kommen mußte. Ihr war, als -sei sie innen ein großes, mühsam geknebeltes Tier.</p> - -<p>»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« – -»Ich bitte.«</p> - -<p>Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische -Luft und Kälte um sich, wie er da aus dem kalten -Winterabend in die allzu lang geschlossenen Zimmer -trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht -gerötet; und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, -alle ihre Fassung zu Hilfe. Sie hatte diesen -hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte sich so -sehr nach Zuneigung und Trost … Sie hieß ihn -willkommen und er neigte sich über ihre Hand. -»Ich habe wirklich nicht gewußt, gnädige Frau, ob -es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte -nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte -herzlich, sagen Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber -Sirmisch! ich wüßte ja nicht, was ich anfangen -sollte ohne Sie … Ich muß mich doch erst daran<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -gewöhnen …« Sie stockte. Ihre Hand glitt -unaufhörlich an den Perlen der Holzkette auf und -ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige Frau.« -Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches -Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese -Blumen in einer Ihrer hübschen Vasen unterbringen?« -»Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? -Lange elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt -und mit so zarten Blättern? Ich kenne sie -nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch -nicht. Ja, sie sind ziemlich apart. Ich fand sie -in dem Fenster eines Ladens und erlöste sie aus einer -Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. -Was für ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« -Die schlanken Stiele zitterten in der kranken Hand. -»Ich suche schon … hier? nein, das ist zu bunt … -Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen -chinesischen Krug hin, mit Stieglitzen, die durch -Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. Er -stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub -für zwei Minuten, ich hole nur Wasser und -Salz; hineinstellen dürfen Sie sie selber.« Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf -und ab … wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, -sagte er zärtlich in sich und hielt inne. Da waren -ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah -das Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut -musterte er die Bilder der aufgeschlagenen Seiten, -er kannte niemand; lauter alte lächerliche Bildchen -mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; -und er wollte eben umblättern, als er die -Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, was er betrachtete, -fühlte sich jäh erblassen und stellte die -Vase klappernd aus der Hand, in unverständlichem -Schreck. Er drehte sich um: »Was haben Sie -hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese -Trachten …« Warum war sie denn so bleich?</p> - -<p>Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt -war von Schwäche gehemmt, schloß das Buch mit -einem klatschenden Laut, und sagte, während sie -mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. -Ich hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht -was tun … Es ist unser Album. Ihnen scheint -es dumm, natürlich. Aber ich … mir hat es erzählt<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>–« -hier brach ihre Stimme, und Laute der -Qual verstummten, die er in seinem Leben noch nie -gehört hatte. Die alte Dame schloß die Lippen -eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um -sich, um ihre Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, -mit dem Elend des alten Menschen – -jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich -ihr Mund in unsäglichem Schmerz, und mit lautem -Schluchzen brachen die Tränen aus ihren Augen. -Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von -Weinen geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend -ins Herz biß.</p> - -<p>Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände -in den Taschen, ratlos von Schreck und Mitleid. -Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es -Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht -zu zeigen, das eben noch feucht war von solchen -Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie verlegen -wäre … aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. -Bleiben war im tieferen Sinne der rechte Takt. -Diese alte Frau! was fühlte er für sie? Es war -ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines machtlosen<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich -vor ihr zu verneigen.</p> - -<p>Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf -ihn gerichtet. Da ging er ihr entgegen, ergriff -wortlos ihre Hände und küßte sie.</p> - -<p>Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den -stillen Raum mit sanftem Klingen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<h2 id="Die_keusche_Nacht">Die keusche Nacht</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p> -<p class="drop">Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem -Glanz, und das Sofa, drauf sie ausruhte, -war mit blumigem Plüsch bezogen – einem Stoff, -der kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. -Es war vielleicht nur Nervensache, daß -sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der -Fahrt taumelte noch in ihrem Kopfe – aber -gleichviel, gleichviel … sie fand sich davon gemartert -… Sie preßte die Handflächen kühlend -an beide Schläfen. Früh das Standesamt, das -Frühstück, darauf die Fahrt – und nun stand -noch <em class="gesperrt">das</em> bevor …</p> - -<p>Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend -auf ihrer Brust … Was in ihr schrecklich bebte, -war gar keine Spannung, gar keine Erwartung – -am allerwenigsten freudige; es war auch keine -Sehnsucht nach innigster Einheit und kein verschwiegenes -Drängen nach Hingabe und nichts -weniger als Liebe: es war einfach Angst – Angst -vor dem Manne, die sich nicht beschwichtigen ließ, -die unzugängliche Angst des Körpers vor einer allzufremden -Erfahrung … Sie erinnerte sich ähnlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten -Mal im kalten Flusse baden sollte; denn ihr Verstand -war keineswegs ausgeschaltet – er arbeitete -vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, -und nannte alles beim Namen – vielleicht etwas -greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. Den -Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und -ohne Auflehnung beugte sich ihr geistiges Wesen -unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. Ihr Körper, -der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und -herrisch gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte -sich ausgeliefert wie irgendein kleines Mädel, das -vor dem Lehrer zittert.</p> - -<p>Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke -klirrte, zerdrückte ein Taschentuch in den Händen, -die immer wieder feucht wurden, und erkannte klar: -als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. -Genommen werden war eine Gnade, sich geben -können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. -Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. -Man mußte sich irgendwie dabei benehmen, -denn durch die Aufmerksamkeit, die alle darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, -ging die unbefangene Geste der Liebe -verloren, gerade für die Liebenden mit vertieftem -Gefühl – aber nichts sagte einem, da Natur -schwieg, welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; -und man schritt ratlos wie ein Verirrter und ganz -so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und halb sich -zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten -Dingen stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in -einem schwerfälligen Kruge dufteten; ein ganzer -Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, -der gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen -einen Strauß geschenkt, den sie alsbald im Kupee -hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint … -Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die -Fenster verschlossen: aber sie hingen ohnehin in -Ordnung … und man fand sich abgeschmackt -und ungeduldig empört gegen sich selbst … Warum -er sie jetzt allein ließ! Er hatte doch verstanden, -weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu Abend -gegessen hatte! Er sollte kommen!</p> - -<p>Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -Hände und das zerknüllte Tuch, verschwand das -schwache Lächeln aus seinem Gesicht, und er wurde -sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. -Denn, nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt -behandelte, das war unmöglich. Er nahm -ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte -sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und -blieb vor ihr stehen; die festgehaltenen Hände bildeten -eine Kette von ihr zu ihm. Er machte seine -Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit -dem gütigsten und behutsamsten Klang, den er finden -konnte:</p> - -<p>»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« -Ihre Leiden strebten ihm sogleich entgegen: »Ja, -Walter, ja, ich fürchte mich … Nicht vor dir; -vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem -Ritus.« Sie versuchte zu scherzen, aber wie kläglich -mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und -zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz -geöffnet, zehrten von seiner Miene. Er erwiderte -mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:</p> - -<p>»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen,<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -wie gute Kameraden, nicht? oder soll ich -still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit -tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog -in Dankbarkeit seine Hände näher; seine Ruhe -und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste -die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.</p> - -<p>»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns -alles, wie sonst. Ich fürchte ja nur das Unbekannte; -dumm macht es mich darum nicht …«</p> - -<p>»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« -Er setzte sich auf die Sofalehne, legte ihr den Arm -um die Schultern und neigte sich herab, sie zu -küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den -seinen, und so sprach er aufgerichtet: »Getrennte -Zimmer waren unmöglich; diese Pension hätte dich -für mein Verhältnis genommen und so behandelt. -Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut -drinnen auf dem Divan übernachten.«</p> - -<p>»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in -sich aber bejahte sie diesen Vorschlag stürmisch: ach -ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte dich!</p> - -<p>Er drang mit den Fingern behutsam in ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -Haar, blickte ins Zimmer, in das durchschnittlich -ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension -und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber -nach einer Pause: »Und doch nicht, Kind. Es -wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt -nicht diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, -die man immerhin lieb hat … nicht wahr?« -Später, dachte sie schweigend und gejagt; später -wird es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück … -und daß er dies spätere heute schon bedachte, war -das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's gelten -ließ?</p> - -<p>»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre -ja morgen und übermorgen dasselbe Problem gestellt -und wäre endlich nicht mehr zu umgehen. -Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir -einigen uns so,« schloß er gemütlich, fast heiter: -»du legst dich zu Bett wie stets – und dann finde -ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde -im Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so -morgen und jede Nacht, bis du dich an deinen -Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -schlägt, überraschend, Liebling. Denn was dich -verstört, ist einfach das Wissen. Nun?«</p> - -<p>Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht:</p> - -<p>»Ist dir das ernst?«</p> - -<p>»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen -wie er sich freute, daß sie Mut faßte, und ihr Mut -war dadurch selbstsicherer.</p> - -<p>»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?«</p> - -<p>»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast -das mit so rührender Hoffnung gesagt.« Sie -lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge ihn -in diesem Augenblick nicht mißverstehen … Aber -sie hatte noch etwas Schweres zu fragen: »Und du -glaubst, das … würde gehen, heute?«</p> - -<p>»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. -Ich habe schon eine keusche Nacht neben einem -Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas -zur Unterhaltung.«</p> - -<p>»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke -an und verschwieg dabei diesen Gedanken: was -für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir -da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -wir eigentlich? Nichts, als daß wir ein Gefühl -ernst nahmen und gestanden, das man sonst leugnet: -Angst – und redlich darüber beschlossen. Und -alsbald schwand es, wenigstens soweit, daß man -frei genug wurde, den ganzen Vorgang zu beurteilen. -Ihr Herz ging leichter und die Freiheit -und Zuversicht machte sie fast scherzen: »Ich bitte -um eine halbe Stunde.« Die Uhr bereitete sich -in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; -ein Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.</p> - -<p>»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn -hat sich um uns verdient gemacht. <em class="antiqua">Au revoir</em>,« -sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.</p> - -<p>Sie schloß sie kaum hinter sich – da schüttete -er schon Wasser in ein Glas, seine Hand, die die -Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es die Tischdecke -näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt, -nichts, nichts. Er atmete tief und preßte -die Luft in den Lungen, ehe er sie ausstieß. Nichts! -Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und -Heiterkeit geglaubt – welches Glück! Nun war -sie drinnen, soweit als möglich beruhigt, nun konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -er sich gehen lassen und ruhen, bis die neue Qual -begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das -den Erker nach dem See hinaus hatte, das Wohnzimmer, -und legte sich auf den Divan, die Hände -unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, -in den hellen Raum, den er eben verlassen hatte. -Es fiel ihm ein, er werde nachher dort durchgehen -und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; -dann durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln -war es allein erträglich, möglich. Er stand auf -und löschte mit einem gezogenen Kettchen das -brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder -hin, zur Besinnung. Das dreigeteilte Fenster des -Erkers lockte vergebens, tintenblau mit scharf funkelnden -Sternen. Er forderte Rechenschaft von -sich. Er hatte gewußt, daß es schwer sein würde, -aber erst in diesen Stunden hatte sich die ganze -Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. -Hier konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie -früher, auch das Pathos oder die lachende Überraschung -waren ausgeschlossen, die ihn, als er noch -jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -Wellen über solche Stunden hinweghoben – es -galt vielmehr, die schärfste Zügelung jedes Wortes, -jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem -du es zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau – -und was alles von dieser Nacht abhängt: alles. -Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil -anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? -doch nicht; solange man lebt, ist nichts endgültig. -Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte ihnen -heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit -und ein Glück, das bestand. Heute hatten die -Körper sich zu erkennen wie vordem die Seelen. -War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. -Sie wollte eine halbe Stunde und er wußte, daß -sie Muße brauchte. Er zitterte vor Erregung – -vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie -fürchtete sich nicht allein. Sie hatte es leichter, -wahrhaftig; sie brauchte nur zu warten und genoß -das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln, -und unter welchen Erschwerungen … Seine -Hände waren leichenkalt. Das war die Rache -der Kultur, die bis hierher drang – bis hierher,<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -wo die Seele eigentlich nichts zu tun hatte und -hemmte, erschwerte und quälte. Wie einfach der -Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu -Bett; er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist -er bei ihr, und dann ist es geschehen. So brutal -das klang, es war dennoch keine Befleckung der -Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete -keinen verhüllten Ausdruck, und nicht ein Gran -kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß und -durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, -wenn man ihn dachte. Aber das Verwirklichen -war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen -Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud -und in eine ätzende Helle hob. Die ganze Handhabung -enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, die -dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man -konnte Pferde zur bestimmten Stunde aufeinander -loslassen; Menschen zu verheiraten wurde zur Schändung, -heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der -lebendigen Seele die Körper beherrschen sollten. -Denn hier konnte nur Natürlichkeit retten, schamlos -reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche -Scham erhitzten sich im Kampfe mit der Begierde, -die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert -wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie -chemische Säure. Und die Rettung, die anderen -blieb, die überraschende Vereinigung vor der Trauung, -in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden -Stunde, wo sich plötzlich, mitten in -einem heiteren Beieinander die Begierde und Hingabe -wie eine Grube unter dem Wege öffnete und -sie verschlang – was anderes machte sie unmöglich -als diese selbe Zucht und Scham, die Gesittung -und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, -die sich nehmen ließ – das gab es nicht. -Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen -voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und -Kugel und Kette zerrissen das Fleisch.</p> - -<p>So lag der glückliche Bräutigam im Finstern -auf einem Divan und ließ, auch er, dieselbe Not -in dieselben Formeln gerinnen.</p> - -<p>Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an -und holte aus dem flachen braunen Koffer das<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren -jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und -Flaschen enthielt, die zur Toilette nötig waren. -Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, Handtücher -und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer -hierher getragen, indem er den Korridor benutzte; -es stand auf einem Stuhl nahe beim Spiegel -und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit -die Bedienung nicht rede. Er legte den Schlafanzug -über einen Stuhl; der Spannbügel, der hernach -die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in -seinen zitternden Händen. In der Küche wachte -gewiß noch jemand; und während er mit verzweifelter -Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen, -die Handlungen vom Augenblick bestimmen -zu lassen und nichts vorher zu ordnen, ging er zur -Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung -der Zähne.</p> - -<p>Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, -mit der sie sich, allein, wiederfand, hatte sie -sich entkleidet so rasch als möglich, und versuchte -nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen.<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -Daß sie sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst -so oft, die Geschehnisse beherrschend, sondern fast -gebunden und jedenfalls ausgeliefert hier ausstreckte, -in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes -zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. -Zwar beruhigte sie sein Versprechen, dem sie unbedingt -vertraute, aber doch noch blieb Fremdartiges -genug in der Stunde, sie tief zu erregen. -Das gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen -ihr wie eine halbflüssige Masse um die Glieder -klebten, war viel niedriger als das ihre daheim, -und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren -Unterschied bedeutete. Liegen ist doch liegen, -dachte sie; nun störte sie die Nähe des Fußbodens, -wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen -hätte, als daß das Bett mit seinen vier Füßen -darauf stand, und ebenso das leere nebenan … -Da liege ich nun in einem fremden Bett … Sie -erinnerte sich einer ähnlichen Wachheit und desselben -fremdartig deutlichen Fühlens ihres eigenen -Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem Fieber -eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -denen das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, -der das abmaß, schien ihr übermäßig groß; sie -empfand sich wie einen geographischen Gegenstand, -einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, -Beine und Schenkel strebten wie halbinselig ausgedehnte -Gebirge zum Rumpfland zurück, das den -Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale -wölbte; zwischen den Brüsten senkte sich ein Paß, -und der Hals war der Isthmus, der zu dem felsigen -und bewaldeten Gebirge führte, in dem die -Gedanken vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, -damit sie Bergseen wären, und lag ganz still, ein -Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts und links, -waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde -und beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren -dunkeln Meeres, das draußen brandete, -unzugänglich jedem Messen und nur den Augen -ringsum sichtbar; ein stiller Ozean, der an den -Zimmerwänden nicht endete, sondern durch zahllose -Poren frei flutete und sie in Einheit schloß mit -Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. -Sie verhehlte sich nicht, daß sie bei diesem Erleben<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -ihrer verwandelten Gestalt gern verweilte, um nichts -anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber -und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie -versuchte ein anderes Spiel, spannte und entspannte -die Muskeln der Arme und Schenkel, die von -Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen -Strängen und Knollen spannten; und ließ -es wieder, ungeduldig und ruhelos … Manchmal, -wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des -Großen Gartens trabte, innerlich jauchzend im -Rausch der Kraft und des Eilens, hatte sie an die -Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben -würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, -oder nackt, daheim, im feierlichen Pathos einer -Nacht, die von Leidenschaft funkelte – und nun -lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom -Hemd verhüllt bis an die Knöchel und an den -Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde -Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald -vor Furcht wie ein Tier, das den Kopf an die -Wand des Käfigs schlägt.</p> - -<p>Es blieb sterbend stehn: die Tür.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> - -<p>Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« -fragte sie und stieß sich vom Kissen ab, halb -sitzend.</p> - -<p>Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: -»Liebling … wer sollte es denn sein?« Und schon -verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er hatte -sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie -in eine Gefahr. Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend -und von irgendetwas erlöst: »Ich bin ganz -rasend dumm … ich weiß nicht …«</p> - -<p>»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen -sollen; aber es schien mir lächerlich, daß du dann -›herein‹ zu rufen hättest« … Er mußte eine Pause -machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, -ehrfürchtig und angstvoll vor der Schwere der -Stunde. Aber sie konnte die Erregung mißdeuten, -und er <em class="gesperrt">mußte</em> ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« -sagte er. »Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte -er hinzu, »es beruhigt dich vielleicht.«</p> - -<p>Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er -ergriff sie und küßte sie.</p> - -<p>»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -ins Auge?« fragte sie besorgt. »Man hat gar keine -Richtung in der Finsternis …«</p> - -<p>Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der -Hand und die Knöchel der Finger, wendete sie behutsam -und küßte auch das Innere; ein schwacher -Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie -schwach, und versuchte sie ihm zu entziehen. Er -hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und er -folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte -sich, sie zwischen seinen beiden zu liebkosen. Er war -froh, zu liegen; jeder Fortschritt ins Ungewöhnliche -hinein nahm der Stunde etwas von ihrer -Schwierigkeit und war ein Sieg, den man erleichterter -genoß. Diese Hand hier schlug einen -Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit -kam, daß sie heute einschlief, den Kopf an -seiner Schulter, so war er glücklich. Er würde -die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem -Atem zuhören und ihr Haar küssen. Die Stunden -würden feierlich an ihm vorüberziehen und der Morgen -ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<p>Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, -seine Frau zu verführen, der hätte ihn sehr verwundert, -vielleicht empört.</p> - -<p>Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit -für das Mädchen neben ihm erstickte sein Herz. -Er gedachte eines Sommertags, eines goldenen -und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter -endlosen Tannen, und ein Mädchen bewachte, das -unter seinem Mantel schlummerte. Die Innigkeit, -die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe -zu Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals -seit jenen fernen Tagen hatte er so tief verstanden, -wie keusch Jünglinge lieben, und wie glücklich sie -sind.</p> - -<p>Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, -legte er sie sich auf die Stirn. Sie streichelte ihm -gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch jetzt tat? -Aber er erschrak – die Hand entfloh. Es war -ihm, als würde ihm ein Eigentum entrissen und -ein Trost. »Da, nimm diese,« sagte sie, »es war -so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, -mit leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -sich selbst wieder auf die Stirn, blieb dort warm -und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar und -grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen -konnte; es waren gewiß nur wenige Minuten, aber -sie schienen ihm sehr lang. Er war ratlos und -wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel vermehrend -in das Schweigen und überschwemmte -ihn mit Verzweiflung: denn die innere Stille, die -er neben ihr liegend erwartet hatte zu fühlen, dieses -tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas -in ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte -weiter, litt im Bleiben: und doch schien kein Weg -gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich daran -weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen -blinden Drang, in der Brust, den Leib herab, in -den Schenkeln und bis in die Zehen, dem ihren -nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen -und mit Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. -Aber keine Möglichkeit kam dem sehnsüchtigen Trieb -zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen, -ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, -war unausführbar. So lag er ganz still und<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des -Blutes.</p> - -<p>Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die -Hand weg, ja, Walter? Es ist sehr unbequem.« -»Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« antwortete -er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er -irrte; die Stimme war kalt und die Unbequemlichkeit -ein Vordergrund. Er sollte nicht fühlen, -daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. -Er hätte es mißdeuten können und vielleicht meinen, -daß die Küsse, mit denen er die erste Hand liebkoste, -diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen -in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie -sich am liebsten fiebrisch hin und her gedreht hätte, -sprach sehr kalt, und hielt sich fest wie an gespannten -Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung -reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war -ja so sicher und überlegen; welche Beschämung, -wenn er sie dennoch mißdeutete! Man mußte wirklich -eine alltägliche Situation daraus machen. -Das war das leichteste: und man konnte es, denn -von ihm kam keine Gefahr. Hatte sie sich eigentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete -sie sofort, Scham war heute noch nicht -vorgekommen, und zwar bei ihr, Claudia Eggeling -… Aber das Erstaunen schwand sogleich: -Warum denn schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? -Bin ich das Ziel von Blicken oder -… Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im -Bette, sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von -Hand und Fuß – und der Mann nebenan … -bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt -… und es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich -eine Art Übermut und – Spottlust in ihr -tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.</p> - -<p>»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und -erschreckend über ihre Keckheit; »ich sehe noch immer -nichts.«</p> - -<p>»Hier, ganz dicht bei dir.«</p> - -<p>Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; -ohne irgendeine Überlegung, von einer blitzenden -Klugheit gestoßen, benutzte er sie und schnellte sich -an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. -Er lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -Ruck hatte ihn fast in ihr Bett getrieben. Er atmete -tief: und der Duft ihres Haares drang ihm -bis tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« -bat er, und, wieder klüger als er wußte, wartete -er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich -hinüber und atmete in ihren Haaren.</p> - -<p>»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« … Ihre -Keckheit und Sicherheit und aller Spott waren -dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, sich -rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, -redete sie sich zu und entschuldigte die Duldung … -Ihr Atem ging wie zerschnitten, und kurze rastlose -Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer -ihres Geistes – sie verlor das Steuer und sah -nicht mehr wohin … Und nun sagte er plötzlich: -»Weißt du was? Ich komme zu <em class="gesperrt">dir</em>,« und er -<em class="gesperrt">kam</em> zu ihr … »Nein,« rief sie, »nein!« und das -Hämmern ihres Herzens zerschlug ihr die Stimme.</p> - -<p>Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm -gesagt hatte; er hatte einfach ausgeführt, was man -ihm befahl. Er erschrak tief über sich, er lag ganz -still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -ihres geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, -eine Decke lag über ihnen beiden, und sie -war es, Claudia, deren Haar hier noch eben gelegen -hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich -wirbelte, stürzte über Katarakte von Lachen und -Rausch – und daß er sich noch berauschen konnte, -daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, -das verstärkte widerhallend sein Glück.</p> - -<p>Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante -des Bettes geschmiegt und schwieg; sie wußte nichts -von dem was sie fühlte, ein blinder Wirbel sauste -in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie hinausfallen -werde und daß das Bett niedrig sei … und -daß sie ganz gelähmt lag, eine Beute, das wußte -sie. Das Blut sang ihr in den Ohren und ihr -Atem ging sehr laut und schnell.</p> - -<p>»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum -fürchtest du dich? Ich will ja nur dir nahe sein, -ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände halten, -von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« -Er folgte der Technik geübter Eroberer, die verdächtige -Taten mit wohlklingenden Worten begleiten<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -und damit durchaus Vertrauen gewinnen, -nur erfand er sie im Augenblick, wußte von nichts -und glaubte ehrlich – sein erstes Opfer war er -selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem -hohen atemlosen Stimmchen.</p> - -<p>Wie von einem kleinen Mädchen kommend -hörte sich das an. Als wäre seine kluge und überlegene -Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines, -das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, -die ihn überwältigte, tränkte heiß und selig sein -ganzes Glück; er lächelte im Finstern und flüsterte: -»Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Wie irgendeine sagte sie's … Lisbeth Ohlsen, -die kleine Gouvernante, mit der sie sich einmal eins -gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, ihrem -Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine -Claudia zu ihm … Er tastete nach ihrer Hand, -ganz, ganz behutsam, und fand beide. Sie lag -auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, -damit er nicht näher käme. Er nahm sie, küßte sie -beide, küßte sie oft und hielt sie. Er dachte nichts,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -endlich genoß er das Glück des Augenblicks, das -ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er -fühlte ihre Hände zittern. Warum zitterst du, -meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu beruhigen? -Soll ich gehen? Soll ich mein Bett -nehmen und vor deiner Schwelle schlafen? Ich -will ja nur, daß du glücklich bist, nichts sonst! … -du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit -hebt … Er preßte ihre Hände und küßte sie, -aber sie zitterten. Er mußte etwas finden sie zu -beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die Anekdote -fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie -würde sie ablenken und ihr Ruhe geben. Und er -machte sich einen leichten Ton:</p> - -<p>»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals -erzählen? Du wirst sehen, du brauchst nicht zu -beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die -ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, -Mediziner. Ich arbeitete mit ihr und hörte -sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle Knochen -des Kopfes auswendig … Ja, wir machten also -eine Fußtour im Schnee, in den Weihnachtsferien.<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -Wundervoll, im Tirolergebirge. Natürlich -war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten -in der Etappe übernachten. Das Wirtshaus hatte -eine vermietbare Stube mit zwei Betten; wir -nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine -Schwester ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote -Haare wie ich. Das Zimmer ließ sich nicht heizen -und wir waren beide durchfroren; die Betten aber -kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm -war – ich hatte einen Grog getrunken – schlug -sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf -erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu -ihr, hielt sie fest – sie wollte wirklich aus dem -Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen bis sie -still war – und wärmte sie. Und dann waren -wir müde, nicht? und schliefen wie Bruder und -Schwester.«</p> - -<p>Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß -er: »Du wunderst dich hoffentlich nicht. Erstens -ist man diszipliniert, und zweitens machte ich mir -nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.«</p> - -<p>Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -gefährlichen Weg: sie empörte sich gegen den vergnügten -Ton der Erzählung, gegen die Blindheit, -die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, -gegen die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen -glaubte. Sie fand ihn frivol und sich -mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im tiefsten -gekränkt … Vielleicht war zwischen ihr und jener -doch eine Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso -wenig – schien es nicht so? Ihre Vernunft war -gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß -sie verschmäht sei.</p> - -<p>Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte -er nicht), hörte die Uhr ticken und den langsamen -glücklichen Schlag seines Herzens; dann schwoll -die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper -an sich zu fühlen, durch das Erinnern -an jene entfacht, wie ein Blutstrom in ihm hoch; -da sagte sie:</p> - -<p>»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte -es mit klarem Hohn und versuchte, ihm ihre Hände -zu entziehen.</p> - -<p>Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -er nichts; einen Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; -dann brach es in ihm auf: Lisbeth Ohlsen! -Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie -jedes törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! -Er riß sie an den Händen nahe und -wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen -Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: -»Walter!« schrie sie.</p> - -<p>Dann schlug sie die Arme auseinander und wie -eine Welle über ihm zusammen, als er auf sie -herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im Munde -etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein -jauchzendes und triumphierendes Gelächter: eins, -das aus tiefsten Gründen und Dickichten hervorsprang, -ein Elf. Es lachte über alle Ängste und -alle Schwierigkeit, über Claudia und Walter, -über den ganzen Geist und alle Scheidungen und -Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele.</p> - -<p>Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg -zu Berg unter der schwarzen Brücke des sternfunkelnden -gewölbten Himmels und rührte das -ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf.<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -Sie liefen an den Strand mit hellem Klickern, -das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht -ein Boot und die Herden stiller Fische, die im -schwarzen Wasser standen und schliefen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Passion">Die Passion</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p> -<p class="drop">Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, -geübte und klare, ein lobsingender Strom. -Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und -sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten -sich die Plätze der Tenöre und Bässe, und das -Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und -schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen -Fenstern, die die rote Wand des Halbrunds teilten -– ein breiter schwarzer Streifen, über dem -die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und -der vom Metall der Hörner blitzte. Aber zwischen -den hohen hellen Mauern, tief unter der braunen -Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten, -saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe -hin tobte die Wucht des Gesanges, schlug schäumend -an den Wänden empor, schien das Licht zu -verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der -Menschen dringend, ihre Herzen wie ein einziges -großes Herz. Sie klangen wie Chaos, diese Chöre, -sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen -– waren sie in den Wolken verschwunden, daß -solches geschah? – und sie schrieen nach den Pforten<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -der Hölle, damit sie sich öffne, den Stifter des -Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war -gefangen worden, Judas hatte ihn verraten – -und der Chor empörte sich selbst statt dieses allzulangmütigen -Donnerers, er selbst raste wie Flammen -in den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die -Flöten und der Aufschrei der Tenöre, und das rastlose -Brausen der Stimmen, die einander forttrieben, -ihre kunstvolle Wildheit und die düstere -Szene um den gefangenen Heiland, welche die -Worte malten, gaben die chaotische Verzweiflung -selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder -menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen -Regeln erzeugt, dieses Durcheinander von -geführten Stimmen und tönenden Instrumenten -ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen -Gebilde, und die Rhythmen, die sich -verwirrten und kreuzten, die Harmonien, die sich -bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen -Maße eines frommen Meisters und -seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der Dirigent: -aus dem kleinen Herrn im Frack und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -dreieckiger Glatze hatte sich das hundertjährige Werk -ein Werkzeug geschaffen, um wieder einmal zu entstehen, -hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein -in die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe -entrückt, und leitete sich selbst mit dessen bewegten -Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz -in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, -die vorn auf ihren Stühlen saßen, aufstehen und -singen mit dem Ganzen ihrer erlernten Kunst, ließ -es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen, -der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ -es die Geigen saugend singen und die Bässe tönen, -tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all die -ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in -Reihen geordnete und namenlose Menge. Vor -ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben ging -der erste Teil zu Ende.</p> - -<p>Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, -auf Stühlen, die in einem Gange standen, außer -der Reihe, denn sie waren zufällig und spät hierhergeraten -und fremd in fremder Stadt; aber sie -unterlagen dem gleichen Banne. Claudias Kinn<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -war auf die Brust geneigt, die sich unter schillernder -Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend -wie eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt -im Schoße, und die Wimpern der -fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut -der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen -stützte sich auf den Schenkel, und das Gesicht -des Gebeugten lag in der flach gerundeten -Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen -war vom Hören schwer wie Metall und ganz an -das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner -bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, -das er empfand, als Claudia bei den Einsetzungsworten -des Abendmahls endlich ihre unfruchtbare -kritische Haltung aufgegeben hatte und -die Musik einfach hinnahm, tief in sich geschmiegt, -wie sie noch jetzt schien. Seither hatte er nichts -Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten -Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem -Inhalt des Werkes erwuchsen; als der Evangelist -vom Ölberg erzählte, lag auf einen Augenblick in -Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -Mensch auf der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher -Sack, und krümmte sich vor dem Schicksal, -und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu -schlafen. Auch sprach es in ihm einmal den Namen -Klaus Manths mit einem tief verächtlichen Ausdruck, -und als beim letzten Nachtmahl die Stimme -des Sängers und der schwebende Gesang der Geigen -zu einer unbegreiflichen Einheit und unirdischen -Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine Lippen -den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, -o Bach!« weil er das Glück nicht ertragen konnte. -Aber sonst war der Mensch, der erzählte Vorgang -und die Musik im lodernden Erleben zu einem -formlosen Ding eingeschmolzen. Es war <em class="gesperrt">sein</em> Geschick, -dem all das Klingen vorne galt, und er selbst -war darein verflochten und nicht verwandelter als -in einem Traum. Er hatte die unvergängliche -Schwermut gefühlt, mit der diese Worte gesprochen -wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter -euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht -in einen derer, die in Verstörung fragten: -»Herr, bin ich's?« und einer der ratlosesten, entsetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon -hauste, der den Geliebten verriet – denselben, um -den seine Seele vor Erbarmen schauderte, als er -klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und -ruhen? … Siehe, er ist da, der mich verrät.« -Dann hielt ihm die Angst den Atem an, wie der -Jünger den Meister küßte, und jener, der alles Zukünftige -von Anfang schaute, ihn traurig fragte: -»Mein Freund, warum bist du kommen?« und -auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und Güte -eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, -nach dem Grauen der Verzweiflung von -Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber der -Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, -ausgestreut wie in Wind und erntete dafür die -beengende Seligkeit, in der er dumpf ruhte. Alles, -was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war -mit schwer tropfendem Glück getränkt, das wie -Honig duftete – wäre er je dafür offen gewesen, -wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter -all den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in -Gethsemane die Stimme des ganz einsam Leidenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen -hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu -merken, und verspürte tiefe Beruhigung, als er die -ganz in sich versenkte Frau reglos neben sich gewahrte. -Getragen vom Wissen um die Verbundenheit -mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses -Fluges hatte er sich glücklich lachend in das Werk -geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm -unter den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche -sollten sie beide hineintragen, miteinander und -einander grüßend, zum ersten Male als Mann -und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und -Kunst.</p> - -<p>Musik band ihn ganz – hatte er doch das -Glas abgelegt, um nur zu hören – und so entging -ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht -in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte -inmitten allen lauten und bewegten Singens -wie ein Schiffsjunge im Mastkorb wenn es stürmt. -An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages. -Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden -einem froh aufspringenden Verlangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -die Matthäuspassion zu hören, die nach Aussagen -Mitreisender am Abend in einer der nächsten -Städte aufgeführt wurde. Sie stiegen aus, ließen -ihren Zug unbekümmert weiterfahren und verwanderten -die beiden freien Stunden in dem alten -Städtchen, übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit -und spitzbübisch entzückt von dem -Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in -dem warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, -fiel Claudia so jäh in Müdigkeit, daß nicht -einmal der starke Kaffee, den sie getrunken hatten, -den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere -Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So -hatte sie anfangs ohne jede Freude vor der Aufführung -gesessen, hatte kritisch und kundig alle ihre -Unvollkommenheiten ausgespürt – fehlte doch selbst -die Orgel im alten Saale, während drei oder vier -alte Kirchen wundervollen Raum und sicherlich große -Orgeln boten! – war endlich eingeschlafen und -schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende -Träume gehabt, während um sie Choräle gesungen -wurden, in denen eine ganze Gemeinde ihre Sünden<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -büßte oder sich dem Heiland weihte, während -Arien von Frauenstimmen klangen, begleitet von -zwei Flöten, zwei Oboen oder Geigen, gleich und -verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten -Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll -und rein wie alte kristallene Becher; Frauenstimmen -hatten sich vermählt, Männerstimmen sie -getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend -seine Worte, und Chöre waren darauf -erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge Kanon -von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden -Stimmen eine Größe und Wucht verlieh, die sich -nur mit Worten von Psalmen sagen läßt. Selbst -als die stille Stimme des Evangelisten nach der -lauten Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller -Melodik in epischer Schlichtheit, wie der gefangene -Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte, -regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht.</p> - -<p>Und der Herr redete. Walter Rohme hob den -Kopf, atmete tief und trank die Stimme des -Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war -mild und süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -Hoheit und Reinheit, als käme sie von weit -her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten. -Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten -Teil würde sie wenig mehr erklingen, sie und die -langgedehnten hellen Harmonien, die sie umgaben, -so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein -um den Kopf seines Trägers schwebt. Er -wünschte dringlich, daß der Herr die Legionen -Engel riefe, von denen er sprach, denn es war -schwer erträglich, so viel Güte und Adel in den -Händen eines Volkes zu wissen, das nach Kreuzen -schreien würde … Und er begriff, daß die Jünger -flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit -gegen eigenes Leid … Die Stimme schwieg und -der Evangelist; und die spielenden und dennoch -leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, -die den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. -Er hörte, wie sie nebeneinander in kleinen Schritten -aufstiegen, jäh um ganze Oktaven fielen und von -neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder -mählich abzusteigen mit kurzem Hinundher und -Trillern auf manchem Ton; dann begann der Sopran<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -langsam den altertümlichen Choral, in langen -gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob -und senkte: »O Mensch, bewein' dein' Sünde -groß« … Walter Rohme war vom genauen -Studieren des Werkes damit vertraut und hörte -den Anfang mit Genuß, aber die tiefe Befangenheit -und Verzauberung war verschwunden. Die -rauhe und simple Theologie des Textes hallte in -ihm nicht wider, wenn er auch die alten Zeilen -und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten -er das Leben gab und legt dabei all Krankheit ab -bis sich die Zeit herdrange …« Die drei anderen -Stimmen drängten sich ineinander und spielten beweglich -und ernst um den langsamen Sopran und -seine von der Last der Sünden schweren Schritte. -Vor allem aber war das Ende zu fürchten. Nach -dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein -wohlverdienter Beifall zweifellos, der aber alles -Zarte und Nachhallende, die schwebende und undeutliche -Süßigkeit der ersten Minuten nach dem -Werk ohne Gnade zerschlug – das Feinste des -Genusses und das Ehrfürchtigste der Stimmung.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich -unter dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen -Bürgerhände. Welchen Tumult würde -man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte -sich jeden Augenblick:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»daß er für uns geopfert würd,<br /></span> -<span class="i0">trüg unsrer Sünden schwere Bürd« …<br /></span> -</div></div> - -<p>Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von -Verschiebungen der Rhythmen, von Harmonien, -die sich flüchtig berührten, schnitten und durchdrangen, -von kontrapunktischem Gegenströmen und -Ineinanderfließen ungenossen bleiben mußte! Doch -je näher der Choral dem Ende zustrebte, desto quälender -ward die Angst. Seine Seele krümmte sich -frierend ein: der tobende Lärm würde sie wie Hagel -treffen. Er wünschte inständig, was jetzt gesungen -wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber -köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: -»wohl an dem Kreuze lange.« Der Dirigent nahm -den Stab zu den hingedehnten Noten des Schlusses -hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem -den Schlußton lang, lange, während der Baß sich<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -zu einer auf und ab steigenden Figur rüstete – dann -winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen -wie abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die -Luft in der Brust und machte sich stark, indem er -sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten -ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln -aufwärts, setzten noch einmal tief ein, stiegen schräg -auf in den endenden Akkord – und der Dirigent -ließ Stab und Hand müde fallen.</p> - -<p>Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein.</p> - -<p>»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd.</p> - -<p>Die Leute erhoben sich und verließen stumm den -Saal. Sie gaben sich Mühe, geräuschlos zu gehen.</p> - -<p>Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen -rund in fassungsloser Überraschung, die wie ein stürmisches -Glück in ihm aufsprang, und ein Schauer -von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart -pochte. Sie kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen -Seelen wollten schwer und schwebend entrückt bleiben. -Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung, -mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch -umsetzten. Sie fühlten edler und zarter als er gedacht<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -hatte. Und er bat sie inbrünstig um Verzeihung -wie für eine Kränkung. Man strebte stumm -nach den Türen; in allen Augen hing noch der -Glanz des klingenden Traumes und schloß alle -Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte -das unbekümmerte Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, -und die vielen Schritte der Ermüdeten -dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh -auch ihnen. Er fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit -gegen all diese Unbekannten, daß sie sich gutgesittet -zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten, -und wandte sich stürmisch zu Claudia, -damit sie seine Freude teilte. Sie saß noch immer -reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf und -begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um -und streifte ihre Schulter mit der Robe. Darauf -bewegte sie leicht den Kopf und die eine Hand; -von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er -sich vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken – und in -dem Augenblicke ihres Erwachens merkte er, daß -sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb quer -übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -aber starr und mit leerer Miene, aus der Sinn -und Leben entwichen war. Sie hatte geschlafen. -Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er -sie an seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein -Glück teilte, flog ihre Seele abseits und lautlos -umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch dunkle -Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von -Träumen. Und doch war ihre Freude, neben ihm -diese Musik zu hören, ein Versprechen gewesen. -Sie hatte es nicht gehalten – sollte er nicht unglücklich -sein über diesen Betrug und entdeckten -Verrat? Aber er war es; Trauer erfüllte ihn, die -schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er -wußte nicht, was in ihm, von dieser Überraschung -verletzt, nun litt: Leid um die aufgehobene Gemeinsamkeit, -nach der seine Liebe strebte, aber auch Eitelkeit -des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens -entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er -sie überschätzt – und auch hierin der Stachel: du -konntest überschätzen! und vor allem die Pedanterie, -die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft -im Bette … er überließ sich seinem Gefühl mit<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -gutem Gewissen, wies es ganz seiner Liebe zu und -saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben oder -sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen -und blickte vor sich hin. Sie hatte diese Stunde -Seligkeit dumpfschlafend verwehen lassen … Sie -öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte -wie ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten -Stimmchen: »Ich habe geschlafen!« Er -antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie -entdeckte, daß die Leute hinausgingen und schrak -auf: »Es ist doch nicht schon aus?« Sie zog schnell -die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der -erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein -Gähnen zu verstecken.</p> - -<p>»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, -»du hast geschlafen.« Darauf hob er endlich die -Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit zerstörtes -Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich -und farblos, und um die Augen wanden sich tiefe -braune Schatten. Er begriff erbleichend, daß sie -nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich -zwar erst in äußere Schichten seines Wissens, drang<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -aber unabweislich mit jedem Herzschlag tiefer in -ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte wegzugehen, -mußte er sie dazu auffordern; so befahl -seine klar dastehende Pflicht.</p> - -<p>»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie -mit schuldigem Gesicht, »ich bin's noch immer; -das ist doch erst die Pause, nicht wahr?«</p> - -<p>Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme -nicht, das Gegenteil zu vernehmen, auch bemerkte -er flüchtig, wie rührend ihre Haltung eigentlich -sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh -genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten -Teil der Passion opfern, der die gewaltigen Chöre -und seine liebsten Arien enthielt, mußte alle Erwartung, -alle Erhobenheit und Entzückung glatt -streichen und weggehen, weil sie schlafen mußte. -Er grollte ihr dafür und gab sich diesem Grolle -rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht -in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend -sagte: »Für uns ist's der Schluß.« Und nach einer -winzigen Pause – es wurde ihm gar zu schwer: -»Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -würde sie sich sträuben, und auch das durfte er nicht -gelten lassen. Sie tat es: »Aber du? Nein, bleiben -wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er -sich nicht enthalten zu erwidern – und er war -nicht stark genug, einen freundlicheren Klang zu -erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem -Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und -einschläfst?« Er wußte, das wog als Anklage, in -solchem Tone gesprochen, und wie sollte sie das -nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam -er sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und -ging gesenkten Kopfes hinter ihm hinaus. Sie -wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah -das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. -Er war ganz bitter vor zielloser Wut; er -verließ sie, drängte ohne Rücksicht, denn alle Vorräume -waren voller Menschen, die sich unterhielten, -zur Garderobe – irgendwie mußte er sich entladen -– warf der Bedienung unfreundlich die -Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher -Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, -dachte er. Sie war ihm entgegengekommen, damit<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen -Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz -und wartete, bis er angezogen war, während jedermann -sie erstaunt anblickte.</p> - -<p>Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch -ohne Hut im Gespräch mit einem Mädchen. »Jawohl,« -sagte er, während er ihnen Raum gab, -»aber die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, -sagte Walter in sich zornig, für mich kommen sie -nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede -oder von Arien. Und während Claudia schwer an -seinem Arme ging, quer über die Straße und unter -Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles versäumte: -da waren die Chöre, in denen das Volk -nach Barrabas schrie und »Kreuzige«, wie aus -Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des -Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der -verlassenen Gläubigen, da waren Duette von Frauenstimmen -und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit -des erzählenden Evangelisten; da waren von allen -anderen Arien die nach den Worten »Am Abend -da es kühle war,« und jene beiden von einer Sologeige<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, -spielen können, die für Alt rhythmisch verschmitzt -und sanft, die Baßarie heiter über die -Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel -Einsicht erfordernd … Er hörte nie oft genug -ihren triumphierenden Gang: »Gebt mir meinen -Jesum wieder« … Und heute stand er auf und -mußte vor ihr davongehen.</p> - -<p>Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete -begierig von der reinen feuchten Nachtluft, -während sie noch immer unter Bäumen hingingen: -»Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. -Ich glaube, nur die Luft war schuld da drinnen. -Die vielen Menschen!« und nach einigen Schritten -fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich, -Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon -Zimmer hätten, müßtest du bleiben, ich bestände -darauf. Aber ich traue mich nicht allein in ein -fremdes Hotel.«</p> - -<p>Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig -sich ihr Wesen gab; aber was sie anbot, -nahm er nicht an – außer allen anderen Gründen<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht -gestattet. Aber er sagte nur, und er sagte es sanft: -»Und drinnen hättest du wieder die Luft und die -vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, -um ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte -sich: »Sie haben mich eigentlich gräßlich gestört -und sind an allem schuld,« meinte sie nachdenklich. -»Sie und … und noch anderes. Dich nicht auch?« -»Nein,« antwortete er. »Was anderes?« Sie -schwieg, und er fragte nicht weiter. Er hatte ihren -Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, -wie sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, -schämte sich alles Grolls und selbst -des Bedauerns um die verlorene Musik. Er hatte -nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, -häßlichen Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu -schaffen, gegen sie, die er zu innerst zu lieben glaubte, -und hatte sich vom Ärger vergiften und erniedrigen -lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich -geworden und bereute sehr. Er schuldete -ihr Abbitte und noch viel mehr, er mußte irgendetwas -in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem -Urteil wieder ein wenig gerechtfertigter dastand. -Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und -Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine -Brust und machte vor Erregung größere Schritte. -»Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft.</p> - -<p>Sie wanderten schon auf der Straße im grünen -Lichte des Gases: das Pflaster war feucht von -Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er -jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte -sie. »Ich denke, Liebling. Wir sind bald da; -jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der -rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann -nicht so?« »Ja. Ich will nicht schlafen, -ich möchte nur liegen.«</p> - -<p>Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in -die Helle der Laterne: »Du siehst so müde aus, -Liebste« … Zärtlichkeit drängte ihr entgegen und -erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh -über ihrer Hand und nahm ihren Arm; sie schmiegte -die Schulter leise an die seine, und so gingen sie -schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -fühlte, wie schmerzlich er sie liebte, und wie er -bereute.</p> - -<p>Sie überschritten die Hauptstraße der engen -Stadt, über der rötliche Bogenlampen in langer -Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und -setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen -Drehorgel wehten ihnen plötzlich beginnend entgegen; -sie spielte den Hohenfriedberger Marsch -hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht -widerwärtig. Walter summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, -nimm um deinen Degen und rüste -dich zum Streit …« Der sanfte Klang gab der -kriegerisch schreitenden Musik eine zierliche Farbe. -Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat uns die -Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit -und selig und mit seinem ganzen Herzen, glücklich -über ihre Heiterkeit, sehr glücklich: sie schien nicht -mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, und als -sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein -dunkler Umriß vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer -einer kleinen Brücke lehnte, warf er ihm ein -Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -nach Silber klang. Claudia freute sich, daß er -nicht kleinlich gab, sah ihn aber dennoch fragend -an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer. -Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold -wert?« »Du brauchst nicht zu opfern,« lächelte -nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« Sie -näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe -flüsterte sie hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, -Walter? Ich sage nachher, warum.« Er erstaunte: -»Selbstverständlich« … Und indem eine bange -Frage in ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war -sie dennoch nicht versöhnt? Aber er hatte mit dem -Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe -hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, -Lieber, und iß. Nimm dir Zeit, denn ich kann dich -jetzt nicht brauchen,« und sie lächelte dazu.</p> - -<p>Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig -im Speisezimmer; Claudia hatte sich eine Kleinigkeit -in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an -seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die -ihn nicht verließen, einen Augenblick schwieg, vernahm -er in der Stille ein Konzert von bruchstückhaften<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -Melodien: die fröhliche Geigenstimme der -Baßarie begann und brach nach einem Triller ab, -der Hohenfriedeberger schob seinen Marschtakt ein, -und immer wieder sang die Stimme Christi klagend -und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und -ruhn? Er schmeckte den süßen Rauch mit dem -Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe -der Atem eines großen Tieres; aber weder die -Fragen noch die Melodien vermochte er fortzublasen -wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank -war oder ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er -sich hatte so gehen lassen können, noch was in dem -stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung -auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn -er die Augen schloß, immer nur diese lautlose Geste -des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die Kraft -des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen -Gestalten, denen von Jugend auf Ehrfurcht geboten -wurde? Und wenn dem so war, änderte das -den Wert jener großen Gebärde? Und wie?</p> - -<p>Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten -habe, es gab Abendgäste, und der Kellner lief frackwedelnd<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -hin und her: vor allem aber vibrierte in -ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill -und quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben -zu Ende zu rauchen, und fragte nach der Nummer -seines Zimmers: neun, im ersten Stock, und erstieg -die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte -Treppe so abwesend, daß er, oben angelangt, das -Bein allzuhoch hob, als sei da noch eine Stufe, -und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia -wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein -Zimmer; hinter den offenen Fenstern blaute tief -der nächtliche Himmel; aber halb mechanisch -schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke -wie ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. -Er musterte ihn, indem er wünschte, endlich daheim -zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem Fenster -stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm -gegenüber ging die Tür zu Claudia, die er hatte -aufschließen lassen, und sein Bett streckte sich weiß -an der dritten Wand nahe den Birnen; man -sparte das Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das -Sofa sinken, welches erklang, und blinzelte dem<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte. -Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und -die Antwort jeden Augenblick holen konnte, ward -die gellende Saite langsam schlaff wie wenn eine -Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. -Er wollte ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, -und pfiff die ersten Takte des Hohenfriedbergers; -dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille -sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie -draußen die leuchtende Farbe, die nirgends haftete -und dennoch da war. Und kaum wartete er so -einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm -er auch leise Antworten, erst halbklar, dann ganz -verstanden: und sie lauteten so überraschend, daß -er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und -ein seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht -war es und Sehnsucht …!</p> - -<p>Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« -Endlich! Er legte schnell die Zigarre hin. Sie -lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der Helligkeit, -die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch -dort verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -einen Stuhl heran und saß, halb über ihr Gesicht -gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte -sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit -stieg auf: »Bist du noch böse, kleines Mädchen? -Ich war sehr unartig, es ist wahr« …</p> - -<p>»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest -Recht auf Wut. Und schließlich hast du mich ja -nicht geprügelt« … Er neigte sich über ihren Kopf, -sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden -Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, -das klang nicht nach Groll, sie hatte ihm verziehen, -diese Gütige, und blickte ihn klaren Herzens an: -welches Glück! und ihre Stimme klang weder -müde noch krank …</p> - -<p>»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie -ohne Handschuh küssen.«</p> - -<p>»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«</p> - -<p>»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du -etwa krank?«</p> - -<p>»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. -Ich will nur liegen.« Sie sah im Halbdunkel, wie -er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -und rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, -und man merkt, du hattest keine Schwester.« Endlich -begriff er; es traf ihn wie ein leichter Schlag, -und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er -errötete bis in die Stirn. Er bewunderte sie; wie -ganz und frei sie war, und wie einfach sie heimlichen -Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er -küßte behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine -Entdeckung sagen, damit auch er vor ihr nichts -verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine -Seele so schamhaft behütete wie die Frau ihren -Leib, so gab er gleiches für gleiches; aber er gab -es schwerer.</p> - -<p>»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir -reden?«</p> - -<p>»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, -gleich zu schlafen. Vorhin habe ich lauter dumme -Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine -fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest -einen kleinen schwarzen Birnenkern in die Kiste, -wo ich meine Puppen aufbewahrte und wolltest -zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -die Kiste aufmachte, lag eine große Birne drinnen, -und ich klatschte in die Hände.« Er lächelte, aber -nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis beschäftigt -war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -– ich blieb dir vorhin eine Antwort schuldig, oder -gab sie nur flüchtig, das heißt falsch. Du fragtest, -ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst du -dich? und ich sagte nein.«</p> - -<p>Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, -daß sie ihn erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere -mich, es war noch vor der Laterne. Nun?«</p> - -<p>Er stand auf und begann hin und her zu gehen; -wenn er die Lichtbahn durchschritt, glänzte sein -Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem dicken -Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. -Er sagte zögernd und halblaut: »Nein, sie störten -mich nicht nur nicht; sondern in einem bestimmten -Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das -war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus -hinausgingen. Da fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft -mit diesen fremden Leuten. Oder besser, -ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -zu haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, -weißt du.« Ob sie durch die tastenden Worte das -Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie -entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, -dann kam es staunend: »Du scherzest nicht, das -ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht -vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«</p> - -<p>Sie verstand nichts.</p> - -<p>»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. -»Ich sehnte mich nicht gerade nach diesen Leuten, -sondern nach Leuten überhaupt, nach dem Volk, -kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, -ganz sicher. Aber war sie nicht auch rührend, -in dem kahlen Saale? So wie Kinder oder Bauern -Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche? -Aber ich meinte gar nicht die Aufführung -oder dergleichen. Ich könnte auch sagen: ich hatte -Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor -ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese -da. Weißt du, was ich meine?«</p> - -<p>Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -zu machen? Ihn befiehl eine körperliche -Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein ließ?</p> - -<p>»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich -glaube, ich weiß jetzt, was du meinst. Aber wie -es zu <em class="gesperrt">dir</em> kommt, und gerade heute, das ist mir, -ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -– weil der Mensch ein hoffendes Tier war.</p> - -<p>»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch -leichter zu empfinden. Ich will es erst negativ abgrenzen: -ich sehne mich natürlich nicht nach ihrer -Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, -ich danke nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer -Schicht reicher als ich, und davor habe ich Ehrfurcht. -Sie sind miteinander in einem gewissen -Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und -darin wachsen sie zu einem Wesen zusammen mit -einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle -ist uns verschlossen, die wir immer einer sind -und bestenfalls zwei – wie wir beide.« Er zögerte -vor den letzten Worten, denn sie logen jetzt. »Ein -Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch, -daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -Frauen erst, wenn ihr mit einem Kinde fühlt. Das -geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer. -Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte -alle diese Menschen still aufstehen, ohne den gewohnten -Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht öde -Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, -als Gemeinde, als Volk. Und nun habe ich dir -gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, noch -nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines -Widerhalls, und alsbald lehnte sie kopfschüttelnd -ab:</p> - -<p>»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles -nicht in mir. Müde? Es geht. Ich werde sehen, -daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«</p> - -<p>»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« -Er trat an ihr Bett und neigte sich, sie zu küssen. -Sie holte die Arme hervor, schlang sie um seinen -Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen -fest. Dann ließ sie ihn halb frei und sagte, dicht -an seinem Gesicht: »Wir sind heute nicht ganz -beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute -Nacht;« küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>Er strich über ihre Stirn und ging.</p> - -<p>Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei -Dritteln unverbrannt; er entzündete sie und prüfte -sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in sich wie -eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt -noch etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie -waren nicht beieinander; nun, so würden sie zu tun -haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch -nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, -hieß es, sie wurde nicht geschenkt. Er -hatte an sich zu feilen und genug Brutales noch -auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden … -Das ist ein weites Feld, sagte er sich bald heiter. -Nun, man hatte Jahre vor sich, vorausgesetzt, daß -man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich -frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang -ihm plötzlich wieder der friedericianische Marsch -in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, als -spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: -er hörte das Glockenspiel klingen, die Trommeln -tobten kriegerisch, und am Ton der Trompeten hörte -man, daß sie in der Sonne blitzten …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span></p> - -<p>Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne -herüber: er zählte, die Uhr schlug neun. Er wunderte -sich, daß es noch so früh war, aber das Konzert -hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. -Andere Uhren antworteten, er trat ans Fenster, sie -zu hören, und sah die Sterne im tiefen Blau des -Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde -Gestalt aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, -dachte er aufatmend, hilf mir. Seine Augen hingen -lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich wach -und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken -festzuhalten, zu ordnen und dann zu prüfen. -Er beschloß noch einen nötigen Brief abzufassen -und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte -die Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem -Zögern ging er hinaus und kam bald mit Briefpapier -und mit einer golden brennenden Petroleumlampe -zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase -und einer weißen Glocke, die im Tragen leise klirrte. -Als er das elektrische Licht löschte, blieb ein warmer -Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer -zog sich zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p> - -<p>Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie -heimkämen, an den Verwalter des Eggelingschen -Hauses – Claudias Mutter reiste mit Sirmisch -und Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben -hatte, die darin vorzunehmen waren – -und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. Ohnedies -blieb soviel als möglich unverändert; ein -neues Arbeitszimmer kam dazu und die Schlafzimmer -… Der Zigarrenrauch schickte bläuliche -Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. -Sie hielten etliche große Stechmücken ab, -die von einem nahen Wasser dem Scheine nachgingen.</p> - -<p>Aber er war froh, als er den Halter weglegen -und nachdenklich leer auf das weiße Blatt schauen -durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang -ihm im Sinne, das sich in der schlafenden Frau -da drüben vollzog; und die Stirn auf die Hand -gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann -er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig -pflanzenhaft und entrückt sie dadurch wurde, -denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu und<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze -gesetzt, die er ehrte.</p> - -<p>Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin -der Lampe, erst abwesend, dann aufmerksamer; -einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den -heißen Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, -aber sie konnten, obwohl unversehrt, nicht mehr -aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die sich -beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre -zarten Organe zu durchtränken. Eine klebte tot -mit dem Kopfe darauf, eine andere zitterte wie -trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings -gefallen war, haftete mit beiden schmalen -Flügeln ausgebreitet auf dem gefetteten Glase. -Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem -Mühen aus und ein – vielleicht litt sie wenig -Schmerz, aber der Anblick ihres schlagenden Körpers -hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und -mit einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter -Rohme: hier krümmte sich ein Wesen am Kreuz. -Der Anblick war ganz unerträglich, und mit zitternden -Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -und tötete sie. Er wußte nicht, ob er Gott -lästerte oder ihm diente. Er löschte die Lampe und -ging zu Bett, noch lange wach und von vielen -huschenden Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem -Lautwerden schwarze Pausen zum Besinnen -Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander -dieser ganze Abend … Sie schläft und er -genießt – er zürnt ihr während sie bereut; sie fühlt -nicht mit seinem Erlebnis – und er errät nicht, -<em class="gesperrt">kann</em> nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: -der weibliche Leib, der an eine andere Welt grenzt -… Man war trotz allem ziemlich allein – und -wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer -wäre das Leid der Welt vermehrt … Das verständliche -Denken verfiel in ein Vernehmen undeutlich -geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, -und im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, -mild und aus menschenferner Verlassenheit: »Ach, -wollt ihr nun schlafen und ruhn? … Siehe, er ist -da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia -im Schlummer.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Sonatine">Die Sonatine</h2> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p> -<p class="drop">Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos -es anging, die blonden Brauen -hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das -Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von -oben breit abspritzend Licht fiel wie Wasser auf -einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu Zeit -in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, -und es warf hurtige Blicke zu den beiden -auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, hinter denen -die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -– sie atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen -sprang über ihr Kindergesicht – ließ der gnädige -Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:</p> - -<p>»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. -Man müßte dagegen einschreiten.«</p> - -<p>Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, -Walter … Hast du die Morde gezählt, die heute -darin episch verwertet sind?«</p> - -<p>»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch -des besiegten Schülers am Mitschüler fünf. Willst -du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein -Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -prügeln sich und der Geohrfeigte unterliegt: da -zieht er ein kleines Terzerol und schießt dem Sieger -die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, -ich bitte dich!« … und nach einem Schweigen -leise: »Furchtbar …« und sie zuckte sonderbar mit -den Schultern.</p> - -<p>»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich -arg. Aber abbestellen? Und welche dafür -halten?«</p> - -<p>»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«</p> - -<p>»Und das Leben da draußen? Wie willst du -davon unterrichtet sein?«</p> - -<p>»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich -vergaß, daß du es damit hast. Ich meinerseits, -du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« …</p> - -<p>Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und -sie bekräftigte: »doch«.</p> - -<p>Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem -aber außer Hurtigkeit noch eine bittende Verlängerung -eigen war, und wurde langsam ganz -rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte -ein wenig. Mit niedergeschlagenen Augen und<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span> -froh daß sie Teller in den Händen hatte, brachte -das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen -spazieren gehen zu dürfen, es sei so schöner Vollmond -draußen.</p> - -<p>Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter -Bestürzung. Es konnte unmöglich so fortgehen. -Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche Fliehen vor -dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen -würde, wenn sie es nicht überwand? Was dem -Mädchen wohl anstand – die junge Frau mußte -damit fertig werden können … Er hörte sie fragen: -»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich -wendend, eifriges Nicken. »Dann können Sie -gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, -hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige -Herr, der am Fenster stand ohne hinauszusehen -– er erkannte gerade: er mußte sie zu sich hinüberziehen; -Gelegenheit würde sich später finden – -drehte sich um und neckte: »Sie müssen morgen -zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen Sie das -nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, -er war ja ein Ketzer und kannte die heilige Jungfrau<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -gar nicht, dachte sie unmutig und geschmeichelt, -wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging -leise schnell hinaus.</p> - -<p>Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf -dem Sofa saß und den Nacken an die Rücklehne -geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. -»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt -James und ist bei dir bedienstet.« Sie lächelte -mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr herab, -nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz -langsam und sanft und küßte ihre Lippen, die sanft -geschlossen und blaßrot die seinen erwartet hatten, -da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er -richtete sich endlich auf ohne die Umarmung zu -lösen, hob sie so mit empor und führte sie, die dicht -an ihm schritt, zu der Schiebetür in das Musikzimmer. -Mit knapper Drehung löschte er hinter -sich das Licht und schob die Türen auseinander. -– Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte -von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke -durfte er zeigen und ihr die Hände hinhalten … -irgend einmal, nicht allzuspät.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p> - -<p>»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« -sagte Claudia … Der Raum war bis in die -Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, -das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses -über ihnen verdeckte schon das Gestirn. Die Luft -selber glomm weißlich, sanft, traumklar und berauschend, -man atmete sie ein und löste die -Seelen der Glücklichen sofort, wie ein stark milchiger -Wein, unbekannt und beseligend. Sie -standen lange auf der Schwelle, die beiden, in -einem Beieinander, das inniger war als Küsse, und -blickten in die lichte Nächtlichkeit des vertrauten -Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn -glänzte ein silberner Schein, und der warme Nachtwind -bewegte langsam die Vorhänge der geöffneten -Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug -aus Licht geformt, und seine Decke blinkte wie -der Spiegel eines Sees geschmolzener Klänge, silbern, -umrissen und leicht. Blüten dufteten vom -Garten herein: es war eine Nacht des Mai. Sie -traten ein. Er führte die geliebte Frau vor das -Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand -hin, und auf hob sich die schwarze Schwinge zum -Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte -dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine -schwarze Oberlippe zurücklegte; sie ließ den Ring -vom Finger neben sich aufs Fenster fallen und -schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich -dem Lichte hold vermählte, zitternd und schwindend.</p> - -<p>»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme -unterhalb des Klingens wie Dämmerung um Licht. -Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch in -die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, -der duftend rauchte. »<em class="antiqua">Cis-moll</em>,« sagte der Mann -endlich und atmete Rauch ein.</p> - -<p>»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte -es vorher.« Aber er schwieg einfach, und als er -hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle ruhte, -begann sie.</p> - -<p>Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, -in leichter Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich -wehende Schleier aus Klang, über dem die Melodie -aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -gestickt – was war in ihn verwoben, das ein so -eindringendes Glück geben konnte, ein inniges Angerührtsein -nahe am Herzen? Träumen, träumen. -Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte -Strom der Empfindungen strudeln will. Ja, denke -deiner Jugend, Walter Rohme, da es in dir so -will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß -die Spur, die du von dem mordenden Schüler -jenes Zeitungsblattes zum gegenwärtigen Augenblicke -führen siehst … Ja, du bist es, der hier -sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond -über stille Wiesen hin nach dem schwarz ängstigenden -Walde lockte, den er auf einer Lichtung hinwarf, -und dessen Tränen er zu weißem Silber -zauberte … du bist es! Damals hat dir niemand -so unirdisch zugesungen wie es jetzt eine tut – und -die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders -als in langem Laufen, in Träumen und auf -den ärmlichen vier Saiten deiner gelben Geige, -die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen -mußte … Jetzt aber – bist du nicht jetzt -erst jung? Wohin ist der häßliche Bart, der dein<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter deinen -Augen und die hohen Kragen, die dich einengten -und versteiften? Ein verjüngtes Gesicht hebt sich -auf schlankem Halse aus dem niedrig umlegten -Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und -zärtlich zu ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß -freilich nicht, wovon sie dich erlöste, auch ahnt sie -nichts von den Niederungen, aus denen du dich -zu ihr erhobst – soll sie nie davon wissen? – -aber höre sie: sie sendet dir ihre Töne; und was -du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist ihre -ganze hingegebene fromm machende Liebe.</p> - -<p>Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem -Ausdruck, der ihr ganzes Gesicht veränderte und -es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die ihre -Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. -Walter Rohme liebkoste sie mit Blicken wie mit -langen Wimpern, deren Bewegung auch er selbst -beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem -Ohre gespielt, aber doch nur in seinem Innern, -ein Stückchen Geigenmusik, ein schüchternes Thema -von leichtfüßiger Melancholie: nach einer Stufe<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend -sanftes Auf und Ab – fast nichts. Klavierklänge -vorher … aber als er sich der Erscheinung zuwandte, -war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine -leichte Verwirrung entstand, dauerte und mündete -in die Frage: woher kam diese phantastisch deutliche -Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus -den jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: -rate; Haydn? Mozart? mußte es nicht Mozart -sein?</p> - -<p>Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein -Ende, und nicht nur die Vorbereitung des <em class="antiqua">andante</em>, -erhob er sich unter einem inneren Befehl. -Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, -dann nahm er den Geigenkasten herab, der oben -lag. Claudia sah ihm schweigend, staunend zu. -Offenbar will er geigen; er war heute also im -Hören nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende -der Sonate erwarten sollen? Sie fühlte sich eher -geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu schöpfen -und zu strömen; die Noten würden sie nicht -wenig beengen … aber da er wollte – – Sein<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -Betragen war ungewöhnlich und hatte sicher ein -starkes Motiv – was trieb ihn nur? Er kniete -vor dem offenen Schrank und las, mit einem -Streichholz leuchtend, in der Tafel, die seinen -Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die -Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem -Warten, wie er die Kerzen zweier breitfüßiger -Leuchter entzündete, von denen jeder zwei auf ausgebreiteten -Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; -die Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten -die Dunkelheit in die Ecken des Raumes; und als -er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die Nacht -vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes -herabließ, streichelte er rasch einmal ihren -Scheitel; dann holte er die Geige und das grüne -Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. -Würde es Brahms sein oder Bach?</p> - -<p>»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, -»Sonatinen, <em class="antiqua">opus</em> 137?«</p> - -<p>»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich -eine Erinnerung: wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. -Das ist hier die erste Sonate, die<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und -du langweilst dich am Ende dabei. Aber das <em class="gesperrt">will</em> -heute gespielt werden … ich hatte es allzulange -vergessen …« Du Gütiger, dachte sie glücklich -und gab ihm statt aller Antwort den Grundton -und die Quinten an; er stimmte, und die sanften -lauten Doppelstimmen klangen im Flackern der -Kerzen.</p> - -<p>»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten -Satze an,« sagte er, die Geige schon unterm Kinn; -»aber mein Gewissen …«</p> - -<p>»Dein Gewissen hat sehr recht.«</p> - -<p>»Obwohl mich nur das <em class="antiqua">andante</em> besucht hat?« -… Der Bogen hing schräg herab, mit der Spitze -in den Teppich gebohrt.</p> - -<p>»Und wenn das Kind noch netter bittet und -das Stimmchen oben schweben läßt: erst das <em class="antiqua">allegro</em>, -und das <em class="antiqua">andante</em> als Belohnung.«</p> - -<p>»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern -Glück …«</p> - -<p>»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«</p> - -<p>»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -wohlfühlt, und daß Sirmisch bei ihr ist. Ich -habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen von -der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt -sie uns das ganze Haus und reist, die alte -Dame.«</p> - -<p>»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe -– nun, du warst nicht zehn Jahre lang mit ihr -allein … Ich brächte übrigens zum Plaudern -nicht nur die Geige in Spiellage, sondern auch -den Bogen …«</p> - -<p>Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie -begannen: ein freundlich auf und ab eilendes Motiv, -einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine kleine -Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte -sich die Oberstimme des Klaviers zu spielenden -Schaumketten, die Unterstimme verspätete das -Thema um einen Takt – und im Vorwärtsdringen -der Geige, mit Veränderung, Wiederholung -und Tausch der Führung baute sich der -Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht -in der Ordnung, aber von einer Klarheit und verjüngenden -Bewegtheit, daß Claudias Lippen von<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten -schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt -enthielten, sanft glänzend und erfreut am -Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.</p> - -<p>Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit -beständig abirren und spielte endlich in -traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete -die sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe -nach so langem Vergessen: da wußte er noch das -Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! -Er sah einem Andern zu, der für ihn spielte, einem -Ich, das die Form eines Knaben mit glücklichen -Augen über mageren Backen annahm, sowie er -die Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle -des Bogenführens, die gestreckte Geradheit des -Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn der -Bogen herabging … das allmähliche Sich-Einkrümmen -beim Aufstrich wie die Kolbengelenke eines -Dynamos … das präzise Auffallen und rasche -Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals -– diese ganze geübte und zweckvolle Mechanik, -die während seiner Abwesenheit einer lenkte und<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span> -bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein -innerster Kern – jetzt summte er ein Stückchen -den Rhythmus mit, und »<em class="antiqua">cis</em>« rief Claudia, während -sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ, -»<em class="antiqua">cis</em>! du spielst schon zum zweiten Male <em class="antiqua">c</em>.«</p> - -<p>Er erschrak, brach ab und lachte befangen. -»Diesen Fehler habe ich als Junge eingeübt, er -kommt wieder mit.«</p> - -<p>»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint -mir; bist du müde, Lieber?«</p> - -<p>»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz -vorne vielmehr, bei dem kleinen Rohme. Aber laß -nur, beim zweiten Satze …« »Ich bestehe trotzdem -auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal -die drei Halben vor dem Lauf. Ich finde es -entzückend.« Er begann gehorsam, und während -sie den Satz zu Ende führten, wunderte er sich im -Herzen über die Leichtigkeit dieser Musik … Ja, -der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn -war das eine Eroberung gewesen, eine schwere … -War er ihr nicht schuldig, von alledem zu reden, -was mit den Klängen auferstand? … Da wäre<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -schon die Gelegenheit? – Gefährlich! rief es ihm -zu, zu nahe an dir, an ihr … Sie schlossen.</p> - -<p>Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: -welcher Friede! Auf jedem Blatte stand mit Mondschein -geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die -Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der -seine Haare bewegte, hob seine Brust und breitete -in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der -Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, -verdient nach dem Sieg über die Jugend, -über diese Zeit der zerfressenden Qualen! … Er -wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, -und bettete sein Gesicht küssend in Claudias -Haar, das wie Nachtblumen duftete. Blüte -meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, -die in ihrer Fülle starb, Blüte du meines Glücks … -oh Claudia … die Tränen waren ihm nahe. Sie -bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich -über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, -wandte sie das Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:</p> - -<p>»Ich glaube, ich war es, die vorhin das <em class="antiqua">andante</em> -nicht erwarten konnte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p> - -<p>»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender -Stimme.</p> - -<p>Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten -Händen ließ sie das Thema sich austönen, während -die Geige schwieg, diese leichte Melancholie, -aufhüpfend, schreitend und hinab – und dann -lauschte sie lächelnd und beglückt dem durchsichtigen -Spiel der getragenen Töne. Was hieran -hieß denn schön, was war denn zauberisch in der -schlichten Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, -was gab es denn Unerhörtes in diesem sachten -Strömen von Stimmen, die miteinander -gingen oder sich symmetrisch auswichen, was sprach -denn so süß zu ihrem Herzen, während sie hier ihre -Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden -Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach -hinging, wie sanft und klar, und nicht trauriger -als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll von -Glück … Ah, nun sang die Geige, sang sich aus -mit einer Stimme über Menschenstimmen … fast -zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre von den -Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -wie man ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses -mühsam in Maß gezwungene Ausdrücken den zarten -Gang des Ganzen … Man mußte die eignen -Töne ehrfürchtig dämpfen … Ja, das war die -Seele, die tönte, und der Bogen ging nicht anders -über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, wie -über die Seele das Glück … Nun kam es an -sie, zu antworten – und wie sich der Gesang der -Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, sprach -sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen -Harmonien, die geschrieben standen. »Schubert,« -dachte sie, und dachte »Walter« und dachte »ich -liebe dich« und dachte »mein Glück –« alles in -diesem einen Namen.</p> - -<p>Das ist das Ende – schon; leider. Nun noch -die beiden Akkorde, die alles lösten und gelind in -die Stille entließen, in das tiefe wundervolle Schweigen, -durchsungen von nachhaltenden Saiten … -Ein Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, -schreckte sie auf, noch ehe sie hinsah war ihr deutlich, -daß Walter Geige und Bogen heftig fortgelegt -hatte … Da stand er am Tisch, die Arme gespannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -die Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: -von seinem Gesicht löste sich eine Qual ab, die es -verzerrt hatte: »Was hast du, Liebster!« fragte sie -angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, sanft, -indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, -oder wenigstens nicht viel.« … Sie hörte -nicht auf, in den Augen ein dringliches und banges -Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es sind -nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich -diesen kindlichen Mordversuch aus dem Druckpapier -drinnen nicht los wurde, warum ich mich -im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese -Musik da meldete – oh, ich weiß wohl! Vergangenheit -ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, neben dir -stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder -wie dem Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, -aus den Wirrnissen seiner Seele, die -sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. Denn -wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten -aus der Geige zu reden, wurde ich so schwermütig, -so voll von pressender Angst und Not, als erdrücke -einer mein Herz langsam mit harten Händen …<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span> -dann brach die kümmerliche Melodie ab, und ich -saß stumm im Dunkeln, in einem Grade unglücklich, -vor dem mir jetzt schaudert … Dann kam -alles das, womit ich rang, alles das in mir, was -ich schlecht und böse nannte, das Lasterhafte und -Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all -das, dem ich untertan war und gegen das ich mich -fruchtlos empörte, und machte mich verzweifeln. -Dies hier aber« – er schlug auf die Noten – -»und dergleichen tröstete mich« … Er schwieg tief -befreit. Wie das aus ihm quillt … Du Zarter, -dachte sie, du Guter, was für winzige Erlebnisse -mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst -du dich … als du mir von dem Pakete erzähltest, -das nach so kuriosen Schicksalen zur Post kam? -»Was quälte dich denn so, damals? Wie alt -warst du, vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen -in ihrem Ton, ein zärtliches, schelmisches, ein verliebtes. -Die Kerzen flackerten im Winde und tropften -in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was -mich quälte? Ich sagte es: ich fand mich schlecht; -und befahl mir vergebens, gut, rein, fehllos zu<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span> -werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik -zu sein und einem Priester beichten zu dürfen, einem -nicht mehr menschlichen Wesen, das strafen durfte, -aber auch mit Kräften begabt war, zu verzeihen -– mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten -einen Geistlichen an der Schule, einen strengen, -sanften und musikalischen Priester, klug, geschult -und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser -eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war -manchmal betrunken und versah außerdem den -Turnunterricht« …</p> - -<p>Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den -sie aus ihrer ganzen Freude an ihm aufschießen -fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der er sprach. -»Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. -Ich will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche -die Lichter aus« – und sie blies in die Flammen, -»nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die Mondnacht -durch die Fenster ein, schlug empor und füllte -das Zimmer wie vorher still mit durchsichtiger -Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem neuen Lichte, -mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel;<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span> -er nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte -ihre Hüften und, ehe er den Kopf auf ihre Knie -legte, sandte er noch einmal diesen Blick hinauf, -ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und -in das erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt -in seinen Augen … was wird er sagen? ist's dennoch -etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt -die Stille, der Mond, das ungewisse Licht …</p> - -<p>»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar -und der Priester ein Gott – was wird er sagen? -Gleichviel. Höre gut hin, nimm es nicht allzuleicht -und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um -anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber -ich litt hinterher und bereute – bis zum nächsten -Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich naschte. -Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich -<em class="gesperrt">wußte</em>, daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine -wertlose Heftchen; aber ich entwendete sie. Noch -als Student, im ersten Semester, stahl ich in einem -Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich -tat das, weil ich ihn nicht kaufen konnte, weil die -Leute sorglos waren und leichtsinnig – aber ich<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span> -stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen -Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, -der Stimme diese Schwere zu nehmen? Claudia -saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht -sehen – dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; -auch starben die nicht, die ich mordete; denn ich -war ohnmächtig und meist feige. So blieb es dabei, -daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend -wünschte, daß ich zu Gott darum betete, er möge -sie krepieren lassen, Lehrer, bei denen ich nichts gekonnt -hatte, Kameraden, die mich überwunden -hatten, meine Eltern, wenn sie mich hinderten, -meinem Willen zu folgen. Es tobte in mir von -Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem -Töten. Nur die Hemmungen trennten mich von -der Tat. Und wie leicht fielen sie! Ich erinnere -mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes -Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester -Freund kommt mich besuchen. Wir unterhalten -uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, wir -disputierten, streiten, er wird recht behalten: da -faßt mich Raserei und ich … gieße ihm ein Glas<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span> -Wasser ins Gesicht, das neben mir steht! Wer -wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, -wäre mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie -dem Jungen in der Zeitung? Ich liebte ihn sehr, -es war mein Freund – und dennoch! … Aus -Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich -ihn um Verzeihung« …</p> - -<p>Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah -hier? Wer schrie so leidenschaftlich aus ihm, aus -Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen -Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte -hier, büßte mit heißer Stirn und zuckendem Herzen? -Und was lag hier vor, daß er sich schämte, offen -schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still -in seinen Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt …</p> - -<p>»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher -bräunlicher Knabe. Wir gingen zusammen -baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; -ja. Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir -gebadet hatten, trockneten wir einander ab. Und -dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen -wir uns, und berührten uns und küßten uns. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span> -befahl einer, und der andere legte sich auf die harten -Holzlatten, zur Peinigung. Und der erste …«</p> - -<p>Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den -Sessel umwarf. Sie hielt die Hände zwischen sich -und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter -Abwehr, und ging hinaus – das Gesicht abgewendet, -mit ganz großen schwarzen Augen, blinkte -im Mondlicht steinweiß – ging durch die Tür, -durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, -und drehte den Schlüssel um, zweimal.</p> - -<p>Sie hielt an und blickte starr in den lichten -Raum, dessen weiße Wände die Helligkeit verdoppelten. -Er lag ganz still, nur die Möbel knarrten -noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte -sich in regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper -zitterte schrecklich, wie von elektrischen Strömen -geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel -des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen -Kleid, das der Mond ganz hell machte …, -dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus der -ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. -Sie schüttelte schnell und entsetzt den Kopf: nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span> -mich ansehen! Die Kniee wurden ihr schwach, sie -taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann -legte sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.</p> - -<p>Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt -war sie von wirbelnder Verstörung, die umschwang -wie schwarzes Wasser im Trichter eines -Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der -riesengroßen Woge hinterlassen war, mit der das -Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei diesem furchtbaren -Gestehen … Im Erinnern versagte ihr der -Atem, sie keuchte leise. Er, er! das war in ihm, -so sah er aus, ohne Kleider … Es war ihr, als -müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, -laufen bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, -meilenfern von ihm … War sie hier sicher? -Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war verschlossen, -doppelt – aber noch den Riegel vorschieben: -den Schrank davor stellen, wenn sie es -gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch die Tür -und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt -nichts als Furcht und Abscheu … Dann lief sie -lautlos zu ihrem großen Stuhle zurück, verkroch<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span> -sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon -versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.</p> - -<p>Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten -Nicht-Denkenkönnen erhoben Gefühle ihre Häupter -und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie -es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in -sich haben dürfen, wenn er mir so nahe kommen -wollte. Er hat mich unerhört betrogen … Sie -jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, -wanden sich ruhelos in schmerzender -Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte scheu -zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden … -entsetzlich … Aber mindestens schweigen mußte -er, nicht auch sie beschmutzen und zerrütten, damit -auch sie heillos und erniedrigt sei … Welche Entblößung -… und die Scham, die ihn hätte zügeln -müssen, brannte in ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie -hatte sich zu schämen, es war in der Ordnung: -war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch -zu Mensch, innerlich unlöslich an ihn geknüpft … -Mußte sie nicht verzweifeln? … Da fragte es -plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause … dann<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span> -sah sie hin und stellte fest: – ja. Sie atmete tief -und wußte nicht, warum. Ist das Verzweiflung? -Wirre Stille übertäubte die Antwort.</p> - -<p>Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, -blickte zum Himmel auf und sah den Mond, der -sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit und -unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, -schräg, den Rücken an Mauer und Rahmen -gelehnt; das gelbliche Kleid floß wie ein Lichtbrei -ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an -dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses -Mitleid mit sich drang in sie ein und löste -ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. Wie -war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen -wie sie … Tropfen um Tropfen rann über ihre -Wangen und glitt salzig in die Winkel des in -Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos -litt sie, hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu -flüstern wie bisher – denn der diesen Namen trug, -der machte sie leiden. Was war von dem Zauber -der Nacht geblieben? Was geblieben von dem -blauen Glanze in der Luft und dem Lichte, mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span> -man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? Auch -jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte -keinen Rat, und ihrem Unglück antwortete er nicht, -der Zauber des nächtlich blauen Himmels, der -doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen -hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter -der blühenden Kastanien drohten noch immer, mit -bleichen Flammen besteckt, die im Winde schwankten, -von den gerundeten Akazien her schwammen -auf der Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte -sich davon wie von der sanfttönenden Klarinette -der singende Klang der Oboe, und wie helle -Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im -bleichenden Lichte, seine Düfte empor. Da unten -atmete ihr lieber Garten – warum blieb er schön, -reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn -es war doch alles zerstört und zu Ende – und -niemand so verlassen und unglücklich wie sie … -Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort -im Zimmer, nebenan? Saß da nicht einer, der -litt, und bitterlich litt? …</p> - -<p>Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang,<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span> -von der Stirn nach dem Nacken, wo es sich zum -Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die Finger. -Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. -Besinne dich, sagte es in ihr, besinne dich … und -wie in plötzlichem Entschluß fragte sie sich: was -ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas Entsetzliches, -Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, -ein Hieb ins lebendige Fleisch! – Ruhe -jetzt und Kälte, Claudia; du warst im Recht, aber -nun lege es dar. Ein Mann – wer? Dein Gatte, -dein Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse -Erlebnisse der Jugend, die fünfzehn Jahre -zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch und -weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen -wie sie in ihm begraben lagen. Zugegeben, daß sie -besser verschwiegen blieben. Denn du fürchtest von -jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben -war immer darauf gestellt, jenes andere, das man -auch »Leben« nennt, zu verschweigen, nicht zu wissen -– du wolltest stets in Reinheit deinen Weg gehen, -du brauchtest das, weil du zart bist und wenig -Waffen gegen das Grauen und die Hilflosigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span> -hast, die dich vor allem befällt, was du das Gemeine -nennst … du weißt es. Nun dringt, von -unvermuteter Seite, das »Leben« auf dich ein, du -siehst den Mann, der neben dir schläft und dem -du – wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom -Leben gefangen; und was tust du? Du fliehst! -Du läufst davon, als hättest du nicht längst, seit -jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen -lassen; du bist unselig, quälst dich und -vergißt, daß er es ist, er, von dem es dir kam, und -läßt ihn zurück, allein.</p> - -<p>Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser -in das Waschbecken rinnen, kühlte die Hände und -das heiße Gesicht – wie wohltuend fühlte sie all -die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und -kehrte zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft -zu atmen und das Geschehene im Mondlicht zu -überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: -was war doch gleich so Widerliches und -Gemeines aufgedeckt worden? Sie konnte es noch -denken, aber sie <em class="gesperrt">fühlte</em> es nicht mehr … Sie war -geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span> -Türen – warum nur? … Es mußte ein Grund -dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. Sie -besann sich auf ihn – vergebens. Er hatte stark -gewirkt, und dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. -Worin bestand das Schlimme, und was -in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: -wenn sie sich des Geständnisses erinnerte – -nein, wenn dieses Geständnis ihr eben jetzt gemacht -würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. -Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum -fliehen? Als Mädchen, ja, damals hätte sie nichts -anderes tun können. Aber hatte nicht in diesen drei -Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt -– alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd -sie sich geworden war, sich von damals. Daß es -süß war, ganz erkannt zu sein, daß man Glück -fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen -zu unterwerfen; daß aus trivialen Verrichtungen -der Häuslichkeit Heiterkeit in die Seele strömen -könne, wenn sie für ihn geschahen – hätte sie früher -nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen -vorausgesagt hätte? Dennoch war es so. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span> -nun stand es überraschend da: ein früheres Ich, -das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer -bemächtigt und sie fortgetragen – und Claudia -Rohme sah sich in dieses Schicksal und seine -Qualen verwickelt, sich und ihn.</p> - -<p>Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem -Atem – dann machte sie sich an ein unruhiges -Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und -manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen -hineingerissen. Er? litt er denn? Ja, -er leidet, du weißt es. – So möge er; ich litt, -ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr – nein, -nicht einmal ebenso sehr. Denn den Gedanken, -Claudia wehe getan zu haben – er wird ihn schwer -ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften … -Hätte er doch geschwiegen! Kannte er sie denn -nicht? Mußte er nicht wissen, daß sie sich entsetzen -werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet … -Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und -in gewisser Absicht gesprochen? Es schien fast so … -Doch gleichviel: das Schlimme blieb ausgesprochen -und die Welt auf immer verändert. Aber – sie<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span> -hielt an und ihre Stirn spannte sich – mußte -man nicht zusehen, gleichwohl weiter in ihr zu leben, -miteinander, über dem neuen Wissen und aller -Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung -unmerklich hingenommen: immer einen Mann -neben sich zu sehen – warum nicht auch diese? -»Komme ich darüber hinweg?«</p> - -<p>Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie -denn! kam es ihr zu, diese Frage zu stellen, oder -mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, er ihr die -Hände entgegenhalten und ihr <em class="gesperrt">helfen</em>? Er hatte -es nicht so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo -herum und … Was tat er denn jetzt! Er -versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, -hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! – -Aber sie verwehrte sich diese Flucht in ungerechten -Groll: nein, so töricht sollte sie nicht denken. Er -durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum -mit den beiden Betten, er wußte das. Er blieb -fern, aus Zartheit: gib das zu, Claudia. Ja, er -hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und -hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war …<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span> -Aber dennoch: sie mußte allein damit fertig werden. -Sie mußte diese Nacht für sich haben, und morgen -würde man sehen. – Morgen? Beim Lichte eines -neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete -ja, eine Mauer aufrichten zwischen sich und -ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte … eine -ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und -spätem Schlafe? Zwei fremde Menschen würden -morgen vor einander umschattete Augen niederschlagen! -Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie -blickte auf die verschlossene Tür und stöhnte. Wenn -er doch käme, wenn er es doch wagte! Aber sie -wußte, es blieb ihm verboten – und wie eine Verirrte, -die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, -machte sie ratlose Schritte, die sie ans Fenster führten.</p> - -<p>Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges -zu sehen, eine kleine Weile Atem zu holen, zu ruhen. -Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, Wege -wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, -und ganz schwarz ballten sich die Schattenmassen -der großen Allee. Zwei junge Menschen traten -daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span> -und James. Der junge Diener, in Hemdsärmeln, -die Hände in den Taschen und die kurze Pfeife -rauchend – sie sah sogar das Aufglimmen des -Tabaks und den leichten Rauch – ging neben -dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen kurzen -Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen -Augenblick an; augenscheinlich wußten sie nicht, -welchen wählen; dann beschritt er den rechten, der -zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des -Hauses. Sie blieb stehen – »sie will über die -Vordertreppe« – machte auf dem anderen zwei -trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte -sich und eilte ihm nach; er nickte.</p> - -<p>Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann -empörte sich etwas in ihr so heiß, als ginge sie -das da irgendwie an. Dann hob sie das Gesicht: -ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt -langsam mit beiden Händen ihr Haar entlang, -von der Stirn zu den Schläfen und die Wangen -hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, -schob leise den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, -öffnete geräuschlos, hob mit vorgestreckter Hand<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span> -den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag -er, ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über -ihrer Türschwelle.</p> - -<p>Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs -umdunkelt, in einer ungeheuerlich seligen -Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke -erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, -die Augen in Schatten, der Mund gepreßt -und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. Ihre -Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt -den vorgeneigten Körper. Er gewahrte sie sogleich, -fuhr auf und hob, sitzend, auf die Hände gestützt, -ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die -mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. -So blickten sie aufeinander und harrten stumm. -Das Herz der Frau schüttete in groben Schlägen -Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, -in denen sie ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt -als werfe sie sich in höchstem Leid oder höchstem -Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, -aber die Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte -sie über seinem aufsaugenden Antlitz wie die Göttin<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span> -eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte Liebe. -Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die -Spannung seiner Züge, und mit hörbarem Atem -trank er die Erlösung, die sie über ihn ergoß. Grenzenlos -schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in seinen -dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, -das ihm in Liebe zugewendet war, die der -Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen sich zu -einander in einer Stille, unterhalb derer das -Schlagen ihrer erschütterten jungen Herzen in das -ferne, sanfte Zischeln der bewegten jungen Blätter -floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank -Claudia in die Knie und war ihm nahe. Und er -begann zu reden, mit einer tiefen, ganz leisen Stimme -aus der innersten Brust:</p> - -<p>»Kannst du mir wirklich verzeihen?«</p> - -<p>Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich -allein ließ statt dir zu helfen? Wie eine Unmündige -davonlief und töricht war?«</p> - -<p>»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, -das war deine Waffe und dein Gesetz. Meins -hätte geheißen: Schweigen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span></p> - -<p>»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles -immer allein zu tragen!«</p> - -<p>»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich -nicht, daß dein Leben hinweggehen will über alles -das unterhalb des Menschen? Ich tat es trotzdem« …</p> - -<p>– »Und es war gut. Es <em class="gesperrt">mußte</em> gesagt werden, -einmal, irgendwas. Konnte ich noch länger so -nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, -und je später, um so schrecklicher. Nein, Walter, -ich sehe es jetzt, es war <em class="gesperrt">sehr</em> gut.«</p> - -<p>»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die -Hände küssen … Du sagtest: beichte. In diesem -Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen solle, und -antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und -mein Herz zerriß und die Verzweiflung in mir so -tobte, daß ich meine Adern aufschneiden wollte, um -sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich trieb -nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch -nicht, daß du von mir wissen solltest – mich trieb -nichts als der eigensüchtige Wunsch des Befreitseins -von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span> -trage, von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht -kanntest. Jetzt erkenne ich, mich bewegten alle -diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner -Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten -Schritte in die Versöhnung hineinzuziehen – oder -in mein Ende. Denn ich kann nicht leben ohne -dich – das habe ich grell gesehen da ich elender -war als je zuvor.«</p> - -<p>– »Aber mein Leben <em class="gesperrt">war</em> falsch und künstlich. -Ich wußte vom Dasein, aber ich hatte es nie geschaut, -vor Augen gehabt wie ich dich jetzt schaue, -meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, -durch dich Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück -zu verleugnen und das Grauenhafte nicht zu sehen. -Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber hinweg? -Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? -Ein Mann ist geprüfter als ich dachte, -das Leben ist härter als ich dachte, – nur härter? -Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? -Wie sinnlos, vor ihm zu bangen, da ich doch von -ihm umspült bin wie von Luft, da es doch in mir -enthalten ist wie eingeatmete Luft.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span></p> - -<p>Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie -standen nebeneinander, im silbernen Lichte, Hand -in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu einem, -der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte -und ihrem Dastehen einen Sockel gab und das -Festgegründete von Statuen.</p> - -<p>»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. -Daß du stark bist über dich, wußte ich seit dem -Abend, an dem du mir die Hand reichtest über ein -Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe -zwischen uns gestellt hatte wie einen Abgrund: das -Eingeständnis meiner Schwäche. Aber du nahmst -es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden -uns – Fremde im Grunde. Und als du Oswald -Saach vor uns anklagtest, den Toten, den du -geliebt hattest, – da sah ich dich, eine Unbekannte. -Heute jedoch – wie stark bist du denn, da du so -fruchtbar zu leiden weißt?«</p> - -<p>– »Und wie stark du, da du dich heraushobst -aus solchem Dunkel und so viel Wirrnis? Das -Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich -bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span> -schwach und neu. Ich zittere wie auf Eis, ich bin -ängstlich und du mußt mich stützen, Nachsicht haben. -Mit dir traue ich mich überall hin.«</p> - -<p>»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige -nur ein Anfang war? Wenn von nun an mehr -solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht -schwerere? Kleine Claudia, was dann?«</p> - -<p>– »Ich werde zittern, und werde wegsehen -wollen. Aber dann wirst du bei mir stehen und mich -anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles können.«</p> - -<p>»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man -kommt allzuleicht und fortwährend auseinander, -man muß sich ansehen und sich finden wollen und -einander allezeit die Hände hinhalten.«</p> - -<p>Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie -an sich; sie legte ihre Hände wie eine Schale um -sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. So -durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so -berührten sich ihre Körper in völliger Liebkosung, -Claudias Lider fielen, und die Lippen sanken aufeinander -im Kusse.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung -der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 130: setze → setzt<br /> -sie <a href="#corr130">setzt</a> mehrfach an, schluckt</p> -<p> -S. 175: oberflächig → oberflächlich<br /> -wie <a href="#corr175">oberflächlich</a> und nebenhin mußten</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - -***** This file should be named 52478-h.htm or 52478-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/4/7/52478/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/52478-h/images/cover.jpg b/old/52478-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5782f85..0000000 --- a/old/52478-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52478-h/images/signet.png b/old/52478-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 8bd01fb..0000000 --- a/old/52478-h/images/signet.png +++ /dev/null |
