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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Novellen um Claudia - -Author: Arnold Zweig - -Release Date: July 2, 2016 [EBook #52478] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Buches. - - - - -[Illustration] - - - - - Die Novellen - um Claudia - - Ein Roman - von - Arnold Zweig - - Kurt Wolff Verlag - Leipzig - - - - -+Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage+ - - -Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar - - - - -Abschnitte: - - - I. Das Postpaket 7 - - II. Das dreizehnte Blatt 55 - - III. Der Stern 95 - - IV. Das Album 147 - - V. Die keusche Nacht 191 - - VI. Die Passion 223 - - VII. Die Sonatine 263 - - - - -Das Postpaket - - -»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia mit tiefer und sanfter -Stimme, als er sich eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die -Garderobe abzunehmen, »das hat James bereits getan«; und wirklich -näherte sich ihnen der livrierte noch junge Diener in gelbgrauem Rock -und weißen Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten -Abendmantel und den dünnen Schals seiner Herrin. Doktor Rohme stand -in Überzieher und hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz -widerhallenden Vorraum. Noch immer fühlte er unter allen Erregungen -dieser kunsterfüllten Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend, -eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt hatte, zehnmal -widerrufen und dennoch nicht aus dem Tatwerden gedrängt; und während -Claudia sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien, die Geübtheit -verrieten, einhüllen ließ, grübelte er, verkniffenen Mundes und mit -abseits träumenden Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden -gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene bittere Wallung des -Nicht-mehr-Ertragens, die ihn gestern überfallen und heute hierher -gestoßen hatte, wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er hatte, -von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes Götz erst geblättert, -dann mit Entsetzen gelesen, und Weislingens Schwanken zwischen dieser -und jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten ins Gesicht -getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung gegen sich stieg ihm in -den Hals dafür, daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen -hatte, Entscheidung und Klarheit in seine Beziehungen zu diesem Mädchen -zu bringen, das er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut zum -Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich, nach der ruhig befreundeten -Art ihres Benehmens, wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für -sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich; er kam sich beschmutzt -vor, besudelte fast auch sie -- so hatte er sich die Qual dieser -Vorstellung verordnet, und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute abend -alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen, auf die Gefahr hin, -für immer entlassen und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden: das -war's, was nottat, und das war unlöslich beschlossen. - -Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd aus dem weißen Seidenstoff -hervorlächelte, legte sie ohne ein Wort ihren Arm in den des -befreundeten Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit sie den Weg -andeutete, scheinbar von ihm zu dem bekannten blauen Automobil der -Eggeling führen, das James bereits hergewinkt hatte und das inmitten -der vielen Leute, die aus den Portalen herausdrängten, wie eine Bestie -toste. Er fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung, die ihm -wiederum grundlos schien, und hätte sich am liebsten verabschiedet, -aber das ging ja nicht an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug -verschwand, ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu Gelegenheit -gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen. Der Chauffeur fuhr an, -kaum daß er sich hatte setzen können; so fiel er beinahe in das -Lederpolster zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen Mundes, -das ihn unglücklich gemacht hätte. Aber das schöne blasse Gesicht -blieb in stiller Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre -Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken an, und er fand sich -wieder in der durchdringend süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen -voll verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen. Einen Augenblick -lang schwirrte das leichte Rauschen und Erzittern des hastenden -Fahrzeugs durch die Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem -eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang war umsonst gefallen; -noch klirrten Rüstungen zu geschwungenen Gebärden und einer männlich -herben und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz von Berlichingen -gespielt, wie um zwei großen Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre -Kunst an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die strömende Genialität -des älteren den wenig zerlegten Ritter in einem reichen Zuge schuf -und lebte, während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich nervösen -und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen Weislingen als einem -heutigen Menschen nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten und -Betonungen eindringlich und modern zu dem ähnlich gearteten Publikum -gesprochen hatten. Das Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen -herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem Genuß in -die Seelen gedrungen und sprang am Schluß mit einem Außersich von -Beifall prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne. - -Während dies schon vage Erinnern in ihm zitterte, quälte er sich -unausgesetzt, ein Mittel ausfindig zu machen, einen Weg, der, ohne -bei ihr Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner Lage zu reden --- wobei sie wohl nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund -abweisend schmal gemacht hätte -- ihm gestattete, seine innere -Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh, so bin ich, nun entscheide -dich ... Aber das war schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich -begann Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit zu fragen: »Eine -eigentümliche Aufführung, Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen, -jedoch nicht schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen als -etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen und erwiderte hoch, ein -wenig umschleiert, in leicht vortragender Weise: »Eigentümlich, -gewiß. Unzeitgemäß, aber modern, wird man urteilen können. Ob Goethe -seinen Weislingen so gesehen hat?« Sie lächelte halb: »Denken Sie an -Weislingen? ich an den Götz ... Ihre Frage behalte ich aber bei: ob er -den Götz so gesehen hat?« Er nahm die Brille ab und rieb sie mit einem -weißen Tuche, während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht, Fräulein -Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf Götz ankommt. Die Leute, die -mit uns heute abend beide sahen, werden vermutlich von dem anderen -mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten. Er ist einer von -ihnen ... von uns. Dieser Götz +kann+ noch in Goethes Sphäre gehören --- ob dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig. Für Goethes -Zeit war sicherlich selbst ein so beeinflußbarer und« -- er stockte -ein wenig, überwand und gab dem folgenden Wort einen starken Nachdruck --- »unmännlicher Mensch etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen -blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter Bitterkeit. - -Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was aus seinem Ton -hervorging; auch hatte sie das starke Empfinden wohl bemerkt, mit -dem der lang Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen hatte, -solange das Spiel gegangen war; aber da sie diese sonst willkommene -Erörterung zu verschieben wünschte, bis die Sachlage vertraulicher und -beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden uns darüber streiten -müssen, ich bin gar nicht Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen -Weislingen verdammen.« - -»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne, denn ...« - -»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt sich aber, mein Herr -Philosoph, der »unmännliche Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch -Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten zu verbannen; -aber ganz vergeblich, denn er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er -sich ... Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle Eigenschaften -besitzt, die Mannheit zu konstituieren, nicht wahr? und zwar in -höchstem Maße besitzt. Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab, -und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß Männlichkeit nicht -mehr da ist. Trotzdem geht er als Mann spazieren.« - -Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve plötzlich eine Hauptstraße. -Nach wildem Holpern auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf -dem Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und zu fliegen, hinein -in eine von milchigem und rötlichem Licht erregend strahlende Luft. -Das Leuchten erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße eindringend, -plötzlich den kleinen hastenden Raum und hob die beiden Gesichter grell -in eine Art intensiverer Gegenwart. - -Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft auf das Thema ein, wie -immer unfähig, sich Gedachtem zu verschließen: »Skizzieren Sie den -Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie sich diese Analyse -wohl zu seinen eigenen Eigenschaften verhalten werde ... - -»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen vor den gleitenden -Lichtern beschattend. »Wir können bei Götz bleiben, denn Götz ist -sehr Mann. Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt ist: Güte, -Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch Weislingen kann gütig sein, aus -Schwäche. Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare ...« - -Sie sprach: »Und die Frau?« - -»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht wahr? gebiert. Der -Mann aber bringt hervor. Er hat die Kraft des Zusammensehens, er -schafft, indem er neu sieht ... Weislingen erblickt das Neue hinterher -und versteht es, er sieht ein. Niemals baut er Brücken zwischen -Getrenntem und sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es dabei -Schwierigkeiten gibt ... Götz nimmt die Dinge fragmentarisch, als -Vielheiten, die einer Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht vor -ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen Ding oder Zustand blind -hingibt und sich beständig verliert.« - -Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. Erst war ihr, als -rede er irgendwie von sich, Ungünstiges. War nicht er vor allem -einsichtig? Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie typisch -männlich Handelnde, die ihm verwandter sein mußten? Warum gerade Götz, -sein Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen zögernden Sätzen -klang etwas Inspiriertes mit, und sie lauschte mehr als dem Inhalt der -Worte diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam sich Lösendes -gab, etwas Rührendes. Doch war ihr für diese Stimmung das Gesagte -zu wichtig, und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder auf. -Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut Ihnen Unrecht, dazu haben -Sie ihn geformt; aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich glaube, -Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. Nun, davon nachher; ich Barbar -habe jetzt nichts als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, daß -auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, wenn Sie uns so spät noch -Gesellschaft leisten wollten.« - -Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem Gegenstand, der ihn so -nahe anging, in einem Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen -Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. Ein Gefühl von Glück -- -noch eine Stunde mit ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; er -wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich auf ihn als gern begrüßten -Gast sah, oder ob das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim ihn -über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher und lächerlicher Besuch -hinwegblendete. Er sagte leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir -... aber ich weiß nicht ... ich hatte den Entschluß fassen wollen, -nicht mehr so häufig bei Ihnen zu sein ...« Ein beizender Haß gegen -sich und eine augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe -explodierte in seiner Brust: das hatte ganz anders geformt und gesagt -werden müssen -- nun klang alles falsch. - -Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem lauten tiefsingenden Ton. Es -lag darin die Stärke und Weisheit eines großen Tieres, das seines Weges -gewiß ist und Schwächeren nicht schaden will. Manchmal antworteten -andere Wagen, hell und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig -oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. Zu beiden Seiten lag -Schwärze, aus der einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; man hatte -fast ohne Übergang die Stadt verlassen und schoß auf der nächtlichen -Asphaltstraße, die sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer -emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort zu. Claudia wandte ihm -ihr Gesicht wieder zu: »Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch -mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder etwas wegnahm. Sie erriet -ihn ungefähr, und als Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein: -wie reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch sein! Wenn er sich -nur nicht so quälte ... - -Er wischte mit der Hand über die Stirn und murmelte: »Sie wissen, wie -sehr Sie unrecht haben, Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so -oft und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich etwas freier, »daß -ich nicht begreife, wie Sie und Ihre Frau Mutter ... Sie wissen doch, -ich bin nun einmal kein Elegant ... Sie haben so viel Nachsicht für -mich ...« Er konnte alsbald nicht weiter, denn sie lachte ihr helles, -reizendes Gelächter eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber -hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. Er sollte sich -nicht beschämen und, nicht einmal harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte -schnell den Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber wofür denn? -Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen und weder Tee noch Wein auf -das Tischtuch gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? Unbedingt ... -»Aber ich könnte es jeden Augenblick tun, ich bewundere mich selbst in -diesem Augenblick,« lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr wohl, sie -entführte das Gespräch in eine Sphäre voll leichter Luft ohne Schwüle. - -»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein könnte. Sie machen sich -überhaupt zu viele Gedanken über sich, ich finde, man muß darin maßvoll -bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden Ton an, der ihn -mit körperlicher Süße durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie -sehr, sehr, allzusehr! -- Aber vielleicht mochte man ihn hier wirklich -leiden, fand ihn erträglich, sah ihn gern? Er fragte fast froh: »Ihre -Frau Mutter hat also auf mich gezählt?« - -»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte ich Ihnen nicht einen Platz -in unserer Loge angeboten? Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den -Entschluß hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« Sie -wußte gut, daß ihm der Klang des Spottes in ihrer Stimme angenehm und -verständlich sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit -einer Konversation herzustellen, und er ging darauf ein. Er schüttelte -vergnügt den Kopf, so daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in -die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte Stirn, deren Haut -viele Sommersprossen zeigte; er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart -durch die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren Spottes wieder auf, -indem er ihn gegen sich kehrte: - -»Sie haben also gegen mich recht behalten. Während ich mich ankleidete, -habe ich mir bewiesen, und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen, -was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich ja doch nicht in Ihrer Loge -zeigen.« - -»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« sagte sie strafend. Sie schien -ihn ruhig zuhörend anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn -und prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr fort: »Ich -wollte mir, da ich endlich am Theater war, an der Kasse nämlich, einen -Parkettsitz kaufen, aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er sollte -nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt nicht, und half zu -nichts, denn am Ende stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen -und aus sich selbst holen mußte. - -»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen grauen Augen blickten heute -zweifellos besonders matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze -und Logen. Das ging beides nicht, das erste mochte ich nicht und -das zweite konnte ich nicht, denn ich dachte, es wäre beinahe eine -Beleidigung.« - -»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte es Ihnen nie verziehen.« Sie -mahnte sich: gib bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen. Kannst -du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? Sie widersetzte sich: -natürlich! ... Ehrlich? nein. Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich, -nach Hause zu gehen.« - -»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach schon wieder Licht -durch die Fenster ein, man war bereits im Ort. Dann wurde sein Glas -undurchsichtig und seine Augen verschwanden. Es war fast unhöflich, -so einsilbig dazusitzen und im Innersten abwesend zu sein; freilich -weilte auch ihre Unaufmerksamkeit bei ihm ... Wenn er davon wüßte! Es -war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: »Aber nun entdeckte ich, -während ich zwei- oder dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich -schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt hatte, diesen Abend -im Theater und ... mit Ihnen zu verbringen und spürte die Macht des -tyrannischen Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an Leute, die -hineinwollten, während es keiner Seele einfiel, hinauszugehen. Da ließ -ich mich denn tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht wußte, -und während ich ausschließlich dachte, daß ich doch hinauswollte, nach -Hause. Wenn ich selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich -peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich vielleicht doch noch auf die -Straße gefunden hätte, aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf, -und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich schon begonnen. -Aber die Hand gaben Sie mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte -den Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer Seele erfaßt und -konnte sogar antworten: »Und warum nicht? Sie störten ja niemand. Es -ist hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen -- wie sagt der -Engländer geschmackvoll? ›~stalls~‹ sagt er, Ställe. Sie machen Theater -und Konzerte möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind wir. -Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer konnte man sich bewegen -und hatte Resonanz, Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem -Beisammen und Gespräch ... Das Automobil fuhr mit einer knirschenden -Kurve durch das Gartengitter und vor das Tor der Villa. Der Diener -öffnete, es war noch kühl und der Atem dampfte. - -Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten Zimmer umher und -dachte nach, gesellschaftsmäßig angekleidet, schwarz, mit breiter -schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er kannte hier jedes Möbel -und jedes Bild, obwohl er für neuere Bilder nicht gerade maßloße -Begeisterung zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich sog jeden -Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er dachte an Claudia und bewegte -aufgeregt die Lippen, als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte -sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte er bei ihr, so war -ihm wohl ums Herz und er dachte dann wenigstens nicht an sie. Freilich -mußte er sich oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. Erst -hatte er alles dem Hause zugerechnet, den schönen Zimmern, in denen man -zu dreien, dann zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer -Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die Tochter ihn lockte und -festhielt, die Tochter. Kannte er seine Pflicht? Fort mußte er, fort -auf der Stelle und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? Er -konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger Dozent mit winzigen -Einnahmen, in Fachkreisen genannt wegen einer polemischen Zerlegung des -Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, Claudia Eggeling, hatte, -wie man sagte, unbändig viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war -ganz unmöglich ... es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehen, -unwiderruflich zu gehen, sofort. Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine -Gründe sagen: Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, aber ...« -Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, er hatte vorhin wieder einmal -nur an sich gedacht, wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse -Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten konnte. Sein Denken -zeigte sich heute stupid und gründlich albern. - -Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder einmal zu bestätigen, -daß es für ihn, Walter Rohme, lächerlich und hoffnungslos blieb, eine -Frau zu suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, gefärbt wie -ein Kupferkessel, und sommersprossig überdies -- sein Aussehen war -einfach komisch: und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung den -da hinter dem Glase, den er hemmungslos hätte schlagen können -- das -gewohnte und vertraute Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen und -Schnurrbart, dick und buschig überhängend, dem Eindrucke eines Piraten -nahe; einem Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, weil -die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, grau hinter den dicken -Gläsern der zerbrechlichen Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich -blaß und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch klang und dünn, das -Kinn allzuzart geformt schien und die Stirn übertrieben nachdenklich. -Ja, dieser Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu guterletzt -noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen linkischer und ungewandter -Art verfügte, nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es stets -bleiben würde. Und das untersteht sich und ist Ich, stöhnte es in ihm. -Nie im Leben war er sich so unerträglich gewesen wie eben jetzt ... -Claudia hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr wenig an eines -Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis und Absalom seien vermutlich dumm -gewesen -- aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn ja kaum, -wenn sie auch ziemlich klug war. Wie sollte sie wohl dazu gelangen, -ihn so tief zu erraten, wie er von ihr Wissen in sich trug ... Nur -das Leiden um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. Er -ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. Denn er konnte -nicht von sich reden, und wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham -und Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, wen er vorhin -verdammte, als er den Berlichingen zum Typus Mann erhob -- wie hätte -sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, durfte er nicht bei ihr -bleiben, und wenn sie ihn sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie -wohl einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal war, und daß -bei Dingen des täglichen Lebens oft die letzte Stimme seiner Ratgeber -seine Handlungen regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, wie? und -würde er vielleicht nicht in allem ihres Willens sein? Ganz gewiß: -und dann ergab sich in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst -lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig, ein Abscheu ... -Sie nannte ihn Freund, nun gut, sie lasen gewisse philosophische -Bücher zusammen, sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam -Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins Schauspielhaus -oder in die Oper -- damit war nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte -entschlossen, sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen -und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch jüngst, als ihre -Mutter sich verspätete? »Ich bin pünktlich und verlange Pünktlichkeit. -Unzuverlässige Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige -Menschen sind ihr ein Greuel ... Das Herz klopfte ihm im Halse, -und seine Hände verkrampften sich: er war verurteilt, und bebende -Verzweiflung machte ihn zittern. - -So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine Seele mit der heillosen -Psychologie. - -»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, sie hat sich bereits -zurückgezogen,« sagte Claudia hinter ihm. Sie hatte in der kurzen -Wartezeit jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er sehr liebte, -das am Hals und an den Ärmeln graugrün besetzte. Das war die Gestalt, -ihm bis in seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte Wesen -mit ruhigen Bewegungen und den klugen schnellen Augen, deren braune -Iris die Seidenfarbe des Kleides enthielt und beseelte, während das -tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen glänzte. Ihre Nase bog -sich kühn und fein zugleich: oh, eine Römerin von Grund auf mit der -gleitenden Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, diese liebte er -- -und sie, die er aufzugeben hatte. - -»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß -er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu -Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das -leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt, -Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, -damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit ...« Das Mädchen -ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die -Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser, -Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben -wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er -zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr. - -Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das -schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs -und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und -milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war -gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen, -war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt -mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in -einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen -Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan -und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An -diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander -gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und -heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung -mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid -- er aber noch immer -ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz, -mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht -erinnernd ... Sie aßen beide in Emsigkeit -- die späte Stunde, die in -dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich -mit Hunger -- und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich -zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein -ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge, -daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein -Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden -... Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und -ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche -Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte -- sie glaubte, er -sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre -sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! -Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er -tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer -von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so -niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und -maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus -der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine -Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer -ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden -Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand -in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt -werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse -und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich; -weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer -Einfalt grotesk wirken ... Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg -- aber -seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein, -kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin -der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere -- und was -Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen -triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!« --- Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des -Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für -ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten -Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und -sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald -nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal -- und ihn -schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht -zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung. - -Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen, -ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen. -Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch -persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie -vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf -einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie -merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen -das öfters vor, dieses ... Schwanken, oder haben Sie es als etwas -Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, -solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr. -Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie -ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über -die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine -Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und -vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens, -das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif -und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte? -Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam, -gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn -erkennen und alles würde zu Ende sein. - -»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? -- Nehmen Sie Tee oder -Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich -täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend -aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl -zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos -quälen. - -»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr -langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen, -aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher -nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust -genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte. - -»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein -und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er -verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß -aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von -Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer: - -»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel, -dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer -und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende -Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und -Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen -leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern. - -»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich -daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein -Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern -- man durfte nichts tun, als -ihnen zusehen ... Er schreckte auf und antwortete: - -»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens -ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste, -gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht -alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste -sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde, -wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die -liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket, -fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen -die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine -Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger -Pergamentband,« -- er lächelte ein wenig -- »Sie wissen, Descartes; -drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten, -einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute -wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte, -aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es. - -»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?« - -»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht -schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der -Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er -wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu -machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen -schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also -empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und -begab mich damit zur Eilfracht.« - -»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe -träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben -Büchern so sorglich umging -- wie gut würde es erst eine ... ein -geliebter Mensch in seiner Nähe haben ... und sie errötete verwirrt. - -»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das -machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der -Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig, -denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man -bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es -besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis, -denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des -Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn -ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein -Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche -Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir -schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« -Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend -wünschte ... - -»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich -solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend -kindlich. - -»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging -nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie -solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine -fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm. -Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte -mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles -noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem. - -»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er -lachte, sah er aus wie ein Junge. - -»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber -einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar -jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und -dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.« - -»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« -- Die Erkenntnis, -die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, -sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich -verloren. - -»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich -umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren -und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun, -es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, -dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas -nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens -freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen -und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem -Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie, -der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und -eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich -mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich, -ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da -brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am -Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen -Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen -zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme -klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es: - -»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?« - -»Ja, das dachte ich auch. -- Nun, wenn ich bitten darf, noch eine -Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die -Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was, -weiß ich nicht mehr.« - -Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von -ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. -Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte -Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen -noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin -dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von -Porzellan und Linnen ... und ist jetzt ein schlimmer Anblick ... Da -stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich -schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere -Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?« - -Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein -Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in -den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles -nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis -in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames, -vielleicht mehr als sie wußten -- sollte er nicht auch davon reden, wie -sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er -damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen -und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat -stürzen würde -- sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine -Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn +gesehen+ hatte, konnte -sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn -verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht. - -Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit -orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie -auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und -zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte -beharrlich und mahnend. »Ich bitte ... Sie ziehen die Zigarre vor;« und -Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich -soll ich nicht rauchen ... danke, da ist Feuer. Wo hielt ich ... Wenn -Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.« -Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren -aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese -Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf -dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden -Schleier von Rauch. - -»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen -kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war -fertig, in der Tat, es war fertig -- und es zitterte einen Moment lang -in ihm nach: fertig. - -»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf -- halt, ich -weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -- und erschrak vor -einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der -Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr. -Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen -eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen -zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine -Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen, -um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu -zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines -Jackett, ein Jockeymützchen -- wenig, wenig. Ich hatte schon ein -ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte -mich entschließen, zurückzugehen --« - -»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein -- - -»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag -Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet -hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei -wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls -schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut -hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, -denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von -Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen -aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute -nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben -hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, -morgen. - -»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des -kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer. -Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber -Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber -als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen -Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er -von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm -ihm den Atem. Er sah sie an, -- sie dachte: um sie zu einer Äußerung -zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß -seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum -Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit -auf. - -»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen. -Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben, -davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin, -schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden. -Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen, -überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz -nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen -ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden. -~Personne.~ Ich rief -- umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von -Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so -sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt. -Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber -ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu -erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen. -Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und -sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme: - -»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre -und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das -Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf -ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen: - -»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr -auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags -nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg -auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof. -Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich -wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und -um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich -war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.« - -Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr -Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: -eigentlich macht er davon viel Aufhebens. - -»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen: - -»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf -den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben -stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie -ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es -abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne -aufzusehen. - -»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß -er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte -auf den Tisch: - -»Was denken Sie also, das ich getan habe?« - -»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«, -entgegnete sie ohne Zaudern. - -»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug -es zur Post.« - -Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück: - -»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr -die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie. - -»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich, -wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu -heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte -noch einmal: »Ja.« - -Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank -wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben -Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte -ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche -läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr -pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der -rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt -er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er -sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes -Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu -glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts -sie kränke und verstöre -- warum zeigte er sich ihr heute so hilflos, -so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein -Verurteilter und rührte sich nicht ... Und sie begriff. Ein Blitz schoß -auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz -lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem -Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer -verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen -Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand -und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die -feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter -Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen -- -erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem -brennenden langen erlösten Kusse. - -»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen -für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch -immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen -Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig, -wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört -hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich. - - - - -Das dreizehnte Blatt - - -»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit -deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine -zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, -wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, -und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten -Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber -abgegeben hatte. - -Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit -zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht -doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas -Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem -Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, -und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die -einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet, -und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt -durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit wieder gut zu -machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken. - -Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand -den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig -zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein -einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des -Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den -Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in -einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und -goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende -Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten -überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins -von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie -glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht -mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem -man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch neben -einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren. -Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den -strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die -niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden -Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender -Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt. -Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus -ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie -die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig ... Man ist doch -sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt -man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund -gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch -nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür -bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand -plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit -segnend geweiteten Armen über einem Kranze von Menschen schwebend, die -sich nackt lieben. - -Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich -radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste -jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit -einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der -Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene -Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen -Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, -hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung -- und -von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, -wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten; -und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die -Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer -da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie -ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen hat die -Erinnerung längst aufgesogen -- streng und ungeheuerlich irgendwie ... -Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer -als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen -bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur -seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel -wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, -und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen -Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen -Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln. - -Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen -Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte. -Ich erzählte, -- denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste -an mir nicht entgeht, -- und wir sprachen bald von der anderen frühen -Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen -Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen -Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün und Schwarz, das in -Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu -altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen -wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch -der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß -er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf -offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht -mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz -augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich -hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja -nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen --- denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal -von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch -zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch -heißt -- als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich -erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen -und schwarzgrünen Kranz der Wälder und den See darbot, tiefblau, -langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen -schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See, -ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem -hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen -leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz -beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen -halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns -erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der -kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth. - -Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung -der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus -freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes -Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er -war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie -aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur hin spottsüchtig -abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich -auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit -einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn -sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt -war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus -der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips, -von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin -blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft -von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die -seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab, -und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, -lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem -leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe -- um wieviel -reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! -- ließen wir uns, Walter -und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das -ganz von einem weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte -geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen -feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher -- -und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen -Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte -er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen, -geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen -und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein -bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend -wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, -doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich -für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner -Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk -zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein -Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich -gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet, unverworren und -logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin -ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah -fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen, -wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus -nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit -dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier -befand. Die schön gebundenen Bände von Taines ~Origines de la France -contemporaine~, die Walter -- was kann ein Gelehrter besseres geben -als Wissen in Anmut? -- ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der -Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat. - -Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl -die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die -mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend -und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit; -aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann -- ich habe solche -Bekanntschaften -- ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der -Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt -zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft, -teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und -dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das -kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind -sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit -verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen -und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich ... -Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an -und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte -- aber staunen ist schwach -gesagt --. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer -Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich, -daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit -gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und -Oberflächen sprach, die die ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren -Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das -Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch -hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch, -zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern, -aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu -sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und -Formfreude daran wendete ... Ich hielt natürlich an mich; auch fand -ich, er müsse irgendwie gereizt sein -- und plötzlich sagte ihm Walter, -daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber -er erregt sei? - -Ich stimmte vorsichtig zu. - -Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk -stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und -überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt, -denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern -leben, unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?« - -Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf -den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die -schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich -sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese -Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und -lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich -fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht -gar schon hervor ... Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu -Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben -wartet Ihrer noch!« - -Liebling! dachte ich ... Und erschrak, wie der andere fast zornig -entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht -reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder -Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen -und aus solchen Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine -Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft, -Lieber, wollen wir aus der Rede lassen -- zumal mich, Sie sehen -ja, das Vergangene nicht freigibt« ... Er sprach nicht viel lauter -als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen -gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern -zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte -überlenken, ihn mißverstehen -- dann wird er dich für eine Pute halten -und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in -bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß -die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge -gedacht -- wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir, -nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe --- Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter -stimmte eifrig bei. Half es? -- Wenn ich das Folgende hätte ahnen -können, ich hätte um keinen Preis oder Schatz von diesen Blättern -gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und -sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte -- ich mochte -ihn nicht so nahe haben -- - -»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals -und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht -das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es -erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres -Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein -Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben -geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und -bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und -gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke -stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer -fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich -ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner -Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses -Bild.« -- Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber -das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde -über mich kommen zu lassen -- eine dieser beschämenden Stunden voller -Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen -hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen -schaudern -- kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort -so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam -mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich -wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. -Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling, -die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: -»Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten, -es ziemte sich, ich wollte es -- aber was geschah? Wider meinen Willen -redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend -zerfraß -- aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her -wie ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen -seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus -einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den -Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner -Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm -seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er -mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zu -+sehen+ beginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine -Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des -Mädchens ... Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich -und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die -ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und -Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des -Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter -an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen, -die einander durch Tücher zu küssen suchen; und die Entblößung des -Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von -Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und ...« Aber -das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser -gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und -am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen -und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend, -die sich nackt lieben!« -- »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen -Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen ...« und indem er Walter -bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte -- -»vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal -- zog -er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß -wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere -Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf -- was wird denn? er -ist doch nicht etwa toll? -- und einen kurzen geweißten Gang entlang. -Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit hellen -Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte, -im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein -schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt -und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude -auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden -See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken -und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und -legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom -Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen -Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des -Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den -selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt -er uns das jetzt und so ... außer sich? Das dachte ich, beugte mich -näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht -der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen -Wundmale der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn -ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die -die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen -Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er -war Gottes Sohn. - -»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die -uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein -ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er -sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit -den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die -Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh -verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten -wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung -und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen -vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben -überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starr auf -das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.« -»Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war -unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn? -Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte -noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende -Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel -hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir -an das Pult gelehnt empfand: - -»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze, -in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in -einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich -gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen -mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. -Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn -er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule -auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die -Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren -war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer -zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus -und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und, -in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das -in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf -Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak, -übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle -Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente. -Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen -Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler, -wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn -das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht -wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus -- unsereiner aber -ist übel dran. Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen -Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel, -ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag -oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die -Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen -Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den -Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.« - -Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor -dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter -Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche -Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen -darzustellen -- und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht -herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden, -was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel -Widerwillen ... und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur, -mein Herr, dachte ich, mich für meine Person entdecken Sie nicht -... Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen -verhielten? -- Er sprach weiter: - -»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers -und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den -Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen -hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich -stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, -die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und -für die ich mich mit Reue und Qual strafte -- alles das war nichts -Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an -den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber -ich -- und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? -- ich -war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und -durch die Hand zum Pinsel führte; +ich+ dachte, +ich+ fühlte, +ich+ -stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was -von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen -darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, -soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt -gelingt, wie man von Raffael sagt -- ich habe Bedenken dagegen, ich -glaube nicht daran, in Klammern -- in der Mitte quält sich unsereins -und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir -gegeben: +ich+ wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte -ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo -auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege -vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: -mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, -mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées -- natürlich -nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend -- wo man anlangt, -gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener -Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten -Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten -Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das -Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen -Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen -zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen -wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs -fertige Entwürfe« -- wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß -und Mühe! -- »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne -Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine -Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche -Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht -signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches -Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und -Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz -durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war -mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus -der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. -Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu -Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und -den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines -Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot -sich, mir zum Druck zu verhelfen -- denn die Presse und dergleichen -konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines -Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und -hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: -da hatte ich etwas +gemacht+.« - -Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem -gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß -ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. -Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft -einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine -Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig, -Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich -mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in -irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen -Stimme: - -»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen -Kunstverlegers ~Dr.~ Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches -Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, -sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm -vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich -verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; -druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus -und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und -jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung -- -es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes -Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. -Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt -- ich genoß diese -Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle -gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte -ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann -fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle -oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich -fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es -ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« -Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir -einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen -könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur -ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« -- er lachte kurz und scharf -- -»empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte -ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das -Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und -nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem -Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und -verstärkt brannte -- er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen -eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von -vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle -keineswegs vonnöten. - -Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; -als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der -Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht -- nur nicht -für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, -abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen -und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster -vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines -Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber -schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: -bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der -Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des -Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke, -stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben -hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um -die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem -Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, -nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die -Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden -Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre -war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn -- eine Wahrheit: die -Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst -dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts -gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es -ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht -verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, -meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig -zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele -haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer -Lächerlichkeit bedeute. - -Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese -Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« -Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser -Niedrigkeit ... - -Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und -eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr -Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er -mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, -mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme -Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, -dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, -ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und -Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen -waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht« -empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den -Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen -- und als -ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, -da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit -Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich -hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt -vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher -verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des -Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia. - -Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis -- ich war ihm doch zu Danke -verpflichtet, nicht wahr -- zärtlich wie einen Abschied; langsam, -eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber -Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm -- es sei zu gut geworden -und ich sollte es verkaufen -- und sich mit den Studien dafür begnügte. - -Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, -verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und -meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen -hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber -ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen -Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst -gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst -auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und -ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender -eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.« - -Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf -- ein Erlöstsein -ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war -endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und -schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die -man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne -Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend -erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was -hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe -Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes -Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war -schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites -lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren -Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer. - -Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter -Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, -ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. -Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um -unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet -unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. -Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen -schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja -tot! Und dann begriff ich -- man brauchte wirklich Zeit, sich an das -Licht zu gewöhnen -- vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine -Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich -hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor -Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche -Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die -Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an ... Ich -stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann -bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte -sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme: - -»Die erste Studie zu dem Porträt -- Sie wissen. Trauriges Ende, ja. --- Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte -Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging -mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem -blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm: - -»Der arme Mensch. Was er gelitten hat --« - -»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« ... Aber ich dachte -an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler. - -»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.« - -Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber -nicht immer, nicht über alles ... und ich liebe dich dennoch ... Aber -schweigen wir von Oswald -- es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise -bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war -eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte -nicht mehr, was er eben gesagt hatte. - -»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher. - -»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke -deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet ... -Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum nicht zu berichtigen. Es -hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich -fragte zaghaft, mädchenhaft: - -»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?« - -»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?« - -»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch -ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen, -mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.« -Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und -nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen -wollte, das mochte ich nicht sagen. - -»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er -sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, -bist lasterhaft gerecht --« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige -auch niemand mit Innenleben -- nicht einmal dich.« - -Er legte lächelnd seine Hand auf die meine: »Dafür ist er ein Künstler -und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.« - -»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen, -was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.« - -»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig, -du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.« - - - - -Der Stern - - -Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf -dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders -tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate ~e-moll~ in -tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, -langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein -Stückchen Nacht, das beinah spricht -- von Trostlosigkeit spricht, -hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die -zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte -Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise -an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem -Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und -Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende -Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer ... Aber -alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den -vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk -gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen -- bis an -einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel -alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das -nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt ... -Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern -von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf -rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter -Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund ... ich erinnere -mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo -mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn -du sie nicht mit mir teiltest ... Vier waren wir -- zwei fielen ab; -du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete -und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. -Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war -schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des +anderen+ -Reichs ... Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an -jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den -blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel -setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die -Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage -und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, -viel erdrückender ... Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand -steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen. - -Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, -beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle -erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren -Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich -richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus -Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den -Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen -durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; -aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt -und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und -Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt -mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht -geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich -hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres -wieder vollständigen Trios -- Sirmisch war lange in Südfrankreich -herumgewandert -- ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; -drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben -so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, -der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat -nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« -fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder -entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth -hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl -geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, -und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, -die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der -Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von -seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich -wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia -gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein -Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt ... - -Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und -hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter -Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt -es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der -Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, -am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, -ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen -schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und -verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen -frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens -kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten -und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief -wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme -für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst -harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt. - -Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt -mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher -Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, -Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich -die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und -in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem -Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der -Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt -die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster -des Divans -- da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen -hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen -als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die -Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke -lehnt: - -»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, -so ist eine Ehefrau die Ursache +davon+ geworden, eine Hausfrau, ein -sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton -ab. - -»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz -einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst -über diese Abwehr. Ich habe, +was+ er sagte, noch nicht aufgenommen, -plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine -Brust. - -Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich -befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe -jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und -doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein -Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem -Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich -damit nicht zufrieden geben kann -- er hat ja erst vor Wochen von dem -Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst -empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung --- aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den -neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und -weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung -fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen -und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal -schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht. - -»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz -und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers -rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute ... Das da« -- er schlägt die -Handfläche auf die Notenseite -- »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir -haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine -Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie -- gnädige Frau!« Seine Stimme -zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder ... es geht -mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab ... Um so ruhiger klingt -die Antwort -- und ich weiß, warum ich das bewundere. - -»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich -fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte -Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden -und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz -aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; -und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor ... daß diese Dame ihm -nicht im geringsten zugetan war.« - -Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und -mich schüttelt's. - -»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? -Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch -wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es -um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! -Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das -beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um -schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil -er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er -liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde --- sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat -diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht -wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger -gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den -Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls -Notiz genommen hätte ... Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann -nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses -Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend -- nein, gnädige -Frau, daß einer wie Oswald Saach um +so eine+ fortgehen mußte ... das -ist ein bißchen widerlich ...« - -Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas -bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten -gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des -Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns -gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle -- ich gewiß --, an -die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen -auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht -um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; +wenn+ es um Freundschaft -geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein -unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der -einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, -wie Frau Eggeling -- ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? -- -die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen -öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -- da geschieht das -Überraschende. - -»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das +ertrage+ ich nicht -länger!« - -Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? -Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und -Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen -Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie -ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue -ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem -Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum -ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage -ich mich -- +was+ ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem -Erschrecken gleicht -- übrigens ist es wirklich Schreck -- und jede -andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit -Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war -von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend ... Aber ehe sie die -Lichter ausblies, habe ich, -- und erst jetzt wird es mir bewußt, -- im -Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen -geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen -Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie -fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede: - -»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch -nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich -im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor -allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth -fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz -gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie -forschend ansieht: - -»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten -Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter -brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich -auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, -obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus -dem Dunkel: - -»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. -Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen -Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der -Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich -heute fast verpflichtet.« - -Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth -hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am -liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf -wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn -sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem -nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum -nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond -steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die -einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem -Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität -am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort -und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das -schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder -zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt -sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe -ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander -Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt -mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die -Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein -Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser -Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief -innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend -- ein unheimliches Auge, -das Claudia ansieht. - -»Zeit oder nicht, gnädige Frau -- was können wir vorläufig sagen? Wenn -Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und -bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm -kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem -befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst -unerklärlichen Leidenschaft -- und jetzt schon, in diesem Augenblicke, -der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich -ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir -die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges -hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes -hineinsagt: - -»Ich habe nichts mehr zu reden.« -- Es ist für meine Ohren ein -feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf -zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, -unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es -um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. -Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich -etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht -an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die -weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr -abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich -beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker -zu lösen und sich -- irre ich nicht? -- Mühe gibt, den kleinen Finger -dabei nicht abzuspreizen: - -»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden -nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben -sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« -Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem -Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen -feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis -eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die -imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr -Beschützer sein ... dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig -und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie -sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts -flüchten konnte? Jagen lassen -- wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr -von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte -Landschaft besonnt und blumig gesehen habe ... Finden sich da -- ich -frage nicht sehr kalt, meiner Treu -- Abgründe, Dickichte und schwarze -Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines -Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen? - -»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die -Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr ...« Sie -blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann -die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs -Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen -hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? -Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten -Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast -physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton -- -mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es -ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel -Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus -- dennoch bewegt ihr -Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen -Sanftmut des sicheren Mannes: - -»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich -verweigern, wenn Sie so bitten ... aber ich sitze hier nicht in eigner -Sache.« - -Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt ... Sie hat ein lebhaftes -Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht -zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich -zurecht. - -Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung -und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber -wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich -werde doch hoffentlich?) - -Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt -das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal -- dann tritt sie wortlos nach -hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch -einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, -Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel -verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen -mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch: - -»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur -halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber -einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er -hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches -zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. -Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive -Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; -ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte -das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf -eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte -und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung -für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von -unten gekommen war.« - -Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig -harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten -sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes -Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein -Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue -Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher -Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem -Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall -der Worte, begeistert, empört, befehlend -- immer glühend und gleichsam -emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, -dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte -... Unterdes höre ich Claudia: - -»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, -innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, -daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er -wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und -außerdem verliebte er sich in mich.« -- In mir klappt etwas zu: eine -Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; -mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben -sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? -- -»Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, -»ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen -jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu -gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft -in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich -meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die -braunen Kastanienblätter, daß es zischte -- und die Augen immer am -Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den -geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man -einen Menschen seiner Art nicht lieben +könne+, daß man ihn als Zugabe -hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach -nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, -daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen -bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst -seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen -und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein -Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, -und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, -schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und -nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er -ließ mich solche Sonaten +erleben+, nur er schuf sie gleichsam noch -einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, -den glühenden Anlauf +und+ die vollendete Einsicht: und wenn er gar -einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich +hörte+ die -brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, -gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer -dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, -die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. -Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem -sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -- es kann vielleicht, für -gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben ...« - -Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton -kalt, zu kalt: - -»Habt ihr noch nicht genug davon?« - -Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; -dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme -an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und -aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. -Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen -nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche -aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, -hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein -roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, -Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem -Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich -bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten -Minuten ... klang ihre Stimme -- ihre Mutter kennt sie nicht besser -als ich -- nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich -Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre -Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört ... Ich kann mich -irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber -vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, -die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur -für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten -hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und -Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn -es gibt Liebe, die nur Stunden währt -- und einiges Rätselhafte wäre -gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer -mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du -guter Gott -- ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß -eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, -es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, -und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen -zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: -du hörst es gleich -- ich fürchte mich; ich fürchte mich ... - -»Habt ihr noch immer nicht genug davon? -- An jenem selben Abende, -weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte -er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, -ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre -seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem -blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie -halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, -sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, -die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt --- denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos -mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl -und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns -zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr -zu trösten -- »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit -hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank -und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein -Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte -er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um -seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des -Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um -des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende -Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er -machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten -und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen -Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich -durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne -durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht -entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und -vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine -Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner -Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr -euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und -er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen -sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe -- er lieferte -mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten -Erinnerung.« - -Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr, -zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen -gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück ... Wie manchen Abend -habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen -lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens -Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte ... -Wie hieß sie? Lisbeth -- weiter fällt mir nichts ein ... Sie hatte -das sanfteste Lächeln ... Ich sehe die Geste, mit der sie mir die -geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch -hinüber ... Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und -warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich ... Ah, Ohlsen -heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus -der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: -das ist dein O, nicht meins. -- Und dies alles hat Claudia an sich -herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen -um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? -Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände -zittern immer noch ... Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages -kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren -alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie -wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund -beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in -der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft -gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; -sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen -Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte -- auf einen -Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen -Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und -den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem -Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, -wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen -mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und, -als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.« - -Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling -- sie hören allzueifrig, niemand -achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von -der Stirn, unbemerkt ... Ich muß sehr blaß aussehen ... Wie oft, wie -unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht! - -»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach -gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte -ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte -ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und -Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja -so völlig -- hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches -Herz gegeben ... Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, -er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -- und -sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend -- »in denen sie ihm rührend -tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer -nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es -sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben -sollte ... Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser -gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung -und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, -jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie -könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und -lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen -ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war -- und das tat er: und -als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten -kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen -Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung -aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar -anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den -kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft -seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend -ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe -verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. -Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr -sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht -eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. -Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler -- denn das -alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar -keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte -- sie war -viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie -auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur -ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren -und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau -keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges -Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht -aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns -- sie hat, wie -die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch -stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von -Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien -mir bewundernswert -- und scheint mir heute noch bewundernswert.« - -Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach -ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar -langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert ... In mir, -- gebe -ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? -- ist diese ganze Weile -erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, -mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia -Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage -vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit --- und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise -kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern -bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher -davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer -Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht -wahr? Oh ja. -- Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist ... -(sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte -Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten -... Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze -Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles ... und Ruhe, -Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf ... Du darfst gut -bitten, mein Alter. - -Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an, -schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen -verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich -habe das Wichtigste vergessen -- warum zwingt ihr mich auch, eine alte -Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald -Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? -... Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?« - -Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur -von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab -... Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den -Aberglauben ... Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas -auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches -sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit -folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich -Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das -rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt -führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu -prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in -seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich -sonst zu rühren: - -»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst ...« mit einer Stimme, die -sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch -das Wort, bitte.« - -Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, -Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). -»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag -zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische -zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für -ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen -und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, -Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft -entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch -Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht -mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört -und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm -gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, -und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und -wolle ein Musiker bleiben.« - -»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem -Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir -aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine -Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als -alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und -scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau -überschätzt -- hat sie sie doch eben erst gewonnen; -- und sie nun -von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, -wie glücklich macht diese drollige Ursache -- sie kitzelt mich süß -in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was -Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem -Freunde vorwerfen, was sie wolle ... je ungerechter sie ihn schilt, -um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds -»Aberglauben« ... - -»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze -damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder -Zwietracht darüber -- wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich -war vielleicht sehr ungeduldig dabei -- am Ende und im Grunde suchen -Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen -Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken -sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen -Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf -nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, -darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche -Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und -alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm -etwa begegnet war; er gelobte weiter -- für sich, nicht bei einem -Heiligen -- bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit -glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich -auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf -sonstige Art orakelnd warf -- ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, -weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich -- und so glaubte er -mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.« - -Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist -sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein -gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, -innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um -mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und -wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe -Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos -belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin -einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig -sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt --- und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für -ihn, den sie gerne makellos sähe ... Ja, ich bin ins Netz geraten und -gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine -Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller -als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre -ersten Worte gesprochen. - -»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft -langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie -leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das -alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele ...« - -»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen -ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen -- das ist -alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x -aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: -Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat -Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht -veranlaßt, jetzt noch zu fechten ...« - -Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein -solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals -vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame -Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in -ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer -Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört -noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen -Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald -sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die -Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, -während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles -umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja -ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, -als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und -bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer -blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie -stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der -leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht -ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem -Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der -Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie -die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander -nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des -Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung -ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem -wegzuschleudern -- aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die -sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die -sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben -wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie -sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche -von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte -Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. -Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist -kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes -läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist -noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen -nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer -keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und -Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und -schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das -Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr -ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. -Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel -daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen -Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden -Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder -ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind -zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe -Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier -Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam -in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, -ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, -und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz -deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen -brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern -ein gnädiges Wahrzeichen sei -- und wie heißt die allgegenwärtige -Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch -entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? +Ruhm!+ rief es in -Oswald Saach.« - -Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast -mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles -sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich -leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel -erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, -zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen. -Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte -zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze -verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner -eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine -zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel -von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches -Vertrauen muß er für sie empfunden haben -- und wie wenig kannte er -sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich -fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie -sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und -verstört ... Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in -mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut -das für mich ist ... Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet -habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, -als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte -Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in -Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein -Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter -gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! -Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es -abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia -- auch das. Die Hand -zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr -stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern -befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften -also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, -eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich ... sind Sie auch -abergläubisch, Claudia, wie?« - -»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was -er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, -begehrte er am heißesten den Ruhm --« - -»Er war ein Künstler, Claudia!« -- »Vortrefflich. Nur verriet er dabei -zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das -Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die -ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit -der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? -nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles -wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, -versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt -wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war ... war. - -»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten -- Fräulein Claudia, Sie -erzählen Märchen.« - -Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die -Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe -zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme -und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung -dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, -Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? -Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter -vom Divan her bedeutsam sagen: - -»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein -anderes, verratenes, verteidigt?« - -Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch: - -»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die -Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht -Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei -- und -nur ich habe damit fertig zu werden ... Aber das ist schließlich eine -Art Glück ... Eben gibt das Klavier ein ~a~ an, ungeduldig, hämmernd, -eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen: -unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt -gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine -glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde -halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich -beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens -enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich -niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in ~d~.« »Das -Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr -stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält -allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema -über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann -kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache -hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit -ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten -schimmert, blaß, klein und unnütz. - - - - -Das Album - - -Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man -bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns -hinter sich, im Dunkelkalten ... Der Park hatte bald keine Gestalt -mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche, -auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen -hingewischt waren -- der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten -nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht -bei ihnen ist -- und eines Tages machen sie sich auf ... Und sehr -grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es -allen für natürlich gilt -- und man glauben muß, man sei von Sinnen -mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter -verläßt die Mutter um willen eines Fremden ... so etwas gab es ... -jeden Tag ... - -Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person -mag eingetreten sein ... Man soll sie nicht stören! Man soll ihr -vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert, -zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin -Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß. - -Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche. - -»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.« - -»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt ...« - -»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute, -Klara. Sie wissen doch Bescheid ...« - -Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten -Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze -glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf -wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften -Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein -Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach -heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte -Vorhang, schräg tanzend und weiß. - -Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch, -mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute -abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden -Tische sitzen und freundlich miteinander speisen -- um zwei vermindert -zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff -versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen, -von den Glücklichen, den eben Vermählten ... Unfaßbar -- und schwer -erträglich ... Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre -Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon -- wie oft -- gegangen -war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten -Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter -ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins -Schlafzimmer, und wieder zurück ... Sie ließ alle Türen offenstehen, -sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die -Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten -Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing, -klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach -hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer -Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag -leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll -kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren, -weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten. -Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die -täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen -herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch -glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften -tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie -verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme -beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen --- Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein ... - -»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des -Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den -Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und -ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom -Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß -sehen: Doktor Walter Rohme ... ja, ja ... als sie das Kind nicht aus -den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender -flossen -- was hatte er da doch ... Tröstendes gesagt? »Sie haben doch -jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte -sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn ... Sie blickte zu -Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides -blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen -Violett ... kränklich sah das aus ... sie strich mit den Fingerspitzen -über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben ... -wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch -der Name des Teppichs? Sie +wollte+ sich darauf besinnen, es war ein -Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's, -von blauem Himmel -- nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte -ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz -des Flügels spiegelt« -- dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die -Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine -tönende Ferne ... Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter -Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer -führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen ... Und Eva -Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links -irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« ... - -Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man -ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es -ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei -gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand ... -welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott ... und es schien -ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre -Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich -beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn -hingebreitet hatten -- vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für -jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und -frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen -Vater. -- Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam -- wie doch diese -gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst -darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von -Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig -dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz -solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und -Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe -mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß, -hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. -Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages -trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt -und nichts dafür aufgebaut ... Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie -gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber -dennoch -- heute spürte sie etwas in sich ... wie leicht hatten es die -anderen ... man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen ... - -Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die -vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber. -Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben -- und sie erschrak vor -den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre -Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine -Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, -tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen -- -aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten ... er kam nicht, -nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen, -halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit -und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle -+einen+ Sinn hatten ... Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in -eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die -dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich -fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen, -in die Ecke des Teppichs beißen -- wenn sie nur noch weinen könnte! -Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und -sterben -- ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr -leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu -leben, herumzugehen, dies und das zu tun -- Jämmerlichkeit und Ekel -insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen; -niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln -dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre -fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen, -ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen ... Und wenn -sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen -müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher -alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß -nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß -- und +wie+ besaß! daß er -nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still, -verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern ... Was sollte sie tun? -Ach, sie hatte alles getan! - -Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte -sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen -Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische, -und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig -von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut -- und hatte sie wieder -fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren -liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen -worden -- denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben -widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese -albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten -Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem -Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter -geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder -lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben, -ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt -hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der -Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten -Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer, -die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark -und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute -Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen -des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die -blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: -Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr -lange Liebe so übel vergalten ... Sie stand hastig auf, entfloh, begann -zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer -einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb -nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche -Anrufung. - -Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen -als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der -unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich -gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue -Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere -Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat -weh vom Denken -- oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende -Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas -drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich -als stechender Druck gefühlt ... Das war die Kunst, ihr Trost und -ihre Macht ... Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche, -deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu +war+ sie -dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese -Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es -sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und -Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in -eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht -zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst -zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den -Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen -mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht -auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's -nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen -Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener -Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete, -nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben -behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen -ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die -Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige -Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das -Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, -und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft -gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll -maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit -damals zugänglich war. Sie +sah+ sie greifbar vor sich, den Kopf -zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb -offen und Tränen in den Augen ... Ja, damals war ihr Musik vertrauter -als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich, -mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht -einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und -ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit -glühenden sanften Händen -- und wartete, worauf aus dem Mädchen ein -Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der -mütterlichen Schulter ausschüttete ... Jene Nachtstunde, wie war sie -eingehüllt in Glück! - -Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte -sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war? -Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern -war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von -abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und -Druckzeilen -- sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder -kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel -ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein -Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, -gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die -Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur -die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte. -Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster -sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte -sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den -kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände -und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell -und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme -aus, Trost, atembar leichte Luft -- beruhige dich! und sie ging mit -aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so -daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ -die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten -Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten -zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen, -eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren, -und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von -Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch -die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen -hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt ... Aber das -Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das -niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die -Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich -durchs Zimmer schreiten -- wo, wo war das zauberische Buch? - -Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen -faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem -Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene -Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe -zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her, -irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so -dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte -hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald -stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie -fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten -Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse -Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen -Stunde ... Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo -fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern, -mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das -Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den -er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der -üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll -bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war -- niemandem lag daran -außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar -zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten -- somit -war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten -Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken -Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter -dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die -Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein -Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen -- das nächste aber enthüllte -Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben -abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte. -War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel -saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das -geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis -an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete -sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des -Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war -seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen -sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest -geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über -die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung -eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet, -ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber ... anderes redete um so -deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind ... »Sind Sie's, -Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu -vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich +bin's+. Sie werden das nicht -ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das -sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum, -denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht -wolle ... »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's -bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für -Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?« -Und die Angelegenheit war erledigt. - -Die Tennisbilder ... sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen -Auges -- das tat wohl ... Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im -Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um -sie her ... Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. -Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße -Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs -Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den -weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern -wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias -Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen -konnte -- ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig, -in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem -Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, -Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde -Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf -gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und -raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die -Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll -zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter -Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet -etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme ... - -Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das -alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser -fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel -gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten -Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende -Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben -niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett -wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm -mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts -gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein -Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein -gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite -herum -- backhand? dann war Claudia dafür berühmt -- auf einem vierten -verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger, -nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der -Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in -den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll ... Das war -jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des -Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann -vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier ... -Doch in den letzten Runden +spielte+ Breithoff -- und siegte. Trotzdem -war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen, -um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann -geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens ... sie -würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia -gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt; -darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich -immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht -sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber -er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter: -das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo -zu spielen, etwa Brahms ~op.~ 108, so ginge das einfach nicht. Arme -und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven -Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so. --- Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim -Erinnern, widerlich ... Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage -sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung ... »Zahm und zu Ihrer -Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig -zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie -haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen. -Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig, -atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu -folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten -Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein -wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich ... - -Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her. -Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter -ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen -Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die -sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr -nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar, -welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach -gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite -unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar -gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon -hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor -dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der -die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er, -die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt: -»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird -- -warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« -Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz -laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich -wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten -zweiter Klasse ...« was ziemlich boshaft war, weil der errötende -Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte, -daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen -waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich -und schalt laut ... Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch -zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein -kunsttheoretisches Kolleg las. -- Auf dem nächsten Bild stand eine -Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen -und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich -gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und -in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem -Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche -Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter, -kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der -Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut -zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise -sexuell aufgeklärt ... sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling -hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und -blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe -schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und -her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und -langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen, -Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne -Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus -und stand da, unzerstört, unverändert ... Nichts ging verloren, und -diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren -gehen? Wie hatte sie sich +darüber+ grämen können! Blieb nicht alles -wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind -- wie -oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, -denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen -Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, -die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der -jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh -gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! ... und ihre Hände wandten -fast in Ehrfurcht das nächste Blatt. - -Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es -fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem -Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit -ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater -- eine Gabe -für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -- (wie jung -Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte -Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit -gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei, -mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen -Schaufeln ... Nichts war an ihnen fesselnd -- warum doch mußte sie -so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau -hier? Unmöglich, sich zu täuschen ... Das war Eva Eggeling, diese -altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen -Achselpuffen und Rüschen überall? - -Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft. -Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses -gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend, -schüttelte sie den Kopf -- eine Haarnadel fiel auf den Teppich -- und -ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit -der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt, -ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und -ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst ... Sie warf -die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen, -sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier -noch einmal! und dieses auch ... Sie hatte es vorhin übersehen, -begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt, -in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge -Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden -mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses -Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem -Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und -ihr! -- -- Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer -und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel -fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet, -die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete -Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht. - -Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die -leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben -wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig -schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise -gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht -mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege -- aber es war -dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie -blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer -deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen -heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling ... Eine fiebrige Folge -von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder -gefühlt -- -- sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im -Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt -wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da -von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel -auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte -es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie -hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte -es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da, -wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie -- dem -Augenblick ward das seine ... und nun war sie alt und begriff nicht -wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva -Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein -rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit -bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf -an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand ... und küßte sie blind -ins Gesicht ... sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte -mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der -Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt -von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib -zersprengte; ein Mädchen war's ... Einmal stand sie auf Notre Dame, -und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter -Dolch, durch Paris -- und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause, -eingesargt ... Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot -war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts -als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft -ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht, -in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß -man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach -aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie -er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein -mehr war als Nichtmehrleben (aber +was+ mehr, fand sie nicht). - -Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner -Stirn und seinem Geiste -- aber noch immer war sie's, Eva, die groß und -wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie -war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich -denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war -es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was -zwischen jung und alt lag, das Leben? - -Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die -Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte -ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel -die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber -ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht, -das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher -durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie -hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen --- war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre -Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann ... Das Herz schlug ihr und -hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört. -Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die -in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen, -unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und -Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht -mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war ... Sie hob -endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen -und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß -ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor -Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper. -Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes -Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte -sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und -ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines -kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen, -ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen -- -bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter -Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln -und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen -Skelett ... - -Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren. - -Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu -fürchten, ehe er da war -- sie konnte sich bei seinem Namen noch immer -nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke -nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe -nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, -unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem -Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es -riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das -Sterben; man stirbt -- das ist irgendwie dumpf grausig ... aber +dabei -lebt man noch+. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet -ein Riß, ein undenkbar schmaler -- aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke -wollte ihn ihr füllen. Laß ab. - -Sie würde also sterben ... was blieb dann von ihr? Was war von ihrer -Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte -- -denn meist war sie vergessen -- und sie, die Tochter. Und so würde -von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis -- ein -gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen -lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die -fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und -der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und -gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie -zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter -aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen -ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor -jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty -Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme -- wie würde das nächste Haus -heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und -es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, -das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es -dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles -Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren -Mütter. - -Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich, -überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem -Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich -frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab -an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte -sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, -daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte -zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. -Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und -Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte. -Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da -draußen ...? Wie das weinen konnte, offen und genußreich ... Doch -keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der -in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte, -denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und -eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und -entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam -geknebeltes Tier. - -»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« -- »Ich bitte.« - -Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich, -wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen -Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet; -und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu -Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte -sich so sehr nach Zuneigung und Trost ... Sie hieß ihn willkommen -und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt, -gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte -nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen -Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht, -was ich anfangen sollte ohne Sie ... Ich muß mich doch erst daran -gewöhnen ...« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen -der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige -Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches -Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen -Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange -elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern? -Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja, -sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und -erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für -ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in -der kranken Hand. »Ich suche schon ... hier? nein, das ist zu bunt ... -Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin, -mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. -Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei -Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie -selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab ... -wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und -hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das -Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder -der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche -Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er -wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, -was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase -klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich -um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese -Trachten ...« Warum war sie denn so bleich? - -Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche -gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte, -während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich -hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun ... Es ist unser -Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich ... mir hat es -erzählt--« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten, -die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die -Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre -Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten -Menschen -- jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund -in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen -aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen -geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß. - -Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos -von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es -Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben -noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie -verlegen wäre ... aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben -war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte -er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines -machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu -verneigen. - -Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging -er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie. - -Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem -Klingen. - - - - -Die keusche Nacht - - -Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf -sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen -- einem Stoff, der -kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur -Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt -taumelte noch in ihrem Kopfe -- aber gleichviel, gleichviel ... sie -fand sich davon gemartert ... Sie preßte die Handflächen kühlend an -beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt -- -und nun stand noch +das+ bevor ... - -Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust -... Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine -Erwartung -- am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht -nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und -nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst -- Angst vor dem Manne, -die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers -vor einer allzufremden Erfahrung ... Sie erinnerte sich ähnlicher -Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden -sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet -- er arbeitete -vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim -Namen -- vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. -Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung -beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. -Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch -gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie -irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert. - -Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein -Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte -klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden -war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. -Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich -irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle -darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, -ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden -mit vertieftem Gefühl -- aber nichts sagte einem, da Natur schwieg, -welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos -wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und -halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen -stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge -dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der -gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den -sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint ... -Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen: -aber sie hingen ohnehin in Ordnung ... und man fand sich abgeschmackt -und ungeduldig empört gegen sich selbst ... Warum er sie jetzt allein -ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu -Abend gegessen hatte! Er sollte kommen! - -Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das -zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht, -und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn, -nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war -unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte -sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen; -die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte -seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und -behutsamsten Klang, den er finden konnte: - -»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm -sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich ... Nicht vor -dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte -zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und -zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten -von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit: - -»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden, -nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit -tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine -Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste -die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte. - -»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte -ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht ...« - -»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die -Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab, -sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und -so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese -Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt. -Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan -übernachten.« - -»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in sich aber bejahte sie -diesen Vorschlag stürmisch: ach ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte -dich! - -Er drang mit den Fingern behutsam in ihr Haar, blickte ins Zimmer, in -das durchschnittlich ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension -und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber nach einer Pause: »Und doch -nicht, Kind. Es wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt nicht -diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, die man immerhin lieb hat -... nicht wahr?« Später, dachte sie schweigend und gejagt; später wird -es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück ... und daß er dies spätere -heute schon bedachte, war das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's -gelten ließ? - -»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre ja morgen und übermorgen -dasselbe Problem gestellt und wäre endlich nicht mehr zu umgehen. -Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir einigen uns so,« schloß -er gemütlich, fast heiter: »du legst dich zu Bett wie stets -- und -dann finde ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde im -Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so morgen und jede Nacht, bis -du dich an deinen Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde schlägt, -überraschend, Liebling. Denn was dich verstört, ist einfach das Wissen. -Nun?« - -Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht: - -»Ist dir das ernst?« - -»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen wie er sich freute, daß -sie Mut faßte, und ihr Mut war dadurch selbstsicherer. - -»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?« - -»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast das mit so rührender -Hoffnung gesagt.« Sie lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge -ihn in diesem Augenblick nicht mißverstehen ... Aber sie hatte noch -etwas Schweres zu fragen: »Und du glaubst, das ... würde gehen, heute?« - -»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. Ich habe schon eine keusche -Nacht neben einem Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas zur -Unterhaltung.« - -»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei -diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir -da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts, -als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst -leugnet: Angst -- und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand -es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang -zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht -machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr -bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein -Blick lehrte ihn, es sei halb zehn. - -»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient -gemacht. ~Au revoir~,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete. - -Sie schloß sie kaum hinter sich -- da schüttete er schon Wasser in -ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es -die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt, -nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe -er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und -Heiterkeit geglaubt -- welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als -möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die -neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem -See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die -Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen -Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher -dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann -durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich, -möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das -brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung. -Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit -scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte -gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte -sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier -konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos -oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er -noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über -solche Stunden hinweghoben -- es galt vielmehr, die schärfste Zügelung -jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es -zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau -- und was alles von dieser -Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil -anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange -man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte -ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück, -das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die -Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte -eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor -Erregung -- vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete -sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur -zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln, -und unter welchen Erschwerungen ... Seine Hände waren leichenkalt. Das -war die Rache der Kultur, die bis hierher drang -- bis hierher, wo die -Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte. -Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett; -er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist -es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der -Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten -Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß -und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte. -Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen -Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende -Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, -die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur -bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde -zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele -die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit -retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das -Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im -Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert -wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und -die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der -Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo -sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und -Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang -- -was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die -Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen -ließ -- das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen -voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen -das Fleisch. - -So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ, -auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen. - -Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen -braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren -jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die -zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, -Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen, -indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim -Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung -nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel, -der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen -zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während -er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen, -die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu -ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung -der Zähne. - -Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich, -allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und -versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie -sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse -beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert -hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes -zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte -sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch -blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das -gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige -Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim, -und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied -bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe -des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als -daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere -nebenan ... Da liege ich nun in einem fremden Bett ... Sie erinnerte -sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen -Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem -Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen -das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr -übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand, -einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel -strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das -den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen -den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der -zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken -vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären, -und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts -und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und -beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das -draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum -sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete, -sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß -mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich -nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern -verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber -und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes -Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die -von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen -und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos ... -Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen -Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens, -hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben -würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim, -im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte -- und -nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis -an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde -Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier, -das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt. - -Es blieb sterbend stehn: die Tür. - -Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich -vom Kissen ab, halb sitzend. - -Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling ... wer sollte es -denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er -hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr. -Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich -bin ganz rasend dumm ... ich weiß nicht ...« - -»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir -lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« ... Er mußte eine -Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und -angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung -mißdeuten, und er +mußte+ ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er. -»Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich -vielleicht.« - -Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie. - -»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie -besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis ...« - -Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der -Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher -Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte -sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und -er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen -seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt -ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit -und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug -einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie -heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er -würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr -Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der -Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte. - -Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen, -der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört. - -Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen -neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines -goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen -Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte. -Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu -Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen -hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie -glücklich sie sind. - -Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf -die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch -jetzt tat? Aber er erschrak -- die Hand entfloh. Es war ihm, als -würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,« -sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit -leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf -die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar -und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte; -es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang. -Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel -vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung: -denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu -fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in -ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben: -und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich -daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in -der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem -ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit -Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam -dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen, -ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar. -So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des -Blutes. - -Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter? -Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« -antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme -war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht -fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte -es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er -die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen -in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten -fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich -fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung -reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und -überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man -mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das -leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte -sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete -sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr, -Claudia Eggeling ... Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn -schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von -Blicken oder ... Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette, -sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß -- und der Mann -nebenan ... bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt ... und -es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und -- -Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz. - -»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre -Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.« - -»Hier, ganz dicht bei dir.« - -Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine -Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und -schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er -lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr -Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis -tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger -als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich -hinüber und atmete in ihren Haaren. - -»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« ... Ihre Keckheit und Sicherheit -und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, -sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu -und entschuldigte die Duldung ... Ihr Atem ging wie zerschnitten, und -kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres -Geistes -- sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin ... Und nun -sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu +dir+,« und er +kam+ -zu ihr ... »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens -zerschlug ihr die Stimme. - -Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte -einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich, -er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres -geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag -über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben -gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über -Katarakte von Lachen und Rausch -- und daß er sich noch berauschen -konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das -verstärkte widerhallend sein Glück. - -Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt -und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder -Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie -hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei ... und daß sie ganz -gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren -und ihr Atem ging sehr laut und schnell. - -»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich -will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände -halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der -Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden -Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er -sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich -- sein erstes -Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen -atemlosen Stimmchen. - -Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine -kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines, -das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte, -tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und -flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?« - -»Ja.« - -Wie irgendeine sagte sie's ... Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante, -mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, -ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm -... Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide. -Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht -näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt -sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks, -das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände -zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu -beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner -Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts -sonst! ... du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt -... Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte -etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die -Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie -ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton: - -»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen, -du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die -ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich -arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle -Knochen des Kopfes auswendig ... Ja, wir machten also eine Fußtour -im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge. -Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe -übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei -Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester -ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ -sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber -kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war -- ich hatte einen -Grog getrunken -- schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf -erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest --- sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen -bis sie still war -- und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht? -und schliefen wie Bruder und Schwester.« - -Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß er: »Du wunderst dich -hoffentlich nicht. Erstens ist man diszipliniert, und zweitens machte -ich mir nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.« - -Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen gefährlichen Weg: -sie empörte sich gegen den vergnügten Ton der Erzählung, gegen die -Blindheit, die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, gegen -die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen glaubte. Sie -fand ihn frivol und sich mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im -tiefsten gekränkt ... Vielleicht war zwischen ihr und jener doch eine -Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso wenig -- schien es nicht -so? Ihre Vernunft war gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß -sie verschmäht sei. - -Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte er nicht), hörte die -Uhr ticken und den langsamen glücklichen Schlag seines Herzens; dann -schwoll die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper an -sich zu fühlen, durch das Erinnern an jene entfacht, wie ein Blutstrom -in ihm hoch; da sagte sie: - -»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte es mit klarem Hohn und -versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen. - -Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff er nichts; einen -Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; dann brach es in ihm auf: -Lisbeth Ohlsen! Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie jedes -törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! Er riß sie an den -Händen nahe und wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen -Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: »Walter!« schrie sie. - -Dann schlug sie die Arme auseinander und wie eine Welle über ihm -zusammen, als er auf sie herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im -Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes -und triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und -Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle -Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle -Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele. - -Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg zu Berg unter der -schwarzen Brücke des sternfunkelnden gewölbten Himmels und rührte das -ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf. Sie liefen an den Strand -mit hellem Klickern, das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht -ein Boot und die Herden stiller Fische, die im schwarzen Wasser standen -und schliefen. - - - - -Die Passion - - -Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, geübte und klare, ein -lobsingender Strom. Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und -sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten sich die Plätze der Tenöre -und Bässe, und das Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und -schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen Fenstern, die die rote -Wand des Halbrunds teilten -- ein breiter schwarzer Streifen, über -dem die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und der vom Metall -der Hörner blitzte. Aber zwischen den hohen hellen Mauern, tief -unter der braunen Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten, -saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe hin tobte die Wucht des -Gesanges, schlug schäumend an den Wänden empor, schien das Licht zu -verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der Menschen dringend, -ihre Herzen wie ein einziges großes Herz. Sie klangen wie Chaos, -diese Chöre, sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen -- -waren sie in den Wolken verschwunden, daß solches geschah? -- und -sie schrieen nach den Pforten der Hölle, damit sie sich öffne, den -Stifter des Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war gefangen -worden, Judas hatte ihn verraten -- und der Chor empörte sich selbst -statt dieses allzulangmütigen Donnerers, er selbst raste wie Flammen in -den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die Flöten und der Aufschrei -der Tenöre, und das rastlose Brausen der Stimmen, die einander -forttrieben, ihre kunstvolle Wildheit und die düstere Szene um den -gefangenen Heiland, welche die Worte malten, gaben die chaotische -Verzweiflung selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder -menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen Regeln erzeugt, -dieses Durcheinander von geführten Stimmen und tönenden Instrumenten -ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen Gebilde, -und die Rhythmen, die sich verwirrten und kreuzten, die Harmonien, -die sich bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen Maße -eines frommen Meisters und seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der -Dirigent: aus dem kleinen Herrn im Frack und mit dreieckiger Glatze -hatte sich das hundertjährige Werk ein Werkzeug geschaffen, um wieder -einmal zu entstehen, hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein in -die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe entrückt, und leitete sich -selbst mit dessen bewegten Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz -in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, die vorn auf ihren -Stühlen saßen, aufstehen und singen mit dem Ganzen ihrer erlernten -Kunst, ließ es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen, -der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ es die Geigen saugend singen -und die Bässe tönen, tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all -die ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in Reihen geordnete -und namenlose Menge. Vor ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben -ging der erste Teil zu Ende. - -Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, auf Stühlen, die in einem -Gange standen, außer der Reihe, denn sie waren zufällig und spät -hierhergeraten und fremd in fremder Stadt; aber sie unterlagen dem -gleichen Banne. Claudias Kinn war auf die Brust geneigt, die sich -unter schillernder Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend wie -eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt im Schoße, und -die Wimpern der fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut -der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen stützte sich auf den -Schenkel, und das Gesicht des Gebeugten lag in der flach gerundeten -Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen war vom Hören schwer wie -Metall und ganz an das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner -bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, das er empfand, -als Claudia bei den Einsetzungsworten des Abendmahls endlich ihre -unfruchtbare kritische Haltung aufgegeben hatte und die Musik einfach -hinnahm, tief in sich geschmiegt, wie sie noch jetzt schien. Seither -hatte er nichts Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten -Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem Inhalt des Werkes -erwuchsen; als der Evangelist vom Ölberg erzählte, lag auf einen -Augenblick in Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein Mensch auf -der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher Sack, und krümmte sich vor dem -Schicksal, und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu schlafen. -Auch sprach es in ihm einmal den Namen Klaus Manths mit einem tief -verächtlichen Ausdruck, und als beim letzten Nachtmahl die Stimme des -Sängers und der schwebende Gesang der Geigen zu einer unbegreiflichen -Einheit und unirdischen Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine -Lippen den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, o Bach!« weil er das -Glück nicht ertragen konnte. Aber sonst war der Mensch, der erzählte -Vorgang und die Musik im lodernden Erleben zu einem formlosen Ding -eingeschmolzen. Es war +sein+ Geschick, dem all das Klingen vorne galt, -und er selbst war darein verflochten und nicht verwandelter als in -einem Traum. Er hatte die unvergängliche Schwermut gefühlt, mit der -diese Worte gesprochen wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter -euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht in einen -derer, die in Verstörung fragten: »Herr, bin ich's?« und einer der -ratlosesten, entsetzt, daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon hauste, -der den Geliebten verriet -- denselben, um den seine Seele vor Erbarmen -schauderte, als er klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und -ruhen? ... Siehe, er ist da, der mich verrät.« Dann hielt ihm die Angst -den Atem an, wie der Jünger den Meister küßte, und jener, der alles -Zukünftige von Anfang schaute, ihn traurig fragte: »Mein Freund, warum -bist du kommen?« und auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und -Güte eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, nach dem -Grauen der Verzweiflung von Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber -der Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, ausgestreut wie -in Wind und erntete dafür die beengende Seligkeit, in der er dumpf -ruhte. Alles, was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war mit schwer -tropfendem Glück getränkt, das wie Honig duftete -- wäre er je dafür -offen gewesen, wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter all -den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in Gethsemane die Stimme des -ganz einsam Leidenden seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen -hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu merken, und -verspürte tiefe Beruhigung, als er die ganz in sich versenkte Frau -reglos neben sich gewahrte. Getragen vom Wissen um die Verbundenheit -mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses Fluges hatte er sich glücklich -lachend in das Werk geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm unter -den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche sollten sie beide -hineintragen, miteinander und einander grüßend, zum ersten Male als -Mann und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und Kunst. - -Musik band ihn ganz -- hatte er doch das Glas abgelegt, um nur zu -hören -- und so entging ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht -in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte inmitten -allen lauten und bewegten Singens wie ein Schiffsjunge im Mastkorb -wenn es stürmt. An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages. -Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden einem froh -aufspringenden Verlangen, die Matthäuspassion zu hören, die nach -Aussagen Mitreisender am Abend in einer der nächsten Städte aufgeführt -wurde. Sie stiegen aus, ließen ihren Zug unbekümmert weiterfahren -und verwanderten die beiden freien Stunden in dem alten Städtchen, -übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit und spitzbübisch -entzückt von dem Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in dem -warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, fiel Claudia so jäh -in Müdigkeit, daß nicht einmal der starke Kaffee, den sie getrunken -hatten, den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere -Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So hatte sie anfangs ohne jede -Freude vor der Aufführung gesessen, hatte kritisch und kundig alle -ihre Unvollkommenheiten ausgespürt -- fehlte doch selbst die Orgel im -alten Saale, während drei oder vier alte Kirchen wundervollen Raum -und sicherlich große Orgeln boten! -- war endlich eingeschlafen und -schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende Träume gehabt, -während um sie Choräle gesungen wurden, in denen eine ganze Gemeinde -ihre Sünden büßte oder sich dem Heiland weihte, während Arien von -Frauenstimmen klangen, begleitet von zwei Flöten, zwei Oboen oder -Geigen, gleich und verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten -Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll und rein wie alte -kristallene Becher; Frauenstimmen hatten sich vermählt, Männerstimmen -sie getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend seine Worte, -und Chöre waren darauf erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge -Kanon von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden Stimmen eine -Größe und Wucht verlieh, die sich nur mit Worten von Psalmen sagen -läßt. Selbst als die stille Stimme des Evangelisten nach der lauten -Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller Melodik in epischer -Schlichtheit, wie der gefangene Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte, -regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht. - -Und der Herr redete. Walter Rohme hob den Kopf, atmete tief und trank -die Stimme des Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war mild und -süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer Hoheit und Reinheit, als -käme sie von weit her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten. -Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten Teil würde sie -wenig mehr erklingen, sie und die langgedehnten hellen Harmonien, die -sie umgaben, so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein um -den Kopf seines Trägers schwebt. Er wünschte dringlich, daß der Herr -die Legionen Engel riefe, von denen er sprach, denn es war schwer -erträglich, so viel Güte und Adel in den Händen eines Volkes zu wissen, -das nach Kreuzen schreien würde ... Und er begriff, daß die Jünger -flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit gegen eigenes -Leid ... Die Stimme schwieg und der Evangelist; und die spielenden -und dennoch leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, die -den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. Er hörte, wie sie -nebeneinander in kleinen Schritten aufstiegen, jäh um ganze Oktaven -fielen und von neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder mählich -abzusteigen mit kurzem Hinundher und Trillern auf manchem Ton; dann -begann der Sopran langsam den altertümlichen Choral, in langen -gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob und senkte: »O Mensch, -bewein' dein' Sünde groß« ... Walter Rohme war vom genauen Studieren -des Werkes damit vertraut und hörte den Anfang mit Genuß, aber die -tiefe Befangenheit und Verzauberung war verschwunden. Die rauhe und -simple Theologie des Textes hallte in ihm nicht wider, wenn er auch die -alten Zeilen und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten er das -Leben gab und legt dabei all Krankheit ab bis sich die Zeit herdrange -...« Die drei anderen Stimmen drängten sich ineinander und spielten -beweglich und ernst um den langsamen Sopran und seine von der Last der -Sünden schweren Schritte. Vor allem aber war das Ende zu fürchten. -Nach dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein wohlverdienter -Beifall zweifellos, der aber alles Zarte und Nachhallende, die -schwebende und undeutliche Süßigkeit der ersten Minuten nach dem Werk -ohne Gnade zerschlug -- das Feinste des Genusses und das Ehrfürchtigste -der Stimmung. Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich unter -dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen Bürgerhände. Welchen -Tumult würde man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte sich -jeden Augenblick: - - »daß er für uns geopfert würd, - trüg unsrer Sünden schwere Bürd« ... - -Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von Verschiebungen der -Rhythmen, von Harmonien, die sich flüchtig berührten, schnitten und -durchdrangen, von kontrapunktischem Gegenströmen und Ineinanderfließen -ungenossen bleiben mußte! Doch je näher der Choral dem Ende zustrebte, -desto quälender ward die Angst. Seine Seele krümmte sich frierend ein: -der tobende Lärm würde sie wie Hagel treffen. Er wünschte inständig, -was jetzt gesungen wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber -köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: »wohl an dem Kreuze -lange.« Der Dirigent nahm den Stab zu den hingedehnten Noten des -Schlusses hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem den Schlußton -lang, lange, während der Baß sich zu einer auf und ab steigenden Figur -rüstete -- dann winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen wie -abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die Luft in der Brust und machte -sich stark, indem er sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten -ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln aufwärts, setzten noch einmal -tief ein, stiegen schräg auf in den endenden Akkord -- und der Dirigent -ließ Stab und Hand müde fallen. - -Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein. - -»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd. - -Die Leute erhoben sich und verließen stumm den Saal. Sie gaben sich -Mühe, geräuschlos zu gehen. - -Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen rund in fassungsloser -Überraschung, die wie ein stürmisches Glück in ihm aufsprang, und ein -Schauer von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart pochte. Sie -kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen Seelen wollten schwer und schwebend -entrückt bleiben. Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung, -mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch umsetzten. Sie fühlten -edler und zarter als er gedacht hatte. Und er bat sie inbrünstig um -Verzeihung wie für eine Kränkung. Man strebte stumm nach den Türen; -in allen Augen hing noch der Glanz des klingenden Traumes und schloß -alle Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte das unbekümmerte -Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, und die vielen Schritte der -Ermüdeten dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh auch ihnen. Er -fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit gegen all diese Unbekannten, daß -sie sich gutgesittet zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten, -und wandte sich stürmisch zu Claudia, damit sie seine Freude teilte. -Sie saß noch immer reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf -und begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um und streifte -ihre Schulter mit der Robe. Darauf bewegte sie leicht den Kopf und -die eine Hand; von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er sich -vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken -- und in dem Augenblicke ihres -Erwachens merkte er, daß sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb -quer übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch, aber starr -und mit leerer Miene, aus der Sinn und Leben entwichen war. Sie hatte -geschlafen. Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er sie an -seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein Glück teilte, flog ihre -Seele abseits und lautlos umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch -dunkle Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von Träumen. Und -doch war ihre Freude, neben ihm diese Musik zu hören, ein Versprechen -gewesen. Sie hatte es nicht gehalten -- sollte er nicht unglücklich -sein über diesen Betrug und entdeckten Verrat? Aber er war es; Trauer -erfüllte ihn, die schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er wußte -nicht, was in ihm, von dieser Überraschung verletzt, nun litt: Leid -um die aufgehobene Gemeinsamkeit, nach der seine Liebe strebte, aber -auch Eitelkeit des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens -entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er sie überschätzt -- und auch -hierin der Stachel: du konntest überschätzen! und vor allem die -Pedanterie, die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft im -Bette ... er überließ sich seinem Gefühl mit gutem Gewissen, wies es -ganz seiner Liebe zu und saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben -oder sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen und blickte -vor sich hin. Sie hatte diese Stunde Seligkeit dumpfschlafend verwehen -lassen ... Sie öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte wie -ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten Stimmchen: »Ich habe -geschlafen!« Er antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie entdeckte, -daß die Leute hinausgingen und schrak auf: »Es ist doch nicht schon -aus?« Sie zog schnell die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der -erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein Gähnen zu verstecken. - -»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, »du hast geschlafen.« -Darauf hob er endlich die Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit -zerstörtes Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich und farblos, und -um die Augen wanden sich tiefe braune Schatten. Er begriff erbleichend, -daß sie nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich zwar erst in -äußere Schichten seines Wissens, drang aber unabweislich mit jedem -Herzschlag tiefer in ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte -wegzugehen, mußte er sie dazu auffordern; so befahl seine klar -dastehende Pflicht. - -»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie mit schuldigem Gesicht, -»ich bin's noch immer; das ist doch erst die Pause, nicht wahr?« - -Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht, das Gegenteil zu -vernehmen, auch bemerkte er flüchtig, wie rührend ihre Haltung -eigentlich sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh -genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten Teil der Passion -opfern, der die gewaltigen Chöre und seine liebsten Arien enthielt, -mußte alle Erwartung, alle Erhobenheit und Entzückung glatt streichen -und weggehen, weil sie schlafen mußte. Er grollte ihr dafür und gab -sich diesem Grolle rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht -in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend sagte: »Für uns -ist's der Schluß.« Und nach einer winzigen Pause -- es wurde ihm gar -zu schwer: »Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun würde sie sich -sträuben, und auch das durfte er nicht gelten lassen. Sie tat es: »Aber -du? Nein, bleiben wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er sich -nicht enthalten zu erwidern -- und er war nicht stark genug, einen -freundlicheren Klang zu erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem -Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und einschläfst?« Er -wußte, das wog als Anklage, in solchem Tone gesprochen, und wie -sollte sie das nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam er -sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und ging gesenkten Kopfes -hinter ihm hinaus. Sie wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah -das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. Er war ganz -bitter vor zielloser Wut; er verließ sie, drängte ohne Rücksicht, -denn alle Vorräume waren voller Menschen, die sich unterhielten, zur -Garderobe -- irgendwie mußte er sich entladen -- warf der Bedienung -unfreundlich die Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher -Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, dachte er. Sie war ihm -entgegengekommen, damit er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen -Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz und wartete, bis er -angezogen war, während jedermann sie erstaunt anblickte. - -Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch ohne Hut im Gespräch mit -einem Mädchen. »Jawohl,« sagte er, während er ihnen Raum gab, »aber -die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, sagte Walter in sich zornig, -für mich kommen sie nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede oder -von Arien. Und während Claudia schwer an seinem Arme ging, quer über -die Straße und unter Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles -versäumte: da waren die Chöre, in denen das Volk nach Barrabas schrie -und »Kreuzige«, wie aus Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des -Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der verlassenen Gläubigen, da -waren Duette von Frauenstimmen und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit -des erzählenden Evangelisten; da waren von allen anderen Arien die -nach den Worten »Am Abend da es kühle war,« und jene beiden von einer -Sologeige begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, spielen -können, die für Alt rhythmisch verschmitzt und sanft, die Baßarie -heiter über die Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel -Einsicht erfordernd ... Er hörte nie oft genug ihren triumphierenden -Gang: »Gebt mir meinen Jesum wieder« ... Und heute stand er auf und -mußte vor ihr davongehen. - -Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete begierig von der -reinen feuchten Nachtluft, während sie noch immer unter Bäumen -hingingen: »Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. Ich glaube, -nur die Luft war schuld da drinnen. Die vielen Menschen!« und nach -einigen Schritten fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich, -Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon Zimmer hätten, müßtest -du bleiben, ich bestände darauf. Aber ich traue mich nicht allein in -ein fremdes Hotel.« - -Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig sich ihr Wesen gab; -aber was sie anbot, nahm er nicht an -- außer allen anderen Gründen -hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht gestattet. Aber -er sagte nur, und er sagte es sanft: »Und drinnen hättest du wieder -die Luft und die vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, um -ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte sich: »Sie haben mich -eigentlich gräßlich gestört und sind an allem schuld,« meinte sie -nachdenklich. »Sie und ... und noch anderes. Dich nicht auch?« »Nein,« -antwortete er. »Was anderes?« Sie schwieg, und er fragte nicht weiter. -Er hatte ihren Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, wie -sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, schämte -sich alles Grolls und selbst des Bedauerns um die verlorene Musik. -Er hatte nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, häßlichen -Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu schaffen, gegen sie, die er zu -innerst zu lieben glaubte, und hatte sich vom Ärger vergiften und -erniedrigen lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich -geworden und bereute sehr. Er schuldete ihr Abbitte und noch viel mehr, -er mußte irgendetwas in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas -Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem Urteil wieder ein wenig -gerechtfertigter dastand. Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und -Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine Brust und machte vor -Erregung größere Schritte. »Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft. - -Sie wanderten schon auf der Straße im grünen Lichte des Gases: das -Pflaster war feucht von Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er -jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte sie. »Ich denke, Liebling. -Wir sind bald da; jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der -rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann nicht so?« »Ja. Ich -will nicht schlafen, ich möchte nur liegen.« - -Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne: -»Du siehst so müde aus, Liebste« ... Zärtlichkeit drängte ihr entgegen -und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und -nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so -gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie -schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute. - -Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche -Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und -setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen -plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch -hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter -summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich -zum Streit ...« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden -Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat -uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig -und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr -glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, -und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß -vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf -er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach -Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn -aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer. -Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst -nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« -Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie -hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.« -Er erstaunte: »Selbstverständlich« ... Und indem eine bange Frage in -ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt? -Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe -hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß. -Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie -lächelte dazu. - -Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia -hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an -seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen, -einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von -bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie -begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob -seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend -und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen -Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem -eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte -er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder -ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen -können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung -auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß, -immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die -Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen -von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte -das den Wert jener großen Gebärde? Und wie? - -Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste, -und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber -vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und -quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen, -und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock, -und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so -abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei -da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia -wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter -den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb -mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie -ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er -wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem -Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging -die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett -streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das -Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang, -und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte. -Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden -Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie -wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte -ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte -des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille -sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende -Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er -so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise -Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so -überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein -seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht ...! - -Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte -schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der -Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort -verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß, -halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte -sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist -du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« ... - -»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und -schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« ... Er neigte sich über -ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden -Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach -Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren -Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch -krank ... - -»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.« - -»Laß, sie fühlen sich schlecht an.« - -»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?« - -»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah -im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und -rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest -keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter -Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis -in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie -einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte -behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch -er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele -so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für -gleiches; aber er gab es schwerer. - -»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?« - -»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin -habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine -fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen -schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und -wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste -aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die -Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis -beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -- ich blieb dir -vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt -falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst -du dich? und ich sagte nein.« - -Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn -erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne. -Nun?« - -Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn -durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem -dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte -zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern -in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das -war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da -fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten. -Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu -haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch -die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie -entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du -scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht -vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?« - -Sie verstand nichts. - -»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich -nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach -dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher. -Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder -oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche? -Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte -auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor -ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich -meine?« - -Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn -befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein -ließ? - -»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt, -was du meinst. Aber wie es zu +dir+ kommt, und gerade heute, das ist -mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -- weil -der Mensch ein hoffendes Tier war. - -»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden. -Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht -nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke -nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich, -und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen -Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem -Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle -ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei --- wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen -jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch, -daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem -Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer. -Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still -aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht -öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als -Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, -noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und -alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab: - -»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde? -Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?« - -»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und -neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um -seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ -sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute -nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;« -küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich. - -Er strich über ihre Stirn und ging. - -Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt; -er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in -sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch -etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun, -so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch -nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie -wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales -noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden ... Das ist ein -weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich, -vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich -frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der -friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, -als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das -Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der -Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten ... - -Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die -Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber -das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren -antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im -tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt -aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf -mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich -wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten, -zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief -abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die -Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam -bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe -zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die -im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb -ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich -zurück. - -Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter -des Eggelingschen Hauses -- Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und -Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin -vorzunehmen waren -- und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. -Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer -kam dazu und die Schlafzimmer ... Der Zigarrenrauch schickte bläuliche -Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten -etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine -nachgingen. - -Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf -das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm -im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die -Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann -er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und -entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu -und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die -er ehrte. - -Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend, -dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen -Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl -unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die -sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe -zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere -zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings -gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem -gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen -aus und ein -- vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick -ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit -einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte -sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit -zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete -sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte -die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden -Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze -Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander -dieser ganze Abend ... Sie schläft und er genießt -- er zürnt ihr -während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis -- und er errät -nicht, +kann+ nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche -Leib, der an eine andere Welt grenzt ... Man war trotz allem ziemlich -allein -- und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das -Leid der Welt vermehrt ... Das verständliche Denken verfiel in ein -Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und -im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner -Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? ... Siehe, er ist -da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer. - - - - -Die Sonatine - - -Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die -blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das -Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend -Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu -Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es -warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, -hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -- sie -atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht --- ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse: - -»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen -einschreiten.« - -Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter ... Hast du die -Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?« - -»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am -Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein -Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie prügeln sich und der -Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt -dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte -dich!« ... und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar ...« und sie -zuckte sonderbar mit den Schultern. - -»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen? -Und welche dafür halten?« - -»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?« - -»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?« - -»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es -damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« ... - -Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«. - -Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit -noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz -rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit -niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte, -brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen -zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen. - -Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte -unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche -Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde, -wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand -- die -junge Frau mußte damit fertig werden können ... Er hörte sie fragen: -»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges -Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, -hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster -stand ohne hinauszusehen -- er erkannte gerade: er mußte sie zu sich -hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden -- drehte sich um -und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen -Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer -und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und -geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise -schnell hinaus. - -Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken -an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. -»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir -bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr -herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft -und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen -erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete -sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor -und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das -Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und -schob die Türen auseinander. -- Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte -von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und -ihr die Hände hinhalten ... irgend einmal, nicht allzuspät. - -»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia ... Der Raum -war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, -das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon -das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und -berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen -sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie -standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das -inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des -vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner -Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der -geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt, -und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener -Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten -herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die -geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu -nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich -die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte -dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe -zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster -fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte -hold vermählte, zitternd und schwindend. - -»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie -Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch -in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend -rauchte. »~Cis-moll~,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein. - -»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er -schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle -ruhte, begann sie. - -Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter -Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang, -über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein -gestickt -- was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück -geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen, -träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der -Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da -es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß -die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum -gegenwärtigen Augenblicke führen siehst ... Ja, du bist es, der hier -sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen -hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer -Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte ... du -bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt -eine tut -- und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als -in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner -gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen -mußte ... Jetzt aber -- bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der -häßliche Bart, der dein Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter -deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften? -Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig -umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu -ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich -erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu -ihr erhobst -- soll sie nie davon wissen? -- aber höre sie: sie sendet -dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist -ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe. - -Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes -Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die -ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme -liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung -auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre -gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik, -ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer -Stufe ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf -und Ab -- fast nichts. Klavierklänge vorher ... aber als er sich der -Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte -Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese -phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den -jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart? -mußte es nicht Mozart sein? - -Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur -die Vorbereitung des ~andante~, erhob er sich unter einem inneren -Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er -den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend, -staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören -nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen? -Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu -schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen -... aber da er wollte -- -- Sein Betragen war ungewöhnlich und -hatte sicher ein starkes Motiv -- was trieb ihn nur? Er kniete vor -dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der -Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die -Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er -die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder -zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die -Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die -Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die -Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ, -streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige -und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es -Brahms sein oder Bach? - -»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen, ~opus~ 137?« - -»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung: -wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste -Sonate, die ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und -du langweilst dich am Ende dabei. Aber das +will+ heute gespielt -werden ... ich hatte es allzulange vergessen ...« Du Gütiger, dachte -sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die -Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im -Flackern der Kerzen. - -»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die -Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen ...« - -»Dein Gewissen hat sehr recht.« - -»Obwohl mich nur das ~andante~ besucht hat?« ... Der Bogen hing schräg -herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt. - -»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben -läßt: erst das ~allegro~, und das ~andante~ als Belohnung.« - -»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück ...« - -»Still! hast du Mamas Brief gelesen?« - -»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns wohlfühlt, und daß -Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen -von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das -ganze Haus und reist, die alte Dame.« - -»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe -- nun, du warst nicht zehn -Jahre lang mit ihr allein ... Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht -nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen ...« - -Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich -auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine -kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die -Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme -verspätete das Thema um einen Takt -- und im Vorwärtsdringen der Geige, -mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der -Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung, -aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias -Lippen von einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten -schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft -glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt. - -Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und -spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die -sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen: -da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah -einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines -Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die -Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die -gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn -der Bogen herabging ... das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich -wie die Kolbengelenke eines Dynamos ... das präzise Auffallen und -rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals -- diese ganze -geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer -lenkte und bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster -Kern -- jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »~cis~« -rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ, -»~cis~! du spielst schon zum zweiten Male ~c~.« - -Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als -Junge eingeübt, er kommt wieder mit.« - -»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?« - -»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen -Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze ...« »Ich bestehe trotzdem -auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem -Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den -Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit -dieser Musik ... Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn -war das eine Eroberung gewesen, eine schwere ... War er ihr nicht -schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? ... Da -wäre schon die Gelegenheit? -- Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an -dir, an ihr ... Sie schlossen. - -Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem -Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die -Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob -seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der -Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach -dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! ... -Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete -sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete. -Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer -Fülle starb, Blüte du meines Glücks ... oh Claudia ... die Tränen waren -ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich -über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das -Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft: - -»Ich glaube, ich war es, die vorhin das ~andante~ nicht erwarten -konnte.« - -»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme. - -Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema -sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie, -aufhüpfend, schreitend und hinab -- und dann lauschte sie lächelnd -und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was -hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten -Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes -in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder -sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen, -während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden -Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und -klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll -von Glück ... Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme -über Menschenstimmen ... fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre -von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte wie man -ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene -Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen ... Man mußte die eignen Töne -ehrfürchtig dämpfen ... Ja, das war die Seele, die tönte, und der -Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, -wie über die Seele das Glück ... Nun kam es an sie, zu antworten -- -und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, -sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien, -die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter« -und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück --« alles in diesem -einen Namen. - -Das ist das Ende -- schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde, -die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe -wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten ... Ein -Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch -ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig -fortgelegt hatte ... Da stand er am Tisch, die Arme gespannt, die -Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht -löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du, -Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, -sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder -wenigstens nicht viel.« ... Sie hörte nicht auf, in den Augen ein -dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es -sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen -Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich -mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete --- oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, -neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem -Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen -seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. -Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu -reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not, -als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen ... dann brach -die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem -Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert ... Dann kam alles das, -womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte, -das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all -das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und -machte mich verzweifeln. Dies hier aber« -- er schlug auf die Noten -- -»und dergleichen tröstete mich« ... Er schwieg tief befreit. Wie das -aus ihm quillt ... Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige -Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich ... -als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen -zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du, -vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches, -schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und -tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich -sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein, -fehllos zu werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein -und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen -Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu -verzeihen -- mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen -Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen -Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser -eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und -versah außerdem den Turnunterricht« ... - -Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen -Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der -er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich -will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« -- -und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die -Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie -vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem -neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel; er -nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe -er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick -hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das -erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen ... was wird er -sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die -Stille, der Mond, das ungewisse Licht ... - -»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester -ein Gott -- was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es -nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um -anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und -bereute -- bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich -naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich +wußte+, -daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber -ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in -einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich -ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig --- aber ich stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen -Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese -Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht -sehen -- dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht, -die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es -dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß -ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei -denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten, -meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es -tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten. -Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen -sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes -Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich -besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, -wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich -Raserei und ich ... gieße ihm ein Glas Wasser ins Gesicht, das neben -mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre -mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung? -Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund -- und dennoch! ... Aus -Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« ... - -Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so -leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen -Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer -Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte, -offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen -Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt ... - -»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir -gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja. -Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten -wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir -uns, und berührten uns und küßten uns. Dann befahl einer, und der -andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der -erste ...« - -Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt -die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter -Abwehr, und ging hinaus -- das Gesicht abgewendet, mit ganz großen -schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß -- ging durch die Tür, -durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den -Schlüssel um, zweimal. - -Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße -Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel -knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in -regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von -elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel -des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der -Mond ganz hell machte ..., dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus -der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte -schnell und entsetzt den Kopf: nicht mich ansehen! Die Kniee wurden -ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte -sie das Gesicht in die Hände und weinte laut. - -Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von -wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter -eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge -hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei -diesem furchtbaren Gestehen ... Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie -keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider ... -Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen -bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von -ihm ... War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war -verschlossen, doppelt -- aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank -davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch -die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als -Furcht und Abscheu ... Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle -zurück, verkroch sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon -versiegten Augen vor sich hin, ins Leere. - -Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben -Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie -es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen, -wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen ... -Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden -sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte -scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden ... entsetzlich -... Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen -und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei ... Welche -Entblößung ... und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in -ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der -Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch, -innerlich unlöslich an ihn geknüpft ... Mußte sie nicht verzweifeln? -... Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause ... -dann sah sie hin und stellte fest: -- ja. Sie atmete tief und wußte -nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort. - -Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf -und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit -und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg, -den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß -wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an -dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich -drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. -Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie ... -Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die -Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie, -hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher -- denn -der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber -der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft -und dem Lichte, mit dem man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? -Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat, -und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich -blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen -hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden -Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im -Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der -Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der -sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle -Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte, -seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten -- warum blieb er -schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch -alles zerstört und zu Ende -- und niemand so verlassen und unglücklich -wie sie ... Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer, -nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? ... - -Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach -dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die -Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich, -sagte es in ihr, besinne dich ... und wie in plötzlichem Entschluß -fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas -Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb -ins lebendige Fleisch! -- Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst -im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann -- wer? Dein Gatte, dein -Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend, -die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch -und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm -begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn -du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war -immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu -verschweigen, nicht zu wissen -- du wolltest stets in Reinheit deinen -Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen -das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was -du das Gemeine nennst ... du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter -Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir -schläft und dem du -- wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben -gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du -nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen -lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er, -von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein. - -Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken -rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht -- wie wohltuend fühlte -sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte -zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene -im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: -was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie -konnte es noch denken, aber sie +fühlte+ es nicht mehr ... Sie war -geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen -- warum -nur? ... Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. -Sie besann sich auf ihn -- vergebens. Er hatte stark gewirkt, und -dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme, -und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie -sich des Geständnisses erinnerte -- nein, wenn dieses Geständnis ihr -eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. -Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen, -ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht -in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt -- -alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden -war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man -Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen; -daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die -Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen -- hätte sie früher -nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte? -Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres -Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie -fortgetragen -- und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und -seine Qualen verwickelt, sich und ihn. - -Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem -- dann machte -sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und -manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen. -Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. -- So möge er; ich litt, -ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr -- nein, nicht einmal ebenso -sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben -- er wird ihn -schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften ... Hätte er -doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß -sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet ... -Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht -gesprochen? Es schien fast so ... Doch gleichviel: das Schlimme blieb -ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber -- sie hielt an -und ihre Stirn spannte sich -- mußte man nicht zusehen, gleichwohl -weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller -Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen: -immer einen Mann neben sich zu sehen -- warum nicht auch diese? »Komme -ich darüber hinweg?« - -Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu, -diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, -er ihr die Hände entgegenhalten und ihr +helfen+? Er hatte es nicht -so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und ... Was tat er -denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, -hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! -- Aber sie verwehrte sich -diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht -denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den -beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das -zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und -hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war ... Aber dennoch: sie -mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich -haben, und morgen würde man sehen. -- Morgen? Beim Lichte eines -neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer -aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte -... eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe? -Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen -niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die -verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch -wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten -- und wie eine Verirrte, -die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte, -die sie ans Fenster führten. - -Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine -Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, -Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz -ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen -traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der -junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze -Pfeife rauchend -- sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den -leichten Rauch -- ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen -kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an; -augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den -rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses. -Sie blieb stehen -- »sie will über die Vordertreppe« -- machte auf dem -anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich -und eilte ihm nach; er nickte. - -Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in -ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das -Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam -mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und -die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise -den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit -vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er, -ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle. - -Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer -ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke -erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in -Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. -Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten -Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf -die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die -mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie -aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben -Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie -ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid -oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die -Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden -Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte -Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung -seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie -über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in -seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in -Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen -sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer -erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten -jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in -die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen, -ganz leisen Stimme aus der innersten Brust: - -»Kannst du mir wirklich verzeihen?« - -Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu -helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?« - -»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und -dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.« - -»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!« - -»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben -hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es -trotzdem« ... - --- »Und es war gut. Es +mußte+ gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte -ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je -später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war -+sehr+ gut.« - -»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen ... Du -sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen -solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz -zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern -aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich -trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß -du von mir wissen solltest -- mich trieb nichts als der eigensüchtige -Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage, -von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich, -mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner -Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die -Versöhnung hineinzuziehen -- oder in mein Ende. Denn ich kann nicht -leben ohne dich -- das habe ich grell gesehen da ich elender war als je -zuvor.« - --- »Aber mein Leben +war+ falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein, -aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt -schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich -Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das -Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber -hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist -geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, -- nur -härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos, -vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es -doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.« - -Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im -silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu -einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen -einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen. - -»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über -dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über -ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns -gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche. -Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns --- Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den -Toten, den du geliebt hattest, -- da sah ich dich, eine Unbekannte. -Heute jedoch -- wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden -weißt?« - --- »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so -viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich -bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin schwach und neu. -Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen, -Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.« - -»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn -von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht -schwerere? Kleine Claudia, was dann?« - --- »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du -bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles -können.« - -»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und -fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen -und einander allezeit die Hände hinhalten.« - -Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre -Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. -So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich -ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die -Lippen sanken aufeinander im Kusse. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 130: setze → setzt - sie {setzt} mehrfach an, schluckt - - S. 175: oberflächig → oberflächlich - wie {oberflächlich} und nebenhin mußten - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA *** - -***** This file should be named 52478-0.txt or 52478-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/4/7/52478/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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