summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 01:29:41 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 01:29:41 -0800
commit5c943d8b96af9668ec694e57ecf92fa6c4f80a99 (patch)
tree4a4cf8d7f882cebdf466907f21e102e5a320a4db
parentaf266fb6e61fa711db3fd378500a8c15e6969a61 (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/52478-0.txt5294
-rw-r--r--old/52478-0.zipbin130035 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/52478-h.zipbin266027 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/52478-h/52478-h.htm7359
-rw-r--r--old/52478-h/images/cover.jpgbin127113 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/52478-h/images/signet.pngbin1145 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 12653 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..c3fec20
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #52478 (https://www.gutenberg.org/ebooks/52478)
diff --git a/old/52478-0.txt b/old/52478-0.txt
deleted file mode 100644
index 227b0a7..0000000
--- a/old/52478-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5294 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die Novellen um Claudia
-
-Author: Arnold Zweig
-
-Release Date: July 2, 2016 [EBook #52478]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Buches.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Die Novellen
- um Claudia
-
- Ein Roman
- von
- Arnold Zweig
-
- Kurt Wolff Verlag
- Leipzig
-
-
-
-
-+Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage+
-
-
-Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar
-
-
-
-
-Abschnitte:
-
-
- I. Das Postpaket 7
-
- II. Das dreizehnte Blatt 55
-
- III. Der Stern 95
-
- IV. Das Album 147
-
- V. Die keusche Nacht 191
-
- VI. Die Passion 223
-
- VII. Die Sonatine 263
-
-
-
-
-Das Postpaket
-
-
-»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia mit tiefer und sanfter
-Stimme, als er sich eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die
-Garderobe abzunehmen, »das hat James bereits getan«; und wirklich
-näherte sich ihnen der livrierte noch junge Diener in gelbgrauem Rock
-und weißen Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten
-Abendmantel und den dünnen Schals seiner Herrin. Doktor Rohme stand
-in Überzieher und hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz
-widerhallenden Vorraum. Noch immer fühlte er unter allen Erregungen
-dieser kunsterfüllten Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend,
-eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt hatte, zehnmal
-widerrufen und dennoch nicht aus dem Tatwerden gedrängt; und während
-Claudia sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien, die Geübtheit
-verrieten, einhüllen ließ, grübelte er, verkniffenen Mundes und mit
-abseits träumenden Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden
-gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene bittere Wallung des
-Nicht-mehr-Ertragens, die ihn gestern überfallen und heute hierher
-gestoßen hatte, wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er hatte,
-von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes Götz erst geblättert,
-dann mit Entsetzen gelesen, und Weislingens Schwanken zwischen dieser
-und jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten ins Gesicht
-getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung gegen sich stieg ihm in
-den Hals dafür, daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen
-hatte, Entscheidung und Klarheit in seine Beziehungen zu diesem Mädchen
-zu bringen, das er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut zum
-Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich, nach der ruhig befreundeten
-Art ihres Benehmens, wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für
-sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich; er kam sich beschmutzt
-vor, besudelte fast auch sie -- so hatte er sich die Qual dieser
-Vorstellung verordnet, und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute abend
-alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen, auf die Gefahr hin,
-für immer entlassen und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden: das
-war's, was nottat, und das war unlöslich beschlossen.
-
-Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd aus dem weißen Seidenstoff
-hervorlächelte, legte sie ohne ein Wort ihren Arm in den des
-befreundeten Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit sie den Weg
-andeutete, scheinbar von ihm zu dem bekannten blauen Automobil der
-Eggeling führen, das James bereits hergewinkt hatte und das inmitten
-der vielen Leute, die aus den Portalen herausdrängten, wie eine Bestie
-toste. Er fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung, die ihm
-wiederum grundlos schien, und hätte sich am liebsten verabschiedet,
-aber das ging ja nicht an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug
-verschwand, ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu Gelegenheit
-gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen. Der Chauffeur fuhr an,
-kaum daß er sich hatte setzen können; so fiel er beinahe in das
-Lederpolster zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen Mundes,
-das ihn unglücklich gemacht hätte. Aber das schöne blasse Gesicht
-blieb in stiller Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre
-Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken an, und er fand sich
-wieder in der durchdringend süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen
-voll verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen. Einen Augenblick
-lang schwirrte das leichte Rauschen und Erzittern des hastenden
-Fahrzeugs durch die Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem
-eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang war umsonst gefallen;
-noch klirrten Rüstungen zu geschwungenen Gebärden und einer männlich
-herben und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz von Berlichingen
-gespielt, wie um zwei großen Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre
-Kunst an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die strömende Genialität
-des älteren den wenig zerlegten Ritter in einem reichen Zuge schuf
-und lebte, während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich nervösen
-und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen Weislingen als einem
-heutigen Menschen nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten und
-Betonungen eindringlich und modern zu dem ähnlich gearteten Publikum
-gesprochen hatten. Das Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen
-herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem Genuß in
-die Seelen gedrungen und sprang am Schluß mit einem Außersich von
-Beifall prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne.
-
-Während dies schon vage Erinnern in ihm zitterte, quälte er sich
-unausgesetzt, ein Mittel ausfindig zu machen, einen Weg, der, ohne
-bei ihr Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner Lage zu reden
--- wobei sie wohl nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund
-abweisend schmal gemacht hätte -- ihm gestattete, seine innere
-Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh, so bin ich, nun entscheide
-dich ... Aber das war schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich
-begann Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit zu fragen: »Eine
-eigentümliche Aufführung, Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen,
-jedoch nicht schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen als
-etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen und erwiderte hoch, ein
-wenig umschleiert, in leicht vortragender Weise: »Eigentümlich,
-gewiß. Unzeitgemäß, aber modern, wird man urteilen können. Ob Goethe
-seinen Weislingen so gesehen hat?« Sie lächelte halb: »Denken Sie an
-Weislingen? ich an den Götz ... Ihre Frage behalte ich aber bei: ob er
-den Götz so gesehen hat?« Er nahm die Brille ab und rieb sie mit einem
-weißen Tuche, während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht, Fräulein
-Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf Götz ankommt. Die Leute, die
-mit uns heute abend beide sahen, werden vermutlich von dem anderen
-mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten. Er ist einer von
-ihnen ... von uns. Dieser Götz +kann+ noch in Goethes Sphäre gehören
--- ob dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig. Für Goethes
-Zeit war sicherlich selbst ein so beeinflußbarer und« -- er stockte
-ein wenig, überwand und gab dem folgenden Wort einen starken Nachdruck
--- »unmännlicher Mensch etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen
-blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter Bitterkeit.
-
-Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was aus seinem Ton
-hervorging; auch hatte sie das starke Empfinden wohl bemerkt, mit
-dem der lang Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen hatte,
-solange das Spiel gegangen war; aber da sie diese sonst willkommene
-Erörterung zu verschieben wünschte, bis die Sachlage vertraulicher und
-beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden uns darüber streiten
-müssen, ich bin gar nicht Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen
-Weislingen verdammen.«
-
-»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne, denn ...«
-
-»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt sich aber, mein Herr
-Philosoph, der »unmännliche Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch
-Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten zu verbannen;
-aber ganz vergeblich, denn er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er
-sich ... Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle Eigenschaften
-besitzt, die Mannheit zu konstituieren, nicht wahr? und zwar in
-höchstem Maße besitzt. Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab,
-und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß Männlichkeit nicht
-mehr da ist. Trotzdem geht er als Mann spazieren.«
-
-Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve plötzlich eine Hauptstraße.
-Nach wildem Holpern auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf
-dem Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und zu fliegen, hinein
-in eine von milchigem und rötlichem Licht erregend strahlende Luft.
-Das Leuchten erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße eindringend,
-plötzlich den kleinen hastenden Raum und hob die beiden Gesichter grell
-in eine Art intensiverer Gegenwart.
-
-Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft auf das Thema ein, wie
-immer unfähig, sich Gedachtem zu verschließen: »Skizzieren Sie den
-Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie sich diese Analyse
-wohl zu seinen eigenen Eigenschaften verhalten werde ...
-
-»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen vor den gleitenden
-Lichtern beschattend. »Wir können bei Götz bleiben, denn Götz ist
-sehr Mann. Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt ist: Güte,
-Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch Weislingen kann gütig sein, aus
-Schwäche. Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare ...«
-
-Sie sprach: »Und die Frau?«
-
-»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht wahr? gebiert. Der
-Mann aber bringt hervor. Er hat die Kraft des Zusammensehens, er
-schafft, indem er neu sieht ... Weislingen erblickt das Neue hinterher
-und versteht es, er sieht ein. Niemals baut er Brücken zwischen
-Getrenntem und sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es dabei
-Schwierigkeiten gibt ... Götz nimmt die Dinge fragmentarisch, als
-Vielheiten, die einer Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht vor
-ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen Ding oder Zustand blind
-hingibt und sich beständig verliert.«
-
-Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. Erst war ihr, als
-rede er irgendwie von sich, Ungünstiges. War nicht er vor allem
-einsichtig? Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie typisch
-männlich Handelnde, die ihm verwandter sein mußten? Warum gerade Götz,
-sein Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen zögernden Sätzen
-klang etwas Inspiriertes mit, und sie lauschte mehr als dem Inhalt der
-Worte diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam sich Lösendes
-gab, etwas Rührendes. Doch war ihr für diese Stimmung das Gesagte
-zu wichtig, und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder auf.
-Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut Ihnen Unrecht, dazu haben
-Sie ihn geformt; aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich glaube,
-Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. Nun, davon nachher; ich Barbar
-habe jetzt nichts als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, daß
-auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, wenn Sie uns so spät noch
-Gesellschaft leisten wollten.«
-
-Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem Gegenstand, der ihn so
-nahe anging, in einem Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen
-Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. Ein Gefühl von Glück --
-noch eine Stunde mit ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; er
-wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich auf ihn als gern begrüßten
-Gast sah, oder ob das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim ihn
-über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher und lächerlicher Besuch
-hinwegblendete. Er sagte leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir
-... aber ich weiß nicht ... ich hatte den Entschluß fassen wollen,
-nicht mehr so häufig bei Ihnen zu sein ...« Ein beizender Haß gegen
-sich und eine augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe
-explodierte in seiner Brust: das hatte ganz anders geformt und gesagt
-werden müssen -- nun klang alles falsch.
-
-Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem lauten tiefsingenden Ton. Es
-lag darin die Stärke und Weisheit eines großen Tieres, das seines Weges
-gewiß ist und Schwächeren nicht schaden will. Manchmal antworteten
-andere Wagen, hell und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig
-oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. Zu beiden Seiten lag
-Schwärze, aus der einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; man hatte
-fast ohne Übergang die Stadt verlassen und schoß auf der nächtlichen
-Asphaltstraße, die sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer
-emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort zu. Claudia wandte ihm
-ihr Gesicht wieder zu: »Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch
-mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder etwas wegnahm. Sie erriet
-ihn ungefähr, und als Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein:
-wie reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch sein! Wenn er sich
-nur nicht so quälte ...
-
-Er wischte mit der Hand über die Stirn und murmelte: »Sie wissen, wie
-sehr Sie unrecht haben, Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so
-oft und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich etwas freier, »daß
-ich nicht begreife, wie Sie und Ihre Frau Mutter ... Sie wissen doch,
-ich bin nun einmal kein Elegant ... Sie haben so viel Nachsicht für
-mich ...« Er konnte alsbald nicht weiter, denn sie lachte ihr helles,
-reizendes Gelächter eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber
-hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. Er sollte sich
-nicht beschämen und, nicht einmal harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte
-schnell den Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber wofür denn?
-Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen und weder Tee noch Wein auf
-das Tischtuch gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? Unbedingt ...
-»Aber ich könnte es jeden Augenblick tun, ich bewundere mich selbst in
-diesem Augenblick,« lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr wohl, sie
-entführte das Gespräch in eine Sphäre voll leichter Luft ohne Schwüle.
-
-»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein könnte. Sie machen sich
-überhaupt zu viele Gedanken über sich, ich finde, man muß darin maßvoll
-bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden Ton an, der ihn
-mit körperlicher Süße durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie
-sehr, sehr, allzusehr! -- Aber vielleicht mochte man ihn hier wirklich
-leiden, fand ihn erträglich, sah ihn gern? Er fragte fast froh: »Ihre
-Frau Mutter hat also auf mich gezählt?«
-
-»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte ich Ihnen nicht einen Platz
-in unserer Loge angeboten? Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den
-Entschluß hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« Sie
-wußte gut, daß ihm der Klang des Spottes in ihrer Stimme angenehm und
-verständlich sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit
-einer Konversation herzustellen, und er ging darauf ein. Er schüttelte
-vergnügt den Kopf, so daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in
-die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte Stirn, deren Haut
-viele Sommersprossen zeigte; er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart
-durch die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren Spottes wieder auf,
-indem er ihn gegen sich kehrte:
-
-»Sie haben also gegen mich recht behalten. Während ich mich ankleidete,
-habe ich mir bewiesen, und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen,
-was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich ja doch nicht in Ihrer Loge
-zeigen.«
-
-»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« sagte sie strafend. Sie schien
-ihn ruhig zuhörend anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn
-und prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr fort: »Ich
-wollte mir, da ich endlich am Theater war, an der Kasse nämlich, einen
-Parkettsitz kaufen, aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er sollte
-nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt nicht, und half zu
-nichts, denn am Ende stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen
-und aus sich selbst holen mußte.
-
-»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen grauen Augen blickten heute
-zweifellos besonders matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze
-und Logen. Das ging beides nicht, das erste mochte ich nicht und
-das zweite konnte ich nicht, denn ich dachte, es wäre beinahe eine
-Beleidigung.«
-
-»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte es Ihnen nie verziehen.« Sie
-mahnte sich: gib bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen. Kannst
-du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? Sie widersetzte sich:
-natürlich! ... Ehrlich? nein. Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich,
-nach Hause zu gehen.«
-
-»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach schon wieder Licht
-durch die Fenster ein, man war bereits im Ort. Dann wurde sein Glas
-undurchsichtig und seine Augen verschwanden. Es war fast unhöflich,
-so einsilbig dazusitzen und im Innersten abwesend zu sein; freilich
-weilte auch ihre Unaufmerksamkeit bei ihm ... Wenn er davon wüßte! Es
-war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: »Aber nun entdeckte ich,
-während ich zwei- oder dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich
-schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt hatte, diesen Abend
-im Theater und ... mit Ihnen zu verbringen und spürte die Macht des
-tyrannischen Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an Leute, die
-hineinwollten, während es keiner Seele einfiel, hinauszugehen. Da ließ
-ich mich denn tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht wußte,
-und während ich ausschließlich dachte, daß ich doch hinauswollte, nach
-Hause. Wenn ich selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich
-peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich vielleicht doch noch auf die
-Straße gefunden hätte, aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf,
-und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich schon begonnen.
-Aber die Hand gaben Sie mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte
-den Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer Seele erfaßt und
-konnte sogar antworten: »Und warum nicht? Sie störten ja niemand. Es
-ist hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen -- wie sagt der
-Engländer geschmackvoll? ›~stalls~‹ sagt er, Ställe. Sie machen Theater
-und Konzerte möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind wir.
-Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer konnte man sich bewegen
-und hatte Resonanz, Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem
-Beisammen und Gespräch ... Das Automobil fuhr mit einer knirschenden
-Kurve durch das Gartengitter und vor das Tor der Villa. Der Diener
-öffnete, es war noch kühl und der Atem dampfte.
-
-Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten Zimmer umher und
-dachte nach, gesellschaftsmäßig angekleidet, schwarz, mit breiter
-schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er kannte hier jedes Möbel
-und jedes Bild, obwohl er für neuere Bilder nicht gerade maßloße
-Begeisterung zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich sog jeden
-Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er dachte an Claudia und bewegte
-aufgeregt die Lippen, als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte
-sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte er bei ihr, so war
-ihm wohl ums Herz und er dachte dann wenigstens nicht an sie. Freilich
-mußte er sich oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. Erst
-hatte er alles dem Hause zugerechnet, den schönen Zimmern, in denen man
-zu dreien, dann zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer
-Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die Tochter ihn lockte und
-festhielt, die Tochter. Kannte er seine Pflicht? Fort mußte er, fort
-auf der Stelle und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? Er
-konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger Dozent mit winzigen
-Einnahmen, in Fachkreisen genannt wegen einer polemischen Zerlegung des
-Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, Claudia Eggeling, hatte,
-wie man sagte, unbändig viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war
-ganz unmöglich ... es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehen,
-unwiderruflich zu gehen, sofort. Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine
-Gründe sagen: Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, aber ...«
-Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, er hatte vorhin wieder einmal
-nur an sich gedacht, wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse
-Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten konnte. Sein Denken
-zeigte sich heute stupid und gründlich albern.
-
-Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder einmal zu bestätigen,
-daß es für ihn, Walter Rohme, lächerlich und hoffnungslos blieb, eine
-Frau zu suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, gefärbt wie
-ein Kupferkessel, und sommersprossig überdies -- sein Aussehen war
-einfach komisch: und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung den
-da hinter dem Glase, den er hemmungslos hätte schlagen können -- das
-gewohnte und vertraute Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen und
-Schnurrbart, dick und buschig überhängend, dem Eindrucke eines Piraten
-nahe; einem Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, weil
-die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, grau hinter den dicken
-Gläsern der zerbrechlichen Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich
-blaß und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch klang und dünn, das
-Kinn allzuzart geformt schien und die Stirn übertrieben nachdenklich.
-Ja, dieser Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu guterletzt
-noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen linkischer und ungewandter
-Art verfügte, nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es stets
-bleiben würde. Und das untersteht sich und ist Ich, stöhnte es in ihm.
-Nie im Leben war er sich so unerträglich gewesen wie eben jetzt ...
-Claudia hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr wenig an eines
-Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis und Absalom seien vermutlich dumm
-gewesen -- aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn ja kaum,
-wenn sie auch ziemlich klug war. Wie sollte sie wohl dazu gelangen,
-ihn so tief zu erraten, wie er von ihr Wissen in sich trug ... Nur
-das Leiden um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. Er
-ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. Denn er konnte
-nicht von sich reden, und wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham
-und Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, wen er vorhin
-verdammte, als er den Berlichingen zum Typus Mann erhob -- wie hätte
-sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, durfte er nicht bei ihr
-bleiben, und wenn sie ihn sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie
-wohl einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal war, und daß
-bei Dingen des täglichen Lebens oft die letzte Stimme seiner Ratgeber
-seine Handlungen regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, wie? und
-würde er vielleicht nicht in allem ihres Willens sein? Ganz gewiß:
-und dann ergab sich in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst
-lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig, ein Abscheu ...
-Sie nannte ihn Freund, nun gut, sie lasen gewisse philosophische
-Bücher zusammen, sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam
-Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins Schauspielhaus
-oder in die Oper -- damit war nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte
-entschlossen, sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen
-und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch jüngst, als ihre
-Mutter sich verspätete? »Ich bin pünktlich und verlange Pünktlichkeit.
-Unzuverlässige Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige
-Menschen sind ihr ein Greuel ... Das Herz klopfte ihm im Halse,
-und seine Hände verkrampften sich: er war verurteilt, und bebende
-Verzweiflung machte ihn zittern.
-
-So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine Seele mit der heillosen
-Psychologie.
-
-»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, sie hat sich bereits
-zurückgezogen,« sagte Claudia hinter ihm. Sie hatte in der kurzen
-Wartezeit jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er sehr liebte,
-das am Hals und an den Ärmeln graugrün besetzte. Das war die Gestalt,
-ihm bis in seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte Wesen
-mit ruhigen Bewegungen und den klugen schnellen Augen, deren braune
-Iris die Seidenfarbe des Kleides enthielt und beseelte, während das
-tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen glänzte. Ihre Nase bog
-sich kühn und fein zugleich: oh, eine Römerin von Grund auf mit der
-gleitenden Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, diese liebte er --
-und sie, die er aufzugeben hatte.
-
-»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß
-er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu
-Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das
-leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt,
-Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten,
-damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit ...« Das Mädchen
-ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die
-Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser,
-Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben
-wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er
-zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.
-
-Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das
-schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs
-und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und
-milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war
-gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen,
-war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt
-mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in
-einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen
-Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan
-und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An
-diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander
-gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und
-heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung
-mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid -- er aber noch immer
-ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz,
-mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht
-erinnernd ... Sie aßen beide in Emsigkeit -- die späte Stunde, die in
-dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich
-mit Hunger -- und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich
-zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein
-ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge,
-daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein
-Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden
-... Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und
-ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche
-Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte -- sie glaubte, er
-sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre
-sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte!
-Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er
-tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer
-von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so
-niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und
-maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus
-der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine
-Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer
-ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden
-Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand
-in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt
-werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse
-und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich;
-weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer
-Einfalt grotesk wirken ... Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg -- aber
-seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein,
-kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin
-der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere -- und was
-Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen
-triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!«
--- Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des
-Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für
-ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten
-Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und
-sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald
-nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal -- und ihn
-schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht
-zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.
-
-Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen,
-ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen.
-Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch
-persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie
-vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf
-einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie
-merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen
-das öfters vor, dieses ... Schwanken, oder haben Sie es als etwas
-Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia,
-solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr.
-Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie
-ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über
-die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine
-Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und
-vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens,
-das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif
-und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte?
-Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam,
-gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn
-erkennen und alles würde zu Ende sein.
-
-»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? -- Nehmen Sie Tee oder
-Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich
-täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend
-aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl
-zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos
-quälen.
-
-»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr
-langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen,
-aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher
-nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust
-genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte.
-
-»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein
-und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er
-verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß
-aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von
-Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer:
-
-»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel,
-dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer
-und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende
-Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und
-Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen
-leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern.
-
-»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich
-daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein
-Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern -- man durfte nichts tun, als
-ihnen zusehen ... Er schreckte auf und antwortete:
-
-»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens
-ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste,
-gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht
-alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste
-sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde,
-wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die
-liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket,
-fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen
-die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine
-Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger
-Pergamentband,« -- er lächelte ein wenig -- »Sie wissen, Descartes;
-drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten,
-einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute
-wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte,
-aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es.
-
-»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?«
-
-»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht
-schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der
-Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er
-wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu
-machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen
-schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also
-empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und
-begab mich damit zur Eilfracht.«
-
-»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe
-träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben
-Büchern so sorglich umging -- wie gut würde es erst eine ... ein
-geliebter Mensch in seiner Nähe haben ... und sie errötete verwirrt.
-
-»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das
-machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der
-Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig,
-denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man
-bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es
-besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis,
-denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des
-Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn
-ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein
-Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche
-Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir
-schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.«
-Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend
-wünschte ...
-
-»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich
-solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend
-kindlich.
-
-»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging
-nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie
-solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine
-fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm.
-Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte
-mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles
-noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.
-
-»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er
-lachte, sah er aus wie ein Junge.
-
-»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber
-einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar
-jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und
-dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.«
-
-»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« -- Die Erkenntnis,
-die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte,
-sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich
-verloren.
-
-»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich
-umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren
-und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun,
-es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang,
-dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas
-nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens
-freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen
-und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem
-Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie,
-der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und
-eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich
-mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich,
-ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da
-brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am
-Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen
-Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen
-zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme
-klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:
-
-»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?«
-
-»Ja, das dachte ich auch. -- Nun, wenn ich bitten darf, noch eine
-Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die
-Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was,
-weiß ich nicht mehr.«
-
-Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von
-ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr.
-Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte
-Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen
-noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin
-dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von
-Porzellan und Linnen ... und ist jetzt ein schlimmer Anblick ... Da
-stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich
-schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere
-Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?«
-
-Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein
-Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in
-den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles
-nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis
-in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames,
-vielleicht mehr als sie wußten -- sollte er nicht auch davon reden, wie
-sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er
-damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen
-und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat
-stürzen würde -- sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine
-Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn +gesehen+ hatte, konnte
-sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn
-verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht.
-
-Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit
-orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie
-auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und
-zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte
-beharrlich und mahnend. »Ich bitte ... Sie ziehen die Zigarre vor;« und
-Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich
-soll ich nicht rauchen ... danke, da ist Feuer. Wo hielt ich ... Wenn
-Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.«
-Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren
-aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese
-Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf
-dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden
-Schleier von Rauch.
-
-»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen
-kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war
-fertig, in der Tat, es war fertig -- und es zitterte einen Moment lang
-in ihm nach: fertig.
-
-»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf -- halt, ich
-weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -- und erschrak vor
-einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der
-Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr.
-Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen
-eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen
-zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine
-Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen,
-um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu
-zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines
-Jackett, ein Jockeymützchen -- wenig, wenig. Ich hatte schon ein
-ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte
-mich entschließen, zurückzugehen --«
-
-»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein --
-
-»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag
-Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet
-hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei
-wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls
-schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut
-hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt,
-denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von
-Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen
-aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute
-nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben
-hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun,
-morgen.
-
-»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des
-kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer.
-Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber
-Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber
-als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen
-Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er
-von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm
-ihm den Atem. Er sah sie an, -- sie dachte: um sie zu einer Äußerung
-zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß
-seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum
-Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit
-auf.
-
-»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen.
-Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben,
-davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin,
-schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden.
-Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen,
-überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz
-nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen
-ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden.
-~Personne.~ Ich rief -- umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von
-Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so
-sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt.
-Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber
-ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu
-erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen.
-Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und
-sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:
-
-»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre
-und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das
-Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf
-ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen:
-
-»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr
-auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags
-nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg
-auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof.
-Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich
-wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und
-um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich
-war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.«
-
-Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr
-Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm:
-eigentlich macht er davon viel Aufhebens.
-
-»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:
-
-»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf
-den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben
-stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie
-ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es
-abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne
-aufzusehen.
-
-»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß
-er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte
-auf den Tisch:
-
-»Was denken Sie also, das ich getan habe?«
-
-»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«,
-entgegnete sie ohne Zaudern.
-
-»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug
-es zur Post.«
-
-Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück:
-
-»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr
-die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.
-
-»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich,
-wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu
-heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte
-noch einmal: »Ja.«
-
-Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank
-wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben
-Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte
-ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche
-läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr
-pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der
-rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt
-er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er
-sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes
-Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu
-glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts
-sie kränke und verstöre -- warum zeigte er sich ihr heute so hilflos,
-so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein
-Verurteilter und rührte sich nicht ... Und sie begriff. Ein Blitz schoß
-auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz
-lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem
-Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer
-verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen
-Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand
-und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die
-feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter
-Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen --
-erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem
-brennenden langen erlösten Kusse.
-
-»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen
-für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch
-immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen
-Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig,
-wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört
-hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich.
-
-
-
-
-Das dreizehnte Blatt
-
-
-»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit
-deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine
-zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm,
-wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend,
-und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten
-Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber
-abgegeben hatte.
-
-Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit
-zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht
-doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas
-Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem
-Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt,
-und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die
-einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet,
-und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt
-durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit wieder gut zu
-machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken.
-
-Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand
-den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig
-zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein
-einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des
-Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den
-Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in
-einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und
-goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende
-Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten
-überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins
-von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie
-glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht
-mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem
-man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch neben
-einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren.
-Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den
-strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die
-niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden
-Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender
-Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt.
-Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus
-ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie
-die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig ... Man ist doch
-sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt
-man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund
-gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch
-nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür
-bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand
-plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit
-segnend geweiteten Armen über einem Kranze von Menschen schwebend, die
-sich nackt lieben.
-
-Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich
-radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste
-jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit
-einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der
-Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene
-Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen
-Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde,
-hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung -- und
-von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb,
-wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten;
-und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die
-Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer
-da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie
-ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen hat die
-Erinnerung längst aufgesogen -- streng und ungeheuerlich irgendwie ...
-Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer
-als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen
-bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur
-seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel
-wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte,
-und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen
-Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen
-Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.
-
-Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen
-Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte.
-Ich erzählte, -- denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste
-an mir nicht entgeht, -- und wir sprachen bald von der anderen frühen
-Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen
-Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen
-Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün und Schwarz, das in
-Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu
-altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen
-wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch
-der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß
-er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf
-offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht
-mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz
-augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich
-hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja
-nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen
--- denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal
-von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch
-zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch
-heißt -- als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich
-erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen
-und schwarzgrünen Kranz der Wälder und den See darbot, tiefblau,
-langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen
-schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See,
-ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem
-hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen
-leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz
-beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen
-halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns
-erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der
-kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth.
-
-Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung
-der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus
-freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes
-Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er
-war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie
-aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur hin spottsüchtig
-abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich
-auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit
-einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn
-sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt
-war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus
-der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips,
-von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin
-blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft
-von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die
-seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab,
-und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles,
-lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem
-leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe -- um wieviel
-reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! -- ließen wir uns, Walter
-und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das
-ganz von einem weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte
-geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen
-feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher --
-und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen
-Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte
-er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen,
-geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen
-und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein
-bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend
-wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt,
-doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich
-für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner
-Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk
-zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein
-Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich
-gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet, unverworren und
-logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin
-ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah
-fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen,
-wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus
-nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit
-dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier
-befand. Die schön gebundenen Bände von Taines ~Origines de la France
-contemporaine~, die Walter -- was kann ein Gelehrter besseres geben
-als Wissen in Anmut? -- ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der
-Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat.
-
-Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl
-die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die
-mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend
-und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit;
-aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann -- ich habe solche
-Bekanntschaften -- ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der
-Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt
-zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft,
-teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und
-dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das
-kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind
-sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit
-verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen
-und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich ...
-Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an
-und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte -- aber staunen ist schwach
-gesagt --. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer
-Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich,
-daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit
-gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und
-Oberflächen sprach, die die ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren
-Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das
-Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch
-hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch,
-zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern,
-aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu
-sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und
-Formfreude daran wendete ... Ich hielt natürlich an mich; auch fand
-ich, er müsse irgendwie gereizt sein -- und plötzlich sagte ihm Walter,
-daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber
-er erregt sei?
-
-Ich stimmte vorsichtig zu.
-
-Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk
-stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und
-überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt,
-denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern
-leben, unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?«
-
-Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf
-den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die
-schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich
-sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese
-Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und
-lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich
-fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht
-gar schon hervor ... Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu
-Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben
-wartet Ihrer noch!«
-
-Liebling! dachte ich ... Und erschrak, wie der andere fast zornig
-entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht
-reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder
-Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen
-und aus solchen Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine
-Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft,
-Lieber, wollen wir aus der Rede lassen -- zumal mich, Sie sehen
-ja, das Vergangene nicht freigibt« ... Er sprach nicht viel lauter
-als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen
-gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern
-zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte
-überlenken, ihn mißverstehen -- dann wird er dich für eine Pute halten
-und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in
-bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß
-die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge
-gedacht -- wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir,
-nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe
--- Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter
-stimmte eifrig bei. Half es? -- Wenn ich das Folgende hätte ahnen
-können, ich hätte um keinen Preis oder Schatz von diesen Blättern
-gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und
-sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte -- ich mochte
-ihn nicht so nahe haben --
-
-»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals
-und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht
-das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es
-erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres
-Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein
-Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben
-geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und
-bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und
-gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke
-stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer
-fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich
-ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner
-Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses
-Bild.« -- Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber
-das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde
-über mich kommen zu lassen -- eine dieser beschämenden Stunden voller
-Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen
-hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen
-schaudern -- kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort
-so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam
-mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich
-wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen.
-Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling,
-die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir:
-»Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten,
-es ziemte sich, ich wollte es -- aber was geschah? Wider meinen Willen
-redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend
-zerfraß -- aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her
-wie ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen
-seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus
-einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den
-Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner
-Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm
-seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er
-mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zu
-+sehen+ beginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine
-Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des
-Mädchens ... Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich
-und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die
-ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und
-Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des
-Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter
-an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen,
-die einander durch Tücher zu küssen suchen; und die Entblößung des
-Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von
-Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und ...« Aber
-das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser
-gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und
-am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen
-und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend,
-die sich nackt lieben!« -- »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen
-Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen ...« und indem er Walter
-bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte --
-»vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal -- zog
-er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß
-wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere
-Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf -- was wird denn? er
-ist doch nicht etwa toll? -- und einen kurzen geweißten Gang entlang.
-Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit hellen
-Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte,
-im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein
-schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt
-und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude
-auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden
-See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken
-und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und
-legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom
-Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen
-Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des
-Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den
-selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt
-er uns das jetzt und so ... außer sich? Das dachte ich, beugte mich
-näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht
-der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen
-Wundmale der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn
-ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die
-die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen
-Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er
-war Gottes Sohn.
-
-»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die
-uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein
-ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er
-sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit
-den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die
-Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh
-verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten
-wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung
-und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen
-vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben
-überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starr auf
-das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.«
-»Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war
-unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn?
-Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte
-noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende
-Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel
-hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir
-an das Pult gelehnt empfand:
-
-»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze,
-in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in
-einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich
-gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen
-mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren.
-Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn
-er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule
-auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die
-Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren
-war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer
-zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus
-und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und,
-in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das
-in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf
-Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak,
-übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle
-Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente.
-Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen
-Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler,
-wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn
-das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht
-wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus -- unsereiner aber
-ist übel dran. Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen
-Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel,
-ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag
-oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die
-Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen
-Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den
-Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.«
-
-Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor
-dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter
-Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche
-Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen
-darzustellen -- und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht
-herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden,
-was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel
-Widerwillen ... und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur,
-mein Herr, dachte ich, mich für meine Person entdecken Sie nicht
-... Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen
-verhielten? -- Er sprach weiter:
-
-»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers
-und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den
-Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen
-hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich
-stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle,
-die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und
-für die ich mich mit Reue und Qual strafte -- alles das war nichts
-Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an
-den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber
-ich -- und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? -- ich
-war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und
-durch die Hand zum Pinsel führte; +ich+ dachte, +ich+ fühlte, +ich+
-stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was
-von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen
-darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben,
-soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt
-gelingt, wie man von Raffael sagt -- ich habe Bedenken dagegen, ich
-glaube nicht daran, in Klammern -- in der Mitte quält sich unsereins
-und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir
-gegeben: +ich+ wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte
-ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo
-auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege
-vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen:
-mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin,
-mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées -- natürlich
-nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend -- wo man anlangt,
-gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener
-Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten
-Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten
-Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das
-Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen
-Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen
-zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen
-wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs
-fertige Entwürfe« -- wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß
-und Mühe! -- »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne
-Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine
-Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche
-Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht
-signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches
-Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und
-Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz
-durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war
-mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus
-der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren.
-Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu
-Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und
-den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines
-Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot
-sich, mir zum Druck zu verhelfen -- denn die Presse und dergleichen
-konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines
-Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und
-hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah:
-da hatte ich etwas +gemacht+.«
-
-Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem
-gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß
-ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern.
-Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft
-einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine
-Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig,
-Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich
-mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in
-irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen
-Stimme:
-
-»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen
-Kunstverlegers ~Dr.~ Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches
-Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen,
-sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm
-vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich
-verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen;
-druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus
-und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und
-jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung --
-es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes
-Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung.
-Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt -- ich genoß diese
-Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle
-gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte
-ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann
-fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle
-oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich
-fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es
-ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.«
-Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir
-einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen
-könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur
-ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« -- er lachte kurz und scharf --
-»empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte
-ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das
-Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und
-nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem
-Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und
-verstärkt brannte -- er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen
-eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von
-vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle
-keineswegs vonnöten.
-
-Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze;
-als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der
-Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht -- nur nicht
-für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben,
-abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen
-und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster
-vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines
-Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber
-schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen:
-bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der
-Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des
-Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke,
-stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben
-hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um
-die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem
-Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt,
-nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die
-Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden
-Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre
-war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn -- eine Wahrheit: die
-Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst
-dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts
-gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es
-ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht
-verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um,
-meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig
-zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele
-haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer
-Lächerlichkeit bedeute.
-
-Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese
-Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!«
-Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser
-Niedrigkeit ...
-
-Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und
-eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr
-Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er
-mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten,
-mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme
-Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler,
-dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben,
-ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und
-Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen
-waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht«
-empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den
-Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen -- und als
-ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten,
-da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit
-Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich
-hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt
-vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher
-verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des
-Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia.
-
-Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis -- ich war ihm doch zu Danke
-verpflichtet, nicht wahr -- zärtlich wie einen Abschied; langsam,
-eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber
-Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm -- es sei zu gut geworden
-und ich sollte es verkaufen -- und sich mit den Studien dafür begnügte.
-
-Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben,
-verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und
-meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen
-hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber
-ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen
-Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst
-gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst
-auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und
-ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender
-eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.«
-
-Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf -- ein Erlöstsein
-ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war
-endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und
-schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die
-man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne
-Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend
-erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was
-hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe
-Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes
-Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war
-schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites
-lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren
-Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.
-
-Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter
-Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir,
-ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage.
-Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um
-unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet
-unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber.
-Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen
-schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja
-tot! Und dann begriff ich -- man brauchte wirklich Zeit, sich an das
-Licht zu gewöhnen -- vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine
-Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich
-hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor
-Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche
-Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die
-Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an ... Ich
-stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann
-bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte
-sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme:
-
-»Die erste Studie zu dem Porträt -- Sie wissen. Trauriges Ende, ja.
--- Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte
-Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging
-mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem
-blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm:
-
-»Der arme Mensch. Was er gelitten hat --«
-
-»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« ... Aber ich dachte
-an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler.
-
-»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«
-
-Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber
-nicht immer, nicht über alles ... und ich liebe dich dennoch ... Aber
-schweigen wir von Oswald -- es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise
-bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war
-eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte
-nicht mehr, was er eben gesagt hatte.
-
-»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher.
-
-»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke
-deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet ...
-Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum nicht zu berichtigen. Es
-hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich
-fragte zaghaft, mädchenhaft:
-
-»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?«
-
-»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?«
-
-»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch
-ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen,
-mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.«
-Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und
-nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen
-wollte, das mochte ich nicht sagen.
-
-»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er
-sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter,
-bist lasterhaft gerecht --« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige
-auch niemand mit Innenleben -- nicht einmal dich.«
-
-Er legte lächelnd seine Hand auf die meine: »Dafür ist er ein Künstler
-und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.«
-
-»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen,
-was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.«
-
-»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig,
-du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.«
-
-
-
-
-Der Stern
-
-
-Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf
-dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders
-tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate ~e-moll~ in
-tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen,
-langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein
-Stückchen Nacht, das beinah spricht -- von Trostlosigkeit spricht,
-hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die
-zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte
-Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise
-an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem
-Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und
-Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende
-Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer ... Aber
-alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den
-vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk
-gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen -- bis an
-einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel
-alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das
-nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt ...
-Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern
-von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf
-rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter
-Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund ... ich erinnere
-mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo
-mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn
-du sie nicht mit mir teiltest ... Vier waren wir -- zwei fielen ab;
-du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete
-und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten.
-Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war
-schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des +anderen+
-Reichs ... Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an
-jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den
-blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel
-setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die
-Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage
-und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender,
-viel erdrückender ... Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand
-steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.
-
-Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos,
-beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle
-erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren
-Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich
-richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus
-Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den
-Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen
-durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick;
-aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt
-und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und
-Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt
-mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht
-geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich
-hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres
-wieder vollständigen Trios -- Sirmisch war lange in Südfrankreich
-herumgewandert -- ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte;
-drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben
-so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist,
-der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat
-nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen«
-fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder
-entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth
-hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl
-geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm,
-und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung,
-die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der
-Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von
-seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich
-wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia
-gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein
-Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt ...
-
-Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und
-hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter
-Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt
-es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der
-Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt,
-am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja,
-ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen
-schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und
-verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen
-frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens
-kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten
-und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief
-wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme
-für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst
-harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.
-
-Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt
-mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher
-Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten,
-Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich
-die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und
-in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem
-Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der
-Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt
-die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster
-des Divans -- da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen
-hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen
-als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die
-Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke
-lehnt:
-
-»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet,
-so ist eine Ehefrau die Ursache +davon+ geworden, eine Hausfrau, ein
-sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton
-ab.
-
-»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz
-einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst
-über diese Abwehr. Ich habe, +was+ er sagte, noch nicht aufgenommen,
-plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine
-Brust.
-
-Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich
-befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe
-jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und
-doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein
-Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem
-Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich
-damit nicht zufrieden geben kann -- er hat ja erst vor Wochen von dem
-Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst
-empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung
--- aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den
-neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und
-weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung
-fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen
-und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal
-schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.
-
-»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz
-und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers
-rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute ... Das da« -- er schlägt die
-Handfläche auf die Notenseite -- »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir
-haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine
-Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie -- gnädige Frau!« Seine Stimme
-zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder ... es geht
-mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab ... Um so ruhiger klingt
-die Antwort -- und ich weiß, warum ich das bewundere.
-
-»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich
-fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte
-Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden
-und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz
-aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie;
-und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor ... daß diese Dame ihm
-nicht im geringsten zugetan war.«
-
-Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und
-mich schüttelt's.
-
-»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an?
-Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch
-wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es
-um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah!
-Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das
-beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um
-schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil
-er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er
-liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde
--- sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat
-diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht
-wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger
-gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den
-Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls
-Notiz genommen hätte ... Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann
-nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses
-Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend -- nein, gnädige
-Frau, daß einer wie Oswald Saach um +so eine+ fortgehen mußte ... das
-ist ein bißchen widerlich ...«
-
-Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas
-bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten
-gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des
-Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns
-gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle -- ich gewiß --, an
-die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen
-auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht
-um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; +wenn+ es um Freundschaft
-geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein
-unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der
-einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich,
-wie Frau Eggeling -- ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? --
-die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen
-öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -- da geschieht das
-Überraschende.
-
-»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das +ertrage+ ich nicht
-länger!«
-
-Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie?
-Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und
-Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen
-Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie
-ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue
-ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem
-Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum
-ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage
-ich mich -- +was+ ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem
-Erschrecken gleicht -- übrigens ist es wirklich Schreck -- und jede
-andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit
-Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war
-von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend ... Aber ehe sie die
-Lichter ausblies, habe ich, -- und erst jetzt wird es mir bewußt, -- im
-Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen
-geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen
-Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie
-fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:
-
-»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch
-nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich
-im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor
-allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth
-fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz
-gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie
-forschend ansieht:
-
-»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten
-Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter
-brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich
-auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun,
-obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus
-dem Dunkel:
-
-»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis.
-Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen
-Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der
-Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich
-heute fast verpflichtet.«
-
-Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth
-hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am
-liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf
-wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn
-sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem
-nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum
-nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond
-steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die
-einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem
-Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität
-am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort
-und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das
-schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder
-zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt
-sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe
-ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander
-Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt
-mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die
-Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein
-Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser
-Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief
-innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend -- ein unheimliches Auge,
-das Claudia ansieht.
-
-»Zeit oder nicht, gnädige Frau -- was können wir vorläufig sagen? Wenn
-Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und
-bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm
-kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem
-befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst
-unerklärlichen Leidenschaft -- und jetzt schon, in diesem Augenblicke,
-der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich
-ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir
-die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges
-hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes
-hineinsagt:
-
-»Ich habe nichts mehr zu reden.« -- Es ist für meine Ohren ein
-feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf
-zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen,
-unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es
-um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt.
-Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich
-etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht
-an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die
-weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr
-abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich
-beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker
-zu lösen und sich -- irre ich nicht? -- Mühe gibt, den kleinen Finger
-dabei nicht abzuspreizen:
-
-»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden
-nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben
-sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.«
-Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem
-Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen
-feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis
-eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die
-imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr
-Beschützer sein ... dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig
-und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie
-sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts
-flüchten konnte? Jagen lassen -- wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr
-von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte
-Landschaft besonnt und blumig gesehen habe ... Finden sich da -- ich
-frage nicht sehr kalt, meiner Treu -- Abgründe, Dickichte und schwarze
-Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines
-Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?
-
-»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die
-Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr ...« Sie
-blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann
-die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs
-Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen
-hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich?
-Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten
-Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast
-physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton --
-mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es
-ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel
-Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus -- dennoch bewegt ihr
-Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen
-Sanftmut des sicheren Mannes:
-
-»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich
-verweigern, wenn Sie so bitten ... aber ich sitze hier nicht in eigner
-Sache.«
-
-Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt ... Sie hat ein lebhaftes
-Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht
-zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich
-zurecht.
-
-Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung
-und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber
-wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich
-werde doch hoffentlich?)
-
-Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt
-das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal -- dann tritt sie wortlos nach
-hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch
-einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt,
-Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel
-verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen
-mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:
-
-»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur
-halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber
-einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er
-hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches
-zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar.
-Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive
-Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts;
-ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte
-das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf
-eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte
-und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung
-für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von
-unten gekommen war.«
-
-Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig
-harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten
-sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes
-Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein
-Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue
-Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher
-Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem
-Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall
-der Worte, begeistert, empört, befehlend -- immer glühend und gleichsam
-emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab,
-dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte
-... Unterdes höre ich Claudia:
-
-»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging,
-innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu,
-daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er
-wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und
-außerdem verliebte er sich in mich.« -- In mir klappt etwas zu: eine
-Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr;
-mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben
-sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? --
-»Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne,
-»ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen
-jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu
-gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft
-in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich
-meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die
-braunen Kastanienblätter, daß es zischte -- und die Augen immer am
-Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den
-geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man
-einen Menschen seiner Art nicht lieben +könne+, daß man ihn als Zugabe
-hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach
-nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja,
-daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen
-bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst
-seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen
-und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein
-Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen,
-und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene,
-schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und
-nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er
-ließ mich solche Sonaten +erleben+, nur er schuf sie gleichsam noch
-einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides,
-den glühenden Anlauf +und+ die vollendete Einsicht: und wenn er gar
-einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich +hörte+ die
-brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele,
-gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer
-dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform,
-die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹.
-Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem
-sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -- es kann vielleicht, für
-gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben ...«
-
-Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton
-kalt, zu kalt:
-
-»Habt ihr noch nicht genug davon?«
-
-Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt;
-dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme
-an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und
-aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt.
-Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen
-nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche
-aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle,
-hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein
-roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand,
-Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem
-Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich
-bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten
-Minuten ... klang ihre Stimme -- ihre Mutter kennt sie nicht besser
-als ich -- nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich
-Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre
-Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört ... Ich kann mich
-irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber
-vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung,
-die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur
-für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten
-hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und
-Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn
-es gibt Liebe, die nur Stunden währt -- und einiges Rätselhafte wäre
-gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer
-mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du
-guter Gott -- ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß
-eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme,
-es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat,
-und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen
-zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und:
-du hörst es gleich -- ich fürchte mich; ich fürchte mich ...
-
-»Habt ihr noch immer nicht genug davon? -- An jenem selben Abende,
-weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte
-er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit,
-ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre
-seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem
-blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie
-halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt,
-sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form,
-die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt
--- denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos
-mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl
-und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns
-zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr
-zu trösten -- »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit
-hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank
-und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein
-Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte
-er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um
-seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des
-Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um
-des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende
-Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er
-machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten
-und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen
-Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich
-durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne
-durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht
-entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und
-vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine
-Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner
-Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr
-euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und
-er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen
-sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe -- er lieferte
-mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten
-Erinnerung.«
-
-Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr,
-zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen
-gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück ... Wie manchen Abend
-habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen
-lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens
-Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte ...
-Wie hieß sie? Lisbeth -- weiter fällt mir nichts ein ... Sie hatte
-das sanfteste Lächeln ... Ich sehe die Geste, mit der sie mir die
-geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch
-hinüber ... Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und
-warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich ... Ah, Ohlsen
-heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus
-der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel:
-das ist dein O, nicht meins. -- Und dies alles hat Claudia an sich
-herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen
-um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben?
-Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände
-zittern immer noch ... Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages
-kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren
-alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie
-wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund
-beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in
-der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft
-gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen;
-sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen
-Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte -- auf einen
-Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen
-Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und
-den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem
-Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt,
-wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen
-mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und,
-als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«
-
-Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling -- sie hören allzueifrig, niemand
-achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von
-der Stirn, unbemerkt ... Ich muß sehr blaß aussehen ... Wie oft, wie
-unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!
-
-»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach
-gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte
-ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte
-ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und
-Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja
-so völlig -- hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches
-Herz gegeben ... Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß,
-er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -- und
-sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend -- »in denen sie ihm rührend
-tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer
-nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es
-sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben
-sollte ... Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser
-gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung
-und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß,
-jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie
-könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und
-lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen
-ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war -- und das tat er: und
-als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten
-kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen
-Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung
-aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar
-anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den
-kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft
-seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend
-ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe
-verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider.
-Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr
-sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht
-eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte.
-Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler -- denn das
-alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar
-keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte -- sie war
-viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie
-auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur
-ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren
-und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau
-keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges
-Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht
-aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns -- sie hat, wie
-die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch
-stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von
-Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien
-mir bewundernswert -- und scheint mir heute noch bewundernswert.«
-
-Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach
-ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar
-langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert ... In mir, -- gebe
-ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? -- ist diese ganze Weile
-erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt,
-mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia
-Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage
-vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit
--- und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise
-kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern
-bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher
-davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer
-Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht
-wahr? Oh ja. -- Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist ...
-(sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte
-Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten
-... Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze
-Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles ... und Ruhe,
-Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf ... Du darfst gut
-bitten, mein Alter.
-
-Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an,
-schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen
-verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich
-habe das Wichtigste vergessen -- warum zwingt ihr mich auch, eine alte
-Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald
-Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten?
-... Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«
-
-Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur
-von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab
-... Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den
-Aberglauben ... Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas
-auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches
-sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit
-folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich
-Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das
-rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt
-führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu
-prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in
-seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich
-sonst zu rühren:
-
-»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst ...« mit einer Stimme, die
-sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch
-das Wort, bitte.«
-
-Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich,
-Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen).
-»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag
-zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische
-zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für
-ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen
-und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle,
-Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft
-entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch
-Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht
-mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört
-und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm
-gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube,
-und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und
-wolle ein Musiker bleiben.«
-
-»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem
-Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir
-aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine
-Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als
-alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und
-scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau
-überschätzt -- hat sie sie doch eben erst gewonnen; -- und sie nun
-von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig,
-wie glücklich macht diese drollige Ursache -- sie kitzelt mich süß
-in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was
-Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem
-Freunde vorwerfen, was sie wolle ... je ungerechter sie ihn schilt,
-um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds
-»Aberglauben« ...
-
-»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze
-damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder
-Zwietracht darüber -- wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich
-war vielleicht sehr ungeduldig dabei -- am Ende und im Grunde suchen
-Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen
-Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken
-sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen
-Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf
-nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf,
-darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche
-Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und
-alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm
-etwa begegnet war; er gelobte weiter -- für sich, nicht bei einem
-Heiligen -- bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit
-glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich
-auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf
-sonstige Art orakelnd warf -- ob er je zu einer Wahrsagerin schlich,
-weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich -- und so glaubte er
-mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«
-
-Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist
-sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein
-gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir,
-innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um
-mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und
-wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe
-Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos
-belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin
-einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig
-sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt
--- und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für
-ihn, den sie gerne makellos sähe ... Ja, ich bin ins Netz geraten und
-gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine
-Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller
-als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre
-ersten Worte gesprochen.
-
-»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft
-langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie
-leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das
-alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele ...«
-
-»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen
-ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen -- das ist
-alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x
-aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug:
-Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat
-Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht
-veranlaßt, jetzt noch zu fechten ...«
-
-Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein
-solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals
-vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame
-Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in
-ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer
-Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört
-noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen
-Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald
-sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die
-Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht,
-während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles
-umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja
-ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen,
-als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und
-bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer
-blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie
-stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der
-leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht
-ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem
-Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der
-Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie
-die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander
-nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des
-Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung
-ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem
-wegzuschleudern -- aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die
-sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die
-sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben
-wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie
-sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche
-von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte
-Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll.
-Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist
-kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes
-läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist
-noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen
-nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer
-keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und
-Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und
-schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das
-Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr
-ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang.
-Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel
-daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen
-Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden
-Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder
-ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind
-zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe
-Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier
-Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam
-in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich,
-ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich,
-und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz
-deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen
-brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern
-ein gnädiges Wahrzeichen sei -- und wie heißt die allgegenwärtige
-Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch
-entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? +Ruhm!+ rief es in
-Oswald Saach.«
-
-Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast
-mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles
-sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich
-leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel
-erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt,
-zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen.
-Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte
-zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze
-verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner
-eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine
-zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel
-von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches
-Vertrauen muß er für sie empfunden haben -- und wie wenig kannte er
-sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich
-fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie
-sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und
-verstört ... Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in
-mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut
-das für mich ist ... Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet
-habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu,
-als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte
-Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in
-Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein
-Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter
-gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt!
-Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es
-abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia -- auch das. Die Hand
-zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr
-stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern
-befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften
-also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick,
-eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich ... sind Sie auch
-abergläubisch, Claudia, wie?«
-
-»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was
-er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab,
-begehrte er am heißesten den Ruhm --«
-
-»Er war ein Künstler, Claudia!« -- »Vortrefflich. Nur verriet er dabei
-zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das
-Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die
-ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit
-der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen?
-nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles
-wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen,
-versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt
-wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war ... war.
-
-»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten -- Fräulein Claudia, Sie
-erzählen Märchen.«
-
-Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die
-Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe
-zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme
-und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung
-dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich,
-Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen?
-Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter
-vom Divan her bedeutsam sagen:
-
-»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein
-anderes, verratenes, verteidigt?«
-
-Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:
-
-»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die
-Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht
-Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei -- und
-nur ich habe damit fertig zu werden ... Aber das ist schließlich eine
-Art Glück ... Eben gibt das Klavier ein ~a~ an, ungeduldig, hämmernd,
-eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen:
-unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt
-gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine
-glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde
-halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich
-beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens
-enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich
-niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in ~d~.« »Das
-Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr
-stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält
-allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema
-über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann
-kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache
-hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit
-ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten
-schimmert, blaß, klein und unnütz.
-
-
-
-
-Das Album
-
-
-Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man
-bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns
-hinter sich, im Dunkelkalten ... Der Park hatte bald keine Gestalt
-mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche,
-auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen
-hingewischt waren -- der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten
-nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht
-bei ihnen ist -- und eines Tages machen sie sich auf ... Und sehr
-grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es
-allen für natürlich gilt -- und man glauben muß, man sei von Sinnen
-mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter
-verläßt die Mutter um willen eines Fremden ... so etwas gab es ...
-jeden Tag ...
-
-Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person
-mag eingetreten sein ... Man soll sie nicht stören! Man soll ihr
-vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert,
-zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin
-Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.
-
-Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.
-
-»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«
-
-»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt ...«
-
-»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute,
-Klara. Sie wissen doch Bescheid ...«
-
-Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten
-Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze
-glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf
-wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften
-Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein
-Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach
-heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte
-Vorhang, schräg tanzend und weiß.
-
-Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch,
-mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute
-abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden
-Tische sitzen und freundlich miteinander speisen -- um zwei vermindert
-zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff
-versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen,
-von den Glücklichen, den eben Vermählten ... Unfaßbar -- und schwer
-erträglich ... Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre
-Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon -- wie oft -- gegangen
-war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten
-Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter
-ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins
-Schlafzimmer, und wieder zurück ... Sie ließ alle Türen offenstehen,
-sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die
-Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten
-Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing,
-klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach
-hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer
-Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag
-leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll
-kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren,
-weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten.
-Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die
-täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen
-herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch
-glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften
-tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie
-verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme
-beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen
--- Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein ...
-
-»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des
-Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den
-Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und
-ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom
-Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß
-sehen: Doktor Walter Rohme ... ja, ja ... als sie das Kind nicht aus
-den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender
-flossen -- was hatte er da doch ... Tröstendes gesagt? »Sie haben doch
-jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte
-sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn ... Sie blickte zu
-Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides
-blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen
-Violett ... kränklich sah das aus ... sie strich mit den Fingerspitzen
-über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben ...
-wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch
-der Name des Teppichs? Sie +wollte+ sich darauf besinnen, es war ein
-Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's,
-von blauem Himmel -- nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte
-ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz
-des Flügels spiegelt« -- dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die
-Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine
-tönende Ferne ... Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter
-Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer
-führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen ... Und Eva
-Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links
-irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« ...
-
-Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man
-ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es
-ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei
-gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand ...
-welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott ... und es schien
-ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre
-Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich
-beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn
-hingebreitet hatten -- vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für
-jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und
-frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen
-Vater. -- Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam -- wie doch diese
-gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst
-darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von
-Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig
-dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz
-solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und
-Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe
-mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß,
-hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck.
-Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages
-trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt
-und nichts dafür aufgebaut ... Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie
-gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber
-dennoch -- heute spürte sie etwas in sich ... wie leicht hatten es die
-anderen ... man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen ...
-
-Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die
-vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber.
-Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben -- und sie erschrak vor
-den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre
-Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine
-Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte,
-tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen --
-aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten ... er kam nicht,
-nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen,
-halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit
-und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle
-+einen+ Sinn hatten ... Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in
-eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die
-dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich
-fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen,
-in die Ecke des Teppichs beißen -- wenn sie nur noch weinen könnte!
-Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und
-sterben -- ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr
-leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu
-leben, herumzugehen, dies und das zu tun -- Jämmerlichkeit und Ekel
-insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen;
-niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln
-dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre
-fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen,
-ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen ... Und wenn
-sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen
-müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher
-alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß
-nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß -- und +wie+ besaß! daß er
-nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still,
-verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern ... Was sollte sie tun?
-Ach, sie hatte alles getan!
-
-Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte
-sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen
-Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische,
-und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig
-von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut -- und hatte sie wieder
-fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren
-liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen
-worden -- denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben
-widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese
-albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten
-Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem
-Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter
-geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder
-lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben,
-ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt
-hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der
-Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten
-Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer,
-die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark
-und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute
-Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen
-des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die
-blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust:
-Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr
-lange Liebe so übel vergalten ... Sie stand hastig auf, entfloh, begann
-zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer
-einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb
-nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche
-Anrufung.
-
-Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen
-als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der
-unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich
-gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue
-Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere
-Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat
-weh vom Denken -- oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende
-Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas
-drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich
-als stechender Druck gefühlt ... Das war die Kunst, ihr Trost und
-ihre Macht ... Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche,
-deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu +war+ sie
-dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese
-Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es
-sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und
-Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in
-eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht
-zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst
-zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den
-Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen
-mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht
-auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's
-nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen
-Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener
-Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete,
-nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben
-behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen
-ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die
-Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige
-Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das
-Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen,
-und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft
-gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll
-maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit
-damals zugänglich war. Sie +sah+ sie greifbar vor sich, den Kopf
-zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb
-offen und Tränen in den Augen ... Ja, damals war ihr Musik vertrauter
-als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich,
-mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht
-einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und
-ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit
-glühenden sanften Händen -- und wartete, worauf aus dem Mädchen ein
-Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der
-mütterlichen Schulter ausschüttete ... Jene Nachtstunde, wie war sie
-eingehüllt in Glück!
-
-Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte
-sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war?
-Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern
-war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von
-abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und
-Druckzeilen -- sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder
-kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel
-ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein
-Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen,
-gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die
-Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur
-die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte.
-Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster
-sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte
-sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den
-kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände
-und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell
-und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme
-aus, Trost, atembar leichte Luft -- beruhige dich! und sie ging mit
-aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so
-daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ
-die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten
-Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten
-zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen,
-eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren,
-und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von
-Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch
-die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen
-hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt ... Aber das
-Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das
-niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die
-Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich
-durchs Zimmer schreiten -- wo, wo war das zauberische Buch?
-
-Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen
-faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem
-Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene
-Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe
-zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her,
-irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so
-dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte
-hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald
-stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie
-fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten
-Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse
-Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen
-Stunde ... Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo
-fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern,
-mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das
-Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den
-er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der
-üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll
-bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war -- niemandem lag daran
-außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar
-zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten -- somit
-war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten
-Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken
-Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter
-dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die
-Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein
-Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen -- das nächste aber enthüllte
-Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben
-abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte.
-War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel
-saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das
-geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis
-an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete
-sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des
-Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war
-seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen
-sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest
-geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über
-die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung
-eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet,
-ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber ... anderes redete um so
-deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind ... »Sind Sie's,
-Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu
-vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich +bin's+. Sie werden das nicht
-ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das
-sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum,
-denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht
-wolle ... »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's
-bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für
-Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?«
-Und die Angelegenheit war erledigt.
-
-Die Tennisbilder ... sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen
-Auges -- das tat wohl ... Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im
-Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um
-sie her ... Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft.
-Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße
-Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs
-Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den
-weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern
-wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias
-Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen
-konnte -- ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig,
-in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem
-Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff,
-Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde
-Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf
-gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und
-raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die
-Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll
-zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter
-Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet
-etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme ...
-
-Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das
-alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser
-fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel
-gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten
-Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende
-Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben
-niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett
-wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm
-mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts
-gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein
-Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein
-gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite
-herum -- backhand? dann war Claudia dafür berühmt -- auf einem vierten
-verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger,
-nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der
-Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in
-den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll ... Das war
-jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des
-Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann
-vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier ...
-Doch in den letzten Runden +spielte+ Breithoff -- und siegte. Trotzdem
-war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen,
-um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann
-geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens ... sie
-würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia
-gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt;
-darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich
-immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht
-sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber
-er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter:
-das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo
-zu spielen, etwa Brahms ~op.~ 108, so ginge das einfach nicht. Arme
-und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven
-Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so.
--- Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim
-Erinnern, widerlich ... Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage
-sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung ... »Zahm und zu Ihrer
-Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig
-zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie
-haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen.
-Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig,
-atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu
-folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten
-Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein
-wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich ...
-
-Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her.
-Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter
-ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen
-Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die
-sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr
-nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar,
-welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach
-gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite
-unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar
-gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon
-hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor
-dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der
-die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er,
-die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt:
-»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird --
-warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.«
-Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz
-laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich
-wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten
-zweiter Klasse ...« was ziemlich boshaft war, weil der errötende
-Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte,
-daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen
-waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich
-und schalt laut ... Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch
-zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein
-kunsttheoretisches Kolleg las. -- Auf dem nächsten Bild stand eine
-Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen
-und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich
-gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und
-in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem
-Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche
-Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter,
-kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der
-Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut
-zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise
-sexuell aufgeklärt ... sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling
-hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und
-blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe
-schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und
-her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und
-langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen,
-Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne
-Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus
-und stand da, unzerstört, unverändert ... Nichts ging verloren, und
-diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren
-gehen? Wie hatte sie sich +darüber+ grämen können! Blieb nicht alles
-wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind -- wie
-oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen,
-denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen
-Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter,
-die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der
-jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh
-gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! ... und ihre Hände wandten
-fast in Ehrfurcht das nächste Blatt.
-
-Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es
-fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem
-Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit
-ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater -- eine Gabe
-für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -- (wie jung
-Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte
-Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit
-gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei,
-mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen
-Schaufeln ... Nichts war an ihnen fesselnd -- warum doch mußte sie
-so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau
-hier? Unmöglich, sich zu täuschen ... Das war Eva Eggeling, diese
-altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen
-Achselpuffen und Rüschen überall?
-
-Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft.
-Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses
-gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend,
-schüttelte sie den Kopf -- eine Haarnadel fiel auf den Teppich -- und
-ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit
-der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt,
-ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und
-ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst ... Sie warf
-die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen,
-sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier
-noch einmal! und dieses auch ... Sie hatte es vorhin übersehen,
-begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt,
-in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge
-Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden
-mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses
-Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem
-Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und
-ihr! -- -- Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer
-und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel
-fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet,
-die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete
-Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.
-
-Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die
-leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben
-wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig
-schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise
-gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht
-mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege -- aber es war
-dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie
-blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer
-deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen
-heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling ... Eine fiebrige Folge
-von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder
-gefühlt -- -- sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im
-Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt
-wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da
-von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel
-auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte
-es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie
-hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte
-es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da,
-wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie -- dem
-Augenblick ward das seine ... und nun war sie alt und begriff nicht
-wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva
-Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein
-rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit
-bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf
-an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand ... und küßte sie blind
-ins Gesicht ... sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte
-mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der
-Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt
-von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib
-zersprengte; ein Mädchen war's ... Einmal stand sie auf Notre Dame,
-und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter
-Dolch, durch Paris -- und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause,
-eingesargt ... Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot
-war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts
-als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft
-ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht,
-in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß
-man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach
-aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie
-er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein
-mehr war als Nichtmehrleben (aber +was+ mehr, fand sie nicht).
-
-Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner
-Stirn und seinem Geiste -- aber noch immer war sie's, Eva, die groß und
-wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie
-war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich
-denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war
-es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was
-zwischen jung und alt lag, das Leben?
-
-Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die
-Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte
-ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel
-die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber
-ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht,
-das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher
-durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie
-hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen
--- war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre
-Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann ... Das Herz schlug ihr und
-hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört.
-Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die
-in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen,
-unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und
-Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht
-mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war ... Sie hob
-endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen
-und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß
-ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor
-Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper.
-Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes
-Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte
-sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und
-ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines
-kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen,
-ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen --
-bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter
-Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln
-und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen
-Skelett ...
-
-Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren.
-
-Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu
-fürchten, ehe er da war -- sie konnte sich bei seinem Namen noch immer
-nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke
-nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe
-nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken,
-unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem
-Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es
-riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das
-Sterben; man stirbt -- das ist irgendwie dumpf grausig ... aber +dabei
-lebt man noch+. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet
-ein Riß, ein undenkbar schmaler -- aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke
-wollte ihn ihr füllen. Laß ab.
-
-Sie würde also sterben ... was blieb dann von ihr? Was war von ihrer
-Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte --
-denn meist war sie vergessen -- und sie, die Tochter. Und so würde
-von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis -- ein
-gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen
-lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die
-fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und
-der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und
-gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie
-zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter
-aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen
-ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor
-jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty
-Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme -- wie würde das nächste Haus
-heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und
-es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor,
-das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es
-dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles
-Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren
-Mütter.
-
-Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich,
-überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem
-Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich
-frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab
-an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte
-sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich,
-daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte
-zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else.
-Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und
-Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte.
-Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da
-draußen ...? Wie das weinen konnte, offen und genußreich ... Doch
-keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der
-in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte,
-denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und
-eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und
-entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam
-geknebeltes Tier.
-
-»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« -- »Ich bitte.«
-
-Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich,
-wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen
-Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet;
-und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu
-Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte
-sich so sehr nach Zuneigung und Trost ... Sie hieß ihn willkommen
-und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt,
-gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte
-nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen
-Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht,
-was ich anfangen sollte ohne Sie ... Ich muß mich doch erst daran
-gewöhnen ...« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen
-der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige
-Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches
-Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen
-Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange
-elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern?
-Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja,
-sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und
-erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für
-ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in
-der kranken Hand. »Ich suche schon ... hier? nein, das ist zu bunt ...
-Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin,
-mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften.
-Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei
-Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie
-selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab ...
-wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und
-hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das
-Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder
-der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche
-Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er
-wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah,
-was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase
-klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich
-um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese
-Trachten ...« Warum war sie denn so bleich?
-
-Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche
-gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte,
-während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich
-hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun ... Es ist unser
-Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich ... mir hat es
-erzählt--« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten,
-die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die
-Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre
-Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten
-Menschen -- jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund
-in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen
-aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen
-geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß.
-
-Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos
-von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es
-Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben
-noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie
-verlegen wäre ... aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben
-war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte
-er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines
-machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu
-verneigen.
-
-Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging
-er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie.
-
-Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem
-Klingen.
-
-
-
-
-Die keusche Nacht
-
-
-Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf
-sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen -- einem Stoff, der
-kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur
-Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt
-taumelte noch in ihrem Kopfe -- aber gleichviel, gleichviel ... sie
-fand sich davon gemartert ... Sie preßte die Handflächen kühlend an
-beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt --
-und nun stand noch +das+ bevor ...
-
-Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust
-... Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine
-Erwartung -- am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht
-nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und
-nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst -- Angst vor dem Manne,
-die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers
-vor einer allzufremden Erfahrung ... Sie erinnerte sich ähnlicher
-Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden
-sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet -- er arbeitete
-vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim
-Namen -- vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr.
-Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung
-beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt.
-Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch
-gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie
-irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert.
-
-Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein
-Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte
-klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden
-war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche.
-Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich
-irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle
-darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen,
-ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden
-mit vertieftem Gefühl -- aber nichts sagte einem, da Natur schwieg,
-welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos
-wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und
-halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen
-stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge
-dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der
-gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den
-sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint ...
-Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen:
-aber sie hingen ohnehin in Ordnung ... und man fand sich abgeschmackt
-und ungeduldig empört gegen sich selbst ... Warum er sie jetzt allein
-ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu
-Abend gegessen hatte! Er sollte kommen!
-
-Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das
-zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht,
-und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn,
-nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war
-unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte
-sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen;
-die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte
-seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und
-behutsamsten Klang, den er finden konnte:
-
-»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm
-sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich ... Nicht vor
-dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte
-zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und
-zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten
-von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:
-
-»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden,
-nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit
-tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine
-Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste
-die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.
-
-»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte
-ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht ...«
-
-»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die
-Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab,
-sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und
-so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese
-Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt.
-Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan
-übernachten.«
-
-»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in sich aber bejahte sie
-diesen Vorschlag stürmisch: ach ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte
-dich!
-
-Er drang mit den Fingern behutsam in ihr Haar, blickte ins Zimmer, in
-das durchschnittlich ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension
-und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber nach einer Pause: »Und doch
-nicht, Kind. Es wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt nicht
-diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, die man immerhin lieb hat
-... nicht wahr?« Später, dachte sie schweigend und gejagt; später wird
-es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück ... und daß er dies spätere
-heute schon bedachte, war das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's
-gelten ließ?
-
-»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre ja morgen und übermorgen
-dasselbe Problem gestellt und wäre endlich nicht mehr zu umgehen.
-Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir einigen uns so,« schloß
-er gemütlich, fast heiter: »du legst dich zu Bett wie stets -- und
-dann finde ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde im
-Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so morgen und jede Nacht, bis
-du dich an deinen Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde schlägt,
-überraschend, Liebling. Denn was dich verstört, ist einfach das Wissen.
-Nun?«
-
-Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht:
-
-»Ist dir das ernst?«
-
-»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen wie er sich freute, daß
-sie Mut faßte, und ihr Mut war dadurch selbstsicherer.
-
-»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?«
-
-»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast das mit so rührender
-Hoffnung gesagt.« Sie lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge
-ihn in diesem Augenblick nicht mißverstehen ... Aber sie hatte noch
-etwas Schweres zu fragen: »Und du glaubst, das ... würde gehen, heute?«
-
-»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. Ich habe schon eine keusche
-Nacht neben einem Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas zur
-Unterhaltung.«
-
-»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei
-diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir
-da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts,
-als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst
-leugnet: Angst -- und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand
-es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang
-zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht
-machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr
-bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein
-Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.
-
-»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient
-gemacht. ~Au revoir~,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.
-
-Sie schloß sie kaum hinter sich -- da schüttete er schon Wasser in
-ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es
-die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt,
-nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe
-er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und
-Heiterkeit geglaubt -- welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als
-möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die
-neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem
-See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die
-Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen
-Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher
-dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann
-durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich,
-möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das
-brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung.
-Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit
-scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte
-gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte
-sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier
-konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos
-oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er
-noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über
-solche Stunden hinweghoben -- es galt vielmehr, die schärfste Zügelung
-jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es
-zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau -- und was alles von dieser
-Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil
-anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange
-man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte
-ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück,
-das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die
-Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte
-eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor
-Erregung -- vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete
-sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur
-zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln,
-und unter welchen Erschwerungen ... Seine Hände waren leichenkalt. Das
-war die Rache der Kultur, die bis hierher drang -- bis hierher, wo die
-Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte.
-Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett;
-er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist
-es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der
-Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten
-Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß
-und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte.
-Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen
-Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende
-Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung,
-die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur
-bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde
-zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele
-die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit
-retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das
-Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im
-Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert
-wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und
-die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der
-Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo
-sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und
-Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang --
-was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die
-Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen
-ließ -- das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen
-voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen
-das Fleisch.
-
-So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ,
-auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen.
-
-Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen
-braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren
-jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die
-zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ,
-Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen,
-indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim
-Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung
-nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel,
-der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen
-zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während
-er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen,
-die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu
-ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung
-der Zähne.
-
-Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich,
-allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und
-versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie
-sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse
-beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert
-hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes
-zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte
-sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch
-blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das
-gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige
-Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim,
-und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied
-bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe
-des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als
-daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere
-nebenan ... Da liege ich nun in einem fremden Bett ... Sie erinnerte
-sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen
-Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem
-Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen
-das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr
-übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand,
-einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel
-strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das
-den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen
-den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der
-zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken
-vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären,
-und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts
-und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und
-beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das
-draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum
-sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete,
-sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß
-mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich
-nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern
-verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber
-und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes
-Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die
-von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen
-und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos ...
-Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen
-Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens,
-hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben
-würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim,
-im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte -- und
-nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis
-an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde
-Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier,
-das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt.
-
-Es blieb sterbend stehn: die Tür.
-
-Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich
-vom Kissen ab, halb sitzend.
-
-Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling ... wer sollte es
-denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er
-hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr.
-Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich
-bin ganz rasend dumm ... ich weiß nicht ...«
-
-»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir
-lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« ... Er mußte eine
-Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und
-angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung
-mißdeuten, und er +mußte+ ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er.
-»Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich
-vielleicht.«
-
-Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie.
-
-»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie
-besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis ...«
-
-Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der
-Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher
-Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte
-sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und
-er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen
-seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt
-ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit
-und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug
-einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie
-heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er
-würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr
-Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der
-Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.
-
-Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen,
-der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört.
-
-Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen
-neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines
-goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen
-Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte.
-Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu
-Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen
-hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie
-glücklich sie sind.
-
-Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf
-die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch
-jetzt tat? Aber er erschrak -- die Hand entfloh. Es war ihm, als
-würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,«
-sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit
-leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf
-die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar
-und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte;
-es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang.
-Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel
-vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung:
-denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu
-fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in
-ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben:
-und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich
-daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in
-der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem
-ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit
-Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam
-dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen,
-ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar.
-So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des
-Blutes.
-
-Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter?
-Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,«
-antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme
-war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht
-fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte
-es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er
-die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen
-in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten
-fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich
-fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung
-reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und
-überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man
-mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das
-leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte
-sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete
-sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr,
-Claudia Eggeling ... Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn
-schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von
-Blicken oder ... Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette,
-sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß -- und der Mann
-nebenan ... bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt ... und
-es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und --
-Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.
-
-»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre
-Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.«
-
-»Hier, ganz dicht bei dir.«
-
-Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine
-Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und
-schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er
-lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr
-Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis
-tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger
-als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich
-hinüber und atmete in ihren Haaren.
-
-»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« ... Ihre Keckheit und Sicherheit
-und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht,
-sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu
-und entschuldigte die Duldung ... Ihr Atem ging wie zerschnitten, und
-kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres
-Geistes -- sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin ... Und nun
-sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu +dir+,« und er +kam+
-zu ihr ... »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens
-zerschlug ihr die Stimme.
-
-Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte
-einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich,
-er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres
-geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag
-über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben
-gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über
-Katarakte von Lachen und Rausch -- und daß er sich noch berauschen
-konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das
-verstärkte widerhallend sein Glück.
-
-Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt
-und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder
-Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie
-hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei ... und daß sie ganz
-gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren
-und ihr Atem ging sehr laut und schnell.
-
-»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich
-will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände
-halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der
-Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden
-Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er
-sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich -- sein erstes
-Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen
-atemlosen Stimmchen.
-
-Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine
-kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines,
-das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte,
-tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und
-flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«
-
-»Ja.«
-
-Wie irgendeine sagte sie's ... Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante,
-mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach,
-ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm
-... Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide.
-Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht
-näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt
-sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks,
-das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände
-zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu
-beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner
-Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts
-sonst! ... du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt
-... Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte
-etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die
-Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie
-ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton:
-
-»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen,
-du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die
-ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich
-arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle
-Knochen des Kopfes auswendig ... Ja, wir machten also eine Fußtour
-im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge.
-Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe
-übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei
-Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester
-ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ
-sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber
-kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war -- ich hatte einen
-Grog getrunken -- schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf
-erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest
--- sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen
-bis sie still war -- und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht?
-und schliefen wie Bruder und Schwester.«
-
-Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß er: »Du wunderst dich
-hoffentlich nicht. Erstens ist man diszipliniert, und zweitens machte
-ich mir nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.«
-
-Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen gefährlichen Weg:
-sie empörte sich gegen den vergnügten Ton der Erzählung, gegen die
-Blindheit, die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, gegen
-die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen glaubte. Sie
-fand ihn frivol und sich mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im
-tiefsten gekränkt ... Vielleicht war zwischen ihr und jener doch eine
-Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso wenig -- schien es nicht
-so? Ihre Vernunft war gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß
-sie verschmäht sei.
-
-Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte er nicht), hörte die
-Uhr ticken und den langsamen glücklichen Schlag seines Herzens; dann
-schwoll die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper an
-sich zu fühlen, durch das Erinnern an jene entfacht, wie ein Blutstrom
-in ihm hoch; da sagte sie:
-
-»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte es mit klarem Hohn und
-versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen.
-
-Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff er nichts; einen
-Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; dann brach es in ihm auf:
-Lisbeth Ohlsen! Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie jedes
-törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! Er riß sie an den
-Händen nahe und wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen
-Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: »Walter!« schrie sie.
-
-Dann schlug sie die Arme auseinander und wie eine Welle über ihm
-zusammen, als er auf sie herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im
-Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes
-und triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und
-Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle
-Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle
-Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele.
-
-Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg zu Berg unter der
-schwarzen Brücke des sternfunkelnden gewölbten Himmels und rührte das
-ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf. Sie liefen an den Strand
-mit hellem Klickern, das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht
-ein Boot und die Herden stiller Fische, die im schwarzen Wasser standen
-und schliefen.
-
-
-
-
-Die Passion
-
-
-Menschenstimmen machten den Saal erbrausen, geübte und klare, ein
-lobsingender Strom. Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und
-sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten sich die Plätze der Tenöre
-und Bässe, und das Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und
-schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen Fenstern, die die rote
-Wand des Halbrunds teilten -- ein breiter schwarzer Streifen, über
-dem die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und der vom Metall
-der Hörner blitzte. Aber zwischen den hohen hellen Mauern, tief
-unter der braunen Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten,
-saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe hin tobte die Wucht des
-Gesanges, schlug schäumend an den Wänden empor, schien das Licht zu
-verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der Menschen dringend,
-ihre Herzen wie ein einziges großes Herz. Sie klangen wie Chaos,
-diese Chöre, sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen --
-waren sie in den Wolken verschwunden, daß solches geschah? -- und
-sie schrieen nach den Pforten der Hölle, damit sie sich öffne, den
-Stifter des Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war gefangen
-worden, Judas hatte ihn verraten -- und der Chor empörte sich selbst
-statt dieses allzulangmütigen Donnerers, er selbst raste wie Flammen in
-den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die Flöten und der Aufschrei
-der Tenöre, und das rastlose Brausen der Stimmen, die einander
-forttrieben, ihre kunstvolle Wildheit und die düstere Szene um den
-gefangenen Heiland, welche die Worte malten, gaben die chaotische
-Verzweiflung selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder
-menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen Regeln erzeugt,
-dieses Durcheinander von geführten Stimmen und tönenden Instrumenten
-ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen Gebilde,
-und die Rhythmen, die sich verwirrten und kreuzten, die Harmonien,
-die sich bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen Maße
-eines frommen Meisters und seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der
-Dirigent: aus dem kleinen Herrn im Frack und mit dreieckiger Glatze
-hatte sich das hundertjährige Werk ein Werkzeug geschaffen, um wieder
-einmal zu entstehen, hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein in
-die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe entrückt, und leitete sich
-selbst mit dessen bewegten Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz
-in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten, die vorn auf ihren
-Stühlen saßen, aufstehen und singen mit dem Ganzen ihrer erlernten
-Kunst, ließ es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen,
-der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ es die Geigen saugend singen
-und die Bässe tönen, tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all
-die ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in Reihen geordnete
-und namenlose Menge. Vor ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben
-ging der erste Teil zu Ende.
-
-Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen, auf Stühlen, die in einem
-Gange standen, außer der Reihe, denn sie waren zufällig und spät
-hierhergeraten und fremd in fremder Stadt; aber sie unterlagen dem
-gleichen Banne. Claudias Kinn war auf die Brust geneigt, die sich
-unter schillernder Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend wie
-eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt im Schoße, und
-die Wimpern der fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut
-der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen stützte sich auf den
-Schenkel, und das Gesicht des Gebeugten lag in der flach gerundeten
-Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen war vom Hören schwer wie
-Metall und ganz an das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner
-bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen, das er empfand,
-als Claudia bei den Einsetzungsworten des Abendmahls endlich ihre
-unfruchtbare kritische Haltung aufgegeben hatte und die Musik einfach
-hinnahm, tief in sich geschmiegt, wie sie noch jetzt schien. Seither
-hatte er nichts Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten
-Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem Inhalt des Werkes
-erwuchsen; als der Evangelist vom Ölberg erzählte, lag auf einen
-Augenblick in Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein Mensch auf
-der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher Sack, und krümmte sich vor dem
-Schicksal, und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu schlafen.
-Auch sprach es in ihm einmal den Namen Klaus Manths mit einem tief
-verächtlichen Ausdruck, und als beim letzten Nachtmahl die Stimme des
-Sängers und der schwebende Gesang der Geigen zu einer unbegreiflichen
-Einheit und unirdischen Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine
-Lippen den Namen des Meisters geflüstert: »Bach, o Bach!« weil er das
-Glück nicht ertragen konnte. Aber sonst war der Mensch, der erzählte
-Vorgang und die Musik im lodernden Erleben zu einem formlosen Ding
-eingeschmolzen. Es war +sein+ Geschick, dem all das Klingen vorne galt,
-und er selbst war darein verflochten und nicht verwandelter als in
-einem Traum. Er hatte die unvergängliche Schwermut gefühlt, mit der
-diese Worte gesprochen wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter
-euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht in einen
-derer, die in Verstörung fragten: »Herr, bin ich's?« und einer der
-ratlosesten, entsetzt, daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon hauste,
-der den Geliebten verriet -- denselben, um den seine Seele vor Erbarmen
-schauderte, als er klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und
-ruhen? ... Siehe, er ist da, der mich verrät.« Dann hielt ihm die Angst
-den Atem an, wie der Jünger den Meister küßte, und jener, der alles
-Zukünftige von Anfang schaute, ihn traurig fragte: »Mein Freund, warum
-bist du kommen?« und auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und
-Güte eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt, nach dem
-Grauen der Verzweiflung von Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber
-der Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen, ausgestreut wie
-in Wind und erntete dafür die beengende Seligkeit, in der er dumpf
-ruhte. Alles, was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war mit schwer
-tropfendem Glück getränkt, das wie Honig duftete -- wäre er je dafür
-offen gewesen, wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter all
-den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in Gethsemane die Stimme des
-ganz einsam Leidenden seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen
-hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu merken, und
-verspürte tiefe Beruhigung, als er die ganz in sich versenkte Frau
-reglos neben sich gewahrte. Getragen vom Wissen um die Verbundenheit
-mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses Fluges hatte er sich glücklich
-lachend in das Werk geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm unter
-den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche sollten sie beide
-hineintragen, miteinander und einander grüßend, zum ersten Male als
-Mann und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und Kunst.
-
-Musik band ihn ganz -- hatte er doch das Glas abgelegt, um nur zu
-hören -- und so entging ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht
-in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte inmitten
-allen lauten und bewegten Singens wie ein Schiffsjunge im Mastkorb
-wenn es stürmt. An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages.
-Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden einem froh
-aufspringenden Verlangen, die Matthäuspassion zu hören, die nach
-Aussagen Mitreisender am Abend in einer der nächsten Städte aufgeführt
-wurde. Sie stiegen aus, ließen ihren Zug unbekümmert weiterfahren
-und verwanderten die beiden freien Stunden in dem alten Städtchen,
-übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit und spitzbübisch
-entzückt von dem Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in dem
-warmen Saale und unter allzu vielen Menschen, fiel Claudia so jäh
-in Müdigkeit, daß nicht einmal der starke Kaffee, den sie getrunken
-hatten, den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere
-Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So hatte sie anfangs ohne jede
-Freude vor der Aufführung gesessen, hatte kritisch und kundig alle
-ihre Unvollkommenheiten ausgespürt -- fehlte doch selbst die Orgel im
-alten Saale, während drei oder vier alte Kirchen wundervollen Raum
-und sicherlich große Orgeln boten! -- war endlich eingeschlafen und
-schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende Träume gehabt,
-während um sie Choräle gesungen wurden, in denen eine ganze Gemeinde
-ihre Sünden büßte oder sich dem Heiland weihte, während Arien von
-Frauenstimmen klangen, begleitet von zwei Flöten, zwei Oboen oder
-Geigen, gleich und verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten
-Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll und rein wie alte
-kristallene Becher; Frauenstimmen hatten sich vermählt, Männerstimmen
-sie getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend seine Worte,
-und Chöre waren darauf erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge
-Kanon von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden Stimmen eine
-Größe und Wucht verlieh, die sich nur mit Worten von Psalmen sagen
-läßt. Selbst als die stille Stimme des Evangelisten nach der lauten
-Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller Melodik in epischer
-Schlichtheit, wie der gefangene Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte,
-regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht.
-
-Und der Herr redete. Walter Rohme hob den Kopf, atmete tief und trank
-die Stimme des Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war mild und
-süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer Hoheit und Reinheit, als
-käme sie von weit her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten.
-Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten Teil würde sie
-wenig mehr erklingen, sie und die langgedehnten hellen Harmonien, die
-sie umgaben, so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein um
-den Kopf seines Trägers schwebt. Er wünschte dringlich, daß der Herr
-die Legionen Engel riefe, von denen er sprach, denn es war schwer
-erträglich, so viel Güte und Adel in den Händen eines Volkes zu wissen,
-das nach Kreuzen schreien würde ... Und er begriff, daß die Jünger
-flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit gegen eigenes
-Leid ... Die Stimme schwieg und der Evangelist; und die spielenden
-und dennoch leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf, die
-den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten. Er hörte, wie sie
-nebeneinander in kleinen Schritten aufstiegen, jäh um ganze Oktaven
-fielen und von neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder mählich
-abzusteigen mit kurzem Hinundher und Trillern auf manchem Ton; dann
-begann der Sopran langsam den altertümlichen Choral, in langen
-gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob und senkte: »O Mensch,
-bewein' dein' Sünde groß« ... Walter Rohme war vom genauen Studieren
-des Werkes damit vertraut und hörte den Anfang mit Genuß, aber die
-tiefe Befangenheit und Verzauberung war verschwunden. Die rauhe und
-simple Theologie des Textes hallte in ihm nicht wider, wenn er auch die
-alten Zeilen und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten er das
-Leben gab und legt dabei all Krankheit ab bis sich die Zeit herdrange
-...« Die drei anderen Stimmen drängten sich ineinander und spielten
-beweglich und ernst um den langsamen Sopran und seine von der Last der
-Sünden schweren Schritte. Vor allem aber war das Ende zu fürchten.
-Nach dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein wohlverdienter
-Beifall zweifellos, der aber alles Zarte und Nachhallende, die
-schwebende und undeutliche Süßigkeit der ersten Minuten nach dem Werk
-ohne Gnade zerschlug -- das Feinste des Genusses und das Ehrfürchtigste
-der Stimmung. Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich unter
-dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen Bürgerhände. Welchen
-Tumult würde man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte sich
-jeden Augenblick:
-
- »daß er für uns geopfert würd,
- trüg unsrer Sünden schwere Bürd« ...
-
-Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von Verschiebungen der
-Rhythmen, von Harmonien, die sich flüchtig berührten, schnitten und
-durchdrangen, von kontrapunktischem Gegenströmen und Ineinanderfließen
-ungenossen bleiben mußte! Doch je näher der Choral dem Ende zustrebte,
-desto quälender ward die Angst. Seine Seele krümmte sich frierend ein:
-der tobende Lärm würde sie wie Hagel treffen. Er wünschte inständig,
-was jetzt gesungen wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber
-köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an: »wohl an dem Kreuze
-lange.« Der Dirigent nahm den Stab zu den hingedehnten Noten des
-Schlusses hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem den Schlußton
-lang, lange, während der Baß sich zu einer auf und ab steigenden Figur
-rüstete -- dann winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen wie
-abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die Luft in der Brust und machte
-sich stark, indem er sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten
-ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln aufwärts, setzten noch einmal
-tief ein, stiegen schräg auf in den endenden Akkord -- und der Dirigent
-ließ Stab und Hand müde fallen.
-
-Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein.
-
-»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd.
-
-Die Leute erhoben sich und verließen stumm den Saal. Sie gaben sich
-Mühe, geräuschlos zu gehen.
-
-Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen rund in fassungsloser
-Überraschung, die wie ein stürmisches Glück in ihm aufsprang, und ein
-Schauer von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart pochte. Sie
-kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen Seelen wollten schwer und schwebend
-entrückt bleiben. Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung,
-mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch umsetzten. Sie fühlten
-edler und zarter als er gedacht hatte. Und er bat sie inbrünstig um
-Verzeihung wie für eine Kränkung. Man strebte stumm nach den Türen;
-in allen Augen hing noch der Glanz des klingenden Traumes und schloß
-alle Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte das unbekümmerte
-Schwatzen abgehärteter Sängerinnen, und die vielen Schritte der
-Ermüdeten dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh auch ihnen. Er
-fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit gegen all diese Unbekannten, daß
-sie sich gutgesittet zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten,
-und wandte sich stürmisch zu Claudia, damit sie seine Freude teilte.
-Sie saß noch immer reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf
-und begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um und streifte
-ihre Schulter mit der Robe. Darauf bewegte sie leicht den Kopf und
-die eine Hand; von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er sich
-vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken -- und in dem Augenblicke ihres
-Erwachens merkte er, daß sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb
-quer übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch, aber starr
-und mit leerer Miene, aus der Sinn und Leben entwichen war. Sie hatte
-geschlafen. Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er sie an
-seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein Glück teilte, flog ihre
-Seele abseits und lautlos umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch
-dunkle Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von Träumen. Und
-doch war ihre Freude, neben ihm diese Musik zu hören, ein Versprechen
-gewesen. Sie hatte es nicht gehalten -- sollte er nicht unglücklich
-sein über diesen Betrug und entdeckten Verrat? Aber er war es; Trauer
-erfüllte ihn, die schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er wußte
-nicht, was in ihm, von dieser Überraschung verletzt, nun litt: Leid
-um die aufgehobene Gemeinsamkeit, nach der seine Liebe strebte, aber
-auch Eitelkeit des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens
-entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er sie überschätzt -- und auch
-hierin der Stachel: du konntest überschätzen! und vor allem die
-Pedanterie, die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft im
-Bette ... er überließ sich seinem Gefühl mit gutem Gewissen, wies es
-ganz seiner Liebe zu und saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben
-oder sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen und blickte
-vor sich hin. Sie hatte diese Stunde Seligkeit dumpfschlafend verwehen
-lassen ... Sie öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte wie
-ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten Stimmchen: »Ich habe
-geschlafen!« Er antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie entdeckte,
-daß die Leute hinausgingen und schrak auf: »Es ist doch nicht schon
-aus?« Sie zog schnell die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der
-erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein Gähnen zu verstecken.
-
-»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme, »du hast geschlafen.«
-Darauf hob er endlich die Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit
-zerstörtes Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich und farblos, und
-um die Augen wanden sich tiefe braune Schatten. Er begriff erbleichend,
-daß sie nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich zwar erst in
-äußere Schichten seines Wissens, drang aber unabweislich mit jedem
-Herzschlag tiefer in ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte
-wegzugehen, mußte er sie dazu auffordern; so befahl seine klar
-dastehende Pflicht.
-
-»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie mit schuldigem Gesicht,
-»ich bin's noch immer; das ist doch erst die Pause, nicht wahr?«
-
-Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht, das Gegenteil zu
-vernehmen, auch bemerkte er flüchtig, wie rührend ihre Haltung
-eigentlich sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh
-genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten Teil der Passion
-opfern, der die gewaltigen Chöre und seine liebsten Arien enthielt,
-mußte alle Erwartung, alle Erhobenheit und Entzückung glatt streichen
-und weggehen, weil sie schlafen mußte. Er grollte ihr dafür und gab
-sich diesem Grolle rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht
-in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend sagte: »Für uns
-ist's der Schluß.« Und nach einer winzigen Pause -- es wurde ihm gar
-zu schwer: »Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun würde sie sich
-sträuben, und auch das durfte er nicht gelten lassen. Sie tat es: »Aber
-du? Nein, bleiben wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er sich
-nicht enthalten zu erwidern -- und er war nicht stark genug, einen
-freundlicheren Klang zu erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem
-Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und einschläfst?« Er
-wußte, das wog als Anklage, in solchem Tone gesprochen, und wie
-sollte sie das nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam er
-sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und ging gesenkten Kopfes
-hinter ihm hinaus. Sie wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah
-das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen. Er war ganz
-bitter vor zielloser Wut; er verließ sie, drängte ohne Rücksicht,
-denn alle Vorräume waren voller Menschen, die sich unterhielten, zur
-Garderobe -- irgendwie mußte er sich entladen -- warf der Bedienung
-unfreundlich die Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher
-Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren, dachte er. Sie war ihm
-entgegengekommen, damit er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen
-Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz und wartete, bis er
-angezogen war, während jedermann sie erstaunt anblickte.
-
-Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch ohne Hut im Gespräch mit
-einem Mädchen. »Jawohl,« sagte er, während er ihnen Raum gab, »aber
-die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel, sagte Walter in sich zornig,
-für mich kommen sie nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede oder
-von Arien. Und während Claudia schwer an seinem Arme ging, quer über
-die Straße und unter Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles
-versäumte: da waren die Chöre, in denen das Volk nach Barrabas schrie
-und »Kreuzige«, wie aus Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des
-Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der verlassenen Gläubigen, da
-waren Duette von Frauenstimmen und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit
-des erzählenden Evangelisten; da waren von allen anderen Arien die
-nach den Worten »Am Abend da es kühle war,« und jene beiden von einer
-Sologeige begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt, spielen
-können, die für Alt rhythmisch verschmitzt und sanft, die Baßarie
-heiter über die Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel
-Einsicht erfordernd ... Er hörte nie oft genug ihren triumphierenden
-Gang: »Gebt mir meinen Jesum wieder« ... Und heute stand er auf und
-mußte vor ihr davongehen.
-
-Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete begierig von der
-reinen feuchten Nachtluft, während sie noch immer unter Bäumen
-hingingen: »Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter. Ich glaube,
-nur die Luft war schuld da drinnen. Die vielen Menschen!« und nach
-einigen Schritten fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich,
-Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon Zimmer hätten, müßtest
-du bleiben, ich bestände darauf. Aber ich traue mich nicht allein in
-ein fremdes Hotel.«
-
-Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig sich ihr Wesen gab;
-aber was sie anbot, nahm er nicht an -- außer allen anderen Gründen
-hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht gestattet. Aber
-er sagte nur, und er sagte es sanft: »Und drinnen hättest du wieder
-die Luft und die vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor, um
-ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte sich: »Sie haben mich
-eigentlich gräßlich gestört und sind an allem schuld,« meinte sie
-nachdenklich. »Sie und ... und noch anderes. Dich nicht auch?« »Nein,«
-antwortete er. »Was anderes?« Sie schwieg, und er fragte nicht weiter.
-Er hatte ihren Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder, wie
-sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit, schämte
-sich alles Grolls und selbst des Bedauerns um die verlorene Musik.
-Er hatte nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden, häßlichen
-Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu schaffen, gegen sie, die er zu
-innerst zu lieben glaubte, und hatte sich vom Ärger vergiften und
-erniedrigen lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich
-geworden und bereute sehr. Er schuldete ihr Abbitte und noch viel mehr,
-er mußte irgendetwas in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas
-Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem Urteil wieder ein wenig
-gerechtfertigter dastand. Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und
-Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine Brust und machte vor
-Erregung größere Schritte. »Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft.
-
-Sie wanderten schon auf der Straße im grünen Lichte des Gases: das
-Pflaster war feucht von Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er
-jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte sie. »Ich denke, Liebling.
-Wir sind bald da; jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der
-rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann nicht so?« »Ja. Ich
-will nicht schlafen, ich möchte nur liegen.«
-
-Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne:
-»Du siehst so müde aus, Liebste« ... Zärtlichkeit drängte ihr entgegen
-und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und
-nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so
-gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie
-schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute.
-
-Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche
-Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und
-setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen
-plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch
-hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter
-summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich
-zum Streit ...« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden
-Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat
-uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig
-und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr
-glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse,
-und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß
-vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf
-er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach
-Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn
-aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer.
-Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst
-nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.«
-Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie
-hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.«
-Er erstaunte: »Selbstverständlich« ... Und indem eine bange Frage in
-ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt?
-Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe
-hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß.
-Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie
-lächelte dazu.
-
-Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia
-hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an
-seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen,
-einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von
-bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie
-begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob
-seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend
-und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen
-Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem
-eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte
-er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder
-ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen
-können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung
-auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß,
-immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die
-Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen
-von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte
-das den Wert jener großen Gebärde? Und wie?
-
-Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste,
-und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber
-vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und
-quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen,
-und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock,
-und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so
-abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei
-da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia
-wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter
-den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb
-mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie
-ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er
-wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem
-Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging
-die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett
-streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das
-Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang,
-und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte.
-Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden
-Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie
-wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte
-ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte
-des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille
-sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende
-Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er
-so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise
-Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so
-überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein
-seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht ...!
-
-Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte
-schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der
-Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort
-verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß,
-halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte
-sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist
-du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« ...
-
-»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und
-schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« ... Er neigte sich über
-ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden
-Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach
-Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren
-Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch
-krank ...
-
-»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.«
-
-»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«
-
-»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?«
-
-»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah
-im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und
-rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest
-keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter
-Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis
-in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie
-einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte
-behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch
-er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele
-so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für
-gleiches; aber er gab es schwerer.
-
-»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?«
-
-»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin
-habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine
-fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen
-schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und
-wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste
-aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die
-Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis
-beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -- ich blieb dir
-vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt
-falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst
-du dich? und ich sagte nein.«
-
-Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn
-erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne.
-Nun?«
-
-Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn
-durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem
-dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte
-zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern
-in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das
-war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da
-fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten.
-Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu
-haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch
-die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie
-entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du
-scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht
-vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«
-
-Sie verstand nichts.
-
-»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich
-nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach
-dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher.
-Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder
-oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche?
-Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte
-auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor
-ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich
-meine?«
-
-Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn
-befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein
-ließ?
-
-»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt,
-was du meinst. Aber wie es zu +dir+ kommt, und gerade heute, das ist
-mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -- weil
-der Mensch ein hoffendes Tier war.
-
-»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden.
-Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht
-nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke
-nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich,
-und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen
-Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem
-Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle
-ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei
--- wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen
-jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch,
-daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem
-Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer.
-Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still
-aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht
-öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als
-Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte,
-noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und
-alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab:
-
-»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde?
-Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«
-
-»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und
-neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um
-seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ
-sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute
-nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;«
-küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.
-
-Er strich über ihre Stirn und ging.
-
-Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt;
-er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in
-sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch
-etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun,
-so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch
-nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie
-wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales
-noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden ... Das ist ein
-weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich,
-vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich
-frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der
-friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so,
-als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das
-Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der
-Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten ...
-
-Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die
-Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber
-das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren
-antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im
-tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt
-aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf
-mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich
-wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten,
-zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief
-abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die
-Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam
-bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe
-zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die
-im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb
-ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich
-zurück.
-
-Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter
-des Eggelingschen Hauses -- Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und
-Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin
-vorzunehmen waren -- und daß er die Arbeiten beschleunigen solle.
-Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer
-kam dazu und die Schlafzimmer ... Der Zigarrenrauch schickte bläuliche
-Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten
-etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine
-nachgingen.
-
-Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf
-das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm
-im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die
-Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann
-er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und
-entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu
-und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die
-er ehrte.
-
-Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend,
-dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen
-Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl
-unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die
-sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe
-zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere
-zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings
-gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem
-gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen
-aus und ein -- vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick
-ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit
-einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte
-sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit
-zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete
-sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte
-die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden
-Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze
-Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander
-dieser ganze Abend ... Sie schläft und er genießt -- er zürnt ihr
-während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis -- und er errät
-nicht, +kann+ nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche
-Leib, der an eine andere Welt grenzt ... Man war trotz allem ziemlich
-allein -- und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das
-Leid der Welt vermehrt ... Das verständliche Denken verfiel in ein
-Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und
-im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner
-Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? ... Siehe, er ist
-da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer.
-
-
-
-
-Die Sonatine
-
-
-Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die
-blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das
-Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend
-Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu
-Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es
-warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke,
-hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -- sie
-atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht
--- ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:
-
-»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen
-einschreiten.«
-
-Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter ... Hast du die
-Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?«
-
-»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am
-Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein
-Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie prügeln sich und der
-Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt
-dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte
-dich!« ... und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar ...« und sie
-zuckte sonderbar mit den Schultern.
-
-»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen?
-Und welche dafür halten?«
-
-»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«
-
-»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?«
-
-»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es
-damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« ...
-
-Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«.
-
-Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit
-noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz
-rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit
-niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte,
-brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen
-zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen.
-
-Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte
-unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche
-Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde,
-wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand -- die
-junge Frau mußte damit fertig werden können ... Er hörte sie fragen:
-»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges
-Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else,
-hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster
-stand ohne hinauszusehen -- er erkannte gerade: er mußte sie zu sich
-hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden -- drehte sich um
-und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen
-Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer
-und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und
-geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise
-schnell hinaus.
-
-Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken
-an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte.
-»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir
-bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr
-herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft
-und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen
-erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete
-sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor
-und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das
-Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und
-schob die Türen auseinander. -- Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte
-von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und
-ihr die Hände hinhalten ... irgend einmal, nicht allzuspät.
-
-»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia ... Der Raum
-war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte,
-das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon
-das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und
-berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen
-sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie
-standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das
-inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des
-vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner
-Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der
-geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt,
-und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener
-Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten
-herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die
-geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu
-nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich
-die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte
-dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe
-zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster
-fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte
-hold vermählte, zitternd und schwindend.
-
-»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie
-Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch
-in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend
-rauchte. »~Cis-moll~,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein.
-
-»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er
-schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle
-ruhte, begann sie.
-
-Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend, in leichter
-Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich wehende Schleier aus Klang,
-über dem die Melodie aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein
-gestickt -- was war in ihn verwoben, das ein so eindringendes Glück
-geben konnte, ein inniges Angerührtsein nahe am Herzen? Träumen,
-träumen. Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte Strom der
-Empfindungen strudeln will. Ja, denke deiner Jugend, Walter Rohme, da
-es in dir so will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß
-die Spur, die du von dem mordenden Schüler jenes Zeitungsblattes zum
-gegenwärtigen Augenblicke führen siehst ... Ja, du bist es, der hier
-sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond über stille Wiesen
-hin nach dem schwarz ängstigenden Walde lockte, den er auf einer
-Lichtung hinwarf, und dessen Tränen er zu weißem Silber zauberte ... du
-bist es! Damals hat dir niemand so unirdisch zugesungen wie es jetzt
-eine tut -- und die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders als
-in langem Laufen, in Träumen und auf den ärmlichen vier Saiten deiner
-gelben Geige, die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen
-mußte ... Jetzt aber -- bist du nicht jetzt erst jung? Wohin ist der
-häßliche Bart, der dein Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter
-deinen Augen und die hohen Kragen, die dich einengten und versteiften?
-Ein verjüngtes Gesicht hebt sich auf schlankem Halse aus dem niedrig
-umlegten Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und zärtlich zu
-ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß freilich nicht, wovon sie dich
-erlöste, auch ahnt sie nichts von den Niederungen, aus denen du dich zu
-ihr erhobst -- soll sie nie davon wissen? -- aber höre sie: sie sendet
-dir ihre Töne; und was du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist
-ihre ganze hingegebene fromm machende Liebe.
-
-Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem Ausdruck, der ihr ganzes
-Gesicht veränderte und es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die
-ihre Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern. Walter Rohme
-liebkoste sie mit Blicken wie mit langen Wimpern, deren Bewegung
-auch er selbst beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem Ohre
-gespielt, aber doch nur in seinem Innern, ein Stückchen Geigenmusik,
-ein schüchternes Thema von leichtfüßiger Melancholie: nach einer
-Stufe ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend sanftes Auf
-und Ab -- fast nichts. Klavierklänge vorher ... aber als er sich der
-Erscheinung zuwandte, war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine leichte
-Verwirrung entstand, dauerte und mündete in die Frage: woher kam diese
-phantastisch deutliche Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus den
-jungen Tagen, als du gerade spielen konntest: rate; Haydn? Mozart?
-mußte es nicht Mozart sein?
-
-Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein Ende, und nicht nur
-die Vorbereitung des ~andante~, erhob er sich unter einem inneren
-Befehl. Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn, dann nahm er
-den Geigenkasten herab, der oben lag. Claudia sah ihm schweigend,
-staunend zu. Offenbar will er geigen; er war heute also im Hören
-nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende der Sonate erwarten sollen?
-Sie fühlte sich eher geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu
-schöpfen und zu strömen; die Noten würden sie nicht wenig beengen
-... aber da er wollte -- -- Sein Betragen war ungewöhnlich und
-hatte sicher ein starkes Motiv -- was trieb ihn nur? Er kniete vor
-dem offenen Schrank und las, mit einem Streichholz leuchtend, in der
-Tafel, die seinen Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die
-Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem Warten, wie er
-die Kerzen zweier breitfüßiger Leuchter entzündete, von denen jeder
-zwei auf ausgebreiteten Armen über seinen kurzen Rumpf erhob; die
-Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten die Dunkelheit in die
-Ecken des Raumes; und als er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die
-Nacht vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes herabließ,
-streichelte er rasch einmal ihren Scheitel; dann holte er die Geige
-und das grüne Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen. Würde es
-Brahms sein oder Bach?
-
-»Schubert,« las sie halblaut und verwundert, »Sonatinen, ~opus~ 137?«
-
-»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich eine Erinnerung:
-wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit. Das ist hier die erste
-Sonate, die ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und
-du langweilst dich am Ende dabei. Aber das +will+ heute gespielt
-werden ... ich hatte es allzulange vergessen ...« Du Gütiger, dachte
-sie glücklich und gab ihm statt aller Antwort den Grundton und die
-Quinten an; er stimmte, und die sanften lauten Doppelstimmen klangen im
-Flackern der Kerzen.
-
-»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten Satze an,« sagte er, die
-Geige schon unterm Kinn; »aber mein Gewissen ...«
-
-»Dein Gewissen hat sehr recht.«
-
-»Obwohl mich nur das ~andante~ besucht hat?« ... Der Bogen hing schräg
-herab, mit der Spitze in den Teppich gebohrt.
-
-»Und wenn das Kind noch netter bittet und das Stimmchen oben schweben
-läßt: erst das ~allegro~, und das ~andante~ als Belohnung.«
-
-»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern Glück ...«
-
-»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«
-
-»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns wohlfühlt, und daß
-Sirmisch bei ihr ist. Ich habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen
-von der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt sie uns das
-ganze Haus und reist, die alte Dame.«
-
-»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe -- nun, du warst nicht zehn
-Jahre lang mit ihr allein ... Ich brächte übrigens zum Plaudern nicht
-nur die Geige in Spiellage, sondern auch den Bogen ...«
-
-Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie begannen: ein freundlich
-auf und ab eilendes Motiv, einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine
-kleine Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte sich die
-Oberstimme des Klaviers zu spielenden Schaumketten, die Unterstimme
-verspätete das Thema um einen Takt -- und im Vorwärtsdringen der Geige,
-mit Veränderung, Wiederholung und Tausch der Führung baute sich der
-Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht in der Ordnung,
-aber von einer Klarheit und verjüngenden Bewegtheit, daß Claudias
-Lippen von einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten
-schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt enthielten, sanft
-glänzend und erfreut am Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.
-
-Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit beständig abirren und
-spielte endlich in traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete die
-sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe nach so langem Vergessen:
-da wußte er noch das Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen! Er sah
-einem Andern zu, der für ihn spielte, einem Ich, das die Form eines
-Knaben mit glücklichen Augen über mageren Backen annahm, sowie er die
-Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle des Bogenführens, die
-gestreckte Geradheit des Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn
-der Bogen herabging ... das allmähliche Sich-Einkrümmen beim Aufstrich
-wie die Kolbengelenke eines Dynamos ... das präzise Auffallen und
-rasche Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals -- diese ganze
-geübte und zweckvolle Mechanik, die während seiner Abwesenheit einer
-lenkte und bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein innerster
-Kern -- jetzt summte er ein Stückchen den Rhythmus mit, und »~cis~«
-rief Claudia, während sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ,
-»~cis~! du spielst schon zum zweiten Male ~c~.«
-
-Er erschrak, brach ab und lachte befangen. »Diesen Fehler habe ich als
-Junge eingeübt, er kommt wieder mit.«
-
-»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint mir; bist du müde, Lieber?«
-
-»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz vorne vielmehr, bei dem kleinen
-Rohme. Aber laß nur, beim zweiten Satze ...« »Ich bestehe trotzdem
-auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal die drei Halben vor dem
-Lauf. Ich finde es entzückend.« Er begann gehorsam, und während sie den
-Satz zu Ende führten, wunderte er sich im Herzen über die Leichtigkeit
-dieser Musik ... Ja, der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn
-war das eine Eroberung gewesen, eine schwere ... War er ihr nicht
-schuldig, von alledem zu reden, was mit den Klängen auferstand? ... Da
-wäre schon die Gelegenheit? -- Gefährlich! rief es ihm zu, zu nahe an
-dir, an ihr ... Sie schlossen.
-
-Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus: welcher Friede! Auf jedem
-Blatte stand mit Mondschein geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die
-Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der seine Haare bewegte, hob
-seine Brust und breitete in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der
-Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen, verdient nach
-dem Sieg über die Jugend, über diese Zeit der zerfressenden Qualen! ...
-Er wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt, und bettete
-sein Gesicht küssend in Claudias Haar, das wie Nachtblumen duftete.
-Blüte meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit, die in ihrer
-Fülle starb, Blüte du meines Glücks ... oh Claudia ... die Tränen waren
-ihm nahe. Sie bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich
-über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete, wandte sie das
-Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:
-
-»Ich glaube, ich war es, die vorhin das ~andante~ nicht erwarten
-konnte.«
-
-»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender Stimme.
-
-Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten Händen ließ sie das Thema
-sich austönen, während die Geige schwieg, diese leichte Melancholie,
-aufhüpfend, schreitend und hinab -- und dann lauschte sie lächelnd
-und beglückt dem durchsichtigen Spiel der getragenen Töne. Was
-hieran hieß denn schön, was war denn zauberisch in der schlichten
-Verbindung einfacher Terzen und Oktaven, was gab es denn Unerhörtes
-in diesem sachten Strömen von Stimmen, die miteinander gingen oder
-sich symmetrisch auswichen, was sprach denn so süß zu ihrem Herzen,
-während sie hier ihre Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden
-Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach hinging, wie sanft und
-klar, und nicht trauriger als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll
-von Glück ... Ah, nun sang die Geige, sang sich aus mit einer Stimme
-über Menschenstimmen ... fast zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre
-von den Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte wie man
-ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses mühsam in Maß gezwungene
-Ausdrücken den zarten Gang des Ganzen ... Man mußte die eignen Töne
-ehrfürchtig dämpfen ... Ja, das war die Seele, die tönte, und der
-Bogen ging nicht anders über die Saiten hin, die unter ihm zitterten,
-wie über die Seele das Glück ... Nun kam es an sie, zu antworten --
-und wie sich der Gesang der Saiten in ein murmelndes Gerank verlor,
-sprach sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen Harmonien,
-die geschrieben standen. »Schubert,« dachte sie, und dachte »Walter«
-und dachte »ich liebe dich« und dachte »mein Glück --« alles in diesem
-einen Namen.
-
-Das ist das Ende -- schon; leider. Nun noch die beiden Akkorde,
-die alles lösten und gelind in die Stille entließen, in das tiefe
-wundervolle Schweigen, durchsungen von nachhaltenden Saiten ... Ein
-Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh, schreckte sie auf, noch
-ehe sie hinsah war ihr deutlich, daß Walter Geige und Bogen heftig
-fortgelegt hatte ... Da stand er am Tisch, die Arme gespannt, die
-Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend: von seinem Gesicht
-löste sich eine Qual ab, die es verzerrt hatte: »Was hast du,
-Liebster!« fragte sie angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt,
-sanft, indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling, oder
-wenigstens nicht viel.« ... Sie hörte nicht auf, in den Augen ein
-dringliches und banges Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es
-sind nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich diesen kindlichen
-Mordversuch aus dem Druckpapier drinnen nicht los wurde, warum ich
-mich im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese Musik da meldete
--- oh, ich weiß wohl! Vergangenheit ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt,
-neben dir stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder wie dem
-Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen, aus den Wirrnissen
-seiner Seele, die sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik.
-Denn wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten aus der Geige zu
-reden, wurde ich so schwermütig, so voll von pressender Angst und Not,
-als erdrücke einer mein Herz langsam mit harten Händen ... dann brach
-die kümmerliche Melodie ab, und ich saß stumm im Dunkeln, in einem
-Grade unglücklich, vor dem mir jetzt schaudert ... Dann kam alles das,
-womit ich rang, alles das in mir, was ich schlecht und böse nannte,
-das Lasterhafte und Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all
-das, dem ich untertan war und gegen das ich mich fruchtlos empörte, und
-machte mich verzweifeln. Dies hier aber« -- er schlug auf die Noten --
-»und dergleichen tröstete mich« ... Er schwieg tief befreit. Wie das
-aus ihm quillt ... Du Zarter, dachte sie, du Guter, was für winzige
-Erlebnisse mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst du dich ...
-als du mir von dem Pakete erzähltest, das nach so kuriosen Schicksalen
-zur Post kam? »Was quälte dich denn so, damals? Wie alt warst du,
-vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen in ihrem Ton, ein zärtliches,
-schelmisches, ein verliebtes. Die Kerzen flackerten im Winde und
-tropften in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was mich quälte? Ich
-sagte es: ich fand mich schlecht; und befahl mir vergebens, gut, rein,
-fehllos zu werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik zu sein
-und einem Priester beichten zu dürfen, einem nicht mehr menschlichen
-Wesen, das strafen durfte, aber auch mit Kräften begabt war, zu
-verzeihen -- mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten einen
-Geistlichen an der Schule, einen strengen, sanften und musikalischen
-Priester, klug, geschult und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser
-eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war manchmal betrunken und
-versah außerdem den Turnunterricht« ...
-
-Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den sie aus ihrer ganzen
-Freude an ihm aufschießen fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der
-er sprach. »Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte. Ich
-will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche die Lichter aus« --
-und sie blies in die Flammen, »nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die
-Mondnacht durch die Fenster ein, schlug empor und füllte das Zimmer wie
-vorher still mit durchsichtiger Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem
-neuen Lichte, mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel; er
-nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte ihre Hüften und, ehe
-er den Kopf auf ihre Knie legte, sandte er noch einmal diesen Blick
-hinauf, ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und in das
-erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt in seinen Augen ... was wird er
-sagen? ist's dennoch etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt die
-Stille, der Mond, das ungewisse Licht ...
-
-»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar und der Priester
-ein Gott -- was wird er sagen? Gleichviel. Höre gut hin, nimm es
-nicht allzuleicht und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um
-anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber ich litt hinterher und
-bereute -- bis zum nächsten Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich
-naschte. Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich +wußte+,
-daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine wertlose Heftchen; aber
-ich entwendete sie. Noch als Student, im ersten Semester, stahl ich in
-einem Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich tat das, weil ich
-ihn nicht kaufen konnte, weil die Leute sorglos waren und leichtsinnig
--- aber ich stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen
-Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich, der Stimme diese
-Schwere zu nehmen? Claudia saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht
-sehen -- dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere; auch starben die nicht,
-die ich mordete; denn ich war ohnmächtig und meist feige. So blieb es
-dabei, daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend wünschte, daß
-ich zu Gott darum betete, er möge sie krepieren lassen, Lehrer, bei
-denen ich nichts gekonnt hatte, Kameraden, die mich überwunden hatten,
-meine Eltern, wenn sie mich hinderten, meinem Willen zu folgen. Es
-tobte in mir von Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem Töten.
-Nur die Hemmungen trennten mich von der Tat. Und wie leicht fielen
-sie! Ich erinnere mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes
-Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester Freund kommt mich
-besuchen. Wir unterhalten uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend,
-wir disputierten, streiten, er wird recht behalten: da faßt mich
-Raserei und ich ... gieße ihm ein Glas Wasser ins Gesicht, das neben
-mir steht! Wer wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte, wäre
-mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie dem Jungen in der Zeitung?
-Ich liebte ihn sehr, es war mein Freund -- und dennoch! ... Aus
-Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich ihn um Verzeihung« ...
-
-Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah hier? Wer schrie so
-leidenschaftlich aus ihm, aus Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen
-Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte hier, büßte mit heißer
-Stirn und zuckendem Herzen? Und was lag hier vor, daß er sich schämte,
-offen schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still in seinen
-Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt ...
-
-»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher bräunlicher Knabe. Wir
-gingen zusammen baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung; ja.
-Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir gebadet hatten, trockneten
-wir einander ab. Und dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen wir
-uns, und berührten uns und küßten uns. Dann befahl einer, und der
-andere legte sich auf die harten Holzlatten, zur Peinigung. Und der
-erste ...«
-
-Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den Sessel umwarf. Sie hielt
-die Hände zwischen sich und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter
-Abwehr, und ging hinaus -- das Gesicht abgewendet, mit ganz großen
-schwarzen Augen, blinkte im Mondlicht steinweiß -- ging durch die Tür,
-durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer, und drehte den
-Schlüssel um, zweimal.
-
-Sie hielt an und blickte starr in den lichten Raum, dessen weiße
-Wände die Helligkeit verdoppelten. Er lag ganz still, nur die Möbel
-knarrten noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte sich in
-regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper zitterte schrecklich, wie von
-elektrischen Strömen geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel
-des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen Kleid, das der
-Mond ganz hell machte ..., dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus
-der ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie. Sie schüttelte
-schnell und entsetzt den Kopf: nicht mich ansehen! Die Kniee wurden
-ihr schwach, sie taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann legte
-sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.
-
-Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt war sie von
-wirbelnder Verstörung, die umschwang wie schwarzes Wasser im Trichter
-eines Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der riesengroßen Woge
-hinterlassen war, mit der das Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei
-diesem furchtbaren Gestehen ... Im Erinnern versagte ihr der Atem, sie
-keuchte leise. Er, er! das war in ihm, so sah er aus, ohne Kleider ...
-Es war ihr, als müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen, laufen
-bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit, meilenfern von
-ihm ... War sie hier sicher? Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war
-verschlossen, doppelt -- aber noch den Riegel vorschieben: den Schrank
-davor stellen, wenn sie es gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch
-die Tür und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt nichts als
-Furcht und Abscheu ... Dann lief sie lautlos zu ihrem großen Stuhle
-zurück, verkroch sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon
-versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.
-
-Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten Nicht-Denkenkönnen erhoben
-Gefühle ihre Häupter und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie
-es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in sich haben dürfen,
-wenn er mir so nahe kommen wollte. Er hat mich unerhört betrogen ...
-Sie jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen, wanden
-sich ruhelos in schmerzender Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte
-scheu zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden ... entsetzlich
-... Aber mindestens schweigen mußte er, nicht auch sie beschmutzen
-und zerrütten, damit auch sie heillos und erniedrigt sei ... Welche
-Entblößung ... und die Scham, die ihn hätte zügeln müssen, brannte in
-ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie hatte sich zu schämen, es war in der
-Ordnung: war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch zu Mensch,
-innerlich unlöslich an ihn geknüpft ... Mußte sie nicht verzweifeln?
-... Da fragte es plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause ...
-dann sah sie hin und stellte fest: -- ja. Sie atmete tief und wußte
-nicht, warum. Ist das Verzweiflung? Wirre Stille übertäubte die Antwort.
-
-Sie erhob sich und stand am offenen Fenster, blickte zum Himmel auf
-und sah den Mond, der sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit
-und unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, schräg,
-den Rücken an Mauer und Rahmen gelehnt; das gelbliche Kleid floß
-wie ein Lichtbrei ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an
-dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses Mitleid mit sich
-drang in sie ein und löste ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen.
-Wie war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen wie sie ...
-Tropfen um Tropfen rann über ihre Wangen und glitt salzig in die
-Winkel des in Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos litt sie,
-hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu flüstern wie bisher -- denn
-der diesen Namen trug, der machte sie leiden. Was war von dem Zauber
-der Nacht geblieben? Was geblieben von dem blauen Glanze in der Luft
-und dem Lichte, mit dem man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch?
-Auch jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte keinen Rat,
-und ihrem Unglück antwortete er nicht, der Zauber des nächtlich
-blauen Himmels, der doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen
-hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter der blühenden
-Kastanien drohten noch immer, mit bleichen Flammen besteckt, die im
-Winde schwankten, von den gerundeten Akazien her schwammen auf der
-Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte sich davon wie von der
-sanfttönenden Klarinette der singende Klang der Oboe, und wie helle
-Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im bleichenden Lichte,
-seine Düfte empor. Da unten atmete ihr lieber Garten -- warum blieb er
-schön, reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn es war doch
-alles zerstört und zu Ende -- und niemand so verlassen und unglücklich
-wie sie ... Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort im Zimmer,
-nebenan? Saß da nicht einer, der litt, und bitterlich litt? ...
-
-Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach
-dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die
-Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich,
-sagte es in ihr, besinne dich ... und wie in plötzlichem Entschluß
-fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas
-Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb
-ins lebendige Fleisch! -- Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst
-im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann -- wer? Dein Gatte, dein
-Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend,
-die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch
-und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm
-begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn
-du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war
-immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu
-verschweigen, nicht zu wissen -- du wolltest stets in Reinheit deinen
-Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen
-das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was
-du das Gemeine nennst ... du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter
-Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir
-schläft und dem du -- wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben
-gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du
-nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen
-lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er,
-von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein.
-
-Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken
-rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht -- wie wohltuend fühlte
-sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte
-zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene
-im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung:
-was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie
-konnte es noch denken, aber sie +fühlte+ es nicht mehr ... Sie war
-geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen -- warum
-nur? ... Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies.
-Sie besann sich auf ihn -- vergebens. Er hatte stark gewirkt, und
-dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme,
-und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie
-sich des Geständnisses erinnerte -- nein, wenn dieses Geständnis ihr
-eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen.
-Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen,
-ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht
-in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt --
-alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden
-war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man
-Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen;
-daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die
-Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen -- hätte sie früher
-nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte?
-Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres
-Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie
-fortgetragen -- und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und
-seine Qualen verwickelt, sich und ihn.
-
-Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem -- dann machte
-sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und
-manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen.
-Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. -- So möge er; ich litt,
-ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr -- nein, nicht einmal ebenso
-sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben -- er wird ihn
-schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften ... Hätte er
-doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß
-sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet ...
-Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht
-gesprochen? Es schien fast so ... Doch gleichviel: das Schlimme blieb
-ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber -- sie hielt an
-und ihre Stirn spannte sich -- mußte man nicht zusehen, gleichwohl
-weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller
-Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen:
-immer einen Mann neben sich zu sehen -- warum nicht auch diese? »Komme
-ich darüber hinweg?«
-
-Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu,
-diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen,
-er ihr die Hände entgegenhalten und ihr +helfen+? Er hatte es nicht
-so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und ... Was tat er
-denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen,
-hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! -- Aber sie verwehrte sich
-diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht
-denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den
-beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das
-zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und
-hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war ... Aber dennoch: sie
-mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich
-haben, und morgen würde man sehen. -- Morgen? Beim Lichte eines
-neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer
-aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte
-... eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe?
-Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen
-niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die
-verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch
-wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten -- und wie eine Verirrte,
-die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte,
-die sie ans Fenster führten.
-
-Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine
-Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht,
-Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz
-ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen
-traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der
-junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze
-Pfeife rauchend -- sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den
-leichten Rauch -- ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen
-kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an;
-augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den
-rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses.
-Sie blieb stehen -- »sie will über die Vordertreppe« -- machte auf dem
-anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich
-und eilte ihm nach; er nickte.
-
-Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in
-ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das
-Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam
-mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und
-die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise
-den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit
-vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er,
-ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle.
-
-Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer
-ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke
-erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in
-Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt.
-Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten
-Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf
-die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die
-mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie
-aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben
-Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie
-ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid
-oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die
-Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden
-Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte
-Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung
-seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie
-über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in
-seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in
-Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen
-sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer
-erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten
-jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in
-die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen,
-ganz leisen Stimme aus der innersten Brust:
-
-»Kannst du mir wirklich verzeihen?«
-
-Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu
-helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?«
-
-»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und
-dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.«
-
-»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!«
-
-»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben
-hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es
-trotzdem« ...
-
--- »Und es war gut. Es +mußte+ gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte
-ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je
-später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war
-+sehr+ gut.«
-
-»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen ... Du
-sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen
-solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz
-zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern
-aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich
-trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß
-du von mir wissen solltest -- mich trieb nichts als der eigensüchtige
-Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage,
-von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich,
-mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner
-Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die
-Versöhnung hineinzuziehen -- oder in mein Ende. Denn ich kann nicht
-leben ohne dich -- das habe ich grell gesehen da ich elender war als je
-zuvor.«
-
--- »Aber mein Leben +war+ falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein,
-aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt
-schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich
-Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das
-Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber
-hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist
-geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, -- nur
-härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos,
-vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es
-doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.«
-
-Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im
-silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu
-einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen
-einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen.
-
-»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über
-dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über
-ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns
-gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche.
-Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns
--- Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den
-Toten, den du geliebt hattest, -- da sah ich dich, eine Unbekannte.
-Heute jedoch -- wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden
-weißt?«
-
--- »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so
-viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich
-bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin schwach und neu.
-Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen,
-Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.«
-
-»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn
-von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht
-schwerere? Kleine Claudia, was dann?«
-
--- »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du
-bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles
-können.«
-
-»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und
-fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen
-und einander allezeit die Hände hinhalten.«
-
-Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre
-Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte.
-So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich
-ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die
-Lippen sanken aufeinander im Kusse.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 130: setze → setzt
- sie {setzt} mehrfach an, schluckt
-
- S. 175: oberflächig → oberflächlich
- wie {oberflächlich} und nebenhin mußten
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA ***
-
-***** This file should be named 52478-0.txt or 52478-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/2/4/7/52478/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-http://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/52478-0.zip b/old/52478-0.zip
deleted file mode 100644
index 458d099..0000000
--- a/old/52478-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52478-h.zip b/old/52478-h.zip
deleted file mode 100644
index 43f9940..0000000
--- a/old/52478-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52478-h/52478-h.htm b/old/52478-h/52478-h.htm
deleted file mode 100644
index 928247a..0000000
--- a/old/52478-h/52478-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,7359 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-}
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figright {
- margin-bottom: 1em;
- margin-top: 1em;
- margin-right: 10%;
- padding: 0;
- text-align: right;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-
-.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
-p.drop {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.drop:first-letter {
- float: left;
- margin: 0.3ex 0.1em 0 0;
- font-size: 250%;
- line-height: 1.7ex;
-}
-
-@media handheld {
- p.drop:first-letter {
- float: none;
- margin: 0;
- font-size: 100%;
- }
-}
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Die Novellen um Claudia
-
-Author: Arnold Zweig
-
-Release Date: July 2, 2016 [EBook #52478]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen befinden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figright">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die Novellen<br />
-um Claudia</h1>
-
-<p class="h2">Ein Roman<br />
-von<br />
-Arnold Zweig</p>
-
-<p class="center p2">Kurt Wolff Verlag<br />
-Leipzig
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center"><em class="gesperrt">Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage</em></p>
-
-<p class="center p2">Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch &amp; Brückner, Weimar</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2><a id="Abschnitte">Abschnitte:</a></h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td class="tdr">I.</td><td>Das Postpaket</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Postpaket">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">II.</td><td>Das dreizehnte Blatt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_dreizehnte_Blatt">55</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">III.</td><td>Der Stern</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Stern">95</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">IV.</td><td>Das Album</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Album">147</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">V.</td><td>Die keusche Nacht</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_keusche_Nacht">191</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">VI.</td><td>Die Passion</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Passion">223</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">VII.</td><td>Die Sonatine</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Sonatine">263</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-<h2 id="Das_Postpaket">Das Postpaket</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-<p class="drop">»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia
-mit tiefer und sanfter Stimme, als er sich
-eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die Garderobe
-abzunehmen, »das hat James bereits getan«;
-und wirklich näherte sich ihnen der livrierte noch
-junge Diener in gelbgrauem Rock und weißen
-Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten
-Abendmantel und den dünnen Schals seiner
-Herrin. Doktor Rohme stand in Überzieher und
-hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz
-widerhallenden Vorraum. Noch immer
-fühlte er unter allen Erregungen dieser kunsterfüllten
-Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend,
-eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt
-hatte, zehnmal widerrufen und dennoch nicht
-aus dem Tatwerden gedrängt; und während Claudia
-sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien,
-die Geübtheit verrieten, einhüllen ließ, grübelte
-er, verkniffenen Mundes und mit abseits träumenden
-Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden
-gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene
-bittere Wallung des Nicht-mehr-Ertragens, die ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-gestern überfallen und heute hierher gestoßen hatte,
-wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er
-hatte, von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes
-Götz erst geblättert, dann mit Entsetzen gelesen,
-und Weislingens Schwanken zwischen dieser und
-jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten
-ins Gesicht getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung
-gegen sich stieg ihm in den Hals dafür,
-daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen
-hatte, Entscheidung und Klarheit in seine
-Beziehungen zu diesem Mädchen zu bringen, das
-er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut
-zum Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich,
-nach der ruhig befreundeten Art ihres Benehmens,
-wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für
-sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich;
-er kam sich beschmutzt vor, besudelte fast auch sie &ndash;
-so hatte er sich die Qual dieser Vorstellung verordnet,
-und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute
-abend alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen,
-auf die Gefahr hin, für immer entlassen
-und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden:<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-das war's, was nottat, und das war unlöslich
-beschlossen.</p>
-
-<p>Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd
-aus dem weißen Seidenstoff hervorlächelte, legte
-sie ohne ein Wort ihren Arm in den des befreundeten
-Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit
-sie den Weg andeutete, scheinbar von ihm zu
-dem bekannten blauen Automobil der Eggeling
-führen, das James bereits hergewinkt hatte und
-das inmitten der vielen Leute, die aus den Portalen
-herausdrängten, wie eine Bestie toste. Er
-fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung,
-die ihm wiederum grundlos schien, und hätte sich
-am liebsten verabschiedet, aber das ging ja nicht
-an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug verschwand,
-ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu
-Gelegenheit gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen.
-Der Chauffeur fuhr an, kaum daß er sich
-hatte setzen können; so fiel er beinahe in das Lederpolster
-zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen
-Mundes, das ihn unglücklich gemacht
-hätte. Aber das schöne blasse Gesicht blieb in stiller<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre
-Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken
-an, und er fand sich wieder in der durchdringend
-süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen voll
-verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen.
-Einen Augenblick lang schwirrte das leichte Rauschen
-und Erzittern des hastenden Fahrzeugs durch die
-Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem
-eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang
-war umsonst gefallen; noch klirrten Rüstungen zu
-geschwungenen Gebärden und einer männlich herben
-und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz
-von Berlichingen gespielt, wie um zwei großen
-Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre Kunst
-an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die
-strömende Genialität des älteren den wenig zerlegten
-Ritter in einem reichen Zuge schuf und lebte,
-während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich
-nervösen und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen
-Weislingen als einem heutigen Menschen
-nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten
-und Betonungen eindringlich und modern zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-ähnlich gearteten Publikum gesprochen hatten. Das
-Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen
-herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem
-Genuß in die Seelen gedrungen und
-sprang am Schluß mit einem Außersich von Beifall
-prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne.</p>
-
-<p>Während dies schon vage Erinnern in ihm
-zitterte, quälte er sich unausgesetzt, ein Mittel ausfindig
-zu machen, einen Weg, der, ohne bei ihr
-Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner
-Lage zu reden &ndash; wobei sie wohl nur mit hoch
-hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund abweisend
-schmal gemacht hätte &ndash; ihm gestattete,
-seine innere Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh,
-so bin ich, nun entscheide dich … Aber das war
-schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich begann
-Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit
-zu fragen: »Eine eigentümliche Aufführung,
-Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen, jedoch nicht
-schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen
-als etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen
-und erwiderte hoch, ein wenig umschleiert, in leicht<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-vortragender Weise: »Eigentümlich, gewiß. Unzeitgemäß,
-aber modern, wird man urteilen können.
-Ob Goethe seinen Weislingen so gesehen hat?«
-Sie lächelte halb: »Denken Sie an Weislingen?
-ich an den Götz … Ihre Frage behalte ich aber
-bei: ob er den Götz so gesehen hat?« Er nahm die
-Brille ab und rieb sie mit einem weißen Tuche,
-während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht,
-Fräulein Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf
-Götz ankommt. Die Leute, die mit uns heute abend
-beide sahen, werden vermutlich von dem anderen
-mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten.
-Er ist einer von ihnen … von uns. Dieser Götz
-<em class="gesperrt">kann</em> noch in Goethes Sphäre gehören &ndash; ob
-dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig.
-Für Goethes Zeit war sicherlich selbst ein so
-beeinflußbarer und« &ndash; er stockte ein wenig,
-überwand und gab dem folgenden Wort einen
-starken Nachdruck &ndash; »unmännlicher Mensch
-etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen
-blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter
-Bitterkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was
-aus seinem Ton hervorging; auch hatte sie das
-starke Empfinden wohl bemerkt, mit dem der lang
-Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen
-hatte, solange das Spiel gegangen war; aber
-da sie diese sonst willkommene Erörterung zu verschieben
-wünschte, bis die Sachlage vertraulicher
-und beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden
-uns darüber streiten müssen, ich bin gar nicht
-Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen
-Weislingen verdammen.«</p>
-
-<p>»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne,
-denn&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt
-sich aber, mein Herr Philosoph, der »unmännliche
-Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch
-Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten
-zu verbannen; aber ganz vergeblich, denn
-er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er sich …
-Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle
-Eigenschaften besitzt, die Mannheit zu konstituieren,
-nicht wahr? und zwar in höchstem Maße besitzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab,
-und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß
-Männlichkeit nicht mehr da ist. Trotzdem geht er
-als Mann spazieren.«</p>
-
-<p>Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve
-plötzlich eine Hauptstraße. Nach wildem Holpern
-auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf dem
-Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und
-zu fliegen, hinein in eine von milchigem und rötlichem
-Licht erregend strahlende Luft. Das Leuchten
-erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße
-eindringend, plötzlich den kleinen hastenden Raum
-und hob die beiden Gesichter grell in eine Art intensiverer
-Gegenwart.</p>
-
-<p>Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft
-auf das Thema ein, wie immer unfähig, sich Gedachtem
-zu verschließen: »Skizzieren Sie den
-Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie
-sich diese Analyse wohl zu seinen eigenen Eigenschaften
-verhalten werde&nbsp;…</p>
-
-<p>»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen
-vor den gleitenden Lichtern beschattend. »Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-können bei Götz bleiben, denn Götz ist sehr Mann.
-Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt
-ist: Güte, Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch
-Weislingen kann gütig sein, aus Schwäche.
-Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie sprach: »Und die Frau?«</p>
-
-<p>»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht
-wahr? gebiert. Der Mann aber bringt hervor.
-Er hat die Kraft des Zusammensehens, er schafft,
-indem er neu sieht … Weislingen erblickt das
-Neue hinterher und versteht es, er sieht ein. Niemals
-baut er Brücken zwischen Getrenntem und
-sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es
-dabei Schwierigkeiten gibt … Götz nimmt die
-Dinge fragmentarisch, als Vielheiten, die einer
-Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht
-vor ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen
-Ding oder Zustand blind hingibt und sich beständig
-verliert.«</p>
-
-<p>Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache.
-Erst war ihr, als rede er irgendwie von sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-Ungünstiges. War nicht er vor allem einsichtig?
-Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie
-typisch männlich Handelnde, die ihm verwandter
-sein mußten? Warum gerade Götz, sein
-Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen
-zögernden Sätzen klang etwas Inspiriertes mit,
-und sie lauschte mehr als dem Inhalt der Worte
-diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam
-sich Lösendes gab, etwas Rührendes. Doch war
-ihr für diese Stimmung das Gesagte zu wichtig,
-und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder
-auf. Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut
-Ihnen Unrecht, dazu haben Sie ihn geformt;
-aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich
-glaube, Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht.
-Nun, davon nachher; ich Barbar habe jetzt nichts
-als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig,
-daß auch für Sie ein Butterbrot da sein würde,
-wenn Sie uns so spät noch Gesellschaft leisten
-wollten.«</p>
-
-<p>Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem
-Gegenstand, der ihn so nahe anging, in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen
-Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte.
-Ein Gefühl von Glück &ndash; noch eine Stunde mit
-ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn;
-er wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich
-auf ihn als gern begrüßten Gast sah, oder ob
-das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim
-ihn über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher
-und lächerlicher Besuch hinwegblendete. Er sagte
-leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir …
-aber ich weiß nicht … ich hatte den Entschluß
-fassen wollen, nicht mehr so häufig bei Ihnen zu
-sein …« Ein beizender Haß gegen sich und eine
-augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe
-explodierte in seiner Brust: das hatte ganz
-anders geformt und gesagt werden müssen &ndash; nun
-klang alles falsch.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem
-lauten tiefsingenden Ton. Es lag darin die Stärke
-und Weisheit eines großen Tieres, das seines
-Weges gewiß ist und Schwächeren nicht schaden
-will. Manchmal antworteten andere Wagen, hell<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig
-oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend.
-Zu beiden Seiten lag Schwärze, aus der
-einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben;
-man hatte fast ohne Übergang die Stadt verlassen
-und schoß auf der nächtlichen Asphaltstraße, die
-sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer
-emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort
-zu. Claudia wandte ihm ihr Gesicht wieder zu:
-»Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch
-mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder
-etwas wegnahm. Sie erriet ihn ungefähr, und als
-Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein: wie
-reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch
-sein! Wenn er sich nur nicht so quälte&nbsp;…</p>
-
-<p>Er wischte mit der Hand über die Stirn und
-murmelte: »Sie wissen, wie sehr Sie unrecht haben,
-Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so oft
-und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich
-etwas freier, »daß ich nicht begreife, wie Sie und
-Ihre Frau Mutter … Sie wissen doch, ich bin
-nun einmal kein Elegant … Sie haben so viel<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-Nachsicht für mich …« Er konnte alsbald nicht
-weiter, denn sie lachte ihr helles, reizendes Gelächter
-eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber
-hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte.
-Er sollte sich nicht beschämen und, nicht einmal
-harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte schnell den
-Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber
-wofür denn? Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen
-und weder Tee noch Wein auf das Tischtuch
-gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein?
-Unbedingt … »Aber ich könnte es jeden Augenblick
-tun, ich bewundere mich selbst in diesem Augenblick,«
-lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr
-wohl, sie entführte das Gespräch in eine Sphäre
-voll leichter Luft ohne Schwüle.</p>
-
-<p>»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein
-könnte. Sie machen sich überhaupt zu viele Gedanken
-über sich, ich finde, man muß darin maßvoll
-bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden
-Ton an, der ihn mit körperlicher Süße
-durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie sehr,
-sehr, allzusehr! &ndash; Aber vielleicht mochte man ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-hier wirklich leiden, fand ihn erträglich, sah ihn
-gern? Er fragte fast froh: »Ihre Frau Mutter hat
-also auf mich gezählt?«</p>
-
-<p>»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte
-ich Ihnen nicht einen Platz in unserer Loge angeboten?
-Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den Entschluß
-hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.«
-Sie wußte gut, daß ihm der Klang des
-Spottes in ihrer Stimme angenehm und verständlich
-sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit
-einer Konversation herzustellen, und er ging
-darauf ein. Er schüttelte vergnügt den Kopf, so
-daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in
-die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte
-Stirn, deren Haut viele Sommersprossen zeigte;
-er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart durch
-die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren
-Spottes wieder auf, indem er ihn gegen sich
-kehrte:</p>
-
-<p>»Sie haben also gegen mich recht behalten.
-Während ich mich ankleidete, habe ich mir bewiesen,
-und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich
-ja doch nicht in Ihrer Loge zeigen.«</p>
-
-<p>»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,«
-sagte sie strafend. Sie schien ihn ruhig zuhörend
-anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn und
-prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr
-fort: »Ich wollte mir, da ich endlich am Theater
-war, an der Kasse nämlich, einen Parkettsitz kaufen,
-aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er
-sollte nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt
-nicht, und half zu nichts, denn am Ende
-stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen und
-aus sich selbst holen mußte.</p>
-
-<p>»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen
-grauen Augen blickten heute zweifellos besonders
-matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze
-und Logen. Das ging beides nicht, das erste
-mochte ich nicht und das zweite konnte ich nicht,
-denn ich dachte, es wäre beinahe eine Beleidigung.«</p>
-
-<p>»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte
-es Ihnen nie verziehen.« Sie mahnte sich: gib
-bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Kannst du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre?
-Sie widersetzte sich: natürlich! … Ehrlich? nein.
-Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich, nach
-Hause zu gehen.«</p>
-
-<p>»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach
-schon wieder Licht durch die Fenster ein, man war
-bereits im Ort. Dann wurde sein Glas undurchsichtig
-und seine Augen verschwanden. Es war fast
-unhöflich, so einsilbig dazusitzen und im Innersten
-abwesend zu sein; freilich weilte auch ihre Unaufmerksamkeit
-bei ihm … Wenn er davon wüßte!
-Es war doch sehr gut, daß er gerade berichtete:
-»Aber nun entdeckte ich, während ich zwei- oder
-dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich
-schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt
-hatte, diesen Abend im Theater und … mit Ihnen
-zu verbringen und spürte die Macht des tyrannischen
-Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an
-Leute, die hineinwollten, während es keiner Seele
-einfiel, hinauszugehen. Da ließ ich mich denn
-tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht
-wußte, und während ich ausschließlich dachte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-ich doch hinauswollte, nach Hause. Wenn ich
-selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich
-peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich
-vielleicht doch noch auf die Straße gefunden hätte,
-aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf,
-und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich
-schon begonnen. Aber die Hand gaben Sie
-mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte den
-Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer
-Seele erfaßt und konnte sogar antworten: »Und
-warum nicht? Sie störten ja niemand. Es ist
-hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen &ndash;
-wie sagt der Engländer geschmackvoll? ›<em class="antiqua">stalls</em>‹ sagt
-er, Ställe. Sie machen Theater und Konzerte
-möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind
-wir. Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer
-konnte man sich bewegen und hatte Resonanz,
-Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem
-Beisammen und Gespräch … Das Automobil
-fuhr mit einer knirschenden Kurve durch das Gartengitter
-und vor das Tor der Villa. Der Diener öffnete,
-es war noch kühl und der Atem dampfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten
-Zimmer umher und dachte nach, gesellschaftsmäßig
-angekleidet, schwarz, mit breiter
-schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er
-kannte hier jedes Möbel und jedes Bild, obwohl
-er für neuere Bilder nicht gerade maßloße Begeisterung
-zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich
-sog jeden Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er
-dachte an Claudia und bewegte aufgeregt die Lippen,
-als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte
-sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte
-er bei ihr, so war ihm wohl ums Herz und er dachte
-dann wenigstens nicht an sie. Freilich mußte er sich
-oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig.
-Erst hatte er alles dem Hause zugerechnet, den
-schönen Zimmern, in denen man zu dreien, dann
-zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer
-Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die
-Tochter ihn lockte und festhielt, die Tochter. Kannte
-er seine Pflicht? Fort mußte er, fort auf der Stelle
-und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden?
-Er konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Dozent mit winzigen Einnahmen, in Fachkreisen
-genannt wegen einer polemischen Zerlegung des
-Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie,
-Claudia Eggeling, hatte, wie man sagte, unbändig
-viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war
-ganz unmöglich … es blieb ihm nichts weiter
-übrig, als zu gehen, unwiderruflich zu gehen, sofort.
-Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine Gründe sagen:
-Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie,
-aber …« Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt,
-er hatte vorhin wieder einmal nur an sich gedacht,
-wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse
-Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten
-konnte. Sein Denken zeigte sich heute stupid und
-gründlich albern.</p>
-
-<p>Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder
-einmal zu bestätigen, daß es für ihn, Walter Rohme,
-lächerlich und hoffnungslos blieb, eine Frau zu
-suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war,
-gefärbt wie ein Kupferkessel, und sommersprossig
-überdies &ndash; sein Aussehen war einfach komisch:
-und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-den da hinter dem Glase, den er hemmungslos
-hätte schlagen können &ndash; das gewohnte und vertraute
-Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen
-und Schnurrbart, dick und buschig überhängend,
-dem Eindrucke eines Piraten nahe; einem
-Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte,
-weil die Augen sich wunderlich unsicher bewegten,
-grau hinter den dicken Gläsern der zerbrechlichen
-Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich blaß
-und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch
-klang und dünn, das Kinn allzuzart geformt schien
-und die Stirn übertrieben nachdenklich. Ja, dieser
-Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu
-guterletzt noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen
-linkischer und ungewandter Art verfügte,
-nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es
-stets bleiben würde. Und das untersteht sich und ist
-Ich, stöhnte es in ihm. Nie im Leben war er sich
-so unerträglich gewesen wie eben jetzt … Claudia
-hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr
-wenig an eines Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis
-und Absalom seien vermutlich dumm gewesen &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn
-ja kaum, wenn sie auch ziemlich klug war. Wie
-sollte sie wohl dazu gelangen, ihn so tief zu erraten,
-wie er von ihr Wissen in sich trug … Nur das Leiden
-um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen.
-Er ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich.
-Denn er konnte nicht von sich reden, und
-wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham und
-Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten,
-wen er vorhin verdammte, als er den Berlichingen
-zum Typus Mann erhob &ndash; wie hätte
-sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet,
-durfte er nicht bei ihr bleiben, und wenn sie ihn
-sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie wohl
-einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal
-war, und daß bei Dingen des täglichen Lebens
-oft die letzte Stimme seiner Ratgeber seine Handlungen
-regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren,
-wie? und würde er vielleicht nicht in allem ihres
-Willens sein? Ganz gewiß: und dann ergab sich
-in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst
-lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-ein Abscheu … Sie nannte ihn Freund, nun gut,
-sie lasen gewisse philosophische Bücher zusammen,
-sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam
-Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins
-Schauspielhaus oder in die Oper &ndash; damit war
-nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte entschlossen,
-sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen
-und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch
-jüngst, als ihre Mutter sich verspätete? »Ich bin
-pünktlich und verlange Pünktlichkeit. <span id="corr029">Unzuverlässige</span>
-Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige
-Menschen sind ihr ein Greuel … Das
-Herz klopfte ihm im Halse, und seine Hände verkrampften
-sich: er war verurteilt, und bebende Verzweiflung
-machte ihn zittern.</p>
-
-<p>So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine
-Seele mit der heillosen Psychologie.</p>
-
-<p>»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor,
-sie hat sich bereits zurückgezogen,« sagte Claudia
-hinter ihm. Sie hatte in der kurzen Wartezeit
-jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er
-sehr liebte, das am Hals und an den Ärmeln graugrün<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-besetzte. Das war die Gestalt, ihm bis in
-seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte
-Wesen mit ruhigen Bewegungen und den klugen
-schnellen Augen, deren braune Iris die Seidenfarbe
-des Kleides enthielt und beseelte, während
-das tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen
-glänzte. Ihre Nase bog sich kühn und fein zugleich:
-oh, eine Römerin von Grund auf mit der gleitenden
-Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja,
-diese liebte er &ndash; und sie, die er aufzugeben hatte.</p>
-
-<p>»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,«
-fuhr sie fort. Da entschloß er sich trotz alledem zu
-einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu Flucht
-und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das
-wohl das leichteste sein würde: »Ich denke, es ist
-besser, ich gehe jetzt, Fräulein Claudia,« gab er
-zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, damit
-sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit …«
-Das Mädchen ging sehr ruhig auf die Schwelle
-des Eßzimmers zu, wandte sich, die Hand auf dem
-Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist
-besser, Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-ohnehin nur Eier. Das haben wir davon, wenn
-wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus
-und er zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.</p>
-
-<p>Von der weißen Decke herab strömte Licht.
-Schwarze Täfelung und das schwarze Holz der
-Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des
-Teppichs und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen
-leuchtete rasenhaft und milderte den Ernst
-des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es
-war gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie
-einander gegenübersaßen, war mit weißem feinfädigem
-Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt
-mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker,
-mit Wurstarten in einer Tonleiter von Rot, mit
-Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen Bestecken
-und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem
-Porzellan und mit Tellern mancher Größe aus derselben
-edlen weißen Erde. An diesem einladenden
-und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander
-gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor
-Rohme, sie freimütig und heiter, leicht vorgeneigt
-und essend, nach Herzenslust in Bewegung mit<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid &ndash; er
-aber noch immer ein wenig steif, noch immer etwas
-beengt und geradeaufragend, schwarz, mit weißer
-Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen
-Specht erinnernd … Sie aßen beide in Emsigkeit
-&ndash; die späte Stunde, die in dem lichthellen
-Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete
-sich mit Hunger &ndash; und selbst wenn Claudia
-Lust verspürt hätte, sogleich zu plaudern, wäre es
-nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein
-ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick
-verriet zur Genüge, daß nur sein Leibliches hier anwesend
-sei, um zu essen, und daß sein Geist indessen
-anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden …
-Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und
-schalkhaft, und ließ ihn gern seinen Weg gehen,
-weil sie sich inzwischen herzliche Blicke gönnen durfte,
-nach denen ihr Gemüt drängte &ndash; sie glaubte, er
-sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes
-Welt; aber wie wäre sie erschrocken, wenn sie die
-Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! Er war
-nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Nähe, er tummelte sich auf einem engen Kreise rund
-um sie beide und war schwer von Bitterkeit: »Und
-warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so
-niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen
-Sie so selbstgewiß und maßgebend da, während
-ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus
-der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen
-habe, in eine Luft, die das Klima meiner
-Seele ist, und weil mein Intellekt größer ist als
-der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich
-für jeden Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten
-sehe, weil ich nicht jemand in mir blind
-wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt
-werde. Und warum lasse ich mich überwältigen?
-Weil ich für Entschlüsse und Taten so
-leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte
-ich; weil diese Leute von pompöser Tatkraft und
-kurzem Geiste in ihrer Einfalt grotesk wirken …
-Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg &ndash; aber
-seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche
-des Geistes? Ach nein, kleine Claudia, wenn Sie
-auch über mich siegen und lächeln: ich bin der höhere<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere &ndash;
-und was Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was
-diesen Götz über uns Weislingen triumphieren läßt,
-das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!«
-&ndash; Aber diese böse und hochmütige Aufwallung
-ebbte im Fortschreiten des Mahles; und während
-er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für
-ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit
-verurteilten Seele in ruhige Wehmut;
-nichts blieb davon als ein trauernder und sanfter
-Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde
-es bald nicht mehr so gut haben. Vielleicht war
-dies das letzte Mal &ndash; und ihn schauderte vor seinen
-leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht zu
-sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.</p>
-
-<p>Während sie aßen, waren anfangs nur wenig
-Worte hin und her gegangen, ein Scherz, eine
-Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen.
-Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete
-sich das Gespräch persönlicher. Claudia beschloß,
-jetzt das herbeizuführen, was sie vorhin vermieden
-hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-der auf einer Platte lag, besann sie sich: »Sie
-erzählten vorhin, auf wie merkwürdige Art Sie
-endlich doch in meine Loge kamen. Kommt
-Ihnen das öfters vor, dieses … Schwanken, oder
-haben Sie es als etwas Ungewöhnliches behalten?«
-Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, solche
-absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich
-nicht mehr. Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich
-Ihnen die Geschichte erzählt, wie ich einmal ein
-Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak
-über die Worte, die soeben, im Augenblick vorher
-noch ungewußt, über seine Lippen rollten, und erstaunte.
-Wie kam jetzt diese alte beschämende und
-vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung
-die Frucht eines Suchens, das unterhalb des Bewußtseins
-fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif und
-fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich
-zeigte? Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte
-er sie. Woher auch immer sie kam, gerade jetzt,
-sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie
-ihn erkennen und alles würde zu Ende sein.</p>
-
-<p>»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-Nehmen Sie Tee oder Bier?« Was beabsichtigte
-er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich täuschen,
-aber irgendeine Spannung und Erregung schien
-den ganzen Abend aus seinem Wesen zu quellen.
-Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl zumute
-in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich
-nicht nutzlos quälen.</p>
-
-<p>»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr
-spaßig und sehr langweilig, diese Geschichte, außerdem
-kann ich gar nicht erzählen, aber ich erzähle
-sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher
-nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit
-schmerzlicher Wollust genoß er den Doppelsinn,
-von dem sie ohne Ahnung sein mußte.</p>
-
-<p>»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,«
-sagte sie fröhlich. Wie klein und bleich ihre Hände
-waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er
-verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte
-seinen Entschluß aufzulösen, aber er zwang es hinab,
-und es schwand. Er fühlte sich von Notwendigkeit
-gedrängt und begann tapfer:</p>
-
-<p>»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-lang. Es regnete viel, dann wollte ich wieder fort.
-Ich packte alle meine Sachen in Koffer und in
-Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende
-Gesellschaft, deren Inhaber die
-Herren Säbelberger &amp; Cie. waren und Haftpflicht
-ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die
-Lippen leise auseinander tat, um etwas zu sagen,
-und schwieg gern.</p>
-
-<p>»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?«
-Ihre Finger machten sich daran, ein Ei abzuschälen,
-und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein
-Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern &ndash;
-man durfte nichts tun, als ihnen zusehen … Er
-schreckte auf und antwortete:</p>
-
-<p>»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können,
-glauben Sie? Übrigens ist es gar nicht lange her.
-Die Bücher lagen in einer großen Kiste, gut verpackt,
-das können Sie sich denken. Aber es ließen
-sich nicht alle darin unterbringen, und als ich mir
-überlegte, daß diese Kiste sehr lange brauchen könnte,
-ehe sie mir hierher geschickt werden würde, wählte
-ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-mir die liebsten waren, und machte aus ihnen ein
-Paket, ein gutes Postpaket, fest aus Pappe und
-Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen die
-Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande,
-eine Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes
-von 1650, ein denkwürdiger Pergamentband,«
-&ndash; er lächelte ein wenig &ndash; »Sie wissen,
-Descartes; drei oder vier alte französische Drucke
-des Montaigne und Konsorten, einige schöne englische
-Shakespearebände und dergleichen. Lauter
-gute wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er
-jetzt noch innehielt, ablenkte, aufhörte, ehe es zu
-spät war? Nein, feig wäre es.</p>
-
-<p>»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir
-geborgt haben?«</p>
-
-<p>»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den
-Arm (es schien recht schwer) und begab mich damit
-auf die Post, Samstag nachmittags. Der Beamte
-hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein
-gutes Herz, denn er wog das Volumen mitleidig
-und riet mir, es doch lieber leichter zu machen,
-denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-würde mich einen schönen Batzen Geld kosten.
-Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also empfing
-ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück,
-dankte ihm und begab mich damit zur Eilfracht.«</p>
-
-<p>»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre
-Frage klang beinahe träumerisch, denn sie sagte sich
-unterdessen: wenn er mit seinen lieben Büchern so
-sorglich umging &ndash; wie gut würde es erst eine …
-ein geliebter Mensch in seiner Nähe haben … und
-sie errötete verwirrt.</p>
-
-<p>»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig
-Pfund trug, das machte das Tragen
-schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten
-von der Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man
-empfing mich dort ziemlich hastig, denn am Samstag
-nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da
-hat man bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der
-Beamte bemerkte, man wolle es besorgen, aber ob
-ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den
-Preis, denn die Menschen sind dort leutselig. Er
-betrug etwa das doppelte des Postsatzes. Hm,
-sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken
-könne, kein Mensch nicht, so sollte ich doch
-die Post nehmen, oder die gewöhnliche Fracht.
-Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu
-gehen. Wir schrieben Samstag, und am Montag
-um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« Jetzt konnte
-nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man
-es dringend wünschte&nbsp;…</p>
-
-<p>»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie
-ihn an. Wie umständlich solch ein Mann sein
-konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend
-kindlich.</p>
-
-<p>»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein
-Claudia. Ja. Ich ging nach dem Güterbahnhof.
-Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie solche
-Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte
-meine fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten,
-bald unter dem linken Arm. Es blieb ein
-Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und
-lachte mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich,
-vielleicht ging alles noch gut ab. Gib, daß es
-so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand
-zum Tragen zu mieten?« Wenn er lachte, sah er
-aus wie ein Junge.</p>
-
-<p>»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja
-nicht allzufern, aber einerseits sah ich niemand
-in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar jetzt
-allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane
-gewesen, und dergleichen mißfällt mir. Ich kam
-auch allein endlich zum Güterbahnhof.«</p>
-
-<p>»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht
-wahr?« &ndash; Die Erkenntnis, die er unter Wunsch
-und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, sprang
-jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er
-gab sich verloren.</p>
-
-<p>»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens.
-Also, da lag ein ziemlich umfangreicher Komplex,
-wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren
-und dergleichen. Auch mit Büroräumen.
-Aber alles fest geschlossen. Nun, es schlug viertel
-sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang,
-dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man
-läßt doch so etwas nicht allein. Nicht einmal ein<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-Hund bellte, worüber ich mich übrigens freute, denn
-Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein
-Klopfen und Pochen, und da fand ich einige Leute
-mit Eisenbahnermützen auf dem Kopfe irgendwie
-untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte
-sie, der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines
-Jackett anhatte und eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze
-auf den Haaren. An den wandte ich mich
-mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer
-freundlich, ich solle das Zeug nur dalassen,
-er wolle das Zeug schon besorgen, da brauchte ich
-gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen
-und am Montag ging's fort, da sei gar kein Wort
-mehr not. Ich sagte ihm vielen Dank, ließ mein
-kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen
-Händen zurück und machte mich auf den Heimweg.«
-Seine weiche und hohe Stimme klang noch
-heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:</p>
-
-<p>»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen
-Sie noch Tee?«</p>
-
-<p>»Ja, das dachte ich auch. &ndash; Nun, wenn ich
-bitten darf, noch eine Tasse, den letzten, danke. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-fühlte mich ziemlich guter Laune; die Sonne ging
-bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff,
-was, weiß ich nicht mehr.«</p>
-
-<p>Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den
-Blick, der durstig von ihrem Gesicht getrunken
-hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. Schade,
-dachte er, während er den Tisch besah, auf dem
-das gebrauchte Gerät ungeordnet und unschön stand,
-unsere Bedürfnisse hinterlassen noch immer Häßlichkeit,
-trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin
-dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf
-all dem Weiß von Porzellan und Linnen … und
-ist jetzt ein schlimmer Anblick … Da stand Claudia
-auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund,
-ich schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört
-mich. Nehmen wir unsere Tassen und rauchen wir
-nebenan eine Zigarette. Wie?«</p>
-
-<p>Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit
-dieses Gefühls kein Wort; er ergriff nur
-seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in
-den rotbraunen Raum. Und während sie sich im
-Hin- und Hergehen alles nötige Geschirr holten,<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis in
-ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten
-dennoch Gemeinsames, vielleicht mehr als sie wußten
-&ndash; sollte er nicht auch davon reden, wie sehnsüchtig
-und erstarrt und gleichgültig gegen alle
-äußeren Dinge er damals hinlebte? Sollte er sich
-nur beklagen, nicht auch entschuldigen und erklären?
-Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in
-jede Tat stürzen würde &ndash; sollte er das nicht gestehen?
-Nein. Nein, nein. Seine Aufgabe stand,
-genau umrissen. Wenn sie ihn <em class="gesperrt">gesehen</em> hatte,
-konnte sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt
-sicher sein, daß sie ihn verwerfen werde. Aber die
-Hoffnung war verblüht.</p>
-
-<p>Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf
-dem ein Licht mit orangenfarbenem Schirm brannte,
-und breite rote Klubsessel nahmen sie auf, während
-das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen
-und zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte.
-Eine hohe Uhr pochte beharrlich und
-mahnend. »Ich bitte … Sie ziehen die Zigarre
-vor;« und Claudia atmete schon den weißen und<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-duftenden Rauch aus. »Eigentlich soll ich nicht
-rauchen … danke, da ist Feuer. Wo hielt ich …
-Wenn Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt,
-es ist langweilig.« Wenn sie jetzt ablenkte,
-wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren aufhören
-und ein andermal den Abschied in Szene
-setzen. Nur noch diese Stunde bat er genießen zu
-dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf dessen
-Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem
-wohlriechenden Schleier von Rauch.</p>
-
-<p>»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht
-weiß, was noch kommen kann; es ist ja fertig, und
-Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war
-fertig, in der Tat, es war fertig &ndash; und es zitterte
-einen Moment lang in ihm nach: fertig.</p>
-
-<p>»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin
-auf &ndash; halt, ich weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch
-&ndash; und erschrak vor einem Gedanken.
-Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der
-Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein
-Papier, daß er von Dr. Rohme ein Paket bekommen
-habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über
-Eisenbahnmützen zu kommandieren oder vielmehr
-müßig bei ihnen zu stehen, um eine Vertrauensperson
-zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket
-nur zu öffnen, um morgen meine schönen Bücher
-bei allen Antiquaren der Stadt zu zerstreuen, ich
-wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein
-kleines Jackett, ein Jockeymützchen &ndash; wenig, wenig.
-Ich hatte schon ein ziemliches Stück Weges hinter
-mir, ich blieb also stehen und wollte mich entschließen,
-zurückzugehen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete
-Claudia ein&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen,
-die am Samstag Nachmittag um ein
-viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet
-hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten
-Zeugen dar, drei wohlbeleumdete Zeugen. Das
-dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls
-schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches
-Paket anvertraut hatte; und getröstet machte
-ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, denn ich<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und
-erinnert, von Vergangenheit überkommen. »Ihre
-Bücher hätten Sie durch diese Zeugen aber auch
-nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man
-würde heute nicht mehr zu jener Unterhaltung
-kommen, die sie vorhin verschoben hatte, denn die
-Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun,
-morgen.</p>
-
-<p>»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß
-auch der Mann des kleinen Jacketts an sie dachte.
-Sie bildeten eine moralische Ziffer. Mit einem
-Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie?
-Moral? Aber Geld war sicherlich stärker als Moral.
-Arme Leute haben Geld lieber als Moral,
-Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte
-einen Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen
-wurde ihm bewußt, daß er von nun an wieder zu
-Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm
-ihm den Atem. Er sah sie an, &ndash; sie dachte: um
-sie zu einer Äußerung zu veranlassen, und sie zog
-harmlos den Schluß, indem sie fand, daß seine
-Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-gegen Geld zum Schweigen.« Und die Form seiner
-Stirn wies sicherlich zarte Schönheit auf.</p>
-
-<p>»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man
-konnte sie bestechen. Reisemützchen würde für meine
-Bücher eine anständige Summe haben, davon
-konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen
-waren dahin, schwiegen, blieben stumm wie das
-Grab, um dem Volksmunde nachzureden. Und
-unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb
-ich stehen, überwand Hunger und Müdigkeit und
-marschierte zurück. Ich kam kurz nach dreiviertel
-auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen
-ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte
-den ganzen Güterboden. <em class="antiqua">Personne.</em> Ich rief &ndash;
-umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von Ekel
-und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und
-müde doppelt so sehr als zuvor, ging ich nach Hause.
-Um acht kam ich in die Stadt. Ich wollte die
-Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei,
-aber ich schämte mich, und dann war es mir auch
-schon gleichgültig.« Wozu erzählt er mir das eigentlich,
-fragte sie sich in leichtem Erstaunen. Es ist<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich
-jedoch und sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:</p>
-
-<p>»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die
-Asche von der Zigarre und fuhr dann fort, schneller,
-weil der Schluß wie ein Abgrund das Fließen der
-Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem
-er auf ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander
-auf dem Tische lagen:</p>
-
-<p>»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen
-stand ich um sechs Uhr auf, am Ruhetag, am
-Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags
-nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur
-Erholung in Freiburg auf. Ich stand also um sechs
-auf und begab mich auf den Güterbahnhof. Natürlich
-traf ich keinen Menschen dort, nicht eine
-Seele. Ich wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge
-um zehn, um halb zwölf und um vier, alle
-Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht
-mehr, ich war vielmehr von der Idee besessen, das
-Meinige wiederzuhaben.«</p>
-
-<p>Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre,
-die zu Ende ging. Ihr Blick ruhte nachdenklich<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: eigentlich
-macht er davon viel Aufhebens.</p>
-
-<p>»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:</p>
-
-<p>»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von
-ihrem Gesicht wieder auf den Teppich. »Montag
-nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben
-stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich
-sah ich, sowie ich eintrat, mein Paket. Es lag
-ordnungsgemäß da, der Mann hatte es abgeliefert,
-redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg
-ohne aufzusehen.</p>
-
-<p>»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig,
-denn sie fühlte, daß er auf ein Wort wartete. Er
-stützte den Kopf in die Hand und blickte auf den
-Tisch:</p>
-
-<p>»Was denken Sie also, das ich getan habe?«</p>
-
-<p>»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt
-zur Bahn gegangen«, entgegnete sie ohne Zaudern.</p>
-
-<p>»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich,
-sagte, es habe Eile und trug es zur Post.«</p>
-
-<p>Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren
-Sessel zurück:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt.
-Und dann kam ihr die Anwandlung laut
-und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.</p>
-
-<p>»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal.
-Ja, ich genierte mich, wissen Sie.« Er nickte mehrere
-Male, ohne den Kopf aus der Hand zu heben
-oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte
-traurig und sagte noch einmal: »Ja.«</p>
-
-<p>Claudias Augen sprachen von dem Schrecken,
-der langsam in sie hinabsank wie ein Eimer in einen
-dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben
-Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte
-Linie. Sie zürnte ihm; sie warf ihm eine stumme
-Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche läppischen
-Streiche? und sah ihn hart und schweigend an.
-Die große Uhr pochte unablässig; Doktor Walter
-Rohme besah reglos den Schimmer der rötlichen
-Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken.
-Da sitzt er nun auf seiner Heldentat, dachte sie
-zornig. Warum verteidigt er sich nicht? Wo verbarg
-sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes
-Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-gegeben hatte zu glauben, er werde ihren Weg vor
-allem Häßlichen behüten, damit nichts sie kränke
-und verstöre &ndash; warum zeigte er sich ihr heute so
-hilflos, so ausdrücklich schwach? Da saß er nun
-gebeugten Nackens wie ein Verurteilter und rührte
-sich nicht … Und sie begriff. Ein Blitz schoß auf
-und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall
-und ganz lauter. Eine Wonne stieg aus ihr
-empor wie ein Eimer aus durchsonntem Brunnen,
-von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie
-lächelte immer verstehender, immer seliger, sie fühlte
-eine Wärme und einen süßen Druck in ihrem Herzen
-und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand
-und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über
-den Tisch, bis die feinen Fingerspitzen seinen Handrücken
-berührten. Er fuhr aus toter Verzweiflung
-auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen
-&ndash; erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte
-die Hand mit einem brennenden langen erlösten
-Kusse.</p>
-
-<p>»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob
-sich. »Ich danke Ihnen für diese Erzählung, ja, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch immer,
-und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen
-kommen Sie zum Tee, dann reden wir von
-Weislingen und musizieren ein wenig, wie?« Ihre
-Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch
-nie gehört hatte, und er drückte die geliebte Hand.
-»Ja,« sagte er glücklich.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_dreizehnte_Blatt">Das dreizehnte Blatt</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p>
-<p class="drop">»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht
-hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,«
-sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine
-zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind
-Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du
-mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend,
-und stieg nicht eher in unser blaues Automobil,
-diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir
-eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben
-hatte.</p>
-
-<p>Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb
-meiner Heiterkeit zitterte ganz leise und erregend
-diese Unsicherheit: war es nicht doch allzu
-bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte,
-etwas Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken,
-mit ausdrücklichem Besuche? Nun geschah das,
-es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, und war
-darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr
-die Sitte, die einen anständig entfernten Umgang
-mit angenehmen Menschen gestattet, und schließlich
-scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt
-durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-wieder gut zu machen; aber ging das nicht
-allzu weit? Ich hatte Bedenken.</p>
-
-<p>Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben
-Walter und fand den Weg wundervoll: eine breite
-und ebene Straße führte uns eilig zu dem kleinen
-See, an dem der Maler inmitten schöner Villen
-sein einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über
-den bepelzten Rücken des Chauffeurs hinweg und
-durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den
-Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich
-wie alte Bronze und in einem klaren Rhythmus
-emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen
-und goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es
-leuchten, die überströmende Sonne unserer Herbstnachmittage,
-und die Lücken der Wipfel faßten
-überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte
-Teile eines Edelsteins von unaussprechlich tiefem
-und feurigem Blau. Erstaunlich, wie glücklich die
-Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man
-sich nicht mehr zu sehnen braucht, wenn man einen
-Menschen gefunden hat, mit dem man versuchen
-will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-neben einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz
-gefaßte Miene bewahren. Ich atmete mit Übermut
-die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den
-strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender
-Blätter; über die niedergelassenen Scheiben hinweg
-drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden Seiten
-des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich
-in strömender Schnelle wie ein Fluß zurück, dem
-ein scharfer Bug entgegenstrebt. Dann und wann
-gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal
-aus ihrem metallenen Munde, und das zarte
-Schwirren des Wagens dauerte wie die Stille
-selbst, ununterbrochen und gegenwärtig … Man
-ist doch sehr undankbar: kaum genießt man, so ist
-man glücklich, und kaum lebt man in diesem Glück,
-so wird das Genossene sanft in den Hintergrund
-gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen,
-bis es sich durch nachdrückliche Veränderung wieder
-meldet. Gegen solche innere Willkür bin ich machtlos,
-schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand
-plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke
-Göttin, Aphrodite mit segnend geweiteten Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-über einem Kranze von Menschen schwebend, die
-sich nackt lieben.</p>
-
-<p>Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus
-Manths unvergänglich radiertem Zyklus »der
-Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste
-jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher
-Unbekannten mit einem Schlage zu denen reihte,
-die das Höchste versprechen; und zu der Alexander
-Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene
-Gedichte, und das Reifste, was diesem
-empfindlichen und kunstvollen Lyriker bis dahin gelungen
-war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde,
-hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine
-Aufrüttelung &ndash; und von diesem Geburtstage an
-war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb,
-wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft
-weithin entführen mochten; und als man ihn eines
-Tages in unser Haus brachte, spannte mich die
-Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf
-dem Herzen, der immer da ist, wenn ich ein Ereignis
-bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich
-ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-hat die Erinnerung längst aufgesogen &ndash;
-streng und ungeheuerlich irgendwie … Und dann
-lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch,
-schärfer als jetzt im Darandenken, da ein kleiner
-blonder und mit Sommersprossen bedeckter Mann
-sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur
-seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß
-er auch auf dem Scheitel wenig Haar hatte. Trotzdem
-blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte,
-und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die
-leidenschaftlichen Umrisse seiner nackten Menschen
-und den tiefbraunen und lichtgoldenen Sammet
-der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.</p>
-
-<p>Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei
-mit einem seitlichen Blick beobachtet, erheiterte sich
-über mich und forderte eine Beichte. Ich erzählte,
-&ndash; denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste
-an mir nicht entgeht, &ndash; und wir sprachen bald von
-der anderen frühen Leistung Klaus Manths, dem
-vortrefflichen Bildnis seines großen Lehrers, des
-Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen
-Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-und Schwarz, das in Zeichnung und Haltung
-einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu
-altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von
-den Bildern kamen wir alsbald zu den Menschen,
-und nichts war daran wunderlich; war doch der
-alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und
-wußten wir doch, daß er nie erfahren oder erraten
-konnte, warum sein Schüler Manth, auf offenbar
-unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes
-nicht mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen
-hatte, ja ihm ganz augenscheinlich aus dem
-Wege gegangen war, wo immer die beiden sich
-hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber,
-kein Mensch, ja nicht einmal eine Zeitung.
-Und wir plauderten noch an diesen Dingen &ndash; denn
-dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir
-nun einmal von einer gewissen Entfernung aus lieb
-zu erörtern, wenn ich auch zugeben muß, daß diese
-Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch heißt
-&ndash; als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß
-zeigte, sich erweiterte, aufklaffte und den unendlichen
-Himmel, den purpurnen und schwarzgrünen Kranz<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-der Wälder und den See darbot, tiefblau, langgestreckt
-und von einem leichten Winde wellig erregt.
-Der Wagen schlüpfte, während mir das Herz
-vor Lust schlug, entlang den See, ein wenig abwärts,
-glitt in eine Straße hinein und hielt vor
-einem hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem
-Dach, das scharlachen leuchtete und mit
-seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen
-Glanz beider, des Himmels und des Sees, sich
-erhob. Es war im Oktober, gegen halb fünf, als
-wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte
-uns erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und
-oben, auf dem Absatz der kurzen dunklen Treppe
-stand Klaus Manth.</p>
-
-<p>Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit
-der lockeren Haltung der dünnen und kurzen Finger,
-die ihm eignet, und lächelte sanft aus freundlichen
-Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein
-großes Paket hielt, das Kissen, das mir Walter
-nicht hatte nehmen dürfen. Er war sorgfältig gekleidet,
-und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie
-aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-hin spottsüchtig abzuschätzen. Sieh sieh, dachte
-ich im Hinaufsteigen, man putzt sich auch hier,
-wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt
-seiner Arbeit einen ganzen Tag! das ist ein wenig
-lächerlich und sehr angenehm; denn sein Anzug gab
-sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt
-war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes
-Jackett gehüllt, aus der gleichfalls schwarzen Weste
-erhob sich ein taubenblauer Schlips, von einer Perle
-gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen
-hin blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes
-Gesicht, gelb betupft von Sommersprossen. Er
-begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die
-seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten
-unsere Überkleider ab, und nachdem ich mich am
-Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles,
-lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte,
-nicht übel zu meinem leider gelblichen Halse und
-ganz schwarzen Haaren passe &ndash; um wieviel reine
-Freude bringt sich, wer nicht eitel! &ndash; ließen wir
-uns, Walter und ich, in den braunen Sesseln eines
-ernsthaften Zimmers nieder, das ganz von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man
-hatte geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich
-mit einem undurchsichtigen feuchten Hauch und
-machte ihn blind und seine Bewegung unsicher &ndash;
-und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim
-Abwischen zusah, diesen Augenblick eines kurzen
-heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte
-er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten
-unbedingt überlegen wollen, geistig und seelisch
-überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen
-und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben,
-weil wir sie daran ein bißchen beugen können und
-unsere schwatzhaften Zungen daran neckend wetzen?
-Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt,
-doch gewisserweise auch mit froher Neugierde
-mein Kissen aus, das ich für diesen Raum
-gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner
-Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem
-Ornamentwerk zarter Kurven ein stahlblauer
-Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein Zentrum bezogen
-und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war
-ein ziemlich gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet,<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-unverworren und logisch bei allem Reichtum
-und von einer sorgfältigen Stickerin ausgeführt.
-Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft
-und sah fast gerührt aus; aber er hielt das
-Kissen auf den flachen Händen, wie Männer kleine
-Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus
-nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich
-Mitleid mit dem hübschen Ding, als könnte
-es merken, wie unangebracht es sich hier befand.
-Die schön gebundenen Bände von Taines <em class="antiqua">Origines
-de la France contemporaine</em>, die Walter &ndash; was
-kann ein Gelehrter besseres geben als Wissen in
-Anmut? &ndash; ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr;
-der Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen,
-das man gern hat.</p>
-
-<p>Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr
-niedlich, ob ich wohl die Teebereitung übernähme.
-Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die mit
-Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer
-häusliche Tugend und Grazie, und mit Recht; dafür
-verzeihen sie einem alle Klugheit; aber eine
-Studentin, die nicht Eier sieden kann &ndash; ich habe<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-solche Bekanntschaften &ndash; ist ganz umsonst gescheit.
-Während ich mit der Teebüchse und dem elektrischen
-Kocher hantierte, meinte ich belustigt zu
-mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du
-müßtest lebhaft, teilnehmend, heiter sein, das kleine
-Mädchen machen, dich hierhin und dorthin drehen,
-miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben.
-Das kitzelt die Männer und wärmt ihnen das
-Herz, das wollen sie, dann sind sie glücklich, und
-du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit
-verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit
-männlichen Maßen und achten dich bestenfalls einem
-halbwegs gescheiten Jungen gleich … Hier merkte
-ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit
-an und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte
-&ndash; aber staunen ist schwach gesagt &ndash;. Die beiden
-sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer
-Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es
-eigentlich verwunderlich, daß ein Pfleger so strenger
-und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit gelassenen
-und ironischen Worten von diesen »Künstlern«
-der Töpfe und Oberflächen sprach, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren Schnörkeln
-verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar
-fand und das Wort »Kunst« auf sie nur ironisch
-anwandte? Offenbar nicht; und doch hatte ich das
-gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war
-kindisch, zugegeben, und ich wußte, er sprach von
-den berufsmäßigen Verfertigern, aber es tat mir
-weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu
-sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein
-bißchen Geschmack und Formfreude daran wendete …
-Ich hielt natürlich an mich; auch fand
-ich, er müsse irgendwie gereizt sein &ndash; und plötzlich
-sagte ihm Walter, daß seine Reden schärfer
-und unruhiger klängen als sonst, und worüber er
-erregt sei?</p>
-
-<p>Ich stimmte vorsichtig zu.</p>
-
-<p>Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen
-war, blieb brüsk stehen und rief: »Erregt!
-Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und
-überdachte mein Leben, das nun halb vergangen
-ist! Ja, ich bin erregt, denn die Jahre, die hinter
-mir liegen, sind die Zeit, in der die andern leben,<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte
-ich von ihnen?«</p>
-
-<p>Ich beugte mich über das kochende Wasser,
-entzog dem blanken Topf den elektrischen Strom
-und goß einen dampfenden Strahl auf die schwärzlichen
-Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun,
-wie sie sich sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz.
-Ich hüllte mich in diese Abwesenheit wie in ein
-verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und
-lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische
-Witterung? Ich fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt
-sich etwas Verbotenes, bricht gar schon hervor
-… Indessen sagte Walter mit warmem Ton,
-der mir zu Herzen ging: »Und die Jahre, die
-kommen? Lieber Manth, welch ein Leben wartet
-Ihrer noch!«</p>
-
-<p>Liebling! dachte ich … Und erschrak, wie der
-andere fast zornig entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor.
-Kunst, und darüber wollen wir nicht reden.
-Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien
-und wieder Arbeit. Davon wollen wir lieber
-schweigen. Dergleichen vorbringen und aus solchen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich
-meine Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja
-für uns getan. Die Zukunft, Lieber, wollen wir
-aus der Rede lassen &ndash; zumal mich, Sie sehen ja,
-das Vergangene nicht freigibt« … Er sprach nicht
-viel lauter als gewöhnlich, aber jedes Wort schien
-mit Kraft zum Hervorbrechen gesättigt zu sein und
-sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern zu
-erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne
-Pause ins Leichte überlenken, ihn mißverstehen
-&ndash; dann wird er dich für eine Pute halten und
-schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im
-Auto; und in bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre
-Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß die bei
-Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an
-Ihre Anfänge gedacht &ndash; wie, Walter? an Nottebohms
-Bild und an Ihre, sagen wir, nicht unbeträchtlichen
-Radierungen vom Leben? Wenn ich
-von Musik absehe &ndash; Gemaltes oder Gezeichnetes
-gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter stimmte
-eifrig bei. Half es? &ndash; Wenn ich das Folgende
-hätte ahnen können, ich hätte um keinen Preis oder<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-Schatz von diesen Blättern gesprochen. Manth
-tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und
-sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte
-&ndash; ich mochte ihn nicht so nahe haben&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit
-liegen zwischen damals und heut, acht fleißige Jahre.
-Und noch ist nichts vergessen, nicht das Bild und
-nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten
-meinen; es erklang in uns beiden die gleiche staunende
-Frage. Die Hand unseres Wirtes glitt über die
-Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein Insekt.
-»Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe
-ein Leben geführt, das nur die Kunst wollte, streng,
-keusch, ausschließlich, und bin vorwärts gekommen.
-Habe meine Form in die Welt hineingesehen und
-gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit
-meiner Werke stets unzugänglicher wird, ihre
-düstere Herbheit den Bequemen immer fremdartiger,
-ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen
-mich ja darum. Und nichts ist stark und groß genug,
-um das Erinnern meiner Schmach, die Denkmale
-meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-Bild.« &ndash; Ich riet mir: jetzt stehst du auf und
-fährst heim. Aber das ging ja nicht. Ich hatte
-nun sitzen zu bleiben und diese Stunde über mich
-kommen zu lassen &ndash; eine dieser beschämenden
-Stunden voller Pein und Widrigkeit, die allzutief
-und schonungslos in einen Menschen hineinleiten.
-Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen
-schaudern &ndash; kann man denn das? Was
-würde der Mann aufhüllen, der dort so leise und
-leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von
-Walter kam mir keine Hilfe; er rührte Zucker in
-seinen Tee und sah nicht auf, ich wußte nicht, was
-in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen.
-Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese
-Mappe, Claudia Eggeling, die Sie so sehr lieben:
-kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir:
-»Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.«
-Schweigen war geboten, es ziemte sich, ich wollte
-es &ndash; aber was geschah? Wider meinen Willen
-redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung,
-die meinen Stolz ätzend zerfraß &ndash; aber ich sagte
-trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her wie<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den
-wunderbaren Geschöpfen seiner spielenden Fantasie,
-den erschreckenden Blumen, Menschen aus einem
-Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern
-hatten; den Knaben, der die formerfüllte Welt
-durch das quadratische Gitter seiner Schulung begreifen
-soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom
-Sturm seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter
-Bäume hingeschleudert, die er mit Tränen netzt.
-Und dann die ungeheure Verwunderung dessen,
-der zu <em class="gesperrt">sehen</em> beginnt und auf den die Landschaft
-einstürmt als wären seine Augen Strudel, alles in
-sich zu reißen; und dann die Berührung des Mädchens
-… Hier unterbrach er mich und sagte hastig,
-geschäftlich und scharf: »Und dann das Nachbilden,
-und die Versuchung durch die ehemaligen Formen
-in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere
-und Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft,
-und die Qual des Erlebens, und das unzugängliche
-Dasein: Menschen, die ihre Gesichter an
-einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt
-beginnt, Menschen, die einander durch Tücher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-küssen suchen; und die Entblößung des Innersten,
-dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben
-von Männern, und die Grausamkeit gegen
-den eigenen Leib, und …« Aber das letzte Bild,
-das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser
-gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern
-rief sehr warm: »Und am Ende dennoch Aphrodite,
-die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen und
-mit den Augen lächelnd über einem Kranze von
-Menschen schwebend, die sich nackt lieben!« &ndash; »Ja,«
-sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen Sie mit, kommen
-Sie, ich zeige sie Ihnen …« und indem er Walter
-bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin
-still gelacht hatte &ndash; »vor Verlegenheit wurdest
-du rot,« scherzte er später einmal &ndash; zog er ihn zur
-Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und
-Geste, daß wir ihm folgten, der eilig voranfuhr,
-durch viele Türen und mehrere Zimmer, eine
-schraubenförmige Eisentreppe hinauf &ndash; was wird
-denn? er ist doch nicht etwa toll? &ndash; und einen
-kurzen geweißten Gang entlang. Da standen wir,
-in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-hellen Wänden und einem ungeheuren Fenster
-nach dem See, an der Arbeitsstätte, im Atelier.
-»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und
-schob ein schräges Pult ans Fenster, lief, indessen
-wir, fassungslos verwirrt und zerquält von Spannung,
-um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude
-auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und
-den farbentaumelnden See blickten, deren Bläue,
-Röte von goldenen und errötenden Wolken und
-ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der
-Mappe zurück und legte sie aufgeschlagen auf die
-schwarz gebeizte Fläche. Noch vom Fenster her
-erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und
-strengen Gestalten, deren herbe Linien und düstere
-Gewalt die Sinnlichkeit des Werkes heiligen, und
-darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung,
-den selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich,
-aber warum zeigt er uns das jetzt und so …
-außer sich? Das dachte ich, beugte mich näher und
-erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite,
-Christus. Nicht der lächelnde Segen einer Göttin,
-sondern die den Augen dargebotenen Wundmale<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet;
-die Stirn ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt
-mit den Löchern und Gruben, die die Dornen
-hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen
-Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem
-Lichte. Er war noch jung; er war Gottes Sohn.</p>
-
-<p>»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth
-mit einer Stimme, die uns beide aufschauen ließ:
-aus ihr und aus seinen Augen drohte ein ähnlich
-erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes.
-Dann wandte er sich ab, trat an die Scheiben und
-schlug zwei prasselnde Wirbel mit den Fingerspitzen.
-Darauf schwieg alles eine geraume Weile,
-wie die Stille nach einem äußersten Tumult, der
-um uns losgebrochen und jäh verstummt sei und
-nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten
-wie nach rasender Drehung Erschütterung
-und Schreck, die Überraschung und die Gewalt
-des vertauschten Werks, und das nachträgliche
-Wahrnehmen vermummter Tragik, als höre einer,
-das beschneite Feld, das er eben überschritten, sei
-der gefrorene See. Walter und ich sahen starr<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-auf das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem
-Werk einen neuen Sinn.« »Einen schweren, ganz
-anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was
-war unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung?
-Unmöglich. Lüge? Hohn? Wir schwiegen
-wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.«
-Ich wußte noch nicht, ob die Begierde in mir
-stärker war oder eine erbebende Furcht, da begann
-er schon, stehend, während ich auf einem Schemel
-hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt,
-und Walter hinter mir an das Pult gelehnt
-empfand:</p>
-
-<p>»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf,
-gleichgültig wo, am Harze, in einer alten Bischofsstadt.
-In meinem vierzehnten Jahre legte man in
-einem Berliner Vorort eine Straße anders, als
-vorher wahrscheinlich gewesen; das hatte zur Folge,
-daß wir in eine andere Stadt ziehen mußten, nach
-Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren.
-Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei
-blieb's zwischen uns, denn er liebte niemand
-außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und
-schickte mich auf die Kunstschule nach Breslau.
-Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren war
-ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich,
-Zeichenlehrer zu werden. Man entzog mir allen
-Zuschuß, strich mich sozusagen aus und ließ mich
-auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen
-und, in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu
-hungern. Man versteht das in den Mansarden von
-Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf
-Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte,
-borgt Heringe und Tabak, übernachtet wohl auch
-in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle
-Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das
-keinerlei Akzente. Man hat Kameraden und teilt
-mit ihnen das wenige Geld und den großen Enthusiasmus.
-All das ist nichts; schlimm hat mans nur
-als Maler, wenn man weder Farbe noch Leinwand
-kaufen kann, und das war oft, denn das Handwerk
-ist teuer. Der Musiker findet überall ein
-Klavier, nicht wahr. Der Literat bekommt Tinte in
-seinem Kaffeehaus &ndash; unsereiner aber ist übel dran.<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert
-grauen Packpapiers und den Reichtum der Nuancen
-von Schreibtinte. Gleichviel, ich arbeitete. Und
-wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag
-oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam,
-entwarf und bekämpfte ich die Erscheinungen, die
-sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen
-Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten
-Zeichnungen, die den Künstler gegen das Leben
-stellten, an meine kahlen Wände.«</p>
-
-<p>Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen
-zu ihm auf: er stand vor dem hellgrünen Nordhimmel
-des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter
-Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen;
-schon fiel herbstliche Dämmerung. Nun, meine
-Miene war geübt ein still horchendes Mädchen darzustellen
-&ndash; und wenn das halbhelle Licht auch mein
-Gesicht herausholte aus dem Dunkel, er würde
-dennoch nicht gespiegelt finden, was ich bei dieser
-Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen,
-viel Widerwillen … und ich atmete spöttisch aus.
-Entblößen Sie sich nur, mein Herr, dachte ich, mich<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-für meine Person entdecken Sie nicht … Vielleicht
-legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit
-Frauen verhielten? &ndash; Er sprach weiter:</p>
-
-<p>»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen.
-Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen,
-die schlechte Kleidung und aller Mangel an den
-Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden
-Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung
-und Behagen ruhen und sich stärken könne,
-all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle,
-die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses
-manchmal eingab, und für die ich mich mit
-Reue und Qual strafte &ndash; alles das war nichts
-Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich
-diente, den Weg, an den ich glaubte, und das
-stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich
-&ndash; und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert
-man das? &ndash; ich war nie nur Träger einer Leitung
-gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die
-Hand zum Pinsel führte; <em class="gesperrt">ich</em> dachte, <em class="gesperrt">ich</em> fühlte,
-<em class="gesperrt">ich</em> stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die
-Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-und Farben auf die weiße Fläche kommen darf,
-dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei
-Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten,
-denen alles ohne Intellekt gelingt, wie
-man von Raffael sagt &ndash; ich habe Bedenken dagegen,
-ich glaube nicht daran, in Klammern &ndash; in
-der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt
-das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war
-mir gegeben: <em class="gesperrt">ich</em> wählte, und nach den Gesetzen
-meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an.
-Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer
-man anbeten mag; mich führten sie auf einem
-Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden,
-und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig
-Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig
-Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis,
-Feuerbach, Marées &ndash; natürlich nur dem Standpunkt
-nach, nicht etwa kopierend &ndash; wo man anlangt,
-gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen
-und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener
-Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum
-weiten Rhythmus wird, zur herben und starken<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Schönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen
-Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das
-Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung,
-Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von
-der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen
-zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und
-immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so
-sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf,
-sechs fertige Entwürfe« &ndash; wie eitel seine Stimme
-klang, eitel auf Fleiß und Mühe! &ndash; »Da starb
-plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung
-und ohne daß er mich hatte ›enterben‹
-können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen,
-was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung.
-Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte,
-und so richtete ich mich auf ein sicheres und
-einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten,
-Firnis, Säure und Nadeln, und begann,
-meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz
-durchdachten Form zu radieren; denn daß es
-Radierungen sein würden, war mir von Anfang
-an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-aus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden
-ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm
-dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm,
-meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern
-zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele
-wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens,
-besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und
-erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen &ndash; denn
-die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht
-kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches.
-Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem
-Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in
-den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwas
-<em class="gesperrt">gemacht</em>.«</p>
-
-<p>Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz
-verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es
-wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig
-vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten
-Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und
-sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen
-Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm
-meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand,<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht
-schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich
-mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle
-der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder
-und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:</p>
-
-<p>»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich
-einen Brief des großen Kunstverlegers <em class="antiqua">Dr.</em> Venediger:
-er habe von autoritativer Seite reiches Lob
-über eine Reihe meiner Radierungen gehört und
-er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte
-mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er
-ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß
-er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und
-ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch
-kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel.
-Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung
-und Abstufung des Dunkels und jeder
-Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge
-Anordnung &ndash; es gab keinen ästhetischen Wert,
-den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte
-sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung.
-Nun, nicht wahr, man ist jung und<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-unverwöhnt &ndash; ich genoß diese Augenblicke; sie
-waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er
-alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen,
-dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt.
-Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte
-er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen
-lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich
-und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich
-entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es
-ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist
-Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures
-Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz
-großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen
-könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den
-Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann
-begann ich zu sprechen« &ndash; er lachte kurz und
-scharf &ndash; »empört und begeistert. Aber das ist ja
-fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des
-Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das
-Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da
-blind geben und nehmen, die den Trieben folgen,
-über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken des<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt
-und verstärkt brannte &ndash; er verstand nichts
-davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und
-strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk
-von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß
-auf der Stelle keineswegs vonnöten.</p>
-
-<p>Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in
-Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt
-saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint
-es ganz gut und hat für sich ganz Recht &ndash; nur
-nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für
-erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in
-der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen
-Sommernacht, während die Sterne an meinem
-offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und
-vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen
-wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber
-schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen,
-mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten
-sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst
-dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine
-Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen und<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-die Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer,
-inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben
-hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer
-Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit
-der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem
-Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür
-zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition;
-denn irgendeine andere konnte dort die
-Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und
-einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder
-ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre
-war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn
-&ndash; eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren,
-die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes
-Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das
-Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt
-um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer,
-aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht
-verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam
-es und warf mich um, meine ganze Existenz; und
-als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu
-schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-keine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit
-ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit
-bedeute.</p>
-
-<p>Ich wiederholte unterdessen fortwährend und
-haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser,
-geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich
-verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts
-dieser Niedrigkeit&nbsp;…</p>
-
-<p>Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich
-ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um
-meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr
-Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in
-meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und
-suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten,
-mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber
-er, der vornehme Mensch, der empfindliche und
-verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte
-Landschaften in ihren lichten und verschleierten
-Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel
-und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer
-als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen
-waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-wenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß
-ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite
-über den Liebenden schweben zu lassen &ndash; und
-als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen
-Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch
-ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze
-beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg
-vor mich hin, und begann eine neue glänzende
-Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit
-und mit totem Innern. Ich verbesserte
-zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz
-des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte
-Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite,
-Claudia.</p>
-
-<p>Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis
-&ndash; ich war ihm doch zu Danke verpflichtet,
-nicht wahr &ndash; zärtlich wie einen Abschied; langsam,
-eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es
-sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich
-nicht annahm &ndash; es sei zu gut geworden und
-ich sollte es verkaufen &ndash; und sich mit den Studien
-dafür begnügte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen
-von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die
-meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und
-meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen
-und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir
-später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang
-mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer
-erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich
-hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann
-vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte
-die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und
-diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas
-war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender
-eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft,
-nie verraten hatte.«</p>
-
-<p>Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort
-auf &ndash; ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich
-zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich,
-endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und
-sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei
-unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die
-man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-ihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein
-Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend
-erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen
-dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben?
-Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke
-in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte,
-und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört
-worden. Denn stets würden, das war schon
-jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden
-Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern,
-und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten.
-Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter
-und beherrschter Stimme: »Gehen wir
-hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei
-mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen,
-an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen,
-ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere
-geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten
-geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich
-ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als
-tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich
-zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich
-&ndash; man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht
-zu gewöhnen &ndash; vor mir hing, rahmenlos an die
-Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch
-bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt
-Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf
-brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher
-Umriß und einige wesentliche Linien. Die
-trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden,
-und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke,
-glühten mich an … Ich stand und schaute.
-Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich
-dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und
-Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo
-wir standen und kommentierte mit gleichgültiger
-Stimme:</p>
-
-<p>»Die erste Studie zu dem Porträt &ndash; Sie
-wissen. Trauriges Ende, ja. &ndash; Ich darf also das
-Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände,
-aber Walter sah mich bittend an, und so
-gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken
-und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich
-den Hörer nahm:</p>
-
-<p>»Der arme Mensch. Was er gelitten hat&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten
-haben« … Aber ich dachte an Oswald dabei,
-nicht an den kleinen Maler.</p>
-
-<p>»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«</p>
-
-<p>Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft
-die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles
-… und ich liebe dich dennoch … Aber schweigen
-wir von Oswald &ndash; es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise
-bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie
-bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt
-von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht
-mehr, was er eben gesagt hatte.</p>
-
-<p>»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte
-ich daher.</p>
-
-<p>»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen
-und fühlte es im Drucke deiner Hand vorhin.«
-Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet …
-Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-nicht zu berichtigen. Es hätte ihm wehe getan.
-Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht.
-Ich fragte zaghaft, mädchenhaft:</p>
-
-<p>»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen
-geblieben?«</p>
-
-<p>»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis
-eines solchen Menschen?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk
-ist mir dadurch ferngerückt und neu, fremd geworden.
-Ich werde einen Monat brauchen, mich
-wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den
-Schöpfer auch.« Aber daß ich mich schämte für
-den Mann, der mir jetzt gelassen und nun gewissermaßen
-nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber
-sitzen wollte, das mochte ich nicht sagen.</p>
-
-<p>»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine
-Claudia?« fragte er sogleich in zärtlichem Vorwurf;
-ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter,
-bist lasterhaft gerecht &ndash;« und ich schloß mutwillig:
-»Ich behellige auch niemand mit Innenleben &ndash;
-nicht einmal dich.«</p>
-
-<p>Er legte lächelnd seine Hand auf die meine:<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-»Dafür ist er ein Künstler und wir simple Bürgersleute,
-die bei der Kunst zu Gaste gehn.«</p>
-
-<p>»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er
-sich mit dem begnügen, was seine Werke gestehn;
-das ist immer noch genug.«</p>
-
-<p>»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier
-fühle. Sind wir einig, du?« Ich nahm den
-Hörer auf und log: »Vielleicht.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Stern">Der Stern</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p>
-<p class="drop">Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen
-Walter Rohme« steht auf dem Titel
-zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so
-besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig,
-diese »Sonate <em class="antiqua">e-moll</em> in tiefer Lage«. Unter Claudias
-Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam
-aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit
-gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht
-&ndash; von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch
-glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern,
-sich wieder zu senken, stocken und sich neigen:
-vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme.
-Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied
-vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu
-einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal
-in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander
-klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke
-ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten
-Trauer … Aber alsbald webt Alexander Sirmisch
-mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden
-Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit
-einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessener<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Trauer zu verhüllen &ndash; bis an einer Stelle, auf
-die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel
-alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven,
-ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei
-der letzten Verlassenheit ausstöhnt … Hier läuft
-mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein
-Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich
-strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und
-gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter
-Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein
-Freund … ich erinnere mich, daß es Zeiten gab,
-in der Schule, noch auf der Universität, wo mir
-das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu
-werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest … Vier
-waren wir &ndash; zwei fielen ab; du aber machtest dich
-davon, heimlich an einem Abend, als es regnete
-und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter
-vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich
-und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten
-und deine Gestalt schon Bewohner des
-<em class="gesperrt">anderen</em> Reichs … Und es ist mir, als müsse der
-tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehnt<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-stehen, als müsse er lautlos über den blauen
-Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst
-an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft
-seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt
-haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner
-Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden
-lassen, viel anklagender, viel erdrückender …
-Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand
-steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.</p>
-
-<p>Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln
-des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre
-Scherzo und verändert die Stimmung, die uns
-alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich
-in unseren Bewegungen, ohne Anteil des
-Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte
-mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke
-um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich
-leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur
-Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir
-aus weiten Augen durch die Dämmerung des
-Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber
-von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-schwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange,
-an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch,
-hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte,
-neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt
-mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen
-die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich
-hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser
-erste Abend unseres wieder vollständigen Trios
-&ndash; Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert
-&ndash; ein Gedächtnisdienst für Oswald
-Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange
-Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell;
-aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es
-ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers
-so schweigsam macht. Hat nicht, von dem
-Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen«
-fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt,
-und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem
-von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte
-ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung
-war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch
-war ihm als sehr musikalisch angenehm, und<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche
-Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung
-erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad,
-ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte,
-wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge
-auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte,
-und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu
-Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben
-mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele
-tönen läßt, und das die meine ganz besitzt&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein
-Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden,
-welches eine solche Stimmung angstgespannter
-Trauer allein fassen und der Seele
-tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf
-Variationen, in denen das Cello die Stimme der
-Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets
-gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen
-und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja,
-ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt
-mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans
-Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten
-Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor
-der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade,
-das Erblicken des Gleichen im Veränderten
-und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks
-für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit.
-Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für
-das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen,
-jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen,
-klingen und schweigt.</p>
-
-<p>Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem
-hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller
-Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase,
-und die beiden anderen; nur die Lichter knistern
-über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges
-Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten
-an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht
-leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes
-Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos,
-sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet;
-der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel,
-und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem noch<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster
-des Divans &ndash; da legt, und wir alle erschrecken,
-der Cellist den Bogen hart klappend auf das
-schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen
-als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und
-sagt schneidend in die Stille hinein, während er
-sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:</p>
-
-<p>»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat
-man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die
-Ursache <em class="gesperrt">davon</em> geworden, eine Hausfrau, ein sittsames
-Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch
-lehne ich diesen Ton ab.</p>
-
-<p>»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme
-langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier
-Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese
-Abwehr. Ich habe, <em class="gesperrt">was</em> er sagte, noch nicht aufgenommen,
-plötzlich begreife ich's und es schlägt
-wie eine Kugel durch meine Brust.</p>
-
-<p>Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel
-und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen
-Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt
-wieder einmal alle diese Menschen, die einander<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-gernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander
-entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern
-eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die
-mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint,
-und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben
-kann &ndash; er hat ja erst vor Wochen von dem Ende
-des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß
-gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris,
-unverhofft, ohne jede Vorbereitung &ndash; aber auch
-Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst
-den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs
-erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es
-einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung
-fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu
-Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er
-jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal
-schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.</p>
-
-<p>»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs
-der Meinung, ganz und gar nicht, daß
-zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers
-rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute …
-Das da« &ndash; er schlägt die Handfläche auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Notenseite &ndash; »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir
-haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das
-Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die
-Sinfonie &ndash; gnädige Frau!« Seine Stimme zittert
-beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder
-… es geht mit ihm durch; aber ich lehne
-es nicht mehr ab … Um so ruhiger klingt die Antwort &ndash; und
-ich weiß, warum ich das bewundere.</p>
-
-<p>»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe
-wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei,
-und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte
-Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich
-hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr
-musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam.
-Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war
-eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß
-Frau Doktor … daß diese Dame ihm nicht im
-geringsten zugetan war.«</p>
-
-<p>Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier
-anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.</p>
-
-<p>»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen
-klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich?<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-Doch für ihre Stumpfheit, doch
-wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte
-wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn
-drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was
-brauchte er anders um genial zu werden, reif zu
-werden, als das beglückende Anschmiegen dieser
-Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu
-können benötigte er ein erträgliches Dasein, und
-weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau
-gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer
-irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde &ndash;
-sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte.
-Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie
-hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war
-honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller
-Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos
-sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam
-und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls
-Notiz genommen hätte … Sind Sie mir
-böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken,
-wie sehr ich sie verachte, diese zahmen
-Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-gackernd und eierlegend &ndash; nein, gnädige Frau,
-daß einer wie Oswald Saach um <em class="gesperrt">so eine</em>
-fortgehen mußte … das ist ein bißchen widerlich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch
-mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So
-sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen?
-Oder greift er in eigener Sache an, in der
-Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges
-verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm
-gänzlich recht, vermutlich sehen alle &ndash; ich gewiß &ndash;,
-an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt,
-mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau;
-aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit,
-sondern um Freundschaft; <em class="gesperrt">wenn</em> es um
-Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel
-und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid
-ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen
-Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke
-ich, wie Frau Eggeling &ndash; ist ihre Überlegenheit
-nicht staunenswert? &ndash; die Augen gütig
-auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt
-&ndash; da geschieht das Überraschende.</p>
-
-<p>»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber
-das <em class="gesperrt">ertrage</em> ich nicht länger!«</p>
-
-<p>Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille.
-Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen
-Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung
-beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei
-heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang
-zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der
-Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen!
-Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel
-und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus.
-Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum
-ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt.
-Was ist das? frage ich mich &ndash; <em class="gesperrt">was</em> ist das?
-und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken
-gleicht &ndash; übrigens ist es wirklich Schreck &ndash;
-und jede andere Regung für Sekunden aus meiner
-Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle
-Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war
-von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend …<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, &ndash; und erst
-jetzt wird es mir bewußt, &ndash; im Umdrehen ihr Gesicht
-erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen
-geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten,
-schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts,
-ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen
-Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:</p>
-
-<p>»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht,
-Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!«
-und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten
-Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich,
-die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch
-für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und
-zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes
-Glas an die Augen und sagt scherzhaft,
-während sie sie forschend ansieht:</p>
-
-<p>»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer
-Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald
-Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen
-Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser
-Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß
-eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohl<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen,
-ruft Claudia aus dem Dunkel:</p>
-
-<p>»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für
-die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja?
-Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen
-Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen
-Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe
-sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute
-fast verpflichtet.«</p>
-
-<p>Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu
-Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam
-verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein
-rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter
-Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters
-überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch
-dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen
-Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich
-mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun
-gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert
-inmitten sehr heller runder Wolkenschollen,
-die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen,
-in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerrede<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-ärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel
-wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich
-dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen
-kalter Luft: das schwarze Blau der frühen
-Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier
-Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine
-Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen.
-Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne.
-Antworten: worauf und was? Aber Alexander
-Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem
-stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind
-horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben
-zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar
-ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner
-Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit
-zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen,
-lauernd, staunend, schwarz und drohend &ndash; ein
-unheimliches Auge, das Claudia ansieht.</p>
-
-<p>»Zeit oder nicht, gnädige Frau &ndash; was können
-wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet
-hat, werden wir wissen. Ich warte; und
-bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-tritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens
-sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl
-nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen
-Leidenschaft &ndash; und jetzt schon, in diesem
-Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die
-Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung.
-Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in
-mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige
-Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr
-abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes
-hineinsagt:</p>
-
-<p>»Ich habe nichts mehr zu reden.« &ndash; Es ist für
-meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses
-Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber
-ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt
-an das zu denken, was sie verschweigen
-will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß
-wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses
-erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint,
-habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der
-Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich,
-wie der dampfend goldene Teestrahl die weiße<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und
-sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein;
-dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während
-er das Getränk durchwühlt, um den Zucker
-zu lösen und sich &ndash; irre ich nicht? &ndash; Mühe gibt,
-den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:</p>
-
-<p>»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das
-nicht genügt. Sie werden nicht umhin können,
-uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben
-sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist
-nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße
-Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie
-er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte
-gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne,
-so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein
-Duell junger Herren; und ich lächele still über die
-imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit
-ihr beleidigt und ihr Beschützer sein … dies gibt
-den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und
-belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm
-recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen
-lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchten<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-konnte? Jagen lassen &ndash; wovon? Ich vermag mir
-kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die
-ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt
-und blumig gesehen habe … Finden sich da
-&ndash; ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu &ndash; Abgründe,
-Dickichte und schwarze Wälder, in denen
-es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks
-solche Überraschungen hervorbrechen?</p>
-
-<p>»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!«
-Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig
-erfreulich, und ich bedaure so sehr …« Sie blickt
-mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt,
-dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz
-fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen;
-und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's
-einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen
-sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos
-auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens
-wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das
-ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art
-zu bitten, auf Blick und Ton &ndash; mein Herz übertölpelt
-mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-es ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an.
-Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von
-diesem schönen Mädchen aus &ndash; dennoch bewegt
-ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt
-sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren
-Mannes:</p>
-
-<p>»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen?
-Was könnte ich verweigern, wenn Sie so
-bitten … aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«</p>
-
-<p>Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt …
-Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung,
-diese junge Dame, und wird nicht zögern,
-sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören
-und setze mich zurecht.</p>
-
-<p>Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen,
-bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet
-sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn
-sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger
-lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)</p>
-
-<p>Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt
-sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen
-zucken zweimal &ndash; dann tritt sie wortlos nach hinten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie
-uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die
-Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet
-neben dem Tische, den Maler, der in
-seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes
-Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend
-unter dem grünen Seidenschirm, mahnt
-sie noch:</p>
-
-<p>»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und
-beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme,
-während sie hinten im Raume, an uns vorüber
-einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht
-schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein
-Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen
-uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir
-immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er
-war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen
-wie er, die in beständigem Pathos leben, sind
-für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und
-dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte
-das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter
-her stets merkte und auf eine peinliche Art auch<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte
-und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein,
-ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete
-einfach auf immer an ihm, daß er von unten
-gekommen war.«</p>
-
-<p>Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während
-meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine
-Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte),
-wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun
-sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn
-auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste,
-die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen,
-graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich
-hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter
-stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem
-Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden
-Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört,
-befehlend &ndash; immer glühend und gleichsam
-emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er
-vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt
-war und sich so bald verzehrt hatte …
-Unterdes höre ich Claudia:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp
-wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich
-gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend
-und berechtigt war, im Pathos zu leben.
-Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen
-Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er
-sich in mich.« &ndash; In mir klappt etwas zu: eine
-Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält.
-Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und
-senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon
-zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht?
-&ndash; »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus
-einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon
-Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen
-Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum
-erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen.
-Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten
-Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in
-dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr
-mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter,
-daß es zischte &ndash; und die Augen immer
-am Boden oder bei den großen goldenweißen<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Wolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen,
-sprach er von sich, immer von sich. Daß
-man einen Menschen seiner Art nicht lieben <em class="gesperrt">könne</em>,
-daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen
-und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts
-so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst
-liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen
-Dummkopf zu tauschen bereit sei, und
-im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent
-nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen
-gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen
-hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort,
-etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit
-zu tauschen, und er lachte mit; aber meine
-Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose
-und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert.
-Und nur von diesem Menschen lernte ich
-die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche
-Sonaten <em class="gesperrt">erleben</em>, nur er schuf sie gleichsam noch
-einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur
-er hatte beides, den glühenden Anlauf <em class="gesperrt">und</em> die
-vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-phantasieren begann, so hörte ich, ja ich <em class="gesperrt">hörte</em> die
-brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser
-zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und
-Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser
-Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen
-Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise
-dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte
-ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag
-trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden
-&ndash; es kann vielleicht, für gewisse Menschen,
-noch schöner sein, ihn zu lieben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt
-mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:</p>
-
-<p>»Habt ihr noch nicht genug davon?«</p>
-
-<p>Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«,
-wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem,
-was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme
-an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich
-sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht;
-akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth
-räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen
-nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-still. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in
-die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der
-ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der
-ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias
-Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände.
-Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem
-Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren
-zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich
-erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten
-… klang ihre Stimme &ndash; ihre Mutter kennt
-sie nicht besser als ich &ndash; nicht tiefer und innerlichst
-bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und
-Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre
-Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört …
-Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin
-imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie
-ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die
-von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich;
-geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das
-Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an
-einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag
-Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es
-gibt Liebe, die nur Stunden währt &ndash; und einiges
-Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre
-gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir?
-Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer
-halben Stunde Liebe? Du guter Gott &ndash; ich bin
-nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß
-eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis
-ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern:
-daß sie es bis heute verschwiegen hat, und
-daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin,
-ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe
-gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du
-hörst es gleich &ndash; ich fürchte mich; ich fürchte
-mich&nbsp;…</p>
-
-<p>»Habt ihr noch immer nicht genug davon? &ndash; An
-jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir
-uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's
-meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche
-etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines
-Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele
-taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-mit einem blonden Mädel und einem fallenden
-Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut
-und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas
-besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung
-zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier
-und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe
-erledigt &ndash; denn trotz jener Frage und allen Anteils
-erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten
-Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und
-ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die
-Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies
-erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten &ndash;
-»ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger
-Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel,
-eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von
-der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein
-Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn
-von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit
-aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner
-Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch
-nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals
-noch ganz ungekannt, sondern um des Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende
-Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache,
-Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten,
-diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts
-als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen
-Grundsätze endlich über den Haufen geredet,
-ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit
-seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch
-seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig
-sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein
-empfand, weil sie selber arm und vereinsamt
-war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn
-und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich
-nach, mit schüchterner Glut und einer stets
-keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr
-euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal
-an sie gedacht, und er gab mir die Mittel
-dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen
-sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer
-Liebe &ndash; er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig,
-und betrunken von der holdesten Erinnerung.«</p>
-
-<p>Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches
-Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher
-Vorstellungen ein kleines Glück … Wie
-manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht
-und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds
-großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern
-Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier
-einsiedlerisch hinwegblickte … Wie hieß sie? Lisbeth
-&ndash; weiter fällt mir nichts ein … Sie hatte
-das sanfteste Lächeln … Ich sehe die Geste, mit
-der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des
-Messers bietet, über den Tisch hinüber … Sie
-schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und
-warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter
-sich … Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal
-formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen
-Fruchthaut, und Oswald lachte bei
-ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. &ndash; Und
-dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen?
-Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen
-um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag
-sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigen<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände
-zittern immer noch … Bin ich denn vom Tee
-vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer
-Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren
-alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in
-Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich,
-daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt
-hatten. Sie hatte sich von ihm befreit.
-Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft
-der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich
-zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen;
-sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu
-machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu
-lieben) wohin er sie geführt hatte &ndash; auf einen
-Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie
-hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein
-ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten
-unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von
-sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der
-Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt,
-unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr
-stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete,<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat,
-ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«</p>
-
-<p>Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling &ndash; sie
-hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das
-ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von
-der Stirn, unbemerkt … Ich muß sehr blaß aussehen
-… Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia
-über alles das nachgedacht!</p>
-
-<p>»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er
-sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein
-in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu
-fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte
-ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten,
-Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele
-Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so
-völlig &ndash; hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr
-ganzes einfaches Herz gegeben … Sie schrieb ihm
-Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir
-zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,«
-&ndash; und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend &ndash;
-»in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft
-abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte,
-daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte,
-wie man ohne ihn leben sollte … Aber der Kampf
-begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen
-und versucherischen Stadt, wohin sie die
-Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten.
-Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung,
-ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie
-dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie
-einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte
-ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren
-Gewohnheiten und Pflichten vertraut war &ndash; und
-das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah,
-vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu
-lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen
-des Großen Gartens; und oft hat sich mir während
-seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt,
-als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar
-anwesend und wüßte: der Abend zwischen
-den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt
-wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner
-Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-Wind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der
-sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet,
-und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen
-beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem,
-sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald
-gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine
-Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend
-angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit
-einem ganz unbekannten Maler &ndash; denn das alles
-begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln
-saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer
-und spärlich ernährte &ndash; sie war viel zu vernünftig,
-nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch
-vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie
-doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn
-er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen
-Staunens darüber, daß die Vergangenheit über
-eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein
-könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele
-nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen
-könnte unter solcher Last des Erinnerns
-&ndash; sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehende<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Kraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und
-die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von
-Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und
-Liebe widerstand, schien mir bewundernswert &ndash;
-und scheint mir heute noch bewundernswert.«</p>
-
-<p>Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten,
-dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich
-weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt,
-als hätten sich dort Nadeln gelockert … In mir,
-&ndash; gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir
-ab? &ndash; ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend
-hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir
-schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen,
-daß Claudia Eggeling sich verbündet und
-eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser
-Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden
-Wirklichkeit &ndash; und dieses Mädchen, das sich ohne
-Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald
-Saachs Geliebten einen Zugang finden: und
-so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen
-schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen
-hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-einer Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle,
-mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. &ndash;
-Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen
-ist … (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher
-sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals
-nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten
-… Und wüßte ich nur, wohin sie damit will!
-Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos!
-vielleicht erklärt das Ende alles … und Ruhe,
-Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten
-darf … Du darfst gut bitten, mein Alter.</p>
-
-<p>Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie <span id="corr130">setzt</span>
-mehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme
-hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher
-hat sie sich niemals um Worte mühen müssen.
-»Ich habe das Wichtigste vergessen &ndash; warum
-zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen!
-Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß
-Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig
-fühlte von unbekannten Gewalten? … Habt ihr
-je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch
-war?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich.
-Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich
-heute durch alle Gefühle, auf und ab … Sie findet
-Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet
-den Aberglauben … Und was soll das jetzt, und
-hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen
-kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches
-sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen
-nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen
-macht oder zu Künstlern. Da meldet sich
-Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die
-Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte
-Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet;
-jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn
-es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte
-Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine
-Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und
-sagt, ohne sich sonst zu rühren:</p>
-
-<p>»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst …«
-mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch
-sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch
-das Wort, bitte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und
-her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick
-ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen).
-»Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere
-sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben
-zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder
-daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern
-für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen
-und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie
-eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen,
-unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er
-hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt
-oder fähig sei, all das durch Betrachtung
-zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit
-er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die
-Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt
-hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen
-ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle
-sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte
-Philosophie und allen Skeptizismus und wolle
-ein Musiker bleiben.«</p>
-
-<p>»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Klaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich
-aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir
-aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des
-Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn
-in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle
-Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia,
-die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja
-diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt &ndash;
-hat sie sie doch eben erst gewonnen; &ndash; und sie nun
-von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie
-selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese
-drollige Ursache &ndash; sie kitzelt mich süß in der Brust,
-ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam,
-was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer
-Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen,
-was sie wolle … je ungerechter sie ihn
-schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja
-kein Wort von Oswalds »Aberglauben«&nbsp;…</p>
-
-<p>»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker!
-Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und
-ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht
-darüber &ndash; wissen Sie, was Sie tun?<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig
-dabei &ndash; am Ende und im Grunde suchen Sie
-nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole,
-die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen,
-Abneigungen und Handlungen stärken
-sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen;
-Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd
-überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen;
-er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht
-auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten
-von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden
-zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und
-alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder
-Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte
-weiter &ndash; für sich, nicht bei einem Heiligen
-&ndash; bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit
-eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem
-Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er
-befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf
-sonstige Art orakelnd warf &ndash; ob er je zu einer
-Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint
-es mir sehr möglich &ndash; und so glaubte er mit besonderer<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-Neigung an die wunscherfüllende Magie
-fallender Sterne.«</p>
-
-<p>Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen;
-nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden.
-Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes
-Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt
-es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht
-angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft
-zu verlieren über diese furchtbare und wichtige
-Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie
-das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft
-ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt;
-sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie
-kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht
-haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus
-Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches
-Bild trübt &ndash; und (jäh befällt mich neuer
-Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den
-sie gerne makellos sähe … Ja, ich bin ins Netz
-geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich
-altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt
-das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor
-zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.</p>
-
-<p>»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth,
-und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges
-nicht allzu leicht hell? Sie leugnen
-das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung.
-Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger
-in der Seele&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange
-bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe
-zu lösen, Unbekannte einzusetzen &ndash; das ist alles.
-Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft
-der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte
-zu verweigern. Genug, genug: Saach war
-abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens
-hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen.
-Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch
-zu fechten&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne
-mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit
-dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen.
-Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott?
-Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das
-eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von
-einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man
-soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und
-dann nur noch Musik: an einem der Tage, an
-denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist,
-holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten;
-denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die
-Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten,
-streng aufrecht, während er doch geglaubt
-hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen,
-was ihre Briefe sich vorgenommen hatten.
-Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich
-vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je
-und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern
-und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über
-denen der Himmel immer tiefer blaut, den die
-ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach
-hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die
-Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im
-Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr
-großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde
-gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der
-Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten;
-und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter
-sind beide bleich, sie sehen einander nicht an;
-sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander,
-des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers
-ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die
-er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem
-wegzuschleudern &ndash; aber schmerzvoll durchpulst von
-der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert
-von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer
-bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich
-zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon
-nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm
-werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von
-Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende
-und verwirrte Reden überwältigen ihn,
-die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie
-weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die
-Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Leid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen;
-sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen.
-Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den
-ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die
-sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer
-keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre
-Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit.
-Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und
-schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie
-ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im
-Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht,
-Nadeln sind verloren worden. Sie gehen
-den See entlang. Er muß in dieser Stunde der
-eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen,
-ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort
-von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren
-Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt.
-Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit
-oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert,
-nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und
-ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond.
-Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-Kampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern
-aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer
-lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich,
-ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker
-gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird
-in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz
-deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte;
-ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet,
-zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges
-Wahrzeichen sei &ndash; und wie heißt die allgegenwärtige
-Begier des Mannes, der soeben dagegen
-kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der
-ihn um seiner selbst willen liebt? <em class="gesperrt">Ruhm!</em> rief es
-in Oswald Saach.«</p>
-
-<p>Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer
-über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und
-schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles
-sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck
-in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander
-Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben,
-ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und
-beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Teppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht;
-jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte
-zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten
-Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für
-meine Person bin noch kurze Weile mit meiner
-eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine
-Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung
-hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich
-gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel.
-Welches Vertrauen muß er für sie empfunden
-haben &ndash; und wie wenig kannte er sie! Er hat
-dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich
-fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während
-er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet,
-peinlich betroffen, ratlos und verstört … Ich bedauere
-Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas
-in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr,
-völlig, übermäßig gut das für mich ist … Nein
-nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe,
-meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele
-Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches
-tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zu<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in
-Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen
-Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die
-Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und
-schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien
-gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt
-an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen.
-Das also ist Claudia &ndash; auch das. Die Hand
-zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch
-bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem
-Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit
-und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht:
-»Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem
-betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl?
-Wie kühn, wie unbedenklich … sind
-Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«</p>
-
-<p>»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich
-sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte.
-Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab,
-begehrte er am heißesten den Ruhm&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Er war ein Künstler, Claudia!« &ndash; »Vortrefflich.
-Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seine<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-und die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen
-hernach doch wieder ein. Schmäht also eine
-Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt
-blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe
-so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und
-schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht
-reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben,
-oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher,
-gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.«
-Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene
-mein Freund war … war.</p>
-
-<p>»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten &ndash;
-Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«</p>
-
-<p>Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke
-und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und
-an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe
-zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der
-Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich
-werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung
-dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne.
-Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du
-bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte
-Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:</p>
-
-<p>»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach
-ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«</p>
-
-<p>Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:</p>
-
-<p>»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und
-hassen das Werk, die Kunst und die Einsamkeit
-des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht Manth,
-Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran
-vorbei &ndash; und nur ich habe damit fertig zu werden
-… Aber das ist schließlich eine Art Glück …
-Eben gibt das Klavier ein <em class="antiqua">a</em> an, ungeduldig, hämmernd,
-eine Aufforderung und wiederholte Mahnung,
-Versäumtes nachzuholen: unsere Noten liegen
-schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt
-gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des
-Flügels auf, wie eine glänzend schwarze Schwinge
-geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde halb
-gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch
-Claudia, ich beeile mich mit meiner Geige, fühle<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-eine müde Freude, des Nachdenkens enthoben zu
-sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem
-ich mich niederlasse und die Noten erkenne: »Opus
-70, zwei, in <em class="antiqua">d</em>.« »Das Geistertrio?« Sie erhält
-keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr stark ein,
-zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello
-hält allein einen sanften Ton lang an und fließt
-vibrierend in das Thema über, eine kurze stille Melodie,
-vom Flügel her wellig begleitet; dann kommt
-sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und
-ganz der Sache hingegeben an meine Geigenstimme,
-die nur Teil einer höheren Einheit ist, mein Ich
-aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo
-hinten schimmert, blaß, klein und unnütz.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Album">Das Album</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span></p>
-<p class="drop">Man sollte sein Herz nicht an Menschen
-hängen. Sie gehen fort und man bleibt
-ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und
-lassen uns hinter sich, im Dunkelkalten … Der
-Park hatte bald keine Gestalt mehr, Wiesen und
-Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche,
-auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet
-und Strauchreihen hingewischt waren &ndash; der endlos
-fallende Schnee. Auch Kinder hielten nicht
-stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn
-man nicht dicht bei ihnen ist &ndash; und eines Tages
-machen sie sich auf … Und sehr grauenvoll, daß
-niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß
-es allen für natürlich gilt &ndash; und man glauben
-muß, man sei von Sinnen mit seinem Gram. Ein
-Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter
-verläßt die Mutter um willen eines Fremden …
-so etwas gab es … jeden Tag&nbsp;…</p>
-
-<p>Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen
-worden, eine Person mag eingetreten sein … Man
-soll sie nicht stören! Man soll ihr vielmehr Ruhe
-lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-vertiert, zwingt sie, gegen ihren innersten Willen
-sich umzusehen. Die Köchin Klara steht da und
-macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.</p>
-
-<p>Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.</p>
-
-<p>»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«</p>
-
-<p>»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen
-Sie mich heute, Klara. Sie wissen doch
-Bescheid&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig
-abweisend aus dem weiten Sessel vom Fenster
-her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze
-glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte
-den aufgestützten Kopf wieder dem Fenster zu, vor
-dem reichliche Flocken einen graugetupften Vorhang
-unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend.
-Manchmal warf ein Wind Falten hinein, aber
-seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach
-heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich
-fiel der kalte Vorhang, schräg tanzend und weiß.</p>
-
-<p>Das Andere, Frühere würde also fortgehen?<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-Unfaßbar. Und dennoch, mußten die Freunde ihrer
-Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute
-abend, andere ein andermal? Man würde wie
-sonst vor einem blinkenden Tische sitzen und freundlich
-miteinander speisen &ndash; um zwei vermindert
-zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem
-neuen Gesprächsstoff versehen: man würde lächelnd
-von den beiden Abgereisten sprechen, von den Glücklichen,
-den eben Vermählten … Unfaßbar &ndash; und
-schwer erträglich … Sie stand auf und hob an,
-einen Weg durch alle ihre Räume zu wandern,
-diesen, den sie heute schon &ndash; wie oft &ndash;
-gegangen war: vom Wohnzimmer in das grüne
-Speisezimmer, durch die dichten Schiebtüren ins
-Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter
-ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch
-das kleine Boudoir ins Schlafzimmer, und wieder
-zurück … Sie ließ alle Türen offenstehen, sie ging
-mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen,
-die Möbel schütterten kaum, so leicht war
-der Gang der einsamen alten Frau; nur die großen
-Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing,<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-klapperten mit leisem Knattern, und der Saum
-des Kleides wehte schwach hinter ihr her wie ein
-hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer
-Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich?
-Die lange Wohnung lag leer und schweigend vor
-ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll
-kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau
-zu atmen waren, weil ja in den heute ungeheizten
-Öfen noch gestern Flammen flatterten. Aber alle,
-die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren
-und die täglich bewohnten drohten stumm und leer,
-leer. Es war etwas aus ihnen herausgeschnitten,
-sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände
-noch glänzen auch wenn die Muschel gestorben,
-die sie belebte, sie klafften tot, schienen kahl und
-geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie verlassen
-und würde sie lange nicht mehr mit dem
-Klange ihrer Stimme beleben, Claudia, die sich
-von dem fremden Manne hatte wegführen lassen &ndash;
-Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein&nbsp;…</p>
-
-<p>»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den
-Namen laut in die Dämmerung des Musikzimmers<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte
-zitternd den Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre
-Nerven schienen ihr heiß und ganz ermüdet, ihr
-Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt
-vom Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt
-und maßlos abgelenkt. Laß sehen: Doktor
-Walter Rohme … ja, ja … als sie das Kind
-nicht aus den Armen hatte lassen mögen, in Tränen,
-die vor Scham noch brennender flossen &ndash; was
-hatte er da doch … Tröstendes gesagt? »Sie
-haben doch jetzt einen Sohn, ein Kind mehr,
-Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte sie
-nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen
-Sohn … Sie blickte zu Boden. Das schwärzliche
-Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres
-Kleides blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch
-lag auf seinem rötlichen Violett … kränklich sah
-das aus … sie strich mit den Fingerspitzen über
-den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von
-Spinnweben … wie drollig der junge Sirmisch
-verglich und spaßte; und wie war doch der Name
-des Teppichs? Sie <em class="gesperrt">wollte</em> sich darauf besinnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-es war ein Abweg, ein neuer Gedanke und der
-nicht schmerzte: von Sommer ging's, von blauem
-Himmel &ndash; nein, »Teppich des schwarzen Himmels«
-(was sollte ihr nur der Firlefanz?), »blau
-wie der Himmel, der sich im Ebenholz des Flügels
-spiegelt« &ndash; dieses Flügels schwarz glänzende Decke,
-die Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge
-zum Fluge in eine tönende Ferne … Ihre Claudia!
-und der Abweg mündete mit unvermuteter Wendung
-in die schlimme Straße dieses Tages, die
-durch alle Zimmer führte, über alle Teppiche und
-durch alle offenen Türen … Und Eva Eggeling
-beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und
-links irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie,
-»großer Gott«&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam:
-was sagte sie da? Man ging sonst an diesem Worte
-vorüber wie an jedem anderen, brauchte es ohne
-Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das
-ihr allerlei gewohnte Dinge entrückte, besah sie es
-wie einen neuen Gegenstand … welch fremdartiges
-Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott … und es<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-schien ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab
-viele Menschen, die, wie ihre Mädchen, bei diesem
-sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich
-beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle
-ihre Sorgen vor ihn hingebreitet hatten &ndash; vor
-ihn, denn ein männliches Wesen stand für jene
-hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann
-war ihnen leicht und frei zu Mute, und sie gingen
-mit erhobenem Nacken von dem himmlischen Vater.
-&ndash; Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam
-&ndash; wie doch diese gut daran waren! Ihr
-war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst darnach
-fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater,
-die Luft von Haus und Schule, nachher die
-Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig dafür gesorgt,
-daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz
-solcher Menschen rätselhaft unverständlich
-war, die für Gott und Jenseits irgendwelchen
-Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe
-mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf
-schütteln? Sie, gewiß, hatte an der Stelle dieser
-Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und
-ein vages trauriges Brennen stellte sich ein. Man
-hatte etwas in ihr erstickt und nichts dafür aufgebaut
-… Sie war aufgeklärt. Niemals hatte
-sie gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere,
-im Gegenteil. Aber dennoch &ndash; heute spürte sie
-etwas in sich … wie leicht hatten es die anderen …
-man sollte den Menschen nicht noch schwächer
-machen&nbsp;…</p>
-
-<p>Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit
-sanft singenden Tönen die vierte Stunde. Dämmerung
-begann zu werden, Neujahr war kaum
-vorüber. Kam Sirmisch früh, so kam er um halb
-sieben &ndash; und sie erschrak vor den vielen Minuten,
-die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre
-Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand
-ertragen! Es mußte eine Ablenkung geben, irgendeine
-Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, tröstete.
-War sie so allein gelassen? Was sollte sie
-tun? Schlafen &ndash; aber es wäre Spott gewesen,
-auf den Schlaf zu warten … er kam nicht, nicht
-einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Qualen, halb Bilder und halb Reden,
-innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit und
-doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich,
-und die alle <em class="gesperrt">einen</em> Sinn hatten … Was sollte
-sie tun? In eine Sofaecke wie in eine Zuflucht
-geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in
-die dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war
-ja gegangen, unwiderruflich fern und auf immer.
-Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen,
-in die Ecke des Teppichs beißen &ndash; wenn sie
-nur noch weinen könnte! Ihr Inneres zitterte
-wund, brennend und verschlossen. Erkranken und
-sterben &ndash; ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie
-wollte nicht mehr leben: wie denn? mit wem, für
-wen? Niemand ertrug, allein weiter zu leben,
-herumzugehen, dies und das zu tun &ndash; Jämmerlichkeit
-und Ekel insgesamt. Mit niemand mehr
-sprechen wie sie miteinander sprachen; niemals
-mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung
-und Lächeln dieses Mädchens, dieses wundervollen
-Kindes auch nur zu sehen, ihre fragenden Augen,
-ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes
-reines Fühlen … Und wenn sie wiederkam? Höhnisch
-dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen
-müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen
-begnügen, wo sie vorher alles innehatte, allein.
-Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß nun
-der fremde Mensch ihre Tochter besaß &ndash; und
-<em class="gesperrt">wie</em> besaß! daß er nun in ihr lebte und sie in ihm!
-Nicht daran denken, vergessen; still, verdecken, ersticken,
-mit Vorhängen und Mauern … Was
-sollte sie tun? Ach, sie hatte alles getan!</p>
-
-<p>Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen
-Schränken hatte sie köstliche Gefäße
-gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen
-Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische,
-dänische, und Krüge aus China, auf denen Stieglitze
-durch rosenzartes Gezweig von Apfelblüten
-schlüpften, erlesenes Gut &ndash; und hatte sie wieder
-fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die
-Mappen mit ihren liebsten Holzschnitten waren
-aufgeblättert und eilig wieder geschlossen worden
-&ndash; denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Marienleben widerte sie heute an: hatten diese
-sinnlos wütenden Figuren, diese albernen Tiere
-mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten
-Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher
-zu ehrfürchtigem Genusse entzücken können? Man
-mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter geblieben
-seien, die sie von jeher liebte, und später
-vermutlich wieder lieben würde. Aber heute, heute
-starrten sie allesamt wie gestorben, ohne Kraft,
-Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig
-gedankt hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung,
-Vergessens und der Erlösung. Und
-ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten
-Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens
-Briefe, den Nachsommer, die Seldwyler
-und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war
-stark und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden
-und aufgebaute Wirklichkeit, an der sie sich
-aufrichten konnte, abseits von dem Grauen des
-ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt,
-und ballte die blasse Damenhand auf der Lehne
-des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: Haß<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese
-Werke, die ihr lange Liebe so übel vergalten …
-Sie stand hastig auf, entfloh, begann zum dritten
-Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das
-ihrem Jammer einen schauerlich sanften Ausdruck
-gab: »Großer Gott«. Aber das blieb nur ein Laut,
-kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts
-auf solche Anrufung.</p>
-
-<p>Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran.
-Die Scheiben standen als mehrfarbene Vierecke
-durchsichtig in den finsteren Mauern der unerleuchteten
-Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt,
-reich gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das
-vorher wohlfrisierte graue Haar aus der Ordnung
-gebracht und mit brennenden Augen, die schwere
-Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen.
-Ihr Kopf tat weh vom Denken &ndash; oder war das
-hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende Schmerz
-und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen
-für etwas drittes? Unaufhörlich wurden da innen
-Worte geflüstert und zugleich als stechender Druck
-gefühlt … Das war die Kunst, ihr Trost und<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-ihre Macht … Übte sie sie nur auf Gleichmütige
-aus, auf Glückliche, deren Seelen nicht jammerten
-unter der Kante einer Last? Wozu <em class="gesperrt">war</em> sie dann
-nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all
-diese Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr
-ein Mangel auch hier? Es sollte Menschen geben,
-die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und
-Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen
-konnten wie in eine eisige Grotte, deren
-Wände kristallen schimmerten. Vielleicht zerfiel
-nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht,
-die Kunst zu schelten. Vielleicht war ihr
-Geist zu alt geworden, um noch den Künsten zu
-erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen
-mochten sie immerhin die Adern wieder mit
-Hoffnung füllen; vielleicht auch solchen, die irgendwie
-tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's nicht
-Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten
-gefährlichen Zeit der Vierundzwanzig, wo die
-Angst des Verzweifelnden und eigener Talentlosigkeit
-Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete,
-nur die Begier, Musik und immer mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Musik zu hören, ihm das Leben behaltenswert
-machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit
-einen ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen
-Gram um die Entfernung eines geliebten
-Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige
-Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen
-Klavier, bewegte das Pedal mit den ungelenken
-Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, und
-ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und
-von Leidenschaft gelösten Zöpfen durch das Haus
-tönen, fehlerhaft, unrein und voll maßlosem Pathos,
-was ihr von Beethovens Wildheit, von
-Bachs Herbheit damals zugänglich war. Sie
-<em class="gesperrt">sah</em> sie greifbar vor sich, den Kopf zurückgeworfen
-und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten
-Mund halb offen und Tränen in den Augen …
-Ja, damals war ihr Musik vertrauter als die
-Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu
-auswich, mit gesenktem Blicke; bis freilich eines
-Abends, als das Kind nicht einschlief, die Mutter
-sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und
-ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-Gesicht liebkoste, mit glühenden sanften Händen &ndash;
-und wartete, worauf aus dem Mädchen ein
-Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen
-all ihr Jammer sich an der mütterlichen Schulter
-ausschüttete … Jene Nachtstunde, wie war sie
-eingehüllt in Glück!</p>
-
-<p>Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief
-überrascht: wie? Hatte sie nicht auf Augenblicke
-vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war?
-Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt?
-Sich erinnern war also keine Qual, sondern
-ein sanftes Vergessen! Torheit also, von abseitigen
-Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen,
-mit Linien und Druckzeilen &ndash; sie strömte vielmehr
-wie ein wohltätiges Gas aus jeder kleinen Tatsache,
-die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen,
-gleichviel ob spielend oder trauernd wiedergab!
-Sie atmete tief auf, ein Gespanntes löste sich in
-ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, gingen
-ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand
-mehrmals über die Stirn bis in den Augenwinkel
-und blickte in das Wohnzimmer, das nur die<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem
-Blau erhellte. Sie staunte: alle Türen standen
-offen und die unverhängten Fenster sogen Dunkel
-und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun,
-wandte sie dem Zimmer den Rücken und drehte,
-auf der Schwelle stehend, den kleinen Schalter:
-hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände
-und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte
-sie dringlich; schnell und tief in Gedanken tauchen.
-Von dieser Erleuchtung ging Wärme aus, Trost,
-atembar leichte Luft &ndash; beruhige dich! und sie ging
-mit aufrechteren Schritten durch die Wohnung,
-schloß überall die Türen, so daß der helle Raum
-abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und
-ließ die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen.
-Wie rief sie am eiligsten Erinnerung herauf?
-Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten zu
-trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider
-herausnehmen, eins nach dem anderen, die in den
-Schränken hängen geblieben waren, und dabei die
-Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von
-Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-die letzten noch die frühsten dieser schönen Hüllen
-waren ihr zuhanden, die einen hatte man mitgenommen,
-die anderen waren alle verschenkt …
-Aber das Album war hiergeblieben, voll von Photographien,
-das alte Album, das niemand beachtete!
-Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden
-die Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten
-mußte sie sogleich durchs Zimmer schreiten
-&ndash; wo, wo war das zauberische Buch?</p>
-
-<p>Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es
-herbei, mit beiden Händen faßte sie den mächtigen
-Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem Leder
-sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene
-Blätter aus dickem Karton von einer
-breiten gravierten Silberschließe zusammengehalten
-wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her,
-irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual.
-Sie öffnete so dringlich, daß sie sich an der Schließe
-fast verletzte, und wandte hastig die ersten Seiten
-um, voller ganz alter Photographien. Alsbald stieg
-ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im
-Zimmer wie fremdartiger Duft; sie sog ihn ein,<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-indem ihre Augen diese toten Bildchen wahrnahmen,
-und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse
-Art vag und mehr in Vergangenheit lebend
-als in dieser gegenwärtigen Stunde … Da schrak
-sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo fand
-sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts
-durchblättern, mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen
-und so langsam in das Gewesene hineinschreiten,
-wie jemand zögernd den Weg zurückgeht,
-den er mühselig kam. Welches war das neueste
-Bild? Es hatte keines der üblichen Brautstandbilder
-gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll
-bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war
-&ndash; niemandem lag daran außer Walters Eltern,
-die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar zu
-gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen
-hätten &ndash; somit war das letzte vor dreiviertel Jahren
-gemacht worden, für die alten Rohmes, Claudia
-die Dame darstellend, in großem Hute und dem
-schlanken Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes
-Mädchengesicht sah unter dem Hutrand
-hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-und die Augen richteten sich gleichmütig auf den
-Beschauer. Das war Fräulein Eggeling, ein wohlerzogenes
-Mädchen &ndash; das nächste aber enthüllte
-Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie,
-nicht nach dem Leben abgenommen, sondern nach
-dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte.
-War das ihre Tochter? und dennoch war sie es,
-die im Profil am Flügel saß, leicht nach vorne geneigt,
-die Hände noch auf den Tasten. Das geschlossene
-Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende
-Fläche bis an den Rand des Gemäldes, und
-hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete sich das
-Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige
-Blau des Herbsthimmels mit weißen Wolken
-farbig zu sehen. Aber der Kopf war seitwärts gewendet,
-aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße
-Augen sprachen den Betrachtenden erschüttert
-an, über einem empfindlich fest geschlossenen Munde,
-der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel
-über die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf
-ließ in seiner Verkürzung eine makellose Form erraten.
-Claudias Schönheit, banal betrachtet, ging<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-aus diesem Bilde nicht hervor, aber … anderes
-redete um so deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie,
-du mein Kind … »Sind Sie's, Fräulein Claudia?«
-hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk
-zu vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich
-<em class="gesperrt">bin's</em>. Sie werden das nicht ausstellen, nicht
-wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute
-das sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es
-sei eigentlich schade darum, denn ein besseres Frauenbild
-habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht
-wolle … »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr
-peinlich. Lassen Sie's bei sich hängen und verschweigen
-Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel
-für Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt
-bin; aber nicht bald, wie?« Und die Angelegenheit
-war erledigt.</p>
-
-<p>Die Tennisbilder … sie lehnte sich zurück, sie
-lächelte geschlossenen Auges &ndash; das tat wohl …
-Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im
-Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich
-sympathisch um sie her … Schlanke Jugend,
-weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. Helle<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht;
-springend weiße Bälle, jeder mit seinem bläulichen
-Schatten. Sie legt den Arm aufs Geländer der
-Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün;
-an den weißen Straußenfedern des Hutes zerrt
-der heiße Wind. Frau von Kaldern wendet ihr
-das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias
-Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen
-sie das verheimlichen konnte &ndash; ein kitzelnder
-Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig,
-in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals,
-neigen ihr Haar dem Wind entgegen und kommen
-sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, Kaldern.
-Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die
-ritternde Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter
-hocken huhngleich oben auf gelben Gestellen.
-Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne
-und raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen;
-sie macht die Burschikose sehr anmutig;
-Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll zu ihr.
-Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme,
-der halb hinter Frau Eggeling sitzt und bisher ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-stumm dreinsah, und er antwortet etwas Überlegtes,
-mit anfangs unfreier Stimme&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange
-zu ihnen hinab. Wie das alles auflebte, farbig
-und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser
-fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder
-von Claudias Endspiel gegen Assessor Breithoff,
-behend erhaschte Stellungen voll letzten Ausdruckes
-und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das
-spielende Ringen der Techniken. Hier schoß sie
-schräg aufwärts, den Ball von oben niederzuschlagen,
-gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum
-Rakett wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich
-nahe dem Boden, den Arm mit dem Schläger
-stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts
-gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem
-hier, wo vermutlich ein Ball von links zu nehmen
-war, spannte sich der Körper elastisch wie ein gedrehtes
-Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach
-der bedrohten Seite herum &ndash; backhand? dann
-war Claudia dafür berühmt &ndash; auf einem vierten
-verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-gefaßten Schläger, nichts als Erwartung des
-Balles; und hier schwebte sie ganz in der Luft,
-dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel
-und den Kopf in den Nacken geworfen, bacchantisch
-und zugleich zweckvoll … Das war jener
-ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die
-linke Ecke des Platzes sandte, während Breithoff
-ihn rechts erwartete, Claudia gewann vielleicht
-das Spiel, und ging damit als Erste aus dem
-Turnier … Doch in den letzten Runden <em class="gesperrt">spielte</em>
-Breithoff &ndash; und siegte. Trotzdem war Claudia
-überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto
-saßen, um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme,
-nach Hause zu fahren; und dann geschah das kurze
-eigentümliche Gespräch während des Fahrens …
-sie würde es nicht vergessen. Wie begann es doch?
-so, nicht wahr: Claudia gestand, sie habe mittendrin
-den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt;
-darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten
-nämlich immer. Barbarisierten, sagte
-er zu der Siegerin. Sie fand das nicht sehr geschickt,
-wollte mildern und ihm einen Rückzug<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-machen; aber er ging mit einer Art unterdrückter
-und leidender Heftigkeit weiter: das sei beweisbar.
-Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit
-ihm Duo zu spielen, etwa Brahms <em class="antiqua">op.</em> 108,
-so ginge das einfach nicht. Arme und Hände
-hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise
-primitiven Schlägerschwingen,« sie müßten das
-erst vergessen, ausruhen, und so. &ndash; Damals war
-ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch,
-heute, beim Erinnern, widerlich … Aber Claudia
-sagte, nach zwei Tagen Massage sei alles wieder
-zahm und zu seiner Verfügung … »Zahm und zu
-Ihrer Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei
-wundervoll und höchst nötig zu Zeiten. Und dann
-die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie
-haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht
-ausgeschlossen. Ranküne, Doktor? Warum verkleinern
-Sie sich?« Er errötete hastig, atmete und
-sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie
-nicht zu folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl
-sie eifrig dem durcheilten Boden beim Kreisen zusah,
-merkte sie doch und zum ersten Male ein wortloses<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-Einvernehmen der beiden. Damals freute
-sie sich&nbsp;…</p>
-
-<p>Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war
-schon einige Jahre her. Gleich dabei ein Gruppenbild
-von acht jungen Mädchen, Claudia unter
-ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig
-und diese vielen Mädchenköpfe ähnelten einander.
-War das nicht Else Dominik, die sich beim Präparieren
-an einer Leiche vergiftet hatte und ein
-Jahr nach diesem Bilde schon tot war? Denn
-es stellte die Mädchen dar, welche mit Claudia
-die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten,
-nach gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier
-auf der anderen Seite unten war der Kopf der
-Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar gescheitelt
-und aus der Stirn gestrichen, die breit
-und klug das schon hübsche Mädchengesicht abschloß.
-Sie nickte erheitert drüber hin: vor dieser
-unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen,
-der die Prüfung abgenommen hatte.
-Nachdem alles vorüber war, lobte er, die besonderes
-geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt:<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-»Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht
-studieren wird &ndash; warum nur? Ihre Begabung
-für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« Da
-hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht
-geblickt und ganz laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat,
-nein, ich studiere nicht. Ich wünsche nicht,
-eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten
-zweiter Klasse …« was ziemlich boshaft war, weil
-der errötende Herr, wie jeder Anwesende wußte,
-durchaus seinen Teil daran hatte, daß Mädchen
-noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium
-zugelassen waren. Die siebzehnjährige Keckheit,
-dachte die Mutter damals zärtlich und schalt laut …
-Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch
-zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten
-Rohme, der ein kunsttheoretisches Kolleg
-las. &ndash; Auf dem nächsten Bild stand eine Konfirmandin
-von dreizehn, mit einem halshohen Kleide,
-zwei Zöpfen und einem goldenen Kreuzchen. In
-den Zwischenjahren hatte sie sich gegen das Abbilden
-wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich
-dafür, und in der Tat war dieses Kindergesicht<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-mit einer großen Nase, breitem Munde und übergroßen
-Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche
-Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch,
-erinnerte sich die Mutter, kam sie eines Tages völlig
-verstört und krampfhaft weinend aus der Schule
-und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche
-Institut zurückzukehren: man hatte, modern
-wie man war, daselbst klassenweise sexuell aufgeklärt
-… sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling
-hob den Kopf von den mit kleinen Bildern
-besteckten Blättern und blickte in die dunkle Zone,
-die sich an den lichten Kreis um die Lampe schmiegte.
-Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren
-Rucken hin und her, und in der großen sanften
-Stille schien sein Geräusch laut und langsam. Wie
-viele Dinge in der Seele des Menschen begraben
-lagen, Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen,
-ohne Erwähnung und ohne Dasein. Und
-bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang
-es heraus und stand da, unzerstört, unverändert …
-Nichts ging verloren, und diese lebendige Tochter,
-dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren gehen?<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Wie hatte sie sich <em class="gesperrt">darüber</em> grämen können! Blieb
-nicht alles wie vorher? Wenn Claudia zurückkam,
-war sie wieder ihr Kind &ndash; wie <span id="corr175">oberflächlich</span> und
-nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen,
-denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit
-der unveränderlichen Tiefe aller Gemeinsamkeit
-zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, die
-sie verband und durchströmte in magnetischem
-Sprühen, und von der jener dritte auf immer ausgeschlossen
-war! Oh Buch der Befreiung, oh gesegnetes
-gnadenvolles Buch des Trostes! … und
-ihre Hände wandten fast in Ehrfurcht das nächste
-Blatt.</p>
-
-<p>Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia
-allein zeige, und es fand sich: ein ganz kleines,
-nacktes Kindchen lag großäugig in einem Sessel.
-Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in
-Gemeinschaft mit ihrem kleinen Bruder, der so
-bald starb, mit dem Vater &ndash; eine Gabe für die
-Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte
-&ndash; (wie jung Eggeling hier aussah), mit beiden
-Eltern. Es waren häßliche glatte Photographien<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen,
-mit gemalten Hintergründen, Felsen oder
-einer waldähnlichen Pinselei, mit künstlichen Palmen
-und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen
-Schaufeln … Nichts war an ihnen fesselnd &ndash;
-warum doch mußte sie so unverwandt diese Abgeschmacktheit
-ansehen? Wer war die Frau hier?
-Unmöglich, sich zu täuschen … Das war Eva
-Eggeling, diese altfränkisch gekleidete junge Frau
-in der langen Taille, mit hohen Achselpuffen und
-Rüschen überall?</p>
-
-<p>Das Staunen, das sie befiel, war fast ein
-Schreck und benahm die Luft. Ihr Blick verlängerte
-sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses
-gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann,
-jäh zu sich kommend, schüttelte sie den Kopf &ndash; eine
-Haarnadel fiel auf den Teppich &ndash; und ihre Augen
-ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals,
-allein mit der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet,
-bis ans Kinn verhüllt, ein und ein halbes Jahr
-nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und
-ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-… Sie warf die schweren Blätter um, so daß sie
-klatschend aufeinander fielen, sie überflog die Seiten,
-die schon betrachtet waren: hier, und hier noch einmal!
-und dieses auch … Sie hatte es vorhin übersehen,
-begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte
-weiter Blatt um Blatt, in die frühere Zeit zurück,
-ehe noch Claudia lebte: da als junge Frau, da
-mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild,
-diese beiden mußten sie als Mädchen zeigen, es
-fand sich sogar ein gelblich blasses Kinderbildchen
-vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem
-Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter
-mit der Schwester und ihr! &ndash; &ndash; Sie erhob sich
-rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer und
-tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie
-einen Handspiegel fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer,
-zur Lampe, und die Brauen gefaltet, die
-Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das
-hellbeleuchtete Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.</p>
-
-<p>Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder
-enthielten: die leicht gebogene Nase, der Mund
-schmal und fest umrissen, dieselben wagerechten<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war
-ein wenig schlaff geworden, körniger und von Linien
-durchfurcht, von leise gezogenen Falten an den
-Augen, am Munde; es war auch voller und nicht
-mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege &ndash;
-aber es war dasselbe Gesicht, das dieses kleine
-Mädchen auch schon hatte! Sie blickte zwischen
-den Bildern und dem Spiegel hin und her, und
-immer deutlicher schälte sich aus den Veränderungen
-der Jahre das Wesen heraus, das geblieben war,
-sie, Eva Eggeling … Eine fiebrige Folge von inneren
-Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb
-gedacht oder gefühlt &ndash; &ndash; sie spürte sie nicht nur
-hinter der Stirn sondern auch im Herzen, als beängstigende
-Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt
-wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung,
-diese winzigen Züge da von Reifen,
-Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen
-fiel auf ihre Brust wie eine Schlinge, die
-man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte es gehabt ohne
-zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt,
-und sie hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-nie zerlegt; niemals hatte es sie in Staunen
-geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren
-da, wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen:
-man trug sie &ndash; dem Augenblick ward das seine …
-und nun war sie alt und begriff nicht wie sie's geworden
-war. Denn da sah sie ja noch alles, was
-einmal Eva Maurer gewesen war, in aufblitzenden
-Gesichten: ihre Puppe hatte ein rotes Kleid; ihr
-Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden
-Tag mit bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im
-Garten zog ein Junge ihren Kopf an den Zöpfen
-rückwärts, mit umarmender Hand … und küßte
-sie blind ins Gesicht … sie rührte sich nicht und
-atmete hastig. Sie tanzte mit jungen Leuten, ihr
-Fächer war mit Röschen bestickt, einer der Tänzer
-war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden
-geschüttelt von gräßlichem Stoßen und Zerreißen
-in ihrem Innern, das ihr den Leib zersprengte;
-ein Mädchen war's … Einmal stand sie auf Notre
-Dame, und unter ihr blitzte die Seine durch Paris
-wie ein geschlängelter Dolch, durch Paris &ndash; und
-man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause,<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-eingesargt … Und als Klaus nach drei Tagen, im
-Bett verbracht, tot war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹
-beibrachten, da fühlte sie nichts als ein ungeheures
-wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie
-eine Luft ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche
-und sah dem Manne ins Gesicht, in das kluge
-etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder
-daß man tot sein könne, noch, was das war, noch
-daß dieser da nicht einfach aufstehen könne und
-die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen,
-wie er pflegte, noch daß er überhaupt
-je gelebt; nur sah sie, daß Totsein mehr war
-als Nichtmehrleben (aber <em class="gesperrt">was</em> mehr, fand sie
-nicht).</p>
-
-<p>Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter
-ihres Mannes mit seiner Stirn und seinem Geiste &ndash;
-aber noch immer war sie's, Eva, die groß und
-wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie
-hinten geblieben! Wie war denn das gekommen,
-daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich
-denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen
-Strähnen gelegt? Wo war es denn hin, und wie<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-war es durch sie hindurch geglitten, das, was
-zwischen jung und alt lag, das Leben?</p>
-
-<p>Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit
-dem Kinn auf die Brust; der Atem ging kurz und
-gebrochen, und hinter der Stirn drückte ein dumpfer
-Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie
-das Pendel die Zeit zerteilen hörte, und suchte
-etwas Deutliches zu denken, aber ein schwarzes
-Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben
-nicht, das sie dennoch einmal gewesen war. Nach
-den Blitzen, die sie vorher durchzündet hatten, war
-nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie hatte
-geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und
-den Mann ertragen &ndash; war das überhaupt wahr?
-war's gestern? Und heute erlebte das ihre Tochter:
-Küsse, Angst, Lust und den Mann … Das Herz
-schlug ihr und hatte immer geschlagen. Ihre Ohren
-hörten, und immer hatten sie gehört. Aber von
-Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva
-Eggeling, die in Schauern empfing und Kinder
-säugte; etwas war von ihr gewichen, unmerklich,
-das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-und Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen,
-es fand sich nicht mehr vor und sie wußte
-nicht, wohinein es verdunstet war … Sie hob endlich
-die schweren Lider und sah vor sich hin, erst
-ohne zu sehen und als hätten die Augen keinen
-Glanz mehr. Dann merkte sie, daß ihre Hand
-vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male
-vor Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts
-sonst an ihrem Körper. Aber eben lag, fast vom
-Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes Ding
-vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig.
-Hatte sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige
-Wesen da, schlank, weiß und ausdrucksvoll gegliedert,
-nicht aus der winzigen täppischen Faust
-eines kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam
-gedehnt und zugenommen, ohne jemand zum Aufmerken
-zu bringen, ungesehen vor allen Augen &ndash;
-bis es das da geworden war, das Greifding, mit
-vielfach zerteilter Haut umkleidetes Fleisch, das
-bläuliche Adern enthielt, Muskeln und unsichtbare
-Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen
-Skelett&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen
-Jahren.</p>
-
-<p>Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte
-den Tod nicht zu fürchten, ehe er da war &ndash; sie
-konnte sich bei seinem Namen noch immer nichts
-Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts,
-denke nach! Sieh hin! Man wird eine
-kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe nicht mehr vom
-Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken,
-unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke
-liegt zu Bett, auf dem Nachttische Fläschchen mit
-roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es riecht nach
-Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man
-sich gegen das Sterben; man stirbt &ndash; das ist irgendwie
-dumpf grausig … aber <em class="gesperrt">dabei lebt man
-noch</em>. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen
-schneidet ein Riß, ein undenkbar schmaler
-&ndash; aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke wollte
-ihn ihr füllen. Laß ab.</p>
-
-<p>Sie würde also sterben … was blieb dann von
-ihr? Was war von ihrer Mutter geblieben? Das
-böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-denn meist war sie vergessen &ndash; und sie, die Tochter.
-Und so würde von ihr nichts bleiben als diese Tochter
-und das Gedächtnis &ndash; ein gutes, denn sie hatte
-das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen
-lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert
-und sich in die fremdesten Wege gefunden, die zu
-dem bewußten Sein, dem Denken und der Kunst
-führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen
-werden und gelegentlich auftauchen. Und diese
-Albumbilder würden bleiben, bis sie zerbrachen oder
-sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter
-aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich
-einmal aus denen ihrer Mutter löste, und war mit
-dem Manne gegangen. Und nun stand vor jener
-dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken
-beugte. Betty Maurer, Eva Eggeling, Claudia
-Rohme &ndash; wie würde das nächste Haus heißen?
-Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben
-herbergten und es weitersandten. Aus einem
-Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, das aus
-namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit
-gaben sie es dahin an ein Unbekanntes, das aus<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-ihrem Schoße ging: denn ein dunkles Tor waren
-sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen.
-Sie waren Mütter.</p>
-
-<p>Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte.
-Sie besann sich, überlegte, erhob sich und ging in
-ihr Zimmer; sie klingelte dem Mädchen, sah seine
-verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich frisieren.
-Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck
-und gab an, daß man den Tisch decken sollte, und
-auf welche Art. Dann fragte sie die Köchin, was
-sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich,
-daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen
-stehen müßten und sagte zu der Zofe: »Im Zimmer
-des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. Stellen
-Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen
-lief hinaus, und Frau Eggeling hörte, daß es, kaum
-auf dem Gange, laut aufschluchzte. Sie wiegte
-den Kopf hin und her. So sehr liebte man das
-Kind, da draußen …? Wie das weinen konnte,
-offen und genußreich … Doch keinen Augenblick
-verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der
-in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-zeigen mochte, denn das Mädchen hatte sie sonderbar
-behutsam und scheu bedient. Und eine Spannung
-hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll
-und entladend kommen mußte. Ihr war, als
-sei sie innen ein großes, mühsam geknebeltes Tier.</p>
-
-<p>»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« &ndash;
-»Ich bitte.«</p>
-
-<p>Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische
-Luft und Kälte um sich, wie er da aus dem kalten
-Winterabend in die allzu lang geschlossenen Zimmer
-trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht
-gerötet; und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam,
-alle ihre Fassung zu Hilfe. Sie hatte diesen
-hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte sich so
-sehr nach Zuneigung und Trost … Sie hieß ihn
-willkommen und er neigte sich über ihre Hand.
-»Ich habe wirklich nicht gewußt, gnädige Frau, ob
-es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte
-nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte
-herzlich, sagen Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber
-Sirmisch! ich wüßte ja nicht, was ich anfangen
-sollte ohne Sie … Ich muß mich doch erst daran<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-gewöhnen …« Sie stockte. Ihre Hand glitt
-unaufhörlich an den Perlen der Holzkette auf und
-ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige Frau.«
-Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches
-Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese
-Blumen in einer Ihrer hübschen Vasen unterbringen?«
-»Wie schön! Wo haben Sie das gefunden?
-Lange elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt
-und mit so zarten Blättern? Ich kenne sie
-nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch
-nicht. Ja, sie sind ziemlich apart. Ich fand sie
-in dem Fenster eines Ladens und erlöste sie aus einer
-Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün.
-Was für ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?«
-Die schlanken Stiele zitterten in der kranken Hand.
-»Ich suche schon … hier? nein, das ist zu bunt …
-Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen
-chinesischen Krug hin, mit Stieglitzen, die durch
-Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. Er
-stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub
-für zwei Minuten, ich hole nur Wasser und
-Salz; hineinstellen dürfen Sie sie selber.« Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf
-und ab … wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia,
-sagte er zärtlich in sich und hielt inne. Da waren
-ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah
-das Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut
-musterte er die Bilder der aufgeschlagenen Seiten,
-er kannte niemand; lauter alte lächerliche Bildchen
-mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten;
-und er wollte eben umblättern, als er die
-Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, was er betrachtete,
-fühlte sich jäh erblassen und stellte die
-Vase klappernd aus der Hand, in unverständlichem
-Schreck. Er drehte sich um: »Was haben Sie
-hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese
-Trachten …« Warum war sie denn so bleich?</p>
-
-<p>Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt
-war von Schwäche gehemmt, schloß das Buch mit
-einem klatschenden Laut, und sagte, während sie
-mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja.
-Ich hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht
-was tun … Es ist unser Album. Ihnen scheint
-es dumm, natürlich. Aber ich … mir hat es erzählt<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>&ndash;«
-hier brach ihre Stimme, und Laute der
-Qual verstummten, die er in seinem Leben noch nie
-gehört hatte. Die alte Dame schloß die Lippen
-eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um
-sich, um ihre Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit,
-mit dem Elend des alten Menschen &ndash;
-jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich
-ihr Mund in unsäglichem Schmerz, und mit lautem
-Schluchzen brachen die Tränen aus ihren Augen.
-Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von
-Weinen geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend
-ins Herz biß.</p>
-
-<p>Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände
-in den Taschen, ratlos von Schreck und Mitleid.
-Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es
-Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht
-zu zeigen, das eben noch feucht war von solchen
-Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie verlegen
-wäre … aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen.
-Bleiben war im tieferen Sinne der rechte Takt.
-Diese alte Frau! was fühlte er für sie? Es war
-ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines machtlosen<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich
-vor ihr zu verneigen.</p>
-
-<p>Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf
-ihn gerichtet. Da ging er ihr entgegen, ergriff
-wortlos ihre Hände und küßte sie.</p>
-
-<p>Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den
-stillen Raum mit sanftem Klingen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_keusche_Nacht">Die keusche Nacht</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p>
-<p class="drop">Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem
-Glanz, und das Sofa, drauf sie ausruhte,
-war mit blumigem Plüsch bezogen &ndash; einem Stoff,
-der kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte.
-Es war vielleicht nur Nervensache, daß
-sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der
-Fahrt taumelte noch in ihrem Kopfe &ndash; aber
-gleichviel, gleichviel … sie fand sich davon gemartert
-… Sie preßte die Handflächen kühlend
-an beide Schläfen. Früh das Standesamt, das
-Frühstück, darauf die Fahrt &ndash; und nun stand
-noch <em class="gesperrt">das</em> bevor&nbsp;…</p>
-
-<p>Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend
-auf ihrer Brust … Was in ihr schrecklich bebte,
-war gar keine Spannung, gar keine Erwartung &ndash;
-am allerwenigsten freudige; es war auch keine
-Sehnsucht nach innigster Einheit und kein verschwiegenes
-Drängen nach Hingabe und nichts
-weniger als Liebe: es war einfach Angst &ndash; Angst
-vor dem Manne, die sich nicht beschwichtigen ließ,
-die unzugängliche Angst des Körpers vor einer allzufremden
-Erfahrung … Sie erinnerte sich ähnlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten
-Mal im kalten Flusse baden sollte; denn ihr Verstand
-war keineswegs ausgeschaltet &ndash; er arbeitete
-vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener,
-und nannte alles beim Namen &ndash; vielleicht etwas
-greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. Den
-Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und
-ohne Auflehnung beugte sich ihr geistiges Wesen
-unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. Ihr Körper,
-der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und
-herrisch gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte
-sich ausgeliefert wie irgendein kleines Mädel, das
-vor dem Lehrer zittert.</p>
-
-<p>Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke
-klirrte, zerdrückte ein Taschentuch in den Händen,
-die immer wieder feucht wurden, und erkannte klar:
-als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen.
-Genommen werden war eine Gnade, sich geben
-können ohne Bräuche und Scham eine gleiche.
-Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam.
-Man mußte sich irgendwie dabei benehmen,
-denn durch die Aufmerksamkeit, die alle darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen,
-ging die unbefangene Geste der Liebe
-verloren, gerade für die Liebenden mit vertieftem
-Gefühl &ndash; aber nichts sagte einem, da Natur
-schwieg, welche Gebärde sich dafür einstellen sollte;
-und man schritt ratlos wie ein Verirrter und ganz
-so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und halb sich
-zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten
-Dingen stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in
-einem schwerfälligen Kruge dufteten; ein ganzer
-Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth,
-der gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen
-einen Strauß geschenkt, den sie alsbald im Kupee
-hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint …
-Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die
-Fenster verschlossen: aber sie hingen ohnehin in
-Ordnung … und man fand sich abgeschmackt
-und ungeduldig empört gegen sich selbst … Warum
-er sie jetzt allein ließ! Er hatte doch verstanden,
-weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu Abend
-gegessen hatte! Er sollte kommen!</p>
-
-<p>Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-Hände und das zerknüllte Tuch, verschwand das
-schwache Lächeln aus seinem Gesicht, und er wurde
-sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte.
-Denn, nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt
-behandelte, das war unmöglich. Er nahm
-ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte
-sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und
-blieb vor ihr stehen; die festgehaltenen Hände bildeten
-eine Kette von ihr zu ihm. Er machte seine
-Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit
-dem gütigsten und behutsamsten Klang, den er finden
-konnte:</p>
-
-<p>»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.«
-Ihre Leiden strebten ihm sogleich entgegen: »Ja,
-Walter, ja, ich fürchte mich … Nicht vor dir;
-vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem
-Ritus.« Sie versuchte zu scherzen, aber wie kläglich
-mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und
-zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz
-geöffnet, zehrten von seiner Miene. Er erwiderte
-mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:</p>
-
-<p>»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen,<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-wie gute Kameraden, nicht? oder soll ich
-still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit
-tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog
-in Dankbarkeit seine Hände näher; seine Ruhe
-und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste
-die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.</p>
-
-<p>»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns
-alles, wie sonst. Ich fürchte ja nur das Unbekannte;
-dumm macht es mich darum nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?«
-Er setzte sich auf die Sofalehne, legte ihr den Arm
-um die Schultern und neigte sich herab, sie zu
-küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den
-seinen, und so sprach er aufgerichtet: »Getrennte
-Zimmer waren unmöglich; diese Pension hätte dich
-für mein Verhältnis genommen und so behandelt.
-Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut
-drinnen auf dem Divan übernachten.«</p>
-
-<p>»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in
-sich aber bejahte sie diesen Vorschlag stürmisch: ach
-ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte dich!</p>
-
-<p>Er drang mit den Fingern behutsam in ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-Haar, blickte ins Zimmer, in das durchschnittlich
-ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension
-und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber
-nach einer Pause: »Und doch nicht, Kind. Es
-wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt
-nicht diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau,
-die man immerhin lieb hat … nicht wahr?«
-Später, dachte sie schweigend und gejagt; später
-wird es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück …
-und daß er dies spätere heute schon bedachte, war
-das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's gelten
-ließ?</p>
-
-<p>»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre
-ja morgen und übermorgen dasselbe Problem gestellt
-und wäre endlich nicht mehr zu umgehen.
-Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir
-einigen uns so,« schloß er gemütlich, fast heiter:
-»du legst dich zu Bett wie stets &ndash; und dann finde
-ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde
-im Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so
-morgen und jede Nacht, bis du dich an deinen
-Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-schlägt, überraschend, Liebling. Denn was dich
-verstört, ist einfach das Wissen. Nun?«</p>
-
-<p>Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht:</p>
-
-<p>»Ist dir das ernst?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen
-wie er sich freute, daß sie Mut faßte, und ihr Mut
-war dadurch selbstsicherer.</p>
-
-<p>»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?«</p>
-
-<p>»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast
-das mit so rührender Hoffnung gesagt.« Sie
-lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge ihn
-in diesem Augenblick nicht mißverstehen … Aber
-sie hatte noch etwas Schweres zu fragen: »Und du
-glaubst, das … würde gehen, heute?«</p>
-
-<p>»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling.
-Ich habe schon eine keusche Nacht neben einem
-Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas
-zur Unterhaltung.«</p>
-
-<p>»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke
-an und verschwieg dabei diesen Gedanken: was
-für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir
-da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-wir eigentlich? Nichts, als daß wir ein Gefühl
-ernst nahmen und gestanden, das man sonst leugnet:
-Angst &ndash; und redlich darüber beschlossen. Und
-alsbald schwand es, wenigstens soweit, daß man
-frei genug wurde, den ganzen Vorgang zu beurteilen.
-Ihr Herz ging leichter und die Freiheit
-und Zuversicht machte sie fast scherzen: »Ich bitte
-um eine halbe Stunde.« Die Uhr bereitete sich
-in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor;
-ein Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.</p>
-
-<p>»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn
-hat sich um uns verdient gemacht. <em class="antiqua">Au revoir</em>,«
-sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.</p>
-
-<p>Sie schloß sie kaum hinter sich &ndash; da schüttete
-er schon Wasser in ein Glas, seine Hand, die die
-Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es die Tischdecke
-näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt,
-nichts, nichts. Er atmete tief und preßte
-die Luft in den Lungen, ehe er sie ausstieß. Nichts!
-Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und
-Heiterkeit geglaubt &ndash; welches Glück! Nun war
-sie drinnen, soweit als möglich beruhigt, nun konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-er sich gehen lassen und ruhen, bis die neue Qual
-begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das
-den Erker nach dem See hinaus hatte, das Wohnzimmer,
-und legte sich auf den Divan, die Hände
-unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet,
-in den hellen Raum, den er eben verlassen hatte.
-Es fiel ihm ein, er werde nachher dort durchgehen
-und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen;
-dann durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln
-war es allein erträglich, möglich. Er stand auf
-und löschte mit einem gezogenen Kettchen das
-brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder
-hin, zur Besinnung. Das dreigeteilte Fenster des
-Erkers lockte vergebens, tintenblau mit scharf funkelnden
-Sternen. Er forderte Rechenschaft von
-sich. Er hatte gewußt, daß es schwer sein würde,
-aber erst in diesen Stunden hatte sich die ganze
-Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan.
-Hier konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie
-früher, auch das Pathos oder die lachende Überraschung
-waren ausgeschlossen, die ihn, als er noch
-jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-Wellen über solche Stunden hinweghoben &ndash; es
-galt vielmehr, die schärfste Zügelung jedes Wortes,
-jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem
-du es zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau &ndash;
-und was alles von dieser Nacht abhängt: alles.
-Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil
-anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie?
-doch nicht; solange man lebt, ist nichts endgültig.
-Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte ihnen
-heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit
-und ein Glück, das bestand. Heute hatten die
-Körper sich zu erkennen wie vordem die Seelen.
-War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe.
-Sie wollte eine halbe Stunde und er wußte, daß
-sie Muße brauchte. Er zitterte vor Erregung &ndash;
-vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie
-fürchtete sich nicht allein. Sie hatte es leichter,
-wahrhaftig; sie brauchte nur zu warten und genoß
-das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln,
-und unter welchen Erschwerungen … Seine
-Hände waren leichenkalt. Das war die Rache
-der Kultur, die bis hierher drang &ndash; bis hierher,<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-wo die Seele eigentlich nichts zu tun hatte und
-hemmte, erschwerte und quälte. Wie einfach der
-Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu
-Bett; er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist
-er bei ihr, und dann ist es geschehen. So brutal
-das klang, es war dennoch keine Befleckung der
-Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete
-keinen verhüllten Ausdruck, und nicht ein Gran
-kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß und
-durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus,
-wenn man ihn dachte. Aber das Verwirklichen
-war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen
-Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud
-und in eine ätzende Helle hob. Die ganze Handhabung
-enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, die
-dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man
-konnte Pferde zur bestimmten Stunde aufeinander
-loslassen; Menschen zu verheiraten wurde zur Schändung,
-heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der
-lebendigen Seele die Körper beherrschen sollten.
-Denn hier konnte nur Natürlichkeit retten, schamlos
-reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche
-Scham erhitzten sich im Kampfe mit der Begierde,
-die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert
-wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie
-chemische Säure. Und die Rettung, die anderen
-blieb, die überraschende Vereinigung vor der Trauung,
-in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden
-Stunde, wo sich plötzlich, mitten in
-einem heiteren Beieinander die Begierde und Hingabe
-wie eine Grube unter dem Wege öffnete und
-sie verschlang &ndash; was anderes machte sie unmöglich
-als diese selbe Zucht und Scham, die Gesittung
-und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling,
-die sich nehmen ließ &ndash; das gab es nicht.
-Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen
-voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und
-Kugel und Kette zerrissen das Fleisch.</p>
-
-<p>So lag der glückliche Bräutigam im Finstern
-auf einem Divan und ließ, auch er, dieselbe Not
-in dieselben Formeln gerinnen.</p>
-
-<p>Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an
-und holte aus dem flachen braunen Koffer das<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren
-jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und
-Flaschen enthielt, die zur Toilette nötig waren.
-Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, Handtücher
-und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer
-hierher getragen, indem er den Korridor benutzte;
-es stand auf einem Stuhl nahe beim Spiegel
-und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit
-die Bedienung nicht rede. Er legte den Schlafanzug
-über einen Stuhl; der Spannbügel, der hernach
-die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in
-seinen zitternden Händen. In der Küche wachte
-gewiß noch jemand; und während er mit verzweifelter
-Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen,
-die Handlungen vom Augenblick bestimmen
-zu lassen und nichts vorher zu ordnen, ging er zur
-Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung
-der Zähne.</p>
-
-<p>Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit,
-mit der sie sich, allein, wiederfand, hatte sie
-sich entkleidet so rasch als möglich, und versuchte
-nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen.<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-Daß sie sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst
-so oft, die Geschehnisse beherrschend, sondern fast
-gebunden und jedenfalls ausgeliefert hier ausstreckte,
-in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes
-zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte.
-Zwar beruhigte sie sein Versprechen, dem sie unbedingt
-vertraute, aber doch noch blieb Fremdartiges
-genug in der Stunde, sie tief zu erregen.
-Das gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen
-ihr wie eine halbflüssige Masse um die Glieder
-klebten, war viel niedriger als das ihre daheim,
-und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren
-Unterschied bedeutete. Liegen ist doch liegen,
-dachte sie; nun störte sie die Nähe des Fußbodens,
-wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen
-hätte, als daß das Bett mit seinen vier Füßen
-darauf stand, und ebenso das leere nebenan …
-Da liege ich nun in einem fremden Bett … Sie
-erinnerte sich einer ähnlichen Wachheit und desselben
-fremdartig deutlichen Fühlens ihres eigenen
-Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem Fieber
-eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-denen das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe,
-der das abmaß, schien ihr übermäßig groß; sie
-empfand sich wie einen geographischen Gegenstand,
-einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße,
-Beine und Schenkel strebten wie halbinselig ausgedehnte
-Gebirge zum Rumpfland zurück, das den
-Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale
-wölbte; zwischen den Brüsten senkte sich ein Paß,
-und der Hals war der Isthmus, der zu dem felsigen
-und bewaldeten Gebirge führte, in dem die
-Gedanken vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen,
-damit sie Bergseen wären, und lag ganz still, ein
-Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts und links,
-waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde
-und beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren
-dunkeln Meeres, das draußen brandete,
-unzugänglich jedem Messen und nur den Augen
-ringsum sichtbar; ein stiller Ozean, der an den
-Zimmerwänden nicht endete, sondern durch zahllose
-Poren frei flutete und sie in Einheit schloß mit
-Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie.
-Sie verhehlte sich nicht, daß sie bei diesem Erleben<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-ihrer verwandelten Gestalt gern verweilte, um nichts
-anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber
-und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie
-versuchte ein anderes Spiel, spannte und entspannte
-die Muskeln der Arme und Schenkel, die von
-Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen
-Strängen und Knollen spannten; und ließ
-es wieder, ungeduldig und ruhelos … Manchmal,
-wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des
-Großen Gartens trabte, innerlich jauchzend im
-Rausch der Kraft und des Eilens, hatte sie an die
-Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben
-würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne,
-oder nackt, daheim, im feierlichen Pathos einer
-Nacht, die von Leidenschaft funkelte &ndash; und nun
-lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom
-Hemd verhüllt bis an die Knöchel und an den
-Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde
-Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald
-vor Furcht wie ein Tier, das den Kopf an die
-Wand des Käfigs schlägt.</p>
-
-<p>Es blieb sterbend stehn: die Tür.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?«
-fragte sie und stieß sich vom Kissen ab, halb
-sitzend.</p>
-
-<p>Seine Stimme antwortete, tief und zitternd:
-»Liebling … wer sollte es denn sein?« Und schon
-verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er hatte
-sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie
-in eine Gefahr. Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend
-und von irgendetwas erlöst: »Ich bin ganz
-rasend dumm … ich weiß nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen
-sollen; aber es schien mir lächerlich, daß du dann
-›herein‹ zu rufen hättest« … Er mußte eine Pause
-machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte,
-ehrfürchtig und angstvoll vor der Schwere der
-Stunde. Aber sie konnte die Erregung mißdeuten,
-und er <em class="gesperrt">mußte</em> ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,«
-sagte er. »Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte
-er hinzu, »es beruhigt dich vielleicht.«</p>
-
-<p>Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er
-ergriff sie und küßte sie.</p>
-
-<p>»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-ins Auge?« fragte sie besorgt. »Man hat gar keine
-Richtung in der Finsternis&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der
-Hand und die Knöchel der Finger, wendete sie behutsam
-und küßte auch das Innere; ein schwacher
-Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie
-schwach, und versuchte sie ihm zu entziehen. Er
-hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und er
-folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte
-sich, sie zwischen seinen beiden zu liebkosen. Er war
-froh, zu liegen; jeder Fortschritt ins Ungewöhnliche
-hinein nahm der Stunde etwas von ihrer
-Schwierigkeit und war ein Sieg, den man erleichterter
-genoß. Diese Hand hier schlug einen
-Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit
-kam, daß sie heute einschlief, den Kopf an
-seiner Schulter, so war er glücklich. Er würde
-die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem
-Atem zuhören und ihr Haar küssen. Die Stunden
-würden feierlich an ihm vorüberziehen und der Morgen
-ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war,
-seine Frau zu verführen, der hätte ihn sehr verwundert,
-vielleicht empört.</p>
-
-<p>Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit
-für das Mädchen neben ihm erstickte sein Herz.
-Er gedachte eines Sommertags, eines goldenen
-und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter
-endlosen Tannen, und ein Mädchen bewachte, das
-unter seinem Mantel schlummerte. Die Innigkeit,
-die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe
-zu Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals
-seit jenen fernen Tagen hatte er so tief verstanden,
-wie keusch Jünglinge lieben, und wie glücklich sie
-sind.</p>
-
-<p>Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte,
-legte er sie sich auf die Stirn. Sie streichelte ihm
-gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch jetzt tat?
-Aber er erschrak &ndash; die Hand entfloh. Es war
-ihm, als würde ihm ein Eigentum entrissen und
-ein Trost. »Da, nimm diese,« sagte sie, »es war
-so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe,
-mit leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-sich selbst wieder auf die Stirn, blieb dort warm
-und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar und
-grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen
-konnte; es waren gewiß nur wenige Minuten, aber
-sie schienen ihm sehr lang. Er war ratlos und
-wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel vermehrend
-in das Schweigen und überschwemmte
-ihn mit Verzweiflung: denn die innere Stille, die
-er neben ihr liegend erwartet hatte zu fühlen, dieses
-tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas
-in ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte
-weiter, litt im Bleiben: und doch schien kein Weg
-gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich daran
-weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen
-blinden Drang, in der Brust, den Leib herab, in
-den Schenkeln und bis in die Zehen, dem ihren
-nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen
-und mit Küssen und Bissen unter sich zu ersticken.
-Aber keine Möglichkeit kam dem sehnsüchtigen Trieb
-zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen,
-ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen,
-war unausführbar. So lag er ganz still und<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des
-Blutes.</p>
-
-<p>Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die
-Hand weg, ja, Walter? Es ist sehr unbequem.«
-»Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« antwortete
-er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er
-irrte; die Stimme war kalt und die Unbequemlichkeit
-ein Vordergrund. Er sollte nicht fühlen,
-daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten.
-Er hätte es mißdeuten können und vielleicht meinen,
-daß die Küsse, mit denen er die erste Hand liebkoste,
-diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen
-in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie
-sich am liebsten fiebrisch hin und her gedreht hätte,
-sprach sehr kalt, und hielt sich fest wie an gespannten
-Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung
-reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war
-ja so sicher und überlegen; welche Beschämung,
-wenn er sie dennoch mißdeutete! Man mußte wirklich
-eine alltägliche Situation daraus machen.
-Das war das leichteste: und man konnte es, denn
-von ihm kam keine Gefahr. Hatte sie sich eigentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete
-sie sofort, Scham war heute noch nicht
-vorgekommen, und zwar bei ihr, Claudia Eggeling
-… Aber das Erstaunen schwand sogleich:
-Warum denn schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit?
-Bin ich das Ziel von Blicken oder
-… Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im
-Bette, sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von
-Hand und Fuß &ndash; und der Mann nebenan …
-bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt
-… und es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich
-eine Art Übermut und &ndash; Spottlust in ihr
-tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.</p>
-
-<p>»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und
-erschreckend über ihre Keckheit; »ich sehe noch immer
-nichts.«</p>
-
-<p>»Hier, ganz dicht bei dir.«</p>
-
-<p>Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen;
-ohne irgendeine Überlegung, von einer blitzenden
-Klugheit gestoßen, benutzte er sie und schnellte sich
-an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten.
-Er lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-Ruck hatte ihn fast in ihr Bett getrieben. Er atmete
-tief: und der Duft ihres Haares drang ihm
-bis tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,«
-bat er, und, wieder klüger als er wußte, wartete
-er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich
-hinüber und atmete in ihren Haaren.</p>
-
-<p>»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« … Ihre
-Keckheit und Sicherheit und aller Spott waren
-dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, sich
-rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar,
-redete sie sich zu und entschuldigte die Duldung …
-Ihr Atem ging wie zerschnitten, und kurze rastlose
-Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer
-ihres Geistes &ndash; sie verlor das Steuer und sah
-nicht mehr wohin … Und nun sagte er plötzlich:
-»Weißt du was? Ich komme zu <em class="gesperrt">dir</em>,« und er
-<em class="gesperrt">kam</em> zu ihr … »Nein,« rief sie, »nein!« und das
-Hämmern ihres Herzens zerschlug ihr die Stimme.</p>
-
-<p>Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm
-gesagt hatte; er hatte einfach ausgeführt, was man
-ihm befahl. Er erschrak tief über sich, er lag ganz
-still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-ihres geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt,
-eine Decke lag über ihnen beiden, und sie
-war es, Claudia, deren Haar hier noch eben gelegen
-hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich
-wirbelte, stürzte über Katarakte von Lachen und
-Rausch &ndash; und daß er sich noch berauschen konnte,
-daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete,
-das verstärkte widerhallend sein Glück.</p>
-
-<p>Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante
-des Bettes geschmiegt und schwieg; sie wußte nichts
-von dem was sie fühlte, ein blinder Wirbel sauste
-in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie hinausfallen
-werde und daß das Bett niedrig sei … und
-daß sie ganz gelähmt lag, eine Beute, das wußte
-sie. Das Blut sang ihr in den Ohren und ihr
-Atem ging sehr laut und schnell.</p>
-
-<p>»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum
-fürchtest du dich? Ich will ja nur dir nahe sein,
-ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände halten,
-von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?«
-Er folgte der Technik geübter Eroberer, die verdächtige
-Taten mit wohlklingenden Worten begleiten<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-und damit durchaus Vertrauen gewinnen,
-nur erfand er sie im Augenblick, wußte von nichts
-und glaubte ehrlich &ndash; sein erstes Opfer war er
-selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem
-hohen atemlosen Stimmchen.</p>
-
-<p>Wie von einem kleinen Mädchen kommend
-hörte sich das an. Als wäre seine kluge und überlegene
-Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines,
-das hier schutzlos zitterte. Die Rührung,
-die ihn überwältigte, tränkte heiß und selig sein
-ganzes Glück; er lächelte im Finstern und flüsterte:
-»Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Wie irgendeine sagte sie's … Lisbeth Ohlsen,
-die kleine Gouvernante, mit der sie sich einmal eins
-gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, ihrem
-Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine
-Claudia zu ihm … Er tastete nach ihrer Hand,
-ganz, ganz behutsam, und fand beide. Sie lag
-auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin,
-damit er nicht näher käme. Er nahm sie, küßte sie
-beide, küßte sie oft und hielt sie. Er dachte nichts,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-endlich genoß er das Glück des Augenblicks, das
-ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er
-fühlte ihre Hände zittern. Warum zitterst du,
-meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu beruhigen?
-Soll ich gehen? Soll ich mein Bett
-nehmen und vor deiner Schwelle schlafen? Ich
-will ja nur, daß du glücklich bist, nichts sonst! …
-du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit
-hebt … Er preßte ihre Hände und küßte sie,
-aber sie zitterten. Er mußte etwas finden sie zu
-beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die Anekdote
-fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie
-würde sie ablenken und ihr Ruhe geben. Und er
-machte sich einen leichten Ton:</p>
-
-<p>»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals
-erzählen? Du wirst sehen, du brauchst nicht zu
-beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die
-ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin,
-Mediziner. Ich arbeitete mit ihr und hörte
-sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle Knochen
-des Kopfes auswendig … Ja, wir machten also
-eine Fußtour im Schnee, in den Weihnachtsferien.<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-Wundervoll, im Tirolergebirge. Natürlich
-war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten
-in der Etappe übernachten. Das Wirtshaus hatte
-eine vermietbare Stube mit zwei Betten; wir
-nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine
-Schwester ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote
-Haare wie ich. Das Zimmer ließ sich nicht heizen
-und wir waren beide durchfroren; die Betten aber
-kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm
-war &ndash; ich hatte einen Grog getrunken &ndash; schlug
-sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf
-erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu
-ihr, hielt sie fest &ndash; sie wollte wirklich aus dem
-Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen bis sie
-still war &ndash; und wärmte sie. Und dann waren
-wir müde, nicht? und schliefen wie Bruder und
-Schwester.«</p>
-
-<p>Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß
-er: »Du wunderst dich hoffentlich nicht. Erstens
-ist man diszipliniert, und zweitens machte ich mir
-nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.«</p>
-
-<p>Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-gefährlichen Weg: sie empörte sich gegen den vergnügten
-Ton der Erzählung, gegen die Blindheit,
-die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte,
-gegen die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen
-glaubte. Sie fand ihn frivol und sich
-mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im tiefsten
-gekränkt … Vielleicht war zwischen ihr und jener
-doch eine Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso
-wenig &ndash; schien es nicht so? Ihre Vernunft war
-gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß
-sie verschmäht sei.</p>
-
-<p>Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte
-er nicht), hörte die Uhr ticken und den langsamen
-glücklichen Schlag seines Herzens; dann schwoll
-die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper
-an sich zu fühlen, durch das Erinnern
-an jene entfacht, wie ein Blutstrom in ihm hoch;
-da sagte sie:</p>
-
-<p>»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte
-es mit klarem Hohn und versuchte, ihm ihre Hände
-zu entziehen.</p>
-
-<p>Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-er nichts; einen Augenblick tappte er wie ein Geblendeter;
-dann brach es in ihm auf: Lisbeth Ohlsen!
-Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie
-jedes törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht!
-Er riß sie an den Händen nahe und
-wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen
-Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte:
-»Walter!« schrie sie.</p>
-
-<p>Dann schlug sie die Arme auseinander und wie
-eine Welle über ihm zusammen, als er auf sie
-herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im Munde
-etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein
-jauchzendes und triumphierendes Gelächter: eins,
-das aus tiefsten Gründen und Dickichten hervorsprang,
-ein Elf. Es lachte über alle Ängste und
-alle Schwierigkeit, über Claudia und Walter,
-über den ganzen Geist und alle Scheidungen und
-Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele.</p>
-
-<p>Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg
-zu Berg unter der schwarzen Brücke des sternfunkelnden
-gewölbten Himmels und rührte das
-ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf.<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-Sie liefen an den Strand mit hellem Klickern,
-das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht
-ein Boot und die Herden stiller Fische, die im
-schwarzen Wasser standen und schliefen.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Passion">Die Passion</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p>
-<p class="drop">Menschenstimmen machten den Saal erbrausen,
-geübte und klare, ein lobsingender Strom.
-Weißgekleidete Frauen standen in tiefen Reihen und
-sangen mit weitem Mund, über ihnen türmten
-sich die Plätze der Tenöre und Bässe, und das
-Orchester schnitt den ganzen Chor in Hälften und
-schob sich dazwischen bis hinauf zu den blauen
-Fenstern, die die rote Wand des Halbrunds teilten
-&ndash; ein breiter schwarzer Streifen, über dem
-die Bogen der Streicher rhythmisch stiegen und
-der vom Metall der Hörner blitzte. Aber zwischen
-den hohen hellen Mauern, tief unter der braunen
-Decke, von der summende Lampen milchig leuchteten,
-saßen geduckt die Hörer, und über ihre Köpfe
-hin tobte die Wucht des Gesanges, schlug schäumend
-an den Wänden empor, schien das Licht zu
-verdunkeln und schüttelte, in die Körper aller der
-Menschen dringend, ihre Herzen wie ein einziges
-großes Herz. Sie klangen wie Chaos, diese Chöre,
-sie riefen in Verwirrung nach Donnern und Blitzen
-&ndash; waren sie in den Wolken verschwunden, daß
-solches geschah? &ndash; und sie schrieen nach den Pforten<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-der Hölle, damit sie sich öffne, den Stifter des
-Unheils zermalmend zu verschlingen; Jesus war
-gefangen worden, Judas hatte ihn verraten &ndash;
-und der Chor empörte sich selbst statt dieses allzulangmütigen
-Donnerers, er selbst raste wie Flammen
-in den Höllentoren, Blitzen gleich gellten die
-Flöten und der Aufschrei der Tenöre, und das rastlose
-Brausen der Stimmen, die einander forttrieben,
-ihre kunstvolle Wildheit und die düstere
-Szene um den gefangenen Heiland, welche die
-Worte malten, gaben die chaotische Verzweiflung
-selbst, in der jedes Gesetz erloschen schien und jeder
-menschliche Trost. Aber dies Chaos war von genialen
-Regeln erzeugt, dieses Durcheinander von
-geführten Stimmen und tönenden Instrumenten
-ordnete sich nach wenigen Gesetzen zu einem übersichtlichen
-Gebilde, und die Rhythmen, die sich
-verwirrten und kreuzten, die Harmonien, die sich
-bedrängten und auswichen, unterlagen dem unerbittlichen
-Maße eines frommen Meisters und
-seiner unerhörten Kunst. Dort regte sich der Dirigent:
-aus dem kleinen Herrn im Frack und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-dreieckiger Glatze hatte sich das hundertjährige Werk
-ein Werkzeug geschaffen, um wieder einmal zu entstehen,
-hatte einen Menschen aus Enge und Einzelsein
-in die weiteste und leidenschaftlichste Hingabe
-entrückt, und leitete sich selbst mit dessen bewegten
-Armen, zuckendem Körper und dem Geiste, ganz
-in Musik gelöst; und durch ihn ließ es die Solisten,
-die vorn auf ihren Stühlen saßen, aufstehen und
-singen mit dem Ganzen ihrer erlernten Kunst, ließ
-es die Chöre zu einem metallenen Gusse zusammenschmelzen,
-der aus jeder Kehle gespeist wurde, ließ
-es die Geigen saugend singen und die Bässe tönen,
-tief und gesägt, und wirbelte die Hörenden, all die
-ungezählten Einzelnen, in eine tief horchende, in
-Reihen geordnete und namenlose Menge. Vor
-ihr erbaute sich die Matthäuspassion; eben ging
-der erste Teil zu Ende.</p>
-
-<p>Walter Rohme und Claudia saßen unter ihnen,
-auf Stühlen, die in einem Gange standen, außer
-der Reihe, denn sie waren zufällig und spät hierhergeraten
-und fremd in fremder Stadt; aber sie
-unterlagen dem gleichen Banne. Claudias Kinn<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-war auf die Brust geneigt, die sich unter schillernder
-Seide langsam hob, grün und blau zerrinnend
-wie eines Pfauen Brust; ihre Hände ruhten zusammengelegt
-im Schoße, und die Wimpern der
-fest geschlossenen Augen breiteten sich auf der Haut
-der Wangen wie elfische Fächer. Walters Ellbogen
-stützte sich auf den Schenkel, und das Gesicht
-des Gebeugten lag in der flach gerundeten
-Hand. So saß er und lauschte. Sein Wesen
-war vom Hören schwer wie Metall und ganz an
-das Werk weggegeben. Das letzte Gefühl seiner
-bewußten Person war jenes erlösende Danken gewesen,
-das er empfand, als Claudia bei den Einsetzungsworten
-des Abendmahls endlich ihre unfruchtbare
-kritische Haltung aufgegeben hatte und
-die Musik einfach hinnahm, tief in sich geschmiegt,
-wie sie noch jetzt schien. Seither hatte er nichts
-Deutliches mehr gedacht. Hin und wieder tauchten
-Gesichte auf und zergingen, Bilder, die aus dem
-Inhalt des Werkes erwuchsen; als der Evangelist
-vom Ölberg erzählte, lag auf einen Augenblick in
-Finsternis und unter rauschenden Bäumen ein<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-Mensch auf der Erde, hingeworfen wie ein weißlicher
-Sack, und krümmte sich vor dem Schicksal,
-und seine Helfer schliefen und hörten nicht auf zu
-schlafen. Auch sprach es in ihm einmal den Namen
-Klaus Manths mit einem tief verächtlichen Ausdruck,
-und als beim letzten Nachtmahl die Stimme
-des Sängers und der schwebende Gesang der Geigen
-zu einer unbegreiflichen Einheit und unirdischen
-Herrlichkeit zusammenbrannte, hatten seine Lippen
-den Namen des Meisters geflüstert: »Bach,
-o Bach!« weil er das Glück nicht ertragen konnte.
-Aber sonst war der Mensch, der erzählte Vorgang
-und die Musik im lodernden Erleben zu einem
-formlosen Ding eingeschmolzen. Es war <em class="gesperrt">sein</em> Geschick,
-dem all das Klingen vorne galt, und er selbst
-war darein verflochten und nicht verwandelter als
-in einem Traum. Er hatte die unvergängliche
-Schwermut gefühlt, mit der diese Worte gesprochen
-wurden: »Wahrlich, ich sage euch, einer unter
-euch wird mich verraten,« und sogleich war er vertauscht
-in einen derer, die in Verstörung fragten:
-»Herr, bin ich's?« und einer der ratlosesten, entsetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-daß in ihm vielleicht dennoch ein Dämon
-hauste, der den Geliebten verriet &ndash; denselben, um
-den seine Seele vor Erbarmen schauderte, als er
-klagend ausrief: »Ach wollt ihr nun schlafen und
-ruhen? … Siehe, er ist da, der mich verrät.«
-Dann hielt ihm die Angst den Atem an, wie der
-Jünger den Meister küßte, und jener, der alles Zukünftige
-von Anfang schaute, ihn traurig fragte:
-»Mein Freund, warum bist du kommen?« und
-auch von dieser geisterhaften Gelassenheit und Güte
-eines schon Abgeschiedenen zu wissen war ihm gewährt,
-nach dem Grauen der Verzweiflung von
-Gethsemane. Er hatte sein Ich im Zauber der
-Klänge, die durch alle Poren in ihn eindrangen,
-ausgestreut wie in Wind und erntete dafür die
-beengende Seligkeit, in der er dumpf ruhte. Alles,
-was er fühlte, jeder Augenblick der Stunde war
-mit schwer tropfendem Glück getränkt, das wie
-Honig duftete &ndash; wäre er je dafür offen gewesen,
-wenn nicht Claudia neben ihm gesessen hätte, unter
-all den fremden Leuten? Einmal, als vorhin in
-Gethsemane die Stimme des ganz einsam Leidenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-seinem Herzen allzu nahetrat, wandte er einen
-hilflos greifenden Blick beiseite, völlig ohne es zu
-merken, und verspürte tiefe Beruhigung, als er die
-ganz in sich versenkte Frau reglos neben sich gewahrte.
-Getragen vom Wissen um die Verbundenheit
-mit ihr und um die Gemeinsamkeit dieses
-Fluges hatte er sich glücklich lachend in das Werk
-geworfen wie ein Habicht in den Wind, der ihm
-unter den Flügeln steht, und die brausendsten Fittiche
-sollten sie beide hineintragen, miteinander und
-einander grüßend, zum ersten Male als Mann
-und Frau in die Erhabenheit der letzten Größe und
-Kunst.</p>
-
-<p>Musik band ihn ganz &ndash; hatte er doch das
-Glas abgelegt, um nur zu hören &ndash; und so entging
-ihm, daß er sich täuschte. Claudia war nicht
-in Lauschen versunken, sondern in Schlaf; sie schlummerte
-inmitten allen lauten und bewegten Singens
-wie ein Schiffsjunge im Mastkorb wenn es stürmt.
-An ihr rächte sich die Anstrengung des Tages.
-Trotz mehrerer Reisestunden folgten die Heimkehrenden
-einem froh aufspringenden Verlangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-die Matthäuspassion zu hören, die nach Aussagen
-Mitreisender am Abend in einer der nächsten
-Städte aufgeführt wurde. Sie stiegen aus, ließen
-ihren Zug unbekümmert weiterfahren und verwanderten
-die beiden freien Stunden in dem alten
-Städtchen, übermütig in ihrer Fremdheit und Ungebundenheit
-und spitzbübisch entzückt von dem
-Abenteuer, das sie sich bereiteten. Aber kaum in
-dem warmen Saale und unter allzu vielen Menschen,
-fiel Claudia so jäh in Müdigkeit, daß nicht
-einmal der starke Kaffee, den sie getrunken hatten,
-den Schlaf vertrieb; zumal sie noch mancherlei besondere
-Gründe hatte, sich schwer zu fühlen. So
-hatte sie anfangs ohne jede Freude vor der Aufführung
-gesessen, hatte kritisch und kundig alle ihre
-Unvollkommenheiten ausgespürt &ndash; fehlte doch selbst
-die Orgel im alten Saale, während drei oder vier
-alte Kirchen wundervollen Raum und sicherlich große
-Orgeln boten! &ndash; war endlich eingeschlafen und
-schlief noch. So hatte sie geruht und hastig fliehende
-Träume gehabt, während um sie Choräle gesungen
-wurden, in denen eine ganze Gemeinde ihre Sünden<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-büßte oder sich dem Heiland weihte, während
-Arien von Frauenstimmen klangen, begleitet von
-zwei Flöten, zwei Oboen oder Geigen, gleich und
-verschieden wie die nebeneinander ausgestreckten
-Arme eines Mädchens, daß sie sang, und so kunstvoll
-und rein wie alte kristallene Becher; Frauenstimmen
-hatten sich vermählt, Männerstimmen sie
-getrennt; der Heiland sagte mild und wie fernglänzend
-seine Worte, und Chöre waren darauf
-erschallt, denen, wie dem letzten, der strenge Kanon
-von acht verschobenen oder gemeinsam brausenden
-Stimmen eine Größe und Wucht verlieh, die sich
-nur mit Worten von Psalmen sagen läßt. Selbst
-als die stille Stimme des Evangelisten nach der
-lauten Erregung zu berichten fortfuhr, mit maßvoller
-Melodik in epischer Schlichtheit, wie der gefangene
-Jesus dem schwertfrohen Jünger wehrte,
-regte sie nur leise die eine Hand und erwachte nicht.</p>
-
-<p>Und der Herr redete. Walter Rohme hob den
-Kopf, atmete tief und trank die Stimme des
-Sängers, aus dem der Heiland sprach. Sie war
-mild und süß und hatte einen Ton von unbefleckbarer<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-Hoheit und Reinheit, als käme sie von weit
-her, wo Menschen ihr nichts mehr antun konnten.
-Er genoß sie mit inbrünstigem Entzücken; im zweiten
-Teil würde sie wenig mehr erklingen, sie und die
-langgedehnten hellen Harmonien, die sie umgaben,
-so unbeweglich und leuchtend, wie ein Heiligenschein
-um den Kopf seines Trägers schwebt. Er
-wünschte dringlich, daß der Herr die Legionen
-Engel riefe, von denen er sprach, denn es war
-schwer erträglich, so viel Güte und Adel in den
-Händen eines Volkes zu wissen, das nach Kreuzen
-schreien würde … Und er begriff, daß die Jünger
-flohen vor dieser nicht mehr menschlichen Fremdheit
-gegen eigenes Leid … Die Stimme schwieg und
-der Evangelist; und die spielenden und dennoch
-leidvollen Seufzer von Oboe und Flöte stiegen auf,
-die den Schlußchoral des ersten Teiles einleiteten.
-Er hörte, wie sie nebeneinander in kleinen Schritten
-aufstiegen, jäh um ganze Oktaven fielen und von
-neuem beginnen mußten, um jäh zu fallen oder
-mählich abzusteigen mit kurzem Hinundher und
-Trillern auf manchem Ton; dann begann der Sopran<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-langsam den altertümlichen Choral, in langen
-gleichen Noten einer Melodie, die sich kaum hob
-und senkte: »O Mensch, bewein' dein' Sünde
-groß« … Walter Rohme war vom genauen
-Studieren des Werkes damit vertraut und hörte
-den Anfang mit Genuß, aber die tiefe Befangenheit
-und Verzauberung war verschwunden. Die
-rauhe und simple Theologie des Textes hallte in
-ihm nicht wider, wenn er auch die alten Zeilen
-und ihr barsches Deutsch sehr liebte: »den'n Toten
-er das Leben gab und legt dabei all Krankheit ab
-bis sich die Zeit herdrange …« Die drei anderen
-Stimmen drängten sich ineinander und spielten beweglich
-und ernst um den langsamen Sopran und
-seine von der Last der Sünden schweren Schritte.
-Vor allem aber war das Ende zu fürchten. Nach
-dem letzten Tone würde der Beifall losbrechen, ein
-wohlverdienter Beifall zweifellos, der aber alles
-Zarte und Nachhallende, die schwebende und undeutliche
-Süßigkeit der ersten Minuten nach dem
-Werk ohne Gnade zerschlug &ndash; das Feinste des
-Genusses und das Ehrfürchtigste der Stimmung.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-Walter Rohme haßte ihn sehr; er litt körperlich
-unter dem tierischen Knallen der aufeinandergeschlagenen
-Bürgerhände. Welchen Tumult würde
-man nachher feiern! und das zu Ertragende näherte
-sich jeden Augenblick:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»daß er für uns geopfert würd,<br /></span>
-<span class="i0">trüg unsrer Sünden schwere Bürd«&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Widerwärtig, daß der süßtönende Reichtum von
-Verschiebungen der Rhythmen, von Harmonien,
-die sich flüchtig berührten, schnitten und durchdrangen,
-von kontrapunktischem Gegenströmen und
-Ineinanderfließen ungenossen bleiben mußte! Doch
-je näher der Choral dem Ende zustrebte, desto quälender
-ward die Angst. Seine Seele krümmte sich
-frierend ein: der tobende Lärm würde sie wie Hagel
-treffen. Er wünschte inständig, was jetzt gesungen
-wurde, möge nicht die vorletzte Zeile sein. Aber
-köstlich und unabwendbar schloß sich die letzte an:
-»wohl an dem Kreuze lange.« Der Dirigent nahm
-den Stab zu den hingedehnten Noten des Schlusses
-hoch: der Sopran hielt mit schwellendem Atem
-den Schlußton lang, lange, während der Baß sich<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-zu einer auf und ab steigenden Figur rüstete &ndash; dann
-winkte die linke Hand, und die Stimmen schwiegen
-wie abgeschnitten. Walter Rohme verhielt die
-Luft in der Brust und machte sich stark, indem er
-sich von dem Gedanken an das nahe Getöse abhärten
-ließ; die Bläser liefen in Sechzehnteln
-aufwärts, setzten noch einmal tief ein, stiegen schräg
-auf in den endenden Akkord &ndash; und der Dirigent
-ließ Stab und Hand müde fallen.</p>
-
-<p>Ein Augenblick lautlosen Schweigens trat ein.</p>
-
-<p>»Jetzt,« sagte Walter Rohme zitternd.</p>
-
-<p>Die Leute erhoben sich und verließen stumm den
-Saal. Sie gaben sich Mühe, geräuschlos zu gehen.</p>
-
-<p>Er begriff erst nicht; dann wurden seine Augen
-rund in fassungsloser Überraschung, die wie ein stürmisches
-Glück in ihm aufsprang, und ein Schauer
-von Erlösung erkältete ihn, während sein Herz hart
-pochte. Sie kannten Ehrfurcht. Ihre erhobenen
-Seelen wollten schwer und schwebend entrückt bleiben.
-Ihr Gefühl verbot ihnen die billige Erleichterung,
-mit der sie sonst jede Erhebung in Geräusch
-umsetzten. Sie fühlten edler und zarter als er gedacht<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-hatte. Und er bat sie inbrünstig um Verzeihung
-wie für eine Kränkung. Man strebte stumm
-nach den Türen; in allen Augen hing noch der
-Glanz des klingenden Traumes und schloß alle
-Lippen. Nur vom Gerüst des Chores herab schallte
-das unbekümmerte Schwatzen abgehärteter Sängerinnen,
-und die vielen Schritte der Ermüdeten
-dröhnten auf dem hohlen Holze. Walter verzieh
-auch ihnen. Er fühlte sich wie jung vor Dankbarkeit
-gegen all diese Unbekannten, daß sie sich gutgesittet
-zeigten, vor dem großen Werke sich beherrschten,
-und wandte sich stürmisch zu Claudia,
-damit sie seine Freude teilte. Sie saß noch immer
-reglos wie vorhin. Um sie her stand alles auf und
-begann halblaut zu reden, eine Frau drehte sich um
-und streifte ihre Schulter mit der Robe. Darauf
-bewegte sie leicht den Kopf und die eine Hand;
-von einem brüsken Verdachte geschleudert warf er
-sich vorwärts, ihr ins Gesicht zu blicken &ndash; und in
-dem Augenblicke ihres Erwachens merkte er, daß
-sie geschlafen hatte. Er empfing einen Hieb quer
-übers Herz. Er richtete sich auf, er lächelte noch,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-aber starr und mit leerer Miene, aus der Sinn
-und Leben entwichen war. Sie hatte geschlafen.
-Sie hatte die ganze Zeit geschlafen. Während er
-sie an seiner Seite spürte, glücklich, weil sie sein
-Glück teilte, flog ihre Seele abseits und lautlos
-umher, fledermausbeschwingt, taumelte durch dunkle
-Atmosphären und vermummte sich in Gestalten von
-Träumen. Und doch war ihre Freude, neben ihm
-diese Musik zu hören, ein Versprechen gewesen.
-Sie hatte es nicht gehalten &ndash; sollte er nicht unglücklich
-sein über diesen Betrug und entdeckten
-Verrat? Aber er war es; Trauer erfüllte ihn, die
-schon beschattet war von noch fernem Zorn. Er
-wußte nicht, was in ihm, von dieser Überraschung
-verletzt, nun litt: Leid um die aufgehobene Gemeinsamkeit,
-nach der seine Liebe strebte, aber auch Eitelkeit
-des Mannes, dessen Botmäßigkeit jemand unversehens
-entschlüpfte, Enttäuschung, als hätte er
-sie überschätzt &ndash; und auch hierin der Stachel: du
-konntest überschätzen! und vor allem die Pedanterie,
-die ihm sagte: man hört in Konzerten zu und schläft
-im Bette … er überließ sich seinem Gefühl mit<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-gutem Gewissen, wies es ganz seiner Liebe zu und
-saß ohne Fassung, ohnmächtig sich zu erheben oder
-sie ganz zu wecken, fühlte sein Herz bitter schlagen
-und blickte vor sich hin. Sie hatte diese Stunde
-Seligkeit dumpfschlafend verwehen lassen … Sie
-öffnete die Augen, blinzelte vor dem Licht, lächelte
-wie ein müdes Kind und sagte mit hellem verwunderten
-Stimmchen: »Ich habe geschlafen!« Er
-antwortete nicht und besah den Fußboden. Sie
-entdeckte, daß die Leute hinausgingen und schrak
-auf: »Es ist doch nicht schon aus?« Sie zog schnell
-die kleine Uhr: »Nein,« antwortete sie sich; »der
-erste Teil.« Und dann strengte sie sich an, ein
-Gähnen zu verstecken.</p>
-
-<p>»Allerdings,« sagte er mit abwesender Stimme,
-»du hast geschlafen.« Darauf hob er endlich die
-Augen und erschrak über ihr von Müdigkeit zerstörtes
-Gesicht: es schien ganz verfallen, gelblich
-und farblos, und um die Augen wanden sich tiefe
-braune Schatten. Er begriff erbleichend, daß sie
-nicht hierbleiben durfte; die Erkenntnis hob sich
-zwar erst in äußere Schichten seines Wissens, drang<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-aber unabweislich mit jedem Herzschlag tiefer in
-ihn ein. Er wußte: wenn sie nicht verlangte wegzugehen,
-mußte er sie dazu auffordern; so befahl
-seine klar dastehende Pflicht.</p>
-
-<p>»Ich wurde plötzlich müde, Liebster,« sagte sie
-mit schuldigem Gesicht, »ich bin's noch immer;
-das ist doch erst die Pause, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Er überhörte die Hoffnung in ihrer Stimme
-nicht, das Gegenteil zu vernehmen, auch bemerkte
-er flüchtig, wie rührend ihre Haltung eigentlich
-sei, aber jetzt schüttelte und verhärtete ihn der jäh
-genahte Zorn. Er mußte den zweiten, den schönsten
-Teil der Passion opfern, der die gewaltigen Chöre
-und seine liebsten Arien enthielt, mußte alle Erwartung,
-alle Erhobenheit und Entzückung glatt
-streichen und weggehen, weil sie schlafen mußte.
-Er grollte ihr dafür und gab sich diesem Grolle
-rücksichtslos hin, kaum daß er versuchte, ihn nicht
-in den Ton fließen zu lassen, mit dem er aufstehend
-sagte: »Für uns ist's der Schluß.« Und nach einer
-winzigen Pause &ndash; es wurde ihm gar zu schwer:
-»Du mußt zu Bett.« Das war gesagt. Nun<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-würde sie sich sträuben, und auch das durfte er nicht
-gelten lassen. Sie tat es: »Aber du? Nein, bleiben
-wir. Ich verderbe dir den Abend.« Da konnte er
-sich nicht enthalten zu erwidern &ndash; und er war
-nicht stark genug, einen freundlicheren Klang zu
-erzwingen: »Glaubst du, daß ich zu irgendeinem
-Genusse komme, wenn du dich nebenan quälst und
-einschläfst?« Er wußte, das wog als Anklage, in
-solchem Tone gesprochen, und wie sollte sie das
-nicht fühlen. Aber er bereute es nicht, noch kam
-er sich niedrig vor. Sie stand schweigend auf und
-ging gesenkten Kopfes hinter ihm hinaus. Sie
-wollte nicht weinen, und es gelang ihr. Er sah
-das nicht; ihr Schuldgefühl konnte ihn nicht versöhnen.
-Er war ganz bitter vor zielloser Wut; er
-verließ sie, drängte ohne Rücksicht, denn alle Vorräume
-waren voller Menschen, die sich unterhielten,
-zur Garderobe &ndash; irgendwie mußte er sich entladen
-&ndash; warf der Bedienung unfreundlich die
-Nummer hin und beschwerte sich in ausdrücklicher
-Mühsal mit den Überkleidern. Ach was, Manieren,
-dachte er. Sie war ihm entgegengekommen, damit<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-er den Weg spare, nahm ihm eilig den kleinen
-Hut ab, schlüpfte in die lange Jacke aus Pelz
-und wartete, bis er angezogen war, während jedermann
-sie erstaunt anblickte.</p>
-
-<p>Im äußersten Eingang stand ein junger Mensch
-ohne Hut im Gespräch mit einem Mädchen. »Jawohl,«
-sagte er, während er ihnen Raum gab,
-»aber die größten kommen erst.« Nein, Sie Esel,
-sagte Walter in sich zornig, für mich kommen sie
-nicht! Er erriet, es war von Chören die Rede
-oder von Arien. Und während Claudia schwer an
-seinem Arme ging, quer über die Straße und unter
-Bäumen fort, hielt er sich vor, was er alles versäumte:
-da waren die Chöre, in denen das Volk
-nach Barrabas schrie und »Kreuzige«, wie aus
-Urgründen des Irrsinns heraus: die Chöre des
-Hohns unterm Kreuz und die harten Choräle der
-verlassenen Gläubigen, da waren Duette von Frauenstimmen
-und die ergreifend leidvolle Gefaßtheit
-des erzählenden Evangelisten; da waren von allen
-anderen Arien die nach den Worten »Am Abend
-da es kühle war,« und jene beiden von einer Sologeige<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-begleiteten. Er hätte sie, vom Schlafe geweckt,
-spielen können, die für Alt rhythmisch verschmitzt
-und sanft, die Baßarie heiter über die
-Reue des Sünders und bei aller Einfachheit viel
-Einsicht erfordernd … Er hörte nie oft genug
-ihren triumphierenden Gang: »Gebt mir meinen
-Jesum wieder« … Und heute stand er auf und
-mußte vor ihr davongehen.</p>
-
-<p>Claudia schmiegte sich bittend an ihn und atmete
-begierig von der reinen feuchten Nachtluft,
-während sie noch immer unter Bäumen hingingen:
-»Wie wundervoll!« sagte sie, »atme doch, Walter.
-Ich glaube, nur die Luft war schuld da drinnen.
-Die vielen Menschen!« und nach einigen Schritten
-fügte sie hinzu: »Ich werde ganz munter, wirklich,
-Lieber. Wollen wir zurückgehen? Wenn wir schon
-Zimmer hätten, müßtest du bleiben, ich bestände
-darauf. Aber ich traue mich nicht allein in ein
-fremdes Hotel.«</p>
-
-<p>Diesmal fühlte er stark, wie rührend und demütig
-sich ihr Wesen gab; aber was sie anbot,
-nahm er nicht an &ndash; außer allen anderen Gründen<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-hätte die Wollust des opfernd Leidenden das nicht
-gestattet. Aber er sagte nur, und er sagte es sanft:
-»Und drinnen hättest du wieder die Luft und die
-vielen Menschen.« Sie neigte sich im Gehen vor,
-um ihm dankbar ins Gesicht zu lächeln und fügte
-sich: »Sie haben mich eigentlich gräßlich gestört
-und sind an allem schuld,« meinte sie nachdenklich.
-»Sie und … und noch anderes. Dich nicht auch?«
-»Nein,« antwortete er. »Was anderes?« Sie
-schwieg, und er fragte nicht weiter. Er hatte ihren
-Blick bis tief im Herzen gespürt und fühlte wieder,
-wie sehr er sie liebte. Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit,
-schämte sich alles Grolls und selbst
-des Bedauerns um die verlorene Musik. Er hatte
-nicht einmal den Willen gehegt, diese fremden,
-häßlichen Gefühle gegen sie aus seiner Seele zu
-schaffen, gegen sie, die er zu innerst zu lieben glaubte,
-und hatte sich vom Ärger vergiften und erniedrigen
-lassen! Er hatte sie mißhandelt. Er war sich verächtlich
-geworden und bereute sehr. Er schuldete
-ihr Abbitte und noch viel mehr, er mußte irgendetwas
-in sich finden, das er ihr anvertraute, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-Zartes und ihm Zugehöriges, damit er in seinem
-Urteil wieder ein wenig gerechtfertigter dastand.
-Sein ganzer Geist erglühte in Scham, Reue und
-Liebe; er drückte ihren Arm eng, ganz eng an seine
-Brust und machte vor Erregung größere Schritte.
-»Nicht so schnell, Lieber«, bat sie sanft.</p>
-
-<p>Sie wanderten schon auf der Straße im grünen
-Lichte des Gases: das Pflaster war feucht von
-Regen und von Kote schlüpfrig; dahin deutete er
-jene Worte. »Gehen wir denn richtig?« fragte
-sie. »Ich denke, Liebling. Wir sind bald da;
-jetzt ganz geradeaus, und das letzte Haus auf der
-rechten Seite sei das Hotel. Sagte der Schutzmann
-nicht so?« »Ja. Ich will nicht schlafen,
-ich möchte nur liegen.«</p>
-
-<p>Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in
-die Helle der Laterne: »Du siehst so müde aus,
-Liebste« … Zärtlichkeit drängte ihr entgegen und
-erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh
-über ihrer Hand und nahm ihren Arm; sie schmiegte
-die Schulter leise an die seine, und so gingen sie
-schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-fühlte, wie schmerzlich er sie liebte, und wie er
-bereute.</p>
-
-<p>Sie überschritten die Hauptstraße der engen
-Stadt, über der rötliche Bogenlampen in langer
-Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und
-setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen
-Drehorgel wehten ihnen plötzlich beginnend entgegen;
-sie spielte den Hohenfriedberger Marsch
-hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht
-widerwärtig. Walter summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth,
-nimm um deinen Degen und rüste
-dich zum Streit …« Der sanfte Klang gab der
-kriegerisch schreitenden Musik eine zierliche Farbe.
-Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat uns die
-Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit
-und selig und mit seinem ganzen Herzen, glücklich
-über ihre Heiterkeit, sehr glücklich: sie schien nicht
-mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, und als
-sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein
-dunkler Umriß vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer
-einer kleinen Brücke lehnte, warf er ihm ein
-Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-nach Silber klang. Claudia freute sich, daß er
-nicht kleinlich gab, sah ihn aber dennoch fragend
-an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer.
-Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold
-wert?« »Du brauchst nicht zu opfern,« lächelte
-nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« Sie
-näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe
-flüsterte sie hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja,
-Walter? Ich sage nachher, warum.« Er erstaunte:
-»Selbstverständlich« … Und indem eine bange
-Frage in ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war
-sie dennoch nicht versöhnt? Aber er hatte mit dem
-Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe
-hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten,
-Lieber, und iß. Nimm dir Zeit, denn ich kann dich
-jetzt nicht brauchen,« und sie lächelte dazu.</p>
-
-<p>Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig
-im Speisezimmer; Claudia hatte sich eine Kleinigkeit
-in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an
-seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die
-ihn nicht verließen, einen Augenblick schwieg, vernahm
-er in der Stille ein Konzert von bruchstückhaften<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-Melodien: die fröhliche Geigenstimme der
-Baßarie begann und brach nach einem Triller ab,
-der Hohenfriedeberger schob seinen Marschtakt ein,
-und immer wieder sang die Stimme Christi klagend
-und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und
-ruhn? Er schmeckte den süßen Rauch mit dem
-Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe
-der Atem eines großen Tieres; aber weder die
-Fragen noch die Melodien vermochte er fortzublasen
-wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank
-war oder ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er
-sich hatte so gehen lassen können, noch was in dem
-stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung
-auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn
-er die Augen schloß, immer nur diese lautlose Geste
-des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die Kraft
-des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen
-Gestalten, denen von Jugend auf Ehrfurcht geboten
-wurde? Und wenn dem so war, änderte das
-den Wert jener großen Gebärde? Und wie?</p>
-
-<p>Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten
-habe, es gab Abendgäste, und der Kellner lief frackwedelnd<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-hin und her: vor allem aber vibrierte in
-ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill
-und quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben
-zu Ende zu rauchen, und fragte nach der Nummer
-seines Zimmers: neun, im ersten Stock, und erstieg
-die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte
-Treppe so abwesend, daß er, oben angelangt, das
-Bein allzuhoch hob, als sei da noch eine Stufe,
-und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia
-wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein
-Zimmer; hinter den offenen Fenstern blaute tief
-der nächtliche Himmel; aber halb mechanisch
-schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke
-wie ein weißer Block, der den Raum ganz füllte.
-Er musterte ihn, indem er wünschte, endlich daheim
-zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem Fenster
-stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm
-gegenüber ging die Tür zu Claudia, die er hatte
-aufschließen lassen, und sein Bett streckte sich weiß
-an der dritten Wand nahe den Birnen; man
-sparte das Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das
-Sofa sinken, welches erklang, und blinzelte dem<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte.
-Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und
-die Antwort jeden Augenblick holen konnte, ward
-die gellende Saite langsam schlaff wie wenn eine
-Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte.
-Er wollte ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan,
-und pfiff die ersten Takte des Hohenfriedbergers;
-dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille
-sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie
-draußen die leuchtende Farbe, die nirgends haftete
-und dennoch da war. Und kaum wartete er so
-einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm
-er auch leise Antworten, erst halbklar, dann ganz
-verstanden: und sie lauteten so überraschend, daß
-er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und
-ein seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht
-war es und Sehnsucht&nbsp;…!</p>
-
-<p>Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!«
-Endlich! Er legte schnell die Zigarre hin. Sie
-lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der Helligkeit,
-die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch
-dort verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-einen Stuhl heran und saß, halb über ihr Gesicht
-gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte
-sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit
-stieg auf: »Bist du noch böse, kleines Mädchen?
-Ich war sehr unartig, es ist wahr«&nbsp;…</p>
-
-<p>»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest
-Recht auf Wut. Und schließlich hast du mich ja
-nicht geprügelt« … Er neigte sich über ihren Kopf,
-sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden
-Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein,
-das klang nicht nach Groll, sie hatte ihm verziehen,
-diese Gütige, und blickte ihn klaren Herzens an:
-welches Glück! und ihre Stimme klang weder
-müde noch krank&nbsp;…</p>
-
-<p>»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie
-ohne Handschuh küssen.«</p>
-
-<p>»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«</p>
-
-<p>»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du
-etwa krank?«</p>
-
-<p>»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde.
-Ich will nur liegen.« Sie sah im Halbdunkel, wie
-er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-und rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau,
-und man merkt, du hattest keine Schwester.« Endlich
-begriff er; es traf ihn wie ein leichter Schlag,
-und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er
-errötete bis in die Stirn. Er bewunderte sie; wie
-ganz und frei sie war, und wie einfach sie heimlichen
-Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er
-küßte behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine
-Entdeckung sagen, damit auch er vor ihr nichts
-verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine
-Seele so schamhaft behütete wie die Frau ihren
-Leib, so gab er gleiches für gleiches; aber er gab
-es schwerer.</p>
-
-<p>»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir
-reden?«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig,
-gleich zu schlafen. Vorhin habe ich lauter dumme
-Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine
-fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest
-einen kleinen schwarzen Birnenkern in die Kiste,
-wo ich meine Puppen aufbewahrte und wolltest
-zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-die Kiste aufmachte, lag eine große Birne drinnen,
-und ich klatschte in die Hände.« Er lächelte, aber
-nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis beschäftigt
-war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens
-&ndash; ich blieb dir vorhin eine Antwort schuldig, oder
-gab sie nur flüchtig, das heißt falsch. Du fragtest,
-ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst du
-dich? und ich sagte nein.«</p>
-
-<p>Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte,
-daß sie ihn erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere
-mich, es war noch vor der Laterne. Nun?«</p>
-
-<p>Er stand auf und begann hin und her zu gehen;
-wenn er die Lichtbahn durchschritt, glänzte sein
-Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem dicken
-Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle.
-Er sagte zögernd und halblaut: »Nein, sie störten
-mich nicht nur nicht; sondern in einem bestimmten
-Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das
-war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus
-hinausgingen. Da fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft
-mit diesen fremden Leuten. Oder besser,
-ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-zu haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen,
-weißt du.« Ob sie durch die tastenden Worte das
-Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie
-entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang,
-dann kam es staunend: »Du scherzest nicht, das
-ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht
-vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«</p>
-
-<p>Sie verstand nichts.</p>
-
-<p>»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend.
-»Ich sehnte mich nicht gerade nach diesen Leuten,
-sondern nach Leuten überhaupt, nach dem Volk,
-kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft,
-ganz sicher. Aber war sie nicht auch rührend,
-in dem kahlen Saale? So wie Kinder oder Bauern
-Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche?
-Aber ich meinte gar nicht die Aufführung
-oder dergleichen. Ich könnte auch sagen: ich hatte
-Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor
-ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese
-da. Weißt du, was ich meine?«</p>
-
-<p>Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-zu machen? Ihn befiehl eine körperliche
-Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein ließ?</p>
-
-<p>»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich
-glaube, ich weiß jetzt, was du meinst. Aber wie
-es zu <em class="gesperrt">dir</em> kommt, und gerade heute, das ist mir,
-ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal
-&ndash; weil der Mensch ein hoffendes Tier war.</p>
-
-<p>»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch
-leichter zu empfinden. Ich will es erst negativ abgrenzen:
-ich sehne mich natürlich nicht nach ihrer
-Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben,
-ich danke nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer
-Schicht reicher als ich, und davor habe ich Ehrfurcht.
-Sie sind miteinander in einem gewissen
-Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und
-darin wachsen sie zu einem Wesen zusammen mit
-einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle
-ist uns verschlossen, die wir immer einer sind
-und bestenfalls zwei &ndash; wie wir beide.« Er zögerte
-vor den letzten Worten, denn sie logen jetzt. »Ein
-Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch,
-daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-Frauen erst, wenn ihr mit einem Kinde fühlt. Das
-geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer.
-Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte
-alle diese Menschen still aufstehen, ohne den gewohnten
-Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht öde
-Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm,
-als Gemeinde, als Volk. Und nun habe ich dir
-gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, noch
-nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines
-Widerhalls, und alsbald lehnte sie kopfschüttelnd
-ab:</p>
-
-<p>»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles
-nicht in mir. Müde? Es geht. Ich werde sehen,
-daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«</p>
-
-<p>»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.«
-Er trat an ihr Bett und neigte sich, sie zu küssen.
-Sie holte die Arme hervor, schlang sie um seinen
-Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen
-fest. Dann ließ sie ihn halb frei und sagte, dicht
-an seinem Gesicht: »Wir sind heute nicht ganz
-beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute
-Nacht;« küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>Er strich über ihre Stirn und ging.</p>
-
-<p>Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei
-Dritteln unverbrannt; er entzündete sie und prüfte
-sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in sich wie
-eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt
-noch etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie
-waren nicht beieinander; nun, so würden sie zu tun
-haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch
-nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen,
-hieß es, sie wurde nicht geschenkt. Er
-hatte an sich zu feilen und genug Brutales noch
-auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden …
-Das ist ein weites Feld, sagte er sich bald heiter.
-Nun, man hatte Jahre vor sich, vorausgesetzt, daß
-man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich
-frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang
-ihm plötzlich wieder der friedericianische Marsch
-in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, als
-spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik:
-er hörte das Glockenspiel klingen, die Trommeln
-tobten kriegerisch, und am Ton der Trompeten hörte
-man, daß sie in der Sonne blitzten&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span></p>
-
-<p>Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne
-herüber: er zählte, die Uhr schlug neun. Er wunderte
-sich, daß es noch so früh war, aber das Konzert
-hatte um halb sieben begonnen, es stimmte.
-Andere Uhren antworteten, er trat ans Fenster, sie
-zu hören, und sah die Sterne im tiefen Blau des
-Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde
-Gestalt aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen,
-dachte er aufatmend, hilf mir. Seine Augen hingen
-lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich wach
-und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken
-festzuhalten, zu ordnen und dann zu prüfen.
-Er beschloß noch einen nötigen Brief abzufassen
-und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte
-die Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem
-Zögern ging er hinaus und kam bald mit Briefpapier
-und mit einer golden brennenden Petroleumlampe
-zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase
-und einer weißen Glocke, die im Tragen leise klirrte.
-Als er das elektrische Licht löschte, blieb ein warmer
-Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer
-zog sich zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie
-heimkämen, an den Verwalter des Eggelingschen
-Hauses &ndash; Claudias Mutter reiste mit Sirmisch
-und Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben
-hatte, die darin vorzunehmen waren &ndash;
-und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. Ohnedies
-blieb soviel als möglich unverändert; ein
-neues Arbeitszimmer kam dazu und die Schlafzimmer
-… Der Zigarrenrauch schickte bläuliche
-Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten.
-Sie hielten etliche große Stechmücken ab,
-die von einem nahen Wasser dem Scheine nachgingen.</p>
-
-<p>Aber er war froh, als er den Halter weglegen
-und nachdenklich leer auf das weiße Blatt schauen
-durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang
-ihm im Sinne, das sich in der schlafenden Frau
-da drüben vollzog; und die Stirn auf die Hand
-gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann
-er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig
-pflanzenhaft und entrückt sie dadurch wurde,
-denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu und<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze
-gesetzt, die er ehrte.</p>
-
-<p>Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin
-der Lampe, erst abwesend, dann aufmerksamer;
-einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den
-heißen Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen,
-aber sie konnten, obwohl unversehrt, nicht mehr
-aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die sich
-beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre
-zarten Organe zu durchtränken. Eine klebte tot
-mit dem Kopfe darauf, eine andere zitterte wie
-trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings
-gefallen war, haftete mit beiden schmalen
-Flügeln ausgebreitet auf dem gefetteten Glase.
-Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem
-Mühen aus und ein &ndash; vielleicht litt sie wenig
-Schmerz, aber der Anblick ihres schlagenden Körpers
-hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und
-mit einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter
-Rohme: hier krümmte sich ein Wesen am Kreuz.
-Der Anblick war ganz unerträglich, und mit zitternden
-Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-und tötete sie. Er wußte nicht, ob er Gott
-lästerte oder ihm diente. Er löschte die Lampe und
-ging zu Bett, noch lange wach und von vielen
-huschenden Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem
-Lautwerden schwarze Pausen zum Besinnen
-Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander
-dieser ganze Abend … Sie schläft und er
-genießt &ndash; er zürnt ihr während sie bereut; sie fühlt
-nicht mit seinem Erlebnis &ndash; und er errät nicht,
-<em class="gesperrt">kann</em> nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet:
-der weibliche Leib, der an eine andere Welt grenzt
-… Man war trotz allem ziemlich allein &ndash; und
-wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer
-wäre das Leid der Welt vermehrt … Das verständliche
-Denken verfiel in ein Vernehmen undeutlich
-geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein,
-und im Einschlafen noch hörte er eine Stimme,
-mild und aus menschenferner Verlassenheit: »Ach,
-wollt ihr nun schlafen und ruhn? … Siehe, er ist
-da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia
-im Schlummer.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Sonatine">Die Sonatine</h2>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-<p class="drop">Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos
-es anging, die blonden Brauen
-hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das
-Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von
-oben breit abspritzend Licht fiel wie Wasser auf
-einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu Zeit
-in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte,
-und es warf hurtige Blicke zu den beiden
-auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, hinter denen
-die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise
-&ndash; sie atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen
-sprang über ihr Kindergesicht &ndash; ließ der gnädige
-Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:</p>
-
-<p>»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache.
-Man müßte dagegen einschreiten.«</p>
-
-<p>Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen,
-Walter … Hast du die Morde gezählt, die heute
-darin episch verwertet sind?«</p>
-
-<p>»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch
-des besiegten Schülers am Mitschüler fünf. Willst
-du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein
-Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-prügeln sich und der Geohrfeigte unterliegt: da
-zieht er ein kleines Terzerol und schießt dem Sieger
-die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug,
-ich bitte dich!« … und nach einem Schweigen
-leise: »Furchtbar …« und sie zuckte sonderbar mit
-den Schultern.</p>
-
-<p>»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich
-arg. Aber abbestellen? Und welche dafür
-halten?«</p>
-
-<p>»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«</p>
-
-<p>»Und das Leben da draußen? Wie willst du
-davon unterrichtet sein?«</p>
-
-<p>»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich
-vergaß, daß du es damit hast. Ich meinerseits,
-du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis«&nbsp;…</p>
-
-<p>Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und
-sie bekräftigte: »doch«.</p>
-
-<p>Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem
-aber außer Hurtigkeit noch eine bittende Verlängerung
-eigen war, und wurde langsam ganz
-rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte
-ein wenig. Mit niedergeschlagenen Augen und<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-froh daß sie Teller in den Händen hatte, brachte
-das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen
-spazieren gehen zu dürfen, es sei so schöner Vollmond
-draußen.</p>
-
-<p>Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter
-Bestürzung. Es konnte unmöglich so fortgehen.
-Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche Fliehen vor
-dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen
-würde, wenn sie es nicht überwand? Was dem
-Mädchen wohl anstand &ndash; die junge Frau mußte
-damit fertig werden können … Er hörte sie fragen:
-»Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich
-wendend, eifriges Nicken. »Dann können Sie
-gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else,
-hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige
-Herr, der am Fenster stand ohne hinauszusehen
-&ndash; er erkannte gerade: er mußte sie zu sich hinüberziehen;
-Gelegenheit würde sich später finden &ndash;
-drehte sich um und neckte: »Sie müssen morgen
-zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen Sie das
-nicht! Marienmonat!« Was ging den das an,
-er war ja ein Ketzer und kannte die heilige Jungfrau<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-gar nicht, dachte sie unmutig und geschmeichelt,
-wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging
-leise schnell hinaus.</p>
-
-<p>Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf
-dem Sofa saß und den Nacken an die Rücklehne
-geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte.
-»James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt
-James und ist bei dir bedienstet.« Sie lächelte
-mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr herab,
-nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz
-langsam und sanft und küßte ihre Lippen, die sanft
-geschlossen und blaßrot die seinen erwartet hatten,
-da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er
-richtete sich endlich auf ohne die Umarmung zu
-lösen, hob sie so mit empor und führte sie, die dicht
-an ihm schritt, zu der Schiebetür in das Musikzimmer.
-Mit knapper Drehung löschte er hinter
-sich das Licht und schob die Türen auseinander.
-&ndash; Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte
-von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke
-durfte er zeigen und ihr die Hände hinhalten …
-irgend einmal, nicht allzuspät.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p>
-
-<p>»Da haben wir also den gemeldeten Mond,«
-sagte Claudia … Der Raum war bis in die
-Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte,
-das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses
-über ihnen verdeckte schon das Gestirn. Die Luft
-selber glomm weißlich, sanft, traumklar und berauschend,
-man atmete sie ein und löste die
-Seelen der Glücklichen sofort, wie ein stark milchiger
-Wein, unbekannt und beseligend. Sie
-standen lange auf der Schwelle, die beiden, in
-einem Beieinander, das inniger war als Küsse, und
-blickten in die lichte Nächtlichkeit des vertrauten
-Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn
-glänzte ein silberner Schein, und der warme Nachtwind
-bewegte langsam die Vorhänge der geöffneten
-Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug
-aus Licht geformt, und seine Decke blinkte wie
-der Spiegel eines Sees geschmolzener Klänge, silbern,
-umrissen und leicht. Blüten dufteten vom
-Garten herein: es war eine Nacht des Mai. Sie
-traten ein. Er führte die geliebte Frau vor das
-Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand
-hin, und auf hob sich die schwarze Schwinge zum
-Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte
-dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine
-schwarze Oberlippe zurücklegte; sie ließ den Ring
-vom Finger neben sich aufs Fenster fallen und
-schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich
-dem Lichte hold vermählte, zitternd und schwindend.</p>
-
-<p>»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme
-unterhalb des Klingens wie Dämmerung um Licht.
-Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch in
-die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis,
-der duftend rauchte. »<em class="antiqua">Cis-moll</em>,« sagte der Mann
-endlich und atmete Rauch ein.</p>
-
-<p>»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte
-es vorher.« Aber er schwieg einfach, und als er
-hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle ruhte,
-begann sie.</p>
-
-<p>Die zartfließende Dreiteilung, auf- und abrollend,
-in leichter Feierlichkeit ohne Trübe, dieser köstlich
-wehende Schleier aus Klang, über dem die Melodie
-aufglänzte, wie mit silbernen Sternen darein<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-gestickt &ndash; was war in ihn verwoben, das ein so
-eindringendes Glück geben konnte, ein inniges Angerührtsein
-nahe am Herzen? Träumen, träumen.
-Hingeben und sich verlieren, wohin der unbesonnte
-Strom der Empfindungen strudeln will. Ja, denke
-deiner Jugend, Walter Rohme, da es in dir so
-will, frage nicht, warum sie sich heute meldet, vergiß
-die Spur, die du von dem mordenden Schüler
-jenes Zeitungsblattes zum gegenwärtigen Augenblicke
-führen siehst … Ja, du bist es, der hier
-sitzt, und du bist auch jener Knabe, den der Mond
-über stille Wiesen hin nach dem schwarz ängstigenden
-Walde lockte, den er auf einer Lichtung hinwarf,
-und dessen Tränen er zu weißem Silber
-zauberte … du bist es! Damals hat dir niemand
-so unirdisch zugesungen wie es jetzt eine tut &ndash; und
-die Krämpfe deiner Seele entluden sich nicht anders
-als in langem Laufen, in Träumen und auf
-den ärmlichen vier Saiten deiner gelben Geige,
-die alle deine brennenden Phantasien heiser aussprechen
-mußte … Jetzt aber &ndash; bist du nicht jetzt
-erst jung? Wohin ist der häßliche Bart, der dein<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-Gesicht alterte, wohin sind die Gruben unter deinen
-Augen und die hohen Kragen, die dich einengten
-und versteiften? Ein verjüngtes Gesicht hebt sich
-auf schlankem Halse aus dem niedrig umlegten
-Kragen, bartlos, und deine Augen blicken frei und
-zärtlich zu ihr hin, die dich entzauberte. Sie weiß
-freilich nicht, wovon sie dich erlöste, auch ahnt sie
-nichts von den Niederungen, aus denen du dich
-zu ihr erhobst &ndash; soll sie nie davon wissen? &ndash;
-aber höre sie: sie sendet dir ihre Töne; und was
-du mit den mondlichtvermählten einatmest, ist ihre
-ganze hingegebene fromm machende Liebe.</p>
-
-<p>Sie schwieg und sah vor sich hin mit jenem
-Ausdruck, der ihr ganzes Gesicht veränderte und
-es entlehnt scheinen ließ in einer Welt, die ihre
-Augen noch schauten, dort, jenseits der Mauern.
-Walter Rohme liebkoste sie mit Blicken wie mit
-langen Wimpern, deren Bewegung auch er selbst
-beglückt fühlte: da erklang, wie dicht an seinem
-Ohre gespielt, aber doch nur in seinem Innern,
-ein Stückchen Geigenmusik, ein schüchternes Thema
-von leichtfüßiger Melancholie: nach einer Stufe<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-ebene Schritte, kleine Sprünge und ein hüpfend
-sanftes Auf und Ab &ndash; fast nichts. Klavierklänge
-vorher … aber als er sich der Erscheinung zuwandte,
-war sie sogleich wie nicht gewesen. Eine
-leichte Verwirrung entstand, dauerte und mündete
-in die Frage: woher kam diese phantastisch deutliche
-Musik? Es antwortete nach einer Pause: aus
-den jungen Tagen, als du gerade spielen konntest:
-rate; Haydn? Mozart? mußte es nicht Mozart
-sein?</p>
-
-<p>Und plötzlich, als bedeute diese kurze Stille ein
-Ende, und nicht nur die Vorbereitung des <em class="antiqua">andante</em>,
-erhob er sich unter einem inneren Befehl.
-Er ging leise zum Notenschrank und öffnete ihn,
-dann nahm er den Geigenkasten herab, der oben
-lag. Claudia sah ihm schweigend, staunend zu.
-Offenbar will er geigen; er war heute also im
-Hören nicht stark. Hätte er nicht doch das Ende
-der Sonate erwarten sollen? Sie fühlte sich eher
-geneigt, allein zu spielen und nur aus sich zu schöpfen
-und zu strömen; die Noten würden sie nicht
-wenig beengen … aber da er wollte &ndash; &ndash; Sein<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-Betragen war ungewöhnlich und hatte sicher ein
-starkes Motiv &ndash; was trieb ihn nur? Er kniete
-vor dem offenen Schrank und las, mit einem
-Streichholz leuchtend, in der Tafel, die seinen
-Inhalt angab; sie saß ruhig in ihrem Stuhl, die
-Hände im Schoß gefaltet, und betrachtete in wortlosem
-Warten, wie er die Kerzen zweier breitfüßiger
-Leuchter entzündete, von denen jeder zwei auf ausgebreiteten
-Armen über seinen kurzen Rumpf erhob;
-die Flammen glichen Lanzenspitzen und scheuchten
-die Dunkelheit in die Ecken des Raumes; und als
-er sie vorn auf den Flügel stellte, wich die Nacht
-vom Fenster zurück. Ehe er die Decke des Instrumentes
-herabließ, streichelte er rasch einmal ihren
-Scheitel; dann holte er die Geige und das grüne
-Heft. Sie war neugierig, seine Wahl zu wissen.
-Würde es Brahms sein oder Bach?</p>
-
-<p>»Schubert,« las sie halblaut und verwundert,
-»Sonatinen, <em class="antiqua">opus</em> 137?«</p>
-
-<p>»Willst du, Liebling? Mich überfiel da plötzlich
-eine Erinnerung: wie stark, siehst du an meiner Ungezogenheit.
-Das ist hier die erste Sonate, die<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-ich als Junge spielte; sie ist freilich ganz leicht und
-du langweilst dich am Ende dabei. Aber das <em class="gesperrt">will</em>
-heute gespielt werden … ich hatte es allzulange
-vergessen …« Du Gütiger, dachte sie glücklich
-und gab ihm statt aller Antwort den Grundton
-und die Quinten an; er stimmte, und die sanften
-lauten Doppelstimmen klangen im Flackern der
-Kerzen.</p>
-
-<p>»Ich finge eigentlich gern mit dem zweiten
-Satze an,« sagte er, die Geige schon unterm Kinn;
-»aber mein Gewissen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dein Gewissen hat sehr recht.«</p>
-
-<p>»Obwohl mich nur das <em class="antiqua">andante</em> besucht hat?«
-… Der Bogen hing schräg herab, mit der Spitze
-in den Teppich gebohrt.</p>
-
-<p>»Und wenn das Kind noch netter bittet und
-das Stimmchen oben schweben läßt: erst das <em class="antiqua">allegro</em>,
-und das <em class="antiqua">andante</em> als Belohnung.«</p>
-
-<p>»Welche Mutter! Ich wünsche unsern Kindern
-Glück&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Still! hast du Mamas Brief gelesen?«</p>
-
-<p>»Vorhin. Ich bin froh, daß sie sich mit Kalderns<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-wohlfühlt, und daß Sirmisch bei ihr ist. Ich
-habe ihr gegenüber das schlechteste Gewissen von
-der Welt. Erst entführe ich dich, und dann überläßt
-sie uns das ganze Haus und reist, die alte
-Dame.«</p>
-
-<p>»Welch ein Gewissen, das deine! Ich gestehe
-&ndash; nun, du warst nicht zehn Jahre lang mit ihr
-allein … Ich brächte übrigens zum Plaudern
-nicht nur die Geige in Spiellage, sondern auch
-den Bogen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er lachte und setzte ihn an: »Also?« Und sie
-begannen: ein freundlich auf und ab eilendes Motiv,
-einstimmig hingestellt, ein Motiv wie eine kleine
-Welle, frisch, grün und ganz klar; dann kräuselte
-sich die Oberstimme des Klaviers zu spielenden
-Schaumketten, die Unterstimme verspätete das
-Thema um einen Takt &ndash; und im Vorwärtsdringen
-der Geige, mit Veränderung, Wiederholung
-und Tausch der Führung baute sich der
-Satz auf, ganz einfach in den Mitteln, ganz schlicht
-in der Ordnung, aber von einer Klarheit und verjüngenden
-Bewegtheit, daß Claudias Lippen von<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-einem leisen Lächeln getrennt wurden, und ihre weiten
-schwarzen Augen, die die Kerzenflammen gespiegelt
-enthielten, sanft glänzend und erfreut am
-Blatte hingen. Sie hatte das noch nie gespielt.</p>
-
-<p>Walter Rohme dagegen fühlte seine Aufmerksamkeit
-beständig abirren und spielte endlich in
-traumgleichem Abseits von sich. Er beobachtete
-die sonderbaren Erscheinungen dieser Wiedergabe
-nach so langem Vergessen: da wußte er noch das
-Ganze auswendig, Noten, Pausen, Betonungen!
-Er sah einem Andern zu, der für ihn spielte, einem
-Ich, das die Form eines Knaben mit glücklichen
-Augen über mageren Backen annahm, sowie er
-die Augen schloß; er vermerkte die Muskelgefühle
-des Bogenführens, die gestreckte Geradheit des
-Arms von der Schulter zur Fingerspitze, wenn der
-Bogen herabging … das allmähliche Sich-Einkrümmen
-beim Aufstrich wie die Kolbengelenke eines
-Dynamos … das präzise Auffallen und rasche
-Hinaufschlüpfen der Finger über den Geigenhals
-&ndash; diese ganze geübte und zweckvolle Mechanik,
-die während seiner Abwesenheit einer lenkte und<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-bewußt machte, der auch Er war, nur nicht sein
-innerster Kern &ndash; jetzt summte er ein Stückchen
-den Rhythmus mit, und »<em class="antiqua">cis</em>« rief Claudia, während
-sie einen Lauf in Sechszehnteln auffliegen ließ,
-»<em class="antiqua">cis</em>! du spielst schon zum zweiten Male <em class="antiqua">c</em>.«</p>
-
-<p>Er erschrak, brach ab und lachte befangen.
-»Diesen Fehler habe ich als Junge eingeübt, er
-kommt wieder mit.«</p>
-
-<p>»Dein Strich hat keine Seele heute, scheint
-mir; bist du müde, Lieber?«</p>
-
-<p>»Ach nein; nur abwesend. Dahinten, ganz
-vorne vielmehr, bei dem kleinen Rohme. Aber laß
-nur, beim zweiten Satze …« »Ich bestehe trotzdem
-auf dem Schluß des ersten. Bitte noch einmal
-die drei Halben vor dem Lauf. Ich finde es
-entzückend.« Er begann gehorsam, und während
-sie den Satz zu Ende führten, wunderte er sich im
-Herzen über die Leichtigkeit dieser Musik … Ja,
-der kleine Walter hatte Fehler eingeübt, für ihn
-war das eine Eroberung gewesen, eine schwere …
-War er ihr nicht schuldig, von alledem zu reden,
-was mit den Klängen auferstand? … Da wäre<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-schon die Gelegenheit? &ndash; Gefährlich! rief es ihm
-zu, zu nahe an dir, an ihr … Sie schlossen.</p>
-
-<p>Er trat zum Fenster und beugte sich hinaus:
-welcher Friede! Auf jedem Blatte stand mit Mondschein
-geschrieben »Glück der Gegenwart«. Die
-Dankbarkeit, mit der er vom Winde atmete, der
-seine Haare bewegte, hob seine Brust und breitete
-in ihm Arme aus, umfangende. Oh Glück der
-Gegenwart, errungen nach sehr ätzenden Erschütterungen,
-verdient nach dem Sieg über die Jugend,
-über diese Zeit der zerfressenden Qualen! … Er
-wandte sich, im innersten Ring seines Wesens aufgeregt,
-und bettete sein Gesicht küssend in Claudias
-Haar, das wie Nachtblumen duftete. Blüte
-meines Glücks, sagte er in sich mit Zärtlichkeit,
-die in ihrer Fülle starb, Blüte du meines Glücks …
-oh Claudia … die Tränen waren ihm nahe. Sie
-bewegte den Kopf nicht, sie ließ die Liebkosung glücklich
-über sich hinrieseln; erst als er sich aufrichtete,
-wandte sie das Antlitz seitwärts und sagte ernsthaft:</p>
-
-<p>»Ich glaube, ich war es, die vorhin das <em class="antiqua">andante</em>
-nicht erwarten konnte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p>
-
-<p>»Kleine Lügnerin,« antwortete er mit liebkosender
-Stimme.</p>
-
-<p>Behutsam tupfend, mit kunstvoll beherrschten
-Händen ließ sie das Thema sich austönen, während
-die Geige schwieg, diese leichte Melancholie,
-aufhüpfend, schreitend und hinab &ndash; und dann
-lauschte sie lächelnd und beglückt dem durchsichtigen
-Spiel der getragenen Töne. Was hieran
-hieß denn schön, was war denn zauberisch in der
-schlichten Verbindung einfacher Terzen und Oktaven,
-was gab es denn Unerhörtes in diesem sachten
-Strömen von Stimmen, die miteinander
-gingen oder sich symmetrisch auswichen, was sprach
-denn so süß zu ihrem Herzen, während sie hier ihre
-Hände ausbreitete und schloß und mit denkenden
-Fingern Tasten sprechen ließ? Wie das einfach
-hinging, wie sanft und klar, und nicht trauriger
-als eine Nacht wie diese, beglänzt und voll von
-Glück … Ah, nun sang die Geige, sang sich aus
-mit einer Stimme über Menschenstimmen … fast
-zerbrach ihre sehnsüchtige Trauer, ihre von den
-Noten gefesselte Schwermut, die in sich vibrierte<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-wie man ein Weinen verhält, fast zerbrach dieses
-mühsam in Maß gezwungene Ausdrücken den zarten
-Gang des Ganzen … Man mußte die eignen
-Töne ehrfürchtig dämpfen … Ja, das war die
-Seele, die tönte, und der Bogen ging nicht anders
-über die Saiten hin, die unter ihm zitterten, wie
-über die Seele das Glück … Nun kam es an
-sie, zu antworten &ndash; und wie sich der Gesang der
-Saiten in ein murmelndes Gerank verlor, sprach
-sie und redete zu ihm in den weinhellen, weinsüßen
-Harmonien, die geschrieben standen. »Schubert,«
-dachte sie, und dachte »Walter« und dachte »ich
-liebe dich« und dachte »mein Glück &ndash;« alles in
-diesem einen Namen.</p>
-
-<p>Das ist das Ende &ndash; schon; leider. Nun noch
-die beiden Akkorde, die alles lösten und gelind in
-die Stille entließen, in das tiefe wundervolle Schweigen,
-durchsungen von nachhaltenden Saiten …
-Ein Klappern von Holz auf Holz, laut und jäh,
-schreckte sie auf, noch ehe sie hinsah war ihr deutlich,
-daß Walter Geige und Bogen heftig fortgelegt
-hatte … Da stand er am Tisch, die Arme gespannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-die Fäuste geballt, tief einatmend, hart ausstoßend:
-von seinem Gesicht löste sich eine Qual ab, die es
-verzerrt hatte: »Was hast du, Liebster!« fragte sie
-angstvoll. Er antwortete, schnell gesammelt, sanft,
-indem er wieder zu ihr trat: »Nichts mehr, Liebling,
-oder wenigstens nicht viel.« … Sie hörte
-nicht auf, in den Augen ein dringliches und banges
-Fragen zu haben, und er sprach weiter: »Es sind
-nur die Erinnerungen. Ich weiß wohl, warum ich
-diesen kindlichen Mordversuch aus dem Druckpapier
-drinnen nicht los wurde, warum ich mich
-im Mond ergriffen fand und wie sich darauf diese
-Musik da meldete &ndash; oh, ich weiß wohl! Vergangenheit
-ist ein scherzhaftes Wort! Jetzt, neben dir
-stehend, erwachsen und gesichert, war mir wieder
-wie dem Knaben zumute, der sich aus seinen Peinigungen,
-aus den Wirrnissen seiner Seele, die
-sich nicht verstand, hierher rettete, zur Musik. Denn
-wenn ich phantasierte und versuchte, ohne Noten
-aus der Geige zu reden, wurde ich so schwermütig,
-so voll von pressender Angst und Not, als erdrücke
-einer mein Herz langsam mit harten Händen …<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-dann brach die kümmerliche Melodie ab, und ich
-saß stumm im Dunkeln, in einem Grade unglücklich,
-vor dem mir jetzt schaudert … Dann kam
-alles das, womit ich rang, alles das in mir, was
-ich schlecht und böse nannte, das Lasterhafte und
-Dunkle, das ich aus mir herausschaffen wollte, all
-das, dem ich untertan war und gegen das ich mich
-fruchtlos empörte, und machte mich verzweifeln.
-Dies hier aber« &ndash; er schlug auf die Noten &ndash;
-»und dergleichen tröstete mich« … Er schwieg tief
-befreit. Wie das aus ihm quillt … Du Zarter,
-dachte sie, du Guter, was für winzige Erlebnisse
-mögen dich damals aufgeregt haben! Erinnerst
-du dich … als du mir von dem Pakete erzähltest,
-das nach so kuriosen Schicksalen zur Post kam?
-»Was quälte dich denn so, damals? Wie alt
-warst du, vierzehn, fünfzehn?« Es lag ein Lachen
-in ihrem Ton, ein zärtliches, schelmisches, ein verliebtes.
-Die Kerzen flackerten im Winde und tropften
-in weißen Wülsten. »Fünfzehn, glaub ich. Was
-mich quälte? Ich sagte es: ich fand mich schlecht;
-und befahl mir vergebens, gut, rein, fehllos zu<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span>
-werden. Ich peinigte mich. Ich wünschte Katholik
-zu sein und einem Priester beichten zu dürfen, einem
-nicht mehr menschlichen Wesen, das strafen durfte,
-aber auch mit Kräften begabt war, zu verzeihen
-&ndash; mit lebendiger Gnade zu verzeihen. Wir hatten
-einen Geistlichen an der Schule, einen strengen,
-sanften und musikalischen Priester, klug, geschult
-und behutsam; er hätte mich verstanden. Unser
-eigener »Religionslehrer«? Gott, der Mensch war
-manchmal betrunken und versah außerdem den
-Turnunterricht«&nbsp;…</p>
-
-<p>Claudia lachte hell und mit einem Übermut, den
-sie aus ihrer ganzen Freude an ihm aufschießen
-fühlte, nicht aus der Drolligkeit, von der er sprach.
-»Beichte mir,« sagte sie. »Kniee vor mir und beichte.
-Ich will streng und gnädig sein, beides. Ich lösche
-die Lichter aus« &ndash; und sie blies in die Flammen,
-»nun rede, Sündiger«. Wie Flut brach die Mondnacht
-durch die Fenster ein, schlug empor und füllte
-das Zimmer wie vorher still mit durchsichtiger
-Bläue. Er sah sie, ganz weiß in dem neuen Lichte,
-mit weiten Augen an, allzu ernsthaft für dies Spiel;<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span>
-er nickte, kniete vor dem Klaviersessel hin, umfaßte
-ihre Hüften und, ehe er den Kopf auf ihre Knie
-legte, sandte er noch einmal diesen Blick hinauf,
-ihr, die froh zu ihm hinabsah, mitten in die Lider und
-in das erschreckende Herz. Mondlicht schwimmt
-in seinen Augen … was wird er sagen? ist's dennoch
-etwas Ernsthaftes? Ach nein, dich schreckt
-die Stille, der Mond, das ungewisse Licht&nbsp;…</p>
-
-<p>»Gut, ich beichte. Der Beichtstuhl ist ein Altar
-und der Priester ein Gott &ndash; was wird er sagen?
-Gleichviel. Höre gut hin, nimm es nicht allzuleicht
-und überlege, ehe du mich lossprichst. Ich log, um
-anzufangen. Nicht mehr als jeder Junge, aber
-ich litt hinterher und bereute &ndash; bis zum nächsten
-Mal. Ich bestahl meine Eltern, indem ich naschte.
-Die Leckereien waren nicht verschlossen, aber ich
-<em class="gesperrt">wußte</em>, daß ich stahl. Ich stahl auch Bücher; kleine
-wertlose Heftchen; aber ich entwendete sie. Noch
-als Student, im ersten Semester, stahl ich in einem
-Antiquariat einen Descartes, 1650, Elzevir. Ich
-tat das, weil ich ihn nicht kaufen konnte, weil die
-Leute sorglos waren und leichtsinnig &ndash; aber ich<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-stahl und behielt ihn. Er steht zwischen den anderen
-Büchern.« Er holte tief Atem; war es nicht möglich,
-der Stimme diese Schwere zu nehmen? Claudia
-saß ohne Regung; er wollte ihr Gesicht nicht
-sehen &ndash; dann: »Ich mordete auch. Nicht Tiere;
-auch starben die nicht, die ich mordete; denn ich
-war ohnmächtig und meist feige. So blieb es dabei,
-daß ich denen den Tod wünschte, glühend, rasend
-wünschte, daß ich zu Gott darum betete, er möge
-sie krepieren lassen, Lehrer, bei denen ich nichts gekonnt
-hatte, Kameraden, die mich überwunden
-hatten, meine Eltern, wenn sie mich hinderten,
-meinem Willen zu folgen. Es tobte in mir von
-Mordlust, von Gier nach blutigem, grausamem
-Töten. Nur die Hemmungen trennten mich von
-der Tat. Und wie leicht fielen sie! Ich erinnere
-mich, als geschähe es eben: ich habe ein leichtes
-Fieber, entzündeten Zahn oder so. Mein bester
-Freund kommt mich besuchen. Wir unterhalten
-uns, ich auf dem Sofa, er am Ofen stehend, wir
-disputierten, streiten, er wird recht behalten: da
-faßt mich Raserei und ich … gieße ihm ein Glas<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span>
-Wasser ins Gesicht, das neben mir steht! Wer
-wagt zu sagen, daß ich ihn nicht erschossen hätte,
-wäre mir eine Pistole in die Hand gekommen, wie
-dem Jungen in der Zeitung? Ich liebte ihn sehr,
-es war mein Freund &ndash; und dennoch! … Aus
-Herrschgier, weil ich unterlag! Nachher bat ich
-ihn um Verzeihung«&nbsp;…</p>
-
-<p>Er fühlte mit tiefem Staunen: was geschah
-hier? Wer schrie so leidenschaftlich aus ihm, aus
-Walter Rohme, dem Dreißigjährigen? Wessen
-Gesicht glühte hier vor Erregung und wer büßte
-hier, büßte mit heißer Stirn und zuckendem Herzen?
-Und was lag hier vor, daß er sich schämte, offen
-schämte, zu enden? Claudias Finger lagen so still
-in seinen Haaren, und erst hatten sie ihn gestreichelt&nbsp;…</p>
-
-<p>»Zu enden: da war noch ein Junge, ein hübscher
-bräunlicher Knabe. Wir gingen zusammen
-baden, ins Schwimmhaus; eine nützliche Stiftung;
-ja. Und dort teilten wir die Zelle. Und wenn wir
-gebadet hatten, trockneten wir einander ab. Und
-dann blieben wir nackt. Ja. Und dann besahen
-wir uns, und berührten uns und küßten uns. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span>
-befahl einer, und der andere legte sich auf die harten
-Holzlatten, zur Peinigung. Und der erste&nbsp;…«</p>
-
-<p>Claudia stand auf, mit einem Ruck, der den
-Sessel umwarf. Sie hielt die Hände zwischen sich
-und ihren Gatten, mit einer Gebärde gelähmter
-Abwehr, und ging hinaus &ndash; das Gesicht abgewendet,
-mit ganz großen schwarzen Augen, blinkte
-im Mondlicht steinweiß &ndash; ging durch die Tür,
-durch alle Türen, durch alle Räume bis ins Schlafzimmer,
-und drehte den Schlüssel um, zweimal.</p>
-
-<p>Sie hielt an und blickte starr in den lichten
-Raum, dessen weiße Wände die Helligkeit verdoppelten.
-Er lag ganz still, nur die Möbel knarrten
-noch von dem jähen Eintritt. Ihr Herz rührte
-sich in regellosen Schlägen langsam. Ihr Körper
-zitterte schrecklich, wie von elektrischen Strömen
-geschüttelt. Sie sah sich in dem großen Spiegel
-des Waschtisches, steif und erstarrt, in dem gelblichen
-Kleid, das der Mond ganz hell machte …,
-dann schlug sie die Hände auf die Brust, aus der
-ein Stöhnen brach. Frostschauer durchdrangen sie.
-Sie schüttelte schnell und entsetzt den Kopf: nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-mich ansehen! Die Kniee wurden ihr schwach, sie
-taumelte zum Fenster und auf einen Stuhl. Dann
-legte sie das Gesicht in die Hände und weinte laut.</p>
-
-<p>Sie fühlte nichts mehr von sich: so ganz ausgefüllt
-war sie von wirbelnder Verstörung, die umschwang
-wie schwarzes Wasser im Trichter eines
-Strudels, die sie eisig lähmte, und die von der
-riesengroßen Woge hinterlassen war, mit der das
-Entsetzen in sie hereinbrach, vorhin, bei diesem furchtbaren
-Gestehen … Im Erinnern versagte ihr der
-Atem, sie keuchte leise. Er, er! das war in ihm,
-so sah er aus, ohne Kleider … Es war ihr, als
-müßte sie wieder aufspringen und weiterlaufen,
-laufen bis sie niederfiel, in einem Gebüsch, in Sicherheit,
-meilenfern von ihm … War sie hier sicher?
-Sie sprang auf, lief zur Tür; ja, sie war verschlossen,
-doppelt &ndash; aber noch den Riegel vorschieben:
-den Schrank davor stellen, wenn sie es
-gekonnt hätte! Der Blick, den sie durch die Tür
-und alle Räume auf den Knieenden schoß, enthielt
-nichts als Furcht und Abscheu … Dann lief sie
-lautlos zu ihrem großen Stuhle zurück, verkroch<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span>
-sich in seinen Lehnen und sah mit trostlosen, schon
-versiegten Augen vor sich hin, ins Leere.</p>
-
-<p>Zwischen langem, von wirrer Stille erfüllten
-Nicht-Denkenkönnen erhoben Gefühle ihre Häupter
-und redeten. Er hätte schweigen müssen, schrie
-es, schweigen! Nein, er hätte das alles nicht in
-sich haben dürfen, wenn er mir so nahe kommen
-wollte. Er hat mich unerhört betrogen … Sie
-jammerte leise, und ihre Finger, ineinandergeschlungen,
-wanden sich ruhelos in schmerzender
-Verklammerung. So nahe! Ihr Blick zuckte scheu
-zu den Betten hinüber und fiel tot zu Boden …
-entsetzlich … Aber mindestens schweigen mußte
-er, nicht auch sie beschmutzen und zerrütten, damit
-auch sie heillos und erniedrigt sei … Welche Entblößung
-… und die Scham, die ihn hätte zügeln
-müssen, brannte in ihr, in ihrem Gesicht. Ja, sie
-hatte sich zu schämen, es war in der Ordnung:
-war sie ihm nicht ganz nahe verbunden, von Mensch
-zu Mensch, innerlich unlöslich an ihn geknüpft …
-Mußte sie nicht verzweifeln? … Da fragte es
-plötzlich; unlöslich? Eine schreckliche Pause … dann<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-sah sie hin und stellte fest: &ndash; ja. Sie atmete tief
-und wußte nicht, warum. Ist das Verzweiflung?
-Wirre Stille übertäubte die Antwort.</p>
-
-<p>Sie erhob sich und stand am offenen Fenster,
-blickte zum Himmel auf und sah den Mond, der
-sich gesenkt hatte, in fast erfüllter Rundheit und
-unsäglichem Glanze. Sie setzte sich auf das Fensterbrett,
-schräg, den Rücken an Mauer und Rahmen
-gelehnt; das gelbliche Kleid floß wie ein Lichtbrei
-ins Zimmer zurück, und ihr Blick zog sich fest an
-dem Gestirn, dem sie eine Seele lieh. Ein maßloses
-Mitleid mit sich drang in sie ein und löste
-ihr Unglück in neuen, nun sanften Tränen. Wie
-war sie so ganz allein! Wo lebte jemand verlassen
-wie sie … Tropfen um Tropfen rann über ihre
-Wangen und glitt salzig in die Winkel des in
-Schmerzen abwärts gerundeten Mundes. Hilflos
-litt sie, hatte nicht einmal einen Namen, ihn zu
-flüstern wie bisher &ndash; denn der diesen Namen trug,
-der machte sie leiden. Was war von dem Zauber
-der Nacht geblieben? Was geblieben von dem
-blauen Glanze in der Luft und dem Lichte, mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span>
-man Liebe atmete? Liebte sie ihn denn noch? Auch
-jetzt? später wieder? Sie wußte es nicht, sie hatte
-keinen Rat, und ihrem Unglück antwortete er nicht,
-der Zauber des nächtlich blauen Himmels, der
-doch ihrem Glück ein Echo gewesen. Dort draußen
-hatte sich nichts geändert, die riesenhaften Leuchter
-der blühenden Kastanien drohten noch immer, mit
-bleichen Flammen besteckt, die im Winde schwankten,
-von den gerundeten Akazien her schwammen
-auf der Luft Duftwellen heran, Fliedergeruch sonderte
-sich davon wie von der sanfttönenden Klarinette
-der singende Klang der Oboe, und wie helle
-Flötentriller sandte das Hyazinthenbeet, farblos im
-bleichenden Lichte, seine Düfte empor. Da unten
-atmete ihr lieber Garten &ndash; warum blieb er schön,
-reich und böse, da alles andere sich zerstörte? Denn
-es war doch alles zerstört und zu Ende &ndash; und
-niemand so verlassen und unglücklich wie sie …
-Niemand? Nicht auch einer in ihrer Nähe, dort
-im Zimmer, nebenan? Saß da nicht einer, der
-litt, und bitterlich litt?&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang,<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span>
-von der Stirn nach dem Nacken, wo es sich zum
-Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die Finger.
-Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus.
-Besinne dich, sagte es in ihr, besinne dich … und
-wie in plötzlichem Entschluß fragte sie sich: was
-ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas Entsetzliches,
-Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung,
-ein Hieb ins lebendige Fleisch! &ndash; Ruhe
-jetzt und Kälte, Claudia; du warst im Recht, aber
-nun lege es dar. Ein Mann &ndash; wer? Dein Gatte,
-dein Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse
-Erlebnisse der Jugend, die fünfzehn Jahre
-zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch und
-weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen
-wie sie in ihm begraben lagen. Zugegeben, daß sie
-besser verschwiegen blieben. Denn du fürchtest von
-jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben
-war immer darauf gestellt, jenes andere, das man
-auch »Leben« nennt, zu verschweigen, nicht zu wissen
-&ndash; du wolltest stets in Reinheit deinen Weg gehen,
-du brauchtest das, weil du zart bist und wenig
-Waffen gegen das Grauen und die Hilflosigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span>
-hast, die dich vor allem befällt, was du das Gemeine
-nennst … du weißt es. Nun dringt, von
-unvermuteter Seite, das »Leben« auf dich ein, du
-siehst den Mann, der neben dir schläft und dem
-du &ndash; wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom
-Leben gefangen; und was tust du? Du fliehst!
-Du läufst davon, als hättest du nicht längst, seit
-jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen
-lassen; du bist unselig, quälst dich und
-vergißt, daß er es ist, er, von dem es dir kam, und
-läßt ihn zurück, allein.</p>
-
-<p>Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser
-in das Waschbecken rinnen, kühlte die Hände und
-das heiße Gesicht &ndash; wie wohltuend fühlte sie all
-die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und
-kehrte zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft
-zu atmen und das Geschehene im Mondlicht zu
-überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung:
-was war doch gleich so Widerliches und
-Gemeines aufgedeckt worden? Sie konnte es noch
-denken, aber sie <em class="gesperrt">fühlte</em> es nicht mehr … Sie war
-geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-Türen &ndash; warum nur? … Es mußte ein Grund
-dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. Sie
-besann sich auf ihn &ndash; vergebens. Er hatte stark
-gewirkt, und dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig.
-Worin bestand das Schlimme, und was
-in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich:
-wenn sie sich des Geständnisses erinnerte &ndash;
-nein, wenn dieses Geständnis ihr eben jetzt gemacht
-würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen.
-Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum
-fliehen? Als Mädchen, ja, damals hätte sie nichts
-anderes tun können. Aber hatte nicht in diesen drei
-Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt
-&ndash; alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd
-sie sich geworden war, sich von damals. Daß es
-süß war, ganz erkannt zu sein, daß man Glück
-fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen
-zu unterwerfen; daß aus trivialen Verrichtungen
-der Häuslichkeit Heiterkeit in die Seele strömen
-könne, wenn sie für ihn geschahen &ndash; hätte sie früher
-nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen
-vorausgesagt hätte? Dennoch war es so. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-nun stand es überraschend da: ein früheres Ich,
-das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer
-bemächtigt und sie fortgetragen &ndash; und Claudia
-Rohme sah sich in dieses Schicksal und seine
-Qualen verwickelt, sich und ihn.</p>
-
-<p>Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem
-Atem &ndash; dann machte sie sich an ein unruhiges
-Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und
-manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen
-hineingerissen. Er? litt er denn? Ja,
-er leidet, du weißt es. &ndash; So möge er; ich litt,
-ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr &ndash; nein,
-nicht einmal ebenso sehr. Denn den Gedanken,
-Claudia wehe getan zu haben &ndash; er wird ihn schwer
-ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften …
-Hätte er doch geschwiegen! Kannte er sie denn
-nicht? Mußte er nicht wissen, daß sie sich entsetzen
-werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet …
-Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und
-in gewisser Absicht gesprochen? Es schien fast so …
-Doch gleichviel: das Schlimme blieb ausgesprochen
-und die Welt auf immer verändert. Aber &ndash; sie<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-hielt an und ihre Stirn spannte sich &ndash; mußte
-man nicht zusehen, gleichwohl weiter in ihr zu leben,
-miteinander, über dem neuen Wissen und aller
-Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung
-unmerklich hingenommen: immer einen Mann
-neben sich zu sehen &ndash; warum nicht auch diese?
-»Komme ich darüber hinweg?«</p>
-
-<p>Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie
-denn! kam es ihr zu, diese Frage zu stellen, oder
-mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, er ihr die
-Hände entgegenhalten und ihr <em class="gesperrt">helfen</em>? Er hatte
-es nicht so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo
-herum und … Was tat er denn jetzt! Er
-versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen,
-hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! &ndash;
-Aber sie verwehrte sich diese Flucht in ungerechten
-Groll: nein, so töricht sollte sie nicht denken. Er
-durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum
-mit den beiden Betten, er wußte das. Er blieb
-fern, aus Zartheit: gib das zu, Claudia. Ja, er
-hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und
-hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war …<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-Aber dennoch: sie mußte allein damit fertig werden.
-Sie mußte diese Nacht für sich haben, und morgen
-würde man sehen. &ndash; Morgen? Beim Lichte eines
-neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete
-ja, eine Mauer aufrichten zwischen sich und
-ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte … eine
-ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und
-spätem Schlafe? Zwei fremde Menschen würden
-morgen vor einander umschattete Augen niederschlagen!
-Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie
-blickte auf die verschlossene Tür und stöhnte. Wenn
-er doch käme, wenn er es doch wagte! Aber sie
-wußte, es blieb ihm verboten &ndash; und wie eine Verirrte,
-die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt,
-machte sie ratlose Schritte, die sie ans Fenster führten.</p>
-
-<p>Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges
-zu sehen, eine kleine Weile Atem zu holen, zu ruhen.
-Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, Wege
-wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser,
-und ganz schwarz ballten sich die Schattenmassen
-der großen Allee. Zwei junge Menschen traten
-daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-und James. Der junge Diener, in Hemdsärmeln,
-die Hände in den Taschen und die kurze Pfeife
-rauchend &ndash; sie sah sogar das Aufglimmen des
-Tabaks und den leichten Rauch &ndash; ging neben
-dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen kurzen
-Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen
-Augenblick an; augenscheinlich wußten sie nicht,
-welchen wählen; dann beschritt er den rechten, der
-zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des
-Hauses. Sie blieb stehen &ndash; »sie will über die
-Vordertreppe« &ndash; machte auf dem anderen zwei
-trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte
-sich und eilte ihm nach; er nickte.</p>
-
-<p>Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann
-empörte sich etwas in ihr so heiß, als ginge sie
-das da irgendwie an. Dann hob sie das Gesicht:
-ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt
-langsam mit beiden Händen ihr Haar entlang,
-von der Stirn zu den Schläfen und die Wangen
-hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür,
-schob leise den Riegel zurück, schloß ganz leise auf,
-öffnete geräuschlos, hob mit vorgestreckter Hand<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag
-er, ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über
-ihrer Türschwelle.</p>
-
-<p>Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs
-umdunkelt, in einer ungeheuerlich seligen
-Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke
-erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet,
-die Augen in Schatten, der Mund gepreßt
-und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. Ihre
-Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt
-den vorgeneigten Körper. Er gewahrte sie sogleich,
-fuhr auf und hob, sitzend, auf die Hände gestützt,
-ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die
-mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten.
-So blickten sie aufeinander und harrten stumm.
-Das Herz der Frau schüttete in groben Schlägen
-Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen,
-in denen sie ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt
-als werfe sie sich in höchstem Leid oder höchstem
-Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung,
-aber die Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte
-sie über seinem aufsaugenden Antlitz wie die Göttin<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span>
-eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte Liebe.
-Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die
-Spannung seiner Züge, und mit hörbarem Atem
-trank er die Erlösung, die sie über ihn ergoß. Grenzenlos
-schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in seinen
-dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht,
-das ihm in Liebe zugewendet war, die der
-Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen sich zu
-einander in einer Stille, unterhalb derer das
-Schlagen ihrer erschütterten jungen Herzen in das
-ferne, sanfte Zischeln der bewegten jungen Blätter
-floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank
-Claudia in die Knie und war ihm nahe. Und er
-begann zu reden, mit einer tiefen, ganz leisen Stimme
-aus der innersten Brust:</p>
-
-<p>»Kannst du mir wirklich verzeihen?«</p>
-
-<p>Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich
-allein ließ statt dir zu helfen? Wie eine Unmündige
-davonlief und töricht war?«</p>
-
-<p>»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen,
-das war deine Waffe und dein Gesetz. Meins
-hätte geheißen: Schweigen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span></p>
-
-<p>»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles
-immer allein zu tragen!«</p>
-
-<p>»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich
-nicht, daß dein Leben hinweggehen will über alles
-das unterhalb des Menschen? Ich tat es trotzdem«&nbsp;…</p>
-
-<p>&ndash; »Und es war gut. Es <em class="gesperrt">mußte</em> gesagt werden,
-einmal, irgendwas. Konnte ich noch länger so
-nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen,
-und je später, um so schrecklicher. Nein, Walter,
-ich sehe es jetzt, es war <em class="gesperrt">sehr</em> gut.«</p>
-
-<p>»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die
-Hände küssen … Du sagtest: beichte. In diesem
-Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen solle, und
-antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und
-mein Herz zerriß und die Verzweiflung in mir so
-tobte, daß ich meine Adern aufschneiden wollte, um
-sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich trieb
-nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch
-nicht, daß du von mir wissen solltest &ndash; mich trieb
-nichts als der eigensüchtige Wunsch des Befreitseins
-von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-trage, von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht
-kanntest. Jetzt erkenne ich, mich bewegten alle
-diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner
-Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten
-Schritte in die Versöhnung hineinzuziehen &ndash; oder
-in mein Ende. Denn ich kann nicht leben ohne
-dich &ndash; das habe ich grell gesehen da ich elender
-war als je zuvor.«</p>
-
-<p>&ndash; »Aber mein Leben <em class="gesperrt">war</em> falsch und künstlich.
-Ich wußte vom Dasein, aber ich hatte es nie geschaut,
-vor Augen gehabt wie ich dich jetzt schaue,
-meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute,
-durch dich Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück
-zu verleugnen und das Grauenhafte nicht zu sehen.
-Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber hinweg?
-Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen?
-Ein Mann ist geprüfter als ich dachte,
-das Leben ist härter als ich dachte, &ndash; nur härter?
-Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter?
-Wie sinnlos, vor ihm zu bangen, da ich doch von
-ihm umspült bin wie von Luft, da es doch in mir
-enthalten ist wie eingeatmete Luft.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span></p>
-
-<p>Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie
-standen nebeneinander, im silbernen Lichte, Hand
-in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu einem,
-der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte
-und ihrem Dastehen einen Sockel gab und das
-Festgegründete von Statuen.</p>
-
-<p>»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen.
-Daß du stark bist über dich, wußte ich seit dem
-Abend, an dem du mir die Hand reichtest über ein
-Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe
-zwischen uns gestellt hatte wie einen Abgrund: das
-Eingeständnis meiner Schwäche. Aber du nahmst
-es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden
-uns &ndash; Fremde im Grunde. Und als du Oswald
-Saach vor uns anklagtest, den Toten, den du
-geliebt hattest, &ndash; da sah ich dich, eine Unbekannte.
-Heute jedoch &ndash; wie stark bist du denn, da du so
-fruchtbar zu leiden weißt?«</p>
-
-<p>&ndash; »Und wie stark du, da du dich heraushobst
-aus solchem Dunkel und so viel Wirrnis? Das
-Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich
-bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span>
-schwach und neu. Ich zittere wie auf Eis, ich bin
-ängstlich und du mußt mich stützen, Nachsicht haben.
-Mit dir traue ich mich überall hin.«</p>
-
-<p>»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige
-nur ein Anfang war? Wenn von nun an mehr
-solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht
-schwerere? Kleine Claudia, was dann?«</p>
-
-<p>&ndash; »Ich werde zittern, und werde wegsehen
-wollen. Aber dann wirst du bei mir stehen und mich
-anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles können.«</p>
-
-<p>»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man
-kommt allzuleicht und fortwährend auseinander,
-man muß sich ansehen und sich finden wollen und
-einander allezeit die Hände hinhalten.«</p>
-
-<p>Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie
-an sich; sie legte ihre Hände wie eine Schale um
-sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. So
-durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so
-berührten sich ihre Körper in völliger Liebkosung,
-Claudias Lider fielen, und die Lippen sanken aufeinander
-im Kusse.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 130: setze → setzt<br />
-sie <a href="#corr130">setzt</a> mehrfach an, schluckt</p>
-<p>
-S. 175: oberflächig → oberflächlich<br />
-wie <a href="#corr175">oberflächlich</a> und nebenhin mußten</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Novellen um Claudia, by Arnold Zweig
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NOVELLEN UM CLAUDIA ***
-
-***** This file should be named 52478-h.htm or 52478-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/2/4/7/52478/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-http://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/52478-h/images/cover.jpg b/old/52478-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 5782f85..0000000
--- a/old/52478-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52478-h/images/signet.png b/old/52478-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index 8bd01fb..0000000
--- a/old/52478-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ