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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***
+
+ +--------------------------------------------------------------+
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+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Der Originaltext war in Fraktur gesetzt und enthielt Text in |
+ | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich |
+ | um hervorgehobene Begriffe handelt, einzelne Zeichen dagegen |
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+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert. |
+ | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert. |
+ | S. 122 "demseben" in "demselben" geändert. |
+ | S. 141 "184/95" in "1894/95" geändert. |
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+
+
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+ Sammlung Göschen
+
+
+ Psychologie und Logik
+ zur Einführung
+ in die
+ Philosophie
+
+ Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium
+
+ dargestellt von
+ Dr. Th. Elsenhans
+
+ Mit 13 Textfiguren
+
+ _Vierte, verbesserte Auflage_
+
+ Zweiter Abdruck
+
+ _Leipzig_
+ G. J. Göschen'sche Verlagshandlung
+ 1904
+
+
+ _Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von
+ der Verlagshandlung vorbehalten._
+
+ Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Einleitung.
+
+ Seite
+ § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7
+ § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9
+ § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11
+
+
+Psychologie.
+
+ § 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14
+
+ Abschnitt 1. Seele und Körper.
+
+ § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von
+ Seele und Körper 15
+ § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+ Erscheinungen 17
+ § 7. Das Nervensystem 19
+
+ Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+ § 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20
+
+ 1. Das Erkennen.
+
+ § 9. Die Empfindung 21
+ § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24
+ § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25
+ § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30
+ § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32
+ § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34
+
+ 2. Das Fühlen.
+
+ § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39
+ § 16. Die körperlichen Gefühle 41
+ § 17. Die geistigen Gefühle 42
+ § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44
+ § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44
+ § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46
+ § 21. Die Temperamente 48
+ § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49
+ § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50
+
+ 3. Das Wollen.
+
+ § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52
+ § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55
+ § 26. Die Freiheit des Willens 57
+ § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59
+ § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62
+
+ Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der
+ Seele voneinander.
+
+ § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente
+ voneinander 64
+
+
+Logik.
+
+ § 30. Die Aufgabe der Logik 67
+
+ I. Teil: Elementarlehre.
+
+ 1. Die Begriffe.
+
+ § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69
+ § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71
+ § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72
+ § 34. Die Arten der Begriffe 72
+
+ 2. Die Urteile.
+
+ § 35. Das Wesen des Urteils 74
+ § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75
+ § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79
+ § 38. Übersicht der Urteilsarten 81
+
+ 3. Die Schlüsse.
+
+ § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85
+
+ A. Der unmittelbare Schluß.
+
+ § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88
+ § 41. Die Konversion 90
+ § 42. Die Kontraposition 92
+ § 43. Die Umwandlung der Relation 93
+ § 44. Die Subalternation 93
+ § 45. Die Äquipollenz 94
+ § 46. Die Opposition 94
+ § 47. Die modale Konsequenz 96
+ § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96
+
+ B. Der mittelbare Schluß.
+
+ § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98
+
+ § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der
+ kategorischen Schlüsse 100
+ § 51. Die erste Figur 103
+ § 52. Die zweite Figur 105
+ § 53. Die dritte Figur 107
+ § 54. Die vierte Figur 108
+ § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu
+ den Prämissen 109
+ § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110
+ § 57. Der hypothetische Schluß 113
+ § 58. Der disjunktive Schluß 115
+ § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117
+ § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118
+ § 61. Der Induktionsschluß 121
+ § 62. Der Analogieschluß 122
+
+ II. Teil: Methodenlehre.
+
+ § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123
+
+ 1. Die Begriffsbestimmung.
+
+ § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124
+ § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125
+
+ 2. Die Einteilung.
+
+ § 66. Das Wesen der Einteilung 126
+ § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127
+
+ 3. Der Beweis.
+
+ § 68. Der Beweis und seine Arten 129
+ § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130
+
+ 4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+ § 70. Die verschiedenen Methoden 131
+ § 71. Das induktive Verfahren 132
+ § 72. Das deduktive Verfahren 136
+ § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die
+ Hypothese 137
+ § 74. Das System 138
+
+ Literatur 140
+
+ Namen- und Sachregister 143
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
+
+_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,
+Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens
+herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem
+Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von
+Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu
+Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft
+jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der
+Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu
+erforschen.
+
+Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer
+Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im
+Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet
+hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf
+unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in
+sich schließt.
+
+_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der
+Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der
+Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt
+sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an
+jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der
+Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie
+es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in
+Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
+
+Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,
+deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung
+von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung
+empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische
+Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_,
+das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen
+einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen
+treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der
+menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,
+Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,
+als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der
+Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide
+Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder
+Geisteswissenschaft zusammenwirken.
+
+Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der
+Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich,
+auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des
+Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu
+untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die
+Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft
+beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze
+auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen
+(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir
+der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und
+Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie
+nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische
+Erkennen unerreichbar angesehen wird.
+
+
+§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.
+
+Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1
+bezeichneten Aufgaben zu lösen.
+
+Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die
+_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen
+Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die
+_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz
+zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich
+verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,
+unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,
+Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk
+eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach
+vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles
+bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen
+Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.
+
+Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die
+griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst
+und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399)
+beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den
+Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer
+Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_
+(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens
+zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger
+durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der
+damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der
+Philosophie hereinzog.
+
+Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten
+den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die
+Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_
+forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten
+einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit
+unmittelbar anzuschauen.
+
+Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des
+Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber
+erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.
+
+In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen,
+eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,
+hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem
+Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,
+_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und
+_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von
+den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_
+(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich
+(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch
+_Spinoza und Leibniz_.
+
+Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_
+(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und
+seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für
+die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während
+_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und
+Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah
+_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der
+Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und
+gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete
+Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten
+_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus
+neu zu gestalten.
+
+In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische
+Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der
+_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie
+zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der
+_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in
+selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
+
+Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der
+_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht
+auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und
+England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein
+naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht
+sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.
+
+
+§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
+
+Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich
+zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders
+eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern
+philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik
+zu.
+
+Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der
+Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung
+der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie
+ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen,
+daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand
+entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß
+das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen
+selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig
+ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme
+wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So
+erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung
+überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,
+nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke
+haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung
+entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir
+etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,
+steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen
+Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,
+wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der
+Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des
+philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die
+Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß
+die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem
+Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.
+Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften
+überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik,
+Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren
+Abschluß in der Metaphysik.
+
+Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die
+Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die
+Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und
+Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und
+deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur
+Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern
+bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist
+aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,
+weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der
+schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
+
+Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten
+vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der
+Psychologie sind.
+
+
+
+
+Psychologie.
+
+
+§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.
+
+Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,
+welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren
+Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere
+Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu
+erklären sucht.
+
+Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach
+der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem
+Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu
+anderen Seelen.
+
+Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst
+rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens
+und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur
+wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische
+Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom
+festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme
+weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale
+Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung
+und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_
+Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und
+z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten
+und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.
+
+Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.
+
+
+Abschnitt I. Seele und Körper.
+
+
+§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und
+Körper.
+
+Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft
+mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig
+die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich
+mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der
+Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,
+d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die
+unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von
+Seele und Körper.
+
+Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber
+von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton
+hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der
+Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen
+keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß
+fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen
+entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die
+Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu
+werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu
+setzen.
+
+Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von
+Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier
+Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche
+Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers
+(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines
+oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder
+man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle
+möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen
+oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele
+und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens,
+stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung
+(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).
+
+Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus
+nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die
+endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen
+Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die
+tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die
+durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,
+soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser
+Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese
+Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus
+zusammengestellt werden.
+
+
+§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+Erscheinungen.
+
+Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich
+unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:
+
+1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,
+während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere
+Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
+
+2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das
+_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe
+oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der
+Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller
+Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische
+Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,
+und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur
+auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper
+verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.
+
+Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt
+nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche
+Merkmale anderer Art:
+
+1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_,
+_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder
+Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es
+tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch
+Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das
+Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör
+durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der
+religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als
+absolute Einheit sich versenkt.
+
+2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der
+Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in
+Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und
+werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber
+nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_
+oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch
+ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein
+solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur
+vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele
+ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche
+_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung
+gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit
+der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne
+sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen
+Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu
+verbinden.
+
+Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier
+Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen
+Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe
+Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es
+ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
+
+An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im
+Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus
+zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche
+die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung
+früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin
+aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die
+einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und
+mit deren Resultat gegenwärtig.
+
+
+§ 7. Das Nervensystem.
+
+Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle
+Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In
+unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße
+Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich
+zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese
+stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung
+(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine
+Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das
+allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird.
+Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem
+Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der
+Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden
+Glieder zu vermitteln.
+
+Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte
+Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen
+(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat
+geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder
+Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der
+Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der
+darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte
+populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte
+der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der
+dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen
+werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der
+Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die
+Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,
+Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein
+anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle,
+Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.
+(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.
+Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der
+Psychophysik.)
+
+
+Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+
+§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.
+
+Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von
+_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und
+eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen
+Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf
+die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das
+Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem
+befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige
+Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”,
+teils was die Dreiteilung betrifft:
+
+1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele
+nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch
+keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem
+Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt.
+Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen
+Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in
+Klassen einteilen.
+
+2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen,
+das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum
+einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen
+das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit
+in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit
+nicht gibt.
+
+
+1. Das Erkennen.
+
+
+§ 9. Die Empfindung.
+
+Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele
+zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist
+zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust,
+und schließt drei Hauptmomente in sich:
+
+1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten
+sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem
+Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch
+Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das
+erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören
+durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.
+
+2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz
+veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum
+des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv
+durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.
+
+3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten,
+Riechen, Schmecken.
+
+Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie
+veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum
+auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir
+können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der
+Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf
+Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit
+Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b
+ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage
+aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der
+Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann.
+Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch
+merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu
+welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches
+Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in
+geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in
+arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von
+3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich
+werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg
+mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die
+verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese
+sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein
+_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke
+bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen,
+also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16
+gefunden.
+
+Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht
+durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische
+Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_
+erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter
+tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die
+Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das
+Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache
+führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer
+_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes
+einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade
+die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.
+
+Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon
+aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog.
+„_Nachbilder_”.
+
+Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton,
+oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene
+Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich
+sehen und hören.
+
+
+§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.
+
+Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz
+aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der
+Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann
+_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn
+die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine
+bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so
+kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine
+Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild
+des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben
+Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als
+dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt.
+Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen
+Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch
+vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der
+_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das
+Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner
+Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets
+zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der
+Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da
+hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt,
+sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als
+gleichbedeutend gebraucht.
+
+Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen
+Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern
+_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie
+wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie
+Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die
+Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch
+wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_
+verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der
+auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen
+wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in
+dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem
+Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant,
+Schopenhauer.)
+
+
+§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.
+
+Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst
+haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese
+Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit
+neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen
+von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.
+
+Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der
+Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt
+die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt
+zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken,
+die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer
+mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr
+auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den
+Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser
+Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren
+Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder
+bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich
+lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des
+Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben
+unter krankhafter Einseitigkeit.
+
+Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie
+_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie
+aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist
+die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren
+Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß
+auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien
+Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue
+Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der
+Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der
+Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen
+Vorstellungen _wiederkehren_?
+
+Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt
+aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie,
+wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der
+Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die
+unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes
+(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel
+ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir
+aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben
+unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur
+beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.
+
+In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_.
+Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung
+des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge
+beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird
+nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies
+Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke
+von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort
+Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden
+sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als
+Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
+
+Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein
+auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein,
+so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere
+hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist.
+Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen
+oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und
+beruht:
+
+1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer
+Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen
+hervor.
+
+2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_
+(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das
+strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines
+Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese
+Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst
+die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen
+Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks
+miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser
+Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer
+zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch
+Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung
+eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines
+auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je
+häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen
+dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier
+eine große Rolle (s. § 28).
+
+Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei
+das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern
+verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz
+der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses
+Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich
+verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß
+allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich
+vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung
+ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur
+eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich
+befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden.
+Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre
+_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das
+vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer
+Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden
+Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der
+alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter
+e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins
+Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand
+für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende
+_Interesse_ ist, das wir an ihm haben.
+
+
+§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.
+
+Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei
+Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die
+_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und
+Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung
+festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.
+
+Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_
+Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns
+herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben
+zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B.
+eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere
+unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit
+entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit
+veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder
+Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht,
+gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie
+von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch,
+daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der
+Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so
+entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.
+
+Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir
+können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”,
+indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten
+ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit
+andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen
+uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern
+Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_
+durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns
+durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung
+gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur
+schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in
+derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf
+_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren
+inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere
+Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.
+
+Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_
+und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen
+entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch
+zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte,
+Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der
+Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene
+Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B.
+für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene
+Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und
+visuelles Gedächtnis unterschieden.
+
+
+§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.
+
+Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B.
+die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus
+Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen,
+Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung
+eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese
+Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_
+in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran
+haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die
+Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur
+feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.
+
+Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich
+jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er
+sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele
+ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die
+allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die
+allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen
+die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres
+Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.
+
+Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten
+aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie
+nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem
+Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen
+für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen
+einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die
+Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_
+Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die
+_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die
+Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch
+entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser
+Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.
+
+Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung
+genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes
+übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als
+_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter
+Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus
+der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von
+_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen
+_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der
+Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was
+dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der
+bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt
+oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen.
+Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der
+Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach
+bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So
+bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen
+und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff
+Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale:
+Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und
+Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der
+Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B.
+das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung
+eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den
+beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im
+Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als
+Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse
+zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.
+
+Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit
+Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem
+„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der
+Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen
+der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden,
+des „Übersinnlichen” gerichtet sei.
+
+
+§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen.
+
+Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen
+Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich
+zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft,
+den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen
+finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende
+Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen
+Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt
+diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden
+Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer
+Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform,
+durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_.
+
+Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt
+zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben
+wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr
+ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von
+irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen;
+denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns
+vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl
+verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die
+Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit,
+losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der
+räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit
+bestimmten Abschnitten möglich.
+
+Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit
+Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir
+dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen
+Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der
+_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres
+Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft
+vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen
+Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen
+Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt
+sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und
+wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit
+aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen
+der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen
+gezählt werden.
+
+Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes
+haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so
+erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_
+gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so
+enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten
+eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem
+ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei
+Dimensionen.
+
+Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem
+Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben
+wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das
+Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren
+Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich
+geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das
+Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer
+schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen
+Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer
+Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch
+daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist,
+oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und
+nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in
+mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende
+Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer
+oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich
+von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und
+Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und
+Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder
+geringere Deutlichkeit der Umrisse.
+
+Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die
+Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe
+der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu
+einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei
+verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt
+ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei
+einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung
+durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand
+zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach
+verwendet.
+
+Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines
+Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener
+Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein
+Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel
+als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf.
+Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_
+bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den
+Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum
+bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten
+Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere
+Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den
+verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und
+damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt
+dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und
+Begrenzung der Körper.
+
+Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß
+_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl
+die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von
+den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die
+Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der
+Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst
+noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den
+dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je
+nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb,
+Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt
+werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen
+werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung
+des Raumes zu erweitern.
+
+So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein
+einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet
+sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem
+_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_
+auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß
+die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses
+Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir
+wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig
+eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von
+b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch
+die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist.
+Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu
+untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende
+Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach
+diesem Kausalitätsgesetz zu deuten.
+
+
+2. Das Fühlen.
+
+
+§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.
+
+Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden
+sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich
+allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und
+Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz
+die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der
+Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als
+die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der
+Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem
+Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen,
+daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als
+Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen
+und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft,
+sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das
+_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_,
+den wir ihnen beilegen.
+
+Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die
+Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder
+Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften
+Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines
+schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will,
+sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme
+addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß
+die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für
+die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)
+
+Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher
+beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an
+ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach
+ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen
+Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen
+herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen
+Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen --
+Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und
+Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind --
+unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein
+gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die
+intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle.
+
+
+§ 16. Die körperlichen Gefühle.
+
+Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die
+_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig.
+Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu
+einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton
+zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu,
+wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich
+mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits
+kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer
+Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden.
+
+Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche
+Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize
+haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle,
+_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im
+Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur
+in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit
+deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen
+unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie
+vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die
+Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne
+begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine
+Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen
+von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer
+Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von
+Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke
+Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.
+
+
+§ 17. Die geistigen Gefühle.
+
+Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände,
+durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen
+selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die
+dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers
+verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes
+Wort hervorgerufen wird.
+
+_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der
+Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von
+Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen
+Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer
+Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz,
+Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die
+_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie
+sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des
+menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit”
+(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein
+Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der
+vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt
+zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische
+Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das
+Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die
+Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der
+_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem
+Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm
+geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich
+ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches
+Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung
+folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum
+Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade
+nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser
+Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist,
+werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen
+des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des
+Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter
+(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten
+Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das
+_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu
+Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem
+sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt,
+werden zu Trägern sittlicher Ideale.
+
+
+§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.
+
+Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß
+es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen
+beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_,
+z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer
+bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_,
+beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu
+unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe,
+Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit
+gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen
+frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch
+größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren
+Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist
+das _Gemüt_.
+
+
+§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.
+
+Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen
+sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die
+Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl
+auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert.
+Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung
+vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben
+Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der
+betreffenden Umstände.
+
+Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den
+Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der
+Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes
+Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_.
+Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen
+Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust
+ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand
+der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger,
+als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie
+in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur
+ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.
+
+_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der
+häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden.
+Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt
+Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung
+in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen
+Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die
+wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen
+Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem
+die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des
+Tonstücks eindringt.
+
+Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem
+_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen
+höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt
+sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes
+aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der
+Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der
+Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.
+
+Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse
+Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten
+Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von
+Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.
+
+
+§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.
+
+Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das
+sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick
+unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein
+allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen
+entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen
+unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers
+beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.
+
+Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern,
+setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:
+
+1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu
+_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.
+
+2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber
+auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.
+
+3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im
+Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens
+gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier
+Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des
+Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das
+Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der
+„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen
+Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl
+die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte
+Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.
+
+Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die
+Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine
+Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet
+haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_
+Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der
+_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_
+bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.
+
+Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des
+„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die
+Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise
+verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit
+auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung
+damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige
+Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so
+sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis
+entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen
+des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt,
+ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die
+gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in
+einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal
+gewesen zu sein.
+
+
+§ 21. Die Temperamente.
+
+Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender
+Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter
+Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird,
+wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen
+sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der
+körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es
+eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht
+schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente
+herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen:
+das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke
+zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen)
+und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_:
+dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).
+
+Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen
+Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der
+gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_
+Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung,
+daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der
+Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere
+Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_:
+starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der
+Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_:
+große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber
+Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft
+zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.
+
+_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der
+Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit,
+und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:
+
+ _Starke:_ _Schwache:_
+
+ _Schnelle_ cholerisch sanguinisch
+ _Langsame_ melancholisch phlegmatisch.
+
+Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt,
+und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit
+zu vermeiden.
+
+Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker,
+Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in
+jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art
+angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen
+der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust.
+
+
+§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.
+
+Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir
+machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst,
+bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch
+der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird.
+Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden
+Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus,
+daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers,
+die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste
+Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im
+„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen
+Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden,
+zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im
+Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich
+auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist,
+das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen
+Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder
+dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen.
+
+
+§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das
+menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach
+auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine
+Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der
+Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt
+als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem
+Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit
+einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst
+bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch
+ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des
+geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die
+daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist
+nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste
+Aufgabe der Lebensklugheit.
+
+Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der
+umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung
+auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem
+Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die
+theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht
+nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so
+vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit
+verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar
+nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender
+Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm
+verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so
+geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die
+Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt
+unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl.
+
+So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust,
+die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des
+einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte
+der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der
+Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es,
+die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler
+Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung
+entgegenführen.
+
+
+3. Das Wollen.
+
+
+§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.
+
+Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des
+Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen
+Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer
+eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des
+Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu
+bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden
+Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher
+auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum
+eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht
+werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden
+soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung.
+
+Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst
+Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom
+Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen
+Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in
+Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten
+Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder
+eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich
+kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen
+Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt,
+allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden
+können.
+
+Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche
+_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines
+Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die
+Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt
+Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung
+nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der
+eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber
+ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu
+jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß
+diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung
+unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei
+Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch
+wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar
+noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger
+Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen
+Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die
+sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche
+zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer
+Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und
+durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen
+Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen
+Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die
+motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur
+Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den
+elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft
+weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der
+Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der
+durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen
+bringt.
+
+Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen
+Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der
+bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens
+oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die
+Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie
+werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung,
+mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die
+_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen
+_Reflexhemmungen_.
+
+Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des
+_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln
+zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie
+gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine
+Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer
+Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei
+geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten
+ihrer Gattung angesehen werden müssen.
+
+Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne
+eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer
+zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_
+der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren
+Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines
+Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern
+unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung
+einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß
+der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt
+sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung
+gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas
+anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung
+infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück.
+
+
+§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
+
+Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt
+näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto
+enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So
+unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr
+oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der
+Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz
+erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_
+über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem
+zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes
+gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden,
+zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt
+leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung
+begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem
+das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die
+Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das
+Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also
+der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_.
+
+Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar
+zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten
+mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr
+bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es
+entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der
+Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel
+anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung
+entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher
+Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die
+Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn
+sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden:
+„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen
+Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die
+Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form
+des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern,
+desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der
+Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet
+haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit
+haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der
+unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung
+entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des
+Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig
+ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die
+strafrechtliche Beurteilung.
+
+_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht,
+daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun
+auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur
+erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt
+in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen
+Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen
+wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht
+werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält,
+diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer
+inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein,
+sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft,
+jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
+
+
+§ 26. Die Freiheit des Willens.
+
+Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß
+faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern
+Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben
+vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich
+vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese
+Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen,
+ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist,
+die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz
+außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der
+Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
+
+1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des
+Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben
+müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit
+des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt
+weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
+
+2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_
+hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das
+Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß
+man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt
+hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde
+Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung
+bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen
+Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an
+eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und
+aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
+
+
+§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
+
+Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen
+innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren
+Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen
+und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie
+verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen
+Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser
+Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in
+äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch
+_Gebärden_ genannt.
+
+Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die
+aber häufig zusammenwirken:
+
+1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum
+Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen
+erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten.
+Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der
+Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck
+körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern
+es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der
+Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in
+Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein
+Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier
+besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in
+einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das
+_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen.
+Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln
+begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
+
+2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher
+Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche
+der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.
+
+3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch
+mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der
+Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des
+betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden.
+So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das
+Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und
+dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
+
+Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die
+_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den
+gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in
+ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet.
+Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden
+begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer
+unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche
+Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten
+_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird,
+wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die
+erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer
+Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das
+Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_:
+zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und
+dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde
+die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die
+Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die
+Ausbildung des Denkens überhaupt.
+
+Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer
+Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren
+Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die
+natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind,
+hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den
+inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen
+ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt,
+so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht
+„Ausdruck” eines Innern ist.
+
+
+§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
+
+Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das
+geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere
+Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen
+Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch
+Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die
+Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder
+kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel
+dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der
+Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen
+Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden
+wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der
+Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben
+(vgl. o. S. 36).
+
+Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von
+den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die
+motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche
+gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B.
+die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für
+unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das
+eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt
+sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der
+betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch
+Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe
+in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben
+geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange
+her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist
+uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als
+ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen:
+das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu
+erklären.
+
+Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung
+erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer
+besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen
+Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt
+scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall
+der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des
+Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen,
+und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder
+Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der
+Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch
+hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
+
+Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich
+einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber
+macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der
+Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns,
+einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf
+sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen
+Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind.
+Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene
+Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige
+Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine
+besondere Entscheidung des freien Willens statt.
+
+
+Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele
+voneinander.
+
+
+§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
+
+Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon
+erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht
+entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten
+Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer
+ergeben, wie eng sie zusammengehören.
+
+1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist
+das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es
+verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert,
+den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für
+uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst
+würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und
+diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen,
+die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des
+_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
+
+2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von
+Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt,
+um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit
+den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie
+sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine
+deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung
+der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die
+höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen,
+religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf
+sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann
+wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen
+Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls
+verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann
+mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es
+sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter
+Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen
+läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen,
+in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den
+Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur
+dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen
+wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie
+eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen
+Strebens verhindert.
+
+3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er
+bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses
+Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die
+Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen
+Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu
+erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand
+ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen
+planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige
+Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur
+Leitung des Willens aufgestellt werden.
+
+So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der
+verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen
+Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille
+vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches
+Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen
+vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und
+_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale
+Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen
+Geistes.
+
+
+
+
+Logik.
+
+
+§ 30. Die Aufgabe der Logik.
+
+Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_.
+Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der
+Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner
+_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen
+Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie
+das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik
+hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das
+geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die
+Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der
+Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.
+
+Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben,
+_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das
+nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen,
+dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber
+der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt
+werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung
+vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich
+zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir
+auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis
+des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen
+Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die
+Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_
+abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht
+vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit
+gelten zu können.
+
+Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges
+Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das
+richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir
+finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu
+denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die
+Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen,
+unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande
+kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab
+_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von
+gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat,
+durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie
+unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das
+Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen
+eigenen Gesetzen.
+
+Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik
+_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die
+Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß
+die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der
+logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen
+angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die
+Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn
+wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt,
+so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist
+diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder
+besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie
+und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer
+klaren, sicheren Methode abhängig ist.
+
+Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den
+_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese
+Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft
+als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des
+wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik
+einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.
+
+
+I. Teil. Elementarlehre.
+
+
+1. Die Begriffe.
+
+
+§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.
+
+_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in
+einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. §
+13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird,
+gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so
+nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht
+werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können,
+_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale
+des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang;
+außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl
+gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in
+keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der
+Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder
+die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang
+zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der
+Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich
+wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks
+schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann
+aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.
+
+Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in
+_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_
+eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen
+zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein
+ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der
+Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.
+
+Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet
+wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren,
+sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten
+sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen
+wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen,
+indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen
+aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.
+
+
+§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.
+
+An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit
+der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der
+Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und
+Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate,
+Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier:
+organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere,
+Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.
+
+Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale
+aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu
+eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff
+Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält,
+denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid
+ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit
+dem Begriff des Vierecks zusammen.
+
+_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je
+größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und
+Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis
+zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang
+des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld
+und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal
+Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von
+Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).
+
+
+§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.
+
+Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt
+die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn
+man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann,
+was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung
+möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von
+Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für
+sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der
+von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine
+klare Vorstellung hat.
+
+
+§ 34. Die Arten der Begriffe.
+
+Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_
+Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale
+enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum;
+zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil.
+
+Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man
+_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und
+_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der
+unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man
+_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder
+aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen
+nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der
+Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der
+Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen
+können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt
+der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier,
+organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren
+Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im
+Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet
+werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann
+auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert
+besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,
+Individuum.
+
+Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet
+sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B.
+Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem
+gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz
+(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den
+Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und
+ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_
+Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie
+sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen
+sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt,
+ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer
+sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden
+zugleich.
+
+Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach
+Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und
+der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der
+Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der
+nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders
+hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres
+Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_,
+wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und
+gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man
+diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen
+höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und
+Tapferkeit.
+
+
+2. Die Urteile.
+
+
+§ 35. Das Wesen des Urteils.
+
+_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe,
+der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die
+sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird
+etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das
+_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung
+beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula
+ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das
+Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet
+wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus
+(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist
+geflügelt.
+
+
+§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.
+
+Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von
+Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei
+jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_,
+_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_.
+
+
+1. Die Quantität.
+
+Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das
+Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle
+Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das
+Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind
+P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_
+Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P;
+Bismarck ist ein großer Mann.
+
+Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der
+_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil
+könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das
+Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall,
+daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur
+von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine
+besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als
+selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so
+daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige
+S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind
+sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein
+vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung,
+oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde,
+hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß
+unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem
+unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die
+Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf
+einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen.
+Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines
+Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt,
+an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben
+gleiche Diagonalen.
+
+
+2. Die Qualität.
+
+Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder
+affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2.
+_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3.
+_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten
+Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P.
+
+Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie
+fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden
+diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist
+nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen
+Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses
+unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich
+nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht
+alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr
+ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.
+
+Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben
+sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben
+a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P
+(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär
+bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S
+sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe)
+und %nego% (ich verneine) entnommen.
+
+
+3. Die Relation.
+
+Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache
+Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt
+etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so
+entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches
+aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten
+jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind
+entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder
+die Franzosen oder die Deutschen werden siegen.
+
+Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des
+Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und
+Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird,
+noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als
+_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die
+Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen
+sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise
+auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich
+die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der
+Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist,
+so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es
+auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist,
+so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat.
+
+Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher
+Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang
+des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist
+R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern
+im _konträren_ Gegensatze stehen.
+
+
+4. Die Modalität.
+
+Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_,
+wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als
+Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren
+Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_,
+deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein.
+
+Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen
+Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive
+Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des
+Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive
+Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts
+Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine
+Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit
+eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des
+Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der
+es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft
+Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen
+assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil,
+also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.
+
+
+§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.
+
+Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und
+zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_
+Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und
+_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen,
+unterschieden.
+
+Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten
+hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet:
+
+1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere
+Prädikate bejaht oder verneint.
+
+ { sowohl } { als } { als }
+ S ist { } P { } P^1 { } P^2.
+ { weder } { noch } { noch }
+
+2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe
+Prädikat bejaht oder verneint.
+
+ Sowohl } { als } { als }
+ } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P.
+ Weder } { noch } { noch }
+
+3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen
+Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P
+teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum
+disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv
+ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder
+gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils
+krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck
+voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von
+denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder
+gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach
+seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien
+(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen
+sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von
+Ewigkeit her oder geworden.
+
+Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit
+dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven,
+zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen
+Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein
+keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch
+bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als
+einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides
+besitzen.
+
+Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das
+konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes
+Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene
+selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil
+in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine
+Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann
+neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn,
+obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden;
+alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich
+daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen,
+sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile,
+die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer
+sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile.
+
+Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten
+lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das
+_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und
+Prädikats tretenden Sätzen.
+
+
+§ 38. Übersicht der Urteilsarten.
+
+Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und
+Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen
+verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten
+Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der
+allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe
+(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt
+oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch
+genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der
+Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die
+verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen
+wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als
+einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den
+Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und
+Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich
+ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben:
+
+
+I. Nach den Subjektsformen.
+
+1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile:
+
+ a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten
+ Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen
+ bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön.
+
+ b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten
+ Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_
+ deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb.
+
+2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität):
+
+ a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches
+ Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen
+ Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der
+ sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form
+ gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet.
+ Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_.
+
+ b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils
+ _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt
+ bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt.
+
+ c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter
+ Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs
+ des Subjektsbegriffs_:
+
+ mindestens }
+ } einige S sind P.
+ nur }
+
+ d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die
+ unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund
+ der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines
+ Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem
+ letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner,
+ auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt,
+ z. B.: das Tier hat Empfindung.
+
+
+II. Nach den Prädikatsformen.
+
+Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen,
+wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht
+oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen
+gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren
+_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der
+Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den
+Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.
+
+Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion
+selbst modifizieren.
+
+1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff,
+in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist
+Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier.
+
+2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine
+Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich.
+
+3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt
+beigelegt: Schnee ist weiß.
+
+4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf
+einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten
+Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene
+_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön;
+die Bewegung der Brieftaube ist schnell.
+
+5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen
+verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier
+ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein
+ausgesprochen.
+
+
+III. Nach den Beziehungsformen.
+
+Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das
+Subjekt bezogen wird:
+
+1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_
+(Qualität):
+
+ a) _Bejahende Urteile_: S ist P.
+
+ b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P.
+
+2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation):
+
+ a) Kategorische: S ist P.
+
+ b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B.
+
+ c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D.
+
+3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität):
+
+ a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist
+ vielleicht P.
+
+ b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein.
+
+Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich,
+nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a),
+2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I.
+unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c),
+3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter
+1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b).
+
+
+3. Die Schlüsse.
+
+
+§ 39. Die Grundgesetze des Denkens.
+
+Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar
+Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim
+Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden.
+
+Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt.
+
+1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in
+seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist
+sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der
+_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem
+Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden.
+
+2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%)
+lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in
+derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.”
+_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist
+nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus
+der Wahrheit des einen die Falschheit des andern.
+
+3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi
+tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte
+Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch
+sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist
+ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des
+andern.
+
+4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis
+sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._
+Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im
+Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des
+logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit
+der Folge der Grund aufgehoben._
+
+Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der
+des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich
+betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in
+Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist
+nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine
+_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität
+eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies
+ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der
+Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_
+beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der
+Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger
+Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können
+nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu
+verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B,
+nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.
+
+Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu
+unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische
+Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden
+veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder
+_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die
+Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das
+Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine
+Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu
+knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer
+Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht
+zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für
+mathematische Folgerungen bilden.
+
+So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des
+Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem
+es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige
+Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7).
+
+
+A. Der unmittelbare Schluß.
+
+
+§ 40. Der Schluß aus einem Begriff.
+
+_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren
+anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt
+_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer
+Schluß_.
+
+Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils
+gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff
+abgeleitet werden können.
+
+Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem
+Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der
+vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: „In
+allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
+gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich.
+Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem
+Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer
+dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte
+durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne
+Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren
+könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen,
+weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe
+zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren;
+dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat
+hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine
+Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.” So ist
+nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches,
+denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das
+Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein
+synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also
+auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil
+gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt.
+
+Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei
+Seiten berichtigt werden.
+
+1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt
+mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe
+Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den
+andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere
+schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht
+aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des
+Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein
+analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann
+nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig
+ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist
+wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine
+besondere Art des Schlusses anzusehen.
+
+2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber
+zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_
+ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne
+ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose,
+die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein
+synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose
+veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für
+ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen.
+
+
+§ 41. Die Konversion.
+
+Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung
+des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen
+aufgeführt.
+
+Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin,
+daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im
+kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum
+Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der
+Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne
+Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio
+per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%).
+
+Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität:
+allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e
+und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes:
+
+1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten
+Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine
+Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der
+Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle
+gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der
+Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt
+sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in
+den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich
+decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter
+Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur
+unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist.
+
+[Illustration: a.1.]
+
+2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind
+regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In
+dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden
+gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist
+die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle
+Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und
+4., wo sich wieder i ergibt.
+
+[Illustration: i.1. 2. 3. 4.]
+
+[Illustration: e.]
+
+3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich,
+kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind
+vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S.
+
+4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist
+das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus
+gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus
+möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als
+Subjekt daraus ableiten.
+
+[Illustration: o.1. 2. 3.]
+
+
+§ 42. Die Kontraposition.
+
+Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung,
+das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die
+Qualität des Urteils wird verändert.
+
+1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S
+oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt
+auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser
+Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt,
+alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch
+außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist.
+
+2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP
+S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es
+jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts
+Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut.
+
+3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige
+NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S
+außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.:
+einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.
+
+4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige
+NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4.
+zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die
+Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige
+NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S.
+
+
+§ 43. Die Umwandlung der Relation.
+
+Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung
+der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B,
+kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es
+B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist,
+so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere
+hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder
+B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so
+ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen
+stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen
+sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_
+aussprechen.
+
+
+§ 44. Die Subalternation.
+
+Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen
+Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem
+Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des
+partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen
+Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der
+Unwahrheit von i die von a.
+
+
+§ 45. Die Äquipollenz.
+
+Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des
+Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz:
+%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil
+hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.:
+jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich
+wäre.
+
+
+§ 46. Die Opposition.
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der
+Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird
+_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem
+kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im
+kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine
+dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende
+und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das
+partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen
+Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere
+Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das
+partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B.
+falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von
+hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis
+unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär
+verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der
+_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen
+gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte
+auch auf einen Teil desselben beziehen.
+
+Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema
+veranschaulichen:
+
+ A -- Konträrer Gegensatz -- E
+
+ | \ / |
+ | \ / |
+
+ K z
+ o t
+ n a
+ t s
+ r n
+ a e
+ d g
+ i e
+ U k G U
+ n t n
+ t o r t
+ e r e e
+ r i h r
+ o sc o
+ r i h r
+ d r e d
+ n o r n
+ u t u
+ n k G n
+ g i e g
+ d g
+ a e
+ r n
+ t s
+ n a
+ o t
+ K z
+
+ | / \ |
+ | / \ |
+
+ I -- Subkonträrer Gegensatz -- O
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden
+Regeln:
+
+1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr
+entgegengesetzten.
+
+4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden
+subkonträren.
+
+
+§ 47. Die modale Konsequenz.
+
+Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der
+Urteile verändert wird; dann folgt:
+
+1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden
+assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des
+assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der
+Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch
+tatsächlich zwei Rechte.
+
+2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des
+assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des
+apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist
+es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein.
+
+
+§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse.
+
+Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer
+Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale
+Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie
+Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche
+Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch
+Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige
+sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter
+entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung
+der logischen Formen schärfen.
+
+Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition.
+Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen
+Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein
+bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat
+nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind.
+Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die
+wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig
+ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der
+Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet
+sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht.
+
+Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch
+dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in
+denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere
+Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem
+Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem
+Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom
+hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die
+genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a:
+Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus,
+daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des
+Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A
+nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß,
+wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft
+ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A
+gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck
+des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen
+wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der
+Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so
+wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch
+noch an andere Gründe geknüpft.
+
+
+B. Der mittelbare Schluß.
+
+
+§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.
+
+Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das
+Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im
+ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten
+_Induktion_.
+
+Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein
+_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist.
+Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen
+_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil
+_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den
+Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff
+gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der
+im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das
+Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das
+untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den
+Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige,
+welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%)
+enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die
+_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%).
+
+Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in
+verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung
+des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen
+Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in
+der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten
+offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat
+und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit
+S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen
+sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen:
+
+ 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M
+ S M S M M S M S
+ --- --- --- ---
+ S P S P S P S P
+
+Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die
+vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus († 200 n. Chr.); sie wird
+daher die galenische genannt.
+
+Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von
+Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16
+Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste
+Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.
+
+ a a e a i a o a
+ a e (e e) (i e) (o e)
+ a i e i (i i) (o i)
+ a o (e o) (i o) (o o)
+
+Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder
+Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl
+als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren
+gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen
+Figuren widersprechen.
+
+
+§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen
+Schlüsse.
+
+1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis
+nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich.
+
+a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß
+sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da
+aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses
+Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von
+Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende
+Veranschaulichung durch Kreise zeigt:
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_:
+e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die
+unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch
+die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von
+a) nur vermehrt ist.
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b)
+Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere.
+
+Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo.
+
+2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere
+particularibus nihil sequitur%).
+
+a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der
+Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das
+Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die
+folgenden Figuren, die alle i i entsprechen.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär
+verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe
+von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl.
+die Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4.]
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt
+sich mit 1. c).
+
+Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12
+weitere Modi.
+
+3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_
+ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz.
+
+a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein
+verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser
+Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der
+Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als
+Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der
+Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden
+Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes
+Resultat, vgl. Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und
+
+c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und
+2. ausgeschlossen.
+
+Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi
+im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern
+bezeichnet sind.
+
+Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze
+der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die
+übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch
+Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und
+anschaulicher ist der Beweis durch Kreise.
+
+
+§ 51. Die erste Figur.
+
+Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als
+Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen
+auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz
+verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben
+nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von
+Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen
+Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des
+Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein
+bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi
+der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt:
+
+ %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.
+ Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.
+ Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,
+ Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae
+ Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.%
+
+1. Barbara
+
+hat die Form
+
+ M a P Alle Menschen sind sterblich
+ S a M Alle Könige sind Menschen
+ ------------------------------------
+ S a P Alle Könige sind sterblich.
+
+[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.]
+
+Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus
+entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen
+oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der
+selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.
+
+2. Celarent
+
+ M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum
+ S a M Alle Logiker sind Menschen
+ ----- --------------------------------
+ S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P
+getrennt sein.
+
+3. Darii
+
+ M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind
+ regelmäßige Figuren
+ S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel
+ ----- --------------------------------------------------
+ S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen
+mindestens diese „einige S” auch in P liegen.
+
+4. Ferio
+
+ M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert
+ S i M Einige Güter sind vergänglich
+ ----- ------------------------------------------
+ S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M
+sind, ebenfalls außerhalb P liegen.
+
+
+§ 52. Die zweite Figur.
+
+Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß
+allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1.
+fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls
+4 übrig: ea, ae, ei, ao.
+
+1. Cesare
+
+ P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz
+ S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz
+ ----- --------------------------------------
+ S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte.
+
+[Illustration: 1. 2.]
+
+Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P
+getrennt sein.
+
+2. Camestres
+
+ P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem
+ gehörenden Weltkörper muß die Bahn des
+ Uranus vollständig bestimmen
+ S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems
+ aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus
+ vollständig
+ ----- ------------------------------------------------
+ S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres
+ Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.
+
+Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun
+durch Galle (1846).
+
+Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen
+vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe.
+
+3. Festino
+
+ P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit
+ S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit
+ ----- -------------------------------------------------
+ S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst.
+
+Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M
+fallen, von P getrennt sein.
+
+4. Baroco
+
+ P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die
+ rechte Gesinnung
+ S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte
+ Gesinnung
+ ----- ---------------------------------------------------------
+ S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen
+ Menschen.
+
+Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M
+fallen, auch nicht in Kreis P fallen.
+
+
+§ 53. Die dritte Figur.
+
+Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz
+bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig
+bleiben.
+
+1. Darapti
+
+ M a P Alle Wale sind Säugetiere
+ M a S Alle Wale sind Wassertiere
+ ----- ----------------------------------------
+ S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere.
+
+Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer
+Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen
+Beweise.
+
+2. Felapton
+
+ M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ
+ M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten
+ ----- ---------------------------------------
+ S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen.
+
+3. Disamis
+
+ M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind
+ der Casusflexion fähig
+ M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der
+ französischen Sprache
+ ----- ------------------------------------------------
+ S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der
+ Casusflexion fähig.
+
+4. Datisi
+
+ M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt
+ M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige Unschuldige werden geschädigt.
+
+5. Bocardo
+
+ M o P Einige Amphibien haben keine Füße
+ M a S Alle Amphibien sind Tiere
+ ----- ----------------------------------
+ S o P Einige Tiere haben keine Füße.
+
+6. Ferison
+
+ M e P Kein Mensch ist fehlerlos
+ M i S Einige Menschen sind bewundernswert
+ ----- --------------------------------------------
+ S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.
+
+
+§ 54. Die vierte Figur.
+
+Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als
+Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär
+verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit
+einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also
+noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig.
+
+1. Bamalip
+
+ P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme
+ zu erhalten
+ M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind
+ wollene Kleider.
+
+Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu
+Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.
+
+2. Calemes
+
+ P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme
+ M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez
+ ----- ------------------------------------
+ S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid.
+
+3. Dimatis
+
+ P i M Einiges Angenehme ist verwerflich
+ M a S Alles Verwerfliche ist schädlich
+ ----- ----------------------------------
+ S i P Einiges Schädliche ist angenehm.
+
+4. Fesapo
+
+ P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig
+ M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt
+ ----- --------------------------------------------------
+ S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden.
+
+5. Fresison
+
+ P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten
+ M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut
+ regiert
+ ----- ----------------------------------------------------
+ S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.
+
+
+§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen.
+
+Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die
+Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio
+sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder
+verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein.
+Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder
+partikulär sein.
+
+Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen
+Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_
+nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein
+verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o.
+
+Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz
+derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist
+apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder
+problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch
+ist.
+
+
+§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.
+
+Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener,
+und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein
+formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle
+gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form
+%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die
+brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die
+allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige
+Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die
+unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten
+Figur.
+
+_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes
+Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich
+nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion
+des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf
+lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn
+das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die
+einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder
+verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius,
+repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal
+des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch
+dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des
+Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten
+%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und
+einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder
+einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu
+dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder
+auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies
+geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von
+Begriffen_ stellen.
+
+Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus
+eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt
+sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt.
+_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während
+_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur
+_allgemeingültigen_ zu machen.
+
+_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57)
+die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle
+Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit
+dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei.
+So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige
+Formel:
+
+Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X
+
+ 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X
+
+ 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B
+
+Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_
+werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen
+seine Brauchbarkeit.
+
+Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind
+sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse
+der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch
+ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine
+Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der
+Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen
+Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen
+Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom
+Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit
+des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen
+Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl
+Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen
+Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens.
+
+Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß
+_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf
+Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer
+Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer
+von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener
+Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit
+seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_,
+der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der
+_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme
+gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der
+Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins
+Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.
+
+Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus
+zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser
+Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise
+das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns
+beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der
+Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der
+Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist
+im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten
+Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß
+ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied
+berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar
+gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten
+Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem
+Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann
+es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit
+fortschreiten.
+
+
+§ 57. Der hypothetische Schluß.
+
+Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der
+_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn
+die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So
+versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich
+denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen
+Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:
+
+ Wenn A gilt, so gilt X
+ A gilt oder X gilt nicht
+ ------------------------------------
+ also gilt X also gilt A nicht.
+
+Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des
+Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit
+der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%).
+
+ Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß.
+ Nun hat es geregnet
+ -------------------------
+ Also ist es naß,
+
+aber nicht umgekehrt:
+
+ nun ist es naß
+ ---------------------
+ also hat es geregnet,
+
+ebensowenig:
+
+ nun hat es nicht geregnet
+ --------------------------
+ also ist es nicht naß,
+
+dagegen richtig:
+
+ nun ist es nicht naß
+ ---------------------------
+ also hat es nicht geregnet,
+
+oder, bei verneinendem Nachsatz:
+
+Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.
+
+ Nun gibt es eine Vorsehung
+ ---------------------------
+ Also gibt es keinen Zufall,
+
+oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua
+non%):
+
+Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung
+nicht aufrecht erhalten werden.
+
+ Nun ist dieser Satz nicht richtig.
+ ----------------------------------------------------------
+ Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.
+
+Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen.
+Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch
+Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist
+dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema:
+
+ Wenn A gilt, so gilt M
+ Wenn M gilt, so gilt X
+ -----------------------------
+ Also wenn A gilt, so gilt X.
+
+Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so
+ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_.
+
+ Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die
+ Pendel der Uhren.
+
+ Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die
+ Schwingungen verlangsamt.
+
+ Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.
+ --------------------------------------------------------------------
+ Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach.
+
+
+§ 58. Der disjunktive Schluß.
+
+Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives
+Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion
+ausgesprochenen Verhältnis der Glieder.
+
+Es kann also
+
+I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der
+übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist B
+ ----------------
+ Also ist A weder C noch D;
+
+II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller
+übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist weder C noch D
+ ----------------------------
+ A ist B.
+
+Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder
+stumpfwinklig.
+
+ Nach I. Nun ist es rechtwinklig
+ --------------------------------------
+ Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.
+
+ Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig
+ -----------------------------------------------
+ Also ist es rechtwinklig.
+
+Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I.
+ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied
+verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt
+sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach
+bejahende Urteil.
+
+Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_,
+_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der
+Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer
+gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen.
+
+ Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C
+ Nun gilt weder B noch C
+ ----------------------------
+ Also gilt auch A nicht;
+
+oder kategorisch gefaßt:
+
+ A ist entweder B oder C
+ Nun ist S weder B noch C
+ -----------------------------------
+ Also ist S auch nicht A.
+
+Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz:
+
+ Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen
+ möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt,
+ oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht
+ hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der
+ göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das
+ zweite, noch das dritte wahr,
+ ------------------------------------------------------------------
+ also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten.
+
+
+§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse.
+
+Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame
+Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so
+angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse
+des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des
+dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%).
+Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt
+der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem
+_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der
+Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_
+oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_.
+
+ Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Der Anspruchslose ist zufrieden
+ ---------------------------------
+ Der Tugendhafte ist zufrieden.
+
+ 2. Der Tugendhafte ist zufrieden
+ Der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------
+ Der Tugendhafte ist glücklich.
+
+ progressiv in der Richtung: 1. 2.
+ regressiv in der Richtung: 2. 1.
+
+Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt
+ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat
+ein Verbrechen begangen.
+
+Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine
+Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_.
+
+Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem
+letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die
+_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem
+Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598
+von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen
+Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden
+Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen
+Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form:
+
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz A ist C)
+ (Untersatz A ist C)
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche
+in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren
+Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:
+
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz B ist D)
+ (Obersatz B ist D)
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ -------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+
+§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse.
+
+Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er
+auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu
+täuschen, hervorging.
+
+Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze
+des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden
+Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen
+der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%).
+
+Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze
+des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine
+sophistische Verwendung des Dilemmas.
+
+ 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte
+ Der Neger ist kein Kaukasier
+ --------------------------------------
+ Folglich hat er keine Menschenrechte.
+
+ 2. Herodes war ein Fuchs
+ Alle Füchse haben vier Füße
+ ------------------------------
+ Also hatte Herodes vier Füße.
+
+3. Tertullians Schluß:
+
+Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den
+Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben.
+
+ Die Antipoden müßten dies
+ ------------------------------
+ Also gibt es keine Antipoden.
+
+ 4. Aller Anfang ist schwer
+ Müßiggang ist aller Laster Anfang
+ -----------------------------------
+ Also ist Müßiggang schwer.
+
+5. Der „_Lügner_” der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter
+sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht
+wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die
+Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c.
+
+6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes
+Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr
+das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den
+Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide
+argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil
+sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind
+nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht
+wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich
+es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag
+wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind
+wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut
+unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du
+wirst mir mein Kind zurückgeben.
+
+7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras
+Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die
+zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten
+Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus
+keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte
+ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den
+Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur
+Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs;
+wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß
+bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete
+Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies
+sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem
+Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem
+Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen
+durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre
+Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten.
+
+
+§ 61. Der Induktionsschluß.
+
+Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie
+gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat
+folgende Form:
+
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P.
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S.
+ --------------------------------------
+ Jedes S ist P.
+
+Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder
+_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und
+Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der
+Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem
+Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz:
+Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten
+Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der „_Induktion von
+Spezialgesetzen_” (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen
+Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten
+Fall, bei der „_generalisierenden Induktion_” wird geschlossen: Was
+von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.
+
+Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den
+ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.:
+
+ Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als
+ Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.
+
+ Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind
+ die alten Planeten.
+ -------------------------------------------
+ Also haben die alten Planeten Achsendrehung.
+
+_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der
+Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel
+eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde.
+
+Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten
+Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der
+Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der
+Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und
+die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter
+der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in
+der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus
+einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht
+beobachtete Fälle zu schließen erlaubt.
+
+Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der
+häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der
+bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des
+%post hoc% mit dem %propter hoc%.
+
+
+§ 62. Der Analogieschluß.
+
+In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der
+Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder
+Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird
+geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende
+Form:
+
+ M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen
+ Lebens.
+
+ M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+
+ S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+ -----------------------------------------
+ S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen
+ Lebens.
+
+
+II. Teil. Methodenlehre.
+
+
+§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.
+
+Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die
+Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein
+_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst
+gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter
+enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_
+vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_
+klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener
+Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen,
+und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges
+_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der
+_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch
+welche eine neue Erkenntnis zustande kommt.
+
+So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln
+hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der
+_Fortschritt der Wissenschaft_.
+
+
+1. Die Begriffsbestimmung.
+
+
+§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.
+
+_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die
+Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_,
+entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs
+oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des
+artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere
+wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine
+Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben.
+
+Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_
+(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und
+_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten
+darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich
+Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit
+einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem
+genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet.
+
+Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten
+Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist
+daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein
+Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die
+Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von
+anderen Arten des Vierecks unterscheidet.
+
+Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt,
+so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit
+einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung
+mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein
+Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht
+gegeben werden.
+
+
+§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.
+
+Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende
+angeführt:
+
+1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen,
+z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu
+_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine
+geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten.
+
+2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in
+anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind
+(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche
+Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben.
+
+3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf
+weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B.
+das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu
+gedenken.
+
+4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten,
+vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten
+erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung
+Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der
+Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben
+schon vorausgesetzt.
+
+5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht
+werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da,
+wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im
+großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken
+hat.
+
+6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs
+verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein
+Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.
+
+Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_
+angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden
+werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung,
+die Erläuterung.
+
+
+2. Die Einteilung.
+
+
+§ 66. Das Wesen der Einteilung.
+
+_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines
+Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im
+Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der
+Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel,
+teils Erdvögel, teils Wasservögel.
+
+Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs
+in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner
+Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die
+Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt
+_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%).
+
+Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon
+vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt
+der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem
+Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als
+Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie,
+gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im
+zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das
+im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war.
+So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden
+eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen
+Unterschied begründen.
+
+
+§ 67. Arten und Fehler der Einteilung.
+
+Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung
+_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren
+sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks
+schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks
+u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die
+sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und
+_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als
+Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen
+dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der
+anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht
+z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung
+der Staubgefäße in 24 Klassen.
+
+Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem
+_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_
+desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder
+grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben
+klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische
+Vollständigkeit gegeben.
+
+Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende:
+
+1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu
+wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der
+Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige.
+
+2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen
+sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe,
+Neigung zu andern und gegenseitige Neigung.
+
+3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_,
+sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in
+Europäer und Schwarze.
+
+
+3. Der Beweis.
+
+
+§ 68. Der Beweis und seine Arten.
+
+In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen
+und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese
+Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse
+Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der
+Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse
+_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen
+_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der
+Wissenschaft aufgenommen wird.
+
+Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus
+anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch
+bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau
+genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung
+weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_.
+_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu
+beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis
+bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht
+genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze
+Schlußkette dar.
+
+Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach
+durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden
+Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu
+beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der
+übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es
+z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich
+einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein
+muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen
+würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter
+Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die
+Gültigkeit des letzten gefolgert würde.
+
+_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines
+Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt
+daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad
+absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also
+bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die
+_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der
+Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die
+Widerlegung des gegnerischen Beweises.
+
+
+§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der
+Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was
+die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu
+beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden
+werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und
+andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher
+Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist
+lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird
+nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen
+müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden.
+
+Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten
+Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende:
+
+1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis.
+
+2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende
+Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%).
+
+3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in
+einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis).
+
+4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu
+Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis
+allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen
+wird.
+
+Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man
+von _Erschleichung_ (%subreptio%).
+
+
+4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+
+§ 70. Die verschiedenen Methoden.
+
+Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe
+zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen
+den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden_.
+
+Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern
+_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche
+Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier
+sind folgende Wege möglich:
+
+1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man
+beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies
+ist das _induktive_ Verfahren.
+
+2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen
+hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse
+über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_
+Verfahren.
+
+3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der
+Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie
+besonders die _Hypothese darstellt_.
+
+4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist
+bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_.
+
+
+§ 71. Das induktive Verfahren.
+
+Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre
+behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_
+sind folgende:
+
+1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere
+Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der
+fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten
+Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch
+nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses
+Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir
+werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen,
+die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je
+häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden
+wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege
+können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden,
+die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B.
+derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.
+
+Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit,
+welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist,
+es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor
+sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der
+Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere
+Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.
+
+2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von
+Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_
+eine grundlegende Bearbeitung erfahren.
+
+Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen
+ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit
+beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt.
+Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie
+berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz
+dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein
+zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir
+da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf
+eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das
+_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_.
+Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde,
+so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber
+nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill
+hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig
+von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang
+der Sonne, folgen.
+
+Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze
+über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei
+Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der
+Differenz.
+
+Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon”
+zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden
+Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem
+allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des
+gegebenen Phänomens.”
+
+Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende
+Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema:
+
+ A B C a b c
+ A D E a d e
+ A F G a f g
+
+Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können
+sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung
+a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper
+kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen;
+zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich:
+Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so
+schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen
+Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.
+
+Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt:
+
+„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und
+eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen
+gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so
+ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die
+Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des
+Phänomens.”
+
+Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes
+unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und
+in dem andern fehlt, nach dem Schema:
+
+ B C b c
+ A B C a b c
+
+Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß
+war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft
+des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die
+Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A
+bewirkt sein.
+
+Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann
+leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist
+daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_.
+
+Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und
+Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der
+Begleitveränderungen.
+
+3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen
+ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder
+regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß
+ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit
+proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen
+Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der
+Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale
+Zusammenhänge zurückzuführen.
+
+4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren
+Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P
+haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen
+gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird
+dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle
+Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So
+gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die
+schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings
+eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich
+die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen
+fließen.
+
+
+§ 72. Das deduktive Verfahren.
+
+_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen
+herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und
+Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine
+Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils
+leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen
+tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe
+der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_.
+Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als
+Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie
+z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und
+aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht
+ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer
+Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die
+mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.
+
+
+§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese.
+
+Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar,
+daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von
+allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine
+Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von
+Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer
+Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen
+Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre
+Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären.
+
+Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft
+fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die
+vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an
+den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der
+Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen
+oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die
+_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat,
+führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der
+vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so
+wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie
+_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur
+_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur
+Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie
+von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.
+
+Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen
+hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie;
+Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur
+Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des
+Arztes.
+
+
+§ 74. Das System.
+
+_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem
+logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in
+der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet,
+so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine
+_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_
+müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff,
+deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die
+gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren
+Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen
+verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten
+Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden.
+
+Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt,
+aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in
+Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder
+nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel
+angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft
+hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und
+mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der
+Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das
+Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und
+kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das
+Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren
+Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken
+festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die
+wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal
+_zusammenkommen_ müssen.
+
+
+
+
+Literatur.
+
+
+A. Einleitung in die Philosophie:
+
+_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.
+
+_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.
+
+_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart.
+1892.
+
+_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die
+Philosophie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.
+
+
+B. Geschichte der Philosophie.[A]
+
+
+I. Geschichte der Philosophie überhaupt:
+
+_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93.
+
+_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1895/96.
+
+_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899.
+
+_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896.
+
+_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8.
+Aufl. 1894-97.
+
+_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.
+
+ [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem
+ beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur
+ weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen
+ Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind
+ _gesperrt gedruckt_.
+
+
+II. Alte Philosophie:
+
+_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99
+(Indische Philosophie).
+
+_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie.
+Bd. I und II. 1901.
+
+_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.
+
+ „ „ _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_.
+5. Aufl. 1898.
+
+
+III. Neuere Philosophie:
+
+_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von
+Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898.
+
+_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl.
+1897-1901.
+
+_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.
+
+_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2.
+Aufl. 1899.
+
+
+C. Psychologie:
+
+_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901.
+
+_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901.
+
+_Höfler_, A., Psychologie. 1897.
+
+_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893.
+
+_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.
+
+_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889.
+
+ „ „ Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II.
+
+_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95.
+
+_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl.
+1897.
+
+ „ „ Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901.
+
+ „ „ Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902.
+Bd. I und II.
+
+ „ „ Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache).
+
+_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900.
+
+
+D. Logik:
+
+_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892.
+
+_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893.
+
+_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880.
+
+_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von
+Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.
+
+_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.
+
+_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5.
+Aufl. 1882.
+
+_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.
+
+ * * * * *
+
+Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik:
+
+_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.
+
+ „ „ Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie.
+1897.
+
+ „ „ Das Kant-Friesische Problem. 1902.
+
+
+
+
+Namen- und Sachregister.
+
+
+Affekt 44.
+
+Alpdrücken 27.
+
+Analogieschluß 122 f.
+
+Anaxagoras 9.
+
+Äquipollenz 94.
+
+Aristoteles 9. 103.
+
+Assoziation 28. 31. 66.
+
+Ästhetik 8.
+
+Ästhetische Gefühle 42 f.
+
+Atomisten 9.
+
+Aufmerksamkeit 30. 68.
+
+Ausdrucksbewegungen 59.
+
+Axiome 129.
+
+
+Baco 10.
+
+Begierde 55.
+
+Begriff 33. 69 f.;
+ Merkmale des B. 70;
+ Arten der B. 72 ff.;
+ Umfang des B. 71 f. 128.
+
+Begriffsbestimmung 124 ff.
+
+Beneke 111.
+
+Bergmann 140.
+
+Bewegungen 66;
+ unwillkürliche B. 53 f.
+
+Beweis 129 ff.
+
+
+Charakter 63. 67.
+
+
+Deduktion 136 ff.
+
+Definition 124 ff.
+
+Denken 33.
+
+Descartes 10. 16.
+
+Determination 127.
+
+Determinismus 58.
+
+Deussen 141.
+
+Deutlichkeit 72.
+
+
+Ebbinghaus 141.
+
+Eigennamen 33.
+
+Einheit des Bewußtseins 18 f.
+
+Einteilung 126 ff.
+
+Eleaten 9.
+
+Elsenhans 142.
+
+Empfindung 21 ff.
+
+Empirismus 10.
+
+Enge des Bewußtseins 29.
+
+Entfernung 36 f. 62. 66.
+
+Enthymem 117.
+
+Entschluß 56.
+
+Epicherem 117.
+
+Epikureer 10.
+
+Erdmann, B. 142.
+
+ „ „ J. 140.
+
+Erkennen 33. 64. 68.
+
+Erkenntnistheorie 68.
+
+Ethik 8.
+
+Euathlus, Sophisma des E. 120.
+
+Eucken 140.
+
+
+Falckenberg 141.
+
+Fehlschlüsse 118 ff.
+
+Fichte 10.
+
+Fischer, K. 141.
+
+
+Galenus 99.
+
+Gall 20.
+
+Gebärden 59.
+
+Gedächtnis 30 f.
+
+Gefühl 39 f. 64 f.;
+ Verlauf der G. 44;
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+ Verstärkung der G. 45.;
+ gemischte G. 46;
+ Bedeutung der G. 50 ff.
+
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+Gehen 63.
+
+Geisteskrankheit 19.
+
+Gemeinvorstellung 32.
+
+Gemüt 44.
+
+Geruch 39.
+
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+
+Grundgesetze des Denkens 85 ff.
+
+
+Hegel 11.
+
+Heinze 140.
+
+Heraklit 9.
+
+Herbart 11. 16. 27.
+
+Höffding 141.
+
+Höfler 141.
+
+Hörzentrum 20.
+
+Hume 10.
+
+Hypothese 137 f.
+
+Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97.
+
+
+Idealismus 11.
+
+Ideenassoziation 28 f.
+
+Indeterminismus 58.
+
+Individualbegriff 32.
+
+Individualvorstellung 32.
+
+Induktion 98. 132 ff.
+
+Induktionsschluß 121 f.
+
+Instinkt 54.
+
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+
+Jodl 141.
+
+
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+
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+
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+Kontradiktorischer Gegensatz 73.
+
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+
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+
+Konversion 90 ff. 97.
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+
+
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+
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+
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+
+
+Materialismus 11. 16. 19.
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+Metaphysik 8.
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+Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142.
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+Mitgefühl 49 f.
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+Mittelbegriff 98.
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+Motorisches Zentrum 20.
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+Überweg 140. 142.
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+Umwandlung der Relation 93.
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+Unbewußte Zustände 27.
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+
+Urteil 33 f. 74 ff.;
+ Einteilung der U. 75 ff.;
+ analytische u. synthetische 88 ff.
+
+Urteilsarten 81 ff.
+
+
+Vernunft 34.
+
+Verstand 34.
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+Volkelt 140.
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+Webersches Gesetz 23.
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+Wiederholung 66.
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+Wille 52 ff.; 65 f.
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+Windelband 140. 141.
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+Wortblindheit 24.
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+Wundt 49. 111. 140. 142.
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+Wunsch 56.
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+Zeitvorstellung 35 f.
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+Zeller, E. 141.
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+Zerstreutheit 30.
+
+Ziehen 142.
+
+Zirkel 126.
+
+Zorn 65.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***
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+ The Project Gutenberg eBook of Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans.
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***</div>
+
+<div class='transnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+Der Originaltext war in <span style="font-family: serif;">Fraktur</span> gesetzt und enthielt Text in <span class="antiqua">Antiqua</span>.
+Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
+<ul>
+<li>S. <a href="#Seite_55">55</a> "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_110">110</a> "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_122">122</a> "demseben" in "demselben" geändert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_141">141</a> "184/95" in "1894/95" geändert.</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+<p class="center"><big><big>Sammlung Göschen</big></big></p>
+<hr />
+
+<h1>Psychologie und Logik</h1>
+
+<p class="center"><big>zur Einführung</big></p>
+<p class="center"><small>in die</small></p>
+<p class="center" style="font-size: 200%"><em class="gesperrt">Philosophie</em></p>
+
+<p class="center">Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium</p>
+
+<p class="center"><small>dargestellt von</small></p>
+<p class="center"><big><big>Dr. Th. Elsenhans</big></big></p>
+
+<p class="center">Mit 13 Textfiguren</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt"><small>Vierte, verbesserte Auflage</small></em></p>
+
+<p class="center"><b>Zweiter Abdruck</b></p>
+
+<hr class="r15"/>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em></p>
+<p class="center"><big>G. J. Göschen'sche Verlagshandlung</big></p>
+<p class="center">1904</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
+
+
+<p class="center">
+<em class="gesperrt">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.</em>
+</p>
+
+<p class="center">Herrosé &amp; Ziemsen, Wittenberg.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</a></h2>
+
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>Einleitung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right">Seite</td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">1.</td><td align="left">Aufgabe und Einteilung der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">2.</td><td align="left">Überblick über die Geschichte der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">3.</td><td align="left">Die Bedeutung der Psychologie und der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Psychologie.</big></big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">4.</td><td align="left">&#8222;Empirische&#8221; und &#8222;rationale&#8221; Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 1. Seele und Körper.</big></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">5.</td><td align="left">Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und Körper</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_15">15</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">6.</td><td align="left">Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen Erscheinungen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_17">17</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">7.</td><td align="left">Das Nervensystem</td><td align="right"><a href="#Seite_19">19</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">8.</td><td align="left">Die sogenannten &#8222;Seelenvermögen&#8221;</td><td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Das Erkennen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">9.</td><td align="left">Die Empfindung</td><td align="right"><a href="#Seite_21">21</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">10.</td><td align="left">Vorstellung und Wahrnehmung</td><td align="right"><a href="#Seite_24">24</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">11.</td><td align="left">Der Verlauf der Vorstellungen</td><td align="right"><a href="#Seite_25">25</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">12.</td><td align="left">Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_30">30</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">13.</td><td align="left">Die Arten der Vorstellung und das Denken</td><td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">14.</td><td align="left">Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen</td><td align="right"><a href="#Seite_34">34</a><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Das Fühlen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">15.</td><td align="left">Wesen und Arten des Gefühls</td><td align="right"><a href="#Seite_39">39</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">16.</td><td align="left">Die körperlichen Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_41">41</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">17.</td><td align="left">Die geistigen Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">18.</td><td align="left">Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">19.</td><td align="left">Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">20.</td><td align="left">Das Lebensgefühl und die Stimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">21.</td><td align="left">Die Temperamente</td><td align="right"><a href="#Seite_48">48</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">22.</td><td align="left">Selbstgefühl und Mitgefühl</td><td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">23.</td><td align="left">Die Bedeutung der Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_50">50</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Das Wollen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">24.</td><td align="left">Die unwillkürlichen Bewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_52">52</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">25.</td><td align="left">Der Trieb und das eigentliche Wollen</td><td align="right"><a href="#Seite_55">55</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">26.</td><td align="left">Die Freiheit des Willens</td><td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">27.</td><td align="left">Die Ausdrucksbewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_59">59</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">28.</td><td align="left">Übung, Gewohnheit, Charakter</td><td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="2"></td><td align="left"><big>Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">29.</td><td align="left">Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander</td><td align="right"><a href="#Seite_64">64</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Logik.</big></big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">30.</td><td align="left">Die Aufgabe der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>I. Teil: Elementarlehre.</big></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffe.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">31.</td><td align="left">Der Begriff und seine Merkmale</td><td align="right"><a href="#Seite_69">69</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">32.</td><td align="left">Inhalt und Umfang des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">33.</td><td align="left">Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">34.</td><td align="left">Die Arten der Begriffe</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Urteile.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">35.</td><td align="left">Das Wesen des Urteils</td><td align="right"><a href="#Seite_74">74</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">36.</td><td align="left">Die traditionelle Einteilung der Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_75">75</a><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">37.</td><td align="left">Die zusammengesetzten Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">38.</td><td align="left">Übersicht der Urteilsarten</td><td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Die Schlüsse.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">39.</td><td align="left">Die Grundgesetze des Denkens</td><td align="right"><a href="#Seite_85">85</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">A</span>. <em class="gesperrt">Der unmittelbare Schluß.</em></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">40.</td><td align="left">Der Schluß aus einem Begriff</td><td align="right"><a href="#Seite_88">88</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">41.</td><td align="left">Die Konversion</td><td align="right"><a href="#Seite_90">90</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">42.</td><td align="left">Die Kontraposition</td><td align="right"><a href="#Seite_92">92</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">43.</td><td align="left">Die Umwandlung der Relation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">44.</td><td align="left">Die Subalternation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">45.</td><td align="left">Die Äquipollenz</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">46.</td><td align="left">Die Opposition</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">47.</td><td align="left">Die modale Konsequenz</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">48.</td><td align="left">Der Wert der unmittelbaren Schlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">B</span>. <em class="gesperrt">Der mittelbare Schluß.</em></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">49.</td><td align="left">Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">50.</td><td align="left">Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen Schlüsse</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_100">100</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">51.</td><td align="left">Die erste Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_103">103</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">52.</td><td align="left">Die zweite Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">53.</td><td align="left">Die dritte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_107">107</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">54.</td><td align="left">Die vierte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr>
+<tr><td valign="top">§</td><td align="right" valign="top">55.</td><td align="left">Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_109">109</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">56.</td><td align="left">Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen</td><td align="right"><a href="#Seite_110">110</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">57.</td><td align="left">Der hypothetische Schluß</td><td align="right"><a href="#Seite_113">113</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">58.</td><td align="left">Der disjunktive Schluß</td><td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">59.</td><td align="left">Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">60.</td><td align="left">Fehlschlüsse und Trugschlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_118">118</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">61.</td><td align="left">Der Induktionsschluß</td><td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">62.</td><td align="left">Der Analogieschluß</td><td align="right"><a href="#Seite_122">122</a><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>II. Teil: Methodenlehre.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">63.</td><td align="left">Die Aufgabe der Methodenlehre</td><td align="right"><a href="#Seite_123">123</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffsbestimmung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">64.</td><td align="left">Wesen und Arten der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_124">124</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">65.</td><td align="left">Fehler der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_125">125</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Einteilung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">66.</td><td align="left">Das Wesen der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_126">126</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">67.</td><td align="left">Arten und Fehler der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Der Beweis.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">68.</td><td align="left">Der Beweis und seine Arten</td><td align="right"><a href="#Seite_129">129</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">69.</td><td align="left">Auffindung und Fehler des Beweises</td><td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</big></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">70.</td><td align="left">Die verschiedenen Methoden</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">71.</td><td align="left">Das induktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">72.</td><td align="left">Das deduktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_136">136</a></td></tr>
+<tr><td valign="top">§</td><td align="right" valign="top">73.</td><td align="left">Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_137">137</a></td></tr>
+<tr><td align="right">§</td><td align="right">74.</td><td align="left">Das System</td><td align="right"><a href="#Seite_138">138</a></td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="3">Literatur</td><td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="3">Namen- und Sachregister</td><td align="right"><a href="#Seite_143">143</a></td></tr>
+</table></div>
+<hr class="chap" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2>
+
+<h3><a name="Par_1" id="Par_1"></a>§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.</h3>
+
+
+<p><em class="gesperrt">Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft,
+welche den Zweck hat, Sicherheit, Einheit
+und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres
+Wissens herzustellen.</em> Auch die einzelnen Wissenschaften
+entspringen diesem Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes
+und sie gehen teils von Voraussetzungen aus,
+die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu Resultaten,
+die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie
+prüft jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung
+der Resultate der Einzelwissenschaften den Zusammenhang
+der gesamten Erfahrungswelt zu erforschen.</p>
+
+<p>Auf demselben Wege gelangt <em class="gesperrt">der denkende Mensch</em>
+zu philosophischer Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche
+in dem Wissensstoff, den er im Glauben an fremde
+Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet hat,
+und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen
+auf unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste
+Widersprüche in sich schließt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Philosophie teilt sich</em> nach den zwei großen
+Gebieten der Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben,
+in eine <em class="gesperrt">Philosophie der Natur</em> und in eine <em class="gesperrt">Philosophie
+des Geistes</em>. Die letztere beschäftigt sich als
+<em class="gesperrt">Psychologie</em> mit dem allgemeinen Wesen des Geistes,
+wie es an jedem einzelnen Menschen beobachtet werden
+<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kann, als <em class="gesperrt">Philosophie der Geschichte</em> (im weitesten
+Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie es als
+Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in Gesellschaft
+und Geschichte sich entwickelt.</p>
+
+<p>Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders
+hervor, deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft,
+wo sie zur <em class="gesperrt">Aufstellung von</em> zu befolgenden <em class="gesperrt">Regeln</em>
+führen, eine gesonderte Behandlung empfiehlt. So wird
+das richtige Denken in der <em class="gesperrt">Logik</em>, der ästhetische Geschmack
+in der <em class="gesperrt">Ästhetik</em>, das sittliche Bewußtsein in der
+<em class="gesperrt">Ethik</em>, das religiöse Bewußtsein in der <em class="gesperrt">Religionsphilosophie</em>
+zu Gegenständen einer besonderen Wissenschaft
+gemacht. Diese psychologischen Tatsachen treten in
+der Geschichte <em class="gesperrt">als geistige Mächte</em>, als Hauptelemente
+der menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte,
+Recht und Staat, Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht
+gedachtes Ziel wirken, als <em class="gesperrt">Ideale</em>: Wahrheit,
+Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der Gottheit. Doch
+erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und
+beide Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch
+in jeder Geisteswissenschaft zusammenwirken.</p>
+
+<p>Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der
+Trennung der Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr
+die Aufgabe in sich, auch Natur und Geist, auch
+jene verschiedenen Richtungen des Geisteslebens nach ihren
+letzten Zusammenhängen untereinander zu untersuchen und
+auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die Aufgabe
+der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>. Diese alle andern abschließende
+Wissenschaft beschäftigt sich daher mit der Frage nach der
+Anwendung der Denkgesetze auf die wirkliche Welt und
+deren Bedingungen und Grenzen (Erkenntnistheorie), nach
+der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir der Betrachtung
+der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
+Raum und Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der
+Gottesidee, soweit sie nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie
+als für das philosophische Erkennen unerreichbar
+angesehen wird.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_2" id="Par_2"></a>§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.</h3>
+
+<p>Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der
+Versuche, die <a href="#Par_1">§&nbsp;1</a> bezeichneten Aufgaben zu lösen.</p>
+
+<p>Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den
+Griechen. Die <em class="gesperrt">ionischen Naturphilosophen</em> (um
+600&nbsp;v.&nbsp;Chr.) fanden den einheitlichen Urgrund der Dinge
+in einem Urstoff, z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Thales</em> im Wasser, die <em class="gesperrt">Pythagoreer</em>
+in Maß und Zahl, die <em class="gesperrt">Eleaten</em> im reinen Sein
+im Gegensatz zur scheinbaren Vielheit der Dinge, <em class="gesperrt">Heraklit</em>
+im endlos sich verwandelnden Feuer, die <em class="gesperrt">Atomisten</em>
+in den gleichartigen, kleinsten, unteilbaren Stoffteilchen mit
+ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, Lage und Bewegung.
+Erst für <em class="gesperrt">Anaxagoras</em> war das Ganze der
+Welt das Werk eines vernünftigen Wesens, des Geistes.
+Die bisher einfach vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt
+wurde aber von den alles bezweifelnden <em class="gesperrt">Sophisten</em> bestritten
+und mußte von den großen Philosophen der
+Folgezeit neu begründet werden.</p>
+
+<p>Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte
+die griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie
+machten den Menschen selbst und sein Denken zum Gegenstand
+der Untersuchung. <em class="gesperrt">Sokrates</em> (&dagger;&nbsp;399) beschäftigte
+sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. <em class="gesperrt">Plato</em> (&dagger;&nbsp;347) gelangte auf diesem Wege
+zur Lehre von den Ideen als den geistigen Urbildern der
+Dinge und erfaßte noch tiefer Wesen und Aufgabe des
+Menschen. Sein großer Schüler <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (&dagger;&nbsp;322)
+wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
+zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen
+Vorgänger durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen
+Wissensstoff der damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft,
+in das Gebiet der Philosophie hereinzog.</p>
+
+<p>Die nachfolgenden Philosophen, die <em class="gesperrt">Stoiker</em> und
+<em class="gesperrt">Epikureer</em> verlegten den Schwerpunkt in die Ethik und
+fanden als höchste Regel des Lebens die Befriedigung des
+Weisen in seinem inneren Leben. Die <em class="gesperrt">Skeptiker</em> forderten
+den Verzicht auf alles Wissen und die <em class="gesperrt">Neuplatoniker</em>
+machten einen letzten Versuch, in der Einigung
+mit der Gottheit die Wahrheit unmittelbar anzuschauen.</p>
+
+<p>Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem
+Einfluß des Aristoteles eine eigene christliche Philosophie,
+die <em class="gesperrt">Scholastik</em>, aber erst durch die Reformation wurde
+freie Forschung möglich gemacht.</p>
+
+<p>In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen
+verfolgen, eine <em class="gesperrt">empiristische</em> und eine <em class="gesperrt">rationalistische</em>.
+Die erste, hauptsächlich ein Erzeugnis der
+englischen Philosophie, beginnt mit dem Engländer <em class="gesperrt">Baco
+von Verulam</em> (&dagger;&nbsp;1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt
+durch <em class="gesperrt">Locke</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und in neuester Zeit durch <em class="gesperrt">John
+Stuart Mill</em> (&dagger;&nbsp;1873) und <em class="gesperrt">Herbert Spencer</em>. Die
+rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von den
+deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit <em class="gesperrt">Descartes</em>
+(&dagger;&nbsp;1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also
+bin ich (<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>) alle Wahrheit gründete, und
+wird fortgeführt durch <em class="gesperrt">Spinoza und Leibniz</em>.</p>
+
+<p>Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie
+in <em class="gesperrt">Kant</em> (1724-1804), der durch Untersuchung des
+Erkenntnisvermögens selbst und seiner Grenzen (Kritik
+der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für die
+<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>Philosophie schuf. <em class="gesperrt">Fichte</em> ging in diesen Bahnen weiter,
+während <em class="gesperrt">Schelling</em> und <em class="gesperrt">Hegel</em> durch den Grundsatz
+der Einheit von Denken und Sein einer unbegrenzten
+Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah <em class="gesperrt">Herbart</em>
+mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe
+der Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes
+und gewann besonders durch eine sorgfältige,
+auf Mathematik gegründete Psychologie eine große
+Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten <em class="gesperrt">Trendelenburg</em>
+mit Rückgang auf Aristoteles und <em class="gesperrt">Lotze</em> (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung
+den Idealismus neu zu gestalten.</p>
+
+<p>In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei
+philosophische Richtungen große Verbreitung, besonders in
+der Tagesliteratur: der <em class="gesperrt">Materialismus</em>, der auch das
+geistige Leben auf die Materie zurückführen will, vertreten
+durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der <em class="gesperrt">Pessimismus</em>,
+begründet durch <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (&dagger;&nbsp;1860), in selbständiger
+Weise fortgebildet durch Ed.&nbsp;v. Hartmann.</p>
+
+<p>Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor
+der <em class="gesperrt">Neukantianismus</em>, der mit Abweisung aller Metaphysik
+das Hauptgewicht auf die Ethik legt, und der
+<em class="gesperrt">Positivismus</em>, der, von Frankreich und England herübergekommen,
+nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu
+einer rein naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens
+geführt hat, macht sich jedoch eine <em class="gesperrt">idealistische</em>
+Gegenströmung mehr und mehr geltend.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_3" id="Par_3"></a>§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.</h3>
+
+<p>Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie
+werden sich zur Einführung in die Philosophie
+solche Zweige derselben besonders eignen, welche teils der
+Ausgangspunkt und die Grundlage der andern philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
+Wissenschaften, teils eine Schule für das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie
+und Logik zu.</p>
+
+<p>Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und
+manche Resultate der Naturwissenschaft weisen uns darauf
+hin, daß die einfache Betrachtung der Außenwelt nicht
+der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie ausgehen
+dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen
+beweisen, daß dem von uns Wahrgenommenen
+nicht notwendig ein Gegenstand entsprechen muß. Erscheinungen
+wie die der Farbenblindheit zeigen, daß das
+Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein
+von diesen selbst, sondern zum mindesten auch von unserer
+Organisation abhängig ist. Die Naturwissenschaft erklärt
+das, was wir als Licht, Schall, Wärme wahrnehmen, für
+eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So
+erhebt sich der <em class="gesperrt">Zweifel an der Sicherheit unserer
+äußeren Wahrnehmung überhaupt</em>. Um so sicherer
+aber bleibt dann <em class="gesperrt">eine Tatsache</em> stehen, nämlich <em class="gesperrt">das
+Bewußtsein, daß wir zweifeln</em>, oder <em class="gesperrt">daß wir jene
+Eindrücke haben</em>, auch wenn es keine &mdash; oder wenigstens
+keine unserer Vorstellung entsprechende &mdash; Außenwelt
+gibt. <em class="gesperrt">Daß</em> wir etwas vorstellen, daß wir etwas fühlen
+oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische:
+<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>, steht uns unumstößlich fest. Die
+Wissenschaft, welche diese geistigen Vorgänge zu ihrem
+Gegenstande hat und verarbeitet, die <em class="gesperrt">Psychologie</em>, wird
+daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige
+der Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete
+<em class="gesperrt">Vorschule des philosophischen Denkens</em>,
+sofern dabei das abstrakte Denken durch die Beobachtung
+des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch
+daraus, daß die <em class="gesperrt">wertvollsten Gegenstände der philosophischen
+Betrachtung</em> auf dem Gebiete des geistigen
+Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. Sie
+ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften
+überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik,
+Ästhetik, Ethik, Religionsphilosophie haben ihre Wurzel
+in der Psychologie und ihren Abschluß in der Metaphysik.</p>
+
+<p>Von anderer Seite her dient die <em class="gesperrt">Logik</em> zur Einführung
+in die Philosophie. Schon die Tatsachen des
+Irrtums und des Streites zeigen die Notwendigkeit, auch
+das Denken selbst auf seine Richtigkeit und Brauchbarkeit
+hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen
+darf und deshalb auch das Denken und seine
+Gesetze, ihr <em class="gesperrt">Werkzeug</em> zur Erforschung der Wahrheit
+<em class="gesperrt">einer Prüfung unterziehen muß</em>. Insofern bildet
+die <em class="gesperrt">Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft</em>.
+Die Logik ist aber auch zur <em class="gesperrt">formalen Schulung des
+philosophischen Denkens</em> geeignet, weil das Verständnis
+der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken
+und das Verständnis der schwierigeren Zweige der Philosophie
+vorbereitet.</p>
+
+<p>Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der
+Logik am besten vorangeht, da die Vorgänge beim Denken
+selbst zunächst Gegenstand der Psychologie sind.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Psychologie" id="Psychologie">Psychologie.</a></h2>
+
+<h3><a name="Par_4" id="Par_4"></a>§ 4. &#8222;Empirische&#8221; und &#8222;rationale&#8221; Psychologie.</h3>
+
+
+<p>Man unterscheidet herkömmlich zwischen der <em class="gesperrt">empirischen</em>
+Psychologie, welche die Tätigkeitsäußerungen der
+menschlichen Seele mit ihren Gesetzen darstellt, und der
+<em class="gesperrt">rationalen</em> Psychologie, welche das innere Wesen der
+Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus
+zu erklären sucht.</p>
+
+<p>Die letztere fällt in das Gebiet der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>,
+denn sie fragt nach der Art der Existenz und der Veränderung
+der Seele, nach ihrem Zusammenhang mit dem
+Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu anderen
+Seelen.</p>
+
+<p>Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig,
+<em class="gesperrt">zunächst rein empirisch</em> auf Grund der Beobachtung
+die Tatsachen des Seelenlebens und ihren gesetzmäßigen
+Zusammenhang zu erforschen und darzustellen.
+Nur wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre
+nächste empirische Aufgabe mit vorläufiger Abweisung
+aller metaphysischen Spekulation vom festen Boden der
+inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer
+Probleme weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften
+für ihre Ideale Anknüpfungspunkte darbieten.
+Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung und Metaphysik<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
+unterscheidet sich gerade die <em class="gesperrt">wissenschaftliche</em>
+Behandlung von der <em class="gesperrt">populären</em> Auffassung, die beides
+vermischt und z.&nbsp;B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres
+metaphysisch als Tätigkeiten und Zustände eines <em class="gesperrt">Dings</em>
+nach Analogie der Körperwelt erklärt.</p>
+
+<p>Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">I</span>. Seele und Körper.</h2>
+
+<h3><a name="Par_5" id="Par_5"></a>§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von
+Seele und Körper.</h3>
+
+<p>Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens
+eng verknüpft mit <em class="gesperrt">körperlichen Erscheinungen</em>.
+Die Psychologie wird deshalb häufig die Hilfe derjenigen
+Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich mit
+dem menschlichen Körper beschäftigen, der <em class="gesperrt">Anatomie</em>,
+d.&nbsp;h. der Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus,
+und der <em class="gesperrt">Physiologie</em>, d.&nbsp;h. der Lehre von
+den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht
+die unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für
+das Verhältnis von Seele und Körper.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">letzte Zusammenhang</em> dieser beiden Erfahrungsgebiete
+läßt sich aber von uns <em class="gesperrt">weder beobachten
+noch innerlich erfahren</em>. Indem wir einen Ton
+hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg
+er von der Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen
+hat, und wir nehmen keinen bestimmten Vorgang
+im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß fassen; aber
+auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem
+geistigen entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
+wir nicht, wie die Nervenerregung durch die Schallwellen
+es macht, zur Tonempfindung zu werden, oder wie der
+Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu setzen.</p>
+
+<p>Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über
+dieses <em class="gesperrt">Verhältnis von Seele und Körper</em> aufgestellt
+worden. Es sind hauptsächlich <em class="gesperrt">vier Möglichkeiten</em>
+denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich
+zwei mögliche Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form
+oder ein Produkt des Körpers (Materialismus), 2. der
+Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines oder
+mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz,
+Lotze); oder man erkennt die Selbständigkeit beider an,
+dann sind zwei weitere Fälle möglich: 3. Seele und
+Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen oder
+Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart),
+4. Seele und Körper sind verschiedene Äußerungsformen
+eines und desselben Wesens, stehen daher in keinerlei
+Verhältnis von Ursache und Wirkung (Identitätshypothese,
+so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).</p>
+
+<p>Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem
+Standpunkt aus nicht beantworten, sondern nur das
+Material dazu darbieten, die endgültige Beantwortung
+derselben ist von gewissen metaphysischen Anschauungen
+abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die tatsächliche
+Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen
+und die durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen
+beiden Erfahrungsgebieten, soweit sie beobachtet werden
+können, untersuchen. Die Lösung dieser Aufgaben zieht
+sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (<a href="#Par_6">§&nbsp;6</a>)
+und über diese Beziehungen, die vor allem im Nervensystem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
+stattfinden (<a href="#Par_7">§&nbsp;7</a>), im voraus zusammengestellt
+werden.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_6" id="Par_6"></a>§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der
+geistigen Erscheinungen.</h3>
+
+<p>Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig
+Körper und Seele sich unterscheiden, sind folgende, zunächst
+für die <em class="gesperrt">Körperwelt</em>:</p>
+
+<p>1. Die <em class="gesperrt">körperlichen Erscheinungen</em> treten in
+der Form des <em class="gesperrt">Raumes</em> auf, während keinerlei Vorgänge
+in der Seele, nicht einmal unsere Vorstellungen vom
+Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z.&nbsp;B. ist nicht selbst dreieckig.</p>
+
+<p>2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt
+sein durch das <em class="gesperrt">Gesetz der Trägheit</em>: jeder Körper
+verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder Bewegung,
+solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der
+<em class="gesperrt">Erhaltung der Materie und Energie</em>: die Summe
+der Stoffteile bleibt unter aller Veränderung ihrer Zusammensetzung,
+und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch
+das organische Leben und der menschliche Körper soll
+diesen Gesetzen unterworfen sein, und das Leben also
+nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur auf
+eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im
+menschlichen Körper verbundenen Stoffen und Kräften
+zurückgeführt werden.</p>
+
+<p>Für die <em class="gesperrt">geistige Welt</em> konnte die Gültigkeit dieser
+Gesetze bis jetzt nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen
+zeigt diese eigentümliche Merkmale anderer Art:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
+
+<p>1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch <em class="gesperrt">Veränderung</em>,
+<em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> und <em class="gesperrt">Gegensatz</em>. Bei
+gleichmäßig fortdauernder Einwirkung eines einfachen Eindruckes
+nimmt das Bewußtsein ab und es tritt, wenn alle
+mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische
+Zustand durch Konzentration der Aufmerksamkeit
+auf einen einzigen Punkt, z.&nbsp;B. für das Gesicht durch
+Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör
+durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält
+sich der religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn
+er in die Gottheit als absolute Einheit sich versenkt.</p>
+
+<p>2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente <em class="gesperrt">tauchen</em>
+aber <em class="gesperrt">nicht in der Seele isoliert auf</em>, um wieder zu
+verschwinden, sondern sie treten in Wechselwirkung miteinander,
+so daß neue Erscheinungen entstehen, und werden
+in der <em class="gesperrt">Einheit des Bewußtseins</em> zusammengefaßt.
+Dies ist aber nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände
+der Seele <em class="gesperrt">festgehalten</em> oder, wenn sie verschwunden
+sind, <em class="gesperrt">wieder erzeugt</em> werden können. Doch ist damit
+allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben.
+Ein solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in
+der unbewußten Natur vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden
+Zuständen der Seele ein innerer Zusammenhang
+bestehen, so müssen die früheren als solche
+<em class="gesperrt">wiedererkannt</em> werden, um mit den folgenden in bewußte
+Beziehung gesetzt zu werden; daher ist die <em class="gesperrt">Erinnerung</em>
+die wichtigste Fähigkeit der Seele. Sie macht
+es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne sie eine
+Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen
+Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen
+und zu verbinden.</p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">innere Einheit des Bewußtseins, verbunden<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
+mit freier Wechselwirkung seiner Elemente</em>,
+ist eine <em class="gesperrt">Hauptbedingung der geistigen Gesundheit</em>.
+Löst dieser Zusammenhang sich auf oder
+bilden sich fixe Ideen, welche die freie Wechselwirkung
+der Elemente hindern, so ist es ein Zeichen der beginnenden
+oder vorhandenen <em class="gesperrt">Geisteskrankheit</em>.</p>
+
+<p>An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit
+und Mannigfaltigkeit im Geistesleben scheitert auch der
+<em class="gesperrt">Materialismus</em> (s.&nbsp;<a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>). Während aus zwei Bewegungen
+körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht,
+welche die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins
+zu einer Verbindung früherer Vorstellungen
+mit späteren, ohne daß diese deshalb darin aufgehen
+müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr
+die einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung
+untereinander und mit deren Resultat gegenwärtig.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_7" id="Par_7"></a>§ 7. Das Nervensystem.</h3>
+
+<p>Die psychologische und physiologische Beobachtung
+zeigt, daß nicht alle Bestandteile des Körpers in gleich
+enger Beziehung zur Seele stehen. In unmittelbarer
+Beziehung zu ihr stehen nur die <em class="gesperrt">Nerven</em>, die als weiße
+Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen.
+Die unendlich zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in
+Zentralorganen, und diese stehen wieder mit dem <em class="gesperrt">Gehirn</em>
+als dem Hauptzentralorgan in Verbindung (die Zahl der
+Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine
+Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein <em class="gesperrt">System</em>
+bildet, durch das allein jede Wechselbeziehung zwischen
+Körper und Seele vermittelt wird. Die <em class="gesperrt">sensiblen</em>
+Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen
+<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>ist, dem Gehirn zu, und die <em class="gesperrt">motorischen</em> dienen dazu,
+die Ausführung der Bewegungen durch Überleitung des
+Befehls dazu auf die ausführenden Glieder zu vermitteln.</p>
+
+<p>Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an
+bestimmte Punkte dieses Nervensystems, besonders des
+Gehirns zu knüpfen (<em class="gesperrt">Lokalisationstheorie</em>), haben
+noch zu keinem feststehenden Resultat geführt. Eine
+solche &#8222;Lokalisation&#8221; bestimmter Geistestätigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall (&dagger;&nbsp;1828) in seiner Phrenologie
+oder Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen,
+da weder der Schluß von der Ausbauchung des
+Schädels auf die stärkere Vertretung der darunter liegenden
+Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte populäre
+Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch
+konnte der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache
+und Rede in der dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre
+des Großhirns nachgewiesen werden. Auch werden
+in der Regel die einzelnen Arten der Sinnesempfindungen,
+besonders das Sehen und Hören, und die Muskelbewegungen
+auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein
+Sehzentrum, Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen.
+Dagegen ist ziemlich allgemein anerkannt, daß die höheren
+Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, Willensentschlüsse,
+nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden
+sind. (Näheres über das Nervensystem, insbesondere
+die Sinnesorgane vgl. Sammlung Göschen Nr.&nbsp;18:
+Anthropologie, u.&nbsp;Nr.&nbsp;98: Lipps, Grundriß der Psychophysik.)</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">II</span>. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</h2>
+
+<h3><a name="Par_8" id="Par_8"></a>§ 8. Die sogenannten &#8222;Seelenvermögen&#8221;.</h3>
+
+<p>Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich
+durch Annahme von <em class="gesperrt">drei Seelenvermögen</em> erklärt,
+eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und eines Begehrungsvermögens.
+Die darin liegende Dreiteilung der geistigen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
+Vorgänge wird fast allgemein angenommen. &mdash; Die Versuche,
+das eine auf die andern oder alle auf eines zurückzuführen
+(so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer
+wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden
+Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei <em class="gesperrt">zwei wichtige
+Punkte</em> nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck
+&#8222;Vermögen&#8221;, teils was die Dreiteilung betrifft:</p>
+
+<p>1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen
+die Vorgänge der Seele nicht <em class="gesperrt">erklärt</em>, sondern nur
+<em class="gesperrt">klassifiziert</em> sind; denn es ist noch keine Erklärung
+einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in
+dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu
+erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten können,
+sind jedenfalls nur die geistigen Vorgänge selbst und die
+Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.</p>
+
+<p>2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das
+Erkennen, das Fühlen, das Wollen kommen in der
+Seele <em class="gesperrt">nicht getrennt vor</em>. Es gibt wohl kaum einen
+Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen
+sprechen, in denen das Erkennen oder das
+Fühlen oder das Wollen <em class="gesperrt">vorwiegt</em>, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt
+bleiben, daß wir damit in der Wissenschaft eine Trennung
+vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.</p>
+
+
+<h3>1. Das Erkennen.</h3>
+
+<h3><a name="Par_9" id="Par_9"></a>§ 9. Die Empfindung.</h3>
+
+<p>Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste
+Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt,
+<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>ist die <em class="gesperrt">Empfindung</em>. Sie ist zu unterscheiden
+von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust,
+und schließt drei Hauptmomente in sich:</p>
+
+<p>1. Den <em class="gesperrt">äußeren Sinnesreiz</em>. Wenn die Sinnesorgane
+in Tätigkeit treten sollen, so muß eine Wirkung
+auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder
+unmittelbar den Körper berührt oder durch Bewegung
+eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper
+einwirkt. Das erste geschieht z.&nbsp;B. bei Tastempfindungen,
+das zweite beim Sehen, Hören durch die Schwingungen
+des Äthers, der Luft.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Die Erregung eines sensiblen Nerven</em> im
+Körper, die durch den Reiz veranlaßt wird und von den
+peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des
+ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt.
+Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur
+Empfindung.</p>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">Empfindung in der Seele selbst</em>, das
+Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken.</p>
+
+<p>Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen
+1. und 2., durch die sie veranlaßt werden, <em class="gesperrt">ganz ungleich</em>.
+Es läßt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen
+der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir
+können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit
+der Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade
+nach ließ sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund
+der Empfindung allein können wir nie mit Bestimmtheit
+sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als
+die von b ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man
+ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz
+verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der Stärke
+in der entsprechenden Empfindung <em class="gesperrt">eben noch</em> bemerkt
+<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>werden kann. Es zeigte sich, daß <em class="gesperrt">der Zuwachs des</em>
+<em class="gesperrt">Reizes, welcher eine eben noch merkliche Änderung
+der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße,
+zu welcher er hinzukommt, immer in demselben
+Verhältnis steht (Webersches Gesetz)</em>, oder, mathematisch
+ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in geometrischer
+Progression wachsen muß, damit die Empfindung
+in arithmetischer Progression zunehme. Muß man also
+zu einem Gewicht von 3&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> 1&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> zulegen, damit eine
+Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist
+bei 9&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> eine Vermehrung um 3&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> nötig, während nur
+1&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung
+führen würde. <em class="gesperrt">Für die verschiedenen Sinne</em> ist das
+Verhältnis der Reizstärke, das diese sogenannte &#8222;Methode
+der eben merklichen Unterschiede&#8221; ergibt, ein <em class="gesperrt">verschiedenes</em>;
+doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke bestimmen,
+am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen
+wurde 100:101, für Hebungen, also Druckempfindungen,
+unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 gefunden.</p>
+
+<p>Übrigens gibt es auch <em class="gesperrt">subjektive Empfindungen</em>,
+welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize,
+sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag
+oder Druck oder innere Zustände <em class="gesperrt">des Körpers</em> erzeugt,
+doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen
+Charakter tragen (&#8222;spezifische Sinnesenergie&#8221;) und deshalb
+häufig in die Außenwelt hinaus verlegt werden, z.&nbsp;B.
+das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost
+und Hitze im Fieber. Diese Tatsache führte auf die durch
+Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer
+<em class="gesperrt">spezifischen Sinnesenergie</em>, d.&nbsp;h. einer besonderen
+Fähigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize
+verschiedener Art nur gerade die ihm eigentümlichen
+Empfindungen zu vermitteln.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+<p>Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem
+die Reize schon aufgehört haben. Daher erzeugen besonders
+starke Lichtempfindungen sog. &#8222;<em class="gesperrt">Nachbilder</em>&#8221;.</p>
+
+<p>Die Empfindungen sind entweder <em class="gesperrt">einfache</em>, z.&nbsp;B. eine
+Farbe, ein Ton, oder <em class="gesperrt">zusammengesetzte</em>, z.&nbsp;B. ein
+Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen,
+oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hören.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_10" id="Par_10"></a>§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.</h3>
+
+<p>Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden
+Reiz aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren.
+Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt
+werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und
+heißt dann <em class="gesperrt">Vorstellung</em>. Diese Wiedererzeugung findet
+besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung
+selbst wiederkehrt. Wenn ich z.&nbsp;B. eine bestimmte Person
+durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u.&nbsp;s.&nbsp;w. kennen
+gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser
+sinnlichen Eindrücke eine Vorstellung von derselben haben;
+immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des früheren
+Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen
+wieder habe, und die neuen Empfindungen werden
+dann als dieselben wieder erkannt, d.&nbsp;h. es findet eine
+<em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> statt. Dieser Unterschied zwischen
+Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen
+deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden
+noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist,
+z.&nbsp;B. bei der <em class="gesperrt">Wortblindheit</em>, wo die Empfindung,
+das Hören des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen
+Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner Bedeutung,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
+d.&nbsp;h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der
+Sinneseindruck stets zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt
+in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich
+darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet.
+Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als
+Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewußtsein
+kommt, so werden beide Begriffe häufig als gleichbedeutend
+gebraucht.</p>
+
+<p>Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung
+mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewußte
+Arbeit des Wahrnehmenden, sondern <em class="gesperrt">geht unwillkürlich
+vor sich</em>. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum
+Bewußtsein, sie wird daher auch &#8222;<em class="gesperrt">gebundene Vorstellung</em>&#8221;
+genannt. &#8222;<em class="gesperrt">Freie Vorstellungen</em>&#8221; sind
+dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung
+im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen
+Sprachgebrauch wird aber das Wort &#8222;Vorstellung&#8221; vielfach
+auch im <em class="gesperrt">allgemeineren Sinne</em> verwendet zur
+Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt,
+der auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften
+oder Zustände bezogen wird. Es umfaßt dann sowohl
+die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben
+genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders
+in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine
+Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)</p>
+
+
+<h3><a name="Par_11" id="Par_11"></a>§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.</h3>
+
+<p>Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen
+sich losgelöst haben, bekommt das Bewußtsein
+einen selbständigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt
+treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
+neue Vorstellungen ein. Es sind <em class="gesperrt">zwei nebeneinander
+hergehende Reihen von Vorgängen</em>, die sich um
+den Vorrang in der Seele streiten.</p>
+
+<p>Auf einem Spaziergang z.&nbsp;B. tritt vielleicht anfangs
+die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden
+Empfindungen in den Vordergrund. Da führt die Ähnlichkeit
+der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren
+Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben,
+und hinter diesen Gedanken, die sich selbständig fortspinnen,
+treten die äußeren Empfindungen immer mehr
+zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft,
+kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende
+Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen
+unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet
+zugleich eine <em class="gesperrt">Eigentümlichkeit unter den Menschen</em>.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen
+und der äußeren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen,
+die eine Anlage für Musik oder bildende Künste, oder
+für Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem
+Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht
+aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser
+Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter
+Einseitigkeit.</p>
+
+<p>Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen
+in sich: Wie <em class="gesperrt">entstehen</em> die Vorstellungen im Bewußtsein?
+und: Wie <em class="gesperrt">verschwinden</em> sie aus demselben? Sofern sie
+durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage
+schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des
+äußeren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und
+Verschwinden nicht bloß auf Veranlassung der Empfindungen,
+sondern auch im <em class="gesperrt">Verlaufe der freien Vorstellungen</em>
+statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
+neue Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit
+Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen,
+so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es
+zu, daß die einmal verschwundenen Vorstellungen <em class="gesperrt">wiederkehren</em>?</p>
+
+<p>Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen,
+daß sie überhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz
+verschwunden sind, sondern daß sie, wenn auch nicht im
+Bewußtsein, so doch als <em class="gesperrt">unbewußte Zustände</em> noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die
+auf Vorgänge in der Seele &#8222;unter der Schwelle des
+Bewußtseins&#8221; (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare
+Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z.&nbsp;B. der Entfernung eines
+Gegenstandes (s.&nbsp;<a href="#Seite_36">S.&nbsp;36</a>), oder die Welt der Gefühle, deren
+Ursprung uns oft dunkel ist. Über diese Vorgänge unter
+der Schwelle des Bewußtseins können wir aber nie etwas
+Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben
+unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie
+könnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstände des
+Bewußtseins würden.</p>
+
+<p>In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem
+steht der <em class="gesperrt">Traumzustand</em>. Seine Eigentümlichkeit besteht
+wohl hauptsächlich in einer <em class="gesperrt">Schwächung des bewußten
+Willens</em>, der sonst den Verlauf der geistigen
+Vorgänge beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge
+der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch
+das Gefühl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So
+fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke
+von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers,
+sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen
+Zustand verbunden sind. Es wird z.&nbsp;B. schweres Atemholen
+als Alpdrücken, leichtes als Flugbewegung, Stechen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
+im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.</p>
+
+<p>Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen
+Bewußtsein auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz
+unmittelbar veranlaßt zu sein, so zeigt sich, daß die <em class="gesperrt">eine
+Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen
+wird</em>, mit der sie in irgend einer Weise verbunden
+ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man
+<em class="gesperrt">Assoziation</em> der Vorstellungen oder auch <em class="gesperrt">Ideenassoziation</em>.
+Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und
+beruht:</p>
+
+<p>1. Auf der <em class="gesperrt">Ähnlichkeit</em> der Vorstellungen. Die
+Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige
+einer andern ihr ähnlichen hervor.</p>
+
+<p>2. Auf deren <em class="gesperrt">äußerem Zusammenhang in
+Raum und Zeit</em> (Berührungsassoziation). Was wir
+häufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch
+in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung
+eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung
+hervor. Durch diese Assoziation zusammenhängender Vorstellungen
+bekommen wir überhaupt erst die Vorstellung
+von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu
+gehörigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des
+Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe,
+und daß infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z.&nbsp;B.
+die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer zugleich
+wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit
+oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z.&nbsp;B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des
+Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknüpft
+hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten
+Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne
+hervorruft. Je häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung
+von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen
+sie von statten. Die <em class="gesperrt">Übung</em> spielt hier eine große
+Rolle (s.&nbsp;<a href="#Par_28">§&nbsp;28</a>).</p>
+
+<p>Von dem <em class="gesperrt">Verschwinden der Vorstellungen</em>
+glauben nun die einen, es sei das natürlichere und bedürfe
+keiner besonderen Erklärung, die andern verlangen
+umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem
+Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche
+sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung
+sagen, daß kein Zustand sich verändert, ohne daß
+ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß allerdings
+das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich
+vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von
+der Voraussetzung ausgehen, daß wegen der sogenannten
+<em class="gesperrt">Enge des Bewußtseins</em> immer nur eine beschränkte
+Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich befinden
+kann, so daß also die einen durch die andern
+verdrängt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen
+zur Verdrängung anderer oder ihre <em class="gesperrt">Stärke</em> beruht,
+das ergibt sich zum Teil aus den <em class="gesperrt">Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung</em>, zum Teil aus der <em class="gesperrt">Bedeutung</em>,
+welche sie für das vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger
+die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist,
+desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen
+den Vorzug erhalten, z.&nbsp;B. in der Regel das <span class="antiqua">h</span> der alphabetischen
+Reihenfolge <span class="antiqua">e f g h</span> vor dem <span class="antiqua">a</span> der musikalischen
+Tonleiter <span class="antiqua">e f g a</span>. Andrerseits wird die Vorstellung mit
+um so mehr Stärke sich ins Bewußtsein drängen, je
+wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand für uns
+selbst und je größer infolgedessen das auf <em class="gesperrt">Gefühlen</em>
+<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>beruhende <em class="gesperrt">Interesse</em> ist, das wir an ihm haben.</p>
+
+
+<h3>§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.</h3>
+
+<p>Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen
+hängen zwei Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben
+eine große Rolle spielen, die <em class="gesperrt">Aufmerksamkeit</em>,
+d.&nbsp;h. die Fähigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen
+zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten,
+und das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em>, d.&nbsp;h. die Fähigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich
+zu <em class="gesperrt">erinnern</em>.</p>
+
+<p>Man unterscheidet zwischen <em class="gesperrt">unwillkürlicher</em> und
+<em class="gesperrt">willkürlicher</em> Aufmerksamkeit. Die <em class="gesperrt">unwillkürliche</em>
+wird durch einen plötzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen,
+indem er uns veranlaßt, uns demselben zuzuwenden,
+damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen.
+So zieht z.&nbsp;B. eine Lichterscheinung oder ein plötzliches
+Geräusch unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich.
+<em class="gesperrt">Die willkürliche Aufmerksamkeit entsteht durch das
+Interesse</em> (s.&nbsp;<a href="#Par_11">§&nbsp;11</a>), das die Willenstätigkeit veranlaßt,
+die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen
+hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf
+ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer
+festzuhalten, so ist sie von der Stärke derselben abhängig
+und kann erzeugt werden teils dadurch, daß
+das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang
+der Vorstellungen streng festgehalten wird.
+Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, <em class="gesperrt">die
+Zerstreutheit</em>.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> beruht auf den <em class="gesperrt">Gesetzen der
+Reproduktion</em>. Wir können eine Vorstellung wiedererzeugen,
+uns auf sie &#8222;<em class="gesperrt">besinnen</em>&#8221;, indem wir der Vorstellungsreihe
+nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und
+so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung
+mit andern ist, desto leichter können wir uns
+ihrer erinnern. Wir prägen uns also etwas ein, indem
+wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen
+hineinstellen und zwar entweder auf <em class="gesperrt">mechanische Weise</em>
+durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen,
+die uns durch Übung geläufig wird, wobei wir
+im allgemeinen an <em class="gesperrt">die Richtung gebunden sind, in
+welcher die Assoziationen eingeübt wurden</em> (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort
+läßt sich nur schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte
+Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z.&nbsp;B. französisch-deutsch,
+geläufig); oder auf <em class="gesperrt">logische</em> Weise durch Aufnahme
+der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang,
+den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze
+leicht wiedererzeugen können, z.&nbsp;B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.</p>
+
+<p>Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch
+häufige <em class="gesperrt">Übung</em> und durch das <em class="gesperrt">Interesse</em>, das dem
+Verschwinden der Vorstellungen entgegenwirkt. Mit dem
+Unterschied des Interesses hängt es auch zusammen, daß
+das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis
+für Worte, Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder
+für bestimmte Gebiete der Wissenschaft die Rede ist. Außerdem
+aber kommen hierbei <em class="gesperrt">angeborene Eigentümlichkeiten</em>
+des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke,
+z.&nbsp;B. für bloß gehörte, oder für außerdem
+gesprochene, oder für bloß gelesene Worte geltend machen.
+Man hat danach ein akustisches, motorisches und visuelles
+Gedächtnis unterschieden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_13" id="Par_13"></a>§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.</h3>
+
+<p>Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung
+entspricht, z.&nbsp;B. die einer Farbe, kann man <em class="gesperrt">Einzelvorstellung</em>
+nennen. Aus Einzelvorstellungen setzt sich die
+Vorstellung von Gegenständen, Personen, Verhältnissen,
+Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung eines individuellen
+Ganzen oder die <em class="gesperrt">Individualvorstellung</em>. Diese
+Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung
+eines <em class="gesperrt">Dings</em> in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn
+man die angeblich daran haftenden Eigenschaften, d.&nbsp;h.
+Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die Richtigkeit dieser Vorstellung,
+deren Vorhandensein die Psychologie nur feststellt,
+hat die Metaphysik zu untersuchen.</p>
+
+<p>Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit
+strebt, begnügt sich jedoch nicht mit einer Menge von
+Individualvorstellungen, sondern er sucht dieselben durch
+Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt
+in der Seele ein <em class="gesperrt">gemeinsames Bild von unbestimmtem
+Charakter</em> zurück, das nur die allen gemeinsamen
+Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält:
+die allgemeine oder <em class="gesperrt">Gemeinvorstellung</em>. Wenn
+vom Menschen im allgemeinen die Rede ist, schwebt uns
+dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres Bild vor, das
+mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame
+darstellt.</p>
+
+<p>Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen
+könnten aber nicht auseinandergehalten und
+weiter ausgebildet werden, wenn sie nicht an ein bestimmtes
+Zeichen gebunden werden könnten. Diesem Bedürfnis
+<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
+kommt die <em class="gesperrt">Sprache</em> entgegen. Jedes <em class="gesperrt">Wort ist ein
+Zeichen für eine Gemeinvorstellung</em>; nur wo
+die Unterscheidung der Individuen einen besondern Wert
+hat, wie beim Menschen, da erhält auch die Individualvorstellung
+ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für
+<em class="gesperrt">ein</em> Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen
+sind die <em class="gesperrt">Eigennamen</em>. Sonst bezeichnet
+ein Wort, z.&nbsp;B. Tisch, nur die Gemeinvorstellung, der kein
+bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch entspricht, und
+kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: &#8222;dieser
+Tisch&#8221; auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.</p>
+
+<p>Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann
+die Gemeinvorstellung genauer umgrenzt werden und in
+<em class="gesperrt">die bestimmtere</em> Form <em class="gesperrt">des Begriffes übergehen,</em>
+die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können
+als <em class="gesperrt">Urteile</em>, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit
+größter Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung
+neuer Vorstellungen aus der Verbindung anderer
+nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von <em class="gesperrt">Schlüssen</em>
+an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen <em class="gesperrt">Denkens</em>.
+Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe
+der Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist
+also nur der, daß, was dort unwillkürlich geschah, jetzt
+mit voller Klarheit und mit der bestimmten <em class="gesperrt">Absicht</em> vollzogen
+wird, die Natur und die geistige Welt oder ihren
+Zusammenhang zu <em class="gesperrt">erkennen</em>, d.&nbsp;h. solche Vorstellungen
+und Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit
+entsprechen. Dazu gehört dann, daß die beziehende
+Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der Aufmerksamkeit auf
+ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach bestimmten
+Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden.
+So bildet das Denken den <em class="gesperrt">Begriff</em> durch Ausscheidung
+der ungleichartigen und Zusammenfassung der gemeinsamen
+Merkmale, z.&nbsp;B. den Begriff Parallelogramm durch Weglassung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
+der wechselnden Merkmale: Größenverhältnis der
+nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und Zusammenstellung
+der allen gemeinsamen: Viereck und
+Parallelität der Gegenseiten. Das <em class="gesperrt">Urteil</em> entsteht durch
+Verknüpfung der Begriffe, z.&nbsp;B. das Rechteck ist ein
+Parallelogramm; und der <em class="gesperrt">Schluß</em> ist die Ableitung eines
+Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z.&nbsp;B.
+aus den beiden Urteilen: &#8222;Dieses Viereck ist ein Parallelogramm&#8221;
+und: &#8222;Im Parallelogramm halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig&#8221; das dritte als Schlußfolgerung
+abgeleitet: &#8222;In diesem Viereck halbieren sich die Diagonalen
+gegenseitig.&#8221; Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige
+Schlüsse zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.</p>
+
+<p>Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden
+auch, besonders seit Kant, an verschiedene Vermögen verteilt.
+Dem <em class="gesperrt">Verstand</em> als dem &#8222;Vermögen der Begriffe&#8221;
+wird die begriffliche Verarbeitung der Erfahrung zugeschrieben
+im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Vernunft</em>, die &#8222;als Vermögen
+der Ideen&#8221; auf die Erkenntnis des über die Erfahrung
+Hinausgehenden, des &#8222;Übersinnlichen&#8221; gerichtet sei.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_14" id="Par_14"></a>§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden
+Weltganzen.</h3>
+
+<p>Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es
+von der einfachen Empfindung aus zu Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen und endlich zum Denken fortschreitet.
+Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, den
+wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem
+Vorstellen finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen,
+Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse an,
+sondern auch eine <em class="gesperrt">zusammenhängende Vorstellung
+der wirklichen Welt</em>, in welche unsere einzelnen Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
+sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage:
+Wie kommt diese umfassende Vorstellung zustande? Da
+kommen zuerst die beiden Hauptformen in Betracht, durch
+die wir den ganzen Stoff unserer Erfahrung ordnen: der
+<em class="gesperrt">Raum</em> und die <em class="gesperrt">Zeit</em>, und dann die Grundform, durch
+die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die <em class="gesperrt">Kausalität</em>.</p>
+
+<p>Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die
+körperliche Welt zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung
+von der <em class="gesperrt">Zeit</em> überhaupt haben wir nur, indem wir wahrnehmen,
+daß das, was früher war, nun nicht mehr ist,
+also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung
+von irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere
+Zustände wiedererkennen; denn nur so können wir einen
+zeitlichen Abstand von ihnen uns vorstellen. Je mehr wir
+also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl verweilen,
+ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr
+schwindet die Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte
+Vorstellung von der Zeit, losgelöst von dem, was in ihr
+geschieht, ist nur mit Hilfe der räumlichen Anschauung,
+etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit bestimmten
+Abschnitten möglich.</p>
+
+<p>Wollen wir die <em class="gesperrt">Zeitabschnitte</em> ohne besondere Hilfsmittel
+bloß mit Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände
+<em class="gesperrt">schätzen</em>, so sind wir dabei von zweierlei abhängig,
+von dem <em class="gesperrt">Interesse</em>, das die einzelnen Zustände des zu
+schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der <em class="gesperrt">Menge</em>
+derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein
+Ereignis unseres Lebens mit dem Interesse, das sich für
+uns daran knüpft, uns lebhaft vergegenwärtigen, so daß
+die dazwischenliegenden, weniger wichtigen Vorgänge zurücktreten.
+Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen,
+von einer großen Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende
+Punkte ausgefüllt sind. Diese subjektive Schätzung
+der Zeit ist also eine unsichere und wechselnde. Man hat
+daher einen <em class="gesperrt">objektiven Maßstab</em> der Zeit aufgestellt,
+indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur,
+Bewegungen der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu
+benutzt, deren Wiederholungen gezählt werden.</p>
+
+<p>Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in
+der Form des Raumes haben, während unsere Vorstellung
+selbst nicht räumlicher Natur ist, so erhebt sich die Frage,
+wie wir zu dieser <em class="gesperrt">Vorstellung eines Raumes</em> gelangen?
+Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z.&nbsp;B. ein Gebäude,
+so enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente.
+Wir erhalten eine Vorstellung von dessen Entfernung
+von uns und machen uns außerdem ein Bild von seiner Länge,
+Breite und Höhe, also von seinen drei Dimensionen.</p>
+
+<p>Um die <em class="gesperrt">Entfernung</em> zu messen, denken wir uns eine
+gerade Linie von dem Gebäude bis zu unserem Standort. Von
+der Entfernung selbst aber haben wir keine bestimmte unmittelbare
+Empfindung, sie ist vielmehr das Resultat einer
+Vergleichung zwischen der <em class="gesperrt">wirklichen und scheinbaren
+Größe</em> des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so
+schnell vor sich geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung
+erscheint. Je kleiner das Wahrgenommene im
+Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer
+schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich
+der wirklichen Größe nähert, desto geringer erscheint sie
+uns. Zum Zweck genauerer Schätzung wird die wirkliche
+Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch daneben
+stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt
+ist, oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe
+nicht bekannt ist und nicht ermittelt werden kann, die der<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
+Entfernung entsprechende Gerade in mehrere Teile zerlegt,
+deren Entfernung durch andere dazwischenliegende Gegenstände
+bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung
+auf dem Meer oder auf einförmiger Ebene sehr schwer
+zu schätzen. Überhaupt läßt sich von den drei Elementen:
+wirkliche Größe, scheinbare Größe und Entfernung, wenn
+zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch
+die Dicke und Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht
+bedingte größere oder geringere Deutlichkeit der
+Umrisse.</p>
+
+<p>Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung
+ohne Messung der die Entfernung darstellenden Geraden
+ist die <em class="gesperrt">Parallaxe</em>; d.&nbsp;h. die Größe der scheinbaren Verschiebung,
+welche ein Gegenstand im Verhältnis zu einem
+feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von
+zwei verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter
+der Gegenstand entfernt ist, desto kleiner erscheint die
+Verschiebung. So scheinen uns z.&nbsp;B. bei einer Eisenbahnfahrt
+die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung
+der Entfernung durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen,
+den die von dem Gegenstand zu den beiden
+Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie
+vielfach verwendet.</p>
+
+<p>Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von
+<em class="gesperrt">drei Dimensionen</em> eines Körpers? Was wir zunächst
+sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener Schattierung.
+Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt
+ein Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen
+hat, einen Würfel als Quadrat, eine Kugel als<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
+Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. Die Vorstellung
+von einer <em class="gesperrt">Ausdehnung nach der Richtung
+der Tiefe</em> bekommen wir erst durch eine Verbindung der
+Gesichtsempfindungen mit den Tast- und Bewegungsempfindungen.
+Indem wir uns um den Körper herum
+bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von
+einer bestimmten Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben
+hat, sondern daß sich andere Flächen an die zuerst gesehene
+anschließen, und der Tastsinn, der den verschiedenartigen
+von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt
+und damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen
+ermöglicht, ergänzt dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung
+von Form und Begrenzung der Körper.</p>
+
+<p>Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt
+möglich ist, daß <em class="gesperrt">die unräumliche Seele räumliche
+Bilder auffassen kann</em>; sie hat ja wohl die Vorstellung
+eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht
+die Theorie von den <em class="gesperrt">Lokalzeichen</em>, die <em class="gesperrt">Lotze</em> (&dagger;&nbsp;1881)
+aufgestellt hat, d.&nbsp;h. die Ansicht, daß je nach der Stelle
+der Netzhaut des Auges oder der Hautoberfläche, die von
+dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst noch einen
+besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den
+dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe
+Farbeneindruck <span class="antiqua">R</span>, je nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen
+versehen ist, also als <span class="antiqua">Ra</span>, <span class="antiqua">Rb</span>, <span class="antiqua">Rc</span> die Seele trifft,
+an verschiedene Orte des Raumes <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> oder <span class="antiqua">c</span> verlegt
+werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit
+angenommen werden, diese Zeichen räumlich zu
+deuten und zu einer Gesamtvorstellung des Raumes zu
+erweitern.</p>
+
+<p>So sind uns die Formen des Raums und der Zeit
+dazu behilflich, ein einheitliches Bild von der wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
+Welt zu bekommen. Doch vollendet sich diese Einheit
+erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem
+<em class="gesperrt">inneren Zusammenhang</em> als ein <em class="gesperrt">System von Ursachen
+und Wirkungen</em> auffassen. Wir nehmen an,
+daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß die
+gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt.
+Dieses Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar
+wahr; was wir wahrnehmen, ist vielmehr nur,
+<em class="gesperrt">daß die Erscheinung <span class="antiqua">b</span> regelmäßig eingetreten
+ist, wenn die Erscheinung <span class="antiqua">a</span> eintrat</em>. Daß <span class="antiqua">a</span> die
+Ursache von <span class="antiqua">b</span> ist, das ist eine Annahme, die wir selbst
+hinzubringen und die durch die regelmäßige Aufeinanderfolge
+von <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">b</span> nur veranlaßt ist. Inwieweit diese
+Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu untersuchen.
+Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende
+Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang
+der Erscheinungen nach diesem Kausalitätsgesetz zu
+deuten.</p>
+
+
+<h3>2. Das Fühlen.</h3>
+
+<h3><a name="Par_15" id="Par_15"></a>§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.</h3>
+
+<p>Die Gefühle sind <em class="gesperrt">Zustände von Lust und Unlust</em>;
+sie unterscheiden sich dadurch von den <em class="gesperrt">Empfindungen</em>
+und <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, die für sich allein uns <em class="gesperrt">gleichgültig</em>
+wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und
+Empfindung zeigt sich z.&nbsp;B. auch darin, daß bei demselben
+äußeren Reiz die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl
+vorangehen, so bei der Berührung eines heißen
+Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als die
+Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller
+von der Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks
+übergehen, als von dem Gefühl eines Glückes zu dem<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
+eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, daß das Gefühl
+die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch
+nimmt, als Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit
+aber sind die Empfindungen und Vorstellungen immer
+mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, sie haben
+einen sogenannten &#8222;Gefühlston&#8221;, und darin besteht das
+<em class="gesperrt">Interesse</em>, das wir an ihnen nehmen, und der <em class="gesperrt">Wert</em>
+oder <em class="gesperrt">Unwert</em>, den wir ihnen beilegen.</p>
+
+<p>Es gibt <em class="gesperrt">unendlich viele verschiedene Arten
+der Lust und Unlust</em>. Die Gefühle unterscheiden sich
+nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder Weniger von
+Lust und Unlust; es sind z.&nbsp;B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß
+einer schmackhaften Speise, an die Vollführung einer
+guten Tat und an die Betrachtung eines schönen Gemäldes
+knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v.&nbsp;Hartmann
+will, sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen
+je zu einer Gesamtsumme addieren, um durch die Vergleichung
+beider zu dem Schluß zu kommen, daß die
+Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme,
+und daß für die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei
+als Sein. (Pessimismus.)</p>
+
+<p>Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben,
+nicht näher beschreiben; doch werden diejenigen
+einander ähnlich sein, die sich an ähnliche Zustände oder
+Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach
+ihrer Herkunft einteilen in <em class="gesperrt">körperliche Gefühle</em>,
+die von körperlichen Zuständen, und <em class="gesperrt">geistige Gefühle</em>,
+die von geistigen Zuständen herrühren. Unter den
+letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen Gefühle,
+die auf unser <em class="gesperrt">individuelles Wohl und Wehe</em> sich
+beziehen &mdash; Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die
+geselligen Gefühle, Liebe und Haß, solange sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
+durch sittliche Anschauungen geläutert sind &mdash; unterscheiden
+von den höheren geistigen Gefühlen, die an
+<em class="gesperrt">allgemein gültige geistige Güter der Menschheit</em>
+sich knüpfen: die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und
+religiösen Gefühle.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_16" id="Par_16"></a>§ 16. Die körperlichen Gefühle.</h3>
+
+<p>Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an
+die <em class="gesperrt">Empfindungen</em> an und sind nach <em class="gesperrt">Art</em> und <em class="gesperrt">Stärke</em>
+von ihnen abhängig. Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen
+Gefühlston, der dieselbe zu einer &#8222;angenehmen&#8221;
+oder &#8222;unangenehmen&#8221; Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung.
+Läßt man einen Ton zu übergroßer Stärke anwachsen,
+nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, wird das
+Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden
+sich mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle.
+Andererseits kann ein an sich unangenehmer
+Eindruck, z.&nbsp;B. ein bitterer oder sauerer Geschmack, bei
+geringer Intensität als angenehm empfunden werden.</p>
+
+<p>Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so
+ist das körperliche Gefühl um <em class="gesperrt">so stärker</em>, <em class="gesperrt">je weniger
+Wert für die Erkenntnis</em> die Reize haben, von denen
+es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, <em class="gesperrt">die
+eigentlichen Schmerzen</em>, finden sich bei inneren Vorgängen
+im Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden
+Reize gar nicht oder nur in geringem Maße stattfindet.
+<em class="gesperrt">Geschmack und Geruch</em> sind auch noch mit
+deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden,
+geben aber nur einen unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis
+der Gegenstände, durch die sie vermittelt sind. <em class="gesperrt">Gesichts-
+und Gehörempfindungen</em> aber, welche für
+die Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
+scheinen oft ganz ohne begleitende Gefühle aufzutreten
+und lassen immer nur schwer eine Bestimmung der besonderen
+mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch
+mehr beim Sehen von Farben so im Vordergrund, daß
+der &#8222;Gefühlston&#8221; nur bei besonderer Aufmerksamkeit zum
+Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von Erkenntniswert
+und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen
+durch starke Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_17" id="Par_17"></a>§ 17. Die geistigen Gefühle.</h3>
+
+<p>Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche
+Zustände, durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt;
+aber sie sind von diesen selbst nicht unmittelbar abhängig,
+sondern von den Vorstellungen, die dadurch hervorgerufen
+werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres
+Körpers verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das
+durch ein beleidigendes Wort hervorgerufen wird.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Intellektuelle</em> Gefühle entstehen aus dem inneren
+Verhältnis der Vorstellungen. Wenn der Verlauf des
+geistigen Lebens zur Herstellung von Einheit und Zusammenhang
+unter den Vorstellungen führt, so entstehen
+Gefühle der Lust, z.&nbsp;B. bei einer Entdeckung, die den
+Zusammenhang einer Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits
+ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, Widerspruch auf
+dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die <em class="gesperrt">ästhetischen</em>
+Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des
+<em class="gesperrt">Schönen</em>. Sie sind vielleicht daraus zu erklären, daß
+ein ursprüngliches Bedürfnis des menschlichen Geisteslebens,
+die &#8222;Einheit in der Mannigfaltigkeit&#8221; (s.&nbsp;<a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>)
+durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
+irgend ein Bruchstück der Welt und des Menschenlebens
+uns erscheint, in der vollkommensten Weise befriedigt
+wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt zusammen der
+<em class="gesperrt">Geschmack</em>, d.&nbsp;h. die Empfänglichkeit für ästhetische Eindrücke,
+verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen,
+das Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und
+die <em class="gesperrt">Phantasie</em>, d.&nbsp;h. die Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen,
+im Unterschied von der <em class="gesperrt">Einbildungskraft</em>,
+dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben
+dem Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer
+Landschaft, die ihm geschildert wird, mit Hilfe seines
+eigenen Vorrats an Vorstellungen sich ein anschauliches
+Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches
+Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der
+Schilderung folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form
+gibt, es gleichsam zum Gemälde gestaltet. Die künstlerische
+Phantasie ist davon nur dem Grade nach verschieden.
+Das <em class="gesperrt">sittliche Gefühl</em> ist an die Vorstellung
+gewisser Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl
+der Lust oder Unlust ist, werden die Handlungen als
+gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen des sittlichen
+Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze
+des Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu
+befolgen, d.&nbsp;h. der Charakter (s.&nbsp;<a href="#Seite_63">S.&nbsp;63</a>). Der Begriff
+des <em class="gesperrt">Gewissens</em> umfaßt ebenso die ersten Regungen des
+sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen).
+Das <em class="gesperrt">religiöse</em> Gefühl ist mit der Vorstellung
+der Beziehung zu Gott oder zu Göttern verbunden. Auf
+der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem sittlichen
+Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich
+abhängig fühlt, werden zu Trägern sittlicher Ideale.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_18" id="Par_18"></a>§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.</h3>
+
+<p>Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich
+so stark auftreten, daß es die Überlegung des Verstandes
+vollständig zurückdrängt und den Willen beherrscht; dieser
+plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der <em class="gesperrt">Affekt</em>, z.&nbsp;B. der
+Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in
+einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur
+<em class="gesperrt">Leidenschaft</em>, beständig bereit, den Willen sich völlig zu
+unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die <em class="gesperrt">Gesinnungen</em>,
+z.&nbsp;B. Vaterlandsliebe, Frömmigkeit. Hier
+hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit gewissen
+Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von
+Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber
+von der Leidenschaft durch größere Dauer und eine gewisse
+Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren Einfluß auf
+den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen
+ist das <em class="gesperrt">Gemüt</em>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_19" id="Par_19"></a>§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.</h3>
+
+<p>Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander,
+sondern schließen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an
+die Vorstellungen an, nur daß die Gefühle langsamer
+wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl
+auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen
+hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefühle
+wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will
+ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer
+Zeit in derselben Lage zurückrufen, so kann ich es nur
+durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstände.</p>
+
+<p>Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz,
+das auch für den Vorstellungsverlauf gilt, in viel<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
+stärkerem Maße: das <em class="gesperrt">Gesetz der Beziehung</em>. Das
+Gefühl ist <em class="gesperrt">etwas in hohem Grade Relatives</em>. Jedes
+Gefühl ist davon abhängig, <em class="gesperrt">was für ein anderes
+vorangegangen ist</em>. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe
+Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns
+ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der
+Lust ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als
+wenn es in einem Zustand der Gleichgültigkeit entsteht;
+das Gefühl der Genesung ist mächtiger, als das der
+Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so
+können sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche
+Nervensystem erträgt nur ein beschränktes Maß von Lust
+und Schmerz.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wiederholt</em> sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich
+<em class="gesperrt">abgestumpft</em>. Der häufige Genuß derselben schmackhaften
+Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft
+wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt
+Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle,
+die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern
+bloß passive Hingabe an einen Eindruck mit sich führen,
+dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die wiederholte
+Übung zur <em class="gesperrt">Verstärkung</em> bei. Das Anhören eines
+klassischen Musikstücks kann bei jeder Wiederholung
+höheren Genuß gewähren, indem die Phantasie jedesmal
+leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstücks
+eindringt.</p>
+
+<p>Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art <em class="gesperrt">verschmelzen</em> sich
+zu einem <em class="gesperrt">Totalgefühl</em>, in das sie als <em class="gesperrt">Partialgefühle</em>
+eingehen. Bei sämtlichen höheren geistigen Gefühlen finden
+solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z.&nbsp;B. die
+ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes aus
+Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie,
+aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
+der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses
+stammen.</p>
+
+<p>Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche
+eine gewisse Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen
+von &#8222;<em class="gesperrt">gemischten Gefühlen</em>&#8221;. So entsteht das Gefühl
+der Wehmut aus einer Mischung von Trauer über das
+Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_20" id="Par_20"></a>§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.</h3>
+
+<p>Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der
+Gefühle ist das sogenannte &#8222;<em class="gesperrt">Lebens</em>&#8221;- oder &#8222;<em class="gesperrt">Gemeingefühl</em>&#8221;.
+In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich
+unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines
+Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+&#8222;Gemeinempfindungen&#8221; (z.&nbsp;B. Hunger und Durst) geknüpften
+Gefühlen entsteht und sich auch dadurch von
+den einzelnen körperlichen Gefühlen unterscheidet, daß es
+sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers beziehen,
+nicht &#8222;lokalisieren&#8221; läßt.</p>
+
+<p>Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem
+Lebensgefühl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen
+zusammen. Dazu gehören:</p>
+
+<p>1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z.&nbsp;B. bei Sinnesempfindungen,
+die zu <em class="gesperrt">unbedeutend</em> sind, um als besondere
+zum Bewußtsein zu kommen.</p>
+
+<p>2. Gefühle, die sich an <em class="gesperrt">Zustände einzelner Körperteile</em>
+knüpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen,
+z.&nbsp;B. Zahnschmerz.</p>
+
+<p>3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen
+Verteilung im Körper und ihrer <em class="gesperrt">allgemeinen
+Bedeutung</em> für den Fortgang des Lebens gewöhnlich
+überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z.&nbsp;B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
+oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer
+Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch
+die wichtigsten Faktoren für das Gemeingefühl. Das
+Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der &#8222;<em class="gesperrt">Stimmung</em>&#8221;,
+die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefühlsstandes
+darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung
+kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute
+Luft und das dadurch erhöhte Lebensgefühl als der
+Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.</p>
+
+<p>Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die
+Lebensgefühle und die Stimmungen eine Beschreibung zu.
+Es können nur einige allgemeine Ausdrücke angeführt
+werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet
+haben. Man spricht von einer <em class="gesperrt">reizbaren</em>, <em class="gesperrt">apathischen</em>,
+<em class="gesperrt">gehobenen</em> Stimmung. In den Gegensätzen der <em class="gesperrt">Kraft</em>
+und der <em class="gesperrt">Mattigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Freiheit</em> und der <em class="gesperrt">Beklommenheit</em>,
+der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> und der <em class="gesperrt">Furcht</em> bewegen
+sich Stimmung und Lebensgefühl.</p>
+
+<p>Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden
+Schattierungen des &#8222;Lebensgefühls&#8221; und der Stimmung
+<em class="gesperrt">für die Erinnerung</em>, für die Festhaltung von Vorstellungen,
+durch die es in besonderer Weise verändert
+wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann
+mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung
+unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch,
+daß wir uns in die damalige Stimmung wieder
+hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind
+meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem
+Gedächtnis entschwunden, z.&nbsp;B. die Ereignisse vor einer
+schweren Krankheit wegen des krankhaft veränderten Lebensgefühls.
+Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen
+miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche
+Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
+in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher
+schon einmal gewesen zu sein.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_21" id="Par_21"></a>§ 21. Die Temperamente.</h3>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Temperamente</em> sind eine Art angeborener
+Stimmung, vorwiegender Empfänglichkeit für bestimmte
+Gefühle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens,
+durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrücke
+der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Veränderungen der Stimmung und
+des Lebensgefühles bewegen sich bei jedem Individuum
+innerhalb bestimmter Grenzen, die von der körperlichen
+und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente
+gibt es eigentlich <em class="gesperrt">so viele, als es Individuen gibt</em>.
+Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus
+vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb
+deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das
+sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser
+Ausdrücke zwischen <em class="gesperrt">Temperamenten des Gefühls</em>:
+dem leichtblütigen (sanguinischen) und schwerblütigen (melancholischen),
+und <em class="gesperrt">Temperamenten der Tätigkeit</em>: dem
+warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).</p>
+
+<p>Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die
+Bewegung der geistigen Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben
+abhängig ist. Nach der gewöhnlichen Auffassung
+sind die Merkmale des <em class="gesperrt">sanguinischen</em> Temperaments:
+lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige
+Rückwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns
+und Beständigkeit der Gesinnungen; des <em class="gesperrt">phlegmatischen</em>:
+geringere Erregbarkeit für äußere Reize, Neigung zu geduldiger
+Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des
+<em class="gesperrt">cholerischen</em>: starke Erregbarkeit in einer bestimmten
+Richtung und große Energie der Rückwirkung, daher oft
+Konsequenz des Charakters; des <em class="gesperrt">melancholischen</em>: große
+Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren,
+aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben
+ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen
+Ziele.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em> leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen
+in der Art der Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche,
+Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende
+Tafel der Temperamente:</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Tafel der Temperamente">
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Starke:</em></td><td align="left"><em class="gesperrt">Schwache:</em></td></tr>
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Schnelle</em></td><td align="left"></td><td align="left">cholerisch</td><td align="left">sanguinisch</td></tr>
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Langsame</em></td><td align="left">&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;</td><td align="left">melancholisch &nbsp;</td><td align="left">phlegmatisch.</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten
+rein ausgeprägt, und es ist die Aufgabe eines normalen
+Geisteslebens, ihre Einseitigkeit zu vermeiden.</p>
+
+<p>Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen
+Rassen, Völker, Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist
+ein anderer Gegensatz in jener Vierteilung nicht deutlich
+genug vertreten, der auch eine Art angeborener Eigentümlichkeit
+des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen <em class="gesperrt">optimistischer</em> und <em class="gesperrt">pessimistischer</em> Weltanschauung,
+zwischen der vorwiegenden Empfänglichkeit für
+Lust und der für Unlust.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_22" id="Par_22"></a>§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.</h3>
+
+<p>Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein.
+Wir machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis
+ein Bild von uns selbst, bei welchem zunächst der
+Körper im Vordergrund steht und später auch der Geist
+in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
+wird. Mit &#8222;Ich&#8221; bezeichnen wir die <em class="gesperrt">beharrliche Einheit</em>
+aller wechselnden Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich
+aber sprechen wir damit aus, daß wir alle diese
+inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, die
+von ihnen abhängen, als <em class="gesperrt">unsere eigenen</em> erkennen. Der
+tiefste Grund für diese Unterscheidung unseres &#8222;Ich&#8221; von
+andern liegt im &#8222;<em class="gesperrt">Selbstgefühl</em>&#8221;. Die ganze Vorstellungswelt,
+die wir in der formalen Einheit unseres
+Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit
+verbinden, zweifellos und unmittelbar als Zustände
+unseres eigenen Selbst im Unterschied von andern erleben
+würden. Erst allmählich entwickelt sich auf Grund dieses
+Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist,
+das <em class="gesperrt">Selbstbewußtsein</em>, indem das &#8222;Ich&#8221; lernt, sich
+denkend von seinen Zuständen zu unterscheiden. Im <em class="gesperrt">Mitgefühl</em>
+erweitert sich dann wieder dieses Ich zur inneren
+Teilnahme an dem, was andere fühlen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_23" id="Par_23"></a>§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.</h3>
+
+<p>Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die
+Gefühle für das menschliche Dasein überhaupt haben. Eine
+naheliegende, aber vielfach auch sich bestätigende Antwort
+auf diese Frage ist, daß <em class="gesperrt">Lust eine Förderung</em> und
+<em class="gesperrt">Unlust eine Hemmung</em> des körperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen
+mit der Größe der Störung, die im Organismus
+stattfindet. Der Geschmack zeigt als Lust- oder Unlustgefühl
+an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem Körper
+zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunächst die
+Lebensfunktion, indem sie mit einem Teile ihrer Eigenschaften
+auf die Geschmacksnerven wirken; erst bei ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
+weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die <em class="gesperrt">geistigen
+Gefühle</em>. Auch ein schädlicher geistiger Genuß zeigt
+richtig die Förderung des geistigen Lebens an irgend einem
+Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die daraus folgende
+Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist nicht
+Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die
+wichtigste Aufgabe der Lebensklugheit.</p>
+
+<p>Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem <em class="gesperrt">Verständnis
+der umfassenden Bedeutung des Gefühls</em>,
+deren nähere Darlegung in Beziehung auf den Zusammenhang
+der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf
+dem Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt
+des Lebens. Die theoretische Einsicht in das, was nützlich
+und schädlich ist, reicht nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung
+zu bewahren. Keine noch so vollendete Ausbildung
+des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer
+Art damit verbunden wäre. In den meisten Fällen ist
+vielmehr jene Einsicht gar nicht vorhanden. Der Mensch
+vermeidet z.&nbsp;B. den Genuß übelriechender Speisen für
+gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der
+Gedanke daran ihm verursacht. Wenn dem Mörder vor
+der Tat das Gewissen schlägt, so geschieht es nicht, weil
+er die Gefahr solcher Grundsätze für die Existenz der
+Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er <em class="gesperrt">fühlt unmittelbar</em>
+die Qual des Gewissens als ein mächtiges
+Unlustgefühl.</p>
+
+<p>So wird also der Mensch durch die Lust, die er
+sucht, und die Unlust, die er vermeidet, so geleitet, daß
+die Erhaltung und Vervollkommnung des einzelnen, wie
+des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
+der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel
+in der Hand der Vorsehung, die Entwickelung der
+Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, die eine Welt
+von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler
+Art würden jene Ideale der Menschheit (s. <a href="#Par_1">§&nbsp;1</a>) ihrer
+Verwirklichung entgegenführen.</p>
+
+
+
+
+<hr class="chap" />
+<h2>3. Das Wollen.</h2>
+
+<h3><a name="Par_24" id="Par_24"></a>§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.</h3>
+
+
+<p>Das Wollen ist wie das Fühlen ein <em class="gesperrt">einfacher und
+ursprünglicher Akt des Geisteslebens</em>, der sich nicht
+näher beschreiben, aber doch in seinen Äußerungen verfolgen
+läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer
+eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in
+der Innenwelt des Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung
+der ersteren Art zustande zu bringen, ist die
+Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden
+Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht
+wird, lassen sich daher auch die verschiedenen
+Stufen des Willens am besten beobachten. Zum eigentlichen
+Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck,
+der erreicht werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch
+die er erreicht werden soll. Dies ist aber erst das
+Resultat einer längeren Entwickelung.</p>
+
+<p>Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen,
+wenn er nicht zuerst Bewegungen ausführen würde, die
+er <em class="gesperrt">nicht gewollt</em> hat. Schon die vom Stoffwechsel ausgehenden
+Nervenerregungen müssen zu <em class="gesperrt">unwillkürlichen
+Bewegungen</em> führen; denn die angesammelte Spannkraft
+muß einen Ausweg in Bewegungen finden. Beispiele
+dafür gehen auch noch neben dem bewußten Wollen her,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
+wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden,
+oder eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser
+Bewegung sich kundgibt. So gelangt das Kind,
+indem es seine eigenen automatischen Bewegungen, z.&nbsp;B.
+die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt,
+allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber
+beeinflußt werden können.</p>
+
+<p>Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich.
+Solche <em class="gesperrt">unwillkürliche Bewegungen</em> geschehen auch
+<em class="gesperrt">auf Veranlassung eines Reizes hin</em>. Wenn dem
+Auge ein Stoß droht, so schließen sich die Augenlider;
+wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt
+Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu
+dieser Bewegung nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten
+die Nachricht von der eingetretenen Gefahr bis zu den
+Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber ohne Zutun
+der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt
+so zu jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr
+zweckmäßig begegnet. Daß diese sogenannten <em class="gesperrt">Reflexbewegungen</em>
+ein von jeder Art der Überlegung unabhängiger
+Mechanismus sind, zeigt sich z.&nbsp;B. darin, daß
+sie auch bei Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden
+werden. Ein enthaupteter Frosch wischt den Tropfen
+Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos,
+da er zwar noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung,
+aber nicht die zu selbständiger Bewegung hat. Bei dem
+Menschen läßt sich der Unterschied zwischen Reflex- und
+willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über
+die sogenannte &#8222;<em class="gesperrt">physiologische Zeit</em>&#8221; nachweisen, d.&nbsp;h.
+die Zeit, welche zwischen dem Auffassen und Erwidern
+eines Reizes, z.&nbsp;B. zwischen einer Gesichtsempfindung und
+der Reaktion auf dieselbe verfließt und durchschnittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
+etwa &#8533; Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der
+willkürlichen Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung
+des Reizes durch die sensiblen Nerven und der Weiterleitung
+des Befehls zur Bewegung durch die motorischen
+eine bestimmte, sogenannte &#8222;Willenszeit&#8221; zur Willensentscheidung
+verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch
+den elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung
+verläuft weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung,
+die den Beginn der Bewegung eines Sekundenzeigers
+meldet, und dem Druck des Fingers, der durch
+Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder
+zum Stehen bringt.</p>
+
+<p>Die Reflexbewegungen können auch <em class="gesperrt">gehemmt</em> werden,
+indem die sensiblen Nerven gleichzeitig von anderer Seite
+her Einwirkungen erfahren oder der bewußte Wille dazwischen
+tritt. Dies geschieht z.&nbsp;B., wenn bei großem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung
+des Schluckens oder durch die Willenskraft das &#8222;Zusammenfahren&#8221;
+verhindert wird. Die Reflexbewegungen
+haben ihren Sitz hauptsächlich im <em class="gesperrt">Rückenmark</em>. Sie
+werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen
+Bewegung, mit fortschreitender Bildung immer
+mehr eingeschränkt. Die <em class="gesperrt">Selbstbeherrschung</em> besteht
+zum großen Teil aus solchen <em class="gesperrt">Reflexhemmungen</em>.</p>
+
+<p>Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich
+die des <em class="gesperrt">Instinkts</em> dadurch, daß sie ein zusammengesetztes
+System von Mitteln zur Erreichung eines entfernteren
+Zweckes darstellen. Aber auch sie gehen ohne Kenntnis
+dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine Vorstellung
+von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von
+ihrer Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen
+Gefühlen dabei geleitet, die als angeborene und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
+sich vererbende Eigentümlichkeiten ihrer Gattung angesehen
+werden müssen.</p>
+
+<p>Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen,
+die auch ohne eigentlichen Willensakt zustande kommen,
+aber nicht auf Grund einer zweckmäßigen Einrichtung der
+Natur, sondern nur durch die <em class="gesperrt">Vorstellung</em> der Bewegung
+selbst: die <em class="gesperrt">Nachahmungsbewegung</em>. Eine Bewegung,
+deren Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt.
+Die Stöße eines Fechters, die Leistungen eines
+Clowns werden von ungebildeten Zuschauern unter Begleitung
+von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die
+Lesung einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher
+Bewegung führen, ohne daß der Wille mitwirkt. Noch
+häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt sich die
+Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung
+gehören und die oft nachgeahmt werden, während
+die Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt ist. Doch
+tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung infolge der
+Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr
+zurück.</p>
+
+<h3><a name="Par_25" id="Par_25"></a>§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.</h3>
+
+<p>Mit dem <em class="gesperrt">Trieb</em> kommen wir dem eigentlichen Wollen
+um einen Schritt näher. Je weiter die Entwickelung des
+Geisteslebens fortschreitet, desto enger wird die Verbindung
+zwischen seinen einzelnen Elementen. So unterscheidet sich
+der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr
+oder weniger <em class="gesperrt">klare Vorstellung</em> dessen <em class="gesperrt">mitwirkt</em>, was
+als Quelle der Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so
+stark, daß er den Menschen ganz erfüllt und Denken und
+Wollen beherrscht, so geht er in die <em class="gesperrt">Begierde</em> über.
+Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem zukünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
+Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des
+Triebes gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch
+verursacht werden, zwischen dem Zweck und den Mitteln
+zu seiner Erreichung. Der Instinkt leitet nur durch die
+augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung begleiten,
+der Trieb durch die <em class="gesperrt">Vorstellung eines Zieles</em>, mit
+welchem das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet
+sich z.&nbsp;B. die Kunstfertigkeit der Ameise und der
+Gestaltungstrieb des Künstlers. Das Gefühl der Lust,
+das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also der
+Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das <em class="gesperrt">Motiv</em>.</p>
+
+<p>Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also
+auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung,
+so erscheint es als <em class="gesperrt">Wunsch</em>. Treten mehrere Objekte
+nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das
+Denken nicht mehr bloß für die Wahl der richtigen Mittel
+in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefühlswert
+der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung,
+welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den <em class="gesperrt">Vorsatz</em>, ein
+bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus
+augenblicklicher Gemütsbewegung entspringen, ohne daß
+das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher
+Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt
+haben. Die Entscheidung ist deshalb zunächst eine <em class="gesperrt">oberflächliche</em>
+und kann, wenn sich jene Faktoren nachher
+geltend machen, wieder umgestoßen werden: &#8222;der Weg zur
+Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.&#8221; Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer
+allseitigen Überlegung, indem der Handelnde seine ganze
+Persönlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der
+<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span><em class="gesperrt">Entschluß</em>. Dieser ist die höchste Form des Willens,
+der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem
+nähern, desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen
+dem Gedanken und der Ausführung des Gedankens werden,
+den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je
+mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes
+Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die
+Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen
+Motivs zu Gunsten der Überlegung entrückt. Der Unterschied
+zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens
+ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig
+ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die
+strafrechtliche Beurteilung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Was für ein geistiger Vorgang</em> der Willensakt
+ist, wie es geschieht, daß dasselbe, was vorher nur ein
+Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun auf einmal als
+etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen,
+sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein
+davon, wie nun der Willensakt in Bewegung übergeht,
+wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven
+die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen <em class="gesperrt">inneren
+Zustand</em> nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein
+Gefühl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und
+den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, diese
+Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich
+unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung
+tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmäßiger
+Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, jedoch ohne
+daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_26" id="Par_26"></a>§ 26. Die Freiheit des Willens.</h3>
+
+<p>Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo
+<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>er einen Entschluß faßt, <em class="gesperrt">frei</em> sei, d. h. daß er in demselben
+Augenblick auch einen andern Entschluß fassen könnte,
+wird überall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem
+<em class="gesperrt">Indeterminismus</em>, der auch wissenschaftlich vertreten
+wurde, steht der <em class="gesperrt">Determinismus</em> gegenüber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie
+kann diese Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik
+hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung
+des sittlichen Bewußtseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang
+der Welt denkbar ist. Ganz außerhalb des
+Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom
+Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Für und Wider
+etwa Folgendes:</p>
+
+<p>1. Der <em class="gesperrt">Determinismus</em> erklärt, durch die Behauptung
+der Freiheit des Willens sei das <em class="gesperrt">Gesetz der
+Kausalität</em>, daß alles eine Ursache haben müsse, und
+damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens <em class="gesperrt">aufgehoben</em>.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend,
+die ausnahmslose Gültigkeit des naturwissenschaftlichen
+Kausalgesetzes sei für die geistige Welt weder erwiesen,
+noch willkürlich anzunehmen.</p>
+
+<p>2. Der <em class="gesperrt">Indeterminismus</em> weist auf gewisse <em class="gesperrt">psychologische
+Tatsachen</em> hin: auf das Bewußtsein der Freiheit
+und Verantwortlichkeit, auf das Gefühl der Reue, die
+nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß man
+wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man
+gehandelt hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen
+daraus, daß das handelnde Individuum seine eigene
+Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung bringt und so
+die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in
+einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie
+ansieht. In der Erinnerung an eine böse Tat ergebe sich<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
+dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem
+Wunsche, anders gehandelt zu haben.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_27" id="Par_27"></a>§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.</h3>
+
+<p>Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin
+besteht, daß sie einen innern Zustand <em class="gesperrt">ausdrücken</em>, daß
+sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie
+sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen und
+willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden,
+aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle
+Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der
+Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur
+durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in
+äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie
+auch <em class="gesperrt">Gebärden</em> genannt.</p>
+
+<p>Man kann <em class="gesperrt">dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen</em>
+unterscheiden, die aber häufig zusammenwirken:</p>
+
+<p>1. Bewegungen, die nur die starke <em class="gesperrt">Erregung des
+Gefühls unmittelbar zum Ausdruck bringen</em>. Sie
+wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwähnt als ein
+Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten.
+Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und
+Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das
+<em class="gesperrt">Lachen</em> ist der Ausdruck körperlichen und geistigen Wohlbehagens,
+des letzteren besonders, sofern es durch starke
+Gegensätze hervorgerufen wird, z.&nbsp;B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt.
+Ähnlich beruht der Witz auf der &#8222;plötzlichen Verwandlung
+einer gespannten Erwartung in Nichts&#8221; (Kant). Die Ursache
+dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein Grundbedürfnis
+des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
+hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt
+wird. Das Lachen besteht in einem stoßweisen Ausatmen,
+das durch Einatmung unterbrochen ist. Das <em class="gesperrt">Weinen</em> ist
+der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die
+Tränendrüsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von
+Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2
+zu erklären sind.</p>
+
+<p>2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der
+<em class="gesperrt">Assoziation ähnlicher Empfindungen</em> ausdrücken.
+So werden z.&nbsp;B. diejenigen Gefühle, welche der Sprachgebrauch
+als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.</p>
+
+<p>3. Bewegungen, die zum <em class="gesperrt">Ausdruck von Vorstellungen</em>
+und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck
+von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die
+Rede ist, mit der Hand <em class="gesperrt">hinweisen</em>. Häufiger möglich
+ist die <em class="gesperrt">Nachbildung</em> des betreffenden Gegenstandes oder
+seiner Merkmale durch malende Gebärden. So sucht der
+Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden,
+z.&nbsp;B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung
+eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen
+den Beleidiger ausgedrückt wird.</p>
+
+<p>Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt
+ist aber die <em class="gesperrt">Sprache</em>, wo Vorstellungen durch
+Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen
+und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden
+in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen
+verwendet. Ursprünglich war die Sprache<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
+wohl eine unwillkürliche, von Gebärden begleitete Äußerung
+des Sprachorgans, <em class="gesperrt">die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände
+machten</em>, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut
+und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf
+die von den Vertretern der sogenannten <em class="gesperrt">onomatopoëtischen
+Theorie</em> der Ursprung der Sprache zurückgeführt
+wird, wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen
+Laute. Die erläuternde Begleitung der Gebärden und
+das Bewußtsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und
+Bild trat aber allmählich zurück, das Wort wurde bloßes
+Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah
+dies in der <em class="gesperrt">Schrift</em>: zuerst Nachbildung der Form der
+Gegenstände in der Bilderschrift und dann Verwandlung
+dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So
+wurde die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche
+Mittel für die Unterscheidung und den Austausch
+der Gedanken und damit für die Ausbildung des Denkens
+überhaupt.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Veranlassung</em> der Ausdrucksbewegungen ist
+immer ein innerer Zustand. Die <em class="gesperrt">Schauspielkunst</em> nimmt
+alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben
+allerdings künstlich, d.&nbsp;h. ohne daß die natürlichen
+äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, hervorzubringen;
+aber der Schauspieler kann eine der höchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem
+er den inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die
+Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache
+und Gebärden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein
+Spiel als ein &#8222;Gemachtes&#8221;, weil es eben nicht &#8222;Ausdruck&#8221;
+eines Innern ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_28" id="Par_28"></a>§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.</h3>
+
+<p>Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie
+großer Wichtigkeit für das geistige Leben die <em class="gesperrt">Wiederholung</em>
+ist. Hat sie den Zweck, größere Fertigkeit zu
+erreichen, so heißt sie <em class="gesperrt">Übung</em>. Das Resultat der häufigen
+Wiederholung ist die <em class="gesperrt">Gewohnheit</em>. Werden Vorstellungsreihen,
+die durch Assoziation verbunden sind, häufig
+wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter
+vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr
+als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel dafür ist
+die Wahrnehmung der <em class="gesperrt">Entfernung</em>, die ursprünglich
+aus der Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung
+mit der wirklichen Größe und der Feststellung
+des Resultats besteht. Durch die Übung werden wir
+diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung
+der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen
+glauben (vgl.&nbsp;o.&nbsp;<a href="#Seite_36">S.&nbsp;36</a>).</p>
+
+<p>Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen
+und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der
+Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven
+und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich.
+Eine solche gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung
+und Bewegung stellt z.&nbsp;B. die Sprache dar. <em class="gesperrt">Vorstellung,
+Sprachlaut und Schriftzeichen</em> sind für
+unser Bewußtsein fast <em class="gesperrt">zu einer</em> Vorstellung <em class="gesperrt">verschmolzen</em>,
+so daß das eine ohne weiteres das andere
+hervorruft. Indem wir <em class="gesperrt">schreiben</em>, fügt sich an die Vorstellungen,
+die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden
+Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und
+durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende
+Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die
+Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
+immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem
+Klange her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser
+komplizierte Vorgang ist uns durch unzählige Wiederholungen
+so geläufig geworden, daß er uns als ein einziger
+Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte
+Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit
+des Setzers, zu erklären.</p>
+
+<p>Je größer die Übung ist, je leichter und schneller
+deshalb die Bewegung erfolgt, <em class="gesperrt">desto weniger bedarf
+es für jede einzelne Bewegung einer besonderen
+Willensanstrengung</em>, so daß die Reihe der einmal
+angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des
+Willens abläuft. Ein Willensakt scheint nur notwendig
+zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen
+sein, daß überall der Wille noch mitwirkt, nur in viel
+schwächerem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint
+wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und
+doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen
+oder Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur
+fortwährenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung
+einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier
+bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.</p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">Macht der Gewohnheit</em>, die den Aufwand
+an Willenskraft wesentlich einschränkt, beherrscht unser
+ganzes alltägliches Leben. Besonders aber macht sie sich
+auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der
+Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige
+Form des Handelns, einen <em class="gesperrt">Charakter</em>. Das
+Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf sittlichem Gebiete
+ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
+Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks
+entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben
+gestellt werden und wo verschiedene Grundsätze in
+Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige Überlegung
+der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze,
+eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">III.</span> Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</h2>
+
+<h3><a name="Par_29" id="Par_29"></a>§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.</h3>
+
+<p>Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen
+ist, wie schon erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft,
+die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich
+auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen
+ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben,
+wie eng sie zusammengehören.</p>
+
+<p>1. Das <em class="gesperrt">Erkennen</em> ist abhängig vom Fühlen und
+Wollen. Das <em class="gesperrt">Gefühl</em> ist das Hauptmittel, Vorstellungen
+in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknüpft sie
+durch das <em class="gesperrt">Interesse</em> mit dem Individuum. Nur der
+Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit
+Lust- und Unlustgefühlen für uns hat, veranlaßt uns,
+mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst würden
+wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen.
+Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen
+und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis
+führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des <em class="gesperrt">Willens</em>,
+der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.</p>
+
+<p>2. Das <em class="gesperrt">Gefühl</em> kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung
+von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle
+sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>
+zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit
+den <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, denen sie ihre Entstehung verdanken,
+lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen.
+Ebenso ist eine deutliche <em class="gesperrt">Erinnerung von
+Gefühlen</em> nur möglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen,
+an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen
+<em class="gesperrt">die höheren Gefühle</em>, die intellektuellen, ästhetischen,
+sittlichen, religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so
+muß das Denken sich auf sie richten und Grundsätze der
+Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das
+Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es muß aber auch der <em class="gesperrt">Wille</em> zu Hilfe
+kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar
+die Entstehung eines Gefühls verhindert oder
+ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann mittelbar
+geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen,
+an denen es sich nährt, ihm entzogen werden. So kann
+der Zornige den Affekt unter Umständen unterdrücken, indem
+er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen läßt, d. h.
+indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt
+von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird,
+in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefühls
+erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur dann
+ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht
+genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf
+Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlässigung des Gefühls
+zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen Strebens
+verhindert.</p>
+
+<p>3. Der <em class="gesperrt">Wille</em> ist ohne Vorstellungen und Gefühle
+nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung
+er gerichtet ist. Dieses Ziel könnte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
+Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die Erreichung
+desselben durch Verknüpfung mit <em class="gesperrt">Lustgefühlen</em> einen
+gewissen Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich,
+einen Zweck zu erreichen, ohne eine <em class="gesperrt">Erkenntnis</em>
+der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen muß. Soll
+endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen
+Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige Folgerichtigkeit,
+so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom
+Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.</p>
+
+<p>So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge
+in der verschiedensten Weise. Und wie an <em class="gesperrt">einem</em> Individuum
+zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefühl,
+das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt,
+so erhalten die <em class="gesperrt">verschiedenen Individuen</em> ein
+eigentümliches Gepräge, je nachdem das Denken, das
+Fühlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht
+man von <em class="gesperrt">Verstandesmenschen</em>, <em class="gesperrt">Gefühlsmenschen</em>
+und <em class="gesperrt">Männern der Tat</em>. Die höchste Form ist aber
+immer das <em class="gesperrt">ideale Gleichgewicht</em>, die harmonische
+Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Logik" id="Logik">Logik.</a></h2>
+
+
+<h3><a name="Par_30" id="Par_30"></a>§ 30. Die Aufgabe der Logik.</h3>
+
+<p>Die Logik ist die <em class="gesperrt">Wissenschaft von den Gesetzen
+des richtigen Denkens</em>. Das Denken ist als Element
+des geistigen Lebens auch Gegenstand der Psychologie,
+aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner <em class="gesperrt">tatsächlichen
+Wirklichkeit</em> und sucht es wie alle andern
+geistigen Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu
+erklären; das richtige, wie das unrichtige Denken findet
+gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik hebt aus diesem
+Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das geeignet
+ist, dem <em class="gesperrt">Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit
+zu dienen</em>. Die Tatsachen des Irrtums und des
+Streites lehren, daß das Denken in der Verfolgung dieses
+Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.</p>
+
+<p>Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen
+wir ein Mittel haben, <em class="gesperrt">das richtige Denken vom unrichtigen
+zu unterscheiden</em>. Das nächstliegende wäre,
+als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, dessen Resultate
+<em class="gesperrt">mit der Wirklichkeit übereinstimmen</em>. Dem
+steht aber der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte
+der Logik aus nicht widerlegt werden kann, daß die ganze
+wirkliche Welt nur in der Vorstellung vorhanden ist (vgl.&nbsp;<a href="#Par_3">§&nbsp;3</a>).
+Jedenfalls können wir einen Vergleich zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
+dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem
+wir auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen
+also über den Kreis des Gedachten nicht hinaus, um es
+mit einer davon unabhängigen Wirklichkeit vergleichen zu
+können. Ebensowenig können wir die Richtigkeit des
+Denkens von der <em class="gesperrt">Anerkennung der andern denkenden
+Wesen</em> abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des
+Gedachten ist teils nicht vorhanden, teils zu unsicher, um
+als Maßstab für seine Richtigkeit gelten zu können.</p>
+
+<p>Und doch haben wir ein <em class="gesperrt">unmittelbares Bewußtsein
+davon</em>, was richtiges Denken ist. Es ist einfache
+psychologische Tatsache, daß wir das richtige Denken von
+dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir finden
+in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders
+zu denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso
+denken müssen. Die Logik muß sich also darauf beschränken,
+die Bedingungen darzustellen, unter denen
+dieses <em class="gesperrt">notwendige</em> und <em class="gesperrt">allgemeingültige Denken</em>
+zustande kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei
+Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab <em class="gesperrt">von dem einzelnen
+Wissensstoff selbst</em> und zeigt nur, wie man von gegebenen
+Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht
+zu prüfen hat, durch das Denken zu einer Erkenntnis
+gelangen kann, und sie unterscheidet sich von der <em class="gesperrt">Erkenntnistheorie</em>
+dadurch, daß sie das Denken nicht
+daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein
+nach seinen eigenen Gesetzen.</p>
+
+<p>Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch
+hervor, daß die Logik <em class="gesperrt">nicht die Kunst des Denkens
+lehren kann</em>, so wenig als die Poetik die Kunst des
+Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten,
+daß die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
+von der Kenntnis der logischen Gesetze. Die Fähigkeit
+richtig zu denken ist dem Menschen angeboren, aber es
+gilt auch hier, daß es <em class="gesperrt">besser ist, wenn er die Grundsätze
+seines Verfahrens kennt, als wenn er sie
+nicht kennt</em>. Denn wie nur der eine Sprache ganz beherrscht,
+der auch ihre Grammatik kennt, so versteht nur
+der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu
+unentbehrlich ist diese Kenntnis, wenn es sich darum
+handelt, Fehler nachzuweisen oder besonders schwierige
+Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie und
+überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung
+einer klaren, sicheren Methode abhängig ist.</p>
+
+<p>Die Logik beschäftigt sich teils mit den <em class="gesperrt">Elementen</em>
+des Denkens, den <em class="gesperrt">Begriffen, Urteilen und Schlüssen</em>,
+teils mit der Art, wie diese Elemente in Beziehung zu
+einander gesetzt werden, um die <em class="gesperrt">Wissenschaft als ein
+zusammenhängendes Ganzes</em> zu erzeugen. Die Form
+des wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann
+man die Logik einteilen in eine <em class="gesperrt">Elementarlehre</em> und
+eine <em class="gesperrt">Methodenlehre</em>.</p>
+
+
+<h2><span class="antiqua">I.</span> Teil. Elementarlehre.</h2>
+
+<h3>1. Die Begriffe.</h3>
+
+<h3><a name="Par_31" id="Par_31"></a>§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte
+Einheit aller in einer Gemeinvorstellung
+gedachten wesentlichen Merkmale</em> (s.&nbsp;o.&nbsp;<a href="#Par_13">§&nbsp;13</a>). Er
+entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
+Begriff gedacht wird, gilt als das Wesen der Gegenstände,
+die unter ihn fallen, und so nennt man diejenigen
+Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht werden
+kann, <em class="gesperrt">wesentliche</em>, und diejenigen, die auch fehlen können,
+<em class="gesperrt">außerwesentliche</em> oder <em class="gesperrt">zufällige</em>. So sind wesentliche
+Merkmale des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache,
+aufrechter Gang; außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit,
+Bosheit. Es scheint wohl gleichartige Merkmale zu
+geben, die nicht wesentlich sind, die in keinem inneren
+Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen
+Stufe der Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft
+muß entweder die Gleichartigkeit auf einen inneren
+Wesenszusammenhang zurückführen oder als eine nur
+scheinbare nachweisen. In der Mathematik gibt es kein
+gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich wesentlich ist;
+z.&nbsp;B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks schließt die
+Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann aber
+doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">wesentlichen</em> Merkmale eines Begriffs werden
+auch eingeteilt in <em class="gesperrt">eigentümliche</em> (<span class="antiqua">notae propriae</span>), welche
+denselben <em class="gesperrt">ausschließlich</em> eigen sind, und <em class="gesperrt">gemeinsame</em>
+(<span class="antiqua">n. communes</span>), welche auch andern Begriffen zukommen,
+ferner in <em class="gesperrt">ursprüngliche</em> und <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Merkmale.
+Ein ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die
+Parallelität der Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die
+Gleichheit derselben.</p>
+
+<p>Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen
+der Begriff gebildet wird, muß nicht notwendig von verschiedenen
+Individuen herrühren, sondern sie kann auch
+auf <em class="gesperrt">dasselbe Individuum</em> zu verschiedenen Zeiten sich
+beziehen, und dann erhalten wir den <em class="gesperrt">Individualbegriff</em>.
+So machen wir uns besonders von menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
+Individuen Individualbegriffen, indem wir die verschiedenen
+Individualvorstellungen, die wir von ihnen aus
+verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_32" id="Par_32"></a>§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.</h3>
+
+<p>An jedem Begriff wird unterschieden: der <em class="gesperrt">Inhalt</em>,
+d. h. die Gesamtheit der darin gedachten Merkmale, und
+der <em class="gesperrt">Umfang</em>, d. h. die Summe der Gegenstände oder
+Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale
+Viereck und Parallelität der Gegenseiten, den Umfang
+desselben: die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboide;
+den Inhalt des Begriffs Tier: organisches Wesen,
+Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere,
+Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<p>Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch
+zufällige Merkmale aufgenommen, so wird der Umfang
+desselben zu klein, der Begriff ist <em class="gesperrt">zu eng</em>. Wenn nicht
+alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist <em class="gesperrt">zu weit</em>.
+Der Begriff Parallelogramm wird zu eng, wenn er das
+Merkmal gleichseitig erhält, denn aus seinem Gebiet
+werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid ausgeschlossen;
+er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn
+dann fällt er mit dem Begriff des Vierecks zusammen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Je größer der Inhalt eines Begriffes,
+desto kleiner der Umfang, und je größer der
+Umfang, desto kleiner der Inhalt.</em> Begriffsumfang
+und Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach
+in umgekehrtem Verhältnis zueinander. So ist der
+Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang des<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
+Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld,
+Goldgeld und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner,
+nämlich um das Merkmal Silber. Der Umfang eines
+Begriffs wird also durch Hinzufügung von Merkmalen
+beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).</p>
+
+
+<h3><a name="Par_33" id="Par_33"></a>§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.</h3>
+
+<p>Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und
+Umfang des Begriffs hängt die Klarheit und Deutlichkeit
+desselben ab. Ein Begriff ist <em class="gesperrt">klar</em>, wenn man das,
+was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden
+kann, was in den Umfang anderer Begriffe fällt,
+so daß keine Verwechslung möglich ist. So ist der
+Begriff Logik klar, wenn man ihn von Psychologie, Erkenntnistheorie,
+Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist <em class="gesperrt">deutlich</em>, wenn die Merkmale, die seinen
+Inhalt bilden, für sich klar sind. So hat derjenige einen
+deutlichen Begriff der Logik, der von der Wissenschaft
+überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine klare
+Vorstellung hat.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_34" id="Par_34"></a>§ 34. Die Arten der Begriffe.</h3>
+
+<p>Nach dem Inhalt unterscheidet man <em class="gesperrt">einfache</em> und
+<em class="gesperrt">zusammengesetzte</em> Begriffe, je nachdem dieselben nur
+ein einziges oder mehrere Merkmale enthalten. Einfache
+Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; zusammengesetzte:
+Löwe, Sechseck, Urteil.</p>
+
+<p>Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet
+man <em class="gesperrt">untergeordnete</em> (subordinierte), <em class="gesperrt">übergeordnete</em>
+(superordinierte) und <em class="gesperrt">nebengeordnete</em>
+(koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der unmittelbar
+aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
+man <em class="gesperrt">Artbegriff</em>, z.&nbsp;B. den Begriff Nachtigall; denjenigen,
+der selbst wieder aus Artbegriffen entstanden ist
+und deshalb die Individualvorstellungen nur mittelbar in
+sich befaßt, den <em class="gesperrt">Gattungsbegriff</em>, z.&nbsp;B. Singvogel.
+Der Gattungsbegriff heißt auch der <em class="gesperrt">höhere</em> oder <em class="gesperrt">weitere</em>
+und der Artbegriff der <em class="gesperrt">niedere</em> oder <em class="gesperrt">engere</em> Begriff.
+Aus Gattungsbegriffen können wieder andere höhere
+Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt der Begriff
+Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel,
+Tier, organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder
+einen weiteren Umfang hat, als der vorhergehende, so
+daß ein Gattungsbegriff im Verhältnis zum folgenden
+höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet werden
+könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet,
+wo dann auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte
+Stelle haben. So konstruiert besonders die
+Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung,
+Art, Individuum.</p>
+
+<p>Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff
+untergeordnet sind, stehen im Verhältnis der <em class="gesperrt">Beiordnung</em>
+oder Koordination, z.&nbsp;B. Frühling, Sommer,
+Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie
+in einem gewissen <em class="gesperrt">Gegensatz</em> und zwar im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>
+Gegensatz (Widerspruch), wenn es <em class="gesperrt">nur
+zwei Begriffe sind</em>, die miteinander den Umfang des
+höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z.&nbsp;B. Mensch und Nichtmensch,
+zeitlich und ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig;
+im <em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatz (Widerstreit), wenn es
+<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span><em class="gesperrt">mehrere Begriffe</em> sind, so daß sie sich zwar auch gegenseitig
+ausschließen, aber mit anderen Begriffen sich in
+den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich
+nicht bewegt, ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling
+ist, folgt nicht, daß es Sommer sein muß, es kann auch
+Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden zugleich.</p>
+
+<p>Zwei Begriffe sind <em class="gesperrt">identische</em> oder <em class="gesperrt">Wechselbegriffe</em>,
+wenn sie nach Inhalt und Umfang sich
+decken, z.&nbsp;B. der Begriff eines gleichseitigen und der
+eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer
+der Logik. Der Unterschied besteht dann nur
+im sprachlichen Ausdruck, der nur je nach dem Zusammenhang
+eine der Seiten des Begriffes besonders hervorhebt.
+Zwei Begriffe <em class="gesperrt">kreuzen sich</em>, wenn sie nur einen Teil
+ihres Umfanges gemeinsam haben, z.&nbsp;B. Neger und Sklaven;
+sie sind <em class="gesperrt">einstimmig</em>, wenn sie an demselben Gegenstand
+vorkommen können, z.&nbsp;B. rechtwinklig und gleichseitig an
+dem Begriff Quadrat. <em class="gesperrt">Disparate</em> Begriffe nennt man
+diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden
+gemeinsamen höheren Begriffs untergebracht werden können,
+z.&nbsp;B. Dreieck und Tapferkeit.</p>
+
+
+<h3>2. Die Urteile.</h3>
+
+<h3><a name="Par_35" id="Par_35"></a>§ 35. Das Wesen des Urteils.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung
+oder Trennung zweier Begriffe, der mit dem
+Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen
+wird.</em> Die sprachliche Form des Urteils ist der <em class="gesperrt">Aussagesatz</em>.
+In jedem Urteil wird etwas von etwas ausgesagt.
+Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das <em class="gesperrt">Subjekt</em>
+und das, was ausgesagt wird, das <em class="gesperrt">Prädikat</em>. Die
+<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>Ineinssetzung beider wird durch die <em class="gesperrt">Kopula</em> vermittelt.
+Sprachlich wird die Kopula ausgedrückt durch die Flexionsendung
+des Verbums. In dem Urteil: das Eisen glüht,
+ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung
+zwischen Subjekt und Prädikat darzustellen. Auch wo
+das Verbum <em class="gesperrt">sein als Kopula</em> verwendet wird, sagt es
+nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus (Existentialurteil),
+sondern dient nur als Träger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z.&nbsp;B.
+der Pegasus ist geflügelt.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_36" id="Par_36"></a>§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.</h3>
+
+<p>Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren
+Grundzügen von Kant aufgestellt wurde, ist die nach den
+4 Gesichtspunkten, die bei jedem Urteil in Betracht
+kommen sollen, nach der <em class="gesperrt">Quantität</em>, <em class="gesperrt">Qualität</em>, <em class="gesperrt">Relation</em>
+und <em class="gesperrt">Modalität</em>.</p>
+
+
+<h4>1. Die Quantität.</h4>
+
+<p>Nach der Quantität unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">allgemeine</em>
+Urteile, wo das Prädikat von dem ganzen Umfang des
+Subjekts gilt: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; alle Menschen sind sterblich;
+2. <em class="gesperrt">besondere oder partikuläre</em> Urteile, wo das
+Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts
+gilt: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; einige Könige waren Philosophen;
+und 3. <em class="gesperrt">einzelne oder individuelle</em> Urteile, wo
+das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt:
+<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; Bismarck ist ein großer Mann.</p>
+
+<p>Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf
+sie jedenfalls der <em class="gesperrt">Ergänzung</em>. Es wurde mit Recht
+angeführt, das <em class="gesperrt">individuelle</em> Urteil könne auch als allgemeines
+betrachtet werden, da auch bei ihm das Prädikat
+vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
+Fall, daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang
+des Subjekts, so doch nur von einem Individuum gilt,
+eigenartig genug, um als solcher eine besondere Art zu
+begründen. Das <em class="gesperrt">partikuläre</em> Urteil kann als selbständiges
+nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt
+wird, so daß es entweder lautet: <em class="gesperrt">nur</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>,
+oder: <em class="gesperrt">mindestens</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>. Das ganz unbestimmte
+partikuläre Urteil: einige Menschen sind sterblich,
+ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende
+allgemein vorbereitet, z.&nbsp;B.: (mindestens) einige Fixsterne
+haben eigene Bewegung, oder ein allgemeines verneint,
+z.&nbsp;B.: (nur) einige Planeten haben Monde, hat es selbständige
+Berechtigung. Beim <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Urteil
+muß unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen
+und dem unbedingt allgemeinen. Beim <em class="gesperrt">empirisch
+allgemeinen</em> beruht die Behauptung, daß das
+Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zählung, z.&nbsp;B. in dem Urteil: alle Geladenen sind
+gekommen, auf einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen
+mit der Zahl der Geladenen. Beim <em class="gesperrt">unbedingt
+allgemeinen</em> Urteil wird das Prädikat auf
+Grund eines Wesenszusammenhanges im voraus auch von
+denjenigen Subjekten ausgesagt, an denen es noch nicht
+beobachtet wurde, z.&nbsp;B.: alle Rechtecke haben gleiche
+Diagonalen.</p>
+
+
+<h4>2. Die Qualität.</h4>
+
+<p>Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in
+1. <em class="gesperrt">bejahende</em> oder affirmative, wo Subjekt und Prädikat
+in eins gesetzt werden: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">verneinende</em> oder
+negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden;
+3. <em class="gesperrt">unendliche</em> oder limitierende, wo das Subjekt mit
+einem verneinten Prädikat verknüpft wird: <span class="antiqua">S</span> ist Nicht <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
+
+<p>Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere
+gelten, sie fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil
+zusammen. <em class="gesperrt">Unendlich</em> werden diese <em class="gesperrt">Urteile</em> genannt,
+weil z.&nbsp;B. in dem Urteil: dieser Mensch ist nichtschuldig,
+dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen Prädikate,
+mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird.
+Dieses unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und
+wird auch tatsächlich nie vorzustellen versucht. Man denkt
+sich unter dem Nichtschuldig nicht alle möglichen Prädikate,
+z.&nbsp;B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr ist auch hier
+die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.</p>
+
+<p>Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität
+und Qualität ergeben sich <em class="gesperrt">vier Arten von Urteilen</em>,
+die in der Logik durch die 4&nbsp;Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span>
+bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle <span class="antiqua">S</span>
+sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">a</span>); 2. das allgemein verneinende: kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">e</span>);
+3. das partikulär bejahende: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">i</span>); 4. das
+partikulär verneinende: einige <span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">o</span>). Die
+Buchstaben sind den Wörtern <span class="antiqua">affirmo</span> (ich bejahe) und
+<span class="antiqua">nego</span> (ich verneine) entnommen.</p>
+
+
+<h4>3. Die Relation.</h4>
+
+<p>Nach der Relation, d.&nbsp;h. nach der Art der Beziehung
+zwischen Subjekt und Prädikat unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">kategorische</em>
+Urteile, die eine einfache Aussage enthalten:
+<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile, die nur bedingt etwas
+aussagen: wenn <span class="antiqua">X</span> ist, so ist <span class="antiqua">S P</span>; wenn das Glas gerieben
+wird, so entwickelt sich Elektrizität; 3. das <em class="gesperrt">disjunktive</em>
+Urteil, welches aussagt, daß dem Subjekt von
+mehreren sich ausschließenden Prädikaten jedenfalls eines
+zukomme: <span class="antiqua">S</span> ist entweder <span class="antiqua">P</span> oder <span class="antiqua">Q</span> oder <span class="antiqua">R</span>; Dreiecke
+sind entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig;<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
+entweder die Franzosen oder die Deutschen
+werden siegen.</p>
+
+<p>Im <em class="gesperrt">hypothetischen</em> Urteil sind also an die Stelle
+des Subjekts und des Prädikats zwei Sätze getreten, die
+in das Verhältnis von <em class="gesperrt">Grund und Folge</em> zueinander
+gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas
+gerieben wird, noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern
+es sind zwei als <em class="gesperrt">Hypothesen</em> aufgestellte Sätze, von
+denen nur behauptet wird, daß die Gültigkeit des einen
+die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen sei.
+Die <em class="gesperrt">Negation</em> kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher
+Weise auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz
+oder beide oder endlich die notwendige Folge selbst
+verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der Himmel bewölkt
+ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht
+krumm ist, so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht
+gleichseitig ist, so ist es auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn
+ein Parallelogramm rechtwinklig ist, so ist es darum nicht
+notwendig ein Quadrat.</p>
+
+<p>Zum <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil gehört eigentlich eine
+<em class="gesperrt">Reihe möglicher Sätze</em>, die sich gegenseitig ausschließen,
+und die zusammen den Umfang des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs
+erschöpfen: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">Q</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">R</span>, die
+also bei zwei Gliedern im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>, bei
+mehr Gliedern im <em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatze stehen.</p>
+
+
+<h4>4. Die Modalität.</h4>
+
+<p>Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in
+1. <em class="gesperrt">problematische</em>, wo die Verknüpfung oder Trennung
+von Subjekt und Prädikat nur als Vermutung hingestellt
+wird: <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein; 2. <em class="gesperrt">assertorische</em>, deren Gültigkeit
+<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>schlechthin behauptet wird: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 3. <em class="gesperrt">apodiktische</em>,
+deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: <span class="antiqua">S</span> muß
+<span class="antiqua">P</span> sein.</p>
+
+<p>Das problematische Urteil leidet in dieser Form an
+einer gewissen Zweideutigkeit. <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein, drückt sowohl
+die <em class="gesperrt">subjektive Ungewißheit</em> aus: der See ist
+vielleicht gefroren, die Erscheinung des Lichtes beruht
+vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die <em class="gesperrt">objektive
+Möglichkeit</em>: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil
+enthält nichts Problematisches, denn es spricht dem Wasser
+mit Bestimmtheit eine Eigenschaft zu, die unter <em class="gesperrt">gewissen
+Bedingungen</em> mit Sicherheit eintritt. Dagegen ist das
+Urteil über die Erklärung der Erscheinung des Lichtes
+ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige,
+der es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand
+der Wissenschaft Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der
+<em class="gesperrt">Unterschied zwischen assertorischem und apodiktischem
+Urteil</em> fällt dahin, da jedes Urteil, also auch
+das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_37" id="Par_37"></a>§ 37. Die &#8222;zusammengesetzten&#8221; Urteile.</h3>
+
+<p>Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied
+zwischen einfachen und zusammengesetzten Sätzen wurde
+in der Logik zwischen <em class="gesperrt">einfachen</em> Urteilen, die nur aus
+Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und <em class="gesperrt">zusammengesetzten</em>
+Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen,
+unterschieden.</p>
+
+<p>Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben
+den schon genannten hypothetischen und disjunktiven Urteilen
+folgende gerechnet:</p>
+
+<p>1. Die <em class="gesperrt">konjunktiven</em> Urteile. Von demselben Subjekt
+werden mehrere Prädikate bejaht oder verneint.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="konjunktive Urteile">
+<tr><td align="center" rowspan="2"><span class="antiqua">S</span> ist &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">&nbsp;sowohl&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P</span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">weder</td><td align="center">&nbsp;noch&nbsp;</td><td align="center">&nbsp;noch&nbsp;</td> </tr>
+</table></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>2. Die <em class="gesperrt">kopulativen</em> Urteile. Von mehreren Subjekten
+wird dasselbe Prädikat bejaht oder verneint.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="kopulative Urteile">
+<tr><td align="center">Sowohl&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>1</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>2</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>3</sup></span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">Weder</td><td align="center">&nbsp; noch &nbsp;</td><td align="center">&nbsp; noch &nbsp;</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">divisiven</em> Urteile. Dem Gattungsbegriff
+werden die seinen ganzen Umfang erschöpfenden Artbegriffe
+als Prädikate beigelegt. <span class="antiqua">S</span> ist teils <span class="antiqua">P</span> teils <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> teils <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.
+Das divisive Urteil steht in naher <em class="gesperrt">Beziehung zum
+disjunktiven</em>. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch
+divisiv ausdrücken, z.&nbsp;B. das disjunktive Urteil: die Linien
+sind entweder gerade oder krumm, lautet divisiv: die
+Linien sind teils gerade, teils krumm. Doch scheiden sie
+sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck voneinander.
+Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte,
+von denen die Disjunktion gilt, also genauer: <em class="gesperrt">eine Linie</em>
+ist entweder gerade oder krumm; beim divisiven Urteil
+ist es der Subjektsbegriff nach seinem ganzen Umfang,
+der in seine Teile zerlegt wird: <em class="gesperrt">die</em> Linien (überhaupt)
+sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln,
+lassen sich gar nicht in divisive verwandeln; z.&nbsp;B.: die
+Welt ist entweder von Ewigkeit her oder geworden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">hypothetischen</em> und <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteile
+werden jedoch nicht mit dem gleichen Recht, wie die konjunktiven,
+kopulativen und disjunktiven, zusammengesetzte
+Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen
+Urteilen, sondern nur aus <em class="gesperrt">hypothetischen Sätzen</em>, die
+für sich allein keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen.
+Man sah deshalb mit Recht auch bei der Annahme von
+zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als einfache
+an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere
+Nachsätze oder beides besitzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
+
+<p>Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken,
+wenn man das konjunktive, kopulative oder divisive Urteil
+als ein <em class="gesperrt">zusammengesetztes Urteil</em> bezeichnen will;
+denn es sind eigentlich <em class="gesperrt">verschiedene selbständige</em> Urteile,
+deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten
+Urteil in diesem Sinn zu reden, wäre also
+ungefähr dasselbe, wie wenn man eine Straße ein zusammengesetztes
+Haus nennen wollte (Mill). Es müßten
+dann neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten
+<em class="gesperrt">Sätze mit wenn, obgleich, aber</em> u.&nbsp;s.&nbsp;w. als
+zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden; alle diese
+Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es
+empfiehlt sich daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten
+Urteil zu sprechen, sondern nur von einer <em class="gesperrt">Zusammensetzung
+von Urteilen</em>; denn die Urteile, die
+so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven,
+teils nur aus einer sprachlichen Verbindung selbständiger
+Urteile.</p>
+
+<p>Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation
+aufrecht erhalten lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung
+oder Trennung bildet das <em class="gesperrt">Verhältnis von
+Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentümliche Art der Beziehung</em> zwischen den an
+Stelle des Subjekts und Prädikats tretenden Sätzen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_38" id="Par_38"></a>§ 38. Übersicht der Urteilsarten.</h3>
+
+<p>Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität,
+Relation und Modalität hat ergeben, daß die traditionelle
+Einteilung im einzelnen verschiedene Mängel hat, daß
+aber die damit aufgestellten Einteilungsgründe in der<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
+Hauptsache festgehalten werden können. Der allgemeine
+<em class="gesperrt">Akt des Urteilens selbst</em> ist allerdings überall derselbe
+(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat
+in eins gesetzt oder von ihm getrennt und für diesen
+Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch genommen, aber <em class="gesperrt">die
+Urteile erleiden Modifikationen je nach der Beschaffenheit
+der Subjekte, der Prädikate und der
+Kopula</em>. Die verschiedenen Arten dieser Bestandteile des
+Urteils haben immer einen wesentlichen Einfluß auf das
+Urteil selbst, und so bietet sich als einfachste <em class="gesperrt">Einteilung
+die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den
+Beziehungsformen</em> (so Wundt, von dem jedoch die
+Auffassung und Ausführung der folgenden Einteilung abweicht);
+danach würde sich ungefähr folgende Einteilung
+der Urteile ergeben:</p>
+
+
+<h4>I. Nach den Subjektsformen.</h4>
+
+<p>1. In Beziehung auf die <em class="gesperrt">Zeit der Gültigkeit</em> der
+Urteile:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Erzählende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt
+eine Individualvorstellung zu Grunde, die als solche
+einer bestimmten Zeit angehört. Das Urteil selbst
+ist daher <em class="gesperrt">nur für einen bestimmten Zeitabschnitt
+gültig</em>, z.&nbsp;B.: diese Blume ist schön.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Erklärende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt
+eine Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche
+an keinen bestimmten Zeitabschnitt gebunden ist. Das
+Urteil selbst <em class="gesperrt">bezieht sich</em> deshalb <em class="gesperrt">auf keinen
+einzelnen Zeitpunkt</em>, z.&nbsp;B.: das Gold ist gelb.</p></blockquote>
+
+<p>2. In Beziehung auf den <em class="gesperrt">Umfang ihrer Gültigkeit</em> (Quantität):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Urteile mit Impersonalien.</em> Das Subjekt ist
+ein unpersönliches Fürwort. Das Urteil gibt nur der<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
+unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung als solcher
+Ausdruck, das Fürwort ist nur der sprachliche Ersatz
+eines Subjektes, der als leere Form gewohnheitsmäßig
+hinzugefügt wird, z.&nbsp;B.: es blitzt, es
+regnet. Daher ist auch der <em class="gesperrt">Umfang der Gültigkeit
+des Urteils unbestimmt</em>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Individuelle Urteile.</em> Der Umfang der Gültigkeit
+des Urteils <em class="gesperrt">beschränkt sich auf den Individualbegriff</em>,
+der das Subjekt bildet, z.&nbsp;B.:
+Cäsar hat gesiegt.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Partikuläre Urteile.</em> Das Subjekt steht in unbestimmter
+Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur
+<em class="gesperrt">für einen Teil des Umfangs des Subjektsbegriffs</em>:</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Urteil und Subjektsbegriff">
+<tr><td align="center">mindestens&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">nur</td></tr>
+</table></div>
+
+<p><span class="antiqua">d)</span> <em class="gesperrt">Allgemeine Urteile.</em> Das Subjekt umfaßt alle
+Individuen, die unter einen bestimmten Begriff
+fallen, und zwar entweder auf Grund der Erfahrung
+(<em class="gesperrt">empirisch allgemein</em>) oder auf Grund eines
+Wesenszusammenhangs (<em class="gesperrt">unbedingt allgemein</em>)
+(s. S.&nbsp;<a href="#Seite_76">76</a>). Bei dem letzteren wird die Allgemeinheit
+statt durch: alle, jeder, keiner, auch durch den
+einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt,
+z.&nbsp;B.: das Tier hat Empfindung.</p></blockquote>
+
+
+<h4><span class="antiqua">II.</span> Nach den Prädikatsformen.</h4>
+
+<p>Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff
+zu Grunde liegen, wechselt die Art der Anknüpfung des
+Prädikats an das Subjekt, die bejaht oder verneint wird.
+Es lassen sich <em class="gesperrt">fünf Hauptarten von Vorstellungen</em>
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene
+Wortformen gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von
+<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span><em class="gesperrt">Dingen</em>, von deren <em class="gesperrt">Tätigkeiten</em> und <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>,
+von den <em class="gesperrt">Modifikationen</em> der Tätigkeiten oder Eigenschaften
+und von den <em class="gesperrt">Beziehungen</em> zwischen den Dingen.
+Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.</p>
+
+<p>Danach ergeben sich <em class="gesperrt">fünf Prädikatsformen</em>,
+welche die Urteilsfunktion selbst modifizieren.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Subsumtionsurteile.</em> Der Prädikatsbegriff
+ist ein Gattungsbegriff, in dessen größeren Umfang der
+Subjektsbegriff fällt, z.&nbsp;B.: dies ist Eisen, der Walfisch
+ist ein Säugetier.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Tätigkeitsurteile.</em> Der Prädikatsbegriff
+spricht dem Subjekt eine Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Eigenschaftsurteile.</em> Das Prädikat wird als
+Eigenschaft dem Subjekt beigelegt: Schnee ist weiß.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt">Modifikationsurteile.</em> Die Tätigkeiten und
+Eigenschaften werden auf einer höheren Stufe des Denkens
+<em class="gesperrt">für sich betrachtet</em> und zu <em class="gesperrt">abstrakten Substantiven</em>
+gemacht. Sie können dann selbst verschiedene
+<em class="gesperrt">Modifikationen als Prädikate</em> erhalten, z.&nbsp;B.:
+dieses Rot ist schön; die Bewegung der Brieftaube
+ist schnell.</p>
+
+<p>5. <em class="gesperrt">Beziehungsurteile.</em> Das Prädikat sagt eine
+Beziehung zwischen verschiedenen Gegenständen aus, z.&nbsp;B.:
+die Stadt liegt am Rhein. Hier ist eine räumliche Beziehung
+zwischen der Stadt und dem Rhein ausgesprochen.</p>
+
+
+<h4><span class="antiqua">III.</span> Nach den Beziehungsformen.</h4>
+
+<p>Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das
+Prädikat auf das Subjekt bezogen wird:</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit
+der Beziehung überhaupt</em> (Qualität):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Bejahende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Verneinende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist nicht <span class="antiqua">P</span>.</p></blockquote>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Nach der Art der Beziehung</em> (Relation):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Kategorische: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Hypothetische: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> Disjunktive: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span>.</p></blockquote>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung</em>
+(Modalität):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die
+Hypothese: <span class="antiqua">A</span> ist vielleicht <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Unbedingt gültige Urteile: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder muß <span class="antiqua">P</span> sein.</p></blockquote>
+
+<p>Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z.&nbsp;B. die Urteile: alle
+Menschen sind sterblich, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1.&nbsp;b), 2.&nbsp;d), nach <span class="antiqua">II.</span>
+unter 3., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1.&nbsp;a), 2.&nbsp;a), 3.&nbsp;b); Hannibal
+mußte entweder siegen oder untergehen, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1.&nbsp;a),
+2.&nbsp;b), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1.&nbsp;a), 2.&nbsp;c), 3.&nbsp;b);
+zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach <span class="antiqua">I.</span>
+unter 1.&nbsp;b), 2.&nbsp;c), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter
+1.&nbsp;a), 2.&nbsp;b), 3.&nbsp;b).</p>
+
+
+<h3>3. Die Schlüsse.</h3>
+
+<h3><a name="Par_39" id="Par_39"></a>§ 39. Die Grundgesetze des Denkens.</h3>
+
+<p>Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache
+Regeln befolgt, die zwar Grundgesetze des Denkens überhaupt
+sind, die aber besonders beim Schließen hervortreten
+und deshalb am besten hier behandelt werden.</p>
+
+<p>Es werden gewöhnlich <em class="gesperrt">vier Grundgesetze des
+Denkens</em> gezählt.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Der Grundsatz der Identität</em> (<span class="antiqua">principium
+identitatis</span>) lautet in seiner ursprünglichen Form: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>,
+<em class="gesperrt">jeder Begriff, jedes Urteil ist sich selbst gleich</em>;
+als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der <em class="gesperrt">Einstimmigkeit</em>
+aufgestellt: <span class="antiqua">A</span>, welches <span class="antiqua">B</span> ist, ist <span class="antiqua">B</span>, von<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
+einem Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt
+werden.</p>
+
+<p>2. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des Widerspruchs</em> (<span class="antiqua">principium
+contradictionis</span>) lautet nach Aristoteles: &#8222;Es ist unmöglich,
+daß dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich
+zukomme und nicht zukomme.&#8221; <em class="gesperrt">Kontradiktorisch einander
+entgegengesetzte Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist
+nicht <span class="antiqua">B</span>, können nicht beide zugleich wahr sein.</em>
+Vielmehr folgt aus der Wahrheit des einen die Falschheit
+des andern.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten</em>
+(<span class="antiqua">principium exclusi tertii</span>) lautet: <em class="gesperrt">Zwei kontradiktorisch
+einander entgegengesetzte Urteile</em>: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span>
+ist nicht <span class="antiqua">B</span>, <em class="gesperrt">können nicht beide zugleich falsch sein</em>,
+ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen <span class="antiqua">A</span> und
+<span class="antiqua">B</span> ist ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt
+also die Wahrheit des andern.</p>
+
+<p>4. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des zureichenden Grundes</em>
+(<span class="antiqua">principium rationis sufficientis</span>) lautet: <em class="gesperrt">Jedes Urteil
+muß einen zureichenden Grund haben.</em> Die Art,
+wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt
+im Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert
+in dem Grundgesetz des logischen Zusammenhangs: <em class="gesperrt">Mit
+dem Grund ist die Folge gesetzt und mit der
+Folge der Grund aufgehoben.</em></p>
+
+<p>Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des
+Widerspruchs und der des zureichenden Grundes. Der
+<em class="gesperrt">Grundsatz der Identität</em> ist, für sich betrachtet, gänzlich
+<em class="gesperrt">inhaltslos</em>; er kommt für das Denken erst in Betracht,
+wenn dem Satze: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, der andere gegenübertritt:
+<span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">A</span>, wenn er also in den Satz des Widerspruchs
+übergeht. Eine <em class="gesperrt">psychologische Forderung</em> ist
+allerdings im Satz der Identität eingeschlossen, nämlich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
+<em class="gesperrt">die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben
+Sinn zu fassen</em>; dies ist aber eine Voraussetzung
+für alles Denken, die nicht erst von der Logik
+festzustellen ist. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des ausgeschlossenen
+Dritten</em> beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung
+mit dem Charakter der Verneinung überhaupt
+und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger Satz
+festgehalten. Die beiden Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist nicht
+<span class="antiqua">B</span>, können nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an,
+beide wären falsch, also zu verneinen, so würden sich die
+beiden Sätze: <span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>, nebeneinander
+als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.</p>
+
+<p>Von dem <em class="gesperrt">logischen Grund</em> der Wahrheit eines
+Urteils ist zu unterscheiden der &mdash; ebenfalls jedesmal
+vorhandene &mdash; <em class="gesperrt">psychologische Grund</em> seiner Gewißheit,
+die subjektiven Gründe, die den Urteilenden veranlassen,
+das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund
+oder <em class="gesperrt">Erkenntnisgrund</em> steht ferner gegenüber der <em class="gesperrt">Realgrund</em>
+oder die Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die
+reale Kausalität. Z.&nbsp;B. das Sinken der Temperatur kann
+von uns als Grund benützt werden, um eine Folge, z.&nbsp;B.
+das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran
+zu knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht
+auf solcher realer Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe,
+welche nicht zugleich Realgründe sind, z.&nbsp;B.
+alle, welche den Ausgangspunkt für mathematische Folgerungen
+bilden.</p>
+
+<p>So bleiben also als die beiden Grundgesetze des
+Denkens der <em class="gesperrt">Satz des Widerspruchs und der Satz
+des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge</em> übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
+Denken, indem es durch Vermeidung des Widerspruchs
+Einheit, durch allseitige Begründung Zusammenhang herzustellen
+sucht (vgl.&nbsp;<a href="#Seite_7">S.&nbsp;7</a>).</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">A.</span> Der unmittelbare Schluß.</h3>
+
+<h3><a name="Par_40" id="Par_40"></a>§ 40. Der Schluß aus einem Begriff.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils
+aus einem oder mehreren anderen Urteilen</em>; die
+Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt <em class="gesperrt">unmittelbarer
+Schluß</em>, die Ableitung aus mehreren andern
+<em class="gesperrt">mittelbarer Schluß</em>.</p>
+
+<p>Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung
+eines Urteils gewonnen, er soll aber auch auf
+analytischem Wege aus einem Begriff abgeleitet werden
+können.</p>
+
+<p>Dieser <em class="gesperrt">Schluß aus einem Begriff</em> berührt sich
+nahe mit dem Unterschied zwischen <em class="gesperrt">analytischen</em> und
+<em class="gesperrt">synthetischen</em> Urteilen. Der vieldeutige Unterschied wird
+von Kant folgendermaßen bestimmt: &#8222;In allen Urteilen,
+worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
+gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich.
+Entweder das Prädikat <span class="antiqua">B</span> gehört zum Subjekt <span class="antiqua">A</span>
+als etwas, was in diesem Begriffe <span class="antiqua">A</span> (versteckterweise)
+enthalten ist; oder <span class="antiqua">B</span> liegt ganz außer dem Begriff <span class="antiqua">A</span>,
+ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit
+dem Subjekte durch Identität, diejenigen aber, in denen
+diese Verknüpfung ohne Identität gedacht wird, sollen
+synthetische heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-,
+die andern Erweiterungsurteile heißen, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
+jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in
+seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigem schon (obgleich
+verworren) gedacht waren; dahingegen die letzteren zu
+dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches
+in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung
+desselben hätte können herausgezogen werden.&#8221;
+So ist nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt,
+ein analytisches, denn man dürfe den Begriff eines
+Körpers nur zergliedern, um das Prädikat darin anzutreffen;
+das Urteil: alle Körper sind schwer, ein synthetisches,
+denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde.
+Man könnte also auf dem einfachen Wege der Analyse
+des Begriffs Körper das Urteil gewinnen: alle Körper
+sind ausgedehnt.</p>
+
+<p>Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten,
+so muß sie nach zwei Seiten berichtigt werden.</p>
+
+<p>1. Kant setzt voraus, daß es <em class="gesperrt">Begriffe von allgemein
+anerkanntem Inhalt mit gleicher Wortbezeichnung
+gebe</em>. In Wirklichkeit könnte dasselbe
+Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches,
+für den andern ein synthetisches sein, je nachdem
+sie das Merkmal der Schwere schon in ihren Begriff des
+Körpers aufgenommen oder noch nicht aufgenommen hätten.
+Es hängt also <em class="gesperrt">von dem Bildungsstande des Urteilenden
+und von der Stufe der Wissenschaft
+ab</em>, ob ein Urteil ein analytisches oder ein synthetisches
+ist. Das analytische Urteil ist dann nur unter der Voraussetzung
+richtig, daß der Subjektsbegriff richtig ist, oder
+mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen
+wurden; daher ist wohl auch die Ableitung eines<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
+Urteils aus einem Begriffe nicht als eine besondere Art
+des Schlusses anzusehen.</p>
+
+<p>2. Kant redet beim analytischen Urteil nur <em class="gesperrt">von Begriffen</em>,
+es wird aber zugegeben werden müssen, daß es
+auch auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> ein analytisches
+Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne ich
+nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der
+gelben Rose, die ich vor mir habe. Nur für denjenigen
+wäre dieses Urteil ein synthetisches, den ich durch meine
+Beschreibung der gelben Rose veranlassen würde, zu seinem
+Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für ihn nicht
+unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_41" id="Par_41"></a>§ 41. Die Konversion.</h3>
+
+<p>Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt
+durch <em class="gesperrt">Umformung des gegebenen Urteils</em>. Es werden
+gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen aufgeführt.</p>
+
+<p>Die erste derselben ist die <em class="gesperrt">Konversion</em> (Umkehrung).
+Sie besteht darin, daß die Glieder des Urteils ihre
+Stellung wechseln; es wird z.&nbsp;B. im kategorischen Urteil
+das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum Subjekt,
+im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und
+der Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht
+mit oder ohne Veränderung der Quantität; im ersten Fall
+heißt sie <em class="gesperrt">unreine</em> (<span class="antiqua">conversio per accidens</span>), im zweiten
+Fall <em class="gesperrt">rein</em> (<span class="antiqua">conversio simplex</span>).</p>
+
+<p>Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität
+und Qualität: allgemein bejahende <span class="antiqua">a</span>, partikulär
+bejahende <span class="antiqua">i</span>, allgemein verneinende <span class="antiqua">e</span> und partikulär verneinende
+<span class="antiqua">o</span>, ergibt sich folgendes:</p>
+
+<div class="figright" style="width: 280px; max-width: 35%">
+<img src="images/abb_91_1.png" width="280" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">a</span> wird <span class="antiqua">i</span></em> (unreine Umkehrung). Z.&nbsp;B. der
+Satz: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von
+gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine Umkehrung zu:<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
+einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+<em class="gesperrt">Reine Umkehrung</em> ist nur als Ausnahme in dem Fall
+möglich, wenn der Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes
+sich decken; z.&nbsp;B.: alle gleichseitigen Dreiecke sind
+auch gleichwinklig. Das Verhältnis der Begriffe läßt sich
+am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt sich,
+daß der dem Subjektsbegriff <span class="antiqua">S</span> entsprechende Kreis entweder
+ganz in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> fällt, wie bei 1.,
+oder daß beide Kreise sich decken, wie bei 2. Daraus
+ergibt sich, daß jedenfalls einige <span class="antiqua">S</span>, unter Umständen alle
+in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span>
+fallen, so daß bei 1. nur unreine, bei
+2. reine Umkehrung möglich ist.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em>&emsp;<span class="antiqua">i</span>&emsp;<em class="gesperrt">wird</em>&emsp;<span class="antiqua">i</span> (reine Umkehrung).
+Einige Parallelogramme sind regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind
+Parallelogramme. In dem für <span class="antiqua">i</span> natürlichen Falle 1.
+schneiden sich die Kreise, und der beiden gemeinsame Raum
+versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis <span class="antiqua">P</span> kann aber auch ganz in den Kreis <span class="antiqua">S</span> fallen, wie
+bei 2., dann ist die Umkehrung unrein, z.&nbsp;B.: einige Parallelogramme
+sind Rechtecke, alle Rechtecke sind Parallelogramme;
+oder <span class="antiqua">S</span> in sich schließen, wie bei 3. und 4., wo sich wieder
+<span class="antiqua">i</span> ergibt.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_91_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 300px; max-width: 40%;">
+<img src="images/abb_91_3.png" width="300" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span> (reine
+Umkehrung). Kein Schuldloser
+ist unglücklich, kein Unglücklicher
+schuldlos. Die beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
+Kreise <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> sind vollständig getrennt, kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>
+und kein <span class="antiqua">P S</span>.
+<br class="both" /></p>
+
+<p>4. Aus <span class="antiqua">o</span> <em class="gesperrt">folgt nichts</em>. Durch das Urteil: einige
+<span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span>, ist das Verhältnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu
+wenig bestimmt, als daß etwas daraus gefolgert werden
+könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von <span class="antiqua">o</span> aus
+möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil
+mit <span class="antiqua">P</span> als Subjekt daraus ableiten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_92.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+
+<h3><a name="Par_42" id="Par_42"></a>§ 42. Die Kontraposition.</h3>
+
+<p>Bei der <em class="gesperrt">Kontraposition</em> wechseln die Glieder des
+Urteils ihre Stellung, das kontradiktorische Gegenteil des
+Prädikats wird zum Subjekt und die Qualität des Urteils
+wird verändert.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">a</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span>. Aus: jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, folgt: alle
+Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span> oder kein Nicht<span class="antiqua">P</span> ist <span class="antiqua">S</span>; z.&nbsp;B.: jeder
+wirklich religiöse Mensch handelt auch sittlich; wer nicht
+sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser Mensch. Nach
+den Figuren <a href="#Par_41">§&nbsp;41</a> für a ist klar, daß, da <span class="antiqua">S</span> ganz in <span class="antiqua">P</span>
+liegt, alles, was außerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegt, also
+Nicht<span class="antiqua">P</span> ist, auch außerhalb des Kreises S liegen muß,
+also nicht <span class="antiqua">S</span> ist.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span>. Wenn kein <span class="antiqua">S P</span> ist, so sind
+mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>, vgl. die Fig. <a href="#Par_41">§&nbsp;41</a> <span class="antiqua">e</span>; denn
+da <span class="antiqua">S</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so fällt es jedenfalls in
+den Raum außerhalb <span class="antiqua">P</span>, d.&nbsp;h. von Nicht<span class="antiqua">P</span>; z.&nbsp;B.: nichts
+Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">o</span> wird <span class="antiqua">i</span>.</em> Wenn einige <span class="antiqua">S</span> nicht <span class="antiqua">P</span> sind, so
+sind mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>. Nach den 3 Figuren
+<a href="#Par_41">§&nbsp;41</a> <span class="antiqua">o</span> muß jedenfalls ein Teil von <span class="antiqua">S</span> außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen,
+also mit einigen Nicht<span class="antiqua">P</span> zusammenfallen; z.&nbsp;B.: einiges
+Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">i</span> folgt nichts.</em> Durch Kontraposition würde
+sich ergeben: einige Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>, und dies würde
+für Figur <a href="#Par_41">§&nbsp;41</a>. i. 1. 3. 4. zutreffen, aber bei Fig.&nbsp;2 ist
+die Möglichkeit denkbar, daß <span class="antiqua">S</span> die Gesamtheit alles
+Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige
+Nicht<span class="antiqua">P</span> nicht <span class="antiqua">S</span> sind, denn alle Nicht<span class="antiqua">P</span> wären <span class="antiqua">S</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_43" id="Par_43"></a>§ 43. Die Umwandlung der Relation.</h3>
+
+<p>Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht
+auf der <em class="gesperrt">Veränderung der Relation. Aus dem einfachen
+kategorischen</em> Urteil: alle <span class="antiqua">A</span> sind <span class="antiqua">B</span>, kann <span class="antiqua">ein
+hypothetisches</span> abgeleitet werden: wenn etwas <span class="antiqua">A</span> ist,
+so ist es <span class="antiqua">B</span>, z.&nbsp;B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn
+einer ein Feigling ist, so ist er verächtlich. Aus dem
+<em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil können mehrere hypothetische abgeleitet
+werden. Das disjunktive Urteil: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span>
+oder <span class="antiqua">C</span>, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn <span class="antiqua">A</span>
+nicht <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es <span class="antiqua">C</span>, und: wenn <span class="antiqua">A</span> nicht <span class="antiqua">C</span> ist, so ist
+es B, z.&nbsp;B.: die Menschen stammen entweder von einem
+oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen sich zusammengehörige
+<em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile in <em class="gesperrt">einem disjunktiven</em>
+aussprechen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_44" id="Par_44"></a>§ 44. Die Subalternation.</h3>
+
+<p>Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil
+von dem <em class="gesperrt">ganzen Umfang</em> des Subjektsbegriffes gilt,
+geschlossen, daß es auch <em class="gesperrt">von einem Teil</em> desselben gilt.
+Dagegen folgt <em class="gesperrt">aus der Verneinung des partikulären<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
+auch die Verneinung des entsprechenden
+allgemeinen Urteils</em>. Es folgt 1. aus der Wahrheit
+von <span class="antiqua">a</span> die von <span class="antiqua">i</span>, 2. aus der Unwahrheit von <span class="antiqua">i</span> die von <span class="antiqua">a</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_45" id="Par_45"></a>§ 45. Die Äquipollenz.</h3>
+
+<p>Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird
+die Qualität des Urteils selbst und die des Prädikats
+verändert und nach dem Grundsatz: <span class="antiqua">Duplex negatio affirmat</span>,
+ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil hergestellt.
+Aus: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, wird: kein <span class="antiqua">S</span> ist ein Nicht<span class="antiqua">P</span>,
+z.&nbsp;B.: jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die
+nicht verwerflich wäre.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_46" id="Par_46"></a>§ 46. Die Opposition.</h3>
+
+<p>Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht
+darin, daß <em class="gesperrt">aus der Wahrheit eines Urteils die
+Unwahrheit seines Gegenteils</em> gefolgert wird <em class="gesperrt">und
+umgekehrt</em>. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile
+in einem kontradiktorischen und in einem konträren
+Gegensatz stehen. <em class="gesperrt">Im kontradiktorischen Gegensatz
+stehen zwei Urteile, von denen das eine dasselbe
+bejaht, was das andere verneint</em>, also: das allgemein
+bejahende und das partikulär verneinende, das
+allgemein verneinende und das partikulär bejahende. Im
+<em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatz stehen diejenigen Urteile, von denen
+zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere Möglichkeiten
+übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide können falsch sein, und
+dann ist noch das partikulär bejahende und das partikulär
+verneinende möglich, z.&nbsp;B. falsch <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">e</span>, richtig <span class="antiqua">i</span>:
+einige Menschen erreichen ein Alter von hundert Jahren.
+Daneben wird noch das <em class="gesperrt">subkonträre</em> Verhältnis unterschieden,
+in welchem das partikulär bejahende und das<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
+partikulär verneinende Urteil zueinander stehen, und das
+Verhältnis der <em class="gesperrt">Subalternation</em> (vgl.&nbsp;<a href="#Par_44">§&nbsp;44</a>) oder Unterordnung,
+das von solchen Urteilen gilt, die das von dem
+ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte auch auf
+einen Teil desselben beziehen.</p>
+
+<p>Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem
+Schema veranschaulichen:</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" width="80%" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Urteile">
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <tbody>
+ <tr>
+ <td><strong>A</strong></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9" align="right">Konträrer</td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9">Gegensatz</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td><strong>E</strong></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td colspan="27"></td>
+ <td> </td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>K</td>
+ <td colspan="25"></td>
+ <td>z</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="23"></td>
+ <td>t</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="4"></td>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="21"></td>
+ <td>a</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="19"></td>
+ <td>s</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="6"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="17"></td>
+ <td>n</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="7"></td>
+ <td>a</td>
+ <td colspan="15"></td>
+ <td>e</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>g</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>i</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>e</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>U</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>k</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>G</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>U</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="10"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="18"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>t</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>r</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>e</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>i</td>
+ <td></td>
+ <td>h</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>r</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="14"></td>
+ <td>sc</td>
+ <td colspan="14"></td>
+ <td>o</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>i</td>
+ <td></td>
+ <td>h</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>r</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>r</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>d</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>u</td>
+ <td colspan="10"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="18"></td>
+ <td>u</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>k</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>G</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>g</td>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>i</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>g</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="7"></td>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>g</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="6"></td>
+ <td>a</td>
+ <td colspan="15"></td>
+ <td>e</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="17"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="4"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="19"></td>
+ <td>s</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="3"></td>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="21"></td>
+ <td>a</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="23"></td>
+ <td>t</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>K</td>
+ <td colspan="25"></td>
+ <td>z</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td colspan="27"></td>
+ <td> </td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><strong>I</strong></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9" align="right">Subkonträrer</td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9">Gegensatz</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td><strong>O</strong></td>
+ </tr>
+ </tbody>
+</table>
+</div>
+
+
+<p>Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt
+demgemäß nach folgenden Regeln:</p>
+
+<p>1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit
+seines kontradiktorischen Gegenteils.</p>
+
+<p>2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit
+seines kontradiktorischen Gegenteils.</p>
+
+<p>3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit
+des konträr entgegengesetzten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<p>4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit
+des entsprechenden subkonträren.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_47" id="Par_47"></a>§ 47. Die modale Konsequenz.</h3>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">modale Konsequenz</em> besteht darin, daß die sogenannte
+Modalität der Urteile verändert wird; dann folgt:</p>
+
+<p>1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die
+des entsprechenden assertorischen und des problematischen,
+und aus der Gültigkeit des assertorischen die des problematischen
+Urteils. Z.&nbsp;B.: die Summe der Winkel eines
+Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch tatsächlich
+zwei Rechte.</p>
+
+<p>2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils
+die des assertorischen und apodiktischen, und aus der des
+assertorischen die des apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung
+unrichtig, daß <span class="antiqua">A</span> <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es auch tatsächlich
+nicht so und muß nicht so sein.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_48" id="Par_48"></a>§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse.</h3>
+
+<p>Die unmittelbaren Schlüsse sind von <em class="gesperrt">ungleichem
+Werte</em>. Von geringerer Bedeutung sind die Äquipollenz,
+die Subalternation, die modale Konsequenz und die Veränderung
+der Relation, teils weil sie Selbstverständliches
+aussagen, teils weil sie nur sprachliche Umformungen darstellen.
+Doch können die letzteren, so z.&nbsp;B. durch Umwandlung
+der Relation, dazu dienen, den Urteilen <em class="gesperrt">diejenige
+sprachliche Form zu geben</em>, die am meisten
+ihrem logischen Charakter entspricht, und so überhaupt
+den Blick für die sprachliche Einkleidung der logischen
+Formen schärfen.</p>
+
+<p>Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und
+die Kontraposition. Die <em class="gesperrt">Opposition</em> führt zur scharfen
+Fassung des gegenseitigen Verhältnisses der Urteile. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
+<em class="gesperrt">unreine Konversion</em> des allgemein bejahenden Urteils
+gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat nicht
+notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar
+sind. Die <em class="gesperrt">reine Konversion</em> des allgemein verneinenden
+Urteils vermittelt die wichtige Erkenntnis, daß
+zwei Begriffe <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> einander gegenseitig ausschließen.
+Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> stellt die negative Seite der Zusammengehörigkeit
+zweier Begriffe dar: wenn alle <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">P</span>
+sind, so findet sich überall, wo <span class="antiqua">P</span> sich nicht findet, auch
+<span class="antiqua">S</span> nicht.</p>
+
+<p>Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils
+erleiden jedoch dadurch eine <em class="gesperrt">gewisse Einschränkung</em>,
+daß sie Urteile voraussetzen, in denen das Prädikat auch
+wirklich Subjekt werden und als der höhere Begriff gegenüber
+dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in
+dem Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke
+von gleichem Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren
+Schlüsse auch <em class="gesperrt">vom hypothetischen Urteil
+aus</em> vollziehen, und hier gewinnen besonders die genannten
+beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion
+von <span class="antiqua">a</span>: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>: zuweilen wenn
+<span class="antiqua">B</span> gilt, gilt <span class="antiqua">A</span>, drückt dann aus, daß aus der Wahrheit
+der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des Grundes
+geschlossen werden kann; <em class="gesperrt">die reine Konversion</em> von <span class="antiqua">e</span>:
+Wenn <span class="antiqua">A</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span> nicht, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so
+gilt <span class="antiqua">A</span> nicht: daß, wenn mit der Verneinung des Grundes
+die Verneinung der Folge verknüpft ist, auch das Umgekehrte
+wahr ist. Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> aber: Wenn <span class="antiqua">A</span>
+gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">A</span> nicht, wird
+zum Ausdruck des Gesetzes der logischen Notwendigkeit,
+daß mit der Folge der Grund aufgehoben ist, z.&nbsp;B. das
+Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen wird, so stirbt
+er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der Kontraposition:<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
+Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn
+einer stirbt, so wurde er durchs Herz geschossen; denn die
+Folge, das Sterben, ist auch noch an andere Gründe
+geknüpft.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">B.</span> Der mittelbare Schluß.</h3>
+
+<h3><a name="Par_49" id="Par_49"></a>§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.</h3>
+
+<p>Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß <em class="gesperrt">vom
+Allgemeinen auf das Besondere</em> oder ein Schluß
+<em class="gesperrt">vom Besonderen auf das Allgemeine</em>. Im ersteren
+Fall heißt er <em class="gesperrt">Syllogismus</em> im engeren Sinn, im
+zweiten <em class="gesperrt">Induktion</em>.</p>
+
+<p>Der Syllogismus ist ein <em class="gesperrt">einfacher</em>, wenn er aus
+zwei Urteilen, ein <em class="gesperrt">zusammengesetzter</em>, wenn er aus
+mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. Die Urteile, aus
+denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen <em class="gesperrt">Prämissen</em>
+(<span class="antiqua">propositiones praemissae</span>), das abgeleitete Urteil <em class="gesperrt">Schlußsatz</em>
+(<span class="antiqua">conclusio</span>). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den
+Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen
+einen Begriff gemeinsam haben, den sogenannten <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>
+(<span class="antiqua">terminus medius</span>), der im Schlußsatz nicht mehr
+vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das Subjekt des
+Schlußsatzes, den <em class="gesperrt">Unterbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus minor</span>), oder
+das untergeordnete Satzglied, z.&nbsp;B. beim hypothetischen
+Urteil den Vordersatz, enthält, wird <em class="gesperrt">Untersatz</em> (<span class="antiqua">propositio
+minor</span>), diejenige, welche das Prädikat des Schlußsatzes,
+den <em class="gesperrt">Oberbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus major</span>) enthält, <em class="gesperrt">Obersatz</em>
+(<span class="antiqua">propositio major</span>) genannt. Alle zusammen bilden
+die <em class="gesperrt">Elemente</em> des Schlusses (<span class="antiqua">syllogismi elementa</span>).</p>
+
+<p>Die Syllogismen werden je nach der Stellung des
+<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>Mittelbegriffes in verschiedene <em class="gesperrt">Schlußfiguren</em> eingeteilt.
+Es sind <em class="gesperrt">4 Fälle der Stellung des Mittelbegriffs</em>
+möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen Prädikat,
+oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt,
+in der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder
+zwei Möglichkeiten offen, da der Mittelbegriff entweder im
+Ober- oder im Untersatz Prädikat und im andern Subjekt
+sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit <span class="antiqua">S</span>,
+den Prädikatsbegriff mit <span class="antiqua">P</span> und den Mittelbegriff mit <span class="antiqua">M</span>,
+so lassen sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema
+darstellen:</p>
+
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Schlußfiguren">
+<tr><td align="center">1.&nbsp;</td><td align="center">M P</td><td align="center">&emsp;2.&nbsp;</td><td align="center">P M</td><td align="center">&emsp;3.&nbsp;</td><td align="center">M P</td><td align="center">&emsp;4.&nbsp;</td><td align="center">P M</td></tr>
+<tr><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">M S</td><td></td><td align="center">M S</td></tr>
+<tr><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles
+aufgestellt, die vierte von dem Arzt und Philosophen
+Galenus (&dagger;&nbsp;200&nbsp;n.&nbsp;Chr.); sie wird daher die galenische
+genannt.</p>
+
+<p>Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch
+Kombination von Quantität und Qualität der Prämissen
+nach den Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> 16 Formen denken lassen,
+die folgende Tafel darstellt, wobei der erste Buchstabe
+auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kombination von Quantität und Qualität der Prämissen">
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+<tbody>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">i a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">o a</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a e</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o e)</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i i)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o i)</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a o</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o o)</span></td></tr>
+</tbody>
+</table></div>
+
+<p>Im ganzen würden sich also <em class="gesperrt">64 Kombinationsformen
+der Prämissen oder Modi</em> denken lassen. Von diesen
+erweist sich aber eine größere Anzahl als unbrauchbar,
+teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren
+gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen
+der einzelnen Figuren widersprechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_50" id="Par_50"></a>§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der
+kategorischen Schlüsse.</h3>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus rein verneinenden Prämissen folgt
+nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere negativis nihil sequitur</span>). Es sind drei
+Fälle möglich.</p>
+
+<p><span class="antiqua">a</span>) <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind allgemein verneinend</em>:
+<span class="antiqua">e e</span>. Daraus folgt, daß sowohl <span class="antiqua">S</span> als <span class="antiqua">P</span> von dem Mittelbegriff
+<span class="antiqua">M</span> vollständig getrennt sind; da aber durch den
+Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span>
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen
+über dieses Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt
+sich eine Reihe von Möglichkeiten, über die nicht entschieden
+werden kann, wie die folgende Veranschaulichung
+durch Kreise zeigt:</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_100.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b</span>) <em class="gesperrt">Die eine Prämisse ist allgemein, die andere
+partikulär verneinend</em>: <span class="antiqua">e o</span>. Über das Verhältnis von
+<span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> läßt sich nichts aussagen, weil die unbestimmte
+partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
+auch die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß
+die Unsicherheit von <span class="antiqua">a)</span> nur vermehrt ist.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär verneinend</em>:
+<span class="antiqua">o o</span>. Da das bei <span class="antiqua">b)</span> Gesagte hier noch mehr gilt,
+so ist die Unsicherheit eine noch größere.</p>
+
+<p>Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: <span class="antiqua">ee</span>, <span class="antiqua">eo</span>, <span class="antiqua">oe</span>, <span class="antiqua">oo</span>.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus rein partikulären Prämissen folgt
+nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere particularibus nihil sequitur</span>).</p>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär bejahend</em>:
+<span class="antiqua">i i</span>. Das Verhältnis der Begriffe <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu <span class="antiqua">M</span> ist zu
+unbestimmt, als daß daraus über das Verhältnis von <span class="antiqua">S</span>
+und <span class="antiqua">P</span> etwas erschlossen werden könnte; vgl. die folgenden
+Figuren, die alle <span class="antiqua">i i</span> entsprechen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_101_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Eine</em> Prämisse ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>, die
+<em class="gesperrt">andere partikulär verneinend</em>: <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span>. Auf Grund
+der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe von Möglichkeiten,
+zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. die Fig.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 90%;">
+<img src="images/abb_101_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär verneinend</em>:
+<span class="antiqua">oo</span>. Dieser Fall deckt sich mit&nbsp;1.&nbsp;<span class="antiqua">c)</span>.</p>
+
+<p>Es fallen also außer <span class="antiqua">oo</span> noch weg: <span class="antiqua">ii</span>, <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span> in
+jeder Form, also 12 weitere Modi.</p>
+
+<p>3. Aus einem <em class="gesperrt">partikulären Obersatz</em> und <em class="gesperrt">einem
+verneinenden Untersatz</em> ergibt sich kein logisch gültiger
+Schlußsatz.</p>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Der Obersatz ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>, der Untersatz
+<em class="gesperrt">allgemein verneinend</em>: <span class="antiqua">i e</span>: Einige <span class="antiqua">M</span> sind <span class="antiqua">P</span>.
+<em class="gesperrt">Kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">M</span>.</em> Aus den unter dieser Voraussetzung
+möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der Schlußsatz:
+Einige <span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>; aber wenn der Oberbegriff <span class="antiqua">P</span>
+als Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen
+verändert, der Schluß ist dann aus einem partikulären
+Untersatz und einem verneinenden Obersatz gewonnen
+worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes Resultat,
+vgl. Fig.</p>
+
+<div class="figcenter" style="max-width: 90%; height: auto;">
+<img src="images/abb_102.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Der <em class="gesperrt">Obersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>: <span class="antiqua">oe</span> und</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> der <em class="gesperrt">Untersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulär verneinend</em>, sind
+schon durch 1. und 2. ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: <span class="antiqua">i e</span>,
+so daß von den 64 Modi im ganzen 32 beseitigt wurden,
+die in der Tafel S. <a href="#Seite_99">99</a> durch Klammern bezeichnet sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
+
+<p>Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch
+die besonderen Gesetze der einzelnen Figuren ausgeschlossen.
+Der <em class="gesperrt">Beweis</em> für die übrigbleibenden Modi wurde von
+Aristoteles und den Scholastikern durch Zurückführung auf
+die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und anschaulicher
+ist der Beweis durch Kreise.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_51" id="Par_51"></a>§ 51. Die erste Figur.</h3>
+
+<p>Die erste Figur hat den <em class="gesperrt">Mittelbegriff als Subjekt
+im Obersatz, als Prädikat im Untersatz</em>. Aus
+ihren Modi sind noch diejenigen auszuscheiden, 1. deren
+Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz verneinend ist.
+Es fallen also noch weg: <span class="antiqua">ia</span>, <span class="antiqua">oa</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ao</span>, und es bleiben
+nur folgende 4 übrig: <span class="antiqua">aa</span>, <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ai</span>, <span class="antiqua">ei</span>. Von den Scholastikern,
+zuerst von Petrus Hispanus (&dagger;&nbsp;1277 als Papst Johann <span class="antiqua">XXI.</span>),
+wurden den einzelnen Modi Namen gegeben, deren drei
+Vokale nacheinander die logische Form des Obersatzes, des
+Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem
+Schlußsatz allgemein bejahenden Charakter haben, also
+<span class="antiqua"><em class="gesperrt">aaa</em></span> hieß daher <span class="antiqua">Barbara</span>. Sämtliche Modi der 4 Figuren
+wurden in folgenden <span class="antiqua">Versus memoriales</span> zusammengefaßt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><span class="antiqua">Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.</span><br /></span>
+</div></div>
+
+<p><em class="gesperrt"><span class="antiqua">1. Barbara</span></em>
+hat die Form</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Barbara Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Menschen sind sterblich</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Könige sind Menschen</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Könige sind sterblich.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen
+dieses Modus entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis <span class="antiqua">S</span>
+innerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegen oder mit demselben sich
+decken muß, weil er in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fällt, der selbst von
+<span class="antiqua">P</span> umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Celarent</span></em></p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Celarent Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mensch ist frei von Irrtum</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Logiker sind Menschen</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Kein Logiker ist frei von Irrtum.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so muß auch <span class="antiqua">S</span>, das
+ganz in <span class="antiqua">M</span> liegt, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darii</span></em></p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darii Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;a&nbsp;P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind regelmäßige Figuren</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren.</td></tr>
+</table></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 480px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_3.png" width="480" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
+
+<p>Kreis <span class="antiqua">M</span> muß ganz in Kreis <span class="antiqua">P</span> liegen; wenn also
+einige <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">M</span> sind, so müssen mindestens diese &#8222;einige <span class="antiqua">S</span>&#8221;
+auch in <span class="antiqua">P</span> liegen.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferio</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferio Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Güter sind vergänglich</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Güter haben keinen unbedingten Wert.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_105.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegt, so müssen mindestens
+diejenigen <span class="antiqua">S</span>, die <span class="antiqua">M</span> sind, ebenfalls außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_52" id="Par_52"></a>§ 52. Die zweite Figur.</h3>
+
+<p>Bei der zweiten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in
+beiden Prämissen Prädikat</em>. Die beiden Regeln für
+diese Figur sind: 1. der Obersatz muß allgemein und
+2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch
+1. fallen noch <span class="antiqua">ia</span> und <span class="antiqua">oa</span>, durch 2. <span class="antiqua">aa</span> und <span class="antiqua">ai</span> aus, und
+es bleiben ebenfalls 4 übrig: <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ei</span>, <span class="antiqua">ao</span>.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cesare</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Cesare Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die Tugenden beruhen auf Vorsatz</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind die Tugenden nicht Affekte.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_106.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz von <span class="antiqua">M</span> getrennt ist, so muß auch <span class="antiqua">S</span>, das
+in <span class="antiqua">M</span> liegt, ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Camestres</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Camestres Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P&nbsp;a&nbsp;M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem gehörenden Weltkörper muß die Bahn des Uranus vollständig bestimmen</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;e&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus vollständig</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;e&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur
+Entdeckung des Neptun durch Galle (1846).</p>
+
+<p><span class="antiqua">Camestres</span> hat Ähnlichkeit mit <span class="antiqua">Cesare</span>, nur <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span>
+haben ihre Rollen vertauscht. Der Beweis ist daher mit
+veränderten Zeichen derselbe.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Festino</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Festino Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so müssen auch diejenigen
+<span class="antiqua">S</span>, die in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Baroco</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Baroco Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P&nbsp;a&nbsp;M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die rechte Gesinnung</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;o&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte Gesinnung</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;o&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen Menschen.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz in Kreis <span class="antiqua">M</span> fällt, so können diejenigen <span class="antiqua">S</span>,
+die nicht in Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, auch nicht in Kreis <span class="antiqua">P</span> fallen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_53" id="Par_53"></a>§ 53. Die dritte Figur.</h3>
+
+<p>Bei der dritten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in
+beiden Prämissen Subjekt</em>. Als Regel für die dritte
+Figur gilt, daß der Untersatz bejahend sein muß. Es
+fallen also <span class="antiqua">ae</span> und <span class="antiqua">ao</span> weg, so daß 6 Modi übrig bleiben.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darapti</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darapti Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Wale sind Säugetiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Wale sind Wassertiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind einige Wassertiere Säugetiere.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden
+Modi aus einer Betrachtung der Kreisverhältnisse
+nach Analogie der vorangegangenen Beweise.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Felapton</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Felapton Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mohammedaner ist ein Christ</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Mohammedaner sind Monotheisten</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Monotheisten sind nicht Christen.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Disamis</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Disamis Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einige Pronomina der französischen Sprache sind der Casusflexion fähig</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;a&nbsp;S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle französischen Pronomina sind Wörter der französischen Sprache</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Wörter der französischen Sprache sind der Casusflexion fähig.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Datisi</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Datisi Beispiel">
+<tr><td align="left">M a P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Unschuldige werden geschädigt.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bocardo</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bocardo Beispiel">
+<tr align="left"><td align="left">M o P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einige Amphibien haben keine Füße</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Amphibien sind Tiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Tiere haben keine Füße.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>6. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferison</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferison Beispiel">
+<tr><td align="left">M e P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mensch ist fehlerlos</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Menschen sind bewundernswert</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_54" id="Par_54"></a>§ 54. Die vierte Figur.</h3>
+
+<p>Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im
+Untersatz Subjekt. Als Regeln für die vierte Figur
+gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär verneinend sein.
+2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit einem
+partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen
+also noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bamalip</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bamalip Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top">P&nbsp;a&nbsp;M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme zu erhalten</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">M&nbsp;a&nbsp;S</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">S&nbsp;i&nbsp;P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind wollene Kleider.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im
+Verhältnis zu Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Calemes</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Calemes Beispiel">
+<tr><td align="left">P a M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Rhomboide sind Parallelogramme</td></tr>
+<tr><td align="left">M e S</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Parallelogramm ist ein Trapez</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S e P</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Trapez ist ein Rhomboid.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Dimatis</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dimatis Beispiel">
+<tr><td align="left">P i M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einiges Angenehme ist verwerflich</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alles Verwerfliche ist schädlich</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Schädliche ist angenehm.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fesapo</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fesapo Beispiel">
+<tr><td align="left">P e M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein bescheidener Mensch ist hochmütig</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Hochmütigen sind beschränkt</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fresison</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fresison Beispiel">
+<tr><td align="left">P e M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut regiert</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_55" id="Par_55"></a>§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis
+zu den Prämissen.</h3>
+
+<p>Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier
+Figuren wurde die Regel aufgestellt: <em class="gesperrt">Der Schluß folgt
+dem schwächeren Teil</em> (<span class="antiqua">conclusio sequitur partem
+debiliorem</span>). Ist also eine der Prämissen partikulär oder
+verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder
+verneinend sein. Sind beide Prämissen allgemein, so kann
+der Schlußsatz allgemein oder partikulär sein.</p>
+
+<p>Demgemäß ergeben sich für die <em class="gesperrt">erste Figur</em> Schlußsätze
+von allen Formen:&nbsp;<span class="antiqua">a&nbsp;e&nbsp;i&nbsp;o</span>, für die <em class="gesperrt">zweite</em> nur
+negative:&nbsp;<span class="antiqua">e&nbsp;o</span>, für die <em class="gesperrt">dritte</em> nur partikuläre:&nbsp;<span class="antiqua">i&nbsp;o</span>, für
+die <em class="gesperrt">vierte</em>: partikulär bejahende, allgemein verneinende
+und partikulär verneinende Schlußsätze:&nbsp;<span class="antiqua">i&nbsp;e&nbsp;o</span>.</p>
+
+<p>Ebenso folgt in <em class="gesperrt">Beziehung</em> auf die <em class="gesperrt">Modalität</em>
+der Schlußsatz derjenigen Prämisse, welche die <em class="gesperrt">geringere
+Gewißheit hat</em>; er ist apodiktisch, wenn beide Prämissen
+apodiktisch sind, assertorisch oder problematisch, wenn eine
+der Prämissen assertorisch oder problematisch ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_56" id="Par_56"></a>§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.</h3>
+
+<p>Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein
+sehr verschiedener, und es ist ein <em class="gesperrt">Hauptmangel</em> des
+traditionellen Systems, daß es im <em class="gesperrt">rein formalen
+Interesse</em> der vollständigen Klassifikation <em class="gesperrt">alle gleichberechtigt
+nebeneinander</em> stellt. Am wertvollsten ist
+die Form <span class="antiqua">Barbara</span>; ihr folgt besonders die mathematische
+Beweisführung. Die brauchbarsten sind überhaupt die
+allgemein bejahenden Schlußsätze. Die allgemein verneinenden
+geben wenigstens über die gegenseitige Ausschließung
+zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit
+Auskunft. Die unnatürlichsten Formen finden sich in der
+später hinzugefügten vierten Figur.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Voraussetzung der traditionellen Lehre</em>
+ist ein schon vorhandenes Begriffssystem, das mit der
+Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich nur um eine
+Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine
+Subsumtion des einzelnen unter die Begriffe handeln
+kann. Mit Rücksicht darauf lassen sich die einzelnen Modi
+auf <em class="gesperrt">zwei Hauptformen zurückführen</em>. Wenn das
+Urteil gilt: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder nicht <span class="antiqua">P</span>, so können offenbar
+auch die einzelnen Merkmale, die <span class="antiqua">P</span> enthält, von dem
+Subjekt <span class="antiqua">S</span> bejaht oder verneint werden, nach dem Grundsatz:
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nota notae est nota rei ipsius, repugnans
+notae repugnat rei.</span></em> (Das Merkmal des Merkmals
+ist ein Merkmal des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal
+widerspricht, widerspricht auch dem Gegenstand.) Ebenso
+kann das <span class="antiqua">P</span> von allem, was in den Umfang des Subjektes
+<span class="antiqua">S</span> fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem
+sogenannten <em class="gesperrt"><span class="antiqua">dictum de omni et nullo</span></em>: Was von allen
+gilt, gilt auch von einigen und einzelnen; was von keinem
+gilt, gilt auch nicht von einigen oder einzelnen. Es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
+natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu dienen,
+die <em class="gesperrt">schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer
+wieder auszulegen</em>, zum Fortschritt des Wissens nichts
+beitragen. Dies geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst
+der <em class="gesperrt">Neubildung von Begriffen</em> stellen.</p>
+
+<p>Es wurden daher <em class="gesperrt">Versuche verschiedener Art</em>
+gemacht, dem Syllogismus eine fruchtbarere und einheitlichere
+Form zu geben. <em class="gesperrt">Beneke</em> schließt sich noch nahe
+an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus
+aufstellt. <em class="gesperrt">Lotze</em> stellt das disjunktive Urteil in den
+Vordergrund, während <em class="gesperrt">Wundt</em> vor dem Versuche warnt,
+irgend eine Schlußform zur <em class="gesperrt">allgemeingültigen</em> zu machen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sigwart</em> sieht in dem <em class="gesperrt">gemischten hypothetischen
+Schluß</em> (s. u.&nbsp;<a href="#Par_57">§&nbsp;57</a>) die allgemeinste Form alles Schließens
+und führt dementsprechend alle Schlußformen auf den Satz
+der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit dem Grunde
+die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben
+sei. So ergibt sich z.&nbsp;B. für alle Modi der 1. und
+2. Figur eine einzige Formel:</p>
+
+<p>Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas <span class="antiqua">B</span> ist, ist es <span class="antiqua">A</span> &mdash; nicht <span class="antiqua">X</span></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Formel Syllogismus">
+<tr><td align="left">1. Figur:&nbsp;</td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">A</span> &mdash; nicht <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left">2. Figur:&nbsp;</td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">A</span> &mdash; ist <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlußsatz:&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch <em class="gesperrt">nicht
+unterschätzt</em> werden. Dies geschieht besonders auf Grund
+von zweierlei Einwänden gegen seine Brauchbarkeit.</p>
+
+<p>Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle
+Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist
+Sokrates sterblich, müsse der Schlußsatz im Obersatz schon
+vorausgesetzt werden: solange es noch ungewiß wäre, ob<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
+Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine Satz:
+alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden,
+der Schlußsatz setze also <em class="gesperrt">das schon voraus, was er
+beweisen wolle</em>. Diesen Einwand gab J. St. Mill zu
+und wich ihm aus, indem er den allgemeinen Satz überhaupt
+fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den
+Schluß vom Besonderen auf das Besondere setzte. Der
+Schluß auf die Sterblichkeit des Sokrates würde also
+nicht von dem Grundsatz der allgemeinen Sterblichkeit
+ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine
+Anzahl Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst,
+mit seinem allgemeinen Satz, dient nach Mill nur zur
+Sicherung des Verfahrens.</p>
+
+<p>Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings
+nicht zu leugnen, daß <em class="gesperrt">tatsächlich das bewußte
+Schließen vielfach nur von Besonderem auf Besonderes
+übergeht</em>, aber für die logische Betrachtung
+ist es außer Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit
+des Schlusses immer von der richtigen Verwendung
+des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener Widerspruch
+aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer <em class="gesperrt">den allgemeinen
+Satz mit seiner Anwendung auf alle
+einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte</em>, der
+bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal
+der <em class="gesperrt">Versuch</em> sich einstellt, <em class="gesperrt">dem allgemeinen Satz
+gegenüber eine Ausnahme gelten zu lassen</em>, wie
+z.&nbsp;B. gegen jenen allgemeinen Satz von der Sterblichkeit
+in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel
+ins Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.</p>
+
+<p>Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit
+des Syllogismus zusammen: im wirklichen Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
+werden die Schlüsse <em class="gesperrt">nie mit dieser Umständlichkeit
+vollzogen</em>, der Syllogismus könne also in keiner Weise
+das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig,
+daß wir uns beim Denken selten der einzelnen Bestandteile
+des Schlusses nach der Tafel der Syllogismen bewußt
+sind. Nach den psychologischen Gesetzen der Übung
+und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten.
+Vielmehr ist im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen
+unzähligemal verwendeten Formen <em class="gesperrt">die Mittelglieder
+dem Bewußtsein entfallen</em> (vgl.&nbsp;<a href="#Par_28">§&nbsp;28</a>), so daß ganze
+Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. <em class="gesperrt">Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten</em>
+wird Glied für Glied berücksichtigt; mancher Streit
+im täglichen Leben dreht sich um unklar gedachte logische
+Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten Elementen
+nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit
+auch dem Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf
+Grund dieser Kenntnis kann es seine Irrwege als solche
+erkennen und mit stetiger Sicherheit fortschreiten.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_57" id="Par_57"></a>§ 57. Der hypothetische Schluß.</h3>
+
+<p>Der hypothetische Schluß ist ein <em class="gesperrt">Schluß, in welchem</em>
+mindestens der <em class="gesperrt">Obersatz ein hypothetisches Urteil</em>
+ist. Ein Schluß heißt <em class="gesperrt">rein</em>, wenn die Prämissen gleiche
+Relation haben, im andern Fall <em class="gesperrt">gemischt</em>. So versteht
+man unter <em class="gesperrt">gemischtem hypothetischen Schluß</em> gewöhnlich
+denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und
+dessen Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="gemischtem hypothetischen Schluß">
+<tr><td align="left">Wenn&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt,</td><td align="left"></td><td align="left">so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt</td><td align="left">&nbsp; oder&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">X</span> gilt nicht</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left" colspan="3"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also</td><td>gilt <span class="antiqua">X</span></td><td></td><td align="left">also gilt <span class="antiqua">A</span> nicht.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache
+Anwendung des Grundgesetzes, daß mit dem Grund die<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
+Folge gesetzt (<span class="antiqua">modus ponens</span>), mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist (<span class="antiqua">modus tollens</span>).</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Z.&nbsp;B.:&nbsp;</td><td align="left">Wenn es geregnet hat, so ist es naß.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Nun hat es geregnet</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es naß,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>aber nicht umgekehrt:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel ungültige Umkehrung">
+<tr><td align="left">nun ist es naß</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also hat es geregnet,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>ebensowenig:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel weitere ungültige Umkehrung">
+<tr><td align="left">nun hat es nicht geregnet</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also ist es nicht naß,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>dagegen richtig:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel gültige Folgerung">
+<tr><td align="left">nun ist es nicht naß</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also hat es nicht geregnet,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder, bei verneinendem Nachsatz:</p>
+
+<p>Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nun gibt es eine Vorsehung</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gibt es keinen Zufall,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten
+(<span class="antiqua">conditio sine qua non</span>):</p>
+
+<p>Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze
+Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nun ist dieser Satz nicht richtig.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">reine hypothetische Schluß</em> hat zwei hypothetische
+Prämissen. Daraus, daß etwas Folge des Grundes
+ist, wird geschlossen, daß es auch Folge dessen sein muß,
+dessen Folge der Grund ist. Der <em class="gesperrt">Schlußsatz</em> ist dann
+<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>also selbst <em class="gesperrt">hypothetisch</em>, nach dem Schema:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema hypothetischer Schluß">
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">M</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">M</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt
+sich auch kurz so ausdrücken: <em class="gesperrt">Die Folge der Folge ist
+auch Folge des Grundes</em>.</p>
+
+<p>
+Z.&nbsp;B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern<br />
+sich die Pendel der Uhren.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die Schwingungen verlangsamt.</td></tr>
+<tr><td align="left">Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<h3><a name="Par_58" id="Par_58"></a>§ 58. Der disjunktive Schluß.</h3>
+
+<p>Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, <em class="gesperrt">dessen Obersatz
+ein disjunktives Urteil</em> ist. Der Schluß beruht
+auf dem in der Disjunktion ausgesprochenen Verhältnis
+der Glieder.</p>
+
+<p>Es kann also</p>
+
+<p>I. <em class="gesperrt">von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes
+auf die Ungültigkeit der übrigen geschlossen
+werden</em> (<span class="antiqua">modus ponendo tollens</span>):</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">A</span> weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span>;</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>II. <em class="gesperrt">auf die Gültigkeit eines Gliedes von der
+Ungültigkeit aller übrigen</em> geschlossen werden (<span class="antiqua">modus
+tollendo ponens</span>):</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="modus tollendo ponens">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
+
+<p>Z.&nbsp;B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig
+oder stumpfwinklig.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nach <span class="antiqua">I.</span></td><td align="left">Nun ist es rechtwinklig</td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.</td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="2">Nach <span class="antiqua">II.</span> Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es rechtwinklig.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Ist die Disjunktion eine <em class="gesperrt">mehrgliedrige</em>, so ergibt
+sich für den Fall <span class="antiqua">I.</span> ein konjunktiv verneinendes Urteil, für
+den Fall <span class="antiqua">II.</span> eine um ein Glied verkleinerte Disjunktion.
+Bei einer <em class="gesperrt">zweigliedrigen</em> Disjunktion ergibt sich im
+ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das
+einfach bejahende Urteil.</p>
+
+<p>Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das
+<em class="gesperrt">Dilemma</em>, <em class="gesperrt">Trilemma</em>, <em class="gesperrt">Polylemma</em> (<span class="antiqua">syllogismus cornutus</span>).
+Hier wird aus der Verneinung aller Glieder der
+Disjunktion die Verneinung ihrer gemeinschaftlichen Voraussetzung
+erschlossen.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma">
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Nun gilt weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gilt auch <span class="antiqua">A</span> nicht;</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder kategorisch gefaßt:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma kategorisch">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Nun ist <span class="antiqua">S</span> weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">S</span> auch nicht <span class="antiqua">A</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Ein Trilemma ist z.&nbsp;B. die folgende Beweisführung
+von Leibniz:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Trilemma von Leibniz">
+<tr><td align="left">
+Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter
+allen möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder
+nicht gekannt, oder nicht hervorbringen und erhalten können,
+oder nicht hervorbringen und erhalten wollen; nun aber
+ist (infolge der göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte)<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
+weder das erste, noch das zweite, noch das dritte wahr,<br />
+</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_59" id="Par_59"></a>§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse.</h3>
+
+<p>Im <em class="gesperrt">zusammengesetzten Schluß</em> sind mehrere
+Schlüsse durch gemeinsame Glieder zu einem Ganzen vereinigt.
+Sind die einzelnen Schlüsse so angeordnet, daß
+der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse des
+zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse
+des dritten wird, so entsteht die <em class="gesperrt">Schlußkette</em> (<span class="antiqua">syllogismus
+concatenatus</span>). Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame
+Satz Schlußsatz ist, heißt der <em class="gesperrt">Vorschluß</em> (Prosyllogismus)
+im Verhältnis zum folgenden, dem <em class="gesperrt">Nachschluß</em>
+(Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der
+Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie
+<em class="gesperrt">episyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">progressiv</em>, im andern Fall
+<em class="gesperrt">prosyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">regressiv</em>.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Z.&nbsp;B.&nbsp;</td><td align="left">1.&nbsp;</td><td align="left">Der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">2.</td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Zufriedene ist glücklich</td></tr>
+<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>progressiv in der Richtung: 1. 2.<br />
+regressiv in der Richtung: 2. 1.</p>
+
+<p>Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden
+Prämissen verkürzt ist, heißt ein <em class="gesperrt">Enthymem</em>; z.&nbsp;B.: er
+muß gestraft werden, denn er hat ein Verbrechen begangen.</p>
+
+<p>Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden
+Prämissen eine Begründung hinzugefügt, so entsteht das
+<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span><em class="gesperrt">Epicherem</em>.</p>
+
+<p>Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze
+außer dem letzten weggelassen werden, so entsteht
+eine einfachere Form, die <em class="gesperrt">Kettenschluß</em> oder <em class="gesperrt">Sorites</em>
+genannt wird. Man unterscheidet nach dem Verhältnis,
+in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+<em class="gesperrt">aristotelischen</em> und dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> (zuerst
+behandelt 1598 von dem Marburger Professor Goklenius).
+Bei dem <em class="gesperrt">aristotelischen Sorites</em> fehlen diejenigen
+Schlußsätze, welche in dem folgenden Syllogismus Untersätze
+werden, er schreitet also von den niederen Begriffen
+zu den höheren fort und hat folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kettenschluß">
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> &nbsp;</td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">(Schlußsatz &nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">(Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Zufriedene ist glücklich</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Bei dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> fallen diejenigen
+Schlußsätze aus, welche in dem folgenden Syllogismus
+Obersätze werden, es wird von den höheren Begriffen zu
+den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="goklenischen Sorites">
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span> &nbsp;</td><td align="left">der Zufriedene ist glücklich</td></tr>
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">(Schlußsatz &nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">(Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_60" id="Par_60"></a>§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse.</h3>
+
+<p>Ein unrichtiger Schluß wird <em class="gesperrt">Fehlschluß</em> (<span class="antiqua">paralogismus</span>)
+genannt, wenn er auf Irrtum beruht, <em class="gesperrt">Trugschluß</em>
+(<span class="antiqua">sophisma</span>), wenn er aus der Absicht, zu täuschen,
+hervorging.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+<p>Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer <em class="gesperrt">Mißachtung</em>
+der <em class="gesperrt">Gesetze des Schließens</em>, insbesondere
+der für die Schlußfiguren geltenden Regeln, teils auf der
+<em class="gesperrt">Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs</em>. Es sind dann statt der drei Begriffe
+vier, aus denen der Schluß gezogen wird (<span class="antiqua">quaternio terminorum</span>).</p>
+
+<p>Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler
+gegen die Gesetze des Schließens, 2. 3. 4. eine <span class="antiqua">quaternio
+terminorum</span>, 6. und 7. eine sophistische Verwendung des
+Dilemmas.</p>
+
+
+<p>1.</p>
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 1 Schlußfehler">
+<tr><td></td><td align="left">Der Kaukasier hat Menschenrechte</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left">Der Neger ist kein Kaukasier</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td></td><td align="left">Folglich hat er keine Menschenrechte.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>2.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 2 Schlußfehler">
+<tr><td align="left">Herodes war ein Fuchs</td></tr>
+<tr><td align="left">Alle Füchse haben vier Füße</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also hatte Herodes vier Füße.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>3. Tertullians Schluß:</p>
+
+<p>Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz,
+dauernd mit den Füßen nach oben und mit dem Kopf
+nach unten zu leben.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 3 Schlußfehler: Tertullians Schluß">
+<tr><td align="left">Die Antipoden müßten dies</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gibt es keine Antipoden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>4.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 4 Schlußfehler">
+<tr><td align="left">Aller Anfang ist schwer</td></tr>
+<tr><td align="left">Müßiggang ist aller Laster Anfang</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist Müßiggang schwer.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. Der &#8222;<em class="gesperrt">Lügner</em>&#8221; der Alten. Epimenides der Kreter
+sagt: alle Kreter sind Lügner; Epimenides ist aber selbst
+ein Kreter, also ist es nicht wahr, daß die Kreter Lügner
+sind, also sagt auch Epimenides die Wahrheit, also sind
+alle Kreter Lügner &amp;c. <span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>&amp;c.</p>
+
+<p>6. <em class="gesperrt">Der Krokodilschluß</em>: Eine Ägypterin sah, wie
+ihr am Nil spielendes Kind von einem Krokodil ergriffen
+wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr das Kind wiederzugeben.
+Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die
+Mutter tat den Ausspruch: Du wirst mir mein Kind
+nicht wiedergeben. Beide argumentierten darauf in folgenden
+Dilemmen gegeneinander: <em class="gesperrt">Das Krokodil sagt</em>:
+Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so habe
+ich das Kind nicht zurückgegeben</em>; denn ist deine
+Rede wahr, so erhältst du es nicht wieder nach deinem
+eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich es nicht
+zurück laut unsrer Übereinkunft. <em class="gesperrt">Die Mutter erwidert</em>:
+Ich mag wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so mußt
+du mir mein Kind wiedergeben</em>. Denn ist meine
+Rede wahr, so mußt du es mir geben laut unsrer Übereinkunft;
+ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr:
+Du wirst mir mein Kind zurückgeben.</p>
+
+<p>7. <em class="gesperrt">Das Sophisma des Euathlus.</em> Euathlus nahm
+beim Sophisten Protagoras Unterricht in der Sophistik
+mit dem Vertrag, der Schüler solle die zweite Hälfte des
+Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten Prozeß
+gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht
+Euathlus keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer
+nicht bezahlte, verklagte ihn dieser und brachte folgendes
+Dilemma vor: &#8222;Sowohl wenn du von den Richtern zu
+meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden
+sie dich zur Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft
+dieses Urteilsspruchs; wirst du aber nicht verurteilt, so
+mußt du unsrem Vertrage gemäß bezahlen, denn du hast
+den ersten Prozeß gewonnen.&#8221; Daraus antwortete Euathlus,
+er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
+sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß
+dem Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber,
+so brauche er gemäß dem Urteilsspruche der Richter nicht
+zu bezahlen. &mdash; Die Richter sollen durch diesen Streit so
+in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre Entscheidung
+auf unbestimmte Zeit vertagten.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_61" id="Par_61"></a>§ 61. Der Induktionsschluß.</h3>
+
+<p>Die Induktion ist der <em class="gesperrt">Schluß vom Besonderen
+aufs Allgemeine</em>; sie gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen
+allgemeine Sätze und hat folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Form der Induktion">
+<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">S</span>.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="center">Jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<p>Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt,
+faßt entweder <em class="gesperrt">lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare</em>,
+nur in Raum und Zeit getrennte <em class="gesperrt">Fälle</em> zu
+einem <em class="gesperrt">Spezialgesetz zusammen</em>, z.&nbsp;B. der Satz,
+daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem Gewichtsverhältnis
+zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+<em class="gesperrt">verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff</em>,
+z.&nbsp;B. der Satz: Alle Elementarstoffe verbinden
+sich chemisch in bestimmten Gewichtsverhältnissen. Im
+ersteren Fall, bei der &#8222;<em class="gesperrt">Induktion von Spezialgesetzen</em>&#8221;
+(Sigwart) wird geschlossen: Was in allen
+einzelnen Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art
+überhaupt. Im zweiten Fall, bei der &#8222;<em class="gesperrt">generalisierenden
+Induktion</em>&#8221; wird geschlossen: Was von allen Arten
+einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.</p>
+
+<p>Die Induktion ist eine <em class="gesperrt">vollständige</em>, wenn <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span>
+<span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> im Untersatz den ganzen Umfang des Begriffs <span class="antiqua">S</span>
+ausfüllen. Z.&nbsp;B.:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel Induktion">
+<tr><td align="left">Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.</td></tr>
+<tr><td align="left">Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind die alten Planeten.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also haben die alten Planeten Achsendrehung.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><em class="gesperrt">Unvollständig</em> heißt die Induktion, wenn durch
+Aufzählung der <span class="antiqua">M</span> der Umfang von <span class="antiqua">S</span> nicht erschöpft
+wird. So würde das letztgenannte Beispiel eine unvollständige
+Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde.</p>
+
+<p>Der Induktionsschluß hat <em class="gesperrt">Ähnlichkeit mit dem
+Syllogismus der dritten Figur</em>, es wäre nur
+an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der Einteilungsglieder
+getreten. Der Unterschied ist nur der, daß
+der Schlußsatz <em class="gesperrt">nicht partikulären, sondern allgemeinen
+Charakter</em> hat, und die Eigentümlichkeit
+der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter der
+Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit
+in der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter
+einzelner Fälle aus einen allgemeinen Satz aufstellt,
+der auch auf andere noch nicht beobachtete Fälle zu
+schließen erlaubt.</p>
+
+<p>Von den <em class="gesperrt">Fehlern</em>, die bei der Induktion vorkommen,
+ist naturgemäß der häufigste die <em class="gesperrt">falsche Verallgemeinerung</em>,
+besonders Verwechslung der bloßen
+zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis
+des <span class="antiqua">post hoc</span> mit dem <span class="antiqua">propter hoc</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_62" id="Par_62"></a>§ 62. Der Analogieschluß.</h3>
+
+<p>In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht
+der <em class="gesperrt">Schluß der Analogie, als Schluß vom Besonderen
+oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes</em>.<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
+Daraus, daß zwei Arten oder Individuen in einer Reihe
+von Merkmalen übereinstimmen, wird geschlossen, daß sie
+auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Induktionsschluß">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M</span>&nbsp;ist&nbsp;<span class="antiqua">P</span>.&nbsp;</td><td align="left">Z.&nbsp;B.: Die Erde ist Trägerin organischen Lebens.</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, mit Wechsel der Jahreszeiten u.&nbsp;s.&nbsp;w.</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, mit Wechsel der Jahreszeiten u.&nbsp;s.&nbsp;w.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td><td align="left">Also ist auch der Mars Träger organischen Lebens.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+
+
+<h2><a name="II_Teil_Methodenlehre" id="II_Teil_Methodenlehre"><span class="antiqua">II.</span> Teil. Methodenlehre.</a></h2>
+
+
+<h3><a name="Par_63" id="Par_63"></a>§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.</h3>
+
+<p>Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen
+Elemente des Denkens, Begriffe, Urteile, Schlüsse <em class="gesperrt">zum
+Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden</em>. Das Ziel der Wissenschaft
+überhaupt ist die Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen
+Welt. Dazu gehört zuerst ein <em class="gesperrt">Weltbild</em> in
+den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff,
+den die Wissenschaft erst gestaltet und der deshalb nicht
+in das Gebiet der Logik fällt. Weiter enthält das Ideal
+der Welterkenntnis ein <em class="gesperrt">vollständiges Begriffssystem</em>,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt
+nach durch <em class="gesperrt">Erklärungen</em> vollkommen verdeutlicht, als
+auch ihrem Umfang nach durch <em class="gesperrt">Einteilungen</em> klar
+gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
+vollkommener Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang
+der Welt aussprechen, und einer erschöpfenden
+Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges <em class="gesperrt">Beweisverfahren</em>.
+Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß
+sie sich noch der <em class="gesperrt">Mittel ihres stetigen Fortschrittes</em>
+bewußt werden, der Methoden, durch welche
+eine neue Erkenntnis zustande kommt.</p>
+
+<p>So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre
+zu behandeln hat: die <em class="gesperrt">Begriffsbestimmung</em>,
+<em class="gesperrt">die Einteilung</em>, <em class="gesperrt">der Beweis</em> und der <em class="gesperrt">Fortschritt
+der Wissenschaft</em>.</p>
+
+
+<h3>1. Die Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<h3><a name="Par_64" id="Par_64"></a>§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Begriffsbestimmung oder Definition
+ist ein Urteil, in welchem die Bedeutung eines
+einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben
+wird</em>, entweder durch <em class="gesperrt">vollständige</em> Aufführung
+der Merkmale eines Begriffs oder durch Angabe
+der <em class="gesperrt">nächsthöheren Gattung</em> (<span class="antiqua">genus proximum</span>) und
+<em class="gesperrt">des artbildenden Unterschieds</em> (<span class="antiqua">differentia specifica</span>).
+Durch das erstere wird der Begriff vollkommen
+deutlich gemacht, durch das letztere seine Stellung im geordneten
+System der Begriffe angegeben.</p>
+
+<p>Man unterscheidet gewöhnlich zwischen <em class="gesperrt">Worterklärungen</em>
+(Nominaldefinitionen), z.&nbsp;B. Division heißt Einteilung,
+und <em class="gesperrt">Sacherklärungen</em> (Realdefinitionen), welche
+den Inhalt des Gedachten darlegen. Für die Logik gibt
+es aber nur Worterklärungen, die zugleich Sacherklärungen
+sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
+bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition
+in dem genannten Sinn fällt rein in das sprachliche
+Gebiet.</p>
+
+<p>Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs
+ist in den meisten Fällen nicht möglich. Die <em class="gesperrt">gebräuchliche
+Art der Begriffsbestimmung</em> ist daher diejenige,
+welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z.&nbsp;B.: Das Parallelogramm
+ist ein Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der
+Gattungsbegriff, die Parallelität der Gegenseiten das Merkmal,
+welches das Parallelogramm von anderen Arten des
+Vierecks unterscheidet.</p>
+
+<p>Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden
+Sprachgebrauch bestimmt, so heißt die Definition <em class="gesperrt">analytisch</em>.
+<em class="gesperrt">Synthetisch</em> ist sie, wenn mit einem Wort ein neuer
+Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung mit
+dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff,
+der <em class="gesperrt">nur ein Merkmal hat</em>, z.&nbsp;B. Sein, Etwas, kann
+eine eigentliche Definition nicht gegeben werden.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_65" id="Par_65"></a>§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<p>Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen,
+werden folgende angeführt:</p>
+
+<p>1. Die Definition ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn ihr wesentliche
+Merkmale fehlen, z.&nbsp;B. das Quadrat ist ein gleichseitiges
+Parallelogramm. Sie ist zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu viel Merkmale
+aufnimmt, z.&nbsp;B. das Dreieck ist eine geradlinige
+Figur mit drei gleichen Seiten.</p>
+
+<p>2. Die Definition darf <em class="gesperrt">keine überflüssigen Merkmale</em>
+aufnehmen, die in anderen schon enthalten oder notwendig
+mit ihnen gegeben sind (Abundanz); z.&nbsp;B. Parallele
+Linien sind solche Linien, die gleiche Richtung und überall
+gleichen Abstand voneinander haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">Tautologie</em> ist zu vermeiden. Der zu definierende
+Begriff darf weder ausdrücklich noch versteckt in
+der Definition wiederkehren, z.&nbsp;B. das Gedächtnis ist das
+Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu gedenken.</p>
+
+<p>4. Ein <em class="gesperrt">Zirkel</em> entsteht, wo ein Begriff durch einen
+zweiten, dritten, vierten und der zweite oder dritte oder
+vierte wieder durch den ersten erklärt wird, z.&nbsp;B. Größe
+ist das der Vermehrung und der Verminderung Fähige;
+da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung
+Abnahme der Größe ist, so ist der Begriff der Größe in
+der Definition derselben schon vorausgesetzt.</p>
+
+<p>5. In der Definition dürfen <em class="gesperrt">keine bildlichen Ausdrücke</em>
+gebraucht werden, weil sie zu unbestimmt sind,
+und <em class="gesperrt">negative Bestimmungen</em> nur da, wo die positiven
+nicht ausreichen, z.&nbsp;B. der Staat ist der Mensch im
+großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur,
+die keine Ecken hat.</p>
+
+<p>6. Die Definition <em class="gesperrt">darf nicht mit der Aufzählung
+der Arten des Begriffs verwechselt werden</em>, denn
+diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein Zirkel entstünde;
+z.&nbsp;B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<p>Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch <em class="gesperrt">weniger
+strenge Formen</em> angegeben werden, die von der Erklärung
+im logischen Sinn unterschieden werden müssen;
+z.&nbsp;B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung,
+die Erläuterung.</p>
+
+
+<h3>2. Die Einteilung.</h3>
+
+<h3><a name="Par_66" id="Par_66"></a>§ 66. Das Wesen der Einteilung.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Einteilung ist die vollständige Angabe
+der Teile des Umfangs eines Begriffs.</em> Der
+Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
+Verhältnis der <em class="gesperrt">Disjunktion</em> zueinander stehen. Die
+sprachliche Form der Einteilung ist das <em class="gesperrt">divisive</em> Urteil:
+Die Vögel sind teils Luftvögel, teils Erdvögel, teils
+Wasservögel.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> einer solchen Differenzierung
+eines Gattungsbegriffs in seine Artbegriffe ist, daß er
+noch in einem oder mehreren seiner Merkmale <em class="gesperrt">unbestimmt
+sei</em>. Dasjenige Merkmal, in welchem die Unterschiede
+hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht,
+heißt <em class="gesperrt">Einteilungsgrund</em> (<span class="antiqua">fundamentum sive principium
+divisionis</span>).</p>
+
+<p>Die Einteilung geschieht entweder durch <em class="gesperrt">innere Entwickelung
+schon vorhandener Merkmale</em> oder
+<em class="gesperrt">Hinzunahme neuer</em>. <em class="gesperrt">Im ersten Fall</em> liegt der
+Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist
+mit dem Begriff der Linie das Merkmal der Richtung
+schon gegeben, die als Bewegung vorgestellt wird und
+entweder, wie bei der geraden Linie, gleichbleiben kann,
+oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. <em class="gesperrt">Im zweiten
+Fall</em> geschieht die Determination durch ein neues Merkmal,
+das im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte
+Möglichkeit gegeben war. So kann der Begriff der
+Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden eingeteilt werden,
+während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines
+Merkmals einen Unterschied begründen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_67" id="Par_67"></a>§ 67. Arten und Fehler der Einteilung.</h3>
+
+<p>Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die
+Einteilung <em class="gesperrt">Dichotomie</em>, <em class="gesperrt">Trichotomie</em>, <em class="gesperrt">Tetrachotomie</em>,
+<em class="gesperrt">Polytomie</em>. Oft verlieren sich die Arten in
+eine unendliche Reihe, z.&nbsp;B. der Begriff des Vielecks
+schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
+Sechsecks u.&nbsp;s.&nbsp;w. Man unterscheidet auch zwischen
+<em class="gesperrt">natürlicher</em> Einteilung, die sich auf alle wesentlichen
+Merkmale eines Begriffes stützt, und <em class="gesperrt">künstlicher Einteilung</em>,
+bei welcher ein einzelnes Merkmal als Einteilungsgrund
+benützt wird, doch womöglich so, daß die
+Modifikationen dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang
+mit den Modifikationen der anderen Merkmale stehen.
+Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht z.&nbsp;B.
+Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und
+Stellung der Staubgefäße in 24 Klassen.</p>
+
+<p>Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung
+von dem <em class="gesperrt">logischen Umfang</em> eines Begriffes
+oder von dem <em class="gesperrt">empirischen Umfang</em> desselben ausgegangen
+wird. Es müßten z.&nbsp;B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten
+sein, auch blau oder grün, während die empirische
+nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben klassifiziert.
+Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für
+logische Vollständigkeit gegeben.</p>
+
+<p>Die hauptsächlichen <em class="gesperrt">Fehler</em> der Einteilung sind
+folgende:</p>
+
+<p>1. Die Einteilung ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn sie zu viel,
+zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu wenig Einteilungsglieder enthält.
+Zu weit ist z.&nbsp;B. die Einteilung der Dreiecke in rechtwinklige,
+schiefwinklige und gleichwinklige.</p>
+
+<p>2. Die Glieder der Einteilung müssen <em class="gesperrt">einander
+ausschließen</em>, dürfen sich nicht kreuzen, z.&nbsp;B. die Einteilung
+der Neigungen in Selbstliebe, Neigung zu andern
+und gegenseitige Neigung.</p>
+
+<p>3. Es dürfen nicht verschiedene <em class="gesperrt">Einteilungsgründe
+vermischt werden</em>, sonst wird die Einteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
+<em class="gesperrt">verworren</em>, z.&nbsp;B. die der Menschen in Europäer
+und Schwarze.</p>
+
+
+<h3>3. Der Beweis.</h3>
+
+<h3><a name="Par_68" id="Par_68"></a>§ 68. Der Beweis und seine Arten.</h3>
+
+<p>In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe
+durch Erklärungen und Einteilungen ihrem Inhalt
+und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese Begriffe
+kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen
+gewisse Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile
+selbst bedürfen der Begründung, um gültig zu sein. Dies
+geschieht, indem einzelne Schlüsse <em class="gesperrt">zum Beweis verbunden
+werden</em> und so jedes einzelne Urteil durch
+seinen <em class="gesperrt">Zusammenhang mit andern bereits feststehenden</em>
+in das System der Wissenschaft aufgenommen
+wird.</p>
+
+<p>Der Beweis ist also die <em class="gesperrt">syllogistische Ableitung
+eines Urteils aus anderen Urteilen, die als
+gewiß und notwendig erkannt sind</em>. Doch bedürfen
+auch diese eigentlich wieder des Beweises und so
+führt genau genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen
+zurück, die einer Begründung weder fähig, noch bedürftig
+sind, zu den <em class="gesperrt">Grundsätzen</em> oder <em class="gesperrt">Axiomen</em>. <em class="gesperrt">Vom
+einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis</em>
+dadurch, daß das zu beweisende Urteil im voraus
+bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis bildet, und
+daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht
+genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich
+eine ganze Schlußkette dar.</p>
+
+<p>Der Beweis ist ein <em class="gesperrt">direkter</em>, wenn er die Wahrheit
+eines Satzes einfach durch kategorischen oder hypothetischen
+Schluß aus feststehenden Prämissen ableitet, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
+<em class="gesperrt">indirekter</em> oder <em class="gesperrt">apagogischer</em>, wenn der zu beweisende
+Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung
+der übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird.
+Ein direkter Beweis ist es z.&nbsp;B., wenn daraus, daß die
+Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich einem Rechten
+ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein
+muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der
+Disjunktion ausgegangen würde: Entweder ist er ein
+stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter Winkel, und aus
+der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die Gültigkeit
+des letzten gefolgert würde.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Widerlegung</em> (<span class="antiqua">refutatio</span>) ist <em class="gesperrt">der Beweis
+der Unrichtigkeit eines Satzes oder eines
+Beweises</em>. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt daraus,
+daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (<span class="antiqua">deductio ad
+absurdum</span>) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit
+wird also bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen
+Gegenteils. Die <em class="gesperrt">Widerlegung eines
+Beweises</em> geschieht durch Entkräftung der Beweisgründe.
+Zur <em class="gesperrt">gründlichen</em> Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht,
+als die Widerlegung des gegnerischen Beweises.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_69" id="Par_69"></a>§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.</h3>
+
+<p>Es erhebt sich noch die Frage, <em class="gesperrt">wie der Beweis
+gefunden wird</em>. Da der Beweis durch Schlüsse sich
+bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was die
+Schlüsse möglich macht, einen <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>. Wäre
+der Satz zu beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte
+ein Mittelbegriff gefunden werden, der einerseits der
+Tugend als Prädikat zugesprochen werden und andrerseits
+das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher Mittelbegriff
+ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
+ist lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend
+lehrbar. Doch wird nur selten ein einziger Mittelbegriff
+genügen. In den meisten Fällen müssen die Vermittlungen
+auf umständlichere Weise gesucht werden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">hauptsächlichsten Beweisfehler</em> sind,
+neben den schon genannten Verstößen gegen die Regeln
+des Schlusses überhaupt, folgende:</p>
+
+<p>1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten
+Beweis.</p>
+
+<p>2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze
+folgende Beweisführung in Frage gestellt wird (<span class="antiqua">proton
+pseudos</span>).</p>
+
+<p>3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden,
+so daß etwa in einer der Prämissen der Schlußsatz schon
+enthalten wäre (Zirkelbeweis).</p>
+
+<p>4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird,
+darf nicht von dem zu Beweisenden abweichen (<span class="antiqua">heterozetesis</span>),
+weder qualitativ (<span class="antiqua">metabasis eis allo genos</span>), noch quantitativ,
+indem zu viel oder zu wenig bewiesen wird.</p>
+
+<p>Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht,
+so spricht man von <em class="gesperrt">Erschleichung</em> (<span class="antiqua">subreptio</span>).</p>
+
+
+<h3>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</h3>
+
+<h3><a name="Par_70" id="Par_70"></a>§ 70. Die verschiedenen Methoden.</h3>
+
+<p>Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis
+der Begriffe zueinander geordnet, durch den Beweis
+der logische Zusammenhang zwischen den Urteilen
+hergestellt; damit ist gezeigt, <em class="gesperrt">wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden</em>.</p>
+
+<p>Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen,
+sondern <em class="gesperrt">sie schreitet fort</em>; es erhebt sich
+also noch die Frage, welche Methoden sie anwendet, um<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
+zu <em class="gesperrt">neuen Erkenntnissen</em> zu gelangen. Hier sind
+folgende Wege möglich:</p>
+
+<p>1. Man geht aus <em class="gesperrt">vom einzelnen tatsächlich
+Gegebenen</em>, das man beobachten kann, und sucht <em class="gesperrt">daraus
+allgemeine Sätze</em> zu gewinnen. Dies ist das
+<em class="gesperrt">induktive</em> Verfahren.</p>
+
+<p>2. Man geht aus <em class="gesperrt">von den allgemeinen Sätzen</em>,
+die man schon gewonnen hat, und sucht durch logische
+Verarbeitung derselben neue <em class="gesperrt">Aufschlüsse über das
+Besondere und Einzelne</em> zu gewinnen. Dies ist
+das <em class="gesperrt">deduktive</em> Verfahren.</p>
+
+<p>3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet
+aber nur <em class="gesperrt">in der Verbindung beider Methoden</em>,
+der Induktion und Deduktion, statt, wie sie besonders die
+<em class="gesperrt">Hypothese darstellt</em>.</p>
+
+<p>4. Die Art endlich, wie die <em class="gesperrt">Wissenschaft als
+Ganzes</em> fortschreitet, ist bestimmt durch <em class="gesperrt">das logische
+Ideal des Systems</em>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_71" id="Par_71"></a>§ 71. Das induktive Verfahren.</h3>
+
+<p>Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in
+der Elementarlehre behandelt (§ 61). Die <em class="gesperrt">wichtigsten
+Leistungen der induktiven Methode</em> sind folgende:</p>
+
+<p>1. Die Induktion führt zur <em class="gesperrt">Bildung realgültiger
+Begriffe</em>. Unsere Begriffe sind zunächst nur <em class="gesperrt">subjektive
+Gebilde</em> und bedürfen der fortwährenden Verbesserung
+durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns
+schon gebildeten Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das
+wir in diesen Begriff noch nicht aufgenommen haben, so
+tritt die Frage an uns heran, ob dieses Merkmal mit dem
+Begriff <em class="gesperrt">notwendig zusammengehört oder nicht</em>.
+Wir werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
+allen Gegenständen, die unter diesen Begriff fallen, das
+neue Merkmal findet, und je häufiger dies der Fall ist,
+mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden wir die
+Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf
+diesem Wege können unsere subjektiven Begriffe allmählich
+zu Wesensbegriffen werden, die der Wirklichkeit entsprechen.
+In der beschriebenen Weise wird z.&nbsp;B. derjenige verfahren,
+der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.</p>
+
+<p>Nun zeigt aber die <em class="gesperrt">Tatsache der Veränderung</em>,
+daß die Notwendigkeit, welche die Merkmale der Dinge
+zusammenhält, doch keine unbedingte ist, es müßte denn
+<em class="gesperrt">die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen</em>
+vor sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung
+aus dem Wesen der Dinge selbst heraus, wie bei
+den organischen Wesen, oder <em class="gesperrt">durch äußere Ursachen</em>
+veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.</p>
+
+<p>2. Wir gewinnen durch Induktion <em class="gesperrt">allgemeine
+Sätze über das Wirken von Ursachen</em>. Besonders
+diese Seite der Induktion hat durch <em class="gesperrt">J. St. Mill</em> eine
+grundlegende Bearbeitung erfahren.</p>
+
+<p>Es ist die <em class="gesperrt">gewöhnliche Vorstellung</em>, daß wir
+das Wirken von Ursachen ebenso wie irgend etwas anderes
+unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit beobachten wir
+nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt. Explodiert
+eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand
+sie berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung
+dieses Vorgangs ganz dieselbe, ob die Berührung
+die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein zufälliges
+Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt,
+daß wir da ein kausales Verhältnis annehmen, <em class="gesperrt">wo eine
+Veränderung regelmäßig auf eine andere</em><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
+<em class="gesperrt">folgt</em>. Es gilt also der Satz: Die <em class="gesperrt">Ursache</em> ist das
+<em class="gesperrt">regelmäßige <span class="antiqua">Antecedens</span></em>, die <em class="gesperrt">Wirkung das
+regelmäßige <span class="antiqua">Consequens</span></em>. Wenn jene Explosion
+unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde,
+so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen.
+Damit aber nicht auch die Nacht als Ursache
+des Tages angesehen werde, fügt Mill hinzu, das <span class="antiqua">Consequens</span>
+müsse dem <span class="antiqua">Antecedens</span> <em class="gesperrt">unbedingt</em>, d.&nbsp;h. unabhängig
+von irgend welchen andern bedingenden Umständen,
+z.&nbsp;B. von dem Aufgang der Sonne, folgen.</p>
+
+<p>Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem
+Wege sichere Gesetze über das Wirken von Ursachen zu
+gewinnen, stellt Mill <em class="gesperrt">zwei Hauptmethoden</em> auf, die
+Methode der Übereinstimmung und die Methode der
+Differenz.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Übereinstimmung</em> wird von
+ihm in folgendem &#8222;Kanon&#8221; zusammengefaßt: &#8222;Wenn zwei
+oder mehr Instanzen des zu erforschenden Phänomens
+nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in
+dem allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache
+(oder Wirkung) des gegebenen Phänomens.&#8221;</p>
+
+<p>Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das
+entsprechende Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt
+sich folgendes Schema:</p>
+
+
+<div class="center">
+<div class="antiqua">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Ursache - Wirkung">
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">D</td><td align="left">E</td><td align="left">a</td><td align="left">d</td><td align="left">e</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">F</td><td align="left">G</td><td align="left">a</td><td align="left">f</td><td align="left">g</td></tr>
+</table></div></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">B C D E F G</span> nicht jedesmal dabei sind, wenn
+<span class="antiqua">a</span> auf <span class="antiqua">A</span> folgt, so können sie jedenfalls nicht die Ursachen
+sein, also muß es <span class="antiqua">A</span> sein. Die Wirkung <span class="antiqua">a</span> sei z.&nbsp;B.
+Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper
+kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts
+<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>übereinstimmen; zeigt sich, daß sie nur <em class="gesperrt">ein</em> Antecedens
+gemeinsam haben, nämlich: Ablagerung eines festen Stoffes
+aus einem flüssigen Zustand, so schließen wir, daß das
+Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen Zustand
+ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Differenz</em> wird von Mill
+folgendermaßen gefaßt:</p>
+
+<p>&#8222;Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende
+Phänomen eintritt, und eine Instanz, in der es nicht eintritt,
+jeden Umstand bis auf einen gemein haben, indem
+dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so ist der
+Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen,
+die Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher
+Teil der Ursache des Phänomens.&#8221;</p>
+
+<p>Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch
+nichts anderes unterscheiden, als dadurch, daß in dem
+einen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">a</span> gegenwärtig ist und in dem andern fehlt,
+nach dem Schema:</p>
+
+
+<div class="center">
+<div class="antiqua">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Differenzvergleich">
+<tr><td align="left"></td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left"></td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+</table></div></div>
+
+<p>Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen
+wir, daß es der Schuß war, der ihn tötete, weil er unmittelbar
+vorher noch in der Vollkraft des Lebens war
+und als neues <span class="antiqua">Antecedens A</span> nur die Wunde hinzukam.
+Die Wirkung <span class="antiqua">a</span>, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam,
+muß deshalb durch <span class="antiqua">A</span> bewirkt sein.</p>
+
+<p>Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender
+Wirkung kann leicht auch künstlich zustande gebracht
+werden. Die Differenzmethode ist daher vorzugsweise
+die Methode des <em class="gesperrt">Experiments</em>.</p>
+
+<p>Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs-
+und Unterschiedsmethode, eine Methode der
+Rückstände und eine Methode der Begleitveränderungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
+
+<p>3. Die Induktion führt auch zu <em class="gesperrt">bloß empirischen
+Gesetzen</em>, die keinen ursächlichen Zusammenhang, sondern
+nur ein tatsächliches Geschehen oder regelmäßige Zusammenhänge
+verschiedener Vorgänge aussagen, z.&nbsp;B., daß ein
+frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten
+der Zeit proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in
+regelmäßigen Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die
+<em class="gesperrt">Aufgabe der Wissenschaft</em>, auch diese zunächst
+empirischen Gesetze auf kausale Zusammenhänge zurückzuführen.</p>
+
+<p>4. Durch die <em class="gesperrt">generalisierende Induktion</em> gelangt
+man <em class="gesperrt">von spezielleren Gesetzen zu allgemeineren</em>.
+Wenn <span class="antiqua">A B C</span> übereinstimmend das Prädikat
+<span class="antiqua">P</span> haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in
+gewissen gemeinsamen Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> habe; aus diesen
+Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> wird dann der höhere Gattungsbegriff
+gebildet und angenommen, daß alle Gegenstände,
+die unter denselben fallen, das Prädikat <span class="antiqua">P</span> haben müssen.
+So gelangt man z.&nbsp;B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß
+alle Körper, die schwerer sind als Wasser, im Wasser
+untersinken. Dabei wird allerdings eine über die Erfahrung
+hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich die,
+daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende
+Folgen fließen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_72" id="Par_72"></a>§ 72. Das deduktive Verfahren.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum
+Besonderen und Einzelnen herab</em>: teils setzt sie die
+gewonnenen allgemeinen Begriffe und Wahrheiten in Beziehung
+zueinander und gewinnt daraus <em class="gesperrt">neue allgemeine
+Erkenntnisse</em>, wie dies in ausgedehntem Maße
+die Mathematik tut; teils leitet sie aus den erkannten
+<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>allgemeinen Gesetzen die <em class="gesperrt">einzelnen tatsächlichen Erscheinungen</em>
+ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe
+der Deduktion, <em class="gesperrt">die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen
+zu erklären</em>. Dies geschieht durch einfache Syllogismen,
+welche den gegebenen Fall als Folge eines oder
+mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie z.&nbsp;B.
+die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren
+sich ausdehnt, und aus dem andern, daß das Glas wegen
+seiner Sprödigkeit sich nicht ausdehnen kann. Auf demselben
+deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer Reihe
+von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z.&nbsp;B.
+die mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_73" id="Par_73"></a>§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und
+die Hypothese.</h3>
+
+<p>Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion
+folgt unmittelbar, daß <em class="gesperrt">sie einander nicht entbehren
+können</em>. Die Deduktion geht aus von allgemeinen
+Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die
+allgemeine Sätze findet. Die Induktion führt nur zu
+einem höheren Grade von Wahrscheinlichkeit und bedarf
+einer fortwährenden Prüfung ihrer Resultate. Dies geschieht
+am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen
+Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur
+Probe für ihre Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne
+daraus zu erklären.</p>
+
+<p>Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden
+für die Wissenschaft fruchtbar zu machen, ist die <em class="gesperrt">Hypothese</em>.
+Die Hypothese <em class="gesperrt">ist die vorläufige Annahme
+der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung
+an den daraus abgeleiteten Folgen</em>. Jede
+einzelne Folgerung aus der Hypothese, die formell richtig
+abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen oder anderen wahren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
+Sätzen in Widerspruch steht, beweist die <em class="gesperrt">Unwahrheit
+der Hypothese</em>. Jede Folge, die materiale Wahrheit
+hat, führt aber nur zu <em class="gesperrt">größerer Wahrscheinlichkeit</em>,
+die sich allerdings der vollen Gewißheit nähern kann.
+Die Hypothese ist ferner um so wahrscheinlicher, je einfacher
+sie ist und je weniger sie <em class="gesperrt">Hilfshypothesen</em> braucht.
+Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur <em class="gesperrt">Theorie</em>,
+wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur
+Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen
+oder sie von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Entwickelung der Wissenschaft</em> geht <em class="gesperrt">immer
+durch Hypothesen hindurch</em>. Dies zeigt z. B. die
+ganze Geschichte der Astronomie; Hypothesen sind ferner
+die philologischen Konjekturen, die Versuche zur Erklärung
+des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose
+des Arztes.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_74" id="Par_74"></a>§ 74. Das System.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Das System ist die Verbindung zusammengehöriger
+Erkenntnisse zu einem logisch geordneten
+Ganzen.</em> Die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em> ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen
+Erkenntnisse in der Form dieser Verbindung.
+Wäre die Wissenschaft als System vollendet, so müßte
+einerseits eine <em class="gesperrt">vollkommene Klassifikation</em>, anderseits
+eine <em class="gesperrt">vollkommene Deduktion</em> erreicht sein. Die <em class="gesperrt">Gesamtheit
+der Begriffe</em> müßte eine <em class="gesperrt">Pyramide</em> darstellen,
+deren Spitze der höchste Begriff, deren Grundlage
+die untersten Arten bilden würden, die selbst die gesamte
+wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle
+<em class="gesperrt">wahren Urteile</em> durch <em class="gesperrt">ein System von Schlüssen</em>,
+durch eine Kette von Beweisen verbinden, die in ununterbrochener<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
+Reihenfolge zu den letzten Prämissen, zu den
+Axiomen zurückführen würden.</p>
+
+<p>Die Wissenschaften sind noch weit von diesem <em class="gesperrt">logischen
+Ideal</em> entfernt, aber sie werden dasselbe <em class="gesperrt">nicht
+entbehren können</em>, wenn sie nicht in Einseitigkeit verfallen
+wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder nicht,
+ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches
+Ziel angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie
+der Naturwissenschaft hat <em class="gesperrt">die von unten aufbauende
+Methode in den Vordergrund gestellt</em>, und mit
+Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung
+der Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche
+Arbeitsteilung droht das Ganze der Wissenschaft und
+der Wissenschaften in lauter kleine und kleinste Teile zu
+zersplittern: es ist die <em class="gesperrt">Aufgabe der Philosophie</em>, das
+Bewußtsein wach zu erhalten, <em class="gesperrt">daß die Wissenschaft
+nur als Ganzes ihren Zweck erfüllt</em>, und daß sie
+das nur kann, solange sie den Gedanken festhält, wenn
+auch nur als leitenden Grundsatz, daß die wissenschaftliche
+Arbeit <em class="gesperrt">von unten</em> und die <em class="gesperrt">von oben her</em> einmal <em class="gesperrt">zusammenkommen</em>
+müssen.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Literatur" id="Literatur">Literatur.</a></h2>
+
+<h3><span class="antiqua">A.</span> Einleitung in die Philosophie:</h3>
+
+
+<p><em class="gesperrt">Külpe</em>, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Paulsen</em>, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Volkelt</em>, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der
+Gegenwart. 1892.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung
+in die Philosophie. 2. Aufl. 1903.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">B.</span> Geschichte der Philosophie.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></h3>
+
+<h4><span class="antiqua">I.</span> Geschichte der Philosophie überhaupt:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Bergmann</em>, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde.
+4. Aufl. 1895/96.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Eucken</em>, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker.
+3. Aufl. 1899.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Rehmke</em>, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Überweg-Heinze</em>, Grundriß der Geschichte der Philosophie.
+4 Bde. 8. Aufl. 1894-97.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Die Titel derjenigen Bücher von <span class="antiqua">B</span> bis <span class="antiqua">D</span>, welche neben dem
+beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen
+zur weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen
+systematischen Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen,
+<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>sind <em class="gesperrt">gesperrt gedruckt</em>.</p></div>
+
+
+<h4><span class="antiqua">II.</span> Alte Philosophie:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Deussen</em>, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>
+1894/99 (Indische Philosophie).</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Gomperz</em>, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken
+Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>. 1901.</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Zeller">
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Zeller</em>,</td><td align="left">E.,</td><td align="left">Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie</em>. 5. Aufl. 1898.</td></tr>
+</table></div>
+
+<h4><span class="antiqua">III.</span> Neuere Philosophie:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Falckenberg</em>, R., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie
+von Nikolaus von Kues bis zur Gegenwart</em>. 3. Aufl. 1898.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Fischer</em>, K., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie</em>. 9 Bde.
+4. Aufl. 1897-1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Höffding</em>, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., <em class="gesperrt">Die Geschichte der neueren Philosophie</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1899.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">C.</span> Psychologie:</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Höffding</em>, H., <em class="gesperrt">Psychologie in Umrissen</em>. 3. deutsche
+Ausgabe. 1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Höfler</em>, A., Psychologie. 1897.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Jodl</em>, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Külpe</em>, O., Grundriß der Psychologie. 1893.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Lotze">
+<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Lotze</em>,</td><td align="left" valign="top">H.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundzüge der Psychologie</em>. 4. Aufl. 1889.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. <span class="antiqua">II</span>.</td></tr>
+</table></div>
+<p><em class="gesperrt">Volkmann</em>, A.&nbsp;W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1894/95.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
+
+
+<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Wundt">
+<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Wundt</em>,</td><td align="left" valign="top">W.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele</em>. 3. Aufl. 1897.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="left">Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Völkerpsychologie. 1900. Bd. <span class="antiqua">I</span> u. <span class="antiqua">II</span> (die Sprache).</td></tr>
+</table>
+<p><em class="gesperrt">Ziehen</em>, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl.
+1900.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">D.</span> Logik:</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, B., Logik. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1892.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., <em class="gesperrt">Grundzüge der Logik.</em> 1893.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lotze</em>, H., Logik. 2. Aufl. 1880.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Mill</em>, J.&nbsp;St., System der deduktiven und induktiven Logik.
+Deutsch von Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sigwart</em>, Ch., <em class="gesperrt">Logik</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Überweg</em>, F., System der Logik und Geschichte der logischen
+Lehren. 5. Aufl. 1882.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie
+und Logik:</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Weitere Werke des Verfassers">
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Elsenhans</em>,</td><td align="left">Th.,</td><td align="left">Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. 1897.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Das Kant-Friesische Problem. 1902.</td></tr>
+</table></div>
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Namen-_und_Sachregister" id="Namen-_und_Sachregister">Namen- und Sachregister.</a></h2>
+
+
+<p>
+Affekt <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Alpdrücken <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Analogieschluß <a href="#Seite_122">122</a> f.<br />
+
+Anaxagoras <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Äquipollenz <a href="#Seite_94">94</a>.<br />
+
+Aristoteles <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Assoziation <a href="#Seite_28">28</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br />
+
+Ästhetik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+Ästhetische Gefühle <a href="#Seite_42">42</a> f.<br />
+
+Atomisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Aufmerksamkeit <a href="#Seite_30">30</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Ausdrucksbewegungen <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Axiome <a href="#Seite_129">129</a>.<br />
+
+<br />
+Baco <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Begierde <a href="#Seite_55">55</a>.<br />
+
+Begriff <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_69">69</a> f.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Merkmale des B. <a href="#Seite_70">70</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Arten der B. <a href="#Seite_72">72</a> ff.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Umfang des B. <a href="#Seite_71">71</a> f. <a href="#Seite_128">128</a>.<br />
+
+Begriffsbestimmung <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br />
+
+Beneke <a href="#Seite_111">111</a>.<br />
+
+Bergmann <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Bewegungen <a href="#Seite_66">66</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; unwillkürliche B. <a href="#Seite_53">53</a> f.<br />
+
+Beweis <a href="#Seite_129">129</a> ff.<br />
+
+<br />
+Charakter <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_67">67</a>.<br />
+
+<br />
+Deduktion <a href="#Seite_136">136</a> ff.<br />
+
+Definition <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br />
+
+Denken <a href="#Seite_33">33</a>.<br />
+
+Descartes <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br />
+
+Determination <a href="#Seite_127">127</a>.<br />
+
+Determinismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br />
+
+Deussen <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Deutlichkeit <a href="#Seite_72">72</a>.<br />
+
+<br />
+Ebbinghaus <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Eigennamen <a href="#Seite_33">33</a>.<br />
+
+Einheit des Bewußtseins <a href="#Seite_18">18</a> f.<br />
+
+Einteilung <a href="#Seite_126">126</a> ff.<br />
+
+Eleaten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Elsenhans <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Empfindung <a href="#Seite_21">21</a> ff.<br />
+
+Empirismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Enge des Bewußtseins <a href="#Seite_29">29</a>.<br />
+
+Entfernung <a href="#Seite_36">36</a> f. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br />
+
+Enthymem <a href="#Seite_117">117</a>.<br />
+
+Entschluß <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Epicherem <a href="#Seite_117">117</a>.<br />
+
+Epikureer <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Erdmann, B. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+&nbsp; &nbsp; &#8222; &nbsp; &nbsp; &#8222; &nbsp; &nbsp; J. <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Erkennen <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Erkenntnistheorie <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Ethik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+Euathlus, Sophisma des E. <a href="#Seite_120">120</a>.<br />
+
+Eucken <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+<br />
+Falckenberg <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Fehlschlüsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br />
+
+Fichte <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Fischer, K. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Galenus <a href="#Seite_99">99</a>.<br />
+
+Gall <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Gebärden <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Gedächtnis <a href="#Seite_30">30</a> f.<br />
+
+Gefühl <a href="#Seite_39">39</a> f. <a href="#Seite_64">64</a> f.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Verlauf der G. <a href="#Seite_44">44</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Abstumpfung der G. <a href="#Seite_45">45</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Verstärkung der G. <a href="#Seite_45">45</a>.;<br />
+&nbsp; &nbsp; gemischte G. <a href="#Seite_46">46</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Bedeutung der G. <a href="#Seite_50">50</a> ff.<br />
+
+Gefühlston <a href="#Seite_40">40</a>.<br />
+
+Gehen <a href="#Seite_63">63</a>.<br />
+
+Geisteskrankheit <a href="#Seite_19">19</a>.<br />
+
+Gemeinvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Gemüt <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Geruch <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Geschmack <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Gesinnung <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Gewohnheit <a href="#Seite_62">62</a> f.<br />
+
+Gomperz <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Grundgesetze des Denkens <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br />
+
+<br />
+Hegel <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Heinze <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Heraklit <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Herbart <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Höffding <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Höfler <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Hörzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Hume <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Hypothese <a href="#Seite_137">137</a> f.<br />
+
+Hypothetisches Urteil <a href="#Seite_77">77</a> ff. <a href="#Seite_85">85</a>-93. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+<br />
+Idealismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Ideenassoziation <a href="#Seite_28">28</a> f.<br />
+
+Indeterminismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br />
+
+Individualbegriff <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Individualvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Induktion <a href="#Seite_98">98</a>. <a href="#Seite_132">132</a> ff.<br />
+
+Induktionsschluß <a href="#Seite_121">121</a> f.<br />
+
+Instinkt <a href="#Seite_54">54</a>.<br />
+
+Intellektuelle Gefühle <a href="#Seite_42">42</a>.<br />
+
+Jodl <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Kant <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br />
+
+Kausalität <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Kettenschluß <a href="#Seite_118">118</a>.<br />
+
+Klarheit <a href="#Seite_72">72</a>.<br />
+
+Kontradiktorischer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a>.<br />
+
+Kontraposition <a href="#Seite_92">92</a> f. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+Konträrer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a> f.<br />
+
+Konversion <a href="#Seite_90">90</a> ff. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+Külpe <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Lachen <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Lebensgefühl <a href="#Seite_46">46</a> f.<br />
+
+Leibniz <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br />
+
+Leidenschaft <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Lipps, Th. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Locke <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>Logik 8. 13. 66 ff.<br />
+
+Lokalisationstheorie <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Lokalzeichen <a href="#Seite_38">38</a>.<br />
+
+Lotze <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_38">38</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+<br />
+Materialismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_19">19</a>.<br />
+
+Metaphysik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+Mill, J. St. <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_112">112</a>. <a href="#Seite_133">133</a> ff. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Mitgefühl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br />
+
+Mittelbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Modale Konsequenz <a href="#Seite_96">96</a>.<br />
+
+Motiv <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Motorisches Zentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Müller, Joh. <a href="#Seite_23">23</a>.<br />
+
+<br />
+Nachahmungsbewegung <a href="#Seite_55">55</a>.<br />
+
+Nachbilder <a href="#Seite_24">24</a>.<br />
+
+Nervensystem <a href="#Seite_19">19</a> f.<br />
+
+Neukantianismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Neuplatoniker <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+<br />
+Oberbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Opposition <a href="#Seite_94">94</a> ff.<br />
+
+<br />
+Parallaxe <a href="#Seite_37">37</a>.<br />
+
+Partialgefühle <a href="#Seite_45">45</a>.<br />
+
+Paulsen <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Pessimismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_40">40</a>.<br />
+
+Petrus Hispanus <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Physiologische Psychologie <a href="#Seite_15">15</a>.<br />
+
+Physiologische Zeit <a href="#Seite_53">53</a>.<br />
+
+Plato <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Positivismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Prämissen <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Psychologie <a href="#Seite_12">12</a>. <a href="#Seite_14">14</a> f.<br />
+
+Phytagoreer <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+<br />
+Rationalismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Raumvorstellung <a href="#Seite_36">36</a> f.<br />
+
+Reflexbewegungen <a href="#Seite_53">53</a>.<br />
+
+Reflexhemmungen <a href="#Seite_54">54</a>.<br />
+
+Rehmke <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Religion <a href="#Seite_8">8</a> f.<br />
+
+Religiöse Gefühle <a href="#Seite_43">43</a>.<br />
+
+Reproduktion <a href="#Seite_30">30</a>.<br />
+
+<br />
+Schauspielkunst <a href="#Seite_61">61</a>.<br />
+
+Schelling <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Schluß <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br />
+
+Schlußfiguren <a href="#Seite_103">103</a> ff.<br />
+
+Schmerz <a href="#Seite_41">41</a>.<br />
+
+Scholastiker <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Schopenhauer <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br />
+
+Schrift <a href="#Seite_61">61</a>.<br />
+
+Seelenvermögen <a href="#Seite_20">20</a> f.<br />
+
+Seele und Körper <a href="#Seite_16">16</a> f.<br />
+
+Sehzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Selbstgefühl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br />
+
+Sigwart <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Sinnesenergie, spezifische <a href="#Seite_23">23</a>.<br />
+
+Sinnestäuschungen <a href="#Seite_12">12</a>.<br />
+
+Sittliche Gefühle <a href="#Seite_43">43</a>.<br />
+
+Sokrates <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Sophisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Sorites <a href="#Seite_118">118</a>.<br />
+
+Spencer <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Spinoza <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Spiritualismus <a href="#Seite_16">16</a>.<br />
+
+Sprache <a href="#Seite_32">32</a> f. <a href="#Seite_60">60</a> f.<br />
+
+Stimmung <a href="#Seite_47">47</a>.<br />
+
+Stoiker <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Subalternation <a href="#Seite_93">93</a> f.<br />
+
+Syllogismus <a href="#Seite_98">98</a> ff. <a href="#Seite_110">110</a> ff.<br />
+
+System <a href="#Seite_138">138</a> f.<br />
+
+<br />
+Temperamente <a href="#Seite_48">48</a>.<br />
+
+Thales <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Tiefenvorstellung <a href="#Seite_38">38</a>.<br />
+
+Totalgefühle <a href="#Seite_45">45</a>.<br />
+
+Trauer <a href="#Seite_69">69</a>.<br />
+
+Traumzustand <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Trendelenburg <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Trieb <a href="#Seite_55">55</a> f.<br />
+
+Trugschlüsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br />
+
+<br />
+Überweg <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Übung <a href="#Seite_29">29</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_62">62</a>.<br />
+
+Umwandlung der Relation <a href="#Seite_93">93</a>.<br />
+
+Unbewußte Zustände <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Unterbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Urteil <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_74">74</a> ff.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Einteilung der U. <a href="#Seite_75">75</a> ff.;<br />
+&nbsp; &nbsp; analytische u. synthetische <a href="#Seite_88">88</a> ff.<br />
+
+Urteilsarten <a href="#Seite_81">81</a> ff.<br />
+
+<br />
+Vernunft <a href="#Seite_34">34</a>.<br />
+
+Verstand <a href="#Seite_34">34</a>.<br />
+
+Volkelt <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Volkmann <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Vorsatz <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Vorstellung <a href="#Seite_24">24</a> f. <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Vorstellungsverlauf <a href="#Seite_25">25</a> ff.<br />
+
+<br />
+Wahrnehmung <a href="#Seite_24">24</a> f.<br />
+
+Webersches Gesetz <a href="#Seite_23">23</a>.<br />
+
+Widerlegung <a href="#Seite_130">130</a>.<br />
+
+Wiederholung <a href="#Seite_66">66</a>.<br />
+
+Wille <a href="#Seite_52">52</a> ff.; <a href="#Seite_65">65</a> f.<br />
+
+Willenszeit <a href="#Seite_54">54</a>.<br />
+
+Windelband <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Witz <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Wortblindheit <a href="#Seite_24">24</a>.<br />
+
+Wundt <a href="#Seite_49">49</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Wunsch <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+<br />
+Zeitvorstellung <a href="#Seite_35">35</a> f.<br />
+
+Zeller, E. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Zerstreutheit <a href="#Seite_30">30</a>.<br />
+
+Ziehen <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Zirkel <a href="#Seite_126">126</a>.<br />
+
+Zorn <a href="#Seite_65">65</a>.<br />
+</p>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***</div>
+</body>
+</html>
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Psychologie und Logik
+ zur Einführung in die Philosophie
+
+Author: Theodor Elsenhans
+
+Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+ | |
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Der Originaltext war in Fraktur gesetzt und enthielt Text in |
+ | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich |
+ | um hervorgehobene Begriffe handelt, einzelne Zeichen dagegen |
+ | sind nicht markiert. Text in Antiqua ist als %Antiqua% |
+ | markiert. |
+ | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert. Hochgestellte |
+ | Zeichen werden durch ein vorhergehendes ^ gekennzeichnet. |
+ | |
+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert. |
+ | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert. |
+ | S. 122 "demseben" in "demselben" geändert. |
+ | S. 141 "184/95" in "1894/95" geändert. |
+ | |
+ +--------------------------------------------------------------+
+
+
+
+
+ Sammlung Göschen
+
+
+ Psychologie und Logik
+ zur Einführung
+ in die
+ Philosophie
+
+ Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium
+
+ dargestellt von
+ Dr. Th. Elsenhans
+
+ Mit 13 Textfiguren
+
+ _Vierte, verbesserte Auflage_
+
+ Zweiter Abdruck
+
+ _Leipzig_
+ G. J. Göschen'sche Verlagshandlung
+ 1904
+
+
+ _Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von
+ der Verlagshandlung vorbehalten._
+
+ Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Einleitung.
+
+ Seite
+ § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7
+ § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9
+ § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11
+
+
+Psychologie.
+
+ § 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14
+
+ Abschnitt 1. Seele und Körper.
+
+ § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von
+ Seele und Körper 15
+ § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+ Erscheinungen 17
+ § 7. Das Nervensystem 19
+
+ Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+ § 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20
+
+ 1. Das Erkennen.
+
+ § 9. Die Empfindung 21
+ § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24
+ § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25
+ § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30
+ § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32
+ § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34
+
+ 2. Das Fühlen.
+
+ § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39
+ § 16. Die körperlichen Gefühle 41
+ § 17. Die geistigen Gefühle 42
+ § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44
+ § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44
+ § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46
+ § 21. Die Temperamente 48
+ § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49
+ § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50
+
+ 3. Das Wollen.
+
+ § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52
+ § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55
+ § 26. Die Freiheit des Willens 57
+ § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59
+ § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62
+
+ Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der
+ Seele voneinander.
+
+ § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente
+ voneinander 64
+
+
+Logik.
+
+ § 30. Die Aufgabe der Logik 67
+
+ I. Teil: Elementarlehre.
+
+ 1. Die Begriffe.
+
+ § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69
+ § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71
+ § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72
+ § 34. Die Arten der Begriffe 72
+
+ 2. Die Urteile.
+
+ § 35. Das Wesen des Urteils 74
+ § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75
+ § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79
+ § 38. Übersicht der Urteilsarten 81
+
+ 3. Die Schlüsse.
+
+ § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85
+
+ A. Der unmittelbare Schluß.
+
+ § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88
+ § 41. Die Konversion 90
+ § 42. Die Kontraposition 92
+ § 43. Die Umwandlung der Relation 93
+ § 44. Die Subalternation 93
+ § 45. Die Äquipollenz 94
+ § 46. Die Opposition 94
+ § 47. Die modale Konsequenz 96
+ § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96
+
+ B. Der mittelbare Schluß.
+
+ § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98
+
+ § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der
+ kategorischen Schlüsse 100
+ § 51. Die erste Figur 103
+ § 52. Die zweite Figur 105
+ § 53. Die dritte Figur 107
+ § 54. Die vierte Figur 108
+ § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu
+ den Prämissen 109
+ § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110
+ § 57. Der hypothetische Schluß 113
+ § 58. Der disjunktive Schluß 115
+ § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117
+ § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118
+ § 61. Der Induktionsschluß 121
+ § 62. Der Analogieschluß 122
+
+ II. Teil: Methodenlehre.
+
+ § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123
+
+ 1. Die Begriffsbestimmung.
+
+ § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124
+ § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125
+
+ 2. Die Einteilung.
+
+ § 66. Das Wesen der Einteilung 126
+ § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127
+
+ 3. Der Beweis.
+
+ § 68. Der Beweis und seine Arten 129
+ § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130
+
+ 4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+ § 70. Die verschiedenen Methoden 131
+ § 71. Das induktive Verfahren 132
+ § 72. Das deduktive Verfahren 136
+ § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die
+ Hypothese 137
+ § 74. Das System 138
+
+ Literatur 140
+
+ Namen- und Sachregister 143
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
+
+_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,
+Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens
+herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem
+Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von
+Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu
+Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft
+jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der
+Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu
+erforschen.
+
+Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer
+Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im
+Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet
+hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf
+unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in
+sich schließt.
+
+_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der
+Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der
+Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt
+sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an
+jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der
+Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie
+es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in
+Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
+
+Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,
+deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung
+von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung
+empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische
+Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_,
+das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen
+einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen
+treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der
+menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,
+Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,
+als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der
+Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide
+Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder
+Geisteswissenschaft zusammenwirken.
+
+Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der
+Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich,
+auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des
+Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu
+untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die
+Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft
+beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze
+auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen
+(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir
+der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und
+Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie
+nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische
+Erkennen unerreichbar angesehen wird.
+
+
+§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.
+
+Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1
+bezeichneten Aufgaben zu lösen.
+
+Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die
+_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen
+Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die
+_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz
+zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich
+verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,
+unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,
+Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk
+eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach
+vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles
+bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen
+Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.
+
+Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die
+griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst
+und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399)
+beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den
+Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer
+Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_
+(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens
+zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger
+durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der
+damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der
+Philosophie hereinzog.
+
+Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten
+den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die
+Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_
+forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten
+einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit
+unmittelbar anzuschauen.
+
+Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des
+Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber
+erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.
+
+In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen,
+eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,
+hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem
+Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,
+_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und
+_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von
+den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_
+(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich
+(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch
+_Spinoza und Leibniz_.
+
+Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_
+(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und
+seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für
+die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während
+_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und
+Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah
+_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der
+Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und
+gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete
+Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten
+_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus
+neu zu gestalten.
+
+In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische
+Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der
+_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie
+zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der
+_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in
+selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
+
+Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der
+_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht
+auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und
+England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein
+naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht
+sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.
+
+
+§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
+
+Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich
+zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders
+eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern
+philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik
+zu.
+
+Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der
+Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung
+der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie
+ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen,
+daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand
+entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß
+das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen
+selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig
+ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme
+wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So
+erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung
+überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,
+nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke
+haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung
+entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir
+etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,
+steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen
+Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,
+wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der
+Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des
+philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die
+Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß
+die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem
+Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.
+Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften
+überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik,
+Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren
+Abschluß in der Metaphysik.
+
+Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die
+Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die
+Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und
+Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und
+deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur
+Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern
+bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist
+aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,
+weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der
+schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
+
+Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten
+vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der
+Psychologie sind.
+
+
+
+
+Psychologie.
+
+
+§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.
+
+Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,
+welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren
+Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere
+Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu
+erklären sucht.
+
+Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach
+der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem
+Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu
+anderen Seelen.
+
+Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst
+rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens
+und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur
+wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische
+Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom
+festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme
+weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale
+Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung
+und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_
+Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und
+z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten
+und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.
+
+Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.
+
+
+Abschnitt I. Seele und Körper.
+
+
+§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und
+Körper.
+
+Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft
+mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig
+die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich
+mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der
+Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,
+d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die
+unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von
+Seele und Körper.
+
+Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber
+von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton
+hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der
+Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen
+keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß
+fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen
+entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die
+Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu
+werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu
+setzen.
+
+Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von
+Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier
+Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche
+Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers
+(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines
+oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder
+man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle
+möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen
+oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele
+und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens,
+stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung
+(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).
+
+Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus
+nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die
+endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen
+Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die
+tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die
+durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,
+soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser
+Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese
+Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus
+zusammengestellt werden.
+
+
+§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+Erscheinungen.
+
+Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich
+unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:
+
+1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,
+während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere
+Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
+
+2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das
+_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe
+oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der
+Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller
+Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische
+Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,
+und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur
+auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper
+verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.
+
+Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt
+nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche
+Merkmale anderer Art:
+
+1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_,
+_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder
+Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es
+tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch
+Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das
+Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör
+durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der
+religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als
+absolute Einheit sich versenkt.
+
+2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der
+Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in
+Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und
+werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber
+nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_
+oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch
+ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein
+solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur
+vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele
+ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche
+_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung
+gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit
+der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne
+sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen
+Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu
+verbinden.
+
+Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier
+Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen
+Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe
+Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es
+ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
+
+An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im
+Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus
+zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche
+die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung
+früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin
+aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die
+einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und
+mit deren Resultat gegenwärtig.
+
+
+§ 7. Das Nervensystem.
+
+Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle
+Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In
+unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße
+Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich
+zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese
+stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung
+(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine
+Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das
+allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird.
+Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem
+Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der
+Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden
+Glieder zu vermitteln.
+
+Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte
+Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen
+(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat
+geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder
+Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der
+Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der
+darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte
+populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte
+der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der
+dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen
+werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der
+Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die
+Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,
+Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein
+anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle,
+Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.
+(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.
+Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der
+Psychophysik.)
+
+
+Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+
+§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.
+
+Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von
+_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und
+eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen
+Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf
+die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das
+Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem
+befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige
+Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”,
+teils was die Dreiteilung betrifft:
+
+1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele
+nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch
+keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem
+Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt.
+Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen
+Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in
+Klassen einteilen.
+
+2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen,
+das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum
+einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen
+das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit
+in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit
+nicht gibt.
+
+
+1. Das Erkennen.
+
+
+§ 9. Die Empfindung.
+
+Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele
+zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist
+zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust,
+und schließt drei Hauptmomente in sich:
+
+1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten
+sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem
+Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch
+Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das
+erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören
+durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.
+
+2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz
+veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum
+des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv
+durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.
+
+3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten,
+Riechen, Schmecken.
+
+Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie
+veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum
+auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir
+können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der
+Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf
+Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit
+Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b
+ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage
+aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der
+Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann.
+Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch
+merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu
+welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches
+Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in
+geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in
+arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von
+3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich
+werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg
+mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die
+verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese
+sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein
+_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke
+bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen,
+also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16
+gefunden.
+
+Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht
+durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische
+Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_
+erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter
+tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die
+Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das
+Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache
+führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer
+_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes
+einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade
+die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.
+
+Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon
+aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog.
+„_Nachbilder_”.
+
+Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton,
+oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene
+Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich
+sehen und hören.
+
+
+§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.
+
+Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz
+aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der
+Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann
+_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn
+die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine
+bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so
+kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine
+Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild
+des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben
+Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als
+dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt.
+Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen
+Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch
+vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der
+_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das
+Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner
+Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets
+zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der
+Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da
+hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt,
+sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als
+gleichbedeutend gebraucht.
+
+Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen
+Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern
+_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie
+wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie
+Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die
+Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch
+wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_
+verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der
+auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen
+wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in
+dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem
+Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant,
+Schopenhauer.)
+
+
+§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.
+
+Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst
+haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese
+Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit
+neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen
+von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.
+
+Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der
+Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt
+die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt
+zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken,
+die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer
+mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr
+auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den
+Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser
+Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren
+Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder
+bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich
+lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des
+Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben
+unter krankhafter Einseitigkeit.
+
+Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie
+_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie
+aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist
+die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren
+Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß
+auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien
+Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue
+Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der
+Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der
+Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen
+Vorstellungen _wiederkehren_?
+
+Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt
+aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie,
+wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der
+Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die
+unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes
+(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel
+ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir
+aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben
+unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur
+beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.
+
+In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_.
+Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung
+des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge
+beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird
+nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies
+Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke
+von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort
+Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden
+sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als
+Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
+
+Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein
+auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein,
+so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere
+hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist.
+Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen
+oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und
+beruht:
+
+1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer
+Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen
+hervor.
+
+2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_
+(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das
+strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines
+Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese
+Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst
+die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen
+Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks
+miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser
+Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer
+zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch
+Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung
+eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines
+auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je
+häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen
+dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier
+eine große Rolle (s. § 28).
+
+Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei
+das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern
+verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz
+der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses
+Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich
+verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß
+allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich
+vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung
+ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur
+eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich
+befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden.
+Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre
+_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das
+vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer
+Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden
+Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der
+alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter
+e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins
+Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand
+für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende
+_Interesse_ ist, das wir an ihm haben.
+
+
+§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.
+
+Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei
+Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die
+_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und
+Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung
+festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.
+
+Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_
+Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns
+herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben
+zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B.
+eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere
+unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit
+entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit
+veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder
+Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht,
+gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie
+von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch,
+daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der
+Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so
+entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.
+
+Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir
+können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”,
+indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten
+ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit
+andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen
+uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern
+Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_
+durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns
+durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung
+gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur
+schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in
+derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf
+_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren
+inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere
+Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.
+
+Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_
+und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen
+entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch
+zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte,
+Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der
+Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene
+Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B.
+für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene
+Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und
+visuelles Gedächtnis unterschieden.
+
+
+§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.
+
+Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B.
+die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus
+Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen,
+Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung
+eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese
+Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_
+in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran
+haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die
+Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur
+feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.
+
+Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich
+jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er
+sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele
+ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die
+allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die
+allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen
+die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres
+Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.
+
+Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten
+aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie
+nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem
+Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen
+für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen
+einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die
+Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_
+Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die
+_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die
+Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch
+entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser
+Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.
+
+Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung
+genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes
+übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als
+_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter
+Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus
+der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von
+_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen
+_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der
+Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was
+dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der
+bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt
+oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen.
+Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der
+Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach
+bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So
+bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen
+und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff
+Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale:
+Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und
+Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der
+Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B.
+das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung
+eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den
+beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im
+Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als
+Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse
+zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.
+
+Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit
+Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem
+„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der
+Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen
+der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden,
+des „Übersinnlichen” gerichtet sei.
+
+
+§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen.
+
+Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen
+Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich
+zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft,
+den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen
+finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende
+Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen
+Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt
+diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden
+Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer
+Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform,
+durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_.
+
+Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt
+zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben
+wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr
+ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von
+irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen;
+denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns
+vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl
+verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die
+Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit,
+losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der
+räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit
+bestimmten Abschnitten möglich.
+
+Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit
+Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir
+dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen
+Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der
+_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres
+Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft
+vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen
+Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen
+Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt
+sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und
+wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit
+aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen
+der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen
+gezählt werden.
+
+Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes
+haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so
+erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_
+gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so
+enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten
+eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem
+ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei
+Dimensionen.
+
+Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem
+Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben
+wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das
+Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren
+Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich
+geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das
+Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer
+schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen
+Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer
+Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch
+daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist,
+oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und
+nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in
+mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende
+Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer
+oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich
+von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und
+Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und
+Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder
+geringere Deutlichkeit der Umrisse.
+
+Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die
+Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe
+der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu
+einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei
+verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt
+ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei
+einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung
+durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand
+zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach
+verwendet.
+
+Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines
+Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener
+Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein
+Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel
+als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf.
+Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_
+bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den
+Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum
+bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten
+Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere
+Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den
+verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und
+damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt
+dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und
+Begrenzung der Körper.
+
+Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß
+_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl
+die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von
+den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die
+Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der
+Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst
+noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den
+dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je
+nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb,
+Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt
+werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen
+werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung
+des Raumes zu erweitern.
+
+So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein
+einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet
+sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem
+_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_
+auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß
+die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses
+Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir
+wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig
+eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von
+b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch
+die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist.
+Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu
+untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende
+Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach
+diesem Kausalitätsgesetz zu deuten.
+
+
+2. Das Fühlen.
+
+
+§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.
+
+Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden
+sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich
+allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und
+Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz
+die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der
+Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als
+die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der
+Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem
+Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen,
+daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als
+Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen
+und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft,
+sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das
+_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_,
+den wir ihnen beilegen.
+
+Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die
+Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder
+Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften
+Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines
+schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will,
+sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme
+addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß
+die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für
+die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)
+
+Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher
+beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an
+ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach
+ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen
+Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen
+herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen
+Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen --
+Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und
+Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind --
+unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein
+gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die
+intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle.
+
+
+§ 16. Die körperlichen Gefühle.
+
+Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die
+_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig.
+Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu
+einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton
+zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu,
+wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich
+mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits
+kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer
+Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden.
+
+Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche
+Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize
+haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle,
+_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im
+Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur
+in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit
+deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen
+unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie
+vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die
+Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne
+begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine
+Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen
+von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer
+Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von
+Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke
+Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.
+
+
+§ 17. Die geistigen Gefühle.
+
+Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände,
+durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen
+selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die
+dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers
+verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes
+Wort hervorgerufen wird.
+
+_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der
+Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von
+Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen
+Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer
+Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz,
+Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die
+_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie
+sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des
+menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit”
+(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein
+Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der
+vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt
+zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische
+Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das
+Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die
+Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der
+_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem
+Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm
+geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich
+ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches
+Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung
+folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum
+Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade
+nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser
+Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist,
+werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen
+des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des
+Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter
+(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten
+Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das
+_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu
+Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem
+sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt,
+werden zu Trägern sittlicher Ideale.
+
+
+§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.
+
+Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß
+es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen
+beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_,
+z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer
+bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_,
+beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu
+unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe,
+Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit
+gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen
+frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch
+größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren
+Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist
+das _Gemüt_.
+
+
+§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.
+
+Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen
+sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die
+Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl
+auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert.
+Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung
+vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben
+Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der
+betreffenden Umstände.
+
+Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den
+Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der
+Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes
+Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_.
+Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen
+Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust
+ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand
+der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger,
+als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie
+in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur
+ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.
+
+_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der
+häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden.
+Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt
+Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung
+in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen
+Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die
+wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen
+Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem
+die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des
+Tonstücks eindringt.
+
+Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem
+_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen
+höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt
+sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes
+aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der
+Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der
+Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.
+
+Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse
+Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten
+Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von
+Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.
+
+
+§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.
+
+Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das
+sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick
+unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein
+allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen
+entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen
+unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers
+beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.
+
+Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern,
+setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:
+
+1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu
+_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.
+
+2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber
+auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.
+
+3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im
+Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens
+gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier
+Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des
+Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das
+Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der
+„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen
+Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl
+die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte
+Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.
+
+Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die
+Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine
+Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet
+haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_
+Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der
+_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_
+bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.
+
+Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des
+„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die
+Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise
+verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit
+auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung
+damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige
+Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so
+sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis
+entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen
+des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt,
+ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die
+gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in
+einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal
+gewesen zu sein.
+
+
+§ 21. Die Temperamente.
+
+Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender
+Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter
+Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird,
+wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen
+sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der
+körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es
+eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht
+schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente
+herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen:
+das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke
+zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen)
+und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_:
+dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).
+
+Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen
+Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der
+gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_
+Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung,
+daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der
+Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere
+Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_:
+starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der
+Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_:
+große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber
+Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft
+zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.
+
+_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der
+Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit,
+und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:
+
+ _Starke:_ _Schwache:_
+
+ _Schnelle_ cholerisch sanguinisch
+ _Langsame_ melancholisch phlegmatisch.
+
+Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt,
+und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit
+zu vermeiden.
+
+Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker,
+Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in
+jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art
+angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen
+der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust.
+
+
+§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.
+
+Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir
+machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst,
+bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch
+der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird.
+Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden
+Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus,
+daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers,
+die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste
+Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im
+„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen
+Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden,
+zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im
+Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich
+auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist,
+das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen
+Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder
+dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen.
+
+
+§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das
+menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach
+auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine
+Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der
+Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt
+als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem
+Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit
+einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst
+bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch
+ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des
+geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die
+daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist
+nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste
+Aufgabe der Lebensklugheit.
+
+Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der
+umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung
+auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem
+Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die
+theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht
+nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so
+vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit
+verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar
+nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender
+Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm
+verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so
+geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die
+Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt
+unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl.
+
+So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust,
+die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des
+einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte
+der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der
+Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es,
+die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler
+Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung
+entgegenführen.
+
+
+3. Das Wollen.
+
+
+§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.
+
+Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des
+Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen
+Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer
+eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des
+Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu
+bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden
+Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher
+auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum
+eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht
+werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden
+soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung.
+
+Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst
+Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom
+Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen
+Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in
+Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten
+Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder
+eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich
+kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen
+Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt,
+allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden
+können.
+
+Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche
+_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines
+Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die
+Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt
+Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung
+nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der
+eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber
+ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu
+jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß
+diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung
+unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei
+Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch
+wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar
+noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger
+Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen
+Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die
+sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche
+zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer
+Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und
+durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen
+Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen
+Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die
+motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur
+Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den
+elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft
+weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der
+Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der
+durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen
+bringt.
+
+Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen
+Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der
+bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens
+oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die
+Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie
+werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung,
+mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die
+_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen
+_Reflexhemmungen_.
+
+Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des
+_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln
+zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie
+gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine
+Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer
+Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei
+geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten
+ihrer Gattung angesehen werden müssen.
+
+Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne
+eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer
+zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_
+der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren
+Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines
+Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern
+unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung
+einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß
+der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt
+sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung
+gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas
+anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung
+infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück.
+
+
+§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
+
+Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt
+näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto
+enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So
+unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr
+oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der
+Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz
+erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_
+über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem
+zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes
+gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden,
+zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt
+leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung
+begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem
+das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die
+Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das
+Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also
+der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_.
+
+Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar
+zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten
+mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr
+bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es
+entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der
+Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel
+anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung
+entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher
+Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die
+Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn
+sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden:
+„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen
+Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die
+Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form
+des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern,
+desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der
+Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet
+haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit
+haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der
+unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung
+entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des
+Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig
+ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die
+strafrechtliche Beurteilung.
+
+_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht,
+daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun
+auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur
+erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt
+in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen
+Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen
+wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht
+werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält,
+diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer
+inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein,
+sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft,
+jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
+
+
+§ 26. Die Freiheit des Willens.
+
+Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß
+faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern
+Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben
+vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich
+vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese
+Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen,
+ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist,
+die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz
+außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der
+Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
+
+1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des
+Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben
+müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit
+des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt
+weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
+
+2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_
+hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das
+Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß
+man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt
+hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde
+Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung
+bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen
+Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an
+eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und
+aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
+
+
+§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
+
+Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen
+innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren
+Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen
+und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie
+verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen
+Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser
+Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in
+äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch
+_Gebärden_ genannt.
+
+Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die
+aber häufig zusammenwirken:
+
+1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum
+Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen
+erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten.
+Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der
+Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck
+körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern
+es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der
+Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in
+Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein
+Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier
+besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in
+einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das
+_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen.
+Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln
+begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
+
+2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher
+Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche
+der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.
+
+3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch
+mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der
+Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des
+betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden.
+So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das
+Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und
+dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
+
+Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die
+_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den
+gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in
+ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet.
+Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden
+begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer
+unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche
+Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten
+_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird,
+wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die
+erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer
+Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das
+Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_:
+zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und
+dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde
+die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die
+Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die
+Ausbildung des Denkens überhaupt.
+
+Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer
+Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren
+Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die
+natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind,
+hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den
+inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen
+ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt,
+so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht
+„Ausdruck” eines Innern ist.
+
+
+§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
+
+Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das
+geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere
+Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen
+Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch
+Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die
+Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder
+kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel
+dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der
+Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen
+Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden
+wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der
+Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben
+(vgl. o. S. 36).
+
+Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von
+den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die
+motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche
+gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B.
+die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für
+unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das
+eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt
+sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der
+betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch
+Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe
+in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben
+geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange
+her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist
+uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als
+ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen:
+das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu
+erklären.
+
+Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung
+erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer
+besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen
+Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt
+scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall
+der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des
+Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen,
+und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder
+Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der
+Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch
+hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
+
+Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich
+einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber
+macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der
+Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns,
+einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf
+sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen
+Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind.
+Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene
+Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige
+Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine
+besondere Entscheidung des freien Willens statt.
+
+
+Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele
+voneinander.
+
+
+§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
+
+Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon
+erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht
+entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten
+Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer
+ergeben, wie eng sie zusammengehören.
+
+1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist
+das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es
+verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert,
+den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für
+uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst
+würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und
+diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen,
+die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des
+_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
+
+2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von
+Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt,
+um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit
+den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie
+sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine
+deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung
+der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die
+höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen,
+religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf
+sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann
+wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen
+Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls
+verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann
+mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es
+sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter
+Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen
+läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen,
+in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den
+Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur
+dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen
+wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie
+eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen
+Strebens verhindert.
+
+3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er
+bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses
+Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die
+Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen
+Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu
+erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand
+ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen
+planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige
+Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur
+Leitung des Willens aufgestellt werden.
+
+So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der
+verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen
+Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille
+vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches
+Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen
+vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und
+_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale
+Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen
+Geistes.
+
+
+
+
+Logik.
+
+
+§ 30. Die Aufgabe der Logik.
+
+Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_.
+Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der
+Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner
+_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen
+Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie
+das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik
+hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das
+geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die
+Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der
+Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.
+
+Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben,
+_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das
+nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen,
+dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber
+der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt
+werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung
+vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich
+zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir
+auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis
+des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen
+Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die
+Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_
+abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht
+vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit
+gelten zu können.
+
+Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges
+Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das
+richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir
+finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu
+denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die
+Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen,
+unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande
+kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab
+_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von
+gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat,
+durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie
+unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das
+Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen
+eigenen Gesetzen.
+
+Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik
+_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die
+Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß
+die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der
+logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen
+angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die
+Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn
+wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt,
+so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist
+diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder
+besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie
+und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer
+klaren, sicheren Methode abhängig ist.
+
+Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den
+_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese
+Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft
+als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des
+wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik
+einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.
+
+
+I. Teil. Elementarlehre.
+
+
+1. Die Begriffe.
+
+
+§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.
+
+_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in
+einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. §
+13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird,
+gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so
+nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht
+werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können,
+_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale
+des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang;
+außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl
+gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in
+keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der
+Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder
+die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang
+zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der
+Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich
+wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks
+schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann
+aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.
+
+Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in
+_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_
+eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen
+zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein
+ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der
+Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.
+
+Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet
+wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren,
+sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten
+sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen
+wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen,
+indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen
+aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.
+
+
+§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.
+
+An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit
+der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der
+Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und
+Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate,
+Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier:
+organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere,
+Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.
+
+Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale
+aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu
+eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff
+Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält,
+denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid
+ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit
+dem Begriff des Vierecks zusammen.
+
+_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je
+größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und
+Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis
+zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang
+des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld
+und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal
+Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von
+Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).
+
+
+§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.
+
+Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt
+die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn
+man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann,
+was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung
+möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von
+Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für
+sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der
+von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine
+klare Vorstellung hat.
+
+
+§ 34. Die Arten der Begriffe.
+
+Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_
+Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale
+enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum;
+zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil.
+
+Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man
+_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und
+_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der
+unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man
+_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder
+aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen
+nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der
+Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der
+Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen
+können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt
+der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier,
+organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren
+Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im
+Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet
+werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann
+auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert
+besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,
+Individuum.
+
+Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet
+sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B.
+Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem
+gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz
+(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den
+Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und
+ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_
+Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie
+sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen
+sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt,
+ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer
+sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden
+zugleich.
+
+Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach
+Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und
+der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der
+Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der
+nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders
+hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres
+Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_,
+wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und
+gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man
+diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen
+höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und
+Tapferkeit.
+
+
+2. Die Urteile.
+
+
+§ 35. Das Wesen des Urteils.
+
+_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe,
+der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die
+sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird
+etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das
+_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung
+beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula
+ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das
+Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet
+wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus
+(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist
+geflügelt.
+
+
+§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.
+
+Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von
+Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei
+jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_,
+_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_.
+
+
+1. Die Quantität.
+
+Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das
+Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle
+Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das
+Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind
+P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_
+Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P;
+Bismarck ist ein großer Mann.
+
+Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der
+_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil
+könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das
+Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall,
+daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur
+von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine
+besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als
+selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so
+daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige
+S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind
+sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein
+vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung,
+oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde,
+hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß
+unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem
+unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die
+Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf
+einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen.
+Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines
+Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt,
+an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben
+gleiche Diagonalen.
+
+
+2. Die Qualität.
+
+Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder
+affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2.
+_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3.
+_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten
+Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P.
+
+Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie
+fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden
+diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist
+nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen
+Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses
+unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich
+nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht
+alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr
+ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.
+
+Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben
+sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben
+a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P
+(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär
+bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S
+sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe)
+und %nego% (ich verneine) entnommen.
+
+
+3. Die Relation.
+
+Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache
+Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt
+etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so
+entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches
+aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten
+jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind
+entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder
+die Franzosen oder die Deutschen werden siegen.
+
+Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des
+Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und
+Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird,
+noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als
+_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die
+Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen
+sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise
+auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich
+die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der
+Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist,
+so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es
+auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist,
+so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat.
+
+Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher
+Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang
+des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist
+R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern
+im _konträren_ Gegensatze stehen.
+
+
+4. Die Modalität.
+
+Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_,
+wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als
+Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren
+Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_,
+deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein.
+
+Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen
+Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive
+Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des
+Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive
+Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts
+Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine
+Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit
+eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des
+Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der
+es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft
+Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen
+assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil,
+also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.
+
+
+§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.
+
+Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und
+zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_
+Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und
+_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen,
+unterschieden.
+
+Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten
+hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet:
+
+1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere
+Prädikate bejaht oder verneint.
+
+ { sowohl } { als } { als }
+ S ist { } P { } P^1 { } P^2.
+ { weder } { noch } { noch }
+
+2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe
+Prädikat bejaht oder verneint.
+
+ Sowohl } { als } { als }
+ } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P.
+ Weder } { noch } { noch }
+
+3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen
+Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P
+teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum
+disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv
+ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder
+gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils
+krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck
+voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von
+denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder
+gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach
+seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien
+(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen
+sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von
+Ewigkeit her oder geworden.
+
+Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit
+dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven,
+zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen
+Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein
+keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch
+bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als
+einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides
+besitzen.
+
+Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das
+konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes
+Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene
+selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil
+in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine
+Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann
+neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn,
+obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden;
+alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich
+daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen,
+sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile,
+die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer
+sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile.
+
+Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten
+lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das
+_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und
+Prädikats tretenden Sätzen.
+
+
+§ 38. Übersicht der Urteilsarten.
+
+Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und
+Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen
+verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten
+Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der
+allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe
+(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt
+oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch
+genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der
+Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die
+verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen
+wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als
+einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den
+Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und
+Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich
+ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben:
+
+
+I. Nach den Subjektsformen.
+
+1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile:
+
+ a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten
+ Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen
+ bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön.
+
+ b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten
+ Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_
+ deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb.
+
+2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität):
+
+ a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches
+ Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen
+ Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der
+ sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form
+ gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet.
+ Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_.
+
+ b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils
+ _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt
+ bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt.
+
+ c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter
+ Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs
+ des Subjektsbegriffs_:
+
+ mindestens }
+ } einige S sind P.
+ nur }
+
+ d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die
+ unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund
+ der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines
+ Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem
+ letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner,
+ auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt,
+ z. B.: das Tier hat Empfindung.
+
+
+II. Nach den Prädikatsformen.
+
+Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen,
+wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht
+oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen
+gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren
+_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der
+Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den
+Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.
+
+Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion
+selbst modifizieren.
+
+1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff,
+in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist
+Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier.
+
+2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine
+Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich.
+
+3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt
+beigelegt: Schnee ist weiß.
+
+4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf
+einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten
+Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene
+_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön;
+die Bewegung der Brieftaube ist schnell.
+
+5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen
+verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier
+ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein
+ausgesprochen.
+
+
+III. Nach den Beziehungsformen.
+
+Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das
+Subjekt bezogen wird:
+
+1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_
+(Qualität):
+
+ a) _Bejahende Urteile_: S ist P.
+
+ b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P.
+
+2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation):
+
+ a) Kategorische: S ist P.
+
+ b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B.
+
+ c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D.
+
+3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität):
+
+ a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist
+ vielleicht P.
+
+ b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein.
+
+Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich,
+nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a),
+2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I.
+unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c),
+3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter
+1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b).
+
+
+3. Die Schlüsse.
+
+
+§ 39. Die Grundgesetze des Denkens.
+
+Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar
+Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim
+Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden.
+
+Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt.
+
+1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in
+seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist
+sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der
+_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem
+Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden.
+
+2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%)
+lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in
+derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.”
+_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist
+nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus
+der Wahrheit des einen die Falschheit des andern.
+
+3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi
+tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte
+Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch
+sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist
+ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des
+andern.
+
+4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis
+sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._
+Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im
+Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des
+logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit
+der Folge der Grund aufgehoben._
+
+Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der
+des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich
+betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in
+Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist
+nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine
+_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität
+eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies
+ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der
+Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_
+beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der
+Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger
+Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können
+nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu
+verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B,
+nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.
+
+Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu
+unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische
+Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden
+veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder
+_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die
+Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das
+Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine
+Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu
+knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer
+Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht
+zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für
+mathematische Folgerungen bilden.
+
+So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des
+Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem
+es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige
+Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7).
+
+
+A. Der unmittelbare Schluß.
+
+
+§ 40. Der Schluß aus einem Begriff.
+
+_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren
+anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt
+_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer
+Schluß_.
+
+Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils
+gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff
+abgeleitet werden können.
+
+Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem
+Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der
+vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: „In
+allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
+gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich.
+Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem
+Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer
+dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte
+durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne
+Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren
+könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen,
+weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe
+zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren;
+dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat
+hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine
+Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.” So ist
+nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches,
+denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das
+Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein
+synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also
+auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil
+gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt.
+
+Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei
+Seiten berichtigt werden.
+
+1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt
+mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe
+Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den
+andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere
+schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht
+aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des
+Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein
+analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann
+nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig
+ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist
+wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine
+besondere Art des Schlusses anzusehen.
+
+2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber
+zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_
+ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne
+ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose,
+die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein
+synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose
+veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für
+ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen.
+
+
+§ 41. Die Konversion.
+
+Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung
+des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen
+aufgeführt.
+
+Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin,
+daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im
+kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum
+Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der
+Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne
+Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio
+per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%).
+
+Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität:
+allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e
+und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes:
+
+1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten
+Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine
+Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der
+Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle
+gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der
+Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt
+sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in
+den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich
+decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter
+Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur
+unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist.
+
+[Illustration: a.1.]
+
+2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind
+regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In
+dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden
+gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist
+die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle
+Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und
+4., wo sich wieder i ergibt.
+
+[Illustration: i.1. 2. 3. 4.]
+
+[Illustration: e.]
+
+3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich,
+kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind
+vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S.
+
+4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist
+das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus
+gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus
+möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als
+Subjekt daraus ableiten.
+
+[Illustration: o.1. 2. 3.]
+
+
+§ 42. Die Kontraposition.
+
+Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung,
+das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die
+Qualität des Urteils wird verändert.
+
+1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S
+oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt
+auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser
+Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt,
+alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch
+außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist.
+
+2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP
+S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es
+jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts
+Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut.
+
+3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige
+NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S
+außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.:
+einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.
+
+4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige
+NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4.
+zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die
+Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige
+NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S.
+
+
+§ 43. Die Umwandlung der Relation.
+
+Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung
+der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B,
+kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es
+B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist,
+so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere
+hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder
+B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so
+ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen
+stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen
+sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_
+aussprechen.
+
+
+§ 44. Die Subalternation.
+
+Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen
+Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem
+Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des
+partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen
+Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der
+Unwahrheit von i die von a.
+
+
+§ 45. Die Äquipollenz.
+
+Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des
+Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz:
+%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil
+hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.:
+jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich
+wäre.
+
+
+§ 46. Die Opposition.
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der
+Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird
+_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem
+kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im
+kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine
+dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende
+und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das
+partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen
+Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere
+Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das
+partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B.
+falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von
+hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis
+unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär
+verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der
+_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen
+gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte
+auch auf einen Teil desselben beziehen.
+
+Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema
+veranschaulichen:
+
+ A -- Konträrer Gegensatz -- E
+
+ | \ / |
+ | \ / |
+
+ K z
+ o t
+ n a
+ t s
+ r n
+ a e
+ d g
+ i e
+ U k G U
+ n t n
+ t o r t
+ e r e e
+ r i h r
+ o sc o
+ r i h r
+ d r e d
+ n o r n
+ u t u
+ n k G n
+ g i e g
+ d g
+ a e
+ r n
+ t s
+ n a
+ o t
+ K z
+
+ | / \ |
+ | / \ |
+
+ I -- Subkonträrer Gegensatz -- O
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden
+Regeln:
+
+1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr
+entgegengesetzten.
+
+4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden
+subkonträren.
+
+
+§ 47. Die modale Konsequenz.
+
+Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der
+Urteile verändert wird; dann folgt:
+
+1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden
+assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des
+assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der
+Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch
+tatsächlich zwei Rechte.
+
+2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des
+assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des
+apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist
+es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein.
+
+
+§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse.
+
+Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer
+Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale
+Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie
+Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche
+Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch
+Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige
+sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter
+entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung
+der logischen Formen schärfen.
+
+Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition.
+Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen
+Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein
+bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat
+nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind.
+Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die
+wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig
+ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der
+Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet
+sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht.
+
+Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch
+dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in
+denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere
+Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem
+Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem
+Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom
+hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die
+genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a:
+Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus,
+daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des
+Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A
+nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß,
+wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft
+ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A
+gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck
+des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen
+wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der
+Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so
+wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch
+noch an andere Gründe geknüpft.
+
+
+B. Der mittelbare Schluß.
+
+
+§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.
+
+Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das
+Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im
+ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten
+_Induktion_.
+
+Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein
+_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist.
+Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen
+_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil
+_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den
+Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff
+gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der
+im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das
+Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das
+untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den
+Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige,
+welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%)
+enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die
+_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%).
+
+Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in
+verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung
+des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen
+Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in
+der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten
+offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat
+und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit
+S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen
+sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen:
+
+ 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M
+ S M S M M S M S
+ --- --- --- ---
+ S P S P S P S P
+
+Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die
+vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus († 200 n. Chr.); sie wird
+daher die galenische genannt.
+
+Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von
+Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16
+Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste
+Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.
+
+ a a e a i a o a
+ a e (e e) (i e) (o e)
+ a i e i (i i) (o i)
+ a o (e o) (i o) (o o)
+
+Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder
+Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl
+als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren
+gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen
+Figuren widersprechen.
+
+
+§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen
+Schlüsse.
+
+1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis
+nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich.
+
+a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß
+sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da
+aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses
+Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von
+Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende
+Veranschaulichung durch Kreise zeigt:
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_:
+e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die
+unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch
+die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von
+a) nur vermehrt ist.
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b)
+Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere.
+
+Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo.
+
+2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere
+particularibus nihil sequitur%).
+
+a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der
+Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das
+Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die
+folgenden Figuren, die alle i i entsprechen.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär
+verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe
+von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl.
+die Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4.]
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt
+sich mit 1. c).
+
+Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12
+weitere Modi.
+
+3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_
+ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz.
+
+a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein
+verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser
+Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der
+Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als
+Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der
+Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden
+Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes
+Resultat, vgl. Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und
+
+c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und
+2. ausgeschlossen.
+
+Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi
+im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern
+bezeichnet sind.
+
+Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze
+der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die
+übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch
+Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und
+anschaulicher ist der Beweis durch Kreise.
+
+
+§ 51. Die erste Figur.
+
+Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als
+Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen
+auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz
+verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben
+nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von
+Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen
+Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des
+Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein
+bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi
+der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt:
+
+ %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.
+ Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.
+ Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,
+ Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae
+ Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.%
+
+1. Barbara
+
+hat die Form
+
+ M a P Alle Menschen sind sterblich
+ S a M Alle Könige sind Menschen
+ ------------------------------------
+ S a P Alle Könige sind sterblich.
+
+[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.]
+
+Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus
+entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen
+oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der
+selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.
+
+2. Celarent
+
+ M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum
+ S a M Alle Logiker sind Menschen
+ ----- --------------------------------
+ S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P
+getrennt sein.
+
+3. Darii
+
+ M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind
+ regelmäßige Figuren
+ S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel
+ ----- --------------------------------------------------
+ S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen
+mindestens diese „einige S” auch in P liegen.
+
+4. Ferio
+
+ M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert
+ S i M Einige Güter sind vergänglich
+ ----- ------------------------------------------
+ S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M
+sind, ebenfalls außerhalb P liegen.
+
+
+§ 52. Die zweite Figur.
+
+Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß
+allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1.
+fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls
+4 übrig: ea, ae, ei, ao.
+
+1. Cesare
+
+ P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz
+ S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz
+ ----- --------------------------------------
+ S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte.
+
+[Illustration: 1. 2.]
+
+Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P
+getrennt sein.
+
+2. Camestres
+
+ P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem
+ gehörenden Weltkörper muß die Bahn des
+ Uranus vollständig bestimmen
+ S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems
+ aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus
+ vollständig
+ ----- ------------------------------------------------
+ S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres
+ Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.
+
+Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun
+durch Galle (1846).
+
+Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen
+vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe.
+
+3. Festino
+
+ P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit
+ S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit
+ ----- -------------------------------------------------
+ S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst.
+
+Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M
+fallen, von P getrennt sein.
+
+4. Baroco
+
+ P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die
+ rechte Gesinnung
+ S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte
+ Gesinnung
+ ----- ---------------------------------------------------------
+ S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen
+ Menschen.
+
+Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M
+fallen, auch nicht in Kreis P fallen.
+
+
+§ 53. Die dritte Figur.
+
+Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz
+bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig
+bleiben.
+
+1. Darapti
+
+ M a P Alle Wale sind Säugetiere
+ M a S Alle Wale sind Wassertiere
+ ----- ----------------------------------------
+ S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere.
+
+Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer
+Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen
+Beweise.
+
+2. Felapton
+
+ M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ
+ M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten
+ ----- ---------------------------------------
+ S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen.
+
+3. Disamis
+
+ M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind
+ der Casusflexion fähig
+ M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der
+ französischen Sprache
+ ----- ------------------------------------------------
+ S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der
+ Casusflexion fähig.
+
+4. Datisi
+
+ M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt
+ M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige Unschuldige werden geschädigt.
+
+5. Bocardo
+
+ M o P Einige Amphibien haben keine Füße
+ M a S Alle Amphibien sind Tiere
+ ----- ----------------------------------
+ S o P Einige Tiere haben keine Füße.
+
+6. Ferison
+
+ M e P Kein Mensch ist fehlerlos
+ M i S Einige Menschen sind bewundernswert
+ ----- --------------------------------------------
+ S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.
+
+
+§ 54. Die vierte Figur.
+
+Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als
+Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär
+verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit
+einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also
+noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig.
+
+1. Bamalip
+
+ P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme
+ zu erhalten
+ M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind
+ wollene Kleider.
+
+Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu
+Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.
+
+2. Calemes
+
+ P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme
+ M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez
+ ----- ------------------------------------
+ S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid.
+
+3. Dimatis
+
+ P i M Einiges Angenehme ist verwerflich
+ M a S Alles Verwerfliche ist schädlich
+ ----- ----------------------------------
+ S i P Einiges Schädliche ist angenehm.
+
+4. Fesapo
+
+ P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig
+ M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt
+ ----- --------------------------------------------------
+ S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden.
+
+5. Fresison
+
+ P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten
+ M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut
+ regiert
+ ----- ----------------------------------------------------
+ S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.
+
+
+§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen.
+
+Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die
+Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio
+sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder
+verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein.
+Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder
+partikulär sein.
+
+Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen
+Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_
+nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein
+verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o.
+
+Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz
+derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist
+apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder
+problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch
+ist.
+
+
+§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.
+
+Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener,
+und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein
+formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle
+gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form
+%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die
+brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die
+allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige
+Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die
+unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten
+Figur.
+
+_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes
+Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich
+nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion
+des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf
+lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn
+das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die
+einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder
+verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius,
+repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal
+des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch
+dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des
+Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten
+%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und
+einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder
+einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu
+dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder
+auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies
+geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von
+Begriffen_ stellen.
+
+Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus
+eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt
+sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt.
+_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während
+_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur
+_allgemeingültigen_ zu machen.
+
+_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57)
+die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle
+Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit
+dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei.
+So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige
+Formel:
+
+Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X
+
+ 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X
+
+ 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B
+
+Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_
+werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen
+seine Brauchbarkeit.
+
+Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind
+sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse
+der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch
+ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine
+Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der
+Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen
+Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen
+Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom
+Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit
+des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen
+Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl
+Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen
+Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens.
+
+Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß
+_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf
+Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer
+Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer
+von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener
+Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit
+seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_,
+der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der
+_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme
+gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der
+Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins
+Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.
+
+Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus
+zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser
+Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise
+das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns
+beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der
+Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der
+Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist
+im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten
+Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß
+ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied
+berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar
+gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten
+Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem
+Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann
+es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit
+fortschreiten.
+
+
+§ 57. Der hypothetische Schluß.
+
+Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der
+_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn
+die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So
+versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich
+denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen
+Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:
+
+ Wenn A gilt, so gilt X
+ A gilt oder X gilt nicht
+ ------------------------------------
+ also gilt X also gilt A nicht.
+
+Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des
+Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit
+der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%).
+
+ Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß.
+ Nun hat es geregnet
+ -------------------------
+ Also ist es naß,
+
+aber nicht umgekehrt:
+
+ nun ist es naß
+ ---------------------
+ also hat es geregnet,
+
+ebensowenig:
+
+ nun hat es nicht geregnet
+ --------------------------
+ also ist es nicht naß,
+
+dagegen richtig:
+
+ nun ist es nicht naß
+ ---------------------------
+ also hat es nicht geregnet,
+
+oder, bei verneinendem Nachsatz:
+
+Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.
+
+ Nun gibt es eine Vorsehung
+ ---------------------------
+ Also gibt es keinen Zufall,
+
+oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua
+non%):
+
+Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung
+nicht aufrecht erhalten werden.
+
+ Nun ist dieser Satz nicht richtig.
+ ----------------------------------------------------------
+ Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.
+
+Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen.
+Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch
+Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist
+dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema:
+
+ Wenn A gilt, so gilt M
+ Wenn M gilt, so gilt X
+ -----------------------------
+ Also wenn A gilt, so gilt X.
+
+Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so
+ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_.
+
+ Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die
+ Pendel der Uhren.
+
+ Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die
+ Schwingungen verlangsamt.
+
+ Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.
+ --------------------------------------------------------------------
+ Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach.
+
+
+§ 58. Der disjunktive Schluß.
+
+Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives
+Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion
+ausgesprochenen Verhältnis der Glieder.
+
+Es kann also
+
+I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der
+übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist B
+ ----------------
+ Also ist A weder C noch D;
+
+II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller
+übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist weder C noch D
+ ----------------------------
+ A ist B.
+
+Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder
+stumpfwinklig.
+
+ Nach I. Nun ist es rechtwinklig
+ --------------------------------------
+ Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.
+
+ Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig
+ -----------------------------------------------
+ Also ist es rechtwinklig.
+
+Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I.
+ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied
+verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt
+sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach
+bejahende Urteil.
+
+Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_,
+_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der
+Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer
+gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen.
+
+ Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C
+ Nun gilt weder B noch C
+ ----------------------------
+ Also gilt auch A nicht;
+
+oder kategorisch gefaßt:
+
+ A ist entweder B oder C
+ Nun ist S weder B noch C
+ -----------------------------------
+ Also ist S auch nicht A.
+
+Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz:
+
+ Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen
+ möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt,
+ oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht
+ hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der
+ göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das
+ zweite, noch das dritte wahr,
+ ------------------------------------------------------------------
+ also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten.
+
+
+§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse.
+
+Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame
+Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so
+angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse
+des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des
+dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%).
+Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt
+der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem
+_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der
+Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_
+oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_.
+
+ Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Der Anspruchslose ist zufrieden
+ ---------------------------------
+ Der Tugendhafte ist zufrieden.
+
+ 2. Der Tugendhafte ist zufrieden
+ Der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------
+ Der Tugendhafte ist glücklich.
+
+ progressiv in der Richtung: 1. 2.
+ regressiv in der Richtung: 2. 1.
+
+Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt
+ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat
+ein Verbrechen begangen.
+
+Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine
+Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_.
+
+Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem
+letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die
+_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem
+Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598
+von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen
+Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden
+Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen
+Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form:
+
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz A ist C)
+ (Untersatz A ist C)
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche
+in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren
+Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:
+
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz B ist D)
+ (Obersatz B ist D)
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ -------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+
+§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse.
+
+Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er
+auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu
+täuschen, hervorging.
+
+Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze
+des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden
+Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen
+der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%).
+
+Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze
+des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine
+sophistische Verwendung des Dilemmas.
+
+ 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte
+ Der Neger ist kein Kaukasier
+ --------------------------------------
+ Folglich hat er keine Menschenrechte.
+
+ 2. Herodes war ein Fuchs
+ Alle Füchse haben vier Füße
+ ------------------------------
+ Also hatte Herodes vier Füße.
+
+3. Tertullians Schluß:
+
+Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den
+Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben.
+
+ Die Antipoden müßten dies
+ ------------------------------
+ Also gibt es keine Antipoden.
+
+ 4. Aller Anfang ist schwer
+ Müßiggang ist aller Laster Anfang
+ -----------------------------------
+ Also ist Müßiggang schwer.
+
+5. Der „_Lügner_” der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter
+sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht
+wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die
+Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c.
+
+6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes
+Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr
+das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den
+Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide
+argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil
+sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind
+nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht
+wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich
+es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag
+wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind
+wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut
+unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du
+wirst mir mein Kind zurückgeben.
+
+7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras
+Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die
+zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten
+Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus
+keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte
+ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den
+Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur
+Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs;
+wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß
+bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete
+Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies
+sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem
+Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem
+Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen
+durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre
+Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten.
+
+
+§ 61. Der Induktionsschluß.
+
+Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie
+gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat
+folgende Form:
+
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P.
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S.
+ --------------------------------------
+ Jedes S ist P.
+
+Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder
+_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und
+Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der
+Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem
+Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz:
+Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten
+Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der „_Induktion von
+Spezialgesetzen_” (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen
+Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten
+Fall, bei der „_generalisierenden Induktion_” wird geschlossen: Was
+von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.
+
+Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den
+ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.:
+
+ Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als
+ Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.
+
+ Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind
+ die alten Planeten.
+ -------------------------------------------
+ Also haben die alten Planeten Achsendrehung.
+
+_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der
+Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel
+eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde.
+
+Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten
+Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der
+Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der
+Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und
+die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter
+der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in
+der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus
+einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht
+beobachtete Fälle zu schließen erlaubt.
+
+Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der
+häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der
+bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des
+%post hoc% mit dem %propter hoc%.
+
+
+§ 62. Der Analogieschluß.
+
+In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der
+Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder
+Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird
+geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende
+Form:
+
+ M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen
+ Lebens.
+
+ M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+
+ S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+ -----------------------------------------
+ S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen
+ Lebens.
+
+
+II. Teil. Methodenlehre.
+
+
+§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.
+
+Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die
+Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein
+_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst
+gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter
+enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_
+vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_
+klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener
+Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen,
+und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges
+_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der
+_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch
+welche eine neue Erkenntnis zustande kommt.
+
+So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln
+hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der
+_Fortschritt der Wissenschaft_.
+
+
+1. Die Begriffsbestimmung.
+
+
+§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.
+
+_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die
+Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_,
+entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs
+oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des
+artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere
+wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine
+Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben.
+
+Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_
+(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und
+_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten
+darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich
+Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit
+einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem
+genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet.
+
+Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten
+Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist
+daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein
+Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die
+Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von
+anderen Arten des Vierecks unterscheidet.
+
+Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt,
+so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit
+einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung
+mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein
+Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht
+gegeben werden.
+
+
+§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.
+
+Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende
+angeführt:
+
+1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen,
+z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu
+_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine
+geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten.
+
+2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in
+anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind
+(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche
+Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben.
+
+3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf
+weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B.
+das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu
+gedenken.
+
+4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten,
+vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten
+erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung
+Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der
+Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben
+schon vorausgesetzt.
+
+5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht
+werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da,
+wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im
+großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken
+hat.
+
+6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs
+verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein
+Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.
+
+Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_
+angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden
+werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung,
+die Erläuterung.
+
+
+2. Die Einteilung.
+
+
+§ 66. Das Wesen der Einteilung.
+
+_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines
+Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im
+Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der
+Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel,
+teils Erdvögel, teils Wasservögel.
+
+Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs
+in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner
+Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die
+Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt
+_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%).
+
+Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon
+vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt
+der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem
+Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als
+Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie,
+gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im
+zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das
+im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war.
+So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden
+eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen
+Unterschied begründen.
+
+
+§ 67. Arten und Fehler der Einteilung.
+
+Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung
+_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren
+sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks
+schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks
+u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die
+sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und
+_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als
+Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen
+dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der
+anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht
+z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung
+der Staubgefäße in 24 Klassen.
+
+Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem
+_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_
+desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder
+grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben
+klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische
+Vollständigkeit gegeben.
+
+Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende:
+
+1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu
+wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der
+Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige.
+
+2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen
+sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe,
+Neigung zu andern und gegenseitige Neigung.
+
+3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_,
+sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in
+Europäer und Schwarze.
+
+
+3. Der Beweis.
+
+
+§ 68. Der Beweis und seine Arten.
+
+In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen
+und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese
+Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse
+Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der
+Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse
+_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen
+_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der
+Wissenschaft aufgenommen wird.
+
+Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus
+anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch
+bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau
+genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung
+weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_.
+_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu
+beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis
+bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht
+genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze
+Schlußkette dar.
+
+Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach
+durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden
+Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu
+beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der
+übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es
+z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich
+einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein
+muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen
+würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter
+Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die
+Gültigkeit des letzten gefolgert würde.
+
+_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines
+Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt
+daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad
+absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also
+bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die
+_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der
+Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die
+Widerlegung des gegnerischen Beweises.
+
+
+§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der
+Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was
+die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu
+beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden
+werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und
+andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher
+Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist
+lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird
+nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen
+müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden.
+
+Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten
+Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende:
+
+1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis.
+
+2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende
+Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%).
+
+3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in
+einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis).
+
+4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu
+Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis
+allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen
+wird.
+
+Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man
+von _Erschleichung_ (%subreptio%).
+
+
+4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+
+§ 70. Die verschiedenen Methoden.
+
+Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe
+zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen
+den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden_.
+
+Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern
+_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche
+Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier
+sind folgende Wege möglich:
+
+1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man
+beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies
+ist das _induktive_ Verfahren.
+
+2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen
+hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse
+über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_
+Verfahren.
+
+3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der
+Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie
+besonders die _Hypothese darstellt_.
+
+4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist
+bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_.
+
+
+§ 71. Das induktive Verfahren.
+
+Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre
+behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_
+sind folgende:
+
+1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere
+Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der
+fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten
+Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch
+nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses
+Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir
+werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen,
+die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je
+häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden
+wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege
+können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden,
+die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B.
+derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.
+
+Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit,
+welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist,
+es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor
+sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der
+Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere
+Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.
+
+2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von
+Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_
+eine grundlegende Bearbeitung erfahren.
+
+Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen
+ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit
+beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt.
+Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie
+berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz
+dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein
+zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir
+da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf
+eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das
+_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_.
+Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde,
+so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber
+nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill
+hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig
+von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang
+der Sonne, folgen.
+
+Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze
+über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei
+Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der
+Differenz.
+
+Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon”
+zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden
+Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem
+allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des
+gegebenen Phänomens.”
+
+Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende
+Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema:
+
+ A B C a b c
+ A D E a d e
+ A F G a f g
+
+Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können
+sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung
+a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper
+kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen;
+zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich:
+Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so
+schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen
+Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.
+
+Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt:
+
+„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und
+eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen
+gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so
+ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die
+Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des
+Phänomens.”
+
+Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes
+unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und
+in dem andern fehlt, nach dem Schema:
+
+ B C b c
+ A B C a b c
+
+Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß
+war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft
+des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die
+Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A
+bewirkt sein.
+
+Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann
+leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist
+daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_.
+
+Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und
+Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der
+Begleitveränderungen.
+
+3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen
+ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder
+regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß
+ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit
+proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen
+Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der
+Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale
+Zusammenhänge zurückzuführen.
+
+4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren
+Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P
+haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen
+gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird
+dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle
+Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So
+gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die
+schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings
+eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich
+die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen
+fließen.
+
+
+§ 72. Das deduktive Verfahren.
+
+_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen
+herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und
+Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine
+Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils
+leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen
+tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe
+der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_.
+Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als
+Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie
+z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und
+aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht
+ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer
+Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die
+mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.
+
+
+§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese.
+
+Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar,
+daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von
+allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine
+Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von
+Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer
+Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen
+Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre
+Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären.
+
+Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft
+fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die
+vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an
+den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der
+Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen
+oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die
+_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat,
+führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der
+vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so
+wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie
+_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur
+_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur
+Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie
+von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.
+
+Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen
+hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie;
+Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur
+Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des
+Arztes.
+
+
+§ 74. Das System.
+
+_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem
+logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in
+der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet,
+so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine
+_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_
+müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff,
+deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die
+gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren
+Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen
+verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten
+Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden.
+
+Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt,
+aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in
+Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder
+nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel
+angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft
+hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und
+mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der
+Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das
+Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und
+kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das
+Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren
+Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken
+festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die
+wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal
+_zusammenkommen_ müssen.
+
+
+
+
+Literatur.
+
+
+A. Einleitung in die Philosophie:
+
+_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.
+
+_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.
+
+_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart.
+1892.
+
+_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die
+Philosophie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.
+
+
+B. Geschichte der Philosophie.[A]
+
+
+I. Geschichte der Philosophie überhaupt:
+
+_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93.
+
+_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1895/96.
+
+_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899.
+
+_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896.
+
+_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8.
+Aufl. 1894-97.
+
+_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.
+
+ [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem
+ beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur
+ weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen
+ Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind
+ _gesperrt gedruckt_.
+
+
+II. Alte Philosophie:
+
+_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99
+(Indische Philosophie).
+
+_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie.
+Bd. I und II. 1901.
+
+_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.
+
+ „ „ _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_.
+5. Aufl. 1898.
+
+
+III. Neuere Philosophie:
+
+_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von
+Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898.
+
+_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl.
+1897-1901.
+
+_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.
+
+_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2.
+Aufl. 1899.
+
+
+C. Psychologie:
+
+_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901.
+
+_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901.
+
+_Höfler_, A., Psychologie. 1897.
+
+_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893.
+
+_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.
+
+_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889.
+
+ „ „ Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II.
+
+_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95.
+
+_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl.
+1897.
+
+ „ „ Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901.
+
+ „ „ Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902.
+Bd. I und II.
+
+ „ „ Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache).
+
+_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900.
+
+
+D. Logik:
+
+_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892.
+
+_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893.
+
+_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880.
+
+_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von
+Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.
+
+_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.
+
+_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5.
+Aufl. 1882.
+
+_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.
+
+ * * * * *
+
+Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik:
+
+_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.
+
+ „ „ Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie.
+1897.
+
+ „ „ Das Kant-Friesische Problem. 1902.
+
+
+
+
+Namen- und Sachregister.
+
+
+Affekt 44.
+
+Alpdrücken 27.
+
+Analogieschluß 122 f.
+
+Anaxagoras 9.
+
+Äquipollenz 94.
+
+Aristoteles 9. 103.
+
+Assoziation 28. 31. 66.
+
+Ästhetik 8.
+
+Ästhetische Gefühle 42 f.
+
+Atomisten 9.
+
+Aufmerksamkeit 30. 68.
+
+Ausdrucksbewegungen 59.
+
+Axiome 129.
+
+
+Baco 10.
+
+Begierde 55.
+
+Begriff 33. 69 f.;
+ Merkmale des B. 70;
+ Arten der B. 72 ff.;
+ Umfang des B. 71 f. 128.
+
+Begriffsbestimmung 124 ff.
+
+Beneke 111.
+
+Bergmann 140.
+
+Bewegungen 66;
+ unwillkürliche B. 53 f.
+
+Beweis 129 ff.
+
+
+Charakter 63. 67.
+
+
+Deduktion 136 ff.
+
+Definition 124 ff.
+
+Denken 33.
+
+Descartes 10. 16.
+
+Determination 127.
+
+Determinismus 58.
+
+Deussen 141.
+
+Deutlichkeit 72.
+
+
+Ebbinghaus 141.
+
+Eigennamen 33.
+
+Einheit des Bewußtseins 18 f.
+
+Einteilung 126 ff.
+
+Eleaten 9.
+
+Elsenhans 142.
+
+Empfindung 21 ff.
+
+Empirismus 10.
+
+Enge des Bewußtseins 29.
+
+Entfernung 36 f. 62. 66.
+
+Enthymem 117.
+
+Entschluß 56.
+
+Epicherem 117.
+
+Epikureer 10.
+
+Erdmann, B. 142.
+
+ „ „ J. 140.
+
+Erkennen 33. 64. 68.
+
+Erkenntnistheorie 68.
+
+Ethik 8.
+
+Euathlus, Sophisma des E. 120.
+
+Eucken 140.
+
+
+Falckenberg 141.
+
+Fehlschlüsse 118 ff.
+
+Fichte 10.
+
+Fischer, K. 141.
+
+
+Galenus 99.
+
+Gall 20.
+
+Gebärden 59.
+
+Gedächtnis 30 f.
+
+Gefühl 39 f. 64 f.;
+ Verlauf der G. 44;
+ Abstumpfung der G. 45;
+ Verstärkung der G. 45.;
+ gemischte G. 46;
+ Bedeutung der G. 50 ff.
+
+Gefühlston 40.
+
+Gehen 63.
+
+Geisteskrankheit 19.
+
+Gemeinvorstellung 32.
+
+Gemüt 44.
+
+Geruch 39.
+
+Geschmack 39.
+
+Gesinnung 44.
+
+Gewohnheit 62 f.
+
+Gomperz 141.
+
+Grundgesetze des Denkens 85 ff.
+
+
+Hegel 11.
+
+Heinze 140.
+
+Heraklit 9.
+
+Herbart 11. 16. 27.
+
+Höffding 141.
+
+Höfler 141.
+
+Hörzentrum 20.
+
+Hume 10.
+
+Hypothese 137 f.
+
+Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97.
+
+
+Idealismus 11.
+
+Ideenassoziation 28 f.
+
+Indeterminismus 58.
+
+Individualbegriff 32.
+
+Individualvorstellung 32.
+
+Induktion 98. 132 ff.
+
+Induktionsschluß 121 f.
+
+Instinkt 54.
+
+Intellektuelle Gefühle 42.
+
+Jodl 141.
+
+
+Kant 10. 25.
+
+Kausalität 39.
+
+Kettenschluß 118.
+
+Klarheit 72.
+
+Kontradiktorischer Gegensatz 73.
+
+Kontraposition 92 f. 97.
+
+Konträrer Gegensatz 73 f.
+
+Konversion 90 ff. 97.
+
+Külpe 140. 141.
+
+
+Lachen 59.
+
+Lebensgefühl 46 f.
+
+Leibniz 10. 16.
+
+Leidenschaft 44.
+
+Lipps, Th. 141. 142.
+
+Locke 10.
+
+Logik 8. 13. 66 ff.
+
+Lokalisationstheorie 20.
+
+Lokalzeichen 38.
+
+Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142.
+
+
+Materialismus 11. 16. 19.
+
+Metaphysik 8.
+
+Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142.
+
+Mitgefühl 49 f.
+
+Mittelbegriff 98.
+
+Modale Konsequenz 96.
+
+Motiv 56.
+
+Motorisches Zentrum 20.
+
+Müller, Joh. 23.
+
+
+Nachahmungsbewegung 55.
+
+Nachbilder 24.
+
+Nervensystem 19 f.
+
+Neukantianismus 11.
+
+Neuplatoniker 10.
+
+
+Oberbegriff 98.
+
+Opposition 94 ff.
+
+
+Parallaxe 37.
+
+Partialgefühle 45.
+
+Paulsen 140.
+
+Pessimismus 11. 40.
+
+Petrus Hispanus 103.
+
+Physiologische Psychologie 15.
+
+Physiologische Zeit 53.
+
+Plato 9.
+
+Positivismus 11.
+
+Prämissen 98.
+
+Psychologie 12. 14 f.
+
+Phytagoreer 9.
+
+
+Rationalismus 10.
+
+Raumvorstellung 36 f.
+
+Reflexbewegungen 53.
+
+Reflexhemmungen 54.
+
+Rehmke 140.
+
+Religion 8 f.
+
+Religiöse Gefühle 43.
+
+Reproduktion 30.
+
+
+Schauspielkunst 61.
+
+Schelling 11.
+
+Schluß 33 f. 85 ff.
+
+Schlußfiguren 103 ff.
+
+Schmerz 41.
+
+Scholastiker 103.
+
+Schopenhauer 11. 25.
+
+Schrift 61.
+
+Seelenvermögen 20 f.
+
+Seele und Körper 16 f.
+
+Sehzentrum 20.
+
+Selbstgefühl 49 f.
+
+Sigwart 111. 142.
+
+Sinnesenergie, spezifische 23.
+
+Sinnestäuschungen 12.
+
+Sittliche Gefühle 43.
+
+Sokrates 9.
+
+Sophisten 9.
+
+Sorites 118.
+
+Spencer 10.
+
+Spinoza 10.
+
+Spiritualismus 16.
+
+Sprache 32 f. 60 f.
+
+Stimmung 47.
+
+Stoiker 10.
+
+Subalternation 93 f.
+
+Syllogismus 98 ff. 110 ff.
+
+System 138 f.
+
+
+Temperamente 48.
+
+Thales 9.
+
+Tiefenvorstellung 38.
+
+Totalgefühle 45.
+
+Trauer 69.
+
+Traumzustand 27.
+
+Trendelenburg 11.
+
+Trieb 55 f.
+
+Trugschlüsse 118 ff.
+
+
+Überweg 140. 142.
+
+Übung 29. 31. 62.
+
+Umwandlung der Relation 93.
+
+Unbewußte Zustände 27.
+
+Unterbegriff 98.
+
+Urteil 33 f. 74 ff.;
+ Einteilung der U. 75 ff.;
+ analytische u. synthetische 88 ff.
+
+Urteilsarten 81 ff.
+
+
+Vernunft 34.
+
+Verstand 34.
+
+Volkelt 140.
+
+Volkmann 141.
+
+Vorsatz 56.
+
+Vorstellung 24 f. 32.
+
+Vorstellungsverlauf 25 ff.
+
+
+Wahrnehmung 24 f.
+
+Webersches Gesetz 23.
+
+Widerlegung 130.
+
+Wiederholung 66.
+
+Wille 52 ff.; 65 f.
+
+Willenszeit 54.
+
+Windelband 140. 141.
+
+Witz 59.
+
+Wortblindheit 24.
+
+Wundt 49. 111. 140. 142.
+
+Wunsch 56.
+
+
+Zeitvorstellung 35 f.
+
+Zeller, E. 141.
+
+Zerstreutheit 30.
+
+Ziehen 142.
+
+Zirkel 126.
+
+Zorn 65.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+1.F.
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+The Project Gutenberg EBook of Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Psychologie und Logik
+ zur Einfhrung in die Philosophie
+
+Author: Theodor Elsenhans
+
+Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK ***
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+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich |
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+ | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" gendert. |
+ | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" gendert. |
+ | S. 122 "demseben" in "demselben" gendert. |
+ | S. 141 "184/95" in "1894/95" gendert. |
+ | |
+ +--------------------------------------------------------------+
+
+
+
+
+ Sammlung Gschen
+
+
+ Psychologie und Logik
+ zur Einfhrung
+ in die
+ Philosophie
+
+ Fr Oberklassen hherer Schulen und zum Selbststudium
+
+ dargestellt von
+ Dr. Th. Elsenhans
+
+ Mit 13 Textfiguren
+
+ _Vierte, verbesserte Auflage_
+
+ Zweiter Abdruck
+
+ _Leipzig_
+ G. J. Gschen'sche Verlagshandlung
+ 1904
+
+
+ _Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, von
+ der Verlagshandlung vorbehalten._
+
+ Herros & Ziemsen, Wittenberg.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Einleitung.
+
+ Seite
+ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7
+ 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie 9
+ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11
+
+
+Psychologie.
+
+ 4. Empirische und rationale Psychologie 14
+
+ Abschnitt 1. Seele und Krper.
+
+ 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von
+ Seele und Krper 15
+ 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen
+ Erscheinungen 17
+ 7. Das Nervensystem 19
+
+ Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+ 8. Die sogenannten Seelenvermgen 20
+
+ 1. Das Erkennen.
+
+ 9. Die Empfindung 21
+ 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24
+ 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25
+ 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis 30
+ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32
+ 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen 34
+
+ 2. Das Fhlen.
+
+ 15. Wesen und Arten des Gefhls 39
+ 16. Die krperlichen Gefhle 41
+ 17. Die geistigen Gefhle 42
+ 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer 44
+ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle 44
+ 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung 46
+ 21. Die Temperamente 48
+ 22. Selbstgefhl und Mitgefhl 49
+ 23. Die Bedeutung der Gefhle 50
+
+ 3. Das Wollen.
+
+ 24. Die unwillkrlichen Bewegungen 52
+ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55
+ 26. Die Freiheit des Willens 57
+ 27. Die Ausdrucksbewegungen 59
+ 28. bung, Gewohnheit, Charakter 62
+
+ Abschnitt 3. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der
+ Seele voneinander.
+
+ 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente
+ voneinander 64
+
+
+Logik.
+
+ 30. Die Aufgabe der Logik 67
+
+ I. Teil: Elementarlehre.
+
+ 1. Die Begriffe.
+
+ 31. Der Begriff und seine Merkmale 69
+ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71
+ 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72
+ 34. Die Arten der Begriffe 72
+
+ 2. Die Urteile.
+
+ 35. Das Wesen des Urteils 74
+ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75
+ 37. Die zusammengesetzten Urteile 79
+ 38. bersicht der Urteilsarten 81
+
+ 3. Die Schlsse.
+
+ 39. Die Grundgesetze des Denkens 85
+
+ A. Der unmittelbare Schlu.
+
+ 40. Der Schlu aus einem Begriff 88
+ 41. Die Konversion 90
+ 42. Die Kontraposition 92
+ 43. Die Umwandlung der Relation 93
+ 44. Die Subalternation 93
+ 45. Die quipollenz 94
+ 46. Die Opposition 94
+ 47. Die modale Konsequenz 96
+ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse 96
+
+ B. Der mittelbare Schlu.
+
+ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98
+
+ 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der
+ kategorischen Schlsse 100
+ 51. Die erste Figur 103
+ 52. Die zweite Figur 105
+ 53. Die dritte Figur 107
+ 54. Die vierte Figur 108
+ 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu
+ den Prmissen 109
+ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110
+ 57. Der hypothetische Schlu 113
+ 58. Der disjunktive Schlu 115
+ 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse 117
+ 60. Fehlschlsse und Trugschlsse 118
+ 61. Der Induktionsschlu 121
+ 62. Der Analogieschlu 122
+
+ II. Teil: Methodenlehre.
+
+ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123
+
+ 1. Die Begriffsbestimmung.
+
+ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124
+ 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125
+
+ 2. Die Einteilung.
+
+ 66. Das Wesen der Einteilung 126
+ 67. Arten und Fehler der Einteilung 127
+
+ 3. Der Beweis.
+
+ 68. Der Beweis und seine Arten 129
+ 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130
+
+ 4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+ 70. Die verschiedenen Methoden 131
+ 71. Das induktive Verfahren 132
+ 72. Das deduktive Verfahren 136
+ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die
+ Hypothese 137
+ 74. Das System 138
+
+ Literatur 140
+
+ Namen- und Sachregister 143
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
+
+_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,
+Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens
+herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem
+Bedrfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschrnktes und sie gehen teils von
+Voraussetzungen aus, die sie nicht nher prfen, teils gelangen sie zu
+Resultaten, die nicht miteinander bereinstimmen. Die Philosophie prft
+jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der
+Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu
+erforschen.
+
+Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer
+Betrachtung. Er stt auf Widersprche in dem Wissensstoff, den er im
+Glauben an fremde Autoritt angenommen oder selbstndig sich angeeignet
+hat, und findet bei nherer Selbstbesinnung, da sein Wissen auf
+unbewiesene Voraussetzungen sich sttzt und ungelste Widersprche in
+sich schliet.
+
+_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei groen Gebieten der
+Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der
+Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschftigt
+sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an
+jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der
+Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie
+es als Resultat gemeinschaftlicher Ttigkeit der Menschen in
+Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
+
+Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,
+deren Wichtigkeit fr Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung
+von_ zu befolgenden _Regeln_ fhren, eine gesonderte Behandlung
+empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der sthetische
+Geschmack in der _sthetik_, das sittliche Bewutsein in der _Ethik_,
+das religise Bewutsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenstnden
+einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen
+treten in der Geschichte _als geistige Mchte_, als Hauptelemente der
+menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,
+Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,
+als _Ideale_: Wahrheit, Schnheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der
+Gottheit. Doch erfllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in bestndiger gegenseitiger Ergnzung, und beide
+Standpunkte der Betrachtung mssen deshalb auch in jeder
+Geisteswissenschaft zusammenwirken.
+
+Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der
+Gebiete stehen zu bleiben, er schliet vielmehr die Aufgabe in sich,
+auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des
+Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhngen untereinander zu
+untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurckzufhren, die
+Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschlieende Wissenschaft
+beschftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze
+auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen
+(Erkenntnistheorie), nach der Gltigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir
+der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Vernderung, Raum und
+Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie
+nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als fr das philosophische
+Erkennen unerreichbar angesehen wird.
+
+
+ 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie.
+
+Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die 1
+bezeichneten Aufgaben zu lsen.
+
+Die erste selbstndige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die
+_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen
+Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die
+_Pythagoreer_ in Ma und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz
+zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich
+verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,
+unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,
+Lage und Bewegung. Erst fr _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk
+eines vernnftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach
+vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles
+bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mute von den groen
+Philosophen der Folgezeit neu begrndet werden.
+
+Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die
+griechische Philosophie ihren Hhepunkt. Sie machten den Menschen selbst
+und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ ([+] 399)
+beschftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. _Plato_ ([+] 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den
+Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfate noch tiefer
+Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein groer Schler _Aristoteles_
+([+] 322) wurde durch sorgfltige Untersuchung der Gesetze des Denkens
+zum Begrnder der Logik als Wissenschaft und bertraf seinen Vorgnger
+durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der
+damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der
+Philosophie hereinzog.
+
+Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten
+den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als hchste Regel des Lebens die
+Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_
+forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten
+einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit
+unmittelbar anzuschauen.
+
+Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einflu des
+Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber
+erst durch die Reformation wurde freie Forschung mglich gemacht.
+
+In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptstrmungen verfolgen,
+eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,
+hauptschlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem
+Englnder _Baco von Verulam_ ([+] 1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie grndet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,
+_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ ([+] 1873) und
+_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptschlich von
+den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_
+([+] 1650), der auf den gewissesten aller Stze: ich denke also bin ich
+(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit grndete, und wird fortgefhrt durch
+_Spinoza und Leibniz_.
+
+Ihren Hhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_
+(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermgens selbst und
+seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage fr
+die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, whrend
+_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und
+Sein einer unbegrenzten Spekulation Tr und Tor ffneten. Dagegen sah
+_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknpfung an Kant die Aufgabe der
+Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und
+gewann besonders durch eine sorgfltige, auf Mathematik gegrndete
+Psychologie eine groe Anhngerschaft. In der neuesten Zeit suchten
+_Trendelenburg_ mit Rckgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Bercksichtigung der Naturforschung den Idealismus
+neu zu gestalten.
+
+In den letzten Jahrzehnten fanden auerdem zwei philosophische
+Richtungen groe Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der
+_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie
+zurckfhren will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Bchner, und der
+_Pessimismus_, begrndet durch _Schopenhauer_ ([+] 1860), in
+selbstndiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
+
+Als Hauptstrmungen treten in der Gegenwart hervor der
+_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht
+auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und
+England herbergekommen, nur das Tatschliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein
+naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens gefhrt hat, macht
+sich jedoch eine _idealistische_ Gegenstrmung mehr und mehr geltend.
+
+
+ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
+
+Neben einem berblick ber die Geschichte der Philosophie werden sich
+zur Einfhrung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders
+eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern
+philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule fr das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik
+zu.
+
+Verschiedene Beobachtungen im tglichen Leben und manche Resultate der
+Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, da die einfache Betrachtung
+der Auenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie
+ausgehen drften. Trume, Sinnestuschungen, Hallucinationen beweisen,
+da dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand
+entsprechen mu. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, da
+das Bild, das wir von den Gegenstnden haben, nicht allein von diesen
+selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhngig
+ist. Die Naturwissenschaft erklrt das, was wir als Licht, Schall, Wrme
+wahrnehmen, fr eine Bewegung des thers, der Luft, der Molekle. So
+erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer ueren Wahrnehmung
+berhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,
+nmlich _das Bewutsein, da wir zweifeln_, oder _da wir jene Eindrcke
+haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung
+entsprechende -- Auenwelt gibt. _Da_ wir etwas vorstellen, da wir
+etwas fhlen oder wollen, und da wir als vorstellende, fhlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,
+steht uns unumstlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen
+Vorgnge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,
+wird daher einen sicheren Ausgangspunkt fr die andern Zweige der
+Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des
+philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die
+Beobachtung des eigenen Seelenlebens bestndig untersttzt werden kann.
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, da
+die _wertvollsten Gegenstnde der philosophischen Betrachtung_ auf dem
+Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.
+Sie ist daher eine wichtige Grundlage fr die Geisteswissenschaften
+berhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, sthetik, Ethik,
+Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren
+Abschlu in der Metaphysik.
+
+Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einfhrung in die
+Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die
+Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und
+Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrngt, weil sie nichts ungeprft annehmen darf und
+deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur
+Erforschung der Wahrheit _einer Prfung unterziehen mu_. Insofern
+bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist
+aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,
+weil das Verstndnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfltigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verstndnis der
+schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
+
+Doch ist leicht zu ersehen, da die Psychologie der Logik am besten
+vorangeht, da die Vorgnge beim Denken selbst zunchst Gegenstand der
+Psychologie sind.
+
+
+
+
+Psychologie.
+
+
+ 4. Empirische und rationale Psychologie.
+
+Man unterscheidet herkmmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,
+welche die Ttigkeitsuerungen der menschlichen Seele mit ihren
+Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere
+Wesen der Seele zu ergrnden und jene Ttigkeitsuerungen daraus zu
+erklren sucht.
+
+Die letztere fllt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach
+der Art der Existenz und der Vernderung der Seele, nach ihrem
+Zusammenhang mit dem Krper, nach ihrem Verhltnis zur Zeit und zu
+anderen Seelen.
+
+Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunchst
+rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens
+und ihren gesetzmigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur
+wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nchste empirische
+Aufgabe mit vorlufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom
+festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfat und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme
+weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften fr ihre Ideale
+Anknpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung
+und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_
+Behandlung von der _populren_ Auffassung, die beides vermischt und
+z. B. die geistigen Vorgnge ohne weiteres metaphysisch als Ttigkeiten
+und Zustnde eines _Dings_ nach Analogie der Krperwelt erklrt.
+
+Fr unsere Zwecke gengt die empirische Psychologie.
+
+
+Abschnitt I. Seele und Krper.
+
+
+ 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von Seele und
+Krper.
+
+Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknpft
+mit _krperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb hufig
+die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen mssen, die sich
+mit dem menschlichen Krper beschftigen, der _Anatomie_, d. h. der
+Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,
+d. h. der Lehre von den Lebensvorgngen im Pflanzen- und Tierkrper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die
+unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft fr das Verhltnis von
+Seele und Krper.
+
+Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete lt sich aber
+von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton
+hren, haben wir kein Bewutsein davon, welchen Weg er von der
+Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen
+keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschlu
+fassen; aber auch wenn wir den krperlichen Vorgang, der dem geistigen
+entspricht, unmittelbar beobachten knnten, wten wir nicht, wie die
+Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu
+werden, oder wie der Entschlu es anfngt, die Glieder in Bewegung zu
+setzen.
+
+Es sind daher die verschiedensten Hypothesen ber dieses _Verhltnis von
+Seele und Krper_ aufgestellt worden. Es sind hauptschlich _vier
+Mglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mgliche
+Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Krpers
+(Materialismus), 2. der Krper ist nur eine Form oder ein Produkt eines
+oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder
+man erkennt die Selbstndigkeit beider an, dann sind zwei weitere Flle
+mglich: 3. Seele und Krper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen
+oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele
+und Krper sind verschiedene uerungsformen eines und desselben Wesens,
+stehen daher in keinerlei Verhltnis von Ursache und Wirkung
+(Identittshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).
+
+Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus
+nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die
+endgltige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen
+Anschauungen abhngig. Die empirische Psychologie kann nur die
+tatschliche Verschiedenheit von Krper und Seele feststellen und die
+durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,
+soweit sie beobachtet werden knnen, untersuchen. Die Lsung dieser
+Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche ber jene Verschiedenheit ( 6) und ber diese
+Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden ( 7), im voraus
+zusammengestellt werden.
+
+
+ 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen
+Erscheinungen.
+
+Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmig Krper und Seele sich
+unterscheiden, sind folgende, zunchst fr die _Krperwelt_:
+
+1. Die _krperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,
+whrend keinerlei Vorgnge in der Seele, nicht einmal unsere
+Vorstellungen vom Raume selbst, rumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
+
+2. Die Naturwissenschaft lt die Krperwelt bestimmt sein durch das
+_Gesetz der Trgheit_: jeder Krper verharrt in seinem Zustand der Ruhe
+oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Krfte zur nderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der
+Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller
+Vernderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und ttiger Kraft dieselbe. Auch das organische
+Leben und der menschliche Krper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,
+und das Leben also nicht auf eine unerklrliche Lebenskraft, sondern nur
+auf eine auerordentlich verwickelte, noch nicht gengend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Krper
+verbundenen Stoffen und Krften zurckgefhrt werden.
+
+Fr die _geistige Welt_ konnte die Gltigkeit dieser Gesetze bis jetzt
+nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentmliche
+Merkmale anderer Art:
+
+1. Das Bewutsein der Seele ist bedingt durch _Vernderung_,
+_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmig fortdauernder
+Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewutsein ab und es
+tritt, wenn alle mannigfaltigen strenden Eindrcke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewutlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch
+Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. fr das
+Gesicht durch Anstarren eines glnzenden Gegenstandes, fr das Gehr
+durch ein einfrmiges Gerusch erzeugt. hnlich verhlt sich der
+religise Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als
+absolute Einheit sich versenkt.
+
+2. Diese mannigfaltigen Bewutseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der
+Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in
+Wechselwirkung miteinander, so da neue Erscheinungen entstehen, und
+werden in der _Einheit des Bewutseins_ zusammengefat. Dies ist aber
+nur dadurch mglich, da die frheren Zustnde der Seele _festgehalten_
+oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden knnen. Doch
+ist damit allein die Einheit des Bewutseins noch nicht gegeben. Ein
+solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewuten Natur
+vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zustnden der Seele
+ein innerer Zusammenhang bestehen, so mssen die frheren als solche
+_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewute Beziehung
+gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fhigkeit
+der Seele. Sie macht es erst mglich, die geistigen Vorgnge, die ohne
+sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgltigen
+Erscheinungen darstellen wrden, gleichzeitig zu machen und zu
+verbinden.
+
+Diese _innere Einheit des Bewutseins, verbunden mit freier
+Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen
+Gesundheit_. Lst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe
+Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es
+ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
+
+An dieser eigentmlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im
+Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Whrend aus
+zwei Bewegungen krperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche
+die andere ablst, fhrt die Einheit des Bewutseins zu einer Verbindung
+frherer Vorstellungen mit spteren, ohne da diese deshalb darin
+aufgehen mssen. In der Einheit des Bewutseins sind vielmehr die
+einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und
+mit deren Resultat gegenwrtig.
+
+
+ 7. Das Nervensystem.
+
+Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, da nicht alle
+Bestandteile des Krpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In
+unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weie
+Fden den ganzen Organismus des Krpers durchziehen. Die unendlich
+zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese
+stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung
+(die Zahl der Nervenzellen des Grohirns wurde auf ungefhr eine
+Milliarde berechnet), so da das Ganze ein _System_ bildet, durch das
+allein jede Wechselbeziehung zwischen Krper und Seele vermittelt wird.
+Die _sensiblen_ Nerven fhren die Eindrcke der Auenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem
+Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausfhrung der
+Bewegungen durch berleitung des Befehls dazu auf die ausfhrenden
+Glieder zu vermitteln.
+
+Die Versuche, die einzelnen Ttigkeiten der Seele an bestimmte
+Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knpfen
+(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat
+gefhrt. Eine solche Lokalisation bestimmter Geistesttigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall ([+] 1828) in seiner Phrenologie oder
+Schdellehre aufgestellt hat, lie sich nicht durchfhren, da weder der
+Schlu von der Ausbauchung des Schdels auf die strkere Vertretung der
+darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte
+populre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte
+der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der
+dritten Stirnwindung der linken Hemisphre des Grohirns nachgewiesen
+werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der
+Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hren, und die
+Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,
+Hrzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein
+anerkannt, da die hheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefhle,
+Willensentschlsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.
+(Nheres ber das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.
+Sammlung Gschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundri der
+Psychophysik.)
+
+
+Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+
+ 8. Die sogenannten Seelenvermgen.
+
+Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewhnlich durch Annahme von
+_drei Seelenvermgen_ erklrt, eines Erkenntnis-, eines Gefhls- und
+eines Begehrungsvermgens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen
+Vorgnge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf
+die andern oder alle auf eines zurckzufhren (so Herbart auf das
+Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem
+befriedigenden Ergebnis gefhrt. Aber es drfen dabei _zwei wichtige
+Punkte_ nicht bersehen werden, teils was den Ausdruck Vermgen,
+teils was die Dreiteilung betrifft:
+
+1. Da mit der Annahme von drei Seelenvermgen die Vorgnge der Seele
+nicht _erklrt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch
+keine Erklrung einer Erscheinung, wenn man ohne nheren Nachweis in dem
+Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fhigkeit sie zu erzeugen annimmt.
+Was wir empirisch beobachten knnen, sind jedenfalls nur die geistigen
+Vorgnge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in
+Klassen einteilen.
+
+2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgngen, das Erkennen, das Fhlen,
+das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum
+einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir drfen also nur von Seelenzustnden sprechen, in denen
+das Erkennen oder das Fhlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so mssen wir uns dabei immer bewut bleiben, da wir damit
+in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit
+nicht gibt.
+
+
+1. Das Erkennen.
+
+
+ 9. Die Empfindung.
+
+Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele
+zu einer Kenntnis der Auenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist
+zu unterscheiden von den Gefhlen, den Zustnden der Lust und Unlust,
+und schliet drei Hauptmomente in sich:
+
+1. Den _ueren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Ttigkeit treten
+sollen, so mu eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem
+Gegenstand, der entweder unmittelbar den Krper berhrt oder durch
+Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Krper einwirkt. Das
+erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hren
+durch die Schwingungen des thers, der Luft.
+
+2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Krper, die durch den Reiz
+veranlat wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum
+des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv
+durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.
+
+3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hren, Tasten,
+Riechen, Schmecken.
+
+Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgngen 1. und 2., durch die sie
+veranlat werden, _ganz ungleich_. Es lt sich nicht nachweisen, warum
+auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hrens folgt; wir
+knnen nur feststellen, da es so ist. Auch die Abhngigkeit der
+Empfindung vom ueren Reiz dem Strkegrade nach lie sich nur auf
+Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein knnen wir nie mit
+Bestimmtheit sagen, da etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstrke, also als uerer Reiz, 1 mal so gro als die von b
+ist, 1 mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage
+aus, um wie viel ein Reiz verstrkt werden mu, damit eine Zunahme der
+Strke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann.
+Es zeigte sich, da _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch
+merkliche nderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgre, zu
+welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhltnis steht (Webersches
+Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrckt: da die Strke des Reizes in
+geometrischer Progression wachsen mu, damit die Empfindung in
+arithmetischer Progression zunehme. Mu man also zu einem Gewicht von
+3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich
+werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg ntig, whrend nur 1 kg
+mehr zu keiner Verstrkung der Druckempfindung fhren wrde. _Fr die
+verschiedenen Sinne_ ist das Verhltnis der Reizstrke, das diese
+sogenannte Methode der eben merklichen Unterschiede ergibt, ein
+_verschiedenes_; doch lie es sich nur fr Reize von mittlerer Strke
+bestimmen, am meisten bereinstimmend noch fr die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, fr die Lichtempfindungen wurde 100:101, fr Hebungen,
+also Druckempfindungen, untersttzt durch das Muskelgefhl, 15:16
+gefunden.
+
+brigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht
+durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische
+Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustnde _des Krpers_
+erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentmlichen Charakter
+tragen (spezifische Sinnesenergie) und deshalb hufig in die
+Auenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das
+Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache
+fhrte auf die durch Johannes Mller (1826) begrndete Annahme einer
+_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fhigkeit jedes
+einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade
+die ihm eigentmlichen Empfindungen zu vermitteln.
+
+Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon
+aufgehrt haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog.
+_Nachbilder_.
+
+Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton,
+oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene
+Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich
+sehen und hren.
+
+
+ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.
+
+Die Empfindung geht dadurch, da sie mit dem veranlassenden Reiz
+aufhrt, nicht fr das Bewutsein verloren. Sie kann vielmehr in der
+Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heit dann
+_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn
+die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine
+bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hren der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so
+kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrcke eine
+Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild
+des frheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben
+Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als
+dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt.
+Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen
+Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fhigkeit zu empfinden noch
+vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der
+_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hren des gesprochenen, das
+Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verstndnis seiner
+Bedeutung, d. h. die Fhigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehrigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets
+zu dem brigen Bewutseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der
+Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da
+hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt,
+sobald sie zum Bewutsein kommt, so werden beide Begriffe hufig als
+gleichbedeutend gebraucht.
+
+Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen
+Empfindung ist aber nicht eine bewute Arbeit des Wahrnehmenden, sondern
+_geht unwillkrlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbstndiges Element zum Bewutsein, sie
+wird daher auch _gebundene Vorstellung_ genannt. _Freie
+Vorstellungen_ sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die
+Empfindung im Bewutsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch
+wird aber das Wort Vorstellung vielfach auch im _allgemeineren Sinne_
+verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewutseins berhaupt, der
+auf Gegenstnde der Auenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustnde bezogen
+wird. Es umfat dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in
+dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem
+Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant,
+Schopenhauer.)
+
+
+ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.
+
+Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelst
+haben, bekommt das Bewutsein einen selbstndigen Inhalt. In diese
+Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit
+neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen
+von Vorgngen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.
+
+Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der
+Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da fhrt
+die hnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem frheren Aufenthalt
+zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken,
+die sich selbstndig fortspinnen, treten die ueren Empfindungen immer
+mehr zurck, so da der Spaziergnger, ganz in sich vertieft, kaum mehr
+auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den
+Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser
+Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentmlichkeit unter den Menschen_.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der ueren
+Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage fr Musik oder
+bildende Knste, oder fr Naturwissenschaft haben, andere geben sich
+lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des
+Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben
+unter krankhafter Einseitigkeit.
+
+Der Verlauf der Vorstellungen schliet zwei Fragen in sich: Wie
+_entstehen_ die Vorstellungen im Bewutsein? und: Wie _verschwinden_ sie
+aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist
+die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhren des ueren
+Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht blo
+auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien
+Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue
+Vorstellung auftritt, sondern hchstens die alten mit Hilfe der
+Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der
+Fragen etwas anders: Wie geht es zu, da die einmal verschwundenen
+Vorstellungen _wiederkehren_?
+
+Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, da sie berhaupt
+aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern da sie,
+wenn auch nicht im Bewutsein, so doch als _unbewute Zustnde_ noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgnge in der
+Seele unter der Schwelle des Bewutseins (Herbart) hinweisen, so die
+unmittelbare Wahrnehmung von Verhltnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes
+(s. S. 36), oder die Welt der Gefhle, deren Ursprung uns oft dunkel
+ist. ber diese Vorgnge unter der Schwelle des Bewutseins knnen wir
+aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, da sie eben
+unterhalb des Bewutseins vor sich gehen; denn sie knnten nur
+beobachtet werden, indem sie Gegenstnde des Bewutseins wrden.
+
+In der Mitte zwischen Bewutem und Unbewutem steht der _Traumzustand_.
+Seine Eigentmlichkeit besteht wohl hauptschlich in einer _Schwchung
+des bewuten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgnge
+beherrscht und zusammenhlt. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird
+nur sehr unbestimmt durch das Gefhl geleitet und hat deshalb freies
+Spiel. So fgen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrcke
+von der Auenwelt her oder Zustnde des eigenen Krpers, sofort
+Vorstellungen, mit denen dieselben Gefhle im wachen Zustand verbunden
+sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrcken, leichtes als
+Flugbewegung, Stechen im Fu als Bi einer Schlange, ein gehrter Schu
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
+
+Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewutsein
+auftauchen, ohne durch einen ueren Reiz unmittelbar veranlat zu sein,
+so zeigt sich, da die _eine Vorstellung immer durch eine andere
+hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist.
+Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen
+oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptschlich zweierlei Formen und
+beruht:
+
+1. Auf der _hnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer
+Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr hnlichen
+hervor.
+
+2. Auf deren _uerem Zusammenhang in Raum und Zeit_
+(Berhrungsassoziation). Was wir hufig zusammen wahrgenommen haben, das
+strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines
+Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese
+Assoziation zusammenhngender Vorstellungen bekommen wir berhaupt erst
+die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, da ich hufig die dazu gehrigen
+Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks
+miteinander gehabt habe, und da infolgedessen die eine dieser
+Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehrigen immer
+zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch
+Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung
+eines Geburtsfestes sich verknpft hat, oder wenn das Anfangswort eines
+auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wrter, der Anfang einer
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Tne hervorruft. Je
+hufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen
+dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _bung_ spielt hier
+eine groe Rolle (s. 28).
+
+Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei
+das natrlichere und bedrfe keiner besonderen Erklrung, die andern
+verlangen umgekehrt eine Erklrung des Verschwindens, da nach dem Gesetz
+der Beharrung das Festhalten das selbstverstndliche sei. Will dieses
+Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, da kein Zustand sich
+verndert, ohne da ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, da
+allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatschlich
+vorliegt, erklrt werden mu. Diese Erklrung mu von der Voraussetzung
+ausgehen, da wegen der sogenannten _Enge des Bewutseins_ immer nur
+eine beschrnkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewutsein sich
+befinden kann, so da also die einen durch die andern verdrngt werden.
+Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrngung anderer oder ihre
+_Strke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie fr das
+vorstellende Subjekt haben. Je gelufiger die Verbindung einer
+Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden
+Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der
+alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter
+e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Strke sich ins
+Bewutsein drngen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand
+fr uns selbst und je grer infolgedessen das auf _Gefhlen_ beruhende
+_Interesse_ ist, das wir an ihm haben.
+
+
+. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis.
+
+Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hngen zwei
+Fhigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine groe Rolle spielen, die
+_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fhigkeit, Vorstellungen und
+Vorstellungsreihen zu mglichst klarer und deutlicher Auffassung
+festzuhalten, und das _Gedchtnis_, d. h. die Fhigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewutsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.
+
+Man unterscheidet zwischen _unwillkrlicher_ und _willkrlicher_
+Aufmerksamkeit. Die _unwillkrliche_ wird durch einen pltzlich an uns
+herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlat, uns demselben
+zuzuwenden, damit wir ihn mglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B.
+eine Lichterscheinung oder ein pltzliches Gerusch unsere
+unwillkrliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkrliche Aufmerksamkeit
+entsteht durch das Interesse_ (s. 11), das die Willensttigkeit
+veranlat, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder
+Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht,
+gewisse Vorstellungen mit Verdrngung anderer festzuhalten, so ist sie
+von der Strke derselben abhngig und kann erzeugt werden teils dadurch,
+da das Interesse erregt wird, teils dadurch, da der Zusammenhang der
+Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so
+entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.
+
+Das _Gedchtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir
+knnen eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie _besinnen_,
+indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten
+ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoen. Je
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit
+andern ist, desto leichter knnen wir uns ihrer erinnern. Wir prgen
+uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern
+Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_
+durch hufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns
+durch bung gelufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung
+gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingebt wurden_ (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort lt sich nur
+schwer rckwrts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in
+derselben Richtung, z. B. franzsisch-deutsch, gelufig); oder auf
+_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren
+inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere
+Denkgesetze leicht wiedererzeugen knnen, z. B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.
+
+Die Ttigkeit des Gedchtnisses wird erleichtert durch hufige _bung_
+und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen
+entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hngt es auch
+zusammen, da das Gedchtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstnde gebunden sein kann, so da von einem Gedchtnis fr Worte,
+Zahlen, Tne, Sachen, rter oder fr bestimmte Gebiete der
+Wissenschaft die Rede ist. Auerdem aber kommen hierbei _angeborene
+Eigentmlichkeiten_ des Gedchtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfnglichkeit fr bestimmte Sinneseindrcke, z. B.
+fr blo gehrte, oder fr auerdem gesprochene, oder fr blo gelesene
+Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und
+visuelles Gedchtnis unterschieden.
+
+
+ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.
+
+Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B.
+die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus
+Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenstnden,
+Personen, Verhltnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung
+eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese
+Individualvorstellung schliet gewhnlich die Vorstellung eines _Dings_
+in sich, das brig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran
+haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die
+Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur
+feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.
+
+Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begngt sich
+jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er
+sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender hnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele
+ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurck, das nur die
+allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthlt: die
+allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen
+die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefhres
+Bild vor, das mit Vernachlssigung aller Unterschiede der Vlker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.
+
+Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen knnten
+aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie
+nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden knnten. Diesem
+Bedrfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen
+fr eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen
+einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhlt auch die
+Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur fr _ein_
+Individuum gilt. Solche Wortzeichen fr Individualvorstellungen sind die
+_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die
+Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch
+entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Frwort: dieser
+Tisch auf einen bestimmten Gegenstand beschrnkt werden.
+
+Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung
+genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes
+bergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander knnen als
+_Urteile_, die sich in Stzen aussprechen lassen, mit grter
+Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus
+der Verbindung anderer nimmt auf dieser hheren Stufe die Gestalt von
+_Schlssen_ an. Diese ganze hhere Stufe ist die des eigentlichen
+_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewhnlichen Verlaufe der
+Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, da, was
+dort unwillkrlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der
+bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt
+oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen.
+Dazu gehrt dann, da die beziehende Ttigkeit des Geistes mit Hilfe der
+Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach
+bestimmten Grundstzen verfhrt, die selbst wieder geprft werden. So
+bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen
+und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff
+Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale:
+Grenverhltnis der nichtparallelen Seiten und Gre der Winkel, und
+Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelitt der
+Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknpfung der Begriffe, z. B.
+das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schlu_ ist die Ableitung
+eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den
+beiden Urteilen: Dieses Viereck ist ein Parallelogramm und: Im
+Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig das dritte als
+Schlufolgerung abgeleitet: In diesem Viereck halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig. Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gltige Urteile und richtige Schlsse
+zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.
+
+Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit
+Kant, an verschiedene Vermgen verteilt. Dem _Verstand_ als dem
+Vermgen der Begriffe wird die begriffliche Verarbeitung der
+Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die als Vermgen
+der Ideen auf die Erkenntnis des ber die Erfahrung Hinausgehenden,
+des bersinnlichen gerichtet sei.
+
+
+ 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen.
+
+Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen
+Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich
+zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschpft,
+den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen
+finden. Wir treffen da nicht blo einzelne Empfindungen, Vorstellungen,
+Begriffe, Urteile, Schlsse an, sondern auch eine _zusammenhngende
+Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen
+Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt
+diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden
+Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer
+Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform,
+durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalitt_.
+
+Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die krperliche Welt
+zeitlich und rumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ berhaupt haben
+wir nur, indem wir wahrnehmen, da das, was frher war, nun nicht mehr
+ist, also unter der Voraussetzung, da wir uns einer Vernderung von
+irgend etwas bewut sind, und da wir frhere Zustnde wiedererkennen;
+denn nur so knnen wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns
+vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefhl
+verweilen, ohne eine Vernderung zu erleben, desto mehr schwindet die
+Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit,
+losgelst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der
+rumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit
+bestimmten Abschnitten mglich.
+
+Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel blo mit
+Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustnde _schtzen_, so sind wir
+dabei von zweierlei abhngig, von dem _Interesse_, das die einzelnen
+Zustnde des zu schtzenden Zeitraums fr uns hatten, und von der
+_Menge_ derselben. Der Gedanke, da die Zeit Flgel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres
+Lebens mit dem Interesse, das sich fr uns daran knpft, uns lebhaft
+vergegenwrtigen, so da die dazwischenliegenden, weniger wichtigen
+Vorgnge zurcktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer groen
+Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefllt
+sind. Diese subjektive Schtzung der Zeit ist also eine unsichere und
+wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Mastab_ der Zeit
+aufgestellt, indem man gleichmige Bewegungen in der Natur, Bewegungen
+der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen
+gezhlt werden.
+
+Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes
+haben, whrend unsere Vorstellung selbst nicht rumlicher Natur ist, so
+erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_
+gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebude, so
+enthlt diese Wahrnehmung verschiedene rumliche Elemente. Wir erhalten
+eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns auerdem
+ein Bild von seiner Lnge, Breite und Hhe, also von seinen drei
+Dimensionen.
+
+Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem
+Gebude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben
+wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das
+Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren
+Gre_ des Gegenstandes, die infolge hufiger bung so schnell vor sich
+geht, da sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das
+Wahrgenommene im Verhltnis zu seiner wirklichen Gre ist, desto grer
+schtzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen
+Gre nhert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer
+Schtzung wird die wirkliche Gre nher zu bestimmen gesucht etwa durch
+daneben stehende Menschen, deren ungefhre Gre genauer bekannt ist,
+oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Gre nicht bekannt ist und
+nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in
+mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende
+Gegenstnde bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer
+oder auf einfrmiger Ebene sehr schwer zu schtzen. berhaupt lt sich
+von den drei Elementen: wirkliche Gre, scheinbare Gre und
+Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Auerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und
+Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte grere oder
+geringere Deutlichkeit der Umrisse.
+
+Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die
+Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Gre
+der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhltnis zu
+einem feststehenden Hintergrund erfhrt, wenn wir ihn von zwei
+verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt
+ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei
+einer Eisenbahnfahrt die nchsten Gegenstnde schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurckstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung
+durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand
+zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschlieen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach
+verwendet.
+
+Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines
+Krpers? Was wir zunchst sehen, ist nur eine Flche mit verschiedener
+Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunchst einem Gemlde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher fat ein
+Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Wrfel
+als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf.
+Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_
+bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den
+Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Krper herum
+bewegen, finden wir, da die Flchenwahrnehmung von einer bestimmten
+Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern da sich andere
+Flchen an die zuerst gesehene anschlieen, und der Tastsinn, der den
+verschiedenartigen von den Krpern geleisteten Widerstand anzeigt und
+damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermglicht, ergnzt
+dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und
+Begrenzung der Krper.
+
+Damit ist aber noch nicht erklrt, wie es berhaupt mglich ist, da
+_die unrumliche Seele rumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl
+die Vorstellung eines rumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von
+den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ ([+] 1881) aufgestellt hat, d. h. die
+Ansicht, da je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der
+Hautoberflche, die von dem ueren Reize getroffen wird, dieser selbst
+noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich fhrt, den
+dann die Seele rumlich deutet. So wrde derselbe Farbeneindruck R, je
+nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb,
+Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt
+werden. Jedenfalls aber mu in der Seele eine Fhigkeit angenommen
+werden, diese Zeichen rumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung
+des Raumes zu erweitern.
+
+So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein
+einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet
+sich diese Einheit erst dadurch, da wir die Erscheinungen nach einem
+_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_
+auffassen. Wir nehmen an, da jede Erscheinung eine Ursache hat und da
+die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses
+Kausalittsverhltnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir
+wahrnehmen, ist vielmehr nur, _da die Erscheinung b regelmig
+eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Da a die Ursache von
+b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch
+die regelmige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlat ist.
+Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu
+untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, da der erkennende
+Geist die Eigentmlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach
+diesem Kausalittsgesetz zu deuten.
+
+
+2. Das Fhlen.
+
+
+ 15. Wesen und Arten des Gefhls.
+
+Die Gefhle sind _Zustnde von Lust und Unlust_; sie unterscheiden
+sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die fr sich
+allein uns _gleichgltig_ wren. Der Unterschied zwischen Gefhl und
+Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, da bei demselben ueren Reiz
+die Tastempfindungen dem Schmerzgefhl vorangehen, so bei der
+Berhrung eines heien Ofens. Auch entsteht das Gefhl langsamer als
+die Vorstellung, der es entspricht. Wir knnen schneller von der
+Vorstellung eines Glcks zu der eines Unglcks bergehen, als von dem
+Gefhl eines Glckes zu dem eines Unglcks. Es ist daher anzunehmen,
+da das Gefhl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als
+Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen
+und Vorstellungen immer mit Gefhlen der Lust oder Unlust verknpft,
+sie haben einen sogenannten Gefhlston, und darin besteht das
+_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_,
+den wir ihnen beilegen.
+
+Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die
+Gefhle unterscheiden sich nicht blo quantitativ durch ein Mehr oder
+Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefhle der Lust, die sich fr uns an den Genu einer schmackhaften
+Speise, an die Vollfhrung einer guten Tat und an die Betrachtung eines
+schnen Gemldes knpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will,
+smtliche Lust- und Unlustgefhle der Menschen je zu einer Gesamtsumme
+addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schlu zu kommen, da
+die Unlustsumme in der Welt grer sei als die Lustsumme, und da fr
+die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)
+
+Die Eigentmlichkeit der Gefhle lt sich nur erleben, nicht nher
+beschreiben; doch werden diejenigen einander hnlich sein, die sich an
+hnliche Zustnde oder Vorgnge knpfen. So knnen wir die Gefhle nach
+ihrer Herkunft einteilen in _krperliche Gefhle_, die von krperlichen
+Zustnden, und _geistige Gefhle_, die von geistigen Zustnden
+herrhren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen
+Gefhle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen --
+Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefhl, auch die geselligen Gefhle, Liebe und
+Ha, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen gelutert sind --
+unterscheiden von den hheren geistigen Gefhlen, die an _allgemein
+gltige geistige Gter der Menschheit_ sich knpfen: die
+intellektuellen, sthetischen, sittlichen und religisen Gefhle.
+
+
+ 16. Die krperlichen Gefhle.
+
+Die krperlichen Gefhle schlieen sich unmittelbar an die
+_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Strke_ von ihnen abhngig.
+Jede Empfindung hat ihren eigentmlichen Gefhlston, der dieselbe zu
+einer angenehmen oder unangenehmen Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur fr mittlere Strkegrade der Empfindung. Lt man einen Ton
+zu bergroer Strke anwachsen, nimmt die angenehme Wrme allzusehr zu,
+wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich
+mit dem ursprnglich angenehmen Eindruck Unlustgefhle. Andererseits
+kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer
+Geschmack, bei geringer Intensitt als angenehm empfunden werden.
+
+Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das krperliche
+Gefhl um _so strker, je weniger Wert fr die Erkenntnis_ die Reize
+haben, von denen es ausgeht. Die strksten krperlichen Unlustgefhle,
+_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgngen im
+Krper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur
+in geringem Mae stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit
+deutlichen Gefhlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen
+unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstnde, durch die sie
+vermittelt sind. _Gesichts- und Gehrempfindungen_ aber, welche fr die
+Erkenntnis der Auenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne
+begleitende Gefhle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine
+Bestimmung der besonderen mit ihnen verknpften Gefhle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hren von Tnen und noch mehr beim Sehen
+von Farben so im Vordergrund, da der Gefhlston nur bei besonderer
+Aufmerksamkeit zum Bewutsein kommt. Dieses Verhltnis von
+Erkenntniswert und Gefhlsstrke ist wichtig, weil so die fr das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Strungen durch starke
+Gefhle am wenigsten ausgesetzt ist.
+
+
+ 17. Die geistigen Gefhle.
+
+Auch die geistigen Gefhle sind vielfach durch krperliche Zustnde,
+durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen
+selbst nicht unmittelbar abhngig, sondern von den Vorstellungen, die
+dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem krperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Krpers
+verursacht, und dem geistigen Unlustgefhl, das durch ein beleidigendes
+Wort hervorgerufen wird.
+
+_Intellektuelle_ Gefhle entstehen aus dem inneren Verhltnis der
+Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von
+Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen fhrt, so entstehen
+Gefhle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer
+Erscheinungsgruppe enthllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz,
+Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknpft. Die
+_sthetischen_ Gefhle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schnen_. Sie
+sind vielleicht daraus zu erklren, da ein ursprngliches Bedrfnis des
+menschlichen Geisteslebens, die Einheit in der Mannigfaltigkeit
+(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schnen irgend ein
+Bruchstck der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der
+vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem sthetischen Gefhl hngt
+zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfnglichkeit fr sthetische
+Eindrcke, verbunden mit der Fhigkeit, sie richtig zu beurteilen, das
+Schne vom Hlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die
+Fhigkeit, schne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der
+_Einbildungskraft_, dem Vermgen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen berhaupt. Wir schreiben dem
+Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm
+geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich
+ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen sthetisches
+Gefhl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung
+folgend dem Landschaftsbild eine schne Form gibt, es gleichsam zum
+Gemlde gestaltet. Die knstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade
+nach verschieden. Das _sittliche Gefhl_ ist an die Vorstellung gewisser
+Handlungen geknpft; je nachdem es ein Gefhl der Lust oder Unlust ist,
+werden die Handlungen als gute oder bse beurteilt. Aus den uerungen
+des sittlichen Gefhls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundstze des
+Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter
+(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfat ebenso die ersten
+Regungen des sittlichen Gefhls (primres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundres Gewissen). Das
+_religise_ Gefhl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu
+Gttern verbunden. Auf der hheren Stufe verbindet es sich stets mit dem
+sittlichen Gefhl; die Mchte, von denen der Mensch sich abhngig fhlt,
+werden zu Trgern sittlicher Ideale.
+
+
+ 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer.
+
+Aus irgend einem Anla kann das Gefhl pltzlich so stark auftreten, da
+es die berlegung des Verstandes vollstndig zurckdrngt und den Willen
+beherrscht; dieser pltzliche Ausbruch des Gefhls ist der _Affekt_,
+z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefhl lngere Zeit in einer
+bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_,
+bestndig bereit, den Willen sich vllig zu unterwerfen. Zu
+unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe,
+Frmmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefhl ein fr allemal mit
+gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen
+frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch
+grere Dauer und eine gewisse Gleichmigkeit, mit welcher sie ihren
+Einflu auf den Willen geltend machen. Das Vermgen der Gesinnungen ist
+das _Gemt_.
+
+
+ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle.
+
+Die Gefhle knpfen sich nicht selbstndig aneinander, sondern schlieen
+sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur da die
+Gefhle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefhl
+auch ber eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert.
+Auch die Erinnerung der Gefhle wird durch die entsprechende Vorstellung
+vermittelt. Will ich etwa zum Verstndnis der Gefhle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus frherer Zeit in derselben
+Lage zurckrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der
+betreffenden Umstnde.
+
+Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefhle ein Gesetz, das auch fr den
+Vorstellungsverlauf gilt, in viel strkerem Mae: das _Gesetz der
+Beziehung_. Das Gefhl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes
+Gefhl ist davon abhngig, _was fr ein anderes vorangegangen ist_.
+Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen
+Zeiten in uns ganz verschiedene Gefhle hervorrufen. Das Gefhl der Lust
+ist strker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand
+der Gleichgltigkeit entsteht; das Gefhl der Genesung ist mchtiger,
+als das der Gesundheit. Treten die Gefhle im berma auf, so knnen sie
+in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem ertrgt nur
+ein beschrnktes Ma von Lust und Schmerz.
+
+_Wiederholt_ sich das Gefhl, so wird es gewhnlich _abgestumpft_. Der
+hufige Genu derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden.
+Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Strke, er erzeugt
+Abhrtung. Doch gilt dies nur fr solche Gefhle, die keine Vertiefung
+in einen geistigen Inhalt, sondern blo passive Hingabe an einen
+Eindruck mit sich fhren, dagegen trgt bei den hheren Gefhlen die
+wiederholte bung zur _Verstrkung_ bei. Das Anhren eines klassischen
+Musikstcks kann bei jeder Wiederholung hheren Genu gewhren, indem
+die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des
+Tonstcks eindringt.
+
+Gleichzeitige Gefhle hnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem
+_Totalgefhl_, in das sie als _Partialgefhle_ eingehen. Bei smtlichen
+hheren geistigen Gefhlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt
+sich z. B. die sthetische Gefhlswirkung eines historischen Gemldes
+aus Partialgefhlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der
+Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der
+Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.
+
+Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefhle, welche eine gewisse
+Selbstndigkeit bewahren, redet man dagegen von _gemischten
+Gefhlen_. So entsteht das Gefhl der Wehmut aus einer Mischung von
+Trauer ber das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.
+
+
+ 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung.
+
+Ein fr sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefhle ist das
+sogenannte _Lebens_- oder _Gemeingefhl_. In jedem Augenblick
+unsres Lebens zeigt sich unser krperliches Allgemeinbefinden durch ein
+allgemeines Gefhl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+Gemeinempfindungen (z. B. Hunger und Durst) geknpften Gefhlen
+entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen krperlichen Gefhlen
+unterscheidet, da es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Krpers
+beziehen, nicht lokalisieren lt.
+
+Der Beitrag, den die krperlichen Zustnde zu dem Lebensgefhl liefern,
+setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehren:
+
+1. Eine groe Anzahl von Gefhlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu
+_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewutsein zu kommen.
+
+2. Gefhle, die sich an _Zustnde einzelner Krperteile_ knpfen, aber
+auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.
+
+3. Gefhle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im
+Krper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ fr den Fortgang des Lebens
+gewhnlich berhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustnde, z. B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier
+Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des
+Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren fr das
+Gemeingefhl. Das Lebensgefhl bildet einen Bestandteil der
+_Stimmung_, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen
+Gefhlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl
+die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhhte
+Lebensgefhl als der Genu eines edlen Kunstwerks beitragen.
+
+Noch weniger als die einzelnen Gefhle lassen die Lebensgefhle und die
+Stimmungen eine Beschreibung zu. Es knnen nur einige allgemeine
+Ausdrcke angefhrt werden, die sich im Sprachgebrauch dafr ausgebildet
+haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_
+Stimmung. In den Gegenstzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der
+_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_
+bewegen sich Stimmung und Lebensgefhl.
+
+Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des
+Lebensgefhls und der Stimmung _fr die Erinnerung_, fr die
+Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise
+verndert wurde. Wir erinnern uns einer frheren Situation dann mit
+auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Frbung unserer Stimmung
+damit verbunden war, und zwar dadurch, da wir uns in die damalige
+Stimmung wieder hineinfhlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so
+sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedchtnis
+entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen
+des krankhaft vernderten Lebensgefhls. Umgekehrt sind wir geneigt,
+ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die
+gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die hufige Meinung, in
+einer Situation, in der man zum erstenmal ist, frher schon einmal
+gewesen zu sein.
+
+
+ 21. Die Temperamente.
+
+Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender
+Empfnglichkeit fr bestimmte Gefhle und dadurch bedingter
+Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird,
+wie Eindrcke der Auenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Vernderungen der Stimmung und des Lebensgefhles bewegen
+sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der
+krperlichen und geistigen Anlage abhngen. Solcher Temperamente gibt es
+eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht
+schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente
+herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen:
+das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrcke
+zwischen _Temperamenten des Gefhls_: dem leichtbltigen (sanguinischen)
+und schwerbltigen (melancholischen), und _Temperamenten der Ttigkeit_:
+dem warmbltigen (cholerischen) und kaltbltigen (phlegmatischen).
+
+Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen
+Vorgnge, sofern sie vom Gefhlsleben abhngig ist. Nach der
+gewhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_
+Temperaments: lebhafte Empfnglichkeit fr alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrcke und ohne krftige Rckwirkung,
+daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Bestndigkeit der
+Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit fr uere
+Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmigem
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_:
+starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und groe Energie der
+Rckwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_:
+groe Empfnglichkeit fr Gefhle, besonders fr die hheren, aber
+Neigung zum Verweilen in diesem Gefhlsleben ohne praktische Tatkraft
+zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.
+
+_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegenstzen in der Art der
+Gemtsbewegungen ab: Strke und Schwche, Schnelligkeit und Langsamkeit,
+und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:
+
+ _Starke:_ _Schwache:_
+
+ _Schnelle_ cholerisch sanguinisch
+ _Langsame_ melancholisch phlegmatisch.
+
+Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprgt,
+und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit
+zu vermeiden.
+
+Man knnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Vlker,
+Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in
+jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art
+angeborener Eigentmlichkeit des Gefhlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen
+der vorwiegenden Empfnglichkeit fr Lust und der fr Unlust.
+
+
+ 22. Selbstgefhl und Mitgefhl.
+
+Besondere Bedeutung hat das Gefhl fr das Selbstbewutsein. Wir
+machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst,
+bei welchem zunchst der Krper im Vordergrund steht und spter auch
+der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird.
+Mit Ich bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden
+Zustnde dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus,
+da wir alle diese inneren Vorgnge und die Bewegungen des Krpers,
+die von ihnen abhngen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste
+Grund fr diese Unterscheidung unseres Ich von andern liegt im
+_Selbstgefhl_. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen
+Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, knnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden,
+zweifellos und unmittelbar als Zustnde unseres eigenen Selbst im
+Unterschied von andern erleben wrden. Erst allmhlich entwickelt sich
+auf Grund dieses Selbstgefhls, das von der Erkenntnis unabhngig ist,
+das _Selbstbewutsein_, indem das Ich lernt, sich denkend von seinen
+Zustnden zu unterscheiden. Im _Mitgefhl_ erweitert sich dann wieder
+dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fhlen.
+
+
+ 23. Die Bedeutung der Gefhle.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefhle fr das
+menschliche Dasein berhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach
+auch sich besttigende Antwort auf diese Frage ist, da _Lust eine
+Frderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des krperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Gre des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der
+Gre der Strung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt
+als Lust- oder Unlustgefhl an, ob frdernde oder hemmende Stoffe dem
+Krper zur Nahrung zugefhrt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunchst die Lebensfunktion, indem sie mit
+einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst
+bei ihrer weiteren Verbreitung im Krper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt fr die _geistigen Gefhle_. Auch
+ein schdlicher geistiger Genu zeigt richtig die Frderung des
+geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwgen, inwieweit die
+daraus folgende Hemmung die augenblickliche Frderung berwiegt, ist
+nicht Sache des Gefhls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste
+Aufgabe der Lebensklugheit.
+
+Im ganzen aber fhrt diese Auffassung zu einem _Verstndnis der
+umfassenden Bedeutung des Gefhls_, deren nhere Darlegung in Beziehung
+auf den Zusammenhang der Welt brigens in die Metaphysik gehrt. Auf dem
+Gefhl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die
+theoretische Einsicht in das, was ntzlich und schdlich ist, reicht
+nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so
+vollendete Ausbildung des Verstandes knnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Gter bringen, wenn nicht ein Genu hherer Art damit
+verbunden wre. In den meisten Fllen ist vielmehr jene Einsicht gar
+nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genu belriechender
+Speisen fr gewhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schdlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefhle, die schon der Gedanke daran ihm
+verursacht. Wenn dem Mrder vor der Tat das Gewissen schlgt, so
+geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundstze fr die
+Existenz der Gesellschaft sich berlegt hat, sondern er _fhlt
+unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mchtiges Unlustgefhl.
+
+So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust,
+die er vermeidet, so geleitet, da die Erhaltung und Vervollkommnung des
+einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte
+der Religion aus gesehen wre das Gefhl das Hauptmittel in der Hand der
+Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefhle wren es,
+die eine Welt von Motiven fr die Geschichte bilden, und Gefhle edler
+Art wrden jene Ideale der Menschheit (s. 1) ihrer Verwirklichung
+entgegenfhren.
+
+
+3. Das Wollen.
+
+
+ 24. Die unwillkrlichen Bewegungen.
+
+Das Wollen ist wie das Fhlen ein _einfacher und ursprnglicher Akt des
+Geisteslebens_, der sich nicht nher beschreiben, aber doch in seinen
+uerungen verfolgen lt. Der eigentliche Willensakt veranlat immer
+eine Vernderung entweder in der Auenwelt oder in der Innenwelt des
+Wollenden. Das Mittel, eine Vernderung der ersteren Art zustande zu
+bringen, ist die Bewegung des eigenen Krpers. An dieser nchstliegenden
+Vernderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher
+auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum
+eigentlichen Wollen gehrt die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht
+werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden
+soll. Dies ist aber erst das Resultat einer lngeren Entwickelung.
+
+Der Mensch wrde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst
+Bewegungen ausfhren wrde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom
+Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen mssen zu _unwillkrlichen
+Bewegungen_ fhren; denn die angesammelte Spannkraft mu einen Ausweg in
+Bewegungen finden. Beispiele dafr gehen auch noch neben dem bewuten
+Wollen her, wenn beim Schmerz die Zhne zusammengebissen werden, oder
+eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich
+kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen
+Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hnde, wahrnimmt,
+allmhlich zu der Erfahrung, da sie von ihm selber beeinflut werden
+knnen.
+
+Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche
+_unwillkrliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines
+Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Sto droht, so schlieen sich die
+Augenlider; wenn ein fremder Krper in die Luftrhre gert, so tritt
+Husten ein, ohne da eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung
+ntig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der
+eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber
+ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und fhrt so zu
+jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmig begegnet. Da
+diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der berlegung
+unabhngiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, da sie auch bei
+Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch
+wischt den Tropfen Sure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fue
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar
+noch die Fhigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbstndiger
+Bewegung hat. Bei dem Menschen lt sich der Unterschied zwischen
+Reflex- und willkrlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen ber die
+sogenannte _physiologische Zeit_ nachweisen, d. h. die Zeit, welche
+zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer
+Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfliet und
+durchschnittlich etwa 1/5 Sekunde betrgt. Es zeigt sich nmlich, da
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkrlichen
+Bewegung, da also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen
+Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die
+motorischen eine bestimmte, sogenannte Willenszeit zur
+Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den
+elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verluft
+weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der
+Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der
+durch Schlieung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen
+bringt.
+
+Die Reflexbewegungen knnen auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen
+Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der
+bewute Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei groem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens
+oder durch die Willenskraft das Zusammenfahren verhindert wird. Die
+Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptschlich im _Rckenmark_. Sie
+werden vom groen Gehirn aus, dem Organ der selbstndigen Bewegung,
+mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschrnkt. Die
+_Selbstbeherrschung_ besteht zum groen Teil aus solchen
+_Reflexhemmungen_.
+
+Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des
+_Instinkts_ dadurch, da sie ein zusammengesetztes System von Mitteln
+zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie
+gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine
+Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer
+Wachszelle, sondern sie werden von dunklen krperlichen Gefhlen dabei
+geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentmlichkeiten
+ihrer Gattung angesehen werden mssen.
+
+Hierher gehrt noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne
+eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer
+zweckmigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_
+der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren
+Bild sich aufdrngt, wird oft unwillkrlich nachgeahmt. Die Ste eines
+Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern
+unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung
+einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung fhren, ohne da
+der Wille mitwirkt. Noch hufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt
+sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Krperhaltung
+gehren und die oft nachgeahmt werden, whrend die Aufmerksamkeit etwas
+anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung
+infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablsung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurck.
+
+
+ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
+
+Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt
+nher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto
+enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So
+unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, da dabei eine mehr
+oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der
+Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, da er den Menschen ganz
+erfllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_
+ber. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem
+zuknftigen Gefhl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes
+gewhren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden,
+zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt
+leitet nur durch die augenblicklichen Gefhle, welche die Bewegung
+begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem
+das Gefhl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die
+Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Knstlers. Das
+Gefhl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also
+der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_.
+
+Wird dieses Gefhl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar
+zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten
+mehrere Objekte nebeneinander auf, so da das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr
+blo fr die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es
+entscheidet je nach dem Gefhlswert der Motive, besonders mit Hilfe der
+Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt fat den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel
+anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemtsbewegung
+entspringen, ohne da das ganze Innere des Menschen, sein eigentmlicher
+Charakter, alle seine Gefhle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die
+Entscheidung ist deshalb zunchst eine _oberflchliche_ und kann, wenn
+sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoen werden:
+der Weg zur Hlle ist mit guten Vorstzen gepflastert. Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen
+berlegung, indem der Handelnde seine ganze Persnlichkeit dabei in die
+Wagschale legt, so entsteht der _Entschlu_. Dieser ist die hchste Form
+des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nhern,
+desto wichtiger mu jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der
+Ausfhrung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet
+haben; denn je mehr andere Motive und die Erwgung ihres Wertes Zeit
+haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der
+unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der berlegung
+entrckt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des
+Willens ist freilich ein flieender und der Sprachgebrauch hufig
+ungenau, aber er ist wichtig fr die sittliche und fr die
+strafrechtliche Beurteilung.
+
+_Was fr ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht,
+da dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Mglichkeit war, nun
+auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizufhren ist, lt sich nicht nher auseinandersetzen, sondern nur
+erfahren. Auch haben wir kein Bewutsein davon, wie nun der Willensakt
+in Bewegung bergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen
+Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen
+wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefhl von der Bewegung, die gemacht
+werden soll, und den eigentmlichen Vorgang, der den Befehl enthlt,
+diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das brige entzieht sich unserer
+inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein,
+sie ist also in gesetzmiger Weise mit dem inneren Zustand verknpft,
+jedoch ohne da die Zwischenglieder uns zum Bewutsein kommen.
+
+
+ 26. Die Freiheit des Willens.
+
+Da der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschlu
+fat, _frei_ sei, d. h. da er in demselben Augenblick auch einen andern
+Entschlu fassen knnte, wird berall im praktischen Leben
+vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich
+vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese
+Frage fr sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen,
+ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewutseins ist,
+die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz
+auerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der
+Psychologie ergibt sich als Fr und Wider etwa Folgendes:
+
+1. Der _Determinismus_ erklrt, durch die Behauptung der Freiheit des
+Willens sei das _Gesetz der Kausalitt_, da alles eine Ursache haben
+msse, und damit der Zusammenhang des Bewutseinslebens _aufgehoben_.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gltigkeit
+des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei fr die geistige Welt
+weder erwiesen, noch willkrlich anzunehmen.
+
+2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_
+hin: auf das Bewutsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das
+Gefhl der Reue, die nur erklrbar seien unter der Voraussetzung, da
+man wirklich in derselben Lage anders handeln knnte, als man gehandelt
+hat. Der Determinismus erklrt diese Tatsachen daraus, da das handelnde
+Individuum seine eigene Charaktereigentmlichkeit nicht in Rechnung
+bringt und so die, von uerem Zwang allerdings unabhngige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen
+Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an
+eine bse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und
+aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
+
+
+ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
+
+Es gibt Bewegungen, deren Eigentmlichkeit darin besteht, da sie einen
+innern Zustand _ausdrcken_, da sie Zeichen eines bestimmten inneren
+Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkrlichen
+und willkrlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie
+verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen
+Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser
+Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen mglich ist. Soweit diese in
+uerlich sichtbaren Krperbewegungen bestehen, werden sie auch
+_Gebrden_ genannt.
+
+Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die
+aber hufig zusammenwirken:
+
+1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefhls unmittelbar zum
+Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen
+erwhnt als ein Mittel, die groe innere Spannung nach auen zu leiten.
+Hierher gehrt das Erblassen und Errten, Lhmung und Spannung der
+Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck
+krperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern
+es durch starke Gegenstze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. hnlich beruht der
+Witz auf der pltzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in
+Nichts (Kant). Die Ursache dieser Vorgnge ist vielleicht die, da ein
+Grundbedrfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegenstze hindurch hier
+besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in
+einem stoweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das
+_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder krperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Trnendrsen.
+Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln
+begleitet, die nach Form 2 zu erklren sind.
+
+2. Bewegungen, welche die Gefhle mit Hilfe der _Assoziation hnlicher
+Empfindungen_ ausdrcken. So werden z. B. diejenigen Gefhle, welche
+der Sprachgebrauch als bitter, herb, s bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrckt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.
+
+3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch
+mittelbar zum Ausdruck von Gefhlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der
+Hand _hinweisen_. Hufiger mglich ist die _Nachbildung_ des
+betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebrden.
+So sucht der Erzhler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefhl ausgedrckt werden, z. B. wenn durch das
+Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und
+dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrckt wird.
+
+Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen berhaupt ist aber die
+_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den
+gesprochenen und gehrten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in
+ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet.
+Ursprnglich war die Sprache wohl eine unwillkrliche, von Gebrden
+begleitete uerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstnde machten_, und auf einer
+unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche
+Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten
+_onomatopotischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurckgefhrt wird,
+wre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die
+erluternde Begleitung der Gebrden und das Bewutsein einer
+Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmhlich zurck, das
+Wort wurde bloes Zeichen und konnte auch fr Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_:
+zuerst Nachbildung der Form der Gegenstnde in der Bilderschrift und
+dann Verwandlung dieser Bilder in selbstndige Schriftzeichen. So wurde
+die Sprache das unerschpfliche und unentbehrliche Mittel fr die
+Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit fr die
+Ausbildung des Denkens berhaupt.
+
+Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer
+Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren
+Dienst und sucht dieselben allerdings knstlich, d. h. ohne da die
+natrlichen ueren und inneren Anlsse dazu gegeben sind,
+hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der hchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den
+inneren Zustand selbst knstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen
+ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebrden nur mechanisch erlernt,
+so erscheint sein Spiel als ein Gemachtes, weil es eben nicht
+Ausdruck eines Innern ist.
+
+
+ 28. bung, Gewohnheit, Charakter.
+
+Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie groer Wichtigkeit fr das
+geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, grere
+Fertigkeit zu erreichen, so heit sie _bung_. Das Resultat der hufigen
+Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch
+Assoziation verbunden sind, hufig wiederholt, so geht die
+Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder
+kommen gar nicht mehr als selbstndige zum Bewutsein. Ein Beispiel
+dafr ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprnglich aus der
+Wahrnehmung der scheinbaren Gre, deren Vergleichung mit der wirklichen
+Gre und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die bung werden
+wir diese Berechnung so gewhnt, da wir mit berspringung der
+Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben
+(vgl. o. S. 36).
+
+Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von
+den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die
+motorischen Nerven und die Ausfhrung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche
+gewohnheitsmige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B.
+die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind fr
+unser Bewutsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so da das
+eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fgt
+sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der
+betreffenden Schriftzeichen und der dazu ntigen Bewegungen, und durch
+Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe
+in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben
+geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange
+her, den die gesprochenen Worte htten. Dieser komplizierte Vorgang ist
+uns durch unzhlige Wiederholungen so gelufig geworden, da er uns als
+ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen:
+das Sprechen, das Klavierspielen, die Ttigkeit des Setzers, zu
+erklren.
+
+Je grer die bung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung
+erfolgt, _desto weniger bedarf es fr jede einzelne Bewegung einer
+besonderen Willensanstrengung_, so da die Reihe der einmal angefangenen
+Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abluft. Ein Willensakt
+scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschlu der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, da berall
+der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwcherem Grade. Die Bewegung des
+Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen,
+und doch mssen wir annehmen, da nicht blo beim Aufstehen oder
+Aufhren der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwhrenden Spannung der
+Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch
+hier bei fortgesetzter bung die Zwischenglieder fr das Bewutsein.
+
+Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich
+einschrnkt, beherrscht unser ganzes alltgliches Leben. Besonders aber
+macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentmlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der
+Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmige Form des Handelns,
+einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundstze auf
+sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen
+Handlungen dem Einflu der Beweggrnde des Augenblicks entzogen sind.
+Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene
+Grundstze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige
+berlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundstze, eine
+besondere Entscheidung des freien Willens statt.
+
+
+Abschnitt III. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele
+voneinander.
+
+
+ 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
+
+Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermgen ist, wie schon
+erwhnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht
+entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten
+Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer
+ergeben, wie eng sie zusammengehren.
+
+1. Das _Erkennen_ ist abhngig vom Fhlen und Wollen. Das _Gefhl_ ist
+das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es
+verknpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert,
+den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefhlen fr
+uns hat, veranlat uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst
+wrden wir uns gleichgltig dem Strome der Vorstellungen berlassen. Und
+diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen,
+die allein zur Erkenntnis fhren kann, ist nur mglich mit Hilfe des
+_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
+
+2. Das _Gefhl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von
+Vorstellungen und Willensakten. Die Gefhle sind an sich zu unbestimmt,
+um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknpfung mit
+den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie
+sich klar unterscheiden und gegeneinander abwgen. Ebenso ist eine
+deutliche _Erinnerung von Gefhlen_ nur mglich durch Wiedererzeugung
+der Vorstellungen, an welche sie sich geknpft haben. Und sollen _die
+hheren Gefhle_, die intellektuellen, sthetischen, sittlichen,
+religisen, vor Verirrungen bewahrt werden, so mu das Denken sich auf
+sie richten und Grundstze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann
+wieder auf das Fhlen selber zurckwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es mu aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen
+Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefhls
+verhindert oder ein vorhandenes unterdrckt werden, aber dies kann
+mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefhlserregung uert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es
+sich nhrt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter
+Umstnden unterdrcken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen
+lt, d. h. indem er Selbstbeherrschung bt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen,
+in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den
+Gegenstand seines Gefhls erinnert. Das ganze Gefhlsleben aber kann nur
+dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen
+wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefhl auf Kosten der Tatkraft, wie
+eine Vernachlssigung des Gefhls zu Gunsten des blo verstandesmigen
+Strebens verhindert.
+
+3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefhle nicht denkbar. Er
+bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses
+Ziel knnte dem Wollenden aber gleichgltig sein, wenn nicht die
+Erreichung desselben durch Verknpfung mit _Lustgefhlen_ einen gewissen
+Wert fr ihn htte. Ferner wre es nicht mglich, einen Zweck zu
+erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand
+ausgehen mu. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen
+planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmige
+Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundstze ntig, die vom Denken zur
+Leitung des Willens aufgestellt werden.
+
+So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgnge in der
+verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen
+Zeiten das eine Mal das Gefhl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille
+vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentmliches
+Geprge, je nachdem das Denken, das Fhlen oder das Wollen bei ihnen
+vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefhlsmenschen_ und
+_Mnnern der Tat_. Die hchste Form ist aber immer das _ideale
+Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen
+Geistes.
+
+
+
+
+Logik.
+
+
+ 30. Die Aufgabe der Logik.
+
+Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_.
+Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der
+Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner
+_tatschlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen
+Vorgnge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklren; das richtige, wie
+das unrichtige Denken findet gleichmige Bercksichtigung. Die Logik
+hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das
+geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die
+Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, da das Denken in der
+Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele fhrt.
+
+Wenn wir diese Frage beantworten sollen, mssen wir ein Mittel haben,
+_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das
+nchstliegende wre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen,
+dessen Resultate _mit der Wirklichkeit bereinstimmen_. Dem steht aber
+der Einwand gegenber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt
+werden kann, da die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung
+vorhanden ist (vgl. 3). Jedenfalls knnen wir einen Vergleich
+zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir
+auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also ber den Kreis
+des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhngigen
+Wirklichkeit vergleichen zu knnen. Ebensowenig knnen wir die
+Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_
+abhngig machen; die Allgemeingltigkeit des Gedachten ist teils nicht
+vorhanden, teils zu unsicher, um als Mastab fr seine Richtigkeit
+gelten zu knnen.
+
+Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewutsein davon_, was richtiges
+Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, da wir das
+richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir
+finden in uns eine innere Ntigung, gerade so und nicht anders zu
+denken, und wir nehmen an, da auch andere ebenso denken mssen. Die
+Logik mu sich also darauf beschrnken, die Bedingungen darzustellen,
+unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingltige Denken_ zustande
+kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab
+_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von
+gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prfen hat,
+durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie
+unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, da sie das
+Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhngigen Welt fhren kann, sondern fr sich allein nach seinen
+eigenen Gesetzen.
+
+Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, da die Logik
+_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die
+Kunst des Dichtens lehrt. Aber es lt sich doch nicht behaupten, da
+die Kunst des Denkens berhaupt unabhngig wre von der Kenntnis der
+logischen Gesetze. Die Fhigkeit richtig zu denken ist dem Menschen
+angeboren, aber es gilt auch hier, da es _besser ist, wenn er die
+Grundstze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn
+wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt,
+so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewut ist. Geradezu unentbehrlich ist
+diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder
+besonders schwierige Fragen zu lsen, so besonders in der Philosophie
+und berall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer
+klaren, sicheren Methode abhngig ist.
+
+Die Logik beschftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den
+_Begriffen, Urteilen und Schlssen_, teils mit der Art, wie diese
+Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft
+als ein zusammenhngendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des
+wissenschaftlichen Verfahrens heit Methode. So kann man die Logik
+einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.
+
+
+I. Teil. Elementarlehre.
+
+
+1. Die Begriffe.
+
+
+ 31. Der Begriff und seine Merkmale.
+
+_Der Begriff ist die durch ein Wort reprsentierte Einheit aller in
+einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o.
+13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird,
+gilt als das Wesen der Gegenstnde, die unter ihn fallen, und so
+nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht
+werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen knnen,
+_auerwesentliche_ oder _zufllige_. So sind wesentliche Merkmale
+des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang;
+auerwesentliche: Schnheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl
+gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in
+keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der
+Erkenntnis mglich; der Fortschritt der Wissenschaft mu entweder
+die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang
+zurckfhren oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der
+Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich
+wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks
+schliet die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann
+aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.
+
+Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in
+_eigentmliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschlielich_
+eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen
+zukommen, ferner in _ursprngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein
+ursprngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelitt der
+Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.
+
+Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet
+wird, mu nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrhren,
+sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten
+sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen
+wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen,
+indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen
+aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.
+
+
+ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.
+
+An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit
+der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der
+Gegenstnde oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und
+Parallelitt der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate,
+Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier:
+organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Sugetiere,
+Vgel, Amphibien, Fische, Wrmer u. s. w.
+
+Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufllige Merkmale
+aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu
+eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu gro, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff
+Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhlt,
+denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid
+ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelitt der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fllt er mit
+dem Begriff des Vierecks zusammen.
+
+_Je grer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je
+grer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und
+Begriffsinhalt stehen also ihrer Gre nach in umgekehrtem Verhltnis
+zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld grer als der Umfang
+des Begriffs Silbergeld, denn er umfat auch das Kupfergeld, Goldgeld
+und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nmlich um das Merkmal
+Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufgung von
+Merkmalen beschrnkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).
+
+
+ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.
+
+Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hngt
+die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn
+man das, was zu seinem Umfang gehrt, genau von dem unterscheiden kann,
+was in den Umfang anderer Begriffe fllt, so da keine Verwechslung
+mglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von
+Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, fr
+sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der
+von der Wissenschaft berhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine
+klare Vorstellung hat.
+
+
+ 34. Die Arten der Begriffe.
+
+Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_
+Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale
+enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum;
+zusammengesetzte: Lwe, Sechseck, Urteil.
+
+Nach dem Verhltnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man
+_untergeordnete_ (subordinierte), _bergeordnete_ (superordinierte) und
+_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der
+unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man
+_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder
+aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen
+nur mittelbar in sich befat, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der
+Gattungsbegriff heit auch der _hhere_ oder _weitere_ und der
+Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen
+knnen wieder andere hhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fllt
+der Begriff Singvogel unter die hheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier,
+organisches Geschpf, Krper, von denen jeder wieder einen weiteren
+Umfang hat, als der vorhergehende, so da ein Gattungsbegriff im
+Verhltnis zum folgenden hheren immer wieder als Artbegriff betrachtet
+werden knnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen hufig durch besondere Ausdrcke bezeichnet, wo dann
+auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert
+besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,
+Individuum.
+
+Begriffe, die demselben nchsthheren Gattungsbegriff untergeordnet
+sind, stehen im Verhltnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B.
+Frhling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschlieen, so stehen sie in einem
+gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz
+(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den
+Umfang des hheren Begriffs ausfllen, so da der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und
+ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _kontrren_
+Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so da sie
+sich zwar auch gegenseitig ausschlieen, aber mit anderen Begriffen
+sich in den Umfang des hheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt,
+ruht; daraus aber, da es nicht Frhling ist, folgt nicht, da es Sommer
+sein mu, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden
+zugleich.
+
+Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach
+Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und
+der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begrnder der
+Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der
+nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders
+hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres
+Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_,
+wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen knnen, z. B. rechtwinklig und
+gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man
+diejenigen, welche berhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen
+hheren Begriffs untergebracht werden knnen, z. B. Dreieck und
+Tapferkeit.
+
+
+2. Die Urteile.
+
+
+ 35. Das Wesen des Urteils.
+
+_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe,
+der mit dem Bewutsein seiner Allgemeingltigkeit vollzogen wird._ Die
+sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird
+etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das
+_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prdikat_. Die Ineinssetzung
+beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula
+ausgedrckt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das
+Eisen glht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glhen der Prdikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und
+Prdikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet
+wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus
+(Existentialurteil), sondern dient nur als Trger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prdikat verknpfen soll, z. B. der Pegasus ist
+geflgelt.
+
+
+ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.
+
+Die herkmmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzgen von
+Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei
+jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantitt_,
+_Qualitt_, _Relation_ und _Modalitt_.
+
+
+1. Die Quantitt.
+
+Nach der Quantitt unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das
+Prdikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle
+Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikulre_ Urteile, wo das
+Prdikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind
+P; einige Knige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_
+Urteile, wo das Prdikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P;
+Bismarck ist ein groer Mann.
+
+Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der
+_Ergnzung_. Es wurde mit Recht angefhrt, das _individuelle_ Urteil
+knne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das
+Prdikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall,
+da das Prdikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur
+von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine
+besondere Art zu begrnden. Das _partikulre_ Urteil kann als
+selbstndiges nur festgehalten werden, wenn es nher bestimmt wird, so
+da es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige
+S sind P. Das ganz unbestimmte partikulre Urteil: einige Menschen sind
+sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein
+vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung,
+oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde,
+hat es selbstndige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil mu
+unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem
+unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die
+Behauptung, da das Prdikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zhlung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf
+einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen.
+Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prdikat auf Grund eines
+Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt,
+an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben
+gleiche Diagonalen.
+
+
+2. Die Qualitt.
+
+Nach der Qualitt werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder
+affirmative, wo Subjekt und Prdikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2.
+_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prdikat getrennt werden; 3.
+_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten
+Prdikat verknpft wird: S ist Nicht P.
+
+Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie
+fllt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden
+diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist
+nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller mglichen
+Prdikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses
+unendliche Prdikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatschlich
+nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht
+alle mglichen Prdikate, z. B. blau, sechseckig, gasfrmig, vielmehr
+ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.
+
+Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantitt und Qualitt ergeben
+sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben
+a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P
+(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulr
+bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulr verneinende: einige S
+sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wrtern %affirmo% (ich bejahe)
+und %nego% (ich verneine) entnommen.
+
+
+3. Die Relation.
+
+Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und
+Prdikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache
+Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt
+etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so
+entwickelt sich Elektrizitt; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches
+aussagt, da dem Subjekt von mehreren sich ausschlieenden Prdikaten
+jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind
+entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder
+die Franzosen oder die Deutschen werden siegen.
+
+Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des
+Prdikats zwei Stze getreten, die in das Verhltnis von _Grund und
+Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, da in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird,
+noch da sich Elektrizitt entwickelt, sondern es sind zwei als
+_Hypothesen_ aufgestellte Stze, von denen nur behauptet wird, da die
+Gltigkeit des einen die notwendige Folge der Gltigkeit des anderen
+sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise
+auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich
+die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der
+Himmel bewlkt ist, fllt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist,
+so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es
+auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist,
+so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat.
+
+Zum _disjunktiven_ Urteil gehrt eigentlich eine _Reihe mglicher
+Stze_, die sich gegenseitig ausschlieen, und die zusammen den Umfang
+des Subjekts- oder Prdikatsbegriffs erschpfen: S ist P, S ist Q, S ist
+R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern
+im _kontrren_ Gegensatze stehen.
+
+
+4. Die Modalitt.
+
+Nach der Modalitt werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_,
+wo die Verknpfung oder Trennung von Subjekt und Prdikat nur als
+Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren
+Gltigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_,
+deren Gltigkeit als notwendig hingestellt wird: S mu P sein.
+
+Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen
+Zweideutigkeit. S kann P sein, drckt sowohl die _subjektive
+Ungewiheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des
+Lichtes beruht vielleicht auf therschwingungen, als auch die _objektive
+Mglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthlt nichts
+Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine
+Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit
+eintritt. Dagegen ist das Urteil ber die Erklrung der Erscheinung des
+Lichtes ein wirklich problematisches, fr das aber doch derjenige, der
+es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft
+Allgemeingltigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen
+assertorischem und apodiktischem Urteil_ fllt dahin, da jedes Urteil,
+also auch das assertorische, mit dem Bewutsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.
+
+
+ 37. Die zusammengesetzten Urteile.
+
+Im Anschlu an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und
+zusammengesetzten Stzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_
+Urteilen, die nur aus Subjekt, Prdikat und Kopula bestehen, und
+_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schlieen,
+unterschieden.
+
+Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten
+hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet:
+
+1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere
+Prdikate bejaht oder verneint.
+
+ { sowohl } { als } { als }
+ S ist { } P { } P^1 { } P^2.
+ { weder } { noch } { noch }
+
+2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe
+Prdikat bejaht oder verneint.
+
+ Sowohl } { als } { als }
+ } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P.
+ Weder } { noch } { noch }
+
+3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen
+Umfang erschpfenden Artbegriffe als Prdikate beigelegt. S ist teils P
+teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum
+disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv
+ausdrcken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder
+gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils
+krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck
+voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von
+denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder
+gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach
+seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien
+(berhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prdikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen
+sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von
+Ewigkeit her oder geworden.
+
+Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit
+dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven,
+zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbstndigen
+Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Stzen_, die fr sich allein
+keine allgemeine Gltigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch
+bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als
+einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vorderstze oder mehrere Nachstze oder beides
+besitzen.
+
+Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das
+konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes
+Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene
+selbstndige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil
+in diesem Sinn zu reden, wre also ungefhr dasselbe, wie wenn man eine
+Strae ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es mten dann
+neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Stze mit wenn,
+obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgefhrt werden;
+alle diese Satzverbindungen begrnden jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich
+daher berhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen,
+sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile,
+die so bezeichnet werden knnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer
+sprachlichen Verbindung selbstndiger Urteile.
+
+Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten
+lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das
+_Verhltnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentmliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und
+Prdikats tretenden Stzen.
+
+
+ 38. bersicht der Urteilsarten.
+
+Die Betrachtung der Urteile nach Quantitt, Qualitt, Relation und
+Modalitt hat ergeben, da die traditionelle Einteilung im einzelnen
+verschiedene Mngel hat, da aber die damit aufgestellten
+Einteilungsgrnde in der Hauptsache festgehalten werden knnen. Der
+allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings berall derselbe
+(Sigwart), berall wird ein Subjekt mit einem Prdikat in eins gesetzt
+oder von ihm getrennt und fr diesen Akt Allgemeingltigkeit in Anspruch
+genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der
+Beschaffenheit der Subjekte, der Prdikate und der Kopula_. Die
+verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen
+wesentlichen Einflu auf das Urteil selbst, und so bietet sich als
+einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prdikats- und den
+Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und
+Ausfhrung der folgenden Einteilung abweicht); danach wrde sich
+ungefhr folgende Einteilung der Urteile ergeben:
+
+
+I. Nach den Subjektsformen.
+
+1. In Beziehung auf die _Zeit der Gltigkeit_ der Urteile:
+
+ a) _Erzhlende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten
+ Zeit angehrt. Das Urteil selbst ist daher _nur fr einen
+ bestimmten Zeitabschnitt gltig_, z. B.: diese Blume ist schn.
+
+ b) _Erklrende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten
+ Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_
+ deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb.
+
+2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gltigkeit_ (Quantitt):
+
+ a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersnliches
+ Frwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen
+ Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Frwort ist nur der
+ sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form
+ gewohnheitsmig hinzugefgt wird, z. B.: es blitzt, es regnet.
+ Daher ist auch der _Umfang der Gltigkeit des Urteils unbestimmt_.
+
+ b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gltigkeit des Urteils
+ _beschrnkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt
+ bildet, z. B.: Csar hat gesiegt.
+
+ c) _Partikulre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter
+ Mehrzahl. Das Urteil gilt zunchst nur _fr einen Teil des Umfangs
+ des Subjektsbegriffs_:
+
+ mindestens }
+ } einige S sind P.
+ nur }
+
+ d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfat alle Individuen, die
+ unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund
+ der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines
+ Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem
+ letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner,
+ auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrckt,
+ z. B.: das Tier hat Empfindung.
+
+
+II. Nach den Prdikatsformen.
+
+Je nach den Vorstellungen, die dem Prdikatsbegriff zu Grunde liegen,
+wechselt die Art der Anknpfung des Prdikats an das Subjekt, die bejaht
+oder verneint wird. Es lassen sich _fnf Hauptarten von Vorstellungen_
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen
+gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren
+_Ttigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der
+Ttigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den
+Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.
+
+Danach ergeben sich _fnf Prdikatsformen_, welche die Urteilsfunktion
+selbst modifizieren.
+
+1. _Subsumtionsurteile._ Der Prdikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff,
+in dessen greren Umfang der Subjektsbegriff fllt, z. B.: dies ist
+Eisen, der Walfisch ist ein Sugetier.
+
+2. _Ttigkeitsurteile._ Der Prdikatsbegriff spricht dem Subjekt eine
+Ttigkeit zu: die Erde bewegt sich.
+
+3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prdikat wird als Eigenschaft dem Subjekt
+beigelegt: Schnee ist wei.
+
+4. _Modifikationsurteile._ Die Ttigkeiten und Eigenschaften werden auf
+einer hheren Stufe des Denkens _fr sich betrachtet_ und zu _abstrakten
+Substantiven_ gemacht. Sie knnen dann selbst verschiedene
+_Modifikationen als Prdikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schn;
+die Bewegung der Brieftaube ist schnell.
+
+5. _Beziehungsurteile._ Das Prdikat sagt eine Beziehung zwischen
+verschiedenen Gegenstnden aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier
+ist eine rumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein
+ausgesprochen.
+
+
+III. Nach den Beziehungsformen.
+
+Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prdikat auf das
+Subjekt bezogen wird:
+
+1. _Nach der Gltigkeit oder Ungltigkeit der Beziehung berhaupt_
+(Qualitt):
+
+ a) _Bejahende Urteile_: S ist P.
+
+ b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P.
+
+2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation):
+
+ a) Kategorische: S ist P.
+
+ b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B.
+
+ c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D.
+
+3. _Nach der Art der Gltigkeit der Beziehung_ (Modalitt):
+
+ a) Bedingt gltige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist
+ vielleicht P.
+
+ b) Unbedingt gltige Urteile: S ist P oder mu P sein.
+
+Jedes Urteil lt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich,
+nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a),
+2. a), 3. b); Hannibal mute entweder siegen oder untergehen, nach I.
+unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c),
+3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlgt, zndet er, nach I. unter
+1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b).
+
+
+3. Die Schlsse.
+
+
+ 39. Die Grundgesetze des Denkens.
+
+Bei dem Schluverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar
+Grundgesetze des Denkens berhaupt sind, die aber besonders beim
+Schlieen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden.
+
+Es werden gewhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezhlt.
+
+1. _Der Grundsatz der Identitt_ (%principium identitatis%) lautet in
+seiner ursprnglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist
+sich selbst gleich_; als dazu gehrig wurde auch der Grundsatz der
+_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem
+Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden.
+
+2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%)
+lautet nach Aristoteles: Es ist unmglich, da dasselbe demselben in
+derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.
+_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist
+nicht B, knnen nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus
+der Wahrheit des einen die Falschheit des andern.
+
+3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi
+tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte
+Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _knnen nicht beide zugleich falsch
+sein_, ein drittes Urteil ber dieselbe Beziehung zwischen A und B ist
+ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des
+andern.
+
+4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis
+sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil mu einen zureichenden Grund haben._
+Die Art, wie dieses Verhltnis von Grund und Folge zum Fortschritt im
+Denken bentzt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des
+logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit
+der Folge der Grund aufgehoben._
+
+Die wichtigsten dieser Stze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der
+des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identitt_ ist, fr sich
+betrachtet, gnzlich _inhaltslos_; er kommt fr das Denken erst in
+Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenbertritt: A ist
+nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs bergeht. Eine
+_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identitt
+eingeschlossen, nmlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies
+ist aber eine Voraussetzung fr alles Denken, die nicht erst von der
+Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_
+beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der
+Verneinung berhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbstndiger
+Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, knnen
+nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wren falsch, also zu
+verneinen, so wrden sich die beiden Stze: A ist nicht B und A ist B,
+nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.
+
+Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu
+unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische
+Grund_ seiner Gewiheit, die subjektiven Grnde, die den Urteilenden
+veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder
+_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenber der _Realgrund_ oder die
+Ursache im Verhltnis zur Wirkung, die reale Kausalitt. Z. B. das
+Sinken der Temperatur kann von uns als Grund bentzt werden, um eine
+Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersule des Thermometers, daran zu
+knpfen, und die Mehrzahl logischer Grnde beruht auf solcher realer
+Kausalitt; aber es gibt auch viele Erkenntnisgrnde, welche nicht
+zugleich Realgrnde sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt fr
+mathematische Folgerungen bilden.
+
+So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des
+Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge_ brig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem
+es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige
+Begrndung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7).
+
+
+A. Der unmittelbare Schlu.
+
+
+ 40. Der Schlu aus einem Begriff.
+
+_Der Schlu ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren
+anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heit
+_unmittelbarer Schlu_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer
+Schlu_.
+
+Der unmittelbare Schlu wird gewhnlich durch Umformung eines Urteils
+gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff
+abgeleitet werden knnen.
+
+Dieser _Schlu aus einem Begriff_ berhrt sich nahe mit dem
+Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der
+vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaen bestimmt: In
+allen Urteilen, worinnen das Verhltnis eines Subjekts zum Prdikat
+gedacht wird, ist dieses Verhltnis auf zweierlei Art mglich.
+Entweder das Prdikat B gehrt zum Subjekt A als etwas, was in diesem
+Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz auer
+dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknpfung des Prdikats mit dem Subjekte
+durch Identitt, diejenigen aber, in denen diese Verknpfung ohne
+Identitt gedacht wird, sollen synthetische heien. Die ersteren
+knnte man auch Erluterungs-, die andern Erweiterungsurteile heien,
+weil jene durch das Prdikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe
+zerfllen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren;
+dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prdikat
+hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine
+Zergliederung desselben htte knnen herausgezogen werden. So ist
+nach Kant das Urteil: alle Krper sind ausgedehnt, ein analytisches,
+denn man drfe den Begriff eines Krpers nur zergliedern, um das
+Prdikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Krper sind schwer, ein
+synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloen Begriff eines Krpers berhaupt gedacht werde. Man knnte also
+auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Krper das Urteil
+gewinnen: alle Krper sind ausgedehnt.
+
+Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so mu sie nach zwei
+Seiten berichtigt werden.
+
+1. Kant setzt voraus, da es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt
+mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit knnte dasselbe
+Urteil: alle Krper sind schwer, fr den einen ein analytisches, fr den
+andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere
+schon in ihren Begriff des Krpers aufgenommen oder noch nicht
+aufgenommen htten. Es hngt also _von dem Bildungsstande des
+Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein
+analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann
+nur unter der Voraussetzung richtig, da der Subjektsbegriff richtig
+ist, oder mit andern Worten: da die Prdikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist
+wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine
+besondere Art des Schlusses anzusehen.
+
+2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber
+zugegeben werden mssen, da es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_
+ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne
+ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose,
+die ich vor mir habe. Nur fr denjenigen wre dieses Urteil ein
+synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose
+veranlassen wrde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das fr
+ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufgen.
+
+
+ 41. Die Konversion.
+
+Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung
+des gegebenen Urteils_. Es werden gewhnlich 7 Arten solcher Umformungen
+aufgefhrt.
+
+Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin,
+da die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im
+kategorischen Urteil das Subjekt zum Prdikat und das Prdikat zum
+Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der
+Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne
+Vernderung der Quantitt; im ersten Fall heit sie _unreine_ (%conversio
+per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%).
+
+Fr die einzelnen Formen der Kombination von Quantitt und Qualitt:
+allgemein bejahende a, partikulr bejahende i, allgemein verneinende e
+und partikulr verneinende o, ergibt sich folgendes:
+
+1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten
+Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, lt nur eine unreine
+Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall mglich, wenn der
+Umfang des Subjekts- und des Prdikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle
+gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhltnis der
+Begriffe lt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt
+sich, da der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in
+den Umfang des Kreises P fllt, wie bei 1., oder da beide Kreise sich
+decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, da jedenfalls einige S, unter
+Umstnden alle in den Umfang des Kreises P fallen, so da bei 1. nur
+unreine, bei 2. reine Umkehrung mglich ist.
+
+[Illustration: a.1.]
+
+2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind
+regelmige Figuren, einige regelmige Figuren sind Parallelogramme. In
+dem fr i natrlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden
+gemeinsame Raum versinnlicht die Mglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist
+die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle
+Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schlieen, wie bei 3. und
+4., wo sich wieder i ergibt.
+
+[Illustration: i.1. 2. 3. 4.]
+
+[Illustration: e.]
+
+3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglcklich,
+kein Unglcklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind
+vollstndig getrennt, kein S ist P und kein P S.
+
+4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist
+das Verhltnis von S und P zu wenig bestimmt, als da etwas daraus
+gefolgert werden knnte. Die Flle 1., 2. und 3. sind alle von o aus
+mglich, es lt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als
+Subjekt daraus ableiten.
+
+[Illustration: o.1. 2. 3.]
+
+
+ 42. Die Kontraposition.
+
+Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung,
+das kontradiktorische Gegenteil des Prdikats wird zum Subjekt und die
+Qualitt des Urteils wird verndert.
+
+1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S
+oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religise Mensch handelt
+auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiser
+Mensch. Nach den Figuren 41 fr a ist klar, da, da S ganz in P liegt,
+alles, was auerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch
+auerhalb des Kreises S liegen mu, also nicht S ist.
+
+2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP
+S, vgl. die Fig. 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fllt es
+jedenfalls in den Raum auerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts
+Gutes ist unschn, einiges nicht Unschne ist gut.
+
+3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige
+NichtP S. Nach den 3 Figuren 41 o mu jedenfalls ein Teil von S
+auerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.:
+einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.
+
+4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition wrde sich ergeben: einige
+NichtP sind nicht S, und dies wrde fr Figur 41. i. 1. 3. 4.
+zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Mglichkeit denkbar, da S die
+Gesamtheit alles Seienden umfat, dann wre es nicht richtig, da einige
+NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wren S.
+
+
+ 43. Die Umwandlung der Relation.
+
+Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Vernderung
+der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B,
+kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es
+B, z. B.: jeder Feigling ist verchtlich; wenn einer ein Feigling ist,
+so ist er verchtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil knnen mehrere
+hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder
+B oder C, schliet die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so
+ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen
+stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen
+sich zusammengehrige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_
+aussprechen.
+
+
+ 44. Die Subalternation.
+
+Bei der Subalternation wird daraus, da ein Urteil von dem _ganzen
+Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, da es auch _von einem
+Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des
+partikulren auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen
+Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der
+Unwahrheit von i die von a.
+
+
+ 45. Die quipollenz.
+
+Bei dem unmittelbaren Schlu durch quipollenz wird die Qualitt des
+Urteils selbst und die des Prdikats verndert und nach dem Grundsatz:
+%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten bereinstimmendes Urteil
+hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.:
+jede Lge ist verwerflich; es gibt keine Lge, die nicht verwerflich
+wre.
+
+
+ 46. Die Opposition.
+
+Der unmittelbare Schlu durch Opposition besteht darin, da _aus der
+Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird
+_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so knnen auch die Urteile in einem
+kontradiktorischen und in einem kontrren Gegensatz stehen. _Im
+kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine
+dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende
+und das partikulr verneinende, das allgemein verneinende und das
+partikulr bejahende. Im _kontrren_ Gegensatz stehen diejenigen
+Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere
+Mglichkeiten brig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide knnen falsch sein, und dann ist noch das
+partikulr bejahende und das partikulr verneinende mglich, z. B.
+falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von
+hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkontrre_ Verhltnis
+unterschieden, in welchem das partikulr bejahende und das partikulr
+verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhltnis der
+_Subalternation_ (vgl. 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen
+gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte
+auch auf einen Teil desselben beziehen.
+
+Diese Verhltnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema
+veranschaulichen:
+
+ A -- Kontrrer Gegensatz -- E
+
+ | \ / |
+ | \ / |
+
+ K z
+ o t
+ n a
+ t s
+ r n
+ a e
+ d g
+ i e
+ U k G U
+ n t n
+ t o r t
+ e r e e
+ r i h r
+ o sc o
+ r i h r
+ d r e d
+ n o r n
+ u t u
+ n k G n
+ g i e g
+ d g
+ a e
+ r n
+ t s
+ n a
+ o t
+ K z
+
+ | / \ |
+ | / \ |
+
+ I -- Subkontrrer Gegensatz -- O
+
+Der unmittelbare Schlu durch Opposition erfolgt demgem nach folgenden
+Regeln:
+
+1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des kontrr
+entgegengesetzten.
+
+4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden
+subkontrren.
+
+
+ 47. Die modale Konsequenz.
+
+Die _modale Konsequenz_ besteht darin, da die sogenannte Modalitt der
+Urteile verndert wird; dann folgt:
+
+1. Aus der Gltigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden
+assertorischen und des problematischen, und aus der Gltigkeit des
+assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der
+Winkel eines Dreiecks betrgt notwendig und deshalb immer auch
+tatschlich zwei Rechte.
+
+2. Aus der Ungltigkeit des problematischen Urteils die des
+assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des
+apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, da A B ist, so ist
+es auch tatschlich nicht so und mu nicht so sein.
+
+
+ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse.
+
+Die unmittelbaren Schlsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer
+Bedeutung sind die quipollenz, die Subalternation, die modale
+Konsequenz und die Vernderung der Relation, teils weil sie
+Selbstverstndliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche
+Umformungen darstellen. Doch knnen die letzteren, so z. B. durch
+Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige
+sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter
+entspricht, und so berhaupt den Blick fr die sprachliche Einkleidung
+der logischen Formen schrfen.
+
+Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition.
+Die _Opposition_ fhrt zur scharfen Fassung des gegenseitigen
+Verhltnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein
+bejahenden Urteils gibt Aufschlu darber: 1. da Subjekt und Prdikat
+nicht notwendig zusammengehren, 2. da sie miteinander vereinbar sind.
+Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die
+wichtige Erkenntnis, da zwei Begriffe A und B einander gegenseitig
+ausschlieen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der
+Zusammengehrigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet
+sich berall, wo P sich nicht findet, auch S nicht.
+
+Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch
+dadurch eine _gewisse Einschrnkung_, da sie Urteile voraussetzen, in
+denen das Prdikat auch wirklich Subjekt werden und als der hhere
+Begriff gegenber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem
+Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem
+Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlsse auch _vom
+hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die
+genannten beiden Formen grere Bedeutung. Die unreine Konversion von a:
+Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drckt dann aus,
+da aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des
+Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A
+nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: da,
+wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknpft
+ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A
+gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck
+des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, da mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen
+wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schlu aus der
+Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so
+wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch
+noch an andere Grnde geknpft.
+
+
+B. Der mittelbare Schlu.
+
+
+ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.
+
+Der mittelbare Schlu ist entweder ein Schlu _vom Allgemeinen auf das
+Besondere_ oder ein Schlu _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im
+ersteren Fall heit er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten
+_Induktion_.
+
+Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein
+_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist.
+Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heien
+_Prmissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil
+_Schlusatz_ (%conclusio%). Die Mglichkeit, den Schlusatz aus den
+Prmissen abzuleiten, beruht darauf, da die Prmissen einen Begriff
+gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der
+im Schlusatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prmisse, welche das
+Subjekt des Schlusatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das
+untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den
+Vordersatz, enthlt, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige,
+welche das Prdikat des Schlusatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%)
+enthlt, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die
+_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%).
+
+Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in
+verschiedene _Schlufiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Flle der Stellung
+des Mittelbegriffs_ mglich. Er ist entweder in beiden Prmissen
+Prdikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prmisse Subjekt, in
+der andern Prdikat; der letztere Fall lt wieder zwei Mglichkeiten
+offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prdikat
+und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit
+S, den Prdikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen
+sich die 4 Schlufiguren in folgendem Schema darstellen:
+
+ 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M
+ S M S M M S M S
+ --- --- --- ---
+ S P S P S P S P
+
+Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die
+vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus ([+] 200 n. Chr.); sie wird
+daher die galenische genannt.
+
+Innerhalb einer jeden Figur wrden sich nun durch Kombination von
+Quantitt und Qualitt der Prmissen nach den Buchstaben a e i o 16
+Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste
+Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.
+
+ a a e a i a o a
+ a e (e e) (i e) (o e)
+ a i e i (i i) (o i)
+ a o (e o) (i o) (o o)
+
+Im ganzen wrden sich also _64 Kombinationsformen der Prmissen oder
+Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine grere Anzahl
+als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Grnden, die fr alle 4 Figuren
+gleichmig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen
+Figuren widersprechen.
+
+
+ 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der kategorischen
+Schlsse.
+
+1. _Aus rein verneinenden Prmissen folgt nichts_ (%ex mere negativis
+nihil sequitur%). Es sind drei Flle mglich.
+
+a) _Beide Prmissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, da
+sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollstndig getrennt sind; da
+aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhltnis von S und P
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umstnden ber dieses
+Verhltnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von
+Mglichkeiten, ber die nicht entschieden werden kann, wie die folgende
+Veranschaulichung durch Kreise zeigt:
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Die eine Prmisse ist allgemein, die andere partikulr verneinend_:
+e o. ber das Verhltnis von S und P lt sich nichts aussagen, weil die
+unbestimmte partikulr verneinende Prmisse neben andern Formen auch
+die allgemein verneinende nicht ausschliet, so da die Unsicherheit von
+a) nur vermehrt ist.
+
+c) _Beide Prmissen sind partikulr verneinend_: o o. Da das bei b)
+Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch grere.
+
+Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo.
+
+2. _Aus rein partikulren Prmissen folgt nichts_ (%ex mere
+particularibus nihil sequitur%).
+
+a) _Beide Prmissen sind partikulr bejahend_: i i. Das Verhltnis der
+Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als da daraus ber das
+Verhltnis von S und P etwas erschlossen werden knnte; vgl. die
+folgenden Figuren, die alle i i entsprechen.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Eine_ Prmisse ist _partikulr bejahend_, die _andere partikulr
+verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe
+von Mglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl.
+die Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4.]
+
+c) _Beide Prmissen sind partikulr verneinend_: oo. Dieser Fall deckt
+sich mit 1. c).
+
+Es fallen also auer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12
+weitere Modi.
+
+3. Aus einem _partikulren Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_
+ergibt sich kein logisch gltiger Schlusatz.
+
+a) Der Obersatz ist _partikulr bejahend_, der Untersatz _allgemein
+verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser
+Voraussetzung mglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der
+Schlusatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als
+Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verndert, der
+Schlu ist dann aus einem partikulren Untersatz und einem verneinenden
+Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes
+Resultat, vgl. Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+b) Der _Obersatz_ ist _partikulr bejahend_: oe und
+
+c) der _Untersatz_ ist _partikulr verneinend_, sind schon durch 1. und
+2. ausgeschlossen.
+
+Durch diese Regel fllt ein neuer Modus weg: i e, so da von den 64 Modi
+im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern
+bezeichnet sind.
+
+Auerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze
+der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ fr die
+brigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch
+Zurckfhrung auf die Modi der ersten Figur gefhrt; deutlicher und
+anschaulicher ist der Beweis durch Kreise.
+
+
+ 51. Die erste Figur.
+
+Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als
+Prdikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen
+auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulr und 2. deren Untersatz
+verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben
+nur folgende 4 brig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von
+Petrus Hispanus ([+] 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen
+Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des
+Obersatzes, des Untersatzes und des Schlusatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prmissen samt dem Schlusatz allgemein
+bejahenden Charakter haben, also aaa hie daher %Barbara%. Smtliche Modi
+der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefat:
+
+ %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.
+ Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.
+ Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,
+ Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae
+ Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.%
+
+1. Barbara
+
+hat die Form
+
+ M a P Alle Menschen sind sterblich
+ S a M Alle Knige sind Menschen
+ ------------------------------------
+ S a P Alle Knige sind sterblich.
+
+[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.]
+
+Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus
+entsprechen, ergibt sich, da der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen
+oder mit demselben sich decken mu, weil er in den Kreis M fllt, der
+selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.
+
+2. Celarent
+
+ M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum
+ S a M Alle Logiker sind Menschen
+ ----- --------------------------------
+ S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Da M ganz von P getrennt ist, so mu auch S, das ganz in M liegt, von P
+getrennt sein.
+
+3. Darii
+
+ M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind
+ regelmige Figuren
+ S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel
+ ----- --------------------------------------------------
+ S i P Einige Dreiecke sind regelmige Figuren.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Kreis M mu ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so mssen
+mindestens diese einige S auch in P liegen.
+
+4. Ferio
+
+ M e P Nichts Vergngliches hat unbedingten Wert
+ S i M Einige Gter sind vergnglich
+ ----- ------------------------------------------
+ S o P Einige Gter haben keinen unbedingten Wert.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+Da M ganz auerhalb P liegt, so mssen mindestens diejenigen S, die M
+sind, ebenfalls auerhalb P liegen.
+
+
+ 52. Die zweite Figur.
+
+Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prmissen
+Prdikat_. Die beiden Regeln fr diese Figur sind: 1. der Obersatz mu
+allgemein und 2. eine der beiden Prmissen mu verneinend sein. Durch 1.
+fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls
+4 brig: ea, ae, ei, ao.
+
+1. Cesare
+
+ P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz
+ S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz
+ ----- --------------------------------------
+ S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte.
+
+[Illustration: 1. 2.]
+
+Da P ganz von M getrennt ist, so mu auch S, das in M liegt, ganz von P
+getrennt sein.
+
+2. Camestres
+
+ P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem
+ gehrenden Weltkrper mu die Bahn des
+ Uranus vollstndig bestimmen
+ S e M Die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems
+ aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus
+ vollstndig
+ ----- ------------------------------------------------
+ S e P Folglich bilden die bekannten Weltkrper unseres
+ Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.
+
+Dieser Schlu des Astronomen Leverrier fhrte zur Entdeckung des Neptun
+durch Galle (1846).
+
+Camestres hat hnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen
+vertauscht. Der Beweis ist daher mit vernderten Zeichen derselbe.
+
+3. Festino
+
+ P e M Keine wahre Kunst ist blo mechanische Ttigkeit
+ S i M Manche Virtuositt ist blo mechanische Ttigkeit
+ ----- -------------------------------------------------
+ S o P Manche Virtuositt ist keine wahre Kunst.
+
+Da M von P getrennt ist, so mssen auch diejenigen S, die in den Kreis M
+fallen, von P getrennt sein.
+
+4. Baroco
+
+ P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die
+ rechte Gesinnung
+ S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte
+ Gesinnung
+ ----- ---------------------------------------------------------
+ S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen
+ Menschen.
+
+Da P ganz in Kreis M fllt, so knnen diejenigen S, die nicht in Kreis M
+fallen, auch nicht in Kreis P fallen.
+
+
+ 53. Die dritte Figur.
+
+Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prmissen
+Subjekt_. Als Regel fr die dritte Figur gilt, da der Untersatz
+bejahend sein mu. Es fallen also ae und ao weg, so da 6 Modi brig
+bleiben.
+
+1. Darapti
+
+ M a P Alle Wale sind Sugetiere
+ M a S Alle Wale sind Wassertiere
+ ----- ----------------------------------------
+ S i P Also sind einige Wassertiere Sugetiere.
+
+Der Beweis ergibt sich fr diesen und die noch folgenden Modi aus einer
+Betrachtung der Kreisverhltnisse nach Analogie der vorangegangenen
+Beweise.
+
+2. Felapton
+
+ M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ
+ M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten
+ ----- ---------------------------------------
+ S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen.
+
+3. Disamis
+
+ M i P Einige Pronomina der franzsischen Sprache sind
+ der Casusflexion fhig
+ M a S Alle franzsischen Pronomina sind Wrter der
+ franzsischen Sprache
+ ----- ------------------------------------------------
+ S i P Einige Wrter der franzsischen Sprache sind der
+ Casusflexion fhig.
+
+4. Datisi
+
+ M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschdigt
+ M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige Unschuldige werden geschdigt.
+
+5. Bocardo
+
+ M o P Einige Amphibien haben keine Fe
+ M a S Alle Amphibien sind Tiere
+ ----- ----------------------------------
+ S o P Einige Tiere haben keine Fe.
+
+6. Ferison
+
+ M e P Kein Mensch ist fehlerlos
+ M i S Einige Menschen sind bewundernswert
+ ----- --------------------------------------------
+ S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.
+
+
+ 54. Die vierte Figur.
+
+Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prdikat, im Untersatz Subjekt. Als
+Regeln fr die vierte Figur gelten: 1. Keine Prmisse darf partikulr
+verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit
+einem partikulr bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also
+noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fnf Modi brig.
+
+1. Bamalip
+
+ P a M Alle schlechten Wrmeleiter sind Mittel, die Wrme
+ zu erhalten
+ M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wrmeleiter
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige von den Mitteln, Wrme zu erhalten, sind
+ wollene Kleider.
+
+Die Prmissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhltnis zu
+Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.
+
+2. Calemes
+
+ P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme
+ M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez
+ ----- ------------------------------------
+ S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid.
+
+3. Dimatis
+
+ P i M Einiges Angenehme ist verwerflich
+ M a S Alles Verwerfliche ist schdlich
+ ----- ----------------------------------
+ S i P Einiges Schdliche ist angenehm.
+
+4. Fesapo
+
+ P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmtig
+ M a S Alle Hochmtigen sind beschrnkt
+ ----- --------------------------------------------------
+ S o P Einige beschrnkte Menschen sind nicht bescheiden.
+
+5. Fresison
+
+ P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten
+ M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut
+ regiert
+ ----- ----------------------------------------------------
+ S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.
+
+
+ 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu den Prmissen.
+
+Fr die logische Form des Schlusatzes aller vier Figuren wurde die
+Regel aufgestellt: _Der Schlu folgt dem schwcheren Teil_ (%conclusio
+sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prmissen partikulr oder
+verneinend, so mu auch der Schlusatz partikulr oder verneinend sein.
+Sind beide Prmissen allgemein, so kann der Schlusatz allgemein oder
+partikulr sein.
+
+Demgem ergeben sich fr die _erste Figur_ Schlustze von allen
+Formen: a e i o, fr die _zweite_ nur negative: e o, fr die _dritte_
+nur partikulre: i o, fr die _vierte_: partikulr bejahende, allgemein
+verneinende und partikulr verneinende Schlustze: i e o.
+
+Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalitt_ der Schlusatz
+derjenigen Prmisse, welche die _geringere Gewiheit hat_; er ist
+apodiktisch, wenn beide Prmissen apodiktisch sind, assertorisch oder
+problematisch, wenn eine der Prmissen assertorisch oder problematisch
+ist.
+
+
+ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.
+
+Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener,
+und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, da es im _rein
+formalen Interesse_ der vollstndigen Klassifikation _alle
+gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form
+%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisfhrung. Die
+brauchbarsten sind berhaupt die allgemein bejahenden Schlustze. Die
+allgemein verneinenden geben wenigstens ber die gegenseitige
+Ausschlieung zweier Begriffe, die partikulren Schlustze ber deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehrigkeit Auskunft. Die
+unnatrlichsten Formen finden sich in der spter hinzugefgten vierten
+Figur.
+
+_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes
+Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit bereinstimmt, so da es sich
+nur um eine ber- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion
+des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rcksicht darauf
+lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurckfhren_. Wenn
+das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so knnen offenbar auch die
+einzelnen Merkmale, die P enthlt, von dem Subjekt S bejaht oder
+verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius,
+repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal
+des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch
+dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des
+Subjektes S fllt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten
+%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und
+einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder
+einzelnen. Es ist natrlich, da die Schlsse, solange sie nur dazu
+dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhltnisse immer wieder
+auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies
+geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von
+Begriffen_ stellen.
+
+Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus
+eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schliet
+sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes fr einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt.
+_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, whrend
+_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schluform zur
+_allgemeingltigen_ zu machen.
+
+_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schlu_ (s. u. 57)
+die allgemeinste Form alles Schlieens und fhrt dementsprechend alle
+Schluformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurck, da mit
+dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei.
+So ergibt sich z. B. fr alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige
+Formel:
+
+Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X
+
+ 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B
+ --------------------------------------------------
+ Schlusatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X
+
+ 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X
+ --------------------------------------------------
+ Schlusatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B
+
+Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschtzt_
+werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwnden gegen
+seine Brauchbarkeit.
+
+Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind
+sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, msse
+der Schlusatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch
+ungewi wre, ob Sokrates sterblich ist, knnte auch der allgemeine
+Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der
+Schlusatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen
+Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen
+Satz berhaupt fallen lie und an Stelle des Syllogismus den Schlu vom
+Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schlu auf die Sterblichkeit
+des Sokrates wrde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen
+Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, da eine Anzahl
+Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen
+Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens.
+
+Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, da
+_tatschlich das bewute Schlieen vielfach nur von Besonderem auf
+Besonderes bergeht_, aber fr die logische Betrachtung ist es auer
+Zweifel, da die Richtigkeit und Allgemeingltigkeit des Schlusses immer
+von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhngig ist. Jener
+Widerspruch aber ist nur gltig, wenn von den tatschlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit
+seiner Anwendung auf alle einzelnen Flle bestndig gegenwrtig htte_,
+der bedrfte keines Schlusses; wenn aber tatschlich einmal der
+_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenber eine Ausnahme
+gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der
+Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins
+Gedchtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.
+
+Damit hngt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus
+zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlsse _nie mit dieser
+Umstndlichkeit vollzogen_, der Syllogismus knne also in keiner Weise
+das richtige Denken untersttzen. Jedenfalls ist richtig, da wir uns
+beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der
+Tafel der Syllogismen bewut sind. Nach den psychologischen Gesetzen der
+bung und Gewhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist
+im voraus anzunehmen, da auch bei diesen unzhligemal verwendeten
+Formen _die Mittelglieder dem Bewutsein entfallen_ (vgl. 28), so da
+ganze Reihen von Schlssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied fr Glied
+bercksichtigt; mancher Streit im tglichen Leben dreht sich um unklar
+gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewuten
+Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem
+Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann
+es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit
+fortschreiten.
+
+
+ 57. Der hypothetische Schlu.
+
+Der hypothetische Schlu ist ein _Schlu, in welchem_ mindestens der
+_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schlu heit _rein_, wenn
+die Prmissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So
+versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schlu_ gewhnlich
+denjenigen Schlu, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen
+Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:
+
+ Wenn A gilt, so gilt X
+ A gilt oder X gilt nicht
+ ------------------------------------
+ also gilt X also gilt A nicht.
+
+Der gemischte hypothetische Schlu ist also die einfache Anwendung des
+Grundgesetzes, da mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit
+der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%).
+
+ Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es na.
+ Nun hat es geregnet
+ -------------------------
+ Also ist es na,
+
+aber nicht umgekehrt:
+
+ nun ist es na
+ ---------------------
+ also hat es geregnet,
+
+ebensowenig:
+
+ nun hat es nicht geregnet
+ --------------------------
+ also ist es nicht na,
+
+dagegen richtig:
+
+ nun ist es nicht na
+ ---------------------------
+ also hat es nicht geregnet,
+
+oder, bei verneinendem Nachsatz:
+
+Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.
+
+ Nun gibt es eine Vorsehung
+ ---------------------------
+ Also gibt es keinen Zufall,
+
+oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua
+non%):
+
+Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisfhrung
+nicht aufrecht erhalten werden.
+
+ Nun ist dieser Satz nicht richtig.
+ ----------------------------------------------------------
+ Also kann die ganze Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden.
+
+Der _reine hypothetische Schlu_ hat zwei hypothetische Prmissen.
+Daraus, da etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, da es auch
+Folge dessen sein mu, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlusatz_ ist
+dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema:
+
+ Wenn A gilt, so gilt M
+ Wenn M gilt, so gilt X
+ -----------------------------
+ Also wenn A gilt, so gilt X.
+
+Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses lt sich auch kurz so
+ausdrcken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_.
+
+ Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhht, so verlngern sich die
+ Pendel der Uhren.
+
+ Wenn die Pendel der Uhren sich verlngern, so werden die
+ Schwingungen verlangsamt.
+
+ Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.
+ --------------------------------------------------------------------
+ Also: Wenn die Temperatur sich erhht, so gehen die Uhren nach.
+
+
+ 58. Der disjunktive Schlu.
+
+Der disjunktive Schlu ist ein Schlu, _dessen Obersatz ein disjunktives
+Urteil_ ist. Der Schlu beruht auf dem in der Disjunktion
+ausgesprochenen Verhltnis der Glieder.
+
+Es kann also
+
+I. _von der Gltigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungltigkeit der
+brigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist B
+ ----------------
+ Also ist A weder C noch D;
+
+II. _auf die Gltigkeit eines Gliedes von der Ungltigkeit aller
+brigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist weder C noch D
+ ----------------------------
+ A ist B.
+
+Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder
+stumpfwinklig.
+
+ Nach I. Nun ist es rechtwinklig
+ --------------------------------------
+ Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.
+
+ Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig
+ -----------------------------------------------
+ Also ist es rechtwinklig.
+
+Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich fr den Fall I.
+ein konjunktiv verneinendes Urteil, fr den Fall II. eine um ein Glied
+verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt
+sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach
+bejahende Urteil.
+
+Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_,
+_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der
+Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer
+gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen.
+
+ Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C
+ Nun gilt weder B noch C
+ ----------------------------
+ Also gilt auch A nicht;
+
+oder kategorisch gefat:
+
+ A ist entweder B oder C
+ Nun ist S weder B noch C
+ -----------------------------------
+ Also ist S auch nicht A.
+
+Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisfhrung von Leibniz:
+
+ Wre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen
+ mglichen Welten, so htte Gott die beste entweder nicht gekannt,
+ oder nicht hervorbringen und erhalten knnen, oder nicht
+ hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der
+ gttlichen Weisheit, Allmacht und Gte) weder das erste, noch das
+ zweite, noch das dritte wahr,
+ ------------------------------------------------------------------
+ also ist die wirkliche Welt die beste unter allen mglichen Welten.
+
+
+ 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse.
+
+Im _zusammengesetzten Schlu_ sind mehrere Schlsse durch gemeinsame
+Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlsse so
+angeordnet, da der Schlusatz des ersten Schlusses zu einer Prmisse
+des zweiten, und der Schlusatz des zweiten zu einer Prmisse des
+dritten wird, so entsteht die _Schlukette_ (%syllogismus concatenatus%).
+Derjenige Schlu, in welchem der gemeinsame Satz Schlusatz ist, heit
+der _Vorschlu_ (Prosyllogismus) im Verhltnis zum folgenden, dem
+_Nachschlu_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlukette in der
+Richtung vom Vorschlu zum Nachschlu, so heit sie _episyllogistisch_
+oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_.
+
+ Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Der Anspruchslose ist zufrieden
+ ---------------------------------
+ Der Tugendhafte ist zufrieden.
+
+ 2. Der Tugendhafte ist zufrieden
+ Der Zufriedene ist glcklich
+ ------------------------------
+ Der Tugendhafte ist glcklich.
+
+ progressiv in der Richtung: 1. 2.
+ regressiv in der Richtung: 2. 1.
+
+Ein Schlu, der durch Weglassung einer der beiden Prmissen verkrzt
+ist, heit ein _Enthymem_; z. B.: er mu gestraft werden, denn er hat
+ein Verbrechen begangen.
+
+Wird in einem einfachen Schlu zu einer der beiden Prmissen eine
+Begrndung hinzugefgt, so entsteht das _Epicherem_.
+
+Wenn in einer progressiven Schlukette alle Schlustze auer dem
+letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die
+_Kettenschlu_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem
+Verhltnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598
+von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen
+Sorites_ fehlen diejenigen Schlustze, welche in dem folgenden
+Syllogismus Unterstze werden, er schreitet also von den niederen
+Begriffen zu den hheren fort und hat folgende Form:
+
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlusatz A ist C)
+ (Untersatz A ist C)
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glcklich
+ ------------------------------------------
+ Schlusatz A ist D der Tugendhafte ist glcklich.
+
+Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlustze aus, welche
+in dem folgenden Syllogismus Oberstze werden, es wird von den hheren
+Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:
+
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glcklich
+ Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlusatz B ist D)
+ (Obersatz B ist D)
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ -------------------------------------------
+ Schlusatz A ist D der Tugendhafte ist glcklich.
+
+
+ 60. Fehlschlsse und Trugschlsse.
+
+Ein unrichtiger Schlu wird _Fehlschlu_ (%paralogismus%) genannt, wenn er
+auf Irrtum beruht, _Trugschlu_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu
+tuschen, hervorging.
+
+Solche Schlufehler beruhen teils auf einer _Miachtung_ der _Gesetze
+des Schlieens_, insbesondere der fr die Schlufiguren geltenden
+Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen
+der Schlu gezogen wird (%quaternio terminorum%).
+
+Von den folgenden Beispielen enthlt 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze
+des Schlieens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine
+sophistische Verwendung des Dilemmas.
+
+ 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte
+ Der Neger ist kein Kaukasier
+ --------------------------------------
+ Folglich hat er keine Menschenrechte.
+
+ 2. Herodes war ein Fuchs
+ Alle Fchse haben vier Fe
+ ------------------------------
+ Also hatte Herodes vier Fe.
+
+3. Tertullians Schlu:
+
+Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den
+Fen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben.
+
+ Die Antipoden mten dies
+ ------------------------------
+ Also gibt es keine Antipoden.
+
+ 4. Aller Anfang ist schwer
+ Miggang ist aller Laster Anfang
+ -----------------------------------
+ Also ist Miggang schwer.
+
+5. Der _Lgner_ der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter
+sind Lgner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht
+wahr, da die Kreter Lgner sind, also sagt auch Epimenides die
+Wahrheit, also sind alle Kreter Lgner &c. &c.
+
+6. _Der Krokodilschlu_: Eine gypterin sah, wie ihr am Nil spielendes
+Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr
+das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurckgeben, wenn du errtst, was ich tun werde. Die Mutter tat den
+Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide
+argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil
+sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind
+nicht zurckgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhltst du es nicht
+wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich
+es nicht zurck laut unsrer bereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag
+wahr oder falsch gesprochen haben, _so mut du mir mein Kind
+wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mut du es mir geben laut
+unsrer bereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du
+wirst mir mein Kind zurckgeben.
+
+7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras
+Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schler solle die
+zweite Hlfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten
+Proze gewonnen htte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus
+keinen Proze annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte
+ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: Sowohl wenn du von den
+Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mut du mich bezahlen. Werden sie dich zur
+Zahlung verurteilen, so mut du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs;
+wirst du aber nicht verurteilt, so mut du unsrem Vertrage gem
+bezahlen, denn du hast den ersten Proze gewonnen. Daraus antwortete
+Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies
+sei sein erster Proze; verliere er den, so brauche er gem dem
+Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gem dem
+Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen
+durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, da sie ihre
+Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten.
+
+
+ 61. Der Induktionsschlu.
+
+Die Induktion ist der _Schlu vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie
+gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Stze und hat
+folgende Form:
+
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P.
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S.
+ --------------------------------------
+ Jedes S ist P.
+
+Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion fhrt, fat entweder
+_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und
+Zeit getrennte _Flle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der
+Satz, da Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem
+Gewichtsverhltnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz:
+Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten
+Gewichtsverhltnissen. Im ersteren Fall, bei der _Induktion von
+Spezialgesetzen_ (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen
+Fllen der gleichen Art gilt, gilt von der Art berhaupt. Im zweiten
+Fall, bei der _generalisierenden Induktion_ wird geschlossen: Was
+von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.
+
+Die Induktion ist eine _vollstndige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den
+ganzen Umfang des Begriffs S ausfllen. Z. B.:
+
+ Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als
+ Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.
+
+ Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind
+ die alten Planeten.
+ -------------------------------------------
+ Also haben die alten Planeten Achsendrehung.
+
+_Unvollstndig_ heit die Induktion, wenn durch Aufzhlung der M der
+Umfang von S nicht erschpft wird. So wrde das letztgenannte Beispiel
+eine unvollstndige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten berhaupt geschlossen wrde.
+
+Der Induktionsschlu hat _hnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten
+Figur_, es wre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der
+Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, da der
+Schlusatz _nicht partikulren, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und
+die Eigentmlichkeit der Induktion besteht gerade darin, da sie unter
+der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmigkeit und Notwendigkeit in
+der Welt von einer Anzahl sorgfltig beobachteter einzelner Flle aus
+einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht
+beobachtete Flle zu schlieen erlaubt.
+
+Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgem der
+hufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der
+bloen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem urschlichen Verhltnis des
+%post hoc% mit dem %propter hoc%.
+
+
+ 62. Der Analogieschlu.
+
+In naher Beziehung zu dem Induktionsschlu steht der _Schlu der
+Analogie, als Schlu vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, da zwei Arten oder
+Individuen in einer Reihe von Merkmalen bereinstimmen, wird
+geschlossen, da sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende
+Form:
+
+ M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trgerin organischen
+ Lebens.
+
+ M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+
+ S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+ -----------------------------------------
+ S ist P. Also ist auch der Mars Trger organischen
+ Lebens.
+
+
+II. Teil. Methodenlehre.
+
+
+ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.
+
+Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens,
+Begriffe, Urteile, Schlsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft berhaupt ist die
+Erkenntnis der der Wahrnehmung zugnglichen Welt. Dazu gehrt zuerst ein
+_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst
+gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fllt. Weiter
+enthlt das Ideal der Welterkenntnis ein _vollstndiges Begriffssystem_,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklrungen_
+vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_
+klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener
+Urteile, welche unser Wissen ber den Zusammenhang der Welt aussprechen,
+und einer erschpfenden Begrndung dieser Urteile durch ein sorgfltiges
+_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annhern kann, so mu sie sich noch der
+_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewut werden, der Methoden, durch
+welche eine neue Erkenntnis zustande kommt.
+
+So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln
+hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der
+_Fortschritt der Wissenschaft_.
+
+
+1. Die Begriffsbestimmung.
+
+
+ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.
+
+_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die
+Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_,
+entweder durch _vollstndige_ Auffhrung der Merkmale eines Begriffs
+oder durch Angabe der _nchsthheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des
+artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere
+wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine
+Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben.
+
+Man unterscheidet gewhnlich zwischen _Worterklrungen_
+(Nominaldefinitionen), z. B. Division heit Einteilung, und
+_Sacherklrungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten
+darlegen. Fr die Logik gibt es aber nur Worterklrungen, die zugleich
+Sacherklrungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit
+einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem
+genannten Sinn fllt rein in das sprachliche Gebiet.
+
+Die vollstndige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten
+Fllen nicht mglich. Die _gebruchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist
+daher diejenige, welche den bergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein
+Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die
+Parallelitt der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von
+anderen Arten des Vierecks unterscheidet.
+
+Wird der Begriff im Anschlu an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt,
+so heit die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit
+einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser bereinstimmung
+mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein
+Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht
+gegeben werden.
+
+
+ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.
+
+Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende
+angefhrt:
+
+1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen,
+z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu
+_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine
+geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten.
+
+2. Die Definition darf _keine berflssigen Merkmale_ aufnehmen, die in
+anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind
+(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche
+Richtung und berall gleichen Abstand voneinander haben.
+
+3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf
+weder ausdrcklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B.
+das Gedchtnis ist das Vermgen, des frher Bewutgewordenen wieder zu
+gedenken.
+
+4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten,
+vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten
+erklrt wird, z. B. Gre ist das der Vermehrung und der Verminderung
+Fhige; da Vermehrung Zunahme der Gre und Verminderung Abnahme der
+Gre ist, so ist der Begriff der Gre in der Definition derselben
+schon vorausgesetzt.
+
+5. In der Definition drfen _keine bildlichen Ausdrcke_ gebraucht
+werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da,
+wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im
+groen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken
+hat.
+
+6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzhlung der Arten des Begriffs
+verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so da ein
+Zirkel entstnde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.
+
+Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_
+angegeben werden, die von der Erklrung im logischen Sinn unterschieden
+werden mssen; z. B. die Beschreibung, die Errterung, die Entwickelung,
+die Erluterung.
+
+
+2. Die Einteilung.
+
+
+ 66. Das Wesen der Einteilung.
+
+_Die Einteilung ist die vollstndige Angabe der Teile des Umfangs eines
+Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im
+Verhltnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der
+Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vgel sind teils Luftvgel,
+teils Erdvgel, teils Wasservgel.
+
+Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs
+in seine Artbegriffe ist, da er noch in einem oder mehreren seiner
+Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die
+Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heit
+_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%).
+
+Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon
+vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt
+der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem
+Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als
+Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie,
+gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ndert. _Im
+zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das
+im ursprnglichen Begriff nur als unbestimmte Mglichkeit gegeben war.
+So kann der Begriff der Flssigkeit nach Geschmacksunterschieden
+eingeteilt werden, whrend das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen
+Unterschied begrnden.
+
+
+ 67. Arten und Fehler der Einteilung.
+
+Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heit die Einteilung
+_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren
+sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks
+schliet in sich die Arten des Vierecks, des Fnfecks, des Sechsecks
+u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natrlicher_ Einteilung, die
+sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes sttzt, und
+_knstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als
+Einteilungsgrund bentzt wird, doch womglich so, da die Modifikationen
+dieses Merkmals in urschlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der
+anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natrlichen Einteilung steht
+z. B. Linns Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung
+der Staubgefe in 24 Klassen.
+
+Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem
+_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_
+desselben ausgegangen wird. Es mten z. B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben smtliche Farben vertreten sein, auch blau oder
+grn, whrend die empirische nur nach den tatschlich vorhandenen Farben
+klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschpft wird, ist damit noch keine Garantie fr logische
+Vollstndigkeit gegeben.
+
+Die hauptschlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende:
+
+1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu
+wenig Einteilungsglieder enthlt. Zu weit ist z. B. die Einteilung der
+Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige.
+
+2. Die Glieder der Einteilung mssen _einander ausschlieen_, drfen
+sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe,
+Neigung zu andern und gegenseitige Neigung.
+
+3. Es drfen nicht verschiedene _Einteilungsgrnde vermischt werden_,
+sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in
+Europer und Schwarze.
+
+
+3. Der Beweis.
+
+
+ 68. Der Beweis und seine Arten.
+
+In einem System der Wissenschaft mssen die Begriffe durch Erklrungen
+und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese
+Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse
+Prdikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedrfen der
+Begrndung, um gltig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlsse
+_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen
+_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der
+Wissenschaft aufgenommen wird.
+
+Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus
+anderen Urteilen, die als gewi und notwendig erkannt sind_. Doch
+bedrfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so fhrt genau
+genommen jeder Beweis zu gewissen Stzen zurck, die einer Begrndung
+weder fhig, noch bedrftig sind, zu den _Grundstzen_ oder _Axiomen_.
+_Vom einzelnen Schlu unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, da das zu
+beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis
+bildet, und da auch auf die materiale Wahrheit der Prmissen Rcksicht
+genommen wird. Auerdem stellt der Beweis gewhnlich eine ganze
+Schlukette dar.
+
+Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach
+durch kategorischen oder hypothetischen Schlu aus feststehenden
+Prmissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu
+beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der
+brigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es
+z. B., wenn daraus, da die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich
+einem Rechten ist, bewiesen wird, da der dritte Winkel ein Rechter sein
+mu; ein indirekter Beweis wre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen
+wrde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter
+Winkel, und aus der Ungltigkeit der beiden ersten Glieder die
+Gltigkeit des letzten gefolgert wrde.
+
+_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines
+Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt
+daraus, da er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad
+absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also
+bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die
+_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkrftung der
+Beweisgrnde. Zur _grndlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehrt aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die
+Widerlegung des gegnerischen Beweises.
+
+
+ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der
+Beweis durch Schlsse sich bewegt, so mu er das zu gewinnen suchen, was
+die Schlsse mglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wre der Satz zu
+beweisen, da Tugend lehrbar ist, so mte ein Mittelbegriff gefunden
+werden, der einerseits der Tugend als Prdikat zugesprochen werden und
+andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden knnte. Ein solcher
+Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schlu: Wissen ist
+lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird
+nur selten ein einziger Mittelbegriff gengen. In den meisten Fllen
+mssen die Vermittlungen auf umstndlichere Weise gesucht werden.
+
+Die _hauptschlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten
+Versten gegen die Regeln des Schlusses berhaupt, folgende:
+
+1. Die unvollstndige Disjunktion beim indirekten Beweis.
+
+2. Eine unrichtige Prmisse, durch welche die ganze folgende
+Beweisfhrung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%).
+
+3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so da etwa in
+einer der Prmissen der Schlusatz schon enthalten wre (Zirkelbeweis).
+
+4. Das, was aus den Prmissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu
+Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis
+allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen
+wird.
+
+Werden diese Fehler mit der Absicht zu tuschen gemacht, so spricht man
+von _Erschleichung_ (%subreptio%).
+
+
+4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+
+ 70. Die verschiedenen Methoden.
+
+Durch Erklrungen und Einteilungen wird das Verhltnis der Begriffe
+zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen
+den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden_.
+
+Die Wissenschaft begngt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern
+_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche
+Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier
+sind folgende Wege mglich:
+
+1. Man geht aus _vom einzelnen tatschlich Gegebenen_, das man
+beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Stze_ zu gewinnen. Dies
+ist das _induktive_ Verfahren.
+
+2. Man geht aus _von den allgemeinen Stzen_, die man schon gewonnen
+hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlsse
+ber das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_
+Verfahren.
+
+3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der
+Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie
+besonders die _Hypothese darstellt_.
+
+4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist
+bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_.
+
+
+ 71. Das induktive Verfahren.
+
+Die Induktion als einfacher Schlu wurde schon in der Elementarlehre
+behandelt ( 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_
+sind folgende:
+
+1. Die Induktion fhrt zur _Bildung realgltiger Begriffe_. Unsere
+Begriffe sind zunchst nur _subjektive Gebilde_ und bedrfen der
+fortwhrenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten
+Begriff fllt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch
+nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses
+Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehrt oder nicht_. Wir
+werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenstnden,
+die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je
+hufiger dies der Fall ist, mit um so grerer Wahrscheinlichkeit werden
+wir die Frage der Zusammengehrigkeit bejahen knnen. Auf diesem Wege
+knnen unsere subjektiven Begriffe allmhlich zu Wesensbegriffen werden,
+die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B.
+derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufgen mu.
+
+Nun zeigt aber die _Tatsache der Vernderung_, da die Notwendigkeit,
+welche die Merkmale der Dinge zusammenhlt, doch keine unbedingte ist,
+es mte denn _die Vernderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor
+sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der
+Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch uere
+Ursachen_ veranlat. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.
+
+2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Stze ber das Wirken von
+Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_
+eine grundlegende Bearbeitung erfahren.
+
+Es ist die _gewhnliche Vorstellung_, da wir das Wirken von Ursachen
+ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit
+beobachten wir nur, da eine Vernderung auf eine andere folgt.
+Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie
+berhrt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz
+dieselbe, ob die Berhrung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein
+zuflliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, da wir
+da ein kausales Verhltnis annehmen, _wo eine Vernderung regelmig auf
+eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das
+_regelmige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmige %Consequens%_.
+Wenn jene Explosion unter denselben Umstnden regelmig erfolgen wrde,
+so wrden wir schlielich die Berhrung als Ursache annehmen. Damit aber
+nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fgt Mill
+hinzu, das Consequens msse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhngig
+von irgend welchen andern bedingenden Umstnden, z. B. von dem Aufgang
+der Sonne, folgen.
+
+Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze
+ber das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei
+Hauptmethoden_ auf, die Methode der bereinstimmung und die Methode der
+Differenz.
+
+Die _Methode der bereinstimmung_ wird von ihm in folgendem Kanon
+zusammengefat: Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden
+Phnomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem
+allein alle Instanzen bereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des
+gegebenen Phnomens.
+
+Bezeichnen wir das Antecedens mit groen und das entsprechende
+Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema:
+
+ A B C a b c
+ A D E a d e
+ A F G a f g
+
+Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so knnen
+sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also mu es A sein. Die Wirkung
+a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Flle, in denen Krper
+kristallinisches Gefge annehmen, aber sonst in nichts bereinstimmen;
+zeigt sich, da sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nmlich:
+Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flssigen Zustand, so
+schlieen wir, da das Festwerden einer Substanz aus einem flssigen
+Zustand ein unabnderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.
+
+Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaen gefat:
+
+Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phnomen eintritt, und
+eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen
+gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so
+ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die
+Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des
+Phnomens.
+
+Hier werden also zwei Flle verglichen, die sich durch nichts anderes
+unterscheiden, als dadurch, da in dem einen A und a gegenwrtig ist und
+in dem andern fehlt, nach dem Schema:
+
+ B C b c
+ A B C a b c
+
+Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, da es der Schu
+war, der ihn ttete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft
+des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die
+Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, mu deshalb durch A
+bewirkt sein.
+
+Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann
+leicht auch knstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist
+daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_.
+
+Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte bereinstimmungs- und
+Unterschiedsmethode, eine Methode der Rckstnde und eine Methode der
+Begleitvernderungen.
+
+3. Die Induktion fhrt auch zu _blo empirischen Gesetzen_, die keinen
+urschlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatschliches Geschehen oder
+regelmige Zusammenhnge verschiedener Vorgnge aussagen, z. B., da
+ein frei fallender Krper Rume beschreibt, die den Quadraten der Zeit
+proportional sind, oder da Ebbe und Flut in regelmigen
+Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der
+Wissenschaft_, auch diese zunchst empirischen Gesetze auf kausale
+Zusammenhnge zurckzufhren.
+
+4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren
+Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C bereinstimmend das Prdikat P
+haben, so wird geschlossen, da dies seinen Grund in gewissen
+gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird
+dann der hhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, da alle
+Gegenstnde, die unter denselben fallen, das Prdikat P haben mssen. So
+gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, da alle Krper, die
+schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings
+eine ber die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nmlich
+die, da aus bereinstimmenden Grnden auch bereinstimmende Folgen
+flieen.
+
+
+ 72. Das deduktive Verfahren.
+
+_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen
+herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und
+Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine
+Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Mae die Mathematik tut; teils
+leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen
+tatschlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptschlich die Aufgabe
+der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklren_.
+Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als
+Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklrt sie
+z. B. die Tatsache, da eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, da Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und
+aus dem andern, da das Glas wegen seiner Sprdigkeit sich nicht
+ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer
+Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wre z. B. die
+mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklren.
+
+
+ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese.
+
+Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar,
+da _sie einander nicht entbehren knnen_. Die Deduktion geht aus von
+allgemeinen Stzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine
+Stze findet. Die Induktion fhrt nur zu einem hheren Grade von
+Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwhrenden Prfung ihrer
+Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, da man aus den allgemeinen
+Stzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe fr ihre
+Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklren.
+
+Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden fr die Wissenschaft
+fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die
+vorlufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prfung an
+den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der
+Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen
+oder anderen wahren Stzen in Widerspruch steht, beweist die
+_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat,
+fhrt aber nur zu _grerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der
+vollen Gewiheit nhern kann. Die Hypothese ist ferner um so
+wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie
+_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewiheit und wird zur
+_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mgliche Mittel zur
+Erklrung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie
+von bereits anerkannten Stzen abzuleiten.
+
+Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen
+hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie;
+Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur
+Erklrung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des
+Arztes.
+
+
+ 74. Das System.
+
+_Das System ist die Verbindung zusammengehriger Erkenntnisse zu einem
+logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in
+der Form dieser Verbindung. Wre die Wissenschaft als System vollendet,
+so mte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine
+_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_
+mte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der hchste Begriff,
+deren Grundlage die untersten Arten bilden wrden, die selbst die
+gesamte wirkliche Welt umfaten. Die Deduktion aber wrde alle _wahren
+Urteile_ durch _ein System von Schlssen_, durch eine Kette von Beweisen
+verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten
+Prmissen, zu den Axiomen zurckfhren wrden.
+
+Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt,
+aber sie werden dasselbe _nicht entbehren knnen_, wenn sie nicht in
+Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder
+nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel
+angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft
+hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und
+mit Recht wenden sich die besten Krfte der genauen Erforschung der
+Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das
+Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und
+kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das
+Bewutsein wach zu erhalten, _da die Wissenschaft nur als Ganzes ihren
+Zweck erfllt_, und da sie das nur kann, solange sie den Gedanken
+festhlt, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, da die
+wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal
+_zusammenkommen_ mssen.
+
+
+
+
+Literatur.
+
+
+A. Einleitung in die Philosophie:
+
+_Klpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.
+
+_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.
+
+_Volkelt_, I., Vortrge zur Einfhrung in die Philosophie der Gegenwart.
+1892.
+
+_Windelband_, W., Prludien, Aufstze und Reden zur Einleitung in die
+Philosophie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.
+
+
+B. Geschichte der Philosophie.[A]
+
+
+I. Geschichte der Philosophie berhaupt:
+
+_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bnde. 1892/93.
+
+_Erdmann_, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1895/96.
+
+_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der groen Denker. 3. Aufl. 1899.
+
+_Rehmke_, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 1896.
+
+_berweg-Heinze_, Grundri der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8.
+Aufl. 1894-97.
+
+_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.
+
+ [A] Die Titel derjenigen Bcher von B bis D, welche neben dem
+ beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur
+ weiteren Einfhrung und zur Vorbereitung auf die groen systematischen
+ Werke wegen ihrer greren Verstndlichkeit sich eignen, sind
+ _gesperrt gedruckt_.
+
+
+II. Alte Philosophie:
+
+_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99
+(Indische Philosophie).
+
+_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie.
+Bd. I und II. 1901.
+
+_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.
+
+ " " _Grundri der Geschichte der griechischen Philosophie_.
+5. Aufl. 1898.
+
+
+III. Neuere Philosophie:
+
+_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von
+Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898.
+
+_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl.
+1897-1901.
+
+_Hffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.
+
+_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2.
+Aufl. 1899.
+
+
+C. Psychologie:
+
+_Ebbinghaus_, H., Grundzge der Psychologie. Bd. I. 1901.
+
+_Hffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901.
+
+_Hfler_, A., Psychologie. 1897.
+
+_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Klpe_, O., Grundri der Psychologie. 1893.
+
+_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.
+
+_Lotze_, H., _Grundzge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889.
+
+ " " Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II.
+
+_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95.
+
+_Wundt_, W., _Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl.
+1897.
+
+ " " Grundri der Psychologie. 4. Aufl. 1901.
+
+ " " Grundzge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902.
+Bd. I und II.
+
+ " " Vlkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache).
+
+_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900.
+
+
+D. Logik:
+
+_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892.
+
+_Lipps_, Th., _Grundzge der Logik._ 1893.
+
+_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880.
+
+_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von
+Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.
+
+_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.
+
+_berweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5.
+Aufl. 1882.
+
+_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.
+
+ * * * * *
+
+Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik:
+
+_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.
+
+ " " Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie.
+1897.
+
+ " " Das Kant-Friesische Problem. 1902.
+
+
+
+
+Namen- und Sachregister.
+
+
+Affekt 44.
+
+Alpdrcken 27.
+
+Analogieschlu 122 f.
+
+Anaxagoras 9.
+
+quipollenz 94.
+
+Aristoteles 9. 103.
+
+Assoziation 28. 31. 66.
+
+sthetik 8.
+
+sthetische Gefhle 42 f.
+
+Atomisten 9.
+
+Aufmerksamkeit 30. 68.
+
+Ausdrucksbewegungen 59.
+
+Axiome 129.
+
+
+Baco 10.
+
+Begierde 55.
+
+Begriff 33. 69 f.;
+ Merkmale des B. 70;
+ Arten der B. 72 ff.;
+ Umfang des B. 71 f. 128.
+
+Begriffsbestimmung 124 ff.
+
+Beneke 111.
+
+Bergmann 140.
+
+Bewegungen 66;
+ unwillkrliche B. 53 f.
+
+Beweis 129 ff.
+
+
+Charakter 63. 67.
+
+
+Deduktion 136 ff.
+
+Definition 124 ff.
+
+Denken 33.
+
+Descartes 10. 16.
+
+Determination 127.
+
+Determinismus 58.
+
+Deussen 141.
+
+Deutlichkeit 72.
+
+
+Ebbinghaus 141.
+
+Eigennamen 33.
+
+Einheit des Bewutseins 18 f.
+
+Einteilung 126 ff.
+
+Eleaten 9.
+
+Elsenhans 142.
+
+Empfindung 21 ff.
+
+Empirismus 10.
+
+Enge des Bewutseins 29.
+
+Entfernung 36 f. 62. 66.
+
+Enthymem 117.
+
+Entschlu 56.
+
+Epicherem 117.
+
+Epikureer 10.
+
+Erdmann, B. 142.
+
+ " " J. 140.
+
+Erkennen 33. 64. 68.
+
+Erkenntnistheorie 68.
+
+Ethik 8.
+
+Euathlus, Sophisma des E. 120.
+
+Eucken 140.
+
+
+Falckenberg 141.
+
+Fehlschlsse 118 ff.
+
+Fichte 10.
+
+Fischer, K. 141.
+
+
+Galenus 99.
+
+Gall 20.
+
+Gebrden 59.
+
+Gedchtnis 30 f.
+
+Gefhl 39 f. 64 f.;
+ Verlauf der G. 44;
+ Abstumpfung der G. 45;
+ Verstrkung der G. 45.;
+ gemischte G. 46;
+ Bedeutung der G. 50 ff.
+
+Gefhlston 40.
+
+Gehen 63.
+
+Geisteskrankheit 19.
+
+Gemeinvorstellung 32.
+
+Gemt 44.
+
+Geruch 39.
+
+Geschmack 39.
+
+Gesinnung 44.
+
+Gewohnheit 62 f.
+
+Gomperz 141.
+
+Grundgesetze des Denkens 85 ff.
+
+
+Hegel 11.
+
+Heinze 140.
+
+Heraklit 9.
+
+Herbart 11. 16. 27.
+
+Hffding 141.
+
+Hfler 141.
+
+Hrzentrum 20.
+
+Hume 10.
+
+Hypothese 137 f.
+
+Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97.
+
+
+Idealismus 11.
+
+Ideenassoziation 28 f.
+
+Indeterminismus 58.
+
+Individualbegriff 32.
+
+Individualvorstellung 32.
+
+Induktion 98. 132 ff.
+
+Induktionsschlu 121 f.
+
+Instinkt 54.
+
+Intellektuelle Gefhle 42.
+
+Jodl 141.
+
+
+Kant 10. 25.
+
+Kausalitt 39.
+
+Kettenschlu 118.
+
+Klarheit 72.
+
+Kontradiktorischer Gegensatz 73.
+
+Kontraposition 92 f. 97.
+
+Kontrrer Gegensatz 73 f.
+
+Konversion 90 ff. 97.
+
+Klpe 140. 141.
+
+
+Lachen 59.
+
+Lebensgefhl 46 f.
+
+Leibniz 10. 16.
+
+Leidenschaft 44.
+
+Lipps, Th. 141. 142.
+
+Locke 10.
+
+Logik 8. 13. 66 ff.
+
+Lokalisationstheorie 20.
+
+Lokalzeichen 38.
+
+Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142.
+
+
+Materialismus 11. 16. 19.
+
+Metaphysik 8.
+
+Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142.
+
+Mitgefhl 49 f.
+
+Mittelbegriff 98.
+
+Modale Konsequenz 96.
+
+Motiv 56.
+
+Motorisches Zentrum 20.
+
+Mller, Joh. 23.
+
+
+Nachahmungsbewegung 55.
+
+Nachbilder 24.
+
+Nervensystem 19 f.
+
+Neukantianismus 11.
+
+Neuplatoniker 10.
+
+
+Oberbegriff 98.
+
+Opposition 94 ff.
+
+
+Parallaxe 37.
+
+Partialgefhle 45.
+
+Paulsen 140.
+
+Pessimismus 11. 40.
+
+Petrus Hispanus 103.
+
+Physiologische Psychologie 15.
+
+Physiologische Zeit 53.
+
+Plato 9.
+
+Positivismus 11.
+
+Prmissen 98.
+
+Psychologie 12. 14 f.
+
+Phytagoreer 9.
+
+
+Rationalismus 10.
+
+Raumvorstellung 36 f.
+
+Reflexbewegungen 53.
+
+Reflexhemmungen 54.
+
+Rehmke 140.
+
+Religion 8 f.
+
+Religise Gefhle 43.
+
+Reproduktion 30.
+
+
+Schauspielkunst 61.
+
+Schelling 11.
+
+Schlu 33 f. 85 ff.
+
+Schlufiguren 103 ff.
+
+Schmerz 41.
+
+Scholastiker 103.
+
+Schopenhauer 11. 25.
+
+Schrift 61.
+
+Seelenvermgen 20 f.
+
+Seele und Krper 16 f.
+
+Sehzentrum 20.
+
+Selbstgefhl 49 f.
+
+Sigwart 111. 142.
+
+Sinnesenergie, spezifische 23.
+
+Sinnestuschungen 12.
+
+Sittliche Gefhle 43.
+
+Sokrates 9.
+
+Sophisten 9.
+
+Sorites 118.
+
+Spencer 10.
+
+Spinoza 10.
+
+Spiritualismus 16.
+
+Sprache 32 f. 60 f.
+
+Stimmung 47.
+
+Stoiker 10.
+
+Subalternation 93 f.
+
+Syllogismus 98 ff. 110 ff.
+
+System 138 f.
+
+
+Temperamente 48.
+
+Thales 9.
+
+Tiefenvorstellung 38.
+
+Totalgefhle 45.
+
+Trauer 69.
+
+Traumzustand 27.
+
+Trendelenburg 11.
+
+Trieb 55 f.
+
+Trugschlsse 118 ff.
+
+
+berweg 140. 142.
+
+bung 29. 31. 62.
+
+Umwandlung der Relation 93.
+
+Unbewute Zustnde 27.
+
+Unterbegriff 98.
+
+Urteil 33 f. 74 ff.;
+ Einteilung der U. 75 ff.;
+ analytische u. synthetische 88 ff.
+
+Urteilsarten 81 ff.
+
+
+Vernunft 34.
+
+Verstand 34.
+
+Volkelt 140.
+
+Volkmann 141.
+
+Vorsatz 56.
+
+Vorstellung 24 f. 32.
+
+Vorstellungsverlauf 25 ff.
+
+
+Wahrnehmung 24 f.
+
+Webersches Gesetz 23.
+
+Widerlegung 130.
+
+Wiederholung 66.
+
+Wille 52 ff.; 65 f.
+
+Willenszeit 54.
+
+Windelband 140. 141.
+
+Witz 59.
+
+Wortblindheit 24.
+
+Wundt 49. 111. 140. 142.
+
+Wunsch 56.
+
+
+Zeitvorstellung 35 f.
+
+Zeller, E. 141.
+
+Zerstreutheit 30.
+
+Ziehen 142.
+
+Zirkel 126.
+
+Zorn 65.
+
+
+
+
+
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+Foundation
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+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+Literary Archive Foundation
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+The Project Gutenberg EBook of Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Psychologie und Logik
+ zur Einfhrung in die Philosophie
+
+Author: Theodor Elsenhans
+
+Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class='transnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+Der Originaltext war in <span style="font-family: serif;">Fraktur</span> gesetzt und enthielt Text in <span class="antiqua">Antiqua</span>.
+Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:
+<ul>
+<li>S. <a href="#Seite_55">55</a> "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" gendert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_110">110</a> "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" gendert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_122">122</a> "demseben" in "demselben" gendert.</li>
+<li>S. <a href="#Seite_141">141</a> "184/95" in "1894/95" gendert.</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+<p class="center"><big><big>Sammlung Gschen</big></big></p>
+<hr />
+
+<h1>Psychologie und Logik</h1>
+
+<p class="center"><big>zur Einfhrung</big></p>
+<p class="center"><small>in die</small></p>
+<p class="center" style="font-size: 200%"><em class="gesperrt">Philosophie</em></p>
+
+<p class="center">Fr Oberklassen hherer Schulen und zum Selbststudium</p>
+
+<p class="center"><small>dargestellt von</small></p>
+<p class="center"><big><big>Dr. Th. Elsenhans</big></big></p>
+
+<p class="center">Mit 13 Textfiguren</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt"><small>Vierte, verbesserte Auflage</small></em></p>
+
+<p class="center"><b>Zweiter Abdruck</b></p>
+
+<hr class="r15"/>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em></p>
+<p class="center"><big>G. J. Gschen'sche Verlagshandlung</big></p>
+<p class="center">1904</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
+
+
+<p class="center">
+<em class="gesperrt">Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.</em>
+</p>
+
+<p class="center">Herros &amp; Ziemsen, Wittenberg.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</a></h2>
+
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>Einleitung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right">Seite</td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">1.</td><td align="left">Aufgabe und Einteilung der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">2.</td><td align="left">berblick ber die Geschichte der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">3.</td><td align="left">Die Bedeutung der Psychologie und der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Psychologie.</big></big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">4.</td><td align="left">&#8222;Empirische&#8221; und &#8222;rationale&#8221; Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 1. Seele und Krper.</big></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">5.</td><td align="left">Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von Seele und Krper</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_15">15</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">6.</td><td align="left">Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen Erscheinungen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_17">17</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">7.</td><td align="left">Das Nervensystem</td><td align="right"><a href="#Seite_19">19</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">8.</td><td align="left">Die sogenannten &#8222;Seelenvermgen&#8221;</td><td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Das Erkennen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">9.</td><td align="left">Die Empfindung</td><td align="right"><a href="#Seite_21">21</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">10.</td><td align="left">Vorstellung und Wahrnehmung</td><td align="right"><a href="#Seite_24">24</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">11.</td><td align="left">Der Verlauf der Vorstellungen</td><td align="right"><a href="#Seite_25">25</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">12.</td><td align="left">Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_30">30</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">13.</td><td align="left">Die Arten der Vorstellung und das Denken</td><td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">14.</td><td align="left">Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen</td><td align="right"><a href="#Seite_34">34</a><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Das Fhlen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">15.</td><td align="left">Wesen und Arten des Gefhls</td><td align="right"><a href="#Seite_39">39</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">16.</td><td align="left">Die krperlichen Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_41">41</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">17.</td><td align="left">Die geistigen Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">18.</td><td align="left">Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">19.</td><td align="left">Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">20.</td><td align="left">Das Lebensgefhl und die Stimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">21.</td><td align="left">Die Temperamente</td><td align="right"><a href="#Seite_48">48</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">22.</td><td align="left">Selbstgefhl und Mitgefhl</td><td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">23.</td><td align="left">Die Bedeutung der Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_50">50</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Das Wollen.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">24.</td><td align="left">Die unwillkrlichen Bewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_52">52</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">25.</td><td align="left">Der Trieb und das eigentliche Wollen</td><td align="right"><a href="#Seite_55">55</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">26.</td><td align="left">Die Freiheit des Willens</td><td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">27.</td><td align="left">Die Ausdrucksbewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_59">59</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">28.</td><td align="left">bung, Gewohnheit, Charakter</td><td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="2"></td><td align="left"><big>Abschnitt 3. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">29.</td><td align="left">Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander</td><td align="right"><a href="#Seite_64">64</a></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Logik.</big></big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">30.</td><td align="left">Die Aufgabe der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>I. Teil: Elementarlehre.</big></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffe.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">31.</td><td align="left">Der Begriff und seine Merkmale</td><td align="right"><a href="#Seite_69">69</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">32.</td><td align="left">Inhalt und Umfang des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">33.</td><td align="left">Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">34.</td><td align="left">Die Arten der Begriffe</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Urteile.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">35.</td><td align="left">Das Wesen des Urteils</td><td align="right"><a href="#Seite_74">74</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">36.</td><td align="left">Die traditionelle Einteilung der Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_75">75</a><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">37.</td><td align="left">Die zusammengesetzten Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">38.</td><td align="left">bersicht der Urteilsarten</td><td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Die Schlsse.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">39.</td><td align="left">Die Grundgesetze des Denkens</td><td align="right"><a href="#Seite_85">85</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">A</span>. <em class="gesperrt">Der unmittelbare Schlu.</em></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">40.</td><td align="left">Der Schlu aus einem Begriff</td><td align="right"><a href="#Seite_88">88</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">41.</td><td align="left">Die Konversion</td><td align="right"><a href="#Seite_90">90</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">42.</td><td align="left">Die Kontraposition</td><td align="right"><a href="#Seite_92">92</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">43.</td><td align="left">Die Umwandlung der Relation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">44.</td><td align="left">Die Subalternation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">45.</td><td align="left">Die quipollenz</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">46.</td><td align="left">Die Opposition</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">47.</td><td align="left">Die modale Konsequenz</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">48.</td><td align="left">Der Wert der unmittelbaren Schlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">B</span>. <em class="gesperrt">Der mittelbare Schlu.</em></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">49.</td><td align="left">Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">50.</td><td align="left">Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der kategorischen Schlsse</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_100">100</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">51.</td><td align="left">Die erste Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_103">103</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">52.</td><td align="left">Die zweite Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">53.</td><td align="left">Die dritte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_107">107</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">54.</td><td align="left">Die vierte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr>
+<tr><td valign="top"></td><td align="right" valign="top">55.</td><td align="left">Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu den Prmissen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_109">109</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">56.</td><td align="left">Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen</td><td align="right"><a href="#Seite_110">110</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">57.</td><td align="left">Der hypothetische Schlu</td><td align="right"><a href="#Seite_113">113</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">58.</td><td align="left">Der disjunktive Schlu</td><td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">59.</td><td align="left">Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">60.</td><td align="left">Fehlschlsse und Trugschlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_118">118</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">61.</td><td align="left">Der Induktionsschlu</td><td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">62.</td><td align="left">Der Analogieschlu</td><td align="right"><a href="#Seite_122">122</a><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>II. Teil: Methodenlehre.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">63.</td><td align="left">Die Aufgabe der Methodenlehre</td><td align="right"><a href="#Seite_123">123</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffsbestimmung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">64.</td><td align="left">Wesen und Arten der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_124">124</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">65.</td><td align="left">Fehler der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_125">125</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Einteilung.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">66.</td><td align="left">Das Wesen der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_126">126</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">67.</td><td align="left">Arten und Fehler der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Der Beweis.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">68.</td><td align="left">Der Beweis und seine Arten</td><td align="right"><a href="#Seite_129">129</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">69.</td><td align="left">Auffindung und Fehler des Beweises</td><td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td></tr>
+<tr><td align="center" colspan="4"><big>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</big></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">70.</td><td align="left">Die verschiedenen Methoden</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">71.</td><td align="left">Das induktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">72.</td><td align="left">Das deduktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_136">136</a></td></tr>
+<tr><td valign="top"></td><td align="right" valign="top">73.</td><td align="left">Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_137">137</a></td></tr>
+<tr><td align="right"></td><td align="right">74.</td><td align="left">Das System</td><td align="right"><a href="#Seite_138">138</a></td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="3">Literatur</td><td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="3">Namen- und Sachregister</td><td align="right"><a href="#Seite_143">143</a></td></tr>
+</table></div>
+<hr class="chap" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2>
+
+<h3><a name="Par_1" id="Par_1"></a> 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.</h3>
+
+
+<p><em class="gesperrt">Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft,
+welche den Zweck hat, Sicherheit, Einheit
+und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres
+Wissens herzustellen.</em> Auch die einzelnen Wissenschaften
+entspringen diesem Bedrfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschrnktes
+und sie gehen teils von Voraussetzungen aus,
+die sie nicht nher prfen, teils gelangen sie zu Resultaten,
+die nicht miteinander bereinstimmen. Die Philosophie
+prft jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung
+der Resultate der Einzelwissenschaften den Zusammenhang
+der gesamten Erfahrungswelt zu erforschen.</p>
+
+<p>Auf demselben Wege gelangt <em class="gesperrt">der denkende Mensch</em>
+zu philosophischer Betrachtung. Er stt auf Widersprche
+in dem Wissensstoff, den er im Glauben an fremde
+Autoritt angenommen oder selbstndig sich angeeignet hat,
+und findet bei nherer Selbstbesinnung, da sein Wissen
+auf unbewiesene Voraussetzungen sich sttzt und ungelste
+Widersprche in sich schliet.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Philosophie teilt sich</em> nach den zwei groen
+Gebieten der Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben,
+in eine <em class="gesperrt">Philosophie der Natur</em> und in eine <em class="gesperrt">Philosophie
+des Geistes</em>. Die letztere beschftigt sich als
+<em class="gesperrt">Psychologie</em> mit dem allgemeinen Wesen des Geistes,
+wie es an jedem einzelnen Menschen beobachtet werden
+<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kann, als <em class="gesperrt">Philosophie der Geschichte</em> (im weitesten
+Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie es als
+Resultat gemeinschaftlicher Ttigkeit der Menschen in Gesellschaft
+und Geschichte sich entwickelt.</p>
+
+<p>Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders
+hervor, deren Wichtigkeit fr Leben und Wissenschaft,
+wo sie zur <em class="gesperrt">Aufstellung von</em> zu befolgenden <em class="gesperrt">Regeln</em>
+fhren, eine gesonderte Behandlung empfiehlt. So wird
+das richtige Denken in der <em class="gesperrt">Logik</em>, der sthetische Geschmack
+in der <em class="gesperrt">sthetik</em>, das sittliche Bewutsein in der
+<em class="gesperrt">Ethik</em>, das religise Bewutsein in der <em class="gesperrt">Religionsphilosophie</em>
+zu Gegenstnden einer besonderen Wissenschaft
+gemacht. Diese psychologischen Tatsachen treten in
+der Geschichte <em class="gesperrt">als geistige Mchte</em>, als Hauptelemente
+der menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte,
+Recht und Staat, Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht
+gedachtes Ziel wirken, als <em class="gesperrt">Ideale</em>: Wahrheit,
+Schnheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der Gottheit. Doch
+erfllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in bestndiger gegenseitiger Ergnzung, und
+beide Standpunkte der Betrachtung mssen deshalb auch
+in jeder Geisteswissenschaft zusammenwirken.</p>
+
+<p>Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der
+Trennung der Gebiete stehen zu bleiben, er schliet vielmehr
+die Aufgabe in sich, auch Natur und Geist, auch
+jene verschiedenen Richtungen des Geisteslebens nach ihren
+letzten Zusammenhngen untereinander zu untersuchen und
+auf einen einheitlichen Grund zurckzufhren, die Aufgabe
+der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>. Diese alle andern abschlieende
+Wissenschaft beschftigt sich daher mit der Frage nach der
+Anwendung der Denkgesetze auf die wirkliche Welt und
+deren Bedingungen und Grenzen (Erkenntnistheorie), nach
+der Gltigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir der Betrachtung
+der Dinge zu Grunde legen: Sein, Vernderung,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
+Raum und Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der
+Gottesidee, soweit sie nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie
+als fr das philosophische Erkennen unerreichbar
+angesehen wird.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_2" id="Par_2"></a> 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie.</h3>
+
+<p>Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der
+Versuche, die <a href="#Par_1">&nbsp;1</a> bezeichneten Aufgaben zu lsen.</p>
+
+<p>Die erste selbstndige Philosophie findet sich bei den
+Griechen. Die <em class="gesperrt">ionischen Naturphilosophen</em> (um
+600&nbsp;v.&nbsp;Chr.) fanden den einheitlichen Urgrund der Dinge
+in einem Urstoff, z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Thales</em> im Wasser, die <em class="gesperrt">Pythagoreer</em>
+in Ma und Zahl, die <em class="gesperrt">Eleaten</em> im reinen Sein
+im Gegensatz zur scheinbaren Vielheit der Dinge, <em class="gesperrt">Heraklit</em>
+im endlos sich verwandelnden Feuer, die <em class="gesperrt">Atomisten</em>
+in den gleichartigen, kleinsten, unteilbaren Stoffteilchen mit
+ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, Lage und Bewegung.
+Erst fr <em class="gesperrt">Anaxagoras</em> war das Ganze der
+Welt das Werk eines vernnftigen Wesens, des Geistes.
+Die bisher einfach vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt
+wurde aber von den alles bezweifelnden <em class="gesperrt">Sophisten</em> bestritten
+und mute von den groen Philosophen der
+Folgezeit neu begrndet werden.</p>
+
+<p>Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte
+die griechische Philosophie ihren Hhepunkt. Sie
+machten den Menschen selbst und sein Denken zum Gegenstand
+der Untersuchung. <em class="gesperrt">Sokrates</em> (&dagger;&nbsp;399) beschftigte
+sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. <em class="gesperrt">Plato</em> (&dagger;&nbsp;347) gelangte auf diesem Wege
+zur Lehre von den Ideen als den geistigen Urbildern der
+Dinge und erfate noch tiefer Wesen und Aufgabe des
+Menschen. Sein groer Schler <em class="gesperrt">Aristoteles</em> (&dagger;&nbsp;322)
+wurde durch sorgfltige Untersuchung der Gesetze des Denkens<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
+zum Begrnder der Logik als Wissenschaft und bertraf seinen
+Vorgnger durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen
+Wissensstoff der damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft,
+in das Gebiet der Philosophie hereinzog.</p>
+
+<p>Die nachfolgenden Philosophen, die <em class="gesperrt">Stoiker</em> und
+<em class="gesperrt">Epikureer</em> verlegten den Schwerpunkt in die Ethik und
+fanden als hchste Regel des Lebens die Befriedigung des
+Weisen in seinem inneren Leben. Die <em class="gesperrt">Skeptiker</em> forderten
+den Verzicht auf alles Wissen und die <em class="gesperrt">Neuplatoniker</em>
+machten einen letzten Versuch, in der Einigung
+mit der Gottheit die Wahrheit unmittelbar anzuschauen.</p>
+
+<p>Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem
+Einflu des Aristoteles eine eigene christliche Philosophie,
+die <em class="gesperrt">Scholastik</em>, aber erst durch die Reformation wurde
+freie Forschung mglich gemacht.</p>
+
+<p>In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptstrmungen
+verfolgen, eine <em class="gesperrt">empiristische</em> und eine <em class="gesperrt">rationalistische</em>.
+Die erste, hauptschlich ein Erzeugnis der
+englischen Philosophie, beginnt mit dem Englnder <em class="gesperrt">Baco
+von Verulam</em> (&dagger;&nbsp;1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie grndet, und wird fortgesetzt
+durch <em class="gesperrt">Locke</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und in neuester Zeit durch <em class="gesperrt">John
+Stuart Mill</em> (&dagger;&nbsp;1873) und <em class="gesperrt">Herbert Spencer</em>. Die
+rationalistische Richtung wurde hauptschlich von den
+deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit <em class="gesperrt">Descartes</em>
+(&dagger;&nbsp;1650), der auf den gewissesten aller Stze: ich denke also
+bin ich (<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>) alle Wahrheit grndete, und
+wird fortgefhrt durch <em class="gesperrt">Spinoza und Leibniz</em>.</p>
+
+<p>Ihren Hhepunkt erreichte die deutsche Philosophie
+in <em class="gesperrt">Kant</em> (1724-1804), der durch Untersuchung des
+Erkenntnisvermgens selbst und seiner Grenzen (Kritik
+der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage fr die
+<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>Philosophie schuf. <em class="gesperrt">Fichte</em> ging in diesen Bahnen weiter,
+whrend <em class="gesperrt">Schelling</em> und <em class="gesperrt">Hegel</em> durch den Grundsatz
+der Einheit von Denken und Sein einer unbegrenzten
+Spekulation Tr und Tor ffneten. Dagegen sah <em class="gesperrt">Herbart</em>
+mit eigenartiger Wiederanknpfung an Kant die Aufgabe
+der Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes
+und gewann besonders durch eine sorgfltige,
+auf Mathematik gegrndete Psychologie eine groe
+Anhngerschaft. In der neuesten Zeit suchten <em class="gesperrt">Trendelenburg</em>
+mit Rckgang auf Aristoteles und <em class="gesperrt">Lotze</em> (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Bercksichtigung der Naturforschung
+den Idealismus neu zu gestalten.</p>
+
+<p>In den letzten Jahrzehnten fanden auerdem zwei
+philosophische Richtungen groe Verbreitung, besonders in
+der Tagesliteratur: der <em class="gesperrt">Materialismus</em>, der auch das
+geistige Leben auf die Materie zurckfhren will, vertreten
+durch Moleschott, Vogt, Bchner, und der <em class="gesperrt">Pessimismus</em>,
+begrndet durch <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> (&dagger;&nbsp;1860), in selbstndiger
+Weise fortgebildet durch Ed.&nbsp;v. Hartmann.</p>
+
+<p>Als Hauptstrmungen treten in der Gegenwart hervor
+der <em class="gesperrt">Neukantianismus</em>, der mit Abweisung aller Metaphysik
+das Hauptgewicht auf die Ethik legt, und der
+<em class="gesperrt">Positivismus</em>, der, von Frankreich und England herbergekommen,
+nur das Tatschliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu
+einer rein naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens
+gefhrt hat, macht sich jedoch eine <em class="gesperrt">idealistische</em>
+Gegenstrmung mehr und mehr geltend.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_3" id="Par_3"></a> 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.</h3>
+
+<p>Neben einem berblick ber die Geschichte der Philosophie
+werden sich zur Einfhrung in die Philosophie
+solche Zweige derselben besonders eignen, welche teils der
+Ausgangspunkt und die Grundlage der andern philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
+Wissenschaften, teils eine Schule fr das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie
+und Logik zu.</p>
+
+<p>Verschiedene Beobachtungen im tglichen Leben und
+manche Resultate der Naturwissenschaft weisen uns darauf
+hin, da die einfache Betrachtung der Auenwelt nicht
+der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie ausgehen
+drften. Trume, Sinnestuschungen, Hallucinationen
+beweisen, da dem von uns Wahrgenommenen
+nicht notwendig ein Gegenstand entsprechen mu. Erscheinungen
+wie die der Farbenblindheit zeigen, da das
+Bild, das wir von den Gegenstnden haben, nicht allein
+von diesen selbst, sondern zum mindesten auch von unserer
+Organisation abhngig ist. Die Naturwissenschaft erklrt
+das, was wir als Licht, Schall, Wrme wahrnehmen, fr
+eine Bewegung des thers, der Luft, der Molekle. So
+erhebt sich der <em class="gesperrt">Zweifel an der Sicherheit unserer
+ueren Wahrnehmung berhaupt</em>. Um so sicherer
+aber bleibt dann <em class="gesperrt">eine Tatsache</em> stehen, nmlich <em class="gesperrt">das
+Bewutsein, da wir zweifeln</em>, oder <em class="gesperrt">da wir jene
+Eindrcke haben</em>, auch wenn es keine &mdash; oder wenigstens
+keine unserer Vorstellung entsprechende &mdash; Auenwelt
+gibt. <em class="gesperrt">Da</em> wir etwas vorstellen, da wir etwas fhlen
+oder wollen, und da wir als vorstellende, fhlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische:
+<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>, steht uns unumstlich fest. Die
+Wissenschaft, welche diese geistigen Vorgnge zu ihrem
+Gegenstande hat und verarbeitet, die <em class="gesperrt">Psychologie</em>, wird
+daher einen sicheren Ausgangspunkt fr die andern Zweige
+der Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete
+<em class="gesperrt">Vorschule des philosophischen Denkens</em>,
+sofern dabei das abstrakte Denken durch die Beobachtung
+des eigenen Seelenlebens bestndig untersttzt werden kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch
+daraus, da die <em class="gesperrt">wertvollsten Gegenstnde der philosophischen
+Betrachtung</em> auf dem Gebiete des geistigen
+Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. Sie
+ist daher eine wichtige Grundlage fr die Geisteswissenschaften
+berhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik,
+sthetik, Ethik, Religionsphilosophie haben ihre Wurzel
+in der Psychologie und ihren Abschlu in der Metaphysik.</p>
+
+<p>Von anderer Seite her dient die <em class="gesperrt">Logik</em> zur Einfhrung
+in die Philosophie. Schon die Tatsachen des
+Irrtums und des Streites zeigen die Notwendigkeit, auch
+das Denken selbst auf seine Richtigkeit und Brauchbarkeit
+hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrngt, weil sie nichts ungeprft annehmen
+darf und deshalb auch das Denken und seine
+Gesetze, ihr <em class="gesperrt">Werkzeug</em> zur Erforschung der Wahrheit
+<em class="gesperrt">einer Prfung unterziehen mu</em>. Insofern bildet
+die <em class="gesperrt">Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft</em>.
+Die Logik ist aber auch zur <em class="gesperrt">formalen Schulung des
+philosophischen Denkens</em> geeignet, weil das Verstndnis
+der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfltigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken
+und das Verstndnis der schwierigeren Zweige der Philosophie
+vorbereitet.</p>
+
+<p>Doch ist leicht zu ersehen, da die Psychologie der
+Logik am besten vorangeht, da die Vorgnge beim Denken
+selbst zunchst Gegenstand der Psychologie sind.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Psychologie" id="Psychologie">Psychologie.</a></h2>
+
+<h3><a name="Par_4" id="Par_4"></a> 4. &#8222;Empirische&#8221; und &#8222;rationale&#8221; Psychologie.</h3>
+
+
+<p>Man unterscheidet herkmmlich zwischen der <em class="gesperrt">empirischen</em>
+Psychologie, welche die Ttigkeitsuerungen der
+menschlichen Seele mit ihren Gesetzen darstellt, und der
+<em class="gesperrt">rationalen</em> Psychologie, welche das innere Wesen der
+Seele zu ergrnden und jene Ttigkeitsuerungen daraus
+zu erklren sucht.</p>
+
+<p>Die letztere fllt in das Gebiet der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>,
+denn sie fragt nach der Art der Existenz und der Vernderung
+der Seele, nach ihrem Zusammenhang mit dem
+Krper, nach ihrem Verhltnis zur Zeit und zu anderen
+Seelen.</p>
+
+<p>Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig,
+<em class="gesperrt">zunchst rein empirisch</em> auf Grund der Beobachtung
+die Tatsachen des Seelenlebens und ihren gesetzmigen
+Zusammenhang zu erforschen und darzustellen.
+Nur wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre
+nchste empirische Aufgabe mit vorlufiger Abweisung
+aller metaphysischen Spekulation vom festen Boden der
+inneren Erfahrung aus klar erfat und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer
+Probleme weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften
+fr ihre Ideale Anknpfungspunkte darbieten.
+Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung und Metaphysik<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
+unterscheidet sich gerade die <em class="gesperrt">wissenschaftliche</em>
+Behandlung von der <em class="gesperrt">populren</em> Auffassung, die beides
+vermischt und z.&nbsp;B. die geistigen Vorgnge ohne weiteres
+metaphysisch als Ttigkeiten und Zustnde eines <em class="gesperrt">Dings</em>
+nach Analogie der Krperwelt erklrt.</p>
+
+<p>Fr unsere Zwecke gengt die empirische Psychologie.</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">I</span>. Seele und Krper.</h2>
+
+<h3><a name="Par_5" id="Par_5"></a> 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von
+Seele und Krper.</h3>
+
+<p>Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens
+eng verknpft mit <em class="gesperrt">krperlichen Erscheinungen</em>.
+Die Psychologie wird deshalb hufig die Hilfe derjenigen
+Wissenschaften in Anspruch nehmen mssen, die sich mit
+dem menschlichen Krper beschftigen, der <em class="gesperrt">Anatomie</em>,
+d.&nbsp;h. der Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus,
+und der <em class="gesperrt">Physiologie</em>, d.&nbsp;h. der Lehre von
+den Lebensvorgngen im Pflanzen- und Tierkrper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht
+die unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft fr
+das Verhltnis von Seele und Krper.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">letzte Zusammenhang</em> dieser beiden Erfahrungsgebiete
+lt sich aber von uns <em class="gesperrt">weder beobachten
+noch innerlich erfahren</em>. Indem wir einen Ton
+hren, haben wir kein Bewutsein davon, welchen Weg
+er von der Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen
+hat, und wir nehmen keinen bestimmten Vorgang
+im Gehirn wahr, indem wir einen Entschlu fassen; aber
+auch wenn wir den krperlichen Vorgang, der dem
+geistigen entspricht, unmittelbar beobachten knnten, wten<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
+wir nicht, wie die Nervenerregung durch die Schallwellen
+es macht, zur Tonempfindung zu werden, oder wie der
+Entschlu es anfngt, die Glieder in Bewegung zu setzen.</p>
+
+<p>Es sind daher die verschiedensten Hypothesen ber
+dieses <em class="gesperrt">Verhltnis von Seele und Krper</em> aufgestellt
+worden. Es sind hauptschlich <em class="gesperrt">vier Mglichkeiten</em>
+denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich
+zwei mgliche Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form
+oder ein Produkt des Krpers (Materialismus), 2. der
+Krper ist nur eine Form oder ein Produkt eines oder
+mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz,
+Lotze); oder man erkennt die Selbstndigkeit beider an,
+dann sind zwei weitere Flle mglich: 3. Seele und
+Krper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen oder
+Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart),
+4. Seele und Krper sind verschiedene uerungsformen
+eines und desselben Wesens, stehen daher in keinerlei
+Verhltnis von Ursache und Wirkung (Identittshypothese,
+so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).</p>
+
+<p>Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem
+Standpunkt aus nicht beantworten, sondern nur das
+Material dazu darbieten, die endgltige Beantwortung
+derselben ist von gewissen metaphysischen Anschauungen
+abhngig. Die empirische Psychologie kann nur die tatschliche
+Verschiedenheit von Krper und Seele feststellen
+und die durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen
+beiden Erfahrungsgebieten, soweit sie beobachtet werden
+knnen, untersuchen. Die Lsung dieser Aufgaben zieht
+sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche ber jene Verschiedenheit (<a href="#Par_6">&nbsp;6</a>)
+und ber diese Beziehungen, die vor allem im Nervensystem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
+stattfinden (<a href="#Par_7">&nbsp;7</a>), im voraus zusammengestellt
+werden.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_6" id="Par_6"></a> 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der
+geistigen Erscheinungen.</h3>
+
+<p>Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmig
+Krper und Seele sich unterscheiden, sind folgende, zunchst
+fr die <em class="gesperrt">Krperwelt</em>:</p>
+
+<p>1. Die <em class="gesperrt">krperlichen Erscheinungen</em> treten in
+der Form des <em class="gesperrt">Raumes</em> auf, whrend keinerlei Vorgnge
+in der Seele, nicht einmal unsere Vorstellungen vom
+Raume selbst, rumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z.&nbsp;B. ist nicht selbst dreieckig.</p>
+
+<p>2. Die Naturwissenschaft lt die Krperwelt bestimmt
+sein durch das <em class="gesperrt">Gesetz der Trgheit</em>: jeder Krper
+verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder Bewegung,
+solange er nicht durch einwirkende Krfte zur nderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der
+<em class="gesperrt">Erhaltung der Materie und Energie</em>: die Summe
+der Stoffteile bleibt unter aller Vernderung ihrer Zusammensetzung,
+und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und ttiger Kraft dieselbe. Auch
+das organische Leben und der menschliche Krper soll
+diesen Gesetzen unterworfen sein, und das Leben also
+nicht auf eine unerklrliche Lebenskraft, sondern nur auf
+eine auerordentlich verwickelte, noch nicht gengend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im
+menschlichen Krper verbundenen Stoffen und Krften
+zurckgefhrt werden.</p>
+
+<p>Fr die <em class="gesperrt">geistige Welt</em> konnte die Gltigkeit dieser
+Gesetze bis jetzt nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen
+zeigt diese eigentmliche Merkmale anderer Art:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
+
+<p>1. Das Bewutsein der Seele ist bedingt durch <em class="gesperrt">Vernderung</em>,
+<em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> und <em class="gesperrt">Gegensatz</em>. Bei
+gleichmig fortdauernder Einwirkung eines einfachen Eindruckes
+nimmt das Bewutsein ab und es tritt, wenn alle
+mannigfaltigen strenden Eindrcke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewutlosigkeit ein. So wird der hypnotische
+Zustand durch Konzentration der Aufmerksamkeit
+auf einen einzigen Punkt, z.&nbsp;B. fr das Gesicht durch
+Anstarren eines glnzenden Gegenstandes, fr das Gehr
+durch ein einfrmiges Gerusch erzeugt. hnlich verhlt
+sich der religise Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn
+er in die Gottheit als absolute Einheit sich versenkt.</p>
+
+<p>2. Diese mannigfaltigen Bewutseinselemente <em class="gesperrt">tauchen</em>
+aber <em class="gesperrt">nicht in der Seele isoliert auf</em>, um wieder zu
+verschwinden, sondern sie treten in Wechselwirkung miteinander,
+so da neue Erscheinungen entstehen, und werden
+in der <em class="gesperrt">Einheit des Bewutseins</em> zusammengefat.
+Dies ist aber nur dadurch mglich, da die frheren Zustnde
+der Seele <em class="gesperrt">festgehalten</em> oder, wenn sie verschwunden
+sind, <em class="gesperrt">wieder erzeugt</em> werden knnen. Doch ist damit
+allein die Einheit des Bewutseins noch nicht gegeben.
+Ein solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in
+der unbewuten Natur vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden
+Zustnden der Seele ein innerer Zusammenhang
+bestehen, so mssen die frheren als solche
+<em class="gesperrt">wiedererkannt</em> werden, um mit den folgenden in bewute
+Beziehung gesetzt zu werden; daher ist die <em class="gesperrt">Erinnerung</em>
+die wichtigste Fhigkeit der Seele. Sie macht
+es erst mglich, die geistigen Vorgnge, die ohne sie eine
+Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgltigen
+Erscheinungen darstellen wrden, gleichzeitig zu machen
+und zu verbinden.</p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">innere Einheit des Bewutseins, verbunden<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
+mit freier Wechselwirkung seiner Elemente</em>,
+ist eine <em class="gesperrt">Hauptbedingung der geistigen Gesundheit</em>.
+Lst dieser Zusammenhang sich auf oder
+bilden sich fixe Ideen, welche die freie Wechselwirkung
+der Elemente hindern, so ist es ein Zeichen der beginnenden
+oder vorhandenen <em class="gesperrt">Geisteskrankheit</em>.</p>
+
+<p>An dieser eigentmlichen Verbindung von Einheit
+und Mannigfaltigkeit im Geistesleben scheitert auch der
+<em class="gesperrt">Materialismus</em> (s.&nbsp;<a href="#Seite_11">S.&nbsp;11</a>). Whrend aus zwei Bewegungen
+krperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht,
+welche die andere ablst, fhrt die Einheit des Bewutseins
+zu einer Verbindung frherer Vorstellungen
+mit spteren, ohne da diese deshalb darin aufgehen
+mssen. In der Einheit des Bewutseins sind vielmehr
+die einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung
+untereinander und mit deren Resultat gegenwrtig.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_7" id="Par_7"></a> 7. Das Nervensystem.</h3>
+
+<p>Die psychologische und physiologische Beobachtung
+zeigt, da nicht alle Bestandteile des Krpers in gleich
+enger Beziehung zur Seele stehen. In unmittelbarer
+Beziehung zu ihr stehen nur die <em class="gesperrt">Nerven</em>, die als weie
+Fden den ganzen Organismus des Krpers durchziehen.
+Die unendlich zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in
+Zentralorganen, und diese stehen wieder mit dem <em class="gesperrt">Gehirn</em>
+als dem Hauptzentralorgan in Verbindung (die Zahl der
+Nervenzellen des Grohirns wurde auf ungefhr eine
+Milliarde berechnet), so da das Ganze ein <em class="gesperrt">System</em>
+bildet, durch das allein jede Wechselbeziehung zwischen
+Krper und Seele vermittelt wird. Die <em class="gesperrt">sensiblen</em>
+Nerven fhren die Eindrcke der Auenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen
+<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>ist, dem Gehirn zu, und die <em class="gesperrt">motorischen</em> dienen dazu,
+die Ausfhrung der Bewegungen durch berleitung des
+Befehls dazu auf die ausfhrenden Glieder zu vermitteln.</p>
+
+<p>Die Versuche, die einzelnen Ttigkeiten der Seele an
+bestimmte Punkte dieses Nervensystems, besonders des
+Gehirns zu knpfen (<em class="gesperrt">Lokalisationstheorie</em>), haben
+noch zu keinem feststehenden Resultat gefhrt. Eine
+solche &#8222;Lokalisation&#8221; bestimmter Geistesttigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall (&dagger;&nbsp;1828) in seiner Phrenologie
+oder Schdellehre aufgestellt hat, lie sich nicht durchfhren,
+da weder der Schlu von der Ausbauchung des
+Schdels auf die strkere Vertretung der darunter liegenden
+Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte populre
+Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch
+konnte der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache
+und Rede in der dritten Stirnwindung der linken Hemisphre
+des Grohirns nachgewiesen werden. Auch werden
+in der Regel die einzelnen Arten der Sinnesempfindungen,
+besonders das Sehen und Hren, und die Muskelbewegungen
+auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein
+Sehzentrum, Hrzentrum, motorisches Zentrum bezogen.
+Dagegen ist ziemlich allgemein anerkannt, da die hheren
+Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefhle, Willensentschlsse,
+nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden
+sind. (Nheres ber das Nervensystem, insbesondere
+die Sinnesorgane vgl. Sammlung Gschen Nr.&nbsp;18:
+Anthropologie, u.&nbsp;Nr.&nbsp;98: Lipps, Grundri der Psychophysik.)</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">II</span>. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</h2>
+
+<h3><a name="Par_8" id="Par_8"></a> 8. Die sogenannten &#8222;Seelenvermgen&#8221;.</h3>
+
+<p>Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewhnlich
+durch Annahme von <em class="gesperrt">drei Seelenvermgen</em> erklrt,
+eines Erkenntnis-, eines Gefhls- und eines Begehrungsvermgens.
+Die darin liegende Dreiteilung der geistigen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
+Vorgnge wird fast allgemein angenommen. &mdash; Die Versuche,
+das eine auf die andern oder alle auf eines zurckzufhren
+(so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer
+wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden
+Ergebnis gefhrt. Aber es drfen dabei <em class="gesperrt">zwei wichtige
+Punkte</em> nicht bersehen werden, teils was den Ausdruck
+&#8222;Vermgen&#8221;, teils was die Dreiteilung betrifft:</p>
+
+<p>1. Da mit der Annahme von drei Seelenvermgen
+die Vorgnge der Seele nicht <em class="gesperrt">erklrt</em>, sondern nur
+<em class="gesperrt">klassifiziert</em> sind; denn es ist noch keine Erklrung
+einer Erscheinung, wenn man ohne nheren Nachweis in
+dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fhigkeit sie zu
+erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten knnen,
+sind jedenfalls nur die geistigen Vorgnge selbst und die
+Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.</p>
+
+<p>2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgngen, das
+Erkennen, das Fhlen, das Wollen kommen in der
+Seele <em class="gesperrt">nicht getrennt vor</em>. Es gibt wohl kaum einen
+Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir drfen also nur von Seelenzustnden
+sprechen, in denen das Erkennen oder das
+Fhlen oder das Wollen <em class="gesperrt">vorwiegt</em>, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so mssen wir uns dabei immer bewut
+bleiben, da wir damit in der Wissenschaft eine Trennung
+vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.</p>
+
+
+<h3>1. Das Erkennen.</h3>
+
+<h3><a name="Par_9" id="Par_9"></a> 9. Die Empfindung.</h3>
+
+<p>Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste
+Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Auenwelt gelangt,
+<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>ist die <em class="gesperrt">Empfindung</em>. Sie ist zu unterscheiden
+von den Gefhlen, den Zustnden der Lust und Unlust,
+und schliet drei Hauptmomente in sich:</p>
+
+<p>1. Den <em class="gesperrt">ueren Sinnesreiz</em>. Wenn die Sinnesorgane
+in Ttigkeit treten sollen, so mu eine Wirkung
+auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder
+unmittelbar den Krper berhrt oder durch Bewegung
+eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Krper
+einwirkt. Das erste geschieht z.&nbsp;B. bei Tastempfindungen,
+das zweite beim Sehen, Hren durch die Schwingungen
+des thers, der Luft.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Die Erregung eines sensiblen Nerven</em> im
+Krper, die durch den Reiz veranlat wird und von den
+peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des
+ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt.
+Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur
+Empfindung.</p>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">Empfindung in der Seele selbst</em>, das
+Sehen, Hren, Tasten, Riechen, Schmecken.</p>
+
+<p>Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgngen
+1. und 2., durch die sie veranlat werden, <em class="gesperrt">ganz ungleich</em>.
+Es lt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen
+der Luft gerade die Empfindung des Hrens folgt; wir
+knnen nur feststellen, da es so ist. Auch die Abhngigkeit
+der Empfindung vom ueren Reiz dem Strkegrade
+nach lie sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund
+der Empfindung allein knnen wir nie mit Bestimmtheit
+sagen, da etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstrke, also als uerer Reiz, 1 mal so gro als
+die von b ist, 1 mal so hell sei als das Licht b. Man
+ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz
+verstrkt werden mu, damit eine Zunahme der Strke
+in der entsprechenden Empfindung <em class="gesperrt">eben noch</em> bemerkt
+<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>werden kann. Es zeigte sich, da <em class="gesperrt">der Zuwachs des</em>
+<em class="gesperrt">Reizes, welcher eine eben noch merkliche nderung
+der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgre,
+zu welcher er hinzukommt, immer in demselben
+Verhltnis steht (Webersches Gesetz)</em>, oder, mathematisch
+ausgedrckt: da die Strke des Reizes in geometrischer
+Progression wachsen mu, damit die Empfindung
+in arithmetischer Progression zunehme. Mu man also
+zu einem Gewicht von 3&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> 1&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> zulegen, damit eine
+Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist
+bei 9&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> eine Vermehrung um 3&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> ntig, whrend nur
+1&nbsp;<span class="antiqua">kg</span> mehr zu keiner Verstrkung der Druckempfindung
+fhren wrde. <em class="gesperrt">Fr die verschiedenen Sinne</em> ist das
+Verhltnis der Reizstrke, das diese sogenannte &#8222;Methode
+der eben merklichen Unterschiede&#8221; ergibt, ein <em class="gesperrt">verschiedenes</em>;
+doch lie es sich nur fr Reize von mittlerer Strke bestimmen,
+am meisten bereinstimmend noch fr die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, fr die Lichtempfindungen
+wurde 100:101, fr Hebungen, also Druckempfindungen,
+untersttzt durch das Muskelgefhl, 15:16 gefunden.</p>
+
+<p>brigens gibt es auch <em class="gesperrt">subjektive Empfindungen</em>,
+welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize,
+sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag
+oder Druck oder innere Zustnde <em class="gesperrt">des Krpers</em> erzeugt,
+doch den jedem Sinnesnerven allein eigentmlichen
+Charakter tragen (&#8222;spezifische Sinnesenergie&#8221;) und deshalb
+hufig in die Auenwelt hinaus verlegt werden, z.&nbsp;B.
+das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost
+und Hitze im Fieber. Diese Tatsache fhrte auf die durch
+Johannes Mller (1826) begrndete Annahme einer
+<em class="gesperrt">spezifischen Sinnesenergie</em>, d.&nbsp;h. einer besonderen
+Fhigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize
+verschiedener Art nur gerade die ihm eigentmlichen
+Empfindungen zu vermitteln.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+<p>Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem
+die Reize schon aufgehrt haben. Daher erzeugen besonders
+starke Lichtempfindungen sog. &#8222;<em class="gesperrt">Nachbilder</em>&#8221;.</p>
+
+<p>Die Empfindungen sind entweder <em class="gesperrt">einfache</em>, z.&nbsp;B. eine
+Farbe, ein Ton, oder <em class="gesperrt">zusammengesetzte</em>, z.&nbsp;B. ein
+Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen,
+oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hren.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_10" id="Par_10"></a> 10. Vorstellung und Wahrnehmung.</h3>
+
+<p>Die Empfindung geht dadurch, da sie mit dem veranlassenden
+Reiz aufhrt, nicht fr das Bewutsein verloren.
+Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt
+werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und
+heit dann <em class="gesperrt">Vorstellung</em>. Diese Wiedererzeugung findet
+besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung
+selbst wiederkehrt. Wenn ich z.&nbsp;B. eine bestimmte Person
+durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hren der Stimme u.&nbsp;s.&nbsp;w. kennen
+gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser
+sinnlichen Eindrcke eine Vorstellung von derselben haben;
+immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des frheren
+Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen
+wieder habe, und die neuen Empfindungen werden
+dann als dieselben wieder erkannt, d.&nbsp;h. es findet eine
+<em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> statt. Dieser Unterschied zwischen
+Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen
+deutlich hervor, wo die Fhigkeit zu empfinden
+noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist,
+z.&nbsp;B. bei der <em class="gesperrt">Wortblindheit</em>, wo die Empfindung,
+das Hren des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen
+Wortes noch da ist, aber das Verstndnis seiner Bedeutung,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
+d.&nbsp;h. die Fhigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehrigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der
+Sinneseindruck stets zu dem brigen Bewutseinsinhalt
+in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich
+darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet.
+Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als
+Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewutsein
+kommt, so werden beide Begriffe hufig als gleichbedeutend
+gebraucht.</p>
+
+<p>Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung
+mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewute
+Arbeit des Wahrnehmenden, sondern <em class="gesperrt">geht unwillkrlich
+vor sich</em>. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbstndiges Element zum
+Bewutsein, sie wird daher auch &#8222;<em class="gesperrt">gebundene Vorstellung</em>&#8221;
+genannt. &#8222;<em class="gesperrt">Freie Vorstellungen</em>&#8221; sind
+dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung
+im Bewutsein auftauchen. Im philosophischen
+Sprachgebrauch wird aber das Wort &#8222;Vorstellung&#8221; vielfach
+auch im <em class="gesperrt">allgemeineren Sinne</em> verwendet zur
+Bezeichnung jeden Inhalts des Bewutseins berhaupt,
+der auf Gegenstnde der Auenwelt, ihre Eigenschaften
+oder Zustnde bezogen wird. Es umfat dann sowohl
+die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben
+genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders
+in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine
+Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)</p>
+
+
+<h3><a name="Par_11" id="Par_11"></a> 11. Der Verlauf der Vorstellungen.</h3>
+
+<p>Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen
+sich losgelst haben, bekommt das Bewutsein
+einen selbstndigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt
+treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
+neue Vorstellungen ein. Es sind <em class="gesperrt">zwei nebeneinander
+hergehende Reihen von Vorgngen</em>, die sich um
+den Vorrang in der Seele streiten.</p>
+
+<p>Auf einem Spaziergang z.&nbsp;B. tritt vielleicht anfangs
+die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden
+Empfindungen in den Vordergrund. Da fhrt die hnlichkeit
+der wahrgenommenen Gegend mit einem frheren
+Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben,
+und hinter diesen Gedanken, die sich selbstndig fortspinnen,
+treten die ueren Empfindungen immer mehr
+zurck, so da der Spaziergnger, ganz in sich vertieft,
+kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende
+Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen
+unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet
+zugleich eine <em class="gesperrt">Eigentmlichkeit unter den Menschen</em>.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen
+und der ueren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen,
+die eine Anlage fr Musik oder bildende Knste, oder
+fr Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem
+Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht
+aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser
+Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter
+Einseitigkeit.</p>
+
+<p>Der Verlauf der Vorstellungen schliet zwei Fragen
+in sich: Wie <em class="gesperrt">entstehen</em> die Vorstellungen im Bewutsein?
+und: Wie <em class="gesperrt">verschwinden</em> sie aus demselben? Sofern sie
+durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage
+schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhren des
+ueren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und
+Verschwinden nicht blo auf Veranlassung der Empfindungen,
+sondern auch im <em class="gesperrt">Verlaufe der freien Vorstellungen</em>
+statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
+neue Vorstellung auftritt, sondern hchstens die alten mit
+Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen,
+so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es
+zu, da die einmal verschwundenen Vorstellungen <em class="gesperrt">wiederkehren</em>?</p>
+
+<p>Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen,
+da sie berhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz
+verschwunden sind, sondern da sie, wenn auch nicht im
+Bewutsein, so doch als <em class="gesperrt">unbewute Zustnde</em> noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die
+auf Vorgnge in der Seele &#8222;unter der Schwelle des
+Bewutseins&#8221; (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare
+Wahrnehmung von Verhltnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z.&nbsp;B. der Entfernung eines
+Gegenstandes (s.&nbsp;<a href="#Seite_36">S.&nbsp;36</a>), oder die Welt der Gefhle, deren
+Ursprung uns oft dunkel ist. ber diese Vorgnge unter
+der Schwelle des Bewutseins knnen wir aber nie etwas
+Bestimmtes aussagen, als das Negative, da sie eben
+unterhalb des Bewutseins vor sich gehen; denn sie
+knnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstnde des
+Bewutseins wrden.</p>
+
+<p>In der Mitte zwischen Bewutem und Unbewutem
+steht der <em class="gesperrt">Traumzustand</em>. Seine Eigentmlichkeit besteht
+wohl hauptschlich in einer <em class="gesperrt">Schwchung des bewuten
+Willens</em>, der sonst den Verlauf der geistigen
+Vorgnge beherrscht und zusammenhlt. Die Aufeinanderfolge
+der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch
+das Gefhl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So
+fgen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrcke
+von der Auenwelt her oder Zustnde des eigenen Krpers,
+sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefhle im wachen
+Zustand verbunden sind. Es wird z.&nbsp;B. schweres Atemholen
+als Alpdrcken, leichtes als Flugbewegung, Stechen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
+im Fu als Bi einer Schlange, ein gehrter Schu
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.</p>
+
+<p>Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen
+Bewutsein auftauchen, ohne durch einen ueren Reiz
+unmittelbar veranlat zu sein, so zeigt sich, da die <em class="gesperrt">eine
+Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen
+wird</em>, mit der sie in irgend einer Weise verbunden
+ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man
+<em class="gesperrt">Assoziation</em> der Vorstellungen oder auch <em class="gesperrt">Ideenassoziation</em>.
+Sie hat hauptschlich zweierlei Formen und
+beruht:</p>
+
+<p>1. Auf der <em class="gesperrt">hnlichkeit</em> der Vorstellungen. Die
+Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige
+einer andern ihr hnlichen hervor.</p>
+
+<p>2. Auf deren <em class="gesperrt">uerem Zusammenhang in
+Raum und Zeit</em> (Berhrungsassoziation). Was wir
+hufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch
+in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung
+eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung
+hervor. Durch diese Assoziation zusammenhngender Vorstellungen
+bekommen wir berhaupt erst die Vorstellung
+von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, da ich hufig die dazu
+gehrigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des
+Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe,
+und da infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z.&nbsp;B.
+die des Gesichts, die andern dazu gehrigen immer zugleich
+wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit
+oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z.&nbsp;B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des
+Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknpft
+hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten
+Gedichtes die folgenden Wrter, der Anfang einer<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Tne
+hervorruft. Je hufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung
+von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen
+sie von statten. Die <em class="gesperrt">bung</em> spielt hier eine groe
+Rolle (s.&nbsp;<a href="#Par_28">&nbsp;28</a>).</p>
+
+<p>Von dem <em class="gesperrt">Verschwinden der Vorstellungen</em>
+glauben nun die einen, es sei das natrlichere und bedrfe
+keiner besonderen Erklrung, die andern verlangen
+umgekehrt eine Erklrung des Verschwindens, da nach dem
+Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverstndliche
+sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung
+sagen, da kein Zustand sich verndert, ohne da
+ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, da allerdings
+das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatschlich
+vorliegt, erklrt werden mu. Diese Erklrung mu von
+der Voraussetzung ausgehen, da wegen der sogenannten
+<em class="gesperrt">Enge des Bewutseins</em> immer nur eine beschrnkte
+Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewutsein sich befinden
+kann, so da also die einen durch die andern
+verdrngt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen
+zur Verdrngung anderer oder ihre <em class="gesperrt">Strke</em> beruht,
+das ergibt sich zum Teil aus den <em class="gesperrt">Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung</em>, zum Teil aus der <em class="gesperrt">Bedeutung</em>,
+welche sie fr das vorstellende Subjekt haben. Je gelufiger
+die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist,
+desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen
+den Vorzug erhalten, z.&nbsp;B. in der Regel das <span class="antiqua">h</span> der alphabetischen
+Reihenfolge <span class="antiqua">e f g h</span> vor dem <span class="antiqua">a</span> der musikalischen
+Tonleiter <span class="antiqua">e f g a</span>. Andrerseits wird die Vorstellung mit
+um so mehr Strke sich ins Bewutsein drngen, je
+wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand fr uns
+selbst und je grer infolgedessen das auf <em class="gesperrt">Gefhlen</em>
+<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>beruhende <em class="gesperrt">Interesse</em> ist, das wir an ihm haben.</p>
+
+
+<h3>. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis.</h3>
+
+<p>Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen
+hngen zwei Fhigkeiten zusammen, die im Geistesleben
+eine groe Rolle spielen, die <em class="gesperrt">Aufmerksamkeit</em>,
+d.&nbsp;h. die Fhigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen
+zu mglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten,
+und das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em>, d.&nbsp;h. die Fhigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewutsein wiederzuerzeugen oder sich
+zu <em class="gesperrt">erinnern</em>.</p>
+
+<p>Man unterscheidet zwischen <em class="gesperrt">unwillkrlicher</em> und
+<em class="gesperrt">willkrlicher</em> Aufmerksamkeit. Die <em class="gesperrt">unwillkrliche</em>
+wird durch einen pltzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen,
+indem er uns veranlat, uns demselben zuzuwenden,
+damit wir ihn mglichst deutlich wahrnehmen.
+So zieht z.&nbsp;B. eine Lichterscheinung oder ein pltzliches
+Gerusch unsere unwillkrliche Aufmerksamkeit auf sich.
+<em class="gesperrt">Die willkrliche Aufmerksamkeit entsteht durch das
+Interesse</em> (s.&nbsp;<a href="#Par_11">&nbsp;11</a>), das die Willensttigkeit veranlat,
+die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen
+hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf
+ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrngung anderer
+festzuhalten, so ist sie von der Strke derselben abhngig
+und kann erzeugt werden teils dadurch, da
+das Interesse erregt wird, teils dadurch, da der Zusammenhang
+der Vorstellungen streng festgehalten wird.
+Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, <em class="gesperrt">die
+Zerstreutheit</em>.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> beruht auf den <em class="gesperrt">Gesetzen der
+Reproduktion</em>. Wir knnen eine Vorstellung wiedererzeugen,
+uns auf sie &#8222;<em class="gesperrt">besinnen</em>&#8221;, indem wir der Vorstellungsreihe
+nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und
+so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoen. Je<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung
+mit andern ist, desto leichter knnen wir uns
+ihrer erinnern. Wir prgen uns also etwas ein, indem
+wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen
+hineinstellen und zwar entweder auf <em class="gesperrt">mechanische Weise</em>
+durch hufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen,
+die uns durch bung gelufig wird, wobei wir
+im allgemeinen an <em class="gesperrt">die Richtung gebunden sind, in
+welcher die Assoziationen eingebt wurden</em> (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort
+lt sich nur schwer rckwrts sagen, einseitig gelernte
+Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z.&nbsp;B. franzsisch-deutsch,
+gelufig); oder auf <em class="gesperrt">logische</em> Weise durch Aufnahme
+der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang,
+den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze
+leicht wiedererzeugen knnen, z.&nbsp;B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.</p>
+
+<p>Die Ttigkeit des Gedchtnisses wird erleichtert durch
+hufige <em class="gesperrt">bung</em> und durch das <em class="gesperrt">Interesse</em>, das dem
+Verschwinden der Vorstellungen entgegenwirkt. Mit dem
+Unterschied des Interesses hngt es auch zusammen, da
+das Gedchtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstnde gebunden sein kann, so da von einem Gedchtnis
+fr Worte, Zahlen, Tne, Sachen, rter oder
+fr bestimmte Gebiete der Wissenschaft die Rede ist. Auerdem
+aber kommen hierbei <em class="gesperrt">angeborene Eigentmlichkeiten</em>
+des Gedchtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfnglichkeit fr bestimmte Sinneseindrcke,
+z.&nbsp;B. fr blo gehrte, oder fr auerdem
+gesprochene, oder fr blo gelesene Worte geltend machen.
+Man hat danach ein akustisches, motorisches und visuelles
+Gedchtnis unterschieden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_13" id="Par_13"></a> 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.</h3>
+
+<p>Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung
+entspricht, z.&nbsp;B. die einer Farbe, kann man <em class="gesperrt">Einzelvorstellung</em>
+nennen. Aus Einzelvorstellungen setzt sich die
+Vorstellung von Gegenstnden, Personen, Verhltnissen,
+Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung eines individuellen
+Ganzen oder die <em class="gesperrt">Individualvorstellung</em>. Diese
+Individualvorstellung schliet gewhnlich die Vorstellung
+eines <em class="gesperrt">Dings</em> in sich, das brig bleiben soll, auch wenn
+man die angeblich daran haftenden Eigenschaften, d.&nbsp;h.
+Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die Richtigkeit dieser Vorstellung,
+deren Vorhandensein die Psychologie nur feststellt,
+hat die Metaphysik zu untersuchen.</p>
+
+<p>Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit
+strebt, begngt sich jedoch nicht mit einer Menge von
+Individualvorstellungen, sondern er sucht dieselben durch
+Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender hnlicher Vorstellungen bleibt
+in der Seele ein <em class="gesperrt">gemeinsames Bild von unbestimmtem
+Charakter</em> zurck, das nur die allen gemeinsamen
+Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthlt:
+die allgemeine oder <em class="gesperrt">Gemeinvorstellung</em>. Wenn
+vom Menschen im allgemeinen die Rede ist, schwebt uns
+dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefhres Bild vor, das
+mit Vernachlssigung aller Unterschiede der Vlker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame
+darstellt.</p>
+
+<p>Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen
+knnten aber nicht auseinandergehalten und
+weiter ausgebildet werden, wenn sie nicht an ein bestimmtes
+Zeichen gebunden werden knnten. Diesem Bedrfnis
+<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
+kommt die <em class="gesperrt">Sprache</em> entgegen. Jedes <em class="gesperrt">Wort ist ein
+Zeichen fr eine Gemeinvorstellung</em>; nur wo
+die Unterscheidung der Individuen einen besondern Wert
+hat, wie beim Menschen, da erhlt auch die Individualvorstellung
+ein besonderes Wortzeichen, das dann nur fr
+<em class="gesperrt">ein</em> Individuum gilt. Solche Wortzeichen fr Individualvorstellungen
+sind die <em class="gesperrt">Eigennamen</em>. Sonst bezeichnet
+ein Wort, z.&nbsp;B. Tisch, nur die Gemeinvorstellung, der kein
+bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch entspricht, und
+kann nur etwa durch ein hinweisendes Frwort: &#8222;dieser
+Tisch&#8221; auf einen bestimmten Gegenstand beschrnkt werden.</p>
+
+<p>Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann
+die Gemeinvorstellung genauer umgrenzt werden und in
+<em class="gesperrt">die bestimmtere</em> Form <em class="gesperrt">des Begriffes bergehen,</em>
+die Verbindungen der Vorstellungen untereinander knnen
+als <em class="gesperrt">Urteile</em>, die sich in Stzen aussprechen lassen, mit
+grter Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung
+neuer Vorstellungen aus der Verbindung anderer
+nimmt auf dieser hheren Stufe die Gestalt von <em class="gesperrt">Schlssen</em>
+an. Diese ganze hhere Stufe ist die des eigentlichen <em class="gesperrt">Denkens</em>.
+Der Unterschied zwischen dem gewhnlichen Verlaufe
+der Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist
+also nur der, da, was dort unwillkrlich geschah, jetzt
+mit voller Klarheit und mit der bestimmten <em class="gesperrt">Absicht</em> vollzogen
+wird, die Natur und die geistige Welt oder ihren
+Zusammenhang zu <em class="gesperrt">erkennen</em>, d.&nbsp;h. solche Vorstellungen
+und Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit
+entsprechen. Dazu gehrt dann, da die beziehende
+Ttigkeit des Geistes mit Hilfe der Aufmerksamkeit auf
+ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach bestimmten
+Grundstzen verfhrt, die selbst wieder geprft werden.
+So bildet das Denken den <em class="gesperrt">Begriff</em> durch Ausscheidung
+der ungleichartigen und Zusammenfassung der gemeinsamen
+Merkmale, z.&nbsp;B. den Begriff Parallelogramm durch Weglassung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
+der wechselnden Merkmale: Grenverhltnis der
+nichtparallelen Seiten und Gre der Winkel, und Zusammenstellung
+der allen gemeinsamen: Viereck und
+Parallelitt der Gegenseiten. Das <em class="gesperrt">Urteil</em> entsteht durch
+Verknpfung der Begriffe, z.&nbsp;B. das Rechteck ist ein
+Parallelogramm; und der <em class="gesperrt">Schlu</em> ist die Ableitung eines
+Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z.&nbsp;B.
+aus den beiden Urteilen: &#8222;Dieses Viereck ist ein Parallelogramm&#8221;
+und: &#8222;Im Parallelogramm halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig&#8221; das dritte als Schlufolgerung
+abgeleitet: &#8222;In diesem Viereck halbieren sich die Diagonalen
+gegenseitig.&#8221; Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gltige Urteile und richtige
+Schlsse zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.</p>
+
+<p>Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden
+auch, besonders seit Kant, an verschiedene Vermgen verteilt.
+Dem <em class="gesperrt">Verstand</em> als dem &#8222;Vermgen der Begriffe&#8221;
+wird die begriffliche Verarbeitung der Erfahrung zugeschrieben
+im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Vernunft</em>, die &#8222;als Vermgen
+der Ideen&#8221; auf die Erkenntnis des ber die Erfahrung
+Hinausgehenden, des &#8222;bersinnlichen&#8221; gerichtet sei.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_14" id="Par_14"></a> 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden
+Weltganzen.</h3>
+
+<p>Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es
+von der einfachen Empfindung aus zu Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen und endlich zum Denken fortschreitet.
+Damit ist aber der Stoff noch nicht erschpft, den
+wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem
+Vorstellen finden. Wir treffen da nicht blo einzelne Empfindungen,
+Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlsse an,
+sondern auch eine <em class="gesperrt">zusammenhngende Vorstellung
+der wirklichen Welt</em>, in welche unsere einzelnen Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
+sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage:
+Wie kommt diese umfassende Vorstellung zustande? Da
+kommen zuerst die beiden Hauptformen in Betracht, durch
+die wir den ganzen Stoff unserer Erfahrung ordnen: der
+<em class="gesperrt">Raum</em> und die <em class="gesperrt">Zeit</em>, und dann die Grundform, durch
+die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die <em class="gesperrt">Kausalitt</em>.</p>
+
+<p>Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die
+krperliche Welt zeitlich und rumlich. Eine Vorstellung
+von der <em class="gesperrt">Zeit</em> berhaupt haben wir nur, indem wir wahrnehmen,
+da das, was frher war, nun nicht mehr ist,
+also unter der Voraussetzung, da wir uns einer Vernderung
+von irgend etwas bewut sind, und da wir frhere
+Zustnde wiedererkennen; denn nur so knnen wir einen
+zeitlichen Abstand von ihnen uns vorstellen. Je mehr wir
+also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefhl verweilen,
+ohne eine Vernderung zu erleben, desto mehr
+schwindet die Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte
+Vorstellung von der Zeit, losgelst von dem, was in ihr
+geschieht, ist nur mit Hilfe der rumlichen Anschauung,
+etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit bestimmten
+Abschnitten mglich.</p>
+
+<p>Wollen wir die <em class="gesperrt">Zeitabschnitte</em> ohne besondere Hilfsmittel
+blo mit Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustnde
+<em class="gesperrt">schtzen</em>, so sind wir dabei von zweierlei abhngig,
+von dem <em class="gesperrt">Interesse</em>, das die einzelnen Zustnde des zu
+schtzenden Zeitraums fr uns hatten, und von der <em class="gesperrt">Menge</em>
+derselben. Der Gedanke, da die Zeit Flgel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein
+Ereignis unseres Lebens mit dem Interesse, das sich fr
+uns daran knpft, uns lebhaft vergegenwrtigen, so da
+die dazwischenliegenden, weniger wichtigen Vorgnge zurcktreten.
+Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen,
+von einer groen Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende
+Punkte ausgefllt sind. Diese subjektive Schtzung
+der Zeit ist also eine unsichere und wechselnde. Man hat
+daher einen <em class="gesperrt">objektiven Mastab</em> der Zeit aufgestellt,
+indem man gleichmige Bewegungen in der Natur,
+Bewegungen der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu
+benutzt, deren Wiederholungen gezhlt werden.</p>
+
+<p>Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in
+der Form des Raumes haben, whrend unsere Vorstellung
+selbst nicht rumlicher Natur ist, so erhebt sich die Frage,
+wie wir zu dieser <em class="gesperrt">Vorstellung eines Raumes</em> gelangen?
+Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z.&nbsp;B. ein Gebude,
+so enthlt diese Wahrnehmung verschiedene rumliche Elemente.
+Wir erhalten eine Vorstellung von dessen Entfernung
+von uns und machen uns auerdem ein Bild von seiner Lnge,
+Breite und Hhe, also von seinen drei Dimensionen.</p>
+
+<p>Um die <em class="gesperrt">Entfernung</em> zu messen, denken wir uns eine
+gerade Linie von dem Gebude bis zu unserem Standort. Von
+der Entfernung selbst aber haben wir keine bestimmte unmittelbare
+Empfindung, sie ist vielmehr das Resultat einer
+Vergleichung zwischen der <em class="gesperrt">wirklichen und scheinbaren
+Gre</em> des Gegenstandes, die infolge hufiger bung so
+schnell vor sich geht, da sie uns als unmittelbare Wahrnehmung
+erscheint. Je kleiner das Wahrgenommene im
+Verhltnis zu seiner wirklichen Gre ist, desto grer
+schtzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich
+der wirklichen Gre nhert, desto geringer erscheint sie
+uns. Zum Zweck genauerer Schtzung wird die wirkliche
+Gre nher zu bestimmen gesucht etwa durch daneben
+stehende Menschen, deren ungefhre Gre genauer bekannt
+ist, oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Gre
+nicht bekannt ist und nicht ermittelt werden kann, die der<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
+Entfernung entsprechende Gerade in mehrere Teile zerlegt,
+deren Entfernung durch andere dazwischenliegende Gegenstnde
+bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung
+auf dem Meer oder auf einfrmiger Ebene sehr schwer
+zu schtzen. berhaupt lt sich von den drei Elementen:
+wirkliche Gre, scheinbare Gre und Entfernung, wenn
+zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Auerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch
+die Dicke und Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht
+bedingte grere oder geringere Deutlichkeit der
+Umrisse.</p>
+
+<p>Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung
+ohne Messung der die Entfernung darstellenden Geraden
+ist die <em class="gesperrt">Parallaxe</em>; d.&nbsp;h. die Gre der scheinbaren Verschiebung,
+welche ein Gegenstand im Verhltnis zu einem
+feststehenden Hintergrund erfhrt, wenn wir ihn von
+zwei verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter
+der Gegenstand entfernt ist, desto kleiner erscheint die
+Verschiebung. So scheinen uns z.&nbsp;B. bei einer Eisenbahnfahrt
+die nchsten Gegenstnde schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurckstehenden. Zu genauer Ermittelung
+der Entfernung durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen,
+den die von dem Gegenstand zu den beiden
+Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschlieen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie
+vielfach verwendet.</p>
+
+<p>Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von
+<em class="gesperrt">drei Dimensionen</em> eines Krpers? Was wir zunchst
+sehen, ist nur eine Flche mit verschiedener Schattierung.
+Die Wirklichkeit gleicht zunchst einem Gemlde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher fat
+ein Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen
+hat, einen Wrfel als Quadrat, eine Kugel als<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
+Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. Die Vorstellung
+von einer <em class="gesperrt">Ausdehnung nach der Richtung
+der Tiefe</em> bekommen wir erst durch eine Verbindung der
+Gesichtsempfindungen mit den Tast- und Bewegungsempfindungen.
+Indem wir uns um den Krper herum
+bewegen, finden wir, da die Flchenwahrnehmung von
+einer bestimmten Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben
+hat, sondern da sich andere Flchen an die zuerst gesehene
+anschlieen, und der Tastsinn, der den verschiedenartigen
+von den Krpern geleisteten Widerstand anzeigt
+und damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen
+ermglicht, ergnzt dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung
+von Form und Begrenzung der Krper.</p>
+
+<p>Damit ist aber noch nicht erklrt, wie es berhaupt
+mglich ist, da <em class="gesperrt">die unrumliche Seele rumliche
+Bilder auffassen kann</em>; sie hat ja wohl die Vorstellung
+eines rumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht
+die Theorie von den <em class="gesperrt">Lokalzeichen</em>, die <em class="gesperrt">Lotze</em> (&dagger;&nbsp;1881)
+aufgestellt hat, d.&nbsp;h. die Ansicht, da je nach der Stelle
+der Netzhaut des Auges oder der Hautoberflche, die von
+dem ueren Reize getroffen wird, dieser selbst noch einen
+besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich fhrt, den
+dann die Seele rumlich deutet. So wrde derselbe
+Farbeneindruck <span class="antiqua">R</span>, je nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen
+versehen ist, also als <span class="antiqua">Ra</span>, <span class="antiqua">Rb</span>, <span class="antiqua">Rc</span> die Seele trifft,
+an verschiedene Orte des Raumes <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> oder <span class="antiqua">c</span> verlegt
+werden. Jedenfalls aber mu in der Seele eine Fhigkeit
+angenommen werden, diese Zeichen rumlich zu
+deuten und zu einer Gesamtvorstellung des Raumes zu
+erweitern.</p>
+
+<p>So sind uns die Formen des Raums und der Zeit
+dazu behilflich, ein einheitliches Bild von der wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
+Welt zu bekommen. Doch vollendet sich diese Einheit
+erst dadurch, da wir die Erscheinungen nach einem
+<em class="gesperrt">inneren Zusammenhang</em> als ein <em class="gesperrt">System von Ursachen
+und Wirkungen</em> auffassen. Wir nehmen an,
+da jede Erscheinung eine Ursache hat und da die
+gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt.
+Dieses Kausalittsverhltnis nehmen wir aber nicht unmittelbar
+wahr; was wir wahrnehmen, ist vielmehr nur,
+<em class="gesperrt">da die Erscheinung <span class="antiqua">b</span> regelmig eingetreten
+ist, wenn die Erscheinung <span class="antiqua">a</span> eintrat</em>. Da <span class="antiqua">a</span> die
+Ursache von <span class="antiqua">b</span> ist, das ist eine Annahme, die wir selbst
+hinzubringen und die durch die regelmige Aufeinanderfolge
+von <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">b</span> nur veranlat ist. Inwieweit diese
+Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu untersuchen.
+Die Psychologie kann nur feststellen, da der erkennende
+Geist die Eigentmlichkeit hat, den Zusammenhang
+der Erscheinungen nach diesem Kausalittsgesetz zu
+deuten.</p>
+
+
+<h3>2. Das Fhlen.</h3>
+
+<h3><a name="Par_15" id="Par_15"></a> 15. Wesen und Arten des Gefhls.</h3>
+
+<p>Die Gefhle sind <em class="gesperrt">Zustnde von Lust und Unlust</em>;
+sie unterscheiden sich dadurch von den <em class="gesperrt">Empfindungen</em>
+und <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, die fr sich allein uns <em class="gesperrt">gleichgltig</em>
+wren. Der Unterschied zwischen Gefhl und
+Empfindung zeigt sich z.&nbsp;B. auch darin, da bei demselben
+ueren Reiz die Tastempfindungen dem Schmerzgefhl
+vorangehen, so bei der Berhrung eines heien
+Ofens. Auch entsteht das Gefhl langsamer als die
+Vorstellung, der es entspricht. Wir knnen schneller
+von der Vorstellung eines Glcks zu der eines Unglcks
+bergehen, als von dem Gefhl eines Glckes zu dem<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
+eines Unglcks. Es ist daher anzunehmen, da das Gefhl
+die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch
+nimmt, als Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit
+aber sind die Empfindungen und Vorstellungen immer
+mit Gefhlen der Lust oder Unlust verknpft, sie haben
+einen sogenannten &#8222;Gefhlston&#8221;, und darin besteht das
+<em class="gesperrt">Interesse</em>, das wir an ihnen nehmen, und der <em class="gesperrt">Wert</em>
+oder <em class="gesperrt">Unwert</em>, den wir ihnen beilegen.</p>
+
+<p>Es gibt <em class="gesperrt">unendlich viele verschiedene Arten
+der Lust und Unlust</em>. Die Gefhle unterscheiden sich
+nicht blo quantitativ durch ein Mehr oder Weniger von
+Lust und Unlust; es sind z.&nbsp;B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefhle der Lust, die sich fr uns an den Genu
+einer schmackhaften Speise, an die Vollfhrung einer
+guten Tat und an die Betrachtung eines schnen Gemldes
+knpfen. Man kann deshalb nicht, wie v.&nbsp;Hartmann
+will, smtliche Lust- und Unlustgefhle der Menschen
+je zu einer Gesamtsumme addieren, um durch die Vergleichung
+beider zu dem Schlu zu kommen, da die
+Unlustsumme in der Welt grer sei als die Lustsumme,
+und da fr die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei
+als Sein. (Pessimismus.)</p>
+
+<p>Die Eigentmlichkeit der Gefhle lt sich nur erleben,
+nicht nher beschreiben; doch werden diejenigen
+einander hnlich sein, die sich an hnliche Zustnde oder
+Vorgnge knpfen. So knnen wir die Gefhle nach
+ihrer Herkunft einteilen in <em class="gesperrt">krperliche Gefhle</em>,
+die von krperlichen Zustnden, und <em class="gesperrt">geistige Gefhle</em>,
+die von geistigen Zustnden herrhren. Unter den
+letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen Gefhle,
+die auf unser <em class="gesperrt">individuelles Wohl und Wehe</em> sich
+beziehen &mdash; Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefhl, auch die
+geselligen Gefhle, Liebe und Ha, solange sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
+durch sittliche Anschauungen gelutert sind &mdash; unterscheiden
+von den hheren geistigen Gefhlen, die an
+<em class="gesperrt">allgemein gltige geistige Gter der Menschheit</em>
+sich knpfen: die intellektuellen, sthetischen, sittlichen und
+religisen Gefhle.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_16" id="Par_16"></a> 16. Die krperlichen Gefhle.</h3>
+
+<p>Die krperlichen Gefhle schlieen sich unmittelbar an
+die <em class="gesperrt">Empfindungen</em> an und sind nach <em class="gesperrt">Art</em> und <em class="gesperrt">Strke</em>
+von ihnen abhngig. Jede Empfindung hat ihren eigentmlichen
+Gefhlston, der dieselbe zu einer &#8222;angenehmen&#8221;
+oder &#8222;unangenehmen&#8221; Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur fr mittlere Strkegrade der Empfindung.
+Lt man einen Ton zu bergroer Strke anwachsen,
+nimmt die angenehme Wrme allzusehr zu, wird das
+Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden
+sich mit dem ursprnglich angenehmen Eindruck Unlustgefhle.
+Andererseits kann ein an sich unangenehmer
+Eindruck, z.&nbsp;B. ein bitterer oder sauerer Geschmack, bei
+geringer Intensitt als angenehm empfunden werden.</p>
+
+<p>Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so
+ist das krperliche Gefhl um <em class="gesperrt">so strker</em>, <em class="gesperrt">je weniger
+Wert fr die Erkenntnis</em> die Reize haben, von denen
+es ausgeht. Die strksten krperlichen Unlustgefhle, <em class="gesperrt">die
+eigentlichen Schmerzen</em>, finden sich bei inneren Vorgngen
+im Krper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden
+Reize gar nicht oder nur in geringem Mae stattfindet.
+<em class="gesperrt">Geschmack und Geruch</em> sind auch noch mit
+deutlichen Gefhlen der Lust und Unlust verbunden,
+geben aber nur einen unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis
+der Gegenstnde, durch die sie vermittelt sind. <em class="gesperrt">Gesichts-
+und Gehrempfindungen</em> aber, welche fr
+die Erkenntnis der Auenwelt am wichtigsten sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
+scheinen oft ganz ohne begleitende Gefhle aufzutreten
+und lassen immer nur schwer eine Bestimmung der besonderen
+mit ihnen verknpften Gefhle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hren von Tnen und noch
+mehr beim Sehen von Farben so im Vordergrund, da
+der &#8222;Gefhlston&#8221; nur bei besonderer Aufmerksamkeit zum
+Bewutsein kommt. Dieses Verhltnis von Erkenntniswert
+und Gefhlsstrke ist wichtig, weil so die fr das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Strungen
+durch starke Gefhle am wenigsten ausgesetzt ist.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_17" id="Par_17"></a> 17. Die geistigen Gefhle.</h3>
+
+<p>Auch die geistigen Gefhle sind vielfach durch krperliche
+Zustnde, durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt;
+aber sie sind von diesen selbst nicht unmittelbar abhngig,
+sondern von den Vorstellungen, die dadurch hervorgerufen
+werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem krperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres
+Krpers verursacht, und dem geistigen Unlustgefhl, das
+durch ein beleidigendes Wort hervorgerufen wird.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Intellektuelle</em> Gefhle entstehen aus dem inneren
+Verhltnis der Vorstellungen. Wenn der Verlauf des
+geistigen Lebens zur Herstellung von Einheit und Zusammenhang
+unter den Vorstellungen fhrt, so entstehen
+Gefhle der Lust, z.&nbsp;B. bei einer Entdeckung, die den
+Zusammenhang einer Erscheinungsgruppe enthllt. Andrerseits
+ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, Widerspruch auf
+dem Gebiete des Denkens Unlust verknpft. Die <em class="gesperrt">sthetischen</em>
+Gefhle entstehen bei der Wahrnehmung des
+<em class="gesperrt">Schnen</em>. Sie sind vielleicht daraus zu erklren, da
+ein ursprngliches Bedrfnis des menschlichen Geisteslebens,
+die &#8222;Einheit in der Mannigfaltigkeit&#8221; (s.&nbsp;<a href="#Seite_18">S.&nbsp;18</a>)
+durch die Harmonie der Form, in der beim Schnen<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
+irgend ein Bruchstck der Welt und des Menschenlebens
+uns erscheint, in der vollkommensten Weise befriedigt
+wird. Mit dem sthetischen Gefhl hngt zusammen der
+<em class="gesperrt">Geschmack</em>, d.&nbsp;h. die Empfnglichkeit fr sthetische Eindrcke,
+verbunden mit der Fhigkeit, sie richtig zu beurteilen,
+das Schne vom Hlichen zu unterscheiden, und
+die <em class="gesperrt">Phantasie</em>, d.&nbsp;h. die Fhigkeit, schne Formen hervorzubringen,
+im Unterschied von der <em class="gesperrt">Einbildungskraft</em>,
+dem Vermgen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen berhaupt. Wir schreiben
+dem Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer
+Landschaft, die ihm geschildert wird, mit Hilfe seines
+eigenen Vorrats an Vorstellungen sich ein anschauliches
+Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen sthetisches
+Gefhl sogleich dabei rege wird und so den Worten der
+Schilderung folgend dem Landschaftsbild eine schne Form
+gibt, es gleichsam zum Gemlde gestaltet. Die knstlerische
+Phantasie ist davon nur dem Grade nach verschieden.
+Das <em class="gesperrt">sittliche Gefhl</em> ist an die Vorstellung
+gewisser Handlungen geknpft; je nachdem es ein Gefhl
+der Lust oder Unlust ist, werden die Handlungen als
+gute oder bse beurteilt. Aus den uerungen des sittlichen
+Gefhls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundstze
+des Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu
+befolgen, d.&nbsp;h. der Charakter (s.&nbsp;<a href="#Seite_63">S.&nbsp;63</a>). Der Begriff
+des <em class="gesperrt">Gewissens</em> umfat ebenso die ersten Regungen des
+sittlichen Gefhls (primres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundres Gewissen).
+Das <em class="gesperrt">religise</em> Gefhl ist mit der Vorstellung
+der Beziehung zu Gott oder zu Gttern verbunden. Auf
+der hheren Stufe verbindet es sich stets mit dem sittlichen
+Gefhl; die Mchte, von denen der Mensch sich
+abhngig fhlt, werden zu Trgern sittlicher Ideale.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_18" id="Par_18"></a> 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer.</h3>
+
+<p>Aus irgend einem Anla kann das Gefhl pltzlich
+so stark auftreten, da es die berlegung des Verstandes
+vollstndig zurckdrngt und den Willen beherrscht; dieser
+pltzliche Ausbruch des Gefhls ist der <em class="gesperrt">Affekt</em>, z.&nbsp;B. der
+Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefhl lngere Zeit in
+einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur
+<em class="gesperrt">Leidenschaft</em>, bestndig bereit, den Willen sich vllig zu
+unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die <em class="gesperrt">Gesinnungen</em>,
+z.&nbsp;B. Vaterlandsliebe, Frmmigkeit. Hier
+hat sich ein bestimmtes Gefhl ein fr allemal mit gewissen
+Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von
+Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber
+von der Leidenschaft durch grere Dauer und eine gewisse
+Gleichmigkeit, mit welcher sie ihren Einflu auf
+den Willen geltend machen. Das Vermgen der Gesinnungen
+ist das <em class="gesperrt">Gemt</em>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_19" id="Par_19"></a> 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle.</h3>
+
+<p>Die Gefhle knpfen sich nicht selbstndig aneinander,
+sondern schlieen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an
+die Vorstellungen an, nur da die Gefhle langsamer
+wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefhl
+auch ber eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen
+hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefhle
+wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will
+ich etwa zum Verstndnis der Gefhle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus frherer
+Zeit in derselben Lage zurckrufen, so kann ich es nur
+durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstnde.</p>
+
+<p>Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefhle ein Gesetz,
+das auch fr den Vorstellungsverlauf gilt, in viel<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
+strkerem Mae: das <em class="gesperrt">Gesetz der Beziehung</em>. Das
+Gefhl ist <em class="gesperrt">etwas in hohem Grade Relatives</em>. Jedes
+Gefhl ist davon abhngig, <em class="gesperrt">was fr ein anderes
+vorangegangen ist</em>. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe
+Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns
+ganz verschiedene Gefhle hervorrufen. Das Gefhl der
+Lust ist strker, wenn es auf den Schmerz folgt, als
+wenn es in einem Zustand der Gleichgltigkeit entsteht;
+das Gefhl der Genesung ist mchtiger, als das der
+Gesundheit. Treten die Gefhle im berma auf, so
+knnen sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche
+Nervensystem ertrgt nur ein beschrnktes Ma von Lust
+und Schmerz.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wiederholt</em> sich das Gefhl, so wird es gewhnlich
+<em class="gesperrt">abgestumpft</em>. Der hufige Genu derselben schmackhaften
+Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft
+wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Strke, er erzeugt
+Abhrtung. Doch gilt dies nur fr solche Gefhle,
+die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern
+blo passive Hingabe an einen Eindruck mit sich fhren,
+dagegen trgt bei den hheren Gefhlen die wiederholte
+bung zur <em class="gesperrt">Verstrkung</em> bei. Das Anhren eines
+klassischen Musikstcks kann bei jeder Wiederholung
+hheren Genu gewhren, indem die Phantasie jedesmal
+leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstcks
+eindringt.</p>
+
+<p>Gleichzeitige Gefhle hnlicher Art <em class="gesperrt">verschmelzen</em> sich
+zu einem <em class="gesperrt">Totalgefhl</em>, in das sie als <em class="gesperrt">Partialgefhle</em>
+eingehen. Bei smtlichen hheren geistigen Gefhlen finden
+solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z.&nbsp;B. die
+sthetische Gefhlswirkung eines historischen Gemldes aus
+Partialgefhlen zusammen, die aus der Farbenharmonie,
+aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
+der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses
+stammen.</p>
+
+<p>Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefhle, welche
+eine gewisse Selbstndigkeit bewahren, redet man dagegen
+von &#8222;<em class="gesperrt">gemischten Gefhlen</em>&#8221;. So entsteht das Gefhl
+der Wehmut aus einer Mischung von Trauer ber das
+Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_20" id="Par_20"></a> 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung.</h3>
+
+<p>Ein fr sich dastehendes Beispiel der Mischung der
+Gefhle ist das sogenannte &#8222;<em class="gesperrt">Lebens</em>&#8221;- oder &#8222;<em class="gesperrt">Gemeingefhl</em>&#8221;.
+In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich
+unser krperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines
+Gefhl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+&#8222;Gemeinempfindungen&#8221; (z.&nbsp;B. Hunger und Durst) geknpften
+Gefhlen entsteht und sich auch dadurch von
+den einzelnen krperlichen Gefhlen unterscheidet, da es
+sich nicht auf einen bestimmten Ort des Krpers beziehen,
+nicht &#8222;lokalisieren&#8221; lt.</p>
+
+<p>Der Beitrag, den die krperlichen Zustnde zu dem
+Lebensgefhl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen
+zusammen. Dazu gehren:</p>
+
+<p>1. Eine groe Anzahl von Gefhlen, z.&nbsp;B. bei Sinnesempfindungen,
+die zu <em class="gesperrt">unbedeutend</em> sind, um als besondere
+zum Bewutsein zu kommen.</p>
+
+<p>2. Gefhle, die sich an <em class="gesperrt">Zustnde einzelner Krperteile</em>
+knpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen,
+z.&nbsp;B. Zahnschmerz.</p>
+
+<p>3. Gefhle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen
+Verteilung im Krper und ihrer <em class="gesperrt">allgemeinen
+Bedeutung</em> fr den Fortgang des Lebens gewhnlich
+berhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustnde, z.&nbsp;B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
+oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer
+Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch
+die wichtigsten Faktoren fr das Gemeingefhl. Das
+Lebensgefhl bildet einen Bestandteil der &#8222;<em class="gesperrt">Stimmung</em>&#8221;,
+die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefhlsstandes
+darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung
+kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute
+Luft und das dadurch erhhte Lebensgefhl als der
+Genu eines edlen Kunstwerks beitragen.</p>
+
+<p>Noch weniger als die einzelnen Gefhle lassen die
+Lebensgefhle und die Stimmungen eine Beschreibung zu.
+Es knnen nur einige allgemeine Ausdrcke angefhrt
+werden, die sich im Sprachgebrauch dafr ausgebildet
+haben. Man spricht von einer <em class="gesperrt">reizbaren</em>, <em class="gesperrt">apathischen</em>,
+<em class="gesperrt">gehobenen</em> Stimmung. In den Gegenstzen der <em class="gesperrt">Kraft</em>
+und der <em class="gesperrt">Mattigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Freiheit</em> und der <em class="gesperrt">Beklommenheit</em>,
+der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> und der <em class="gesperrt">Furcht</em> bewegen
+sich Stimmung und Lebensgefhl.</p>
+
+<p>Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden
+Schattierungen des &#8222;Lebensgefhls&#8221; und der Stimmung
+<em class="gesperrt">fr die Erinnerung</em>, fr die Festhaltung von Vorstellungen,
+durch die es in besonderer Weise verndert
+wurde. Wir erinnern uns einer frheren Situation dann
+mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Frbung
+unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch,
+da wir uns in die damalige Stimmung wieder
+hineinfhlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind
+meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem
+Gedchtnis entschwunden, z.&nbsp;B. die Ereignisse vor einer
+schweren Krankheit wegen des krankhaft vernderten Lebensgefhls.
+Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen
+miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche
+Stimmung erwecken, daher wohl auch die hufige Meinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
+in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, frher
+schon einmal gewesen zu sein.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_21" id="Par_21"></a> 21. Die Temperamente.</h3>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Temperamente</em> sind eine Art angeborener
+Stimmung, vorwiegender Empfnglichkeit fr bestimmte
+Gefhle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens,
+durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrcke
+der Auenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Vernderungen der Stimmung und
+des Lebensgefhles bewegen sich bei jedem Individuum
+innerhalb bestimmter Grenzen, die von der krperlichen
+und geistigen Anlage abhngen. Solcher Temperamente
+gibt es eigentlich <em class="gesperrt">so viele, als es Individuen gibt</em>.
+Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus
+vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb
+deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das
+sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser
+Ausdrcke zwischen <em class="gesperrt">Temperamenten des Gefhls</em>:
+dem leichtbltigen (sanguinischen) und schwerbltigen (melancholischen),
+und <em class="gesperrt">Temperamenten der Ttigkeit</em>: dem
+warmbltigen (cholerischen) und kaltbltigen (phlegmatischen).</p>
+
+<p>Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die
+Bewegung der geistigen Vorgnge, sofern sie vom Gefhlsleben
+abhngig ist. Nach der gewhnlichen Auffassung
+sind die Merkmale des <em class="gesperrt">sanguinischen</em> Temperaments:
+lebhafte Empfnglichkeit fr alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrcke und ohne krftige
+Rckwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns
+und Bestndigkeit der Gesinnungen; des <em class="gesperrt">phlegmatischen</em>:
+geringere Erregbarkeit fr uere Reize, Neigung zu geduldiger
+Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmigem<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des
+<em class="gesperrt">cholerischen</em>: starke Erregbarkeit in einer bestimmten
+Richtung und groe Energie der Rckwirkung, daher oft
+Konsequenz des Charakters; des <em class="gesperrt">melancholischen</em>: groe
+Empfnglichkeit fr Gefhle, besonders fr die hheren,
+aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefhlsleben
+ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen
+Ziele.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em> leitet die Vierteilung aus zwei Gegenstzen
+in der Art der Gemtsbewegungen ab: Strke und Schwche,
+Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende
+Tafel der Temperamente:</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Tafel der Temperamente">
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Starke:</em></td><td align="left"><em class="gesperrt">Schwache:</em></td></tr>
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Schnelle</em></td><td align="left"></td><td align="left">cholerisch</td><td align="left">sanguinisch</td></tr>
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Langsame</em></td><td align="left">&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;</td><td align="left">melancholisch &nbsp;</td><td align="left">phlegmatisch.</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten
+rein ausgeprgt, und es ist die Aufgabe eines normalen
+Geisteslebens, ihre Einseitigkeit zu vermeiden.</p>
+
+<p>Man knnte auch von Temperamenten der einzelnen
+Rassen, Vlker, Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist
+ein anderer Gegensatz in jener Vierteilung nicht deutlich
+genug vertreten, der auch eine Art angeborener Eigentmlichkeit
+des Gefhlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen <em class="gesperrt">optimistischer</em> und <em class="gesperrt">pessimistischer</em> Weltanschauung,
+zwischen der vorwiegenden Empfnglichkeit fr
+Lust und der fr Unlust.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_22" id="Par_22"></a> 22. Selbstgefhl und Mitgefhl.</h3>
+
+<p>Besondere Bedeutung hat das Gefhl fr das Selbstbewutsein.
+Wir machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis
+ein Bild von uns selbst, bei welchem zunchst der
+Krper im Vordergrund steht und spter auch der Geist
+in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
+wird. Mit &#8222;Ich&#8221; bezeichnen wir die <em class="gesperrt">beharrliche Einheit</em>
+aller wechselnden Zustnde dieses Gesamtbildes; zugleich
+aber sprechen wir damit aus, da wir alle diese
+inneren Vorgnge und die Bewegungen des Krpers, die
+von ihnen abhngen, als <em class="gesperrt">unsere eigenen</em> erkennen. Der
+tiefste Grund fr diese Unterscheidung unseres &#8222;Ich&#8221; von
+andern liegt im &#8222;<em class="gesperrt">Selbstgefhl</em>&#8221;. Die ganze Vorstellungswelt,
+die wir in der formalen Einheit unseres
+Ich zusammenfassen und wahrnehmen, knnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit
+verbinden, zweifellos und unmittelbar als Zustnde
+unseres eigenen Selbst im Unterschied von andern erleben
+wrden. Erst allmhlich entwickelt sich auf Grund dieses
+Selbstgefhls, das von der Erkenntnis unabhngig ist,
+das <em class="gesperrt">Selbstbewutsein</em>, indem das &#8222;Ich&#8221; lernt, sich
+denkend von seinen Zustnden zu unterscheiden. Im <em class="gesperrt">Mitgefhl</em>
+erweitert sich dann wieder dieses Ich zur inneren
+Teilnahme an dem, was andere fhlen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_23" id="Par_23"></a> 23. Die Bedeutung der Gefhle.</h3>
+
+<p>Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die
+Gefhle fr das menschliche Dasein berhaupt haben. Eine
+naheliegende, aber vielfach auch sich besttigende Antwort
+auf diese Frage ist, da <em class="gesperrt">Lust eine Frderung</em> und
+<em class="gesperrt">Unlust eine Hemmung</em> des krperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Gre des Schmerzes steigt im allgemeinen
+mit der Gre der Strung, die im Organismus
+stattfindet. Der Geschmack zeigt als Lust- oder Unlustgefhl
+an, ob frdernde oder hemmende Stoffe dem Krper
+zur Nahrung zugefhrt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunchst die
+Lebensfunktion, indem sie mit einem Teile ihrer Eigenschaften
+auf die Geschmacksnerven wirken; erst bei ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
+weiteren Verbreitung im Krper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt fr die <em class="gesperrt">geistigen
+Gefhle</em>. Auch ein schdlicher geistiger Genu zeigt
+richtig die Frderung des geistigen Lebens an irgend einem
+Punkte an. Abzuwgen, inwieweit die daraus folgende
+Hemmung die augenblickliche Frderung berwiegt, ist nicht
+Sache des Gefhls, sondern des Denkens, zugleich die
+wichtigste Aufgabe der Lebensklugheit.</p>
+
+<p>Im ganzen aber fhrt diese Auffassung zu einem <em class="gesperrt">Verstndnis
+der umfassenden Bedeutung des Gefhls</em>,
+deren nhere Darlegung in Beziehung auf den Zusammenhang
+der Welt brigens in die Metaphysik gehrt. Auf
+dem Gefhl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt
+des Lebens. Die theoretische Einsicht in das, was ntzlich
+und schdlich ist, reicht nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung
+zu bewahren. Keine noch so vollendete Ausbildung
+des Verstandes knnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Gter bringen, wenn nicht ein Genu hherer
+Art damit verbunden wre. In den meisten Fllen ist
+vielmehr jene Einsicht gar nicht vorhanden. Der Mensch
+vermeidet z.&nbsp;B. den Genu belriechender Speisen fr
+gewhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schdlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefhle, die schon der
+Gedanke daran ihm verursacht. Wenn dem Mrder vor
+der Tat das Gewissen schlgt, so geschieht es nicht, weil
+er die Gefahr solcher Grundstze fr die Existenz der
+Gesellschaft sich berlegt hat, sondern er <em class="gesperrt">fhlt unmittelbar</em>
+die Qual des Gewissens als ein mchtiges
+Unlustgefhl.</p>
+
+<p>So wird also der Mensch durch die Lust, die er
+sucht, und die Unlust, die er vermeidet, so geleitet, da
+die Erhaltung und Vervollkommnung des einzelnen, wie
+des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
+der Religion aus gesehen wre das Gefhl das Hauptmittel
+in der Hand der Vorsehung, die Entwickelung der
+Menschheit zu lenken. Gefhle wren es, die eine Welt
+von Motiven fr die Geschichte bilden, und Gefhle edler
+Art wrden jene Ideale der Menschheit (s. <a href="#Par_1">&nbsp;1</a>) ihrer
+Verwirklichung entgegenfhren.</p>
+
+
+
+
+<hr class="chap" />
+<h2>3. Das Wollen.</h2>
+
+<h3><a name="Par_24" id="Par_24"></a> 24. Die unwillkrlichen Bewegungen.</h3>
+
+
+<p>Das Wollen ist wie das Fhlen ein <em class="gesperrt">einfacher und
+ursprnglicher Akt des Geisteslebens</em>, der sich nicht
+nher beschreiben, aber doch in seinen uerungen verfolgen
+lt. Der eigentliche Willensakt veranlat immer
+eine Vernderung entweder in der Auenwelt oder in
+der Innenwelt des Wollenden. Das Mittel, eine Vernderung
+der ersteren Art zustande zu bringen, ist die
+Bewegung des eigenen Krpers. An dieser nchstliegenden
+Vernderung, die durch den Willen hervorgebracht
+wird, lassen sich daher auch die verschiedenen
+Stufen des Willens am besten beobachten. Zum eigentlichen
+Wollen gehrt die Vorstellung von einem Zweck,
+der erreicht werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch
+die er erreicht werden soll. Dies ist aber erst das
+Resultat einer lngeren Entwickelung.</p>
+
+<p>Der Mensch wrde nie zu Bewegungen gelangen,
+wenn er nicht zuerst Bewegungen ausfhren wrde, die
+er <em class="gesperrt">nicht gewollt</em> hat. Schon die vom Stoffwechsel ausgehenden
+Nervenerregungen mssen zu <em class="gesperrt">unwillkrlichen
+Bewegungen</em> fhren; denn die angesammelte Spannkraft
+mu einen Ausweg in Bewegungen finden. Beispiele
+dafr gehen auch noch neben dem bewuten Wollen her,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
+wenn beim Schmerz die Zhne zusammengebissen werden,
+oder eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser
+Bewegung sich kundgibt. So gelangt das Kind,
+indem es seine eigenen automatischen Bewegungen, z.&nbsp;B.
+die seiner Stimmorgane oder seiner Hnde, wahrnimmt,
+allmhlich zu der Erfahrung, da sie von ihm selber
+beeinflut werden knnen.</p>
+
+<p>Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich.
+Solche <em class="gesperrt">unwillkrliche Bewegungen</em> geschehen auch
+<em class="gesperrt">auf Veranlassung eines Reizes hin</em>. Wenn dem
+Auge ein Sto droht, so schlieen sich die Augenlider;
+wenn ein fremder Krper in die Luftrhre gert, so tritt
+Husten ein, ohne da eine besondere Willenskraft zu
+dieser Bewegung ntig ist. Die sensiblen Nerven leiten
+die Nachricht von der eingetretenen Gefahr bis zu den
+Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber ohne Zutun
+der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und fhrt
+so zu jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr
+zweckmig begegnet. Da diese sogenannten <em class="gesperrt">Reflexbewegungen</em>
+ein von jeder Art der berlegung unabhngiger
+Mechanismus sind, zeigt sich z.&nbsp;B. darin, da
+sie auch bei Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden
+werden. Ein enthaupteter Frosch wischt den Tropfen
+Sure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fue
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos,
+da er zwar noch die Fhigkeit zur Reflexbewegung,
+aber nicht die zu selbstndiger Bewegung hat. Bei dem
+Menschen lt sich der Unterschied zwischen Reflex- und
+willkrlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen ber
+die sogenannte &#8222;<em class="gesperrt">physiologische Zeit</em>&#8221; nachweisen, d.&nbsp;h.
+die Zeit, welche zwischen dem Auffassen und Erwidern
+eines Reizes, z.&nbsp;B. zwischen einer Gesichtsempfindung und
+der Reaktion auf dieselbe verfliet und durchschnittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
+etwa &#8533; Sekunde betrgt. Es zeigt sich nmlich, da
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der
+willkrlichen Bewegung, da also zwischen der Zuleitung
+des Reizes durch die sensiblen Nerven und der Weiterleitung
+des Befehls zur Bewegung durch die motorischen
+eine bestimmte, sogenannte &#8222;Willenszeit&#8221; zur Willensentscheidung
+verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch
+den elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung
+verluft weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung,
+die den Beginn der Bewegung eines Sekundenzeigers
+meldet, und dem Druck des Fingers, der durch
+Schlieung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder
+zum Stehen bringt.</p>
+
+<p>Die Reflexbewegungen knnen auch <em class="gesperrt">gehemmt</em> werden,
+indem die sensiblen Nerven gleichzeitig von anderer Seite
+her Einwirkungen erfahren oder der bewute Wille dazwischen
+tritt. Dies geschieht z.&nbsp;B., wenn bei groem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung
+des Schluckens oder durch die Willenskraft das &#8222;Zusammenfahren&#8221;
+verhindert wird. Die Reflexbewegungen
+haben ihren Sitz hauptschlich im <em class="gesperrt">Rckenmark</em>. Sie
+werden vom groen Gehirn aus, dem Organ der selbstndigen
+Bewegung, mit fortschreitender Bildung immer
+mehr eingeschrnkt. Die <em class="gesperrt">Selbstbeherrschung</em> besteht
+zum groen Teil aus solchen <em class="gesperrt">Reflexhemmungen</em>.</p>
+
+<p>Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich
+die des <em class="gesperrt">Instinkts</em> dadurch, da sie ein zusammengesetztes
+System von Mitteln zur Erreichung eines entfernteren
+Zweckes darstellen. Aber auch sie gehen ohne Kenntnis
+dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine Vorstellung
+von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von
+ihrer Wachszelle, sondern sie werden von dunklen krperlichen
+Gefhlen dabei geleitet, die als angeborene und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
+sich vererbende Eigentmlichkeiten ihrer Gattung angesehen
+werden mssen.</p>
+
+<p>Hierher gehrt noch eine Reihe von Bewegungen,
+die auch ohne eigentlichen Willensakt zustande kommen,
+aber nicht auf Grund einer zweckmigen Einrichtung der
+Natur, sondern nur durch die <em class="gesperrt">Vorstellung</em> der Bewegung
+selbst: die <em class="gesperrt">Nachahmungsbewegung</em>. Eine Bewegung,
+deren Bild sich aufdrngt, wird oft unwillkrlich nachgeahmt.
+Die Ste eines Fechters, die Leistungen eines
+Clowns werden von ungebildeten Zuschauern unter Begleitung
+von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die
+Lesung einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher
+Bewegung fhren, ohne da der Wille mitwirkt. Noch
+hufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt sich die
+Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Krperhaltung
+gehren und die oft nachgeahmt werden, whrend
+die Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt ist. Doch
+tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung infolge der
+Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablsung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr
+zurck.</p>
+
+<h3><a name="Par_25" id="Par_25"></a> 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.</h3>
+
+<p>Mit dem <em class="gesperrt">Trieb</em> kommen wir dem eigentlichen Wollen
+um einen Schritt nher. Je weiter die Entwickelung des
+Geisteslebens fortschreitet, desto enger wird die Verbindung
+zwischen seinen einzelnen Elementen. So unterscheidet sich
+der Trieb vom Instinkt dadurch, da dabei eine mehr
+oder weniger <em class="gesperrt">klare Vorstellung</em> dessen <em class="gesperrt">mitwirkt</em>, was
+als Quelle der Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so
+stark, da er den Menschen ganz erfllt und Denken und
+Wollen beherrscht, so geht er in die <em class="gesperrt">Begierde</em> ber.
+Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem zuknftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
+Gefhl der Lust, welche die Befriedigung des
+Triebes gewhren wird, und den Bewegungen, die dadurch
+verursacht werden, zwischen dem Zweck und den Mitteln
+zu seiner Erreichung. Der Instinkt leitet nur durch die
+augenblicklichen Gefhle, welche die Bewegung begleiten,
+der Trieb durch die <em class="gesperrt">Vorstellung eines Zieles</em>, mit
+welchem das Gefhl verbunden sein wird. So unterscheidet
+sich z.&nbsp;B. die Kunstfertigkeit der Ameise und der
+Gestaltungstrieb des Knstlers. Das Gefhl der Lust,
+das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also der
+Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das <em class="gesperrt">Motiv</em>.</p>
+
+<p>Wird dieses Gefhl nicht sogleich zum Motiv, also
+auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung,
+so erscheint es als <em class="gesperrt">Wunsch</em>. Treten mehrere Objekte
+nebeneinander auf, so da das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das
+Denken nicht mehr blo fr die Wahl der richtigen Mittel
+in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefhlswert
+der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung,
+welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt fat den <em class="gesperrt">Vorsatz</em>, ein
+bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus
+augenblicklicher Gemtsbewegung entspringen, ohne da
+das ganze Innere des Menschen, sein eigentmlicher
+Charakter, alle seine Gefhle und Vorstellungen mitgewirkt
+haben. Die Entscheidung ist deshalb zunchst eine <em class="gesperrt">oberflchliche</em>
+und kann, wenn sich jene Faktoren nachher
+geltend machen, wieder umgestoen werden: &#8222;der Weg zur
+Hlle ist mit guten Vorstzen gepflastert.&#8221; Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer
+allseitigen berlegung, indem der Handelnde seine ganze
+Persnlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der
+<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span><em class="gesperrt">Entschlu</em>. Dieser ist die hchste Form des Willens,
+der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem
+nhern, desto wichtiger mu jener Zeitunterschied zwischen
+dem Gedanken und der Ausfhrung des Gedankens werden,
+den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je
+mehr andere Motive und die Erwgung ihres Wertes
+Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die
+Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen
+Motivs zu Gunsten der berlegung entrckt. Der Unterschied
+zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens
+ist freilich ein flieender und der Sprachgebrauch hufig
+ungenau, aber er ist wichtig fr die sittliche und fr die
+strafrechtliche Beurteilung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Was fr ein geistiger Vorgang</em> der Willensakt
+ist, wie es geschieht, da dasselbe, was vorher nur ein
+Wunsch, nur eine Mglichkeit war, nun auf einmal als
+etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizufhren ist, lt sich nicht nher auseinandersetzen,
+sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewutsein
+davon, wie nun der Willensakt in Bewegung bergeht,
+wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven
+die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen <em class="gesperrt">inneren
+Zustand</em> nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein
+Gefhl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und
+den eigentmlichen Vorgang, der den Befehl enthlt, diese
+Bewegung ins Werk zu setzen. Das brige entzieht sich
+unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung
+tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmiger
+Weise mit dem inneren Zustand verknpft, jedoch ohne
+da die Zwischenglieder uns zum Bewutsein kommen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_26" id="Par_26"></a> 26. Die Freiheit des Willens.</h3>
+
+<p>Da der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo
+<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>er einen Entschlu fat, <em class="gesperrt">frei</em> sei, d. h. da er in demselben
+Augenblick auch einen andern Entschlu fassen knnte,
+wird berall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem
+<em class="gesperrt">Indeterminismus</em>, der auch wissenschaftlich vertreten
+wurde, steht der <em class="gesperrt">Determinismus</em> gegenber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie
+kann diese Frage fr sich allein nicht entscheiden, die Ethik
+hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung
+des sittlichen Bewutseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang
+der Welt denkbar ist. Ganz auerhalb des
+Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom
+Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Fr und Wider
+etwa Folgendes:</p>
+
+<p>1. Der <em class="gesperrt">Determinismus</em> erklrt, durch die Behauptung
+der Freiheit des Willens sei das <em class="gesperrt">Gesetz der
+Kausalitt</em>, da alles eine Ursache haben msse, und
+damit der Zusammenhang des Bewutseinslebens <em class="gesperrt">aufgehoben</em>.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend,
+die ausnahmslose Gltigkeit des naturwissenschaftlichen
+Kausalgesetzes sei fr die geistige Welt weder erwiesen,
+noch willkrlich anzunehmen.</p>
+
+<p>2. Der <em class="gesperrt">Indeterminismus</em> weist auf gewisse <em class="gesperrt">psychologische
+Tatsachen</em> hin: auf das Bewutsein der Freiheit
+und Verantwortlichkeit, auf das Gefhl der Reue, die
+nur erklrbar seien unter der Voraussetzung, da man
+wirklich in derselben Lage anders handeln knnte, als man
+gehandelt hat. Der Determinismus erklrt diese Tatsachen
+daraus, da das handelnde Individuum seine eigene
+Charaktereigentmlichkeit nicht in Rechnung bringt und so
+die, von uerem Zwang allerdings unabhngige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in
+einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie
+ansieht. In der Erinnerung an eine bse Tat ergebe sich<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
+dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem
+Wunsche, anders gehandelt zu haben.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_27" id="Par_27"></a> 27. Die Ausdrucksbewegungen.</h3>
+
+<p>Es gibt Bewegungen, deren Eigentmlichkeit darin
+besteht, da sie einen innern Zustand <em class="gesperrt">ausdrcken</em>, da
+sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie
+sind keine besondere Art neben den unwillkrlichen und
+willkrlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden,
+aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle
+Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der
+Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur
+durch Ausdrucksbewegungen mglich ist. Soweit diese in
+uerlich sichtbaren Krperbewegungen bestehen, werden sie
+auch <em class="gesperrt">Gebrden</em> genannt.</p>
+
+<p>Man kann <em class="gesperrt">dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen</em>
+unterscheiden, die aber hufig zusammenwirken:</p>
+
+<p>1. Bewegungen, die nur die starke <em class="gesperrt">Erregung des
+Gefhls unmittelbar zum Ausdruck bringen</em>. Sie
+wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwhnt als ein
+Mittel, die groe innere Spannung nach auen zu leiten.
+Hierher gehrt das Erblassen und Errten, Lhmung und
+Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das
+<em class="gesperrt">Lachen</em> ist der Ausdruck krperlichen und geistigen Wohlbehagens,
+des letzteren besonders, sofern es durch starke
+Gegenstze hervorgerufen wird, z.&nbsp;B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt.
+hnlich beruht der Witz auf der &#8222;pltzlichen Verwandlung
+einer gespannten Erwartung in Nichts&#8221; (Kant). Die Ursache
+dieser Vorgnge ist vielleicht die, da ein Grundbedrfnis
+des Geistes, die Bewegung durch Gegenstze<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
+hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt
+wird. Das Lachen besteht in einem stoweisen Ausatmen,
+das durch Einatmung unterbrochen ist. Das <em class="gesperrt">Weinen</em> ist
+der Ausdruck geistigen oder krperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die
+Trnendrsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von
+Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2
+zu erklren sind.</p>
+
+<p>2. Bewegungen, welche die Gefhle mit Hilfe der
+<em class="gesperrt">Assoziation hnlicher Empfindungen</em> ausdrcken.
+So werden z.&nbsp;B. diejenigen Gefhle, welche der Sprachgebrauch
+als bitter, herb, s bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrckt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.</p>
+
+<p>3. Bewegungen, die zum <em class="gesperrt">Ausdruck von Vorstellungen</em>
+und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck
+von Gefhlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die
+Rede ist, mit der Hand <em class="gesperrt">hinweisen</em>. Hufiger mglich
+ist die <em class="gesperrt">Nachbildung</em> des betreffenden Gegenstandes oder
+seiner Merkmale durch malende Gebrden. So sucht der
+Erzhler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefhl ausgedrckt werden,
+z.&nbsp;B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung
+eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen
+den Beleidiger ausgedrckt wird.</p>
+
+<p>Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen berhaupt
+ist aber die <em class="gesperrt">Sprache</em>, wo Vorstellungen durch
+Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen
+und gehrten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden
+in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen
+verwendet. Ursprnglich war die Sprache<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
+wohl eine unwillkrliche, von Gebrden begleitete uerung
+des Sprachorgans, <em class="gesperrt">die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstnde
+machten</em>, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut
+und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf
+die von den Vertretern der sogenannten <em class="gesperrt">onomatopotischen
+Theorie</em> der Ursprung der Sprache zurckgefhrt
+wird, wre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen
+Laute. Die erluternde Begleitung der Gebrden und
+das Bewutsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und
+Bild trat aber allmhlich zurck, das Wort wurde bloes
+Zeichen und konnte auch fr Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah
+dies in der <em class="gesperrt">Schrift</em>: zuerst Nachbildung der Form der
+Gegenstnde in der Bilderschrift und dann Verwandlung
+dieser Bilder in selbstndige Schriftzeichen. So
+wurde die Sprache das unerschpfliche und unentbehrliche
+Mittel fr die Unterscheidung und den Austausch
+der Gedanken und damit fr die Ausbildung des Denkens
+berhaupt.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Veranlassung</em> der Ausdrucksbewegungen ist
+immer ein innerer Zustand. Die <em class="gesperrt">Schauspielkunst</em> nimmt
+alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben
+allerdings knstlich, d.&nbsp;h. ohne da die natrlichen
+ueren und inneren Anlsse dazu gegeben sind, hervorzubringen;
+aber der Schauspieler kann eine der hchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem
+er den inneren Zustand selbst knstlich erzeugt, dem die
+Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache
+und Gebrden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein
+Spiel als ein &#8222;Gemachtes&#8221;, weil es eben nicht &#8222;Ausdruck&#8221;
+eines Innern ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_28" id="Par_28"></a> 28. bung, Gewohnheit, Charakter.</h3>
+
+<p>Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie
+groer Wichtigkeit fr das geistige Leben die <em class="gesperrt">Wiederholung</em>
+ist. Hat sie den Zweck, grere Fertigkeit zu
+erreichen, so heit sie <em class="gesperrt">bung</em>. Das Resultat der hufigen
+Wiederholung ist die <em class="gesperrt">Gewohnheit</em>. Werden Vorstellungsreihen,
+die durch Assoziation verbunden sind, hufig
+wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter
+vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr
+als selbstndige zum Bewutsein. Ein Beispiel dafr ist
+die Wahrnehmung der <em class="gesperrt">Entfernung</em>, die ursprnglich
+aus der Wahrnehmung der scheinbaren Gre, deren Vergleichung
+mit der wirklichen Gre und der Feststellung
+des Resultats besteht. Durch die bung werden wir
+diese Berechnung so gewhnt, da wir mit berspringung
+der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen
+glauben (vgl.&nbsp;o.&nbsp;<a href="#Seite_36">S.&nbsp;36</a>).</p>
+
+<p>Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen
+und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der
+Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven
+und die Ausfhrung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich.
+Eine solche gewohnheitsmige Verbindung von Vorstellung
+und Bewegung stellt z.&nbsp;B. die Sprache dar. <em class="gesperrt">Vorstellung,
+Sprachlaut und Schriftzeichen</em> sind fr
+unser Bewutsein fast <em class="gesperrt">zu einer</em> Vorstellung <em class="gesperrt">verschmolzen</em>,
+so da das eine ohne weiteres das andere
+hervorruft. Indem wir <em class="gesperrt">schreiben</em>, fgt sich an die Vorstellungen,
+die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden
+Schriftzeichen und der dazu ntigen Bewegungen, und
+durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende
+Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die
+Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
+immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem
+Klange her, den die gesprochenen Worte htten. Dieser
+komplizierte Vorgang ist uns durch unzhlige Wiederholungen
+so gelufig geworden, da er uns als ein einziger
+Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte
+Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Ttigkeit
+des Setzers, zu erklren.</p>
+
+<p>Je grer die bung ist, je leichter und schneller
+deshalb die Bewegung erfolgt, <em class="gesperrt">desto weniger bedarf
+es fr jede einzelne Bewegung einer besonderen
+Willensanstrengung</em>, so da die Reihe der einmal
+angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des
+Willens abluft. Ein Willensakt scheint nur notwendig
+zu sein beim Anfang und Abschlu der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen
+sein, da berall der Wille noch mitwirkt, nur in viel
+schwcherem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint
+wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und
+doch mssen wir annehmen, da nicht blo beim Aufstehen
+oder Aufhren der Wille mitwirkt, sondern auch zur
+fortwhrenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung
+einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier
+bei fortgesetzter bung die Zwischenglieder fr das Bewutsein.</p>
+
+<p>Diese <em class="gesperrt">Macht der Gewohnheit</em>, die den Aufwand
+an Willenskraft wesentlich einschrnkt, beherrscht unser
+ganzes alltgliches Leben. Besonders aber macht sie sich
+auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentmlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der
+Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmige
+Form des Handelns, einen <em class="gesperrt">Charakter</em>. Das
+Zustandekommen bestimmter Grundstze auf sittlichem Gebiete
+ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
+Handlungen dem Einflu der Beweggrnde des Augenblicks
+entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben
+gestellt werden und wo verschiedene Grundstze in
+Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige berlegung
+der verschiedenen Motive und der eigenen Grundstze,
+eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.</p>
+
+
+<h2>Abschnitt <span class="antiqua">III.</span> Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</h2>
+
+<h3><a name="Par_29" id="Par_29"></a> 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander.</h3>
+
+<p>Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermgen
+ist, wie schon erwhnt, eine Abstraktion der Wissenschaft,
+die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich
+auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen
+ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben,
+wie eng sie zusammengehren.</p>
+
+<p>1. Das <em class="gesperrt">Erkennen</em> ist abhngig vom Fhlen und
+Wollen. Das <em class="gesperrt">Gefhl</em> ist das Hauptmittel, Vorstellungen
+in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknpft sie
+durch das <em class="gesperrt">Interesse</em> mit dem Individuum. Nur der
+Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit
+Lust- und Unlustgefhlen fr uns hat, veranlat uns,
+mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst wrden
+wir uns gleichgltig dem Strome der Vorstellungen berlassen.
+Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen
+und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis
+fhren kann, ist nur mglich mit Hilfe des <em class="gesperrt">Willens</em>,
+der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.</p>
+
+<p>2. Das <em class="gesperrt">Gefhl</em> kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung
+von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefhle
+sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>
+zu werden. Erst durch die Verknpfung mit
+den <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, denen sie ihre Entstehung verdanken,
+lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwgen.
+Ebenso ist eine deutliche <em class="gesperrt">Erinnerung von
+Gefhlen</em> nur mglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen,
+an welche sie sich geknpft haben. Und sollen
+<em class="gesperrt">die hheren Gefhle</em>, die intellektuellen, sthetischen,
+sittlichen, religisen, vor Verirrungen bewahrt werden, so
+mu das Denken sich auf sie richten und Grundstze der
+Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das
+Fhlen selber zurckwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es mu aber auch der <em class="gesperrt">Wille</em> zu Hilfe
+kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar
+die Entstehung eines Gefhls verhindert oder
+ein vorhandenes unterdrckt werden, aber dies kann mittelbar
+geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefhlserregung uert, gehemmt, oder die Vorstellungen,
+an denen es sich nhrt, ihm entzogen werden. So kann
+der Zornige den Affekt unter Umstnden unterdrcken, indem
+er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen lt, d. h.
+indem er Selbstbeherrschung bt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt
+von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird,
+in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefhls
+erinnert. Das ganze Gefhlsleben aber kann nur dann
+ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht
+genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefhl auf
+Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlssigung des Gefhls
+zu Gunsten des blo verstandesmigen Strebens
+verhindert.</p>
+
+<p>3. Der <em class="gesperrt">Wille</em> ist ohne Vorstellungen und Gefhle
+nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung
+er gerichtet ist. Dieses Ziel knnte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
+Wollenden aber gleichgltig sein, wenn nicht die Erreichung
+desselben durch Verknpfung mit <em class="gesperrt">Lustgefhlen</em> einen
+gewissen Wert fr ihn htte. Ferner wre es nicht mglich,
+einen Zweck zu erreichen, ohne eine <em class="gesperrt">Erkenntnis</em>
+der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen mu. Soll
+endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen
+Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmige Folgerichtigkeit,
+so sind bestimmte Grundstze ntig, die vom
+Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.</p>
+
+<p>So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgnge
+in der verschiedensten Weise. Und wie an <em class="gesperrt">einem</em> Individuum
+zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefhl,
+das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt,
+so erhalten die <em class="gesperrt">verschiedenen Individuen</em> ein
+eigentmliches Geprge, je nachdem das Denken, das
+Fhlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht
+man von <em class="gesperrt">Verstandesmenschen</em>, <em class="gesperrt">Gefhlsmenschen</em>
+und <em class="gesperrt">Mnnern der Tat</em>. Die hchste Form ist aber
+immer das <em class="gesperrt">ideale Gleichgewicht</em>, die harmonische
+Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Logik" id="Logik">Logik.</a></h2>
+
+
+<h3><a name="Par_30" id="Par_30"></a> 30. Die Aufgabe der Logik.</h3>
+
+<p>Die Logik ist die <em class="gesperrt">Wissenschaft von den Gesetzen
+des richtigen Denkens</em>. Das Denken ist als Element
+des geistigen Lebens auch Gegenstand der Psychologie,
+aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner <em class="gesperrt">tatschlichen
+Wirklichkeit</em> und sucht es wie alle andern
+geistigen Vorgnge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu
+erklren; das richtige, wie das unrichtige Denken findet
+gleichmige Bercksichtigung. Die Logik hebt aus diesem
+Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das geeignet
+ist, dem <em class="gesperrt">Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit
+zu dienen</em>. Die Tatsachen des Irrtums und des
+Streites lehren, da das Denken in der Verfolgung dieses
+Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele fhrt.</p>
+
+<p>Wenn wir diese Frage beantworten sollen, mssen
+wir ein Mittel haben, <em class="gesperrt">das richtige Denken vom unrichtigen
+zu unterscheiden</em>. Das nchstliegende wre,
+als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, dessen Resultate
+<em class="gesperrt">mit der Wirklichkeit bereinstimmen</em>. Dem
+steht aber der Einwand gegenber, der vom Standpunkte
+der Logik aus nicht widerlegt werden kann, da die ganze
+wirkliche Welt nur in der Vorstellung vorhanden ist (vgl.&nbsp;<a href="#Par_3">&nbsp;3</a>).
+Jedenfalls knnen wir einen Vergleich zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
+dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem
+wir auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen
+also ber den Kreis des Gedachten nicht hinaus, um es
+mit einer davon unabhngigen Wirklichkeit vergleichen zu
+knnen. Ebensowenig knnen wir die Richtigkeit des
+Denkens von der <em class="gesperrt">Anerkennung der andern denkenden
+Wesen</em> abhngig machen; die Allgemeingltigkeit des
+Gedachten ist teils nicht vorhanden, teils zu unsicher, um
+als Mastab fr seine Richtigkeit gelten zu knnen.</p>
+
+<p>Und doch haben wir ein <em class="gesperrt">unmittelbares Bewutsein
+davon</em>, was richtiges Denken ist. Es ist einfache
+psychologische Tatsache, da wir das richtige Denken von
+dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir finden
+in uns eine innere Ntigung, gerade so und nicht anders
+zu denken, und wir nehmen an, da auch andere ebenso
+denken mssen. Die Logik mu sich also darauf beschrnken,
+die Bedingungen darzustellen, unter denen
+dieses <em class="gesperrt">notwendige</em> und <em class="gesperrt">allgemeingltige Denken</em>
+zustande kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei
+Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab <em class="gesperrt">von dem einzelnen
+Wissensstoff selbst</em> und zeigt nur, wie man von gegebenen
+Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht
+zu prfen hat, durch das Denken zu einer Erkenntnis
+gelangen kann, und sie unterscheidet sich von der <em class="gesperrt">Erkenntnistheorie</em>
+dadurch, da sie das Denken nicht
+daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhngigen Welt fhren kann, sondern fr sich allein
+nach seinen eigenen Gesetzen.</p>
+
+<p>Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch
+hervor, da die Logik <em class="gesperrt">nicht die Kunst des Denkens
+lehren kann</em>, so wenig als die Poetik die Kunst des
+Dichtens lehrt. Aber es lt sich doch nicht behaupten,
+da die Kunst des Denkens berhaupt unabhngig wre<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
+von der Kenntnis der logischen Gesetze. Die Fhigkeit
+richtig zu denken ist dem Menschen angeboren, aber es
+gilt auch hier, da es <em class="gesperrt">besser ist, wenn er die Grundstze
+seines Verfahrens kennt, als wenn er sie
+nicht kennt</em>. Denn wie nur der eine Sprache ganz beherrscht,
+der auch ihre Grammatik kennt, so versteht nur
+der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewut ist. Geradezu
+unentbehrlich ist diese Kenntnis, wenn es sich darum
+handelt, Fehler nachzuweisen oder besonders schwierige
+Fragen zu lsen, so besonders in der Philosophie und
+berall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung
+einer klaren, sicheren Methode abhngig ist.</p>
+
+<p>Die Logik beschftigt sich teils mit den <em class="gesperrt">Elementen</em>
+des Denkens, den <em class="gesperrt">Begriffen, Urteilen und Schlssen</em>,
+teils mit der Art, wie diese Elemente in Beziehung zu
+einander gesetzt werden, um die <em class="gesperrt">Wissenschaft als ein
+zusammenhngendes Ganzes</em> zu erzeugen. Die Form
+des wissenschaftlichen Verfahrens heit Methode. So kann
+man die Logik einteilen in eine <em class="gesperrt">Elementarlehre</em> und
+eine <em class="gesperrt">Methodenlehre</em>.</p>
+
+
+<h2><span class="antiqua">I.</span> Teil. Elementarlehre.</h2>
+
+<h3>1. Die Begriffe.</h3>
+
+<h3><a name="Par_31" id="Par_31"></a> 31. Der Begriff und seine Merkmale.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Begriff ist die durch ein Wort reprsentierte
+Einheit aller in einer Gemeinvorstellung
+gedachten wesentlichen Merkmale</em> (s.&nbsp;o.&nbsp;<a href="#Par_13">&nbsp;13</a>). Er
+entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
+Begriff gedacht wird, gilt als das Wesen der Gegenstnde,
+die unter ihn fallen, und so nennt man diejenigen
+Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht werden
+kann, <em class="gesperrt">wesentliche</em>, und diejenigen, die auch fehlen knnen,
+<em class="gesperrt">auerwesentliche</em> oder <em class="gesperrt">zufllige</em>. So sind wesentliche
+Merkmale des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache,
+aufrechter Gang; auerwesentliche: Schnheit, Gelehrsamkeit,
+Bosheit. Es scheint wohl gleichartige Merkmale zu
+geben, die nicht wesentlich sind, die in keinem inneren
+Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen
+Stufe der Erkenntnis mglich; der Fortschritt der Wissenschaft
+mu entweder die Gleichartigkeit auf einen inneren
+Wesenszusammenhang zurckfhren oder als eine nur
+scheinbare nachweisen. In der Mathematik gibt es kein
+gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich wesentlich ist;
+z.&nbsp;B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks schliet die
+Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann aber
+doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">wesentlichen</em> Merkmale eines Begriffs werden
+auch eingeteilt in <em class="gesperrt">eigentmliche</em> (<span class="antiqua">notae propriae</span>), welche
+denselben <em class="gesperrt">ausschlielich</em> eigen sind, und <em class="gesperrt">gemeinsame</em>
+(<span class="antiqua">n. communes</span>), welche auch andern Begriffen zukommen,
+ferner in <em class="gesperrt">ursprngliche</em> und <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Merkmale.
+Ein ursprngliches Merkmal des Parallelogramms ist die
+Parallelitt der Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die
+Gleichheit derselben.</p>
+
+<p>Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen
+der Begriff gebildet wird, mu nicht notwendig von verschiedenen
+Individuen herrhren, sondern sie kann auch
+auf <em class="gesperrt">dasselbe Individuum</em> zu verschiedenen Zeiten sich
+beziehen, und dann erhalten wir den <em class="gesperrt">Individualbegriff</em>.
+So machen wir uns besonders von menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
+Individuen Individualbegriffen, indem wir die verschiedenen
+Individualvorstellungen, die wir von ihnen aus
+verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_32" id="Par_32"></a> 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.</h3>
+
+<p>An jedem Begriff wird unterschieden: der <em class="gesperrt">Inhalt</em>,
+d. h. die Gesamtheit der darin gedachten Merkmale, und
+der <em class="gesperrt">Umfang</em>, d. h. die Summe der Gegenstnde oder
+Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale
+Viereck und Parallelitt der Gegenseiten, den Umfang
+desselben: die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboide;
+den Inhalt des Begriffs Tier: organisches Wesen,
+Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Sugetiere,
+Vgel, Amphibien, Fische, Wrmer u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<p>Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch
+zufllige Merkmale aufgenommen, so wird der Umfang
+desselben zu klein, der Begriff ist <em class="gesperrt">zu eng</em>. Wenn nicht
+alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu gro, d. h. der Begriff ist <em class="gesperrt">zu weit</em>.
+Der Begriff Parallelogramm wird zu eng, wenn er das
+Merkmal gleichseitig erhlt, denn aus seinem Gebiet
+werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid ausgeschlossen;
+er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelitt der Gegenseiten weggelassen wird, denn
+dann fllt er mit dem Begriff des Vierecks zusammen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Je grer der Inhalt eines Begriffes,
+desto kleiner der Umfang, und je grer der
+Umfang, desto kleiner der Inhalt.</em> Begriffsumfang
+und Begriffsinhalt stehen also ihrer Gre nach
+in umgekehrtem Verhltnis zueinander. So ist der
+Umfang des Begriffs Geld grer als der Umfang des<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
+Begriffs Silbergeld, denn er umfat auch das Kupfergeld,
+Goldgeld und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner,
+nmlich um das Merkmal Silber. Der Umfang eines
+Begriffs wird also durch Hinzufgung von Merkmalen
+beschrnkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).</p>
+
+
+<h3><a name="Par_33" id="Par_33"></a> 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.</h3>
+
+<p>Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und
+Umfang des Begriffs hngt die Klarheit und Deutlichkeit
+desselben ab. Ein Begriff ist <em class="gesperrt">klar</em>, wenn man das,
+was zu seinem Umfang gehrt, genau von dem unterscheiden
+kann, was in den Umfang anderer Begriffe fllt,
+so da keine Verwechslung mglich ist. So ist der
+Begriff Logik klar, wenn man ihn von Psychologie, Erkenntnistheorie,
+Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist <em class="gesperrt">deutlich</em>, wenn die Merkmale, die seinen
+Inhalt bilden, fr sich klar sind. So hat derjenige einen
+deutlichen Begriff der Logik, der von der Wissenschaft
+berhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine klare
+Vorstellung hat.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_34" id="Par_34"></a> 34. Die Arten der Begriffe.</h3>
+
+<p>Nach dem Inhalt unterscheidet man <em class="gesperrt">einfache</em> und
+<em class="gesperrt">zusammengesetzte</em> Begriffe, je nachdem dieselben nur
+ein einziges oder mehrere Merkmale enthalten. Einfache
+Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; zusammengesetzte:
+Lwe, Sechseck, Urteil.</p>
+
+<p>Nach dem Verhltnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet
+man <em class="gesperrt">untergeordnete</em> (subordinierte), <em class="gesperrt">bergeordnete</em>
+(superordinierte) und <em class="gesperrt">nebengeordnete</em>
+(koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der unmittelbar
+aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
+man <em class="gesperrt">Artbegriff</em>, z.&nbsp;B. den Begriff Nachtigall; denjenigen,
+der selbst wieder aus Artbegriffen entstanden ist
+und deshalb die Individualvorstellungen nur mittelbar in
+sich befat, den <em class="gesperrt">Gattungsbegriff</em>, z.&nbsp;B. Singvogel.
+Der Gattungsbegriff heit auch der <em class="gesperrt">hhere</em> oder <em class="gesperrt">weitere</em>
+und der Artbegriff der <em class="gesperrt">niedere</em> oder <em class="gesperrt">engere</em> Begriff.
+Aus Gattungsbegriffen knnen wieder andere hhere
+Gattungsbegriffe gebildet werden, so fllt der Begriff
+Singvogel unter die hheren Gattungsbegriffe: Vogel,
+Tier, organisches Geschpf, Krper, von denen jeder wieder
+einen weiteren Umfang hat, als der vorhergehende, so
+da ein Gattungsbegriff im Verhltnis zum folgenden
+hheren immer wieder als Artbegriff betrachtet werden
+knnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen hufig durch besondere Ausdrcke bezeichnet,
+wo dann auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte
+Stelle haben. So konstruiert besonders die
+Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung,
+Art, Individuum.</p>
+
+<p>Begriffe, die demselben nchsthheren Gattungsbegriff
+untergeordnet sind, stehen im Verhltnis der <em class="gesperrt">Beiordnung</em>
+oder Koordination, z.&nbsp;B. Frhling, Sommer,
+Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschlieen, so stehen sie
+in einem gewissen <em class="gesperrt">Gegensatz</em> und zwar im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>
+Gegensatz (Widerspruch), wenn es <em class="gesperrt">nur
+zwei Begriffe sind</em>, die miteinander den Umfang des
+hheren Begriffs ausfllen, so da der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z.&nbsp;B. Mensch und Nichtmensch,
+zeitlich und ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig;
+im <em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatz (Widerstreit), wenn es
+<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span><em class="gesperrt">mehrere Begriffe</em> sind, so da sie sich zwar auch gegenseitig
+ausschlieen, aber mit anderen Begriffen sich in
+den Umfang des hheren Begriffes teilen. Was sich
+nicht bewegt, ruht; daraus aber, da es nicht Frhling
+ist, folgt nicht, da es Sommer sein mu, es kann auch
+Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden zugleich.</p>
+
+<p>Zwei Begriffe sind <em class="gesperrt">identische</em> oder <em class="gesperrt">Wechselbegriffe</em>,
+wenn sie nach Inhalt und Umfang sich
+decken, z.&nbsp;B. der Begriff eines gleichseitigen und der
+eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begrnder
+der Logik. Der Unterschied besteht dann nur
+im sprachlichen Ausdruck, der nur je nach dem Zusammenhang
+eine der Seiten des Begriffes besonders hervorhebt.
+Zwei Begriffe <em class="gesperrt">kreuzen sich</em>, wenn sie nur einen Teil
+ihres Umfanges gemeinsam haben, z.&nbsp;B. Neger und Sklaven;
+sie sind <em class="gesperrt">einstimmig</em>, wenn sie an demselben Gegenstand
+vorkommen knnen, z.&nbsp;B. rechtwinklig und gleichseitig an
+dem Begriff Quadrat. <em class="gesperrt">Disparate</em> Begriffe nennt man
+diejenigen, welche berhaupt nicht im Umfang eines beiden
+gemeinsamen hheren Begriffs untergebracht werden knnen,
+z.&nbsp;B. Dreieck und Tapferkeit.</p>
+
+
+<h3>2. Die Urteile.</h3>
+
+<h3><a name="Par_35" id="Par_35"></a> 35. Das Wesen des Urteils.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung
+oder Trennung zweier Begriffe, der mit dem
+Bewutsein seiner Allgemeingltigkeit vollzogen
+wird.</em> Die sprachliche Form des Urteils ist der <em class="gesperrt">Aussagesatz</em>.
+In jedem Urteil wird etwas von etwas ausgesagt.
+Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das <em class="gesperrt">Subjekt</em>
+und das, was ausgesagt wird, das <em class="gesperrt">Prdikat</em>. Die
+<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>Ineinssetzung beider wird durch die <em class="gesperrt">Kopula</em> vermittelt.
+Sprachlich wird die Kopula ausgedrckt durch die Flexionsendung
+des Verbums. In dem Urteil: das Eisen glht,
+ist Eisen der Subjektsbegriff, glhen der Prdikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung
+zwischen Subjekt und Prdikat darzustellen. Auch wo
+das Verbum <em class="gesperrt">sein als Kopula</em> verwendet wird, sagt es
+nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus (Existentialurteil),
+sondern dient nur als Trger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prdikat verknpfen soll, z.&nbsp;B.
+der Pegasus ist geflgelt.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_36" id="Par_36"></a> 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.</h3>
+
+<p>Die herkmmliche Einteilung der Urteile, die in ihren
+Grundzgen von Kant aufgestellt wurde, ist die nach den
+4 Gesichtspunkten, die bei jedem Urteil in Betracht
+kommen sollen, nach der <em class="gesperrt">Quantitt</em>, <em class="gesperrt">Qualitt</em>, <em class="gesperrt">Relation</em>
+und <em class="gesperrt">Modalitt</em>.</p>
+
+
+<h4>1. Die Quantitt.</h4>
+
+<p>Nach der Quantitt unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">allgemeine</em>
+Urteile, wo das Prdikat von dem ganzen Umfang des
+Subjekts gilt: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; alle Menschen sind sterblich;
+2. <em class="gesperrt">besondere oder partikulre</em> Urteile, wo das
+Prdikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts
+gilt: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; einige Knige waren Philosophen;
+und 3. <em class="gesperrt">einzelne oder individuelle</em> Urteile, wo
+das Prdikat von einem einzelnen Individuum gilt:
+<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; Bismarck ist ein groer Mann.</p>
+
+<p>Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf
+sie jedenfalls der <em class="gesperrt">Ergnzung</em>. Es wurde mit Recht
+angefhrt, das <em class="gesperrt">individuelle</em> Urteil knne auch als allgemeines
+betrachtet werden, da auch bei ihm das Prdikat
+vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
+Fall, da das Prdikat, wenn auch vom ganzen Umfang
+des Subjekts, so doch nur von einem Individuum gilt,
+eigenartig genug, um als solcher eine besondere Art zu
+begrnden. Das <em class="gesperrt">partikulre</em> Urteil kann als selbstndiges
+nur festgehalten werden, wenn es nher bestimmt
+wird, so da es entweder lautet: <em class="gesperrt">nur</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>,
+oder: <em class="gesperrt">mindestens</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>. Das ganz unbestimmte
+partikulre Urteil: einige Menschen sind sterblich,
+ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende
+allgemein vorbereitet, z.&nbsp;B.: (mindestens) einige Fixsterne
+haben eigene Bewegung, oder ein allgemeines verneint,
+z.&nbsp;B.: (nur) einige Planeten haben Monde, hat es selbstndige
+Berechtigung. Beim <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Urteil
+mu unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen
+und dem unbedingt allgemeinen. Beim <em class="gesperrt">empirisch
+allgemeinen</em> beruht die Behauptung, da das
+Prdikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zhlung, z.&nbsp;B. in dem Urteil: alle Geladenen sind
+gekommen, auf einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen
+mit der Zahl der Geladenen. Beim <em class="gesperrt">unbedingt
+allgemeinen</em> Urteil wird das Prdikat auf
+Grund eines Wesenszusammenhanges im voraus auch von
+denjenigen Subjekten ausgesagt, an denen es noch nicht
+beobachtet wurde, z.&nbsp;B.: alle Rechtecke haben gleiche
+Diagonalen.</p>
+
+
+<h4>2. Die Qualitt.</h4>
+
+<p>Nach der Qualitt werden die Urteile eingeteilt in
+1. <em class="gesperrt">bejahende</em> oder affirmative, wo Subjekt und Prdikat
+in eins gesetzt werden: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">verneinende</em> oder
+negative, wo Subjekt und Prdikat getrennt werden;
+3. <em class="gesperrt">unendliche</em> oder limitierende, wo das Subjekt mit
+einem verneinten Prdikat verknpft wird: <span class="antiqua">S</span> ist Nicht <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
+
+<p>Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere
+gelten, sie fllt vielmehr mit dem verneinenden Urteil
+zusammen. <em class="gesperrt">Unendlich</em> werden diese <em class="gesperrt">Urteile</em> genannt,
+weil z.&nbsp;B. in dem Urteil: dieser Mensch ist nichtschuldig,
+dem Subjekt die unendliche Anzahl aller mglichen Prdikate,
+mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird.
+Dieses unendliche Prdikat ist aber nicht vorstellbar und
+wird auch tatschlich nie vorzustellen versucht. Man denkt
+sich unter dem Nichtschuldig nicht alle mglichen Prdikate,
+z.&nbsp;B. blau, sechseckig, gasfrmig, vielmehr ist auch hier
+die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.</p>
+
+<p>Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantitt
+und Qualitt ergeben sich <em class="gesperrt">vier Arten von Urteilen</em>,
+die in der Logik durch die 4&nbsp;Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span>
+bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle <span class="antiqua">S</span>
+sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">a</span>); 2. das allgemein verneinende: kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">e</span>);
+3. das partikulr bejahende: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">i</span>); 4. das
+partikulr verneinende: einige <span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">o</span>). Die
+Buchstaben sind den Wrtern <span class="antiqua">affirmo</span> (ich bejahe) und
+<span class="antiqua">nego</span> (ich verneine) entnommen.</p>
+
+
+<h4>3. Die Relation.</h4>
+
+<p>Nach der Relation, d.&nbsp;h. nach der Art der Beziehung
+zwischen Subjekt und Prdikat unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">kategorische</em>
+Urteile, die eine einfache Aussage enthalten:
+<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile, die nur bedingt etwas
+aussagen: wenn <span class="antiqua">X</span> ist, so ist <span class="antiqua">S P</span>; wenn das Glas gerieben
+wird, so entwickelt sich Elektrizitt; 3. das <em class="gesperrt">disjunktive</em>
+Urteil, welches aussagt, da dem Subjekt von
+mehreren sich ausschlieenden Prdikaten jedenfalls eines
+zukomme: <span class="antiqua">S</span> ist entweder <span class="antiqua">P</span> oder <span class="antiqua">Q</span> oder <span class="antiqua">R</span>; Dreiecke
+sind entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig;<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
+entweder die Franzosen oder die Deutschen
+werden siegen.</p>
+
+<p>Im <em class="gesperrt">hypothetischen</em> Urteil sind also an die Stelle
+des Subjekts und des Prdikats zwei Stze getreten, die
+in das Verhltnis von <em class="gesperrt">Grund und Folge</em> zueinander
+gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, da in einem bestimmten Augenblick das Glas
+gerieben wird, noch da sich Elektrizitt entwickelt, sondern
+es sind zwei als <em class="gesperrt">Hypothesen</em> aufgestellte Stze, von
+denen nur behauptet wird, da die Gltigkeit des einen
+die notwendige Folge der Gltigkeit des anderen sei.
+Die <em class="gesperrt">Negation</em> kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher
+Weise auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz
+oder beide oder endlich die notwendige Folge selbst
+verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der Himmel bewlkt
+ist, fllt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht
+krumm ist, so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht
+gleichseitig ist, so ist es auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn
+ein Parallelogramm rechtwinklig ist, so ist es darum nicht
+notwendig ein Quadrat.</p>
+
+<p>Zum <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil gehrt eigentlich eine
+<em class="gesperrt">Reihe mglicher Stze</em>, die sich gegenseitig ausschlieen,
+und die zusammen den Umfang des Subjekts- oder Prdikatsbegriffs
+erschpfen: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">Q</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">R</span>, die
+also bei zwei Gliedern im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>, bei
+mehr Gliedern im <em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatze stehen.</p>
+
+
+<h4>4. Die Modalitt.</h4>
+
+<p>Nach der Modalitt werden die Urteile eingeteilt in
+1. <em class="gesperrt">problematische</em>, wo die Verknpfung oder Trennung
+von Subjekt und Prdikat nur als Vermutung hingestellt
+wird: <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein; 2. <em class="gesperrt">assertorische</em>, deren Gltigkeit
+<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>schlechthin behauptet wird: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 3. <em class="gesperrt">apodiktische</em>,
+deren Gltigkeit als notwendig hingestellt wird: <span class="antiqua">S</span> mu
+<span class="antiqua">P</span> sein.</p>
+
+<p>Das problematische Urteil leidet in dieser Form an
+einer gewissen Zweideutigkeit. <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein, drckt sowohl
+die <em class="gesperrt">subjektive Ungewiheit</em> aus: der See ist
+vielleicht gefroren, die Erscheinung des Lichtes beruht
+vielleicht auf therschwingungen, als auch die <em class="gesperrt">objektive
+Mglichkeit</em>: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil
+enthlt nichts Problematisches, denn es spricht dem Wasser
+mit Bestimmtheit eine Eigenschaft zu, die unter <em class="gesperrt">gewissen
+Bedingungen</em> mit Sicherheit eintritt. Dagegen ist das
+Urteil ber die Erklrung der Erscheinung des Lichtes
+ein wirklich problematisches, fr das aber doch derjenige,
+der es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand
+der Wissenschaft Allgemeingltigkeit beansprucht. Nur der
+<em class="gesperrt">Unterschied zwischen assertorischem und apodiktischem
+Urteil</em> fllt dahin, da jedes Urteil, also auch
+das assertorische, mit dem Bewutsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_37" id="Par_37"></a> 37. Die &#8222;zusammengesetzten&#8221; Urteile.</h3>
+
+<p>Im Anschlu an den grammatikalischen Unterschied
+zwischen einfachen und zusammengesetzten Stzen wurde
+in der Logik zwischen <em class="gesperrt">einfachen</em> Urteilen, die nur aus
+Subjekt, Prdikat und Kopula bestehen, und <em class="gesperrt">zusammengesetzten</em>
+Urteilen, die mehrere einfache in sich schlieen,
+unterschieden.</p>
+
+<p>Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben
+den schon genannten hypothetischen und disjunktiven Urteilen
+folgende gerechnet:</p>
+
+<p>1. Die <em class="gesperrt">konjunktiven</em> Urteile. Von demselben Subjekt
+werden mehrere Prdikate bejaht oder verneint.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="konjunktive Urteile">
+<tr><td align="center" rowspan="2"><span class="antiqua">S</span> ist &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">&nbsp;sowohl&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P</span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">weder</td><td align="center">&nbsp;noch&nbsp;</td><td align="center">&nbsp;noch&nbsp;</td> </tr>
+</table></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>2. Die <em class="gesperrt">kopulativen</em> Urteile. Von mehreren Subjekten
+wird dasselbe Prdikat bejaht oder verneint.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="kopulative Urteile">
+<tr><td align="center">Sowohl&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>1</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>2</sup></span> &nbsp;<big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; <span class="antiqua">S<sup>3</sup></span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">Weder</td><td align="center">&nbsp; noch &nbsp;</td><td align="center">&nbsp; noch &nbsp;</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">divisiven</em> Urteile. Dem Gattungsbegriff
+werden die seinen ganzen Umfang erschpfenden Artbegriffe
+als Prdikate beigelegt. <span class="antiqua">S</span> ist teils <span class="antiqua">P</span> teils <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> teils <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.
+Das divisive Urteil steht in naher <em class="gesperrt">Beziehung zum
+disjunktiven</em>. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch
+divisiv ausdrcken, z.&nbsp;B. das disjunktive Urteil: die Linien
+sind entweder gerade oder krumm, lautet divisiv: die
+Linien sind teils gerade, teils krumm. Doch scheiden sie
+sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck voneinander.
+Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte,
+von denen die Disjunktion gilt, also genauer: <em class="gesperrt">eine Linie</em>
+ist entweder gerade oder krumm; beim divisiven Urteil
+ist es der Subjektsbegriff nach seinem ganzen Umfang,
+der in seine Teile zerlegt wird: <em class="gesperrt">die</em> Linien (berhaupt)
+sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prdikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln,
+lassen sich gar nicht in divisive verwandeln; z.&nbsp;B.: die
+Welt ist entweder von Ewigkeit her oder geworden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">hypothetischen</em> und <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteile
+werden jedoch nicht mit dem gleichen Recht, wie die konjunktiven,
+kopulativen und disjunktiven, zusammengesetzte
+Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbstndigen
+Urteilen, sondern nur aus <em class="gesperrt">hypothetischen Stzen</em>, die
+fr sich allein keine allgemeine Gltigkeit beanspruchen.
+Man sah deshalb mit Recht auch bei der Annahme von
+zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als einfache
+an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vorderstze oder mehrere
+Nachstze oder beides besitzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
+
+<p>Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken,
+wenn man das konjunktive, kopulative oder divisive Urteil
+als ein <em class="gesperrt">zusammengesetztes Urteil</em> bezeichnen will;
+denn es sind eigentlich <em class="gesperrt">verschiedene selbstndige</em> Urteile,
+deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten
+Urteil in diesem Sinn zu reden, wre also
+ungefhr dasselbe, wie wenn man eine Strae ein zusammengesetztes
+Haus nennen wollte (Mill). Es mten
+dann neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten
+<em class="gesperrt">Stze mit wenn, obgleich, aber</em> u.&nbsp;s.&nbsp;w. als
+zusammengesetzte Urteile aufgefhrt werden; alle diese
+Satzverbindungen begrnden jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenber dem einfachen Urteil. Es
+empfiehlt sich daher berhaupt nicht, von einem zusammengesetzten
+Urteil zu sprechen, sondern nur von einer <em class="gesperrt">Zusammensetzung
+von Urteilen</em>; denn die Urteile, die
+so bezeichnet werden knnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven,
+teils nur aus einer sprachlichen Verbindung selbstndiger
+Urteile.</p>
+
+<p>Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation
+aufrecht erhalten lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung
+oder Trennung bildet das <em class="gesperrt">Verhltnis von
+Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentmliche Art der Beziehung</em> zwischen den an
+Stelle des Subjekts und Prdikats tretenden Stzen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_38" id="Par_38"></a> 38. bersicht der Urteilsarten.</h3>
+
+<p>Die Betrachtung der Urteile nach Quantitt, Qualitt,
+Relation und Modalitt hat ergeben, da die traditionelle
+Einteilung im einzelnen verschiedene Mngel hat, da
+aber die damit aufgestellten Einteilungsgrnde in der<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
+Hauptsache festgehalten werden knnen. Der allgemeine
+<em class="gesperrt">Akt des Urteilens selbst</em> ist allerdings berall derselbe
+(Sigwart), berall wird ein Subjekt mit einem Prdikat
+in eins gesetzt oder von ihm getrennt und fr diesen
+Akt Allgemeingltigkeit in Anspruch genommen, aber <em class="gesperrt">die
+Urteile erleiden Modifikationen je nach der Beschaffenheit
+der Subjekte, der Prdikate und der
+Kopula</em>. Die verschiedenen Arten dieser Bestandteile des
+Urteils haben immer einen wesentlichen Einflu auf das
+Urteil selbst, und so bietet sich als einfachste <em class="gesperrt">Einteilung
+die nach den Subjekts-, den Prdikats- und den
+Beziehungsformen</em> (so Wundt, von dem jedoch die
+Auffassung und Ausfhrung der folgenden Einteilung abweicht);
+danach wrde sich ungefhr folgende Einteilung
+der Urteile ergeben:</p>
+
+
+<h4>I. Nach den Subjektsformen.</h4>
+
+<p>1. In Beziehung auf die <em class="gesperrt">Zeit der Gltigkeit</em> der
+Urteile:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Erzhlende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt
+eine Individualvorstellung zu Grunde, die als solche
+einer bestimmten Zeit angehrt. Das Urteil selbst
+ist daher <em class="gesperrt">nur fr einen bestimmten Zeitabschnitt
+gltig</em>, z.&nbsp;B.: diese Blume ist schn.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Erklrende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt
+eine Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche
+an keinen bestimmten Zeitabschnitt gebunden ist. Das
+Urteil selbst <em class="gesperrt">bezieht sich</em> deshalb <em class="gesperrt">auf keinen
+einzelnen Zeitpunkt</em>, z.&nbsp;B.: das Gold ist gelb.</p></blockquote>
+
+<p>2. In Beziehung auf den <em class="gesperrt">Umfang ihrer Gltigkeit</em> (Quantitt):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Urteile mit Impersonalien.</em> Das Subjekt ist
+ein unpersnliches Frwort. Das Urteil gibt nur der<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
+unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung als solcher
+Ausdruck, das Frwort ist nur der sprachliche Ersatz
+eines Subjektes, der als leere Form gewohnheitsmig
+hinzugefgt wird, z.&nbsp;B.: es blitzt, es
+regnet. Daher ist auch der <em class="gesperrt">Umfang der Gltigkeit
+des Urteils unbestimmt</em>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Individuelle Urteile.</em> Der Umfang der Gltigkeit
+des Urteils <em class="gesperrt">beschrnkt sich auf den Individualbegriff</em>,
+der das Subjekt bildet, z.&nbsp;B.:
+Csar hat gesiegt.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Partikulre Urteile.</em> Das Subjekt steht in unbestimmter
+Mehrzahl. Das Urteil gilt zunchst nur
+<em class="gesperrt">fr einen Teil des Umfangs des Subjektsbegriffs</em>:</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Urteil und Subjektsbegriff">
+<tr><td align="center">mindestens&nbsp;</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big>&nbsp; einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">nur</td></tr>
+</table></div>
+
+<p><span class="antiqua">d)</span> <em class="gesperrt">Allgemeine Urteile.</em> Das Subjekt umfat alle
+Individuen, die unter einen bestimmten Begriff
+fallen, und zwar entweder auf Grund der Erfahrung
+(<em class="gesperrt">empirisch allgemein</em>) oder auf Grund eines
+Wesenszusammenhangs (<em class="gesperrt">unbedingt allgemein</em>)
+(s. S.&nbsp;<a href="#Seite_76">76</a>). Bei dem letzteren wird die Allgemeinheit
+statt durch: alle, jeder, keiner, auch durch den
+einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrckt,
+z.&nbsp;B.: das Tier hat Empfindung.</p></blockquote>
+
+
+<h4><span class="antiqua">II.</span> Nach den Prdikatsformen.</h4>
+
+<p>Je nach den Vorstellungen, die dem Prdikatsbegriff
+zu Grunde liegen, wechselt die Art der Anknpfung des
+Prdikats an das Subjekt, die bejaht oder verneint wird.
+Es lassen sich <em class="gesperrt">fnf Hauptarten von Vorstellungen</em>
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene
+Wortformen gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von
+<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span><em class="gesperrt">Dingen</em>, von deren <em class="gesperrt">Ttigkeiten</em> und <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>,
+von den <em class="gesperrt">Modifikationen</em> der Ttigkeiten oder Eigenschaften
+und von den <em class="gesperrt">Beziehungen</em> zwischen den Dingen.
+Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.</p>
+
+<p>Danach ergeben sich <em class="gesperrt">fnf Prdikatsformen</em>,
+welche die Urteilsfunktion selbst modifizieren.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Subsumtionsurteile.</em> Der Prdikatsbegriff
+ist ein Gattungsbegriff, in dessen greren Umfang der
+Subjektsbegriff fllt, z.&nbsp;B.: dies ist Eisen, der Walfisch
+ist ein Sugetier.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Ttigkeitsurteile.</em> Der Prdikatsbegriff
+spricht dem Subjekt eine Ttigkeit zu: die Erde bewegt sich.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Eigenschaftsurteile.</em> Das Prdikat wird als
+Eigenschaft dem Subjekt beigelegt: Schnee ist wei.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt">Modifikationsurteile.</em> Die Ttigkeiten und
+Eigenschaften werden auf einer hheren Stufe des Denkens
+<em class="gesperrt">fr sich betrachtet</em> und zu <em class="gesperrt">abstrakten Substantiven</em>
+gemacht. Sie knnen dann selbst verschiedene
+<em class="gesperrt">Modifikationen als Prdikate</em> erhalten, z.&nbsp;B.:
+dieses Rot ist schn; die Bewegung der Brieftaube
+ist schnell.</p>
+
+<p>5. <em class="gesperrt">Beziehungsurteile.</em> Das Prdikat sagt eine
+Beziehung zwischen verschiedenen Gegenstnden aus, z.&nbsp;B.:
+die Stadt liegt am Rhein. Hier ist eine rumliche Beziehung
+zwischen der Stadt und dem Rhein ausgesprochen.</p>
+
+
+<h4><span class="antiqua">III.</span> Nach den Beziehungsformen.</h4>
+
+<p>Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das
+Prdikat auf das Subjekt bezogen wird:</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Nach der Gltigkeit oder Ungltigkeit
+der Beziehung berhaupt</em> (Qualitt):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Bejahende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Verneinende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist nicht <span class="antiqua">P</span>.</p></blockquote>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Nach der Art der Beziehung</em> (Relation):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Kategorische: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Hypothetische: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> Disjunktive: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span>.</p></blockquote>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Nach der Art der Gltigkeit der Beziehung</em>
+(Modalitt):</p>
+
+<blockquote>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Bedingt gltige Urteile: die Vermutung und die
+Hypothese: <span class="antiqua">A</span> ist vielleicht <span class="antiqua">P</span>.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Unbedingt gltige Urteile: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder mu <span class="antiqua">P</span> sein.</p></blockquote>
+
+<p>Jedes Urteil lt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z.&nbsp;B. die Urteile: alle
+Menschen sind sterblich, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1.&nbsp;b), 2.&nbsp;d), nach <span class="antiqua">II.</span>
+unter 3., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1.&nbsp;a), 2.&nbsp;a), 3.&nbsp;b); Hannibal
+mute entweder siegen oder untergehen, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1.&nbsp;a),
+2.&nbsp;b), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1.&nbsp;a), 2.&nbsp;c), 3.&nbsp;b);
+zuweilen, wenn der Blitz einschlgt, zndet er, nach <span class="antiqua">I.</span>
+unter 1.&nbsp;b), 2.&nbsp;c), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter
+1.&nbsp;a), 2.&nbsp;b), 3.&nbsp;b).</p>
+
+
+<h3>3. Die Schlsse.</h3>
+
+<h3><a name="Par_39" id="Par_39"></a> 39. Die Grundgesetze des Denkens.</h3>
+
+<p>Bei dem Schluverfahren werden gewisse einfache
+Regeln befolgt, die zwar Grundgesetze des Denkens berhaupt
+sind, die aber besonders beim Schlieen hervortreten
+und deshalb am besten hier behandelt werden.</p>
+
+<p>Es werden gewhnlich <em class="gesperrt">vier Grundgesetze des
+Denkens</em> gezhlt.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Der Grundsatz der Identitt</em> (<span class="antiqua">principium
+identitatis</span>) lautet in seiner ursprnglichen Form: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>,
+<em class="gesperrt">jeder Begriff, jedes Urteil ist sich selbst gleich</em>;
+als dazu gehrig wurde auch der Grundsatz der <em class="gesperrt">Einstimmigkeit</em>
+aufgestellt: <span class="antiqua">A</span>, welches <span class="antiqua">B</span> ist, ist <span class="antiqua">B</span>, von<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
+einem Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt
+werden.</p>
+
+<p>2. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des Widerspruchs</em> (<span class="antiqua">principium
+contradictionis</span>) lautet nach Aristoteles: &#8222;Es ist unmglich,
+da dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich
+zukomme und nicht zukomme.&#8221; <em class="gesperrt">Kontradiktorisch einander
+entgegengesetzte Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist
+nicht <span class="antiqua">B</span>, knnen nicht beide zugleich wahr sein.</em>
+Vielmehr folgt aus der Wahrheit des einen die Falschheit
+des andern.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten</em>
+(<span class="antiqua">principium exclusi tertii</span>) lautet: <em class="gesperrt">Zwei kontradiktorisch
+einander entgegengesetzte Urteile</em>: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span>
+ist nicht <span class="antiqua">B</span>, <em class="gesperrt">knnen nicht beide zugleich falsch sein</em>,
+ein drittes Urteil ber dieselbe Beziehung zwischen <span class="antiqua">A</span> und
+<span class="antiqua">B</span> ist ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt
+also die Wahrheit des andern.</p>
+
+<p>4. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des zureichenden Grundes</em>
+(<span class="antiqua">principium rationis sufficientis</span>) lautet: <em class="gesperrt">Jedes Urteil
+mu einen zureichenden Grund haben.</em> Die Art,
+wie dieses Verhltnis von Grund und Folge zum Fortschritt
+im Denken bentzt wird, ist noch genauer formuliert
+in dem Grundgesetz des logischen Zusammenhangs: <em class="gesperrt">Mit
+dem Grund ist die Folge gesetzt und mit der
+Folge der Grund aufgehoben.</em></p>
+
+<p>Die wichtigsten dieser Stze sind der Grundsatz des
+Widerspruchs und der des zureichenden Grundes. Der
+<em class="gesperrt">Grundsatz der Identitt</em> ist, fr sich betrachtet, gnzlich
+<em class="gesperrt">inhaltslos</em>; er kommt fr das Denken erst in Betracht,
+wenn dem Satze: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, der andere gegenbertritt:
+<span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">A</span>, wenn er also in den Satz des Widerspruchs
+bergeht. Eine <em class="gesperrt">psychologische Forderung</em> ist
+allerdings im Satz der Identitt eingeschlossen, nmlich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
+<em class="gesperrt">die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben
+Sinn zu fassen</em>; dies ist aber eine Voraussetzung
+fr alles Denken, die nicht erst von der Logik
+festzustellen ist. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des ausgeschlossenen
+Dritten</em> beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung
+mit dem Charakter der Verneinung berhaupt
+und wird deshalb besser nicht als ein selbstndiger Satz
+festgehalten. Die beiden Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist nicht
+<span class="antiqua">B</span>, knnen nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an,
+beide wren falsch, also zu verneinen, so wrden sich die
+beiden Stze: <span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>, nebeneinander
+als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.</p>
+
+<p>Von dem <em class="gesperrt">logischen Grund</em> der Wahrheit eines
+Urteils ist zu unterscheiden der &mdash; ebenfalls jedesmal
+vorhandene &mdash; <em class="gesperrt">psychologische Grund</em> seiner Gewiheit,
+die subjektiven Grnde, die den Urteilenden veranlassen,
+das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund
+oder <em class="gesperrt">Erkenntnisgrund</em> steht ferner gegenber der <em class="gesperrt">Realgrund</em>
+oder die Ursache im Verhltnis zur Wirkung, die
+reale Kausalitt. Z.&nbsp;B. das Sinken der Temperatur kann
+von uns als Grund bentzt werden, um eine Folge, z.&nbsp;B.
+das Fallen der Quecksilbersule des Thermometers, daran
+zu knpfen, und die Mehrzahl logischer Grnde beruht
+auf solcher realer Kausalitt; aber es gibt auch viele Erkenntnisgrnde,
+welche nicht zugleich Realgrnde sind, z.&nbsp;B.
+alle, welche den Ausgangspunkt fr mathematische Folgerungen
+bilden.</p>
+
+<p>So bleiben also als die beiden Grundgesetze des
+Denkens der <em class="gesperrt">Satz des Widerspruchs und der Satz
+des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge</em> brig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
+Denken, indem es durch Vermeidung des Widerspruchs
+Einheit, durch allseitige Begrndung Zusammenhang herzustellen
+sucht (vgl.&nbsp;<a href="#Seite_7">S.&nbsp;7</a>).</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">A.</span> Der unmittelbare Schlu.</h3>
+
+<h3><a name="Par_40" id="Par_40"></a> 40. Der Schlu aus einem Begriff.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Schlu ist die Ableitung eines Urteils
+aus einem oder mehreren anderen Urteilen</em>; die
+Ableitung eines Urteils aus einem andern heit <em class="gesperrt">unmittelbarer
+Schlu</em>, die Ableitung aus mehreren andern
+<em class="gesperrt">mittelbarer Schlu</em>.</p>
+
+<p>Der unmittelbare Schlu wird gewhnlich durch Umformung
+eines Urteils gewonnen, er soll aber auch auf
+analytischem Wege aus einem Begriff abgeleitet werden
+knnen.</p>
+
+<p>Dieser <em class="gesperrt">Schlu aus einem Begriff</em> berhrt sich
+nahe mit dem Unterschied zwischen <em class="gesperrt">analytischen</em> und
+<em class="gesperrt">synthetischen</em> Urteilen. Der vieldeutige Unterschied wird
+von Kant folgendermaen bestimmt: &#8222;In allen Urteilen,
+worinnen das Verhltnis eines Subjekts zum Prdikat
+gedacht wird, ist dieses Verhltnis auf zweierlei Art mglich.
+Entweder das Prdikat <span class="antiqua">B</span> gehrt zum Subjekt <span class="antiqua">A</span>
+als etwas, was in diesem Begriffe <span class="antiqua">A</span> (versteckterweise)
+enthalten ist; oder <span class="antiqua">B</span> liegt ganz auer dem Begriff <span class="antiqua">A</span>,
+ob es zwar mit demselben in Verknpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknpfung des Prdikats mit
+dem Subjekte durch Identitt, diejenigen aber, in denen
+diese Verknpfung ohne Identitt gedacht wird, sollen
+synthetische heien. Die ersteren knnte man auch Erluterungs-,
+die andern Erweiterungsurteile heien, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
+jene durch das Prdikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in
+seine Teilbegriffe zerfllen, die in selbigem schon (obgleich
+verworren) gedacht waren; dahingegen die letzteren zu
+dem Begriffe des Subjekts ein Prdikat hinzutun, welches
+in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung
+desselben htte knnen herausgezogen werden.&#8221;
+So ist nach Kant das Urteil: alle Krper sind ausgedehnt,
+ein analytisches, denn man drfe den Begriff eines
+Krpers nur zergliedern, um das Prdikat darin anzutreffen;
+das Urteil: alle Krper sind schwer, ein synthetisches,
+denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloen Begriff eines Krpers berhaupt gedacht werde.
+Man knnte also auf dem einfachen Wege der Analyse
+des Begriffs Krper das Urteil gewinnen: alle Krper
+sind ausgedehnt.</p>
+
+<p>Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten,
+so mu sie nach zwei Seiten berichtigt werden.</p>
+
+<p>1. Kant setzt voraus, da es <em class="gesperrt">Begriffe von allgemein
+anerkanntem Inhalt mit gleicher Wortbezeichnung
+gebe</em>. In Wirklichkeit knnte dasselbe
+Urteil: alle Krper sind schwer, fr den einen ein analytisches,
+fr den andern ein synthetisches sein, je nachdem
+sie das Merkmal der Schwere schon in ihren Begriff des
+Krpers aufgenommen oder noch nicht aufgenommen htten.
+Es hngt also <em class="gesperrt">von dem Bildungsstande des Urteilenden
+und von der Stufe der Wissenschaft
+ab</em>, ob ein Urteil ein analytisches oder ein synthetisches
+ist. Das analytische Urteil ist dann nur unter der Voraussetzung
+richtig, da der Subjektsbegriff richtig ist, oder
+mit andern Worten: da die Prdikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen
+wurden; daher ist wohl auch die Ableitung eines<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
+Urteils aus einem Begriffe nicht als eine besondere Art
+des Schlusses anzusehen.</p>
+
+<p>2. Kant redet beim analytischen Urteil nur <em class="gesperrt">von Begriffen</em>,
+es wird aber zugegeben werden mssen, da es
+auch auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> ein analytisches
+Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne ich
+nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der
+gelben Rose, die ich vor mir habe. Nur fr denjenigen
+wre dieses Urteil ein synthetisches, den ich durch meine
+Beschreibung der gelben Rose veranlassen wrde, zu seinem
+Begriff der Rose das Merkmal gelb, das fr ihn nicht
+unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufgen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_41" id="Par_41"></a> 41. Die Konversion.</h3>
+
+<p>Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt
+durch <em class="gesperrt">Umformung des gegebenen Urteils</em>. Es werden
+gewhnlich 7 Arten solcher Umformungen aufgefhrt.</p>
+
+<p>Die erste derselben ist die <em class="gesperrt">Konversion</em> (Umkehrung).
+Sie besteht darin, da die Glieder des Urteils ihre
+Stellung wechseln; es wird z.&nbsp;B. im kategorischen Urteil
+das Subjekt zum Prdikat und das Prdikat zum Subjekt,
+im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und
+der Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht
+mit oder ohne Vernderung der Quantitt; im ersten Fall
+heit sie <em class="gesperrt">unreine</em> (<span class="antiqua">conversio per accidens</span>), im zweiten
+Fall <em class="gesperrt">rein</em> (<span class="antiqua">conversio simplex</span>).</p>
+
+<p>Fr die einzelnen Formen der Kombination von Quantitt
+und Qualitt: allgemein bejahende <span class="antiqua">a</span>, partikulr
+bejahende <span class="antiqua">i</span>, allgemein verneinende <span class="antiqua">e</span> und partikulr verneinende
+<span class="antiqua">o</span>, ergibt sich folgendes:</p>
+
+<div class="figright" style="width: 280px; max-width: 35%">
+<img src="images/abb_91_1.png" width="280" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">a</span> wird <span class="antiqua">i</span></em> (unreine Umkehrung). Z.&nbsp;B. der
+Satz: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von
+gleichem Inhalt, lt nur eine unreine Umkehrung zu:<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
+einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+<em class="gesperrt">Reine Umkehrung</em> ist nur als Ausnahme in dem Fall
+mglich, wenn der Umfang des Subjekts- und des Prdikatsbegriffes
+sich decken; z.&nbsp;B.: alle gleichseitigen Dreiecke sind
+auch gleichwinklig. Das Verhltnis der Begriffe lt sich
+am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt sich,
+da der dem Subjektsbegriff <span class="antiqua">S</span> entsprechende Kreis entweder
+ganz in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> fllt, wie bei 1.,
+oder da beide Kreise sich decken, wie bei 2. Daraus
+ergibt sich, da jedenfalls einige <span class="antiqua">S</span>, unter Umstnden alle
+in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span>
+fallen, so da bei 1. nur unreine, bei
+2. reine Umkehrung mglich ist.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em>&emsp;<span class="antiqua">i</span>&emsp;<em class="gesperrt">wird</em>&emsp;<span class="antiqua">i</span> (reine Umkehrung).
+Einige Parallelogramme sind regelmige Figuren, einige regelmige Figuren sind
+Parallelogramme. In dem fr <span class="antiqua">i</span> natrlichen Falle 1.
+schneiden sich die Kreise, und der beiden gemeinsame Raum
+versinnlicht die Mglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis <span class="antiqua">P</span> kann aber auch ganz in den Kreis <span class="antiqua">S</span> fallen, wie
+bei 2., dann ist die Umkehrung unrein, z.&nbsp;B.: einige Parallelogramme
+sind Rechtecke, alle Rechtecke sind Parallelogramme;
+oder <span class="antiqua">S</span> in sich schlieen, wie bei 3. und 4., wo sich wieder
+<span class="antiqua">i</span> ergibt.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_91_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 300px; max-width: 40%;">
+<img src="images/abb_91_3.png" width="300" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span> (reine
+Umkehrung). Kein Schuldloser
+ist unglcklich, kein Unglcklicher
+schuldlos. Die beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
+Kreise <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> sind vollstndig getrennt, kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>
+und kein <span class="antiqua">P S</span>.
+<br class="both" /></p>
+
+<p>4. Aus <span class="antiqua">o</span> <em class="gesperrt">folgt nichts</em>. Durch das Urteil: einige
+<span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span>, ist das Verhltnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu
+wenig bestimmt, als da etwas daraus gefolgert werden
+knnte. Die Flle 1., 2. und 3. sind alle von <span class="antiqua">o</span> aus
+mglich, es lt sich aber kein allen gemeinsames Urteil
+mit <span class="antiqua">P</span> als Subjekt daraus ableiten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_92.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+
+<h3><a name="Par_42" id="Par_42"></a> 42. Die Kontraposition.</h3>
+
+<p>Bei der <em class="gesperrt">Kontraposition</em> wechseln die Glieder des
+Urteils ihre Stellung, das kontradiktorische Gegenteil des
+Prdikats wird zum Subjekt und die Qualitt des Urteils
+wird verndert.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">a</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span>. Aus: jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, folgt: alle
+Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span> oder kein Nicht<span class="antiqua">P</span> ist <span class="antiqua">S</span>; z.&nbsp;B.: jeder
+wirklich religise Mensch handelt auch sittlich; wer nicht
+sittlich handelt, ist kein wirklich religiser Mensch. Nach
+den Figuren <a href="#Par_41">&nbsp;41</a> fr a ist klar, da, da <span class="antiqua">S</span> ganz in <span class="antiqua">P</span>
+liegt, alles, was auerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegt, also
+Nicht<span class="antiqua">P</span> ist, auch auerhalb des Kreises S liegen mu,
+also nicht <span class="antiqua">S</span> ist.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span>. Wenn kein <span class="antiqua">S P</span> ist, so sind
+mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>, vgl. die Fig. <a href="#Par_41">&nbsp;41</a> <span class="antiqua">e</span>; denn
+da <span class="antiqua">S</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so fllt es jedenfalls in
+den Raum auerhalb <span class="antiqua">P</span>, d.&nbsp;h. von Nicht<span class="antiqua">P</span>; z.&nbsp;B.: nichts
+Gutes ist unschn, einiges nicht Unschne ist gut.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">o</span> wird <span class="antiqua">i</span>.</em> Wenn einige <span class="antiqua">S</span> nicht <span class="antiqua">P</span> sind, so
+sind mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>. Nach den 3 Figuren
+<a href="#Par_41">&nbsp;41</a> <span class="antiqua">o</span> mu jedenfalls ein Teil von <span class="antiqua">S</span> auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen,
+also mit einigen Nicht<span class="antiqua">P</span> zusammenfallen; z.&nbsp;B.: einiges
+Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">i</span> folgt nichts.</em> Durch Kontraposition wrde
+sich ergeben: einige Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>, und dies wrde
+fr Figur <a href="#Par_41">&nbsp;41</a>. i. 1. 3. 4. zutreffen, aber bei Fig.&nbsp;2 ist
+die Mglichkeit denkbar, da <span class="antiqua">S</span> die Gesamtheit alles
+Seienden umfat, dann wre es nicht richtig, da einige
+Nicht<span class="antiqua">P</span> nicht <span class="antiqua">S</span> sind, denn alle Nicht<span class="antiqua">P</span> wren <span class="antiqua">S</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_43" id="Par_43"></a> 43. Die Umwandlung der Relation.</h3>
+
+<p>Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht
+auf der <em class="gesperrt">Vernderung der Relation. Aus dem einfachen
+kategorischen</em> Urteil: alle <span class="antiqua">A</span> sind <span class="antiqua">B</span>, kann <span class="antiqua">ein
+hypothetisches</span> abgeleitet werden: wenn etwas <span class="antiqua">A</span> ist,
+so ist es <span class="antiqua">B</span>, z.&nbsp;B.: jeder Feigling ist verchtlich; wenn
+einer ein Feigling ist, so ist er verchtlich. Aus dem
+<em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil knnen mehrere hypothetische abgeleitet
+werden. Das disjunktive Urteil: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span>
+oder <span class="antiqua">C</span>, schliet die beiden hypothetischen ein: wenn <span class="antiqua">A</span>
+nicht <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es <span class="antiqua">C</span>, und: wenn <span class="antiqua">A</span> nicht <span class="antiqua">C</span> ist, so ist
+es B, z.&nbsp;B.: die Menschen stammen entweder von einem
+oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen sich zusammengehrige
+<em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile in <em class="gesperrt">einem disjunktiven</em>
+aussprechen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_44" id="Par_44"></a> 44. Die Subalternation.</h3>
+
+<p>Bei der Subalternation wird daraus, da ein Urteil
+von dem <em class="gesperrt">ganzen Umfang</em> des Subjektsbegriffes gilt,
+geschlossen, da es auch <em class="gesperrt">von einem Teil</em> desselben gilt.
+Dagegen folgt <em class="gesperrt">aus der Verneinung des partikulren<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
+auch die Verneinung des entsprechenden
+allgemeinen Urteils</em>. Es folgt 1. aus der Wahrheit
+von <span class="antiqua">a</span> die von <span class="antiqua">i</span>, 2. aus der Unwahrheit von <span class="antiqua">i</span> die von <span class="antiqua">a</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_45" id="Par_45"></a> 45. Die quipollenz.</h3>
+
+<p>Bei dem unmittelbaren Schlu durch quipollenz wird
+die Qualitt des Urteils selbst und die des Prdikats
+verndert und nach dem Grundsatz: <span class="antiqua">Duplex negatio affirmat</span>,
+ein mit dem ersten bereinstimmendes Urteil hergestellt.
+Aus: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, wird: kein <span class="antiqua">S</span> ist ein Nicht<span class="antiqua">P</span>,
+z.&nbsp;B.: jede Lge ist verwerflich; es gibt keine Lge, die
+nicht verwerflich wre.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_46" id="Par_46"></a> 46. Die Opposition.</h3>
+
+<p>Der unmittelbare Schlu durch Opposition besteht
+darin, da <em class="gesperrt">aus der Wahrheit eines Urteils die
+Unwahrheit seines Gegenteils</em> gefolgert wird <em class="gesperrt">und
+umgekehrt</em>. Wie die Begriffe, so knnen auch die Urteile
+in einem kontradiktorischen und in einem kontrren
+Gegensatz stehen. <em class="gesperrt">Im kontradiktorischen Gegensatz
+stehen zwei Urteile, von denen das eine dasselbe
+bejaht, was das andere verneint</em>, also: das allgemein
+bejahende und das partikulr verneinende, das
+allgemein verneinende und das partikulr bejahende. Im
+<em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatz stehen diejenigen Urteile, von denen
+zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere Mglichkeiten
+brig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide knnen falsch sein, und
+dann ist noch das partikulr bejahende und das partikulr
+verneinende mglich, z.&nbsp;B. falsch <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">e</span>, richtig <span class="antiqua">i</span>:
+einige Menschen erreichen ein Alter von hundert Jahren.
+Daneben wird noch das <em class="gesperrt">subkontrre</em> Verhltnis unterschieden,
+in welchem das partikulr bejahende und das<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
+partikulr verneinende Urteil zueinander stehen, und das
+Verhltnis der <em class="gesperrt">Subalternation</em> (vgl.&nbsp;<a href="#Par_44">&nbsp;44</a>) oder Unterordnung,
+das von solchen Urteilen gilt, die das von dem
+ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte auch auf
+einen Teil desselben beziehen.</p>
+
+<p>Diese Verhltnisse der Urteile lassen sich in folgendem
+Schema veranschaulichen:</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" width="80%" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Urteile">
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <col width="3%" />
+ <tbody>
+ <tr>
+ <td><strong>A</strong></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9" align="right">Kontrrer</td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9">Gegensatz</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td><strong>E</strong></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td colspan="27"></td>
+ <td> </td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>K</td>
+ <td colspan="25"></td>
+ <td>z</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="23"></td>
+ <td>t</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="4"></td>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="21"></td>
+ <td>a</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="19"></td>
+ <td>s</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="6"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="17"></td>
+ <td>n</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="7"></td>
+ <td>a</td>
+ <td colspan="15"></td>
+ <td>e</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>g</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>i</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>e</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>U</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>k</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>G</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>U</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="10"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="18"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>t</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>r</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>e</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>i</td>
+ <td></td>
+ <td>h</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>r</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="14"></td>
+ <td>sc</td>
+ <td colspan="14"></td>
+ <td>o</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>i</td>
+ <td></td>
+ <td>h</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>r</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>r</td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="12"></td>
+ <td>d</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>u</td>
+ <td colspan="10"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="18"></td>
+ <td>u</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>k</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>G</td>
+ <td colspan="9"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>g</td>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>i</td>
+ <td colspan="11"></td>
+ <td>e</td>
+ <td colspan="8"></td>
+ <td>g</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="7"></td>
+ <td>d</td>
+ <td colspan="13"></td>
+ <td>g</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="6"></td>
+ <td>a</td>
+ <td colspan="15"></td>
+ <td>e</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td>r</td>
+ <td colspan="17"></td>
+ <td>n</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="4"></td>
+ <td>t</td>
+ <td colspan="19"></td>
+ <td>s</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td colspan="3"></td>
+ <td>n</td>
+ <td colspan="21"></td>
+ <td>a</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>o</td>
+ <td colspan="23"></td>
+ <td>t</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td>K</td>
+ <td colspan="25"></td>
+ <td>z</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td colspan="27"></td>
+ <td> </td>
+ <td></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><strong>I</strong></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9" align="right">Subkontrrer</td>
+ <td></td>
+ <td colspan="9">Gegensatz</td>
+ <td colspan="5"></td>
+ <td><strong>O</strong></td>
+ </tr>
+ </tbody>
+</table>
+</div>
+
+
+<p>Der unmittelbare Schlu durch Opposition erfolgt
+demgem nach folgenden Regeln:</p>
+
+<p>1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit
+seines kontradiktorischen Gegenteils.</p>
+
+<p>2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit
+seines kontradiktorischen Gegenteils.</p>
+
+<p>3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit
+des kontrr entgegengesetzten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
+
+<p>4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit
+des entsprechenden subkontrren.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_47" id="Par_47"></a> 47. Die modale Konsequenz.</h3>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">modale Konsequenz</em> besteht darin, da die sogenannte
+Modalitt der Urteile verndert wird; dann folgt:</p>
+
+<p>1. Aus der Gltigkeit des apodiktischen Urteils die
+des entsprechenden assertorischen und des problematischen,
+und aus der Gltigkeit des assertorischen die des problematischen
+Urteils. Z.&nbsp;B.: die Summe der Winkel eines
+Dreiecks betrgt notwendig und deshalb immer auch tatschlich
+zwei Rechte.</p>
+
+<p>2. Aus der Ungltigkeit des problematischen Urteils
+die des assertorischen und apodiktischen, und aus der des
+assertorischen die des apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung
+unrichtig, da <span class="antiqua">A</span> <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es auch tatschlich
+nicht so und mu nicht so sein.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_48" id="Par_48"></a> 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse.</h3>
+
+<p>Die unmittelbaren Schlsse sind von <em class="gesperrt">ungleichem
+Werte</em>. Von geringerer Bedeutung sind die quipollenz,
+die Subalternation, die modale Konsequenz und die Vernderung
+der Relation, teils weil sie Selbstverstndliches
+aussagen, teils weil sie nur sprachliche Umformungen darstellen.
+Doch knnen die letzteren, so z.&nbsp;B. durch Umwandlung
+der Relation, dazu dienen, den Urteilen <em class="gesperrt">diejenige
+sprachliche Form zu geben</em>, die am meisten
+ihrem logischen Charakter entspricht, und so berhaupt
+den Blick fr die sprachliche Einkleidung der logischen
+Formen schrfen.</p>
+
+<p>Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und
+die Kontraposition. Die <em class="gesperrt">Opposition</em> fhrt zur scharfen
+Fassung des gegenseitigen Verhltnisses der Urteile. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
+<em class="gesperrt">unreine Konversion</em> des allgemein bejahenden Urteils
+gibt Aufschlu darber: 1. da Subjekt und Prdikat nicht
+notwendig zusammengehren, 2. da sie miteinander vereinbar
+sind. Die <em class="gesperrt">reine Konversion</em> des allgemein verneinenden
+Urteils vermittelt die wichtige Erkenntnis, da
+zwei Begriffe <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> einander gegenseitig ausschlieen.
+Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> stellt die negative Seite der Zusammengehrigkeit
+zweier Begriffe dar: wenn alle <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">P</span>
+sind, so findet sich berall, wo <span class="antiqua">P</span> sich nicht findet, auch
+<span class="antiqua">S</span> nicht.</p>
+
+<p>Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils
+erleiden jedoch dadurch eine <em class="gesperrt">gewisse Einschrnkung</em>,
+da sie Urteile voraussetzen, in denen das Prdikat auch
+wirklich Subjekt werden und als der hhere Begriff gegenber
+dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in
+dem Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke
+von gleichem Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren
+Schlsse auch <em class="gesperrt">vom hypothetischen Urteil
+aus</em> vollziehen, und hier gewinnen besonders die genannten
+beiden Formen grere Bedeutung. Die unreine Konversion
+von <span class="antiqua">a</span>: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>: zuweilen wenn
+<span class="antiqua">B</span> gilt, gilt <span class="antiqua">A</span>, drckt dann aus, da aus der Wahrheit
+der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des Grundes
+geschlossen werden kann; <em class="gesperrt">die reine Konversion</em> von <span class="antiqua">e</span>:
+Wenn <span class="antiqua">A</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span> nicht, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so
+gilt <span class="antiqua">A</span> nicht: da, wenn mit der Verneinung des Grundes
+die Verneinung der Folge verknpft ist, auch das Umgekehrte
+wahr ist. Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> aber: Wenn <span class="antiqua">A</span>
+gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">A</span> nicht, wird
+zum Ausdruck des Gesetzes der logischen Notwendigkeit,
+da mit der Folge der Grund aufgehoben ist, z.&nbsp;B. das
+Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen wird, so stirbt
+er, gestattet unmittelbar den Schlu aus der Kontraposition:<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
+Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn
+einer stirbt, so wurde er durchs Herz geschossen; denn die
+Folge, das Sterben, ist auch noch an andere Grnde
+geknpft.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">B.</span> Der mittelbare Schlu.</h3>
+
+<h3><a name="Par_49" id="Par_49"></a> 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.</h3>
+
+<p>Der mittelbare Schlu ist entweder ein Schlu <em class="gesperrt">vom
+Allgemeinen auf das Besondere</em> oder ein Schlu
+<em class="gesperrt">vom Besonderen auf das Allgemeine</em>. Im ersteren
+Fall heit er <em class="gesperrt">Syllogismus</em> im engeren Sinn, im
+zweiten <em class="gesperrt">Induktion</em>.</p>
+
+<p>Der Syllogismus ist ein <em class="gesperrt">einfacher</em>, wenn er aus
+zwei Urteilen, ein <em class="gesperrt">zusammengesetzter</em>, wenn er aus
+mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. Die Urteile, aus
+denen das neue Urteil abgeleitet wird, heien <em class="gesperrt">Prmissen</em>
+(<span class="antiqua">propositiones praemissae</span>), das abgeleitete Urteil <em class="gesperrt">Schlusatz</em>
+(<span class="antiqua">conclusio</span>). Die Mglichkeit, den Schlusatz aus den
+Prmissen abzuleiten, beruht darauf, da die Prmissen
+einen Begriff gemeinsam haben, den sogenannten <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>
+(<span class="antiqua">terminus medius</span>), der im Schlusatz nicht mehr
+vorkommt. Diejenige Prmisse, welche das Subjekt des
+Schlusatzes, den <em class="gesperrt">Unterbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus minor</span>), oder
+das untergeordnete Satzglied, z.&nbsp;B. beim hypothetischen
+Urteil den Vordersatz, enthlt, wird <em class="gesperrt">Untersatz</em> (<span class="antiqua">propositio
+minor</span>), diejenige, welche das Prdikat des Schlusatzes,
+den <em class="gesperrt">Oberbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus major</span>) enthlt, <em class="gesperrt">Obersatz</em>
+(<span class="antiqua">propositio major</span>) genannt. Alle zusammen bilden
+die <em class="gesperrt">Elemente</em> des Schlusses (<span class="antiqua">syllogismi elementa</span>).</p>
+
+<p>Die Syllogismen werden je nach der Stellung des
+<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>Mittelbegriffes in verschiedene <em class="gesperrt">Schlufiguren</em> eingeteilt.
+Es sind <em class="gesperrt">4 Flle der Stellung des Mittelbegriffs</em>
+mglich. Er ist entweder in beiden Prmissen Prdikat,
+oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prmisse Subjekt,
+in der andern Prdikat; der letztere Fall lt wieder
+zwei Mglichkeiten offen, da der Mittelbegriff entweder im
+Ober- oder im Untersatz Prdikat und im andern Subjekt
+sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit <span class="antiqua">S</span>,
+den Prdikatsbegriff mit <span class="antiqua">P</span> und den Mittelbegriff mit <span class="antiqua">M</span>,
+so lassen sich die 4 Schlufiguren in folgendem Schema
+darstellen:</p>
+
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Schlufiguren">
+<tr><td align="center">1.&nbsp;</td><td align="center">M P</td><td align="center">&emsp;2.&nbsp;</td><td align="center">P M</td><td align="center">&emsp;3.&nbsp;</td><td align="center">M P</td><td align="center">&emsp;4.&nbsp;</td><td align="center">P M</td></tr>
+<tr><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">M S</td><td></td><td align="center">M S</td></tr>
+<tr><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles
+aufgestellt, die vierte von dem Arzt und Philosophen
+Galenus (&dagger;&nbsp;200&nbsp;n.&nbsp;Chr.); sie wird daher die galenische
+genannt.</p>
+
+<p>Innerhalb einer jeden Figur wrden sich nun durch
+Kombination von Quantitt und Qualitt der Prmissen
+nach den Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> 16 Formen denken lassen,
+die folgende Tafel darstellt, wobei der erste Buchstabe
+auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kombination von Quantitt und Qualitt der Prmissen">
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+ <col width="10%" />
+<tbody>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">i a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">o a</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a e</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o e)</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i i)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o i)</span></td></tr>
+<tr><td align="center"><span class="antiqua">a o</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o o)</span></td></tr>
+</tbody>
+</table></div>
+
+<p>Im ganzen wrden sich also <em class="gesperrt">64 Kombinationsformen
+der Prmissen oder Modi</em> denken lassen. Von diesen
+erweist sich aber eine grere Anzahl als unbrauchbar,
+teils aus allgemeinen Grnden, die fr alle 4 Figuren
+gleichmig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen
+der einzelnen Figuren widersprechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_50" id="Par_50"></a> 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der
+kategorischen Schlsse.</h3>
+
+<p>1. <em class="gesperrt">Aus rein verneinenden Prmissen folgt
+nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere negativis nihil sequitur</span>). Es sind drei
+Flle mglich.</p>
+
+<p><span class="antiqua">a</span>) <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind allgemein verneinend</em>:
+<span class="antiqua">e e</span>. Daraus folgt, da sowohl <span class="antiqua">S</span> als <span class="antiqua">P</span> von dem Mittelbegriff
+<span class="antiqua">M</span> vollstndig getrennt sind; da aber durch den
+Mittelbegriff das gegenseitige Verhltnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span>
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umstnden
+ber dieses Verhltnis nichts erschlossen werden. Es ergibt
+sich eine Reihe von Mglichkeiten, ber die nicht entschieden
+werden kann, wie die folgende Veranschaulichung
+durch Kreise zeigt:</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_100.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b</span>) <em class="gesperrt">Die eine Prmisse ist allgemein, die andere
+partikulr verneinend</em>: <span class="antiqua">e o</span>. ber das Verhltnis von
+<span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> lt sich nichts aussagen, weil die unbestimmte
+partikulr verneinende Prmisse neben andern Formen<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
+auch die allgemein verneinende nicht ausschliet, so da
+die Unsicherheit von <span class="antiqua">a)</span> nur vermehrt ist.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr verneinend</em>:
+<span class="antiqua">o o</span>. Da das bei <span class="antiqua">b)</span> Gesagte hier noch mehr gilt,
+so ist die Unsicherheit eine noch grere.</p>
+
+<p>Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: <span class="antiqua">ee</span>, <span class="antiqua">eo</span>, <span class="antiqua">oe</span>, <span class="antiqua">oo</span>.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Aus rein partikulren Prmissen folgt
+nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere particularibus nihil sequitur</span>).</p>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr bejahend</em>:
+<span class="antiqua">i i</span>. Das Verhltnis der Begriffe <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu <span class="antiqua">M</span> ist zu
+unbestimmt, als da daraus ber das Verhltnis von <span class="antiqua">S</span>
+und <span class="antiqua">P</span> etwas erschlossen werden knnte; vgl. die folgenden
+Figuren, die alle <span class="antiqua">i i</span> entsprechen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_101_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Eine</em> Prmisse ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>, die
+<em class="gesperrt">andere partikulr verneinend</em>: <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span>. Auf Grund
+der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe von Mglichkeiten,
+zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. die Fig.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 90%;">
+<img src="images/abb_101_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr verneinend</em>:
+<span class="antiqua">oo</span>. Dieser Fall deckt sich mit&nbsp;1.&nbsp;<span class="antiqua">c)</span>.</p>
+
+<p>Es fallen also auer <span class="antiqua">oo</span> noch weg: <span class="antiqua">ii</span>, <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span> in
+jeder Form, also 12 weitere Modi.</p>
+
+<p>3. Aus einem <em class="gesperrt">partikulren Obersatz</em> und <em class="gesperrt">einem
+verneinenden Untersatz</em> ergibt sich kein logisch gltiger
+Schlusatz.</p>
+
+<p><span class="antiqua">a)</span> Der Obersatz ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>, der Untersatz
+<em class="gesperrt">allgemein verneinend</em>: <span class="antiqua">i e</span>: Einige <span class="antiqua">M</span> sind <span class="antiqua">P</span>.
+<em class="gesperrt">Kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">M</span>.</em> Aus den unter dieser Voraussetzung
+mglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der Schlusatz:
+Einige <span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>; aber wenn der Oberbegriff <span class="antiqua">P</span>
+als Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen
+verndert, der Schlu ist dann aus einem partikulren
+Untersatz und einem verneinenden Obersatz gewonnen
+worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes Resultat,
+vgl. Fig.</p>
+
+<div class="figcenter" style="max-width: 90%; height: auto;">
+<img src="images/abb_102.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">b)</span> Der <em class="gesperrt">Obersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>: <span class="antiqua">oe</span> und</p>
+
+<p><span class="antiqua">c)</span> der <em class="gesperrt">Untersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulr verneinend</em>, sind
+schon durch 1. und 2. ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Durch diese Regel fllt ein neuer Modus weg: <span class="antiqua">i e</span>,
+so da von den 64 Modi im ganzen 32 beseitigt wurden,
+die in der Tafel S. <a href="#Seite_99">99</a> durch Klammern bezeichnet sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
+
+<p>Auerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch
+die besonderen Gesetze der einzelnen Figuren ausgeschlossen.
+Der <em class="gesperrt">Beweis</em> fr die brigbleibenden Modi wurde von
+Aristoteles und den Scholastikern durch Zurckfhrung auf
+die Modi der ersten Figur gefhrt; deutlicher und anschaulicher
+ist der Beweis durch Kreise.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_51" id="Par_51"></a> 51. Die erste Figur.</h3>
+
+<p>Die erste Figur hat den <em class="gesperrt">Mittelbegriff als Subjekt
+im Obersatz, als Prdikat im Untersatz</em>. Aus
+ihren Modi sind noch diejenigen auszuscheiden, 1. deren
+Obersatz partikulr und 2. deren Untersatz verneinend ist.
+Es fallen also noch weg: <span class="antiqua">ia</span>, <span class="antiqua">oa</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ao</span>, und es bleiben
+nur folgende 4 brig: <span class="antiqua">aa</span>, <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ai</span>, <span class="antiqua">ei</span>. Von den Scholastikern,
+zuerst von Petrus Hispanus (&dagger;&nbsp;1277 als Papst Johann <span class="antiqua">XXI.</span>),
+wurden den einzelnen Modi Namen gegeben, deren drei
+Vokale nacheinander die logische Form des Obersatzes, des
+Untersatzes und des Schlusatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prmissen samt dem
+Schlusatz allgemein bejahenden Charakter haben, also
+<span class="antiqua"><em class="gesperrt">aaa</em></span> hie daher <span class="antiqua">Barbara</span>. Smtliche Modi der 4 Figuren
+wurden in folgenden <span class="antiqua">Versus memoriales</span> zusammengefat:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><span class="antiqua">Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae<br /></span></span>
+<span class="i0"><span class="antiqua">Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.</span><br /></span>
+</div></div>
+
+<p><em class="gesperrt"><span class="antiqua">1. Barbara</span></em>
+hat die Form</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Barbara Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Menschen sind sterblich</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Knige sind Menschen</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Knige sind sterblich.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen
+dieses Modus entsprechen, ergibt sich, da der Kreis <span class="antiqua">S</span>
+innerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegen oder mit demselben sich
+decken mu, weil er in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fllt, der selbst von
+<span class="antiqua">P</span> umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Celarent</span></em></p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Celarent Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mensch ist frei von Irrtum</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Logiker sind Menschen</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Kein Logiker ist frei von Irrtum.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so mu auch <span class="antiqua">S</span>, das
+ganz in <span class="antiqua">M</span> liegt, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darii</span></em></p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darii Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;a&nbsp;P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind regelmige Figuren</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke sind regelmige Figuren.</td></tr>
+</table></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 480px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_104_3.png" width="480" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
+
+<p>Kreis <span class="antiqua">M</span> mu ganz in Kreis <span class="antiqua">P</span> liegen; wenn also
+einige <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">M</span> sind, so mssen mindestens diese &#8222;einige <span class="antiqua">S</span>&#8221;
+auch in <span class="antiqua">P</span> liegen.</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferio</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferio Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Nichts Vergngliches hat unbedingten Wert</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Gter sind vergnglich</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Gter haben keinen unbedingten Wert.</td></tr>
+</table><br /></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_105.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegt, so mssen mindestens
+diejenigen <span class="antiqua">S</span>, die <span class="antiqua">M</span> sind, ebenfalls auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_52" id="Par_52"></a> 52. Die zweite Figur.</h3>
+
+<p>Bei der zweiten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in
+beiden Prmissen Prdikat</em>. Die beiden Regeln fr
+diese Figur sind: 1. der Obersatz mu allgemein und
+2. eine der beiden Prmissen mu verneinend sein. Durch
+1. fallen noch <span class="antiqua">ia</span> und <span class="antiqua">oa</span>, durch 2. <span class="antiqua">aa</span> und <span class="antiqua">ai</span> aus, und
+es bleiben ebenfalls 4 brig: <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ei</span>, <span class="antiqua">ao</span>.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cesare</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Cesare Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die Tugenden beruhen auf Vorsatz</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind die Tugenden nicht Affekte.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;">
+<img src="images/abb_106.png" width="600" alt="Mengendiagramm" />
+</div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz von <span class="antiqua">M</span> getrennt ist, so mu auch <span class="antiqua">S</span>, das
+in <span class="antiqua">M</span> liegt, ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Camestres</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Camestres Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P&nbsp;a&nbsp;M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem gehrenden Weltkrper mu die Bahn des Uranus vollstndig bestimmen</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;e&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus vollstndig</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;e&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Folglich bilden die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Dieser Schlu des Astronomen Leverrier fhrte zur
+Entdeckung des Neptun durch Galle (1846).</p>
+
+<p><span class="antiqua">Camestres</span> hat hnlichkeit mit <span class="antiqua">Cesare</span>, nur <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span>
+haben ihre Rollen vertauscht. Der Beweis ist daher mit
+vernderten Zeichen derselbe.</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Festino</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Festino Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Keine wahre Kunst ist blo mechanische Ttigkeit</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuositt ist blo mechanische Ttigkeit</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuositt ist keine wahre Kunst.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">M</span> von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so mssen auch diejenigen
+<span class="antiqua">S</span>, die in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Baroco</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Baroco Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P&nbsp;a&nbsp;M</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die rechte Gesinnung</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;o&nbsp;M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte Gesinnung</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;o&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen Menschen.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz in Kreis <span class="antiqua">M</span> fllt, so knnen diejenigen <span class="antiqua">S</span>,
+die nicht in Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, auch nicht in Kreis <span class="antiqua">P</span> fallen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_53" id="Par_53"></a> 53. Die dritte Figur.</h3>
+
+<p>Bei der dritten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in
+beiden Prmissen Subjekt</em>. Als Regel fr die dritte
+Figur gilt, da der Untersatz bejahend sein mu. Es
+fallen also <span class="antiqua">ae</span> und <span class="antiqua">ao</span> weg, so da 6 Modi brig bleiben.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darapti</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darapti Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Wale sind Sugetiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Wale sind Wassertiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind einige Wassertiere Sugetiere.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der Beweis ergibt sich fr diesen und die noch folgenden
+Modi aus einer Betrachtung der Kreisverhltnisse
+nach Analogie der vorangegangenen Beweise.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Felapton</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Felapton Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mohammedaner ist ein Christ</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Mohammedaner sind Monotheisten</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Monotheisten sind nicht Christen.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Disamis</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Disamis Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einige Pronomina der franzsischen Sprache sind der Casusflexion fhig</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M&nbsp;a&nbsp;S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle franzsischen Pronomina sind Wrter der franzsischen Sprache</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S&nbsp;i&nbsp;P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Wrter der franzsischen Sprache sind der Casusflexion fhig.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Datisi</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Datisi Beispiel">
+<tr><td align="left">M a P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschdigt</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Unschuldige werden geschdigt.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bocardo</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bocardo Beispiel">
+<tr align="left"><td align="left">M o P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einige Amphibien haben keine Fe</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Amphibien sind Tiere</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Tiere haben keine Fe.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>6. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferison</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferison Beispiel">
+<tr><td align="left">M e P</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein Mensch ist fehlerlos</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Menschen sind bewundernswert</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_54" id="Par_54"></a> 54. Die vierte Figur.</h3>
+
+<p>Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prdikat, im
+Untersatz Subjekt. Als Regeln fr die vierte Figur
+gelten: 1. Keine Prmisse darf partikulr verneinend sein.
+2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit einem
+partikulr bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen
+also noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fnf Modi brig.</p>
+
+<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bamalip</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bamalip Beispiel">
+<tr><td align="left" valign="top">P&nbsp;a&nbsp;M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle schlechten Wrmeleiter sind Mittel, die Wrme zu erhalten</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">M&nbsp;a&nbsp;S</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wollenen Kleider sind schlechte Wrmeleiter</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">S&nbsp;i&nbsp;P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige von den Mitteln, Wrme zu erhalten, sind wollene Kleider.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Die Prmissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im
+Verhltnis zu Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Calemes</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Calemes Beispiel">
+<tr><td align="left">P a M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Alle Rhomboide sind Parallelogramme</td></tr>
+<tr><td align="left">M e S</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Parallelogramm ist ein Trapez</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S e P</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Trapez ist ein Rhomboid.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Dimatis</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dimatis Beispiel">
+<tr><td align="left">P i M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Einiges Angenehme ist verwerflich</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alles Verwerfliche ist schdlich</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Schdliche ist angenehm.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fesapo</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fesapo Beispiel">
+<tr><td align="left">P e M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein bescheidener Mensch ist hochmtig</td></tr>
+<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Hochmtigen sind beschrnkt</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige beschrnkte Menschen sind nicht bescheiden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fresison</span></em></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fresison Beispiel">
+<tr><td align="left">P e M</td><td align="left">&nbsp; &nbsp;</td><td align="left">Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten</td></tr>
+<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut regiert</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_55" id="Par_55"></a> 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis
+zu den Prmissen.</h3>
+
+<p>Fr die logische Form des Schlusatzes aller vier
+Figuren wurde die Regel aufgestellt: <em class="gesperrt">Der Schlu folgt
+dem schwcheren Teil</em> (<span class="antiqua">conclusio sequitur partem
+debiliorem</span>). Ist also eine der Prmissen partikulr oder
+verneinend, so mu auch der Schlusatz partikulr oder
+verneinend sein. Sind beide Prmissen allgemein, so kann
+der Schlusatz allgemein oder partikulr sein.</p>
+
+<p>Demgem ergeben sich fr die <em class="gesperrt">erste Figur</em> Schlustze
+von allen Formen:&nbsp;<span class="antiqua">a&nbsp;e&nbsp;i&nbsp;o</span>, fr die <em class="gesperrt">zweite</em> nur
+negative:&nbsp;<span class="antiqua">e&nbsp;o</span>, fr die <em class="gesperrt">dritte</em> nur partikulre:&nbsp;<span class="antiqua">i&nbsp;o</span>, fr
+die <em class="gesperrt">vierte</em>: partikulr bejahende, allgemein verneinende
+und partikulr verneinende Schlustze:&nbsp;<span class="antiqua">i&nbsp;e&nbsp;o</span>.</p>
+
+<p>Ebenso folgt in <em class="gesperrt">Beziehung</em> auf die <em class="gesperrt">Modalitt</em>
+der Schlusatz derjenigen Prmisse, welche die <em class="gesperrt">geringere
+Gewiheit hat</em>; er ist apodiktisch, wenn beide Prmissen
+apodiktisch sind, assertorisch oder problematisch, wenn eine
+der Prmissen assertorisch oder problematisch ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
+
+
+<h3><a name="Par_56" id="Par_56"></a> 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.</h3>
+
+<p>Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein
+sehr verschiedener, und es ist ein <em class="gesperrt">Hauptmangel</em> des
+traditionellen Systems, da es im <em class="gesperrt">rein formalen
+Interesse</em> der vollstndigen Klassifikation <em class="gesperrt">alle gleichberechtigt
+nebeneinander</em> stellt. Am wertvollsten ist
+die Form <span class="antiqua">Barbara</span>; ihr folgt besonders die mathematische
+Beweisfhrung. Die brauchbarsten sind berhaupt die
+allgemein bejahenden Schlustze. Die allgemein verneinenden
+geben wenigstens ber die gegenseitige Ausschlieung
+zweier Begriffe, die partikulren Schlustze ber deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehrigkeit
+Auskunft. Die unnatrlichsten Formen finden sich in der
+spter hinzugefgten vierten Figur.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Voraussetzung der traditionellen Lehre</em>
+ist ein schon vorhandenes Begriffssystem, das mit der
+Wirklichkeit bereinstimmt, so da es sich nur um eine
+ber- oder Unterordnung der Begriffe und um eine
+Subsumtion des einzelnen unter die Begriffe handeln
+kann. Mit Rcksicht darauf lassen sich die einzelnen Modi
+auf <em class="gesperrt">zwei Hauptformen zurckfhren</em>. Wenn das
+Urteil gilt: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder nicht <span class="antiqua">P</span>, so knnen offenbar
+auch die einzelnen Merkmale, die <span class="antiqua">P</span> enthlt, von dem
+Subjekt <span class="antiqua">S</span> bejaht oder verneint werden, nach dem Grundsatz:
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nota notae est nota rei ipsius, repugnans
+notae repugnat rei.</span></em> (Das Merkmal des Merkmals
+ist ein Merkmal des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal
+widerspricht, widerspricht auch dem Gegenstand.) Ebenso
+kann das <span class="antiqua">P</span> von allem, was in den Umfang des Subjektes
+<span class="antiqua">S</span> fllt, bejaht oder verneint werden, nach dem
+sogenannten <em class="gesperrt"><span class="antiqua">dictum de omni et nullo</span></em>: Was von allen
+gilt, gilt auch von einigen und einzelnen; was von keinem
+gilt, gilt auch nicht von einigen oder einzelnen. Es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
+natrlich, da die Schlsse, solange sie nur dazu dienen,
+die <em class="gesperrt">schon vorhandenen Begriffsverhltnisse immer
+wieder auszulegen</em>, zum Fortschritt des Wissens nichts
+beitragen. Dies geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst
+der <em class="gesperrt">Neubildung von Begriffen</em> stellen.</p>
+
+<p>Es wurden daher <em class="gesperrt">Versuche verschiedener Art</em>
+gemacht, dem Syllogismus eine fruchtbarere und einheitlichere
+Form zu geben. <em class="gesperrt">Beneke</em> schliet sich noch nahe
+an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes fr einen andern als Prinzip des Syllogismus
+aufstellt. <em class="gesperrt">Lotze</em> stellt das disjunktive Urteil in den
+Vordergrund, whrend <em class="gesperrt">Wundt</em> vor dem Versuche warnt,
+irgend eine Schluform zur <em class="gesperrt">allgemeingltigen</em> zu machen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sigwart</em> sieht in dem <em class="gesperrt">gemischten hypothetischen
+Schlu</em> (s. u.&nbsp;<a href="#Par_57">&nbsp;57</a>) die allgemeinste Form alles Schlieens
+und fhrt dementsprechend alle Schluformen auf den Satz
+der logischen Notwendigkeit zurck, da mit dem Grunde
+die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben
+sei. So ergibt sich z.&nbsp;B. fr alle Modi der 1. und
+2. Figur eine einzige Formel:</p>
+
+<p>Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas <span class="antiqua">B</span> ist, ist es <span class="antiqua">A</span> &mdash; nicht <span class="antiqua">X</span></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Formel Syllogismus">
+<tr><td align="left">1. Figur:&nbsp;</td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">A</span> &mdash; nicht <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left">2. Figur:&nbsp;</td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">A</span> &mdash; ist <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlusatz:&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch <em class="gesperrt">nicht
+unterschtzt</em> werden. Dies geschieht besonders auf Grund
+von zweierlei Einwnden gegen seine Brauchbarkeit.</p>
+
+<p>Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle
+Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist
+Sokrates sterblich, msse der Schlusatz im Obersatz schon
+vorausgesetzt werden: solange es noch ungewi wre, ob<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
+Sokrates sterblich ist, knnte auch der allgemeine Satz:
+alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden,
+der Schlusatz setze also <em class="gesperrt">das schon voraus, was er
+beweisen wolle</em>. Diesen Einwand gab J. St. Mill zu
+und wich ihm aus, indem er den allgemeinen Satz berhaupt
+fallen lie und an Stelle des Syllogismus den
+Schlu vom Besonderen auf das Besondere setzte. Der
+Schlu auf die Sterblichkeit des Sokrates wrde also
+nicht von dem Grundsatz der allgemeinen Sterblichkeit
+ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, da eine
+Anzahl Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst,
+mit seinem allgemeinen Satz, dient nach Mill nur zur
+Sicherung des Verfahrens.</p>
+
+<p>Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings
+nicht zu leugnen, da <em class="gesperrt">tatschlich das bewute
+Schlieen vielfach nur von Besonderem auf Besonderes
+bergeht</em>, aber fr die logische Betrachtung
+ist es auer Zweifel, da die Richtigkeit und Allgemeingltigkeit
+des Schlusses immer von der richtigen Verwendung
+des allgemeinen Satzes abhngig ist. Jener Widerspruch
+aber ist nur gltig, wenn von den tatschlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer <em class="gesperrt">den allgemeinen
+Satz mit seiner Anwendung auf alle
+einzelnen Flle bestndig gegenwrtig htte</em>, der
+bedrfte keines Schlusses; wenn aber tatschlich einmal
+der <em class="gesperrt">Versuch</em> sich einstellt, <em class="gesperrt">dem allgemeinen Satz
+gegenber eine Ausnahme gelten zu lassen</em>, wie
+z.&nbsp;B. gegen jenen allgemeinen Satz von der Sterblichkeit
+in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel
+ins Gedchtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.</p>
+
+<p>Damit hngt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit
+des Syllogismus zusammen: im wirklichen Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
+werden die Schlsse <em class="gesperrt">nie mit dieser Umstndlichkeit
+vollzogen</em>, der Syllogismus knne also in keiner Weise
+das richtige Denken untersttzen. Jedenfalls ist richtig,
+da wir uns beim Denken selten der einzelnen Bestandteile
+des Schlusses nach der Tafel der Syllogismen bewut
+sind. Nach den psychologischen Gesetzen der bung
+und Gewhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten.
+Vielmehr ist im voraus anzunehmen, da auch bei diesen
+unzhligemal verwendeten Formen <em class="gesperrt">die Mittelglieder
+dem Bewutsein entfallen</em> (vgl.&nbsp;<a href="#Par_28">&nbsp;28</a>), so da ganze
+Reihen von Schlssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. <em class="gesperrt">Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten</em>
+wird Glied fr Glied bercksichtigt; mancher Streit
+im tglichen Leben dreht sich um unklar gedachte logische
+Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewuten Elementen
+nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit
+auch dem Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf
+Grund dieser Kenntnis kann es seine Irrwege als solche
+erkennen und mit stetiger Sicherheit fortschreiten.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_57" id="Par_57"></a> 57. Der hypothetische Schlu.</h3>
+
+<p>Der hypothetische Schlu ist ein <em class="gesperrt">Schlu, in welchem</em>
+mindestens der <em class="gesperrt">Obersatz ein hypothetisches Urteil</em>
+ist. Ein Schlu heit <em class="gesperrt">rein</em>, wenn die Prmissen gleiche
+Relation haben, im andern Fall <em class="gesperrt">gemischt</em>. So versteht
+man unter <em class="gesperrt">gemischtem hypothetischen Schlu</em> gewhnlich
+denjenigen Schlu, dessen Obersatz ein hypothetisches, und
+dessen Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="gemischtem hypothetischen Schlu">
+<tr><td align="left">Wenn&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt,</td><td align="left"></td><td align="left">so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt</td><td align="left">&nbsp; oder&nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">X</span> gilt nicht</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left" colspan="3"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also</td><td>gilt <span class="antiqua">X</span></td><td></td><td align="left">also gilt <span class="antiqua">A</span> nicht.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der gemischte hypothetische Schlu ist also die einfache
+Anwendung des Grundgesetzes, da mit dem Grund die<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
+Folge gesetzt (<span class="antiqua">modus ponens</span>), mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist (<span class="antiqua">modus tollens</span>).</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Z.&nbsp;B.:&nbsp;</td><td align="left">Wenn es geregnet hat, so ist es na.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Nun hat es geregnet</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es na,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>aber nicht umgekehrt:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel ungltige Umkehrung">
+<tr><td align="left">nun ist es na</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also hat es geregnet,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>ebensowenig:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel weitere ungltige Umkehrung">
+<tr><td align="left">nun hat es nicht geregnet</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also ist es nicht na,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>dagegen richtig:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel gltige Folgerung">
+<tr><td align="left">nun ist es nicht na</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also hat es nicht geregnet,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder, bei verneinendem Nachsatz:</p>
+
+<p>Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nun gibt es eine Vorsehung</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gibt es keinen Zufall,</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten
+(<span class="antiqua">conditio sine qua non</span>):</p>
+
+<p>Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze
+Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nun ist dieser Satz nicht richtig.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also kann die ganze Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">reine hypothetische Schlu</em> hat zwei hypothetische
+Prmissen. Daraus, da etwas Folge des Grundes
+ist, wird geschlossen, da es auch Folge dessen sein mu,
+dessen Folge der Grund ist. Der <em class="gesperrt">Schlusatz</em> ist dann
+<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>also selbst <em class="gesperrt">hypothetisch</em>, nach dem Schema:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema hypothetischer Schlu">
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">M</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">M</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses lt
+sich auch kurz so ausdrcken: <em class="gesperrt">Die Folge der Folge ist
+auch Folge des Grundes</em>.</p>
+
+<p>
+Z.&nbsp;B.: Wenn sich die Temperatur erhht, so verlngern<br />
+sich die Pendel der Uhren.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Wenn die Pendel der Uhren sich verlngern, so werden die Schwingungen verlangsamt.</td></tr>
+<tr><td align="left">Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also: Wenn die Temperatur sich erhht, so gehen die Uhren nach.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<h3><a name="Par_58" id="Par_58"></a> 58. Der disjunktive Schlu.</h3>
+
+<p>Der disjunktive Schlu ist ein Schlu, <em class="gesperrt">dessen Obersatz
+ein disjunktives Urteil</em> ist. Der Schlu beruht
+auf dem in der Disjunktion ausgesprochenen Verhltnis
+der Glieder.</p>
+
+<p>Es kann also</p>
+
+<p>I. <em class="gesperrt">von der Gltigkeit eines bestimmten Gliedes
+auf die Ungltigkeit der brigen geschlossen
+werden</em> (<span class="antiqua">modus ponendo tollens</span>):</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">A</span> weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span>;</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>II. <em class="gesperrt">auf die Gltigkeit eines Gliedes von der
+Ungltigkeit aller brigen</em> geschlossen werden (<span class="antiqua">modus
+tollendo ponens</span>):</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="modus tollendo ponens">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
+
+<p>Z.&nbsp;B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig
+oder stumpfwinklig.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Nach <span class="antiqua">I.</span></td><td align="left">Nun ist es rechtwinklig</td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.</td></tr>
+<tr><td align="left" colspan="2">Nach <span class="antiqua">II.</span> Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es rechtwinklig.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Ist die Disjunktion eine <em class="gesperrt">mehrgliedrige</em>, so ergibt
+sich fr den Fall <span class="antiqua">I.</span> ein konjunktiv verneinendes Urteil, fr
+den Fall <span class="antiqua">II.</span> eine um ein Glied verkleinerte Disjunktion.
+Bei einer <em class="gesperrt">zweigliedrigen</em> Disjunktion ergibt sich im
+ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das
+einfach bejahende Urteil.</p>
+
+<p>Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das
+<em class="gesperrt">Dilemma</em>, <em class="gesperrt">Trilemma</em>, <em class="gesperrt">Polylemma</em> (<span class="antiqua">syllogismus cornutus</span>).
+Hier wird aus der Verneinung aller Glieder der
+Disjunktion die Verneinung ihrer gemeinschaftlichen Voraussetzung
+erschlossen.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma">
+<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Nun gilt weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gilt auch <span class="antiqua">A</span> nicht;</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>oder kategorisch gefat:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma kategorisch">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Nun ist <span class="antiqua">S</span> weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">S</span> auch nicht <span class="antiqua">A</span>.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Ein Trilemma ist z.&nbsp;B. die folgende Beweisfhrung
+von Leibniz:</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Trilemma von Leibniz">
+<tr><td align="left">
+Wre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter
+allen mglichen Welten, so htte Gott die beste entweder
+nicht gekannt, oder nicht hervorbringen und erhalten knnen,
+oder nicht hervorbringen und erhalten wollen; nun aber
+ist (infolge der gttlichen Weisheit, Allmacht und Gte)<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
+weder das erste, noch das zweite, noch das dritte wahr,<br />
+</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">also ist die wirkliche Welt die beste unter allen mglichen Welten.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_59" id="Par_59"></a> 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse.</h3>
+
+<p>Im <em class="gesperrt">zusammengesetzten Schlu</em> sind mehrere
+Schlsse durch gemeinsame Glieder zu einem Ganzen vereinigt.
+Sind die einzelnen Schlsse so angeordnet, da
+der Schlusatz des ersten Schlusses zu einer Prmisse des
+zweiten, und der Schlusatz des zweiten zu einer Prmisse
+des dritten wird, so entsteht die <em class="gesperrt">Schlukette</em> (<span class="antiqua">syllogismus
+concatenatus</span>). Derjenige Schlu, in welchem der gemeinsame
+Satz Schlusatz ist, heit der <em class="gesperrt">Vorschlu</em> (Prosyllogismus)
+im Verhltnis zum folgenden, dem <em class="gesperrt">Nachschlu</em>
+(Episyllogismus). Bewegt sich die Schlukette in der
+Richtung vom Vorschlu zum Nachschlu, so heit sie
+<em class="gesperrt">episyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">progressiv</em>, im andern Fall
+<em class="gesperrt">prosyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">regressiv</em>.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel">
+<tr><td align="left">Z.&nbsp;B.&nbsp;</td><td align="left">1.&nbsp;</td><td align="left">Der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left">2.</td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Zufriedene ist glcklich</td></tr>
+<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>progressiv in der Richtung: 1. 2.<br />
+regressiv in der Richtung: 2. 1.</p>
+
+<p>Ein Schlu, der durch Weglassung einer der beiden
+Prmissen verkrzt ist, heit ein <em class="gesperrt">Enthymem</em>; z.&nbsp;B.: er
+mu gestraft werden, denn er hat ein Verbrechen begangen.</p>
+
+<p>Wird in einem einfachen Schlu zu einer der beiden
+Prmissen eine Begrndung hinzugefgt, so entsteht das
+<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span><em class="gesperrt">Epicherem</em>.</p>
+
+<p>Wenn in einer progressiven Schlukette alle Schlustze
+auer dem letzten weggelassen werden, so entsteht
+eine einfachere Form, die <em class="gesperrt">Kettenschlu</em> oder <em class="gesperrt">Sorites</em>
+genannt wird. Man unterscheidet nach dem Verhltnis,
+in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+<em class="gesperrt">aristotelischen</em> und dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> (zuerst
+behandelt 1598 von dem Marburger Professor Goklenius).
+Bei dem <em class="gesperrt">aristotelischen Sorites</em> fehlen diejenigen
+Schlustze, welche in dem folgenden Syllogismus Unterstze
+werden, er schreitet also von den niederen Begriffen
+zu den hheren fort und hat folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kettenschlu">
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> &nbsp;</td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">(Schlusatz &nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">(Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Zufriedene ist glcklich</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>Bei dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> fallen diejenigen
+Schlustze aus, welche in dem folgenden Syllogismus
+Oberstze werden, es wird von den hheren Begriffen zu
+den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="goklenischen Sorites">
+<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span> &nbsp;</td><td align="left">der Zufriedene ist glcklich</td></tr>
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">(Schlusatz &nbsp;</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">(Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr>
+<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<h3><a name="Par_60" id="Par_60"></a> 60. Fehlschlsse und Trugschlsse.</h3>
+
+<p>Ein unrichtiger Schlu wird <em class="gesperrt">Fehlschlu</em> (<span class="antiqua">paralogismus</span>)
+genannt, wenn er auf Irrtum beruht, <em class="gesperrt">Trugschlu</em>
+(<span class="antiqua">sophisma</span>), wenn er aus der Absicht, zu tuschen,
+hervorging.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
+
+<p>Solche Schlufehler beruhen teils auf einer <em class="gesperrt">Miachtung</em>
+der <em class="gesperrt">Gesetze des Schlieens</em>, insbesondere
+der fr die Schlufiguren geltenden Regeln, teils auf der
+<em class="gesperrt">Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs</em>. Es sind dann statt der drei Begriffe
+vier, aus denen der Schlu gezogen wird (<span class="antiqua">quaternio terminorum</span>).</p>
+
+<p>Von den folgenden Beispielen enthlt 1. und 5. Fehler
+gegen die Gesetze des Schlieens, 2. 3. 4. eine <span class="antiqua">quaternio
+terminorum</span>, 6. und 7. eine sophistische Verwendung des
+Dilemmas.</p>
+
+
+<p>1.</p>
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 1 Schlufehler">
+<tr><td></td><td align="left">Der Kaukasier hat Menschenrechte</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left">Der Neger ist kein Kaukasier</td></tr>
+<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td></td><td align="left">Folglich hat er keine Menschenrechte.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>2.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 2 Schlufehler">
+<tr><td align="left">Herodes war ein Fuchs</td></tr>
+<tr><td align="left">Alle Fchse haben vier Fe</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also hatte Herodes vier Fe.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>3. Tertullians Schlu:</p>
+
+<p>Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz,
+dauernd mit den Fen nach oben und mit dem Kopf
+nach unten zu leben.</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 3 Schlufehler: Tertullians Schlu">
+<tr><td align="left">Die Antipoden mten dies</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also gibt es keine Antipoden.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>4.</p>
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 4 Schlufehler">
+<tr><td align="left">Aller Anfang ist schwer</td></tr>
+<tr><td align="left">Miggang ist aller Laster Anfang</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also ist Miggang schwer.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p>5. Der &#8222;<em class="gesperrt">Lgner</em>&#8221; der Alten. Epimenides der Kreter
+sagt: alle Kreter sind Lgner; Epimenides ist aber selbst
+ein Kreter, also ist es nicht wahr, da die Kreter Lgner
+sind, also sagt auch Epimenides die Wahrheit, also sind
+alle Kreter Lgner &amp;c. <span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>&amp;c.</p>
+
+<p>6. <em class="gesperrt">Der Krokodilschlu</em>: Eine gypterin sah, wie
+ihr am Nil spielendes Kind von einem Krokodil ergriffen
+wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr das Kind wiederzugeben.
+Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurckgeben, wenn du errtst, was ich tun werde. Die
+Mutter tat den Ausspruch: Du wirst mir mein Kind
+nicht wiedergeben. Beide argumentierten darauf in folgenden
+Dilemmen gegeneinander: <em class="gesperrt">Das Krokodil sagt</em>:
+Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so habe
+ich das Kind nicht zurckgegeben</em>; denn ist deine
+Rede wahr, so erhltst du es nicht wieder nach deinem
+eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich es nicht
+zurck laut unsrer bereinkunft. <em class="gesperrt">Die Mutter erwidert</em>:
+Ich mag wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so mut
+du mir mein Kind wiedergeben</em>. Denn ist meine
+Rede wahr, so mut du es mir geben laut unsrer bereinkunft;
+ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr:
+Du wirst mir mein Kind zurckgeben.</p>
+
+<p>7. <em class="gesperrt">Das Sophisma des Euathlus.</em> Euathlus nahm
+beim Sophisten Protagoras Unterricht in der Sophistik
+mit dem Vertrag, der Schler solle die zweite Hlfte des
+Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten Proze
+gewonnen htte. Als nun nach vollendetem Unterricht
+Euathlus keinen Proze annahm und auch seinen Lehrer
+nicht bezahlte, verklagte ihn dieser und brachte folgendes
+Dilemma vor: &#8222;Sowohl wenn du von den Richtern zu
+meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mut du mich bezahlen. Werden
+sie dich zur Zahlung verurteilen, so mut du zahlen kraft
+dieses Urteilsspruchs; wirst du aber nicht verurteilt, so
+mut du unsrem Vertrage gem bezahlen, denn du hast
+den ersten Proze gewonnen.&#8221; Daraus antwortete Euathlus,
+er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
+sei sein erster Proze; verliere er den, so brauche er gem
+dem Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber,
+so brauche er gem dem Urteilsspruche der Richter nicht
+zu bezahlen. &mdash; Die Richter sollen durch diesen Streit so
+in Verlegenheit gesetzt worden sein, da sie ihre Entscheidung
+auf unbestimmte Zeit vertagten.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_61" id="Par_61"></a> 61. Der Induktionsschlu.</h3>
+
+<p>Die Induktion ist der <em class="gesperrt">Schlu vom Besonderen
+aufs Allgemeine</em>; sie gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen
+allgemeine Stze und hat folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Form der Induktion">
+<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">S</span>.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="center">Jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr>
+</table></div><div><br class="both" /></div>
+
+
+<p>Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion fhrt,
+fat entweder <em class="gesperrt">lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare</em>,
+nur in Raum und Zeit getrennte <em class="gesperrt">Flle</em> zu
+einem <em class="gesperrt">Spezialgesetz zusammen</em>, z.&nbsp;B. der Satz,
+da Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem Gewichtsverhltnis
+zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+<em class="gesperrt">verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff</em>,
+z.&nbsp;B. der Satz: Alle Elementarstoffe verbinden
+sich chemisch in bestimmten Gewichtsverhltnissen. Im
+ersteren Fall, bei der &#8222;<em class="gesperrt">Induktion von Spezialgesetzen</em>&#8221;
+(Sigwart) wird geschlossen: Was in allen
+einzelnen Fllen der gleichen Art gilt, gilt von der Art
+berhaupt. Im zweiten Fall, bei der &#8222;<em class="gesperrt">generalisierenden
+Induktion</em>&#8221; wird geschlossen: Was von allen Arten
+einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.</p>
+
+<p>Die Induktion ist eine <em class="gesperrt">vollstndige</em>, wenn <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span>
+<span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> im Untersatz den ganzen Umfang des Begriffs <span class="antiqua">S</span>
+ausfllen. Z.&nbsp;B.:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel Induktion">
+<tr><td align="left">Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.</td></tr>
+<tr><td align="left">Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind die alten Planeten.</td></tr>
+<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left">Also haben die alten Planeten Achsendrehung.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+<p><em class="gesperrt">Unvollstndig</em> heit die Induktion, wenn durch
+Aufzhlung der <span class="antiqua">M</span> der Umfang von <span class="antiqua">S</span> nicht erschpft
+wird. So wrde das letztgenannte Beispiel eine unvollstndige
+Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten berhaupt geschlossen wrde.</p>
+
+<p>Der Induktionsschlu hat <em class="gesperrt">hnlichkeit mit dem
+Syllogismus der dritten Figur</em>, es wre nur
+an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der Einteilungsglieder
+getreten. Der Unterschied ist nur der, da
+der Schlusatz <em class="gesperrt">nicht partikulren, sondern allgemeinen
+Charakter</em> hat, und die Eigentmlichkeit
+der Induktion besteht gerade darin, da sie unter der
+Voraussetzung einer gewissen Gesetzmigkeit und Notwendigkeit
+in der Welt von einer Anzahl sorgfltig beobachteter
+einzelner Flle aus einen allgemeinen Satz aufstellt,
+der auch auf andere noch nicht beobachtete Flle zu
+schlieen erlaubt.</p>
+
+<p>Von den <em class="gesperrt">Fehlern</em>, die bei der Induktion vorkommen,
+ist naturgem der hufigste die <em class="gesperrt">falsche Verallgemeinerung</em>,
+besonders Verwechslung der bloen
+zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem urschlichen Verhltnis
+des <span class="antiqua">post hoc</span> mit dem <span class="antiqua">propter hoc</span>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_62" id="Par_62"></a> 62. Der Analogieschlu.</h3>
+
+<p>In naher Beziehung zu dem Induktionsschlu steht
+der <em class="gesperrt">Schlu der Analogie, als Schlu vom Besonderen
+oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes</em>.<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
+Daraus, da zwei Arten oder Individuen in einer Reihe
+von Merkmalen bereinstimmen, wird geschlossen, da sie
+auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende Form:</p>
+
+
+<div class="logic">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Induktionsschlu">
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">M</span>&nbsp;ist&nbsp;<span class="antiqua">P</span>.&nbsp;</td><td align="left">Z.&nbsp;B.: Die Erde ist Trgerin organischen Lebens.</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, mit Wechsel der Jahreszeiten u.&nbsp;s.&nbsp;w.</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, mit Wechsel der Jahreszeiten u.&nbsp;s.&nbsp;w.</td></tr>
+<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td><td align="left">Also ist auch der Mars Trger organischen Lebens.</td></tr>
+</table>
+</div><div><br class="both" /></div>
+
+
+
+
+<h2><a name="II_Teil_Methodenlehre" id="II_Teil_Methodenlehre"><span class="antiqua">II.</span> Teil. Methodenlehre.</a></h2>
+
+
+<h3><a name="Par_63" id="Par_63"></a> 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.</h3>
+
+<p>Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen
+Elemente des Denkens, Begriffe, Urteile, Schlsse <em class="gesperrt">zum
+Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden</em>. Das Ziel der Wissenschaft
+berhaupt ist die Erkenntnis der der Wahrnehmung zugnglichen
+Welt. Dazu gehrt zuerst ein <em class="gesperrt">Weltbild</em> in
+den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff,
+den die Wissenschaft erst gestaltet und der deshalb nicht
+in das Gebiet der Logik fllt. Weiter enthlt das Ideal
+der Welterkenntnis ein <em class="gesperrt">vollstndiges Begriffssystem</em>,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt
+nach durch <em class="gesperrt">Erklrungen</em> vollkommen verdeutlicht, als
+auch ihrem Umfang nach durch <em class="gesperrt">Einteilungen</em> klar
+gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
+vollkommener Urteile, welche unser Wissen ber den Zusammenhang
+der Welt aussprechen, und einer erschpfenden
+Begrndung dieser Urteile durch ein sorgfltiges <em class="gesperrt">Beweisverfahren</em>.
+Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annhern kann, so mu
+sie sich noch der <em class="gesperrt">Mittel ihres stetigen Fortschrittes</em>
+bewut werden, der Methoden, durch welche
+eine neue Erkenntnis zustande kommt.</p>
+
+<p>So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre
+zu behandeln hat: die <em class="gesperrt">Begriffsbestimmung</em>,
+<em class="gesperrt">die Einteilung</em>, <em class="gesperrt">der Beweis</em> und der <em class="gesperrt">Fortschritt
+der Wissenschaft</em>.</p>
+
+
+<h3>1. Die Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<h3><a name="Par_64" id="Par_64"></a> 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Begriffsbestimmung oder Definition
+ist ein Urteil, in welchem die Bedeutung eines
+einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben
+wird</em>, entweder durch <em class="gesperrt">vollstndige</em> Auffhrung
+der Merkmale eines Begriffs oder durch Angabe
+der <em class="gesperrt">nchsthheren Gattung</em> (<span class="antiqua">genus proximum</span>) und
+<em class="gesperrt">des artbildenden Unterschieds</em> (<span class="antiqua">differentia specifica</span>).
+Durch das erstere wird der Begriff vollkommen
+deutlich gemacht, durch das letztere seine Stellung im geordneten
+System der Begriffe angegeben.</p>
+
+<p>Man unterscheidet gewhnlich zwischen <em class="gesperrt">Worterklrungen</em>
+(Nominaldefinitionen), z.&nbsp;B. Division heit Einteilung,
+und <em class="gesperrt">Sacherklrungen</em> (Realdefinitionen), welche
+den Inhalt des Gedachten darlegen. Fr die Logik gibt
+es aber nur Worterklrungen, die zugleich Sacherklrungen
+sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
+bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition
+in dem genannten Sinn fllt rein in das sprachliche
+Gebiet.</p>
+
+<p>Die vollstndige Angabe der Merkmale eines Begriffs
+ist in den meisten Fllen nicht mglich. Die <em class="gesperrt">gebruchliche
+Art der Begriffsbestimmung</em> ist daher diejenige,
+welche den bergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z.&nbsp;B.: Das Parallelogramm
+ist ein Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der
+Gattungsbegriff, die Parallelitt der Gegenseiten das Merkmal,
+welches das Parallelogramm von anderen Arten des
+Vierecks unterscheidet.</p>
+
+<p>Wird der Begriff im Anschlu an den bestehenden
+Sprachgebrauch bestimmt, so heit die Definition <em class="gesperrt">analytisch</em>.
+<em class="gesperrt">Synthetisch</em> ist sie, wenn mit einem Wort ein neuer
+Begriff ohne oder nur in teilweiser bereinstimmung mit
+dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff,
+der <em class="gesperrt">nur ein Merkmal hat</em>, z.&nbsp;B. Sein, Etwas, kann
+eine eigentliche Definition nicht gegeben werden.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_65" id="Par_65"></a> 65. Fehler der Begriffsbestimmung.</h3>
+
+<p>Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen,
+werden folgende angefhrt:</p>
+
+<p>1. Die Definition ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn ihr wesentliche
+Merkmale fehlen, z.&nbsp;B. das Quadrat ist ein gleichseitiges
+Parallelogramm. Sie ist zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu viel Merkmale
+aufnimmt, z.&nbsp;B. das Dreieck ist eine geradlinige
+Figur mit drei gleichen Seiten.</p>
+
+<p>2. Die Definition darf <em class="gesperrt">keine berflssigen Merkmale</em>
+aufnehmen, die in anderen schon enthalten oder notwendig
+mit ihnen gegeben sind (Abundanz); z.&nbsp;B. Parallele
+Linien sind solche Linien, die gleiche Richtung und berall
+gleichen Abstand voneinander haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
+
+<p>3. Die <em class="gesperrt">Tautologie</em> ist zu vermeiden. Der zu definierende
+Begriff darf weder ausdrcklich noch versteckt in
+der Definition wiederkehren, z.&nbsp;B. das Gedchtnis ist das
+Vermgen, des frher Bewutgewordenen wieder zu gedenken.</p>
+
+<p>4. Ein <em class="gesperrt">Zirkel</em> entsteht, wo ein Begriff durch einen
+zweiten, dritten, vierten und der zweite oder dritte oder
+vierte wieder durch den ersten erklrt wird, z.&nbsp;B. Gre
+ist das der Vermehrung und der Verminderung Fhige;
+da Vermehrung Zunahme der Gre und Verminderung
+Abnahme der Gre ist, so ist der Begriff der Gre in
+der Definition derselben schon vorausgesetzt.</p>
+
+<p>5. In der Definition drfen <em class="gesperrt">keine bildlichen Ausdrcke</em>
+gebraucht werden, weil sie zu unbestimmt sind,
+und <em class="gesperrt">negative Bestimmungen</em> nur da, wo die positiven
+nicht ausreichen, z.&nbsp;B. der Staat ist der Mensch im
+groen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur,
+die keine Ecken hat.</p>
+
+<p>6. Die Definition <em class="gesperrt">darf nicht mit der Aufzhlung
+der Arten des Begriffs verwechselt werden</em>, denn
+diese enthalten ihn ja selbst, so da ein Zirkel entstnde;
+z.&nbsp;B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<p>Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch <em class="gesperrt">weniger
+strenge Formen</em> angegeben werden, die von der Erklrung
+im logischen Sinn unterschieden werden mssen;
+z.&nbsp;B. die Beschreibung, die Errterung, die Entwickelung,
+die Erluterung.</p>
+
+
+<h3>2. Die Einteilung.</h3>
+
+<h3><a name="Par_66" id="Par_66"></a> 66. Das Wesen der Einteilung.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Einteilung ist die vollstndige Angabe
+der Teile des Umfangs eines Begriffs.</em> Der
+Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
+Verhltnis der <em class="gesperrt">Disjunktion</em> zueinander stehen. Die
+sprachliche Form der Einteilung ist das <em class="gesperrt">divisive</em> Urteil:
+Die Vgel sind teils Luftvgel, teils Erdvgel, teils
+Wasservgel.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> einer solchen Differenzierung
+eines Gattungsbegriffs in seine Artbegriffe ist, da er
+noch in einem oder mehreren seiner Merkmale <em class="gesperrt">unbestimmt
+sei</em>. Dasjenige Merkmal, in welchem die Unterschiede
+hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht,
+heit <em class="gesperrt">Einteilungsgrund</em> (<span class="antiqua">fundamentum sive principium
+divisionis</span>).</p>
+
+<p>Die Einteilung geschieht entweder durch <em class="gesperrt">innere Entwickelung
+schon vorhandener Merkmale</em> oder
+<em class="gesperrt">Hinzunahme neuer</em>. <em class="gesperrt">Im ersten Fall</em> liegt der
+Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist
+mit dem Begriff der Linie das Merkmal der Richtung
+schon gegeben, die als Bewegung vorgestellt wird und
+entweder, wie bei der geraden Linie, gleichbleiben kann,
+oder wie bei der krummen, sich stetig ndert. <em class="gesperrt">Im zweiten
+Fall</em> geschieht die Determination durch ein neues Merkmal,
+das im ursprnglichen Begriff nur als unbestimmte
+Mglichkeit gegeben war. So kann der Begriff der
+Flssigkeit nach Geschmacksunterschieden eingeteilt werden,
+whrend das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines
+Merkmals einen Unterschied begrnden.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_67" id="Par_67"></a> 67. Arten und Fehler der Einteilung.</h3>
+
+<p>Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heit die
+Einteilung <em class="gesperrt">Dichotomie</em>, <em class="gesperrt">Trichotomie</em>, <em class="gesperrt">Tetrachotomie</em>,
+<em class="gesperrt">Polytomie</em>. Oft verlieren sich die Arten in
+eine unendliche Reihe, z.&nbsp;B. der Begriff des Vielecks
+schliet in sich die Arten des Vierecks, des Fnfecks, des<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
+Sechsecks u.&nbsp;s.&nbsp;w. Man unterscheidet auch zwischen
+<em class="gesperrt">natrlicher</em> Einteilung, die sich auf alle wesentlichen
+Merkmale eines Begriffes sttzt, und <em class="gesperrt">knstlicher Einteilung</em>,
+bei welcher ein einzelnes Merkmal als Einteilungsgrund
+bentzt wird, doch womglich so, da die
+Modifikationen dieses Merkmals in urschlichem Zusammenhang
+mit den Modifikationen der anderen Merkmale stehen.
+Im Gegensatz zur natrlichen Einteilung steht z.&nbsp;B.
+Linns Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und
+Stellung der Staubgefe in 24 Klassen.</p>
+
+<p>Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung
+von dem <em class="gesperrt">logischen Umfang</em> eines Begriffes
+oder von dem <em class="gesperrt">empirischen Umfang</em> desselben ausgegangen
+wird. Es mten z.&nbsp;B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben smtliche Farben vertreten
+sein, auch blau oder grn, whrend die empirische
+nur nach den tatschlich vorhandenen Farben klassifiziert.
+Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschpft wird, ist damit noch keine Garantie fr
+logische Vollstndigkeit gegeben.</p>
+
+<p>Die hauptschlichen <em class="gesperrt">Fehler</em> der Einteilung sind
+folgende:</p>
+
+<p>1. Die Einteilung ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn sie zu viel,
+zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu wenig Einteilungsglieder enthlt.
+Zu weit ist z.&nbsp;B. die Einteilung der Dreiecke in rechtwinklige,
+schiefwinklige und gleichwinklige.</p>
+
+<p>2. Die Glieder der Einteilung mssen <em class="gesperrt">einander
+ausschlieen</em>, drfen sich nicht kreuzen, z.&nbsp;B. die Einteilung
+der Neigungen in Selbstliebe, Neigung zu andern
+und gegenseitige Neigung.</p>
+
+<p>3. Es drfen nicht verschiedene <em class="gesperrt">Einteilungsgrnde
+vermischt werden</em>, sonst wird die Einteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
+<em class="gesperrt">verworren</em>, z.&nbsp;B. die der Menschen in Europer
+und Schwarze.</p>
+
+
+<h3>3. Der Beweis.</h3>
+
+<h3><a name="Par_68" id="Par_68"></a> 68. Der Beweis und seine Arten.</h3>
+
+<p>In einem System der Wissenschaft mssen die Begriffe
+durch Erklrungen und Einteilungen ihrem Inhalt
+und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese Begriffe
+kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen
+gewisse Prdikate zu- oder absprechen, und diese Urteile
+selbst bedrfen der Begrndung, um gltig zu sein. Dies
+geschieht, indem einzelne Schlsse <em class="gesperrt">zum Beweis verbunden
+werden</em> und so jedes einzelne Urteil durch
+seinen <em class="gesperrt">Zusammenhang mit andern bereits feststehenden</em>
+in das System der Wissenschaft aufgenommen
+wird.</p>
+
+<p>Der Beweis ist also die <em class="gesperrt">syllogistische Ableitung
+eines Urteils aus anderen Urteilen, die als
+gewi und notwendig erkannt sind</em>. Doch bedrfen
+auch diese eigentlich wieder des Beweises und so
+fhrt genau genommen jeder Beweis zu gewissen Stzen
+zurck, die einer Begrndung weder fhig, noch bedrftig
+sind, zu den <em class="gesperrt">Grundstzen</em> oder <em class="gesperrt">Axiomen</em>. <em class="gesperrt">Vom
+einzelnen Schlu unterscheidet sich der Beweis</em>
+dadurch, da das zu beweisende Urteil im voraus
+bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis bildet, und
+da auch auf die materiale Wahrheit der Prmissen Rcksicht
+genommen wird. Auerdem stellt der Beweis gewhnlich
+eine ganze Schlukette dar.</p>
+
+<p>Der Beweis ist ein <em class="gesperrt">direkter</em>, wenn er die Wahrheit
+eines Satzes einfach durch kategorischen oder hypothetischen
+Schlu aus feststehenden Prmissen ableitet, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
+<em class="gesperrt">indirekter</em> oder <em class="gesperrt">apagogischer</em>, wenn der zu beweisende
+Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung
+der brigen Disjunktionsglieder gewonnen wird.
+Ein direkter Beweis ist es z.&nbsp;B., wenn daraus, da die
+Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich einem Rechten
+ist, bewiesen wird, da der dritte Winkel ein Rechter sein
+mu; ein indirekter Beweis wre es, wenn von der
+Disjunktion ausgegangen wrde: Entweder ist er ein
+stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter Winkel, und aus
+der Ungltigkeit der beiden ersten Glieder die Gltigkeit
+des letzten gefolgert wrde.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Widerlegung</em> (<span class="antiqua">refutatio</span>) ist <em class="gesperrt">der Beweis
+der Unrichtigkeit eines Satzes oder eines
+Beweises</em>. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt daraus,
+da er selbst oder eine seiner Konsequenzen (<span class="antiqua">deductio ad
+absurdum</span>) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit
+wird also bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen
+Gegenteils. Die <em class="gesperrt">Widerlegung eines
+Beweises</em> geschieht durch Entkrftung der Beweisgrnde.
+Zur <em class="gesperrt">grndlichen</em> Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehrt aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht,
+als die Widerlegung des gegnerischen Beweises.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_69" id="Par_69"></a> 69. Auffindung und Fehler des Beweises.</h3>
+
+<p>Es erhebt sich noch die Frage, <em class="gesperrt">wie der Beweis
+gefunden wird</em>. Da der Beweis durch Schlsse sich
+bewegt, so mu er das zu gewinnen suchen, was die
+Schlsse mglich macht, einen <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>. Wre
+der Satz zu beweisen, da Tugend lehrbar ist, so mte
+ein Mittelbegriff gefunden werden, der einerseits der
+Tugend als Prdikat zugesprochen werden und andrerseits
+das Subjekt zu lehrbar bilden knnte. Ein solcher Mittelbegriff
+ist Wissen, daraus ergibt sich der Schlu: Wissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
+ist lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend
+lehrbar. Doch wird nur selten ein einziger Mittelbegriff
+gengen. In den meisten Fllen mssen die Vermittlungen
+auf umstndlichere Weise gesucht werden.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">hauptschlichsten Beweisfehler</em> sind,
+neben den schon genannten Versten gegen die Regeln
+des Schlusses berhaupt, folgende:</p>
+
+<p>1. Die unvollstndige Disjunktion beim indirekten
+Beweis.</p>
+
+<p>2. Eine unrichtige Prmisse, durch welche die ganze
+folgende Beweisfhrung in Frage gestellt wird (<span class="antiqua">proton
+pseudos</span>).</p>
+
+<p>3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden,
+so da etwa in einer der Prmissen der Schlusatz schon
+enthalten wre (Zirkelbeweis).</p>
+
+<p>4. Das, was aus den Prmissen erschlossen wird,
+darf nicht von dem zu Beweisenden abweichen (<span class="antiqua">heterozetesis</span>),
+weder qualitativ (<span class="antiqua">metabasis eis allo genos</span>), noch quantitativ,
+indem zu viel oder zu wenig bewiesen wird.</p>
+
+<p>Werden diese Fehler mit der Absicht zu tuschen gemacht,
+so spricht man von <em class="gesperrt">Erschleichung</em> (<span class="antiqua">subreptio</span>).</p>
+
+
+<h3>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</h3>
+
+<h3><a name="Par_70" id="Par_70"></a> 70. Die verschiedenen Methoden.</h3>
+
+<p>Durch Erklrungen und Einteilungen wird das Verhltnis
+der Begriffe zueinander geordnet, durch den Beweis
+der logische Zusammenhang zwischen den Urteilen
+hergestellt; damit ist gezeigt, <em class="gesperrt">wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden</em>.</p>
+
+<p>Die Wissenschaft begngt sich aber nicht mit dem Gewonnenen,
+sondern <em class="gesperrt">sie schreitet fort</em>; es erhebt sich
+also noch die Frage, welche Methoden sie anwendet, um<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
+zu <em class="gesperrt">neuen Erkenntnissen</em> zu gelangen. Hier sind
+folgende Wege mglich:</p>
+
+<p>1. Man geht aus <em class="gesperrt">vom einzelnen tatschlich
+Gegebenen</em>, das man beobachten kann, und sucht <em class="gesperrt">daraus
+allgemeine Stze</em> zu gewinnen. Dies ist das
+<em class="gesperrt">induktive</em> Verfahren.</p>
+
+<p>2. Man geht aus <em class="gesperrt">von den allgemeinen Stzen</em>,
+die man schon gewonnen hat, und sucht durch logische
+Verarbeitung derselben neue <em class="gesperrt">Aufschlsse ber das
+Besondere und Einzelne</em> zu gewinnen. Dies ist
+das <em class="gesperrt">deduktive</em> Verfahren.</p>
+
+<p>3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet
+aber nur <em class="gesperrt">in der Verbindung beider Methoden</em>,
+der Induktion und Deduktion, statt, wie sie besonders die
+<em class="gesperrt">Hypothese darstellt</em>.</p>
+
+<p>4. Die Art endlich, wie die <em class="gesperrt">Wissenschaft als
+Ganzes</em> fortschreitet, ist bestimmt durch <em class="gesperrt">das logische
+Ideal des Systems</em>.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_71" id="Par_71"></a> 71. Das induktive Verfahren.</h3>
+
+<p>Die Induktion als einfacher Schlu wurde schon in
+der Elementarlehre behandelt ( 61). Die <em class="gesperrt">wichtigsten
+Leistungen der induktiven Methode</em> sind folgende:</p>
+
+<p>1. Die Induktion fhrt zur <em class="gesperrt">Bildung realgltiger
+Begriffe</em>. Unsere Begriffe sind zunchst nur <em class="gesperrt">subjektive
+Gebilde</em> und bedrfen der fortwhrenden Verbesserung
+durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns
+schon gebildeten Begriff fllt, aber ein Merkmal zeigt, das
+wir in diesen Begriff noch nicht aufgenommen haben, so
+tritt die Frage an uns heran, ob dieses Merkmal mit dem
+Begriff <em class="gesperrt">notwendig zusammengehrt oder nicht</em>.
+Wir werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
+allen Gegenstnden, die unter diesen Begriff fallen, das
+neue Merkmal findet, und je hufiger dies der Fall ist,
+mit um so grerer Wahrscheinlichkeit werden wir die
+Frage der Zusammengehrigkeit bejahen knnen. Auf
+diesem Wege knnen unsere subjektiven Begriffe allmhlich
+zu Wesensbegriffen werden, die der Wirklichkeit entsprechen.
+In der beschriebenen Weise wird z.&nbsp;B. derjenige verfahren,
+der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufgen mu.</p>
+
+<p>Nun zeigt aber die <em class="gesperrt">Tatsache der Vernderung</em>,
+da die Notwendigkeit, welche die Merkmale der Dinge
+zusammenhlt, doch keine unbedingte ist, es mte denn
+<em class="gesperrt">die Vernderung selbst nach notwendigen Gesetzen</em>
+vor sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung
+aus dem Wesen der Dinge selbst heraus, wie bei
+den organischen Wesen, oder <em class="gesperrt">durch uere Ursachen</em>
+veranlat. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.</p>
+
+<p>2. Wir gewinnen durch Induktion <em class="gesperrt">allgemeine
+Stze ber das Wirken von Ursachen</em>. Besonders
+diese Seite der Induktion hat durch <em class="gesperrt">J. St. Mill</em> eine
+grundlegende Bearbeitung erfahren.</p>
+
+<p>Es ist die <em class="gesperrt">gewhnliche Vorstellung</em>, da wir
+das Wirken von Ursachen ebenso wie irgend etwas anderes
+unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit beobachten wir
+nur, da eine Vernderung auf eine andere folgt. Explodiert
+eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand
+sie berhrt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung
+dieses Vorgangs ganz dieselbe, ob die Berhrung
+die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein zuflliges
+Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt,
+da wir da ein kausales Verhltnis annehmen, <em class="gesperrt">wo eine
+Vernderung regelmig auf eine andere</em><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
+<em class="gesperrt">folgt</em>. Es gilt also der Satz: Die <em class="gesperrt">Ursache</em> ist das
+<em class="gesperrt">regelmige <span class="antiqua">Antecedens</span></em>, die <em class="gesperrt">Wirkung das
+regelmige <span class="antiqua">Consequens</span></em>. Wenn jene Explosion
+unter denselben Umstnden regelmig erfolgen wrde,
+so wrden wir schlielich die Berhrung als Ursache annehmen.
+Damit aber nicht auch die Nacht als Ursache
+des Tages angesehen werde, fgt Mill hinzu, das <span class="antiqua">Consequens</span>
+msse dem <span class="antiqua">Antecedens</span> <em class="gesperrt">unbedingt</em>, d.&nbsp;h. unabhngig
+von irgend welchen andern bedingenden Umstnden,
+z.&nbsp;B. von dem Aufgang der Sonne, folgen.</p>
+
+<p>Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem
+Wege sichere Gesetze ber das Wirken von Ursachen zu
+gewinnen, stellt Mill <em class="gesperrt">zwei Hauptmethoden</em> auf, die
+Methode der bereinstimmung und die Methode der
+Differenz.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Methode der bereinstimmung</em> wird von
+ihm in folgendem &#8222;Kanon&#8221; zusammengefat: &#8222;Wenn zwei
+oder mehr Instanzen des zu erforschenden Phnomens
+nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in
+dem allein alle Instanzen bereinstimmen, die Ursache
+(oder Wirkung) des gegebenen Phnomens.&#8221;</p>
+
+<p>Bezeichnen wir das Antecedens mit groen und das
+entsprechende Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt
+sich folgendes Schema:</p>
+
+
+<div class="center">
+<div class="antiqua">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Ursache - Wirkung">
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">D</td><td align="left">E</td><td align="left">a</td><td align="left">d</td><td align="left">e</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">F</td><td align="left">G</td><td align="left">a</td><td align="left">f</td><td align="left">g</td></tr>
+</table></div></div>
+
+<p>Da <span class="antiqua">B C D E F G</span> nicht jedesmal dabei sind, wenn
+<span class="antiqua">a</span> auf <span class="antiqua">A</span> folgt, so knnen sie jedenfalls nicht die Ursachen
+sein, also mu es <span class="antiqua">A</span> sein. Die Wirkung <span class="antiqua">a</span> sei z.&nbsp;B.
+Kristallisation. Wir vergleichen Flle, in denen Krper
+kristallinisches Gefge annehmen, aber sonst in nichts
+<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>bereinstimmen; zeigt sich, da sie nur <em class="gesperrt">ein</em> Antecedens
+gemeinsam haben, nmlich: Ablagerung eines festen Stoffes
+aus einem flssigen Zustand, so schlieen wir, da das
+Festwerden einer Substanz aus einem flssigen Zustand
+ein unabnderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Differenz</em> wird von Mill
+folgendermaen gefat:</p>
+
+<p>&#8222;Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende
+Phnomen eintritt, und eine Instanz, in der es nicht eintritt,
+jeden Umstand bis auf einen gemein haben, indem
+dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so ist der
+Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen,
+die Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher
+Teil der Ursache des Phnomens.&#8221;</p>
+
+<p>Hier werden also zwei Flle verglichen, die sich durch
+nichts anderes unterscheiden, als dadurch, da in dem
+einen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">a</span> gegenwrtig ist und in dem andern fehlt,
+nach dem Schema:</p>
+
+
+<div class="center">
+<div class="antiqua">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Differenzvergleich">
+<tr><td align="left"></td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left"></td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr>
+</table></div></div>
+
+<p>Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen
+wir, da es der Schu war, der ihn ttete, weil er unmittelbar
+vorher noch in der Vollkraft des Lebens war
+und als neues <span class="antiqua">Antecedens A</span> nur die Wunde hinzukam.
+Die Wirkung <span class="antiqua">a</span>, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam,
+mu deshalb durch <span class="antiqua">A</span> bewirkt sein.</p>
+
+<p>Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender
+Wirkung kann leicht auch knstlich zustande gebracht
+werden. Die Differenzmethode ist daher vorzugsweise
+die Methode des <em class="gesperrt">Experiments</em>.</p>
+
+<p>Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte bereinstimmungs-
+und Unterschiedsmethode, eine Methode der
+Rckstnde und eine Methode der Begleitvernderungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
+
+<p>3. Die Induktion fhrt auch zu <em class="gesperrt">blo empirischen
+Gesetzen</em>, die keinen urschlichen Zusammenhang, sondern
+nur ein tatschliches Geschehen oder regelmige Zusammenhnge
+verschiedener Vorgnge aussagen, z.&nbsp;B., da ein
+frei fallender Krper Rume beschreibt, die den Quadraten
+der Zeit proportional sind, oder da Ebbe und Flut in
+regelmigen Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die
+<em class="gesperrt">Aufgabe der Wissenschaft</em>, auch diese zunchst
+empirischen Gesetze auf kausale Zusammenhnge zurckzufhren.</p>
+
+<p>4. Durch die <em class="gesperrt">generalisierende Induktion</em> gelangt
+man <em class="gesperrt">von spezielleren Gesetzen zu allgemeineren</em>.
+Wenn <span class="antiqua">A B C</span> bereinstimmend das Prdikat
+<span class="antiqua">P</span> haben, so wird geschlossen, da dies seinen Grund in
+gewissen gemeinsamen Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> habe; aus diesen
+Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> wird dann der hhere Gattungsbegriff
+gebildet und angenommen, da alle Gegenstnde,
+die unter denselben fallen, das Prdikat <span class="antiqua">P</span> haben mssen.
+So gelangt man z.&nbsp;B. zu dem allgemeinen Gesetz, da
+alle Krper, die schwerer sind als Wasser, im Wasser
+untersinken. Dabei wird allerdings eine ber die Erfahrung
+hinausgehende Voraussetzung gemacht, nmlich die,
+da aus bereinstimmenden Grnden auch bereinstimmende
+Folgen flieen.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_72" id="Par_72"></a> 72. Das deduktive Verfahren.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum
+Besonderen und Einzelnen herab</em>: teils setzt sie die
+gewonnenen allgemeinen Begriffe und Wahrheiten in Beziehung
+zueinander und gewinnt daraus <em class="gesperrt">neue allgemeine
+Erkenntnisse</em>, wie dies in ausgedehntem Mae
+die Mathematik tut; teils leitet sie aus den erkannten
+<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>allgemeinen Gesetzen die <em class="gesperrt">einzelnen tatschlichen Erscheinungen</em>
+ab. Es ist daher hauptschlich die Aufgabe
+der Deduktion, <em class="gesperrt">die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen
+zu erklren</em>. Dies geschieht durch einfache Syllogismen,
+welche den gegebenen Fall als Folge eines oder
+mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklrt sie z.&nbsp;B.
+die Tatsache, da eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, da Wasser beim Gefrieren
+sich ausdehnt, und aus dem andern, da das Glas wegen
+seiner Sprdigkeit sich nicht ausdehnen kann. Auf demselben
+deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer Reihe
+von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wre z.&nbsp;B.
+die mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklren.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_73" id="Par_73"></a> 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und
+die Hypothese.</h3>
+
+<p>Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion
+folgt unmittelbar, da <em class="gesperrt">sie einander nicht entbehren
+knnen</em>. Die Deduktion geht aus von allgemeinen
+Stzen und bedarf deshalb der Induktion, die
+allgemeine Stze findet. Die Induktion fhrt nur zu
+einem hheren Grade von Wahrscheinlichkeit und bedarf
+einer fortwhrenden Prfung ihrer Resultate. Dies geschieht
+am besten dadurch, da man aus den allgemeinen
+Stzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur
+Probe fr ihre Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne
+daraus zu erklren.</p>
+
+<p>Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden
+fr die Wissenschaft fruchtbar zu machen, ist die <em class="gesperrt">Hypothese</em>.
+Die Hypothese <em class="gesperrt">ist die vorlufige Annahme
+der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prfung
+an den daraus abgeleiteten Folgen</em>. Jede
+einzelne Folgerung aus der Hypothese, die formell richtig
+abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen oder anderen wahren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
+Stzen in Widerspruch steht, beweist die <em class="gesperrt">Unwahrheit
+der Hypothese</em>. Jede Folge, die materiale Wahrheit
+hat, fhrt aber nur zu <em class="gesperrt">grerer Wahrscheinlichkeit</em>,
+die sich allerdings der vollen Gewiheit nhern kann.
+Die Hypothese ist ferner um so wahrscheinlicher, je einfacher
+sie ist und je weniger sie <em class="gesperrt">Hilfshypothesen</em> braucht.
+Die Hypothese erlangt Gewiheit und wird zur <em class="gesperrt">Theorie</em>,
+wenn es gelingt, sie als das einzig mgliche Mittel zur
+Erklrung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen
+oder sie von bereits anerkannten Stzen abzuleiten.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Entwickelung der Wissenschaft</em> geht <em class="gesperrt">immer
+durch Hypothesen hindurch</em>. Dies zeigt z. B. die
+ganze Geschichte der Astronomie; Hypothesen sind ferner
+die philologischen Konjekturen, die Versuche zur Erklrung
+des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose
+des Arztes.</p>
+
+
+<h3><a name="Par_74" id="Par_74"></a> 74. Das System.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Das System ist die Verbindung zusammengehriger
+Erkenntnisse zu einem logisch geordneten
+Ganzen.</em> Die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em> ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen
+Erkenntnisse in der Form dieser Verbindung.
+Wre die Wissenschaft als System vollendet, so mte
+einerseits eine <em class="gesperrt">vollkommene Klassifikation</em>, anderseits
+eine <em class="gesperrt">vollkommene Deduktion</em> erreicht sein. Die <em class="gesperrt">Gesamtheit
+der Begriffe</em> mte eine <em class="gesperrt">Pyramide</em> darstellen,
+deren Spitze der hchste Begriff, deren Grundlage
+die untersten Arten bilden wrden, die selbst die gesamte
+wirkliche Welt umfaten. Die Deduktion aber wrde alle
+<em class="gesperrt">wahren Urteile</em> durch <em class="gesperrt">ein System von Schlssen</em>,
+durch eine Kette von Beweisen verbinden, die in ununterbrochener<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
+Reihenfolge zu den letzten Prmissen, zu den
+Axiomen zurckfhren wrden.</p>
+
+<p>Die Wissenschaften sind noch weit von diesem <em class="gesperrt">logischen
+Ideal</em> entfernt, aber sie werden dasselbe <em class="gesperrt">nicht
+entbehren knnen</em>, wenn sie nicht in Einseitigkeit verfallen
+wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder nicht,
+ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches
+Ziel angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie
+der Naturwissenschaft hat <em class="gesperrt">die von unten aufbauende
+Methode in den Vordergrund gestellt</em>, und mit
+Recht wenden sich die besten Krfte der genauen Erforschung
+der Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche
+Arbeitsteilung droht das Ganze der Wissenschaft und
+der Wissenschaften in lauter kleine und kleinste Teile zu
+zersplittern: es ist die <em class="gesperrt">Aufgabe der Philosophie</em>, das
+Bewutsein wach zu erhalten, <em class="gesperrt">da die Wissenschaft
+nur als Ganzes ihren Zweck erfllt</em>, und da sie
+das nur kann, solange sie den Gedanken festhlt, wenn
+auch nur als leitenden Grundsatz, da die wissenschaftliche
+Arbeit <em class="gesperrt">von unten</em> und die <em class="gesperrt">von oben her</em> einmal <em class="gesperrt">zusammenkommen</em>
+mssen.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Literatur" id="Literatur">Literatur.</a></h2>
+
+<h3><span class="antiqua">A.</span> Einleitung in die Philosophie:</h3>
+
+
+<p><em class="gesperrt">Klpe</em>, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Paulsen</em>, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Volkelt</em>, I., Vortrge zur Einfhrung in die Philosophie der
+Gegenwart. 1892.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Prludien, Aufstze und Reden zur Einleitung
+in die Philosophie. 2. Aufl. 1903.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">B.</span> Geschichte der Philosophie.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></h3>
+
+<h4><span class="antiqua">I.</span> Geschichte der Philosophie berhaupt:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Bergmann</em>, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bnde. 1892/93.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 2 Bde.
+4. Aufl. 1895/96.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Eucken</em>, R., Die Lebensanschauungen der groen Denker.
+3. Aufl. 1899.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Rehmke</em>, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 1896.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, Grundri der Geschichte der Philosophie.
+4 Bde. 8. Aufl. 1894-97.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Die Titel derjenigen Bcher von <span class="antiqua">B</span> bis <span class="antiqua">D</span>, welche neben dem
+beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen
+zur weiteren Einfhrung und zur Vorbereitung auf die groen
+systematischen Werke wegen ihrer greren Verstndlichkeit sich eignen,
+<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>sind <em class="gesperrt">gesperrt gedruckt</em>.</p></div>
+
+
+<h4><span class="antiqua">II.</span> Alte Philosophie:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Deussen</em>, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>
+1894/99 (Indische Philosophie).</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Gomperz</em>, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken
+Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>. 1901.</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Zeller">
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Zeller</em>,</td><td align="left">E.,</td><td align="left">Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundri der Geschichte der griechischen Philosophie</em>. 5. Aufl. 1898.</td></tr>
+</table></div>
+
+<h4><span class="antiqua">III.</span> Neuere Philosophie:</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Falckenberg</em>, R., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie
+von Nikolaus von Kues bis zur Gegenwart</em>. 3. Aufl. 1898.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Fischer</em>, K., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie</em>. 9 Bde.
+4. Aufl. 1897-1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Hffding</em>, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., <em class="gesperrt">Die Geschichte der neueren Philosophie</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1899.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">C.</span> Psychologie:</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, H., Grundzge der Psychologie. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Hffding</em>, H., <em class="gesperrt">Psychologie in Umrissen</em>. 3. deutsche
+Ausgabe. 1901.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Hfler</em>, A., Psychologie. 1897.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Jodl</em>, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Klpe</em>, O., Grundri der Psychologie. 1893.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Lotze">
+<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Lotze</em>,</td><td align="left" valign="top">H.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundzge der Psychologie</em>. 4. Aufl. 1889.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. <span class="antiqua">II</span>.</td></tr>
+</table></div>
+<p><em class="gesperrt">Volkmann</em>, A.&nbsp;W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1894/95.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
+
+
+<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Wundt">
+<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Wundt</em>,</td><td align="left" valign="top">W.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele</em>. 3. Aufl. 1897.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Grundri der Psychologie. 4. Aufl. 1901.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="center" valign="top">&#8222;</td><td align="left">Grundzge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Vlkerpsychologie. 1900. Bd. <span class="antiqua">I</span> u. <span class="antiqua">II</span> (die Sprache).</td></tr>
+</table>
+<p><em class="gesperrt">Ziehen</em>, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl.
+1900.</p>
+
+
+<h3><span class="antiqua">D.</span> Logik:</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, B., Logik. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1892.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., <em class="gesperrt">Grundzge der Logik.</em> 1893.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lotze</em>, H., Logik. 2. Aufl. 1880.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Mill</em>, J.&nbsp;St., System der deduktiven und induktiven Logik.
+Deutsch von Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sigwart</em>, Ch., <em class="gesperrt">Logik</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">berweg</em>, F., System der Logik und Geschichte der logischen
+Lehren. 5. Aufl. 1882.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.</p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p>Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie
+und Logik:</p>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Weitere Werke des Verfassers">
+<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Elsenhans</em>,</td><td align="left">Th.,</td><td align="left">Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. 1897.</td></tr>
+<tr><td align="center">&#8222;</td><td align="center">&#8222;</td><td align="left">Das Kant-Friesische Problem. 1902.</td></tr>
+</table></div>
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Namen-_und_Sachregister" id="Namen-_und_Sachregister">Namen- und Sachregister.</a></h2>
+
+
+<p>
+Affekt <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Alpdrcken <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Analogieschlu <a href="#Seite_122">122</a> f.<br />
+
+Anaxagoras <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+quipollenz <a href="#Seite_94">94</a>.<br />
+
+Aristoteles <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Assoziation <a href="#Seite_28">28</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br />
+
+sthetik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+sthetische Gefhle <a href="#Seite_42">42</a> f.<br />
+
+Atomisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Aufmerksamkeit <a href="#Seite_30">30</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Ausdrucksbewegungen <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Axiome <a href="#Seite_129">129</a>.<br />
+
+<br />
+Baco <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Begierde <a href="#Seite_55">55</a>.<br />
+
+Begriff <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_69">69</a> f.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Merkmale des B. <a href="#Seite_70">70</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Arten der B. <a href="#Seite_72">72</a> ff.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Umfang des B. <a href="#Seite_71">71</a> f. <a href="#Seite_128">128</a>.<br />
+
+Begriffsbestimmung <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br />
+
+Beneke <a href="#Seite_111">111</a>.<br />
+
+Bergmann <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Bewegungen <a href="#Seite_66">66</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; unwillkrliche B. <a href="#Seite_53">53</a> f.<br />
+
+Beweis <a href="#Seite_129">129</a> ff.<br />
+
+<br />
+Charakter <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_67">67</a>.<br />
+
+<br />
+Deduktion <a href="#Seite_136">136</a> ff.<br />
+
+Definition <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br />
+
+Denken <a href="#Seite_33">33</a>.<br />
+
+Descartes <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br />
+
+Determination <a href="#Seite_127">127</a>.<br />
+
+Determinismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br />
+
+Deussen <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Deutlichkeit <a href="#Seite_72">72</a>.<br />
+
+<br />
+Ebbinghaus <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Eigennamen <a href="#Seite_33">33</a>.<br />
+
+Einheit des Bewutseins <a href="#Seite_18">18</a> f.<br />
+
+Einteilung <a href="#Seite_126">126</a> ff.<br />
+
+Eleaten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Elsenhans <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Empfindung <a href="#Seite_21">21</a> ff.<br />
+
+Empirismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Enge des Bewutseins <a href="#Seite_29">29</a>.<br />
+
+Entfernung <a href="#Seite_36">36</a> f. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br />
+
+Enthymem <a href="#Seite_117">117</a>.<br />
+
+Entschlu <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Epicherem <a href="#Seite_117">117</a>.<br />
+
+Epikureer <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Erdmann, B. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+&nbsp; &nbsp; &#8222; &nbsp; &nbsp; &#8222; &nbsp; &nbsp; J. <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Erkennen <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Erkenntnistheorie <a href="#Seite_68">68</a>.<br />
+
+Ethik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+Euathlus, Sophisma des E. <a href="#Seite_120">120</a>.<br />
+
+Eucken <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+<br />
+Falckenberg <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Fehlschlsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br />
+
+Fichte <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Fischer, K. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Galenus <a href="#Seite_99">99</a>.<br />
+
+Gall <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Gebrden <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Gedchtnis <a href="#Seite_30">30</a> f.<br />
+
+Gefhl <a href="#Seite_39">39</a> f. <a href="#Seite_64">64</a> f.;<br />
+&nbsp; &nbsp; Verlauf der G. <a href="#Seite_44">44</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Abstumpfung der G. <a href="#Seite_45">45</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Verstrkung der G. <a href="#Seite_45">45</a>.;<br />
+&nbsp; &nbsp; gemischte G. <a href="#Seite_46">46</a>;<br />
+&nbsp; &nbsp; Bedeutung der G. <a href="#Seite_50">50</a> ff.<br />
+
+Gefhlston <a href="#Seite_40">40</a>.<br />
+
+Gehen <a href="#Seite_63">63</a>.<br />
+
+Geisteskrankheit <a href="#Seite_19">19</a>.<br />
+
+Gemeinvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Gemt <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Geruch <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Geschmack <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Gesinnung <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Gewohnheit <a href="#Seite_62">62</a> f.<br />
+
+Gomperz <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Grundgesetze des Denkens <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br />
+
+<br />
+Hegel <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Heinze <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Heraklit <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Herbart <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_27">27</a>.<br />
+
+Hffding <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Hfler <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Hrzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Hume <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Hypothese <a href="#Seite_137">137</a> f.<br />
+
+Hypothetisches Urteil <a href="#Seite_77">77</a> ff. <a href="#Seite_85">85</a>-93. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+<br />
+Idealismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Ideenassoziation <a href="#Seite_28">28</a> f.<br />
+
+Indeterminismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br />
+
+Individualbegriff <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Individualvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Induktion <a href="#Seite_98">98</a>. <a href="#Seite_132">132</a> ff.<br />
+
+Induktionsschlu <a href="#Seite_121">121</a> f.<br />
+
+Instinkt <a href="#Seite_54">54</a>.<br />
+
+Intellektuelle Gefhle <a href="#Seite_42">42</a>.<br />
+
+Jodl <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Kant <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br />
+
+Kausalitt <a href="#Seite_39">39</a>.<br />
+
+Kettenschlu <a href="#Seite_118">118</a>.<br />
+
+Klarheit <a href="#Seite_72">72</a>.<br />
+
+Kontradiktorischer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a>.<br />
+
+Kontraposition <a href="#Seite_92">92</a> f. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+Kontrrer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a> f.<br />
+
+Konversion <a href="#Seite_90">90</a> ff. <a href="#Seite_97">97</a>.<br />
+
+Klpe <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+<br />
+Lachen <a href="#Seite_59">59</a>.<br />
+
+Lebensgefhl <a href="#Seite_46">46</a> f.<br />
+
+Leibniz <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br />
+
+Leidenschaft <a href="#Seite_44">44</a>.<br />
+
+Lipps, Th. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Locke <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>Logik 8. 13. 66 ff.<br />
+
+Lokalisationstheorie <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Lokalzeichen <a href="#Seite_38">38</a>.<br />
+
+Lotze <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_38">38</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+<br />
+Materialismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_19">19</a>.<br />
+
+Metaphysik <a href="#Seite_8">8</a>.<br />
+
+Mill, J. St. <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_112">112</a>. <a href="#Seite_133">133</a> ff. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Mitgefhl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br />
+
+Mittelbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Modale Konsequenz <a href="#Seite_96">96</a>.<br />
+
+Motiv <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Motorisches Zentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Mller, Joh. <a href="#Seite_23">23</a>.<br />
+
+<br />
+Nachahmungsbewegung <a href="#Seite_55">55</a>.<br />
+
+Nachbilder <a href="#Seite_24">24</a>.<br />
+
+Nervensystem <a href="#Seite_19">19</a> f.<br />
+
+Neukantianismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Neuplatoniker <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+<br />
+Oberbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Opposition <a href="#Seite_94">94</a> ff.<br />
+
+<br />
+Parallaxe <a href="#Seite_37">37</a>.<br />
+
+Partialgefhle <a href="#Seite_45">45</a>.<br />
+
+Paulsen <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Pessimismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_40">40</a>.<br />
+
+Petrus Hispanus <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Physiologische Psychologie <a href="#Seite_15">15</a>.<br />
+
+Physiologische Zeit <a href="#Seite_53">53</a>.<br />
+
+Plato <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Positivismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Prmissen <a href="#Seite_98">98</a>.<br />
+
+Psychologie <a href="#Seite_12">12</a>. <a href="#Seite_14">14</a> f.<br />
+
+Phytagoreer <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+<br />
+Rationalismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
+Raumvorstellung <a href="#Seite_36">36</a> f.<br />
+
+Reflexbewegungen <a href="#Seite_53">53</a>.<br />
+
+Reflexhemmungen <a href="#Seite_54">54</a>.<br />
+
+Rehmke <a href="#Seite_140">140</a>.<br />
+
+Religion <a href="#Seite_8">8</a> f.<br />
+
+Religise Gefhle <a href="#Seite_43">43</a>.<br />
+
+Reproduktion <a href="#Seite_30">30</a>.<br />
+
+<br />
+Schauspielkunst <a href="#Seite_61">61</a>.<br />
+
+Schelling <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
+
+Schlu <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br />
+
+Schlufiguren <a href="#Seite_103">103</a> ff.<br />
+
+Schmerz <a href="#Seite_41">41</a>.<br />
+
+Scholastiker <a href="#Seite_103">103</a>.<br />
+
+Schopenhauer <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br />
+
+Schrift <a href="#Seite_61">61</a>.<br />
+
+Seelenvermgen <a href="#Seite_20">20</a> f.<br />
+
+Seele und Krper <a href="#Seite_16">16</a> f.<br />
+
+Sehzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br />
+
+Selbstgefhl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br />
+
+Sigwart <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+Sinnesenergie, spezifische <a href="#Seite_23">23</a>.<br />
+
+Sinnestuschungen <a href="#Seite_12">12</a>.<br />
+
+Sittliche Gefhle <a href="#Seite_43">43</a>.<br />
+
+Sokrates <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Sophisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Sorites <a href="#Seite_118">118</a>.<br />
+
+Spencer <a href="#Seite_10">10</a>.<br />
+
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+
+Syllogismus <a href="#Seite_98">98</a> ff. <a href="#Seite_110">110</a> ff.<br />
+
+System <a href="#Seite_138">138</a> f.<br />
+
+<br />
+Temperamente <a href="#Seite_48">48</a>.<br />
+
+Thales <a href="#Seite_9">9</a>.<br />
+
+Tiefenvorstellung <a href="#Seite_38">38</a>.<br />
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+
+Trendelenburg <a href="#Seite_11">11</a>.<br />
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+Trieb <a href="#Seite_55">55</a> f.<br />
+
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+
+<br />
+berweg <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
+bung <a href="#Seite_29">29</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_62">62</a>.<br />
+
+Umwandlung der Relation <a href="#Seite_93">93</a>.<br />
+
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+
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+
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+&nbsp; &nbsp; Einteilung der U. <a href="#Seite_75">75</a> ff.;<br />
+&nbsp; &nbsp; analytische u. synthetische <a href="#Seite_88">88</a> ff.<br />
+
+Urteilsarten <a href="#Seite_81">81</a> ff.<br />
+
+<br />
+Vernunft <a href="#Seite_34">34</a>.<br />
+
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+Vorsatz <a href="#Seite_56">56</a>.<br />
+
+Vorstellung <a href="#Seite_24">24</a> f. <a href="#Seite_32">32</a>.<br />
+
+Vorstellungsverlauf <a href="#Seite_25">25</a> ff.<br />
+
+<br />
+Wahrnehmung <a href="#Seite_24">24</a> f.<br />
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+<br />
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+
+Zeller, E. <a href="#Seite_141">141</a>.<br />
+
+Zerstreutheit <a href="#Seite_30">30</a>.<br />
+
+Ziehen <a href="#Seite_142">142</a>.<br />
+
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+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK ***
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+Literary Archive Foundation
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+
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+
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+++ b/old/44442-h/images/abb_104_2.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_104_3.png b/old/44442-h/images/abb_104_3.png
new file mode 100644
index 0000000..051cafa
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_104_3.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_105.png b/old/44442-h/images/abb_105.png
new file mode 100644
index 0000000..53a5440
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_105.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_106.png b/old/44442-h/images/abb_106.png
new file mode 100644
index 0000000..cdc7119
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_106.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_1.png b/old/44442-h/images/abb_91_1.png
new file mode 100644
index 0000000..755ee3c
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_91_1.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_2.png b/old/44442-h/images/abb_91_2.png
new file mode 100644
index 0000000..f304fff
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_91_2.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_3.png b/old/44442-h/images/abb_91_3.png
new file mode 100644
index 0000000..c887ef7
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_91_3.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/abb_92.png b/old/44442-h/images/abb_92.png
new file mode 100644
index 0000000..8ccb5fa
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/abb_92.png
Binary files differ
diff --git a/old/44442-h/images/cover.jpg b/old/44442-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..d2402b0
--- /dev/null
+++ b/old/44442-h/images/cover.jpg
Binary files differ