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Hochgestellte | + | Zeichen werden durch ein vorhergehendes ^ gekennzeichnet. | + | | + | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | + | | + | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert. | + | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert. | + | S. 122 "demseben" in "demselben" geändert. | + | S. 141 "184/95" in "1894/95" geändert. | + | | + +--------------------------------------------------------------+ + + + + + Sammlung Göschen + + + Psychologie und Logik + zur Einführung + in die + Philosophie + + Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium + + dargestellt von + Dr. Th. Elsenhans + + Mit 13 Textfiguren + + _Vierte, verbesserte Auflage_ + + Zweiter Abdruck + + _Leipzig_ + G. J. Göschen'sche Verlagshandlung + 1904 + + + _Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von + der Verlagshandlung vorbehalten._ + + Herrosé & Ziemsen, Wittenberg. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + +Einleitung. + + Seite + § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7 + § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9 + § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11 + + +Psychologie. + + § 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14 + + Abschnitt 1. Seele und Körper. + + § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von + Seele und Körper 15 + § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen + Erscheinungen 17 + § 7. Das Nervensystem 19 + + Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + § 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20 + + 1. Das Erkennen. + + § 9. Die Empfindung 21 + § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24 + § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25 + § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30 + § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32 + § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34 + + 2. Das Fühlen. + + § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39 + § 16. Die körperlichen Gefühle 41 + § 17. Die geistigen Gefühle 42 + § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44 + § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44 + § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46 + § 21. Die Temperamente 48 + § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49 + § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50 + + 3. Das Wollen. + + § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52 + § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55 + § 26. Die Freiheit des Willens 57 + § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59 + § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62 + + Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der + Seele voneinander. + + § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente + voneinander 64 + + +Logik. + + § 30. Die Aufgabe der Logik 67 + + I. Teil: Elementarlehre. + + 1. Die Begriffe. + + § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69 + § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71 + § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72 + § 34. Die Arten der Begriffe 72 + + 2. Die Urteile. + + § 35. Das Wesen des Urteils 74 + § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75 + § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79 + § 38. Übersicht der Urteilsarten 81 + + 3. Die Schlüsse. + + § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85 + + A. Der unmittelbare Schluß. + + § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88 + § 41. Die Konversion 90 + § 42. Die Kontraposition 92 + § 43. Die Umwandlung der Relation 93 + § 44. Die Subalternation 93 + § 45. Die Äquipollenz 94 + § 46. Die Opposition 94 + § 47. Die modale Konsequenz 96 + § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96 + + B. Der mittelbare Schluß. + + § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98 + + § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der + kategorischen Schlüsse 100 + § 51. Die erste Figur 103 + § 52. Die zweite Figur 105 + § 53. Die dritte Figur 107 + § 54. Die vierte Figur 108 + § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu + den Prämissen 109 + § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110 + § 57. Der hypothetische Schluß 113 + § 58. Der disjunktive Schluß 115 + § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117 + § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118 + § 61. Der Induktionsschluß 121 + § 62. Der Analogieschluß 122 + + II. Teil: Methodenlehre. + + § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123 + + 1. Die Begriffsbestimmung. + + § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124 + § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125 + + 2. Die Einteilung. + + § 66. Das Wesen der Einteilung 126 + § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127 + + 3. Der Beweis. + + § 68. Der Beweis und seine Arten 129 + § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130 + + 4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + § 70. Die verschiedenen Methoden 131 + § 71. Das induktive Verfahren 132 + § 72. Das deduktive Verfahren 136 + § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die + Hypothese 137 + § 74. Das System 138 + + Literatur 140 + + Namen- und Sachregister 143 + + + + +Einleitung. + + +§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie. + +_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat, +Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens +herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem +Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von +Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu +Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft +jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der +Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu +erforschen. + +Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer +Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im +Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet +hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf +unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in +sich schließt. + +_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der +Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der +Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt +sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an +jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der +Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie +es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in +Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt. + +Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor, +deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung +von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung +empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische +Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_, +das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen +einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen +treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der +menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat, +Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken, +als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der +Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide +Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder +Geisteswissenschaft zusammenwirken. + +Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der +Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich, +auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des +Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu +untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die +Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft +beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze +auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen +(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir +der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und +Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie +nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische +Erkennen unerreichbar angesehen wird. + + +§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie. + +Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1 +bezeichneten Aufgaben zu lösen. + +Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die +_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen +Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die +_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz +zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich +verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten, +unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, +Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk +eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach +vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles +bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen +Philosophen der Folgezeit neu begründet werden. + +Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die +griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst +und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399) +beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den +Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer +Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_ +(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens +zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger +durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der +damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der +Philosophie hereinzog. + +Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten +den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die +Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_ +forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten +einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit +unmittelbar anzuschauen. + +Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des +Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber +erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht. + +In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen, +eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste, +hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem +Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_, +_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und +_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von +den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_ +(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich +(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch +_Spinoza und Leibniz_. + +Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_ +(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und +seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für +die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während +_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und +Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah +_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der +Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und +gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete +Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten +_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus +neu zu gestalten. + +In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische +Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der +_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie +zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der +_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in +selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann. + +Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der +_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht +auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und +England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein +naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht +sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend. + + +§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik. + +Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich +zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders +eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern +philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik +zu. + +Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der +Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung +der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie +ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen, +daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand +entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß +das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen +selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig +ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme +wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So +erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung +überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen, +nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke +haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung +entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir +etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%, +steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen +Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_, +wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der +Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des +philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die +Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann. +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß +die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem +Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. +Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften +überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik, +Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren +Abschluß in der Metaphysik. + +Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die +Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die +Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und +Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und +deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur +Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern +bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist +aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet, +weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der +schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet. + +Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten +vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der +Psychologie sind. + + + + +Psychologie. + + +§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie. + +Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie, +welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren +Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere +Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu +erklären sucht. + +Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach +der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem +Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu +anderen Seelen. + +Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst +rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens +und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur +wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische +Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom +festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme +weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale +Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung +und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_ +Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und +z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten +und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt. + +Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie. + + +Abschnitt I. Seele und Körper. + + +§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und +Körper. + +Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft +mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig +die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich +mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der +Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_, +d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die +unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von +Seele und Körper. + +Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber +von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton +hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der +Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen +keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß +fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen +entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die +Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu +werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu +setzen. + +Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von +Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier +Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche +Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers +(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines +oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder +man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle +möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen +oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele +und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens, +stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung +(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus). + +Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus +nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die +endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen +Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die +tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die +durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten, +soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser +Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese +Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus +zusammengestellt werden. + + +§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen +Erscheinungen. + +Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich +unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_: + +1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf, +während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere +Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig. + +2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das +_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe +oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der +Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller +Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische +Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein, +und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur +auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper +verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden. + +Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt +nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche +Merkmale anderer Art: + +1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_, +_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder +Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es +tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch +Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das +Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör +durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der +religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als +absolute Einheit sich versenkt. + +2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der +Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in +Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und +werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber +nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_ +oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch +ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein +solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur +vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele +ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche +_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung +gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit +der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne +sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen +Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu +verbinden. + +Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier +Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen +Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe +Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es +ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_. + +An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im +Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus +zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche +die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung +früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin +aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die +einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und +mit deren Resultat gegenwärtig. + + +§ 7. Das Nervensystem. + +Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle +Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In +unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße +Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich +zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese +stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung +(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine +Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das +allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird. +Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem +Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der +Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden +Glieder zu vermitteln. + +Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte +Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen +(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat +geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder +Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der +Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der +darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte +populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte +der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der +dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen +werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der +Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die +Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum, +Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein +anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, +Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind. +(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl. +Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der +Psychophysik.) + + +Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + +§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”. + +Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von +_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und +eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen +Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf +die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das +Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem +befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige +Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”, +teils was die Dreiteilung betrifft: + +1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele +nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch +keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem +Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt. +Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen +Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in +Klassen einteilen. + +2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen, +das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum +einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen +das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit +in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit +nicht gibt. + + +1. Das Erkennen. + + +§ 9. Die Empfindung. + +Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele +zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist +zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, +und schließt drei Hauptmomente in sich: + +1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten +sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem +Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch +Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das +erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören +durch die Schwingungen des Äthers, der Luft. + +2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz +veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum +des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv +durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung. + +3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten, +Riechen, Schmecken. + +Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie +veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum +auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir +können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der +Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf +Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit +Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b +ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage +aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der +Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann. +Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch +merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu +welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches +Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in +geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in +arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von +3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich +werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg +mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die +verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese +sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein +_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke +bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen, +also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 +gefunden. + +Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht +durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische +Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_ +erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter +tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die +Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das +Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache +führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer +_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes +einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade +die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln. + +Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon +aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. +„_Nachbilder_”. + +Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton, +oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene +Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich +sehen und hören. + + +§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung. + +Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz +aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der +Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann +_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn +die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine +bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so +kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine +Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild +des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben +Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als +dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt. +Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen +Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch +vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der +_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das +Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner +Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets +zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der +Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da +hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, +sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als +gleichbedeutend gebraucht. + +Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen +Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern +_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie +wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie +Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die +Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch +wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_ +verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der +auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen +wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in +dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem +Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, +Schopenhauer.) + + +§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen. + +Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst +haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese +Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit +neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen +von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten. + +Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der +Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt +die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt +zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, +die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer +mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr +auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den +Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser +Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren +Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder +bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich +lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des +Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben +unter krankhafter Einseitigkeit. + +Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie +_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie +aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist +die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren +Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß +auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien +Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue +Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der +Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der +Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen +Vorstellungen _wiederkehren_? + +Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt +aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, +wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der +Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die +unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes +(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel +ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir +aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben +unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur +beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden. + +In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_. +Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung +des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge +beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird +nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies +Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke +von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort +Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden +sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als +Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet. + +Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein +auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, +so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere +hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. +Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen +oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und +beruht: + +1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer +Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen +hervor. + +2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_ +(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das +strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines +Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese +Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst +die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen +Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks +miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser +Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer +zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch +Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung +eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines +auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je +häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen +dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier +eine große Rolle (s. § 28). + +Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei +das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern +verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz +der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses +Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich +verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß +allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich +vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung +ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur +eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich +befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. +Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre +_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das +vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer +Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden +Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der +alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter +e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins +Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand +für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende +_Interesse_ ist, das wir an ihm haben. + + +§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis. + +Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei +Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die +_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und +Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung +festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_. + +Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_ +Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns +herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben +zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. +eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere +unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit +entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit +veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder +Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, +gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie +von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, +daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der +Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so +entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_. + +Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir +können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”, +indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten +ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit +andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen +uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern +Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_ +durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns +durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung +gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur +schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in +derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf +_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren +inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere +Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie. + +Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_ +und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen +entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch +zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte, +Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der +Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene +Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B. +für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene +Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und +visuelles Gedächtnis unterschieden. + + +§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken. + +Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B. +die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus +Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen, +Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung +eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese +Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_ +in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran +haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die +Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur +feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen. + +Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich +jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er +sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele +ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die +allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die +allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen +die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres +Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt. + +Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten +aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie +nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem +Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen +für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen +einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die +Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_ +Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die +_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die +Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch +entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser +Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden. + +Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung +genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes +übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als +_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter +Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus +der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von +_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen +_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der +Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was +dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der +bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt +oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen. +Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der +Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach +bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So +bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen +und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff +Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale: +Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und +Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der +Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B. +das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung +eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den +beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im +Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als +Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse +zustande kommen, ist Aufgabe der Logik. + +Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit +Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem +„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der +Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen +der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden, +des „Übersinnlichen” gerichtet sei. + + +§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen. + +Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen +Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich +zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, +den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen +finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen, +Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende +Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen +Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt +diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden +Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer +Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform, +durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_. + +Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt +zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben +wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr +ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von +irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen; +denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns +vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl +verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die +Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit, +losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der +räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit +bestimmten Abschnitten möglich. + +Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit +Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir +dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen +Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der +_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres +Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft +vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen +Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen +Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt +sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und +wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit +aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen +der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen +gezählt werden. + +Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes +haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so +erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_ +gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so +enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten +eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem +ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei +Dimensionen. + +Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem +Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben +wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das +Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren +Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich +geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das +Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer +schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen +Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer +Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch +daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist, +oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und +nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in +mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende +Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer +oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich +von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und +Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und +Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder +geringere Deutlichkeit der Umrisse. + +Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die +Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe +der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu +einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei +verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt +ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei +einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung +durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand +zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach +verwendet. + +Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines +Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener +Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein +Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel +als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. +Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_ +bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den +Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum +bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten +Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere +Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den +verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und +damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt +dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und +Begrenzung der Körper. + +Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß +_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl +die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von +den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die +Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der +Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst +noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den +dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je +nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb, +Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt +werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen +werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung +des Raumes zu erweitern. + +So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein +einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet +sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem +_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_ +auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß +die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses +Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir +wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig +eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von +b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch +die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist. +Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu +untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende +Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach +diesem Kausalitätsgesetz zu deuten. + + +2. Das Fühlen. + + +§ 15. Wesen und Arten des Gefühls. + +Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden +sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich +allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz +die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der +Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als +die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der +Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem +Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, +daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als +Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen +und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, +sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das +_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_, +den wir ihnen beilegen. + +Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die +Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder +Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften +Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines +schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will, +sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme +addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß +die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für +die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.) + +Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher +beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an +ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach +ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen +Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen +herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen +Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen -- +Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und +Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind -- +unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein +gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die +intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle. + + +§ 16. Die körperlichen Gefühle. + +Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die +_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig. +Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu +einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton +zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, +wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich +mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits +kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer +Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden. + +Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche +Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize +haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, +_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im +Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur +in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit +deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen +unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie +vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die +Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne +begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine +Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen +von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer +Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von +Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke +Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist. + + +§ 17. Die geistigen Gefühle. + +Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände, +durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen +selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die +dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers +verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes +Wort hervorgerufen wird. + +_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der +Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von +Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen +Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer +Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, +Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die +_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie +sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des +menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit” +(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein +Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der +vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt +zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische +Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das +Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die +Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der +_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem +Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm +geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich +ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches +Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung +folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum +Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade +nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser +Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist, +werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen +des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des +Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter +(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten +Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das +_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu +Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem +sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt, +werden zu Trägern sittlicher Ideale. + + +§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer. + +Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß +es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen +beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_, +z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer +bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_, +beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu +unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe, +Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit +gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen +frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch +größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren +Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist +das _Gemüt_. + + +§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle. + +Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen +sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die +Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl +auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. +Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung +vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben +Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der +betreffenden Umstände. + +Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den +Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der +Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes +Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_. +Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen +Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust +ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand +der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger, +als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie +in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur +ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz. + +_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der +häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. +Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt +Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung +in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen +Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die +wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen +Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem +die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des +Tonstücks eindringt. + +Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem +_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen +höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt +sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes +aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der +Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der +Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen. + +Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse +Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten +Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von +Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran. + + +§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung. + +Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das +sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick +unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein +allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen +entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen +unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers +beziehen, nicht „lokalisieren” läßt. + +Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern, +setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören: + +1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu +_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen. + +2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber +auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz. + +3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im +Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens +gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier +Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des +Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das +Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der +„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen +Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl +die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte +Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen. + +Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die +Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine +Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet +haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_ +Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der +_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_ +bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl. + +Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des +„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die +Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise +verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit +auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung +damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige +Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so +sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis +entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen +des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt, +ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die +gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in +einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal +gewesen zu sein. + + +§ 21. Die Temperamente. + +Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender +Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter +Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, +wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen +sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der +körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es +eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht +schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente +herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: +das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke +zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen) +und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_: +dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen). + +Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen +Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der +gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_ +Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung, +daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der +Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere +Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_: +starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der +Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_: +große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber +Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft +zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele. + +_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der +Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit, +und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente: + + _Starke:_ _Schwache:_ + + _Schnelle_ cholerisch sanguinisch + _Langsame_ melancholisch phlegmatisch. + +Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt, +und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit +zu vermeiden. + +Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker, +Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in +jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art +angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen +der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust. + + +§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl. + +Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir +machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst, +bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch +der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird. +Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden +Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus, +daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, +die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste +Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im +„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen +Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden, +zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im +Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich +auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist, +das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen +Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder +dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen. + + +§ 23. Die Bedeutung der Gefühle. + +Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das +menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach +auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine +Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der +Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt +als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem +Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit +einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst +bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch +ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des +geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die +daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist +nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste +Aufgabe der Lebensklugheit. + +Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der +umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung +auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem +Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die +theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht +nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so +vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit +verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar +nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender +Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm +verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so +geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die +Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt +unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl. + +So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust, +die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des +einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte +der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der +Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, +die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler +Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung +entgegenführen. + + +3. Das Wollen. + + +§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen. + +Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des +Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen +Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer +eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des +Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu +bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden +Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher +auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum +eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht +werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden +soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung. + +Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst +Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom +Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen +Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in +Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten +Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder +eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich +kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen +Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt, +allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden +können. + +Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche +_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines +Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die +Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt +Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung +nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der +eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber +ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu +jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß +diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung +unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei +Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch +wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar +noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger +Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen +Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die +sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche +zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer +Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und +durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen +Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen +Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die +motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur +Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den +elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft +weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der +Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der +durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen +bringt. + +Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen +Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der +bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens +oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die +Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie +werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung, +mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die +_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen +_Reflexhemmungen_. + +Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des +_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln +zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie +gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine +Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer +Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei +geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten +ihrer Gattung angesehen werden müssen. + +Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne +eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer +zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_ +der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren +Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines +Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern +unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung +einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß +der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt +sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung +gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas +anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung +infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück. + + +§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen. + +Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt +näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto +enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So +unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr +oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der +Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz +erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_ +über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem +zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes +gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden, +zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt +leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung +begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem +das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die +Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das +Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also +der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_. + +Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar +zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten +mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr +bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es +entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der +Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel +anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung +entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher +Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die +Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn +sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden: +„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen +Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die +Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form +des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern, +desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der +Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet +haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit +haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der +unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung +entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des +Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig +ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die +strafrechtliche Beurteilung. + +_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht, +daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun +auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur +erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt +in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen +Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen +wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht +werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, +diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer +inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, +sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, +jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen. + + +§ 26. Die Freiheit des Willens. + +Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß +faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern +Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben +vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich +vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese +Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, +ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist, +die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz +außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der +Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes: + +1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des +Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben +müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit +des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt +weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen. + +2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_ +hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das +Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß +man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt +hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde +Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung +bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen +Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an +eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und +aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben. + + +§ 27. Die Ausdrucksbewegungen. + +Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen +innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren +Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen +und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie +verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen +Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser +Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in +äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch +_Gebärden_ genannt. + +Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die +aber häufig zusammenwirken: + +1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum +Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen +erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. +Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der +Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck +körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern +es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der +Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in +Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein +Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier +besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in +einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das +_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. +Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln +begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind. + +2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher +Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche +der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind. + +3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch +mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der +Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des +betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden. +So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das +Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und +dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird. + +Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die +_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den +gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in +ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. +Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden +begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer +unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche +Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten +_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird, +wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die +erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer +Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das +Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_: +zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und +dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde +die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die +Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die +Ausbildung des Denkens überhaupt. + +Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer +Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren +Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die +natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, +hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den +inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen +ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt, +so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht +„Ausdruck” eines Innern ist. + + +§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter. + +Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das +geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere +Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen +Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch +Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die +Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder +kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel +dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der +Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen +Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden +wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der +Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben +(vgl. o. S. 36). + +Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von +den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die +motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche +gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. +die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für +unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das +eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt +sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der +betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch +Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe +in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben +geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange +her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist +uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als +ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: +das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu +erklären. + +Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung +erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer +besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen +Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt +scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall +der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des +Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, +und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder +Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der +Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch +hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein. + +Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich +einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber +macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der +Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns, +einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf +sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen +Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind. +Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene +Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige +Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine +besondere Entscheidung des freien Willens statt. + + +Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele +voneinander. + + +§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander. + +Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon +erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht +entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten +Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer +ergeben, wie eng sie zusammengehören. + +1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist +das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es +verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert, +den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für +uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst +würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und +diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, +die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des +_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt. + +2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von +Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt, +um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit +den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie +sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine +deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung +der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die +höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen, +religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf +sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann +wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen +Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls +verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann +mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es +sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter +Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen +läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, +in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den +Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur +dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen +wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie +eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen +Strebens verhindert. + +3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er +bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses +Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die +Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen +Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu +erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand +ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen +planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige +Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur +Leitung des Willens aufgestellt werden. + +So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der +verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen +Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille +vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches +Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen +vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und +_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale +Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen +Geistes. + + + + +Logik. + + +§ 30. Die Aufgabe der Logik. + +Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_. +Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der +Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner +_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen +Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie +das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik +hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das +geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die +Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der +Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt. + +Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben, +_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das +nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, +dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber +der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt +werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung +vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich +zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir +auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis +des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen +Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die +Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_ +abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht +vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit +gelten zu können. + +Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges +Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das +richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir +finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu +denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die +Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen, +unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande +kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab +_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von +gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat, +durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie +unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das +Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen +eigenen Gesetzen. + +Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik +_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die +Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß +die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der +logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen +angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die +Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn +wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt, +so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist +diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder +besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie +und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer +klaren, sicheren Methode abhängig ist. + +Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den +_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese +Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft +als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des +wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik +einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_. + + +I. Teil. Elementarlehre. + + +1. Die Begriffe. + + +§ 31. Der Begriff und seine Merkmale. + +_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in +einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. § +13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird, +gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so +nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht +werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können, +_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale +des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang; +außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl +gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in +keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der +Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder +die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang +zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der +Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich +wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks +schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann +aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden. + +Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in +_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_ +eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen +zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein +ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der +Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben. + +Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet +wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren, +sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten +sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen +wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen, +indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen +aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen. + + +§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs. + +An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit +der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der +Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und +Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate, +Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier: +organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere, +Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w. + +Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale +aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu +eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff +Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält, +denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid +ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit +dem Begriff des Vierecks zusammen. + +_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je +größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und +Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis +zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang +des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld +und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal +Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von +Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion). + + +§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe. + +Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt +die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn +man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann, +was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung +möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von +Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für +sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der +von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine +klare Vorstellung hat. + + +§ 34. Die Arten der Begriffe. + +Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_ +Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale +enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; +zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil. + +Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man +_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und +_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der +unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man +_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder +aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen +nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der +Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der +Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen +können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt +der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier, +organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren +Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im +Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet +werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann +auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert +besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, +Individuum. + +Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet +sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B. +Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem +gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz +(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den +Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und +ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_ +Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie +sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen +sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt, +ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer +sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden +zugleich. + +Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach +Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und +der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der +Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der +nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders +hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres +Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_, +wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und +gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man +diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen +höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und +Tapferkeit. + + +2. Die Urteile. + + +§ 35. Das Wesen des Urteils. + +_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe, +der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die +sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird +etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das +_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung +beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula +ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das +Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet +wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus +(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist +geflügelt. + + +§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile. + +Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von +Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei +jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_, +_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_. + + +1. Die Quantität. + +Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das +Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle +Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das +Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind +P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_ +Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P; +Bismarck ist ein großer Mann. + +Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der +_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil +könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das +Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall, +daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur +von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine +besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als +selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so +daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige +S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind +sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein +vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung, +oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, +hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß +unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem +unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die +Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf +einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen. +Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines +Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt, +an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben +gleiche Diagonalen. + + +2. Die Qualität. + +Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder +affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2. +_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3. +_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten +Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P. + +Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie +fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden +diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist +nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen +Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses +unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich +nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht +alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr +ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen. + +Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben +sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben +a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P +(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär +bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S +sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe) +und %nego% (ich verneine) entnommen. + + +3. Die Relation. + +Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache +Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt +etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so +entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches +aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten +jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind +entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder +die Franzosen oder die Deutschen werden siegen. + +Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des +Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und +Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird, +noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als +_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die +Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen +sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise +auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich +die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der +Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist, +so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es +auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist, +so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat. + +Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher +Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang +des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist +R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern +im _konträren_ Gegensatze stehen. + + +4. Die Modalität. + +Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_, +wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als +Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren +Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_, +deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein. + +Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen +Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive +Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des +Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive +Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts +Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine +Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit +eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des +Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der +es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft +Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen +assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil, +also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird. + + +§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile. + +Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und +zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_ +Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und +_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen, +unterschieden. + +Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten +hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet: + +1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere +Prädikate bejaht oder verneint. + + { sowohl } { als } { als } + S ist { } P { } P^1 { } P^2. + { weder } { noch } { noch } + +2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe +Prädikat bejaht oder verneint. + + Sowohl } { als } { als } + } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P. + Weder } { noch } { noch } + +3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen +Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P +teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum +disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv +ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder +gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils +krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck +voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von +denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder +gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach +seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien +(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen +sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von +Ewigkeit her oder geworden. + +Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit +dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven, +zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen +Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein +keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch +bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als +einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides +besitzen. + +Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das +konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes +Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene +selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil +in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine +Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann +neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn, +obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden; +alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich +daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen, +sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile, +die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer +sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile. + +Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten +lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das +_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und +Prädikats tretenden Sätzen. + + +§ 38. Übersicht der Urteilsarten. + +Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und +Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen +verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten +Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der +allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe +(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt +oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch +genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der +Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die +verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen +wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als +einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den +Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und +Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich +ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben: + + +I. Nach den Subjektsformen. + +1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile: + + a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten + Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen + bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön. + + b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten + Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_ + deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb. + +2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität): + + a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches + Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen + Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der + sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form + gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet. + Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_. + + b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils + _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt + bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt. + + c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter + Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs + des Subjektsbegriffs_: + + mindestens } + } einige S sind P. + nur } + + d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die + unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund + der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines + Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem + letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner, + auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt, + z. B.: das Tier hat Empfindung. + + +II. Nach den Prädikatsformen. + +Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen, +wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht +oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_ +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen +gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren +_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der +Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den +Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln. + +Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion +selbst modifizieren. + +1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff, +in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist +Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier. + +2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine +Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich. + +3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt +beigelegt: Schnee ist weiß. + +4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf +einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten +Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene +_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön; +die Bewegung der Brieftaube ist schnell. + +5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen +verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier +ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein +ausgesprochen. + + +III. Nach den Beziehungsformen. + +Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das +Subjekt bezogen wird: + +1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_ +(Qualität): + + a) _Bejahende Urteile_: S ist P. + + b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P. + +2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation): + + a) Kategorische: S ist P. + + b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B. + + c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D. + +3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität): + + a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist + vielleicht P. + + b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein. + +Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich, +nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a), +2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I. +unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c), +3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter +1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b). + + +3. Die Schlüsse. + + +§ 39. Die Grundgesetze des Denkens. + +Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar +Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim +Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden. + +Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt. + +1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in +seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist +sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der +_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem +Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden. + +2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%) +lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in +derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.” +_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist +nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus +der Wahrheit des einen die Falschheit des andern. + +3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi +tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte +Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch +sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist +ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des +andern. + +4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis +sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._ +Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im +Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des +logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit +der Folge der Grund aufgehoben._ + +Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der +des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich +betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in +Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist +nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine +_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität +eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies +ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der +Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_ +beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der +Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger +Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können +nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu +verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B, +nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist. + +Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu +unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische +Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden +veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder +_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die +Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das +Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine +Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu +knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer +Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht +zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für +mathematische Folgerungen bilden. + +So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des +Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem +es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige +Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7). + + +A. Der unmittelbare Schluß. + + +§ 40. Der Schluß aus einem Begriff. + +_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren +anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt +_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer +Schluß_. + +Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils +gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff +abgeleitet werden können. + +Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem +Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der +vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: „In +allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat +gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. +Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem +Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer +dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte +durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne +Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren +könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen, +weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe +zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren; +dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat +hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine +Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.” So ist +nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches, +denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das +Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein +synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also +auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil +gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt. + +Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei +Seiten berichtigt werden. + +1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt +mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe +Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den +andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere +schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht +aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des +Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein +analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann +nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig +ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist +wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine +besondere Art des Schlusses anzusehen. + +2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber +zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_ +ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne +ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose, +die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein +synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose +veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für +ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen. + + +§ 41. Die Konversion. + +Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung +des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen +aufgeführt. + +Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin, +daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im +kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum +Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der +Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne +Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio +per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%). + +Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität: +allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e +und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes: + +1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten +Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine +Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der +Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle +gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der +Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt +sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in +den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich +decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter +Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur +unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist. + +[Illustration: a.1.] + +2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind +regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In +dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden +gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist +die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle +Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und +4., wo sich wieder i ergibt. + +[Illustration: i.1. 2. 3. 4.] + +[Illustration: e.] + +3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich, +kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind +vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S. + +4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist +das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus +gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus +möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als +Subjekt daraus ableiten. + +[Illustration: o.1. 2. 3.] + + +§ 42. Die Kontraposition. + +Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung, +das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die +Qualität des Urteils wird verändert. + +1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S +oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt +auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser +Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt, +alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch +außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist. + +2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP +S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es +jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts +Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut. + +3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige +NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S +außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.: +einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig. + +4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige +NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4. +zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die +Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige +NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S. + + +§ 43. Die Umwandlung der Relation. + +Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung +der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B, +kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es +B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist, +so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere +hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder +B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so +ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen +stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen +sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_ +aussprechen. + + +§ 44. Die Subalternation. + +Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen +Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem +Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des +partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen +Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der +Unwahrheit von i die von a. + + +§ 45. Die Äquipollenz. + +Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des +Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz: +%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil +hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.: +jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich +wäre. + + +§ 46. Die Opposition. + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der +Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird +_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem +kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im +kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine +dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende +und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das +partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen +Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere +Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das +partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B. +falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von +hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis +unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär +verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der +_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen +gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte +auch auf einen Teil desselben beziehen. + +Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema +veranschaulichen: + + A -- Konträrer Gegensatz -- E + + | \ / | + | \ / | + + K z + o t + n a + t s + r n + a e + d g + i e + U k G U + n t n + t o r t + e r e e + r i h r + o sc o + r i h r + d r e d + n o r n + u t u + n k G n + g i e g + d g + a e + r n + t s + n a + o t + K z + + | / \ | + | / \ | + + I -- Subkonträrer Gegensatz -- O + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden +Regeln: + +1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr +entgegengesetzten. + +4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden +subkonträren. + + +§ 47. Die modale Konsequenz. + +Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der +Urteile verändert wird; dann folgt: + +1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden +assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des +assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der +Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch +tatsächlich zwei Rechte. + +2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des +assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des +apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist +es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein. + + +§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse. + +Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer +Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale +Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie +Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche +Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch +Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige +sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter +entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung +der logischen Formen schärfen. + +Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition. +Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen +Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein +bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat +nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind. +Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die +wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig +ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der +Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet +sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht. + +Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch +dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in +denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere +Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem +Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem +Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom +hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die +genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a: +Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus, +daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des +Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A +nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß, +wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft +ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A +gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck +des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund +aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen +wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der +Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so +wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch +noch an andere Gründe geknüpft. + + +B. Der mittelbare Schluß. + + +§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses. + +Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das +Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im +ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten +_Induktion_. + +Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein +_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. +Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen +_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil +_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den +Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff +gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der +im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das +Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das +untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den +Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige, +welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%) +enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die +_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%). + +Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in +verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung +des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen +Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in +der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten +offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat +und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit +S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen +sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen: + + 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M + S M S M M S M S + --- --- --- --- + S P S P S P S P + +Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die +vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus († 200 n. Chr.); sie wird +daher die galenische genannt. + +Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von +Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16 +Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste +Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht. + + a a e a i a o a + a e (e e) (i e) (o e) + a i e i (i i) (o i) + a o (e o) (i o) (o o) + +Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder +Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl +als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren +gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen +Figuren widersprechen. + + +§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen +Schlüsse. + +1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis +nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich. + +a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß +sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da +aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses +Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von +Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende +Veranschaulichung durch Kreise zeigt: + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_: +e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die +unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch +die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von +a) nur vermehrt ist. + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b) +Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere. + +Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo. + +2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere +particularibus nihil sequitur%). + +a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der +Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das +Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die +folgenden Figuren, die alle i i entsprechen. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär +verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe +von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. +die Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4.] + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt +sich mit 1. c). + +Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12 +weitere Modi. + +3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_ +ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz. + +a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein +verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser +Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der +Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als +Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der +Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden +Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes +Resultat, vgl. Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und + +c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und +2. ausgeschlossen. + +Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi +im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern +bezeichnet sind. + +Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze +der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die +übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch +Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und +anschaulicher ist der Beweis durch Kreise. + + +§ 51. Die erste Figur. + +Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als +Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen +auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz +verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben +nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von +Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen +Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des +Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein +bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi +der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt: + + %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque. + Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae. + Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton, + Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae + Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.% + +1. Barbara + +hat die Form + + M a P Alle Menschen sind sterblich + S a M Alle Könige sind Menschen + ------------------------------------ + S a P Alle Könige sind sterblich. + +[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.] + +Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus +entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen +oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der +selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt. + +2. Celarent + + M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum + S a M Alle Logiker sind Menschen + ----- -------------------------------- + S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P +getrennt sein. + +3. Darii + + M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind + regelmäßige Figuren + S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel + ----- -------------------------------------------------- + S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen +mindestens diese „einige S” auch in P liegen. + +4. Ferio + + M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert + S i M Einige Güter sind vergänglich + ----- ------------------------------------------ + S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M +sind, ebenfalls außerhalb P liegen. + + +§ 52. Die zweite Figur. + +Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß +allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1. +fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls +4 übrig: ea, ae, ei, ao. + +1. Cesare + + P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz + S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz + ----- -------------------------------------- + S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte. + +[Illustration: 1. 2.] + +Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P +getrennt sein. + +2. Camestres + + P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem + gehörenden Weltkörper muß die Bahn des + Uranus vollständig bestimmen + S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems + aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus + vollständig + ----- ------------------------------------------------ + S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres + Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen. + +Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun +durch Galle (1846). + +Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen +vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe. + +3. Festino + + P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit + S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit + ----- ------------------------------------------------- + S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst. + +Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M +fallen, von P getrennt sein. + +4. Baroco + + P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die + rechte Gesinnung + S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte + Gesinnung + ----- --------------------------------------------------------- + S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen + Menschen. + +Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M +fallen, auch nicht in Kreis P fallen. + + +§ 53. Die dritte Figur. + +Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz +bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig +bleiben. + +1. Darapti + + M a P Alle Wale sind Säugetiere + M a S Alle Wale sind Wassertiere + ----- ---------------------------------------- + S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere. + +Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer +Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen +Beweise. + +2. Felapton + + M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ + M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten + ----- --------------------------------------- + S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen. + +3. Disamis + + M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind + der Casusflexion fähig + M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der + französischen Sprache + ----- ------------------------------------------------ + S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der + Casusflexion fähig. + +4. Datisi + + M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt + M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige Unschuldige werden geschädigt. + +5. Bocardo + + M o P Einige Amphibien haben keine Füße + M a S Alle Amphibien sind Tiere + ----- ---------------------------------- + S o P Einige Tiere haben keine Füße. + +6. Ferison + + M e P Kein Mensch ist fehlerlos + M i S Einige Menschen sind bewundernswert + ----- -------------------------------------------- + S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos. + + +§ 54. Die vierte Figur. + +Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als +Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär +verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit +einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also +noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig. + +1. Bamalip + + P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme + zu erhalten + M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind + wollene Kleider. + +Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu +Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt. + +2. Calemes + + P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme + M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez + ----- ------------------------------------ + S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid. + +3. Dimatis + + P i M Einiges Angenehme ist verwerflich + M a S Alles Verwerfliche ist schädlich + ----- ---------------------------------- + S i P Einiges Schädliche ist angenehm. + +4. Fesapo + + P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig + M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt + ----- -------------------------------------------------- + S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden. + +5. Fresison + + P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten + M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut + regiert + ----- ---------------------------------------------------- + S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch. + + +§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen. + +Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die +Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio +sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder +verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein. +Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder +partikulär sein. + +Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen +Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_ +nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein +verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o. + +Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz +derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist +apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder +problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch +ist. + + +§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen. + +Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener, +und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein +formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle +gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form +%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die +brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die +allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige +Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die +unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten +Figur. + +_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes +Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich +nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion +des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf +lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn +das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die +einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder +verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius, +repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal +des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch +dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des +Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten +%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und +einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder +einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu +dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder +auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies +geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von +Begriffen_ stellen. + +Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus +eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt +sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt. +_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während +_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur +_allgemeingültigen_ zu machen. + +_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57) +die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle +Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit +dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei. +So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige +Formel: + +Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X + + 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B + -------------------------------------------------- + Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X + + 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X + -------------------------------------------------- + Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B + +Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_ +werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen +seine Brauchbarkeit. + +Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind +sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse +der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch +ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine +Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der +Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen +Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen +Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom +Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit +des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen +Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl +Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen +Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens. + +Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß +_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf +Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer +Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer +von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener +Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit +seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_, +der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der +_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme +gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der +Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins +Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet. + +Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus +zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser +Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise +das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns +beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der +Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der +Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist +im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten +Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß +ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied +berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar +gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten +Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem +Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann +es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit +fortschreiten. + + +§ 57. Der hypothetische Schluß. + +Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der +_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn +die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So +versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich +denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen +Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form: + + Wenn A gilt, so gilt X + A gilt oder X gilt nicht + ------------------------------------ + also gilt X also gilt A nicht. + +Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des +Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit +der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%). + + Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß. + Nun hat es geregnet + ------------------------- + Also ist es naß, + +aber nicht umgekehrt: + + nun ist es naß + --------------------- + also hat es geregnet, + +ebensowenig: + + nun hat es nicht geregnet + -------------------------- + also ist es nicht naß, + +dagegen richtig: + + nun ist es nicht naß + --------------------------- + also hat es nicht geregnet, + +oder, bei verneinendem Nachsatz: + +Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung. + + Nun gibt es eine Vorsehung + --------------------------- + Also gibt es keinen Zufall, + +oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua +non%): + +Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung +nicht aufrecht erhalten werden. + + Nun ist dieser Satz nicht richtig. + ---------------------------------------------------------- + Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden. + +Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen. +Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch +Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist +dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema: + + Wenn A gilt, so gilt M + Wenn M gilt, so gilt X + ----------------------------- + Also wenn A gilt, so gilt X. + +Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so +ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_. + + Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die + Pendel der Uhren. + + Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die + Schwingungen verlangsamt. + + Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach. + -------------------------------------------------------------------- + Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach. + + +§ 58. Der disjunktive Schluß. + +Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives +Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion +ausgesprochenen Verhältnis der Glieder. + +Es kann also + +I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der +übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist B + ---------------- + Also ist A weder C noch D; + +II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller +übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist weder C noch D + ---------------------------- + A ist B. + +Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder +stumpfwinklig. + + Nach I. Nun ist es rechtwinklig + -------------------------------------- + Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig. + + Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig + ----------------------------------------------- + Also ist es rechtwinklig. + +Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I. +ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied +verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt +sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach +bejahende Urteil. + +Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_, +_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der +Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer +gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen. + + Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C + Nun gilt weder B noch C + ---------------------------- + Also gilt auch A nicht; + +oder kategorisch gefaßt: + + A ist entweder B oder C + Nun ist S weder B noch C + ----------------------------------- + Also ist S auch nicht A. + +Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz: + + Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen + möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt, + oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht + hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der + göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das + zweite, noch das dritte wahr, + ------------------------------------------------------------------ + also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten. + + +§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse. + +Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame +Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so +angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse +des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des +dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%). +Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt +der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem +_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der +Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_ +oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_. + + Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos + Der Anspruchslose ist zufrieden + --------------------------------- + Der Tugendhafte ist zufrieden. + + 2. Der Tugendhafte ist zufrieden + Der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------ + Der Tugendhafte ist glücklich. + + progressiv in der Richtung: 1. 2. + regressiv in der Richtung: 2. 1. + +Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt +ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat +ein Verbrechen begangen. + +Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine +Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_. + +Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem +letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die +_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem +Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598 +von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen +Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden +Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen +Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form: + + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz A ist C) + (Untersatz A ist C) + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------------------ + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + +Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche +in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren +Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form: + + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz B ist D) + (Obersatz B ist D) + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + ------------------------------------------- + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + + +§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse. + +Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er +auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu +täuschen, hervorging. + +Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze +des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden +Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen +der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%). + +Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze +des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine +sophistische Verwendung des Dilemmas. + + 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte + Der Neger ist kein Kaukasier + -------------------------------------- + Folglich hat er keine Menschenrechte. + + 2. Herodes war ein Fuchs + Alle Füchse haben vier Füße + ------------------------------ + Also hatte Herodes vier Füße. + +3. Tertullians Schluß: + +Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den +Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben. + + Die Antipoden müßten dies + ------------------------------ + Also gibt es keine Antipoden. + + 4. Aller Anfang ist schwer + Müßiggang ist aller Laster Anfang + ----------------------------------- + Also ist Müßiggang schwer. + +5. Der „_Lügner_” der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter +sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht +wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die +Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c. + +6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes +Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr +das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den +Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide +argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil +sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind +nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht +wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich +es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag +wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind +wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut +unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du +wirst mir mein Kind zurückgeben. + +7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras +Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die +zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten +Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus +keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte +ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den +Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur +Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs; +wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß +bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete +Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies +sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem +Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem +Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen +durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre +Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten. + + +§ 61. Der Induktionsschluß. + +Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie +gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat +folgende Form: + + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P. + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S. + -------------------------------------- + Jedes S ist P. + +Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder +_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und +Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der +Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem +Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz: +Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten +Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der „_Induktion von +Spezialgesetzen_” (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen +Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten +Fall, bei der „_generalisierenden Induktion_” wird geschlossen: Was +von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst. + +Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den +ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.: + + Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als + Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung. + + Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind + die alten Planeten. + ------------------------------------------- + Also haben die alten Planeten Achsendrehung. + +_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der +Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel +eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde. + +Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten +Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der +Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der +Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und +die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter +der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in +der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus +einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht +beobachtete Fälle zu schließen erlaubt. + +Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der +häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der +bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des +%post hoc% mit dem %propter hoc%. + + +§ 62. Der Analogieschluß. + +In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der +Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder +Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird +geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende +Form: + + M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen + Lebens. + + M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + + S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + ----------------------------------------- + S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen + Lebens. + + +II. Teil. Methodenlehre. + + +§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre. + +Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens, +Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die +Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein +_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst +gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter +enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_ +vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_ +klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener +Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen, +und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges +_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der +_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch +welche eine neue Erkenntnis zustande kommt. + +So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln +hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der +_Fortschritt der Wissenschaft_. + + +1. Die Begriffsbestimmung. + + +§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung. + +_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die +Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_, +entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs +oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des +artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere +wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine +Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben. + +Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_ +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und +_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten +darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich +Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit +einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem +genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet. + +Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten +Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist +daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein +Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die +Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von +anderen Arten des Vierecks unterscheidet. + +Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt, +so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit +einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung +mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein +Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht +gegeben werden. + + +§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung. + +Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende +angeführt: + +1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen, +z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu +_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine +geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten. + +2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in +anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind +(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche +Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben. + +3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf +weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B. +das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu +gedenken. + +4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten, +vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten +erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung +Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der +Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben +schon vorausgesetzt. + +5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht +werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da, +wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken +hat. + +6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs +verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein +Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w. + +Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_ +angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden +werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung, +die Erläuterung. + + +2. Die Einteilung. + + +§ 66. Das Wesen der Einteilung. + +_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines +Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im +Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der +Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel, +teils Erdvögel, teils Wasservögel. + +Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs +in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner +Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die +Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt +_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%). + +Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon +vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt +der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem +Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als +Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie, +gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im +zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das +im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war. +So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden +eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen +Unterschied begründen. + + +§ 67. Arten und Fehler der Einteilung. + +Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung +_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren +sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks +u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die +sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und +_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als +Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen +dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der +anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht +z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung +der Staubgefäße in 24 Klassen. + +Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem +_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_ +desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder +grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben +klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische +Vollständigkeit gegeben. + +Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende: + +1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu +wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der +Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige. + +2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen +sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe, +Neigung zu andern und gegenseitige Neigung. + +3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_, +sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in +Europäer und Schwarze. + + +3. Der Beweis. + + +§ 68. Der Beweis und seine Arten. + +In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen +und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese +Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse +Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der +Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse +_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen +_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der +Wissenschaft aufgenommen wird. + +Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus +anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch +bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau +genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung +weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_. +_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu +beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis +bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht +genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze +Schlußkette dar. + +Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach +durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden +Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu +beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der +übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es +z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich +einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein +muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen +würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter +Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die +Gültigkeit des letzten gefolgert würde. + +_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines +Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt +daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad +absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also +bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die +_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der +Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die +Widerlegung des gegnerischen Beweises. + + +§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises. + +Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der +Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was +die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu +beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden +werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und +andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher +Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist +lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird +nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen +müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden. + +Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten +Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende: + +1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis. + +2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende +Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%). + +3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in +einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis). + +4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu +Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis +allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen +wird. + +Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man +von _Erschleichung_ (%subreptio%). + + +4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + +§ 70. Die verschiedenen Methoden. + +Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe +zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen +den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden_. + +Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern +_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche +Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier +sind folgende Wege möglich: + +1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man +beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies +ist das _induktive_ Verfahren. + +2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen +hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse +über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_ +Verfahren. + +3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der +Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie +besonders die _Hypothese darstellt_. + +4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist +bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_. + + +§ 71. Das induktive Verfahren. + +Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre +behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_ +sind folgende: + +1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere +Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der +fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten +Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch +nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses +Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir +werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen, +die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je +häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden +wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege +können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden, +die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B. +derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufügen muß. + +Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit, +welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist, +es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor +sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der +Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere +Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion. + +2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von +Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_ +eine grundlegende Bearbeitung erfahren. + +Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen +ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit +beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt. +Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie +berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz +dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein +zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir +da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf +eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das +_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_. +Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde, +so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber +nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill +hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig +von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang +der Sonne, folgen. + +Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze +über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei +Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der +Differenz. + +Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon” +zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden +Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem +allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des +gegebenen Phänomens.” + +Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende +Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema: + + A B C a b c + A D E a d e + A F G a f g + +Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können +sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung +a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper +kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen; +zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich: +Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so +schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen +Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist. + +Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt: + +„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und +eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen +gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so +ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die +Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des +Phänomens.” + +Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes +unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und +in dem andern fehlt, nach dem Schema: + + B C b c + A B C a b c + +Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß +war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft +des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die +Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A +bewirkt sein. + +Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann +leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist +daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_. + +Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und +Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der +Begleitveränderungen. + +3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen +ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder +regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß +ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit +proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen +Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der +Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale +Zusammenhänge zurückzuführen. + +4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren +Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P +haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen +gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird +dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle +Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So +gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die +schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings +eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich +die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen +fließen. + + +§ 72. Das deduktive Verfahren. + +_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen +herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und +Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine +Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils +leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen +tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe +der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_. +Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als +Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie +z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und +aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht +ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer +Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die +mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären. + + +§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese. + +Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar, +daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von +allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine +Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von +Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer +Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen +Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre +Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären. + +Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft +fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die +vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an +den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der +Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen +oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die +_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat, +führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der +vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so +wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie +_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur +_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur +Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie +von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten. + +Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen +hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie; +Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur +Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des +Arztes. + + +§ 74. Das System. + +_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem +logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in +der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet, +so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine +_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_ +müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff, +deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die +gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren +Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen +verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten +Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden. + +Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt, +aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in +Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder +nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel +angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft +hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und +mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der +Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das +Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und +kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das +Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren +Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken +festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die +wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal +_zusammenkommen_ müssen. + + + + +Literatur. + + +A. Einleitung in die Philosophie: + +_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898. + +_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900. + +_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart. +1892. + +_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die +Philosophie. 2. Aufl. 1903. + +_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901. + + +B. Geschichte der Philosophie.[A] + + +I. Geschichte der Philosophie überhaupt: + +_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93. + +_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl. +1895/96. + +_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899. + +_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896. + +_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8. +Aufl. 1894-97. + +_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900. + + [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem + beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur + weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen + Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind + _gesperrt gedruckt_. + + +II. Alte Philosophie: + +_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99 +(Indische Philosophie). + +_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie. +Bd. I und II. 1901. + +_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92. + + „ „ _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_. +5. Aufl. 1898. + + +III. Neuere Philosophie: + +_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von +Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898. + +_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl. +1897-1901. + +_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96. + +_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2. +Aufl. 1899. + + +C. Psychologie: + +_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901. + +_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901. + +_Höfler_, A., Psychologie. 1897. + +_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903. + +_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893. + +_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883. + +_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889. + + „ „ Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II. + +_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95. + +_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl. +1897. + + „ „ Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901. + + „ „ Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. +Bd. I und II. + + „ „ Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache). + +_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900. + + +D. Logik: + +_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892. + +_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893. + +_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880. + +_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von +Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877. + +_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93. + +_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5. +Aufl. 1882. + +_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95. + + * * * * * + +Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik: + +_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894. + + „ „ Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. +1897. + + „ „ Das Kant-Friesische Problem. 1902. + + + + +Namen- und Sachregister. + + +Affekt 44. + +Alpdrücken 27. + +Analogieschluß 122 f. + +Anaxagoras 9. + +Äquipollenz 94. + +Aristoteles 9. 103. + +Assoziation 28. 31. 66. + +Ästhetik 8. + +Ästhetische Gefühle 42 f. + +Atomisten 9. + +Aufmerksamkeit 30. 68. + +Ausdrucksbewegungen 59. + +Axiome 129. + + +Baco 10. + +Begierde 55. + +Begriff 33. 69 f.; + Merkmale des B. 70; + Arten der B. 72 ff.; + Umfang des B. 71 f. 128. + +Begriffsbestimmung 124 ff. + +Beneke 111. + +Bergmann 140. + +Bewegungen 66; + unwillkürliche B. 53 f. + +Beweis 129 ff. + + +Charakter 63. 67. + + +Deduktion 136 ff. + +Definition 124 ff. + +Denken 33. + +Descartes 10. 16. + +Determination 127. + +Determinismus 58. + +Deussen 141. + +Deutlichkeit 72. + + +Ebbinghaus 141. + +Eigennamen 33. + +Einheit des Bewußtseins 18 f. + +Einteilung 126 ff. + +Eleaten 9. + +Elsenhans 142. + +Empfindung 21 ff. + +Empirismus 10. + +Enge des Bewußtseins 29. + +Entfernung 36 f. 62. 66. + +Enthymem 117. + +Entschluß 56. + +Epicherem 117. + +Epikureer 10. + +Erdmann, B. 142. + + „ „ J. 140. + +Erkennen 33. 64. 68. + +Erkenntnistheorie 68. + +Ethik 8. + +Euathlus, Sophisma des E. 120. + +Eucken 140. + + +Falckenberg 141. + +Fehlschlüsse 118 ff. + +Fichte 10. + +Fischer, K. 141. + + +Galenus 99. + +Gall 20. + +Gebärden 59. + +Gedächtnis 30 f. + +Gefühl 39 f. 64 f.; + Verlauf der G. 44; + Abstumpfung der G. 45; + Verstärkung der G. 45.; + gemischte G. 46; + Bedeutung der G. 50 ff. + +Gefühlston 40. + +Gehen 63. + +Geisteskrankheit 19. + +Gemeinvorstellung 32. + +Gemüt 44. + +Geruch 39. + +Geschmack 39. + +Gesinnung 44. + +Gewohnheit 62 f. + +Gomperz 141. + +Grundgesetze des Denkens 85 ff. + + +Hegel 11. + +Heinze 140. + +Heraklit 9. + +Herbart 11. 16. 27. + +Höffding 141. + +Höfler 141. + +Hörzentrum 20. + +Hume 10. + +Hypothese 137 f. + +Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97. + + +Idealismus 11. + +Ideenassoziation 28 f. + +Indeterminismus 58. + +Individualbegriff 32. + +Individualvorstellung 32. + +Induktion 98. 132 ff. + +Induktionsschluß 121 f. + +Instinkt 54. + +Intellektuelle Gefühle 42. + +Jodl 141. + + +Kant 10. 25. + +Kausalität 39. + +Kettenschluß 118. + +Klarheit 72. + +Kontradiktorischer Gegensatz 73. + +Kontraposition 92 f. 97. + +Konträrer Gegensatz 73 f. + +Konversion 90 ff. 97. + +Külpe 140. 141. + + +Lachen 59. + +Lebensgefühl 46 f. + +Leibniz 10. 16. + +Leidenschaft 44. + +Lipps, Th. 141. 142. + +Locke 10. + +Logik 8. 13. 66 ff. + +Lokalisationstheorie 20. + +Lokalzeichen 38. + +Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142. + + +Materialismus 11. 16. 19. + +Metaphysik 8. + +Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142. + +Mitgefühl 49 f. + +Mittelbegriff 98. + +Modale Konsequenz 96. + +Motiv 56. + +Motorisches Zentrum 20. + +Müller, Joh. 23. + + +Nachahmungsbewegung 55. + +Nachbilder 24. + +Nervensystem 19 f. + +Neukantianismus 11. + +Neuplatoniker 10. + + +Oberbegriff 98. + +Opposition 94 ff. + + +Parallaxe 37. + +Partialgefühle 45. + +Paulsen 140. + +Pessimismus 11. 40. + +Petrus Hispanus 103. + +Physiologische Psychologie 15. + +Physiologische Zeit 53. + +Plato 9. + +Positivismus 11. + +Prämissen 98. + +Psychologie 12. 14 f. + +Phytagoreer 9. + + +Rationalismus 10. + +Raumvorstellung 36 f. + +Reflexbewegungen 53. + +Reflexhemmungen 54. + +Rehmke 140. + +Religion 8 f. + +Religiöse Gefühle 43. + +Reproduktion 30. + + +Schauspielkunst 61. + +Schelling 11. + +Schluß 33 f. 85 ff. + +Schlußfiguren 103 ff. + +Schmerz 41. + +Scholastiker 103. + +Schopenhauer 11. 25. + +Schrift 61. + +Seelenvermögen 20 f. + +Seele und Körper 16 f. + +Sehzentrum 20. + +Selbstgefühl 49 f. + +Sigwart 111. 142. + +Sinnesenergie, spezifische 23. + +Sinnestäuschungen 12. + +Sittliche Gefühle 43. + +Sokrates 9. + +Sophisten 9. + +Sorites 118. + +Spencer 10. + +Spinoza 10. + +Spiritualismus 16. + +Sprache 32 f. 60 f. + +Stimmung 47. + +Stoiker 10. + +Subalternation 93 f. + +Syllogismus 98 ff. 110 ff. + +System 138 f. + + +Temperamente 48. + +Thales 9. + +Tiefenvorstellung 38. + +Totalgefühle 45. + +Trauer 69. + +Traumzustand 27. + +Trendelenburg 11. + +Trieb 55 f. + +Trugschlüsse 118 ff. + + +Überweg 140. 142. + +Übung 29. 31. 62. + +Umwandlung der Relation 93. + +Unbewußte Zustände 27. + +Unterbegriff 98. + +Urteil 33 f. 74 ff.; + Einteilung der U. 75 ff.; + analytische u. synthetische 88 ff. + +Urteilsarten 81 ff. + + +Vernunft 34. + +Verstand 34. + +Volkelt 140. + +Volkmann 141. + +Vorsatz 56. + +Vorstellung 24 f. 32. + +Vorstellungsverlauf 25 ff. + + +Wahrnehmung 24 f. + +Webersches Gesetz 23. + +Widerlegung 130. + +Wiederholung 66. + +Wille 52 ff.; 65 f. + +Willenszeit 54. + +Windelband 140. 141. + +Witz 59. + +Wortblindheit 24. + +Wundt 49. 111. 140. 142. + +Wunsch 56. + + +Zeitvorstellung 35 f. + +Zeller, E. 141. + +Zerstreutheit 30. + +Ziehen 142. + +Zirkel 126. + +Zorn 65. + + + + + +End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 *** diff --git a/44442-h/44442-h.htm b/44442-h/44442-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ad2d837 --- /dev/null +++ b/44442-h/44442-h.htm @@ -0,0 +1,6438 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans. + </title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; 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+ color: black; + font-size:smaller; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; } + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + </style> + </head> +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***</div> + +<div class='transnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3> +Der Originaltext war in <span style="font-family: serif;">Fraktur</span> gesetzt und enthielt Text in <span class="antiqua">Antiqua</span>. +Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: +<ul> +<li>S. <a href="#Seite_55">55</a> "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_110">110</a> "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_122">122</a> "demseben" in "demselben" geändert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_141">141</a> "184/95" in "1894/95" geändert.</li> +</ul> +</div> + + + + +<p class="center"><big><big>Sammlung Göschen</big></big></p> +<hr /> + +<h1>Psychologie und Logik</h1> + +<p class="center"><big>zur Einführung</big></p> +<p class="center"><small>in die</small></p> +<p class="center" style="font-size: 200%"><em class="gesperrt">Philosophie</em></p> + +<p class="center">Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium</p> + +<p class="center"><small>dargestellt von</small></p> +<p class="center"><big><big>Dr. Th. Elsenhans</big></big></p> + +<p class="center">Mit 13 Textfiguren</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt"><small>Vierte, verbesserte Auflage</small></em></p> + +<p class="center"><b>Zweiter Abdruck</b></p> + +<hr class="r15"/> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em></p> +<p class="center"><big>G. J. Göschen'sche Verlagshandlung</big></p> +<p class="center">1904</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> + + +<p class="center"> +<em class="gesperrt">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.</em> +</p> + +<p class="center">Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</a></h2> + + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis"> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>Einleitung.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right">Seite</td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">1.</td><td align="left">Aufgabe und Einteilung der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">2.</td><td align="left">Überblick über die Geschichte der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">3.</td><td align="left">Die Bedeutung der Psychologie und der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Psychologie.</big></big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">4.</td><td align="left">„Empirische” und „rationale” Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 1. Seele und Körper.</big></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">5.</td><td align="left">Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und Körper</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_15">15</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">6.</td><td align="left">Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen Erscheinungen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_17">17</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">7.</td><td align="left">Das Nervensystem</td><td align="right"><a href="#Seite_19">19</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">8.</td><td align="left">Die sogenannten „Seelenvermögen”</td><td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Das Erkennen.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">9.</td><td align="left">Die Empfindung</td><td align="right"><a href="#Seite_21">21</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">10.</td><td align="left">Vorstellung und Wahrnehmung</td><td align="right"><a href="#Seite_24">24</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">11.</td><td align="left">Der Verlauf der Vorstellungen</td><td align="right"><a href="#Seite_25">25</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">12.</td><td align="left">Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_30">30</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">13.</td><td align="left">Die Arten der Vorstellung und das Denken</td><td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">14.</td><td align="left">Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen</td><td align="right"><a href="#Seite_34">34</a><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Das Fühlen.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">15.</td><td align="left">Wesen und Arten des Gefühls</td><td align="right"><a href="#Seite_39">39</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">16.</td><td align="left">Die körperlichen Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_41">41</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">17.</td><td align="left">Die geistigen Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">18.</td><td align="left">Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">19.</td><td align="left">Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">20.</td><td align="left">Das Lebensgefühl und die Stimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">21.</td><td align="left">Die Temperamente</td><td align="right"><a href="#Seite_48">48</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">22.</td><td align="left">Selbstgefühl und Mitgefühl</td><td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">23.</td><td align="left">Die Bedeutung der Gefühle</td><td align="right"><a href="#Seite_50">50</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Das Wollen.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">24.</td><td align="left">Die unwillkürlichen Bewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_52">52</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">25.</td><td align="left">Der Trieb und das eigentliche Wollen</td><td align="right"><a href="#Seite_55">55</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">26.</td><td align="left">Die Freiheit des Willens</td><td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">27.</td><td align="left">Die Ausdrucksbewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_59">59</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">28.</td><td align="left">Übung, Gewohnheit, Charakter</td><td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="2"></td><td align="left"><big>Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">29.</td><td align="left">Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander</td><td align="right"><a href="#Seite_64">64</a></td></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Logik.</big></big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">30.</td><td align="left">Die Aufgabe der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>I. Teil: Elementarlehre.</big></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffe.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">31.</td><td align="left">Der Begriff und seine Merkmale</td><td align="right"><a href="#Seite_69">69</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">32.</td><td align="left">Inhalt und Umfang des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">33.</td><td align="left">Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">34.</td><td align="left">Die Arten der Begriffe</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Urteile.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">35.</td><td align="left">Das Wesen des Urteils</td><td align="right"><a href="#Seite_74">74</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">36.</td><td align="left">Die traditionelle Einteilung der Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_75">75</a><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">37.</td><td align="left">Die zusammengesetzten Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">38.</td><td align="left">Übersicht der Urteilsarten</td><td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Die Schlüsse.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">39.</td><td align="left">Die Grundgesetze des Denkens</td><td align="right"><a href="#Seite_85">85</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">A</span>. <em class="gesperrt">Der unmittelbare Schluß.</em></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">40.</td><td align="left">Der Schluß aus einem Begriff</td><td align="right"><a href="#Seite_88">88</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">41.</td><td align="left">Die Konversion</td><td align="right"><a href="#Seite_90">90</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">42.</td><td align="left">Die Kontraposition</td><td align="right"><a href="#Seite_92">92</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">43.</td><td align="left">Die Umwandlung der Relation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">44.</td><td align="left">Die Subalternation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">45.</td><td align="left">Die Äquipollenz</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">46.</td><td align="left">Die Opposition</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">47.</td><td align="left">Die modale Konsequenz</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">48.</td><td align="left">Der Wert der unmittelbaren Schlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">B</span>. <em class="gesperrt">Der mittelbare Schluß.</em></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">49.</td><td align="left">Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">§</td><td align="right" valign="top">50.</td><td align="left">Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen Schlüsse</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_100">100</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">51.</td><td align="left">Die erste Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_103">103</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">52.</td><td align="left">Die zweite Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">53.</td><td align="left">Die dritte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_107">107</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">54.</td><td align="left">Die vierte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr> +<tr><td valign="top">§</td><td align="right" valign="top">55.</td><td align="left">Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_109">109</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">56.</td><td align="left">Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen</td><td align="right"><a href="#Seite_110">110</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">57.</td><td align="left">Der hypothetische Schluß</td><td align="right"><a href="#Seite_113">113</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">58.</td><td align="left">Der disjunktive Schluß</td><td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">59.</td><td align="left">Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">60.</td><td align="left">Fehlschlüsse und Trugschlüsse</td><td align="right"><a href="#Seite_118">118</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">61.</td><td align="left">Der Induktionsschluß</td><td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">62.</td><td align="left">Der Analogieschluß</td><td align="right"><a href="#Seite_122">122</a><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>II. Teil: Methodenlehre.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">63.</td><td align="left">Die Aufgabe der Methodenlehre</td><td align="right"><a href="#Seite_123">123</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffsbestimmung.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">64.</td><td align="left">Wesen und Arten der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_124">124</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">65.</td><td align="left">Fehler der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_125">125</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Einteilung.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">66.</td><td align="left">Das Wesen der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_126">126</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">67.</td><td align="left">Arten und Fehler der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Der Beweis.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">68.</td><td align="left">Der Beweis und seine Arten</td><td align="right"><a href="#Seite_129">129</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">69.</td><td align="left">Auffindung und Fehler des Beweises</td><td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</big></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">70.</td><td align="left">Die verschiedenen Methoden</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">71.</td><td align="left">Das induktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">72.</td><td align="left">Das deduktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_136">136</a></td></tr> +<tr><td valign="top">§</td><td align="right" valign="top">73.</td><td align="left">Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_137">137</a></td></tr> +<tr><td align="right">§</td><td align="right">74.</td><td align="left">Das System</td><td align="right"><a href="#Seite_138">138</a></td></tr> +<tr><td align="left" colspan="3">Literatur</td><td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td></tr> +<tr><td align="left" colspan="3">Namen- und Sachregister</td><td align="right"><a href="#Seite_143">143</a></td></tr> +</table></div> +<hr class="chap" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2> + +<h3><a name="Par_1" id="Par_1"></a>§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.</h3> + + +<p><em class="gesperrt">Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, +welche den Zweck hat, Sicherheit, Einheit +und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres +Wissens herzustellen.</em> Auch die einzelnen Wissenschaften +entspringen diesem Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes +und sie gehen teils von Voraussetzungen aus, +die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu Resultaten, +die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie +prüft jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung +der Resultate der Einzelwissenschaften den Zusammenhang +der gesamten Erfahrungswelt zu erforschen.</p> + +<p>Auf demselben Wege gelangt <em class="gesperrt">der denkende Mensch</em> +zu philosophischer Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche +in dem Wissensstoff, den er im Glauben an fremde +Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet hat, +und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen +auf unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste +Widersprüche in sich schließt.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Philosophie teilt sich</em> nach den zwei großen +Gebieten der Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, +in eine <em class="gesperrt">Philosophie der Natur</em> und in eine <em class="gesperrt">Philosophie +des Geistes</em>. Die letztere beschäftigt sich als +<em class="gesperrt">Psychologie</em> mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, +wie es an jedem einzelnen Menschen beobachtet werden +<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kann, als <em class="gesperrt">Philosophie der Geschichte</em> (im weitesten +Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie es als +Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in Gesellschaft +und Geschichte sich entwickelt.</p> + +<p>Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders +hervor, deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, +wo sie zur <em class="gesperrt">Aufstellung von</em> zu befolgenden <em class="gesperrt">Regeln</em> +führen, eine gesonderte Behandlung empfiehlt. So wird +das richtige Denken in der <em class="gesperrt">Logik</em>, der ästhetische Geschmack +in der <em class="gesperrt">Ästhetik</em>, das sittliche Bewußtsein in der +<em class="gesperrt">Ethik</em>, das religiöse Bewußtsein in der <em class="gesperrt">Religionsphilosophie</em> +zu Gegenständen einer besonderen Wissenschaft +gemacht. Diese psychologischen Tatsachen treten in +der Geschichte <em class="gesperrt">als geistige Mächte</em>, als Hauptelemente +der menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, +Recht und Staat, Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht +gedachtes Ziel wirken, als <em class="gesperrt">Ideale</em>: Wahrheit, +Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der Gottheit. Doch +erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und +beide Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch +in jeder Geisteswissenschaft zusammenwirken.</p> + +<p>Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der +Trennung der Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr +die Aufgabe in sich, auch Natur und Geist, auch +jene verschiedenen Richtungen des Geisteslebens nach ihren +letzten Zusammenhängen untereinander zu untersuchen und +auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die Aufgabe +der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>. Diese alle andern abschließende +Wissenschaft beschäftigt sich daher mit der Frage nach der +Anwendung der Denkgesetze auf die wirkliche Welt und +deren Bedingungen und Grenzen (Erkenntnistheorie), nach +der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir der Betrachtung +der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> +Raum und Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der +Gottesidee, soweit sie nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie +als für das philosophische Erkennen unerreichbar +angesehen wird.</p> + + +<h3><a name="Par_2" id="Par_2"></a>§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.</h3> + +<p>Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der +Versuche, die <a href="#Par_1">§ 1</a> bezeichneten Aufgaben zu lösen.</p> + +<p>Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den +Griechen. Die <em class="gesperrt">ionischen Naturphilosophen</em> (um +600 v. Chr.) fanden den einheitlichen Urgrund der Dinge +in einem Urstoff, z. B. <em class="gesperrt">Thales</em> im Wasser, die <em class="gesperrt">Pythagoreer</em> +in Maß und Zahl, die <em class="gesperrt">Eleaten</em> im reinen Sein +im Gegensatz zur scheinbaren Vielheit der Dinge, <em class="gesperrt">Heraklit</em> +im endlos sich verwandelnden Feuer, die <em class="gesperrt">Atomisten</em> +in den gleichartigen, kleinsten, unteilbaren Stoffteilchen mit +ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, Lage und Bewegung. +Erst für <em class="gesperrt">Anaxagoras</em> war das Ganze der +Welt das Werk eines vernünftigen Wesens, des Geistes. +Die bisher einfach vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt +wurde aber von den alles bezweifelnden <em class="gesperrt">Sophisten</em> bestritten +und mußte von den großen Philosophen der +Folgezeit neu begründet werden.</p> + +<p>Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte +die griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie +machten den Menschen selbst und sein Denken zum Gegenstand +der Untersuchung. <em class="gesperrt">Sokrates</em> († 399) beschäftigte +sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. <em class="gesperrt">Plato</em> († 347) gelangte auf diesem Wege +zur Lehre von den Ideen als den geistigen Urbildern der +Dinge und erfaßte noch tiefer Wesen und Aufgabe des +Menschen. Sein großer Schüler <em class="gesperrt">Aristoteles</em> († 322) +wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> +zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen +Vorgänger durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen +Wissensstoff der damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, +in das Gebiet der Philosophie hereinzog.</p> + +<p>Die nachfolgenden Philosophen, die <em class="gesperrt">Stoiker</em> und +<em class="gesperrt">Epikureer</em> verlegten den Schwerpunkt in die Ethik und +fanden als höchste Regel des Lebens die Befriedigung des +Weisen in seinem inneren Leben. Die <em class="gesperrt">Skeptiker</em> forderten +den Verzicht auf alles Wissen und die <em class="gesperrt">Neuplatoniker</em> +machten einen letzten Versuch, in der Einigung +mit der Gottheit die Wahrheit unmittelbar anzuschauen.</p> + +<p>Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem +Einfluß des Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, +die <em class="gesperrt">Scholastik</em>, aber erst durch die Reformation wurde +freie Forschung möglich gemacht.</p> + +<p>In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen +verfolgen, eine <em class="gesperrt">empiristische</em> und eine <em class="gesperrt">rationalistische</em>. +Die erste, hauptsächlich ein Erzeugnis der +englischen Philosophie, beginnt mit dem Engländer <em class="gesperrt">Baco +von Verulam</em> († 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt +durch <em class="gesperrt">Locke</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und in neuester Zeit durch <em class="gesperrt">John +Stuart Mill</em> († 1873) und <em class="gesperrt">Herbert Spencer</em>. Die +rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von den +deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit <em class="gesperrt">Descartes</em> +(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also +bin ich (<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>) alle Wahrheit gründete, und +wird fortgeführt durch <em class="gesperrt">Spinoza und Leibniz</em>.</p> + +<p>Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie +in <em class="gesperrt">Kant</em> (1724-1804), der durch Untersuchung des +Erkenntnisvermögens selbst und seiner Grenzen (Kritik +der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für die +<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>Philosophie schuf. <em class="gesperrt">Fichte</em> ging in diesen Bahnen weiter, +während <em class="gesperrt">Schelling</em> und <em class="gesperrt">Hegel</em> durch den Grundsatz +der Einheit von Denken und Sein einer unbegrenzten +Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah <em class="gesperrt">Herbart</em> +mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe +der Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes +und gewann besonders durch eine sorgfältige, +auf Mathematik gegründete Psychologie eine große +Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten <em class="gesperrt">Trendelenburg</em> +mit Rückgang auf Aristoteles und <em class="gesperrt">Lotze</em> (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung +den Idealismus neu zu gestalten.</p> + +<p>In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei +philosophische Richtungen große Verbreitung, besonders in +der Tagesliteratur: der <em class="gesperrt">Materialismus</em>, der auch das +geistige Leben auf die Materie zurückführen will, vertreten +durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der <em class="gesperrt">Pessimismus</em>, +begründet durch <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> († 1860), in selbständiger +Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.</p> + +<p>Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor +der <em class="gesperrt">Neukantianismus</em>, der mit Abweisung aller Metaphysik +das Hauptgewicht auf die Ethik legt, und der +<em class="gesperrt">Positivismus</em>, der, von Frankreich und England herübergekommen, +nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu +einer rein naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens +geführt hat, macht sich jedoch eine <em class="gesperrt">idealistische</em> +Gegenströmung mehr und mehr geltend.</p> + + +<h3><a name="Par_3" id="Par_3"></a>§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.</h3> + +<p>Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie +werden sich zur Einführung in die Philosophie +solche Zweige derselben besonders eignen, welche teils der +Ausgangspunkt und die Grundlage der andern philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> +Wissenschaften, teils eine Schule für das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie +und Logik zu.</p> + +<p>Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und +manche Resultate der Naturwissenschaft weisen uns darauf +hin, daß die einfache Betrachtung der Außenwelt nicht +der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie ausgehen +dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen +beweisen, daß dem von uns Wahrgenommenen +nicht notwendig ein Gegenstand entsprechen muß. Erscheinungen +wie die der Farbenblindheit zeigen, daß das +Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein +von diesen selbst, sondern zum mindesten auch von unserer +Organisation abhängig ist. Die Naturwissenschaft erklärt +das, was wir als Licht, Schall, Wärme wahrnehmen, für +eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So +erhebt sich der <em class="gesperrt">Zweifel an der Sicherheit unserer +äußeren Wahrnehmung überhaupt</em>. Um so sicherer +aber bleibt dann <em class="gesperrt">eine Tatsache</em> stehen, nämlich <em class="gesperrt">das +Bewußtsein, daß wir zweifeln</em>, oder <em class="gesperrt">daß wir jene +Eindrücke haben</em>, auch wenn es keine — oder wenigstens +keine unserer Vorstellung entsprechende — Außenwelt +gibt. <em class="gesperrt">Daß</em> wir etwas vorstellen, daß wir etwas fühlen +oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: +<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>, steht uns unumstößlich fest. Die +Wissenschaft, welche diese geistigen Vorgänge zu ihrem +Gegenstande hat und verarbeitet, die <em class="gesperrt">Psychologie</em>, wird +daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige +der Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete +<em class="gesperrt">Vorschule des philosophischen Denkens</em>, +sofern dabei das abstrakte Denken durch die Beobachtung +des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch +daraus, daß die <em class="gesperrt">wertvollsten Gegenstände der philosophischen +Betrachtung</em> auf dem Gebiete des geistigen +Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. Sie +ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften +überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, +Ästhetik, Ethik, Religionsphilosophie haben ihre Wurzel +in der Psychologie und ihren Abschluß in der Metaphysik.</p> + +<p>Von anderer Seite her dient die <em class="gesperrt">Logik</em> zur Einführung +in die Philosophie. Schon die Tatsachen des +Irrtums und des Streites zeigen die Notwendigkeit, auch +das Denken selbst auf seine Richtigkeit und Brauchbarkeit +hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen +darf und deshalb auch das Denken und seine +Gesetze, ihr <em class="gesperrt">Werkzeug</em> zur Erforschung der Wahrheit +<em class="gesperrt">einer Prüfung unterziehen muß</em>. Insofern bildet +die <em class="gesperrt">Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft</em>. +Die Logik ist aber auch zur <em class="gesperrt">formalen Schulung des +philosophischen Denkens</em> geeignet, weil das Verständnis +der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken +und das Verständnis der schwierigeren Zweige der Philosophie +vorbereitet.</p> + +<p>Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der +Logik am besten vorangeht, da die Vorgänge beim Denken +selbst zunächst Gegenstand der Psychologie sind.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Psychologie" id="Psychologie">Psychologie.</a></h2> + +<h3><a name="Par_4" id="Par_4"></a>§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.</h3> + + +<p>Man unterscheidet herkömmlich zwischen der <em class="gesperrt">empirischen</em> +Psychologie, welche die Tätigkeitsäußerungen der +menschlichen Seele mit ihren Gesetzen darstellt, und der +<em class="gesperrt">rationalen</em> Psychologie, welche das innere Wesen der +Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus +zu erklären sucht.</p> + +<p>Die letztere fällt in das Gebiet der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>, +denn sie fragt nach der Art der Existenz und der Veränderung +der Seele, nach ihrem Zusammenhang mit dem +Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu anderen +Seelen.</p> + +<p>Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, +<em class="gesperrt">zunächst rein empirisch</em> auf Grund der Beobachtung +die Tatsachen des Seelenlebens und ihren gesetzmäßigen +Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. +Nur wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre +nächste empirische Aufgabe mit vorläufiger Abweisung +aller metaphysischen Spekulation vom festen Boden der +inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer +Probleme weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften +für ihre Ideale Anknüpfungspunkte darbieten. +Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung und Metaphysik<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> +unterscheidet sich gerade die <em class="gesperrt">wissenschaftliche</em> +Behandlung von der <em class="gesperrt">populären</em> Auffassung, die beides +vermischt und z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres +metaphysisch als Tätigkeiten und Zustände eines <em class="gesperrt">Dings</em> +nach Analogie der Körperwelt erklärt.</p> + +<p>Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">I</span>. Seele und Körper.</h2> + +<h3><a name="Par_5" id="Par_5"></a>§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von +Seele und Körper.</h3> + +<p>Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens +eng verknüpft mit <em class="gesperrt">körperlichen Erscheinungen</em>. +Die Psychologie wird deshalb häufig die Hilfe derjenigen +Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich mit +dem menschlichen Körper beschäftigen, der <em class="gesperrt">Anatomie</em>, +d. h. der Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, +und der <em class="gesperrt">Physiologie</em>, d. h. der Lehre von +den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht +die unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für +das Verhältnis von Seele und Körper.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">letzte Zusammenhang</em> dieser beiden Erfahrungsgebiete +läßt sich aber von uns <em class="gesperrt">weder beobachten +noch innerlich erfahren</em>. Indem wir einen Ton +hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg +er von der Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen +hat, und wir nehmen keinen bestimmten Vorgang +im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß fassen; aber +auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem +geistigen entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> +wir nicht, wie die Nervenerregung durch die Schallwellen +es macht, zur Tonempfindung zu werden, oder wie der +Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu setzen.</p> + +<p>Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über +dieses <em class="gesperrt">Verhältnis von Seele und Körper</em> aufgestellt +worden. Es sind hauptsächlich <em class="gesperrt">vier Möglichkeiten</em> +denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich +zwei mögliche Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form +oder ein Produkt des Körpers (Materialismus), 2. der +Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines oder +mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, +Lotze); oder man erkennt die Selbständigkeit beider an, +dann sind zwei weitere Fälle möglich: 3. Seele und +Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen oder +Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), +4. Seele und Körper sind verschiedene Äußerungsformen +eines und desselben Wesens, stehen daher in keinerlei +Verhältnis von Ursache und Wirkung (Identitätshypothese, +so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus).</p> + +<p>Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem +Standpunkt aus nicht beantworten, sondern nur das +Material dazu darbieten, die endgültige Beantwortung +derselben ist von gewissen metaphysischen Anschauungen +abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die tatsächliche +Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen +und die durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen +beiden Erfahrungsgebieten, soweit sie beobachtet werden +können, untersuchen. Die Lösung dieser Aufgaben zieht +sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (<a href="#Par_6">§ 6</a>) +und über diese Beziehungen, die vor allem im Nervensystem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> +stattfinden (<a href="#Par_7">§ 7</a>), im voraus zusammengestellt +werden.</p> + + +<h3><a name="Par_6" id="Par_6"></a>§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der +geistigen Erscheinungen.</h3> + +<p>Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig +Körper und Seele sich unterscheiden, sind folgende, zunächst +für die <em class="gesperrt">Körperwelt</em>:</p> + +<p>1. Die <em class="gesperrt">körperlichen Erscheinungen</em> treten in +der Form des <em class="gesperrt">Raumes</em> auf, während keinerlei Vorgänge +in der Seele, nicht einmal unsere Vorstellungen vom +Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.</p> + +<p>2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt +sein durch das <em class="gesperrt">Gesetz der Trägheit</em>: jeder Körper +verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder Bewegung, +solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der +<em class="gesperrt">Erhaltung der Materie und Energie</em>: die Summe +der Stoffteile bleibt unter aller Veränderung ihrer Zusammensetzung, +und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch +das organische Leben und der menschliche Körper soll +diesen Gesetzen unterworfen sein, und das Leben also +nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur auf +eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im +menschlichen Körper verbundenen Stoffen und Kräften +zurückgeführt werden.</p> + +<p>Für die <em class="gesperrt">geistige Welt</em> konnte die Gültigkeit dieser +Gesetze bis jetzt nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen +zeigt diese eigentümliche Merkmale anderer Art:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> + +<p>1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch <em class="gesperrt">Veränderung</em>, +<em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> und <em class="gesperrt">Gegensatz</em>. Bei +gleichmäßig fortdauernder Einwirkung eines einfachen Eindruckes +nimmt das Bewußtsein ab und es tritt, wenn alle +mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische +Zustand durch Konzentration der Aufmerksamkeit +auf einen einzigen Punkt, z. B. für das Gesicht durch +Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör +durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält +sich der religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn +er in die Gottheit als absolute Einheit sich versenkt.</p> + +<p>2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente <em class="gesperrt">tauchen</em> +aber <em class="gesperrt">nicht in der Seele isoliert auf</em>, um wieder zu +verschwinden, sondern sie treten in Wechselwirkung miteinander, +so daß neue Erscheinungen entstehen, und werden +in der <em class="gesperrt">Einheit des Bewußtseins</em> zusammengefaßt. +Dies ist aber nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände +der Seele <em class="gesperrt">festgehalten</em> oder, wenn sie verschwunden +sind, <em class="gesperrt">wieder erzeugt</em> werden können. Doch ist damit +allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. +Ein solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in +der unbewußten Natur vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden +Zuständen der Seele ein innerer Zusammenhang +bestehen, so müssen die früheren als solche +<em class="gesperrt">wiedererkannt</em> werden, um mit den folgenden in bewußte +Beziehung gesetzt zu werden; daher ist die <em class="gesperrt">Erinnerung</em> +die wichtigste Fähigkeit der Seele. Sie macht +es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne sie eine +Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen +Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen +und zu verbinden.</p> + +<p>Diese <em class="gesperrt">innere Einheit des Bewußtseins, verbunden<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> +mit freier Wechselwirkung seiner Elemente</em>, +ist eine <em class="gesperrt">Hauptbedingung der geistigen Gesundheit</em>. +Löst dieser Zusammenhang sich auf oder +bilden sich fixe Ideen, welche die freie Wechselwirkung +der Elemente hindern, so ist es ein Zeichen der beginnenden +oder vorhandenen <em class="gesperrt">Geisteskrankheit</em>.</p> + +<p>An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit +und Mannigfaltigkeit im Geistesleben scheitert auch der +<em class="gesperrt">Materialismus</em> (s. <a href="#Seite_11">S. 11</a>). Während aus zwei Bewegungen +körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, +welche die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins +zu einer Verbindung früherer Vorstellungen +mit späteren, ohne daß diese deshalb darin aufgehen +müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr +die einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung +untereinander und mit deren Resultat gegenwärtig.</p> + + +<h3><a name="Par_7" id="Par_7"></a>§ 7. Das Nervensystem.</h3> + +<p>Die psychologische und physiologische Beobachtung +zeigt, daß nicht alle Bestandteile des Körpers in gleich +enger Beziehung zur Seele stehen. In unmittelbarer +Beziehung zu ihr stehen nur die <em class="gesperrt">Nerven</em>, die als weiße +Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. +Die unendlich zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in +Zentralorganen, und diese stehen wieder mit dem <em class="gesperrt">Gehirn</em> +als dem Hauptzentralorgan in Verbindung (die Zahl der +Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine +Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein <em class="gesperrt">System</em> +bildet, durch das allein jede Wechselbeziehung zwischen +Körper und Seele vermittelt wird. Die <em class="gesperrt">sensiblen</em> +Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen +<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>ist, dem Gehirn zu, und die <em class="gesperrt">motorischen</em> dienen dazu, +die Ausführung der Bewegungen durch Überleitung des +Befehls dazu auf die ausführenden Glieder zu vermitteln.</p> + +<p>Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an +bestimmte Punkte dieses Nervensystems, besonders des +Gehirns zu knüpfen (<em class="gesperrt">Lokalisationstheorie</em>), haben +noch zu keinem feststehenden Resultat geführt. Eine +solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie +oder Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, +da weder der Schluß von der Ausbauchung des +Schädels auf die stärkere Vertretung der darunter liegenden +Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte populäre +Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch +konnte der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache +und Rede in der dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre +des Großhirns nachgewiesen werden. Auch werden +in der Regel die einzelnen Arten der Sinnesempfindungen, +besonders das Sehen und Hören, und die Muskelbewegungen +auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein +Sehzentrum, Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. +Dagegen ist ziemlich allgemein anerkannt, daß die höheren +Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, Willensentschlüsse, +nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden +sind. (Näheres über das Nervensystem, insbesondere +die Sinnesorgane vgl. Sammlung Göschen Nr. 18: +Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der Psychophysik.)</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">II</span>. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</h2> + +<h3><a name="Par_8" id="Par_8"></a>§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.</h3> + +<p>Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich +durch Annahme von <em class="gesperrt">drei Seelenvermögen</em> erklärt, +eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und eines Begehrungsvermögens. +Die darin liegende Dreiteilung der geistigen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> +Vorgänge wird fast allgemein angenommen. — Die Versuche, +das eine auf die andern oder alle auf eines zurückzuführen +(so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer +wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden +Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei <em class="gesperrt">zwei wichtige +Punkte</em> nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck +„Vermögen”, teils was die Dreiteilung betrifft:</p> + +<p>1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen +die Vorgänge der Seele nicht <em class="gesperrt">erklärt</em>, sondern nur +<em class="gesperrt">klassifiziert</em> sind; denn es ist noch keine Erklärung +einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in +dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu +erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten können, +sind jedenfalls nur die geistigen Vorgänge selbst und die +Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.</p> + +<p>2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das +Erkennen, das Fühlen, das Wollen kommen in der +Seele <em class="gesperrt">nicht getrennt vor</em>. Es gibt wohl kaum einen +Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen +sprechen, in denen das Erkennen oder das +Fühlen oder das Wollen <em class="gesperrt">vorwiegt</em>, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt +bleiben, daß wir damit in der Wissenschaft eine Trennung +vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.</p> + + +<h3>1. Das Erkennen.</h3> + +<h3><a name="Par_9" id="Par_9"></a>§ 9. Die Empfindung.</h3> + +<p>Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste +Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, +<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>ist die <em class="gesperrt">Empfindung</em>. Sie ist zu unterscheiden +von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, +und schließt drei Hauptmomente in sich:</p> + +<p>1. Den <em class="gesperrt">äußeren Sinnesreiz</em>. Wenn die Sinnesorgane +in Tätigkeit treten sollen, so muß eine Wirkung +auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder +unmittelbar den Körper berührt oder durch Bewegung +eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper +einwirkt. Das erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, +das zweite beim Sehen, Hören durch die Schwingungen +des Äthers, der Luft.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Die Erregung eines sensiblen Nerven</em> im +Körper, die durch den Reiz veranlaßt wird und von den +peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des +ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. +Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur +Empfindung.</p> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">Empfindung in der Seele selbst</em>, das +Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken.</p> + +<p>Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen +1. und 2., durch die sie veranlaßt werden, <em class="gesperrt">ganz ungleich</em>. +Es läßt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen +der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir +können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit +der Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade +nach ließ sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund +der Empfindung allein können wir nie mit Bestimmtheit +sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als +die von b ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man +ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz +verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der Stärke +in der entsprechenden Empfindung <em class="gesperrt">eben noch</em> bemerkt +<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>werden kann. Es zeigte sich, daß <em class="gesperrt">der Zuwachs des</em> +<em class="gesperrt">Reizes, welcher eine eben noch merkliche Änderung +der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, +zu welcher er hinzukommt, immer in demselben +Verhältnis steht (Webersches Gesetz)</em>, oder, mathematisch +ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in geometrischer +Progression wachsen muß, damit die Empfindung +in arithmetischer Progression zunehme. Muß man also +zu einem Gewicht von 3 <span class="antiqua">kg</span> 1 <span class="antiqua">kg</span> zulegen, damit eine +Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist +bei 9 <span class="antiqua">kg</span> eine Vermehrung um 3 <span class="antiqua">kg</span> nötig, während nur +1 <span class="antiqua">kg</span> mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung +führen würde. <em class="gesperrt">Für die verschiedenen Sinne</em> ist das +Verhältnis der Reizstärke, das diese sogenannte „Methode +der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein <em class="gesperrt">verschiedenes</em>; +doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke bestimmen, +am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen +wurde 100:101, für Hebungen, also Druckempfindungen, +unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 gefunden.</p> + +<p>Übrigens gibt es auch <em class="gesperrt">subjektive Empfindungen</em>, +welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, +sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag +oder Druck oder innere Zustände <em class="gesperrt">des Körpers</em> erzeugt, +doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen +Charakter tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb +häufig in die Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. +das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost +und Hitze im Fieber. Diese Tatsache führte auf die durch +Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer +<em class="gesperrt">spezifischen Sinnesenergie</em>, d. h. einer besonderen +Fähigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize +verschiedener Art nur gerade die ihm eigentümlichen +Empfindungen zu vermitteln.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> + +<p>Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem +die Reize schon aufgehört haben. Daher erzeugen besonders +starke Lichtempfindungen sog. „<em class="gesperrt">Nachbilder</em>”.</p> + +<p>Die Empfindungen sind entweder <em class="gesperrt">einfache</em>, z. B. eine +Farbe, ein Ton, oder <em class="gesperrt">zusammengesetzte</em>, z. B. ein +Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen, +oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hören.</p> + + +<h3><a name="Par_10" id="Par_10"></a>§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.</h3> + +<p>Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden +Reiz aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. +Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt +werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und +heißt dann <em class="gesperrt">Vorstellung</em>. Diese Wiedererzeugung findet +besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung +selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine bestimmte Person +durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen +gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser +sinnlichen Eindrücke eine Vorstellung von derselben haben; +immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des früheren +Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen +wieder habe, und die neuen Empfindungen werden +dann als dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine +<em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> statt. Dieser Unterschied zwischen +Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen +deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden +noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, +z. B. bei der <em class="gesperrt">Wortblindheit</em>, wo die Empfindung, +das Hören des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen +Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner Bedeutung,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> +d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der +Sinneseindruck stets zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt +in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich +darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. +Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als +Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewußtsein +kommt, so werden beide Begriffe häufig als gleichbedeutend +gebraucht.</p> + +<p>Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung +mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewußte +Arbeit des Wahrnehmenden, sondern <em class="gesperrt">geht unwillkürlich +vor sich</em>. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum +Bewußtsein, sie wird daher auch „<em class="gesperrt">gebundene Vorstellung</em>” +genannt. „<em class="gesperrt">Freie Vorstellungen</em>” sind +dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung +im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen +Sprachgebrauch wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach +auch im <em class="gesperrt">allgemeineren Sinne</em> verwendet zur +Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, +der auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften +oder Zustände bezogen wird. Es umfaßt dann sowohl +die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben +genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders +in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine +Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)</p> + + +<h3><a name="Par_11" id="Par_11"></a>§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.</h3> + +<p>Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen +sich losgelöst haben, bekommt das Bewußtsein +einen selbständigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt +treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> +neue Vorstellungen ein. Es sind <em class="gesperrt">zwei nebeneinander +hergehende Reihen von Vorgängen</em>, die sich um +den Vorrang in der Seele streiten.</p> + +<p>Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs +die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden +Empfindungen in den Vordergrund. Da führt die Ähnlichkeit +der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren +Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, +und hinter diesen Gedanken, die sich selbständig fortspinnen, +treten die äußeren Empfindungen immer mehr +zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, +kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende +Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen +unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet +zugleich eine <em class="gesperrt">Eigentümlichkeit unter den Menschen</em>. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen +und der äußeren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, +die eine Anlage für Musik oder bildende Künste, oder +für Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem +Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht +aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser +Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter +Einseitigkeit.</p> + +<p>Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen +in sich: Wie <em class="gesperrt">entstehen</em> die Vorstellungen im Bewußtsein? +und: Wie <em class="gesperrt">verschwinden</em> sie aus demselben? Sofern sie +durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage +schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des +äußeren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und +Verschwinden nicht bloß auf Veranlassung der Empfindungen, +sondern auch im <em class="gesperrt">Verlaufe der freien Vorstellungen</em> +statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> +neue Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit +Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, +so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es +zu, daß die einmal verschwundenen Vorstellungen <em class="gesperrt">wiederkehren</em>?</p> + +<p>Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, +daß sie überhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz +verschwunden sind, sondern daß sie, wenn auch nicht im +Bewußtsein, so doch als <em class="gesperrt">unbewußte Zustände</em> noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die +auf Vorgänge in der Seele „unter der Schwelle des +Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare +Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines +Gegenstandes (s. <a href="#Seite_36">S. 36</a>), oder die Welt der Gefühle, deren +Ursprung uns oft dunkel ist. Über diese Vorgänge unter +der Schwelle des Bewußtseins können wir aber nie etwas +Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben +unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie +könnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstände des +Bewußtseins würden.</p> + +<p>In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem +steht der <em class="gesperrt">Traumzustand</em>. Seine Eigentümlichkeit besteht +wohl hauptsächlich in einer <em class="gesperrt">Schwächung des bewußten +Willens</em>, der sonst den Verlauf der geistigen +Vorgänge beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge +der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch +das Gefühl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So +fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke +von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, +sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen +Zustand verbunden sind. Es wird z. B. schweres Atemholen +als Alpdrücken, leichtes als Flugbewegung, Stechen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> +im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.</p> + +<p>Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen +Bewußtsein auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz +unmittelbar veranlaßt zu sein, so zeigt sich, daß die <em class="gesperrt">eine +Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen +wird</em>, mit der sie in irgend einer Weise verbunden +ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man +<em class="gesperrt">Assoziation</em> der Vorstellungen oder auch <em class="gesperrt">Ideenassoziation</em>. +Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und +beruht:</p> + +<p>1. Auf der <em class="gesperrt">Ähnlichkeit</em> der Vorstellungen. Die +Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige +einer andern ihr ähnlichen hervor.</p> + +<p>2. Auf deren <em class="gesperrt">äußerem Zusammenhang in +Raum und Zeit</em> (Berührungsassoziation). Was wir +häufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch +in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung +eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung +hervor. Durch diese Assoziation zusammenhängender Vorstellungen +bekommen wir überhaupt erst die Vorstellung +von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu +gehörigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des +Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe, +und daß infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z. B. +die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer zugleich +wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit +oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des +Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknüpft +hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten +Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne +hervorruft. Je häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung +von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen +sie von statten. Die <em class="gesperrt">Übung</em> spielt hier eine große +Rolle (s. <a href="#Par_28">§ 28</a>).</p> + +<p>Von dem <em class="gesperrt">Verschwinden der Vorstellungen</em> +glauben nun die einen, es sei das natürlichere und bedürfe +keiner besonderen Erklärung, die andern verlangen +umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem +Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche +sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung +sagen, daß kein Zustand sich verändert, ohne daß +ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß allerdings +das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich +vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von +der Voraussetzung ausgehen, daß wegen der sogenannten +<em class="gesperrt">Enge des Bewußtseins</em> immer nur eine beschränkte +Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich befinden +kann, so daß also die einen durch die andern +verdrängt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen +zur Verdrängung anderer oder ihre <em class="gesperrt">Stärke</em> beruht, +das ergibt sich zum Teil aus den <em class="gesperrt">Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung</em>, zum Teil aus der <em class="gesperrt">Bedeutung</em>, +welche sie für das vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger +die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, +desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen +den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das <span class="antiqua">h</span> der alphabetischen +Reihenfolge <span class="antiqua">e f g h</span> vor dem <span class="antiqua">a</span> der musikalischen +Tonleiter <span class="antiqua">e f g a</span>. Andrerseits wird die Vorstellung mit +um so mehr Stärke sich ins Bewußtsein drängen, je +wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand für uns +selbst und je größer infolgedessen das auf <em class="gesperrt">Gefühlen</em> +<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>beruhende <em class="gesperrt">Interesse</em> ist, das wir an ihm haben.</p> + + +<h3>§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.</h3> + +<p>Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen +hängen zwei Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben +eine große Rolle spielen, die <em class="gesperrt">Aufmerksamkeit</em>, +d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen +zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten, +und das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em>, d. h. die Fähigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich +zu <em class="gesperrt">erinnern</em>.</p> + +<p>Man unterscheidet zwischen <em class="gesperrt">unwillkürlicher</em> und +<em class="gesperrt">willkürlicher</em> Aufmerksamkeit. Die <em class="gesperrt">unwillkürliche</em> +wird durch einen plötzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen, +indem er uns veranlaßt, uns demselben zuzuwenden, +damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. +So zieht z. B. eine Lichterscheinung oder ein plötzliches +Geräusch unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. +<em class="gesperrt">Die willkürliche Aufmerksamkeit entsteht durch das +Interesse</em> (s. <a href="#Par_11">§ 11</a>), das die Willenstätigkeit veranlaßt, +die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen +hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf +ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer +festzuhalten, so ist sie von der Stärke derselben abhängig +und kann erzeugt werden teils dadurch, daß +das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang +der Vorstellungen streng festgehalten wird. +Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, <em class="gesperrt">die +Zerstreutheit</em>.</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> beruht auf den <em class="gesperrt">Gesetzen der +Reproduktion</em>. Wir können eine Vorstellung wiedererzeugen, +uns auf sie „<em class="gesperrt">besinnen</em>”, indem wir der Vorstellungsreihe +nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und +so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung +mit andern ist, desto leichter können wir uns +ihrer erinnern. Wir prägen uns also etwas ein, indem +wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen +hineinstellen und zwar entweder auf <em class="gesperrt">mechanische Weise</em> +durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, +die uns durch Übung geläufig wird, wobei wir +im allgemeinen an <em class="gesperrt">die Richtung gebunden sind, in +welcher die Assoziationen eingeübt wurden</em> (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort +läßt sich nur schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte +Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, +geläufig); oder auf <em class="gesperrt">logische</em> Weise durch Aufnahme +der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang, +den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze +leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie.</p> + +<p>Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch +häufige <em class="gesperrt">Übung</em> und durch das <em class="gesperrt">Interesse</em>, das dem +Verschwinden der Vorstellungen entgegenwirkt. Mit dem +Unterschied des Interesses hängt es auch zusammen, daß +das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis +für Worte, Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder +für bestimmte Gebiete der Wissenschaft die Rede ist. Außerdem +aber kommen hierbei <em class="gesperrt">angeborene Eigentümlichkeiten</em> +des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, +z. B. für bloß gehörte, oder für außerdem +gesprochene, oder für bloß gelesene Worte geltend machen. +Man hat danach ein akustisches, motorisches und visuelles +Gedächtnis unterschieden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_13" id="Par_13"></a>§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.</h3> + +<p>Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung +entspricht, z. B. die einer Farbe, kann man <em class="gesperrt">Einzelvorstellung</em> +nennen. Aus Einzelvorstellungen setzt sich die +Vorstellung von Gegenständen, Personen, Verhältnissen, +Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung eines individuellen +Ganzen oder die <em class="gesperrt">Individualvorstellung</em>. Diese +Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung +eines <em class="gesperrt">Dings</em> in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn +man die angeblich daran haftenden Eigenschaften, d. h. +Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die Richtigkeit dieser Vorstellung, +deren Vorhandensein die Psychologie nur feststellt, +hat die Metaphysik zu untersuchen.</p> + +<p>Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit +strebt, begnügt sich jedoch nicht mit einer Menge von +Individualvorstellungen, sondern er sucht dieselben durch +Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt +in der Seele ein <em class="gesperrt">gemeinsames Bild von unbestimmtem +Charakter</em> zurück, das nur die allen gemeinsamen +Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: +die allgemeine oder <em class="gesperrt">Gemeinvorstellung</em>. Wenn +vom Menschen im allgemeinen die Rede ist, schwebt uns +dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres Bild vor, das +mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame +darstellt.</p> + +<p>Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen +könnten aber nicht auseinandergehalten und +weiter ausgebildet werden, wenn sie nicht an ein bestimmtes +Zeichen gebunden werden könnten. Diesem Bedürfnis +<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> +kommt die <em class="gesperrt">Sprache</em> entgegen. Jedes <em class="gesperrt">Wort ist ein +Zeichen für eine Gemeinvorstellung</em>; nur wo +die Unterscheidung der Individuen einen besondern Wert +hat, wie beim Menschen, da erhält auch die Individualvorstellung +ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für +<em class="gesperrt">ein</em> Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen +sind die <em class="gesperrt">Eigennamen</em>. Sonst bezeichnet +ein Wort, z. B. Tisch, nur die Gemeinvorstellung, der kein +bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch entspricht, und +kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser +Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.</p> + +<p>Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann +die Gemeinvorstellung genauer umgrenzt werden und in +<em class="gesperrt">die bestimmtere</em> Form <em class="gesperrt">des Begriffes übergehen,</em> +die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können +als <em class="gesperrt">Urteile</em>, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit +größter Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung +neuer Vorstellungen aus der Verbindung anderer +nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von <em class="gesperrt">Schlüssen</em> +an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen <em class="gesperrt">Denkens</em>. +Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe +der Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist +also nur der, daß, was dort unwillkürlich geschah, jetzt +mit voller Klarheit und mit der bestimmten <em class="gesperrt">Absicht</em> vollzogen +wird, die Natur und die geistige Welt oder ihren +Zusammenhang zu <em class="gesperrt">erkennen</em>, d. h. solche Vorstellungen +und Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit +entsprechen. Dazu gehört dann, daß die beziehende +Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der Aufmerksamkeit auf +ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach bestimmten +Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. +So bildet das Denken den <em class="gesperrt">Begriff</em> durch Ausscheidung +der ungleichartigen und Zusammenfassung der gemeinsamen +Merkmale, z. B. den Begriff Parallelogramm durch Weglassung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> +der wechselnden Merkmale: Größenverhältnis der +nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und Zusammenstellung +der allen gemeinsamen: Viereck und +Parallelität der Gegenseiten. Das <em class="gesperrt">Urteil</em> entsteht durch +Verknüpfung der Begriffe, z. B. das Rechteck ist ein +Parallelogramm; und der <em class="gesperrt">Schluß</em> ist die Ableitung eines +Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. +aus den beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” +und: „Im Parallelogramm halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig” das dritte als Schlußfolgerung +abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die Diagonalen +gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige +Schlüsse zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.</p> + +<p>Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden +auch, besonders seit Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. +Dem <em class="gesperrt">Verstand</em> als dem „Vermögen der Begriffe” +wird die begriffliche Verarbeitung der Erfahrung zugeschrieben +im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Vernunft</em>, die „als Vermögen +der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung +Hinausgehenden, des „Übersinnlichen” gerichtet sei.</p> + + +<h3><a name="Par_14" id="Par_14"></a>§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden +Weltganzen.</h3> + +<p>Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es +von der einfachen Empfindung aus zu Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen und endlich zum Denken fortschreitet. +Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, den +wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem +Vorstellen finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, +Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse an, +sondern auch eine <em class="gesperrt">zusammenhängende Vorstellung +der wirklichen Welt</em>, in welche unsere einzelnen Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> +sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: +Wie kommt diese umfassende Vorstellung zustande? Da +kommen zuerst die beiden Hauptformen in Betracht, durch +die wir den ganzen Stoff unserer Erfahrung ordnen: der +<em class="gesperrt">Raum</em> und die <em class="gesperrt">Zeit</em>, und dann die Grundform, durch +die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die <em class="gesperrt">Kausalität</em>.</p> + +<p>Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die +körperliche Welt zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung +von der <em class="gesperrt">Zeit</em> überhaupt haben wir nur, indem wir wahrnehmen, +daß das, was früher war, nun nicht mehr ist, +also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung +von irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere +Zustände wiedererkennen; denn nur so können wir einen +zeitlichen Abstand von ihnen uns vorstellen. Je mehr wir +also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl verweilen, +ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr +schwindet die Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte +Vorstellung von der Zeit, losgelöst von dem, was in ihr +geschieht, ist nur mit Hilfe der räumlichen Anschauung, +etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit bestimmten +Abschnitten möglich.</p> + +<p>Wollen wir die <em class="gesperrt">Zeitabschnitte</em> ohne besondere Hilfsmittel +bloß mit Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände +<em class="gesperrt">schätzen</em>, so sind wir dabei von zweierlei abhängig, +von dem <em class="gesperrt">Interesse</em>, das die einzelnen Zustände des zu +schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der <em class="gesperrt">Menge</em> +derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein +Ereignis unseres Lebens mit dem Interesse, das sich für +uns daran knüpft, uns lebhaft vergegenwärtigen, so daß +die dazwischenliegenden, weniger wichtigen Vorgänge zurücktreten. +Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, +von einer großen Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende +Punkte ausgefüllt sind. Diese subjektive Schätzung +der Zeit ist also eine unsichere und wechselnde. Man hat +daher einen <em class="gesperrt">objektiven Maßstab</em> der Zeit aufgestellt, +indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, +Bewegungen der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu +benutzt, deren Wiederholungen gezählt werden.</p> + +<p>Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in +der Form des Raumes haben, während unsere Vorstellung +selbst nicht räumlicher Natur ist, so erhebt sich die Frage, +wie wir zu dieser <em class="gesperrt">Vorstellung eines Raumes</em> gelangen? +Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, +so enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. +Wir erhalten eine Vorstellung von dessen Entfernung +von uns und machen uns außerdem ein Bild von seiner Länge, +Breite und Höhe, also von seinen drei Dimensionen.</p> + +<p>Um die <em class="gesperrt">Entfernung</em> zu messen, denken wir uns eine +gerade Linie von dem Gebäude bis zu unserem Standort. Von +der Entfernung selbst aber haben wir keine bestimmte unmittelbare +Empfindung, sie ist vielmehr das Resultat einer +Vergleichung zwischen der <em class="gesperrt">wirklichen und scheinbaren +Größe</em> des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so +schnell vor sich geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung +erscheint. Je kleiner das Wahrgenommene im +Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer +schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich +der wirklichen Größe nähert, desto geringer erscheint sie +uns. Zum Zweck genauerer Schätzung wird die wirkliche +Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch daneben +stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt +ist, oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe +nicht bekannt ist und nicht ermittelt werden kann, die der<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> +Entfernung entsprechende Gerade in mehrere Teile zerlegt, +deren Entfernung durch andere dazwischenliegende Gegenstände +bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung +auf dem Meer oder auf einförmiger Ebene sehr schwer +zu schätzen. Überhaupt läßt sich von den drei Elementen: +wirkliche Größe, scheinbare Größe und Entfernung, wenn +zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch +die Dicke und Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht +bedingte größere oder geringere Deutlichkeit der +Umrisse.</p> + +<p>Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung +ohne Messung der die Entfernung darstellenden Geraden +ist die <em class="gesperrt">Parallaxe</em>; d. h. die Größe der scheinbaren Verschiebung, +welche ein Gegenstand im Verhältnis zu einem +feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von +zwei verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter +der Gegenstand entfernt ist, desto kleiner erscheint die +Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei einer Eisenbahnfahrt +die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung +der Entfernung durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, +den die von dem Gegenstand zu den beiden +Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie +vielfach verwendet.</p> + +<p>Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von +<em class="gesperrt">drei Dimensionen</em> eines Körpers? Was wir zunächst +sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener Schattierung. +Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt +ein Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen +hat, einen Würfel als Quadrat, eine Kugel als<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> +Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. Die Vorstellung +von einer <em class="gesperrt">Ausdehnung nach der Richtung +der Tiefe</em> bekommen wir erst durch eine Verbindung der +Gesichtsempfindungen mit den Tast- und Bewegungsempfindungen. +Indem wir uns um den Körper herum +bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von +einer bestimmten Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben +hat, sondern daß sich andere Flächen an die zuerst gesehene +anschließen, und der Tastsinn, der den verschiedenartigen +von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt +und damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen +ermöglicht, ergänzt dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung +von Form und Begrenzung der Körper.</p> + +<p>Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt +möglich ist, daß <em class="gesperrt">die unräumliche Seele räumliche +Bilder auffassen kann</em>; sie hat ja wohl die Vorstellung +eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht +die Theorie von den <em class="gesperrt">Lokalzeichen</em>, die <em class="gesperrt">Lotze</em> († 1881) +aufgestellt hat, d. h. die Ansicht, daß je nach der Stelle +der Netzhaut des Auges oder der Hautoberfläche, die von +dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst noch einen +besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den +dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe +Farbeneindruck <span class="antiqua">R</span>, je nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen +versehen ist, also als <span class="antiqua">Ra</span>, <span class="antiqua">Rb</span>, <span class="antiqua">Rc</span> die Seele trifft, +an verschiedene Orte des Raumes <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> oder <span class="antiqua">c</span> verlegt +werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit +angenommen werden, diese Zeichen räumlich zu +deuten und zu einer Gesamtvorstellung des Raumes zu +erweitern.</p> + +<p>So sind uns die Formen des Raums und der Zeit +dazu behilflich, ein einheitliches Bild von der wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> +Welt zu bekommen. Doch vollendet sich diese Einheit +erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem +<em class="gesperrt">inneren Zusammenhang</em> als ein <em class="gesperrt">System von Ursachen +und Wirkungen</em> auffassen. Wir nehmen an, +daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß die +gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. +Dieses Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar +wahr; was wir wahrnehmen, ist vielmehr nur, +<em class="gesperrt">daß die Erscheinung <span class="antiqua">b</span> regelmäßig eingetreten +ist, wenn die Erscheinung <span class="antiqua">a</span> eintrat</em>. Daß <span class="antiqua">a</span> die +Ursache von <span class="antiqua">b</span> ist, das ist eine Annahme, die wir selbst +hinzubringen und die durch die regelmäßige Aufeinanderfolge +von <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">b</span> nur veranlaßt ist. Inwieweit diese +Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu untersuchen. +Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende +Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang +der Erscheinungen nach diesem Kausalitätsgesetz zu +deuten.</p> + + +<h3>2. Das Fühlen.</h3> + +<h3><a name="Par_15" id="Par_15"></a>§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.</h3> + +<p>Die Gefühle sind <em class="gesperrt">Zustände von Lust und Unlust</em>; +sie unterscheiden sich dadurch von den <em class="gesperrt">Empfindungen</em> +und <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, die für sich allein uns <em class="gesperrt">gleichgültig</em> +wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben +äußeren Reiz die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl +vorangehen, so bei der Berührung eines heißen +Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als die +Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller +von der Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks +übergehen, als von dem Gefühl eines Glückes zu dem<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> +eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, daß das Gefühl +die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch +nimmt, als Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit +aber sind die Empfindungen und Vorstellungen immer +mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, sie haben +einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das +<em class="gesperrt">Interesse</em>, das wir an ihnen nehmen, und der <em class="gesperrt">Wert</em> +oder <em class="gesperrt">Unwert</em>, den wir ihnen beilegen.</p> + +<p>Es gibt <em class="gesperrt">unendlich viele verschiedene Arten +der Lust und Unlust</em>. Die Gefühle unterscheiden sich +nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder Weniger von +Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß +einer schmackhaften Speise, an die Vollführung einer +guten Tat und an die Betrachtung eines schönen Gemäldes +knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann +will, sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen +je zu einer Gesamtsumme addieren, um durch die Vergleichung +beider zu dem Schluß zu kommen, daß die +Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, +und daß für die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei +als Sein. (Pessimismus.)</p> + +<p>Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, +nicht näher beschreiben; doch werden diejenigen +einander ähnlich sein, die sich an ähnliche Zustände oder +Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach +ihrer Herkunft einteilen in <em class="gesperrt">körperliche Gefühle</em>, +die von körperlichen Zuständen, und <em class="gesperrt">geistige Gefühle</em>, +die von geistigen Zuständen herrühren. Unter den +letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen Gefühle, +die auf unser <em class="gesperrt">individuelles Wohl und Wehe</em> sich +beziehen — Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die +geselligen Gefühle, Liebe und Haß, solange sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> +durch sittliche Anschauungen geläutert sind — unterscheiden +von den höheren geistigen Gefühlen, die an +<em class="gesperrt">allgemein gültige geistige Güter der Menschheit</em> +sich knüpfen: die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und +religiösen Gefühle.</p> + + +<h3><a name="Par_16" id="Par_16"></a>§ 16. Die körperlichen Gefühle.</h3> + +<p>Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an +die <em class="gesperrt">Empfindungen</em> an und sind nach <em class="gesperrt">Art</em> und <em class="gesperrt">Stärke</em> +von ihnen abhängig. Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen +Gefühlston, der dieselbe zu einer „angenehmen” +oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. +Läßt man einen Ton zu übergroßer Stärke anwachsen, +nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, wird das +Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden +sich mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. +Andererseits kann ein an sich unangenehmer +Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer Geschmack, bei +geringer Intensität als angenehm empfunden werden.</p> + +<p>Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so +ist das körperliche Gefühl um <em class="gesperrt">so stärker</em>, <em class="gesperrt">je weniger +Wert für die Erkenntnis</em> die Reize haben, von denen +es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, <em class="gesperrt">die +eigentlichen Schmerzen</em>, finden sich bei inneren Vorgängen +im Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden +Reize gar nicht oder nur in geringem Maße stattfindet. +<em class="gesperrt">Geschmack und Geruch</em> sind auch noch mit +deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, +geben aber nur einen unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis +der Gegenstände, durch die sie vermittelt sind. <em class="gesperrt">Gesichts- +und Gehörempfindungen</em> aber, welche für +die Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> +scheinen oft ganz ohne begleitende Gefühle aufzutreten +und lassen immer nur schwer eine Bestimmung der besonderen +mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch +mehr beim Sehen von Farben so im Vordergrund, daß +der „Gefühlston” nur bei besonderer Aufmerksamkeit zum +Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von Erkenntniswert +und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen +durch starke Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.</p> + + +<h3><a name="Par_17" id="Par_17"></a>§ 17. Die geistigen Gefühle.</h3> + +<p>Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche +Zustände, durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; +aber sie sind von diesen selbst nicht unmittelbar abhängig, +sondern von den Vorstellungen, die dadurch hervorgerufen +werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres +Körpers verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das +durch ein beleidigendes Wort hervorgerufen wird.</p> + +<p><em class="gesperrt">Intellektuelle</em> Gefühle entstehen aus dem inneren +Verhältnis der Vorstellungen. Wenn der Verlauf des +geistigen Lebens zur Herstellung von Einheit und Zusammenhang +unter den Vorstellungen führt, so entstehen +Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den +Zusammenhang einer Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits +ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, Widerspruch auf +dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die <em class="gesperrt">ästhetischen</em> +Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des +<em class="gesperrt">Schönen</em>. Sie sind vielleicht daraus zu erklären, daß +ein ursprüngliches Bedürfnis des menschlichen Geisteslebens, +die „Einheit in der Mannigfaltigkeit” (s. <a href="#Seite_18">S. 18</a>) +durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> +irgend ein Bruchstück der Welt und des Menschenlebens +uns erscheint, in der vollkommensten Weise befriedigt +wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt zusammen der +<em class="gesperrt">Geschmack</em>, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische Eindrücke, +verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, +das Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und +die <em class="gesperrt">Phantasie</em>, d. h. die Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, +im Unterschied von der <em class="gesperrt">Einbildungskraft</em>, +dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben +dem Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer +Landschaft, die ihm geschildert wird, mit Hilfe seines +eigenen Vorrats an Vorstellungen sich ein anschauliches +Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches +Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der +Schilderung folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form +gibt, es gleichsam zum Gemälde gestaltet. Die künstlerische +Phantasie ist davon nur dem Grade nach verschieden. +Das <em class="gesperrt">sittliche Gefühl</em> ist an die Vorstellung +gewisser Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl +der Lust oder Unlust ist, werden die Handlungen als +gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen des sittlichen +Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze +des Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu +befolgen, d. h. der Charakter (s. <a href="#Seite_63">S. 63</a>). Der Begriff +des <em class="gesperrt">Gewissens</em> umfaßt ebenso die ersten Regungen des +sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). +Das <em class="gesperrt">religiöse</em> Gefühl ist mit der Vorstellung +der Beziehung zu Gott oder zu Göttern verbunden. Auf +der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem sittlichen +Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich +abhängig fühlt, werden zu Trägern sittlicher Ideale.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_18" id="Par_18"></a>§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.</h3> + +<p>Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich +so stark auftreten, daß es die Überlegung des Verstandes +vollständig zurückdrängt und den Willen beherrscht; dieser +plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der <em class="gesperrt">Affekt</em>, z. B. der +Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in +einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur +<em class="gesperrt">Leidenschaft</em>, beständig bereit, den Willen sich völlig zu +unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die <em class="gesperrt">Gesinnungen</em>, +z. B. Vaterlandsliebe, Frömmigkeit. Hier +hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit gewissen +Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von +Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber +von der Leidenschaft durch größere Dauer und eine gewisse +Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren Einfluß auf +den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen +ist das <em class="gesperrt">Gemüt</em>.</p> + + +<h3><a name="Par_19" id="Par_19"></a>§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.</h3> + +<p>Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, +sondern schließen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an +die Vorstellungen an, nur daß die Gefühle langsamer +wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl +auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen +hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefühle +wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will +ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer +Zeit in derselben Lage zurückrufen, so kann ich es nur +durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstände.</p> + +<p>Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, +das auch für den Vorstellungsverlauf gilt, in viel<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> +stärkerem Maße: das <em class="gesperrt">Gesetz der Beziehung</em>. Das +Gefühl ist <em class="gesperrt">etwas in hohem Grade Relatives</em>. Jedes +Gefühl ist davon abhängig, <em class="gesperrt">was für ein anderes +vorangegangen ist</em>. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe +Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns +ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der +Lust ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als +wenn es in einem Zustand der Gleichgültigkeit entsteht; +das Gefühl der Genesung ist mächtiger, als das der +Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so +können sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche +Nervensystem erträgt nur ein beschränktes Maß von Lust +und Schmerz.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wiederholt</em> sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich +<em class="gesperrt">abgestumpft</em>. Der häufige Genuß derselben schmackhaften +Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft +wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt +Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, +die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern +bloß passive Hingabe an einen Eindruck mit sich führen, +dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die wiederholte +Übung zur <em class="gesperrt">Verstärkung</em> bei. Das Anhören eines +klassischen Musikstücks kann bei jeder Wiederholung +höheren Genuß gewähren, indem die Phantasie jedesmal +leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstücks +eindringt.</p> + +<p>Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art <em class="gesperrt">verschmelzen</em> sich +zu einem <em class="gesperrt">Totalgefühl</em>, in das sie als <em class="gesperrt">Partialgefühle</em> +eingehen. Bei sämtlichen höheren geistigen Gefühlen finden +solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z. B. die +ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes aus +Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, +aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> +der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses +stammen.</p> + +<p>Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche +eine gewisse Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen +von „<em class="gesperrt">gemischten Gefühlen</em>”. So entsteht das Gefühl +der Wehmut aus einer Mischung von Trauer über das +Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.</p> + + +<h3><a name="Par_20" id="Par_20"></a>§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.</h3> + +<p>Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der +Gefühle ist das sogenannte „<em class="gesperrt">Lebens</em>”- oder „<em class="gesperrt">Gemeingefühl</em>”. +In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich +unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines +Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften +Gefühlen entsteht und sich auch dadurch von +den einzelnen körperlichen Gefühlen unterscheidet, daß es +sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers beziehen, +nicht „lokalisieren” läßt.</p> + +<p>Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem +Lebensgefühl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen +zusammen. Dazu gehören:</p> + +<p>1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, +die zu <em class="gesperrt">unbedeutend</em> sind, um als besondere +zum Bewußtsein zu kommen.</p> + +<p>2. Gefühle, die sich an <em class="gesperrt">Zustände einzelner Körperteile</em> +knüpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, +z. B. Zahnschmerz.</p> + +<p>3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen +Verteilung im Körper und ihrer <em class="gesperrt">allgemeinen +Bedeutung</em> für den Fortgang des Lebens gewöhnlich +überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> +oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer +Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch +die wichtigsten Faktoren für das Gemeingefühl. Das +Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der „<em class="gesperrt">Stimmung</em>”, +die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefühlsstandes +darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung +kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute +Luft und das dadurch erhöhte Lebensgefühl als der +Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.</p> + +<p>Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die +Lebensgefühle und die Stimmungen eine Beschreibung zu. +Es können nur einige allgemeine Ausdrücke angeführt +werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet +haben. Man spricht von einer <em class="gesperrt">reizbaren</em>, <em class="gesperrt">apathischen</em>, +<em class="gesperrt">gehobenen</em> Stimmung. In den Gegensätzen der <em class="gesperrt">Kraft</em> +und der <em class="gesperrt">Mattigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Freiheit</em> und der <em class="gesperrt">Beklommenheit</em>, +der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> und der <em class="gesperrt">Furcht</em> bewegen +sich Stimmung und Lebensgefühl.</p> + +<p>Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden +Schattierungen des „Lebensgefühls” und der Stimmung +<em class="gesperrt">für die Erinnerung</em>, für die Festhaltung von Vorstellungen, +durch die es in besonderer Weise verändert +wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann +mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung +unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch, +daß wir uns in die damalige Stimmung wieder +hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind +meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem +Gedächtnis entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer +schweren Krankheit wegen des krankhaft veränderten Lebensgefühls. +Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen +miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche +Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> +in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher +schon einmal gewesen zu sein.</p> + + +<h3><a name="Par_21" id="Par_21"></a>§ 21. Die Temperamente.</h3> + +<p>Die <em class="gesperrt">Temperamente</em> sind eine Art angeborener +Stimmung, vorwiegender Empfänglichkeit für bestimmte +Gefühle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens, +durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrücke +der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Veränderungen der Stimmung und +des Lebensgefühles bewegen sich bei jedem Individuum +innerhalb bestimmter Grenzen, die von der körperlichen +und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente +gibt es eigentlich <em class="gesperrt">so viele, als es Individuen gibt</em>. +Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus +vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb +deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das +sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser +Ausdrücke zwischen <em class="gesperrt">Temperamenten des Gefühls</em>: +dem leichtblütigen (sanguinischen) und schwerblütigen (melancholischen), +und <em class="gesperrt">Temperamenten der Tätigkeit</em>: dem +warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).</p> + +<p>Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die +Bewegung der geistigen Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben +abhängig ist. Nach der gewöhnlichen Auffassung +sind die Merkmale des <em class="gesperrt">sanguinischen</em> Temperaments: +lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige +Rückwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns +und Beständigkeit der Gesinnungen; des <em class="gesperrt">phlegmatischen</em>: +geringere Erregbarkeit für äußere Reize, Neigung zu geduldiger +Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des +<em class="gesperrt">cholerischen</em>: starke Erregbarkeit in einer bestimmten +Richtung und große Energie der Rückwirkung, daher oft +Konsequenz des Charakters; des <em class="gesperrt">melancholischen</em>: große +Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, +aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben +ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen +Ziele.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em> leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen +in der Art der Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, +Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende +Tafel der Temperamente:</p> + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Tafel der Temperamente"> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Starke:</em></td><td align="left"><em class="gesperrt">Schwache:</em></td></tr> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Schnelle</em></td><td align="left"></td><td align="left">cholerisch</td><td align="left">sanguinisch</td></tr> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Langsame</em></td><td align="left"> </td><td align="left">melancholisch </td><td align="left">phlegmatisch.</td></tr> +</table></div> + +<p>Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten +rein ausgeprägt, und es ist die Aufgabe eines normalen +Geisteslebens, ihre Einseitigkeit zu vermeiden.</p> + +<p>Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen +Rassen, Völker, Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist +ein anderer Gegensatz in jener Vierteilung nicht deutlich +genug vertreten, der auch eine Art angeborener Eigentümlichkeit +des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen <em class="gesperrt">optimistischer</em> und <em class="gesperrt">pessimistischer</em> Weltanschauung, +zwischen der vorwiegenden Empfänglichkeit für +Lust und der für Unlust.</p> + + +<h3><a name="Par_22" id="Par_22"></a>§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.</h3> + +<p>Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. +Wir machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis +ein Bild von uns selbst, bei welchem zunächst der +Körper im Vordergrund steht und später auch der Geist +in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> +wird. Mit „Ich” bezeichnen wir die <em class="gesperrt">beharrliche Einheit</em> +aller wechselnden Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich +aber sprechen wir damit aus, daß wir alle diese +inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, die +von ihnen abhängen, als <em class="gesperrt">unsere eigenen</em> erkennen. Der +tiefste Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von +andern liegt im „<em class="gesperrt">Selbstgefühl</em>”. Die ganze Vorstellungswelt, +die wir in der formalen Einheit unseres +Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit +verbinden, zweifellos und unmittelbar als Zustände +unseres eigenen Selbst im Unterschied von andern erleben +würden. Erst allmählich entwickelt sich auf Grund dieses +Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist, +das <em class="gesperrt">Selbstbewußtsein</em>, indem das „Ich” lernt, sich +denkend von seinen Zuständen zu unterscheiden. Im <em class="gesperrt">Mitgefühl</em> +erweitert sich dann wieder dieses Ich zur inneren +Teilnahme an dem, was andere fühlen.</p> + + +<h3><a name="Par_23" id="Par_23"></a>§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.</h3> + +<p>Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die +Gefühle für das menschliche Dasein überhaupt haben. Eine +naheliegende, aber vielfach auch sich bestätigende Antwort +auf diese Frage ist, daß <em class="gesperrt">Lust eine Förderung</em> und +<em class="gesperrt">Unlust eine Hemmung</em> des körperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen +mit der Größe der Störung, die im Organismus +stattfindet. Der Geschmack zeigt als Lust- oder Unlustgefühl +an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem Körper +zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunächst die +Lebensfunktion, indem sie mit einem Teile ihrer Eigenschaften +auf die Geschmacksnerven wirken; erst bei ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> +weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die <em class="gesperrt">geistigen +Gefühle</em>. Auch ein schädlicher geistiger Genuß zeigt +richtig die Förderung des geistigen Lebens an irgend einem +Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die daraus folgende +Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist nicht +Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die +wichtigste Aufgabe der Lebensklugheit.</p> + +<p>Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem <em class="gesperrt">Verständnis +der umfassenden Bedeutung des Gefühls</em>, +deren nähere Darlegung in Beziehung auf den Zusammenhang +der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf +dem Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt +des Lebens. Die theoretische Einsicht in das, was nützlich +und schädlich ist, reicht nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung +zu bewahren. Keine noch so vollendete Ausbildung +des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer +Art damit verbunden wäre. In den meisten Fällen ist +vielmehr jene Einsicht gar nicht vorhanden. Der Mensch +vermeidet z. B. den Genuß übelriechender Speisen für +gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der +Gedanke daran ihm verursacht. Wenn dem Mörder vor +der Tat das Gewissen schlägt, so geschieht es nicht, weil +er die Gefahr solcher Grundsätze für die Existenz der +Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er <em class="gesperrt">fühlt unmittelbar</em> +die Qual des Gewissens als ein mächtiges +Unlustgefühl.</p> + +<p>So wird also der Mensch durch die Lust, die er +sucht, und die Unlust, die er vermeidet, so geleitet, daß +die Erhaltung und Vervollkommnung des einzelnen, wie +des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> +der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel +in der Hand der Vorsehung, die Entwickelung der +Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, die eine Welt +von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler +Art würden jene Ideale der Menschheit (s. <a href="#Par_1">§ 1</a>) ihrer +Verwirklichung entgegenführen.</p> + + + + +<hr class="chap" /> +<h2>3. Das Wollen.</h2> + +<h3><a name="Par_24" id="Par_24"></a>§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.</h3> + + +<p>Das Wollen ist wie das Fühlen ein <em class="gesperrt">einfacher und +ursprünglicher Akt des Geisteslebens</em>, der sich nicht +näher beschreiben, aber doch in seinen Äußerungen verfolgen +läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer +eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in +der Innenwelt des Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung +der ersteren Art zustande zu bringen, ist die +Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden +Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht +wird, lassen sich daher auch die verschiedenen +Stufen des Willens am besten beobachten. Zum eigentlichen +Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, +der erreicht werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch +die er erreicht werden soll. Dies ist aber erst das +Resultat einer längeren Entwickelung.</p> + +<p>Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, +wenn er nicht zuerst Bewegungen ausführen würde, die +er <em class="gesperrt">nicht gewollt</em> hat. Schon die vom Stoffwechsel ausgehenden +Nervenerregungen müssen zu <em class="gesperrt">unwillkürlichen +Bewegungen</em> führen; denn die angesammelte Spannkraft +muß einen Ausweg in Bewegungen finden. Beispiele +dafür gehen auch noch neben dem bewußten Wollen her,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> +wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, +oder eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser +Bewegung sich kundgibt. So gelangt das Kind, +indem es seine eigenen automatischen Bewegungen, z. B. +die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt, +allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber +beeinflußt werden können.</p> + +<p>Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. +Solche <em class="gesperrt">unwillkürliche Bewegungen</em> geschehen auch +<em class="gesperrt">auf Veranlassung eines Reizes hin</em>. Wenn dem +Auge ein Stoß droht, so schließen sich die Augenlider; +wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt +Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu +dieser Bewegung nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten +die Nachricht von der eingetretenen Gefahr bis zu den +Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber ohne Zutun +der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt +so zu jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr +zweckmäßig begegnet. Daß diese sogenannten <em class="gesperrt">Reflexbewegungen</em> +ein von jeder Art der Überlegung unabhängiger +Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß +sie auch bei Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden +werden. Ein enthaupteter Frosch wischt den Tropfen +Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, +da er zwar noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, +aber nicht die zu selbständiger Bewegung hat. Bei dem +Menschen läßt sich der Unterschied zwischen Reflex- und +willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über +die sogenannte „<em class="gesperrt">physiologische Zeit</em>” nachweisen, d. h. +die Zeit, welche zwischen dem Auffassen und Erwidern +eines Reizes, z. B. zwischen einer Gesichtsempfindung und +der Reaktion auf dieselbe verfließt und durchschnittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> +etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der +willkürlichen Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung +des Reizes durch die sensiblen Nerven und der Weiterleitung +des Befehls zur Bewegung durch die motorischen +eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur Willensentscheidung +verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch +den elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung +verläuft weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, +die den Beginn der Bewegung eines Sekundenzeigers +meldet, und dem Druck des Fingers, der durch +Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder +zum Stehen bringt.</p> + +<p>Die Reflexbewegungen können auch <em class="gesperrt">gehemmt</em> werden, +indem die sensiblen Nerven gleichzeitig von anderer Seite +her Einwirkungen erfahren oder der bewußte Wille dazwischen +tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung +des Schluckens oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” +verhindert wird. Die Reflexbewegungen +haben ihren Sitz hauptsächlich im <em class="gesperrt">Rückenmark</em>. Sie +werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen +Bewegung, mit fortschreitender Bildung immer +mehr eingeschränkt. Die <em class="gesperrt">Selbstbeherrschung</em> besteht +zum großen Teil aus solchen <em class="gesperrt">Reflexhemmungen</em>.</p> + +<p>Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich +die des <em class="gesperrt">Instinkts</em> dadurch, daß sie ein zusammengesetztes +System von Mitteln zur Erreichung eines entfernteren +Zweckes darstellen. Aber auch sie gehen ohne Kenntnis +dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine Vorstellung +von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von +ihrer Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen +Gefühlen dabei geleitet, die als angeborene und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> +sich vererbende Eigentümlichkeiten ihrer Gattung angesehen +werden müssen.</p> + +<p>Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, +die auch ohne eigentlichen Willensakt zustande kommen, +aber nicht auf Grund einer zweckmäßigen Einrichtung der +Natur, sondern nur durch die <em class="gesperrt">Vorstellung</em> der Bewegung +selbst: die <em class="gesperrt">Nachahmungsbewegung</em>. Eine Bewegung, +deren Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. +Die Stöße eines Fechters, die Leistungen eines +Clowns werden von ungebildeten Zuschauern unter Begleitung +von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die +Lesung einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher +Bewegung führen, ohne daß der Wille mitwirkt. Noch +häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt sich die +Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung +gehören und die oft nachgeahmt werden, während +die Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt ist. Doch +tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung infolge der +Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr +zurück.</p> + +<h3><a name="Par_25" id="Par_25"></a>§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.</h3> + +<p>Mit dem <em class="gesperrt">Trieb</em> kommen wir dem eigentlichen Wollen +um einen Schritt näher. Je weiter die Entwickelung des +Geisteslebens fortschreitet, desto enger wird die Verbindung +zwischen seinen einzelnen Elementen. So unterscheidet sich +der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr +oder weniger <em class="gesperrt">klare Vorstellung</em> dessen <em class="gesperrt">mitwirkt</em>, was +als Quelle der Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so +stark, daß er den Menschen ganz erfüllt und Denken und +Wollen beherrscht, so geht er in die <em class="gesperrt">Begierde</em> über. +Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem zukünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> +Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des +Triebes gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch +verursacht werden, zwischen dem Zweck und den Mitteln +zu seiner Erreichung. Der Instinkt leitet nur durch die +augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung begleiten, +der Trieb durch die <em class="gesperrt">Vorstellung eines Zieles</em>, mit +welchem das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet +sich z. B. die Kunstfertigkeit der Ameise und der +Gestaltungstrieb des Künstlers. Das Gefühl der Lust, +das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also der +Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das <em class="gesperrt">Motiv</em>.</p> + +<p>Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also +auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung, +so erscheint es als <em class="gesperrt">Wunsch</em>. Treten mehrere Objekte +nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das +Denken nicht mehr bloß für die Wahl der richtigen Mittel +in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefühlswert +der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung, +welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den <em class="gesperrt">Vorsatz</em>, ein +bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus +augenblicklicher Gemütsbewegung entspringen, ohne daß +das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher +Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt +haben. Die Entscheidung ist deshalb zunächst eine <em class="gesperrt">oberflächliche</em> +und kann, wenn sich jene Faktoren nachher +geltend machen, wieder umgestoßen werden: „der Weg zur +Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer +allseitigen Überlegung, indem der Handelnde seine ganze +Persönlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der +<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span><em class="gesperrt">Entschluß</em>. Dieser ist die höchste Form des Willens, +der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem +nähern, desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen +dem Gedanken und der Ausführung des Gedankens werden, +den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je +mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes +Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die +Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen +Motivs zu Gunsten der Überlegung entrückt. Der Unterschied +zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens +ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig +ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die +strafrechtliche Beurteilung.</p> + +<p><em class="gesperrt">Was für ein geistiger Vorgang</em> der Willensakt +ist, wie es geschieht, daß dasselbe, was vorher nur ein +Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun auf einmal als +etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, +sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein +davon, wie nun der Willensakt in Bewegung übergeht, +wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven +die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen <em class="gesperrt">inneren +Zustand</em> nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein +Gefühl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und +den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, diese +Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich +unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung +tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmäßiger +Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, jedoch ohne +daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.</p> + + +<h3><a name="Par_26" id="Par_26"></a>§ 26. Die Freiheit des Willens.</h3> + +<p>Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo +<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>er einen Entschluß faßt, <em class="gesperrt">frei</em> sei, d. h. daß er in demselben +Augenblick auch einen andern Entschluß fassen könnte, +wird überall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem +<em class="gesperrt">Indeterminismus</em>, der auch wissenschaftlich vertreten +wurde, steht der <em class="gesperrt">Determinismus</em> gegenüber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie +kann diese Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik +hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung +des sittlichen Bewußtseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang +der Welt denkbar ist. Ganz außerhalb des +Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom +Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Für und Wider +etwa Folgendes:</p> + +<p>1. Der <em class="gesperrt">Determinismus</em> erklärt, durch die Behauptung +der Freiheit des Willens sei das <em class="gesperrt">Gesetz der +Kausalität</em>, daß alles eine Ursache haben müsse, und +damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens <em class="gesperrt">aufgehoben</em>. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, +die ausnahmslose Gültigkeit des naturwissenschaftlichen +Kausalgesetzes sei für die geistige Welt weder erwiesen, +noch willkürlich anzunehmen.</p> + +<p>2. Der <em class="gesperrt">Indeterminismus</em> weist auf gewisse <em class="gesperrt">psychologische +Tatsachen</em> hin: auf das Bewußtsein der Freiheit +und Verantwortlichkeit, auf das Gefühl der Reue, die +nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß man +wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man +gehandelt hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen +daraus, daß das handelnde Individuum seine eigene +Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung bringt und so +die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in +einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie +ansieht. In der Erinnerung an eine böse Tat ergebe sich<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> +dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem +Wunsche, anders gehandelt zu haben.</p> + + +<h3><a name="Par_27" id="Par_27"></a>§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.</h3> + +<p>Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin +besteht, daß sie einen innern Zustand <em class="gesperrt">ausdrücken</em>, daß +sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie +sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen und +willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, +aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle +Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der +Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur +durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in +äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie +auch <em class="gesperrt">Gebärden</em> genannt.</p> + +<p>Man kann <em class="gesperrt">dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen</em> +unterscheiden, die aber häufig zusammenwirken:</p> + +<p>1. Bewegungen, die nur die starke <em class="gesperrt">Erregung des +Gefühls unmittelbar zum Ausdruck bringen</em>. Sie +wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwähnt als ein +Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. +Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und +Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das +<em class="gesperrt">Lachen</em> ist der Ausdruck körperlichen und geistigen Wohlbehagens, +des letzteren besonders, sofern es durch starke +Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. +Ähnlich beruht der Witz auf der „plötzlichen Verwandlung +einer gespannten Erwartung in Nichts” (Kant). Die Ursache +dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein Grundbedürfnis +des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> +hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt +wird. Das Lachen besteht in einem stoßweisen Ausatmen, +das durch Einatmung unterbrochen ist. Das <em class="gesperrt">Weinen</em> ist +der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die +Tränendrüsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von +Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2 +zu erklären sind.</p> + +<p>2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der +<em class="gesperrt">Assoziation ähnlicher Empfindungen</em> ausdrücken. +So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche der Sprachgebrauch +als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind.</p> + +<p>3. Bewegungen, die zum <em class="gesperrt">Ausdruck von Vorstellungen</em> +und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck +von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die +Rede ist, mit der Hand <em class="gesperrt">hinweisen</em>. Häufiger möglich +ist die <em class="gesperrt">Nachbildung</em> des betreffenden Gegenstandes oder +seiner Merkmale durch malende Gebärden. So sucht der +Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, +z. B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung +eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen +den Beleidiger ausgedrückt wird.</p> + +<p>Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt +ist aber die <em class="gesperrt">Sprache</em>, wo Vorstellungen durch +Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen +und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden +in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen +verwendet. Ursprünglich war die Sprache<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> +wohl eine unwillkürliche, von Gebärden begleitete Äußerung +des Sprachorgans, <em class="gesperrt">die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände +machten</em>, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut +und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf +die von den Vertretern der sogenannten <em class="gesperrt">onomatopoëtischen +Theorie</em> der Ursprung der Sprache zurückgeführt +wird, wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen +Laute. Die erläuternde Begleitung der Gebärden und +das Bewußtsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und +Bild trat aber allmählich zurück, das Wort wurde bloßes +Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah +dies in der <em class="gesperrt">Schrift</em>: zuerst Nachbildung der Form der +Gegenstände in der Bilderschrift und dann Verwandlung +dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So +wurde die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche +Mittel für die Unterscheidung und den Austausch +der Gedanken und damit für die Ausbildung des Denkens +überhaupt.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Veranlassung</em> der Ausdrucksbewegungen ist +immer ein innerer Zustand. Die <em class="gesperrt">Schauspielkunst</em> nimmt +alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben +allerdings künstlich, d. h. ohne daß die natürlichen +äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, hervorzubringen; +aber der Schauspieler kann eine der höchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem +er den inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die +Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache +und Gebärden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein +Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht „Ausdruck” +eines Innern ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_28" id="Par_28"></a>§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.</h3> + +<p>Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie +großer Wichtigkeit für das geistige Leben die <em class="gesperrt">Wiederholung</em> +ist. Hat sie den Zweck, größere Fertigkeit zu +erreichen, so heißt sie <em class="gesperrt">Übung</em>. Das Resultat der häufigen +Wiederholung ist die <em class="gesperrt">Gewohnheit</em>. Werden Vorstellungsreihen, +die durch Assoziation verbunden sind, häufig +wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter +vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr +als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel dafür ist +die Wahrnehmung der <em class="gesperrt">Entfernung</em>, die ursprünglich +aus der Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung +mit der wirklichen Größe und der Feststellung +des Resultats besteht. Durch die Übung werden wir +diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung +der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen +glauben (vgl. o. <a href="#Seite_36">S. 36</a>).</p> + +<p>Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen +und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der +Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven +und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. +Eine solche gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung +und Bewegung stellt z. B. die Sprache dar. <em class="gesperrt">Vorstellung, +Sprachlaut und Schriftzeichen</em> sind für +unser Bewußtsein fast <em class="gesperrt">zu einer</em> Vorstellung <em class="gesperrt">verschmolzen</em>, +so daß das eine ohne weiteres das andere +hervorruft. Indem wir <em class="gesperrt">schreiben</em>, fügt sich an die Vorstellungen, +die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden +Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und +durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende +Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die +Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> +immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem +Klange her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser +komplizierte Vorgang ist uns durch unzählige Wiederholungen +so geläufig geworden, daß er uns als ein einziger +Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte +Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit +des Setzers, zu erklären.</p> + +<p>Je größer die Übung ist, je leichter und schneller +deshalb die Bewegung erfolgt, <em class="gesperrt">desto weniger bedarf +es für jede einzelne Bewegung einer besonderen +Willensanstrengung</em>, so daß die Reihe der einmal +angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des +Willens abläuft. Ein Willensakt scheint nur notwendig +zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen +sein, daß überall der Wille noch mitwirkt, nur in viel +schwächerem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint +wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und +doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen +oder Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur +fortwährenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung +einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier +bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.</p> + +<p>Diese <em class="gesperrt">Macht der Gewohnheit</em>, die den Aufwand +an Willenskraft wesentlich einschränkt, beherrscht unser +ganzes alltägliches Leben. Besonders aber macht sie sich +auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der +Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige +Form des Handelns, einen <em class="gesperrt">Charakter</em>. Das +Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf sittlichem Gebiete +ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> +Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks +entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben +gestellt werden und wo verschiedene Grundsätze in +Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige Überlegung +der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, +eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">III.</span> Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</h2> + +<h3><a name="Par_29" id="Par_29"></a>§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.</h3> + +<p>Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen +ist, wie schon erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, +die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich +auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen +ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben, +wie eng sie zusammengehören.</p> + +<p>1. Das <em class="gesperrt">Erkennen</em> ist abhängig vom Fühlen und +Wollen. Das <em class="gesperrt">Gefühl</em> ist das Hauptmittel, Vorstellungen +in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknüpft sie +durch das <em class="gesperrt">Interesse</em> mit dem Individuum. Nur der +Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit +Lust- und Unlustgefühlen für uns hat, veranlaßt uns, +mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst würden +wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. +Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen +und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis +führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des <em class="gesperrt">Willens</em>, +der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.</p> + +<p>2. Das <em class="gesperrt">Gefühl</em> kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung +von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle +sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> +zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit +den <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, denen sie ihre Entstehung verdanken, +lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. +Ebenso ist eine deutliche <em class="gesperrt">Erinnerung von +Gefühlen</em> nur möglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen, +an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen +<em class="gesperrt">die höheren Gefühle</em>, die intellektuellen, ästhetischen, +sittlichen, religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so +muß das Denken sich auf sie richten und Grundsätze der +Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das +Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es muß aber auch der <em class="gesperrt">Wille</em> zu Hilfe +kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar +die Entstehung eines Gefühls verhindert oder +ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann mittelbar +geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, +an denen es sich nährt, ihm entzogen werden. So kann +der Zornige den Affekt unter Umständen unterdrücken, indem +er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen läßt, d. h. +indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt +von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird, +in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefühls +erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur dann +ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht +genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf +Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlässigung des Gefühls +zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen Strebens +verhindert.</p> + +<p>3. Der <em class="gesperrt">Wille</em> ist ohne Vorstellungen und Gefühle +nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung +er gerichtet ist. Dieses Ziel könnte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> +Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die Erreichung +desselben durch Verknüpfung mit <em class="gesperrt">Lustgefühlen</em> einen +gewissen Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, +einen Zweck zu erreichen, ohne eine <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> +der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen muß. Soll +endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen +Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige Folgerichtigkeit, +so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom +Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.</p> + +<p>So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge +in der verschiedensten Weise. Und wie an <em class="gesperrt">einem</em> Individuum +zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefühl, +das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt, +so erhalten die <em class="gesperrt">verschiedenen Individuen</em> ein +eigentümliches Gepräge, je nachdem das Denken, das +Fühlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht +man von <em class="gesperrt">Verstandesmenschen</em>, <em class="gesperrt">Gefühlsmenschen</em> +und <em class="gesperrt">Männern der Tat</em>. Die höchste Form ist aber +immer das <em class="gesperrt">ideale Gleichgewicht</em>, die harmonische +Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Logik" id="Logik">Logik.</a></h2> + + +<h3><a name="Par_30" id="Par_30"></a>§ 30. Die Aufgabe der Logik.</h3> + +<p>Die Logik ist die <em class="gesperrt">Wissenschaft von den Gesetzen +des richtigen Denkens</em>. Das Denken ist als Element +des geistigen Lebens auch Gegenstand der Psychologie, +aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner <em class="gesperrt">tatsächlichen +Wirklichkeit</em> und sucht es wie alle andern +geistigen Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu +erklären; das richtige, wie das unrichtige Denken findet +gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik hebt aus diesem +Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das geeignet +ist, dem <em class="gesperrt">Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit +zu dienen</em>. Die Tatsachen des Irrtums und des +Streites lehren, daß das Denken in der Verfolgung dieses +Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.</p> + +<p>Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen +wir ein Mittel haben, <em class="gesperrt">das richtige Denken vom unrichtigen +zu unterscheiden</em>. Das nächstliegende wäre, +als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, dessen Resultate +<em class="gesperrt">mit der Wirklichkeit übereinstimmen</em>. Dem +steht aber der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte +der Logik aus nicht widerlegt werden kann, daß die ganze +wirkliche Welt nur in der Vorstellung vorhanden ist (vgl. <a href="#Par_3">§ 3</a>). +Jedenfalls können wir einen Vergleich zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> +dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem +wir auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen +also über den Kreis des Gedachten nicht hinaus, um es +mit einer davon unabhängigen Wirklichkeit vergleichen zu +können. Ebensowenig können wir die Richtigkeit des +Denkens von der <em class="gesperrt">Anerkennung der andern denkenden +Wesen</em> abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des +Gedachten ist teils nicht vorhanden, teils zu unsicher, um +als Maßstab für seine Richtigkeit gelten zu können.</p> + +<p>Und doch haben wir ein <em class="gesperrt">unmittelbares Bewußtsein +davon</em>, was richtiges Denken ist. Es ist einfache +psychologische Tatsache, daß wir das richtige Denken von +dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir finden +in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders +zu denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso +denken müssen. Die Logik muß sich also darauf beschränken, +die Bedingungen darzustellen, unter denen +dieses <em class="gesperrt">notwendige</em> und <em class="gesperrt">allgemeingültige Denken</em> +zustande kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei +Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab <em class="gesperrt">von dem einzelnen +Wissensstoff selbst</em> und zeigt nur, wie man von gegebenen +Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht +zu prüfen hat, durch das Denken zu einer Erkenntnis +gelangen kann, und sie unterscheidet sich von der <em class="gesperrt">Erkenntnistheorie</em> +dadurch, daß sie das Denken nicht +daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein +nach seinen eigenen Gesetzen.</p> + +<p>Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch +hervor, daß die Logik <em class="gesperrt">nicht die Kunst des Denkens +lehren kann</em>, so wenig als die Poetik die Kunst des +Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, +daß die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> +von der Kenntnis der logischen Gesetze. Die Fähigkeit +richtig zu denken ist dem Menschen angeboren, aber es +gilt auch hier, daß es <em class="gesperrt">besser ist, wenn er die Grundsätze +seines Verfahrens kennt, als wenn er sie +nicht kennt</em>. Denn wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, +der auch ihre Grammatik kennt, so versteht nur +der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu +unentbehrlich ist diese Kenntnis, wenn es sich darum +handelt, Fehler nachzuweisen oder besonders schwierige +Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie und +überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung +einer klaren, sicheren Methode abhängig ist.</p> + +<p>Die Logik beschäftigt sich teils mit den <em class="gesperrt">Elementen</em> +des Denkens, den <em class="gesperrt">Begriffen, Urteilen und Schlüssen</em>, +teils mit der Art, wie diese Elemente in Beziehung zu +einander gesetzt werden, um die <em class="gesperrt">Wissenschaft als ein +zusammenhängendes Ganzes</em> zu erzeugen. Die Form +des wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann +man die Logik einteilen in eine <em class="gesperrt">Elementarlehre</em> und +eine <em class="gesperrt">Methodenlehre</em>.</p> + + +<h2><span class="antiqua">I.</span> Teil. Elementarlehre.</h2> + +<h3>1. Die Begriffe.</h3> + +<h3><a name="Par_31" id="Par_31"></a>§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte +Einheit aller in einer Gemeinvorstellung +gedachten wesentlichen Merkmale</em> (s. o. <a href="#Par_13">§ 13</a>). Er +entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> +Begriff gedacht wird, gilt als das Wesen der Gegenstände, +die unter ihn fallen, und so nennt man diejenigen +Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht werden +kann, <em class="gesperrt">wesentliche</em>, und diejenigen, die auch fehlen können, +<em class="gesperrt">außerwesentliche</em> oder <em class="gesperrt">zufällige</em>. So sind wesentliche +Merkmale des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, +aufrechter Gang; außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, +Bosheit. Es scheint wohl gleichartige Merkmale zu +geben, die nicht wesentlich sind, die in keinem inneren +Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen +Stufe der Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft +muß entweder die Gleichartigkeit auf einen inneren +Wesenszusammenhang zurückführen oder als eine nur +scheinbare nachweisen. In der Mathematik gibt es kein +gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich wesentlich ist; +z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks schließt die +Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann aber +doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">wesentlichen</em> Merkmale eines Begriffs werden +auch eingeteilt in <em class="gesperrt">eigentümliche</em> (<span class="antiqua">notae propriae</span>), welche +denselben <em class="gesperrt">ausschließlich</em> eigen sind, und <em class="gesperrt">gemeinsame</em> +(<span class="antiqua">n. communes</span>), welche auch andern Begriffen zukommen, +ferner in <em class="gesperrt">ursprüngliche</em> und <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Merkmale. +Ein ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die +Parallelität der Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die +Gleichheit derselben.</p> + +<p>Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen +der Begriff gebildet wird, muß nicht notwendig von verschiedenen +Individuen herrühren, sondern sie kann auch +auf <em class="gesperrt">dasselbe Individuum</em> zu verschiedenen Zeiten sich +beziehen, und dann erhalten wir den <em class="gesperrt">Individualbegriff</em>. +So machen wir uns besonders von menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> +Individuen Individualbegriffen, indem wir die verschiedenen +Individualvorstellungen, die wir von ihnen aus +verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.</p> + + +<h3><a name="Par_32" id="Par_32"></a>§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.</h3> + +<p>An jedem Begriff wird unterschieden: der <em class="gesperrt">Inhalt</em>, +d. h. die Gesamtheit der darin gedachten Merkmale, und +der <em class="gesperrt">Umfang</em>, d. h. die Summe der Gegenstände oder +Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale +Viereck und Parallelität der Gegenseiten, den Umfang +desselben: die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; +den Inhalt des Begriffs Tier: organisches Wesen, +Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere, +Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.</p> + +<p>Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch +zufällige Merkmale aufgenommen, so wird der Umfang +desselben zu klein, der Begriff ist <em class="gesperrt">zu eng</em>. Wenn nicht +alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist <em class="gesperrt">zu weit</em>. +Der Begriff Parallelogramm wird zu eng, wenn er das +Merkmal gleichseitig erhält, denn aus seinem Gebiet +werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid ausgeschlossen; +er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn +dann fällt er mit dem Begriff des Vierecks zusammen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Je größer der Inhalt eines Begriffes, +desto kleiner der Umfang, und je größer der +Umfang, desto kleiner der Inhalt.</em> Begriffsumfang +und Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach +in umgekehrtem Verhältnis zueinander. So ist der +Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang des<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> +Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, +Goldgeld und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, +nämlich um das Merkmal Silber. Der Umfang eines +Begriffs wird also durch Hinzufügung von Merkmalen +beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion).</p> + + +<h3><a name="Par_33" id="Par_33"></a>§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.</h3> + +<p>Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und +Umfang des Begriffs hängt die Klarheit und Deutlichkeit +desselben ab. Ein Begriff ist <em class="gesperrt">klar</em>, wenn man das, +was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden +kann, was in den Umfang anderer Begriffe fällt, +so daß keine Verwechslung möglich ist. So ist der +Begriff Logik klar, wenn man ihn von Psychologie, Erkenntnistheorie, +Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist <em class="gesperrt">deutlich</em>, wenn die Merkmale, die seinen +Inhalt bilden, für sich klar sind. So hat derjenige einen +deutlichen Begriff der Logik, der von der Wissenschaft +überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine klare +Vorstellung hat.</p> + + +<h3><a name="Par_34" id="Par_34"></a>§ 34. Die Arten der Begriffe.</h3> + +<p>Nach dem Inhalt unterscheidet man <em class="gesperrt">einfache</em> und +<em class="gesperrt">zusammengesetzte</em> Begriffe, je nachdem dieselben nur +ein einziges oder mehrere Merkmale enthalten. Einfache +Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; zusammengesetzte: +Löwe, Sechseck, Urteil.</p> + +<p>Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet +man <em class="gesperrt">untergeordnete</em> (subordinierte), <em class="gesperrt">übergeordnete</em> +(superordinierte) und <em class="gesperrt">nebengeordnete</em> +(koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der unmittelbar +aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> +man <em class="gesperrt">Artbegriff</em>, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, +der selbst wieder aus Artbegriffen entstanden ist +und deshalb die Individualvorstellungen nur mittelbar in +sich befaßt, den <em class="gesperrt">Gattungsbegriff</em>, z. B. Singvogel. +Der Gattungsbegriff heißt auch der <em class="gesperrt">höhere</em> oder <em class="gesperrt">weitere</em> +und der Artbegriff der <em class="gesperrt">niedere</em> oder <em class="gesperrt">engere</em> Begriff. +Aus Gattungsbegriffen können wieder andere höhere +Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt der Begriff +Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, +Tier, organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder +einen weiteren Umfang hat, als der vorhergehende, so +daß ein Gattungsbegriff im Verhältnis zum folgenden +höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet werden +könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, +wo dann auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte +Stelle haben. So konstruiert besonders die +Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, +Art, Individuum.</p> + +<p>Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff +untergeordnet sind, stehen im Verhältnis der <em class="gesperrt">Beiordnung</em> +oder Koordination, z. B. Frühling, Sommer, +Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie +in einem gewissen <em class="gesperrt">Gegensatz</em> und zwar im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em> +Gegensatz (Widerspruch), wenn es <em class="gesperrt">nur +zwei Begriffe sind</em>, die miteinander den Umfang des +höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, +zeitlich und ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; +im <em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatz (Widerstreit), wenn es +<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span><em class="gesperrt">mehrere Begriffe</em> sind, so daß sie sich zwar auch gegenseitig +ausschließen, aber mit anderen Begriffen sich in +den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich +nicht bewegt, ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling +ist, folgt nicht, daß es Sommer sein muß, es kann auch +Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden zugleich.</p> + +<p>Zwei Begriffe sind <em class="gesperrt">identische</em> oder <em class="gesperrt">Wechselbegriffe</em>, +wenn sie nach Inhalt und Umfang sich +decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und der +eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer +der Logik. Der Unterschied besteht dann nur +im sprachlichen Ausdruck, der nur je nach dem Zusammenhang +eine der Seiten des Begriffes besonders hervorhebt. +Zwei Begriffe <em class="gesperrt">kreuzen sich</em>, wenn sie nur einen Teil +ihres Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; +sie sind <em class="gesperrt">einstimmig</em>, wenn sie an demselben Gegenstand +vorkommen können, z. B. rechtwinklig und gleichseitig an +dem Begriff Quadrat. <em class="gesperrt">Disparate</em> Begriffe nennt man +diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden +gemeinsamen höheren Begriffs untergebracht werden können, +z. B. Dreieck und Tapferkeit.</p> + + +<h3>2. Die Urteile.</h3> + +<h3><a name="Par_35" id="Par_35"></a>§ 35. Das Wesen des Urteils.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung +oder Trennung zweier Begriffe, der mit dem +Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen +wird.</em> Die sprachliche Form des Urteils ist der <em class="gesperrt">Aussagesatz</em>. +In jedem Urteil wird etwas von etwas ausgesagt. +Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das <em class="gesperrt">Subjekt</em> +und das, was ausgesagt wird, das <em class="gesperrt">Prädikat</em>. Die +<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>Ineinssetzung beider wird durch die <em class="gesperrt">Kopula</em> vermittelt. +Sprachlich wird die Kopula ausgedrückt durch die Flexionsendung +des Verbums. In dem Urteil: das Eisen glüht, +ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung +zwischen Subjekt und Prädikat darzustellen. Auch wo +das Verbum <em class="gesperrt">sein als Kopula</em> verwendet wird, sagt es +nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus (Existentialurteil), +sondern dient nur als Träger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. +der Pegasus ist geflügelt.</p> + + +<h3><a name="Par_36" id="Par_36"></a>§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.</h3> + +<p>Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren +Grundzügen von Kant aufgestellt wurde, ist die nach den +4 Gesichtspunkten, die bei jedem Urteil in Betracht +kommen sollen, nach der <em class="gesperrt">Quantität</em>, <em class="gesperrt">Qualität</em>, <em class="gesperrt">Relation</em> +und <em class="gesperrt">Modalität</em>.</p> + + +<h4>1. Die Quantität.</h4> + +<p>Nach der Quantität unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">allgemeine</em> +Urteile, wo das Prädikat von dem ganzen Umfang des +Subjekts gilt: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; alle Menschen sind sterblich; +2. <em class="gesperrt">besondere oder partikuläre</em> Urteile, wo das +Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts +gilt: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; einige Könige waren Philosophen; +und 3. <em class="gesperrt">einzelne oder individuelle</em> Urteile, wo +das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: +<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; Bismarck ist ein großer Mann.</p> + +<p>Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf +sie jedenfalls der <em class="gesperrt">Ergänzung</em>. Es wurde mit Recht +angeführt, das <em class="gesperrt">individuelle</em> Urteil könne auch als allgemeines +betrachtet werden, da auch bei ihm das Prädikat +vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> +Fall, daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang +des Subjekts, so doch nur von einem Individuum gilt, +eigenartig genug, um als solcher eine besondere Art zu +begründen. Das <em class="gesperrt">partikuläre</em> Urteil kann als selbständiges +nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt +wird, so daß es entweder lautet: <em class="gesperrt">nur</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, +oder: <em class="gesperrt">mindestens</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>. Das ganz unbestimmte +partikuläre Urteil: einige Menschen sind sterblich, +ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende +allgemein vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne +haben eigene Bewegung, oder ein allgemeines verneint, +z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, hat es selbständige +Berechtigung. Beim <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Urteil +muß unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen +und dem unbedingt allgemeinen. Beim <em class="gesperrt">empirisch +allgemeinen</em> beruht die Behauptung, daß das +Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind +gekommen, auf einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen +mit der Zahl der Geladenen. Beim <em class="gesperrt">unbedingt +allgemeinen</em> Urteil wird das Prädikat auf +Grund eines Wesenszusammenhanges im voraus auch von +denjenigen Subjekten ausgesagt, an denen es noch nicht +beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben gleiche +Diagonalen.</p> + + +<h4>2. Die Qualität.</h4> + +<p>Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in +1. <em class="gesperrt">bejahende</em> oder affirmative, wo Subjekt und Prädikat +in eins gesetzt werden: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">verneinende</em> oder +negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; +3. <em class="gesperrt">unendliche</em> oder limitierende, wo das Subjekt mit +einem verneinten Prädikat verknüpft wird: <span class="antiqua">S</span> ist Nicht <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> + +<p>Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere +gelten, sie fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil +zusammen. <em class="gesperrt">Unendlich</em> werden diese <em class="gesperrt">Urteile</em> genannt, +weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist nichtschuldig, +dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen Prädikate, +mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. +Dieses unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und +wird auch tatsächlich nie vorzustellen versucht. Man denkt +sich unter dem Nichtschuldig nicht alle möglichen Prädikate, +z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr ist auch hier +die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen.</p> + +<p>Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität +und Qualität ergeben sich <em class="gesperrt">vier Arten von Urteilen</em>, +die in der Logik durch die 4 Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> +bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle <span class="antiqua">S</span> +sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">a</span>); 2. das allgemein verneinende: kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">e</span>); +3. das partikulär bejahende: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">i</span>); 4. das +partikulär verneinende: einige <span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">o</span>). Die +Buchstaben sind den Wörtern <span class="antiqua">affirmo</span> (ich bejahe) und +<span class="antiqua">nego</span> (ich verneine) entnommen.</p> + + +<h4>3. Die Relation.</h4> + +<p>Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung +zwischen Subjekt und Prädikat unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">kategorische</em> +Urteile, die eine einfache Aussage enthalten: +<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile, die nur bedingt etwas +aussagen: wenn <span class="antiqua">X</span> ist, so ist <span class="antiqua">S P</span>; wenn das Glas gerieben +wird, so entwickelt sich Elektrizität; 3. das <em class="gesperrt">disjunktive</em> +Urteil, welches aussagt, daß dem Subjekt von +mehreren sich ausschließenden Prädikaten jedenfalls eines +zukomme: <span class="antiqua">S</span> ist entweder <span class="antiqua">P</span> oder <span class="antiqua">Q</span> oder <span class="antiqua">R</span>; Dreiecke +sind entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig;<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> +entweder die Franzosen oder die Deutschen +werden siegen.</p> + +<p>Im <em class="gesperrt">hypothetischen</em> Urteil sind also an die Stelle +des Subjekts und des Prädikats zwei Sätze getreten, die +in das Verhältnis von <em class="gesperrt">Grund und Folge</em> zueinander +gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas +gerieben wird, noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern +es sind zwei als <em class="gesperrt">Hypothesen</em> aufgestellte Sätze, von +denen nur behauptet wird, daß die Gültigkeit des einen +die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen sei. +Die <em class="gesperrt">Negation</em> kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher +Weise auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz +oder beide oder endlich die notwendige Folge selbst +verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der Himmel bewölkt +ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht +krumm ist, so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht +gleichseitig ist, so ist es auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn +ein Parallelogramm rechtwinklig ist, so ist es darum nicht +notwendig ein Quadrat.</p> + +<p>Zum <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil gehört eigentlich eine +<em class="gesperrt">Reihe möglicher Sätze</em>, die sich gegenseitig ausschließen, +und die zusammen den Umfang des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs +erschöpfen: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">Q</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">R</span>, die +also bei zwei Gliedern im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>, bei +mehr Gliedern im <em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatze stehen.</p> + + +<h4>4. Die Modalität.</h4> + +<p>Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in +1. <em class="gesperrt">problematische</em>, wo die Verknüpfung oder Trennung +von Subjekt und Prädikat nur als Vermutung hingestellt +wird: <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein; 2. <em class="gesperrt">assertorische</em>, deren Gültigkeit +<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>schlechthin behauptet wird: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 3. <em class="gesperrt">apodiktische</em>, +deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: <span class="antiqua">S</span> muß +<span class="antiqua">P</span> sein.</p> + +<p>Das problematische Urteil leidet in dieser Form an +einer gewissen Zweideutigkeit. <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein, drückt sowohl +die <em class="gesperrt">subjektive Ungewißheit</em> aus: der See ist +vielleicht gefroren, die Erscheinung des Lichtes beruht +vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die <em class="gesperrt">objektive +Möglichkeit</em>: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil +enthält nichts Problematisches, denn es spricht dem Wasser +mit Bestimmtheit eine Eigenschaft zu, die unter <em class="gesperrt">gewissen +Bedingungen</em> mit Sicherheit eintritt. Dagegen ist das +Urteil über die Erklärung der Erscheinung des Lichtes +ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, +der es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand +der Wissenschaft Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der +<em class="gesperrt">Unterschied zwischen assertorischem und apodiktischem +Urteil</em> fällt dahin, da jedes Urteil, also auch +das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird.</p> + + +<h3><a name="Par_37" id="Par_37"></a>§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.</h3> + +<p>Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied +zwischen einfachen und zusammengesetzten Sätzen wurde +in der Logik zwischen <em class="gesperrt">einfachen</em> Urteilen, die nur aus +Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und <em class="gesperrt">zusammengesetzten</em> +Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen, +unterschieden.</p> + +<p>Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben +den schon genannten hypothetischen und disjunktiven Urteilen +folgende gerechnet:</p> + +<p>1. Die <em class="gesperrt">konjunktiven</em> Urteile. Von demselben Subjekt +werden mehrere Prädikate bejaht oder verneint.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="konjunktive Urteile"> +<tr><td align="center" rowspan="2"><span class="antiqua">S</span> ist <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center"> sowohl </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P</span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.</td></tr> +<tr><td align="center">weder</td><td align="center"> noch </td><td align="center"> noch </td> </tr> +</table></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>2. Die <em class="gesperrt">kopulativen</em> Urteile. Von mehreren Subjekten +wird dasselbe Prädikat bejaht oder verneint.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="kopulative Urteile"> +<tr><td align="center">Sowohl </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>1</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>2</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>3</sup></span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">Weder</td><td align="center"> noch </td><td align="center"> noch </td></tr> +</table></div> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">divisiven</em> Urteile. Dem Gattungsbegriff +werden die seinen ganzen Umfang erschöpfenden Artbegriffe +als Prädikate beigelegt. <span class="antiqua">S</span> ist teils <span class="antiqua">P</span> teils <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> teils <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>. +Das divisive Urteil steht in naher <em class="gesperrt">Beziehung zum +disjunktiven</em>. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch +divisiv ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien +sind entweder gerade oder krumm, lautet divisiv: die +Linien sind teils gerade, teils krumm. Doch scheiden sie +sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck voneinander. +Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, +von denen die Disjunktion gilt, also genauer: <em class="gesperrt">eine Linie</em> +ist entweder gerade oder krumm; beim divisiven Urteil +ist es der Subjektsbegriff nach seinem ganzen Umfang, +der in seine Teile zerlegt wird: <em class="gesperrt">die</em> Linien (überhaupt) +sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, +lassen sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die +Welt ist entweder von Ewigkeit her oder geworden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">hypothetischen</em> und <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteile +werden jedoch nicht mit dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, +kopulativen und disjunktiven, zusammengesetzte +Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen +Urteilen, sondern nur aus <em class="gesperrt">hypothetischen Sätzen</em>, die +für sich allein keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. +Man sah deshalb mit Recht auch bei der Annahme von +zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als einfache +an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere +Nachsätze oder beides besitzen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> + +<p>Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, +wenn man das konjunktive, kopulative oder divisive Urteil +als ein <em class="gesperrt">zusammengesetztes Urteil</em> bezeichnen will; +denn es sind eigentlich <em class="gesperrt">verschiedene selbständige</em> Urteile, +deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten +Urteil in diesem Sinn zu reden, wäre also +ungefähr dasselbe, wie wenn man eine Straße ein zusammengesetztes +Haus nennen wollte (Mill). Es müßten +dann neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten +<em class="gesperrt">Sätze mit wenn, obgleich, aber</em> u. s. w. als +zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden; alle diese +Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es +empfiehlt sich daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten +Urteil zu sprechen, sondern nur von einer <em class="gesperrt">Zusammensetzung +von Urteilen</em>; denn die Urteile, die +so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, +teils nur aus einer sprachlichen Verbindung selbständiger +Urteile.</p> + +<p>Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation +aufrecht erhalten lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung +oder Trennung bildet das <em class="gesperrt">Verhältnis von +Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentümliche Art der Beziehung</em> zwischen den an +Stelle des Subjekts und Prädikats tretenden Sätzen.</p> + + +<h3><a name="Par_38" id="Par_38"></a>§ 38. Übersicht der Urteilsarten.</h3> + +<p>Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, +Relation und Modalität hat ergeben, daß die traditionelle +Einteilung im einzelnen verschiedene Mängel hat, daß +aber die damit aufgestellten Einteilungsgründe in der<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> +Hauptsache festgehalten werden können. Der allgemeine +<em class="gesperrt">Akt des Urteilens selbst</em> ist allerdings überall derselbe +(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat +in eins gesetzt oder von ihm getrennt und für diesen +Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch genommen, aber <em class="gesperrt">die +Urteile erleiden Modifikationen je nach der Beschaffenheit +der Subjekte, der Prädikate und der +Kopula</em>. Die verschiedenen Arten dieser Bestandteile des +Urteils haben immer einen wesentlichen Einfluß auf das +Urteil selbst, und so bietet sich als einfachste <em class="gesperrt">Einteilung +die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den +Beziehungsformen</em> (so Wundt, von dem jedoch die +Auffassung und Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); +danach würde sich ungefähr folgende Einteilung +der Urteile ergeben:</p> + + +<h4>I. Nach den Subjektsformen.</h4> + +<p>1. In Beziehung auf die <em class="gesperrt">Zeit der Gültigkeit</em> der +Urteile:</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Erzählende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt +eine Individualvorstellung zu Grunde, die als solche +einer bestimmten Zeit angehört. Das Urteil selbst +ist daher <em class="gesperrt">nur für einen bestimmten Zeitabschnitt +gültig</em>, z. B.: diese Blume ist schön.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Erklärende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt +eine Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche +an keinen bestimmten Zeitabschnitt gebunden ist. Das +Urteil selbst <em class="gesperrt">bezieht sich</em> deshalb <em class="gesperrt">auf keinen +einzelnen Zeitpunkt</em>, z. B.: das Gold ist gelb.</p></blockquote> + +<p>2. In Beziehung auf den <em class="gesperrt">Umfang ihrer Gültigkeit</em> (Quantität):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Urteile mit Impersonalien.</em> Das Subjekt ist +ein unpersönliches Fürwort. Das Urteil gibt nur der<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> +unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung als solcher +Ausdruck, das Fürwort ist nur der sprachliche Ersatz +eines Subjektes, der als leere Form gewohnheitsmäßig +hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es +regnet. Daher ist auch der <em class="gesperrt">Umfang der Gültigkeit +des Urteils unbestimmt</em>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Individuelle Urteile.</em> Der Umfang der Gültigkeit +des Urteils <em class="gesperrt">beschränkt sich auf den Individualbegriff</em>, +der das Subjekt bildet, z. B.: +Cäsar hat gesiegt.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Partikuläre Urteile.</em> Das Subjekt steht in unbestimmter +Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur +<em class="gesperrt">für einen Teil des Umfangs des Subjektsbegriffs</em>:</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Urteil und Subjektsbegriff"> +<tr><td align="center">mindestens </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">nur</td></tr> +</table></div> + +<p><span class="antiqua">d)</span> <em class="gesperrt">Allgemeine Urteile.</em> Das Subjekt umfaßt alle +Individuen, die unter einen bestimmten Begriff +fallen, und zwar entweder auf Grund der Erfahrung +(<em class="gesperrt">empirisch allgemein</em>) oder auf Grund eines +Wesenszusammenhangs (<em class="gesperrt">unbedingt allgemein</em>) +(s. S. <a href="#Seite_76">76</a>). Bei dem letzteren wird die Allgemeinheit +statt durch: alle, jeder, keiner, auch durch den +einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt, +z. B.: das Tier hat Empfindung.</p></blockquote> + + +<h4><span class="antiqua">II.</span> Nach den Prädikatsformen.</h4> + +<p>Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff +zu Grunde liegen, wechselt die Art der Anknüpfung des +Prädikats an das Subjekt, die bejaht oder verneint wird. +Es lassen sich <em class="gesperrt">fünf Hauptarten von Vorstellungen</em> +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene +Wortformen gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von +<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span><em class="gesperrt">Dingen</em>, von deren <em class="gesperrt">Tätigkeiten</em> und <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>, +von den <em class="gesperrt">Modifikationen</em> der Tätigkeiten oder Eigenschaften +und von den <em class="gesperrt">Beziehungen</em> zwischen den Dingen. +Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.</p> + +<p>Danach ergeben sich <em class="gesperrt">fünf Prädikatsformen</em>, +welche die Urteilsfunktion selbst modifizieren.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Subsumtionsurteile.</em> Der Prädikatsbegriff +ist ein Gattungsbegriff, in dessen größeren Umfang der +Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist Eisen, der Walfisch +ist ein Säugetier.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Tätigkeitsurteile.</em> Der Prädikatsbegriff +spricht dem Subjekt eine Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Eigenschaftsurteile.</em> Das Prädikat wird als +Eigenschaft dem Subjekt beigelegt: Schnee ist weiß.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt">Modifikationsurteile.</em> Die Tätigkeiten und +Eigenschaften werden auf einer höheren Stufe des Denkens +<em class="gesperrt">für sich betrachtet</em> und zu <em class="gesperrt">abstrakten Substantiven</em> +gemacht. Sie können dann selbst verschiedene +<em class="gesperrt">Modifikationen als Prädikate</em> erhalten, z. B.: +dieses Rot ist schön; die Bewegung der Brieftaube +ist schnell.</p> + +<p>5. <em class="gesperrt">Beziehungsurteile.</em> Das Prädikat sagt eine +Beziehung zwischen verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: +die Stadt liegt am Rhein. Hier ist eine räumliche Beziehung +zwischen der Stadt und dem Rhein ausgesprochen.</p> + + +<h4><span class="antiqua">III.</span> Nach den Beziehungsformen.</h4> + +<p>Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das +Prädikat auf das Subjekt bezogen wird:</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit +der Beziehung überhaupt</em> (Qualität):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Bejahende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Verneinende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist nicht <span class="antiqua">P</span>.</p></blockquote> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Nach der Art der Beziehung</em> (Relation):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Kategorische: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Hypothetische: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> Disjunktive: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span>.</p></blockquote> + +<p>3. <em class="gesperrt">Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung</em> +(Modalität):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die +Hypothese: <span class="antiqua">A</span> ist vielleicht <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Unbedingt gültige Urteile: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder muß <span class="antiqua">P</span> sein.</p></blockquote> + +<p>Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle +Menschen sind sterblich, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1. b), 2. d), nach <span class="antiqua">II.</span> +unter 3., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1. a), 2. a), 3. b); Hannibal +mußte entweder siegen oder untergehen, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1. a), +2. b), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1. a), 2. c), 3. b); +zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach <span class="antiqua">I.</span> +unter 1. b), 2. c), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter +1. a), 2. b), 3. b).</p> + + +<h3>3. Die Schlüsse.</h3> + +<h3><a name="Par_39" id="Par_39"></a>§ 39. Die Grundgesetze des Denkens.</h3> + +<p>Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache +Regeln befolgt, die zwar Grundgesetze des Denkens überhaupt +sind, die aber besonders beim Schließen hervortreten +und deshalb am besten hier behandelt werden.</p> + +<p>Es werden gewöhnlich <em class="gesperrt">vier Grundgesetze des +Denkens</em> gezählt.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Der Grundsatz der Identität</em> (<span class="antiqua">principium +identitatis</span>) lautet in seiner ursprünglichen Form: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, +<em class="gesperrt">jeder Begriff, jedes Urteil ist sich selbst gleich</em>; +als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der <em class="gesperrt">Einstimmigkeit</em> +aufgestellt: <span class="antiqua">A</span>, welches <span class="antiqua">B</span> ist, ist <span class="antiqua">B</span>, von<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> +einem Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt +werden.</p> + +<p>2. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des Widerspruchs</em> (<span class="antiqua">principium +contradictionis</span>) lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, +daß dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich +zukomme und nicht zukomme.” <em class="gesperrt">Kontradiktorisch einander +entgegengesetzte Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist +nicht <span class="antiqua">B</span>, können nicht beide zugleich wahr sein.</em> +Vielmehr folgt aus der Wahrheit des einen die Falschheit +des andern.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten</em> +(<span class="antiqua">principium exclusi tertii</span>) lautet: <em class="gesperrt">Zwei kontradiktorisch +einander entgegengesetzte Urteile</em>: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> +ist nicht <span class="antiqua">B</span>, <em class="gesperrt">können nicht beide zugleich falsch sein</em>, +ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen <span class="antiqua">A</span> und +<span class="antiqua">B</span> ist ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt +also die Wahrheit des andern.</p> + +<p>4. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des zureichenden Grundes</em> +(<span class="antiqua">principium rationis sufficientis</span>) lautet: <em class="gesperrt">Jedes Urteil +muß einen zureichenden Grund haben.</em> Die Art, +wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt +im Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert +in dem Grundgesetz des logischen Zusammenhangs: <em class="gesperrt">Mit +dem Grund ist die Folge gesetzt und mit der +Folge der Grund aufgehoben.</em></p> + +<p>Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des +Widerspruchs und der des zureichenden Grundes. Der +<em class="gesperrt">Grundsatz der Identität</em> ist, für sich betrachtet, gänzlich +<em class="gesperrt">inhaltslos</em>; er kommt für das Denken erst in Betracht, +wenn dem Satze: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, der andere gegenübertritt: +<span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">A</span>, wenn er also in den Satz des Widerspruchs +übergeht. Eine <em class="gesperrt">psychologische Forderung</em> ist +allerdings im Satz der Identität eingeschlossen, nämlich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> +<em class="gesperrt">die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben +Sinn zu fassen</em>; dies ist aber eine Voraussetzung +für alles Denken, die nicht erst von der Logik +festzustellen ist. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des ausgeschlossenen +Dritten</em> beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung +mit dem Charakter der Verneinung überhaupt +und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger Satz +festgehalten. Die beiden Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist nicht +<span class="antiqua">B</span>, können nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, +beide wären falsch, also zu verneinen, so würden sich die +beiden Sätze: <span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>, nebeneinander +als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist.</p> + +<p>Von dem <em class="gesperrt">logischen Grund</em> der Wahrheit eines +Urteils ist zu unterscheiden der — ebenfalls jedesmal +vorhandene — <em class="gesperrt">psychologische Grund</em> seiner Gewißheit, +die subjektiven Gründe, die den Urteilenden veranlassen, +das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund +oder <em class="gesperrt">Erkenntnisgrund</em> steht ferner gegenüber der <em class="gesperrt">Realgrund</em> +oder die Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die +reale Kausalität. Z. B. das Sinken der Temperatur kann +von uns als Grund benützt werden, um eine Folge, z. B. +das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran +zu knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht +auf solcher realer Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, +welche nicht zugleich Realgründe sind, z. B. +alle, welche den Ausgangspunkt für mathematische Folgerungen +bilden.</p> + +<p>So bleiben also als die beiden Grundgesetze des +Denkens der <em class="gesperrt">Satz des Widerspruchs und der Satz +des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge</em> übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> +Denken, indem es durch Vermeidung des Widerspruchs +Einheit, durch allseitige Begründung Zusammenhang herzustellen +sucht (vgl. <a href="#Seite_7">S. 7</a>).</p> + + +<h3><span class="antiqua">A.</span> Der unmittelbare Schluß.</h3> + +<h3><a name="Par_40" id="Par_40"></a>§ 40. Der Schluß aus einem Begriff.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils +aus einem oder mehreren anderen Urteilen</em>; die +Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt <em class="gesperrt">unmittelbarer +Schluß</em>, die Ableitung aus mehreren andern +<em class="gesperrt">mittelbarer Schluß</em>.</p> + +<p>Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung +eines Urteils gewonnen, er soll aber auch auf +analytischem Wege aus einem Begriff abgeleitet werden +können.</p> + +<p>Dieser <em class="gesperrt">Schluß aus einem Begriff</em> berührt sich +nahe mit dem Unterschied zwischen <em class="gesperrt">analytischen</em> und +<em class="gesperrt">synthetischen</em> Urteilen. Der vieldeutige Unterschied wird +von Kant folgendermaßen bestimmt: „In allen Urteilen, +worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat +gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. +Entweder das Prädikat <span class="antiqua">B</span> gehört zum Subjekt <span class="antiqua">A</span> +als etwas, was in diesem Begriffe <span class="antiqua">A</span> (versteckterweise) +enthalten ist; oder <span class="antiqua">B</span> liegt ganz außer dem Begriff <span class="antiqua">A</span>, +ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit +dem Subjekte durch Identität, diejenigen aber, in denen +diese Verknüpfung ohne Identität gedacht wird, sollen +synthetische heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, +die andern Erweiterungsurteile heißen, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> +jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in +seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigem schon (obgleich +verworren) gedacht waren; dahingegen die letzteren zu +dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches +in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung +desselben hätte können herausgezogen werden.” +So ist nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, +ein analytisches, denn man dürfe den Begriff eines +Körpers nur zergliedern, um das Prädikat darin anzutreffen; +das Urteil: alle Körper sind schwer, ein synthetisches, +denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. +Man könnte also auf dem einfachen Wege der Analyse +des Begriffs Körper das Urteil gewinnen: alle Körper +sind ausgedehnt.</p> + +<p>Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, +so muß sie nach zwei Seiten berichtigt werden.</p> + +<p>1. Kant setzt voraus, daß es <em class="gesperrt">Begriffe von allgemein +anerkanntem Inhalt mit gleicher Wortbezeichnung +gebe</em>. In Wirklichkeit könnte dasselbe +Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, +für den andern ein synthetisches sein, je nachdem +sie das Merkmal der Schwere schon in ihren Begriff des +Körpers aufgenommen oder noch nicht aufgenommen hätten. +Es hängt also <em class="gesperrt">von dem Bildungsstande des Urteilenden +und von der Stufe der Wissenschaft +ab</em>, ob ein Urteil ein analytisches oder ein synthetisches +ist. Das analytische Urteil ist dann nur unter der Voraussetzung +richtig, daß der Subjektsbegriff richtig ist, oder +mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen +wurden; daher ist wohl auch die Ableitung eines<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> +Urteils aus einem Begriffe nicht als eine besondere Art +des Schlusses anzusehen.</p> + +<p>2. Kant redet beim analytischen Urteil nur <em class="gesperrt">von Begriffen</em>, +es wird aber zugegeben werden müssen, daß es +auch auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> ein analytisches +Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne ich +nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der +gelben Rose, die ich vor mir habe. Nur für denjenigen +wäre dieses Urteil ein synthetisches, den ich durch meine +Beschreibung der gelben Rose veranlassen würde, zu seinem +Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für ihn nicht +unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen.</p> + + +<h3><a name="Par_41" id="Par_41"></a>§ 41. Die Konversion.</h3> + +<p>Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt +durch <em class="gesperrt">Umformung des gegebenen Urteils</em>. Es werden +gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen aufgeführt.</p> + +<p>Die erste derselben ist die <em class="gesperrt">Konversion</em> (Umkehrung). +Sie besteht darin, daß die Glieder des Urteils ihre +Stellung wechseln; es wird z. B. im kategorischen Urteil +das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum Subjekt, +im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und +der Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht +mit oder ohne Veränderung der Quantität; im ersten Fall +heißt sie <em class="gesperrt">unreine</em> (<span class="antiqua">conversio per accidens</span>), im zweiten +Fall <em class="gesperrt">rein</em> (<span class="antiqua">conversio simplex</span>).</p> + +<p>Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität +und Qualität: allgemein bejahende <span class="antiqua">a</span>, partikulär +bejahende <span class="antiqua">i</span>, allgemein verneinende <span class="antiqua">e</span> und partikulär verneinende +<span class="antiqua">o</span>, ergibt sich folgendes:</p> + +<div class="figright" style="width: 280px; max-width: 35%"> +<img src="images/abb_91_1.png" width="280" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">a</span> wird <span class="antiqua">i</span></em> (unreine Umkehrung). Z. B. der +Satz: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von +gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine Umkehrung zu:<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> +einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +<em class="gesperrt">Reine Umkehrung</em> ist nur als Ausnahme in dem Fall +möglich, wenn der Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes +sich decken; z. B.: alle gleichseitigen Dreiecke sind +auch gleichwinklig. Das Verhältnis der Begriffe läßt sich +am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt sich, +daß der dem Subjektsbegriff <span class="antiqua">S</span> entsprechende Kreis entweder +ganz in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> fällt, wie bei 1., +oder daß beide Kreise sich decken, wie bei 2. Daraus +ergibt sich, daß jedenfalls einige <span class="antiqua">S</span>, unter Umständen alle +in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> +fallen, so daß bei 1. nur unreine, bei +2. reine Umkehrung möglich ist.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">i</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span> (reine Umkehrung). +Einige Parallelogramme sind regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind +Parallelogramme. In dem für <span class="antiqua">i</span> natürlichen Falle 1. +schneiden sich die Kreise, und der beiden gemeinsame Raum +versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis <span class="antiqua">P</span> kann aber auch ganz in den Kreis <span class="antiqua">S</span> fallen, wie +bei 2., dann ist die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme +sind Rechtecke, alle Rechtecke sind Parallelogramme; +oder <span class="antiqua">S</span> in sich schließen, wie bei 3. und 4., wo sich wieder +<span class="antiqua">i</span> ergibt.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_91_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<div class="figright" style="width: 300px; max-width: 40%;"> +<img src="images/abb_91_3.png" width="300" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>3. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span> (reine +Umkehrung). Kein Schuldloser +ist unglücklich, kein Unglücklicher +schuldlos. Die beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> +Kreise <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> sind vollständig getrennt, kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> +und kein <span class="antiqua">P S</span>. +<br class="both" /></p> + +<p>4. Aus <span class="antiqua">o</span> <em class="gesperrt">folgt nichts</em>. Durch das Urteil: einige +<span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span>, ist das Verhältnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu +wenig bestimmt, als daß etwas daraus gefolgert werden +könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von <span class="antiqua">o</span> aus +möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil +mit <span class="antiqua">P</span> als Subjekt daraus ableiten.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_92.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + + +<h3><a name="Par_42" id="Par_42"></a>§ 42. Die Kontraposition.</h3> + +<p>Bei der <em class="gesperrt">Kontraposition</em> wechseln die Glieder des +Urteils ihre Stellung, das kontradiktorische Gegenteil des +Prädikats wird zum Subjekt und die Qualität des Urteils +wird verändert.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">a</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span>. Aus: jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, folgt: alle +Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span> oder kein Nicht<span class="antiqua">P</span> ist <span class="antiqua">S</span>; z. B.: jeder +wirklich religiöse Mensch handelt auch sittlich; wer nicht +sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser Mensch. Nach +den Figuren <a href="#Par_41">§ 41</a> für a ist klar, daß, da <span class="antiqua">S</span> ganz in <span class="antiqua">P</span> +liegt, alles, was außerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegt, also +Nicht<span class="antiqua">P</span> ist, auch außerhalb des Kreises S liegen muß, +also nicht <span class="antiqua">S</span> ist.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span>. Wenn kein <span class="antiqua">S P</span> ist, so sind +mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>, vgl. die Fig. <a href="#Par_41">§ 41</a> <span class="antiqua">e</span>; denn +da <span class="antiqua">S</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so fällt es jedenfalls in +den Raum außerhalb <span class="antiqua">P</span>, d. h. von Nicht<span class="antiqua">P</span>; z. B.: nichts +Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">o</span> wird <span class="antiqua">i</span>.</em> Wenn einige <span class="antiqua">S</span> nicht <span class="antiqua">P</span> sind, so +sind mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>. Nach den 3 Figuren +<a href="#Par_41">§ 41</a> <span class="antiqua">o</span> muß jedenfalls ein Teil von <span class="antiqua">S</span> außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen, +also mit einigen Nicht<span class="antiqua">P</span> zusammenfallen; z. B.: einiges +Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">i</span> folgt nichts.</em> Durch Kontraposition würde +sich ergeben: einige Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>, und dies würde +für Figur <a href="#Par_41">§ 41</a>. i. 1. 3. 4. zutreffen, aber bei Fig. 2 ist +die Möglichkeit denkbar, daß <span class="antiqua">S</span> die Gesamtheit alles +Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige +Nicht<span class="antiqua">P</span> nicht <span class="antiqua">S</span> sind, denn alle Nicht<span class="antiqua">P</span> wären <span class="antiqua">S</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_43" id="Par_43"></a>§ 43. Die Umwandlung der Relation.</h3> + +<p>Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht +auf der <em class="gesperrt">Veränderung der Relation. Aus dem einfachen +kategorischen</em> Urteil: alle <span class="antiqua">A</span> sind <span class="antiqua">B</span>, kann <span class="antiqua">ein +hypothetisches</span> abgeleitet werden: wenn etwas <span class="antiqua">A</span> ist, +so ist es <span class="antiqua">B</span>, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn +einer ein Feigling ist, so ist er verächtlich. Aus dem +<em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil können mehrere hypothetische abgeleitet +werden. Das disjunktive Urteil: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> +oder <span class="antiqua">C</span>, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn <span class="antiqua">A</span> +nicht <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es <span class="antiqua">C</span>, und: wenn <span class="antiqua">A</span> nicht <span class="antiqua">C</span> ist, so ist +es B, z. B.: die Menschen stammen entweder von einem +oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen sich zusammengehörige +<em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile in <em class="gesperrt">einem disjunktiven</em> +aussprechen.</p> + + +<h3><a name="Par_44" id="Par_44"></a>§ 44. Die Subalternation.</h3> + +<p>Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil +von dem <em class="gesperrt">ganzen Umfang</em> des Subjektsbegriffes gilt, +geschlossen, daß es auch <em class="gesperrt">von einem Teil</em> desselben gilt. +Dagegen folgt <em class="gesperrt">aus der Verneinung des partikulären<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> +auch die Verneinung des entsprechenden +allgemeinen Urteils</em>. Es folgt 1. aus der Wahrheit +von <span class="antiqua">a</span> die von <span class="antiqua">i</span>, 2. aus der Unwahrheit von <span class="antiqua">i</span> die von <span class="antiqua">a</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_45" id="Par_45"></a>§ 45. Die Äquipollenz.</h3> + +<p>Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird +die Qualität des Urteils selbst und die des Prädikats +verändert und nach dem Grundsatz: <span class="antiqua">Duplex negatio affirmat</span>, +ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil hergestellt. +Aus: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, wird: kein <span class="antiqua">S</span> ist ein Nicht<span class="antiqua">P</span>, +z. B.: jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die +nicht verwerflich wäre.</p> + + +<h3><a name="Par_46" id="Par_46"></a>§ 46. Die Opposition.</h3> + +<p>Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht +darin, daß <em class="gesperrt">aus der Wahrheit eines Urteils die +Unwahrheit seines Gegenteils</em> gefolgert wird <em class="gesperrt">und +umgekehrt</em>. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile +in einem kontradiktorischen und in einem konträren +Gegensatz stehen. <em class="gesperrt">Im kontradiktorischen Gegensatz +stehen zwei Urteile, von denen das eine dasselbe +bejaht, was das andere verneint</em>, also: das allgemein +bejahende und das partikulär verneinende, das +allgemein verneinende und das partikulär bejahende. Im +<em class="gesperrt">konträren</em> Gegensatz stehen diejenigen Urteile, von denen +zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere Möglichkeiten +übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide können falsch sein, und +dann ist noch das partikulär bejahende und das partikulär +verneinende möglich, z. B. falsch <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">e</span>, richtig <span class="antiqua">i</span>: +einige Menschen erreichen ein Alter von hundert Jahren. +Daneben wird noch das <em class="gesperrt">subkonträre</em> Verhältnis unterschieden, +in welchem das partikulär bejahende und das<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> +partikulär verneinende Urteil zueinander stehen, und das +Verhältnis der <em class="gesperrt">Subalternation</em> (vgl. <a href="#Par_44">§ 44</a>) oder Unterordnung, +das von solchen Urteilen gilt, die das von dem +ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte auch auf +einen Teil desselben beziehen.</p> + +<p>Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem +Schema veranschaulichen:</p> + +<div class="center"> +<table border="0" width="80%" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Urteile"> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <tbody> + <tr> + <td><strong>A</strong></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td colspan="9" align="right">Konträrer</td> + <td></td> + <td colspan="9">Gegensatz</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td><strong>E</strong></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td> </td> + <td colspan="27"></td> + <td> </td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td>K</td> + <td colspan="25"></td> + <td>z</td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>o</td> + <td colspan="23"></td> + <td>t</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="4"></td> + <td>n</td> + <td colspan="21"></td> + <td>a</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="5"></td> + <td>t</td> + <td colspan="19"></td> + <td>s</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="6"></td> + <td>r</td> + <td colspan="17"></td> + <td>n</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="7"></td> + <td>a</td> + <td colspan="15"></td> + <td>e</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="8"></td> + <td>d</td> + <td colspan="13"></td> + <td>g</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="9"></td> + <td>i</td> + <td colspan="11"></td> + <td>e</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td>U</td> + <td colspan="9"></td> + <td>k</td> + <td colspan="9"></td> + <td>G</td> + <td colspan="9"></td> + <td>U</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="10"></td> + <td>t</td> + <td colspan="18"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>t</td> + <td colspan="11"></td> + <td>o</td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="11"></td> + <td>t</td> + </tr> + <tr> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>r</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>e</td> + </tr> + <tr> + <td>r</td> + <td colspan="13"></td> + <td>i</td> + <td></td> + <td>h</td> + <td colspan="13"></td> + <td>r</td> + </tr> + <tr> + <td>o</td> + <td colspan="14"></td> + <td>sc</td> + <td colspan="14"></td> + <td>o</td> + </tr> + <tr> + <td>r</td> + <td colspan="13"></td> + <td>i</td> + <td></td> + <td>h</td> + <td colspan="13"></td> + <td>r</td> + </tr> + <tr> + <td>d</td> + <td colspan="12"></td> + <td>r</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>d</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="11"></td> + <td>o</td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="11"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>u</td> + <td colspan="10"></td> + <td>t</td> + <td colspan="18"></td> + <td>u</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="9"></td> + <td>k</td> + <td colspan="9"></td> + <td>G</td> + <td colspan="9"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>g</td> + <td colspan="8"></td> + <td>i</td> + <td colspan="11"></td> + <td>e</td> + <td colspan="8"></td> + <td>g</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="7"></td> + <td>d</td> + <td colspan="13"></td> + <td>g</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="6"></td> + <td>a</td> + <td colspan="15"></td> + <td>e</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="17"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="4"></td> + <td>t</td> + <td colspan="19"></td> + <td>s</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="3"></td> + <td>n</td> + <td colspan="21"></td> + <td>a</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>o</td> + <td colspan="23"></td> + <td>t</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td>K</td> + <td colspan="25"></td> + <td>z</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td> </td> + <td colspan="27"></td> + <td> </td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td><strong>I</strong></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td colspan="9" align="right">Subkonträrer</td> + <td></td> + <td colspan="9">Gegensatz</td> + <td colspan="5"></td> + <td><strong>O</strong></td> + </tr> + </tbody> +</table> +</div> + + +<p>Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt +demgemäß nach folgenden Regeln:</p> + +<p>1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit +seines kontradiktorischen Gegenteils.</p> + +<p>2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit +seines kontradiktorischen Gegenteils.</p> + +<p>3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit +des konträr entgegengesetzten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit +des entsprechenden subkonträren.</p> + + +<h3><a name="Par_47" id="Par_47"></a>§ 47. Die modale Konsequenz.</h3> + +<p>Die <em class="gesperrt">modale Konsequenz</em> besteht darin, daß die sogenannte +Modalität der Urteile verändert wird; dann folgt:</p> + +<p>1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die +des entsprechenden assertorischen und des problematischen, +und aus der Gültigkeit des assertorischen die des problematischen +Urteils. Z. B.: die Summe der Winkel eines +Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch tatsächlich +zwei Rechte.</p> + +<p>2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils +die des assertorischen und apodiktischen, und aus der des +assertorischen die des apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung +unrichtig, daß <span class="antiqua">A</span> <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es auch tatsächlich +nicht so und muß nicht so sein.</p> + + +<h3><a name="Par_48" id="Par_48"></a>§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse.</h3> + +<p>Die unmittelbaren Schlüsse sind von <em class="gesperrt">ungleichem +Werte</em>. Von geringerer Bedeutung sind die Äquipollenz, +die Subalternation, die modale Konsequenz und die Veränderung +der Relation, teils weil sie Selbstverständliches +aussagen, teils weil sie nur sprachliche Umformungen darstellen. +Doch können die letzteren, so z. B. durch Umwandlung +der Relation, dazu dienen, den Urteilen <em class="gesperrt">diejenige +sprachliche Form zu geben</em>, die am meisten +ihrem logischen Charakter entspricht, und so überhaupt +den Blick für die sprachliche Einkleidung der logischen +Formen schärfen.</p> + +<p>Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und +die Kontraposition. Die <em class="gesperrt">Opposition</em> führt zur scharfen +Fassung des gegenseitigen Verhältnisses der Urteile. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> +<em class="gesperrt">unreine Konversion</em> des allgemein bejahenden Urteils +gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat nicht +notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar +sind. Die <em class="gesperrt">reine Konversion</em> des allgemein verneinenden +Urteils vermittelt die wichtige Erkenntnis, daß +zwei Begriffe <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> einander gegenseitig ausschließen. +Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> stellt die negative Seite der Zusammengehörigkeit +zweier Begriffe dar: wenn alle <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">P</span> +sind, so findet sich überall, wo <span class="antiqua">P</span> sich nicht findet, auch +<span class="antiqua">S</span> nicht.</p> + +<p>Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils +erleiden jedoch dadurch eine <em class="gesperrt">gewisse Einschränkung</em>, +daß sie Urteile voraussetzen, in denen das Prädikat auch +wirklich Subjekt werden und als der höhere Begriff gegenüber +dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in +dem Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke +von gleichem Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren +Schlüsse auch <em class="gesperrt">vom hypothetischen Urteil +aus</em> vollziehen, und hier gewinnen besonders die genannten +beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion +von <span class="antiqua">a</span>: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>: zuweilen wenn +<span class="antiqua">B</span> gilt, gilt <span class="antiqua">A</span>, drückt dann aus, daß aus der Wahrheit +der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des Grundes +geschlossen werden kann; <em class="gesperrt">die reine Konversion</em> von <span class="antiqua">e</span>: +Wenn <span class="antiqua">A</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span> nicht, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so +gilt <span class="antiqua">A</span> nicht: daß, wenn mit der Verneinung des Grundes +die Verneinung der Folge verknüpft ist, auch das Umgekehrte +wahr ist. Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> aber: Wenn <span class="antiqua">A</span> +gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">A</span> nicht, wird +zum Ausdruck des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, +daß mit der Folge der Grund aufgehoben ist, z. B. das +Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen wird, so stirbt +er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der Kontraposition:<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> +Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn +einer stirbt, so wurde er durchs Herz geschossen; denn die +Folge, das Sterben, ist auch noch an andere Gründe +geknüpft.</p> + + +<h3><span class="antiqua">B.</span> Der mittelbare Schluß.</h3> + +<h3><a name="Par_49" id="Par_49"></a>§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.</h3> + +<p>Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß <em class="gesperrt">vom +Allgemeinen auf das Besondere</em> oder ein Schluß +<em class="gesperrt">vom Besonderen auf das Allgemeine</em>. Im ersteren +Fall heißt er <em class="gesperrt">Syllogismus</em> im engeren Sinn, im +zweiten <em class="gesperrt">Induktion</em>.</p> + +<p>Der Syllogismus ist ein <em class="gesperrt">einfacher</em>, wenn er aus +zwei Urteilen, ein <em class="gesperrt">zusammengesetzter</em>, wenn er aus +mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. Die Urteile, aus +denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen <em class="gesperrt">Prämissen</em> +(<span class="antiqua">propositiones praemissae</span>), das abgeleitete Urteil <em class="gesperrt">Schlußsatz</em> +(<span class="antiqua">conclusio</span>). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den +Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen +einen Begriff gemeinsam haben, den sogenannten <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em> +(<span class="antiqua">terminus medius</span>), der im Schlußsatz nicht mehr +vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das Subjekt des +Schlußsatzes, den <em class="gesperrt">Unterbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus minor</span>), oder +das untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen +Urteil den Vordersatz, enthält, wird <em class="gesperrt">Untersatz</em> (<span class="antiqua">propositio +minor</span>), diejenige, welche das Prädikat des Schlußsatzes, +den <em class="gesperrt">Oberbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus major</span>) enthält, <em class="gesperrt">Obersatz</em> +(<span class="antiqua">propositio major</span>) genannt. Alle zusammen bilden +die <em class="gesperrt">Elemente</em> des Schlusses (<span class="antiqua">syllogismi elementa</span>).</p> + +<p>Die Syllogismen werden je nach der Stellung des +<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>Mittelbegriffes in verschiedene <em class="gesperrt">Schlußfiguren</em> eingeteilt. +Es sind <em class="gesperrt">4 Fälle der Stellung des Mittelbegriffs</em> +möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen Prädikat, +oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, +in der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder +zwei Möglichkeiten offen, da der Mittelbegriff entweder im +Ober- oder im Untersatz Prädikat und im andern Subjekt +sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit <span class="antiqua">S</span>, +den Prädikatsbegriff mit <span class="antiqua">P</span> und den Mittelbegriff mit <span class="antiqua">M</span>, +so lassen sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema +darstellen:</p> + + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Schlußfiguren"> +<tr><td align="center">1. </td><td align="center">M P</td><td align="center"> 2. </td><td align="center">P M</td><td align="center"> 3. </td><td align="center">M P</td><td align="center"> 4. </td><td align="center">P M</td></tr> +<tr><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">M S</td><td></td><td align="center">M S</td></tr> +<tr><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td></tr> +</table></div> + +<p>Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles +aufgestellt, die vierte von dem Arzt und Philosophen +Galenus († 200 n. Chr.); sie wird daher die galenische +genannt.</p> + +<p>Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch +Kombination von Quantität und Qualität der Prämissen +nach den Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> 16 Formen denken lassen, +die folgende Tafel darstellt, wobei der erste Buchstabe +auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kombination von Quantität und Qualität der Prämissen"> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> +<tbody> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">i a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">o a</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a e</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o e)</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i i)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o i)</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a o</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o o)</span></td></tr> +</tbody> +</table></div> + +<p>Im ganzen würden sich also <em class="gesperrt">64 Kombinationsformen +der Prämissen oder Modi</em> denken lassen. Von diesen +erweist sich aber eine größere Anzahl als unbrauchbar, +teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren +gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen +der einzelnen Figuren widersprechen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_50" id="Par_50"></a>§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der +kategorischen Schlüsse.</h3> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus rein verneinenden Prämissen folgt +nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere negativis nihil sequitur</span>). Es sind drei +Fälle möglich.</p> + +<p><span class="antiqua">a</span>) <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind allgemein verneinend</em>: +<span class="antiqua">e e</span>. Daraus folgt, daß sowohl <span class="antiqua">S</span> als <span class="antiqua">P</span> von dem Mittelbegriff +<span class="antiqua">M</span> vollständig getrennt sind; da aber durch den +Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen +über dieses Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt +sich eine Reihe von Möglichkeiten, über die nicht entschieden +werden kann, wie die folgende Veranschaulichung +durch Kreise zeigt:</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_100.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b</span>) <em class="gesperrt">Die eine Prämisse ist allgemein, die andere +partikulär verneinend</em>: <span class="antiqua">e o</span>. Über das Verhältnis von +<span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> läßt sich nichts aussagen, weil die unbestimmte +partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> +auch die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß +die Unsicherheit von <span class="antiqua">a)</span> nur vermehrt ist.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär verneinend</em>: +<span class="antiqua">o o</span>. Da das bei <span class="antiqua">b)</span> Gesagte hier noch mehr gilt, +so ist die Unsicherheit eine noch größere.</p> + +<p>Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: <span class="antiqua">ee</span>, <span class="antiqua">eo</span>, <span class="antiqua">oe</span>, <span class="antiqua">oo</span>.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus rein partikulären Prämissen folgt +nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere particularibus nihil sequitur</span>).</p> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär bejahend</em>: +<span class="antiqua">i i</span>. Das Verhältnis der Begriffe <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu <span class="antiqua">M</span> ist zu +unbestimmt, als daß daraus über das Verhältnis von <span class="antiqua">S</span> +und <span class="antiqua">P</span> etwas erschlossen werden könnte; vgl. die folgenden +Figuren, die alle <span class="antiqua">i i</span> entsprechen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_101_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Eine</em> Prämisse ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>, die +<em class="gesperrt">andere partikulär verneinend</em>: <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span>. Auf Grund +der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe von Möglichkeiten, +zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. die Fig.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 90%;"> +<img src="images/abb_101_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prämissen sind partikulär verneinend</em>: +<span class="antiqua">oo</span>. Dieser Fall deckt sich mit 1. <span class="antiqua">c)</span>.</p> + +<p>Es fallen also außer <span class="antiqua">oo</span> noch weg: <span class="antiqua">ii</span>, <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span> in +jeder Form, also 12 weitere Modi.</p> + +<p>3. Aus einem <em class="gesperrt">partikulären Obersatz</em> und <em class="gesperrt">einem +verneinenden Untersatz</em> ergibt sich kein logisch gültiger +Schlußsatz.</p> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Der Obersatz ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>, der Untersatz +<em class="gesperrt">allgemein verneinend</em>: <span class="antiqua">i e</span>: Einige <span class="antiqua">M</span> sind <span class="antiqua">P</span>. +<em class="gesperrt">Kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">M</span>.</em> Aus den unter dieser Voraussetzung +möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der Schlußsatz: +Einige <span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>; aber wenn der Oberbegriff <span class="antiqua">P</span> +als Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen +verändert, der Schluß ist dann aus einem partikulären +Untersatz und einem verneinenden Obersatz gewonnen +worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes Resultat, +vgl. Fig.</p> + +<div class="figcenter" style="max-width: 90%; height: auto;"> +<img src="images/abb_102.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Der <em class="gesperrt">Obersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulär bejahend</em>: <span class="antiqua">oe</span> und</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> der <em class="gesperrt">Untersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulär verneinend</em>, sind +schon durch 1. und 2. ausgeschlossen.</p> + +<p>Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: <span class="antiqua">i e</span>, +so daß von den 64 Modi im ganzen 32 beseitigt wurden, +die in der Tafel S. <a href="#Seite_99">99</a> durch Klammern bezeichnet sind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> + +<p>Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch +die besonderen Gesetze der einzelnen Figuren ausgeschlossen. +Der <em class="gesperrt">Beweis</em> für die übrigbleibenden Modi wurde von +Aristoteles und den Scholastikern durch Zurückführung auf +die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und anschaulicher +ist der Beweis durch Kreise.</p> + + +<h3><a name="Par_51" id="Par_51"></a>§ 51. Die erste Figur.</h3> + +<p>Die erste Figur hat den <em class="gesperrt">Mittelbegriff als Subjekt +im Obersatz, als Prädikat im Untersatz</em>. Aus +ihren Modi sind noch diejenigen auszuscheiden, 1. deren +Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz verneinend ist. +Es fallen also noch weg: <span class="antiqua">ia</span>, <span class="antiqua">oa</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ao</span>, und es bleiben +nur folgende 4 übrig: <span class="antiqua">aa</span>, <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ai</span>, <span class="antiqua">ei</span>. Von den Scholastikern, +zuerst von Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann <span class="antiqua">XXI.</span>), +wurden den einzelnen Modi Namen gegeben, deren drei +Vokale nacheinander die logische Form des Obersatzes, des +Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem +Schlußsatz allgemein bejahenden Charakter haben, also +<span class="antiqua"><em class="gesperrt">aaa</em></span> hieß daher <span class="antiqua">Barbara</span>. Sämtliche Modi der 4 Figuren +wurden in folgenden <span class="antiqua">Versus memoriales</span> zusammengefaßt:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><span class="antiqua">Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.</span><br /></span> +</div></div> + +<p><em class="gesperrt"><span class="antiqua">1. Barbara</span></em> +hat die Form</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Barbara Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Menschen sind sterblich</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Könige sind Menschen</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Könige sind sterblich.</td></tr> +</table><br /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen +dieses Modus entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis <span class="antiqua">S</span> +innerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegen oder mit demselben sich +decken muß, weil er in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fällt, der selbst von +<span class="antiqua">P</span> umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Celarent</span></em></p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Celarent Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mensch ist frei von Irrtum</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Logiker sind Menschen</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Kein Logiker ist frei von Irrtum.</td></tr> +</table><br /></div> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so muß auch <span class="antiqua">S</span>, das +ganz in <span class="antiqua">M</span> liegt, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darii</span></em></p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darii Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind regelmäßige Figuren</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren.</td></tr> +</table></div> + +<div class="figcenter" style="width: 480px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_3.png" width="480" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> + +<p>Kreis <span class="antiqua">M</span> muß ganz in Kreis <span class="antiqua">P</span> liegen; wenn also +einige <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">M</span> sind, so müssen mindestens diese „einige <span class="antiqua">S</span>” +auch in <span class="antiqua">P</span> liegen.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferio</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferio Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Güter sind vergänglich</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Güter haben keinen unbedingten Wert.</td></tr> +</table><br /></div> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_105.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegt, so müssen mindestens +diejenigen <span class="antiqua">S</span>, die <span class="antiqua">M</span> sind, ebenfalls außerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen.</p> + + +<h3><a name="Par_52" id="Par_52"></a>§ 52. Die zweite Figur.</h3> + +<p>Bei der zweiten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in +beiden Prämissen Prädikat</em>. Die beiden Regeln für +diese Figur sind: 1. der Obersatz muß allgemein und +2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch +1. fallen noch <span class="antiqua">ia</span> und <span class="antiqua">oa</span>, durch 2. <span class="antiqua">aa</span> und <span class="antiqua">ai</span> aus, und +es bleiben ebenfalls 4 übrig: <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ei</span>, <span class="antiqua">ao</span>.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cesare</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Cesare Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die Tugenden beruhen auf Vorsatz</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind die Tugenden nicht Affekte.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_106.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz von <span class="antiqua">M</span> getrennt ist, so muß auch <span class="antiqua">S</span>, das +in <span class="antiqua">M</span> liegt, ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Camestres</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Camestres Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P a M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem gehörenden Weltkörper muß die Bahn des Uranus vollständig bestimmen</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S e M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus vollständig</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + +<p>Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur +Entdeckung des Neptun durch Galle (1846).</p> + +<p><span class="antiqua">Camestres</span> hat Ähnlichkeit mit <span class="antiqua">Cesare</span>, nur <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> +haben ihre Rollen vertauscht. Der Beweis ist daher mit +veränderten Zeichen derselbe.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Festino</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Festino Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so müssen auch diejenigen +<span class="antiqua">S</span>, die in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Baroco</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Baroco Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P a M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die rechte Gesinnung</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S o M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte Gesinnung</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen Menschen.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz in Kreis <span class="antiqua">M</span> fällt, so können diejenigen <span class="antiqua">S</span>, +die nicht in Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, auch nicht in Kreis <span class="antiqua">P</span> fallen.</p> + + +<h3><a name="Par_53" id="Par_53"></a>§ 53. Die dritte Figur.</h3> + +<p>Bei der dritten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in +beiden Prämissen Subjekt</em>. Als Regel für die dritte +Figur gilt, daß der Untersatz bejahend sein muß. Es +fallen also <span class="antiqua">ae</span> und <span class="antiqua">ao</span> weg, so daß 6 Modi übrig bleiben.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darapti</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darapti Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Wale sind Säugetiere</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Wale sind Wassertiere</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind einige Wassertiere Säugetiere.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden +Modi aus einer Betrachtung der Kreisverhältnisse +nach Analogie der vorangegangenen Beweise.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Felapton</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Felapton Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mohammedaner ist ein Christ</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Mohammedaner sind Monotheisten</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Monotheisten sind nicht Christen.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Disamis</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Disamis Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M i P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Einige Pronomina der französischen Sprache sind der Casusflexion fähig</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle französischen Pronomina sind Wörter der französischen Sprache</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Wörter der französischen Sprache sind der Casusflexion fähig.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Datisi</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Datisi Beispiel"> +<tr><td align="left">M a P</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Unschuldige werden geschädigt.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bocardo</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bocardo Beispiel"> +<tr align="left"><td align="left">M o P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige Amphibien haben keine Füße</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Amphibien sind Tiere</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Tiere haben keine Füße.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>6. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferison</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferison Beispiel"> +<tr><td align="left">M e P</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mensch ist fehlerlos</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Menschen sind bewundernswert</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_54" id="Par_54"></a>§ 54. Die vierte Figur.</h3> + +<p>Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im +Untersatz Subjekt. Als Regeln für die vierte Figur +gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär verneinend sein. +2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit einem +partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen +also noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bamalip</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bamalip Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top">P a M</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme zu erhalten</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top">M a S</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top">S i P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind wollene Kleider.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im +Verhältnis zu Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Calemes</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Calemes Beispiel"> +<tr><td align="left">P a M</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Rhomboide sind Parallelogramme</td></tr> +<tr><td align="left">M e S</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Parallelogramm ist ein Trapez</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S e P</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Trapez ist ein Rhomboid.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Dimatis</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dimatis Beispiel"> +<tr><td align="left">P i M</td><td align="left"> </td><td align="left">Einiges Angenehme ist verwerflich</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alles Verwerfliche ist schädlich</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Schädliche ist angenehm.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fesapo</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fesapo Beispiel"> +<tr><td align="left">P e M</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein bescheidener Mensch ist hochmütig</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Hochmütigen sind beschränkt</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fresison</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fresison Beispiel"> +<tr><td align="left">P e M</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut regiert</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_55" id="Par_55"></a>§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis +zu den Prämissen.</h3> + +<p>Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier +Figuren wurde die Regel aufgestellt: <em class="gesperrt">Der Schluß folgt +dem schwächeren Teil</em> (<span class="antiqua">conclusio sequitur partem +debiliorem</span>). Ist also eine der Prämissen partikulär oder +verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder +verneinend sein. Sind beide Prämissen allgemein, so kann +der Schlußsatz allgemein oder partikulär sein.</p> + +<p>Demgemäß ergeben sich für die <em class="gesperrt">erste Figur</em> Schlußsätze +von allen Formen: <span class="antiqua">a e i o</span>, für die <em class="gesperrt">zweite</em> nur +negative: <span class="antiqua">e o</span>, für die <em class="gesperrt">dritte</em> nur partikuläre: <span class="antiqua">i o</span>, für +die <em class="gesperrt">vierte</em>: partikulär bejahende, allgemein verneinende +und partikulär verneinende Schlußsätze: <span class="antiqua">i e o</span>.</p> + +<p>Ebenso folgt in <em class="gesperrt">Beziehung</em> auf die <em class="gesperrt">Modalität</em> +der Schlußsatz derjenigen Prämisse, welche die <em class="gesperrt">geringere +Gewißheit hat</em>; er ist apodiktisch, wenn beide Prämissen +apodiktisch sind, assertorisch oder problematisch, wenn eine +der Prämissen assertorisch oder problematisch ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_56" id="Par_56"></a>§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.</h3> + +<p>Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein +sehr verschiedener, und es ist ein <em class="gesperrt">Hauptmangel</em> des +traditionellen Systems, daß es im <em class="gesperrt">rein formalen +Interesse</em> der vollständigen Klassifikation <em class="gesperrt">alle gleichberechtigt +nebeneinander</em> stellt. Am wertvollsten ist +die Form <span class="antiqua">Barbara</span>; ihr folgt besonders die mathematische +Beweisführung. Die brauchbarsten sind überhaupt die +allgemein bejahenden Schlußsätze. Die allgemein verneinenden +geben wenigstens über die gegenseitige Ausschließung +zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit +Auskunft. Die unnatürlichsten Formen finden sich in der +später hinzugefügten vierten Figur.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Voraussetzung der traditionellen Lehre</em> +ist ein schon vorhandenes Begriffssystem, das mit der +Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich nur um eine +Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine +Subsumtion des einzelnen unter die Begriffe handeln +kann. Mit Rücksicht darauf lassen sich die einzelnen Modi +auf <em class="gesperrt">zwei Hauptformen zurückführen</em>. Wenn das +Urteil gilt: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder nicht <span class="antiqua">P</span>, so können offenbar +auch die einzelnen Merkmale, die <span class="antiqua">P</span> enthält, von dem +Subjekt <span class="antiqua">S</span> bejaht oder verneint werden, nach dem Grundsatz: +<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nota notae est nota rei ipsius, repugnans +notae repugnat rei.</span></em> (Das Merkmal des Merkmals +ist ein Merkmal des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal +widerspricht, widerspricht auch dem Gegenstand.) Ebenso +kann das <span class="antiqua">P</span> von allem, was in den Umfang des Subjektes +<span class="antiqua">S</span> fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem +sogenannten <em class="gesperrt"><span class="antiqua">dictum de omni et nullo</span></em>: Was von allen +gilt, gilt auch von einigen und einzelnen; was von keinem +gilt, gilt auch nicht von einigen oder einzelnen. Es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> +natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu dienen, +die <em class="gesperrt">schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer +wieder auszulegen</em>, zum Fortschritt des Wissens nichts +beitragen. Dies geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst +der <em class="gesperrt">Neubildung von Begriffen</em> stellen.</p> + +<p>Es wurden daher <em class="gesperrt">Versuche verschiedener Art</em> +gemacht, dem Syllogismus eine fruchtbarere und einheitlichere +Form zu geben. <em class="gesperrt">Beneke</em> schließt sich noch nahe +an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus +aufstellt. <em class="gesperrt">Lotze</em> stellt das disjunktive Urteil in den +Vordergrund, während <em class="gesperrt">Wundt</em> vor dem Versuche warnt, +irgend eine Schlußform zur <em class="gesperrt">allgemeingültigen</em> zu machen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sigwart</em> sieht in dem <em class="gesperrt">gemischten hypothetischen +Schluß</em> (s. u. <a href="#Par_57">§ 57</a>) die allgemeinste Form alles Schließens +und führt dementsprechend alle Schlußformen auf den Satz +der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit dem Grunde +die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben +sei. So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und +2. Figur eine einzige Formel:</p> + +<p>Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas <span class="antiqua">B</span> ist, ist es <span class="antiqua">A</span> — nicht <span class="antiqua">X</span></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Formel Syllogismus"> +<tr><td align="left">1. Figur: </td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">B</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">A</span> — nicht <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left">2. Figur: </td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">A</span> — ist <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlußsatz: </td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">B</span></td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch <em class="gesperrt">nicht +unterschätzt</em> werden. Dies geschieht besonders auf Grund +von zweierlei Einwänden gegen seine Brauchbarkeit.</p> + +<p>Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle +Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist +Sokrates sterblich, müsse der Schlußsatz im Obersatz schon +vorausgesetzt werden: solange es noch ungewiß wäre, ob<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> +Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine Satz: +alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, +der Schlußsatz setze also <em class="gesperrt">das schon voraus, was er +beweisen wolle</em>. Diesen Einwand gab J. St. Mill zu +und wich ihm aus, indem er den allgemeinen Satz überhaupt +fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den +Schluß vom Besonderen auf das Besondere setzte. Der +Schluß auf die Sterblichkeit des Sokrates würde also +nicht von dem Grundsatz der allgemeinen Sterblichkeit +ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine +Anzahl Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, +mit seinem allgemeinen Satz, dient nach Mill nur zur +Sicherung des Verfahrens.</p> + +<p>Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings +nicht zu leugnen, daß <em class="gesperrt">tatsächlich das bewußte +Schließen vielfach nur von Besonderem auf Besonderes +übergeht</em>, aber für die logische Betrachtung +ist es außer Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit +des Schlusses immer von der richtigen Verwendung +des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener Widerspruch +aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer <em class="gesperrt">den allgemeinen +Satz mit seiner Anwendung auf alle +einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte</em>, der +bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal +der <em class="gesperrt">Versuch</em> sich einstellt, <em class="gesperrt">dem allgemeinen Satz +gegenüber eine Ausnahme gelten zu lassen</em>, wie +z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der Sterblichkeit +in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel +ins Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.</p> + +<p>Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit +des Syllogismus zusammen: im wirklichen Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> +werden die Schlüsse <em class="gesperrt">nie mit dieser Umständlichkeit +vollzogen</em>, der Syllogismus könne also in keiner Weise +das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, +daß wir uns beim Denken selten der einzelnen Bestandteile +des Schlusses nach der Tafel der Syllogismen bewußt +sind. Nach den psychologischen Gesetzen der Übung +und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. +Vielmehr ist im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen +unzähligemal verwendeten Formen <em class="gesperrt">die Mittelglieder +dem Bewußtsein entfallen</em> (vgl. <a href="#Par_28">§ 28</a>), so daß ganze +Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. <em class="gesperrt">Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten</em> +wird Glied für Glied berücksichtigt; mancher Streit +im täglichen Leben dreht sich um unklar gedachte logische +Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten Elementen +nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit +auch dem Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf +Grund dieser Kenntnis kann es seine Irrwege als solche +erkennen und mit stetiger Sicherheit fortschreiten.</p> + + +<h3><a name="Par_57" id="Par_57"></a>§ 57. Der hypothetische Schluß.</h3> + +<p>Der hypothetische Schluß ist ein <em class="gesperrt">Schluß, in welchem</em> +mindestens der <em class="gesperrt">Obersatz ein hypothetisches Urteil</em> +ist. Ein Schluß heißt <em class="gesperrt">rein</em>, wenn die Prämissen gleiche +Relation haben, im andern Fall <em class="gesperrt">gemischt</em>. So versteht +man unter <em class="gesperrt">gemischtem hypothetischen Schluß</em> gewöhnlich +denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und +dessen Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="gemischtem hypothetischen Schluß"> +<tr><td align="left">Wenn </td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt,</td><td align="left"></td><td align="left">so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt</td><td align="left"> oder </td><td align="left"><span class="antiqua">X</span> gilt nicht</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left" colspan="3"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also</td><td>gilt <span class="antiqua">X</span></td><td></td><td align="left">also gilt <span class="antiqua">A</span> nicht.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache +Anwendung des Grundgesetzes, daß mit dem Grund die<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> +Folge gesetzt (<span class="antiqua">modus ponens</span>), mit der Folge der Grund +aufgehoben ist (<span class="antiqua">modus tollens</span>).</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Z. B.: </td><td align="left">Wenn es geregnet hat, so ist es naß.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Nun hat es geregnet</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es naß,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>aber nicht umgekehrt:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel ungültige Umkehrung"> +<tr><td align="left">nun ist es naß</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also hat es geregnet,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>ebensowenig:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel weitere ungültige Umkehrung"> +<tr><td align="left">nun hat es nicht geregnet</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also ist es nicht naß,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>dagegen richtig:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel gültige Folgerung"> +<tr><td align="left">nun ist es nicht naß</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also hat es nicht geregnet,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder, bei verneinendem Nachsatz:</p> + +<p>Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nun gibt es eine Vorsehung</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gibt es keinen Zufall,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten +(<span class="antiqua">conditio sine qua non</span>):</p> + +<p>Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze +Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nun ist dieser Satz nicht richtig.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der <em class="gesperrt">reine hypothetische Schluß</em> hat zwei hypothetische +Prämissen. Daraus, daß etwas Folge des Grundes +ist, wird geschlossen, daß es auch Folge dessen sein muß, +dessen Folge der Grund ist. Der <em class="gesperrt">Schlußsatz</em> ist dann +<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>also selbst <em class="gesperrt">hypothetisch</em>, nach dem Schema:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema hypothetischer Schluß"> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">M</span></td></tr> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">M</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt +sich auch kurz so ausdrücken: <em class="gesperrt">Die Folge der Folge ist +auch Folge des Grundes</em>.</p> + +<p> +Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern<br /> +sich die Pendel der Uhren.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die Schwingungen verlangsamt.</td></tr> +<tr><td align="left">Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<h3><a name="Par_58" id="Par_58"></a>§ 58. Der disjunktive Schluß.</h3> + +<p>Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, <em class="gesperrt">dessen Obersatz +ein disjunktives Urteil</em> ist. Der Schluß beruht +auf dem in der Disjunktion ausgesprochenen Verhältnis +der Glieder.</p> + +<p>Es kann also</p> + +<p>I. <em class="gesperrt">von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes +auf die Ungültigkeit der übrigen geschlossen +werden</em> (<span class="antiqua">modus ponendo tollens</span>):</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">A</span> weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span>;</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>II. <em class="gesperrt">auf die Gültigkeit eines Gliedes von der +Ungültigkeit aller übrigen</em> geschlossen werden (<span class="antiqua">modus +tollendo ponens</span>):</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="modus tollendo ponens"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> + +<p>Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig +oder stumpfwinklig.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nach <span class="antiqua">I.</span></td><td align="left">Nun ist es rechtwinklig</td></tr> +<tr><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.</td></tr> +<tr><td align="left" colspan="2">Nach <span class="antiqua">II.</span> Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es rechtwinklig.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Ist die Disjunktion eine <em class="gesperrt">mehrgliedrige</em>, so ergibt +sich für den Fall <span class="antiqua">I.</span> ein konjunktiv verneinendes Urteil, für +den Fall <span class="antiqua">II.</span> eine um ein Glied verkleinerte Disjunktion. +Bei einer <em class="gesperrt">zweigliedrigen</em> Disjunktion ergibt sich im +ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das +einfach bejahende Urteil.</p> + +<p>Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das +<em class="gesperrt">Dilemma</em>, <em class="gesperrt">Trilemma</em>, <em class="gesperrt">Polylemma</em> (<span class="antiqua">syllogismus cornutus</span>). +Hier wird aus der Verneinung aller Glieder der +Disjunktion die Verneinung ihrer gemeinschaftlichen Voraussetzung +erschlossen.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma"> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left">Nun gilt weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gilt auch <span class="antiqua">A</span> nicht;</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder kategorisch gefaßt:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma kategorisch"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left">Nun ist <span class="antiqua">S</span> weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">S</span> auch nicht <span class="antiqua">A</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung +von Leibniz:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Trilemma von Leibniz"> +<tr><td align="left"> +Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter +allen möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder +nicht gekannt, oder nicht hervorbringen und erhalten können, +oder nicht hervorbringen und erhalten wollen; nun aber +ist (infolge der göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte)<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> +weder das erste, noch das zweite, noch das dritte wahr,<br /> +</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_59" id="Par_59"></a>§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse.</h3> + +<p>Im <em class="gesperrt">zusammengesetzten Schluß</em> sind mehrere +Schlüsse durch gemeinsame Glieder zu einem Ganzen vereinigt. +Sind die einzelnen Schlüsse so angeordnet, daß +der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse des +zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse +des dritten wird, so entsteht die <em class="gesperrt">Schlußkette</em> (<span class="antiqua">syllogismus +concatenatus</span>). Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame +Satz Schlußsatz ist, heißt der <em class="gesperrt">Vorschluß</em> (Prosyllogismus) +im Verhältnis zum folgenden, dem <em class="gesperrt">Nachschluß</em> +(Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der +Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie +<em class="gesperrt">episyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">progressiv</em>, im andern Fall +<em class="gesperrt">prosyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">regressiv</em>.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Z. B. </td><td align="left">1. </td><td align="left">Der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">2.</td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Zufriedene ist glücklich</td></tr> +<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>progressiv in der Richtung: 1. 2.<br /> +regressiv in der Richtung: 2. 1.</p> + +<p>Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden +Prämissen verkürzt ist, heißt ein <em class="gesperrt">Enthymem</em>; z. B.: er +muß gestraft werden, denn er hat ein Verbrechen begangen.</p> + +<p>Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden +Prämissen eine Begründung hinzugefügt, so entsteht das +<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span><em class="gesperrt">Epicherem</em>.</p> + +<p>Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze +außer dem letzten weggelassen werden, so entsteht +eine einfachere Form, die <em class="gesperrt">Kettenschluß</em> oder <em class="gesperrt">Sorites</em> +genannt wird. Man unterscheidet nach dem Verhältnis, +in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +<em class="gesperrt">aristotelischen</em> und dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> (zuerst +behandelt 1598 von dem Marburger Professor Goklenius). +Bei dem <em class="gesperrt">aristotelischen Sorites</em> fehlen diejenigen +Schlußsätze, welche in dem folgenden Syllogismus Untersätze +werden, er schreitet also von den niederen Begriffen +zu den höheren fort und hat folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kettenschluß"> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> </td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">(Schlußsatz </td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">(Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Zufriedene ist glücklich</td></tr> +<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Bei dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> fallen diejenigen +Schlußsätze aus, welche in dem folgenden Syllogismus +Obersätze werden, es wird von den höheren Begriffen zu +den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="goklenischen Sorites"> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span> </td><td align="left">der Zufriedene ist glücklich</td></tr> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">(Schlußsatz </td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">(Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Schlußsatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glücklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_60" id="Par_60"></a>§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse.</h3> + +<p>Ein unrichtiger Schluß wird <em class="gesperrt">Fehlschluß</em> (<span class="antiqua">paralogismus</span>) +genannt, wenn er auf Irrtum beruht, <em class="gesperrt">Trugschluß</em> +(<span class="antiqua">sophisma</span>), wenn er aus der Absicht, zu täuschen, +hervorging.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer <em class="gesperrt">Mißachtung</em> +der <em class="gesperrt">Gesetze des Schließens</em>, insbesondere +der für die Schlußfiguren geltenden Regeln, teils auf der +<em class="gesperrt">Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs</em>. Es sind dann statt der drei Begriffe +vier, aus denen der Schluß gezogen wird (<span class="antiqua">quaternio terminorum</span>).</p> + +<p>Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler +gegen die Gesetze des Schließens, 2. 3. 4. eine <span class="antiqua">quaternio +terminorum</span>, 6. und 7. eine sophistische Verwendung des +Dilemmas.</p> + + +<p>1.</p> +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 1 Schlußfehler"> +<tr><td></td><td align="left">Der Kaukasier hat Menschenrechte</td></tr> +<tr><td></td><td align="left">Der Neger ist kein Kaukasier</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td></td><td align="left">Folglich hat er keine Menschenrechte.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>2.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 2 Schlußfehler"> +<tr><td align="left">Herodes war ein Fuchs</td></tr> +<tr><td align="left">Alle Füchse haben vier Füße</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also hatte Herodes vier Füße.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>3. Tertullians Schluß:</p> + +<p>Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, +dauernd mit den Füßen nach oben und mit dem Kopf +nach unten zu leben.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 3 Schlußfehler: Tertullians Schluß"> +<tr><td align="left">Die Antipoden müßten dies</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gibt es keine Antipoden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>4.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 4 Schlußfehler"> +<tr><td align="left">Aller Anfang ist schwer</td></tr> +<tr><td align="left">Müßiggang ist aller Laster Anfang</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist Müßiggang schwer.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. Der „<em class="gesperrt">Lügner</em>” der Alten. Epimenides der Kreter +sagt: alle Kreter sind Lügner; Epimenides ist aber selbst +ein Kreter, also ist es nicht wahr, daß die Kreter Lügner +sind, also sagt auch Epimenides die Wahrheit, also sind +alle Kreter Lügner &c. <span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>&c.</p> + +<p>6. <em class="gesperrt">Der Krokodilschluß</em>: Eine Ägypterin sah, wie +ihr am Nil spielendes Kind von einem Krokodil ergriffen +wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr das Kind wiederzugeben. +Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die +Mutter tat den Ausspruch: Du wirst mir mein Kind +nicht wiedergeben. Beide argumentierten darauf in folgenden +Dilemmen gegeneinander: <em class="gesperrt">Das Krokodil sagt</em>: +Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so habe +ich das Kind nicht zurückgegeben</em>; denn ist deine +Rede wahr, so erhältst du es nicht wieder nach deinem +eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich es nicht +zurück laut unsrer Übereinkunft. <em class="gesperrt">Die Mutter erwidert</em>: +Ich mag wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so mußt +du mir mein Kind wiedergeben</em>. Denn ist meine +Rede wahr, so mußt du es mir geben laut unsrer Übereinkunft; +ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: +Du wirst mir mein Kind zurückgeben.</p> + +<p>7. <em class="gesperrt">Das Sophisma des Euathlus.</em> Euathlus nahm +beim Sophisten Protagoras Unterricht in der Sophistik +mit dem Vertrag, der Schüler solle die zweite Hälfte des +Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten Prozeß +gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht +Euathlus keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer +nicht bezahlte, verklagte ihn dieser und brachte folgendes +Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den Richtern zu +meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden +sie dich zur Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft +dieses Urteilsspruchs; wirst du aber nicht verurteilt, so +mußt du unsrem Vertrage gemäß bezahlen, denn du hast +den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete Euathlus, +er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> +sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß +dem Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, +so brauche er gemäß dem Urteilsspruche der Richter nicht +zu bezahlen. — Die Richter sollen durch diesen Streit so +in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre Entscheidung +auf unbestimmte Zeit vertagten.</p> + + +<h3><a name="Par_61" id="Par_61"></a>§ 61. Der Induktionsschluß.</h3> + +<p>Die Induktion ist der <em class="gesperrt">Schluß vom Besonderen +aufs Allgemeine</em>; sie gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen +allgemeine Sätze und hat folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Form der Induktion"> +<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">S</span>.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="center">Jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + + +<p>Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, +faßt entweder <em class="gesperrt">lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare</em>, +nur in Raum und Zeit getrennte <em class="gesperrt">Fälle</em> zu +einem <em class="gesperrt">Spezialgesetz zusammen</em>, z. B. der Satz, +daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem Gewichtsverhältnis +zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +<em class="gesperrt">verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff</em>, +z. B. der Satz: Alle Elementarstoffe verbinden +sich chemisch in bestimmten Gewichtsverhältnissen. Im +ersteren Fall, bei der „<em class="gesperrt">Induktion von Spezialgesetzen</em>” +(Sigwart) wird geschlossen: Was in allen +einzelnen Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art +überhaupt. Im zweiten Fall, bei der „<em class="gesperrt">generalisierenden +Induktion</em>” wird geschlossen: Was von allen Arten +einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.</p> + +<p>Die Induktion ist eine <em class="gesperrt">vollständige</em>, wenn <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> +<span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> im Untersatz den ganzen Umfang des Begriffs <span class="antiqua">S</span> +ausfüllen. Z. B.:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel Induktion"> +<tr><td align="left">Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.</td></tr> +<tr><td align="left">Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind die alten Planeten.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also haben die alten Planeten Achsendrehung.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><em class="gesperrt">Unvollständig</em> heißt die Induktion, wenn durch +Aufzählung der <span class="antiqua">M</span> der Umfang von <span class="antiqua">S</span> nicht erschöpft +wird. So würde das letztgenannte Beispiel eine unvollständige +Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde.</p> + +<p>Der Induktionsschluß hat <em class="gesperrt">Ähnlichkeit mit dem +Syllogismus der dritten Figur</em>, es wäre nur +an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der Einteilungsglieder +getreten. Der Unterschied ist nur der, daß +der Schlußsatz <em class="gesperrt">nicht partikulären, sondern allgemeinen +Charakter</em> hat, und die Eigentümlichkeit +der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter der +Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit +in der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter +einzelner Fälle aus einen allgemeinen Satz aufstellt, +der auch auf andere noch nicht beobachtete Fälle zu +schließen erlaubt.</p> + +<p>Von den <em class="gesperrt">Fehlern</em>, die bei der Induktion vorkommen, +ist naturgemäß der häufigste die <em class="gesperrt">falsche Verallgemeinerung</em>, +besonders Verwechslung der bloßen +zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis +des <span class="antiqua">post hoc</span> mit dem <span class="antiqua">propter hoc</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_62" id="Par_62"></a>§ 62. Der Analogieschluß.</h3> + +<p>In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht +der <em class="gesperrt">Schluß der Analogie, als Schluß vom Besonderen +oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes</em>.<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> +Daraus, daß zwei Arten oder Individuen in einer Reihe +von Merkmalen übereinstimmen, wird geschlossen, daß sie +auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Induktionsschluß"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">P</span>. </td><td align="left">Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen Lebens.</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td><td align="left">Also ist auch der Mars Träger organischen Lebens.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + + + +<h2><a name="II_Teil_Methodenlehre" id="II_Teil_Methodenlehre"><span class="antiqua">II.</span> Teil. Methodenlehre.</a></h2> + + +<h3><a name="Par_63" id="Par_63"></a>§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.</h3> + +<p>Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen +Elemente des Denkens, Begriffe, Urteile, Schlüsse <em class="gesperrt">zum +Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden</em>. Das Ziel der Wissenschaft +überhaupt ist die Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen +Welt. Dazu gehört zuerst ein <em class="gesperrt">Weltbild</em> in +den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, +den die Wissenschaft erst gestaltet und der deshalb nicht +in das Gebiet der Logik fällt. Weiter enthält das Ideal +der Welterkenntnis ein <em class="gesperrt">vollständiges Begriffssystem</em>, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt +nach durch <em class="gesperrt">Erklärungen</em> vollkommen verdeutlicht, als +auch ihrem Umfang nach durch <em class="gesperrt">Einteilungen</em> klar +gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> +vollkommener Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang +der Welt aussprechen, und einer erschöpfenden +Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges <em class="gesperrt">Beweisverfahren</em>. +Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß +sie sich noch der <em class="gesperrt">Mittel ihres stetigen Fortschrittes</em> +bewußt werden, der Methoden, durch welche +eine neue Erkenntnis zustande kommt.</p> + +<p>So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre +zu behandeln hat: die <em class="gesperrt">Begriffsbestimmung</em>, +<em class="gesperrt">die Einteilung</em>, <em class="gesperrt">der Beweis</em> und der <em class="gesperrt">Fortschritt +der Wissenschaft</em>.</p> + + +<h3>1. Die Begriffsbestimmung.</h3> + +<h3><a name="Par_64" id="Par_64"></a>§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Begriffsbestimmung oder Definition +ist ein Urteil, in welchem die Bedeutung eines +einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben +wird</em>, entweder durch <em class="gesperrt">vollständige</em> Aufführung +der Merkmale eines Begriffs oder durch Angabe +der <em class="gesperrt">nächsthöheren Gattung</em> (<span class="antiqua">genus proximum</span>) und +<em class="gesperrt">des artbildenden Unterschieds</em> (<span class="antiqua">differentia specifica</span>). +Durch das erstere wird der Begriff vollkommen +deutlich gemacht, durch das letztere seine Stellung im geordneten +System der Begriffe angegeben.</p> + +<p>Man unterscheidet gewöhnlich zwischen <em class="gesperrt">Worterklärungen</em> +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, +und <em class="gesperrt">Sacherklärungen</em> (Realdefinitionen), welche +den Inhalt des Gedachten darlegen. Für die Logik gibt +es aber nur Worterklärungen, die zugleich Sacherklärungen +sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> +bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition +in dem genannten Sinn fällt rein in das sprachliche +Gebiet.</p> + +<p>Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs +ist in den meisten Fällen nicht möglich. Die <em class="gesperrt">gebräuchliche +Art der Begriffsbestimmung</em> ist daher diejenige, +welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm +ist ein Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der +Gattungsbegriff, die Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, +welches das Parallelogramm von anderen Arten des +Vierecks unterscheidet.</p> + +<p>Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden +Sprachgebrauch bestimmt, so heißt die Definition <em class="gesperrt">analytisch</em>. +<em class="gesperrt">Synthetisch</em> ist sie, wenn mit einem Wort ein neuer +Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung mit +dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, +der <em class="gesperrt">nur ein Merkmal hat</em>, z. B. Sein, Etwas, kann +eine eigentliche Definition nicht gegeben werden.</p> + + +<h3><a name="Par_65" id="Par_65"></a>§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.</h3> + +<p>Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, +werden folgende angeführt:</p> + +<p>1. Die Definition ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn ihr wesentliche +Merkmale fehlen, z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges +Parallelogramm. Sie ist zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu viel Merkmale +aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine geradlinige +Figur mit drei gleichen Seiten.</p> + +<p>2. Die Definition darf <em class="gesperrt">keine überflüssigen Merkmale</em> +aufnehmen, die in anderen schon enthalten oder notwendig +mit ihnen gegeben sind (Abundanz); z. B. Parallele +Linien sind solche Linien, die gleiche Richtung und überall +gleichen Abstand voneinander haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">Tautologie</em> ist zu vermeiden. Der zu definierende +Begriff darf weder ausdrücklich noch versteckt in +der Definition wiederkehren, z. B. das Gedächtnis ist das +Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu gedenken.</p> + +<p>4. Ein <em class="gesperrt">Zirkel</em> entsteht, wo ein Begriff durch einen +zweiten, dritten, vierten und der zweite oder dritte oder +vierte wieder durch den ersten erklärt wird, z. B. Größe +ist das der Vermehrung und der Verminderung Fähige; +da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung +Abnahme der Größe ist, so ist der Begriff der Größe in +der Definition derselben schon vorausgesetzt.</p> + +<p>5. In der Definition dürfen <em class="gesperrt">keine bildlichen Ausdrücke</em> +gebraucht werden, weil sie zu unbestimmt sind, +und <em class="gesperrt">negative Bestimmungen</em> nur da, wo die positiven +nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, +die keine Ecken hat.</p> + +<p>6. Die Definition <em class="gesperrt">darf nicht mit der Aufzählung +der Arten des Begriffs verwechselt werden</em>, denn +diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein Zirkel entstünde; +z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.</p> + +<p>Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch <em class="gesperrt">weniger +strenge Formen</em> angegeben werden, die von der Erklärung +im logischen Sinn unterschieden werden müssen; +z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung, +die Erläuterung.</p> + + +<h3>2. Die Einteilung.</h3> + +<h3><a name="Par_66" id="Par_66"></a>§ 66. Das Wesen der Einteilung.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Einteilung ist die vollständige Angabe +der Teile des Umfangs eines Begriffs.</em> Der +Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> +Verhältnis der <em class="gesperrt">Disjunktion</em> zueinander stehen. Die +sprachliche Form der Einteilung ist das <em class="gesperrt">divisive</em> Urteil: +Die Vögel sind teils Luftvögel, teils Erdvögel, teils +Wasservögel.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> einer solchen Differenzierung +eines Gattungsbegriffs in seine Artbegriffe ist, daß er +noch in einem oder mehreren seiner Merkmale <em class="gesperrt">unbestimmt +sei</em>. Dasjenige Merkmal, in welchem die Unterschiede +hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, +heißt <em class="gesperrt">Einteilungsgrund</em> (<span class="antiqua">fundamentum sive principium +divisionis</span>).</p> + +<p>Die Einteilung geschieht entweder durch <em class="gesperrt">innere Entwickelung +schon vorhandener Merkmale</em> oder +<em class="gesperrt">Hinzunahme neuer</em>. <em class="gesperrt">Im ersten Fall</em> liegt der +Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist +mit dem Begriff der Linie das Merkmal der Richtung +schon gegeben, die als Bewegung vorgestellt wird und +entweder, wie bei der geraden Linie, gleichbleiben kann, +oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. <em class="gesperrt">Im zweiten +Fall</em> geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, +das im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte +Möglichkeit gegeben war. So kann der Begriff der +Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden eingeteilt werden, +während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines +Merkmals einen Unterschied begründen.</p> + + +<h3><a name="Par_67" id="Par_67"></a>§ 67. Arten und Fehler der Einteilung.</h3> + +<p>Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die +Einteilung <em class="gesperrt">Dichotomie</em>, <em class="gesperrt">Trichotomie</em>, <em class="gesperrt">Tetrachotomie</em>, +<em class="gesperrt">Polytomie</em>. Oft verlieren sich die Arten in +eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> +Sechsecks u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen +<em class="gesperrt">natürlicher</em> Einteilung, die sich auf alle wesentlichen +Merkmale eines Begriffes stützt, und <em class="gesperrt">künstlicher Einteilung</em>, +bei welcher ein einzelnes Merkmal als Einteilungsgrund +benützt wird, doch womöglich so, daß die +Modifikationen dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang +mit den Modifikationen der anderen Merkmale stehen. +Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht z. B. +Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und +Stellung der Staubgefäße in 24 Klassen.</p> + +<p>Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung +von dem <em class="gesperrt">logischen Umfang</em> eines Begriffes +oder von dem <em class="gesperrt">empirischen Umfang</em> desselben ausgegangen +wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten +sein, auch blau oder grün, während die empirische +nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben klassifiziert. +Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für +logische Vollständigkeit gegeben.</p> + +<p>Die hauptsächlichen <em class="gesperrt">Fehler</em> der Einteilung sind +folgende:</p> + +<p>1. Die Einteilung ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn sie zu viel, +zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu wenig Einteilungsglieder enthält. +Zu weit ist z. B. die Einteilung der Dreiecke in rechtwinklige, +schiefwinklige und gleichwinklige.</p> + +<p>2. Die Glieder der Einteilung müssen <em class="gesperrt">einander +ausschließen</em>, dürfen sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung +der Neigungen in Selbstliebe, Neigung zu andern +und gegenseitige Neigung.</p> + +<p>3. Es dürfen nicht verschiedene <em class="gesperrt">Einteilungsgründe +vermischt werden</em>, sonst wird die Einteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> +<em class="gesperrt">verworren</em>, z. B. die der Menschen in Europäer +und Schwarze.</p> + + +<h3>3. Der Beweis.</h3> + +<h3><a name="Par_68" id="Par_68"></a>§ 68. Der Beweis und seine Arten.</h3> + +<p>In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe +durch Erklärungen und Einteilungen ihrem Inhalt +und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese Begriffe +kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen +gewisse Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile +selbst bedürfen der Begründung, um gültig zu sein. Dies +geschieht, indem einzelne Schlüsse <em class="gesperrt">zum Beweis verbunden +werden</em> und so jedes einzelne Urteil durch +seinen <em class="gesperrt">Zusammenhang mit andern bereits feststehenden</em> +in das System der Wissenschaft aufgenommen +wird.</p> + +<p>Der Beweis ist also die <em class="gesperrt">syllogistische Ableitung +eines Urteils aus anderen Urteilen, die als +gewiß und notwendig erkannt sind</em>. Doch bedürfen +auch diese eigentlich wieder des Beweises und so +führt genau genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen +zurück, die einer Begründung weder fähig, noch bedürftig +sind, zu den <em class="gesperrt">Grundsätzen</em> oder <em class="gesperrt">Axiomen</em>. <em class="gesperrt">Vom +einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis</em> +dadurch, daß das zu beweisende Urteil im voraus +bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis bildet, und +daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht +genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich +eine ganze Schlußkette dar.</p> + +<p>Der Beweis ist ein <em class="gesperrt">direkter</em>, wenn er die Wahrheit +eines Satzes einfach durch kategorischen oder hypothetischen +Schluß aus feststehenden Prämissen ableitet, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> +<em class="gesperrt">indirekter</em> oder <em class="gesperrt">apagogischer</em>, wenn der zu beweisende +Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung +der übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. +Ein direkter Beweis ist es z. B., wenn daraus, daß die +Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich einem Rechten +ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein +muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der +Disjunktion ausgegangen würde: Entweder ist er ein +stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter Winkel, und aus +der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die Gültigkeit +des letzten gefolgert würde.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Widerlegung</em> (<span class="antiqua">refutatio</span>) ist <em class="gesperrt">der Beweis +der Unrichtigkeit eines Satzes oder eines +Beweises</em>. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt daraus, +daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (<span class="antiqua">deductio ad +absurdum</span>) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit +wird also bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen +Gegenteils. Die <em class="gesperrt">Widerlegung eines +Beweises</em> geschieht durch Entkräftung der Beweisgründe. +Zur <em class="gesperrt">gründlichen</em> Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, +als die Widerlegung des gegnerischen Beweises.</p> + + +<h3><a name="Par_69" id="Par_69"></a>§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.</h3> + +<p>Es erhebt sich noch die Frage, <em class="gesperrt">wie der Beweis +gefunden wird</em>. Da der Beweis durch Schlüsse sich +bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was die +Schlüsse möglich macht, einen <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>. Wäre +der Satz zu beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte +ein Mittelbegriff gefunden werden, der einerseits der +Tugend als Prädikat zugesprochen werden und andrerseits +das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher Mittelbegriff +ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> +ist lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend +lehrbar. Doch wird nur selten ein einziger Mittelbegriff +genügen. In den meisten Fällen müssen die Vermittlungen +auf umständlichere Weise gesucht werden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">hauptsächlichsten Beweisfehler</em> sind, +neben den schon genannten Verstößen gegen die Regeln +des Schlusses überhaupt, folgende:</p> + +<p>1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten +Beweis.</p> + +<p>2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze +folgende Beweisführung in Frage gestellt wird (<span class="antiqua">proton +pseudos</span>).</p> + +<p>3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, +so daß etwa in einer der Prämissen der Schlußsatz schon +enthalten wäre (Zirkelbeweis).</p> + +<p>4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, +darf nicht von dem zu Beweisenden abweichen (<span class="antiqua">heterozetesis</span>), +weder qualitativ (<span class="antiqua">metabasis eis allo genos</span>), noch quantitativ, +indem zu viel oder zu wenig bewiesen wird.</p> + +<p>Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, +so spricht man von <em class="gesperrt">Erschleichung</em> (<span class="antiqua">subreptio</span>).</p> + + +<h3>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</h3> + +<h3><a name="Par_70" id="Par_70"></a>§ 70. Die verschiedenen Methoden.</h3> + +<p>Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis +der Begriffe zueinander geordnet, durch den Beweis +der logische Zusammenhang zwischen den Urteilen +hergestellt; damit ist gezeigt, <em class="gesperrt">wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden</em>.</p> + +<p>Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, +sondern <em class="gesperrt">sie schreitet fort</em>; es erhebt sich +also noch die Frage, welche Methoden sie anwendet, um<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> +zu <em class="gesperrt">neuen Erkenntnissen</em> zu gelangen. Hier sind +folgende Wege möglich:</p> + +<p>1. Man geht aus <em class="gesperrt">vom einzelnen tatsächlich +Gegebenen</em>, das man beobachten kann, und sucht <em class="gesperrt">daraus +allgemeine Sätze</em> zu gewinnen. Dies ist das +<em class="gesperrt">induktive</em> Verfahren.</p> + +<p>2. Man geht aus <em class="gesperrt">von den allgemeinen Sätzen</em>, +die man schon gewonnen hat, und sucht durch logische +Verarbeitung derselben neue <em class="gesperrt">Aufschlüsse über das +Besondere und Einzelne</em> zu gewinnen. Dies ist +das <em class="gesperrt">deduktive</em> Verfahren.</p> + +<p>3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet +aber nur <em class="gesperrt">in der Verbindung beider Methoden</em>, +der Induktion und Deduktion, statt, wie sie besonders die +<em class="gesperrt">Hypothese darstellt</em>.</p> + +<p>4. Die Art endlich, wie die <em class="gesperrt">Wissenschaft als +Ganzes</em> fortschreitet, ist bestimmt durch <em class="gesperrt">das logische +Ideal des Systems</em>.</p> + + +<h3><a name="Par_71" id="Par_71"></a>§ 71. Das induktive Verfahren.</h3> + +<p>Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in +der Elementarlehre behandelt (§ 61). Die <em class="gesperrt">wichtigsten +Leistungen der induktiven Methode</em> sind folgende:</p> + +<p>1. Die Induktion führt zur <em class="gesperrt">Bildung realgültiger +Begriffe</em>. Unsere Begriffe sind zunächst nur <em class="gesperrt">subjektive +Gebilde</em> und bedürfen der fortwährenden Verbesserung +durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns +schon gebildeten Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das +wir in diesen Begriff noch nicht aufgenommen haben, so +tritt die Frage an uns heran, ob dieses Merkmal mit dem +Begriff <em class="gesperrt">notwendig zusammengehört oder nicht</em>. +Wir werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> +allen Gegenständen, die unter diesen Begriff fallen, das +neue Merkmal findet, und je häufiger dies der Fall ist, +mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden wir die +Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf +diesem Wege können unsere subjektiven Begriffe allmählich +zu Wesensbegriffen werden, die der Wirklichkeit entsprechen. +In der beschriebenen Weise wird z. B. derjenige verfahren, +der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.</p> + +<p>Nun zeigt aber die <em class="gesperrt">Tatsache der Veränderung</em>, +daß die Notwendigkeit, welche die Merkmale der Dinge +zusammenhält, doch keine unbedingte ist, es müßte denn +<em class="gesperrt">die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen</em> +vor sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung +aus dem Wesen der Dinge selbst heraus, wie bei +den organischen Wesen, oder <em class="gesperrt">durch äußere Ursachen</em> +veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion.</p> + +<p>2. Wir gewinnen durch Induktion <em class="gesperrt">allgemeine +Sätze über das Wirken von Ursachen</em>. Besonders +diese Seite der Induktion hat durch <em class="gesperrt">J. St. Mill</em> eine +grundlegende Bearbeitung erfahren.</p> + +<p>Es ist die <em class="gesperrt">gewöhnliche Vorstellung</em>, daß wir +das Wirken von Ursachen ebenso wie irgend etwas anderes +unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit beobachten wir +nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt. Explodiert +eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand +sie berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung +dieses Vorgangs ganz dieselbe, ob die Berührung +die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein zufälliges +Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, +daß wir da ein kausales Verhältnis annehmen, <em class="gesperrt">wo eine +Veränderung regelmäßig auf eine andere</em><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> +<em class="gesperrt">folgt</em>. Es gilt also der Satz: Die <em class="gesperrt">Ursache</em> ist das +<em class="gesperrt">regelmäßige <span class="antiqua">Antecedens</span></em>, die <em class="gesperrt">Wirkung das +regelmäßige <span class="antiqua">Consequens</span></em>. Wenn jene Explosion +unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde, +so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. +Damit aber nicht auch die Nacht als Ursache +des Tages angesehen werde, fügt Mill hinzu, das <span class="antiqua">Consequens</span> +müsse dem <span class="antiqua">Antecedens</span> <em class="gesperrt">unbedingt</em>, d. h. unabhängig +von irgend welchen andern bedingenden Umständen, +z. B. von dem Aufgang der Sonne, folgen.</p> + +<p>Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem +Wege sichere Gesetze über das Wirken von Ursachen zu +gewinnen, stellt Mill <em class="gesperrt">zwei Hauptmethoden</em> auf, die +Methode der Übereinstimmung und die Methode der +Differenz.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Übereinstimmung</em> wird von +ihm in folgendem „Kanon” zusammengefaßt: „Wenn zwei +oder mehr Instanzen des zu erforschenden Phänomens +nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in +dem allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache +(oder Wirkung) des gegebenen Phänomens.”</p> + +<p>Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das +entsprechende Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt +sich folgendes Schema:</p> + + +<div class="center"> +<div class="antiqua"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Ursache - Wirkung"> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">D</td><td align="left">E</td><td align="left">a</td><td align="left">d</td><td align="left">e</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">F</td><td align="left">G</td><td align="left">a</td><td align="left">f</td><td align="left">g</td></tr> +</table></div></div> + +<p>Da <span class="antiqua">B C D E F G</span> nicht jedesmal dabei sind, wenn +<span class="antiqua">a</span> auf <span class="antiqua">A</span> folgt, so können sie jedenfalls nicht die Ursachen +sein, also muß es <span class="antiqua">A</span> sein. Die Wirkung <span class="antiqua">a</span> sei z. B. +Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper +kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts +<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>übereinstimmen; zeigt sich, daß sie nur <em class="gesperrt">ein</em> Antecedens +gemeinsam haben, nämlich: Ablagerung eines festen Stoffes +aus einem flüssigen Zustand, so schließen wir, daß das +Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen Zustand +ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Differenz</em> wird von Mill +folgendermaßen gefaßt:</p> + +<p>„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende +Phänomen eintritt, und eine Instanz, in der es nicht eintritt, +jeden Umstand bis auf einen gemein haben, indem +dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so ist der +Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, +die Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher +Teil der Ursache des Phänomens.”</p> + +<p>Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch +nichts anderes unterscheiden, als dadurch, daß in dem +einen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">a</span> gegenwärtig ist und in dem andern fehlt, +nach dem Schema:</p> + + +<div class="center"> +<div class="antiqua"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Differenzvergleich"> +<tr><td align="left"></td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left"></td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +</table></div></div> + +<p>Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen +wir, daß es der Schuß war, der ihn tötete, weil er unmittelbar +vorher noch in der Vollkraft des Lebens war +und als neues <span class="antiqua">Antecedens A</span> nur die Wunde hinzukam. +Die Wirkung <span class="antiqua">a</span>, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, +muß deshalb durch <span class="antiqua">A</span> bewirkt sein.</p> + +<p>Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender +Wirkung kann leicht auch künstlich zustande gebracht +werden. Die Differenzmethode ist daher vorzugsweise +die Methode des <em class="gesperrt">Experiments</em>.</p> + +<p>Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- +und Unterschiedsmethode, eine Methode der +Rückstände und eine Methode der Begleitveränderungen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> + +<p>3. Die Induktion führt auch zu <em class="gesperrt">bloß empirischen +Gesetzen</em>, die keinen ursächlichen Zusammenhang, sondern +nur ein tatsächliches Geschehen oder regelmäßige Zusammenhänge +verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß ein +frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten +der Zeit proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in +regelmäßigen Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die +<em class="gesperrt">Aufgabe der Wissenschaft</em>, auch diese zunächst +empirischen Gesetze auf kausale Zusammenhänge zurückzuführen.</p> + +<p>4. Durch die <em class="gesperrt">generalisierende Induktion</em> gelangt +man <em class="gesperrt">von spezielleren Gesetzen zu allgemeineren</em>. +Wenn <span class="antiqua">A B C</span> übereinstimmend das Prädikat +<span class="antiqua">P</span> haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in +gewissen gemeinsamen Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> habe; aus diesen +Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> wird dann der höhere Gattungsbegriff +gebildet und angenommen, daß alle Gegenstände, +die unter denselben fallen, das Prädikat <span class="antiqua">P</span> haben müssen. +So gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß +alle Körper, die schwerer sind als Wasser, im Wasser +untersinken. Dabei wird allerdings eine über die Erfahrung +hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich die, +daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende +Folgen fließen.</p> + + +<h3><a name="Par_72" id="Par_72"></a>§ 72. Das deduktive Verfahren.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum +Besonderen und Einzelnen herab</em>: teils setzt sie die +gewonnenen allgemeinen Begriffe und Wahrheiten in Beziehung +zueinander und gewinnt daraus <em class="gesperrt">neue allgemeine +Erkenntnisse</em>, wie dies in ausgedehntem Maße +die Mathematik tut; teils leitet sie aus den erkannten +<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>allgemeinen Gesetzen die <em class="gesperrt">einzelnen tatsächlichen Erscheinungen</em> +ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe +der Deduktion, <em class="gesperrt">die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen +zu erklären</em>. Dies geschieht durch einfache Syllogismen, +welche den gegebenen Fall als Folge eines oder +mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie z. B. +die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren +sich ausdehnt, und aus dem andern, daß das Glas wegen +seiner Sprödigkeit sich nicht ausdehnen kann. Auf demselben +deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer Reihe +von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. +die mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.</p> + + +<h3><a name="Par_73" id="Par_73"></a>§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und +die Hypothese.</h3> + +<p>Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion +folgt unmittelbar, daß <em class="gesperrt">sie einander nicht entbehren +können</em>. Die Deduktion geht aus von allgemeinen +Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die +allgemeine Sätze findet. Die Induktion führt nur zu +einem höheren Grade von Wahrscheinlichkeit und bedarf +einer fortwährenden Prüfung ihrer Resultate. Dies geschieht +am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen +Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur +Probe für ihre Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne +daraus zu erklären.</p> + +<p>Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden +für die Wissenschaft fruchtbar zu machen, ist die <em class="gesperrt">Hypothese</em>. +Die Hypothese <em class="gesperrt">ist die vorläufige Annahme +der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung +an den daraus abgeleiteten Folgen</em>. Jede +einzelne Folgerung aus der Hypothese, die formell richtig +abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen oder anderen wahren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> +Sätzen in Widerspruch steht, beweist die <em class="gesperrt">Unwahrheit +der Hypothese</em>. Jede Folge, die materiale Wahrheit +hat, führt aber nur zu <em class="gesperrt">größerer Wahrscheinlichkeit</em>, +die sich allerdings der vollen Gewißheit nähern kann. +Die Hypothese ist ferner um so wahrscheinlicher, je einfacher +sie ist und je weniger sie <em class="gesperrt">Hilfshypothesen</em> braucht. +Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur <em class="gesperrt">Theorie</em>, +wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur +Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen +oder sie von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Entwickelung der Wissenschaft</em> geht <em class="gesperrt">immer +durch Hypothesen hindurch</em>. Dies zeigt z. B. die +ganze Geschichte der Astronomie; Hypothesen sind ferner +die philologischen Konjekturen, die Versuche zur Erklärung +des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose +des Arztes.</p> + + +<h3><a name="Par_74" id="Par_74"></a>§ 74. Das System.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Das System ist die Verbindung zusammengehöriger +Erkenntnisse zu einem logisch geordneten +Ganzen.</em> Die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em> ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen +Erkenntnisse in der Form dieser Verbindung. +Wäre die Wissenschaft als System vollendet, so müßte +einerseits eine <em class="gesperrt">vollkommene Klassifikation</em>, anderseits +eine <em class="gesperrt">vollkommene Deduktion</em> erreicht sein. Die <em class="gesperrt">Gesamtheit +der Begriffe</em> müßte eine <em class="gesperrt">Pyramide</em> darstellen, +deren Spitze der höchste Begriff, deren Grundlage +die untersten Arten bilden würden, die selbst die gesamte +wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle +<em class="gesperrt">wahren Urteile</em> durch <em class="gesperrt">ein System von Schlüssen</em>, +durch eine Kette von Beweisen verbinden, die in ununterbrochener<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> +Reihenfolge zu den letzten Prämissen, zu den +Axiomen zurückführen würden.</p> + +<p>Die Wissenschaften sind noch weit von diesem <em class="gesperrt">logischen +Ideal</em> entfernt, aber sie werden dasselbe <em class="gesperrt">nicht +entbehren können</em>, wenn sie nicht in Einseitigkeit verfallen +wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder nicht, +ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches +Ziel angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie +der Naturwissenschaft hat <em class="gesperrt">die von unten aufbauende +Methode in den Vordergrund gestellt</em>, und mit +Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung +der Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche +Arbeitsteilung droht das Ganze der Wissenschaft und +der Wissenschaften in lauter kleine und kleinste Teile zu +zersplittern: es ist die <em class="gesperrt">Aufgabe der Philosophie</em>, das +Bewußtsein wach zu erhalten, <em class="gesperrt">daß die Wissenschaft +nur als Ganzes ihren Zweck erfüllt</em>, und daß sie +das nur kann, solange sie den Gedanken festhält, wenn +auch nur als leitenden Grundsatz, daß die wissenschaftliche +Arbeit <em class="gesperrt">von unten</em> und die <em class="gesperrt">von oben her</em> einmal <em class="gesperrt">zusammenkommen</em> +müssen.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Literatur" id="Literatur">Literatur.</a></h2> + +<h3><span class="antiqua">A.</span> Einleitung in die Philosophie:</h3> + + +<p><em class="gesperrt">Külpe</em>, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.</p> + +<p><em class="gesperrt">Paulsen</em>, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.</p> + +<p><em class="gesperrt">Volkelt</em>, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der +Gegenwart. 1892.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung +in die Philosophie. 2. Aufl. 1903.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.</p> + + +<h3><span class="antiqua">B.</span> Geschichte der Philosophie.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></h3> + +<h4><span class="antiqua">I.</span> Geschichte der Philosophie überhaupt:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Bergmann</em>, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93.</p> + +<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. +4. Aufl. 1895/96.</p> + +<p><em class="gesperrt">Eucken</em>, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. +3. Aufl. 1899.</p> + +<p><em class="gesperrt">Rehmke</em>, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896.</p> + +<p><em class="gesperrt">Überweg-Heinze</em>, Grundriß der Geschichte der Philosophie. +4 Bde. 8. Aufl. 1894-97.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.</p> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Die Titel derjenigen Bücher von <span class="antiqua">B</span> bis <span class="antiqua">D</span>, welche neben dem +beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen +zur weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen +systematischen Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, +<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>sind <em class="gesperrt">gesperrt gedruckt</em>.</p></div> + + +<h4><span class="antiqua">II.</span> Alte Philosophie:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Deussen</em>, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span> +1894/99 (Indische Philosophie).</p> + +<p><em class="gesperrt">Gomperz</em>, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken +Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>. 1901.</p> + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Zeller"> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Zeller</em>,</td><td align="left">E.,</td><td align="left">Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.</td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">„</td><td align="center" valign="top">„</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie</em>. 5. Aufl. 1898.</td></tr> +</table></div> + +<h4><span class="antiqua">III.</span> Neuere Philosophie:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Falckenberg</em>, R., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie +von Nikolaus von Kues bis zur Gegenwart</em>. 3. Aufl. 1898.</p> + +<p><em class="gesperrt">Fischer</em>, K., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie</em>. 9 Bde. +4. Aufl. 1897-1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Höffding</em>, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., <em class="gesperrt">Die Geschichte der neueren Philosophie</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1899.</p> + + +<h3><span class="antiqua">C.</span> Psychologie:</h3> + +<p><em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Höffding</em>, H., <em class="gesperrt">Psychologie in Umrissen</em>. 3. deutsche +Ausgabe. 1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Höfler</em>, A., Psychologie. 1897.</p> + +<p><em class="gesperrt">Jodl</em>, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.</p> + +<p><em class="gesperrt">Külpe</em>, O., Grundriß der Psychologie. 1893.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Lotze"> +<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Lotze</em>,</td><td align="left" valign="top">H.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundzüge der Psychologie</em>. 4. Aufl. 1889.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. <span class="antiqua">II</span>.</td></tr> +</table></div> +<p><em class="gesperrt">Volkmann</em>, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. +1894/95.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p> + + +<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Wundt"> +<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Wundt</em>,</td><td align="left" valign="top">W.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele</em>. 3. Aufl. 1897.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901.</td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">„</td><td align="center" valign="top">„</td><td align="left">Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Völkerpsychologie. 1900. Bd. <span class="antiqua">I</span> u. <span class="antiqua">II</span> (die Sprache).</td></tr> +</table> +<p><em class="gesperrt">Ziehen</em>, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. +1900.</p> + + +<h3><span class="antiqua">D.</span> Logik:</h3> + +<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, B., Logik. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1892.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., <em class="gesperrt">Grundzüge der Logik.</em> 1893.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lotze</em>, H., Logik. 2. Aufl. 1880.</p> + +<p><em class="gesperrt">Mill</em>, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. +Deutsch von Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sigwart</em>, Ch., <em class="gesperrt">Logik</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.</p> + +<p><em class="gesperrt">Überweg</em>, F., System der Logik und Geschichte der logischen +Lehren. 5. Aufl. 1882.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie +und Logik:</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Weitere Werke des Verfassers"> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Elsenhans</em>,</td><td align="left">Th.,</td><td align="left">Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. 1897.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Das Kant-Friesische Problem. 1902.</td></tr> +</table></div> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Namen-_und_Sachregister" id="Namen-_und_Sachregister">Namen- und Sachregister.</a></h2> + + +<p> +Affekt <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Alpdrücken <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Analogieschluß <a href="#Seite_122">122</a> f.<br /> + +Anaxagoras <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Äquipollenz <a href="#Seite_94">94</a>.<br /> + +Aristoteles <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Assoziation <a href="#Seite_28">28</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +Ästhetik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +Ästhetische Gefühle <a href="#Seite_42">42</a> f.<br /> + +Atomisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Aufmerksamkeit <a href="#Seite_30">30</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Ausdrucksbewegungen <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Axiome <a href="#Seite_129">129</a>.<br /> + +<br /> +Baco <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Begierde <a href="#Seite_55">55</a>.<br /> + +Begriff <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_69">69</a> f.;<br /> + Merkmale des B. <a href="#Seite_70">70</a>;<br /> + Arten der B. <a href="#Seite_72">72</a> ff.;<br /> + Umfang des B. <a href="#Seite_71">71</a> f. <a href="#Seite_128">128</a>.<br /> + +Begriffsbestimmung <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br /> + +Beneke <a href="#Seite_111">111</a>.<br /> + +Bergmann <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Bewegungen <a href="#Seite_66">66</a>;<br /> + unwillkürliche B. <a href="#Seite_53">53</a> f.<br /> + +Beweis <a href="#Seite_129">129</a> ff.<br /> + +<br /> +Charakter <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_67">67</a>.<br /> + +<br /> +Deduktion <a href="#Seite_136">136</a> ff.<br /> + +Definition <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br /> + +Denken <a href="#Seite_33">33</a>.<br /> + +Descartes <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Determination <a href="#Seite_127">127</a>.<br /> + +Determinismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br /> + +Deussen <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Deutlichkeit <a href="#Seite_72">72</a>.<br /> + +<br /> +Ebbinghaus <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Eigennamen <a href="#Seite_33">33</a>.<br /> + +Einheit des Bewußtseins <a href="#Seite_18">18</a> f.<br /> + +Einteilung <a href="#Seite_126">126</a> ff.<br /> + +Eleaten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Elsenhans <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Empfindung <a href="#Seite_21">21</a> ff.<br /> + +Empirismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Enge des Bewußtseins <a href="#Seite_29">29</a>.<br /> + +Entfernung <a href="#Seite_36">36</a> f. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +Enthymem <a href="#Seite_117">117</a>.<br /> + +Entschluß <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Epicherem <a href="#Seite_117">117</a>.<br /> + +Epikureer <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Erdmann, B. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + + „ „ J. <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Erkennen <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Erkenntnistheorie <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Ethik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +Euathlus, Sophisma des E. <a href="#Seite_120">120</a>.<br /> + +Eucken <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +<br /> +Falckenberg <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Fehlschlüsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br /> + +Fichte <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Fischer, K. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Galenus <a href="#Seite_99">99</a>.<br /> + +Gall <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Gebärden <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Gedächtnis <a href="#Seite_30">30</a> f.<br /> + +Gefühl <a href="#Seite_39">39</a> f. <a href="#Seite_64">64</a> f.;<br /> + Verlauf der G. <a href="#Seite_44">44</a>;<br /> + Abstumpfung der G. <a href="#Seite_45">45</a>;<br /> + Verstärkung der G. <a href="#Seite_45">45</a>.;<br /> + gemischte G. <a href="#Seite_46">46</a>;<br /> + Bedeutung der G. <a href="#Seite_50">50</a> ff.<br /> + +Gefühlston <a href="#Seite_40">40</a>.<br /> + +Gehen <a href="#Seite_63">63</a>.<br /> + +Geisteskrankheit <a href="#Seite_19">19</a>.<br /> + +Gemeinvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Gemüt <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Geruch <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Geschmack <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Gesinnung <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Gewohnheit <a href="#Seite_62">62</a> f.<br /> + +Gomperz <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Grundgesetze des Denkens <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br /> + +<br /> +Hegel <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Heinze <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Heraklit <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Herbart <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Höffding <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Höfler <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Hörzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Hume <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Hypothese <a href="#Seite_137">137</a> f.<br /> + +Hypothetisches Urteil <a href="#Seite_77">77</a> ff. <a href="#Seite_85">85</a>-93. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +<br /> +Idealismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Ideenassoziation <a href="#Seite_28">28</a> f.<br /> + +Indeterminismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br /> + +Individualbegriff <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Individualvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Induktion <a href="#Seite_98">98</a>. <a href="#Seite_132">132</a> ff.<br /> + +Induktionsschluß <a href="#Seite_121">121</a> f.<br /> + +Instinkt <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Intellektuelle Gefühle <a href="#Seite_42">42</a>.<br /> + +Jodl <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Kant <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br /> + +Kausalität <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Kettenschluß <a href="#Seite_118">118</a>.<br /> + +Klarheit <a href="#Seite_72">72</a>.<br /> + +Kontradiktorischer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a>.<br /> + +Kontraposition <a href="#Seite_92">92</a> f. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +Konträrer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a> f.<br /> + +Konversion <a href="#Seite_90">90</a> ff. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +Külpe <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Lachen <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Lebensgefühl <a href="#Seite_46">46</a> f.<br /> + +Leibniz <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Leidenschaft <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Lipps, Th. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Locke <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>Logik 8. 13. 66 ff.<br /> + +Lokalisationstheorie <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Lokalzeichen <a href="#Seite_38">38</a>.<br /> + +Lotze <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_38">38</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +<br /> +Materialismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_19">19</a>.<br /> + +Metaphysik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +Mill, J. St. <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_112">112</a>. <a href="#Seite_133">133</a> ff. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Mitgefühl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br /> + +Mittelbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Modale Konsequenz <a href="#Seite_96">96</a>.<br /> + +Motiv <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Motorisches Zentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Müller, Joh. <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +<br /> +Nachahmungsbewegung <a href="#Seite_55">55</a>.<br /> + +Nachbilder <a href="#Seite_24">24</a>.<br /> + +Nervensystem <a href="#Seite_19">19</a> f.<br /> + +Neukantianismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Neuplatoniker <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +<br /> +Oberbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Opposition <a href="#Seite_94">94</a> ff.<br /> + +<br /> +Parallaxe <a href="#Seite_37">37</a>.<br /> + +Partialgefühle <a href="#Seite_45">45</a>.<br /> + +Paulsen <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Pessimismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_40">40</a>.<br /> + +Petrus Hispanus <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Physiologische Psychologie <a href="#Seite_15">15</a>.<br /> + +Physiologische Zeit <a href="#Seite_53">53</a>.<br /> + +Plato <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Positivismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Prämissen <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Psychologie <a href="#Seite_12">12</a>. <a href="#Seite_14">14</a> f.<br /> + +Phytagoreer <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +<br /> +Rationalismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Raumvorstellung <a href="#Seite_36">36</a> f.<br /> + +Reflexbewegungen <a href="#Seite_53">53</a>.<br /> + +Reflexhemmungen <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Rehmke <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Religion <a href="#Seite_8">8</a> f.<br /> + +Religiöse Gefühle <a href="#Seite_43">43</a>.<br /> + +Reproduktion <a href="#Seite_30">30</a>.<br /> + +<br /> +Schauspielkunst <a href="#Seite_61">61</a>.<br /> + +Schelling <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Schluß <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br /> + +Schlußfiguren <a href="#Seite_103">103</a> ff.<br /> + +Schmerz <a href="#Seite_41">41</a>.<br /> + +Scholastiker <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Schopenhauer <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br /> + +Schrift <a href="#Seite_61">61</a>.<br /> + +Seelenvermögen <a href="#Seite_20">20</a> f.<br /> + +Seele und Körper <a href="#Seite_16">16</a> f.<br /> + +Sehzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Selbstgefühl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br /> + +Sigwart <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Sinnesenergie, spezifische <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +Sinnestäuschungen <a href="#Seite_12">12</a>.<br /> + +Sittliche Gefühle <a href="#Seite_43">43</a>.<br /> + +Sokrates <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Sophisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Sorites <a href="#Seite_118">118</a>.<br /> + +Spencer <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Spinoza <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Spiritualismus <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Sprache <a href="#Seite_32">32</a> f. <a href="#Seite_60">60</a> f.<br /> + +Stimmung <a href="#Seite_47">47</a>.<br /> + +Stoiker <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Subalternation <a href="#Seite_93">93</a> f.<br /> + +Syllogismus <a href="#Seite_98">98</a> ff. <a href="#Seite_110">110</a> ff.<br /> + +System <a href="#Seite_138">138</a> f.<br /> + +<br /> +Temperamente <a href="#Seite_48">48</a>.<br /> + +Thales <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Tiefenvorstellung <a href="#Seite_38">38</a>.<br /> + +Totalgefühle <a href="#Seite_45">45</a>.<br /> + +Trauer <a href="#Seite_69">69</a>.<br /> + +Traumzustand <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Trendelenburg <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Trieb <a href="#Seite_55">55</a> f.<br /> + +Trugschlüsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br /> + +<br /> +Überweg <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Übung <a href="#Seite_29">29</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_62">62</a>.<br /> + +Umwandlung der Relation <a href="#Seite_93">93</a>.<br /> + +Unbewußte Zustände <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Unterbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Urteil <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_74">74</a> ff.;<br /> + Einteilung der U. <a href="#Seite_75">75</a> ff.;<br /> + analytische u. synthetische <a href="#Seite_88">88</a> ff.<br /> + +Urteilsarten <a href="#Seite_81">81</a> ff.<br /> + +<br /> +Vernunft <a href="#Seite_34">34</a>.<br /> + +Verstand <a href="#Seite_34">34</a>.<br /> + +Volkelt <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Volkmann <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Vorsatz <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Vorstellung <a href="#Seite_24">24</a> f. <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Vorstellungsverlauf <a href="#Seite_25">25</a> ff.<br /> + +<br /> +Wahrnehmung <a href="#Seite_24">24</a> f.<br /> + +Webersches Gesetz <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +Widerlegung <a href="#Seite_130">130</a>.<br /> + +Wiederholung <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +Wille <a href="#Seite_52">52</a> ff.; <a href="#Seite_65">65</a> f.<br /> + +Willenszeit <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Windelband <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Witz <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Wortblindheit <a href="#Seite_24">24</a>.<br /> + +Wundt <a href="#Seite_49">49</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Wunsch <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +<br /> +Zeitvorstellung <a href="#Seite_35">35</a> f.<br /> + +Zeller, E. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Zerstreutheit <a href="#Seite_30">30</a>.<br /> + +Ziehen <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Zirkel <a href="#Seite_126">126</a>.<br /> + +Zorn <a href="#Seite_65">65</a>.<br /> +</p> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/44442-h/images/abb_100.png b/44442-h/images/abb_100.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b114a20 --- /dev/null +++ b/44442-h/images/abb_100.png diff --git a/44442-h/images/abb_101_1.png b/44442-h/images/abb_101_1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..00dee85 --- /dev/null +++ b/44442-h/images/abb_101_1.png diff --git a/44442-h/images/abb_101_2.png b/44442-h/images/abb_101_2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c819154 --- /dev/null +++ b/44442-h/images/abb_101_2.png diff --git a/44442-h/images/abb_102.png b/44442-h/images/abb_102.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fd55e21 --- /dev/null +++ b/44442-h/images/abb_102.png diff --git a/44442-h/images/abb_104_1.png b/44442-h/images/abb_104_1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..392f4ed --- /dev/null +++ b/44442-h/images/abb_104_1.png diff --git a/44442-h/images/abb_104_2.png 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Psychologie und Logik + zur Einführung in die Philosophie + +Author: Theodor Elsenhans + +Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +--------------------------------------------------------------+ + | | + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Der Originaltext war in Fraktur gesetzt und enthielt Text in | + | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich | + | um hervorgehobene Begriffe handelt, einzelne Zeichen dagegen | + | sind nicht markiert. 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Göschen'sche Verlagshandlung + 1904 + + + _Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von + der Verlagshandlung vorbehalten._ + + Herrosé & Ziemsen, Wittenberg. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + +Einleitung. + + Seite + § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7 + § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9 + § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11 + + +Psychologie. + + § 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14 + + Abschnitt 1. Seele und Körper. + + § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von + Seele und Körper 15 + § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen + Erscheinungen 17 + § 7. Das Nervensystem 19 + + Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + § 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20 + + 1. Das Erkennen. + + § 9. Die Empfindung 21 + § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24 + § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25 + § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30 + § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32 + § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34 + + 2. Das Fühlen. + + § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39 + § 16. Die körperlichen Gefühle 41 + § 17. Die geistigen Gefühle 42 + § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44 + § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44 + § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46 + § 21. Die Temperamente 48 + § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49 + § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50 + + 3. Das Wollen. + + § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52 + § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55 + § 26. Die Freiheit des Willens 57 + § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59 + § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62 + + Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der + Seele voneinander. + + § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente + voneinander 64 + + +Logik. + + § 30. Die Aufgabe der Logik 67 + + I. Teil: Elementarlehre. + + 1. Die Begriffe. + + § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69 + § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71 + § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72 + § 34. Die Arten der Begriffe 72 + + 2. Die Urteile. + + § 35. Das Wesen des Urteils 74 + § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75 + § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79 + § 38. Übersicht der Urteilsarten 81 + + 3. Die Schlüsse. + + § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85 + + A. Der unmittelbare Schluß. + + § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88 + § 41. Die Konversion 90 + § 42. Die Kontraposition 92 + § 43. Die Umwandlung der Relation 93 + § 44. Die Subalternation 93 + § 45. Die Äquipollenz 94 + § 46. Die Opposition 94 + § 47. Die modale Konsequenz 96 + § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96 + + B. Der mittelbare Schluß. + + § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98 + + § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der + kategorischen Schlüsse 100 + § 51. Die erste Figur 103 + § 52. Die zweite Figur 105 + § 53. Die dritte Figur 107 + § 54. Die vierte Figur 108 + § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu + den Prämissen 109 + § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110 + § 57. Der hypothetische Schluß 113 + § 58. Der disjunktive Schluß 115 + § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117 + § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118 + § 61. Der Induktionsschluß 121 + § 62. Der Analogieschluß 122 + + II. Teil: Methodenlehre. + + § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123 + + 1. Die Begriffsbestimmung. + + § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124 + § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125 + + 2. Die Einteilung. + + § 66. Das Wesen der Einteilung 126 + § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127 + + 3. Der Beweis. + + § 68. Der Beweis und seine Arten 129 + § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130 + + 4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + § 70. Die verschiedenen Methoden 131 + § 71. Das induktive Verfahren 132 + § 72. Das deduktive Verfahren 136 + § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die + Hypothese 137 + § 74. Das System 138 + + Literatur 140 + + Namen- und Sachregister 143 + + + + +Einleitung. + + +§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie. + +_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat, +Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens +herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem +Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von +Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu +Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft +jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der +Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu +erforschen. + +Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer +Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im +Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet +hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf +unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in +sich schließt. + +_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der +Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der +Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt +sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an +jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der +Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie +es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in +Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt. + +Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor, +deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung +von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung +empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische +Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_, +das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen +einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen +treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der +menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat, +Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken, +als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der +Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide +Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder +Geisteswissenschaft zusammenwirken. + +Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der +Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich, +auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des +Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu +untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die +Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft +beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze +auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen +(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir +der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und +Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie +nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische +Erkennen unerreichbar angesehen wird. + + +§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie. + +Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1 +bezeichneten Aufgaben zu lösen. + +Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die +_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen +Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die +_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz +zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich +verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten, +unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, +Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk +eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach +vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles +bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen +Philosophen der Folgezeit neu begründet werden. + +Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die +griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst +und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399) +beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den +Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer +Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_ +(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens +zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger +durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der +damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der +Philosophie hereinzog. + +Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten +den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die +Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_ +forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten +einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit +unmittelbar anzuschauen. + +Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des +Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber +erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht. + +In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen, +eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste, +hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem +Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_, +_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und +_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von +den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_ +(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich +(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch +_Spinoza und Leibniz_. + +Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_ +(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und +seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für +die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während +_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und +Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah +_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der +Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und +gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete +Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten +_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus +neu zu gestalten. + +In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische +Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der +_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie +zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der +_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in +selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann. + +Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der +_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht +auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und +England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein +naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht +sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend. + + +§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik. + +Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich +zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders +eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern +philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik +zu. + +Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der +Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung +der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie +ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen, +daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand +entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß +das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen +selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig +ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme +wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So +erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung +überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen, +nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke +haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung +entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir +etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%, +steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen +Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_, +wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der +Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des +philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die +Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann. +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß +die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem +Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. +Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften +überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik, +Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren +Abschluß in der Metaphysik. + +Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die +Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die +Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und +Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und +deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur +Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern +bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist +aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet, +weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der +schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet. + +Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten +vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der +Psychologie sind. + + + + +Psychologie. + + +§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie. + +Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie, +welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren +Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere +Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu +erklären sucht. + +Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach +der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem +Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu +anderen Seelen. + +Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst +rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens +und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur +wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische +Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom +festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme +weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale +Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung +und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_ +Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und +z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten +und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt. + +Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie. + + +Abschnitt I. Seele und Körper. + + +§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und +Körper. + +Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft +mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig +die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich +mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der +Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_, +d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die +unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von +Seele und Körper. + +Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber +von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton +hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der +Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen +keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß +fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen +entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die +Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu +werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu +setzen. + +Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von +Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier +Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche +Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers +(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines +oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder +man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle +möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen +oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele +und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens, +stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung +(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus). + +Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus +nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die +endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen +Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die +tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die +durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten, +soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser +Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese +Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus +zusammengestellt werden. + + +§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen +Erscheinungen. + +Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich +unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_: + +1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf, +während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere +Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig. + +2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das +_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe +oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der +Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller +Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische +Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein, +und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur +auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper +verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden. + +Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt +nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche +Merkmale anderer Art: + +1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_, +_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder +Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es +tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch +Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das +Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör +durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der +religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als +absolute Einheit sich versenkt. + +2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der +Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in +Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und +werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber +nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_ +oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch +ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein +solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur +vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele +ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche +_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung +gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit +der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne +sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen +Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu +verbinden. + +Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier +Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen +Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe +Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es +ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_. + +An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im +Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus +zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche +die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung +früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin +aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die +einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und +mit deren Resultat gegenwärtig. + + +§ 7. Das Nervensystem. + +Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle +Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In +unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße +Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich +zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese +stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung +(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine +Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das +allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird. +Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem +Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der +Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden +Glieder zu vermitteln. + +Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte +Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen +(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat +geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder +Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der +Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der +darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte +populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte +der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der +dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen +werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der +Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die +Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum, +Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein +anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, +Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind. +(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl. +Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der +Psychophysik.) + + +Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + +§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”. + +Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von +_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und +eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen +Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf +die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das +Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem +befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige +Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”, +teils was die Dreiteilung betrifft: + +1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele +nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch +keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem +Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt. +Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen +Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in +Klassen einteilen. + +2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen, +das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum +einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen +das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit +in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit +nicht gibt. + + +1. Das Erkennen. + + +§ 9. Die Empfindung. + +Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele +zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist +zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, +und schließt drei Hauptmomente in sich: + +1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten +sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem +Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch +Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das +erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören +durch die Schwingungen des Äthers, der Luft. + +2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz +veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum +des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv +durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung. + +3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten, +Riechen, Schmecken. + +Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie +veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum +auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir +können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der +Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf +Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit +Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b +ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage +aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der +Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann. +Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch +merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu +welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches +Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in +geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in +arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von +3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich +werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg +mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die +verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese +sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein +_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke +bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen, +also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 +gefunden. + +Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht +durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische +Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_ +erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter +tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die +Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das +Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache +führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer +_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes +einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade +die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln. + +Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon +aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. +„_Nachbilder_”. + +Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton, +oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene +Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich +sehen und hören. + + +§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung. + +Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz +aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der +Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann +_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn +die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine +bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so +kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine +Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild +des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben +Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als +dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt. +Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen +Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch +vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der +_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das +Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner +Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets +zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der +Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da +hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, +sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als +gleichbedeutend gebraucht. + +Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen +Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern +_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie +wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie +Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die +Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch +wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_ +verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der +auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen +wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in +dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem +Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, +Schopenhauer.) + + +§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen. + +Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst +haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese +Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit +neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen +von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten. + +Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der +Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt +die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt +zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, +die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer +mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr +auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den +Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser +Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren +Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder +bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich +lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des +Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben +unter krankhafter Einseitigkeit. + +Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie +_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie +aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist +die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren +Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß +auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien +Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue +Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der +Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der +Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen +Vorstellungen _wiederkehren_? + +Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt +aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, +wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der +Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die +unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes +(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel +ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir +aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben +unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur +beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden. + +In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_. +Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung +des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge +beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird +nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies +Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke +von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort +Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden +sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als +Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet. + +Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein +auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, +so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere +hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. +Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen +oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und +beruht: + +1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer +Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen +hervor. + +2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_ +(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das +strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines +Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese +Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst +die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen +Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks +miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser +Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer +zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch +Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung +eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines +auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je +häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen +dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier +eine große Rolle (s. § 28). + +Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei +das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern +verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz +der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses +Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich +verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß +allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich +vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung +ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur +eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich +befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. +Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre +_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das +vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer +Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden +Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der +alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter +e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins +Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand +für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende +_Interesse_ ist, das wir an ihm haben. + + +§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis. + +Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei +Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die +_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und +Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung +festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_. + +Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_ +Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns +herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben +zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. +eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere +unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit +entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit +veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder +Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, +gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie +von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, +daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der +Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so +entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_. + +Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir +können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”, +indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten +ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit +andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen +uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern +Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_ +durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns +durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung +gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur +schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in +derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf +_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren +inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere +Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie. + +Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_ +und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen +entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch +zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte, +Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der +Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene +Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B. +für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene +Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und +visuelles Gedächtnis unterschieden. + + +§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken. + +Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B. +die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus +Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen, +Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung +eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese +Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_ +in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran +haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die +Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur +feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen. + +Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich +jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er +sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele +ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die +allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die +allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen +die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres +Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt. + +Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten +aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie +nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem +Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen +für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen +einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die +Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_ +Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die +_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die +Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch +entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser +Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden. + +Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung +genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes +übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als +_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter +Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus +der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von +_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen +_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der +Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was +dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der +bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt +oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen. +Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der +Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach +bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So +bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen +und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff +Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale: +Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und +Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der +Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B. +das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung +eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den +beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im +Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als +Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse +zustande kommen, ist Aufgabe der Logik. + +Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit +Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem +„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der +Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen +der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden, +des „Übersinnlichen” gerichtet sei. + + +§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen. + +Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen +Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich +zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, +den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen +finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen, +Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende +Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen +Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt +diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden +Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer +Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform, +durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_. + +Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt +zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben +wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr +ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von +irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen; +denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns +vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl +verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die +Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit, +losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der +räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit +bestimmten Abschnitten möglich. + +Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit +Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir +dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen +Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der +_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres +Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft +vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen +Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen +Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt +sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und +wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit +aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen +der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen +gezählt werden. + +Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes +haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so +erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_ +gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so +enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten +eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem +ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei +Dimensionen. + +Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem +Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben +wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das +Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren +Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich +geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das +Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer +schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen +Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer +Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch +daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist, +oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und +nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in +mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende +Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer +oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich +von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und +Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und +Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder +geringere Deutlichkeit der Umrisse. + +Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die +Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe +der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu +einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei +verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt +ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei +einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung +durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand +zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach +verwendet. + +Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines +Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener +Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein +Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel +als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. +Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_ +bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den +Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum +bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten +Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere +Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den +verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und +damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt +dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und +Begrenzung der Körper. + +Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß +_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl +die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von +den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die +Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der +Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst +noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den +dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je +nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb, +Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt +werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen +werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung +des Raumes zu erweitern. + +So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein +einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet +sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem +_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_ +auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß +die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses +Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir +wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig +eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von +b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch +die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist. +Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu +untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende +Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach +diesem Kausalitätsgesetz zu deuten. + + +2. Das Fühlen. + + +§ 15. Wesen und Arten des Gefühls. + +Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden +sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich +allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz +die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der +Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als +die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der +Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem +Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, +daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als +Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen +und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, +sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das +_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_, +den wir ihnen beilegen. + +Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die +Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder +Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften +Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines +schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will, +sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme +addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß +die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für +die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.) + +Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher +beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an +ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach +ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen +Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen +herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen +Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen -- +Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und +Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind -- +unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein +gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die +intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle. + + +§ 16. Die körperlichen Gefühle. + +Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die +_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig. +Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu +einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton +zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, +wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich +mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits +kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer +Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden. + +Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche +Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize +haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, +_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im +Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur +in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit +deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen +unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie +vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die +Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne +begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine +Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen +von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer +Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von +Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke +Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist. + + +§ 17. Die geistigen Gefühle. + +Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände, +durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen +selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die +dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers +verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes +Wort hervorgerufen wird. + +_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der +Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von +Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen +Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer +Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, +Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die +_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie +sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des +menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit” +(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein +Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der +vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt +zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische +Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das +Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die +Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der +_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem +Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm +geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich +ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches +Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung +folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum +Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade +nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser +Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist, +werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen +des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des +Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter +(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten +Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das +_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu +Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem +sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt, +werden zu Trägern sittlicher Ideale. + + +§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer. + +Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß +es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen +beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_, +z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer +bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_, +beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu +unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe, +Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit +gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen +frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch +größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren +Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist +das _Gemüt_. + + +§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle. + +Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen +sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die +Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl +auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. +Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung +vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben +Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der +betreffenden Umstände. + +Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den +Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der +Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes +Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_. +Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen +Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust +ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand +der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger, +als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie +in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur +ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz. + +_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der +häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. +Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt +Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung +in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen +Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die +wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen +Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem +die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des +Tonstücks eindringt. + +Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem +_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen +höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt +sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes +aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der +Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der +Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen. + +Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse +Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten +Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von +Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran. + + +§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung. + +Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das +sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick +unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein +allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen +entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen +unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers +beziehen, nicht „lokalisieren” läßt. + +Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern, +setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören: + +1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu +_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen. + +2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber +auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz. + +3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im +Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens +gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier +Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des +Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das +Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der +„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen +Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl +die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte +Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen. + +Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die +Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine +Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet +haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_ +Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der +_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_ +bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl. + +Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des +„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die +Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise +verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit +auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung +damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige +Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so +sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis +entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen +des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt, +ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die +gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in +einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal +gewesen zu sein. + + +§ 21. Die Temperamente. + +Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender +Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter +Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, +wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen +sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der +körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es +eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht +schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente +herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: +das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke +zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen) +und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_: +dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen). + +Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen +Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der +gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_ +Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung, +daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der +Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere +Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_: +starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der +Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_: +große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber +Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft +zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele. + +_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der +Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit, +und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente: + + _Starke:_ _Schwache:_ + + _Schnelle_ cholerisch sanguinisch + _Langsame_ melancholisch phlegmatisch. + +Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt, +und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit +zu vermeiden. + +Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker, +Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in +jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art +angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen +der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust. + + +§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl. + +Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir +machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst, +bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch +der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird. +Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden +Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus, +daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, +die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste +Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im +„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen +Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden, +zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im +Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich +auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist, +das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen +Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder +dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen. + + +§ 23. Die Bedeutung der Gefühle. + +Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das +menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach +auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine +Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der +Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt +als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem +Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit +einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst +bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch +ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des +geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die +daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist +nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste +Aufgabe der Lebensklugheit. + +Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der +umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung +auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem +Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die +theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht +nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so +vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit +verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar +nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender +Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm +verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so +geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die +Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt +unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl. + +So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust, +die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des +einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte +der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der +Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, +die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler +Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung +entgegenführen. + + +3. Das Wollen. + + +§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen. + +Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des +Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen +Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer +eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des +Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu +bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden +Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher +auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum +eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht +werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden +soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung. + +Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst +Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom +Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen +Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in +Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten +Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder +eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich +kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen +Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt, +allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden +können. + +Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche +_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines +Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die +Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt +Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung +nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der +eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber +ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu +jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß +diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung +unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei +Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch +wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar +noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger +Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen +Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die +sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche +zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer +Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und +durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen +Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen +Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die +motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur +Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den +elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft +weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der +Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der +durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen +bringt. + +Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen +Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der +bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens +oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die +Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie +werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung, +mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die +_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen +_Reflexhemmungen_. + +Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des +_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln +zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie +gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine +Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer +Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei +geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten +ihrer Gattung angesehen werden müssen. + +Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne +eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer +zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_ +der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren +Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines +Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern +unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung +einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß +der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt +sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung +gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas +anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung +infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück. + + +§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen. + +Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt +näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto +enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So +unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr +oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der +Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz +erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_ +über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem +zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes +gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden, +zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt +leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung +begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem +das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die +Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das +Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also +der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_. + +Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar +zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten +mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr +bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es +entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der +Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel +anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung +entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher +Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die +Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn +sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden: +„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen +Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die +Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form +des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern, +desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der +Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet +haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit +haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der +unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung +entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des +Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig +ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die +strafrechtliche Beurteilung. + +_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht, +daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun +auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur +erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt +in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen +Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen +wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht +werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, +diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer +inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, +sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, +jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen. + + +§ 26. Die Freiheit des Willens. + +Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß +faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern +Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben +vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich +vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese +Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, +ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist, +die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz +außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der +Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes: + +1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des +Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben +müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit +des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt +weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen. + +2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_ +hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das +Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß +man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt +hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde +Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung +bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen +Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an +eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und +aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben. + + +§ 27. Die Ausdrucksbewegungen. + +Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen +innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren +Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen +und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie +verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen +Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser +Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in +äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch +_Gebärden_ genannt. + +Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die +aber häufig zusammenwirken: + +1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum +Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen +erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. +Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der +Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck +körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern +es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der +Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in +Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein +Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier +besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in +einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das +_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. +Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln +begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind. + +2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher +Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche +der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind. + +3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch +mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der +Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des +betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden. +So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das +Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und +dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird. + +Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die +_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den +gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in +ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. +Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden +begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer +unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche +Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten +_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird, +wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die +erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer +Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das +Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_: +zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und +dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde +die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die +Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die +Ausbildung des Denkens überhaupt. + +Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer +Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren +Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die +natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, +hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den +inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen +ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt, +so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht +„Ausdruck” eines Innern ist. + + +§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter. + +Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das +geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere +Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen +Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch +Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die +Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder +kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel +dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der +Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen +Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden +wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der +Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben +(vgl. o. S. 36). + +Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von +den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die +motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche +gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. +die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für +unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das +eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt +sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der +betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch +Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe +in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben +geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange +her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist +uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als +ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: +das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu +erklären. + +Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung +erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer +besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen +Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt +scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall +der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des +Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, +und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder +Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der +Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch +hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein. + +Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich +einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber +macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der +Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns, +einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf +sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen +Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind. +Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene +Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige +Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine +besondere Entscheidung des freien Willens statt. + + +Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele +voneinander. + + +§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander. + +Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon +erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht +entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten +Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer +ergeben, wie eng sie zusammengehören. + +1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist +das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es +verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert, +den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für +uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst +würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und +diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, +die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des +_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt. + +2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von +Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt, +um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit +den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie +sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine +deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung +der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die +höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen, +religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf +sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann +wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen +Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls +verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann +mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es +sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter +Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen +läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, +in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den +Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur +dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen +wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie +eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen +Strebens verhindert. + +3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er +bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses +Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die +Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen +Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu +erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand +ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen +planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige +Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur +Leitung des Willens aufgestellt werden. + +So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der +verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen +Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille +vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches +Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen +vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und +_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale +Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen +Geistes. + + + + +Logik. + + +§ 30. Die Aufgabe der Logik. + +Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_. +Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der +Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner +_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen +Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie +das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik +hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das +geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die +Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der +Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt. + +Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben, +_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das +nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, +dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber +der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt +werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung +vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich +zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir +auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis +des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen +Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die +Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_ +abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht +vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit +gelten zu können. + +Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges +Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das +richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir +finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu +denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die +Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen, +unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande +kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab +_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von +gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat, +durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie +unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das +Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen +eigenen Gesetzen. + +Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik +_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die +Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß +die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der +logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen +angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die +Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn +wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt, +so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist +diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder +besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie +und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer +klaren, sicheren Methode abhängig ist. + +Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den +_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese +Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft +als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des +wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik +einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_. + + +I. Teil. Elementarlehre. + + +1. Die Begriffe. + + +§ 31. Der Begriff und seine Merkmale. + +_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in +einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. § +13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird, +gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so +nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht +werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können, +_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale +des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang; +außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl +gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in +keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der +Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder +die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang +zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der +Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich +wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks +schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann +aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden. + +Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in +_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_ +eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen +zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein +ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der +Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben. + +Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet +wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren, +sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten +sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen +wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen, +indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen +aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen. + + +§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs. + +An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit +der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der +Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und +Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate, +Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier: +organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere, +Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w. + +Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale +aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu +eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff +Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält, +denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid +ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit +dem Begriff des Vierecks zusammen. + +_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je +größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und +Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis +zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang +des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld +und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal +Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von +Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion). + + +§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe. + +Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt +die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn +man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann, +was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung +möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von +Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für +sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der +von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine +klare Vorstellung hat. + + +§ 34. Die Arten der Begriffe. + +Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_ +Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale +enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; +zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil. + +Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man +_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und +_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der +unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man +_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder +aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen +nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der +Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der +Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen +können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt +der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier, +organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren +Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im +Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet +werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann +auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert +besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, +Individuum. + +Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet +sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B. +Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem +gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz +(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den +Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und +ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_ +Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie +sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen +sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt, +ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer +sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden +zugleich. + +Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach +Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und +der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der +Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der +nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders +hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres +Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_, +wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und +gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man +diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen +höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und +Tapferkeit. + + +2. Die Urteile. + + +§ 35. Das Wesen des Urteils. + +_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe, +der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die +sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird +etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das +_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung +beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula +ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das +Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet +wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus +(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist +geflügelt. + + +§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile. + +Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von +Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei +jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_, +_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_. + + +1. Die Quantität. + +Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das +Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle +Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das +Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind +P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_ +Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P; +Bismarck ist ein großer Mann. + +Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der +_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil +könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das +Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall, +daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur +von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine +besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als +selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so +daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige +S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind +sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein +vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung, +oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, +hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß +unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem +unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die +Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf +einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen. +Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines +Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt, +an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben +gleiche Diagonalen. + + +2. Die Qualität. + +Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder +affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2. +_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3. +_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten +Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P. + +Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie +fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden +diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist +nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen +Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses +unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich +nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht +alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr +ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen. + +Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben +sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben +a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P +(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär +bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S +sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe) +und %nego% (ich verneine) entnommen. + + +3. Die Relation. + +Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache +Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt +etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so +entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches +aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten +jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind +entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder +die Franzosen oder die Deutschen werden siegen. + +Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des +Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und +Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird, +noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als +_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die +Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen +sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise +auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich +die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der +Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist, +so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es +auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist, +so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat. + +Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher +Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang +des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist +R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern +im _konträren_ Gegensatze stehen. + + +4. Die Modalität. + +Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_, +wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als +Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren +Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_, +deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein. + +Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen +Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive +Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des +Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive +Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts +Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine +Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit +eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des +Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der +es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft +Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen +assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil, +also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird. + + +§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile. + +Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und +zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_ +Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und +_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen, +unterschieden. + +Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten +hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet: + +1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere +Prädikate bejaht oder verneint. + + { sowohl } { als } { als } + S ist { } P { } P^1 { } P^2. + { weder } { noch } { noch } + +2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe +Prädikat bejaht oder verneint. + + Sowohl } { als } { als } + } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P. + Weder } { noch } { noch } + +3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen +Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P +teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum +disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv +ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder +gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils +krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck +voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von +denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder +gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach +seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien +(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen +sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von +Ewigkeit her oder geworden. + +Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit +dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven, +zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen +Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein +keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch +bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als +einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides +besitzen. + +Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das +konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes +Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene +selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil +in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine +Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann +neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn, +obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden; +alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich +daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen, +sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile, +die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer +sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile. + +Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten +lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das +_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und +Prädikats tretenden Sätzen. + + +§ 38. Übersicht der Urteilsarten. + +Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und +Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen +verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten +Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der +allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe +(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt +oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch +genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der +Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die +verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen +wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als +einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den +Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und +Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich +ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben: + + +I. Nach den Subjektsformen. + +1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile: + + a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten + Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen + bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön. + + b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten + Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_ + deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb. + +2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität): + + a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches + Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen + Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der + sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form + gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet. + Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_. + + b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils + _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt + bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt. + + c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter + Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs + des Subjektsbegriffs_: + + mindestens } + } einige S sind P. + nur } + + d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die + unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund + der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines + Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem + letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner, + auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt, + z. B.: das Tier hat Empfindung. + + +II. Nach den Prädikatsformen. + +Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen, +wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht +oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_ +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen +gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren +_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der +Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den +Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln. + +Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion +selbst modifizieren. + +1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff, +in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist +Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier. + +2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine +Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich. + +3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt +beigelegt: Schnee ist weiß. + +4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf +einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten +Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene +_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön; +die Bewegung der Brieftaube ist schnell. + +5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen +verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier +ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein +ausgesprochen. + + +III. Nach den Beziehungsformen. + +Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das +Subjekt bezogen wird: + +1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_ +(Qualität): + + a) _Bejahende Urteile_: S ist P. + + b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P. + +2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation): + + a) Kategorische: S ist P. + + b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B. + + c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D. + +3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität): + + a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist + vielleicht P. + + b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein. + +Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich, +nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a), +2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I. +unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c), +3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter +1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b). + + +3. Die Schlüsse. + + +§ 39. Die Grundgesetze des Denkens. + +Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar +Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim +Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden. + +Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt. + +1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in +seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist +sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der +_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem +Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden. + +2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%) +lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in +derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.” +_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist +nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus +der Wahrheit des einen die Falschheit des andern. + +3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi +tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte +Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch +sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist +ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des +andern. + +4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis +sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._ +Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im +Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des +logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit +der Folge der Grund aufgehoben._ + +Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der +des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich +betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in +Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist +nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine +_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität +eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies +ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der +Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_ +beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der +Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger +Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können +nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu +verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B, +nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist. + +Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu +unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische +Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden +veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder +_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die +Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das +Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine +Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu +knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer +Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht +zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für +mathematische Folgerungen bilden. + +So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des +Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem +es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige +Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7). + + +A. Der unmittelbare Schluß. + + +§ 40. Der Schluß aus einem Begriff. + +_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren +anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt +_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer +Schluß_. + +Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils +gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff +abgeleitet werden können. + +Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem +Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der +vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: „In +allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat +gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. +Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem +Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer +dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte +durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne +Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren +könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen, +weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe +zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren; +dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat +hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine +Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.” So ist +nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches, +denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das +Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein +synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also +auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil +gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt. + +Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei +Seiten berichtigt werden. + +1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt +mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe +Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den +andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere +schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht +aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des +Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein +analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann +nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig +ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist +wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine +besondere Art des Schlusses anzusehen. + +2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber +zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_ +ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne +ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose, +die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein +synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose +veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für +ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen. + + +§ 41. Die Konversion. + +Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung +des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen +aufgeführt. + +Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin, +daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im +kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum +Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der +Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne +Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio +per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%). + +Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität: +allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e +und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes: + +1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten +Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine +Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der +Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle +gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der +Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt +sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in +den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich +decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter +Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur +unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist. + +[Illustration: a.1.] + +2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind +regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In +dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden +gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist +die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle +Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und +4., wo sich wieder i ergibt. + +[Illustration: i.1. 2. 3. 4.] + +[Illustration: e.] + +3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich, +kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind +vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S. + +4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist +das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus +gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus +möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als +Subjekt daraus ableiten. + +[Illustration: o.1. 2. 3.] + + +§ 42. Die Kontraposition. + +Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung, +das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die +Qualität des Urteils wird verändert. + +1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S +oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt +auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser +Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt, +alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch +außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist. + +2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP +S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es +jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts +Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut. + +3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige +NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S +außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.: +einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig. + +4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige +NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4. +zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die +Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige +NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S. + + +§ 43. Die Umwandlung der Relation. + +Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung +der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B, +kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es +B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist, +so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere +hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder +B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so +ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen +stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen +sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_ +aussprechen. + + +§ 44. Die Subalternation. + +Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen +Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem +Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des +partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen +Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der +Unwahrheit von i die von a. + + +§ 45. Die Äquipollenz. + +Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des +Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz: +%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil +hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.: +jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich +wäre. + + +§ 46. Die Opposition. + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der +Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird +_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem +kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im +kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine +dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende +und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das +partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen +Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere +Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das +partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B. +falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von +hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis +unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär +verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der +_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen +gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte +auch auf einen Teil desselben beziehen. + +Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema +veranschaulichen: + + A -- Konträrer Gegensatz -- E + + | \ / | + | \ / | + + K z + o t + n a + t s + r n + a e + d g + i e + U k G U + n t n + t o r t + e r e e + r i h r + o sc o + r i h r + d r e d + n o r n + u t u + n k G n + g i e g + d g + a e + r n + t s + n a + o t + K z + + | / \ | + | / \ | + + I -- Subkonträrer Gegensatz -- O + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden +Regeln: + +1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr +entgegengesetzten. + +4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden +subkonträren. + + +§ 47. Die modale Konsequenz. + +Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der +Urteile verändert wird; dann folgt: + +1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden +assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des +assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der +Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch +tatsächlich zwei Rechte. + +2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des +assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des +apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist +es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein. + + +§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse. + +Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer +Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale +Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie +Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche +Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch +Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige +sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter +entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung +der logischen Formen schärfen. + +Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition. +Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen +Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein +bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat +nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind. +Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die +wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig +ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der +Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet +sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht. + +Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch +dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in +denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere +Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem +Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem +Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom +hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die +genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a: +Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus, +daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des +Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A +nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß, +wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft +ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A +gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck +des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund +aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen +wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der +Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so +wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch +noch an andere Gründe geknüpft. + + +B. Der mittelbare Schluß. + + +§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses. + +Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das +Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im +ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten +_Induktion_. + +Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein +_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. +Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen +_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil +_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den +Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff +gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der +im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das +Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das +untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den +Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige, +welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%) +enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die +_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%). + +Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in +verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung +des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen +Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in +der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten +offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat +und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit +S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen +sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen: + + 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M + S M S M M S M S + --- --- --- --- + S P S P S P S P + +Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die +vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus († 200 n. Chr.); sie wird +daher die galenische genannt. + +Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von +Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16 +Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste +Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht. + + a a e a i a o a + a e (e e) (i e) (o e) + a i e i (i i) (o i) + a o (e o) (i o) (o o) + +Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder +Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl +als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren +gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen +Figuren widersprechen. + + +§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen +Schlüsse. + +1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis +nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich. + +a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß +sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da +aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses +Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von +Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende +Veranschaulichung durch Kreise zeigt: + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_: +e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die +unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch +die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von +a) nur vermehrt ist. + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b) +Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere. + +Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo. + +2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere +particularibus nihil sequitur%). + +a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der +Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das +Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die +folgenden Figuren, die alle i i entsprechen. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär +verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe +von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. +die Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4.] + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt +sich mit 1. c). + +Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12 +weitere Modi. + +3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_ +ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz. + +a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein +verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser +Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der +Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als +Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der +Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden +Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes +Resultat, vgl. Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und + +c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und +2. ausgeschlossen. + +Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi +im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern +bezeichnet sind. + +Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze +der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die +übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch +Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und +anschaulicher ist der Beweis durch Kreise. + + +§ 51. Die erste Figur. + +Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als +Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen +auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz +verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben +nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von +Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen +Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des +Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein +bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi +der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt: + + %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque. + Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae. + Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton, + Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae + Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.% + +1. Barbara + +hat die Form + + M a P Alle Menschen sind sterblich + S a M Alle Könige sind Menschen + ------------------------------------ + S a P Alle Könige sind sterblich. + +[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.] + +Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus +entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen +oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der +selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt. + +2. Celarent + + M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum + S a M Alle Logiker sind Menschen + ----- -------------------------------- + S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P +getrennt sein. + +3. Darii + + M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind + regelmäßige Figuren + S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel + ----- -------------------------------------------------- + S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen +mindestens diese „einige S” auch in P liegen. + +4. Ferio + + M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert + S i M Einige Güter sind vergänglich + ----- ------------------------------------------ + S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M +sind, ebenfalls außerhalb P liegen. + + +§ 52. Die zweite Figur. + +Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß +allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1. +fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls +4 übrig: ea, ae, ei, ao. + +1. Cesare + + P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz + S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz + ----- -------------------------------------- + S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte. + +[Illustration: 1. 2.] + +Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P +getrennt sein. + +2. Camestres + + P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem + gehörenden Weltkörper muß die Bahn des + Uranus vollständig bestimmen + S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems + aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus + vollständig + ----- ------------------------------------------------ + S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres + Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen. + +Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun +durch Galle (1846). + +Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen +vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe. + +3. Festino + + P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit + S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit + ----- ------------------------------------------------- + S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst. + +Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M +fallen, von P getrennt sein. + +4. Baroco + + P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die + rechte Gesinnung + S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte + Gesinnung + ----- --------------------------------------------------------- + S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen + Menschen. + +Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M +fallen, auch nicht in Kreis P fallen. + + +§ 53. Die dritte Figur. + +Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz +bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig +bleiben. + +1. Darapti + + M a P Alle Wale sind Säugetiere + M a S Alle Wale sind Wassertiere + ----- ---------------------------------------- + S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere. + +Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer +Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen +Beweise. + +2. Felapton + + M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ + M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten + ----- --------------------------------------- + S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen. + +3. Disamis + + M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind + der Casusflexion fähig + M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der + französischen Sprache + ----- ------------------------------------------------ + S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der + Casusflexion fähig. + +4. Datisi + + M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt + M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige Unschuldige werden geschädigt. + +5. Bocardo + + M o P Einige Amphibien haben keine Füße + M a S Alle Amphibien sind Tiere + ----- ---------------------------------- + S o P Einige Tiere haben keine Füße. + +6. Ferison + + M e P Kein Mensch ist fehlerlos + M i S Einige Menschen sind bewundernswert + ----- -------------------------------------------- + S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos. + + +§ 54. Die vierte Figur. + +Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als +Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär +verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit +einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also +noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig. + +1. Bamalip + + P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme + zu erhalten + M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind + wollene Kleider. + +Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu +Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt. + +2. Calemes + + P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme + M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez + ----- ------------------------------------ + S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid. + +3. Dimatis + + P i M Einiges Angenehme ist verwerflich + M a S Alles Verwerfliche ist schädlich + ----- ---------------------------------- + S i P Einiges Schädliche ist angenehm. + +4. Fesapo + + P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig + M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt + ----- -------------------------------------------------- + S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden. + +5. Fresison + + P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten + M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut + regiert + ----- ---------------------------------------------------- + S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch. + + +§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen. + +Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die +Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio +sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder +verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein. +Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder +partikulär sein. + +Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen +Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_ +nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein +verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o. + +Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz +derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist +apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder +problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch +ist. + + +§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen. + +Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener, +und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein +formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle +gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form +%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die +brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die +allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige +Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die +unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten +Figur. + +_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes +Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich +nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion +des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf +lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn +das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die +einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder +verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius, +repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal +des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch +dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des +Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten +%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und +einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder +einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu +dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder +auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies +geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von +Begriffen_ stellen. + +Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus +eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt +sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt. +_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während +_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur +_allgemeingültigen_ zu machen. + +_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57) +die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle +Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit +dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei. +So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige +Formel: + +Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X + + 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B + -------------------------------------------------- + Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X + + 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X + -------------------------------------------------- + Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B + +Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_ +werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen +seine Brauchbarkeit. + +Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind +sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse +der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch +ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine +Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der +Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen +Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen +Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom +Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit +des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen +Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl +Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen +Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens. + +Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß +_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf +Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer +Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer +von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener +Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit +seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_, +der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der +_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme +gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der +Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins +Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet. + +Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus +zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser +Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise +das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns +beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der +Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der +Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist +im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten +Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß +ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied +berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar +gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten +Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem +Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann +es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit +fortschreiten. + + +§ 57. Der hypothetische Schluß. + +Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der +_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn +die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So +versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich +denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen +Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form: + + Wenn A gilt, so gilt X + A gilt oder X gilt nicht + ------------------------------------ + also gilt X also gilt A nicht. + +Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des +Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit +der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%). + + Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß. + Nun hat es geregnet + ------------------------- + Also ist es naß, + +aber nicht umgekehrt: + + nun ist es naß + --------------------- + also hat es geregnet, + +ebensowenig: + + nun hat es nicht geregnet + -------------------------- + also ist es nicht naß, + +dagegen richtig: + + nun ist es nicht naß + --------------------------- + also hat es nicht geregnet, + +oder, bei verneinendem Nachsatz: + +Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung. + + Nun gibt es eine Vorsehung + --------------------------- + Also gibt es keinen Zufall, + +oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua +non%): + +Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung +nicht aufrecht erhalten werden. + + Nun ist dieser Satz nicht richtig. + ---------------------------------------------------------- + Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden. + +Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen. +Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch +Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist +dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema: + + Wenn A gilt, so gilt M + Wenn M gilt, so gilt X + ----------------------------- + Also wenn A gilt, so gilt X. + +Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so +ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_. + + Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die + Pendel der Uhren. + + Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die + Schwingungen verlangsamt. + + Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach. + -------------------------------------------------------------------- + Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach. + + +§ 58. Der disjunktive Schluß. + +Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives +Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion +ausgesprochenen Verhältnis der Glieder. + +Es kann also + +I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der +übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist B + ---------------- + Also ist A weder C noch D; + +II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller +übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist weder C noch D + ---------------------------- + A ist B. + +Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder +stumpfwinklig. + + Nach I. Nun ist es rechtwinklig + -------------------------------------- + Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig. + + Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig + ----------------------------------------------- + Also ist es rechtwinklig. + +Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I. +ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied +verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt +sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach +bejahende Urteil. + +Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_, +_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der +Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer +gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen. + + Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C + Nun gilt weder B noch C + ---------------------------- + Also gilt auch A nicht; + +oder kategorisch gefaßt: + + A ist entweder B oder C + Nun ist S weder B noch C + ----------------------------------- + Also ist S auch nicht A. + +Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz: + + Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen + möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt, + oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht + hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der + göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das + zweite, noch das dritte wahr, + ------------------------------------------------------------------ + also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten. + + +§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse. + +Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame +Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so +angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse +des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des +dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%). +Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt +der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem +_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der +Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_ +oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_. + + Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos + Der Anspruchslose ist zufrieden + --------------------------------- + Der Tugendhafte ist zufrieden. + + 2. Der Tugendhafte ist zufrieden + Der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------ + Der Tugendhafte ist glücklich. + + progressiv in der Richtung: 1. 2. + regressiv in der Richtung: 2. 1. + +Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt +ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat +ein Verbrechen begangen. + +Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine +Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_. + +Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem +letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die +_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem +Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598 +von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen +Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden +Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen +Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form: + + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz A ist C) + (Untersatz A ist C) + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------------------ + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + +Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche +in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren +Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form: + + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz B ist D) + (Obersatz B ist D) + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + ------------------------------------------- + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + + +§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse. + +Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er +auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu +täuschen, hervorging. + +Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze +des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden +Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen +der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%). + +Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze +des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine +sophistische Verwendung des Dilemmas. + + 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte + Der Neger ist kein Kaukasier + -------------------------------------- + Folglich hat er keine Menschenrechte. + + 2. Herodes war ein Fuchs + Alle Füchse haben vier Füße + ------------------------------ + Also hatte Herodes vier Füße. + +3. Tertullians Schluß: + +Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den +Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben. + + Die Antipoden müßten dies + ------------------------------ + Also gibt es keine Antipoden. + + 4. Aller Anfang ist schwer + Müßiggang ist aller Laster Anfang + ----------------------------------- + Also ist Müßiggang schwer. + +5. Der „_Lügner_” der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter +sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht +wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die +Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c. + +6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes +Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr +das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den +Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide +argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil +sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind +nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht +wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich +es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag +wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind +wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut +unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du +wirst mir mein Kind zurückgeben. + +7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras +Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die +zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten +Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus +keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte +ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den +Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur +Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs; +wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß +bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete +Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies +sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem +Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem +Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen +durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre +Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten. + + +§ 61. Der Induktionsschluß. + +Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie +gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat +folgende Form: + + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P. + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S. + -------------------------------------- + Jedes S ist P. + +Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder +_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und +Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der +Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem +Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz: +Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten +Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der „_Induktion von +Spezialgesetzen_” (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen +Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten +Fall, bei der „_generalisierenden Induktion_” wird geschlossen: Was +von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst. + +Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den +ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.: + + Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als + Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung. + + Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind + die alten Planeten. + ------------------------------------------- + Also haben die alten Planeten Achsendrehung. + +_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der +Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel +eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde. + +Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten +Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der +Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der +Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und +die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter +der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in +der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus +einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht +beobachtete Fälle zu schließen erlaubt. + +Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der +häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der +bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des +%post hoc% mit dem %propter hoc%. + + +§ 62. Der Analogieschluß. + +In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der +Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder +Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird +geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende +Form: + + M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen + Lebens. + + M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + + S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + ----------------------------------------- + S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen + Lebens. + + +II. Teil. Methodenlehre. + + +§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre. + +Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens, +Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die +Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein +_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst +gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter +enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_ +vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_ +klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener +Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen, +und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges +_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der +_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch +welche eine neue Erkenntnis zustande kommt. + +So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln +hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der +_Fortschritt der Wissenschaft_. + + +1. Die Begriffsbestimmung. + + +§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung. + +_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die +Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_, +entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs +oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des +artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere +wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine +Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben. + +Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_ +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und +_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten +darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich +Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit +einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem +genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet. + +Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten +Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist +daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein +Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die +Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von +anderen Arten des Vierecks unterscheidet. + +Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt, +so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit +einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung +mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein +Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht +gegeben werden. + + +§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung. + +Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende +angeführt: + +1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen, +z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu +_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine +geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten. + +2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in +anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind +(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche +Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben. + +3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf +weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B. +das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu +gedenken. + +4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten, +vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten +erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung +Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der +Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben +schon vorausgesetzt. + +5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht +werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da, +wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken +hat. + +6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs +verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein +Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w. + +Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_ +angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden +werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung, +die Erläuterung. + + +2. Die Einteilung. + + +§ 66. Das Wesen der Einteilung. + +_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines +Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im +Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der +Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel, +teils Erdvögel, teils Wasservögel. + +Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs +in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner +Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die +Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt +_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%). + +Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon +vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt +der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem +Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als +Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie, +gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im +zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das +im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war. +So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden +eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen +Unterschied begründen. + + +§ 67. Arten und Fehler der Einteilung. + +Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung +_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren +sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks +u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die +sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und +_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als +Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen +dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der +anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht +z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung +der Staubgefäße in 24 Klassen. + +Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem +_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_ +desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder +grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben +klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische +Vollständigkeit gegeben. + +Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende: + +1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu +wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der +Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige. + +2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen +sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe, +Neigung zu andern und gegenseitige Neigung. + +3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_, +sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in +Europäer und Schwarze. + + +3. Der Beweis. + + +§ 68. Der Beweis und seine Arten. + +In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen +und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese +Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse +Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der +Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse +_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen +_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der +Wissenschaft aufgenommen wird. + +Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus +anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch +bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau +genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung +weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_. +_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu +beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis +bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht +genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze +Schlußkette dar. + +Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach +durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden +Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu +beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der +übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es +z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich +einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein +muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen +würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter +Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die +Gültigkeit des letzten gefolgert würde. + +_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines +Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt +daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad +absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also +bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die +_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der +Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die +Widerlegung des gegnerischen Beweises. + + +§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises. + +Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der +Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was +die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu +beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden +werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und +andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher +Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist +lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird +nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen +müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden. + +Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten +Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende: + +1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis. + +2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende +Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%). + +3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in +einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis). + +4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu +Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis +allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen +wird. + +Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man +von _Erschleichung_ (%subreptio%). + + +4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + +§ 70. Die verschiedenen Methoden. + +Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe +zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen +den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden_. + +Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern +_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche +Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier +sind folgende Wege möglich: + +1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man +beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies +ist das _induktive_ Verfahren. + +2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen +hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse +über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_ +Verfahren. + +3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der +Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie +besonders die _Hypothese darstellt_. + +4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist +bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_. + + +§ 71. Das induktive Verfahren. + +Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre +behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_ +sind folgende: + +1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere +Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der +fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten +Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch +nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses +Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir +werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen, +die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je +häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden +wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege +können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden, +die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B. +derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufügen muß. + +Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit, +welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist, +es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor +sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der +Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere +Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion. + +2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von +Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_ +eine grundlegende Bearbeitung erfahren. + +Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen +ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit +beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt. +Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie +berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz +dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein +zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir +da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf +eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das +_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_. +Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde, +so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber +nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill +hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig +von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang +der Sonne, folgen. + +Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze +über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei +Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der +Differenz. + +Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon” +zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden +Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem +allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des +gegebenen Phänomens.” + +Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende +Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema: + + A B C a b c + A D E a d e + A F G a f g + +Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können +sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung +a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper +kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen; +zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich: +Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so +schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen +Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist. + +Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt: + +„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und +eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen +gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so +ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die +Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des +Phänomens.” + +Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes +unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und +in dem andern fehlt, nach dem Schema: + + B C b c + A B C a b c + +Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß +war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft +des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die +Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A +bewirkt sein. + +Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann +leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist +daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_. + +Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und +Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der +Begleitveränderungen. + +3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen +ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder +regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß +ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit +proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen +Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der +Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale +Zusammenhänge zurückzuführen. + +4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren +Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P +haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen +gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird +dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle +Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So +gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die +schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings +eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich +die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen +fließen. + + +§ 72. Das deduktive Verfahren. + +_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen +herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und +Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine +Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils +leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen +tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe +der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_. +Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als +Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie +z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und +aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht +ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer +Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die +mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären. + + +§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese. + +Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar, +daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von +allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine +Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von +Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer +Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen +Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre +Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären. + +Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft +fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die +vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an +den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der +Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen +oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die +_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat, +führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der +vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so +wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie +_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur +_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur +Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie +von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten. + +Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen +hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie; +Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur +Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des +Arztes. + + +§ 74. Das System. + +_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem +logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in +der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet, +so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine +_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_ +müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff, +deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die +gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren +Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen +verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten +Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden. + +Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt, +aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in +Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder +nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel +angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft +hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und +mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der +Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das +Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und +kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das +Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren +Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken +festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die +wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal +_zusammenkommen_ müssen. + + + + +Literatur. + + +A. Einleitung in die Philosophie: + +_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898. + +_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900. + +_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart. +1892. + +_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die +Philosophie. 2. Aufl. 1903. + +_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901. + + +B. Geschichte der Philosophie.[A] + + +I. Geschichte der Philosophie überhaupt: + +_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93. + +_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl. +1895/96. + +_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899. + +_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896. + +_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8. +Aufl. 1894-97. + +_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900. + + [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem + beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur + weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen + Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind + _gesperrt gedruckt_. + + +II. Alte Philosophie: + +_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99 +(Indische Philosophie). + +_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie. +Bd. I und II. 1901. + +_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92. + + „ „ _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_. +5. Aufl. 1898. + + +III. Neuere Philosophie: + +_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von +Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898. + +_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl. +1897-1901. + +_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96. + +_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2. +Aufl. 1899. + + +C. Psychologie: + +_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901. + +_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901. + +_Höfler_, A., Psychologie. 1897. + +_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903. + +_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893. + +_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883. + +_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889. + + „ „ Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II. + +_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95. + +_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl. +1897. + + „ „ Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901. + + „ „ Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. +Bd. I und II. + + „ „ Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache). + +_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900. + + +D. Logik: + +_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892. + +_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893. + +_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880. + +_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von +Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877. + +_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93. + +_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5. +Aufl. 1882. + +_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95. + + * * * * * + +Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik: + +_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894. + + „ „ Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. +1897. + + „ „ Das Kant-Friesische Problem. 1902. + + + + +Namen- und Sachregister. + + +Affekt 44. + +Alpdrücken 27. + +Analogieschluß 122 f. + +Anaxagoras 9. + +Äquipollenz 94. + +Aristoteles 9. 103. + +Assoziation 28. 31. 66. + +Ästhetik 8. + +Ästhetische Gefühle 42 f. + +Atomisten 9. + +Aufmerksamkeit 30. 68. + +Ausdrucksbewegungen 59. + +Axiome 129. + + +Baco 10. + +Begierde 55. + +Begriff 33. 69 f.; + Merkmale des B. 70; + Arten der B. 72 ff.; + Umfang des B. 71 f. 128. + +Begriffsbestimmung 124 ff. + +Beneke 111. + +Bergmann 140. + +Bewegungen 66; + unwillkürliche B. 53 f. + +Beweis 129 ff. + + +Charakter 63. 67. + + +Deduktion 136 ff. + +Definition 124 ff. + +Denken 33. + +Descartes 10. 16. + +Determination 127. + +Determinismus 58. + +Deussen 141. + +Deutlichkeit 72. + + +Ebbinghaus 141. + +Eigennamen 33. + +Einheit des Bewußtseins 18 f. + +Einteilung 126 ff. + +Eleaten 9. + +Elsenhans 142. + +Empfindung 21 ff. + +Empirismus 10. + +Enge des Bewußtseins 29. + +Entfernung 36 f. 62. 66. + +Enthymem 117. + +Entschluß 56. + +Epicherem 117. + +Epikureer 10. + +Erdmann, B. 142. + + „ „ J. 140. + +Erkennen 33. 64. 68. + +Erkenntnistheorie 68. + +Ethik 8. + +Euathlus, Sophisma des E. 120. + +Eucken 140. + + +Falckenberg 141. + +Fehlschlüsse 118 ff. + +Fichte 10. + +Fischer, K. 141. + + +Galenus 99. + +Gall 20. + +Gebärden 59. + +Gedächtnis 30 f. + +Gefühl 39 f. 64 f.; + Verlauf der G. 44; + Abstumpfung der G. 45; + Verstärkung der G. 45.; + gemischte G. 46; + Bedeutung der G. 50 ff. + +Gefühlston 40. + +Gehen 63. + +Geisteskrankheit 19. + +Gemeinvorstellung 32. + +Gemüt 44. + +Geruch 39. + +Geschmack 39. + +Gesinnung 44. + +Gewohnheit 62 f. + +Gomperz 141. + +Grundgesetze des Denkens 85 ff. + + +Hegel 11. + +Heinze 140. + +Heraklit 9. + +Herbart 11. 16. 27. + +Höffding 141. + +Höfler 141. + +Hörzentrum 20. + +Hume 10. + +Hypothese 137 f. + +Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97. + + +Idealismus 11. + +Ideenassoziation 28 f. + +Indeterminismus 58. + +Individualbegriff 32. + +Individualvorstellung 32. + +Induktion 98. 132 ff. + +Induktionsschluß 121 f. + +Instinkt 54. + +Intellektuelle Gefühle 42. + +Jodl 141. + + +Kant 10. 25. + +Kausalität 39. + +Kettenschluß 118. + +Klarheit 72. + +Kontradiktorischer Gegensatz 73. + +Kontraposition 92 f. 97. + +Konträrer Gegensatz 73 f. + +Konversion 90 ff. 97. + +Külpe 140. 141. + + +Lachen 59. + +Lebensgefühl 46 f. + +Leibniz 10. 16. + +Leidenschaft 44. + +Lipps, Th. 141. 142. + +Locke 10. + +Logik 8. 13. 66 ff. + +Lokalisationstheorie 20. + +Lokalzeichen 38. + +Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142. + + +Materialismus 11. 16. 19. + +Metaphysik 8. + +Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142. + +Mitgefühl 49 f. + +Mittelbegriff 98. + +Modale Konsequenz 96. + +Motiv 56. + +Motorisches Zentrum 20. + +Müller, Joh. 23. + + +Nachahmungsbewegung 55. + +Nachbilder 24. + +Nervensystem 19 f. + +Neukantianismus 11. + +Neuplatoniker 10. + + +Oberbegriff 98. + +Opposition 94 ff. + + +Parallaxe 37. + +Partialgefühle 45. + +Paulsen 140. + +Pessimismus 11. 40. + +Petrus Hispanus 103. + +Physiologische Psychologie 15. + +Physiologische Zeit 53. + +Plato 9. + +Positivismus 11. + +Prämissen 98. + +Psychologie 12. 14 f. + +Phytagoreer 9. + + +Rationalismus 10. + +Raumvorstellung 36 f. + +Reflexbewegungen 53. + +Reflexhemmungen 54. + +Rehmke 140. + +Religion 8 f. + +Religiöse Gefühle 43. + +Reproduktion 30. + + +Schauspielkunst 61. + +Schelling 11. + +Schluß 33 f. 85 ff. + +Schlußfiguren 103 ff. + +Schmerz 41. + +Scholastiker 103. + +Schopenhauer 11. 25. + +Schrift 61. + +Seelenvermögen 20 f. + +Seele und Körper 16 f. + +Sehzentrum 20. + +Selbstgefühl 49 f. + +Sigwart 111. 142. + +Sinnesenergie, spezifische 23. + +Sinnestäuschungen 12. + +Sittliche Gefühle 43. + +Sokrates 9. + +Sophisten 9. + +Sorites 118. + +Spencer 10. + +Spinoza 10. + +Spiritualismus 16. + +Sprache 32 f. 60 f. + +Stimmung 47. + +Stoiker 10. + +Subalternation 93 f. + +Syllogismus 98 ff. 110 ff. + +System 138 f. + + +Temperamente 48. + +Thales 9. + +Tiefenvorstellung 38. + +Totalgefühle 45. + +Trauer 69. + +Traumzustand 27. + +Trendelenburg 11. + +Trieb 55 f. + +Trugschlüsse 118 ff. + + +Überweg 140. 142. + +Übung 29. 31. 62. + +Umwandlung der Relation 93. + +Unbewußte Zustände 27. + +Unterbegriff 98. + +Urteil 33 f. 74 ff.; + Einteilung der U. 75 ff.; + analytische u. synthetische 88 ff. + +Urteilsarten 81 ff. + + +Vernunft 34. + +Verstand 34. + +Volkelt 140. + +Volkmann 141. + +Vorsatz 56. + +Vorstellung 24 f. 32. + +Vorstellungsverlauf 25 ff. + + +Wahrnehmung 24 f. + +Webersches Gesetz 23. + +Widerlegung 130. + +Wiederholung 66. + +Wille 52 ff.; 65 f. + +Willenszeit 54. + +Windelband 140. 141. + +Witz 59. + +Wortblindheit 24. + +Wundt 49. 111. 140. 142. + +Wunsch 56. + + +Zeitvorstellung 35 f. + +Zeller, E. 141. + +Zerstreutheit 30. + +Ziehen 142. + +Zirkel 126. + +Zorn 65. + + + + + +End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + +***** This file should be named 44442-0.txt or 44442-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/4/44442/ + +Produced by Norbert H. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Psychologie und Logik + zur Einfhrung in die Philosophie + +Author: Theodor Elsenhans + +Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +--------------------------------------------------------------+ + | | + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Der Originaltext war in Fraktur gesetzt und enthielt Text in | + | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich | + | um hervorgehobene Begriffe handelt, einzelne Zeichen dagegen | + | sind nicht markiert. Text in Antiqua ist als %Antiqua% | + | markiert. | + | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert. Hochgestellte | + | Zeichen werden durch ein vorhergehendes ^ gekennzeichnet. | + | | + | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: | + | | + | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" gendert. | + | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" gendert. | + | S. 122 "demseben" in "demselben" gendert. | + | S. 141 "184/95" in "1894/95" gendert. | + | | + +--------------------------------------------------------------+ + + + + + Sammlung Gschen + + + Psychologie und Logik + zur Einfhrung + in die + Philosophie + + Fr Oberklassen hherer Schulen und zum Selbststudium + + dargestellt von + Dr. Th. Elsenhans + + Mit 13 Textfiguren + + _Vierte, verbesserte Auflage_ + + Zweiter Abdruck + + _Leipzig_ + G. J. Gschen'sche Verlagshandlung + 1904 + + + _Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, von + der Verlagshandlung vorbehalten._ + + Herros & Ziemsen, Wittenberg. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + +Einleitung. + + Seite + 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7 + 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie 9 + 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11 + + +Psychologie. + + 4. Empirische und rationale Psychologie 14 + + Abschnitt 1. Seele und Krper. + + 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von + Seele und Krper 15 + 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen + Erscheinungen 17 + 7. Das Nervensystem 19 + + Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + 8. Die sogenannten Seelenvermgen 20 + + 1. Das Erkennen. + + 9. Die Empfindung 21 + 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24 + 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25 + 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis 30 + 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32 + 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen 34 + + 2. Das Fhlen. + + 15. Wesen und Arten des Gefhls 39 + 16. Die krperlichen Gefhle 41 + 17. Die geistigen Gefhle 42 + 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer 44 + 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle 44 + 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung 46 + 21. Die Temperamente 48 + 22. Selbstgefhl und Mitgefhl 49 + 23. Die Bedeutung der Gefhle 50 + + 3. Das Wollen. + + 24. Die unwillkrlichen Bewegungen 52 + 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55 + 26. Die Freiheit des Willens 57 + 27. Die Ausdrucksbewegungen 59 + 28. bung, Gewohnheit, Charakter 62 + + Abschnitt 3. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der + Seele voneinander. + + 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente + voneinander 64 + + +Logik. + + 30. Die Aufgabe der Logik 67 + + I. Teil: Elementarlehre. + + 1. Die Begriffe. + + 31. Der Begriff und seine Merkmale 69 + 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71 + 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72 + 34. Die Arten der Begriffe 72 + + 2. Die Urteile. + + 35. Das Wesen des Urteils 74 + 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75 + 37. Die zusammengesetzten Urteile 79 + 38. bersicht der Urteilsarten 81 + + 3. Die Schlsse. + + 39. Die Grundgesetze des Denkens 85 + + A. Der unmittelbare Schlu. + + 40. Der Schlu aus einem Begriff 88 + 41. Die Konversion 90 + 42. Die Kontraposition 92 + 43. Die Umwandlung der Relation 93 + 44. Die Subalternation 93 + 45. Die quipollenz 94 + 46. Die Opposition 94 + 47. Die modale Konsequenz 96 + 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse 96 + + B. Der mittelbare Schlu. + + 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98 + + 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der + kategorischen Schlsse 100 + 51. Die erste Figur 103 + 52. Die zweite Figur 105 + 53. Die dritte Figur 107 + 54. Die vierte Figur 108 + 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu + den Prmissen 109 + 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110 + 57. Der hypothetische Schlu 113 + 58. Der disjunktive Schlu 115 + 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse 117 + 60. Fehlschlsse und Trugschlsse 118 + 61. Der Induktionsschlu 121 + 62. Der Analogieschlu 122 + + II. Teil: Methodenlehre. + + 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123 + + 1. Die Begriffsbestimmung. + + 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124 + 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125 + + 2. Die Einteilung. + + 66. Das Wesen der Einteilung 126 + 67. Arten und Fehler der Einteilung 127 + + 3. Der Beweis. + + 68. Der Beweis und seine Arten 129 + 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130 + + 4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + 70. Die verschiedenen Methoden 131 + 71. Das induktive Verfahren 132 + 72. Das deduktive Verfahren 136 + 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die + Hypothese 137 + 74. Das System 138 + + Literatur 140 + + Namen- und Sachregister 143 + + + + +Einleitung. + + + 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie. + +_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat, +Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens +herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem +Bedrfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschrnktes und sie gehen teils von +Voraussetzungen aus, die sie nicht nher prfen, teils gelangen sie zu +Resultaten, die nicht miteinander bereinstimmen. Die Philosophie prft +jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der +Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu +erforschen. + +Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer +Betrachtung. Er stt auf Widersprche in dem Wissensstoff, den er im +Glauben an fremde Autoritt angenommen oder selbstndig sich angeeignet +hat, und findet bei nherer Selbstbesinnung, da sein Wissen auf +unbewiesene Voraussetzungen sich sttzt und ungelste Widersprche in +sich schliet. + +_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei groen Gebieten der +Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der +Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschftigt +sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an +jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der +Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie +es als Resultat gemeinschaftlicher Ttigkeit der Menschen in +Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt. + +Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor, +deren Wichtigkeit fr Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung +von_ zu befolgenden _Regeln_ fhren, eine gesonderte Behandlung +empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der sthetische +Geschmack in der _sthetik_, das sittliche Bewutsein in der _Ethik_, +das religise Bewutsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenstnden +einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen +treten in der Geschichte _als geistige Mchte_, als Hauptelemente der +menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat, +Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken, +als _Ideale_: Wahrheit, Schnheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der +Gottheit. Doch erfllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in bestndiger gegenseitiger Ergnzung, und beide +Standpunkte der Betrachtung mssen deshalb auch in jeder +Geisteswissenschaft zusammenwirken. + +Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der +Gebiete stehen zu bleiben, er schliet vielmehr die Aufgabe in sich, +auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des +Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhngen untereinander zu +untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurckzufhren, die +Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschlieende Wissenschaft +beschftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze +auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen +(Erkenntnistheorie), nach der Gltigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir +der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Vernderung, Raum und +Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie +nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als fr das philosophische +Erkennen unerreichbar angesehen wird. + + + 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie. + +Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die 1 +bezeichneten Aufgaben zu lsen. + +Die erste selbstndige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die +_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen +Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die +_Pythagoreer_ in Ma und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz +zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich +verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten, +unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, +Lage und Bewegung. Erst fr _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk +eines vernnftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach +vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles +bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mute von den groen +Philosophen der Folgezeit neu begrndet werden. + +Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die +griechische Philosophie ihren Hhepunkt. Sie machten den Menschen selbst +und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ ([+] 399) +beschftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. _Plato_ ([+] 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den +Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfate noch tiefer +Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein groer Schler _Aristoteles_ +([+] 322) wurde durch sorgfltige Untersuchung der Gesetze des Denkens +zum Begrnder der Logik als Wissenschaft und bertraf seinen Vorgnger +durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der +damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der +Philosophie hereinzog. + +Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten +den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als hchste Regel des Lebens die +Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_ +forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten +einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit +unmittelbar anzuschauen. + +Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einflu des +Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber +erst durch die Reformation wurde freie Forschung mglich gemacht. + +In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptstrmungen verfolgen, +eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste, +hauptschlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem +Englnder _Baco von Verulam_ ([+] 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie grndet, und wird fortgesetzt durch _Locke_, +_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ ([+] 1873) und +_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptschlich von +den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_ +([+] 1650), der auf den gewissesten aller Stze: ich denke also bin ich +(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit grndete, und wird fortgefhrt durch +_Spinoza und Leibniz_. + +Ihren Hhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_ +(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermgens selbst und +seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage fr +die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, whrend +_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und +Sein einer unbegrenzten Spekulation Tr und Tor ffneten. Dagegen sah +_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknpfung an Kant die Aufgabe der +Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und +gewann besonders durch eine sorgfltige, auf Mathematik gegrndete +Psychologie eine groe Anhngerschaft. In der neuesten Zeit suchten +_Trendelenburg_ mit Rckgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Bercksichtigung der Naturforschung den Idealismus +neu zu gestalten. + +In den letzten Jahrzehnten fanden auerdem zwei philosophische +Richtungen groe Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der +_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie +zurckfhren will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Bchner, und der +_Pessimismus_, begrndet durch _Schopenhauer_ ([+] 1860), in +selbstndiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann. + +Als Hauptstrmungen treten in der Gegenwart hervor der +_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht +auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und +England herbergekommen, nur das Tatschliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein +naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens gefhrt hat, macht +sich jedoch eine _idealistische_ Gegenstrmung mehr und mehr geltend. + + + 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik. + +Neben einem berblick ber die Geschichte der Philosophie werden sich +zur Einfhrung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders +eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern +philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule fr das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik +zu. + +Verschiedene Beobachtungen im tglichen Leben und manche Resultate der +Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, da die einfache Betrachtung +der Auenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie +ausgehen drften. Trume, Sinnestuschungen, Hallucinationen beweisen, +da dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand +entsprechen mu. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, da +das Bild, das wir von den Gegenstnden haben, nicht allein von diesen +selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhngig +ist. Die Naturwissenschaft erklrt das, was wir als Licht, Schall, Wrme +wahrnehmen, fr eine Bewegung des thers, der Luft, der Molekle. So +erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer ueren Wahrnehmung +berhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen, +nmlich _das Bewutsein, da wir zweifeln_, oder _da wir jene Eindrcke +haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung +entsprechende -- Auenwelt gibt. _Da_ wir etwas vorstellen, da wir +etwas fhlen oder wollen, und da wir als vorstellende, fhlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%, +steht uns unumstlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen +Vorgnge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_, +wird daher einen sicheren Ausgangspunkt fr die andern Zweige der +Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des +philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die +Beobachtung des eigenen Seelenlebens bestndig untersttzt werden kann. +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, da +die _wertvollsten Gegenstnde der philosophischen Betrachtung_ auf dem +Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. +Sie ist daher eine wichtige Grundlage fr die Geisteswissenschaften +berhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, sthetik, Ethik, +Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren +Abschlu in der Metaphysik. + +Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einfhrung in die +Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die +Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und +Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrngt, weil sie nichts ungeprft annehmen darf und +deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur +Erforschung der Wahrheit _einer Prfung unterziehen mu_. Insofern +bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist +aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet, +weil das Verstndnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfltigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verstndnis der +schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet. + +Doch ist leicht zu ersehen, da die Psychologie der Logik am besten +vorangeht, da die Vorgnge beim Denken selbst zunchst Gegenstand der +Psychologie sind. + + + + +Psychologie. + + + 4. Empirische und rationale Psychologie. + +Man unterscheidet herkmmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie, +welche die Ttigkeitsuerungen der menschlichen Seele mit ihren +Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere +Wesen der Seele zu ergrnden und jene Ttigkeitsuerungen daraus zu +erklren sucht. + +Die letztere fllt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach +der Art der Existenz und der Vernderung der Seele, nach ihrem +Zusammenhang mit dem Krper, nach ihrem Verhltnis zur Zeit und zu +anderen Seelen. + +Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunchst +rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens +und ihren gesetzmigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur +wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nchste empirische +Aufgabe mit vorlufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom +festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfat und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme +weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften fr ihre Ideale +Anknpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung +und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_ +Behandlung von der _populren_ Auffassung, die beides vermischt und +z. B. die geistigen Vorgnge ohne weiteres metaphysisch als Ttigkeiten +und Zustnde eines _Dings_ nach Analogie der Krperwelt erklrt. + +Fr unsere Zwecke gengt die empirische Psychologie. + + +Abschnitt I. Seele und Krper. + + + 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von Seele und +Krper. + +Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknpft +mit _krperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb hufig +die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen mssen, die sich +mit dem menschlichen Krper beschftigen, der _Anatomie_, d. h. der +Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_, +d. h. der Lehre von den Lebensvorgngen im Pflanzen- und Tierkrper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die +unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft fr das Verhltnis von +Seele und Krper. + +Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete lt sich aber +von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton +hren, haben wir kein Bewutsein davon, welchen Weg er von der +Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen +keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschlu +fassen; aber auch wenn wir den krperlichen Vorgang, der dem geistigen +entspricht, unmittelbar beobachten knnten, wten wir nicht, wie die +Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu +werden, oder wie der Entschlu es anfngt, die Glieder in Bewegung zu +setzen. + +Es sind daher die verschiedensten Hypothesen ber dieses _Verhltnis von +Seele und Krper_ aufgestellt worden. Es sind hauptschlich _vier +Mglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mgliche +Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Krpers +(Materialismus), 2. der Krper ist nur eine Form oder ein Produkt eines +oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder +man erkennt die Selbstndigkeit beider an, dann sind zwei weitere Flle +mglich: 3. Seele und Krper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen +oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele +und Krper sind verschiedene uerungsformen eines und desselben Wesens, +stehen daher in keinerlei Verhltnis von Ursache und Wirkung +(Identittshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus). + +Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus +nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die +endgltige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen +Anschauungen abhngig. Die empirische Psychologie kann nur die +tatschliche Verschiedenheit von Krper und Seele feststellen und die +durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten, +soweit sie beobachtet werden knnen, untersuchen. Die Lsung dieser +Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche ber jene Verschiedenheit ( 6) und ber diese +Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden ( 7), im voraus +zusammengestellt werden. + + + 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen +Erscheinungen. + +Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmig Krper und Seele sich +unterscheiden, sind folgende, zunchst fr die _Krperwelt_: + +1. Die _krperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf, +whrend keinerlei Vorgnge in der Seele, nicht einmal unsere +Vorstellungen vom Raume selbst, rumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig. + +2. Die Naturwissenschaft lt die Krperwelt bestimmt sein durch das +_Gesetz der Trgheit_: jeder Krper verharrt in seinem Zustand der Ruhe +oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Krfte zur nderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der +Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller +Vernderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und ttiger Kraft dieselbe. Auch das organische +Leben und der menschliche Krper soll diesen Gesetzen unterworfen sein, +und das Leben also nicht auf eine unerklrliche Lebenskraft, sondern nur +auf eine auerordentlich verwickelte, noch nicht gengend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Krper +verbundenen Stoffen und Krften zurckgefhrt werden. + +Fr die _geistige Welt_ konnte die Gltigkeit dieser Gesetze bis jetzt +nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentmliche +Merkmale anderer Art: + +1. Das Bewutsein der Seele ist bedingt durch _Vernderung_, +_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmig fortdauernder +Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewutsein ab und es +tritt, wenn alle mannigfaltigen strenden Eindrcke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewutlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch +Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. fr das +Gesicht durch Anstarren eines glnzenden Gegenstandes, fr das Gehr +durch ein einfrmiges Gerusch erzeugt. hnlich verhlt sich der +religise Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als +absolute Einheit sich versenkt. + +2. Diese mannigfaltigen Bewutseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der +Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in +Wechselwirkung miteinander, so da neue Erscheinungen entstehen, und +werden in der _Einheit des Bewutseins_ zusammengefat. Dies ist aber +nur dadurch mglich, da die frheren Zustnde der Seele _festgehalten_ +oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden knnen. Doch +ist damit allein die Einheit des Bewutseins noch nicht gegeben. Ein +solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewuten Natur +vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zustnden der Seele +ein innerer Zusammenhang bestehen, so mssen die frheren als solche +_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewute Beziehung +gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fhigkeit +der Seele. Sie macht es erst mglich, die geistigen Vorgnge, die ohne +sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgltigen +Erscheinungen darstellen wrden, gleichzeitig zu machen und zu +verbinden. + +Diese _innere Einheit des Bewutseins, verbunden mit freier +Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen +Gesundheit_. Lst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe +Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es +ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_. + +An dieser eigentmlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im +Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Whrend aus +zwei Bewegungen krperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche +die andere ablst, fhrt die Einheit des Bewutseins zu einer Verbindung +frherer Vorstellungen mit spteren, ohne da diese deshalb darin +aufgehen mssen. In der Einheit des Bewutseins sind vielmehr die +einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und +mit deren Resultat gegenwrtig. + + + 7. Das Nervensystem. + +Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, da nicht alle +Bestandteile des Krpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In +unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weie +Fden den ganzen Organismus des Krpers durchziehen. Die unendlich +zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese +stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung +(die Zahl der Nervenzellen des Grohirns wurde auf ungefhr eine +Milliarde berechnet), so da das Ganze ein _System_ bildet, durch das +allein jede Wechselbeziehung zwischen Krper und Seele vermittelt wird. +Die _sensiblen_ Nerven fhren die Eindrcke der Auenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem +Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausfhrung der +Bewegungen durch berleitung des Befehls dazu auf die ausfhrenden +Glieder zu vermitteln. + +Die Versuche, die einzelnen Ttigkeiten der Seele an bestimmte +Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knpfen +(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat +gefhrt. Eine solche Lokalisation bestimmter Geistesttigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall ([+] 1828) in seiner Phrenologie oder +Schdellehre aufgestellt hat, lie sich nicht durchfhren, da weder der +Schlu von der Ausbauchung des Schdels auf die strkere Vertretung der +darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte +populre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte +der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der +dritten Stirnwindung der linken Hemisphre des Grohirns nachgewiesen +werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der +Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hren, und die +Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum, +Hrzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein +anerkannt, da die hheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefhle, +Willensentschlsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind. +(Nheres ber das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl. +Sammlung Gschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundri der +Psychophysik.) + + +Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + + 8. Die sogenannten Seelenvermgen. + +Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewhnlich durch Annahme von +_drei Seelenvermgen_ erklrt, eines Erkenntnis-, eines Gefhls- und +eines Begehrungsvermgens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen +Vorgnge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf +die andern oder alle auf eines zurckzufhren (so Herbart auf das +Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem +befriedigenden Ergebnis gefhrt. Aber es drfen dabei _zwei wichtige +Punkte_ nicht bersehen werden, teils was den Ausdruck Vermgen, +teils was die Dreiteilung betrifft: + +1. Da mit der Annahme von drei Seelenvermgen die Vorgnge der Seele +nicht _erklrt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch +keine Erklrung einer Erscheinung, wenn man ohne nheren Nachweis in dem +Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fhigkeit sie zu erzeugen annimmt. +Was wir empirisch beobachten knnen, sind jedenfalls nur die geistigen +Vorgnge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in +Klassen einteilen. + +2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgngen, das Erkennen, das Fhlen, +das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum +einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir drfen also nur von Seelenzustnden sprechen, in denen +das Erkennen oder das Fhlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so mssen wir uns dabei immer bewut bleiben, da wir damit +in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit +nicht gibt. + + +1. Das Erkennen. + + + 9. Die Empfindung. + +Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele +zu einer Kenntnis der Auenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist +zu unterscheiden von den Gefhlen, den Zustnden der Lust und Unlust, +und schliet drei Hauptmomente in sich: + +1. Den _ueren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Ttigkeit treten +sollen, so mu eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem +Gegenstand, der entweder unmittelbar den Krper berhrt oder durch +Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Krper einwirkt. Das +erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hren +durch die Schwingungen des thers, der Luft. + +2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Krper, die durch den Reiz +veranlat wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum +des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv +durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung. + +3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hren, Tasten, +Riechen, Schmecken. + +Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgngen 1. und 2., durch die sie +veranlat werden, _ganz ungleich_. Es lt sich nicht nachweisen, warum +auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hrens folgt; wir +knnen nur feststellen, da es so ist. Auch die Abhngigkeit der +Empfindung vom ueren Reiz dem Strkegrade nach lie sich nur auf +Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein knnen wir nie mit +Bestimmtheit sagen, da etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstrke, also als uerer Reiz, 1 mal so gro als die von b +ist, 1 mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage +aus, um wie viel ein Reiz verstrkt werden mu, damit eine Zunahme der +Strke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann. +Es zeigte sich, da _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch +merkliche nderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgre, zu +welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhltnis steht (Webersches +Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrckt: da die Strke des Reizes in +geometrischer Progression wachsen mu, damit die Empfindung in +arithmetischer Progression zunehme. Mu man also zu einem Gewicht von +3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich +werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg ntig, whrend nur 1 kg +mehr zu keiner Verstrkung der Druckempfindung fhren wrde. _Fr die +verschiedenen Sinne_ ist das Verhltnis der Reizstrke, das diese +sogenannte Methode der eben merklichen Unterschiede ergibt, ein +_verschiedenes_; doch lie es sich nur fr Reize von mittlerer Strke +bestimmen, am meisten bereinstimmend noch fr die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, fr die Lichtempfindungen wurde 100:101, fr Hebungen, +also Druckempfindungen, untersttzt durch das Muskelgefhl, 15:16 +gefunden. + +brigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht +durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische +Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustnde _des Krpers_ +erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentmlichen Charakter +tragen (spezifische Sinnesenergie) und deshalb hufig in die +Auenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das +Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache +fhrte auf die durch Johannes Mller (1826) begrndete Annahme einer +_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fhigkeit jedes +einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade +die ihm eigentmlichen Empfindungen zu vermitteln. + +Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon +aufgehrt haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. +_Nachbilder_. + +Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton, +oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene +Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich +sehen und hren. + + + 10. Vorstellung und Wahrnehmung. + +Die Empfindung geht dadurch, da sie mit dem veranlassenden Reiz +aufhrt, nicht fr das Bewutsein verloren. Sie kann vielmehr in der +Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heit dann +_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn +die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine +bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hren der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so +kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrcke eine +Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild +des frheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben +Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als +dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt. +Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen +Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fhigkeit zu empfinden noch +vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der +_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hren des gesprochenen, das +Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verstndnis seiner +Bedeutung, d. h. die Fhigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehrigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets +zu dem brigen Bewutseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der +Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da +hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, +sobald sie zum Bewutsein kommt, so werden beide Begriffe hufig als +gleichbedeutend gebraucht. + +Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen +Empfindung ist aber nicht eine bewute Arbeit des Wahrnehmenden, sondern +_geht unwillkrlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbstndiges Element zum Bewutsein, sie +wird daher auch _gebundene Vorstellung_ genannt. _Freie +Vorstellungen_ sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die +Empfindung im Bewutsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch +wird aber das Wort Vorstellung vielfach auch im _allgemeineren Sinne_ +verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewutseins berhaupt, der +auf Gegenstnde der Auenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustnde bezogen +wird. Es umfat dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in +dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem +Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, +Schopenhauer.) + + + 11. Der Verlauf der Vorstellungen. + +Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelst +haben, bekommt das Bewutsein einen selbstndigen Inhalt. In diese +Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit +neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen +von Vorgngen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten. + +Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der +Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da fhrt +die hnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem frheren Aufenthalt +zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, +die sich selbstndig fortspinnen, treten die ueren Empfindungen immer +mehr zurck, so da der Spaziergnger, ganz in sich vertieft, kaum mehr +auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den +Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser +Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentmlichkeit unter den Menschen_. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der ueren +Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage fr Musik oder +bildende Knste, oder fr Naturwissenschaft haben, andere geben sich +lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des +Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben +unter krankhafter Einseitigkeit. + +Der Verlauf der Vorstellungen schliet zwei Fragen in sich: Wie +_entstehen_ die Vorstellungen im Bewutsein? und: Wie _verschwinden_ sie +aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist +die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhren des ueren +Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht blo +auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien +Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue +Vorstellung auftritt, sondern hchstens die alten mit Hilfe der +Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der +Fragen etwas anders: Wie geht es zu, da die einmal verschwundenen +Vorstellungen _wiederkehren_? + +Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, da sie berhaupt +aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern da sie, +wenn auch nicht im Bewutsein, so doch als _unbewute Zustnde_ noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgnge in der +Seele unter der Schwelle des Bewutseins (Herbart) hinweisen, so die +unmittelbare Wahrnehmung von Verhltnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes +(s. S. 36), oder die Welt der Gefhle, deren Ursprung uns oft dunkel +ist. ber diese Vorgnge unter der Schwelle des Bewutseins knnen wir +aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, da sie eben +unterhalb des Bewutseins vor sich gehen; denn sie knnten nur +beobachtet werden, indem sie Gegenstnde des Bewutseins wrden. + +In der Mitte zwischen Bewutem und Unbewutem steht der _Traumzustand_. +Seine Eigentmlichkeit besteht wohl hauptschlich in einer _Schwchung +des bewuten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgnge +beherrscht und zusammenhlt. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird +nur sehr unbestimmt durch das Gefhl geleitet und hat deshalb freies +Spiel. So fgen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrcke +von der Auenwelt her oder Zustnde des eigenen Krpers, sofort +Vorstellungen, mit denen dieselben Gefhle im wachen Zustand verbunden +sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrcken, leichtes als +Flugbewegung, Stechen im Fu als Bi einer Schlange, ein gehrter Schu +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet. + +Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewutsein +auftauchen, ohne durch einen ueren Reiz unmittelbar veranlat zu sein, +so zeigt sich, da die _eine Vorstellung immer durch eine andere +hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. +Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen +oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptschlich zweierlei Formen und +beruht: + +1. Auf der _hnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer +Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr hnlichen +hervor. + +2. Auf deren _uerem Zusammenhang in Raum und Zeit_ +(Berhrungsassoziation). Was wir hufig zusammen wahrgenommen haben, das +strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines +Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese +Assoziation zusammenhngender Vorstellungen bekommen wir berhaupt erst +die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, da ich hufig die dazu gehrigen +Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks +miteinander gehabt habe, und da infolgedessen die eine dieser +Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehrigen immer +zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch +Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung +eines Geburtsfestes sich verknpft hat, oder wenn das Anfangswort eines +auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wrter, der Anfang einer +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Tne hervorruft. Je +hufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen +dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _bung_ spielt hier +eine groe Rolle (s. 28). + +Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei +das natrlichere und bedrfe keiner besonderen Erklrung, die andern +verlangen umgekehrt eine Erklrung des Verschwindens, da nach dem Gesetz +der Beharrung das Festhalten das selbstverstndliche sei. Will dieses +Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, da kein Zustand sich +verndert, ohne da ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, da +allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatschlich +vorliegt, erklrt werden mu. Diese Erklrung mu von der Voraussetzung +ausgehen, da wegen der sogenannten _Enge des Bewutseins_ immer nur +eine beschrnkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewutsein sich +befinden kann, so da also die einen durch die andern verdrngt werden. +Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrngung anderer oder ihre +_Strke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie fr das +vorstellende Subjekt haben. Je gelufiger die Verbindung einer +Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden +Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der +alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter +e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Strke sich ins +Bewutsein drngen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand +fr uns selbst und je grer infolgedessen das auf _Gefhlen_ beruhende +_Interesse_ ist, das wir an ihm haben. + + +. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis. + +Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hngen zwei +Fhigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine groe Rolle spielen, die +_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fhigkeit, Vorstellungen und +Vorstellungsreihen zu mglichst klarer und deutlicher Auffassung +festzuhalten, und das _Gedchtnis_, d. h. die Fhigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewutsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_. + +Man unterscheidet zwischen _unwillkrlicher_ und _willkrlicher_ +Aufmerksamkeit. Die _unwillkrliche_ wird durch einen pltzlich an uns +herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlat, uns demselben +zuzuwenden, damit wir ihn mglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. +eine Lichterscheinung oder ein pltzliches Gerusch unsere +unwillkrliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkrliche Aufmerksamkeit +entsteht durch das Interesse_ (s. 11), das die Willensttigkeit +veranlat, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder +Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, +gewisse Vorstellungen mit Verdrngung anderer festzuhalten, so ist sie +von der Strke derselben abhngig und kann erzeugt werden teils dadurch, +da das Interesse erregt wird, teils dadurch, da der Zusammenhang der +Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so +entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_. + +Das _Gedchtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir +knnen eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie _besinnen_, +indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten +ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoen. Je +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit +andern ist, desto leichter knnen wir uns ihrer erinnern. Wir prgen +uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern +Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_ +durch hufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns +durch bung gelufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung +gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingebt wurden_ (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort lt sich nur +schwer rckwrts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in +derselben Richtung, z. B. franzsisch-deutsch, gelufig); oder auf +_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren +inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere +Denkgesetze leicht wiedererzeugen knnen, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie. + +Die Ttigkeit des Gedchtnisses wird erleichtert durch hufige _bung_ +und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen +entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hngt es auch +zusammen, da das Gedchtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstnde gebunden sein kann, so da von einem Gedchtnis fr Worte, +Zahlen, Tne, Sachen, rter oder fr bestimmte Gebiete der +Wissenschaft die Rede ist. Auerdem aber kommen hierbei _angeborene +Eigentmlichkeiten_ des Gedchtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfnglichkeit fr bestimmte Sinneseindrcke, z. B. +fr blo gehrte, oder fr auerdem gesprochene, oder fr blo gelesene +Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und +visuelles Gedchtnis unterschieden. + + + 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken. + +Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B. +die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus +Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenstnden, +Personen, Verhltnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung +eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese +Individualvorstellung schliet gewhnlich die Vorstellung eines _Dings_ +in sich, das brig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran +haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die +Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur +feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen. + +Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begngt sich +jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er +sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender hnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele +ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurck, das nur die +allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthlt: die +allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen +die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefhres +Bild vor, das mit Vernachlssigung aller Unterschiede der Vlker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt. + +Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen knnten +aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie +nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden knnten. Diesem +Bedrfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen +fr eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen +einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhlt auch die +Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur fr _ein_ +Individuum gilt. Solche Wortzeichen fr Individualvorstellungen sind die +_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die +Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch +entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Frwort: dieser +Tisch auf einen bestimmten Gegenstand beschrnkt werden. + +Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung +genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes +bergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander knnen als +_Urteile_, die sich in Stzen aussprechen lassen, mit grter +Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus +der Verbindung anderer nimmt auf dieser hheren Stufe die Gestalt von +_Schlssen_ an. Diese ganze hhere Stufe ist die des eigentlichen +_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewhnlichen Verlaufe der +Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, da, was +dort unwillkrlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der +bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt +oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen. +Dazu gehrt dann, da die beziehende Ttigkeit des Geistes mit Hilfe der +Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach +bestimmten Grundstzen verfhrt, die selbst wieder geprft werden. So +bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen +und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff +Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale: +Grenverhltnis der nichtparallelen Seiten und Gre der Winkel, und +Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelitt der +Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknpfung der Begriffe, z. B. +das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schlu_ ist die Ableitung +eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den +beiden Urteilen: Dieses Viereck ist ein Parallelogramm und: Im +Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig das dritte als +Schlufolgerung abgeleitet: In diesem Viereck halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig. Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gltige Urteile und richtige Schlsse +zustande kommen, ist Aufgabe der Logik. + +Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit +Kant, an verschiedene Vermgen verteilt. Dem _Verstand_ als dem +Vermgen der Begriffe wird die begriffliche Verarbeitung der +Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die als Vermgen +der Ideen auf die Erkenntnis des ber die Erfahrung Hinausgehenden, +des bersinnlichen gerichtet sei. + + + 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen. + +Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen +Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich +zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschpft, +den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen +finden. Wir treffen da nicht blo einzelne Empfindungen, Vorstellungen, +Begriffe, Urteile, Schlsse an, sondern auch eine _zusammenhngende +Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen +Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt +diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden +Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer +Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform, +durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalitt_. + +Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die krperliche Welt +zeitlich und rumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ berhaupt haben +wir nur, indem wir wahrnehmen, da das, was frher war, nun nicht mehr +ist, also unter der Voraussetzung, da wir uns einer Vernderung von +irgend etwas bewut sind, und da wir frhere Zustnde wiedererkennen; +denn nur so knnen wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns +vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefhl +verweilen, ohne eine Vernderung zu erleben, desto mehr schwindet die +Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit, +losgelst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der +rumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit +bestimmten Abschnitten mglich. + +Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel blo mit +Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustnde _schtzen_, so sind wir +dabei von zweierlei abhngig, von dem _Interesse_, das die einzelnen +Zustnde des zu schtzenden Zeitraums fr uns hatten, und von der +_Menge_ derselben. Der Gedanke, da die Zeit Flgel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres +Lebens mit dem Interesse, das sich fr uns daran knpft, uns lebhaft +vergegenwrtigen, so da die dazwischenliegenden, weniger wichtigen +Vorgnge zurcktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer groen +Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefllt +sind. Diese subjektive Schtzung der Zeit ist also eine unsichere und +wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Mastab_ der Zeit +aufgestellt, indem man gleichmige Bewegungen in der Natur, Bewegungen +der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen +gezhlt werden. + +Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes +haben, whrend unsere Vorstellung selbst nicht rumlicher Natur ist, so +erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_ +gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebude, so +enthlt diese Wahrnehmung verschiedene rumliche Elemente. Wir erhalten +eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns auerdem +ein Bild von seiner Lnge, Breite und Hhe, also von seinen drei +Dimensionen. + +Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem +Gebude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben +wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das +Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren +Gre_ des Gegenstandes, die infolge hufiger bung so schnell vor sich +geht, da sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das +Wahrgenommene im Verhltnis zu seiner wirklichen Gre ist, desto grer +schtzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen +Gre nhert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer +Schtzung wird die wirkliche Gre nher zu bestimmen gesucht etwa durch +daneben stehende Menschen, deren ungefhre Gre genauer bekannt ist, +oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Gre nicht bekannt ist und +nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in +mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende +Gegenstnde bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer +oder auf einfrmiger Ebene sehr schwer zu schtzen. berhaupt lt sich +von den drei Elementen: wirkliche Gre, scheinbare Gre und +Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Auerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und +Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte grere oder +geringere Deutlichkeit der Umrisse. + +Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die +Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Gre +der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhltnis zu +einem feststehenden Hintergrund erfhrt, wenn wir ihn von zwei +verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt +ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei +einer Eisenbahnfahrt die nchsten Gegenstnde schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurckstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung +durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand +zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschlieen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach +verwendet. + +Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines +Krpers? Was wir zunchst sehen, ist nur eine Flche mit verschiedener +Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunchst einem Gemlde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher fat ein +Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Wrfel +als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. +Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_ +bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den +Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Krper herum +bewegen, finden wir, da die Flchenwahrnehmung von einer bestimmten +Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern da sich andere +Flchen an die zuerst gesehene anschlieen, und der Tastsinn, der den +verschiedenartigen von den Krpern geleisteten Widerstand anzeigt und +damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermglicht, ergnzt +dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und +Begrenzung der Krper. + +Damit ist aber noch nicht erklrt, wie es berhaupt mglich ist, da +_die unrumliche Seele rumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl +die Vorstellung eines rumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von +den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ ([+] 1881) aufgestellt hat, d. h. die +Ansicht, da je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der +Hautoberflche, die von dem ueren Reize getroffen wird, dieser selbst +noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich fhrt, den +dann die Seele rumlich deutet. So wrde derselbe Farbeneindruck R, je +nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb, +Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt +werden. Jedenfalls aber mu in der Seele eine Fhigkeit angenommen +werden, diese Zeichen rumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung +des Raumes zu erweitern. + +So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein +einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet +sich diese Einheit erst dadurch, da wir die Erscheinungen nach einem +_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_ +auffassen. Wir nehmen an, da jede Erscheinung eine Ursache hat und da +die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses +Kausalittsverhltnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir +wahrnehmen, ist vielmehr nur, _da die Erscheinung b regelmig +eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Da a die Ursache von +b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch +die regelmige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlat ist. +Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu +untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, da der erkennende +Geist die Eigentmlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach +diesem Kausalittsgesetz zu deuten. + + +2. Das Fhlen. + + + 15. Wesen und Arten des Gefhls. + +Die Gefhle sind _Zustnde von Lust und Unlust_; sie unterscheiden +sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die fr sich +allein uns _gleichgltig_ wren. Der Unterschied zwischen Gefhl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, da bei demselben ueren Reiz +die Tastempfindungen dem Schmerzgefhl vorangehen, so bei der +Berhrung eines heien Ofens. Auch entsteht das Gefhl langsamer als +die Vorstellung, der es entspricht. Wir knnen schneller von der +Vorstellung eines Glcks zu der eines Unglcks bergehen, als von dem +Gefhl eines Glckes zu dem eines Unglcks. Es ist daher anzunehmen, +da das Gefhl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als +Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen +und Vorstellungen immer mit Gefhlen der Lust oder Unlust verknpft, +sie haben einen sogenannten Gefhlston, und darin besteht das +_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_, +den wir ihnen beilegen. + +Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die +Gefhle unterscheiden sich nicht blo quantitativ durch ein Mehr oder +Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefhle der Lust, die sich fr uns an den Genu einer schmackhaften +Speise, an die Vollfhrung einer guten Tat und an die Betrachtung eines +schnen Gemldes knpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will, +smtliche Lust- und Unlustgefhle der Menschen je zu einer Gesamtsumme +addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schlu zu kommen, da +die Unlustsumme in der Welt grer sei als die Lustsumme, und da fr +die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.) + +Die Eigentmlichkeit der Gefhle lt sich nur erleben, nicht nher +beschreiben; doch werden diejenigen einander hnlich sein, die sich an +hnliche Zustnde oder Vorgnge knpfen. So knnen wir die Gefhle nach +ihrer Herkunft einteilen in _krperliche Gefhle_, die von krperlichen +Zustnden, und _geistige Gefhle_, die von geistigen Zustnden +herrhren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen +Gefhle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen -- +Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefhl, auch die geselligen Gefhle, Liebe und +Ha, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen gelutert sind -- +unterscheiden von den hheren geistigen Gefhlen, die an _allgemein +gltige geistige Gter der Menschheit_ sich knpfen: die +intellektuellen, sthetischen, sittlichen und religisen Gefhle. + + + 16. Die krperlichen Gefhle. + +Die krperlichen Gefhle schlieen sich unmittelbar an die +_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Strke_ von ihnen abhngig. +Jede Empfindung hat ihren eigentmlichen Gefhlston, der dieselbe zu +einer angenehmen oder unangenehmen Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur fr mittlere Strkegrade der Empfindung. Lt man einen Ton +zu bergroer Strke anwachsen, nimmt die angenehme Wrme allzusehr zu, +wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich +mit dem ursprnglich angenehmen Eindruck Unlustgefhle. Andererseits +kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer +Geschmack, bei geringer Intensitt als angenehm empfunden werden. + +Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das krperliche +Gefhl um _so strker, je weniger Wert fr die Erkenntnis_ die Reize +haben, von denen es ausgeht. Die strksten krperlichen Unlustgefhle, +_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgngen im +Krper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur +in geringem Mae stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit +deutlichen Gefhlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen +unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstnde, durch die sie +vermittelt sind. _Gesichts- und Gehrempfindungen_ aber, welche fr die +Erkenntnis der Auenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne +begleitende Gefhle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine +Bestimmung der besonderen mit ihnen verknpften Gefhle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hren von Tnen und noch mehr beim Sehen +von Farben so im Vordergrund, da der Gefhlston nur bei besonderer +Aufmerksamkeit zum Bewutsein kommt. Dieses Verhltnis von +Erkenntniswert und Gefhlsstrke ist wichtig, weil so die fr das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Strungen durch starke +Gefhle am wenigsten ausgesetzt ist. + + + 17. Die geistigen Gefhle. + +Auch die geistigen Gefhle sind vielfach durch krperliche Zustnde, +durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen +selbst nicht unmittelbar abhngig, sondern von den Vorstellungen, die +dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem krperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Krpers +verursacht, und dem geistigen Unlustgefhl, das durch ein beleidigendes +Wort hervorgerufen wird. + +_Intellektuelle_ Gefhle entstehen aus dem inneren Verhltnis der +Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von +Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen fhrt, so entstehen +Gefhle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer +Erscheinungsgruppe enthllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, +Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknpft. Die +_sthetischen_ Gefhle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schnen_. Sie +sind vielleicht daraus zu erklren, da ein ursprngliches Bedrfnis des +menschlichen Geisteslebens, die Einheit in der Mannigfaltigkeit +(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schnen irgend ein +Bruchstck der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der +vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem sthetischen Gefhl hngt +zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfnglichkeit fr sthetische +Eindrcke, verbunden mit der Fhigkeit, sie richtig zu beurteilen, das +Schne vom Hlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die +Fhigkeit, schne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der +_Einbildungskraft_, dem Vermgen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen berhaupt. Wir schreiben dem +Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm +geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich +ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen sthetisches +Gefhl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung +folgend dem Landschaftsbild eine schne Form gibt, es gleichsam zum +Gemlde gestaltet. Die knstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade +nach verschieden. Das _sittliche Gefhl_ ist an die Vorstellung gewisser +Handlungen geknpft; je nachdem es ein Gefhl der Lust oder Unlust ist, +werden die Handlungen als gute oder bse beurteilt. Aus den uerungen +des sittlichen Gefhls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundstze des +Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter +(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfat ebenso die ersten +Regungen des sittlichen Gefhls (primres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundres Gewissen). Das +_religise_ Gefhl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu +Gttern verbunden. Auf der hheren Stufe verbindet es sich stets mit dem +sittlichen Gefhl; die Mchte, von denen der Mensch sich abhngig fhlt, +werden zu Trgern sittlicher Ideale. + + + 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer. + +Aus irgend einem Anla kann das Gefhl pltzlich so stark auftreten, da +es die berlegung des Verstandes vollstndig zurckdrngt und den Willen +beherrscht; dieser pltzliche Ausbruch des Gefhls ist der _Affekt_, +z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefhl lngere Zeit in einer +bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_, +bestndig bereit, den Willen sich vllig zu unterwerfen. Zu +unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe, +Frmmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefhl ein fr allemal mit +gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen +frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch +grere Dauer und eine gewisse Gleichmigkeit, mit welcher sie ihren +Einflu auf den Willen geltend machen. Das Vermgen der Gesinnungen ist +das _Gemt_. + + + 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle. + +Die Gefhle knpfen sich nicht selbstndig aneinander, sondern schlieen +sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur da die +Gefhle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefhl +auch ber eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. +Auch die Erinnerung der Gefhle wird durch die entsprechende Vorstellung +vermittelt. Will ich etwa zum Verstndnis der Gefhle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus frherer Zeit in derselben +Lage zurckrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der +betreffenden Umstnde. + +Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefhle ein Gesetz, das auch fr den +Vorstellungsverlauf gilt, in viel strkerem Mae: das _Gesetz der +Beziehung_. Das Gefhl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes +Gefhl ist davon abhngig, _was fr ein anderes vorangegangen ist_. +Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen +Zeiten in uns ganz verschiedene Gefhle hervorrufen. Das Gefhl der Lust +ist strker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand +der Gleichgltigkeit entsteht; das Gefhl der Genesung ist mchtiger, +als das der Gesundheit. Treten die Gefhle im berma auf, so knnen sie +in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem ertrgt nur +ein beschrnktes Ma von Lust und Schmerz. + +_Wiederholt_ sich das Gefhl, so wird es gewhnlich _abgestumpft_. Der +hufige Genu derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. +Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Strke, er erzeugt +Abhrtung. Doch gilt dies nur fr solche Gefhle, die keine Vertiefung +in einen geistigen Inhalt, sondern blo passive Hingabe an einen +Eindruck mit sich fhren, dagegen trgt bei den hheren Gefhlen die +wiederholte bung zur _Verstrkung_ bei. Das Anhren eines klassischen +Musikstcks kann bei jeder Wiederholung hheren Genu gewhren, indem +die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des +Tonstcks eindringt. + +Gleichzeitige Gefhle hnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem +_Totalgefhl_, in das sie als _Partialgefhle_ eingehen. Bei smtlichen +hheren geistigen Gefhlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt +sich z. B. die sthetische Gefhlswirkung eines historischen Gemldes +aus Partialgefhlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der +Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der +Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen. + +Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefhle, welche eine gewisse +Selbstndigkeit bewahren, redet man dagegen von _gemischten +Gefhlen_. So entsteht das Gefhl der Wehmut aus einer Mischung von +Trauer ber das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran. + + + 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung. + +Ein fr sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefhle ist das +sogenannte _Lebens_- oder _Gemeingefhl_. In jedem Augenblick +unsres Lebens zeigt sich unser krperliches Allgemeinbefinden durch ein +allgemeines Gefhl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +Gemeinempfindungen (z. B. Hunger und Durst) geknpften Gefhlen +entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen krperlichen Gefhlen +unterscheidet, da es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Krpers +beziehen, nicht lokalisieren lt. + +Der Beitrag, den die krperlichen Zustnde zu dem Lebensgefhl liefern, +setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehren: + +1. Eine groe Anzahl von Gefhlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu +_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewutsein zu kommen. + +2. Gefhle, die sich an _Zustnde einzelner Krperteile_ knpfen, aber +auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz. + +3. Gefhle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im +Krper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ fr den Fortgang des Lebens +gewhnlich berhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustnde, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier +Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des +Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren fr das +Gemeingefhl. Das Lebensgefhl bildet einen Bestandteil der +_Stimmung_, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen +Gefhlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl +die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhhte +Lebensgefhl als der Genu eines edlen Kunstwerks beitragen. + +Noch weniger als die einzelnen Gefhle lassen die Lebensgefhle und die +Stimmungen eine Beschreibung zu. Es knnen nur einige allgemeine +Ausdrcke angefhrt werden, die sich im Sprachgebrauch dafr ausgebildet +haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_ +Stimmung. In den Gegenstzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der +_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_ +bewegen sich Stimmung und Lebensgefhl. + +Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des +Lebensgefhls und der Stimmung _fr die Erinnerung_, fr die +Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise +verndert wurde. Wir erinnern uns einer frheren Situation dann mit +auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Frbung unserer Stimmung +damit verbunden war, und zwar dadurch, da wir uns in die damalige +Stimmung wieder hineinfhlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so +sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedchtnis +entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen +des krankhaft vernderten Lebensgefhls. Umgekehrt sind wir geneigt, +ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die +gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die hufige Meinung, in +einer Situation, in der man zum erstenmal ist, frher schon einmal +gewesen zu sein. + + + 21. Die Temperamente. + +Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender +Empfnglichkeit fr bestimmte Gefhle und dadurch bedingter +Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, +wie Eindrcke der Auenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Vernderungen der Stimmung und des Lebensgefhles bewegen +sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der +krperlichen und geistigen Anlage abhngen. Solcher Temperamente gibt es +eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht +schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente +herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: +das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrcke +zwischen _Temperamenten des Gefhls_: dem leichtbltigen (sanguinischen) +und schwerbltigen (melancholischen), und _Temperamenten der Ttigkeit_: +dem warmbltigen (cholerischen) und kaltbltigen (phlegmatischen). + +Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen +Vorgnge, sofern sie vom Gefhlsleben abhngig ist. Nach der +gewhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_ +Temperaments: lebhafte Empfnglichkeit fr alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrcke und ohne krftige Rckwirkung, +daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Bestndigkeit der +Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit fr uere +Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmigem +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_: +starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und groe Energie der +Rckwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_: +groe Empfnglichkeit fr Gefhle, besonders fr die hheren, aber +Neigung zum Verweilen in diesem Gefhlsleben ohne praktische Tatkraft +zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele. + +_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegenstzen in der Art der +Gemtsbewegungen ab: Strke und Schwche, Schnelligkeit und Langsamkeit, +und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente: + + _Starke:_ _Schwache:_ + + _Schnelle_ cholerisch sanguinisch + _Langsame_ melancholisch phlegmatisch. + +Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprgt, +und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit +zu vermeiden. + +Man knnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Vlker, +Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in +jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art +angeborener Eigentmlichkeit des Gefhlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen +der vorwiegenden Empfnglichkeit fr Lust und der fr Unlust. + + + 22. Selbstgefhl und Mitgefhl. + +Besondere Bedeutung hat das Gefhl fr das Selbstbewutsein. Wir +machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst, +bei welchem zunchst der Krper im Vordergrund steht und spter auch +der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird. +Mit Ich bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden +Zustnde dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus, +da wir alle diese inneren Vorgnge und die Bewegungen des Krpers, +die von ihnen abhngen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste +Grund fr diese Unterscheidung unseres Ich von andern liegt im +_Selbstgefhl_. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen +Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, knnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden, +zweifellos und unmittelbar als Zustnde unseres eigenen Selbst im +Unterschied von andern erleben wrden. Erst allmhlich entwickelt sich +auf Grund dieses Selbstgefhls, das von der Erkenntnis unabhngig ist, +das _Selbstbewutsein_, indem das Ich lernt, sich denkend von seinen +Zustnden zu unterscheiden. Im _Mitgefhl_ erweitert sich dann wieder +dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fhlen. + + + 23. Die Bedeutung der Gefhle. + +Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefhle fr das +menschliche Dasein berhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach +auch sich besttigende Antwort auf diese Frage ist, da _Lust eine +Frderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des krperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Gre des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der +Gre der Strung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt +als Lust- oder Unlustgefhl an, ob frdernde oder hemmende Stoffe dem +Krper zur Nahrung zugefhrt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunchst die Lebensfunktion, indem sie mit +einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst +bei ihrer weiteren Verbreitung im Krper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt fr die _geistigen Gefhle_. Auch +ein schdlicher geistiger Genu zeigt richtig die Frderung des +geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwgen, inwieweit die +daraus folgende Hemmung die augenblickliche Frderung berwiegt, ist +nicht Sache des Gefhls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste +Aufgabe der Lebensklugheit. + +Im ganzen aber fhrt diese Auffassung zu einem _Verstndnis der +umfassenden Bedeutung des Gefhls_, deren nhere Darlegung in Beziehung +auf den Zusammenhang der Welt brigens in die Metaphysik gehrt. Auf dem +Gefhl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die +theoretische Einsicht in das, was ntzlich und schdlich ist, reicht +nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so +vollendete Ausbildung des Verstandes knnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Gter bringen, wenn nicht ein Genu hherer Art damit +verbunden wre. In den meisten Fllen ist vielmehr jene Einsicht gar +nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genu belriechender +Speisen fr gewhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schdlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefhle, die schon der Gedanke daran ihm +verursacht. Wenn dem Mrder vor der Tat das Gewissen schlgt, so +geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundstze fr die +Existenz der Gesellschaft sich berlegt hat, sondern er _fhlt +unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mchtiges Unlustgefhl. + +So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust, +die er vermeidet, so geleitet, da die Erhaltung und Vervollkommnung des +einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte +der Religion aus gesehen wre das Gefhl das Hauptmittel in der Hand der +Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefhle wren es, +die eine Welt von Motiven fr die Geschichte bilden, und Gefhle edler +Art wrden jene Ideale der Menschheit (s. 1) ihrer Verwirklichung +entgegenfhren. + + +3. Das Wollen. + + + 24. Die unwillkrlichen Bewegungen. + +Das Wollen ist wie das Fhlen ein _einfacher und ursprnglicher Akt des +Geisteslebens_, der sich nicht nher beschreiben, aber doch in seinen +uerungen verfolgen lt. Der eigentliche Willensakt veranlat immer +eine Vernderung entweder in der Auenwelt oder in der Innenwelt des +Wollenden. Das Mittel, eine Vernderung der ersteren Art zustande zu +bringen, ist die Bewegung des eigenen Krpers. An dieser nchstliegenden +Vernderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher +auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum +eigentlichen Wollen gehrt die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht +werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden +soll. Dies ist aber erst das Resultat einer lngeren Entwickelung. + +Der Mensch wrde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst +Bewegungen ausfhren wrde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom +Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen mssen zu _unwillkrlichen +Bewegungen_ fhren; denn die angesammelte Spannkraft mu einen Ausweg in +Bewegungen finden. Beispiele dafr gehen auch noch neben dem bewuten +Wollen her, wenn beim Schmerz die Zhne zusammengebissen werden, oder +eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich +kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen +Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hnde, wahrnimmt, +allmhlich zu der Erfahrung, da sie von ihm selber beeinflut werden +knnen. + +Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche +_unwillkrliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines +Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Sto droht, so schlieen sich die +Augenlider; wenn ein fremder Krper in die Luftrhre gert, so tritt +Husten ein, ohne da eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung +ntig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der +eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber +ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und fhrt so zu +jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmig begegnet. Da +diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der berlegung +unabhngiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, da sie auch bei +Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch +wischt den Tropfen Sure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fue +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar +noch die Fhigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbstndiger +Bewegung hat. Bei dem Menschen lt sich der Unterschied zwischen +Reflex- und willkrlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen ber die +sogenannte _physiologische Zeit_ nachweisen, d. h. die Zeit, welche +zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer +Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfliet und +durchschnittlich etwa 1/5 Sekunde betrgt. Es zeigt sich nmlich, da +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkrlichen +Bewegung, da also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen +Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die +motorischen eine bestimmte, sogenannte Willenszeit zur +Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den +elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verluft +weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der +Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der +durch Schlieung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen +bringt. + +Die Reflexbewegungen knnen auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen +Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der +bewute Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei groem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens +oder durch die Willenskraft das Zusammenfahren verhindert wird. Die +Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptschlich im _Rckenmark_. Sie +werden vom groen Gehirn aus, dem Organ der selbstndigen Bewegung, +mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschrnkt. Die +_Selbstbeherrschung_ besteht zum groen Teil aus solchen +_Reflexhemmungen_. + +Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des +_Instinkts_ dadurch, da sie ein zusammengesetztes System von Mitteln +zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie +gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine +Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer +Wachszelle, sondern sie werden von dunklen krperlichen Gefhlen dabei +geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentmlichkeiten +ihrer Gattung angesehen werden mssen. + +Hierher gehrt noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne +eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer +zweckmigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_ +der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren +Bild sich aufdrngt, wird oft unwillkrlich nachgeahmt. Die Ste eines +Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern +unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung +einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung fhren, ohne da +der Wille mitwirkt. Noch hufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt +sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Krperhaltung +gehren und die oft nachgeahmt werden, whrend die Aufmerksamkeit etwas +anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung +infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablsung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurck. + + + 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen. + +Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt +nher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto +enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So +unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, da dabei eine mehr +oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der +Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, da er den Menschen ganz +erfllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_ +ber. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem +zuknftigen Gefhl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes +gewhren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden, +zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt +leitet nur durch die augenblicklichen Gefhle, welche die Bewegung +begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem +das Gefhl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die +Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Knstlers. Das +Gefhl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also +der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_. + +Wird dieses Gefhl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar +zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten +mehrere Objekte nebeneinander auf, so da das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr +blo fr die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es +entscheidet je nach dem Gefhlswert der Motive, besonders mit Hilfe der +Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt fat den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel +anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemtsbewegung +entspringen, ohne da das ganze Innere des Menschen, sein eigentmlicher +Charakter, alle seine Gefhle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die +Entscheidung ist deshalb zunchst eine _oberflchliche_ und kann, wenn +sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoen werden: +der Weg zur Hlle ist mit guten Vorstzen gepflastert. Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen +berlegung, indem der Handelnde seine ganze Persnlichkeit dabei in die +Wagschale legt, so entsteht der _Entschlu_. Dieser ist die hchste Form +des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nhern, +desto wichtiger mu jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der +Ausfhrung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet +haben; denn je mehr andere Motive und die Erwgung ihres Wertes Zeit +haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der +unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der berlegung +entrckt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des +Willens ist freilich ein flieender und der Sprachgebrauch hufig +ungenau, aber er ist wichtig fr die sittliche und fr die +strafrechtliche Beurteilung. + +_Was fr ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht, +da dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Mglichkeit war, nun +auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizufhren ist, lt sich nicht nher auseinandersetzen, sondern nur +erfahren. Auch haben wir kein Bewutsein davon, wie nun der Willensakt +in Bewegung bergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen +Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen +wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefhl von der Bewegung, die gemacht +werden soll, und den eigentmlichen Vorgang, der den Befehl enthlt, +diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das brige entzieht sich unserer +inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, +sie ist also in gesetzmiger Weise mit dem inneren Zustand verknpft, +jedoch ohne da die Zwischenglieder uns zum Bewutsein kommen. + + + 26. Die Freiheit des Willens. + +Da der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschlu +fat, _frei_ sei, d. h. da er in demselben Augenblick auch einen andern +Entschlu fassen knnte, wird berall im praktischen Leben +vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich +vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese +Frage fr sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, +ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewutseins ist, +die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz +auerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der +Psychologie ergibt sich als Fr und Wider etwa Folgendes: + +1. Der _Determinismus_ erklrt, durch die Behauptung der Freiheit des +Willens sei das _Gesetz der Kausalitt_, da alles eine Ursache haben +msse, und damit der Zusammenhang des Bewutseinslebens _aufgehoben_. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gltigkeit +des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei fr die geistige Welt +weder erwiesen, noch willkrlich anzunehmen. + +2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_ +hin: auf das Bewutsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das +Gefhl der Reue, die nur erklrbar seien unter der Voraussetzung, da +man wirklich in derselben Lage anders handeln knnte, als man gehandelt +hat. Der Determinismus erklrt diese Tatsachen daraus, da das handelnde +Individuum seine eigene Charaktereigentmlichkeit nicht in Rechnung +bringt und so die, von uerem Zwang allerdings unabhngige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen +Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an +eine bse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und +aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben. + + + 27. Die Ausdrucksbewegungen. + +Es gibt Bewegungen, deren Eigentmlichkeit darin besteht, da sie einen +innern Zustand _ausdrcken_, da sie Zeichen eines bestimmten inneren +Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkrlichen +und willkrlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie +verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen +Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser +Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen mglich ist. Soweit diese in +uerlich sichtbaren Krperbewegungen bestehen, werden sie auch +_Gebrden_ genannt. + +Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die +aber hufig zusammenwirken: + +1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefhls unmittelbar zum +Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen +erwhnt als ein Mittel, die groe innere Spannung nach auen zu leiten. +Hierher gehrt das Erblassen und Errten, Lhmung und Spannung der +Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck +krperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern +es durch starke Gegenstze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. hnlich beruht der +Witz auf der pltzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in +Nichts (Kant). Die Ursache dieser Vorgnge ist vielleicht die, da ein +Grundbedrfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegenstze hindurch hier +besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in +einem stoweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das +_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder krperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Trnendrsen. +Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln +begleitet, die nach Form 2 zu erklren sind. + +2. Bewegungen, welche die Gefhle mit Hilfe der _Assoziation hnlicher +Empfindungen_ ausdrcken. So werden z. B. diejenigen Gefhle, welche +der Sprachgebrauch als bitter, herb, s bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrckt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind. + +3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch +mittelbar zum Ausdruck von Gefhlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der +Hand _hinweisen_. Hufiger mglich ist die _Nachbildung_ des +betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebrden. +So sucht der Erzhler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefhl ausgedrckt werden, z. B. wenn durch das +Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und +dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrckt wird. + +Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen berhaupt ist aber die +_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den +gesprochenen und gehrten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in +ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. +Ursprnglich war die Sprache wohl eine unwillkrliche, von Gebrden +begleitete uerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstnde machten_, und auf einer +unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche +Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten +_onomatopotischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurckgefhrt wird, +wre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die +erluternde Begleitung der Gebrden und das Bewutsein einer +Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmhlich zurck, das +Wort wurde bloes Zeichen und konnte auch fr Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_: +zuerst Nachbildung der Form der Gegenstnde in der Bilderschrift und +dann Verwandlung dieser Bilder in selbstndige Schriftzeichen. So wurde +die Sprache das unerschpfliche und unentbehrliche Mittel fr die +Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit fr die +Ausbildung des Denkens berhaupt. + +Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer +Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren +Dienst und sucht dieselben allerdings knstlich, d. h. ohne da die +natrlichen ueren und inneren Anlsse dazu gegeben sind, +hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der hchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den +inneren Zustand selbst knstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen +ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebrden nur mechanisch erlernt, +so erscheint sein Spiel als ein Gemachtes, weil es eben nicht +Ausdruck eines Innern ist. + + + 28. bung, Gewohnheit, Charakter. + +Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie groer Wichtigkeit fr das +geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, grere +Fertigkeit zu erreichen, so heit sie _bung_. Das Resultat der hufigen +Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch +Assoziation verbunden sind, hufig wiederholt, so geht die +Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder +kommen gar nicht mehr als selbstndige zum Bewutsein. Ein Beispiel +dafr ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprnglich aus der +Wahrnehmung der scheinbaren Gre, deren Vergleichung mit der wirklichen +Gre und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die bung werden +wir diese Berechnung so gewhnt, da wir mit berspringung der +Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben +(vgl. o. S. 36). + +Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von +den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die +motorischen Nerven und die Ausfhrung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche +gewohnheitsmige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. +die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind fr +unser Bewutsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so da das +eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fgt +sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der +betreffenden Schriftzeichen und der dazu ntigen Bewegungen, und durch +Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe +in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben +geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange +her, den die gesprochenen Worte htten. Dieser komplizierte Vorgang ist +uns durch unzhlige Wiederholungen so gelufig geworden, da er uns als +ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: +das Sprechen, das Klavierspielen, die Ttigkeit des Setzers, zu +erklren. + +Je grer die bung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung +erfolgt, _desto weniger bedarf es fr jede einzelne Bewegung einer +besonderen Willensanstrengung_, so da die Reihe der einmal angefangenen +Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abluft. Ein Willensakt +scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschlu der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, da berall +der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwcherem Grade. Die Bewegung des +Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, +und doch mssen wir annehmen, da nicht blo beim Aufstehen oder +Aufhren der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwhrenden Spannung der +Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch +hier bei fortgesetzter bung die Zwischenglieder fr das Bewutsein. + +Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich +einschrnkt, beherrscht unser ganzes alltgliches Leben. Besonders aber +macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentmlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der +Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmige Form des Handelns, +einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundstze auf +sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen +Handlungen dem Einflu der Beweggrnde des Augenblicks entzogen sind. +Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene +Grundstze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige +berlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundstze, eine +besondere Entscheidung des freien Willens statt. + + +Abschnitt III. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele +voneinander. + + + 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander. + +Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermgen ist, wie schon +erwhnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht +entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten +Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer +ergeben, wie eng sie zusammengehren. + +1. Das _Erkennen_ ist abhngig vom Fhlen und Wollen. Das _Gefhl_ ist +das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es +verknpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert, +den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefhlen fr +uns hat, veranlat uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst +wrden wir uns gleichgltig dem Strome der Vorstellungen berlassen. Und +diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, +die allein zur Erkenntnis fhren kann, ist nur mglich mit Hilfe des +_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt. + +2. Das _Gefhl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von +Vorstellungen und Willensakten. Die Gefhle sind an sich zu unbestimmt, +um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknpfung mit +den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie +sich klar unterscheiden und gegeneinander abwgen. Ebenso ist eine +deutliche _Erinnerung von Gefhlen_ nur mglich durch Wiedererzeugung +der Vorstellungen, an welche sie sich geknpft haben. Und sollen _die +hheren Gefhle_, die intellektuellen, sthetischen, sittlichen, +religisen, vor Verirrungen bewahrt werden, so mu das Denken sich auf +sie richten und Grundstze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann +wieder auf das Fhlen selber zurckwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es mu aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen +Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefhls +verhindert oder ein vorhandenes unterdrckt werden, aber dies kann +mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefhlserregung uert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es +sich nhrt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter +Umstnden unterdrcken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen +lt, d. h. indem er Selbstbeherrschung bt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, +in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den +Gegenstand seines Gefhls erinnert. Das ganze Gefhlsleben aber kann nur +dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen +wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefhl auf Kosten der Tatkraft, wie +eine Vernachlssigung des Gefhls zu Gunsten des blo verstandesmigen +Strebens verhindert. + +3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefhle nicht denkbar. Er +bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses +Ziel knnte dem Wollenden aber gleichgltig sein, wenn nicht die +Erreichung desselben durch Verknpfung mit _Lustgefhlen_ einen gewissen +Wert fr ihn htte. Ferner wre es nicht mglich, einen Zweck zu +erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand +ausgehen mu. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen +planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmige +Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundstze ntig, die vom Denken zur +Leitung des Willens aufgestellt werden. + +So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgnge in der +verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen +Zeiten das eine Mal das Gefhl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille +vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentmliches +Geprge, je nachdem das Denken, das Fhlen oder das Wollen bei ihnen +vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefhlsmenschen_ und +_Mnnern der Tat_. Die hchste Form ist aber immer das _ideale +Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen +Geistes. + + + + +Logik. + + + 30. Die Aufgabe der Logik. + +Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_. +Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der +Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner +_tatschlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen +Vorgnge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklren; das richtige, wie +das unrichtige Denken findet gleichmige Bercksichtigung. Die Logik +hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das +geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die +Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, da das Denken in der +Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele fhrt. + +Wenn wir diese Frage beantworten sollen, mssen wir ein Mittel haben, +_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das +nchstliegende wre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, +dessen Resultate _mit der Wirklichkeit bereinstimmen_. Dem steht aber +der Einwand gegenber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt +werden kann, da die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung +vorhanden ist (vgl. 3). Jedenfalls knnen wir einen Vergleich +zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir +auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also ber den Kreis +des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhngigen +Wirklichkeit vergleichen zu knnen. Ebensowenig knnen wir die +Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_ +abhngig machen; die Allgemeingltigkeit des Gedachten ist teils nicht +vorhanden, teils zu unsicher, um als Mastab fr seine Richtigkeit +gelten zu knnen. + +Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewutsein davon_, was richtiges +Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, da wir das +richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir +finden in uns eine innere Ntigung, gerade so und nicht anders zu +denken, und wir nehmen an, da auch andere ebenso denken mssen. Die +Logik mu sich also darauf beschrnken, die Bedingungen darzustellen, +unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingltige Denken_ zustande +kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab +_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von +gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prfen hat, +durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie +unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, da sie das +Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhngigen Welt fhren kann, sondern fr sich allein nach seinen +eigenen Gesetzen. + +Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, da die Logik +_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die +Kunst des Dichtens lehrt. Aber es lt sich doch nicht behaupten, da +die Kunst des Denkens berhaupt unabhngig wre von der Kenntnis der +logischen Gesetze. Die Fhigkeit richtig zu denken ist dem Menschen +angeboren, aber es gilt auch hier, da es _besser ist, wenn er die +Grundstze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn +wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt, +so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewut ist. Geradezu unentbehrlich ist +diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder +besonders schwierige Fragen zu lsen, so besonders in der Philosophie +und berall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer +klaren, sicheren Methode abhngig ist. + +Die Logik beschftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den +_Begriffen, Urteilen und Schlssen_, teils mit der Art, wie diese +Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft +als ein zusammenhngendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des +wissenschaftlichen Verfahrens heit Methode. So kann man die Logik +einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_. + + +I. Teil. Elementarlehre. + + +1. Die Begriffe. + + + 31. Der Begriff und seine Merkmale. + +_Der Begriff ist die durch ein Wort reprsentierte Einheit aller in +einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. +13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird, +gilt als das Wesen der Gegenstnde, die unter ihn fallen, und so +nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht +werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen knnen, +_auerwesentliche_ oder _zufllige_. So sind wesentliche Merkmale +des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang; +auerwesentliche: Schnheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl +gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in +keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der +Erkenntnis mglich; der Fortschritt der Wissenschaft mu entweder +die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang +zurckfhren oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der +Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich +wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks +schliet die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann +aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden. + +Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in +_eigentmliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschlielich_ +eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen +zukommen, ferner in _ursprngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein +ursprngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelitt der +Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben. + +Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet +wird, mu nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrhren, +sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten +sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen +wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen, +indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen +aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen. + + + 32. Inhalt und Umfang des Begriffs. + +An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit +der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der +Gegenstnde oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und +Parallelitt der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate, +Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier: +organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Sugetiere, +Vgel, Amphibien, Fische, Wrmer u. s. w. + +Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufllige Merkmale +aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu +eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu gro, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff +Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhlt, +denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid +ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelitt der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fllt er mit +dem Begriff des Vierecks zusammen. + +_Je grer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je +grer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und +Begriffsinhalt stehen also ihrer Gre nach in umgekehrtem Verhltnis +zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld grer als der Umfang +des Begriffs Silbergeld, denn er umfat auch das Kupfergeld, Goldgeld +und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nmlich um das Merkmal +Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufgung von +Merkmalen beschrnkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion). + + + 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe. + +Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hngt +die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn +man das, was zu seinem Umfang gehrt, genau von dem unterscheiden kann, +was in den Umfang anderer Begriffe fllt, so da keine Verwechslung +mglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von +Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, fr +sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der +von der Wissenschaft berhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine +klare Vorstellung hat. + + + 34. Die Arten der Begriffe. + +Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_ +Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale +enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; +zusammengesetzte: Lwe, Sechseck, Urteil. + +Nach dem Verhltnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man +_untergeordnete_ (subordinierte), _bergeordnete_ (superordinierte) und +_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der +unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man +_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder +aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen +nur mittelbar in sich befat, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der +Gattungsbegriff heit auch der _hhere_ oder _weitere_ und der +Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen +knnen wieder andere hhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fllt +der Begriff Singvogel unter die hheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier, +organisches Geschpf, Krper, von denen jeder wieder einen weiteren +Umfang hat, als der vorhergehende, so da ein Gattungsbegriff im +Verhltnis zum folgenden hheren immer wieder als Artbegriff betrachtet +werden knnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen hufig durch besondere Ausdrcke bezeichnet, wo dann +auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert +besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, +Individuum. + +Begriffe, die demselben nchsthheren Gattungsbegriff untergeordnet +sind, stehen im Verhltnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B. +Frhling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschlieen, so stehen sie in einem +gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz +(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den +Umfang des hheren Begriffs ausfllen, so da der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und +ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _kontrren_ +Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so da sie +sich zwar auch gegenseitig ausschlieen, aber mit anderen Begriffen +sich in den Umfang des hheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt, +ruht; daraus aber, da es nicht Frhling ist, folgt nicht, da es Sommer +sein mu, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden +zugleich. + +Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach +Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und +der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begrnder der +Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der +nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders +hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres +Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_, +wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen knnen, z. B. rechtwinklig und +gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man +diejenigen, welche berhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen +hheren Begriffs untergebracht werden knnen, z. B. Dreieck und +Tapferkeit. + + +2. Die Urteile. + + + 35. Das Wesen des Urteils. + +_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe, +der mit dem Bewutsein seiner Allgemeingltigkeit vollzogen wird._ Die +sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird +etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das +_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prdikat_. Die Ineinssetzung +beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula +ausgedrckt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das +Eisen glht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glhen der Prdikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und +Prdikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet +wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus +(Existentialurteil), sondern dient nur als Trger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prdikat verknpfen soll, z. B. der Pegasus ist +geflgelt. + + + 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile. + +Die herkmmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzgen von +Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei +jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantitt_, +_Qualitt_, _Relation_ und _Modalitt_. + + +1. Die Quantitt. + +Nach der Quantitt unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das +Prdikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle +Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikulre_ Urteile, wo das +Prdikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind +P; einige Knige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_ +Urteile, wo das Prdikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P; +Bismarck ist ein groer Mann. + +Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der +_Ergnzung_. Es wurde mit Recht angefhrt, das _individuelle_ Urteil +knne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das +Prdikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall, +da das Prdikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur +von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine +besondere Art zu begrnden. Das _partikulre_ Urteil kann als +selbstndiges nur festgehalten werden, wenn es nher bestimmt wird, so +da es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige +S sind P. Das ganz unbestimmte partikulre Urteil: einige Menschen sind +sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein +vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung, +oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, +hat es selbstndige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil mu +unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem +unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die +Behauptung, da das Prdikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zhlung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf +einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen. +Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prdikat auf Grund eines +Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt, +an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben +gleiche Diagonalen. + + +2. Die Qualitt. + +Nach der Qualitt werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder +affirmative, wo Subjekt und Prdikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2. +_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prdikat getrennt werden; 3. +_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten +Prdikat verknpft wird: S ist Nicht P. + +Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie +fllt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden +diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist +nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller mglichen +Prdikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses +unendliche Prdikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatschlich +nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht +alle mglichen Prdikate, z. B. blau, sechseckig, gasfrmig, vielmehr +ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen. + +Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantitt und Qualitt ergeben +sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben +a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P +(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulr +bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulr verneinende: einige S +sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wrtern %affirmo% (ich bejahe) +und %nego% (ich verneine) entnommen. + + +3. Die Relation. + +Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und +Prdikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache +Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt +etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so +entwickelt sich Elektrizitt; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches +aussagt, da dem Subjekt von mehreren sich ausschlieenden Prdikaten +jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind +entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder +die Franzosen oder die Deutschen werden siegen. + +Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des +Prdikats zwei Stze getreten, die in das Verhltnis von _Grund und +Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, da in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird, +noch da sich Elektrizitt entwickelt, sondern es sind zwei als +_Hypothesen_ aufgestellte Stze, von denen nur behauptet wird, da die +Gltigkeit des einen die notwendige Folge der Gltigkeit des anderen +sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise +auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich +die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der +Himmel bewlkt ist, fllt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist, +so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es +auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist, +so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat. + +Zum _disjunktiven_ Urteil gehrt eigentlich eine _Reihe mglicher +Stze_, die sich gegenseitig ausschlieen, und die zusammen den Umfang +des Subjekts- oder Prdikatsbegriffs erschpfen: S ist P, S ist Q, S ist +R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern +im _kontrren_ Gegensatze stehen. + + +4. Die Modalitt. + +Nach der Modalitt werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_, +wo die Verknpfung oder Trennung von Subjekt und Prdikat nur als +Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren +Gltigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_, +deren Gltigkeit als notwendig hingestellt wird: S mu P sein. + +Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen +Zweideutigkeit. S kann P sein, drckt sowohl die _subjektive +Ungewiheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des +Lichtes beruht vielleicht auf therschwingungen, als auch die _objektive +Mglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthlt nichts +Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine +Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit +eintritt. Dagegen ist das Urteil ber die Erklrung der Erscheinung des +Lichtes ein wirklich problematisches, fr das aber doch derjenige, der +es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft +Allgemeingltigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen +assertorischem und apodiktischem Urteil_ fllt dahin, da jedes Urteil, +also auch das assertorische, mit dem Bewutsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird. + + + 37. Die zusammengesetzten Urteile. + +Im Anschlu an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und +zusammengesetzten Stzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_ +Urteilen, die nur aus Subjekt, Prdikat und Kopula bestehen, und +_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schlieen, +unterschieden. + +Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten +hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet: + +1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere +Prdikate bejaht oder verneint. + + { sowohl } { als } { als } + S ist { } P { } P^1 { } P^2. + { weder } { noch } { noch } + +2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe +Prdikat bejaht oder verneint. + + Sowohl } { als } { als } + } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P. + Weder } { noch } { noch } + +3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen +Umfang erschpfenden Artbegriffe als Prdikate beigelegt. S ist teils P +teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum +disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv +ausdrcken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder +gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils +krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck +voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von +denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder +gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach +seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien +(berhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prdikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen +sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von +Ewigkeit her oder geworden. + +Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit +dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven, +zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbstndigen +Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Stzen_, die fr sich allein +keine allgemeine Gltigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch +bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als +einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vorderstze oder mehrere Nachstze oder beides +besitzen. + +Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das +konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes +Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene +selbstndige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil +in diesem Sinn zu reden, wre also ungefhr dasselbe, wie wenn man eine +Strae ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es mten dann +neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Stze mit wenn, +obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgefhrt werden; +alle diese Satzverbindungen begrnden jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich +daher berhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen, +sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile, +die so bezeichnet werden knnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer +sprachlichen Verbindung selbstndiger Urteile. + +Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten +lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das +_Verhltnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentmliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und +Prdikats tretenden Stzen. + + + 38. bersicht der Urteilsarten. + +Die Betrachtung der Urteile nach Quantitt, Qualitt, Relation und +Modalitt hat ergeben, da die traditionelle Einteilung im einzelnen +verschiedene Mngel hat, da aber die damit aufgestellten +Einteilungsgrnde in der Hauptsache festgehalten werden knnen. Der +allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings berall derselbe +(Sigwart), berall wird ein Subjekt mit einem Prdikat in eins gesetzt +oder von ihm getrennt und fr diesen Akt Allgemeingltigkeit in Anspruch +genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der +Beschaffenheit der Subjekte, der Prdikate und der Kopula_. Die +verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen +wesentlichen Einflu auf das Urteil selbst, und so bietet sich als +einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prdikats- und den +Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und +Ausfhrung der folgenden Einteilung abweicht); danach wrde sich +ungefhr folgende Einteilung der Urteile ergeben: + + +I. Nach den Subjektsformen. + +1. In Beziehung auf die _Zeit der Gltigkeit_ der Urteile: + + a) _Erzhlende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten + Zeit angehrt. Das Urteil selbst ist daher _nur fr einen + bestimmten Zeitabschnitt gltig_, z. B.: diese Blume ist schn. + + b) _Erklrende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten + Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_ + deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb. + +2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gltigkeit_ (Quantitt): + + a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersnliches + Frwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen + Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Frwort ist nur der + sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form + gewohnheitsmig hinzugefgt wird, z. B.: es blitzt, es regnet. + Daher ist auch der _Umfang der Gltigkeit des Urteils unbestimmt_. + + b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gltigkeit des Urteils + _beschrnkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt + bildet, z. B.: Csar hat gesiegt. + + c) _Partikulre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter + Mehrzahl. Das Urteil gilt zunchst nur _fr einen Teil des Umfangs + des Subjektsbegriffs_: + + mindestens } + } einige S sind P. + nur } + + d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfat alle Individuen, die + unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund + der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines + Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem + letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner, + auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrckt, + z. B.: das Tier hat Empfindung. + + +II. Nach den Prdikatsformen. + +Je nach den Vorstellungen, die dem Prdikatsbegriff zu Grunde liegen, +wechselt die Art der Anknpfung des Prdikats an das Subjekt, die bejaht +oder verneint wird. Es lassen sich _fnf Hauptarten von Vorstellungen_ +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen +gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren +_Ttigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der +Ttigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den +Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln. + +Danach ergeben sich _fnf Prdikatsformen_, welche die Urteilsfunktion +selbst modifizieren. + +1. _Subsumtionsurteile._ Der Prdikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff, +in dessen greren Umfang der Subjektsbegriff fllt, z. B.: dies ist +Eisen, der Walfisch ist ein Sugetier. + +2. _Ttigkeitsurteile._ Der Prdikatsbegriff spricht dem Subjekt eine +Ttigkeit zu: die Erde bewegt sich. + +3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prdikat wird als Eigenschaft dem Subjekt +beigelegt: Schnee ist wei. + +4. _Modifikationsurteile._ Die Ttigkeiten und Eigenschaften werden auf +einer hheren Stufe des Denkens _fr sich betrachtet_ und zu _abstrakten +Substantiven_ gemacht. Sie knnen dann selbst verschiedene +_Modifikationen als Prdikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schn; +die Bewegung der Brieftaube ist schnell. + +5. _Beziehungsurteile._ Das Prdikat sagt eine Beziehung zwischen +verschiedenen Gegenstnden aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier +ist eine rumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein +ausgesprochen. + + +III. Nach den Beziehungsformen. + +Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prdikat auf das +Subjekt bezogen wird: + +1. _Nach der Gltigkeit oder Ungltigkeit der Beziehung berhaupt_ +(Qualitt): + + a) _Bejahende Urteile_: S ist P. + + b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P. + +2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation): + + a) Kategorische: S ist P. + + b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B. + + c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D. + +3. _Nach der Art der Gltigkeit der Beziehung_ (Modalitt): + + a) Bedingt gltige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist + vielleicht P. + + b) Unbedingt gltige Urteile: S ist P oder mu P sein. + +Jedes Urteil lt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich, +nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a), +2. a), 3. b); Hannibal mute entweder siegen oder untergehen, nach I. +unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c), +3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlgt, zndet er, nach I. unter +1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b). + + +3. Die Schlsse. + + + 39. Die Grundgesetze des Denkens. + +Bei dem Schluverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar +Grundgesetze des Denkens berhaupt sind, die aber besonders beim +Schlieen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden. + +Es werden gewhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezhlt. + +1. _Der Grundsatz der Identitt_ (%principium identitatis%) lautet in +seiner ursprnglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist +sich selbst gleich_; als dazu gehrig wurde auch der Grundsatz der +_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem +Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden. + +2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%) +lautet nach Aristoteles: Es ist unmglich, da dasselbe demselben in +derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. +_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist +nicht B, knnen nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus +der Wahrheit des einen die Falschheit des andern. + +3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi +tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte +Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _knnen nicht beide zugleich falsch +sein_, ein drittes Urteil ber dieselbe Beziehung zwischen A und B ist +ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des +andern. + +4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis +sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil mu einen zureichenden Grund haben._ +Die Art, wie dieses Verhltnis von Grund und Folge zum Fortschritt im +Denken bentzt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des +logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit +der Folge der Grund aufgehoben._ + +Die wichtigsten dieser Stze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der +des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identitt_ ist, fr sich +betrachtet, gnzlich _inhaltslos_; er kommt fr das Denken erst in +Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenbertritt: A ist +nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs bergeht. Eine +_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identitt +eingeschlossen, nmlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies +ist aber eine Voraussetzung fr alles Denken, die nicht erst von der +Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_ +beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der +Verneinung berhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbstndiger +Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, knnen +nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wren falsch, also zu +verneinen, so wrden sich die beiden Stze: A ist nicht B und A ist B, +nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist. + +Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu +unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische +Grund_ seiner Gewiheit, die subjektiven Grnde, die den Urteilenden +veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder +_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenber der _Realgrund_ oder die +Ursache im Verhltnis zur Wirkung, die reale Kausalitt. Z. B. das +Sinken der Temperatur kann von uns als Grund bentzt werden, um eine +Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersule des Thermometers, daran zu +knpfen, und die Mehrzahl logischer Grnde beruht auf solcher realer +Kausalitt; aber es gibt auch viele Erkenntnisgrnde, welche nicht +zugleich Realgrnde sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt fr +mathematische Folgerungen bilden. + +So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des +Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge_ brig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem +es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige +Begrndung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7). + + +A. Der unmittelbare Schlu. + + + 40. Der Schlu aus einem Begriff. + +_Der Schlu ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren +anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heit +_unmittelbarer Schlu_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer +Schlu_. + +Der unmittelbare Schlu wird gewhnlich durch Umformung eines Urteils +gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff +abgeleitet werden knnen. + +Dieser _Schlu aus einem Begriff_ berhrt sich nahe mit dem +Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der +vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaen bestimmt: In +allen Urteilen, worinnen das Verhltnis eines Subjekts zum Prdikat +gedacht wird, ist dieses Verhltnis auf zweierlei Art mglich. +Entweder das Prdikat B gehrt zum Subjekt A als etwas, was in diesem +Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz auer +dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknpfung des Prdikats mit dem Subjekte +durch Identitt, diejenigen aber, in denen diese Verknpfung ohne +Identitt gedacht wird, sollen synthetische heien. Die ersteren +knnte man auch Erluterungs-, die andern Erweiterungsurteile heien, +weil jene durch das Prdikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe +zerfllen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren; +dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prdikat +hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine +Zergliederung desselben htte knnen herausgezogen werden. So ist +nach Kant das Urteil: alle Krper sind ausgedehnt, ein analytisches, +denn man drfe den Begriff eines Krpers nur zergliedern, um das +Prdikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Krper sind schwer, ein +synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloen Begriff eines Krpers berhaupt gedacht werde. Man knnte also +auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Krper das Urteil +gewinnen: alle Krper sind ausgedehnt. + +Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so mu sie nach zwei +Seiten berichtigt werden. + +1. Kant setzt voraus, da es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt +mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit knnte dasselbe +Urteil: alle Krper sind schwer, fr den einen ein analytisches, fr den +andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere +schon in ihren Begriff des Krpers aufgenommen oder noch nicht +aufgenommen htten. Es hngt also _von dem Bildungsstande des +Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein +analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann +nur unter der Voraussetzung richtig, da der Subjektsbegriff richtig +ist, oder mit andern Worten: da die Prdikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist +wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine +besondere Art des Schlusses anzusehen. + +2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber +zugegeben werden mssen, da es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_ +ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne +ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose, +die ich vor mir habe. Nur fr denjenigen wre dieses Urteil ein +synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose +veranlassen wrde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das fr +ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufgen. + + + 41. Die Konversion. + +Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung +des gegebenen Urteils_. Es werden gewhnlich 7 Arten solcher Umformungen +aufgefhrt. + +Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin, +da die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im +kategorischen Urteil das Subjekt zum Prdikat und das Prdikat zum +Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der +Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne +Vernderung der Quantitt; im ersten Fall heit sie _unreine_ (%conversio +per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%). + +Fr die einzelnen Formen der Kombination von Quantitt und Qualitt: +allgemein bejahende a, partikulr bejahende i, allgemein verneinende e +und partikulr verneinende o, ergibt sich folgendes: + +1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten +Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, lt nur eine unreine +Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall mglich, wenn der +Umfang des Subjekts- und des Prdikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle +gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhltnis der +Begriffe lt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt +sich, da der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in +den Umfang des Kreises P fllt, wie bei 1., oder da beide Kreise sich +decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, da jedenfalls einige S, unter +Umstnden alle in den Umfang des Kreises P fallen, so da bei 1. nur +unreine, bei 2. reine Umkehrung mglich ist. + +[Illustration: a.1.] + +2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind +regelmige Figuren, einige regelmige Figuren sind Parallelogramme. In +dem fr i natrlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden +gemeinsame Raum versinnlicht die Mglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist +die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle +Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schlieen, wie bei 3. und +4., wo sich wieder i ergibt. + +[Illustration: i.1. 2. 3. 4.] + +[Illustration: e.] + +3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglcklich, +kein Unglcklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind +vollstndig getrennt, kein S ist P und kein P S. + +4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist +das Verhltnis von S und P zu wenig bestimmt, als da etwas daraus +gefolgert werden knnte. Die Flle 1., 2. und 3. sind alle von o aus +mglich, es lt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als +Subjekt daraus ableiten. + +[Illustration: o.1. 2. 3.] + + + 42. Die Kontraposition. + +Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung, +das kontradiktorische Gegenteil des Prdikats wird zum Subjekt und die +Qualitt des Urteils wird verndert. + +1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S +oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religise Mensch handelt +auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiser +Mensch. Nach den Figuren 41 fr a ist klar, da, da S ganz in P liegt, +alles, was auerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch +auerhalb des Kreises S liegen mu, also nicht S ist. + +2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP +S, vgl. die Fig. 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fllt es +jedenfalls in den Raum auerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts +Gutes ist unschn, einiges nicht Unschne ist gut. + +3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige +NichtP S. Nach den 3 Figuren 41 o mu jedenfalls ein Teil von S +auerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.: +einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig. + +4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition wrde sich ergeben: einige +NichtP sind nicht S, und dies wrde fr Figur 41. i. 1. 3. 4. +zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Mglichkeit denkbar, da S die +Gesamtheit alles Seienden umfat, dann wre es nicht richtig, da einige +NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wren S. + + + 43. Die Umwandlung der Relation. + +Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Vernderung +der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B, +kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es +B, z. B.: jeder Feigling ist verchtlich; wenn einer ein Feigling ist, +so ist er verchtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil knnen mehrere +hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder +B oder C, schliet die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so +ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen +stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen +sich zusammengehrige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_ +aussprechen. + + + 44. Die Subalternation. + +Bei der Subalternation wird daraus, da ein Urteil von dem _ganzen +Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, da es auch _von einem +Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des +partikulren auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen +Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der +Unwahrheit von i die von a. + + + 45. Die quipollenz. + +Bei dem unmittelbaren Schlu durch quipollenz wird die Qualitt des +Urteils selbst und die des Prdikats verndert und nach dem Grundsatz: +%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten bereinstimmendes Urteil +hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.: +jede Lge ist verwerflich; es gibt keine Lge, die nicht verwerflich +wre. + + + 46. Die Opposition. + +Der unmittelbare Schlu durch Opposition besteht darin, da _aus der +Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird +_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so knnen auch die Urteile in einem +kontradiktorischen und in einem kontrren Gegensatz stehen. _Im +kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine +dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende +und das partikulr verneinende, das allgemein verneinende und das +partikulr bejahende. Im _kontrren_ Gegensatz stehen diejenigen +Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere +Mglichkeiten brig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide knnen falsch sein, und dann ist noch das +partikulr bejahende und das partikulr verneinende mglich, z. B. +falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von +hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkontrre_ Verhltnis +unterschieden, in welchem das partikulr bejahende und das partikulr +verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhltnis der +_Subalternation_ (vgl. 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen +gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte +auch auf einen Teil desselben beziehen. + +Diese Verhltnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema +veranschaulichen: + + A -- Kontrrer Gegensatz -- E + + | \ / | + | \ / | + + K z + o t + n a + t s + r n + a e + d g + i e + U k G U + n t n + t o r t + e r e e + r i h r + o sc o + r i h r + d r e d + n o r n + u t u + n k G n + g i e g + d g + a e + r n + t s + n a + o t + K z + + | / \ | + | / \ | + + I -- Subkontrrer Gegensatz -- O + +Der unmittelbare Schlu durch Opposition erfolgt demgem nach folgenden +Regeln: + +1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des kontrr +entgegengesetzten. + +4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden +subkontrren. + + + 47. Die modale Konsequenz. + +Die _modale Konsequenz_ besteht darin, da die sogenannte Modalitt der +Urteile verndert wird; dann folgt: + +1. Aus der Gltigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden +assertorischen und des problematischen, und aus der Gltigkeit des +assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der +Winkel eines Dreiecks betrgt notwendig und deshalb immer auch +tatschlich zwei Rechte. + +2. Aus der Ungltigkeit des problematischen Urteils die des +assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des +apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, da A B ist, so ist +es auch tatschlich nicht so und mu nicht so sein. + + + 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse. + +Die unmittelbaren Schlsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer +Bedeutung sind die quipollenz, die Subalternation, die modale +Konsequenz und die Vernderung der Relation, teils weil sie +Selbstverstndliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche +Umformungen darstellen. Doch knnen die letzteren, so z. B. durch +Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige +sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter +entspricht, und so berhaupt den Blick fr die sprachliche Einkleidung +der logischen Formen schrfen. + +Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition. +Die _Opposition_ fhrt zur scharfen Fassung des gegenseitigen +Verhltnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein +bejahenden Urteils gibt Aufschlu darber: 1. da Subjekt und Prdikat +nicht notwendig zusammengehren, 2. da sie miteinander vereinbar sind. +Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die +wichtige Erkenntnis, da zwei Begriffe A und B einander gegenseitig +ausschlieen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der +Zusammengehrigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet +sich berall, wo P sich nicht findet, auch S nicht. + +Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch +dadurch eine _gewisse Einschrnkung_, da sie Urteile voraussetzen, in +denen das Prdikat auch wirklich Subjekt werden und als der hhere +Begriff gegenber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem +Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem +Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlsse auch _vom +hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die +genannten beiden Formen grere Bedeutung. Die unreine Konversion von a: +Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drckt dann aus, +da aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des +Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A +nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: da, +wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknpft +ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A +gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck +des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, da mit der Folge der Grund +aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen +wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schlu aus der +Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so +wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch +noch an andere Grnde geknpft. + + +B. Der mittelbare Schlu. + + + 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses. + +Der mittelbare Schlu ist entweder ein Schlu _vom Allgemeinen auf das +Besondere_ oder ein Schlu _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im +ersteren Fall heit er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten +_Induktion_. + +Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein +_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. +Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heien +_Prmissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil +_Schlusatz_ (%conclusio%). Die Mglichkeit, den Schlusatz aus den +Prmissen abzuleiten, beruht darauf, da die Prmissen einen Begriff +gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der +im Schlusatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prmisse, welche das +Subjekt des Schlusatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das +untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den +Vordersatz, enthlt, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige, +welche das Prdikat des Schlusatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%) +enthlt, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die +_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%). + +Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in +verschiedene _Schlufiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Flle der Stellung +des Mittelbegriffs_ mglich. Er ist entweder in beiden Prmissen +Prdikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prmisse Subjekt, in +der andern Prdikat; der letztere Fall lt wieder zwei Mglichkeiten +offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prdikat +und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit +S, den Prdikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen +sich die 4 Schlufiguren in folgendem Schema darstellen: + + 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M + S M S M M S M S + --- --- --- --- + S P S P S P S P + +Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die +vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus ([+] 200 n. Chr.); sie wird +daher die galenische genannt. + +Innerhalb einer jeden Figur wrden sich nun durch Kombination von +Quantitt und Qualitt der Prmissen nach den Buchstaben a e i o 16 +Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste +Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht. + + a a e a i a o a + a e (e e) (i e) (o e) + a i e i (i i) (o i) + a o (e o) (i o) (o o) + +Im ganzen wrden sich also _64 Kombinationsformen der Prmissen oder +Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine grere Anzahl +als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Grnden, die fr alle 4 Figuren +gleichmig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen +Figuren widersprechen. + + + 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der kategorischen +Schlsse. + +1. _Aus rein verneinenden Prmissen folgt nichts_ (%ex mere negativis +nihil sequitur%). Es sind drei Flle mglich. + +a) _Beide Prmissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, da +sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollstndig getrennt sind; da +aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhltnis von S und P +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umstnden ber dieses +Verhltnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von +Mglichkeiten, ber die nicht entschieden werden kann, wie die folgende +Veranschaulichung durch Kreise zeigt: + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Die eine Prmisse ist allgemein, die andere partikulr verneinend_: +e o. ber das Verhltnis von S und P lt sich nichts aussagen, weil die +unbestimmte partikulr verneinende Prmisse neben andern Formen auch +die allgemein verneinende nicht ausschliet, so da die Unsicherheit von +a) nur vermehrt ist. + +c) _Beide Prmissen sind partikulr verneinend_: o o. Da das bei b) +Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch grere. + +Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo. + +2. _Aus rein partikulren Prmissen folgt nichts_ (%ex mere +particularibus nihil sequitur%). + +a) _Beide Prmissen sind partikulr bejahend_: i i. Das Verhltnis der +Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als da daraus ber das +Verhltnis von S und P etwas erschlossen werden knnte; vgl. die +folgenden Figuren, die alle i i entsprechen. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Eine_ Prmisse ist _partikulr bejahend_, die _andere partikulr +verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe +von Mglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. +die Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4.] + +c) _Beide Prmissen sind partikulr verneinend_: oo. Dieser Fall deckt +sich mit 1. c). + +Es fallen also auer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12 +weitere Modi. + +3. Aus einem _partikulren Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_ +ergibt sich kein logisch gltiger Schlusatz. + +a) Der Obersatz ist _partikulr bejahend_, der Untersatz _allgemein +verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser +Voraussetzung mglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der +Schlusatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als +Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verndert, der +Schlu ist dann aus einem partikulren Untersatz und einem verneinenden +Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes +Resultat, vgl. Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +b) Der _Obersatz_ ist _partikulr bejahend_: oe und + +c) der _Untersatz_ ist _partikulr verneinend_, sind schon durch 1. und +2. ausgeschlossen. + +Durch diese Regel fllt ein neuer Modus weg: i e, so da von den 64 Modi +im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern +bezeichnet sind. + +Auerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze +der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ fr die +brigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch +Zurckfhrung auf die Modi der ersten Figur gefhrt; deutlicher und +anschaulicher ist der Beweis durch Kreise. + + + 51. Die erste Figur. + +Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als +Prdikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen +auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulr und 2. deren Untersatz +verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben +nur folgende 4 brig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von +Petrus Hispanus ([+] 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen +Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des +Obersatzes, des Untersatzes und des Schlusatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prmissen samt dem Schlusatz allgemein +bejahenden Charakter haben, also aaa hie daher %Barbara%. Smtliche Modi +der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefat: + + %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque. + Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae. + Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton, + Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae + Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.% + +1. Barbara + +hat die Form + + M a P Alle Menschen sind sterblich + S a M Alle Knige sind Menschen + ------------------------------------ + S a P Alle Knige sind sterblich. + +[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.] + +Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus +entsprechen, ergibt sich, da der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen +oder mit demselben sich decken mu, weil er in den Kreis M fllt, der +selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt. + +2. Celarent + + M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum + S a M Alle Logiker sind Menschen + ----- -------------------------------- + S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Da M ganz von P getrennt ist, so mu auch S, das ganz in M liegt, von P +getrennt sein. + +3. Darii + + M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind + regelmige Figuren + S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel + ----- -------------------------------------------------- + S i P Einige Dreiecke sind regelmige Figuren. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Kreis M mu ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so mssen +mindestens diese einige S auch in P liegen. + +4. Ferio + + M e P Nichts Vergngliches hat unbedingten Wert + S i M Einige Gter sind vergnglich + ----- ------------------------------------------ + S o P Einige Gter haben keinen unbedingten Wert. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +Da M ganz auerhalb P liegt, so mssen mindestens diejenigen S, die M +sind, ebenfalls auerhalb P liegen. + + + 52. Die zweite Figur. + +Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prmissen +Prdikat_. Die beiden Regeln fr diese Figur sind: 1. der Obersatz mu +allgemein und 2. eine der beiden Prmissen mu verneinend sein. Durch 1. +fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls +4 brig: ea, ae, ei, ao. + +1. Cesare + + P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz + S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz + ----- -------------------------------------- + S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte. + +[Illustration: 1. 2.] + +Da P ganz von M getrennt ist, so mu auch S, das in M liegt, ganz von P +getrennt sein. + +2. Camestres + + P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem + gehrenden Weltkrper mu die Bahn des + Uranus vollstndig bestimmen + S e M Die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems + aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus + vollstndig + ----- ------------------------------------------------ + S e P Folglich bilden die bekannten Weltkrper unseres + Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen. + +Dieser Schlu des Astronomen Leverrier fhrte zur Entdeckung des Neptun +durch Galle (1846). + +Camestres hat hnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen +vertauscht. Der Beweis ist daher mit vernderten Zeichen derselbe. + +3. Festino + + P e M Keine wahre Kunst ist blo mechanische Ttigkeit + S i M Manche Virtuositt ist blo mechanische Ttigkeit + ----- ------------------------------------------------- + S o P Manche Virtuositt ist keine wahre Kunst. + +Da M von P getrennt ist, so mssen auch diejenigen S, die in den Kreis M +fallen, von P getrennt sein. + +4. Baroco + + P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die + rechte Gesinnung + S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte + Gesinnung + ----- --------------------------------------------------------- + S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen + Menschen. + +Da P ganz in Kreis M fllt, so knnen diejenigen S, die nicht in Kreis M +fallen, auch nicht in Kreis P fallen. + + + 53. Die dritte Figur. + +Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prmissen +Subjekt_. Als Regel fr die dritte Figur gilt, da der Untersatz +bejahend sein mu. Es fallen also ae und ao weg, so da 6 Modi brig +bleiben. + +1. Darapti + + M a P Alle Wale sind Sugetiere + M a S Alle Wale sind Wassertiere + ----- ---------------------------------------- + S i P Also sind einige Wassertiere Sugetiere. + +Der Beweis ergibt sich fr diesen und die noch folgenden Modi aus einer +Betrachtung der Kreisverhltnisse nach Analogie der vorangegangenen +Beweise. + +2. Felapton + + M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ + M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten + ----- --------------------------------------- + S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen. + +3. Disamis + + M i P Einige Pronomina der franzsischen Sprache sind + der Casusflexion fhig + M a S Alle franzsischen Pronomina sind Wrter der + franzsischen Sprache + ----- ------------------------------------------------ + S i P Einige Wrter der franzsischen Sprache sind der + Casusflexion fhig. + +4. Datisi + + M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschdigt + M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige Unschuldige werden geschdigt. + +5. Bocardo + + M o P Einige Amphibien haben keine Fe + M a S Alle Amphibien sind Tiere + ----- ---------------------------------- + S o P Einige Tiere haben keine Fe. + +6. Ferison + + M e P Kein Mensch ist fehlerlos + M i S Einige Menschen sind bewundernswert + ----- -------------------------------------------- + S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos. + + + 54. Die vierte Figur. + +Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prdikat, im Untersatz Subjekt. Als +Regeln fr die vierte Figur gelten: 1. Keine Prmisse darf partikulr +verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit +einem partikulr bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also +noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fnf Modi brig. + +1. Bamalip + + P a M Alle schlechten Wrmeleiter sind Mittel, die Wrme + zu erhalten + M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wrmeleiter + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige von den Mitteln, Wrme zu erhalten, sind + wollene Kleider. + +Die Prmissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhltnis zu +Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt. + +2. Calemes + + P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme + M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez + ----- ------------------------------------ + S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid. + +3. Dimatis + + P i M Einiges Angenehme ist verwerflich + M a S Alles Verwerfliche ist schdlich + ----- ---------------------------------- + S i P Einiges Schdliche ist angenehm. + +4. Fesapo + + P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmtig + M a S Alle Hochmtigen sind beschrnkt + ----- -------------------------------------------------- + S o P Einige beschrnkte Menschen sind nicht bescheiden. + +5. Fresison + + P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten + M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut + regiert + ----- ---------------------------------------------------- + S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch. + + + 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu den Prmissen. + +Fr die logische Form des Schlusatzes aller vier Figuren wurde die +Regel aufgestellt: _Der Schlu folgt dem schwcheren Teil_ (%conclusio +sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prmissen partikulr oder +verneinend, so mu auch der Schlusatz partikulr oder verneinend sein. +Sind beide Prmissen allgemein, so kann der Schlusatz allgemein oder +partikulr sein. + +Demgem ergeben sich fr die _erste Figur_ Schlustze von allen +Formen: a e i o, fr die _zweite_ nur negative: e o, fr die _dritte_ +nur partikulre: i o, fr die _vierte_: partikulr bejahende, allgemein +verneinende und partikulr verneinende Schlustze: i e o. + +Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalitt_ der Schlusatz +derjenigen Prmisse, welche die _geringere Gewiheit hat_; er ist +apodiktisch, wenn beide Prmissen apodiktisch sind, assertorisch oder +problematisch, wenn eine der Prmissen assertorisch oder problematisch +ist. + + + 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen. + +Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener, +und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, da es im _rein +formalen Interesse_ der vollstndigen Klassifikation _alle +gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form +%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisfhrung. Die +brauchbarsten sind berhaupt die allgemein bejahenden Schlustze. Die +allgemein verneinenden geben wenigstens ber die gegenseitige +Ausschlieung zweier Begriffe, die partikulren Schlustze ber deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehrigkeit Auskunft. Die +unnatrlichsten Formen finden sich in der spter hinzugefgten vierten +Figur. + +_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes +Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit bereinstimmt, so da es sich +nur um eine ber- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion +des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rcksicht darauf +lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurckfhren_. Wenn +das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so knnen offenbar auch die +einzelnen Merkmale, die P enthlt, von dem Subjekt S bejaht oder +verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius, +repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal +des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch +dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des +Subjektes S fllt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten +%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und +einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder +einzelnen. Es ist natrlich, da die Schlsse, solange sie nur dazu +dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhltnisse immer wieder +auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies +geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von +Begriffen_ stellen. + +Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus +eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schliet +sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes fr einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt. +_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, whrend +_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schluform zur +_allgemeingltigen_ zu machen. + +_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schlu_ (s. u. 57) +die allgemeinste Form alles Schlieens und fhrt dementsprechend alle +Schluformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurck, da mit +dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei. +So ergibt sich z. B. fr alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige +Formel: + +Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X + + 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B + -------------------------------------------------- + Schlusatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X + + 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X + -------------------------------------------------- + Schlusatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B + +Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschtzt_ +werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwnden gegen +seine Brauchbarkeit. + +Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind +sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, msse +der Schlusatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch +ungewi wre, ob Sokrates sterblich ist, knnte auch der allgemeine +Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der +Schlusatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen +Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen +Satz berhaupt fallen lie und an Stelle des Syllogismus den Schlu vom +Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schlu auf die Sterblichkeit +des Sokrates wrde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen +Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, da eine Anzahl +Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen +Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens. + +Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, da +_tatschlich das bewute Schlieen vielfach nur von Besonderem auf +Besonderes bergeht_, aber fr die logische Betrachtung ist es auer +Zweifel, da die Richtigkeit und Allgemeingltigkeit des Schlusses immer +von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhngig ist. Jener +Widerspruch aber ist nur gltig, wenn von den tatschlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit +seiner Anwendung auf alle einzelnen Flle bestndig gegenwrtig htte_, +der bedrfte keines Schlusses; wenn aber tatschlich einmal der +_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenber eine Ausnahme +gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der +Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins +Gedchtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet. + +Damit hngt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus +zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlsse _nie mit dieser +Umstndlichkeit vollzogen_, der Syllogismus knne also in keiner Weise +das richtige Denken untersttzen. Jedenfalls ist richtig, da wir uns +beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der +Tafel der Syllogismen bewut sind. Nach den psychologischen Gesetzen der +bung und Gewhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist +im voraus anzunehmen, da auch bei diesen unzhligemal verwendeten +Formen _die Mittelglieder dem Bewutsein entfallen_ (vgl. 28), so da +ganze Reihen von Schlssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied fr Glied +bercksichtigt; mancher Streit im tglichen Leben dreht sich um unklar +gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewuten +Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem +Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann +es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit +fortschreiten. + + + 57. Der hypothetische Schlu. + +Der hypothetische Schlu ist ein _Schlu, in welchem_ mindestens der +_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schlu heit _rein_, wenn +die Prmissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So +versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schlu_ gewhnlich +denjenigen Schlu, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen +Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form: + + Wenn A gilt, so gilt X + A gilt oder X gilt nicht + ------------------------------------ + also gilt X also gilt A nicht. + +Der gemischte hypothetische Schlu ist also die einfache Anwendung des +Grundgesetzes, da mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit +der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%). + + Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es na. + Nun hat es geregnet + ------------------------- + Also ist es na, + +aber nicht umgekehrt: + + nun ist es na + --------------------- + also hat es geregnet, + +ebensowenig: + + nun hat es nicht geregnet + -------------------------- + also ist es nicht na, + +dagegen richtig: + + nun ist es nicht na + --------------------------- + also hat es nicht geregnet, + +oder, bei verneinendem Nachsatz: + +Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung. + + Nun gibt es eine Vorsehung + --------------------------- + Also gibt es keinen Zufall, + +oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua +non%): + +Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisfhrung +nicht aufrecht erhalten werden. + + Nun ist dieser Satz nicht richtig. + ---------------------------------------------------------- + Also kann die ganze Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden. + +Der _reine hypothetische Schlu_ hat zwei hypothetische Prmissen. +Daraus, da etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, da es auch +Folge dessen sein mu, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlusatz_ ist +dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema: + + Wenn A gilt, so gilt M + Wenn M gilt, so gilt X + ----------------------------- + Also wenn A gilt, so gilt X. + +Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses lt sich auch kurz so +ausdrcken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_. + + Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhht, so verlngern sich die + Pendel der Uhren. + + Wenn die Pendel der Uhren sich verlngern, so werden die + Schwingungen verlangsamt. + + Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach. + -------------------------------------------------------------------- + Also: Wenn die Temperatur sich erhht, so gehen die Uhren nach. + + + 58. Der disjunktive Schlu. + +Der disjunktive Schlu ist ein Schlu, _dessen Obersatz ein disjunktives +Urteil_ ist. Der Schlu beruht auf dem in der Disjunktion +ausgesprochenen Verhltnis der Glieder. + +Es kann also + +I. _von der Gltigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungltigkeit der +brigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist B + ---------------- + Also ist A weder C noch D; + +II. _auf die Gltigkeit eines Gliedes von der Ungltigkeit aller +brigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist weder C noch D + ---------------------------- + A ist B. + +Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder +stumpfwinklig. + + Nach I. Nun ist es rechtwinklig + -------------------------------------- + Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig. + + Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig + ----------------------------------------------- + Also ist es rechtwinklig. + +Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich fr den Fall I. +ein konjunktiv verneinendes Urteil, fr den Fall II. eine um ein Glied +verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt +sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach +bejahende Urteil. + +Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_, +_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der +Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer +gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen. + + Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C + Nun gilt weder B noch C + ---------------------------- + Also gilt auch A nicht; + +oder kategorisch gefat: + + A ist entweder B oder C + Nun ist S weder B noch C + ----------------------------------- + Also ist S auch nicht A. + +Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisfhrung von Leibniz: + + Wre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen + mglichen Welten, so htte Gott die beste entweder nicht gekannt, + oder nicht hervorbringen und erhalten knnen, oder nicht + hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der + gttlichen Weisheit, Allmacht und Gte) weder das erste, noch das + zweite, noch das dritte wahr, + ------------------------------------------------------------------ + also ist die wirkliche Welt die beste unter allen mglichen Welten. + + + 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse. + +Im _zusammengesetzten Schlu_ sind mehrere Schlsse durch gemeinsame +Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlsse so +angeordnet, da der Schlusatz des ersten Schlusses zu einer Prmisse +des zweiten, und der Schlusatz des zweiten zu einer Prmisse des +dritten wird, so entsteht die _Schlukette_ (%syllogismus concatenatus%). +Derjenige Schlu, in welchem der gemeinsame Satz Schlusatz ist, heit +der _Vorschlu_ (Prosyllogismus) im Verhltnis zum folgenden, dem +_Nachschlu_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlukette in der +Richtung vom Vorschlu zum Nachschlu, so heit sie _episyllogistisch_ +oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_. + + Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos + Der Anspruchslose ist zufrieden + --------------------------------- + Der Tugendhafte ist zufrieden. + + 2. Der Tugendhafte ist zufrieden + Der Zufriedene ist glcklich + ------------------------------ + Der Tugendhafte ist glcklich. + + progressiv in der Richtung: 1. 2. + regressiv in der Richtung: 2. 1. + +Ein Schlu, der durch Weglassung einer der beiden Prmissen verkrzt +ist, heit ein _Enthymem_; z. B.: er mu gestraft werden, denn er hat +ein Verbrechen begangen. + +Wird in einem einfachen Schlu zu einer der beiden Prmissen eine +Begrndung hinzugefgt, so entsteht das _Epicherem_. + +Wenn in einer progressiven Schlukette alle Schlustze auer dem +letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die +_Kettenschlu_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem +Verhltnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598 +von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen +Sorites_ fehlen diejenigen Schlustze, welche in dem folgenden +Syllogismus Unterstze werden, er schreitet also von den niederen +Begriffen zu den hheren fort und hat folgende Form: + + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlusatz A ist C) + (Untersatz A ist C) + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glcklich + ------------------------------------------ + Schlusatz A ist D der Tugendhafte ist glcklich. + +Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlustze aus, welche +in dem folgenden Syllogismus Oberstze werden, es wird von den hheren +Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form: + + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glcklich + Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlusatz B ist D) + (Obersatz B ist D) + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + ------------------------------------------- + Schlusatz A ist D der Tugendhafte ist glcklich. + + + 60. Fehlschlsse und Trugschlsse. + +Ein unrichtiger Schlu wird _Fehlschlu_ (%paralogismus%) genannt, wenn er +auf Irrtum beruht, _Trugschlu_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu +tuschen, hervorging. + +Solche Schlufehler beruhen teils auf einer _Miachtung_ der _Gesetze +des Schlieens_, insbesondere der fr die Schlufiguren geltenden +Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen +der Schlu gezogen wird (%quaternio terminorum%). + +Von den folgenden Beispielen enthlt 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze +des Schlieens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine +sophistische Verwendung des Dilemmas. + + 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte + Der Neger ist kein Kaukasier + -------------------------------------- + Folglich hat er keine Menschenrechte. + + 2. Herodes war ein Fuchs + Alle Fchse haben vier Fe + ------------------------------ + Also hatte Herodes vier Fe. + +3. Tertullians Schlu: + +Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den +Fen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben. + + Die Antipoden mten dies + ------------------------------ + Also gibt es keine Antipoden. + + 4. Aller Anfang ist schwer + Miggang ist aller Laster Anfang + ----------------------------------- + Also ist Miggang schwer. + +5. Der _Lgner_ der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter +sind Lgner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht +wahr, da die Kreter Lgner sind, also sagt auch Epimenides die +Wahrheit, also sind alle Kreter Lgner &c. &c. + +6. _Der Krokodilschlu_: Eine gypterin sah, wie ihr am Nil spielendes +Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr +das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurckgeben, wenn du errtst, was ich tun werde. Die Mutter tat den +Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide +argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil +sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind +nicht zurckgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhltst du es nicht +wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich +es nicht zurck laut unsrer bereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag +wahr oder falsch gesprochen haben, _so mut du mir mein Kind +wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mut du es mir geben laut +unsrer bereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du +wirst mir mein Kind zurckgeben. + +7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras +Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schler solle die +zweite Hlfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten +Proze gewonnen htte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus +keinen Proze annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte +ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: Sowohl wenn du von den +Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mut du mich bezahlen. Werden sie dich zur +Zahlung verurteilen, so mut du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs; +wirst du aber nicht verurteilt, so mut du unsrem Vertrage gem +bezahlen, denn du hast den ersten Proze gewonnen. Daraus antwortete +Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies +sei sein erster Proze; verliere er den, so brauche er gem dem +Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gem dem +Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen +durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, da sie ihre +Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten. + + + 61. Der Induktionsschlu. + +Die Induktion ist der _Schlu vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie +gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Stze und hat +folgende Form: + + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P. + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S. + -------------------------------------- + Jedes S ist P. + +Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion fhrt, fat entweder +_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und +Zeit getrennte _Flle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der +Satz, da Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem +Gewichtsverhltnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz: +Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten +Gewichtsverhltnissen. Im ersteren Fall, bei der _Induktion von +Spezialgesetzen_ (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen +Fllen der gleichen Art gilt, gilt von der Art berhaupt. Im zweiten +Fall, bei der _generalisierenden Induktion_ wird geschlossen: Was +von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst. + +Die Induktion ist eine _vollstndige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den +ganzen Umfang des Begriffs S ausfllen. Z. B.: + + Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als + Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung. + + Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind + die alten Planeten. + ------------------------------------------- + Also haben die alten Planeten Achsendrehung. + +_Unvollstndig_ heit die Induktion, wenn durch Aufzhlung der M der +Umfang von S nicht erschpft wird. So wrde das letztgenannte Beispiel +eine unvollstndige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten berhaupt geschlossen wrde. + +Der Induktionsschlu hat _hnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten +Figur_, es wre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der +Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, da der +Schlusatz _nicht partikulren, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und +die Eigentmlichkeit der Induktion besteht gerade darin, da sie unter +der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmigkeit und Notwendigkeit in +der Welt von einer Anzahl sorgfltig beobachteter einzelner Flle aus +einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht +beobachtete Flle zu schlieen erlaubt. + +Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgem der +hufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der +bloen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem urschlichen Verhltnis des +%post hoc% mit dem %propter hoc%. + + + 62. Der Analogieschlu. + +In naher Beziehung zu dem Induktionsschlu steht der _Schlu der +Analogie, als Schlu vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, da zwei Arten oder +Individuen in einer Reihe von Merkmalen bereinstimmen, wird +geschlossen, da sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende +Form: + + M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trgerin organischen + Lebens. + + M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + + S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + ----------------------------------------- + S ist P. Also ist auch der Mars Trger organischen + Lebens. + + +II. Teil. Methodenlehre. + + + 63. Die Aufgabe der Methodenlehre. + +Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens, +Begriffe, Urteile, Schlsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft berhaupt ist die +Erkenntnis der der Wahrnehmung zugnglichen Welt. Dazu gehrt zuerst ein +_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst +gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fllt. Weiter +enthlt das Ideal der Welterkenntnis ein _vollstndiges Begriffssystem_, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklrungen_ +vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_ +klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener +Urteile, welche unser Wissen ber den Zusammenhang der Welt aussprechen, +und einer erschpfenden Begrndung dieser Urteile durch ein sorgfltiges +_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annhern kann, so mu sie sich noch der +_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewut werden, der Methoden, durch +welche eine neue Erkenntnis zustande kommt. + +So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln +hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der +_Fortschritt der Wissenschaft_. + + +1. Die Begriffsbestimmung. + + + 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung. + +_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die +Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_, +entweder durch _vollstndige_ Auffhrung der Merkmale eines Begriffs +oder durch Angabe der _nchsthheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des +artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere +wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine +Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben. + +Man unterscheidet gewhnlich zwischen _Worterklrungen_ +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heit Einteilung, und +_Sacherklrungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten +darlegen. Fr die Logik gibt es aber nur Worterklrungen, die zugleich +Sacherklrungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit +einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem +genannten Sinn fllt rein in das sprachliche Gebiet. + +Die vollstndige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten +Fllen nicht mglich. Die _gebruchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist +daher diejenige, welche den bergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein +Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die +Parallelitt der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von +anderen Arten des Vierecks unterscheidet. + +Wird der Begriff im Anschlu an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt, +so heit die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit +einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser bereinstimmung +mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein +Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht +gegeben werden. + + + 65. Fehler der Begriffsbestimmung. + +Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende +angefhrt: + +1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen, +z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu +_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine +geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten. + +2. Die Definition darf _keine berflssigen Merkmale_ aufnehmen, die in +anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind +(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche +Richtung und berall gleichen Abstand voneinander haben. + +3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf +weder ausdrcklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B. +das Gedchtnis ist das Vermgen, des frher Bewutgewordenen wieder zu +gedenken. + +4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten, +vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten +erklrt wird, z. B. Gre ist das der Vermehrung und der Verminderung +Fhige; da Vermehrung Zunahme der Gre und Verminderung Abnahme der +Gre ist, so ist der Begriff der Gre in der Definition derselben +schon vorausgesetzt. + +5. In der Definition drfen _keine bildlichen Ausdrcke_ gebraucht +werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da, +wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +groen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken +hat. + +6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzhlung der Arten des Begriffs +verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so da ein +Zirkel entstnde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w. + +Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_ +angegeben werden, die von der Erklrung im logischen Sinn unterschieden +werden mssen; z. B. die Beschreibung, die Errterung, die Entwickelung, +die Erluterung. + + +2. Die Einteilung. + + + 66. Das Wesen der Einteilung. + +_Die Einteilung ist die vollstndige Angabe der Teile des Umfangs eines +Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im +Verhltnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der +Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vgel sind teils Luftvgel, +teils Erdvgel, teils Wasservgel. + +Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs +in seine Artbegriffe ist, da er noch in einem oder mehreren seiner +Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die +Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heit +_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%). + +Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon +vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt +der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem +Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als +Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie, +gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ndert. _Im +zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das +im ursprnglichen Begriff nur als unbestimmte Mglichkeit gegeben war. +So kann der Begriff der Flssigkeit nach Geschmacksunterschieden +eingeteilt werden, whrend das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen +Unterschied begrnden. + + + 67. Arten und Fehler der Einteilung. + +Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heit die Einteilung +_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren +sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schliet in sich die Arten des Vierecks, des Fnfecks, des Sechsecks +u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natrlicher_ Einteilung, die +sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes sttzt, und +_knstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als +Einteilungsgrund bentzt wird, doch womglich so, da die Modifikationen +dieses Merkmals in urschlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der +anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natrlichen Einteilung steht +z. B. Linns Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung +der Staubgefe in 24 Klassen. + +Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem +_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_ +desselben ausgegangen wird. Es mten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben smtliche Farben vertreten sein, auch blau oder +grn, whrend die empirische nur nach den tatschlich vorhandenen Farben +klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschpft wird, ist damit noch keine Garantie fr logische +Vollstndigkeit gegeben. + +Die hauptschlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende: + +1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu +wenig Einteilungsglieder enthlt. Zu weit ist z. B. die Einteilung der +Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige. + +2. Die Glieder der Einteilung mssen _einander ausschlieen_, drfen +sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe, +Neigung zu andern und gegenseitige Neigung. + +3. Es drfen nicht verschiedene _Einteilungsgrnde vermischt werden_, +sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in +Europer und Schwarze. + + +3. Der Beweis. + + + 68. Der Beweis und seine Arten. + +In einem System der Wissenschaft mssen die Begriffe durch Erklrungen +und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese +Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse +Prdikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedrfen der +Begrndung, um gltig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlsse +_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen +_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der +Wissenschaft aufgenommen wird. + +Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus +anderen Urteilen, die als gewi und notwendig erkannt sind_. Doch +bedrfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so fhrt genau +genommen jeder Beweis zu gewissen Stzen zurck, die einer Begrndung +weder fhig, noch bedrftig sind, zu den _Grundstzen_ oder _Axiomen_. +_Vom einzelnen Schlu unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, da das zu +beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis +bildet, und da auch auf die materiale Wahrheit der Prmissen Rcksicht +genommen wird. Auerdem stellt der Beweis gewhnlich eine ganze +Schlukette dar. + +Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach +durch kategorischen oder hypothetischen Schlu aus feststehenden +Prmissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu +beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der +brigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es +z. B., wenn daraus, da die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich +einem Rechten ist, bewiesen wird, da der dritte Winkel ein Rechter sein +mu; ein indirekter Beweis wre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen +wrde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter +Winkel, und aus der Ungltigkeit der beiden ersten Glieder die +Gltigkeit des letzten gefolgert wrde. + +_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines +Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt +daraus, da er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad +absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also +bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die +_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkrftung der +Beweisgrnde. Zur _grndlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehrt aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die +Widerlegung des gegnerischen Beweises. + + + 69. Auffindung und Fehler des Beweises. + +Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der +Beweis durch Schlsse sich bewegt, so mu er das zu gewinnen suchen, was +die Schlsse mglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wre der Satz zu +beweisen, da Tugend lehrbar ist, so mte ein Mittelbegriff gefunden +werden, der einerseits der Tugend als Prdikat zugesprochen werden und +andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden knnte. Ein solcher +Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schlu: Wissen ist +lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird +nur selten ein einziger Mittelbegriff gengen. In den meisten Fllen +mssen die Vermittlungen auf umstndlichere Weise gesucht werden. + +Die _hauptschlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten +Versten gegen die Regeln des Schlusses berhaupt, folgende: + +1. Die unvollstndige Disjunktion beim indirekten Beweis. + +2. Eine unrichtige Prmisse, durch welche die ganze folgende +Beweisfhrung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%). + +3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so da etwa in +einer der Prmissen der Schlusatz schon enthalten wre (Zirkelbeweis). + +4. Das, was aus den Prmissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu +Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis +allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen +wird. + +Werden diese Fehler mit der Absicht zu tuschen gemacht, so spricht man +von _Erschleichung_ (%subreptio%). + + +4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + + 70. Die verschiedenen Methoden. + +Durch Erklrungen und Einteilungen wird das Verhltnis der Begriffe +zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen +den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden_. + +Die Wissenschaft begngt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern +_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche +Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier +sind folgende Wege mglich: + +1. Man geht aus _vom einzelnen tatschlich Gegebenen_, das man +beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Stze_ zu gewinnen. Dies +ist das _induktive_ Verfahren. + +2. Man geht aus _von den allgemeinen Stzen_, die man schon gewonnen +hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlsse +ber das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_ +Verfahren. + +3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der +Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie +besonders die _Hypothese darstellt_. + +4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist +bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_. + + + 71. Das induktive Verfahren. + +Die Induktion als einfacher Schlu wurde schon in der Elementarlehre +behandelt ( 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_ +sind folgende: + +1. Die Induktion fhrt zur _Bildung realgltiger Begriffe_. Unsere +Begriffe sind zunchst nur _subjektive Gebilde_ und bedrfen der +fortwhrenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten +Begriff fllt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch +nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses +Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehrt oder nicht_. Wir +werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenstnden, +die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je +hufiger dies der Fall ist, mit um so grerer Wahrscheinlichkeit werden +wir die Frage der Zusammengehrigkeit bejahen knnen. Auf diesem Wege +knnen unsere subjektiven Begriffe allmhlich zu Wesensbegriffen werden, +die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B. +derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufgen mu. + +Nun zeigt aber die _Tatsache der Vernderung_, da die Notwendigkeit, +welche die Merkmale der Dinge zusammenhlt, doch keine unbedingte ist, +es mte denn _die Vernderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor +sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der +Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch uere +Ursachen_ veranlat. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion. + +2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Stze ber das Wirken von +Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_ +eine grundlegende Bearbeitung erfahren. + +Es ist die _gewhnliche Vorstellung_, da wir das Wirken von Ursachen +ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit +beobachten wir nur, da eine Vernderung auf eine andere folgt. +Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie +berhrt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz +dieselbe, ob die Berhrung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein +zuflliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, da wir +da ein kausales Verhltnis annehmen, _wo eine Vernderung regelmig auf +eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das +_regelmige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmige %Consequens%_. +Wenn jene Explosion unter denselben Umstnden regelmig erfolgen wrde, +so wrden wir schlielich die Berhrung als Ursache annehmen. Damit aber +nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fgt Mill +hinzu, das Consequens msse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhngig +von irgend welchen andern bedingenden Umstnden, z. B. von dem Aufgang +der Sonne, folgen. + +Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze +ber das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei +Hauptmethoden_ auf, die Methode der bereinstimmung und die Methode der +Differenz. + +Die _Methode der bereinstimmung_ wird von ihm in folgendem Kanon +zusammengefat: Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden +Phnomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem +allein alle Instanzen bereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des +gegebenen Phnomens. + +Bezeichnen wir das Antecedens mit groen und das entsprechende +Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema: + + A B C a b c + A D E a d e + A F G a f g + +Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so knnen +sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also mu es A sein. Die Wirkung +a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Flle, in denen Krper +kristallinisches Gefge annehmen, aber sonst in nichts bereinstimmen; +zeigt sich, da sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nmlich: +Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flssigen Zustand, so +schlieen wir, da das Festwerden einer Substanz aus einem flssigen +Zustand ein unabnderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist. + +Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaen gefat: + +Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phnomen eintritt, und +eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen +gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so +ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die +Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des +Phnomens. + +Hier werden also zwei Flle verglichen, die sich durch nichts anderes +unterscheiden, als dadurch, da in dem einen A und a gegenwrtig ist und +in dem andern fehlt, nach dem Schema: + + B C b c + A B C a b c + +Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, da es der Schu +war, der ihn ttete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft +des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die +Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, mu deshalb durch A +bewirkt sein. + +Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann +leicht auch knstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist +daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_. + +Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte bereinstimmungs- und +Unterschiedsmethode, eine Methode der Rckstnde und eine Methode der +Begleitvernderungen. + +3. Die Induktion fhrt auch zu _blo empirischen Gesetzen_, die keinen +urschlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatschliches Geschehen oder +regelmige Zusammenhnge verschiedener Vorgnge aussagen, z. B., da +ein frei fallender Krper Rume beschreibt, die den Quadraten der Zeit +proportional sind, oder da Ebbe und Flut in regelmigen +Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der +Wissenschaft_, auch diese zunchst empirischen Gesetze auf kausale +Zusammenhnge zurckzufhren. + +4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren +Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C bereinstimmend das Prdikat P +haben, so wird geschlossen, da dies seinen Grund in gewissen +gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird +dann der hhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, da alle +Gegenstnde, die unter denselben fallen, das Prdikat P haben mssen. So +gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, da alle Krper, die +schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings +eine ber die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nmlich +die, da aus bereinstimmenden Grnden auch bereinstimmende Folgen +flieen. + + + 72. Das deduktive Verfahren. + +_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen +herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und +Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine +Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Mae die Mathematik tut; teils +leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen +tatschlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptschlich die Aufgabe +der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklren_. +Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als +Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklrt sie +z. B. die Tatsache, da eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, da Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und +aus dem andern, da das Glas wegen seiner Sprdigkeit sich nicht +ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer +Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wre z. B. die +mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklren. + + + 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese. + +Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar, +da _sie einander nicht entbehren knnen_. Die Deduktion geht aus von +allgemeinen Stzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine +Stze findet. Die Induktion fhrt nur zu einem hheren Grade von +Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwhrenden Prfung ihrer +Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, da man aus den allgemeinen +Stzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe fr ihre +Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklren. + +Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden fr die Wissenschaft +fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die +vorlufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prfung an +den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der +Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen +oder anderen wahren Stzen in Widerspruch steht, beweist die +_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat, +fhrt aber nur zu _grerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der +vollen Gewiheit nhern kann. Die Hypothese ist ferner um so +wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie +_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewiheit und wird zur +_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mgliche Mittel zur +Erklrung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie +von bereits anerkannten Stzen abzuleiten. + +Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen +hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie; +Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur +Erklrung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des +Arztes. + + + 74. Das System. + +_Das System ist die Verbindung zusammengehriger Erkenntnisse zu einem +logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in +der Form dieser Verbindung. Wre die Wissenschaft als System vollendet, +so mte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine +_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_ +mte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der hchste Begriff, +deren Grundlage die untersten Arten bilden wrden, die selbst die +gesamte wirkliche Welt umfaten. Die Deduktion aber wrde alle _wahren +Urteile_ durch _ein System von Schlssen_, durch eine Kette von Beweisen +verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten +Prmissen, zu den Axiomen zurckfhren wrden. + +Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt, +aber sie werden dasselbe _nicht entbehren knnen_, wenn sie nicht in +Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder +nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel +angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft +hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und +mit Recht wenden sich die besten Krfte der genauen Erforschung der +Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das +Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und +kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das +Bewutsein wach zu erhalten, _da die Wissenschaft nur als Ganzes ihren +Zweck erfllt_, und da sie das nur kann, solange sie den Gedanken +festhlt, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, da die +wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal +_zusammenkommen_ mssen. + + + + +Literatur. + + +A. Einleitung in die Philosophie: + +_Klpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898. + +_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900. + +_Volkelt_, I., Vortrge zur Einfhrung in die Philosophie der Gegenwart. +1892. + +_Windelband_, W., Prludien, Aufstze und Reden zur Einleitung in die +Philosophie. 2. Aufl. 1903. + +_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901. + + +B. Geschichte der Philosophie.[A] + + +I. Geschichte der Philosophie berhaupt: + +_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bnde. 1892/93. + +_Erdmann_, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl. +1895/96. + +_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der groen Denker. 3. Aufl. 1899. + +_Rehmke_, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 1896. + +_berweg-Heinze_, Grundri der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8. +Aufl. 1894-97. + +_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900. + + [A] Die Titel derjenigen Bcher von B bis D, welche neben dem + beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur + weiteren Einfhrung und zur Vorbereitung auf die groen systematischen + Werke wegen ihrer greren Verstndlichkeit sich eignen, sind + _gesperrt gedruckt_. + + +II. Alte Philosophie: + +_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99 +(Indische Philosophie). + +_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie. +Bd. I und II. 1901. + +_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92. + + " " _Grundri der Geschichte der griechischen Philosophie_. +5. Aufl. 1898. + + +III. Neuere Philosophie: + +_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von +Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898. + +_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl. +1897-1901. + +_Hffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96. + +_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2. +Aufl. 1899. + + +C. Psychologie: + +_Ebbinghaus_, H., Grundzge der Psychologie. Bd. I. 1901. + +_Hffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901. + +_Hfler_, A., Psychologie. 1897. + +_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903. + +_Klpe_, O., Grundri der Psychologie. 1893. + +_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883. + +_Lotze_, H., _Grundzge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889. + + " " Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II. + +_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95. + +_Wundt_, W., _Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl. +1897. + + " " Grundri der Psychologie. 4. Aufl. 1901. + + " " Grundzge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. +Bd. I und II. + + " " Vlkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache). + +_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900. + + +D. Logik: + +_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892. + +_Lipps_, Th., _Grundzge der Logik._ 1893. + +_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880. + +_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von +Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877. + +_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93. + +_berweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5. +Aufl. 1882. + +_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95. + + * * * * * + +Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik: + +_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894. + + " " Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. +1897. + + " " Das Kant-Friesische Problem. 1902. + + + + +Namen- und Sachregister. + + +Affekt 44. + +Alpdrcken 27. + +Analogieschlu 122 f. + +Anaxagoras 9. + +quipollenz 94. + +Aristoteles 9. 103. + +Assoziation 28. 31. 66. + +sthetik 8. + +sthetische Gefhle 42 f. + +Atomisten 9. + +Aufmerksamkeit 30. 68. + +Ausdrucksbewegungen 59. + +Axiome 129. + + +Baco 10. + +Begierde 55. + +Begriff 33. 69 f.; + Merkmale des B. 70; + Arten der B. 72 ff.; + Umfang des B. 71 f. 128. + +Begriffsbestimmung 124 ff. + +Beneke 111. + +Bergmann 140. + +Bewegungen 66; + unwillkrliche B. 53 f. + +Beweis 129 ff. + + +Charakter 63. 67. + + +Deduktion 136 ff. + +Definition 124 ff. + +Denken 33. + +Descartes 10. 16. + +Determination 127. + +Determinismus 58. + +Deussen 141. + +Deutlichkeit 72. + + +Ebbinghaus 141. + +Eigennamen 33. + +Einheit des Bewutseins 18 f. + +Einteilung 126 ff. + +Eleaten 9. + +Elsenhans 142. + +Empfindung 21 ff. + +Empirismus 10. + +Enge des Bewutseins 29. + +Entfernung 36 f. 62. 66. + +Enthymem 117. + +Entschlu 56. + +Epicherem 117. + +Epikureer 10. + +Erdmann, B. 142. + + " " J. 140. + +Erkennen 33. 64. 68. + +Erkenntnistheorie 68. + +Ethik 8. + +Euathlus, Sophisma des E. 120. + +Eucken 140. + + +Falckenberg 141. + +Fehlschlsse 118 ff. + +Fichte 10. + +Fischer, K. 141. + + +Galenus 99. + +Gall 20. + +Gebrden 59. + +Gedchtnis 30 f. + +Gefhl 39 f. 64 f.; + Verlauf der G. 44; + Abstumpfung der G. 45; + Verstrkung der G. 45.; + gemischte G. 46; + Bedeutung der G. 50 ff. + +Gefhlston 40. + +Gehen 63. + +Geisteskrankheit 19. + +Gemeinvorstellung 32. + +Gemt 44. + +Geruch 39. + +Geschmack 39. + +Gesinnung 44. + +Gewohnheit 62 f. + +Gomperz 141. + +Grundgesetze des Denkens 85 ff. + + +Hegel 11. + +Heinze 140. + +Heraklit 9. + +Herbart 11. 16. 27. + +Hffding 141. + +Hfler 141. + +Hrzentrum 20. + +Hume 10. + +Hypothese 137 f. + +Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97. + + +Idealismus 11. + +Ideenassoziation 28 f. + +Indeterminismus 58. + +Individualbegriff 32. + +Individualvorstellung 32. + +Induktion 98. 132 ff. + +Induktionsschlu 121 f. + +Instinkt 54. + +Intellektuelle Gefhle 42. + +Jodl 141. + + +Kant 10. 25. + +Kausalitt 39. + +Kettenschlu 118. + +Klarheit 72. + +Kontradiktorischer Gegensatz 73. + +Kontraposition 92 f. 97. + +Kontrrer Gegensatz 73 f. + +Konversion 90 ff. 97. + +Klpe 140. 141. + + +Lachen 59. + +Lebensgefhl 46 f. + +Leibniz 10. 16. + +Leidenschaft 44. + +Lipps, Th. 141. 142. + +Locke 10. + +Logik 8. 13. 66 ff. + +Lokalisationstheorie 20. + +Lokalzeichen 38. + +Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142. + + +Materialismus 11. 16. 19. + +Metaphysik 8. + +Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142. + +Mitgefhl 49 f. + +Mittelbegriff 98. + +Modale Konsequenz 96. + +Motiv 56. + +Motorisches Zentrum 20. + +Mller, Joh. 23. + + +Nachahmungsbewegung 55. + +Nachbilder 24. + +Nervensystem 19 f. + +Neukantianismus 11. + +Neuplatoniker 10. + + +Oberbegriff 98. + +Opposition 94 ff. + + +Parallaxe 37. + +Partialgefhle 45. + +Paulsen 140. + +Pessimismus 11. 40. + +Petrus Hispanus 103. + +Physiologische Psychologie 15. + +Physiologische Zeit 53. + +Plato 9. + +Positivismus 11. + +Prmissen 98. + +Psychologie 12. 14 f. + +Phytagoreer 9. + + +Rationalismus 10. + +Raumvorstellung 36 f. + +Reflexbewegungen 53. + +Reflexhemmungen 54. + +Rehmke 140. + +Religion 8 f. + +Religise Gefhle 43. + +Reproduktion 30. + + +Schauspielkunst 61. + +Schelling 11. + +Schlu 33 f. 85 ff. + +Schlufiguren 103 ff. + +Schmerz 41. + +Scholastiker 103. + +Schopenhauer 11. 25. + +Schrift 61. + +Seelenvermgen 20 f. + +Seele und Krper 16 f. + +Sehzentrum 20. + +Selbstgefhl 49 f. + +Sigwart 111. 142. + +Sinnesenergie, spezifische 23. + +Sinnestuschungen 12. + +Sittliche Gefhle 43. + +Sokrates 9. + +Sophisten 9. + +Sorites 118. + +Spencer 10. + +Spinoza 10. + +Spiritualismus 16. + +Sprache 32 f. 60 f. + +Stimmung 47. + +Stoiker 10. + +Subalternation 93 f. + +Syllogismus 98 ff. 110 ff. + +System 138 f. + + +Temperamente 48. + +Thales 9. + +Tiefenvorstellung 38. + +Totalgefhle 45. + +Trauer 69. + +Traumzustand 27. + +Trendelenburg 11. + +Trieb 55 f. + +Trugschlsse 118 ff. + + +berweg 140. 142. + +bung 29. 31. 62. + +Umwandlung der Relation 93. + +Unbewute Zustnde 27. + +Unterbegriff 98. + +Urteil 33 f. 74 ff.; + Einteilung der U. 75 ff.; + analytische u. synthetische 88 ff. + +Urteilsarten 81 ff. + + +Vernunft 34. + +Verstand 34. + +Volkelt 140. + +Volkmann 141. + +Vorsatz 56. + +Vorstellung 24 f. 32. + +Vorstellungsverlauf 25 ff. + + +Wahrnehmung 24 f. + +Webersches Gesetz 23. + +Widerlegung 130. + +Wiederholung 66. + +Wille 52 ff.; 65 f. + +Willenszeit 54. + +Windelband 140. 141. + +Witz 59. + +Wortblindheit 24. + +Wundt 49. 111. 140. 142. + +Wunsch 56. + + +Zeitvorstellung 35 f. + +Zeller, E. 141. + +Zerstreutheit 30. + +Ziehen 142. + +Zirkel 126. + +Zorn 65. + + + + + +End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + +***** This file should be named 44442-8.txt or 44442-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/4/44442/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Psychologie und Logik + zur Einfhrung in die Philosophie + +Author: Theodor Elsenhans + +Release Date: December 16, 2013 [EBook #44442] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class='transnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3> +Der Originaltext war in <span style="font-family: serif;">Fraktur</span> gesetzt und enthielt Text in <span class="antiqua">Antiqua</span>. +Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: +<ul> +<li>S. <a href="#Seite_55">55</a> "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" gendert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_110">110</a> "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" gendert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_122">122</a> "demseben" in "demselben" gendert.</li> +<li>S. <a href="#Seite_141">141</a> "184/95" in "1894/95" gendert.</li> +</ul> +</div> + + + + +<p class="center"><big><big>Sammlung Gschen</big></big></p> +<hr /> + +<h1>Psychologie und Logik</h1> + +<p class="center"><big>zur Einfhrung</big></p> +<p class="center"><small>in die</small></p> +<p class="center" style="font-size: 200%"><em class="gesperrt">Philosophie</em></p> + +<p class="center">Fr Oberklassen hherer Schulen und zum Selbststudium</p> + +<p class="center"><small>dargestellt von</small></p> +<p class="center"><big><big>Dr. Th. Elsenhans</big></big></p> + +<p class="center">Mit 13 Textfiguren</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt"><small>Vierte, verbesserte Auflage</small></em></p> + +<p class="center"><b>Zweiter Abdruck</b></p> + +<hr class="r15"/> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em></p> +<p class="center"><big>G. J. Gschen'sche Verlagshandlung</big></p> +<p class="center">1904</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> + + +<p class="center"> +<em class="gesperrt">Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.</em> +</p> + +<p class="center">Herros & Ziemsen, Wittenberg.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</a></h2> + + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Inhaltsverzeichnis"> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>Einleitung.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="right">Seite</td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">1.</td><td align="left">Aufgabe und Einteilung der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_7">7</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">2.</td><td align="left">berblick ber die Geschichte der Philosophie</td><td align="right"><a href="#Seite_9">9</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">3.</td><td align="left">Die Bedeutung der Psychologie und der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_11">11</a></td></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Psychologie.</big></big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">4.</td><td align="left">„Empirische” und „rationale” Psychologie</td><td align="right"><a href="#Seite_14">14</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 1. Seele und Krper.</big></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">5.</td><td align="left">Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von Seele und Krper</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_15">15</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">6.</td><td align="left">Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der geistigen Erscheinungen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_17">17</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">7.</td><td align="left">Das Nervensystem</td><td align="right"><a href="#Seite_19">19</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right"></td><td align="left"><big>Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">8.</td><td align="left">Die sogenannten „Seelenvermgen”</td><td align="right"><a href="#Seite_20">20</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Das Erkennen.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">9.</td><td align="left">Die Empfindung</td><td align="right"><a href="#Seite_21">21</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">10.</td><td align="left">Vorstellung und Wahrnehmung</td><td align="right"><a href="#Seite_24">24</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">11.</td><td align="left">Der Verlauf der Vorstellungen</td><td align="right"><a href="#Seite_25">25</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">12.</td><td align="left">Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis</td><td align="right"><a href="#Seite_30">30</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">13.</td><td align="left">Die Arten der Vorstellung und das Denken</td><td align="right"><a href="#Seite_32">32</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">14.</td><td align="left">Die Vorstellung eines zusammenhngenden Weltganzen</td><td align="right"><a href="#Seite_34">34</a><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Das Fhlen.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">15.</td><td align="left">Wesen und Arten des Gefhls</td><td align="right"><a href="#Seite_39">39</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">16.</td><td align="left">Die krperlichen Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_41">41</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">17.</td><td align="left">Die geistigen Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_42">42</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">18.</td><td align="left">Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">19.</td><td align="left">Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_44">44</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">20.</td><td align="left">Das Lebensgefhl und die Stimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_46">46</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">21.</td><td align="left">Die Temperamente</td><td align="right"><a href="#Seite_48">48</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">22.</td><td align="left">Selbstgefhl und Mitgefhl</td><td align="right"><a href="#Seite_49">49</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">23.</td><td align="left">Die Bedeutung der Gefhle</td><td align="right"><a href="#Seite_50">50</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Das Wollen.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">24.</td><td align="left">Die unwillkrlichen Bewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_52">52</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">25.</td><td align="left">Der Trieb und das eigentliche Wollen</td><td align="right"><a href="#Seite_55">55</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">26.</td><td align="left">Die Freiheit des Willens</td><td align="right"><a href="#Seite_57">57</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">27.</td><td align="left">Die Ausdrucksbewegungen</td><td align="right"><a href="#Seite_59">59</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">28.</td><td align="left">bung, Gewohnheit, Charakter</td><td align="right"><a href="#Seite_62">62</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="2"></td><td align="left"><big>Abschnitt 3. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">29.</td><td align="left">Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander</td><td align="right"><a href="#Seite_64">64</a></td></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big><big>Logik.</big></big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">30.</td><td align="left">Die Aufgabe der Logik</td><td align="right"><a href="#Seite_67">67</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>I. Teil: Elementarlehre.</big></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffe.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">31.</td><td align="left">Der Begriff und seine Merkmale</td><td align="right"><a href="#Seite_69">69</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">32.</td><td align="left">Inhalt und Umfang des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_71">71</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">33.</td><td align="left">Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">34.</td><td align="left">Die Arten der Begriffe</td><td align="right"><a href="#Seite_72">72</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Urteile.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">35.</td><td align="left">Das Wesen des Urteils</td><td align="right"><a href="#Seite_74">74</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">36.</td><td align="left">Die traditionelle Einteilung der Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_75">75</a><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">37.</td><td align="left">Die zusammengesetzten Urteile</td><td align="right"><a href="#Seite_79">79</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">38.</td><td align="left">bersicht der Urteilsarten</td><td align="right"><a href="#Seite_81">81</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Die Schlsse.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">39.</td><td align="left">Die Grundgesetze des Denkens</td><td align="right"><a href="#Seite_85">85</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">A</span>. <em class="gesperrt">Der unmittelbare Schlu.</em></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">40.</td><td align="left">Der Schlu aus einem Begriff</td><td align="right"><a href="#Seite_88">88</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">41.</td><td align="left">Die Konversion</td><td align="right"><a href="#Seite_90">90</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">42.</td><td align="left">Die Kontraposition</td><td align="right"><a href="#Seite_92">92</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">43.</td><td align="left">Die Umwandlung der Relation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">44.</td><td align="left">Die Subalternation</td><td align="right"><a href="#Seite_93">93</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">45.</td><td align="left">Die quipollenz</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">46.</td><td align="left">Die Opposition</td><td align="right"><a href="#Seite_94">94</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">47.</td><td align="left">Die modale Konsequenz</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">48.</td><td align="left">Der Wert der unmittelbaren Schlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_96">96</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><span class="antiqua">B</span>. <em class="gesperrt">Der mittelbare Schlu.</em></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">49.</td><td align="left">Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses</td><td align="right"><a href="#Seite_98">98</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"></td><td align="right" valign="top">50.</td><td align="left">Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der kategorischen Schlsse</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_100">100</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">51.</td><td align="left">Die erste Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_103">103</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">52.</td><td align="left">Die zweite Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_105">105</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">53.</td><td align="left">Die dritte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_107">107</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">54.</td><td align="left">Die vierte Figur</td><td align="right"><a href="#Seite_108">108</a></td></tr> +<tr><td valign="top"></td><td align="right" valign="top">55.</td><td align="left">Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis zu den Prmissen</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_109">109</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">56.</td><td align="left">Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen</td><td align="right"><a href="#Seite_110">110</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">57.</td><td align="left">Der hypothetische Schlu</td><td align="right"><a href="#Seite_113">113</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">58.</td><td align="left">Der disjunktive Schlu</td><td align="right"><a href="#Seite_115">115</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">59.</td><td align="left">Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_117">117</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">60.</td><td align="left">Fehlschlsse und Trugschlsse</td><td align="right"><a href="#Seite_118">118</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">61.</td><td align="left">Der Induktionsschlu</td><td align="right"><a href="#Seite_121">121</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">62.</td><td align="left">Der Analogieschlu</td><td align="right"><a href="#Seite_122">122</a><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>II. Teil: Methodenlehre.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">63.</td><td align="left">Die Aufgabe der Methodenlehre</td><td align="right"><a href="#Seite_123">123</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>1. Die Begriffsbestimmung.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">64.</td><td align="left">Wesen und Arten der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_124">124</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">65.</td><td align="left">Fehler der Begriffsbestimmung</td><td align="right"><a href="#Seite_125">125</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>2. Die Einteilung.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">66.</td><td align="left">Das Wesen der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_126">126</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">67.</td><td align="left">Arten und Fehler der Einteilung</td><td align="right"><a href="#Seite_127">127</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>3. Der Beweis.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">68.</td><td align="left">Der Beweis und seine Arten</td><td align="right"><a href="#Seite_129">129</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">69.</td><td align="left">Auffindung und Fehler des Beweises</td><td align="right"><a href="#Seite_130">130</a></td></tr> +<tr><td align="center" colspan="4"><big>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</big></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">70.</td><td align="left">Die verschiedenen Methoden</td><td align="right"><a href="#Seite_131">131</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">71.</td><td align="left">Das induktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">72.</td><td align="left">Das deduktive Verfahren</td><td align="right"><a href="#Seite_136">136</a></td></tr> +<tr><td valign="top"></td><td align="right" valign="top">73.</td><td align="left">Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese</td><td align="right" valign="bottom"><a href="#Seite_137">137</a></td></tr> +<tr><td align="right"></td><td align="right">74.</td><td align="left">Das System</td><td align="right"><a href="#Seite_138">138</a></td></tr> +<tr><td align="left" colspan="3">Literatur</td><td align="right"><a href="#Seite_140">140</a></td></tr> +<tr><td align="left" colspan="3">Namen- und Sachregister</td><td align="right"><a href="#Seite_143">143</a></td></tr> +</table></div> +<hr class="chap" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Einleitung" id="Einleitung">Einleitung.</a></h2> + +<h3><a name="Par_1" id="Par_1"></a> 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.</h3> + + +<p><em class="gesperrt">Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, +welche den Zweck hat, Sicherheit, Einheit +und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres +Wissens herzustellen.</em> Auch die einzelnen Wissenschaften +entspringen diesem Bedrfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschrnktes +und sie gehen teils von Voraussetzungen aus, +die sie nicht nher prfen, teils gelangen sie zu Resultaten, +die nicht miteinander bereinstimmen. Die Philosophie +prft jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung +der Resultate der Einzelwissenschaften den Zusammenhang +der gesamten Erfahrungswelt zu erforschen.</p> + +<p>Auf demselben Wege gelangt <em class="gesperrt">der denkende Mensch</em> +zu philosophischer Betrachtung. Er stt auf Widersprche +in dem Wissensstoff, den er im Glauben an fremde +Autoritt angenommen oder selbstndig sich angeeignet hat, +und findet bei nherer Selbstbesinnung, da sein Wissen +auf unbewiesene Voraussetzungen sich sttzt und ungelste +Widersprche in sich schliet.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Philosophie teilt sich</em> nach den zwei groen +Gebieten der Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, +in eine <em class="gesperrt">Philosophie der Natur</em> und in eine <em class="gesperrt">Philosophie +des Geistes</em>. Die letztere beschftigt sich als +<em class="gesperrt">Psychologie</em> mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, +wie es an jedem einzelnen Menschen beobachtet werden +<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kann, als <em class="gesperrt">Philosophie der Geschichte</em> (im weitesten +Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie es als +Resultat gemeinschaftlicher Ttigkeit der Menschen in Gesellschaft +und Geschichte sich entwickelt.</p> + +<p>Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders +hervor, deren Wichtigkeit fr Leben und Wissenschaft, +wo sie zur <em class="gesperrt">Aufstellung von</em> zu befolgenden <em class="gesperrt">Regeln</em> +fhren, eine gesonderte Behandlung empfiehlt. So wird +das richtige Denken in der <em class="gesperrt">Logik</em>, der sthetische Geschmack +in der <em class="gesperrt">sthetik</em>, das sittliche Bewutsein in der +<em class="gesperrt">Ethik</em>, das religise Bewutsein in der <em class="gesperrt">Religionsphilosophie</em> +zu Gegenstnden einer besonderen Wissenschaft +gemacht. Diese psychologischen Tatsachen treten in +der Geschichte <em class="gesperrt">als geistige Mchte</em>, als Hauptelemente +der menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, +Recht und Staat, Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht +gedachtes Ziel wirken, als <em class="gesperrt">Ideale</em>: Wahrheit, +Schnheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der Gottheit. Doch +erfllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in bestndiger gegenseitiger Ergnzung, und +beide Standpunkte der Betrachtung mssen deshalb auch +in jeder Geisteswissenschaft zusammenwirken.</p> + +<p>Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der +Trennung der Gebiete stehen zu bleiben, er schliet vielmehr +die Aufgabe in sich, auch Natur und Geist, auch +jene verschiedenen Richtungen des Geisteslebens nach ihren +letzten Zusammenhngen untereinander zu untersuchen und +auf einen einheitlichen Grund zurckzufhren, die Aufgabe +der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>. Diese alle andern abschlieende +Wissenschaft beschftigt sich daher mit der Frage nach der +Anwendung der Denkgesetze auf die wirkliche Welt und +deren Bedingungen und Grenzen (Erkenntnistheorie), nach +der Gltigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir der Betrachtung +der Dinge zu Grunde legen: Sein, Vernderung,<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> +Raum und Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der +Gottesidee, soweit sie nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie +als fr das philosophische Erkennen unerreichbar +angesehen wird.</p> + + +<h3><a name="Par_2" id="Par_2"></a> 2. berblick ber die Geschichte der Philosophie.</h3> + +<p>Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der +Versuche, die <a href="#Par_1"> 1</a> bezeichneten Aufgaben zu lsen.</p> + +<p>Die erste selbstndige Philosophie findet sich bei den +Griechen. Die <em class="gesperrt">ionischen Naturphilosophen</em> (um +600 v. Chr.) fanden den einheitlichen Urgrund der Dinge +in einem Urstoff, z. B. <em class="gesperrt">Thales</em> im Wasser, die <em class="gesperrt">Pythagoreer</em> +in Ma und Zahl, die <em class="gesperrt">Eleaten</em> im reinen Sein +im Gegensatz zur scheinbaren Vielheit der Dinge, <em class="gesperrt">Heraklit</em> +im endlos sich verwandelnden Feuer, die <em class="gesperrt">Atomisten</em> +in den gleichartigen, kleinsten, unteilbaren Stoffteilchen mit +ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, Lage und Bewegung. +Erst fr <em class="gesperrt">Anaxagoras</em> war das Ganze der +Welt das Werk eines vernnftigen Wesens, des Geistes. +Die bisher einfach vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt +wurde aber von den alles bezweifelnden <em class="gesperrt">Sophisten</em> bestritten +und mute von den groen Philosophen der +Folgezeit neu begrndet werden.</p> + +<p>Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte +die griechische Philosophie ihren Hhepunkt. Sie +machten den Menschen selbst und sein Denken zum Gegenstand +der Untersuchung. <em class="gesperrt">Sokrates</em> († 399) beschftigte +sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. <em class="gesperrt">Plato</em> († 347) gelangte auf diesem Wege +zur Lehre von den Ideen als den geistigen Urbildern der +Dinge und erfate noch tiefer Wesen und Aufgabe des +Menschen. Sein groer Schler <em class="gesperrt">Aristoteles</em> († 322) +wurde durch sorgfltige Untersuchung der Gesetze des Denkens<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> +zum Begrnder der Logik als Wissenschaft und bertraf seinen +Vorgnger durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen +Wissensstoff der damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, +in das Gebiet der Philosophie hereinzog.</p> + +<p>Die nachfolgenden Philosophen, die <em class="gesperrt">Stoiker</em> und +<em class="gesperrt">Epikureer</em> verlegten den Schwerpunkt in die Ethik und +fanden als hchste Regel des Lebens die Befriedigung des +Weisen in seinem inneren Leben. Die <em class="gesperrt">Skeptiker</em> forderten +den Verzicht auf alles Wissen und die <em class="gesperrt">Neuplatoniker</em> +machten einen letzten Versuch, in der Einigung +mit der Gottheit die Wahrheit unmittelbar anzuschauen.</p> + +<p>Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem +Einflu des Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, +die <em class="gesperrt">Scholastik</em>, aber erst durch die Reformation wurde +freie Forschung mglich gemacht.</p> + +<p>In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptstrmungen +verfolgen, eine <em class="gesperrt">empiristische</em> und eine <em class="gesperrt">rationalistische</em>. +Die erste, hauptschlich ein Erzeugnis der +englischen Philosophie, beginnt mit dem Englnder <em class="gesperrt">Baco +von Verulam</em> († 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie grndet, und wird fortgesetzt +durch <em class="gesperrt">Locke</em>, <em class="gesperrt">Hume</em> und in neuester Zeit durch <em class="gesperrt">John +Stuart Mill</em> († 1873) und <em class="gesperrt">Herbert Spencer</em>. Die +rationalistische Richtung wurde hauptschlich von den +deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit <em class="gesperrt">Descartes</em> +(† 1650), der auf den gewissesten aller Stze: ich denke also +bin ich (<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>) alle Wahrheit grndete, und +wird fortgefhrt durch <em class="gesperrt">Spinoza und Leibniz</em>.</p> + +<p>Ihren Hhepunkt erreichte die deutsche Philosophie +in <em class="gesperrt">Kant</em> (1724-1804), der durch Untersuchung des +Erkenntnisvermgens selbst und seiner Grenzen (Kritik +der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage fr die +<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>Philosophie schuf. <em class="gesperrt">Fichte</em> ging in diesen Bahnen weiter, +whrend <em class="gesperrt">Schelling</em> und <em class="gesperrt">Hegel</em> durch den Grundsatz +der Einheit von Denken und Sein einer unbegrenzten +Spekulation Tr und Tor ffneten. Dagegen sah <em class="gesperrt">Herbart</em> +mit eigenartiger Wiederanknpfung an Kant die Aufgabe +der Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes +und gewann besonders durch eine sorgfltige, +auf Mathematik gegrndete Psychologie eine groe +Anhngerschaft. In der neuesten Zeit suchten <em class="gesperrt">Trendelenburg</em> +mit Rckgang auf Aristoteles und <em class="gesperrt">Lotze</em> (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Bercksichtigung der Naturforschung +den Idealismus neu zu gestalten.</p> + +<p>In den letzten Jahrzehnten fanden auerdem zwei +philosophische Richtungen groe Verbreitung, besonders in +der Tagesliteratur: der <em class="gesperrt">Materialismus</em>, der auch das +geistige Leben auf die Materie zurckfhren will, vertreten +durch Moleschott, Vogt, Bchner, und der <em class="gesperrt">Pessimismus</em>, +begrndet durch <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> († 1860), in selbstndiger +Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.</p> + +<p>Als Hauptstrmungen treten in der Gegenwart hervor +der <em class="gesperrt">Neukantianismus</em>, der mit Abweisung aller Metaphysik +das Hauptgewicht auf die Ethik legt, und der +<em class="gesperrt">Positivismus</em>, der, von Frankreich und England herbergekommen, +nur das Tatschliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu +einer rein naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens +gefhrt hat, macht sich jedoch eine <em class="gesperrt">idealistische</em> +Gegenstrmung mehr und mehr geltend.</p> + + +<h3><a name="Par_3" id="Par_3"></a> 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.</h3> + +<p>Neben einem berblick ber die Geschichte der Philosophie +werden sich zur Einfhrung in die Philosophie +solche Zweige derselben besonders eignen, welche teils der +Ausgangspunkt und die Grundlage der andern philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> +Wissenschaften, teils eine Schule fr das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie +und Logik zu.</p> + +<p>Verschiedene Beobachtungen im tglichen Leben und +manche Resultate der Naturwissenschaft weisen uns darauf +hin, da die einfache Betrachtung der Auenwelt nicht +der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie ausgehen +drften. Trume, Sinnestuschungen, Hallucinationen +beweisen, da dem von uns Wahrgenommenen +nicht notwendig ein Gegenstand entsprechen mu. Erscheinungen +wie die der Farbenblindheit zeigen, da das +Bild, das wir von den Gegenstnden haben, nicht allein +von diesen selbst, sondern zum mindesten auch von unserer +Organisation abhngig ist. Die Naturwissenschaft erklrt +das, was wir als Licht, Schall, Wrme wahrnehmen, fr +eine Bewegung des thers, der Luft, der Molekle. So +erhebt sich der <em class="gesperrt">Zweifel an der Sicherheit unserer +ueren Wahrnehmung berhaupt</em>. Um so sicherer +aber bleibt dann <em class="gesperrt">eine Tatsache</em> stehen, nmlich <em class="gesperrt">das +Bewutsein, da wir zweifeln</em>, oder <em class="gesperrt">da wir jene +Eindrcke haben</em>, auch wenn es keine — oder wenigstens +keine unserer Vorstellung entsprechende — Auenwelt +gibt. <em class="gesperrt">Da</em> wir etwas vorstellen, da wir etwas fhlen +oder wollen, und da wir als vorstellende, fhlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: +<span class="antiqua">cogito ergo sum</span>, steht uns unumstlich fest. Die +Wissenschaft, welche diese geistigen Vorgnge zu ihrem +Gegenstande hat und verarbeitet, die <em class="gesperrt">Psychologie</em>, wird +daher einen sicheren Ausgangspunkt fr die andern Zweige +der Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete +<em class="gesperrt">Vorschule des philosophischen Denkens</em>, +sofern dabei das abstrakte Denken durch die Beobachtung +des eigenen Seelenlebens bestndig untersttzt werden kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch +daraus, da die <em class="gesperrt">wertvollsten Gegenstnde der philosophischen +Betrachtung</em> auf dem Gebiete des geistigen +Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. Sie +ist daher eine wichtige Grundlage fr die Geisteswissenschaften +berhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, +sthetik, Ethik, Religionsphilosophie haben ihre Wurzel +in der Psychologie und ihren Abschlu in der Metaphysik.</p> + +<p>Von anderer Seite her dient die <em class="gesperrt">Logik</em> zur Einfhrung +in die Philosophie. Schon die Tatsachen des +Irrtums und des Streites zeigen die Notwendigkeit, auch +das Denken selbst auf seine Richtigkeit und Brauchbarkeit +hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrngt, weil sie nichts ungeprft annehmen +darf und deshalb auch das Denken und seine +Gesetze, ihr <em class="gesperrt">Werkzeug</em> zur Erforschung der Wahrheit +<em class="gesperrt">einer Prfung unterziehen mu</em>. Insofern bildet +die <em class="gesperrt">Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft</em>. +Die Logik ist aber auch zur <em class="gesperrt">formalen Schulung des +philosophischen Denkens</em> geeignet, weil das Verstndnis +der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfltigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken +und das Verstndnis der schwierigeren Zweige der Philosophie +vorbereitet.</p> + +<p>Doch ist leicht zu ersehen, da die Psychologie der +Logik am besten vorangeht, da die Vorgnge beim Denken +selbst zunchst Gegenstand der Psychologie sind.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Psychologie" id="Psychologie">Psychologie.</a></h2> + +<h3><a name="Par_4" id="Par_4"></a> 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.</h3> + + +<p>Man unterscheidet herkmmlich zwischen der <em class="gesperrt">empirischen</em> +Psychologie, welche die Ttigkeitsuerungen der +menschlichen Seele mit ihren Gesetzen darstellt, und der +<em class="gesperrt">rationalen</em> Psychologie, welche das innere Wesen der +Seele zu ergrnden und jene Ttigkeitsuerungen daraus +zu erklren sucht.</p> + +<p>Die letztere fllt in das Gebiet der <em class="gesperrt">Metaphysik</em>, +denn sie fragt nach der Art der Existenz und der Vernderung +der Seele, nach ihrem Zusammenhang mit dem +Krper, nach ihrem Verhltnis zur Zeit und zu anderen +Seelen.</p> + +<p>Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, +<em class="gesperrt">zunchst rein empirisch</em> auf Grund der Beobachtung +die Tatsachen des Seelenlebens und ihren gesetzmigen +Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. +Nur wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre +nchste empirische Aufgabe mit vorlufiger Abweisung +aller metaphysischen Spekulation vom festen Boden der +inneren Erfahrung aus klar erfat und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer +Probleme weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften +fr ihre Ideale Anknpfungspunkte darbieten. +Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung und Metaphysik<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> +unterscheidet sich gerade die <em class="gesperrt">wissenschaftliche</em> +Behandlung von der <em class="gesperrt">populren</em> Auffassung, die beides +vermischt und z. B. die geistigen Vorgnge ohne weiteres +metaphysisch als Ttigkeiten und Zustnde eines <em class="gesperrt">Dings</em> +nach Analogie der Krperwelt erklrt.</p> + +<p>Fr unsere Zwecke gengt die empirische Psychologie.</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">I</span>. Seele und Krper.</h2> + +<h3><a name="Par_5" id="Par_5"></a> 5. Die verschiedenen Ansichten ber das Verhltnis von +Seele und Krper.</h3> + +<p>Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens +eng verknpft mit <em class="gesperrt">krperlichen Erscheinungen</em>. +Die Psychologie wird deshalb hufig die Hilfe derjenigen +Wissenschaften in Anspruch nehmen mssen, die sich mit +dem menschlichen Krper beschftigen, der <em class="gesperrt">Anatomie</em>, +d. h. der Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, +und der <em class="gesperrt">Physiologie</em>, d. h. der Lehre von +den Lebensvorgngen im Pflanzen- und Tierkrper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht +die unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft fr +das Verhltnis von Seele und Krper.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">letzte Zusammenhang</em> dieser beiden Erfahrungsgebiete +lt sich aber von uns <em class="gesperrt">weder beobachten +noch innerlich erfahren</em>. Indem wir einen Ton +hren, haben wir kein Bewutsein davon, welchen Weg +er von der Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen +hat, und wir nehmen keinen bestimmten Vorgang +im Gehirn wahr, indem wir einen Entschlu fassen; aber +auch wenn wir den krperlichen Vorgang, der dem +geistigen entspricht, unmittelbar beobachten knnten, wten<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> +wir nicht, wie die Nervenerregung durch die Schallwellen +es macht, zur Tonempfindung zu werden, oder wie der +Entschlu es anfngt, die Glieder in Bewegung zu setzen.</p> + +<p>Es sind daher die verschiedensten Hypothesen ber +dieses <em class="gesperrt">Verhltnis von Seele und Krper</em> aufgestellt +worden. Es sind hauptschlich <em class="gesperrt">vier Mglichkeiten</em> +denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich +zwei mgliche Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form +oder ein Produkt des Krpers (Materialismus), 2. der +Krper ist nur eine Form oder ein Produkt eines oder +mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, +Lotze); oder man erkennt die Selbstndigkeit beider an, +dann sind zwei weitere Flle mglich: 3. Seele und +Krper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen oder +Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), +4. Seele und Krper sind verschiedene uerungsformen +eines und desselben Wesens, stehen daher in keinerlei +Verhltnis von Ursache und Wirkung (Identittshypothese, +so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus).</p> + +<p>Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem +Standpunkt aus nicht beantworten, sondern nur das +Material dazu darbieten, die endgltige Beantwortung +derselben ist von gewissen metaphysischen Anschauungen +abhngig. Die empirische Psychologie kann nur die tatschliche +Verschiedenheit von Krper und Seele feststellen +und die durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen +beiden Erfahrungsgebieten, soweit sie beobachtet werden +knnen, untersuchen. Die Lsung dieser Aufgaben zieht +sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche ber jene Verschiedenheit (<a href="#Par_6"> 6</a>) +und ber diese Beziehungen, die vor allem im Nervensystem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> +stattfinden (<a href="#Par_7"> 7</a>), im voraus zusammengestellt +werden.</p> + + +<h3><a name="Par_6" id="Par_6"></a> 6. Die Eigentmlichkeit der krperlichen und der +geistigen Erscheinungen.</h3> + +<p>Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmig +Krper und Seele sich unterscheiden, sind folgende, zunchst +fr die <em class="gesperrt">Krperwelt</em>:</p> + +<p>1. Die <em class="gesperrt">krperlichen Erscheinungen</em> treten in +der Form des <em class="gesperrt">Raumes</em> auf, whrend keinerlei Vorgnge +in der Seele, nicht einmal unsere Vorstellungen vom +Raume selbst, rumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.</p> + +<p>2. Die Naturwissenschaft lt die Krperwelt bestimmt +sein durch das <em class="gesperrt">Gesetz der Trgheit</em>: jeder Krper +verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder Bewegung, +solange er nicht durch einwirkende Krfte zur nderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der +<em class="gesperrt">Erhaltung der Materie und Energie</em>: die Summe +der Stoffteile bleibt unter aller Vernderung ihrer Zusammensetzung, +und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und ttiger Kraft dieselbe. Auch +das organische Leben und der menschliche Krper soll +diesen Gesetzen unterworfen sein, und das Leben also +nicht auf eine unerklrliche Lebenskraft, sondern nur auf +eine auerordentlich verwickelte, noch nicht gengend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im +menschlichen Krper verbundenen Stoffen und Krften +zurckgefhrt werden.</p> + +<p>Fr die <em class="gesperrt">geistige Welt</em> konnte die Gltigkeit dieser +Gesetze bis jetzt nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen +zeigt diese eigentmliche Merkmale anderer Art:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p> + +<p>1. Das Bewutsein der Seele ist bedingt durch <em class="gesperrt">Vernderung</em>, +<em class="gesperrt">Mannigfaltigkeit</em> und <em class="gesperrt">Gegensatz</em>. Bei +gleichmig fortdauernder Einwirkung eines einfachen Eindruckes +nimmt das Bewutsein ab und es tritt, wenn alle +mannigfaltigen strenden Eindrcke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewutlosigkeit ein. So wird der hypnotische +Zustand durch Konzentration der Aufmerksamkeit +auf einen einzigen Punkt, z. B. fr das Gesicht durch +Anstarren eines glnzenden Gegenstandes, fr das Gehr +durch ein einfrmiges Gerusch erzeugt. hnlich verhlt +sich der religise Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn +er in die Gottheit als absolute Einheit sich versenkt.</p> + +<p>2. Diese mannigfaltigen Bewutseinselemente <em class="gesperrt">tauchen</em> +aber <em class="gesperrt">nicht in der Seele isoliert auf</em>, um wieder zu +verschwinden, sondern sie treten in Wechselwirkung miteinander, +so da neue Erscheinungen entstehen, und werden +in der <em class="gesperrt">Einheit des Bewutseins</em> zusammengefat. +Dies ist aber nur dadurch mglich, da die frheren Zustnde +der Seele <em class="gesperrt">festgehalten</em> oder, wenn sie verschwunden +sind, <em class="gesperrt">wieder erzeugt</em> werden knnen. Doch ist damit +allein die Einheit des Bewutseins noch nicht gegeben. +Ein solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in +der unbewuten Natur vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden +Zustnden der Seele ein innerer Zusammenhang +bestehen, so mssen die frheren als solche +<em class="gesperrt">wiedererkannt</em> werden, um mit den folgenden in bewute +Beziehung gesetzt zu werden; daher ist die <em class="gesperrt">Erinnerung</em> +die wichtigste Fhigkeit der Seele. Sie macht +es erst mglich, die geistigen Vorgnge, die ohne sie eine +Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgltigen +Erscheinungen darstellen wrden, gleichzeitig zu machen +und zu verbinden.</p> + +<p>Diese <em class="gesperrt">innere Einheit des Bewutseins, verbunden<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> +mit freier Wechselwirkung seiner Elemente</em>, +ist eine <em class="gesperrt">Hauptbedingung der geistigen Gesundheit</em>. +Lst dieser Zusammenhang sich auf oder +bilden sich fixe Ideen, welche die freie Wechselwirkung +der Elemente hindern, so ist es ein Zeichen der beginnenden +oder vorhandenen <em class="gesperrt">Geisteskrankheit</em>.</p> + +<p>An dieser eigentmlichen Verbindung von Einheit +und Mannigfaltigkeit im Geistesleben scheitert auch der +<em class="gesperrt">Materialismus</em> (s. <a href="#Seite_11">S. 11</a>). Whrend aus zwei Bewegungen +krperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, +welche die andere ablst, fhrt die Einheit des Bewutseins +zu einer Verbindung frherer Vorstellungen +mit spteren, ohne da diese deshalb darin aufgehen +mssen. In der Einheit des Bewutseins sind vielmehr +die einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung +untereinander und mit deren Resultat gegenwrtig.</p> + + +<h3><a name="Par_7" id="Par_7"></a> 7. Das Nervensystem.</h3> + +<p>Die psychologische und physiologische Beobachtung +zeigt, da nicht alle Bestandteile des Krpers in gleich +enger Beziehung zur Seele stehen. In unmittelbarer +Beziehung zu ihr stehen nur die <em class="gesperrt">Nerven</em>, die als weie +Fden den ganzen Organismus des Krpers durchziehen. +Die unendlich zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in +Zentralorganen, und diese stehen wieder mit dem <em class="gesperrt">Gehirn</em> +als dem Hauptzentralorgan in Verbindung (die Zahl der +Nervenzellen des Grohirns wurde auf ungefhr eine +Milliarde berechnet), so da das Ganze ein <em class="gesperrt">System</em> +bildet, durch das allein jede Wechselbeziehung zwischen +Krper und Seele vermittelt wird. Die <em class="gesperrt">sensiblen</em> +Nerven fhren die Eindrcke der Auenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen +<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>ist, dem Gehirn zu, und die <em class="gesperrt">motorischen</em> dienen dazu, +die Ausfhrung der Bewegungen durch berleitung des +Befehls dazu auf die ausfhrenden Glieder zu vermitteln.</p> + +<p>Die Versuche, die einzelnen Ttigkeiten der Seele an +bestimmte Punkte dieses Nervensystems, besonders des +Gehirns zu knpfen (<em class="gesperrt">Lokalisationstheorie</em>), haben +noch zu keinem feststehenden Resultat gefhrt. Eine +solche „Lokalisation” bestimmter Geistesttigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie +oder Schdellehre aufgestellt hat, lie sich nicht durchfhren, +da weder der Schlu von der Ausbauchung des +Schdels auf die strkere Vertretung der darunter liegenden +Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte populre +Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch +konnte der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache +und Rede in der dritten Stirnwindung der linken Hemisphre +des Grohirns nachgewiesen werden. Auch werden +in der Regel die einzelnen Arten der Sinnesempfindungen, +besonders das Sehen und Hren, und die Muskelbewegungen +auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein +Sehzentrum, Hrzentrum, motorisches Zentrum bezogen. +Dagegen ist ziemlich allgemein anerkannt, da die hheren +Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefhle, Willensentschlsse, +nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden +sind. (Nheres ber das Nervensystem, insbesondere +die Sinnesorgane vgl. Sammlung Gschen Nr. 18: +Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundri der Psychophysik.)</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">II</span>. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.</h2> + +<h3><a name="Par_8" id="Par_8"></a> 8. Die sogenannten „Seelenvermgen”.</h3> + +<p>Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewhnlich +durch Annahme von <em class="gesperrt">drei Seelenvermgen</em> erklrt, +eines Erkenntnis-, eines Gefhls- und eines Begehrungsvermgens. +Die darin liegende Dreiteilung der geistigen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> +Vorgnge wird fast allgemein angenommen. — Die Versuche, +das eine auf die andern oder alle auf eines zurckzufhren +(so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer +wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden +Ergebnis gefhrt. Aber es drfen dabei <em class="gesperrt">zwei wichtige +Punkte</em> nicht bersehen werden, teils was den Ausdruck +„Vermgen”, teils was die Dreiteilung betrifft:</p> + +<p>1. Da mit der Annahme von drei Seelenvermgen +die Vorgnge der Seele nicht <em class="gesperrt">erklrt</em>, sondern nur +<em class="gesperrt">klassifiziert</em> sind; denn es ist noch keine Erklrung +einer Erscheinung, wenn man ohne nheren Nachweis in +dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fhigkeit sie zu +erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten knnen, +sind jedenfalls nur die geistigen Vorgnge selbst und die +Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.</p> + +<p>2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgngen, das +Erkennen, das Fhlen, das Wollen kommen in der +Seele <em class="gesperrt">nicht getrennt vor</em>. Es gibt wohl kaum einen +Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir drfen also nur von Seelenzustnden +sprechen, in denen das Erkennen oder das +Fhlen oder das Wollen <em class="gesperrt">vorwiegt</em>, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so mssen wir uns dabei immer bewut +bleiben, da wir damit in der Wissenschaft eine Trennung +vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.</p> + + +<h3>1. Das Erkennen.</h3> + +<h3><a name="Par_9" id="Par_9"></a> 9. Die Empfindung.</h3> + +<p>Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste +Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Auenwelt gelangt, +<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>ist die <em class="gesperrt">Empfindung</em>. Sie ist zu unterscheiden +von den Gefhlen, den Zustnden der Lust und Unlust, +und schliet drei Hauptmomente in sich:</p> + +<p>1. Den <em class="gesperrt">ueren Sinnesreiz</em>. Wenn die Sinnesorgane +in Ttigkeit treten sollen, so mu eine Wirkung +auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder +unmittelbar den Krper berhrt oder durch Bewegung +eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Krper +einwirkt. Das erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, +das zweite beim Sehen, Hren durch die Schwingungen +des thers, der Luft.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Die Erregung eines sensiblen Nerven</em> im +Krper, die durch den Reiz veranlat wird und von den +peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des +ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. +Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur +Empfindung.</p> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">Empfindung in der Seele selbst</em>, das +Sehen, Hren, Tasten, Riechen, Schmecken.</p> + +<p>Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgngen +1. und 2., durch die sie veranlat werden, <em class="gesperrt">ganz ungleich</em>. +Es lt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen +der Luft gerade die Empfindung des Hrens folgt; wir +knnen nur feststellen, da es so ist. Auch die Abhngigkeit +der Empfindung vom ueren Reiz dem Strkegrade +nach lie sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund +der Empfindung allein knnen wir nie mit Bestimmtheit +sagen, da etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstrke, also als uerer Reiz, 1 mal so gro als +die von b ist, 1 mal so hell sei als das Licht b. Man +ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz +verstrkt werden mu, damit eine Zunahme der Strke +in der entsprechenden Empfindung <em class="gesperrt">eben noch</em> bemerkt +<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>werden kann. Es zeigte sich, da <em class="gesperrt">der Zuwachs des</em> +<em class="gesperrt">Reizes, welcher eine eben noch merkliche nderung +der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgre, +zu welcher er hinzukommt, immer in demselben +Verhltnis steht (Webersches Gesetz)</em>, oder, mathematisch +ausgedrckt: da die Strke des Reizes in geometrischer +Progression wachsen mu, damit die Empfindung +in arithmetischer Progression zunehme. Mu man also +zu einem Gewicht von 3 <span class="antiqua">kg</span> 1 <span class="antiqua">kg</span> zulegen, damit eine +Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist +bei 9 <span class="antiqua">kg</span> eine Vermehrung um 3 <span class="antiqua">kg</span> ntig, whrend nur +1 <span class="antiqua">kg</span> mehr zu keiner Verstrkung der Druckempfindung +fhren wrde. <em class="gesperrt">Fr die verschiedenen Sinne</em> ist das +Verhltnis der Reizstrke, das diese sogenannte „Methode +der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein <em class="gesperrt">verschiedenes</em>; +doch lie es sich nur fr Reize von mittlerer Strke bestimmen, +am meisten bereinstimmend noch fr die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, fr die Lichtempfindungen +wurde 100:101, fr Hebungen, also Druckempfindungen, +untersttzt durch das Muskelgefhl, 15:16 gefunden.</p> + +<p>brigens gibt es auch <em class="gesperrt">subjektive Empfindungen</em>, +welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, +sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag +oder Druck oder innere Zustnde <em class="gesperrt">des Krpers</em> erzeugt, +doch den jedem Sinnesnerven allein eigentmlichen +Charakter tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb +hufig in die Auenwelt hinaus verlegt werden, z. B. +das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost +und Hitze im Fieber. Diese Tatsache fhrte auf die durch +Johannes Mller (1826) begrndete Annahme einer +<em class="gesperrt">spezifischen Sinnesenergie</em>, d. h. einer besonderen +Fhigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize +verschiedener Art nur gerade die ihm eigentmlichen +Empfindungen zu vermitteln.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> + +<p>Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem +die Reize schon aufgehrt haben. Daher erzeugen besonders +starke Lichtempfindungen sog. „<em class="gesperrt">Nachbilder</em>”.</p> + +<p>Die Empfindungen sind entweder <em class="gesperrt">einfache</em>, z. B. eine +Farbe, ein Ton, oder <em class="gesperrt">zusammengesetzte</em>, z. B. ein +Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen, +oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hren.</p> + + +<h3><a name="Par_10" id="Par_10"></a> 10. Vorstellung und Wahrnehmung.</h3> + +<p>Die Empfindung geht dadurch, da sie mit dem veranlassenden +Reiz aufhrt, nicht fr das Bewutsein verloren. +Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt +werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und +heit dann <em class="gesperrt">Vorstellung</em>. Diese Wiedererzeugung findet +besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung +selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine bestimmte Person +durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hren der Stimme u. s. w. kennen +gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser +sinnlichen Eindrcke eine Vorstellung von derselben haben; +immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des frheren +Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen +wieder habe, und die neuen Empfindungen werden +dann als dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine +<em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> statt. Dieser Unterschied zwischen +Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen +deutlich hervor, wo die Fhigkeit zu empfinden +noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, +z. B. bei der <em class="gesperrt">Wortblindheit</em>, wo die Empfindung, +das Hren des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen +Wortes noch da ist, aber das Verstndnis seiner Bedeutung,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> +d. h. die Fhigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehrigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der +Sinneseindruck stets zu dem brigen Bewutseinsinhalt +in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich +darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. +Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als +Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewutsein +kommt, so werden beide Begriffe hufig als gleichbedeutend +gebraucht.</p> + +<p>Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung +mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewute +Arbeit des Wahrnehmenden, sondern <em class="gesperrt">geht unwillkrlich +vor sich</em>. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbstndiges Element zum +Bewutsein, sie wird daher auch „<em class="gesperrt">gebundene Vorstellung</em>” +genannt. „<em class="gesperrt">Freie Vorstellungen</em>” sind +dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung +im Bewutsein auftauchen. Im philosophischen +Sprachgebrauch wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach +auch im <em class="gesperrt">allgemeineren Sinne</em> verwendet zur +Bezeichnung jeden Inhalts des Bewutseins berhaupt, +der auf Gegenstnde der Auenwelt, ihre Eigenschaften +oder Zustnde bezogen wird. Es umfat dann sowohl +die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben +genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders +in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine +Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)</p> + + +<h3><a name="Par_11" id="Par_11"></a> 11. Der Verlauf der Vorstellungen.</h3> + +<p>Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen +sich losgelst haben, bekommt das Bewutsein +einen selbstndigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt +treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> +neue Vorstellungen ein. Es sind <em class="gesperrt">zwei nebeneinander +hergehende Reihen von Vorgngen</em>, die sich um +den Vorrang in der Seele streiten.</p> + +<p>Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs +die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden +Empfindungen in den Vordergrund. Da fhrt die hnlichkeit +der wahrgenommenen Gegend mit einem frheren +Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, +und hinter diesen Gedanken, die sich selbstndig fortspinnen, +treten die ueren Empfindungen immer mehr +zurck, so da der Spaziergnger, ganz in sich vertieft, +kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende +Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen +unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet +zugleich eine <em class="gesperrt">Eigentmlichkeit unter den Menschen</em>. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen +und der ueren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, +die eine Anlage fr Musik oder bildende Knste, oder +fr Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem +Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht +aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser +Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter +Einseitigkeit.</p> + +<p>Der Verlauf der Vorstellungen schliet zwei Fragen +in sich: Wie <em class="gesperrt">entstehen</em> die Vorstellungen im Bewutsein? +und: Wie <em class="gesperrt">verschwinden</em> sie aus demselben? Sofern sie +durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage +schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhren des +ueren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und +Verschwinden nicht blo auf Veranlassung der Empfindungen, +sondern auch im <em class="gesperrt">Verlaufe der freien Vorstellungen</em> +statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> +neue Vorstellung auftritt, sondern hchstens die alten mit +Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, +so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es +zu, da die einmal verschwundenen Vorstellungen <em class="gesperrt">wiederkehren</em>?</p> + +<p>Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, +da sie berhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz +verschwunden sind, sondern da sie, wenn auch nicht im +Bewutsein, so doch als <em class="gesperrt">unbewute Zustnde</em> noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die +auf Vorgnge in der Seele „unter der Schwelle des +Bewutseins” (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare +Wahrnehmung von Verhltnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines +Gegenstandes (s. <a href="#Seite_36">S. 36</a>), oder die Welt der Gefhle, deren +Ursprung uns oft dunkel ist. ber diese Vorgnge unter +der Schwelle des Bewutseins knnen wir aber nie etwas +Bestimmtes aussagen, als das Negative, da sie eben +unterhalb des Bewutseins vor sich gehen; denn sie +knnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstnde des +Bewutseins wrden.</p> + +<p>In der Mitte zwischen Bewutem und Unbewutem +steht der <em class="gesperrt">Traumzustand</em>. Seine Eigentmlichkeit besteht +wohl hauptschlich in einer <em class="gesperrt">Schwchung des bewuten +Willens</em>, der sonst den Verlauf der geistigen +Vorgnge beherrscht und zusammenhlt. Die Aufeinanderfolge +der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch +das Gefhl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So +fgen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrcke +von der Auenwelt her oder Zustnde des eigenen Krpers, +sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefhle im wachen +Zustand verbunden sind. Es wird z. B. schweres Atemholen +als Alpdrcken, leichtes als Flugbewegung, Stechen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> +im Fu als Bi einer Schlange, ein gehrter Schu +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.</p> + +<p>Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen +Bewutsein auftauchen, ohne durch einen ueren Reiz +unmittelbar veranlat zu sein, so zeigt sich, da die <em class="gesperrt">eine +Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen +wird</em>, mit der sie in irgend einer Weise verbunden +ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man +<em class="gesperrt">Assoziation</em> der Vorstellungen oder auch <em class="gesperrt">Ideenassoziation</em>. +Sie hat hauptschlich zweierlei Formen und +beruht:</p> + +<p>1. Auf der <em class="gesperrt">hnlichkeit</em> der Vorstellungen. Die +Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige +einer andern ihr hnlichen hervor.</p> + +<p>2. Auf deren <em class="gesperrt">uerem Zusammenhang in +Raum und Zeit</em> (Berhrungsassoziation). Was wir +hufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch +in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung +eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung +hervor. Durch diese Assoziation zusammenhngender Vorstellungen +bekommen wir berhaupt erst die Vorstellung +von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, da ich hufig die dazu +gehrigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des +Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe, +und da infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z. B. +die des Gesichts, die andern dazu gehrigen immer zugleich +wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit +oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des +Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknpft +hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten +Gedichtes die folgenden Wrter, der Anfang einer<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Tne +hervorruft. Je hufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung +von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen +sie von statten. Die <em class="gesperrt">bung</em> spielt hier eine groe +Rolle (s. <a href="#Par_28"> 28</a>).</p> + +<p>Von dem <em class="gesperrt">Verschwinden der Vorstellungen</em> +glauben nun die einen, es sei das natrlichere und bedrfe +keiner besonderen Erklrung, die andern verlangen +umgekehrt eine Erklrung des Verschwindens, da nach dem +Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverstndliche +sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung +sagen, da kein Zustand sich verndert, ohne da +ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, da allerdings +das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatschlich +vorliegt, erklrt werden mu. Diese Erklrung mu von +der Voraussetzung ausgehen, da wegen der sogenannten +<em class="gesperrt">Enge des Bewutseins</em> immer nur eine beschrnkte +Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewutsein sich befinden +kann, so da also die einen durch die andern +verdrngt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen +zur Verdrngung anderer oder ihre <em class="gesperrt">Strke</em> beruht, +das ergibt sich zum Teil aus den <em class="gesperrt">Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung</em>, zum Teil aus der <em class="gesperrt">Bedeutung</em>, +welche sie fr das vorstellende Subjekt haben. Je gelufiger +die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, +desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen +den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das <span class="antiqua">h</span> der alphabetischen +Reihenfolge <span class="antiqua">e f g h</span> vor dem <span class="antiqua">a</span> der musikalischen +Tonleiter <span class="antiqua">e f g a</span>. Andrerseits wird die Vorstellung mit +um so mehr Strke sich ins Bewutsein drngen, je +wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand fr uns +selbst und je grer infolgedessen das auf <em class="gesperrt">Gefhlen</em> +<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>beruhende <em class="gesperrt">Interesse</em> ist, das wir an ihm haben.</p> + + +<h3>. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedchtnis.</h3> + +<p>Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen +hngen zwei Fhigkeiten zusammen, die im Geistesleben +eine groe Rolle spielen, die <em class="gesperrt">Aufmerksamkeit</em>, +d. h. die Fhigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen +zu mglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten, +und das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em>, d. h. die Fhigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewutsein wiederzuerzeugen oder sich +zu <em class="gesperrt">erinnern</em>.</p> + +<p>Man unterscheidet zwischen <em class="gesperrt">unwillkrlicher</em> und +<em class="gesperrt">willkrlicher</em> Aufmerksamkeit. Die <em class="gesperrt">unwillkrliche</em> +wird durch einen pltzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen, +indem er uns veranlat, uns demselben zuzuwenden, +damit wir ihn mglichst deutlich wahrnehmen. +So zieht z. B. eine Lichterscheinung oder ein pltzliches +Gerusch unsere unwillkrliche Aufmerksamkeit auf sich. +<em class="gesperrt">Die willkrliche Aufmerksamkeit entsteht durch das +Interesse</em> (s. <a href="#Par_11"> 11</a>), das die Willensttigkeit veranlat, +die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen +hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf +ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrngung anderer +festzuhalten, so ist sie von der Strke derselben abhngig +und kann erzeugt werden teils dadurch, da +das Interesse erregt wird, teils dadurch, da der Zusammenhang +der Vorstellungen streng festgehalten wird. +Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, <em class="gesperrt">die +Zerstreutheit</em>.</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">Gedchtnis</em> beruht auf den <em class="gesperrt">Gesetzen der +Reproduktion</em>. Wir knnen eine Vorstellung wiedererzeugen, +uns auf sie „<em class="gesperrt">besinnen</em>”, indem wir der Vorstellungsreihe +nachgehen, in welcher sie enthalten ist, und +so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoen. Je<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung +mit andern ist, desto leichter knnen wir uns +ihrer erinnern. Wir prgen uns also etwas ein, indem +wir es in den Zusammenhang mit andern Vorstellungen +hineinstellen und zwar entweder auf <em class="gesperrt">mechanische Weise</em> +durch hufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, +die uns durch bung gelufig wird, wobei wir +im allgemeinen an <em class="gesperrt">die Richtung gebunden sind, in +welcher die Assoziationen eingebt wurden</em> (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort +lt sich nur schwer rckwrts sagen, einseitig gelernte +Vokabeln sind nur in derselben Richtung, z. B. franzsisch-deutsch, +gelufig); oder auf <em class="gesperrt">logische</em> Weise durch Aufnahme +der Vorstellung in einen klaren inneren Zusammenhang, +den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere Denkgesetze +leicht wiedererzeugen knnen, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie.</p> + +<p>Die Ttigkeit des Gedchtnisses wird erleichtert durch +hufige <em class="gesperrt">bung</em> und durch das <em class="gesperrt">Interesse</em>, das dem +Verschwinden der Vorstellungen entgegenwirkt. Mit dem +Unterschied des Interesses hngt es auch zusammen, da +das Gedchtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstnde gebunden sein kann, so da von einem Gedchtnis +fr Worte, Zahlen, Tne, Sachen, rter oder +fr bestimmte Gebiete der Wissenschaft die Rede ist. Auerdem +aber kommen hierbei <em class="gesperrt">angeborene Eigentmlichkeiten</em> +des Gedchtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfnglichkeit fr bestimmte Sinneseindrcke, +z. B. fr blo gehrte, oder fr auerdem +gesprochene, oder fr blo gelesene Worte geltend machen. +Man hat danach ein akustisches, motorisches und visuelles +Gedchtnis unterschieden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_13" id="Par_13"></a> 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.</h3> + +<p>Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung +entspricht, z. B. die einer Farbe, kann man <em class="gesperrt">Einzelvorstellung</em> +nennen. Aus Einzelvorstellungen setzt sich die +Vorstellung von Gegenstnden, Personen, Verhltnissen, +Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung eines individuellen +Ganzen oder die <em class="gesperrt">Individualvorstellung</em>. Diese +Individualvorstellung schliet gewhnlich die Vorstellung +eines <em class="gesperrt">Dings</em> in sich, das brig bleiben soll, auch wenn +man die angeblich daran haftenden Eigenschaften, d. h. +Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die Richtigkeit dieser Vorstellung, +deren Vorhandensein die Psychologie nur feststellt, +hat die Metaphysik zu untersuchen.</p> + +<p>Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit +strebt, begngt sich jedoch nicht mit einer Menge von +Individualvorstellungen, sondern er sucht dieselben durch +Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender hnlicher Vorstellungen bleibt +in der Seele ein <em class="gesperrt">gemeinsames Bild von unbestimmtem +Charakter</em> zurck, das nur die allen gemeinsamen +Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthlt: +die allgemeine oder <em class="gesperrt">Gemeinvorstellung</em>. Wenn +vom Menschen im allgemeinen die Rede ist, schwebt uns +dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefhres Bild vor, das +mit Vernachlssigung aller Unterschiede der Vlker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame +darstellt.</p> + +<p>Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen +knnten aber nicht auseinandergehalten und +weiter ausgebildet werden, wenn sie nicht an ein bestimmtes +Zeichen gebunden werden knnten. Diesem Bedrfnis +<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> +kommt die <em class="gesperrt">Sprache</em> entgegen. Jedes <em class="gesperrt">Wort ist ein +Zeichen fr eine Gemeinvorstellung</em>; nur wo +die Unterscheidung der Individuen einen besondern Wert +hat, wie beim Menschen, da erhlt auch die Individualvorstellung +ein besonderes Wortzeichen, das dann nur fr +<em class="gesperrt">ein</em> Individuum gilt. Solche Wortzeichen fr Individualvorstellungen +sind die <em class="gesperrt">Eigennamen</em>. Sonst bezeichnet +ein Wort, z. B. Tisch, nur die Gemeinvorstellung, der kein +bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch entspricht, und +kann nur etwa durch ein hinweisendes Frwort: „dieser +Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschrnkt werden.</p> + +<p>Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann +die Gemeinvorstellung genauer umgrenzt werden und in +<em class="gesperrt">die bestimmtere</em> Form <em class="gesperrt">des Begriffes bergehen,</em> +die Verbindungen der Vorstellungen untereinander knnen +als <em class="gesperrt">Urteile</em>, die sich in Stzen aussprechen lassen, mit +grter Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung +neuer Vorstellungen aus der Verbindung anderer +nimmt auf dieser hheren Stufe die Gestalt von <em class="gesperrt">Schlssen</em> +an. Diese ganze hhere Stufe ist die des eigentlichen <em class="gesperrt">Denkens</em>. +Der Unterschied zwischen dem gewhnlichen Verlaufe +der Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist +also nur der, da, was dort unwillkrlich geschah, jetzt +mit voller Klarheit und mit der bestimmten <em class="gesperrt">Absicht</em> vollzogen +wird, die Natur und die geistige Welt oder ihren +Zusammenhang zu <em class="gesperrt">erkennen</em>, d. h. solche Vorstellungen +und Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit +entsprechen. Dazu gehrt dann, da die beziehende +Ttigkeit des Geistes mit Hilfe der Aufmerksamkeit auf +ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach bestimmten +Grundstzen verfhrt, die selbst wieder geprft werden. +So bildet das Denken den <em class="gesperrt">Begriff</em> durch Ausscheidung +der ungleichartigen und Zusammenfassung der gemeinsamen +Merkmale, z. B. den Begriff Parallelogramm durch Weglassung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> +der wechselnden Merkmale: Grenverhltnis der +nichtparallelen Seiten und Gre der Winkel, und Zusammenstellung +der allen gemeinsamen: Viereck und +Parallelitt der Gegenseiten. Das <em class="gesperrt">Urteil</em> entsteht durch +Verknpfung der Begriffe, z. B. das Rechteck ist ein +Parallelogramm; und der <em class="gesperrt">Schlu</em> ist die Ableitung eines +Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. +aus den beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” +und: „Im Parallelogramm halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig” das dritte als Schlufolgerung +abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die Diagonalen +gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gltige Urteile und richtige +Schlsse zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.</p> + +<p>Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden +auch, besonders seit Kant, an verschiedene Vermgen verteilt. +Dem <em class="gesperrt">Verstand</em> als dem „Vermgen der Begriffe” +wird die begriffliche Verarbeitung der Erfahrung zugeschrieben +im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Vernunft</em>, die „als Vermgen +der Ideen” auf die Erkenntnis des ber die Erfahrung +Hinausgehenden, des „bersinnlichen” gerichtet sei.</p> + + +<h3><a name="Par_14" id="Par_14"></a> 14. Die Vorstellung eines zusammenhngenden +Weltganzen.</h3> + +<p>Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es +von der einfachen Empfindung aus zu Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen und endlich zum Denken fortschreitet. +Damit ist aber der Stoff noch nicht erschpft, den +wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem +Vorstellen finden. Wir treffen da nicht blo einzelne Empfindungen, +Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlsse an, +sondern auch eine <em class="gesperrt">zusammenhngende Vorstellung +der wirklichen Welt</em>, in welche unsere einzelnen Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> +sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: +Wie kommt diese umfassende Vorstellung zustande? Da +kommen zuerst die beiden Hauptformen in Betracht, durch +die wir den ganzen Stoff unserer Erfahrung ordnen: der +<em class="gesperrt">Raum</em> und die <em class="gesperrt">Zeit</em>, und dann die Grundform, durch +die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die <em class="gesperrt">Kausalitt</em>.</p> + +<p>Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die +krperliche Welt zeitlich und rumlich. Eine Vorstellung +von der <em class="gesperrt">Zeit</em> berhaupt haben wir nur, indem wir wahrnehmen, +da das, was frher war, nun nicht mehr ist, +also unter der Voraussetzung, da wir uns einer Vernderung +von irgend etwas bewut sind, und da wir frhere +Zustnde wiedererkennen; denn nur so knnen wir einen +zeitlichen Abstand von ihnen uns vorstellen. Je mehr wir +also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefhl verweilen, +ohne eine Vernderung zu erleben, desto mehr +schwindet die Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte +Vorstellung von der Zeit, losgelst von dem, was in ihr +geschieht, ist nur mit Hilfe der rumlichen Anschauung, +etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit bestimmten +Abschnitten mglich.</p> + +<p>Wollen wir die <em class="gesperrt">Zeitabschnitte</em> ohne besondere Hilfsmittel +blo mit Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustnde +<em class="gesperrt">schtzen</em>, so sind wir dabei von zweierlei abhngig, +von dem <em class="gesperrt">Interesse</em>, das die einzelnen Zustnde des zu +schtzenden Zeitraums fr uns hatten, und von der <em class="gesperrt">Menge</em> +derselben. Der Gedanke, da die Zeit Flgel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein +Ereignis unseres Lebens mit dem Interesse, das sich fr +uns daran knpft, uns lebhaft vergegenwrtigen, so da +die dazwischenliegenden, weniger wichtigen Vorgnge zurcktreten. +Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, +von einer groen Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende +Punkte ausgefllt sind. Diese subjektive Schtzung +der Zeit ist also eine unsichere und wechselnde. Man hat +daher einen <em class="gesperrt">objektiven Mastab</em> der Zeit aufgestellt, +indem man gleichmige Bewegungen in der Natur, +Bewegungen der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu +benutzt, deren Wiederholungen gezhlt werden.</p> + +<p>Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in +der Form des Raumes haben, whrend unsere Vorstellung +selbst nicht rumlicher Natur ist, so erhebt sich die Frage, +wie wir zu dieser <em class="gesperrt">Vorstellung eines Raumes</em> gelangen? +Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebude, +so enthlt diese Wahrnehmung verschiedene rumliche Elemente. +Wir erhalten eine Vorstellung von dessen Entfernung +von uns und machen uns auerdem ein Bild von seiner Lnge, +Breite und Hhe, also von seinen drei Dimensionen.</p> + +<p>Um die <em class="gesperrt">Entfernung</em> zu messen, denken wir uns eine +gerade Linie von dem Gebude bis zu unserem Standort. Von +der Entfernung selbst aber haben wir keine bestimmte unmittelbare +Empfindung, sie ist vielmehr das Resultat einer +Vergleichung zwischen der <em class="gesperrt">wirklichen und scheinbaren +Gre</em> des Gegenstandes, die infolge hufiger bung so +schnell vor sich geht, da sie uns als unmittelbare Wahrnehmung +erscheint. Je kleiner das Wahrgenommene im +Verhltnis zu seiner wirklichen Gre ist, desto grer +schtzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich +der wirklichen Gre nhert, desto geringer erscheint sie +uns. Zum Zweck genauerer Schtzung wird die wirkliche +Gre nher zu bestimmen gesucht etwa durch daneben +stehende Menschen, deren ungefhre Gre genauer bekannt +ist, oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Gre +nicht bekannt ist und nicht ermittelt werden kann, die der<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> +Entfernung entsprechende Gerade in mehrere Teile zerlegt, +deren Entfernung durch andere dazwischenliegende Gegenstnde +bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung +auf dem Meer oder auf einfrmiger Ebene sehr schwer +zu schtzen. berhaupt lt sich von den drei Elementen: +wirkliche Gre, scheinbare Gre und Entfernung, wenn +zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Auerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch +die Dicke und Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht +bedingte grere oder geringere Deutlichkeit der +Umrisse.</p> + +<p>Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung +ohne Messung der die Entfernung darstellenden Geraden +ist die <em class="gesperrt">Parallaxe</em>; d. h. die Gre der scheinbaren Verschiebung, +welche ein Gegenstand im Verhltnis zu einem +feststehenden Hintergrund erfhrt, wenn wir ihn von +zwei verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter +der Gegenstand entfernt ist, desto kleiner erscheint die +Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei einer Eisenbahnfahrt +die nchsten Gegenstnde schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurckstehenden. Zu genauer Ermittelung +der Entfernung durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, +den die von dem Gegenstand zu den beiden +Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschlieen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie +vielfach verwendet.</p> + +<p>Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von +<em class="gesperrt">drei Dimensionen</em> eines Krpers? Was wir zunchst +sehen, ist nur eine Flche mit verschiedener Schattierung. +Die Wirklichkeit gleicht zunchst einem Gemlde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher fat +ein Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen +hat, einen Wrfel als Quadrat, eine Kugel als<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> +Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. Die Vorstellung +von einer <em class="gesperrt">Ausdehnung nach der Richtung +der Tiefe</em> bekommen wir erst durch eine Verbindung der +Gesichtsempfindungen mit den Tast- und Bewegungsempfindungen. +Indem wir uns um den Krper herum +bewegen, finden wir, da die Flchenwahrnehmung von +einer bestimmten Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben +hat, sondern da sich andere Flchen an die zuerst gesehene +anschlieen, und der Tastsinn, der den verschiedenartigen +von den Krpern geleisteten Widerstand anzeigt +und damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen +ermglicht, ergnzt dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung +von Form und Begrenzung der Krper.</p> + +<p>Damit ist aber noch nicht erklrt, wie es berhaupt +mglich ist, da <em class="gesperrt">die unrumliche Seele rumliche +Bilder auffassen kann</em>; sie hat ja wohl die Vorstellung +eines rumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht +die Theorie von den <em class="gesperrt">Lokalzeichen</em>, die <em class="gesperrt">Lotze</em> († 1881) +aufgestellt hat, d. h. die Ansicht, da je nach der Stelle +der Netzhaut des Auges oder der Hautoberflche, die von +dem ueren Reize getroffen wird, dieser selbst noch einen +besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich fhrt, den +dann die Seele rumlich deutet. So wrde derselbe +Farbeneindruck <span class="antiqua">R</span>, je nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen +versehen ist, also als <span class="antiqua">Ra</span>, <span class="antiqua">Rb</span>, <span class="antiqua">Rc</span> die Seele trifft, +an verschiedene Orte des Raumes <span class="antiqua">a</span>, <span class="antiqua">b</span> oder <span class="antiqua">c</span> verlegt +werden. Jedenfalls aber mu in der Seele eine Fhigkeit +angenommen werden, diese Zeichen rumlich zu +deuten und zu einer Gesamtvorstellung des Raumes zu +erweitern.</p> + +<p>So sind uns die Formen des Raums und der Zeit +dazu behilflich, ein einheitliches Bild von der wirklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> +Welt zu bekommen. Doch vollendet sich diese Einheit +erst dadurch, da wir die Erscheinungen nach einem +<em class="gesperrt">inneren Zusammenhang</em> als ein <em class="gesperrt">System von Ursachen +und Wirkungen</em> auffassen. Wir nehmen an, +da jede Erscheinung eine Ursache hat und da die +gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. +Dieses Kausalittsverhltnis nehmen wir aber nicht unmittelbar +wahr; was wir wahrnehmen, ist vielmehr nur, +<em class="gesperrt">da die Erscheinung <span class="antiqua">b</span> regelmig eingetreten +ist, wenn die Erscheinung <span class="antiqua">a</span> eintrat</em>. Da <span class="antiqua">a</span> die +Ursache von <span class="antiqua">b</span> ist, das ist eine Annahme, die wir selbst +hinzubringen und die durch die regelmige Aufeinanderfolge +von <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">b</span> nur veranlat ist. Inwieweit diese +Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu untersuchen. +Die Psychologie kann nur feststellen, da der erkennende +Geist die Eigentmlichkeit hat, den Zusammenhang +der Erscheinungen nach diesem Kausalittsgesetz zu +deuten.</p> + + +<h3>2. Das Fhlen.</h3> + +<h3><a name="Par_15" id="Par_15"></a> 15. Wesen und Arten des Gefhls.</h3> + +<p>Die Gefhle sind <em class="gesperrt">Zustnde von Lust und Unlust</em>; +sie unterscheiden sich dadurch von den <em class="gesperrt">Empfindungen</em> +und <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, die fr sich allein uns <em class="gesperrt">gleichgltig</em> +wren. Der Unterschied zwischen Gefhl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, da bei demselben +ueren Reiz die Tastempfindungen dem Schmerzgefhl +vorangehen, so bei der Berhrung eines heien +Ofens. Auch entsteht das Gefhl langsamer als die +Vorstellung, der es entspricht. Wir knnen schneller +von der Vorstellung eines Glcks zu der eines Unglcks +bergehen, als von dem Gefhl eines Glckes zu dem<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> +eines Unglcks. Es ist daher anzunehmen, da das Gefhl +die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch +nimmt, als Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit +aber sind die Empfindungen und Vorstellungen immer +mit Gefhlen der Lust oder Unlust verknpft, sie haben +einen sogenannten „Gefhlston”, und darin besteht das +<em class="gesperrt">Interesse</em>, das wir an ihnen nehmen, und der <em class="gesperrt">Wert</em> +oder <em class="gesperrt">Unwert</em>, den wir ihnen beilegen.</p> + +<p>Es gibt <em class="gesperrt">unendlich viele verschiedene Arten +der Lust und Unlust</em>. Die Gefhle unterscheiden sich +nicht blo quantitativ durch ein Mehr oder Weniger von +Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefhle der Lust, die sich fr uns an den Genu +einer schmackhaften Speise, an die Vollfhrung einer +guten Tat und an die Betrachtung eines schnen Gemldes +knpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann +will, smtliche Lust- und Unlustgefhle der Menschen +je zu einer Gesamtsumme addieren, um durch die Vergleichung +beider zu dem Schlu zu kommen, da die +Unlustsumme in der Welt grer sei als die Lustsumme, +und da fr die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei +als Sein. (Pessimismus.)</p> + +<p>Die Eigentmlichkeit der Gefhle lt sich nur erleben, +nicht nher beschreiben; doch werden diejenigen +einander hnlich sein, die sich an hnliche Zustnde oder +Vorgnge knpfen. So knnen wir die Gefhle nach +ihrer Herkunft einteilen in <em class="gesperrt">krperliche Gefhle</em>, +die von krperlichen Zustnden, und <em class="gesperrt">geistige Gefhle</em>, +die von geistigen Zustnden herrhren. Unter den +letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen Gefhle, +die auf unser <em class="gesperrt">individuelles Wohl und Wehe</em> sich +beziehen — Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefhl, auch die +geselligen Gefhle, Liebe und Ha, solange sie nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> +durch sittliche Anschauungen gelutert sind — unterscheiden +von den hheren geistigen Gefhlen, die an +<em class="gesperrt">allgemein gltige geistige Gter der Menschheit</em> +sich knpfen: die intellektuellen, sthetischen, sittlichen und +religisen Gefhle.</p> + + +<h3><a name="Par_16" id="Par_16"></a> 16. Die krperlichen Gefhle.</h3> + +<p>Die krperlichen Gefhle schlieen sich unmittelbar an +die <em class="gesperrt">Empfindungen</em> an und sind nach <em class="gesperrt">Art</em> und <em class="gesperrt">Strke</em> +von ihnen abhngig. Jede Empfindung hat ihren eigentmlichen +Gefhlston, der dieselbe zu einer „angenehmen” +oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur fr mittlere Strkegrade der Empfindung. +Lt man einen Ton zu bergroer Strke anwachsen, +nimmt die angenehme Wrme allzusehr zu, wird das +Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden +sich mit dem ursprnglich angenehmen Eindruck Unlustgefhle. +Andererseits kann ein an sich unangenehmer +Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer Geschmack, bei +geringer Intensitt als angenehm empfunden werden.</p> + +<p>Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so +ist das krperliche Gefhl um <em class="gesperrt">so strker</em>, <em class="gesperrt">je weniger +Wert fr die Erkenntnis</em> die Reize haben, von denen +es ausgeht. Die strksten krperlichen Unlustgefhle, <em class="gesperrt">die +eigentlichen Schmerzen</em>, finden sich bei inneren Vorgngen +im Krper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden +Reize gar nicht oder nur in geringem Mae stattfindet. +<em class="gesperrt">Geschmack und Geruch</em> sind auch noch mit +deutlichen Gefhlen der Lust und Unlust verbunden, +geben aber nur einen unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis +der Gegenstnde, durch die sie vermittelt sind. <em class="gesperrt">Gesichts- +und Gehrempfindungen</em> aber, welche fr +die Erkenntnis der Auenwelt am wichtigsten sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> +scheinen oft ganz ohne begleitende Gefhle aufzutreten +und lassen immer nur schwer eine Bestimmung der besonderen +mit ihnen verknpften Gefhle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hren von Tnen und noch +mehr beim Sehen von Farben so im Vordergrund, da +der „Gefhlston” nur bei besonderer Aufmerksamkeit zum +Bewutsein kommt. Dieses Verhltnis von Erkenntniswert +und Gefhlsstrke ist wichtig, weil so die fr das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Strungen +durch starke Gefhle am wenigsten ausgesetzt ist.</p> + + +<h3><a name="Par_17" id="Par_17"></a> 17. Die geistigen Gefhle.</h3> + +<p>Auch die geistigen Gefhle sind vielfach durch krperliche +Zustnde, durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; +aber sie sind von diesen selbst nicht unmittelbar abhngig, +sondern von den Vorstellungen, die dadurch hervorgerufen +werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem krperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres +Krpers verursacht, und dem geistigen Unlustgefhl, das +durch ein beleidigendes Wort hervorgerufen wird.</p> + +<p><em class="gesperrt">Intellektuelle</em> Gefhle entstehen aus dem inneren +Verhltnis der Vorstellungen. Wenn der Verlauf des +geistigen Lebens zur Herstellung von Einheit und Zusammenhang +unter den Vorstellungen fhrt, so entstehen +Gefhle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den +Zusammenhang einer Erscheinungsgruppe enthllt. Andrerseits +ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, Widerspruch auf +dem Gebiete des Denkens Unlust verknpft. Die <em class="gesperrt">sthetischen</em> +Gefhle entstehen bei der Wahrnehmung des +<em class="gesperrt">Schnen</em>. Sie sind vielleicht daraus zu erklren, da +ein ursprngliches Bedrfnis des menschlichen Geisteslebens, +die „Einheit in der Mannigfaltigkeit” (s. <a href="#Seite_18">S. 18</a>) +durch die Harmonie der Form, in der beim Schnen<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> +irgend ein Bruchstck der Welt und des Menschenlebens +uns erscheint, in der vollkommensten Weise befriedigt +wird. Mit dem sthetischen Gefhl hngt zusammen der +<em class="gesperrt">Geschmack</em>, d. h. die Empfnglichkeit fr sthetische Eindrcke, +verbunden mit der Fhigkeit, sie richtig zu beurteilen, +das Schne vom Hlichen zu unterscheiden, und +die <em class="gesperrt">Phantasie</em>, d. h. die Fhigkeit, schne Formen hervorzubringen, +im Unterschied von der <em class="gesperrt">Einbildungskraft</em>, +dem Vermgen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen berhaupt. Wir schreiben +dem Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer +Landschaft, die ihm geschildert wird, mit Hilfe seines +eigenen Vorrats an Vorstellungen sich ein anschauliches +Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen sthetisches +Gefhl sogleich dabei rege wird und so den Worten der +Schilderung folgend dem Landschaftsbild eine schne Form +gibt, es gleichsam zum Gemlde gestaltet. Die knstlerische +Phantasie ist davon nur dem Grade nach verschieden. +Das <em class="gesperrt">sittliche Gefhl</em> ist an die Vorstellung +gewisser Handlungen geknpft; je nachdem es ein Gefhl +der Lust oder Unlust ist, werden die Handlungen als +gute oder bse beurteilt. Aus den uerungen des sittlichen +Gefhls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundstze +des Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu +befolgen, d. h. der Charakter (s. <a href="#Seite_63">S. 63</a>). Der Begriff +des <em class="gesperrt">Gewissens</em> umfat ebenso die ersten Regungen des +sittlichen Gefhls (primres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundres Gewissen). +Das <em class="gesperrt">religise</em> Gefhl ist mit der Vorstellung +der Beziehung zu Gott oder zu Gttern verbunden. Auf +der hheren Stufe verbindet es sich stets mit dem sittlichen +Gefhl; die Mchte, von denen der Mensch sich +abhngig fhlt, werden zu Trgern sittlicher Ideale.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_18" id="Par_18"></a> 18. Unterschiede des Gefhls nach Strke und Dauer.</h3> + +<p>Aus irgend einem Anla kann das Gefhl pltzlich +so stark auftreten, da es die berlegung des Verstandes +vollstndig zurckdrngt und den Willen beherrscht; dieser +pltzliche Ausbruch des Gefhls ist der <em class="gesperrt">Affekt</em>, z. B. der +Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefhl lngere Zeit in +einer bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur +<em class="gesperrt">Leidenschaft</em>, bestndig bereit, den Willen sich vllig zu +unterwerfen. Zu unterscheiden sind davon die <em class="gesperrt">Gesinnungen</em>, +z. B. Vaterlandsliebe, Frmmigkeit. Hier +hat sich ein bestimmtes Gefhl ein fr allemal mit gewissen +Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von +Schwankungen frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber +von der Leidenschaft durch grere Dauer und eine gewisse +Gleichmigkeit, mit welcher sie ihren Einflu auf +den Willen geltend machen. Das Vermgen der Gesinnungen +ist das <em class="gesperrt">Gemt</em>.</p> + + +<h3><a name="Par_19" id="Par_19"></a> 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefhle.</h3> + +<p>Die Gefhle knpfen sich nicht selbstndig aneinander, +sondern schlieen sich in ihrem Verlaufe in der Regel an +die Vorstellungen an, nur da die Gefhle langsamer +wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefhl +auch ber eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen +hinaus fortdauert. Auch die Erinnerung der Gefhle +wird durch die entsprechende Vorstellung vermittelt. Will +ich etwa zum Verstndnis der Gefhle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus frherer +Zeit in derselben Lage zurckrufen, so kann ich es nur +durch lebhafte Vorstellung der betreffenden Umstnde.</p> + +<p>Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefhle ein Gesetz, +das auch fr den Vorstellungsverlauf gilt, in viel<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> +strkerem Mae: das <em class="gesperrt">Gesetz der Beziehung</em>. Das +Gefhl ist <em class="gesperrt">etwas in hohem Grade Relatives</em>. Jedes +Gefhl ist davon abhngig, <em class="gesperrt">was fr ein anderes +vorangegangen ist</em>. Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe +Situation kann daher zu verschiedenen Zeiten in uns +ganz verschiedene Gefhle hervorrufen. Das Gefhl der +Lust ist strker, wenn es auf den Schmerz folgt, als +wenn es in einem Zustand der Gleichgltigkeit entsteht; +das Gefhl der Genesung ist mchtiger, als das der +Gesundheit. Treten die Gefhle im berma auf, so +knnen sie in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche +Nervensystem ertrgt nur ein beschrnktes Ma von Lust +und Schmerz.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wiederholt</em> sich das Gefhl, so wird es gewhnlich +<em class="gesperrt">abgestumpft</em>. Der hufige Genu derselben schmackhaften +Speise kann sogar zum Ekel werden. Der oft +wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Strke, er erzeugt +Abhrtung. Doch gilt dies nur fr solche Gefhle, +die keine Vertiefung in einen geistigen Inhalt, sondern +blo passive Hingabe an einen Eindruck mit sich fhren, +dagegen trgt bei den hheren Gefhlen die wiederholte +bung zur <em class="gesperrt">Verstrkung</em> bei. Das Anhren eines +klassischen Musikstcks kann bei jeder Wiederholung +hheren Genu gewhren, indem die Phantasie jedesmal +leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des Tonstcks +eindringt.</p> + +<p>Gleichzeitige Gefhle hnlicher Art <em class="gesperrt">verschmelzen</em> sich +zu einem <em class="gesperrt">Totalgefhl</em>, in das sie als <em class="gesperrt">Partialgefhle</em> +eingehen. Bei smtlichen hheren geistigen Gefhlen finden +solche Verschmelzungen statt. So setzt sich z. B. die +sthetische Gefhlswirkung eines historischen Gemldes aus +Partialgefhlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, +aus der Sympathie mit den dargestellten Personen, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> +der Vorstellung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses +stammen.</p> + +<p>Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefhle, welche +eine gewisse Selbstndigkeit bewahren, redet man dagegen +von „<em class="gesperrt">gemischten Gefhlen</em>”. So entsteht das Gefhl +der Wehmut aus einer Mischung von Trauer ber das +Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.</p> + + +<h3><a name="Par_20" id="Par_20"></a> 20. Das Lebensgefhl und die Stimmung.</h3> + +<p>Ein fr sich dastehendes Beispiel der Mischung der +Gefhle ist das sogenannte „<em class="gesperrt">Lebens</em>”- oder „<em class="gesperrt">Gemeingefhl</em>”. +In jedem Augenblick unsres Lebens zeigt sich +unser krperliches Allgemeinbefinden durch ein allgemeines +Gefhl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknpften +Gefhlen entsteht und sich auch dadurch von +den einzelnen krperlichen Gefhlen unterscheidet, da es +sich nicht auf einen bestimmten Ort des Krpers beziehen, +nicht „lokalisieren” lt.</p> + +<p>Der Beitrag, den die krperlichen Zustnde zu dem +Lebensgefhl liefern, setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen +zusammen. Dazu gehren:</p> + +<p>1. Eine groe Anzahl von Gefhlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, +die zu <em class="gesperrt">unbedeutend</em> sind, um als besondere +zum Bewutsein zu kommen.</p> + +<p>2. Gefhle, die sich an <em class="gesperrt">Zustnde einzelner Krperteile</em> +knpfen, aber auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, +z. B. Zahnschmerz.</p> + +<p>3. Gefhle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen +Verteilung im Krper und ihrer <em class="gesperrt">allgemeinen +Bedeutung</em> fr den Fortgang des Lebens gewhnlich +berhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustnde, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> +oder freier Gang des Atemholens, normaler oder abnormer +Verlauf des Verdauungsprozesses sind daher auch +die wichtigsten Faktoren fr das Gemeingefhl. Das +Lebensgefhl bildet einen Bestandteil der „<em class="gesperrt">Stimmung</em>”, +die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen Gefhlsstandes +darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung +kann ebensowohl die Erleichterung des Atmens durch gute +Luft und das dadurch erhhte Lebensgefhl als der +Genu eines edlen Kunstwerks beitragen.</p> + +<p>Noch weniger als die einzelnen Gefhle lassen die +Lebensgefhle und die Stimmungen eine Beschreibung zu. +Es knnen nur einige allgemeine Ausdrcke angefhrt +werden, die sich im Sprachgebrauch dafr ausgebildet +haben. Man spricht von einer <em class="gesperrt">reizbaren</em>, <em class="gesperrt">apathischen</em>, +<em class="gesperrt">gehobenen</em> Stimmung. In den Gegenstzen der <em class="gesperrt">Kraft</em> +und der <em class="gesperrt">Mattigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Freiheit</em> und der <em class="gesperrt">Beklommenheit</em>, +der <em class="gesperrt">Hoffnung</em> und der <em class="gesperrt">Furcht</em> bewegen +sich Stimmung und Lebensgefhl.</p> + +<p>Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden +Schattierungen des „Lebensgefhls” und der Stimmung +<em class="gesperrt">fr die Erinnerung</em>, fr die Festhaltung von Vorstellungen, +durch die es in besonderer Weise verndert +wurde. Wir erinnern uns einer frheren Situation dann +mit auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Frbung +unserer Stimmung damit verbunden war, und zwar dadurch, +da wir uns in die damalige Stimmung wieder +hineinfhlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so sind +meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem +Gedchtnis entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer +schweren Krankheit wegen des krankhaft vernderten Lebensgefhls. +Umgekehrt sind wir geneigt, ungleiche Situationen +miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die gleiche +Stimmung erwecken, daher wohl auch die hufige Meinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> +in einer Situation, in der man zum erstenmal ist, frher +schon einmal gewesen zu sein.</p> + + +<h3><a name="Par_21" id="Par_21"></a> 21. Die Temperamente.</h3> + +<p>Die <em class="gesperrt">Temperamente</em> sind eine Art angeborener +Stimmung, vorwiegender Empfnglichkeit fr bestimmte +Gefhle und dadurch bedingter Eigenschaften des Willens, +durch welche die Art und Weise bestimmt wird, wie Eindrcke +der Auenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Vernderungen der Stimmung und +des Lebensgefhles bewegen sich bei jedem Individuum +innerhalb bestimmter Grenzen, die von der krperlichen +und geistigen Anlage abhngen. Solcher Temperamente +gibt es eigentlich <em class="gesperrt">so viele, als es Individuen gibt</em>. +Doch wurden mit Recht schon im Altertum von Galenus +vier Hauptformen der Temperamente herausgehoben, innerhalb +deren sich die feineren Unterschiede bewegen: das +sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser +Ausdrcke zwischen <em class="gesperrt">Temperamenten des Gefhls</em>: +dem leichtbltigen (sanguinischen) und schwerbltigen (melancholischen), +und <em class="gesperrt">Temperamenten der Ttigkeit</em>: dem +warmbltigen (cholerischen) und kaltbltigen (phlegmatischen).</p> + +<p>Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die +Bewegung der geistigen Vorgnge, sofern sie vom Gefhlsleben +abhngig ist. Nach der gewhnlichen Auffassung +sind die Merkmale des <em class="gesperrt">sanguinischen</em> Temperaments: +lebhafte Empfnglichkeit fr alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrcke und ohne krftige +Rckwirkung, daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns +und Bestndigkeit der Gesinnungen; des <em class="gesperrt">phlegmatischen</em>: +geringere Erregbarkeit fr uere Reize, Neigung zu geduldiger +Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmigem<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des +<em class="gesperrt">cholerischen</em>: starke Erregbarkeit in einer bestimmten +Richtung und groe Energie der Rckwirkung, daher oft +Konsequenz des Charakters; des <em class="gesperrt">melancholischen</em>: groe +Empfnglichkeit fr Gefhle, besonders fr die hheren, +aber Neigung zum Verweilen in diesem Gefhlsleben +ohne praktische Tatkraft zur Verfolgung der damit verbundenen +Ziele.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em> leitet die Vierteilung aus zwei Gegenstzen +in der Art der Gemtsbewegungen ab: Strke und Schwche, +Schnelligkeit und Langsamkeit, und gibt darnach folgende +Tafel der Temperamente:</p> + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Tafel der Temperamente"> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><em class="gesperrt">Starke:</em></td><td align="left"><em class="gesperrt">Schwache:</em></td></tr> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Schnelle</em></td><td align="left"></td><td align="left">cholerisch</td><td align="left">sanguinisch</td></tr> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Langsame</em></td><td align="left"> </td><td align="left">melancholisch </td><td align="left">phlegmatisch.</td></tr> +</table></div> + +<p>Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten +rein ausgeprgt, und es ist die Aufgabe eines normalen +Geisteslebens, ihre Einseitigkeit zu vermeiden.</p> + +<p>Man knnte auch von Temperamenten der einzelnen +Rassen, Vlker, Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist +ein anderer Gegensatz in jener Vierteilung nicht deutlich +genug vertreten, der auch eine Art angeborener Eigentmlichkeit +des Gefhlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen <em class="gesperrt">optimistischer</em> und <em class="gesperrt">pessimistischer</em> Weltanschauung, +zwischen der vorwiegenden Empfnglichkeit fr +Lust und der fr Unlust.</p> + + +<h3><a name="Par_22" id="Par_22"></a> 22. Selbstgefhl und Mitgefhl.</h3> + +<p>Besondere Bedeutung hat das Gefhl fr das Selbstbewutsein. +Wir machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis +ein Bild von uns selbst, bei welchem zunchst der +Krper im Vordergrund steht und spter auch der Geist +in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> +wird. Mit „Ich” bezeichnen wir die <em class="gesperrt">beharrliche Einheit</em> +aller wechselnden Zustnde dieses Gesamtbildes; zugleich +aber sprechen wir damit aus, da wir alle diese +inneren Vorgnge und die Bewegungen des Krpers, die +von ihnen abhngen, als <em class="gesperrt">unsere eigenen</em> erkennen. Der +tiefste Grund fr diese Unterscheidung unseres „Ich” von +andern liegt im „<em class="gesperrt">Selbstgefhl</em>”. Die ganze Vorstellungswelt, +die wir in der formalen Einheit unseres +Ich zusammenfassen und wahrnehmen, knnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit +verbinden, zweifellos und unmittelbar als Zustnde +unseres eigenen Selbst im Unterschied von andern erleben +wrden. Erst allmhlich entwickelt sich auf Grund dieses +Selbstgefhls, das von der Erkenntnis unabhngig ist, +das <em class="gesperrt">Selbstbewutsein</em>, indem das „Ich” lernt, sich +denkend von seinen Zustnden zu unterscheiden. Im <em class="gesperrt">Mitgefhl</em> +erweitert sich dann wieder dieses Ich zur inneren +Teilnahme an dem, was andere fhlen.</p> + + +<h3><a name="Par_23" id="Par_23"></a> 23. Die Bedeutung der Gefhle.</h3> + +<p>Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die +Gefhle fr das menschliche Dasein berhaupt haben. Eine +naheliegende, aber vielfach auch sich besttigende Antwort +auf diese Frage ist, da <em class="gesperrt">Lust eine Frderung</em> und +<em class="gesperrt">Unlust eine Hemmung</em> des krperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Gre des Schmerzes steigt im allgemeinen +mit der Gre der Strung, die im Organismus +stattfindet. Der Geschmack zeigt als Lust- oder Unlustgefhl +an, ob frdernde oder hemmende Stoffe dem Krper +zur Nahrung zugefhrt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunchst die +Lebensfunktion, indem sie mit einem Teile ihrer Eigenschaften +auf die Geschmacksnerven wirken; erst bei ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> +weiteren Verbreitung im Krper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt fr die <em class="gesperrt">geistigen +Gefhle</em>. Auch ein schdlicher geistiger Genu zeigt +richtig die Frderung des geistigen Lebens an irgend einem +Punkte an. Abzuwgen, inwieweit die daraus folgende +Hemmung die augenblickliche Frderung berwiegt, ist nicht +Sache des Gefhls, sondern des Denkens, zugleich die +wichtigste Aufgabe der Lebensklugheit.</p> + +<p>Im ganzen aber fhrt diese Auffassung zu einem <em class="gesperrt">Verstndnis +der umfassenden Bedeutung des Gefhls</em>, +deren nhere Darlegung in Beziehung auf den Zusammenhang +der Welt brigens in die Metaphysik gehrt. Auf +dem Gefhl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt +des Lebens. Die theoretische Einsicht in das, was ntzlich +und schdlich ist, reicht nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung +zu bewahren. Keine noch so vollendete Ausbildung +des Verstandes knnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Gter bringen, wenn nicht ein Genu hherer +Art damit verbunden wre. In den meisten Fllen ist +vielmehr jene Einsicht gar nicht vorhanden. Der Mensch +vermeidet z. B. den Genu belriechender Speisen fr +gewhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schdlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefhle, die schon der +Gedanke daran ihm verursacht. Wenn dem Mrder vor +der Tat das Gewissen schlgt, so geschieht es nicht, weil +er die Gefahr solcher Grundstze fr die Existenz der +Gesellschaft sich berlegt hat, sondern er <em class="gesperrt">fhlt unmittelbar</em> +die Qual des Gewissens als ein mchtiges +Unlustgefhl.</p> + +<p>So wird also der Mensch durch die Lust, die er +sucht, und die Unlust, die er vermeidet, so geleitet, da +die Erhaltung und Vervollkommnung des einzelnen, wie +des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> +der Religion aus gesehen wre das Gefhl das Hauptmittel +in der Hand der Vorsehung, die Entwickelung der +Menschheit zu lenken. Gefhle wren es, die eine Welt +von Motiven fr die Geschichte bilden, und Gefhle edler +Art wrden jene Ideale der Menschheit (s. <a href="#Par_1"> 1</a>) ihrer +Verwirklichung entgegenfhren.</p> + + + + +<hr class="chap" /> +<h2>3. Das Wollen.</h2> + +<h3><a name="Par_24" id="Par_24"></a> 24. Die unwillkrlichen Bewegungen.</h3> + + +<p>Das Wollen ist wie das Fhlen ein <em class="gesperrt">einfacher und +ursprnglicher Akt des Geisteslebens</em>, der sich nicht +nher beschreiben, aber doch in seinen uerungen verfolgen +lt. Der eigentliche Willensakt veranlat immer +eine Vernderung entweder in der Auenwelt oder in +der Innenwelt des Wollenden. Das Mittel, eine Vernderung +der ersteren Art zustande zu bringen, ist die +Bewegung des eigenen Krpers. An dieser nchstliegenden +Vernderung, die durch den Willen hervorgebracht +wird, lassen sich daher auch die verschiedenen +Stufen des Willens am besten beobachten. Zum eigentlichen +Wollen gehrt die Vorstellung von einem Zweck, +der erreicht werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch +die er erreicht werden soll. Dies ist aber erst das +Resultat einer lngeren Entwickelung.</p> + +<p>Der Mensch wrde nie zu Bewegungen gelangen, +wenn er nicht zuerst Bewegungen ausfhren wrde, die +er <em class="gesperrt">nicht gewollt</em> hat. Schon die vom Stoffwechsel ausgehenden +Nervenerregungen mssen zu <em class="gesperrt">unwillkrlichen +Bewegungen</em> fhren; denn die angesammelte Spannkraft +mu einen Ausweg in Bewegungen finden. Beispiele +dafr gehen auch noch neben dem bewuten Wollen her,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> +wenn beim Schmerz die Zhne zusammengebissen werden, +oder eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser +Bewegung sich kundgibt. So gelangt das Kind, +indem es seine eigenen automatischen Bewegungen, z. B. +die seiner Stimmorgane oder seiner Hnde, wahrnimmt, +allmhlich zu der Erfahrung, da sie von ihm selber +beeinflut werden knnen.</p> + +<p>Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. +Solche <em class="gesperrt">unwillkrliche Bewegungen</em> geschehen auch +<em class="gesperrt">auf Veranlassung eines Reizes hin</em>. Wenn dem +Auge ein Sto droht, so schlieen sich die Augenlider; +wenn ein fremder Krper in die Luftrhre gert, so tritt +Husten ein, ohne da eine besondere Willenskraft zu +dieser Bewegung ntig ist. Die sensiblen Nerven leiten +die Nachricht von der eingetretenen Gefahr bis zu den +Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber ohne Zutun +der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und fhrt +so zu jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr +zweckmig begegnet. Da diese sogenannten <em class="gesperrt">Reflexbewegungen</em> +ein von jeder Art der berlegung unabhngiger +Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, da +sie auch bei Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden +werden. Ein enthaupteter Frosch wischt den Tropfen +Sure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fue +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, +da er zwar noch die Fhigkeit zur Reflexbewegung, +aber nicht die zu selbstndiger Bewegung hat. Bei dem +Menschen lt sich der Unterschied zwischen Reflex- und +willkrlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen ber +die sogenannte „<em class="gesperrt">physiologische Zeit</em>” nachweisen, d. h. +die Zeit, welche zwischen dem Auffassen und Erwidern +eines Reizes, z. B. zwischen einer Gesichtsempfindung und +der Reaktion auf dieselbe verfliet und durchschnittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> +etwa ⅕ Sekunde betrgt. Es zeigt sich nmlich, da +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der +willkrlichen Bewegung, da also zwischen der Zuleitung +des Reizes durch die sensiblen Nerven und der Weiterleitung +des Befehls zur Bewegung durch die motorischen +eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur Willensentscheidung +verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch +den elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung +verluft weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, +die den Beginn der Bewegung eines Sekundenzeigers +meldet, und dem Druck des Fingers, der durch +Schlieung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder +zum Stehen bringt.</p> + +<p>Die Reflexbewegungen knnen auch <em class="gesperrt">gehemmt</em> werden, +indem die sensiblen Nerven gleichzeitig von anderer Seite +her Einwirkungen erfahren oder der bewute Wille dazwischen +tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei groem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung +des Schluckens oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” +verhindert wird. Die Reflexbewegungen +haben ihren Sitz hauptschlich im <em class="gesperrt">Rckenmark</em>. Sie +werden vom groen Gehirn aus, dem Organ der selbstndigen +Bewegung, mit fortschreitender Bildung immer +mehr eingeschrnkt. Die <em class="gesperrt">Selbstbeherrschung</em> besteht +zum groen Teil aus solchen <em class="gesperrt">Reflexhemmungen</em>.</p> + +<p>Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich +die des <em class="gesperrt">Instinkts</em> dadurch, da sie ein zusammengesetztes +System von Mitteln zur Erreichung eines entfernteren +Zweckes darstellen. Aber auch sie gehen ohne Kenntnis +dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine Vorstellung +von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von +ihrer Wachszelle, sondern sie werden von dunklen krperlichen +Gefhlen dabei geleitet, die als angeborene und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> +sich vererbende Eigentmlichkeiten ihrer Gattung angesehen +werden mssen.</p> + +<p>Hierher gehrt noch eine Reihe von Bewegungen, +die auch ohne eigentlichen Willensakt zustande kommen, +aber nicht auf Grund einer zweckmigen Einrichtung der +Natur, sondern nur durch die <em class="gesperrt">Vorstellung</em> der Bewegung +selbst: die <em class="gesperrt">Nachahmungsbewegung</em>. Eine Bewegung, +deren Bild sich aufdrngt, wird oft unwillkrlich nachgeahmt. +Die Ste eines Fechters, die Leistungen eines +Clowns werden von ungebildeten Zuschauern unter Begleitung +von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die +Lesung einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher +Bewegung fhren, ohne da der Wille mitwirkt. Noch +hufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt sich die +Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Krperhaltung +gehren und die oft nachgeahmt werden, whrend +die Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt ist. Doch +tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung infolge der +Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablsung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr +zurck.</p> + +<h3><a name="Par_25" id="Par_25"></a> 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.</h3> + +<p>Mit dem <em class="gesperrt">Trieb</em> kommen wir dem eigentlichen Wollen +um einen Schritt nher. Je weiter die Entwickelung des +Geisteslebens fortschreitet, desto enger wird die Verbindung +zwischen seinen einzelnen Elementen. So unterscheidet sich +der Trieb vom Instinkt dadurch, da dabei eine mehr +oder weniger <em class="gesperrt">klare Vorstellung</em> dessen <em class="gesperrt">mitwirkt</em>, was +als Quelle der Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so +stark, da er den Menschen ganz erfllt und Denken und +Wollen beherrscht, so geht er in die <em class="gesperrt">Begierde</em> ber. +Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem zuknftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> +Gefhl der Lust, welche die Befriedigung des +Triebes gewhren wird, und den Bewegungen, die dadurch +verursacht werden, zwischen dem Zweck und den Mitteln +zu seiner Erreichung. Der Instinkt leitet nur durch die +augenblicklichen Gefhle, welche die Bewegung begleiten, +der Trieb durch die <em class="gesperrt">Vorstellung eines Zieles</em>, mit +welchem das Gefhl verbunden sein wird. So unterscheidet +sich z. B. die Kunstfertigkeit der Ameise und der +Gestaltungstrieb des Knstlers. Das Gefhl der Lust, +das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also der +Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das <em class="gesperrt">Motiv</em>.</p> + +<p>Wird dieses Gefhl nicht sogleich zum Motiv, also +auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung, +so erscheint es als <em class="gesperrt">Wunsch</em>. Treten mehrere Objekte +nebeneinander auf, so da das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das +Denken nicht mehr blo fr die Wahl der richtigen Mittel +in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefhlswert +der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung, +welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt fat den <em class="gesperrt">Vorsatz</em>, ein +bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus +augenblicklicher Gemtsbewegung entspringen, ohne da +das ganze Innere des Menschen, sein eigentmlicher +Charakter, alle seine Gefhle und Vorstellungen mitgewirkt +haben. Die Entscheidung ist deshalb zunchst eine <em class="gesperrt">oberflchliche</em> +und kann, wenn sich jene Faktoren nachher +geltend machen, wieder umgestoen werden: „der Weg zur +Hlle ist mit guten Vorstzen gepflastert.” Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer +allseitigen berlegung, indem der Handelnde seine ganze +Persnlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der +<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span><em class="gesperrt">Entschlu</em>. Dieser ist die hchste Form des Willens, +der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem +nhern, desto wichtiger mu jener Zeitunterschied zwischen +dem Gedanken und der Ausfhrung des Gedankens werden, +den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je +mehr andere Motive und die Erwgung ihres Wertes +Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die +Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen +Motivs zu Gunsten der berlegung entrckt. Der Unterschied +zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens +ist freilich ein flieender und der Sprachgebrauch hufig +ungenau, aber er ist wichtig fr die sittliche und fr die +strafrechtliche Beurteilung.</p> + +<p><em class="gesperrt">Was fr ein geistiger Vorgang</em> der Willensakt +ist, wie es geschieht, da dasselbe, was vorher nur ein +Wunsch, nur eine Mglichkeit war, nun auf einmal als +etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizufhren ist, lt sich nicht nher auseinandersetzen, +sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewutsein +davon, wie nun der Willensakt in Bewegung bergeht, +wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven +die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen <em class="gesperrt">inneren +Zustand</em> nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein +Gefhl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und +den eigentmlichen Vorgang, der den Befehl enthlt, diese +Bewegung ins Werk zu setzen. Das brige entzieht sich +unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung +tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmiger +Weise mit dem inneren Zustand verknpft, jedoch ohne +da die Zwischenglieder uns zum Bewutsein kommen.</p> + + +<h3><a name="Par_26" id="Par_26"></a> 26. Die Freiheit des Willens.</h3> + +<p>Da der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo +<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>er einen Entschlu fat, <em class="gesperrt">frei</em> sei, d. h. da er in demselben +Augenblick auch einen andern Entschlu fassen knnte, +wird berall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem +<em class="gesperrt">Indeterminismus</em>, der auch wissenschaftlich vertreten +wurde, steht der <em class="gesperrt">Determinismus</em> gegenber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie +kann diese Frage fr sich allein nicht entscheiden, die Ethik +hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung +des sittlichen Bewutseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang +der Welt denkbar ist. Ganz auerhalb des +Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom +Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Fr und Wider +etwa Folgendes:</p> + +<p>1. Der <em class="gesperrt">Determinismus</em> erklrt, durch die Behauptung +der Freiheit des Willens sei das <em class="gesperrt">Gesetz der +Kausalitt</em>, da alles eine Ursache haben msse, und +damit der Zusammenhang des Bewutseinslebens <em class="gesperrt">aufgehoben</em>. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, +die ausnahmslose Gltigkeit des naturwissenschaftlichen +Kausalgesetzes sei fr die geistige Welt weder erwiesen, +noch willkrlich anzunehmen.</p> + +<p>2. Der <em class="gesperrt">Indeterminismus</em> weist auf gewisse <em class="gesperrt">psychologische +Tatsachen</em> hin: auf das Bewutsein der Freiheit +und Verantwortlichkeit, auf das Gefhl der Reue, die +nur erklrbar seien unter der Voraussetzung, da man +wirklich in derselben Lage anders handeln knnte, als man +gehandelt hat. Der Determinismus erklrt diese Tatsachen +daraus, da das handelnde Individuum seine eigene +Charaktereigentmlichkeit nicht in Rechnung bringt und so +die, von uerem Zwang allerdings unabhngige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in +einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie +ansieht. In der Erinnerung an eine bse Tat ergebe sich<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> +dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem +Wunsche, anders gehandelt zu haben.</p> + + +<h3><a name="Par_27" id="Par_27"></a> 27. Die Ausdrucksbewegungen.</h3> + +<p>Es gibt Bewegungen, deren Eigentmlichkeit darin +besteht, da sie einen innern Zustand <em class="gesperrt">ausdrcken</em>, da +sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie +sind keine besondere Art neben den unwillkrlichen und +willkrlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, +aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle +Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der +Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur +durch Ausdrucksbewegungen mglich ist. Soweit diese in +uerlich sichtbaren Krperbewegungen bestehen, werden sie +auch <em class="gesperrt">Gebrden</em> genannt.</p> + +<p>Man kann <em class="gesperrt">dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen</em> +unterscheiden, die aber hufig zusammenwirken:</p> + +<p>1. Bewegungen, die nur die starke <em class="gesperrt">Erregung des +Gefhls unmittelbar zum Ausdruck bringen</em>. Sie +wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwhnt als ein +Mittel, die groe innere Spannung nach auen zu leiten. +Hierher gehrt das Erblassen und Errten, Lhmung und +Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das +<em class="gesperrt">Lachen</em> ist der Ausdruck krperlichen und geistigen Wohlbehagens, +des letzteren besonders, sofern es durch starke +Gegenstze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. +hnlich beruht der Witz auf der „pltzlichen Verwandlung +einer gespannten Erwartung in Nichts” (Kant). Die Ursache +dieser Vorgnge ist vielleicht die, da ein Grundbedrfnis +des Geistes, die Bewegung durch Gegenstze<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> +hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt +wird. Das Lachen besteht in einem stoweisen Ausatmen, +das durch Einatmung unterbrochen ist. Das <em class="gesperrt">Weinen</em> ist +der Ausdruck geistigen oder krperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die +Trnendrsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von +Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2 +zu erklren sind.</p> + +<p>2. Bewegungen, welche die Gefhle mit Hilfe der +<em class="gesperrt">Assoziation hnlicher Empfindungen</em> ausdrcken. +So werden z. B. diejenigen Gefhle, welche der Sprachgebrauch +als bitter, herb, s bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrckt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind.</p> + +<p>3. Bewegungen, die zum <em class="gesperrt">Ausdruck von Vorstellungen</em> +und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck +von Gefhlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die +Rede ist, mit der Hand <em class="gesperrt">hinweisen</em>. Hufiger mglich +ist die <em class="gesperrt">Nachbildung</em> des betreffenden Gegenstandes oder +seiner Merkmale durch malende Gebrden. So sucht der +Erzhler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefhl ausgedrckt werden, +z. B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung +eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen +den Beleidiger ausgedrckt wird.</p> + +<p>Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen berhaupt +ist aber die <em class="gesperrt">Sprache</em>, wo Vorstellungen durch +Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen +und gehrten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden +in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen +verwendet. Ursprnglich war die Sprache<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> +wohl eine unwillkrliche, von Gebrden begleitete uerung +des Sprachorgans, <em class="gesperrt">die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstnde +machten</em>, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut +und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf +die von den Vertretern der sogenannten <em class="gesperrt">onomatopotischen +Theorie</em> der Ursprung der Sprache zurckgefhrt +wird, wre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen +Laute. Die erluternde Begleitung der Gebrden und +das Bewutsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und +Bild trat aber allmhlich zurck, das Wort wurde bloes +Zeichen und konnte auch fr Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah +dies in der <em class="gesperrt">Schrift</em>: zuerst Nachbildung der Form der +Gegenstnde in der Bilderschrift und dann Verwandlung +dieser Bilder in selbstndige Schriftzeichen. So +wurde die Sprache das unerschpfliche und unentbehrliche +Mittel fr die Unterscheidung und den Austausch +der Gedanken und damit fr die Ausbildung des Denkens +berhaupt.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Veranlassung</em> der Ausdrucksbewegungen ist +immer ein innerer Zustand. Die <em class="gesperrt">Schauspielkunst</em> nimmt +alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben +allerdings knstlich, d. h. ohne da die natrlichen +ueren und inneren Anlsse dazu gegeben sind, hervorzubringen; +aber der Schauspieler kann eine der hchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem +er den inneren Zustand selbst knstlich erzeugt, dem die +Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache +und Gebrden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein +Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht „Ausdruck” +eines Innern ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_28" id="Par_28"></a> 28. bung, Gewohnheit, Charakter.</h3> + +<p>Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie +groer Wichtigkeit fr das geistige Leben die <em class="gesperrt">Wiederholung</em> +ist. Hat sie den Zweck, grere Fertigkeit zu +erreichen, so heit sie <em class="gesperrt">bung</em>. Das Resultat der hufigen +Wiederholung ist die <em class="gesperrt">Gewohnheit</em>. Werden Vorstellungsreihen, +die durch Assoziation verbunden sind, hufig +wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter +vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr +als selbstndige zum Bewutsein. Ein Beispiel dafr ist +die Wahrnehmung der <em class="gesperrt">Entfernung</em>, die ursprnglich +aus der Wahrnehmung der scheinbaren Gre, deren Vergleichung +mit der wirklichen Gre und der Feststellung +des Resultats besteht. Durch die bung werden wir +diese Berechnung so gewhnt, da wir mit berspringung +der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen +glauben (vgl. o. <a href="#Seite_36">S. 36</a>).</p> + +<p>Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen +und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der +Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven +und die Ausfhrung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. +Eine solche gewohnheitsmige Verbindung von Vorstellung +und Bewegung stellt z. B. die Sprache dar. <em class="gesperrt">Vorstellung, +Sprachlaut und Schriftzeichen</em> sind fr +unser Bewutsein fast <em class="gesperrt">zu einer</em> Vorstellung <em class="gesperrt">verschmolzen</em>, +so da das eine ohne weiteres das andere +hervorruft. Indem wir <em class="gesperrt">schreiben</em>, fgt sich an die Vorstellungen, +die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden +Schriftzeichen und der dazu ntigen Bewegungen, und +durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende +Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die +Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> +immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem +Klange her, den die gesprochenen Worte htten. Dieser +komplizierte Vorgang ist uns durch unzhlige Wiederholungen +so gelufig geworden, da er uns als ein einziger +Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte +Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Ttigkeit +des Setzers, zu erklren.</p> + +<p>Je grer die bung ist, je leichter und schneller +deshalb die Bewegung erfolgt, <em class="gesperrt">desto weniger bedarf +es fr jede einzelne Bewegung einer besonderen +Willensanstrengung</em>, so da die Reihe der einmal +angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des +Willens abluft. Ein Willensakt scheint nur notwendig +zu sein beim Anfang und Abschlu der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen +sein, da berall der Wille noch mitwirkt, nur in viel +schwcherem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint +wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und +doch mssen wir annehmen, da nicht blo beim Aufstehen +oder Aufhren der Wille mitwirkt, sondern auch zur +fortwhrenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung +einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier +bei fortgesetzter bung die Zwischenglieder fr das Bewutsein.</p> + +<p>Diese <em class="gesperrt">Macht der Gewohnheit</em>, die den Aufwand +an Willenskraft wesentlich einschrnkt, beherrscht unser +ganzes alltgliches Leben. Besonders aber macht sie sich +auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentmlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der +Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmige +Form des Handelns, einen <em class="gesperrt">Charakter</em>. Das +Zustandekommen bestimmter Grundstze auf sittlichem Gebiete +ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> +Handlungen dem Einflu der Beweggrnde des Augenblicks +entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben +gestellt werden und wo verschiedene Grundstze in +Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige berlegung +der verschiedenen Motive und der eigenen Grundstze, +eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.</p> + + +<h2>Abschnitt <span class="antiqua">III.</span> Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.</h2> + +<h3><a name="Par_29" id="Par_29"></a> 29. Die Abhngigkeit der einzelnen Elemente voneinander.</h3> + +<p>Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermgen +ist, wie schon erwhnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, +die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich +auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen +ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben, +wie eng sie zusammengehren.</p> + +<p>1. Das <em class="gesperrt">Erkennen</em> ist abhngig vom Fhlen und +Wollen. Das <em class="gesperrt">Gefhl</em> ist das Hauptmittel, Vorstellungen +in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknpft sie +durch das <em class="gesperrt">Interesse</em> mit dem Individuum. Nur der +Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit +Lust- und Unlustgefhlen fr uns hat, veranlat uns, +mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst wrden +wir uns gleichgltig dem Strome der Vorstellungen berlassen. +Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen +und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis +fhren kann, ist nur mglich mit Hilfe des <em class="gesperrt">Willens</em>, +der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.</p> + +<p>2. Das <em class="gesperrt">Gefhl</em> kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung +von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefhle +sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> +zu werden. Erst durch die Verknpfung mit +den <em class="gesperrt">Vorstellungen</em>, denen sie ihre Entstehung verdanken, +lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwgen. +Ebenso ist eine deutliche <em class="gesperrt">Erinnerung von +Gefhlen</em> nur mglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen, +an welche sie sich geknpft haben. Und sollen +<em class="gesperrt">die hheren Gefhle</em>, die intellektuellen, sthetischen, +sittlichen, religisen, vor Verirrungen bewahrt werden, so +mu das Denken sich auf sie richten und Grundstze der +Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das +Fhlen selber zurckwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es mu aber auch der <em class="gesperrt">Wille</em> zu Hilfe +kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar +die Entstehung eines Gefhls verhindert oder +ein vorhandenes unterdrckt werden, aber dies kann mittelbar +geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefhlserregung uert, gehemmt, oder die Vorstellungen, +an denen es sich nhrt, ihm entzogen werden. So kann +der Zornige den Affekt unter Umstnden unterdrcken, indem +er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen lt, d. h. +indem er Selbstbeherrschung bt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt +von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird, +in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefhls +erinnert. Das ganze Gefhlsleben aber kann nur dann +ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht +genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefhl auf +Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlssigung des Gefhls +zu Gunsten des blo verstandesmigen Strebens +verhindert.</p> + +<p>3. Der <em class="gesperrt">Wille</em> ist ohne Vorstellungen und Gefhle +nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung +er gerichtet ist. Dieses Ziel knnte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> +Wollenden aber gleichgltig sein, wenn nicht die Erreichung +desselben durch Verknpfung mit <em class="gesperrt">Lustgefhlen</em> einen +gewissen Wert fr ihn htte. Ferner wre es nicht mglich, +einen Zweck zu erreichen, ohne eine <em class="gesperrt">Erkenntnis</em> +der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen mu. Soll +endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen +Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmige Folgerichtigkeit, +so sind bestimmte Grundstze ntig, die vom +Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.</p> + +<p>So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgnge +in der verschiedensten Weise. Und wie an <em class="gesperrt">einem</em> Individuum +zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefhl, +das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt, +so erhalten die <em class="gesperrt">verschiedenen Individuen</em> ein +eigentmliches Geprge, je nachdem das Denken, das +Fhlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht +man von <em class="gesperrt">Verstandesmenschen</em>, <em class="gesperrt">Gefhlsmenschen</em> +und <em class="gesperrt">Mnnern der Tat</em>. Die hchste Form ist aber +immer das <em class="gesperrt">ideale Gleichgewicht</em>, die harmonische +Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Logik" id="Logik">Logik.</a></h2> + + +<h3><a name="Par_30" id="Par_30"></a> 30. Die Aufgabe der Logik.</h3> + +<p>Die Logik ist die <em class="gesperrt">Wissenschaft von den Gesetzen +des richtigen Denkens</em>. Das Denken ist als Element +des geistigen Lebens auch Gegenstand der Psychologie, +aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner <em class="gesperrt">tatschlichen +Wirklichkeit</em> und sucht es wie alle andern +geistigen Vorgnge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu +erklren; das richtige, wie das unrichtige Denken findet +gleichmige Bercksichtigung. Die Logik hebt aus diesem +Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das geeignet +ist, dem <em class="gesperrt">Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit +zu dienen</em>. Die Tatsachen des Irrtums und des +Streites lehren, da das Denken in der Verfolgung dieses +Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele fhrt.</p> + +<p>Wenn wir diese Frage beantworten sollen, mssen +wir ein Mittel haben, <em class="gesperrt">das richtige Denken vom unrichtigen +zu unterscheiden</em>. Das nchstliegende wre, +als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, dessen Resultate +<em class="gesperrt">mit der Wirklichkeit bereinstimmen</em>. Dem +steht aber der Einwand gegenber, der vom Standpunkte +der Logik aus nicht widerlegt werden kann, da die ganze +wirkliche Welt nur in der Vorstellung vorhanden ist (vgl. <a href="#Par_3"> 3</a>). +Jedenfalls knnen wir einen Vergleich zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> +dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem +wir auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen +also ber den Kreis des Gedachten nicht hinaus, um es +mit einer davon unabhngigen Wirklichkeit vergleichen zu +knnen. Ebensowenig knnen wir die Richtigkeit des +Denkens von der <em class="gesperrt">Anerkennung der andern denkenden +Wesen</em> abhngig machen; die Allgemeingltigkeit des +Gedachten ist teils nicht vorhanden, teils zu unsicher, um +als Mastab fr seine Richtigkeit gelten zu knnen.</p> + +<p>Und doch haben wir ein <em class="gesperrt">unmittelbares Bewutsein +davon</em>, was richtiges Denken ist. Es ist einfache +psychologische Tatsache, da wir das richtige Denken von +dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir finden +in uns eine innere Ntigung, gerade so und nicht anders +zu denken, und wir nehmen an, da auch andere ebenso +denken mssen. Die Logik mu sich also darauf beschrnken, +die Bedingungen darzustellen, unter denen +dieses <em class="gesperrt">notwendige</em> und <em class="gesperrt">allgemeingltige Denken</em> +zustande kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei +Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab <em class="gesperrt">von dem einzelnen +Wissensstoff selbst</em> und zeigt nur, wie man von gegebenen +Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht +zu prfen hat, durch das Denken zu einer Erkenntnis +gelangen kann, und sie unterscheidet sich von der <em class="gesperrt">Erkenntnistheorie</em> +dadurch, da sie das Denken nicht +daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhngigen Welt fhren kann, sondern fr sich allein +nach seinen eigenen Gesetzen.</p> + +<p>Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch +hervor, da die Logik <em class="gesperrt">nicht die Kunst des Denkens +lehren kann</em>, so wenig als die Poetik die Kunst des +Dichtens lehrt. Aber es lt sich doch nicht behaupten, +da die Kunst des Denkens berhaupt unabhngig wre<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> +von der Kenntnis der logischen Gesetze. Die Fhigkeit +richtig zu denken ist dem Menschen angeboren, aber es +gilt auch hier, da es <em class="gesperrt">besser ist, wenn er die Grundstze +seines Verfahrens kennt, als wenn er sie +nicht kennt</em>. Denn wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, +der auch ihre Grammatik kennt, so versteht nur +der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewut ist. Geradezu +unentbehrlich ist diese Kenntnis, wenn es sich darum +handelt, Fehler nachzuweisen oder besonders schwierige +Fragen zu lsen, so besonders in der Philosophie und +berall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung +einer klaren, sicheren Methode abhngig ist.</p> + +<p>Die Logik beschftigt sich teils mit den <em class="gesperrt">Elementen</em> +des Denkens, den <em class="gesperrt">Begriffen, Urteilen und Schlssen</em>, +teils mit der Art, wie diese Elemente in Beziehung zu +einander gesetzt werden, um die <em class="gesperrt">Wissenschaft als ein +zusammenhngendes Ganzes</em> zu erzeugen. Die Form +des wissenschaftlichen Verfahrens heit Methode. So kann +man die Logik einteilen in eine <em class="gesperrt">Elementarlehre</em> und +eine <em class="gesperrt">Methodenlehre</em>.</p> + + +<h2><span class="antiqua">I.</span> Teil. Elementarlehre.</h2> + +<h3>1. Die Begriffe.</h3> + +<h3><a name="Par_31" id="Par_31"></a> 31. Der Begriff und seine Merkmale.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Der Begriff ist die durch ein Wort reprsentierte +Einheit aller in einer Gemeinvorstellung +gedachten wesentlichen Merkmale</em> (s. o. <a href="#Par_13"> 13</a>). Er +entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> +Begriff gedacht wird, gilt als das Wesen der Gegenstnde, +die unter ihn fallen, und so nennt man diejenigen +Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht werden +kann, <em class="gesperrt">wesentliche</em>, und diejenigen, die auch fehlen knnen, +<em class="gesperrt">auerwesentliche</em> oder <em class="gesperrt">zufllige</em>. So sind wesentliche +Merkmale des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, +aufrechter Gang; auerwesentliche: Schnheit, Gelehrsamkeit, +Bosheit. Es scheint wohl gleichartige Merkmale zu +geben, die nicht wesentlich sind, die in keinem inneren +Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen +Stufe der Erkenntnis mglich; der Fortschritt der Wissenschaft +mu entweder die Gleichartigkeit auf einen inneren +Wesenszusammenhang zurckfhren oder als eine nur +scheinbare nachweisen. In der Mathematik gibt es kein +gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich wesentlich ist; +z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks schliet die +Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann aber +doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">wesentlichen</em> Merkmale eines Begriffs werden +auch eingeteilt in <em class="gesperrt">eigentmliche</em> (<span class="antiqua">notae propriae</span>), welche +denselben <em class="gesperrt">ausschlielich</em> eigen sind, und <em class="gesperrt">gemeinsame</em> +(<span class="antiqua">n. communes</span>), welche auch andern Begriffen zukommen, +ferner in <em class="gesperrt">ursprngliche</em> und <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Merkmale. +Ein ursprngliches Merkmal des Parallelogramms ist die +Parallelitt der Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die +Gleichheit derselben.</p> + +<p>Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen +der Begriff gebildet wird, mu nicht notwendig von verschiedenen +Individuen herrhren, sondern sie kann auch +auf <em class="gesperrt">dasselbe Individuum</em> zu verschiedenen Zeiten sich +beziehen, und dann erhalten wir den <em class="gesperrt">Individualbegriff</em>. +So machen wir uns besonders von menschlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> +Individuen Individualbegriffen, indem wir die verschiedenen +Individualvorstellungen, die wir von ihnen aus +verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.</p> + + +<h3><a name="Par_32" id="Par_32"></a> 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.</h3> + +<p>An jedem Begriff wird unterschieden: der <em class="gesperrt">Inhalt</em>, +d. h. die Gesamtheit der darin gedachten Merkmale, und +der <em class="gesperrt">Umfang</em>, d. h. die Summe der Gegenstnde oder +Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale +Viereck und Parallelitt der Gegenseiten, den Umfang +desselben: die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; +den Inhalt des Begriffs Tier: organisches Wesen, +Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Sugetiere, +Vgel, Amphibien, Fische, Wrmer u. s. w.</p> + +<p>Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch +zufllige Merkmale aufgenommen, so wird der Umfang +desselben zu klein, der Begriff ist <em class="gesperrt">zu eng</em>. Wenn nicht +alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu gro, d. h. der Begriff ist <em class="gesperrt">zu weit</em>. +Der Begriff Parallelogramm wird zu eng, wenn er das +Merkmal gleichseitig erhlt, denn aus seinem Gebiet +werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid ausgeschlossen; +er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelitt der Gegenseiten weggelassen wird, denn +dann fllt er mit dem Begriff des Vierecks zusammen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Je grer der Inhalt eines Begriffes, +desto kleiner der Umfang, und je grer der +Umfang, desto kleiner der Inhalt.</em> Begriffsumfang +und Begriffsinhalt stehen also ihrer Gre nach +in umgekehrtem Verhltnis zueinander. So ist der +Umfang des Begriffs Geld grer als der Umfang des<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> +Begriffs Silbergeld, denn er umfat auch das Kupfergeld, +Goldgeld und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, +nmlich um das Merkmal Silber. Der Umfang eines +Begriffs wird also durch Hinzufgung von Merkmalen +beschrnkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion).</p> + + +<h3><a name="Par_33" id="Par_33"></a> 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.</h3> + +<p>Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und +Umfang des Begriffs hngt die Klarheit und Deutlichkeit +desselben ab. Ein Begriff ist <em class="gesperrt">klar</em>, wenn man das, +was zu seinem Umfang gehrt, genau von dem unterscheiden +kann, was in den Umfang anderer Begriffe fllt, +so da keine Verwechslung mglich ist. So ist der +Begriff Logik klar, wenn man ihn von Psychologie, Erkenntnistheorie, +Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist <em class="gesperrt">deutlich</em>, wenn die Merkmale, die seinen +Inhalt bilden, fr sich klar sind. So hat derjenige einen +deutlichen Begriff der Logik, der von der Wissenschaft +berhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine klare +Vorstellung hat.</p> + + +<h3><a name="Par_34" id="Par_34"></a> 34. Die Arten der Begriffe.</h3> + +<p>Nach dem Inhalt unterscheidet man <em class="gesperrt">einfache</em> und +<em class="gesperrt">zusammengesetzte</em> Begriffe, je nachdem dieselben nur +ein einziges oder mehrere Merkmale enthalten. Einfache +Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; zusammengesetzte: +Lwe, Sechseck, Urteil.</p> + +<p>Nach dem Verhltnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet +man <em class="gesperrt">untergeordnete</em> (subordinierte), <em class="gesperrt">bergeordnete</em> +(superordinierte) und <em class="gesperrt">nebengeordnete</em> +(koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der unmittelbar +aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> +man <em class="gesperrt">Artbegriff</em>, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, +der selbst wieder aus Artbegriffen entstanden ist +und deshalb die Individualvorstellungen nur mittelbar in +sich befat, den <em class="gesperrt">Gattungsbegriff</em>, z. B. Singvogel. +Der Gattungsbegriff heit auch der <em class="gesperrt">hhere</em> oder <em class="gesperrt">weitere</em> +und der Artbegriff der <em class="gesperrt">niedere</em> oder <em class="gesperrt">engere</em> Begriff. +Aus Gattungsbegriffen knnen wieder andere hhere +Gattungsbegriffe gebildet werden, so fllt der Begriff +Singvogel unter die hheren Gattungsbegriffe: Vogel, +Tier, organisches Geschpf, Krper, von denen jeder wieder +einen weiteren Umfang hat, als der vorhergehende, so +da ein Gattungsbegriff im Verhltnis zum folgenden +hheren immer wieder als Artbegriff betrachtet werden +knnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen hufig durch besondere Ausdrcke bezeichnet, +wo dann auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte +Stelle haben. So konstruiert besonders die +Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, +Art, Individuum.</p> + +<p>Begriffe, die demselben nchsthheren Gattungsbegriff +untergeordnet sind, stehen im Verhltnis der <em class="gesperrt">Beiordnung</em> +oder Koordination, z. B. Frhling, Sommer, +Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschlieen, so stehen sie +in einem gewissen <em class="gesperrt">Gegensatz</em> und zwar im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em> +Gegensatz (Widerspruch), wenn es <em class="gesperrt">nur +zwei Begriffe sind</em>, die miteinander den Umfang des +hheren Begriffs ausfllen, so da der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, +zeitlich und ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; +im <em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatz (Widerstreit), wenn es +<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span><em class="gesperrt">mehrere Begriffe</em> sind, so da sie sich zwar auch gegenseitig +ausschlieen, aber mit anderen Begriffen sich in +den Umfang des hheren Begriffes teilen. Was sich +nicht bewegt, ruht; daraus aber, da es nicht Frhling +ist, folgt nicht, da es Sommer sein mu, es kann auch +Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden zugleich.</p> + +<p>Zwei Begriffe sind <em class="gesperrt">identische</em> oder <em class="gesperrt">Wechselbegriffe</em>, +wenn sie nach Inhalt und Umfang sich +decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und der +eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begrnder +der Logik. Der Unterschied besteht dann nur +im sprachlichen Ausdruck, der nur je nach dem Zusammenhang +eine der Seiten des Begriffes besonders hervorhebt. +Zwei Begriffe <em class="gesperrt">kreuzen sich</em>, wenn sie nur einen Teil +ihres Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; +sie sind <em class="gesperrt">einstimmig</em>, wenn sie an demselben Gegenstand +vorkommen knnen, z. B. rechtwinklig und gleichseitig an +dem Begriff Quadrat. <em class="gesperrt">Disparate</em> Begriffe nennt man +diejenigen, welche berhaupt nicht im Umfang eines beiden +gemeinsamen hheren Begriffs untergebracht werden knnen, +z. B. Dreieck und Tapferkeit.</p> + + +<h3>2. Die Urteile.</h3> + +<h3><a name="Par_35" id="Par_35"></a> 35. Das Wesen des Urteils.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung +oder Trennung zweier Begriffe, der mit dem +Bewutsein seiner Allgemeingltigkeit vollzogen +wird.</em> Die sprachliche Form des Urteils ist der <em class="gesperrt">Aussagesatz</em>. +In jedem Urteil wird etwas von etwas ausgesagt. +Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das <em class="gesperrt">Subjekt</em> +und das, was ausgesagt wird, das <em class="gesperrt">Prdikat</em>. Die +<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>Ineinssetzung beider wird durch die <em class="gesperrt">Kopula</em> vermittelt. +Sprachlich wird die Kopula ausgedrckt durch die Flexionsendung +des Verbums. In dem Urteil: das Eisen glht, +ist Eisen der Subjektsbegriff, glhen der Prdikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung +zwischen Subjekt und Prdikat darzustellen. Auch wo +das Verbum <em class="gesperrt">sein als Kopula</em> verwendet wird, sagt es +nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus (Existentialurteil), +sondern dient nur als Trger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prdikat verknpfen soll, z. B. +der Pegasus ist geflgelt.</p> + + +<h3><a name="Par_36" id="Par_36"></a> 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.</h3> + +<p>Die herkmmliche Einteilung der Urteile, die in ihren +Grundzgen von Kant aufgestellt wurde, ist die nach den +4 Gesichtspunkten, die bei jedem Urteil in Betracht +kommen sollen, nach der <em class="gesperrt">Quantitt</em>, <em class="gesperrt">Qualitt</em>, <em class="gesperrt">Relation</em> +und <em class="gesperrt">Modalitt</em>.</p> + + +<h4>1. Die Quantitt.</h4> + +<p>Nach der Quantitt unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">allgemeine</em> +Urteile, wo das Prdikat von dem ganzen Umfang des +Subjekts gilt: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; alle Menschen sind sterblich; +2. <em class="gesperrt">besondere oder partikulre</em> Urteile, wo das +Prdikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts +gilt: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>; einige Knige waren Philosophen; +und 3. <em class="gesperrt">einzelne oder individuelle</em> Urteile, wo +das Prdikat von einem einzelnen Individuum gilt: +<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; Bismarck ist ein groer Mann.</p> + +<p>Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf +sie jedenfalls der <em class="gesperrt">Ergnzung</em>. Es wurde mit Recht +angefhrt, das <em class="gesperrt">individuelle</em> Urteil knne auch als allgemeines +betrachtet werden, da auch bei ihm das Prdikat +vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> +Fall, da das Prdikat, wenn auch vom ganzen Umfang +des Subjekts, so doch nur von einem Individuum gilt, +eigenartig genug, um als solcher eine besondere Art zu +begrnden. Das <em class="gesperrt">partikulre</em> Urteil kann als selbstndiges +nur festgehalten werden, wenn es nher bestimmt +wird, so da es entweder lautet: <em class="gesperrt">nur</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, +oder: <em class="gesperrt">mindestens</em> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>. Das ganz unbestimmte +partikulre Urteil: einige Menschen sind sterblich, +ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende +allgemein vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne +haben eigene Bewegung, oder ein allgemeines verneint, +z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, hat es selbstndige +Berechtigung. Beim <em class="gesperrt">allgemeinen</em> Urteil +mu unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen +und dem unbedingt allgemeinen. Beim <em class="gesperrt">empirisch +allgemeinen</em> beruht die Behauptung, da das +Prdikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zhlung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind +gekommen, auf einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen +mit der Zahl der Geladenen. Beim <em class="gesperrt">unbedingt +allgemeinen</em> Urteil wird das Prdikat auf +Grund eines Wesenszusammenhanges im voraus auch von +denjenigen Subjekten ausgesagt, an denen es noch nicht +beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben gleiche +Diagonalen.</p> + + +<h4>2. Die Qualitt.</h4> + +<p>Nach der Qualitt werden die Urteile eingeteilt in +1. <em class="gesperrt">bejahende</em> oder affirmative, wo Subjekt und Prdikat +in eins gesetzt werden: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">verneinende</em> oder +negative, wo Subjekt und Prdikat getrennt werden; +3. <em class="gesperrt">unendliche</em> oder limitierende, wo das Subjekt mit +einem verneinten Prdikat verknpft wird: <span class="antiqua">S</span> ist Nicht <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> + +<p>Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere +gelten, sie fllt vielmehr mit dem verneinenden Urteil +zusammen. <em class="gesperrt">Unendlich</em> werden diese <em class="gesperrt">Urteile</em> genannt, +weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist nichtschuldig, +dem Subjekt die unendliche Anzahl aller mglichen Prdikate, +mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. +Dieses unendliche Prdikat ist aber nicht vorstellbar und +wird auch tatschlich nie vorzustellen versucht. Man denkt +sich unter dem Nichtschuldig nicht alle mglichen Prdikate, +z. B. blau, sechseckig, gasfrmig, vielmehr ist auch hier +die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen.</p> + +<p>Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantitt +und Qualitt ergeben sich <em class="gesperrt">vier Arten von Urteilen</em>, +die in der Logik durch die 4 Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> +bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle <span class="antiqua">S</span> +sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">a</span>); 2. das allgemein verneinende: kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">e</span>); +3. das partikulr bejahende: einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">i</span>); 4. das +partikulr verneinende: einige <span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span> (<span class="antiqua">o</span>). Die +Buchstaben sind den Wrtern <span class="antiqua">affirmo</span> (ich bejahe) und +<span class="antiqua">nego</span> (ich verneine) entnommen.</p> + + +<h4>3. Die Relation.</h4> + +<p>Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung +zwischen Subjekt und Prdikat unterscheidet man 1. <em class="gesperrt">kategorische</em> +Urteile, die eine einfache Aussage enthalten: +<span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 2. <em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile, die nur bedingt etwas +aussagen: wenn <span class="antiqua">X</span> ist, so ist <span class="antiqua">S P</span>; wenn das Glas gerieben +wird, so entwickelt sich Elektrizitt; 3. das <em class="gesperrt">disjunktive</em> +Urteil, welches aussagt, da dem Subjekt von +mehreren sich ausschlieenden Prdikaten jedenfalls eines +zukomme: <span class="antiqua">S</span> ist entweder <span class="antiqua">P</span> oder <span class="antiqua">Q</span> oder <span class="antiqua">R</span>; Dreiecke +sind entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig;<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> +entweder die Franzosen oder die Deutschen +werden siegen.</p> + +<p>Im <em class="gesperrt">hypothetischen</em> Urteil sind also an die Stelle +des Subjekts und des Prdikats zwei Stze getreten, die +in das Verhltnis von <em class="gesperrt">Grund und Folge</em> zueinander +gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, da in einem bestimmten Augenblick das Glas +gerieben wird, noch da sich Elektrizitt entwickelt, sondern +es sind zwei als <em class="gesperrt">Hypothesen</em> aufgestellte Stze, von +denen nur behauptet wird, da die Gltigkeit des einen +die notwendige Folge der Gltigkeit des anderen sei. +Die <em class="gesperrt">Negation</em> kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher +Weise auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz +oder beide oder endlich die notwendige Folge selbst +verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der Himmel bewlkt +ist, fllt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht +krumm ist, so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht +gleichseitig ist, so ist es auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn +ein Parallelogramm rechtwinklig ist, so ist es darum nicht +notwendig ein Quadrat.</p> + +<p>Zum <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil gehrt eigentlich eine +<em class="gesperrt">Reihe mglicher Stze</em>, die sich gegenseitig ausschlieen, +und die zusammen den Umfang des Subjekts- oder Prdikatsbegriffs +erschpfen: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">Q</span>, <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">R</span>, die +also bei zwei Gliedern im <em class="gesperrt">kontradiktorischen</em>, bei +mehr Gliedern im <em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatze stehen.</p> + + +<h4>4. Die Modalitt.</h4> + +<p>Nach der Modalitt werden die Urteile eingeteilt in +1. <em class="gesperrt">problematische</em>, wo die Verknpfung oder Trennung +von Subjekt und Prdikat nur als Vermutung hingestellt +wird: <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein; 2. <em class="gesperrt">assertorische</em>, deren Gltigkeit +<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>schlechthin behauptet wird: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>; 3. <em class="gesperrt">apodiktische</em>, +deren Gltigkeit als notwendig hingestellt wird: <span class="antiqua">S</span> mu +<span class="antiqua">P</span> sein.</p> + +<p>Das problematische Urteil leidet in dieser Form an +einer gewissen Zweideutigkeit. <span class="antiqua">S</span> kann <span class="antiqua">P</span> sein, drckt sowohl +die <em class="gesperrt">subjektive Ungewiheit</em> aus: der See ist +vielleicht gefroren, die Erscheinung des Lichtes beruht +vielleicht auf therschwingungen, als auch die <em class="gesperrt">objektive +Mglichkeit</em>: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil +enthlt nichts Problematisches, denn es spricht dem Wasser +mit Bestimmtheit eine Eigenschaft zu, die unter <em class="gesperrt">gewissen +Bedingungen</em> mit Sicherheit eintritt. Dagegen ist das +Urteil ber die Erklrung der Erscheinung des Lichtes +ein wirklich problematisches, fr das aber doch derjenige, +der es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand +der Wissenschaft Allgemeingltigkeit beansprucht. Nur der +<em class="gesperrt">Unterschied zwischen assertorischem und apodiktischem +Urteil</em> fllt dahin, da jedes Urteil, also auch +das assertorische, mit dem Bewutsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird.</p> + + +<h3><a name="Par_37" id="Par_37"></a> 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.</h3> + +<p>Im Anschlu an den grammatikalischen Unterschied +zwischen einfachen und zusammengesetzten Stzen wurde +in der Logik zwischen <em class="gesperrt">einfachen</em> Urteilen, die nur aus +Subjekt, Prdikat und Kopula bestehen, und <em class="gesperrt">zusammengesetzten</em> +Urteilen, die mehrere einfache in sich schlieen, +unterschieden.</p> + +<p>Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben +den schon genannten hypothetischen und disjunktiven Urteilen +folgende gerechnet:</p> + +<p>1. Die <em class="gesperrt">konjunktiven</em> Urteile. Von demselben Subjekt +werden mehrere Prdikate bejaht oder verneint.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="konjunktive Urteile"> +<tr><td align="center" rowspan="2"><span class="antiqua">S</span> ist <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center"> sowohl </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P</span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>.</td></tr> +<tr><td align="center">weder</td><td align="center"> noch </td><td align="center"> noch </td> </tr> +</table></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> + +<p>2. Die <em class="gesperrt">kopulativen</em> Urteile. Von mehreren Subjekten +wird dasselbe Prdikat bejaht oder verneint.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="kopulative Urteile"> +<tr><td align="center">Sowohl </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>1</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>2</sup></span> <big><big><big><big>{</big></big></big></big></td><td align="center">als</td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> <span class="antiqua">S<sup>3</sup></span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">Weder</td><td align="center"> noch </td><td align="center"> noch </td></tr> +</table></div> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">divisiven</em> Urteile. Dem Gattungsbegriff +werden die seinen ganzen Umfang erschpfenden Artbegriffe +als Prdikate beigelegt. <span class="antiqua">S</span> ist teils <span class="antiqua">P</span> teils <span class="antiqua">P<sup>1</sup></span> teils <span class="antiqua">P<sup>2</sup></span>. +Das divisive Urteil steht in naher <em class="gesperrt">Beziehung zum +disjunktiven</em>. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch +divisiv ausdrcken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien +sind entweder gerade oder krumm, lautet divisiv: die +Linien sind teils gerade, teils krumm. Doch scheiden sie +sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck voneinander. +Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, +von denen die Disjunktion gilt, also genauer: <em class="gesperrt">eine Linie</em> +ist entweder gerade oder krumm; beim divisiven Urteil +ist es der Subjektsbegriff nach seinem ganzen Umfang, +der in seine Teile zerlegt wird: <em class="gesperrt">die</em> Linien (berhaupt) +sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prdikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, +lassen sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die +Welt ist entweder von Ewigkeit her oder geworden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">hypothetischen</em> und <em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteile +werden jedoch nicht mit dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, +kopulativen und disjunktiven, zusammengesetzte +Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbstndigen +Urteilen, sondern nur aus <em class="gesperrt">hypothetischen Stzen</em>, die +fr sich allein keine allgemeine Gltigkeit beanspruchen. +Man sah deshalb mit Recht auch bei der Annahme von +zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als einfache +an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vorderstze oder mehrere +Nachstze oder beides besitzen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> + +<p>Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, +wenn man das konjunktive, kopulative oder divisive Urteil +als ein <em class="gesperrt">zusammengesetztes Urteil</em> bezeichnen will; +denn es sind eigentlich <em class="gesperrt">verschiedene selbstndige</em> Urteile, +deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten +Urteil in diesem Sinn zu reden, wre also +ungefhr dasselbe, wie wenn man eine Strae ein zusammengesetztes +Haus nennen wollte (Mill). Es mten +dann neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten +<em class="gesperrt">Stze mit wenn, obgleich, aber</em> u. s. w. als +zusammengesetzte Urteile aufgefhrt werden; alle diese +Satzverbindungen begrnden jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenber dem einfachen Urteil. Es +empfiehlt sich daher berhaupt nicht, von einem zusammengesetzten +Urteil zu sprechen, sondern nur von einer <em class="gesperrt">Zusammensetzung +von Urteilen</em>; denn die Urteile, die +so bezeichnet werden knnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, +teils nur aus einer sprachlichen Verbindung selbstndiger +Urteile.</p> + +<p>Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation +aufrecht erhalten lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung +oder Trennung bildet das <em class="gesperrt">Verhltnis von +Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentmliche Art der Beziehung</em> zwischen den an +Stelle des Subjekts und Prdikats tretenden Stzen.</p> + + +<h3><a name="Par_38" id="Par_38"></a> 38. bersicht der Urteilsarten.</h3> + +<p>Die Betrachtung der Urteile nach Quantitt, Qualitt, +Relation und Modalitt hat ergeben, da die traditionelle +Einteilung im einzelnen verschiedene Mngel hat, da +aber die damit aufgestellten Einteilungsgrnde in der<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> +Hauptsache festgehalten werden knnen. Der allgemeine +<em class="gesperrt">Akt des Urteilens selbst</em> ist allerdings berall derselbe +(Sigwart), berall wird ein Subjekt mit einem Prdikat +in eins gesetzt oder von ihm getrennt und fr diesen +Akt Allgemeingltigkeit in Anspruch genommen, aber <em class="gesperrt">die +Urteile erleiden Modifikationen je nach der Beschaffenheit +der Subjekte, der Prdikate und der +Kopula</em>. Die verschiedenen Arten dieser Bestandteile des +Urteils haben immer einen wesentlichen Einflu auf das +Urteil selbst, und so bietet sich als einfachste <em class="gesperrt">Einteilung +die nach den Subjekts-, den Prdikats- und den +Beziehungsformen</em> (so Wundt, von dem jedoch die +Auffassung und Ausfhrung der folgenden Einteilung abweicht); +danach wrde sich ungefhr folgende Einteilung +der Urteile ergeben:</p> + + +<h4>I. Nach den Subjektsformen.</h4> + +<p>1. In Beziehung auf die <em class="gesperrt">Zeit der Gltigkeit</em> der +Urteile:</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Erzhlende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt +eine Individualvorstellung zu Grunde, die als solche +einer bestimmten Zeit angehrt. Das Urteil selbst +ist daher <em class="gesperrt">nur fr einen bestimmten Zeitabschnitt +gltig</em>, z. B.: diese Blume ist schn.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Erklrende</em> Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt +eine Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche +an keinen bestimmten Zeitabschnitt gebunden ist. Das +Urteil selbst <em class="gesperrt">bezieht sich</em> deshalb <em class="gesperrt">auf keinen +einzelnen Zeitpunkt</em>, z. B.: das Gold ist gelb.</p></blockquote> + +<p>2. In Beziehung auf den <em class="gesperrt">Umfang ihrer Gltigkeit</em> (Quantitt):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Urteile mit Impersonalien.</em> Das Subjekt ist +ein unpersnliches Frwort. Das Urteil gibt nur der<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> +unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung als solcher +Ausdruck, das Frwort ist nur der sprachliche Ersatz +eines Subjektes, der als leere Form gewohnheitsmig +hinzugefgt wird, z. B.: es blitzt, es +regnet. Daher ist auch der <em class="gesperrt">Umfang der Gltigkeit +des Urteils unbestimmt</em>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Individuelle Urteile.</em> Der Umfang der Gltigkeit +des Urteils <em class="gesperrt">beschrnkt sich auf den Individualbegriff</em>, +der das Subjekt bildet, z. B.: +Csar hat gesiegt.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Partikulre Urteile.</em> Das Subjekt steht in unbestimmter +Mehrzahl. Das Urteil gilt zunchst nur +<em class="gesperrt">fr einen Teil des Umfangs des Subjektsbegriffs</em>:</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Urteil und Subjektsbegriff"> +<tr><td align="center">mindestens </td><td align="center" rowspan="2"><big><big><big><big>}</big></big></big></big> einige <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">nur</td></tr> +</table></div> + +<p><span class="antiqua">d)</span> <em class="gesperrt">Allgemeine Urteile.</em> Das Subjekt umfat alle +Individuen, die unter einen bestimmten Begriff +fallen, und zwar entweder auf Grund der Erfahrung +(<em class="gesperrt">empirisch allgemein</em>) oder auf Grund eines +Wesenszusammenhangs (<em class="gesperrt">unbedingt allgemein</em>) +(s. S. <a href="#Seite_76">76</a>). Bei dem letzteren wird die Allgemeinheit +statt durch: alle, jeder, keiner, auch durch den +einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrckt, +z. B.: das Tier hat Empfindung.</p></blockquote> + + +<h4><span class="antiqua">II.</span> Nach den Prdikatsformen.</h4> + +<p>Je nach den Vorstellungen, die dem Prdikatsbegriff +zu Grunde liegen, wechselt die Art der Anknpfung des +Prdikats an das Subjekt, die bejaht oder verneint wird. +Es lassen sich <em class="gesperrt">fnf Hauptarten von Vorstellungen</em> +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene +Wortformen gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von +<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span><em class="gesperrt">Dingen</em>, von deren <em class="gesperrt">Ttigkeiten</em> und <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>, +von den <em class="gesperrt">Modifikationen</em> der Ttigkeiten oder Eigenschaften +und von den <em class="gesperrt">Beziehungen</em> zwischen den Dingen. +Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.</p> + +<p>Danach ergeben sich <em class="gesperrt">fnf Prdikatsformen</em>, +welche die Urteilsfunktion selbst modifizieren.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Subsumtionsurteile.</em> Der Prdikatsbegriff +ist ein Gattungsbegriff, in dessen greren Umfang der +Subjektsbegriff fllt, z. B.: dies ist Eisen, der Walfisch +ist ein Sugetier.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Ttigkeitsurteile.</em> Der Prdikatsbegriff +spricht dem Subjekt eine Ttigkeit zu: die Erde bewegt sich.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Eigenschaftsurteile.</em> Das Prdikat wird als +Eigenschaft dem Subjekt beigelegt: Schnee ist wei.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt">Modifikationsurteile.</em> Die Ttigkeiten und +Eigenschaften werden auf einer hheren Stufe des Denkens +<em class="gesperrt">fr sich betrachtet</em> und zu <em class="gesperrt">abstrakten Substantiven</em> +gemacht. Sie knnen dann selbst verschiedene +<em class="gesperrt">Modifikationen als Prdikate</em> erhalten, z. B.: +dieses Rot ist schn; die Bewegung der Brieftaube +ist schnell.</p> + +<p>5. <em class="gesperrt">Beziehungsurteile.</em> Das Prdikat sagt eine +Beziehung zwischen verschiedenen Gegenstnden aus, z. B.: +die Stadt liegt am Rhein. Hier ist eine rumliche Beziehung +zwischen der Stadt und dem Rhein ausgesprochen.</p> + + +<h4><span class="antiqua">III.</span> Nach den Beziehungsformen.</h4> + +<p>Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das +Prdikat auf das Subjekt bezogen wird:</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Nach der Gltigkeit oder Ungltigkeit +der Beziehung berhaupt</em> (Qualitt):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Bejahende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Verneinende Urteile</em>: <span class="antiqua">S</span> ist nicht <span class="antiqua">P</span>.</p></blockquote> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Nach der Art der Beziehung</em> (Relation):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Kategorische: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Hypothetische: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> Disjunktive: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span>.</p></blockquote> + +<p>3. <em class="gesperrt">Nach der Art der Gltigkeit der Beziehung</em> +(Modalitt):</p> + +<blockquote> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Bedingt gltige Urteile: die Vermutung und die +Hypothese: <span class="antiqua">A</span> ist vielleicht <span class="antiqua">P</span>.</p> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Unbedingt gltige Urteile: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder mu <span class="antiqua">P</span> sein.</p></blockquote> + +<p>Jedes Urteil lt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle +Menschen sind sterblich, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1. b), 2. d), nach <span class="antiqua">II.</span> +unter 3., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1. a), 2. a), 3. b); Hannibal +mute entweder siegen oder untergehen, nach <span class="antiqua">I.</span> unter 1. a), +2. b), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter 1. a), 2. c), 3. b); +zuweilen, wenn der Blitz einschlgt, zndet er, nach <span class="antiqua">I.</span> +unter 1. b), 2. c), nach <span class="antiqua">II.</span> unter 2., nach <span class="antiqua">III.</span> unter +1. a), 2. b), 3. b).</p> + + +<h3>3. Die Schlsse.</h3> + +<h3><a name="Par_39" id="Par_39"></a> 39. Die Grundgesetze des Denkens.</h3> + +<p>Bei dem Schluverfahren werden gewisse einfache +Regeln befolgt, die zwar Grundgesetze des Denkens berhaupt +sind, die aber besonders beim Schlieen hervortreten +und deshalb am besten hier behandelt werden.</p> + +<p>Es werden gewhnlich <em class="gesperrt">vier Grundgesetze des +Denkens</em> gezhlt.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Der Grundsatz der Identitt</em> (<span class="antiqua">principium +identitatis</span>) lautet in seiner ursprnglichen Form: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, +<em class="gesperrt">jeder Begriff, jedes Urteil ist sich selbst gleich</em>; +als dazu gehrig wurde auch der Grundsatz der <em class="gesperrt">Einstimmigkeit</em> +aufgestellt: <span class="antiqua">A</span>, welches <span class="antiqua">B</span> ist, ist <span class="antiqua">B</span>, von<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> +einem Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt +werden.</p> + +<p>2. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des Widerspruchs</em> (<span class="antiqua">principium +contradictionis</span>) lautet nach Aristoteles: „Es ist unmglich, +da dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich +zukomme und nicht zukomme.” <em class="gesperrt">Kontradiktorisch einander +entgegengesetzte Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist +nicht <span class="antiqua">B</span>, knnen nicht beide zugleich wahr sein.</em> +Vielmehr folgt aus der Wahrheit des einen die Falschheit +des andern.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten</em> +(<span class="antiqua">principium exclusi tertii</span>) lautet: <em class="gesperrt">Zwei kontradiktorisch +einander entgegengesetzte Urteile</em>: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> +ist nicht <span class="antiqua">B</span>, <em class="gesperrt">knnen nicht beide zugleich falsch sein</em>, +ein drittes Urteil ber dieselbe Beziehung zwischen <span class="antiqua">A</span> und +<span class="antiqua">B</span> ist ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt +also die Wahrheit des andern.</p> + +<p>4. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des zureichenden Grundes</em> +(<span class="antiqua">principium rationis sufficientis</span>) lautet: <em class="gesperrt">Jedes Urteil +mu einen zureichenden Grund haben.</em> Die Art, +wie dieses Verhltnis von Grund und Folge zum Fortschritt +im Denken bentzt wird, ist noch genauer formuliert +in dem Grundgesetz des logischen Zusammenhangs: <em class="gesperrt">Mit +dem Grund ist die Folge gesetzt und mit der +Folge der Grund aufgehoben.</em></p> + +<p>Die wichtigsten dieser Stze sind der Grundsatz des +Widerspruchs und der des zureichenden Grundes. Der +<em class="gesperrt">Grundsatz der Identitt</em> ist, fr sich betrachtet, gnzlich +<em class="gesperrt">inhaltslos</em>; er kommt fr das Denken erst in Betracht, +wenn dem Satze: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">A</span>, der andere gegenbertritt: +<span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">A</span>, wenn er also in den Satz des Widerspruchs +bergeht. Eine <em class="gesperrt">psychologische Forderung</em> ist +allerdings im Satz der Identitt eingeschlossen, nmlich<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> +<em class="gesperrt">die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben +Sinn zu fassen</em>; dies ist aber eine Voraussetzung +fr alles Denken, die nicht erst von der Logik +festzustellen ist. Der <em class="gesperrt">Grundsatz des ausgeschlossenen +Dritten</em> beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung +mit dem Charakter der Verneinung berhaupt +und wird deshalb besser nicht als ein selbstndiger Satz +festgehalten. Die beiden Urteile: <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist nicht +<span class="antiqua">B</span>, knnen nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, +beide wren falsch, also zu verneinen, so wrden sich die +beiden Stze: <span class="antiqua">A</span> ist nicht <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>, nebeneinander +als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist.</p> + +<p>Von dem <em class="gesperrt">logischen Grund</em> der Wahrheit eines +Urteils ist zu unterscheiden der — ebenfalls jedesmal +vorhandene — <em class="gesperrt">psychologische Grund</em> seiner Gewiheit, +die subjektiven Grnde, die den Urteilenden veranlassen, +das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund +oder <em class="gesperrt">Erkenntnisgrund</em> steht ferner gegenber der <em class="gesperrt">Realgrund</em> +oder die Ursache im Verhltnis zur Wirkung, die +reale Kausalitt. Z. B. das Sinken der Temperatur kann +von uns als Grund bentzt werden, um eine Folge, z. B. +das Fallen der Quecksilbersule des Thermometers, daran +zu knpfen, und die Mehrzahl logischer Grnde beruht +auf solcher realer Kausalitt; aber es gibt auch viele Erkenntnisgrnde, +welche nicht zugleich Realgrnde sind, z. B. +alle, welche den Ausgangspunkt fr mathematische Folgerungen +bilden.</p> + +<p>So bleiben also als die beiden Grundgesetze des +Denkens der <em class="gesperrt">Satz des Widerspruchs und der Satz +des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge</em> brig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> +Denken, indem es durch Vermeidung des Widerspruchs +Einheit, durch allseitige Begrndung Zusammenhang herzustellen +sucht (vgl. <a href="#Seite_7">S. 7</a>).</p> + + +<h3><span class="antiqua">A.</span> Der unmittelbare Schlu.</h3> + +<h3><a name="Par_40" id="Par_40"></a> 40. Der Schlu aus einem Begriff.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Der Schlu ist die Ableitung eines Urteils +aus einem oder mehreren anderen Urteilen</em>; die +Ableitung eines Urteils aus einem andern heit <em class="gesperrt">unmittelbarer +Schlu</em>, die Ableitung aus mehreren andern +<em class="gesperrt">mittelbarer Schlu</em>.</p> + +<p>Der unmittelbare Schlu wird gewhnlich durch Umformung +eines Urteils gewonnen, er soll aber auch auf +analytischem Wege aus einem Begriff abgeleitet werden +knnen.</p> + +<p>Dieser <em class="gesperrt">Schlu aus einem Begriff</em> berhrt sich +nahe mit dem Unterschied zwischen <em class="gesperrt">analytischen</em> und +<em class="gesperrt">synthetischen</em> Urteilen. Der vieldeutige Unterschied wird +von Kant folgendermaen bestimmt: „In allen Urteilen, +worinnen das Verhltnis eines Subjekts zum Prdikat +gedacht wird, ist dieses Verhltnis auf zweierlei Art mglich. +Entweder das Prdikat <span class="antiqua">B</span> gehrt zum Subjekt <span class="antiqua">A</span> +als etwas, was in diesem Begriffe <span class="antiqua">A</span> (versteckterweise) +enthalten ist; oder <span class="antiqua">B</span> liegt ganz auer dem Begriff <span class="antiqua">A</span>, +ob es zwar mit demselben in Verknpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknpfung des Prdikats mit +dem Subjekte durch Identitt, diejenigen aber, in denen +diese Verknpfung ohne Identitt gedacht wird, sollen +synthetische heien. Die ersteren knnte man auch Erluterungs-, +die andern Erweiterungsurteile heien, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> +jene durch das Prdikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in +seine Teilbegriffe zerfllen, die in selbigem schon (obgleich +verworren) gedacht waren; dahingegen die letzteren zu +dem Begriffe des Subjekts ein Prdikat hinzutun, welches +in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung +desselben htte knnen herausgezogen werden.” +So ist nach Kant das Urteil: alle Krper sind ausgedehnt, +ein analytisches, denn man drfe den Begriff eines +Krpers nur zergliedern, um das Prdikat darin anzutreffen; +das Urteil: alle Krper sind schwer, ein synthetisches, +denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloen Begriff eines Krpers berhaupt gedacht werde. +Man knnte also auf dem einfachen Wege der Analyse +des Begriffs Krper das Urteil gewinnen: alle Krper +sind ausgedehnt.</p> + +<p>Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, +so mu sie nach zwei Seiten berichtigt werden.</p> + +<p>1. Kant setzt voraus, da es <em class="gesperrt">Begriffe von allgemein +anerkanntem Inhalt mit gleicher Wortbezeichnung +gebe</em>. In Wirklichkeit knnte dasselbe +Urteil: alle Krper sind schwer, fr den einen ein analytisches, +fr den andern ein synthetisches sein, je nachdem +sie das Merkmal der Schwere schon in ihren Begriff des +Krpers aufgenommen oder noch nicht aufgenommen htten. +Es hngt also <em class="gesperrt">von dem Bildungsstande des Urteilenden +und von der Stufe der Wissenschaft +ab</em>, ob ein Urteil ein analytisches oder ein synthetisches +ist. Das analytische Urteil ist dann nur unter der Voraussetzung +richtig, da der Subjektsbegriff richtig ist, oder +mit andern Worten: da die Prdikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen +wurden; daher ist wohl auch die Ableitung eines<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> +Urteils aus einem Begriffe nicht als eine besondere Art +des Schlusses anzusehen.</p> + +<p>2. Kant redet beim analytischen Urteil nur <em class="gesperrt">von Begriffen</em>, +es wird aber zugegeben werden mssen, da es +auch auf dem Gebiete der <em class="gesperrt">Wahrnehmung</em> ein analytisches +Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne ich +nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der +gelben Rose, die ich vor mir habe. Nur fr denjenigen +wre dieses Urteil ein synthetisches, den ich durch meine +Beschreibung der gelben Rose veranlassen wrde, zu seinem +Begriff der Rose das Merkmal gelb, das fr ihn nicht +unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufgen.</p> + + +<h3><a name="Par_41" id="Par_41"></a> 41. Die Konversion.</h3> + +<p>Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt +durch <em class="gesperrt">Umformung des gegebenen Urteils</em>. Es werden +gewhnlich 7 Arten solcher Umformungen aufgefhrt.</p> + +<p>Die erste derselben ist die <em class="gesperrt">Konversion</em> (Umkehrung). +Sie besteht darin, da die Glieder des Urteils ihre +Stellung wechseln; es wird z. B. im kategorischen Urteil +das Subjekt zum Prdikat und das Prdikat zum Subjekt, +im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und +der Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht +mit oder ohne Vernderung der Quantitt; im ersten Fall +heit sie <em class="gesperrt">unreine</em> (<span class="antiqua">conversio per accidens</span>), im zweiten +Fall <em class="gesperrt">rein</em> (<span class="antiqua">conversio simplex</span>).</p> + +<p>Fr die einzelnen Formen der Kombination von Quantitt +und Qualitt: allgemein bejahende <span class="antiqua">a</span>, partikulr +bejahende <span class="antiqua">i</span>, allgemein verneinende <span class="antiqua">e</span> und partikulr verneinende +<span class="antiqua">o</span>, ergibt sich folgendes:</p> + +<div class="figright" style="width: 280px; max-width: 35%"> +<img src="images/abb_91_1.png" width="280" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">a</span> wird <span class="antiqua">i</span></em> (unreine Umkehrung). Z. B. der +Satz: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von +gleichem Inhalt, lt nur eine unreine Umkehrung zu:<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> +einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +<em class="gesperrt">Reine Umkehrung</em> ist nur als Ausnahme in dem Fall +mglich, wenn der Umfang des Subjekts- und des Prdikatsbegriffes +sich decken; z. B.: alle gleichseitigen Dreiecke sind +auch gleichwinklig. Das Verhltnis der Begriffe lt sich +am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt sich, +da der dem Subjektsbegriff <span class="antiqua">S</span> entsprechende Kreis entweder +ganz in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> fllt, wie bei 1., +oder da beide Kreise sich decken, wie bei 2. Daraus +ergibt sich, da jedenfalls einige <span class="antiqua">S</span>, unter Umstnden alle +in den Umfang des Kreises <span class="antiqua">P</span> +fallen, so da bei 1. nur unreine, bei +2. reine Umkehrung mglich ist.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">i</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span> (reine Umkehrung). +Einige Parallelogramme sind regelmige Figuren, einige regelmige Figuren sind +Parallelogramme. In dem fr <span class="antiqua">i</span> natrlichen Falle 1. +schneiden sich die Kreise, und der beiden gemeinsame Raum +versinnlicht die Mglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis <span class="antiqua">P</span> kann aber auch ganz in den Kreis <span class="antiqua">S</span> fallen, wie +bei 2., dann ist die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme +sind Rechtecke, alle Rechtecke sind Parallelogramme; +oder <span class="antiqua">S</span> in sich schlieen, wie bei 3. und 4., wo sich wieder +<span class="antiqua">i</span> ergibt.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_91_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<div class="figright" style="width: 300px; max-width: 40%;"> +<img src="images/abb_91_3.png" width="300" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>3. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span> (reine +Umkehrung). Kein Schuldloser +ist unglcklich, kein Unglcklicher +schuldlos. Die beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> +Kreise <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> sind vollstndig getrennt, kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> +und kein <span class="antiqua">P S</span>. +<br class="both" /></p> + +<p>4. Aus <span class="antiqua">o</span> <em class="gesperrt">folgt nichts</em>. Durch das Urteil: einige +<span class="antiqua">S</span> sind nicht <span class="antiqua">P</span>, ist das Verhltnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu +wenig bestimmt, als da etwas daraus gefolgert werden +knnte. Die Flle 1., 2. und 3. sind alle von <span class="antiqua">o</span> aus +mglich, es lt sich aber kein allen gemeinsames Urteil +mit <span class="antiqua">P</span> als Subjekt daraus ableiten.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_92.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + + +<h3><a name="Par_42" id="Par_42"></a> 42. Die Kontraposition.</h3> + +<p>Bei der <em class="gesperrt">Kontraposition</em> wechseln die Glieder des +Urteils ihre Stellung, das kontradiktorische Gegenteil des +Prdikats wird zum Subjekt und die Qualitt des Urteils +wird verndert.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">a</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">e</span>. Aus: jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>, folgt: alle +Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span> oder kein Nicht<span class="antiqua">P</span> ist <span class="antiqua">S</span>; z. B.: jeder +wirklich religise Mensch handelt auch sittlich; wer nicht +sittlich handelt, ist kein wirklich religiser Mensch. Nach +den Figuren <a href="#Par_41"> 41</a> fr a ist klar, da, da <span class="antiqua">S</span> ganz in <span class="antiqua">P</span> +liegt, alles, was auerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegt, also +Nicht<span class="antiqua">P</span> ist, auch auerhalb des Kreises S liegen mu, +also nicht <span class="antiqua">S</span> ist.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus</em> <span class="antiqua">e</span> <em class="gesperrt">wird</em> <span class="antiqua">i</span>. Wenn kein <span class="antiqua">S P</span> ist, so sind +mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>, vgl. die Fig. <a href="#Par_41"> 41</a> <span class="antiqua">e</span>; denn +da <span class="antiqua">S</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so fllt es jedenfalls in +den Raum auerhalb <span class="antiqua">P</span>, d. h. von Nicht<span class="antiqua">P</span>; z. B.: nichts +Gutes ist unschn, einiges nicht Unschne ist gut.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> + +<p>3. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">o</span> wird <span class="antiqua">i</span>.</em> Wenn einige <span class="antiqua">S</span> nicht <span class="antiqua">P</span> sind, so +sind mindestens einige Nicht<span class="antiqua">P</span> <span class="antiqua">S</span>. Nach den 3 Figuren +<a href="#Par_41"> 41</a> <span class="antiqua">o</span> mu jedenfalls ein Teil von <span class="antiqua">S</span> auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen, +also mit einigen Nicht<span class="antiqua">P</span> zusammenfallen; z. B.: einiges +Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt">Aus <span class="antiqua">i</span> folgt nichts.</em> Durch Kontraposition wrde +sich ergeben: einige Nicht<span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>, und dies wrde +fr Figur <a href="#Par_41"> 41</a>. i. 1. 3. 4. zutreffen, aber bei Fig. 2 ist +die Mglichkeit denkbar, da <span class="antiqua">S</span> die Gesamtheit alles +Seienden umfat, dann wre es nicht richtig, da einige +Nicht<span class="antiqua">P</span> nicht <span class="antiqua">S</span> sind, denn alle Nicht<span class="antiqua">P</span> wren <span class="antiqua">S</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_43" id="Par_43"></a> 43. Die Umwandlung der Relation.</h3> + +<p>Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht +auf der <em class="gesperrt">Vernderung der Relation. Aus dem einfachen +kategorischen</em> Urteil: alle <span class="antiqua">A</span> sind <span class="antiqua">B</span>, kann <span class="antiqua">ein +hypothetisches</span> abgeleitet werden: wenn etwas <span class="antiqua">A</span> ist, +so ist es <span class="antiqua">B</span>, z. B.: jeder Feigling ist verchtlich; wenn +einer ein Feigling ist, so ist er verchtlich. Aus dem +<em class="gesperrt">disjunktiven</em> Urteil knnen mehrere hypothetische abgeleitet +werden. Das disjunktive Urteil: <span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> +oder <span class="antiqua">C</span>, schliet die beiden hypothetischen ein: wenn <span class="antiqua">A</span> +nicht <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es <span class="antiqua">C</span>, und: wenn <span class="antiqua">A</span> nicht <span class="antiqua">C</span> ist, so ist +es B, z. B.: die Menschen stammen entweder von einem +oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen sich zusammengehrige +<em class="gesperrt">hypothetische</em> Urteile in <em class="gesperrt">einem disjunktiven</em> +aussprechen.</p> + + +<h3><a name="Par_44" id="Par_44"></a> 44. Die Subalternation.</h3> + +<p>Bei der Subalternation wird daraus, da ein Urteil +von dem <em class="gesperrt">ganzen Umfang</em> des Subjektsbegriffes gilt, +geschlossen, da es auch <em class="gesperrt">von einem Teil</em> desselben gilt. +Dagegen folgt <em class="gesperrt">aus der Verneinung des partikulren<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> +auch die Verneinung des entsprechenden +allgemeinen Urteils</em>. Es folgt 1. aus der Wahrheit +von <span class="antiqua">a</span> die von <span class="antiqua">i</span>, 2. aus der Unwahrheit von <span class="antiqua">i</span> die von <span class="antiqua">a</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_45" id="Par_45"></a> 45. Die quipollenz.</h3> + +<p>Bei dem unmittelbaren Schlu durch quipollenz wird +die Qualitt des Urteils selbst und die des Prdikats +verndert und nach dem Grundsatz: <span class="antiqua">Duplex negatio affirmat</span>, +ein mit dem ersten bereinstimmendes Urteil hergestellt. +Aus: alle <span class="antiqua">S</span> sind <span class="antiqua">P</span>, wird: kein <span class="antiqua">S</span> ist ein Nicht<span class="antiqua">P</span>, +z. B.: jede Lge ist verwerflich; es gibt keine Lge, die +nicht verwerflich wre.</p> + + +<h3><a name="Par_46" id="Par_46"></a> 46. Die Opposition.</h3> + +<p>Der unmittelbare Schlu durch Opposition besteht +darin, da <em class="gesperrt">aus der Wahrheit eines Urteils die +Unwahrheit seines Gegenteils</em> gefolgert wird <em class="gesperrt">und +umgekehrt</em>. Wie die Begriffe, so knnen auch die Urteile +in einem kontradiktorischen und in einem kontrren +Gegensatz stehen. <em class="gesperrt">Im kontradiktorischen Gegensatz +stehen zwei Urteile, von denen das eine dasselbe +bejaht, was das andere verneint</em>, also: das allgemein +bejahende und das partikulr verneinende, das +allgemein verneinende und das partikulr bejahende. Im +<em class="gesperrt">kontrren</em> Gegensatz stehen diejenigen Urteile, von denen +zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere Mglichkeiten +brig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide knnen falsch sein, und +dann ist noch das partikulr bejahende und das partikulr +verneinende mglich, z. B. falsch <span class="antiqua">a</span> und <span class="antiqua">e</span>, richtig <span class="antiqua">i</span>: +einige Menschen erreichen ein Alter von hundert Jahren. +Daneben wird noch das <em class="gesperrt">subkontrre</em> Verhltnis unterschieden, +in welchem das partikulr bejahende und das<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> +partikulr verneinende Urteil zueinander stehen, und das +Verhltnis der <em class="gesperrt">Subalternation</em> (vgl. <a href="#Par_44"> 44</a>) oder Unterordnung, +das von solchen Urteilen gilt, die das von dem +ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte auch auf +einen Teil desselben beziehen.</p> + +<p>Diese Verhltnisse der Urteile lassen sich in folgendem +Schema veranschaulichen:</p> + +<div class="center"> +<table border="0" width="80%" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Urteile"> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <col width="3%" /> + <tbody> + <tr> + <td><strong>A</strong></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td colspan="9" align="right">Kontrrer</td> + <td></td> + <td colspan="9">Gegensatz</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td><strong>E</strong></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td> </td> + <td colspan="27"></td> + <td> </td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td>K</td> + <td colspan="25"></td> + <td>z</td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>o</td> + <td colspan="23"></td> + <td>t</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="4"></td> + <td>n</td> + <td colspan="21"></td> + <td>a</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="5"></td> + <td>t</td> + <td colspan="19"></td> + <td>s</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="6"></td> + <td>r</td> + <td colspan="17"></td> + <td>n</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="7"></td> + <td>a</td> + <td colspan="15"></td> + <td>e</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="8"></td> + <td>d</td> + <td colspan="13"></td> + <td>g</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td colspan="9"></td> + <td>i</td> + <td colspan="11"></td> + <td>e</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td>U</td> + <td colspan="9"></td> + <td>k</td> + <td colspan="9"></td> + <td>G</td> + <td colspan="9"></td> + <td>U</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="10"></td> + <td>t</td> + <td colspan="18"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>t</td> + <td colspan="11"></td> + <td>o</td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="11"></td> + <td>t</td> + </tr> + <tr> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>r</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>e</td> + </tr> + <tr> + <td>r</td> + <td colspan="13"></td> + <td>i</td> + <td></td> + <td>h</td> + <td colspan="13"></td> + <td>r</td> + </tr> + <tr> + <td>o</td> + <td colspan="14"></td> + <td>sc</td> + <td colspan="14"></td> + <td>o</td> + </tr> + <tr> + <td>r</td> + <td colspan="13"></td> + <td>i</td> + <td></td> + <td>h</td> + <td colspan="13"></td> + <td>r</td> + </tr> + <tr> + <td>d</td> + <td colspan="12"></td> + <td>r</td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>e</td> + <td colspan="12"></td> + <td>d</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="11"></td> + <td>o</td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="11"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>u</td> + <td colspan="10"></td> + <td>t</td> + <td colspan="18"></td> + <td>u</td> + </tr> + <tr> + <td>n</td> + <td colspan="9"></td> + <td>k</td> + <td colspan="9"></td> + <td>G</td> + <td colspan="9"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td>g</td> + <td colspan="8"></td> + <td>i</td> + <td colspan="11"></td> + <td>e</td> + <td colspan="8"></td> + <td>g</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="7"></td> + <td>d</td> + <td colspan="13"></td> + <td>g</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="6"></td> + <td>a</td> + <td colspan="15"></td> + <td>e</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="5"></td> + <td>r</td> + <td colspan="17"></td> + <td>n</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="4"></td> + <td>t</td> + <td colspan="19"></td> + <td>s</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td colspan="3"></td> + <td>n</td> + <td colspan="21"></td> + <td>a</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td>o</td> + <td colspan="23"></td> + <td>t</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td></td> + <td>K</td> + <td colspan="25"></td> + <td>z</td> + </tr> + <tr> + <td></td> + <td> </td> + <td colspan="27"></td> + <td> </td> + <td></td> + </tr> + <tr> + <td><strong>I</strong></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td></td> + <td colspan="9" align="right">Subkontrrer</td> + <td></td> + <td colspan="9">Gegensatz</td> + <td colspan="5"></td> + <td><strong>O</strong></td> + </tr> + </tbody> +</table> +</div> + + +<p>Der unmittelbare Schlu durch Opposition erfolgt +demgem nach folgenden Regeln:</p> + +<p>1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit +seines kontradiktorischen Gegenteils.</p> + +<p>2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit +seines kontradiktorischen Gegenteils.</p> + +<p>3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit +des kontrr entgegengesetzten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit +des entsprechenden subkontrren.</p> + + +<h3><a name="Par_47" id="Par_47"></a> 47. Die modale Konsequenz.</h3> + +<p>Die <em class="gesperrt">modale Konsequenz</em> besteht darin, da die sogenannte +Modalitt der Urteile verndert wird; dann folgt:</p> + +<p>1. Aus der Gltigkeit des apodiktischen Urteils die +des entsprechenden assertorischen und des problematischen, +und aus der Gltigkeit des assertorischen die des problematischen +Urteils. Z. B.: die Summe der Winkel eines +Dreiecks betrgt notwendig und deshalb immer auch tatschlich +zwei Rechte.</p> + +<p>2. Aus der Ungltigkeit des problematischen Urteils +die des assertorischen und apodiktischen, und aus der des +assertorischen die des apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung +unrichtig, da <span class="antiqua">A</span> <span class="antiqua">B</span> ist, so ist es auch tatschlich +nicht so und mu nicht so sein.</p> + + +<h3><a name="Par_48" id="Par_48"></a> 48. Der Wert der unmittelbaren Schlsse.</h3> + +<p>Die unmittelbaren Schlsse sind von <em class="gesperrt">ungleichem +Werte</em>. Von geringerer Bedeutung sind die quipollenz, +die Subalternation, die modale Konsequenz und die Vernderung +der Relation, teils weil sie Selbstverstndliches +aussagen, teils weil sie nur sprachliche Umformungen darstellen. +Doch knnen die letzteren, so z. B. durch Umwandlung +der Relation, dazu dienen, den Urteilen <em class="gesperrt">diejenige +sprachliche Form zu geben</em>, die am meisten +ihrem logischen Charakter entspricht, und so berhaupt +den Blick fr die sprachliche Einkleidung der logischen +Formen schrfen.</p> + +<p>Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und +die Kontraposition. Die <em class="gesperrt">Opposition</em> fhrt zur scharfen +Fassung des gegenseitigen Verhltnisses der Urteile. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> +<em class="gesperrt">unreine Konversion</em> des allgemein bejahenden Urteils +gibt Aufschlu darber: 1. da Subjekt und Prdikat nicht +notwendig zusammengehren, 2. da sie miteinander vereinbar +sind. Die <em class="gesperrt">reine Konversion</em> des allgemein verneinenden +Urteils vermittelt die wichtige Erkenntnis, da +zwei Begriffe <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> einander gegenseitig ausschlieen. +Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> stellt die negative Seite der Zusammengehrigkeit +zweier Begriffe dar: wenn alle <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">P</span> +sind, so findet sich berall, wo <span class="antiqua">P</span> sich nicht findet, auch +<span class="antiqua">S</span> nicht.</p> + +<p>Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils +erleiden jedoch dadurch eine <em class="gesperrt">gewisse Einschrnkung</em>, +da sie Urteile voraussetzen, in denen das Prdikat auch +wirklich Subjekt werden und als der hhere Begriff gegenber +dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in +dem Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke +von gleichem Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren +Schlsse auch <em class="gesperrt">vom hypothetischen Urteil +aus</em> vollziehen, und hier gewinnen besonders die genannten +beiden Formen grere Bedeutung. Die unreine Konversion +von <span class="antiqua">a</span>: Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>: zuweilen wenn +<span class="antiqua">B</span> gilt, gilt <span class="antiqua">A</span>, drckt dann aus, da aus der Wahrheit +der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des Grundes +geschlossen werden kann; <em class="gesperrt">die reine Konversion</em> von <span class="antiqua">e</span>: +Wenn <span class="antiqua">A</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span> nicht, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so +gilt <span class="antiqua">A</span> nicht: da, wenn mit der Verneinung des Grundes +die Verneinung der Folge verknpft ist, auch das Umgekehrte +wahr ist. Die <em class="gesperrt">Kontraposition</em> aber: Wenn <span class="antiqua">A</span> +gilt, so gilt <span class="antiqua">B</span>, wenn <span class="antiqua">B</span> nicht gilt, so gilt <span class="antiqua">A</span> nicht, wird +zum Ausdruck des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, +da mit der Folge der Grund aufgehoben ist, z. B. das +Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen wird, so stirbt +er, gestattet unmittelbar den Schlu aus der Kontraposition:<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> +Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn +einer stirbt, so wurde er durchs Herz geschossen; denn die +Folge, das Sterben, ist auch noch an andere Grnde +geknpft.</p> + + +<h3><span class="antiqua">B.</span> Der mittelbare Schlu.</h3> + +<h3><a name="Par_49" id="Par_49"></a> 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.</h3> + +<p>Der mittelbare Schlu ist entweder ein Schlu <em class="gesperrt">vom +Allgemeinen auf das Besondere</em> oder ein Schlu +<em class="gesperrt">vom Besonderen auf das Allgemeine</em>. Im ersteren +Fall heit er <em class="gesperrt">Syllogismus</em> im engeren Sinn, im +zweiten <em class="gesperrt">Induktion</em>.</p> + +<p>Der Syllogismus ist ein <em class="gesperrt">einfacher</em>, wenn er aus +zwei Urteilen, ein <em class="gesperrt">zusammengesetzter</em>, wenn er aus +mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. Die Urteile, aus +denen das neue Urteil abgeleitet wird, heien <em class="gesperrt">Prmissen</em> +(<span class="antiqua">propositiones praemissae</span>), das abgeleitete Urteil <em class="gesperrt">Schlusatz</em> +(<span class="antiqua">conclusio</span>). Die Mglichkeit, den Schlusatz aus den +Prmissen abzuleiten, beruht darauf, da die Prmissen +einen Begriff gemeinsam haben, den sogenannten <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em> +(<span class="antiqua">terminus medius</span>), der im Schlusatz nicht mehr +vorkommt. Diejenige Prmisse, welche das Subjekt des +Schlusatzes, den <em class="gesperrt">Unterbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus minor</span>), oder +das untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen +Urteil den Vordersatz, enthlt, wird <em class="gesperrt">Untersatz</em> (<span class="antiqua">propositio +minor</span>), diejenige, welche das Prdikat des Schlusatzes, +den <em class="gesperrt">Oberbegriff</em> (<span class="antiqua">terminus major</span>) enthlt, <em class="gesperrt">Obersatz</em> +(<span class="antiqua">propositio major</span>) genannt. Alle zusammen bilden +die <em class="gesperrt">Elemente</em> des Schlusses (<span class="antiqua">syllogismi elementa</span>).</p> + +<p>Die Syllogismen werden je nach der Stellung des +<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>Mittelbegriffes in verschiedene <em class="gesperrt">Schlufiguren</em> eingeteilt. +Es sind <em class="gesperrt">4 Flle der Stellung des Mittelbegriffs</em> +mglich. Er ist entweder in beiden Prmissen Prdikat, +oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prmisse Subjekt, +in der andern Prdikat; der letztere Fall lt wieder +zwei Mglichkeiten offen, da der Mittelbegriff entweder im +Ober- oder im Untersatz Prdikat und im andern Subjekt +sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit <span class="antiqua">S</span>, +den Prdikatsbegriff mit <span class="antiqua">P</span> und den Mittelbegriff mit <span class="antiqua">M</span>, +so lassen sich die 4 Schlufiguren in folgendem Schema +darstellen:</p> + + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema Schlufiguren"> +<tr><td align="center">1. </td><td align="center">M P</td><td align="center"> 2. </td><td align="center">P M</td><td align="center"> 3. </td><td align="center">M P</td><td align="center"> 4. </td><td align="center">P M</td></tr> +<tr><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">S M</td><td></td><td align="center">M S</td><td></td><td align="center">M S</td></tr> +<tr><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td><td></td><td align="center"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td><td></td><td align="center">S P</td></tr> +</table></div> + +<p>Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles +aufgestellt, die vierte von dem Arzt und Philosophen +Galenus († 200 n. Chr.); sie wird daher die galenische +genannt.</p> + +<p>Innerhalb einer jeden Figur wrden sich nun durch +Kombination von Quantitt und Qualitt der Prmissen +nach den Buchstaben <span class="antiqua">a e i o</span> 16 Formen denken lassen, +die folgende Tafel darstellt, wobei der erste Buchstabe +auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kombination von Quantitt und Qualitt der Prmissen"> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> + <col width="10%" /> +<tbody> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">i a</span></td><td align="center"><span class="antiqua">o a</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a e</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i e)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o e)</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">e i</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i i)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o i)</span></td></tr> +<tr><td align="center"><span class="antiqua">a o</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(e o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(i o)</span></td><td align="center"><span class="antiqua">(o o)</span></td></tr> +</tbody> +</table></div> + +<p>Im ganzen wrden sich also <em class="gesperrt">64 Kombinationsformen +der Prmissen oder Modi</em> denken lassen. Von diesen +erweist sich aber eine grere Anzahl als unbrauchbar, +teils aus allgemeinen Grnden, die fr alle 4 Figuren +gleichmig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen +der einzelnen Figuren widersprechen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_50" id="Par_50"></a> 50. Allgemeine Gesetze ber die Erfordernisse der +kategorischen Schlsse.</h3> + +<p>1. <em class="gesperrt">Aus rein verneinenden Prmissen folgt +nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere negativis nihil sequitur</span>). Es sind drei +Flle mglich.</p> + +<p><span class="antiqua">a</span>) <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind allgemein verneinend</em>: +<span class="antiqua">e e</span>. Daraus folgt, da sowohl <span class="antiqua">S</span> als <span class="antiqua">P</span> von dem Mittelbegriff +<span class="antiqua">M</span> vollstndig getrennt sind; da aber durch den +Mittelbegriff das gegenseitige Verhltnis von <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umstnden +ber dieses Verhltnis nichts erschlossen werden. Es ergibt +sich eine Reihe von Mglichkeiten, ber die nicht entschieden +werden kann, wie die folgende Veranschaulichung +durch Kreise zeigt:</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_100.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b</span>) <em class="gesperrt">Die eine Prmisse ist allgemein, die andere +partikulr verneinend</em>: <span class="antiqua">e o</span>. ber das Verhltnis von +<span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> lt sich nichts aussagen, weil die unbestimmte +partikulr verneinende Prmisse neben andern Formen<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> +auch die allgemein verneinende nicht ausschliet, so da +die Unsicherheit von <span class="antiqua">a)</span> nur vermehrt ist.</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr verneinend</em>: +<span class="antiqua">o o</span>. Da das bei <span class="antiqua">b)</span> Gesagte hier noch mehr gilt, +so ist die Unsicherheit eine noch grere.</p> + +<p>Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: <span class="antiqua">ee</span>, <span class="antiqua">eo</span>, <span class="antiqua">oe</span>, <span class="antiqua">oo</span>.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt">Aus rein partikulren Prmissen folgt +nichts</em> (<span class="antiqua">ex mere particularibus nihil sequitur</span>).</p> + +<p><span class="antiqua">a)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr bejahend</em>: +<span class="antiqua">i i</span>. Das Verhltnis der Begriffe <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> zu <span class="antiqua">M</span> ist zu +unbestimmt, als da daraus ber das Verhltnis von <span class="antiqua">S</span> +und <span class="antiqua">P</span> etwas erschlossen werden knnte; vgl. die folgenden +Figuren, die alle <span class="antiqua">i i</span> entsprechen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_101_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b)</span> <em class="gesperrt">Eine</em> Prmisse ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>, die +<em class="gesperrt">andere partikulr verneinend</em>: <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span>. Auf Grund +der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe von Mglichkeiten, +zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. die Fig.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 90%;"> +<img src="images/abb_101_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> <em class="gesperrt">Beide Prmissen sind partikulr verneinend</em>: +<span class="antiqua">oo</span>. Dieser Fall deckt sich mit 1. <span class="antiqua">c)</span>.</p> + +<p>Es fallen also auer <span class="antiqua">oo</span> noch weg: <span class="antiqua">ii</span>, <span class="antiqua">io</span>, <span class="antiqua">oi</span> in +jeder Form, also 12 weitere Modi.</p> + +<p>3. Aus einem <em class="gesperrt">partikulren Obersatz</em> und <em class="gesperrt">einem +verneinenden Untersatz</em> ergibt sich kein logisch gltiger +Schlusatz.</p> + +<p><span class="antiqua">a)</span> Der Obersatz ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>, der Untersatz +<em class="gesperrt">allgemein verneinend</em>: <span class="antiqua">i e</span>: Einige <span class="antiqua">M</span> sind <span class="antiqua">P</span>. +<em class="gesperrt">Kein <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">M</span>.</em> Aus den unter dieser Voraussetzung +mglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der Schlusatz: +Einige <span class="antiqua">P</span> sind nicht <span class="antiqua">S</span>; aber wenn der Oberbegriff <span class="antiqua">P</span> +als Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen +verndert, der Schlu ist dann aus einem partikulren +Untersatz und einem verneinenden Obersatz gewonnen +worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes Resultat, +vgl. Fig.</p> + +<div class="figcenter" style="max-width: 90%; height: auto;"> +<img src="images/abb_102.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="antiqua">b)</span> Der <em class="gesperrt">Obersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulr bejahend</em>: <span class="antiqua">oe</span> und</p> + +<p><span class="antiqua">c)</span> der <em class="gesperrt">Untersatz</em> ist <em class="gesperrt">partikulr verneinend</em>, sind +schon durch 1. und 2. ausgeschlossen.</p> + +<p>Durch diese Regel fllt ein neuer Modus weg: <span class="antiqua">i e</span>, +so da von den 64 Modi im ganzen 32 beseitigt wurden, +die in der Tafel S. <a href="#Seite_99">99</a> durch Klammern bezeichnet sind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> + +<p>Auerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch +die besonderen Gesetze der einzelnen Figuren ausgeschlossen. +Der <em class="gesperrt">Beweis</em> fr die brigbleibenden Modi wurde von +Aristoteles und den Scholastikern durch Zurckfhrung auf +die Modi der ersten Figur gefhrt; deutlicher und anschaulicher +ist der Beweis durch Kreise.</p> + + +<h3><a name="Par_51" id="Par_51"></a> 51. Die erste Figur.</h3> + +<p>Die erste Figur hat den <em class="gesperrt">Mittelbegriff als Subjekt +im Obersatz, als Prdikat im Untersatz</em>. Aus +ihren Modi sind noch diejenigen auszuscheiden, 1. deren +Obersatz partikulr und 2. deren Untersatz verneinend ist. +Es fallen also noch weg: <span class="antiqua">ia</span>, <span class="antiqua">oa</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ao</span>, und es bleiben +nur folgende 4 brig: <span class="antiqua">aa</span>, <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ai</span>, <span class="antiqua">ei</span>. Von den Scholastikern, +zuerst von Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann <span class="antiqua">XXI.</span>), +wurden den einzelnen Modi Namen gegeben, deren drei +Vokale nacheinander die logische Form des Obersatzes, des +Untersatzes und des Schlusatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prmissen samt dem +Schlusatz allgemein bejahenden Charakter haben, also +<span class="antiqua"><em class="gesperrt">aaa</em></span> hie daher <span class="antiqua">Barbara</span>. Smtliche Modi der 4 Figuren +wurden in folgenden <span class="antiqua">Versus memoriales</span> zusammengefat:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><span class="antiqua">Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae<br /></span></span> +<span class="i0"><span class="antiqua">Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.</span><br /></span> +</div></div> + +<p><em class="gesperrt"><span class="antiqua">1. Barbara</span></em> +hat die Form</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Barbara Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Menschen sind sterblich</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Knige sind Menschen</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Knige sind sterblich.</td></tr> +</table><br /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_1.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen +dieses Modus entsprechen, ergibt sich, da der Kreis <span class="antiqua">S</span> +innerhalb des Kreises <span class="antiqua">P</span> liegen oder mit demselben sich +decken mu, weil er in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fllt, der selbst von +<span class="antiqua">P</span> umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Celarent</span></em></p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Celarent Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mensch ist frei von Irrtum</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Logiker sind Menschen</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Kein Logiker ist frei von Irrtum.</td></tr> +</table><br /></div> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_2.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so mu auch <span class="antiqua">S</span>, das +ganz in <span class="antiqua">M</span> liegt, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darii</span></em></p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darii Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind regelmige Figuren</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Dreiecke sind regelmige Figuren.</td></tr> +</table></div> + +<div class="figcenter" style="width: 480px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_104_3.png" width="480" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> + +<p>Kreis <span class="antiqua">M</span> mu ganz in Kreis <span class="antiqua">P</span> liegen; wenn also +einige <span class="antiqua">S</span> <span class="antiqua">M</span> sind, so mssen mindestens diese „einige <span class="antiqua">S</span>” +auch in <span class="antiqua">P</span> liegen.</p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferio</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferio Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Nichts Vergngliches hat unbedingten Wert</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Gter sind vergnglich</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Gter haben keinen unbedingten Wert.</td></tr> +</table><br /></div> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_105.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> ganz auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegt, so mssen mindestens +diejenigen <span class="antiqua">S</span>, die <span class="antiqua">M</span> sind, ebenfalls auerhalb <span class="antiqua">P</span> liegen.</p> + + +<h3><a name="Par_52" id="Par_52"></a> 52. Die zweite Figur.</h3> + +<p>Bei der zweiten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in +beiden Prmissen Prdikat</em>. Die beiden Regeln fr +diese Figur sind: 1. der Obersatz mu allgemein und +2. eine der beiden Prmissen mu verneinend sein. Durch +1. fallen noch <span class="antiqua">ia</span> und <span class="antiqua">oa</span>, durch 2. <span class="antiqua">aa</span> und <span class="antiqua">ai</span> aus, und +es bleiben ebenfalls 4 brig: <span class="antiqua">ea</span>, <span class="antiqua">ae</span>, <span class="antiqua">ei</span>, <span class="antiqua">ao</span>.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Cesare</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Cesare Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S a M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die Tugenden beruhen auf Vorsatz</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind die Tugenden nicht Affekte.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 600px; max-width: 100%;"> +<img src="images/abb_106.png" width="600" alt="Mengendiagramm" /> +</div> + +<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz von <span class="antiqua">M</span> getrennt ist, so mu auch <span class="antiqua">S</span>, das +in <span class="antiqua">M</span> liegt, ganz von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Camestres</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Camestres Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P a M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem gehrenden Weltkrper mu die Bahn des Uranus vollstndig bestimmen</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S e M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus vollstndig</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S e P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Folglich bilden die bekannten Weltkrper unseres Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + +<p>Dieser Schlu des Astronomen Leverrier fhrte zur +Entdeckung des Neptun durch Galle (1846).</p> + +<p><span class="antiqua">Camestres</span> hat hnlichkeit mit <span class="antiqua">Cesare</span>, nur <span class="antiqua">S</span> und <span class="antiqua">P</span> +haben ihre Rollen vertauscht. Der Beweis ist daher mit +vernderten Zeichen derselbe.</p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Festino</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Festino Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">P e M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Keine wahre Kunst ist blo mechanische Ttigkeit</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuositt ist blo mechanische Ttigkeit</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche Virtuositt ist keine wahre Kunst.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Da <span class="antiqua">M</span> von <span class="antiqua">P</span> getrennt ist, so mssen auch diejenigen +<span class="antiqua">S</span>, die in den Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, von <span class="antiqua">P</span> getrennt sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Baroco</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Baroco Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">P a M</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die rechte Gesinnung</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S o M</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte Gesinnung</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen Menschen.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Da <span class="antiqua">P</span> ganz in Kreis <span class="antiqua">M</span> fllt, so knnen diejenigen <span class="antiqua">S</span>, +die nicht in Kreis <span class="antiqua">M</span> fallen, auch nicht in Kreis <span class="antiqua">P</span> fallen.</p> + + +<h3><a name="Par_53" id="Par_53"></a> 53. Die dritte Figur.</h3> + +<p>Bei der dritten Figur ist der <em class="gesperrt">Mittelbegriff in +beiden Prmissen Subjekt</em>. Als Regel fr die dritte +Figur gilt, da der Untersatz bejahend sein mu. Es +fallen also <span class="antiqua">ae</span> und <span class="antiqua">ao</span> weg, so da 6 Modi brig bleiben.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Darapti</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Darapti Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Wale sind Sugetiere</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Wale sind Wassertiere</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Also sind einige Wassertiere Sugetiere.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der Beweis ergibt sich fr diesen und die noch folgenden +Modi aus einer Betrachtung der Kreisverhltnisse +nach Analogie der vorangegangenen Beweise.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Felapton</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Felapton Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M e P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mohammedaner ist ein Christ</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle Mohammedaner sind Monotheisten</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S o P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Monotheisten sind nicht Christen.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Disamis</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Disamis Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M i P</span></td><td align="left"> </td><td align="left">Einige Pronomina der franzsischen Sprache sind der Casusflexion fhig</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M a S</span></td><td align="left"></td><td align="left">Alle franzsischen Pronomina sind Wrter der franzsischen Sprache</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S i P</span></td><td align="left"></td><td align="left">Einige Wrter der franzsischen Sprache sind der Casusflexion fhig.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Datisi</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Datisi Beispiel"> +<tr><td align="left">M a P</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschdigt</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Unschuldige werden geschdigt.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bocardo</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bocardo Beispiel"> +<tr align="left"><td align="left">M o P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige Amphibien haben keine Fe</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Amphibien sind Tiere</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Tiere haben keine Fe.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>6. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ferison</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Ferison Beispiel"> +<tr><td align="left">M e P</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein Mensch ist fehlerlos</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Menschen sind bewundernswert</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_54" id="Par_54"></a> 54. Die vierte Figur.</h3> + +<p>Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prdikat, im +Untersatz Subjekt. Als Regeln fr die vierte Figur +gelten: 1. Keine Prmisse darf partikulr verneinend sein. +2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit einem +partikulr bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen +also noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fnf Modi brig.</p> + +<p>1. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Bamalip</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Bamalip Beispiel"> +<tr><td align="left" valign="top">P a M</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle schlechten Wrmeleiter sind Mittel, die Wrme zu erhalten</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top">M a S</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle wollenen Kleider sind schlechte Wrmeleiter</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left" valign="top">S i P</td><td align="left"> </td><td align="left">Einige von den Mitteln, Wrme zu erhalten, sind wollene Kleider.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Die Prmissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im +Verhltnis zu Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.</p> + +<p>2. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Calemes</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Calemes Beispiel"> +<tr><td align="left">P a M</td><td align="left"> </td><td align="left">Alle Rhomboide sind Parallelogramme</td></tr> +<tr><td align="left">M e S</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Parallelogramm ist ein Trapez</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S e P</td><td align="left"></td><td align="left">Kein Trapez ist ein Rhomboid.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> + +<p>3. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Dimatis</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dimatis Beispiel"> +<tr><td align="left">P i M</td><td align="left"> </td><td align="left">Einiges Angenehme ist verwerflich</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alles Verwerfliche ist schdlich</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S i P</td><td align="left"></td><td align="left">Einiges Schdliche ist angenehm.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>4. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fesapo</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fesapo Beispiel"> +<tr><td align="left">P e M</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein bescheidener Mensch ist hochmtig</td></tr> +<tr><td align="left">M a S</td><td align="left"></td><td align="left">Alle Hochmtigen sind beschrnkt</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige beschrnkte Menschen sind nicht bescheiden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Fresison</span></em></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Fresison Beispiel"> +<tr><td align="left">P e M</td><td align="left"> </td><td align="left">Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten</td></tr> +<tr><td align="left">M i S</td><td align="left"></td><td align="left">Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut regiert</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">S o P</td><td align="left"></td><td align="left">Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_55" id="Par_55"></a> 55. Die logische Form des Schlusatzes im Verhltnis +zu den Prmissen.</h3> + +<p>Fr die logische Form des Schlusatzes aller vier +Figuren wurde die Regel aufgestellt: <em class="gesperrt">Der Schlu folgt +dem schwcheren Teil</em> (<span class="antiqua">conclusio sequitur partem +debiliorem</span>). Ist also eine der Prmissen partikulr oder +verneinend, so mu auch der Schlusatz partikulr oder +verneinend sein. Sind beide Prmissen allgemein, so kann +der Schlusatz allgemein oder partikulr sein.</p> + +<p>Demgem ergeben sich fr die <em class="gesperrt">erste Figur</em> Schlustze +von allen Formen: <span class="antiqua">a e i o</span>, fr die <em class="gesperrt">zweite</em> nur +negative: <span class="antiqua">e o</span>, fr die <em class="gesperrt">dritte</em> nur partikulre: <span class="antiqua">i o</span>, fr +die <em class="gesperrt">vierte</em>: partikulr bejahende, allgemein verneinende +und partikulr verneinende Schlustze: <span class="antiqua">i e o</span>.</p> + +<p>Ebenso folgt in <em class="gesperrt">Beziehung</em> auf die <em class="gesperrt">Modalitt</em> +der Schlusatz derjenigen Prmisse, welche die <em class="gesperrt">geringere +Gewiheit hat</em>; er ist apodiktisch, wenn beide Prmissen +apodiktisch sind, assertorisch oder problematisch, wenn eine +der Prmissen assertorisch oder problematisch ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> + + +<h3><a name="Par_56" id="Par_56"></a> 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.</h3> + +<p>Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein +sehr verschiedener, und es ist ein <em class="gesperrt">Hauptmangel</em> des +traditionellen Systems, da es im <em class="gesperrt">rein formalen +Interesse</em> der vollstndigen Klassifikation <em class="gesperrt">alle gleichberechtigt +nebeneinander</em> stellt. Am wertvollsten ist +die Form <span class="antiqua">Barbara</span>; ihr folgt besonders die mathematische +Beweisfhrung. Die brauchbarsten sind berhaupt die +allgemein bejahenden Schlustze. Die allgemein verneinenden +geben wenigstens ber die gegenseitige Ausschlieung +zweier Begriffe, die partikulren Schlustze ber deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehrigkeit +Auskunft. Die unnatrlichsten Formen finden sich in der +spter hinzugefgten vierten Figur.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Voraussetzung der traditionellen Lehre</em> +ist ein schon vorhandenes Begriffssystem, das mit der +Wirklichkeit bereinstimmt, so da es sich nur um eine +ber- oder Unterordnung der Begriffe und um eine +Subsumtion des einzelnen unter die Begriffe handeln +kann. Mit Rcksicht darauf lassen sich die einzelnen Modi +auf <em class="gesperrt">zwei Hauptformen zurckfhren</em>. Wenn das +Urteil gilt: <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span> oder nicht <span class="antiqua">P</span>, so knnen offenbar +auch die einzelnen Merkmale, die <span class="antiqua">P</span> enthlt, von dem +Subjekt <span class="antiqua">S</span> bejaht oder verneint werden, nach dem Grundsatz: +<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Nota notae est nota rei ipsius, repugnans +notae repugnat rei.</span></em> (Das Merkmal des Merkmals +ist ein Merkmal des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal +widerspricht, widerspricht auch dem Gegenstand.) Ebenso +kann das <span class="antiqua">P</span> von allem, was in den Umfang des Subjektes +<span class="antiqua">S</span> fllt, bejaht oder verneint werden, nach dem +sogenannten <em class="gesperrt"><span class="antiqua">dictum de omni et nullo</span></em>: Was von allen +gilt, gilt auch von einigen und einzelnen; was von keinem +gilt, gilt auch nicht von einigen oder einzelnen. Es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> +natrlich, da die Schlsse, solange sie nur dazu dienen, +die <em class="gesperrt">schon vorhandenen Begriffsverhltnisse immer +wieder auszulegen</em>, zum Fortschritt des Wissens nichts +beitragen. Dies geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst +der <em class="gesperrt">Neubildung von Begriffen</em> stellen.</p> + +<p>Es wurden daher <em class="gesperrt">Versuche verschiedener Art</em> +gemacht, dem Syllogismus eine fruchtbarere und einheitlichere +Form zu geben. <em class="gesperrt">Beneke</em> schliet sich noch nahe +an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes fr einen andern als Prinzip des Syllogismus +aufstellt. <em class="gesperrt">Lotze</em> stellt das disjunktive Urteil in den +Vordergrund, whrend <em class="gesperrt">Wundt</em> vor dem Versuche warnt, +irgend eine Schluform zur <em class="gesperrt">allgemeingltigen</em> zu machen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sigwart</em> sieht in dem <em class="gesperrt">gemischten hypothetischen +Schlu</em> (s. u. <a href="#Par_57"> 57</a>) die allgemeinste Form alles Schlieens +und fhrt dementsprechend alle Schluformen auf den Satz +der logischen Notwendigkeit zurck, da mit dem Grunde +die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben +sei. So ergibt sich z. B. fr alle Modi der 1. und +2. Figur eine einzige Formel:</p> + +<p>Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas <span class="antiqua">B</span> ist, ist es <span class="antiqua">A</span> — nicht <span class="antiqua">X</span></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Formel Syllogismus"> +<tr><td align="left">1. Figur: </td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">B</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist <span class="antiqua">A</span> — nicht <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left">2. Figur: </td><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">A</span> — ist <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Schlusatz: </td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> (alles, einiges, ein <span class="antiqua">C</span>) ist nicht <span class="antiqua">B</span></td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch <em class="gesperrt">nicht +unterschtzt</em> werden. Dies geschieht besonders auf Grund +von zweierlei Einwnden gegen seine Brauchbarkeit.</p> + +<p>Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle +Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist +Sokrates sterblich, msse der Schlusatz im Obersatz schon +vorausgesetzt werden: solange es noch ungewi wre, ob<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> +Sokrates sterblich ist, knnte auch der allgemeine Satz: +alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, +der Schlusatz setze also <em class="gesperrt">das schon voraus, was er +beweisen wolle</em>. Diesen Einwand gab J. St. Mill zu +und wich ihm aus, indem er den allgemeinen Satz berhaupt +fallen lie und an Stelle des Syllogismus den +Schlu vom Besonderen auf das Besondere setzte. Der +Schlu auf die Sterblichkeit des Sokrates wrde also +nicht von dem Grundsatz der allgemeinen Sterblichkeit +ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, da eine +Anzahl Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, +mit seinem allgemeinen Satz, dient nach Mill nur zur +Sicherung des Verfahrens.</p> + +<p>Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings +nicht zu leugnen, da <em class="gesperrt">tatschlich das bewute +Schlieen vielfach nur von Besonderem auf Besonderes +bergeht</em>, aber fr die logische Betrachtung +ist es auer Zweifel, da die Richtigkeit und Allgemeingltigkeit +des Schlusses immer von der richtigen Verwendung +des allgemeinen Satzes abhngig ist. Jener Widerspruch +aber ist nur gltig, wenn von den tatschlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer <em class="gesperrt">den allgemeinen +Satz mit seiner Anwendung auf alle +einzelnen Flle bestndig gegenwrtig htte</em>, der +bedrfte keines Schlusses; wenn aber tatschlich einmal +der <em class="gesperrt">Versuch</em> sich einstellt, <em class="gesperrt">dem allgemeinen Satz +gegenber eine Ausnahme gelten zu lassen</em>, wie +z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der Sterblichkeit +in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel +ins Gedchtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.</p> + +<p>Damit hngt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit +des Syllogismus zusammen: im wirklichen Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> +werden die Schlsse <em class="gesperrt">nie mit dieser Umstndlichkeit +vollzogen</em>, der Syllogismus knne also in keiner Weise +das richtige Denken untersttzen. Jedenfalls ist richtig, +da wir uns beim Denken selten der einzelnen Bestandteile +des Schlusses nach der Tafel der Syllogismen bewut +sind. Nach den psychologischen Gesetzen der bung +und Gewhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. +Vielmehr ist im voraus anzunehmen, da auch bei diesen +unzhligemal verwendeten Formen <em class="gesperrt">die Mittelglieder +dem Bewutsein entfallen</em> (vgl. <a href="#Par_28"> 28</a>), so da ganze +Reihen von Schlssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. <em class="gesperrt">Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten</em> +wird Glied fr Glied bercksichtigt; mancher Streit +im tglichen Leben dreht sich um unklar gedachte logische +Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewuten Elementen +nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit +auch dem Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf +Grund dieser Kenntnis kann es seine Irrwege als solche +erkennen und mit stetiger Sicherheit fortschreiten.</p> + + +<h3><a name="Par_57" id="Par_57"></a> 57. Der hypothetische Schlu.</h3> + +<p>Der hypothetische Schlu ist ein <em class="gesperrt">Schlu, in welchem</em> +mindestens der <em class="gesperrt">Obersatz ein hypothetisches Urteil</em> +ist. Ein Schlu heit <em class="gesperrt">rein</em>, wenn die Prmissen gleiche +Relation haben, im andern Fall <em class="gesperrt">gemischt</em>. So versteht +man unter <em class="gesperrt">gemischtem hypothetischen Schlu</em> gewhnlich +denjenigen Schlu, dessen Obersatz ein hypothetisches, und +dessen Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="gemischtem hypothetischen Schlu"> +<tr><td align="left">Wenn </td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt,</td><td align="left"></td><td align="left">so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> gilt</td><td align="left"> oder </td><td align="left"><span class="antiqua">X</span> gilt nicht</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left" colspan="3"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also</td><td>gilt <span class="antiqua">X</span></td><td></td><td align="left">also gilt <span class="antiqua">A</span> nicht.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der gemischte hypothetische Schlu ist also die einfache +Anwendung des Grundgesetzes, da mit dem Grund die<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> +Folge gesetzt (<span class="antiqua">modus ponens</span>), mit der Folge der Grund +aufgehoben ist (<span class="antiqua">modus tollens</span>).</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Z. B.: </td><td align="left">Wenn es geregnet hat, so ist es na.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Nun hat es geregnet</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es na,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>aber nicht umgekehrt:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel ungltige Umkehrung"> +<tr><td align="left">nun ist es na</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also hat es geregnet,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>ebensowenig:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel weitere ungltige Umkehrung"> +<tr><td align="left">nun hat es nicht geregnet</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also ist es nicht na,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>dagegen richtig:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel gltige Folgerung"> +<tr><td align="left">nun ist es nicht na</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also hat es nicht geregnet,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder, bei verneinendem Nachsatz:</p> + +<p>Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nun gibt es eine Vorsehung</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gibt es keinen Zufall,</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten +(<span class="antiqua">conditio sine qua non</span>):</p> + +<p>Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze +Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nun ist dieser Satz nicht richtig.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also kann die ganze Beweisfhrung nicht aufrecht erhalten werden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Der <em class="gesperrt">reine hypothetische Schlu</em> hat zwei hypothetische +Prmissen. Daraus, da etwas Folge des Grundes +ist, wird geschlossen, da es auch Folge dessen sein mu, +dessen Folge der Grund ist. Der <em class="gesperrt">Schlusatz</em> ist dann +<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>also selbst <em class="gesperrt">hypothetisch</em>, nach dem Schema:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Schema hypothetischer Schlu"> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">M</span></td></tr> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">M</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt <span class="antiqua">X</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses lt +sich auch kurz so ausdrcken: <em class="gesperrt">Die Folge der Folge ist +auch Folge des Grundes</em>.</p> + +<p> +Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhht, so verlngern<br /> +sich die Pendel der Uhren.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Wenn die Pendel der Uhren sich verlngern, so werden die Schwingungen verlangsamt.</td></tr> +<tr><td align="left">Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also: Wenn die Temperatur sich erhht, so gehen die Uhren nach.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<h3><a name="Par_58" id="Par_58"></a> 58. Der disjunktive Schlu.</h3> + +<p>Der disjunktive Schlu ist ein Schlu, <em class="gesperrt">dessen Obersatz +ein disjunktives Urteil</em> ist. Der Schlu beruht +auf dem in der Disjunktion ausgesprochenen Verhltnis +der Glieder.</p> + +<p>Es kann also</p> + +<p>I. <em class="gesperrt">von der Gltigkeit eines bestimmten Gliedes +auf die Ungltigkeit der brigen geschlossen +werden</em> (<span class="antiqua">modus ponendo tollens</span>):</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">A</span> weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span>;</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>II. <em class="gesperrt">auf die Gltigkeit eines Gliedes von der +Ungltigkeit aller brigen</em> geschlossen werden (<span class="antiqua">modus +tollendo ponens</span>):</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="modus tollendo ponens"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span> oder <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist weder <span class="antiqua">C</span> noch <span class="antiqua">D</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> + +<p>Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig +oder stumpfwinklig.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Nach <span class="antiqua">I.</span></td><td align="left">Nun ist es rechtwinklig</td></tr> +<tr><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.</td></tr> +<tr><td align="left" colspan="2">Nach <span class="antiqua">II.</span> Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">Also ist es rechtwinklig.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Ist die Disjunktion eine <em class="gesperrt">mehrgliedrige</em>, so ergibt +sich fr den Fall <span class="antiqua">I.</span> ein konjunktiv verneinendes Urteil, fr +den Fall <span class="antiqua">II.</span> eine um ein Glied verkleinerte Disjunktion. +Bei einer <em class="gesperrt">zweigliedrigen</em> Disjunktion ergibt sich im +ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das +einfach bejahende Urteil.</p> + +<p>Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das +<em class="gesperrt">Dilemma</em>, <em class="gesperrt">Trilemma</em>, <em class="gesperrt">Polylemma</em> (<span class="antiqua">syllogismus cornutus</span>). +Hier wird aus der Verneinung aller Glieder der +Disjunktion die Verneinung ihrer gemeinschaftlichen Voraussetzung +erschlossen.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma"> +<tr><td align="left">Wenn <span class="antiqua">A</span> gilt, so gilt entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left">Nun gilt weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gilt auch <span class="antiqua">A</span> nicht;</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>oder kategorisch gefat:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Dilemma kategorisch"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist entweder <span class="antiqua">B</span> oder <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left">Nun ist <span class="antiqua">S</span> weder <span class="antiqua">B</span> noch <span class="antiqua">C</span></td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist <span class="antiqua">S</span> auch nicht <span class="antiqua">A</span>.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisfhrung +von Leibniz:</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Trilemma von Leibniz"> +<tr><td align="left"> +Wre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter +allen mglichen Welten, so htte Gott die beste entweder +nicht gekannt, oder nicht hervorbringen und erhalten knnen, +oder nicht hervorbringen und erhalten wollen; nun aber +ist (infolge der gttlichen Weisheit, Allmacht und Gte)<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> +weder das erste, noch das zweite, noch das dritte wahr,<br /> +</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">also ist die wirkliche Welt die beste unter allen mglichen Welten.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_59" id="Par_59"></a> 59. Die zusammengesetzten und die verkrzten Schlsse.</h3> + +<p>Im <em class="gesperrt">zusammengesetzten Schlu</em> sind mehrere +Schlsse durch gemeinsame Glieder zu einem Ganzen vereinigt. +Sind die einzelnen Schlsse so angeordnet, da +der Schlusatz des ersten Schlusses zu einer Prmisse des +zweiten, und der Schlusatz des zweiten zu einer Prmisse +des dritten wird, so entsteht die <em class="gesperrt">Schlukette</em> (<span class="antiqua">syllogismus +concatenatus</span>). Derjenige Schlu, in welchem der gemeinsame +Satz Schlusatz ist, heit der <em class="gesperrt">Vorschlu</em> (Prosyllogismus) +im Verhltnis zum folgenden, dem <em class="gesperrt">Nachschlu</em> +(Episyllogismus). Bewegt sich die Schlukette in der +Richtung vom Vorschlu zum Nachschlu, so heit sie +<em class="gesperrt">episyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">progressiv</em>, im andern Fall +<em class="gesperrt">prosyllogistisch</em> oder <em class="gesperrt">regressiv</em>.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel"> +<tr><td align="left">Z. B. </td><td align="left">1. </td><td align="left">Der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left">2.</td><td align="left">Der Tugendhafte ist zufrieden</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Zufriedene ist glcklich</td></tr> +<tr><td colspan="2"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"></td><td align="left">Der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>progressiv in der Richtung: 1. 2.<br /> +regressiv in der Richtung: 2. 1.</p> + +<p>Ein Schlu, der durch Weglassung einer der beiden +Prmissen verkrzt ist, heit ein <em class="gesperrt">Enthymem</em>; z. B.: er +mu gestraft werden, denn er hat ein Verbrechen begangen.</p> + +<p>Wird in einem einfachen Schlu zu einer der beiden +Prmissen eine Begrndung hinzugefgt, so entsteht das +<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span><em class="gesperrt">Epicherem</em>.</p> + +<p>Wenn in einer progressiven Schlukette alle Schlustze +auer dem letzten weggelassen werden, so entsteht +eine einfachere Form, die <em class="gesperrt">Kettenschlu</em> oder <em class="gesperrt">Sorites</em> +genannt wird. Man unterscheidet nach dem Verhltnis, +in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +<em class="gesperrt">aristotelischen</em> und dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> (zuerst +behandelt 1598 von dem Marburger Professor Goklenius). +Bei dem <em class="gesperrt">aristotelischen Sorites</em> fehlen diejenigen +Schlustze, welche in dem folgenden Syllogismus Unterstze +werden, er schreitet also von den niederen Begriffen +zu den hheren fort und hat folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Kettenschlu"> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span> </td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">(Schlusatz </td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">(Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">C</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Zufriedene ist glcklich</td></tr> +<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>Bei dem <em class="gesperrt">goklenischen Sorites</em> fallen diejenigen +Schlustze aus, welche in dem folgenden Syllogismus +Oberstze werden, es wird von den hheren Begriffen zu +den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="goklenischen Sorites"> +<tr><td align="left">Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">C</span> ist <span class="antiqua">D</span> </td><td align="left">der Zufriedene ist glcklich</td></tr> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">C</span></td><td align="left">der Anspruchslose ist zufrieden</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">(Schlusatz </td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">(Obersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">B</span> ist <span class="antiqua">D</span>)</td></tr> +<tr><td align="left">Untersatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">B</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist anspruchslos</td></tr> +<tr><td></td><td align="left" colspan="2"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Schlusatz</td><td align="left"><span class="antiqua">A</span> ist <span class="antiqua">D</span></td><td align="left">der Tugendhafte ist glcklich.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + +<h3><a name="Par_60" id="Par_60"></a> 60. Fehlschlsse und Trugschlsse.</h3> + +<p>Ein unrichtiger Schlu wird <em class="gesperrt">Fehlschlu</em> (<span class="antiqua">paralogismus</span>) +genannt, wenn er auf Irrtum beruht, <em class="gesperrt">Trugschlu</em> +(<span class="antiqua">sophisma</span>), wenn er aus der Absicht, zu tuschen, +hervorging.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> + +<p>Solche Schlufehler beruhen teils auf einer <em class="gesperrt">Miachtung</em> +der <em class="gesperrt">Gesetze des Schlieens</em>, insbesondere +der fr die Schlufiguren geltenden Regeln, teils auf der +<em class="gesperrt">Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs</em>. Es sind dann statt der drei Begriffe +vier, aus denen der Schlu gezogen wird (<span class="antiqua">quaternio terminorum</span>).</p> + +<p>Von den folgenden Beispielen enthlt 1. und 5. Fehler +gegen die Gesetze des Schlieens, 2. 3. 4. eine <span class="antiqua">quaternio +terminorum</span>, 6. und 7. eine sophistische Verwendung des +Dilemmas.</p> + + +<p>1.</p> +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 1 Schlufehler"> +<tr><td></td><td align="left">Der Kaukasier hat Menschenrechte</td></tr> +<tr><td></td><td align="left">Der Neger ist kein Kaukasier</td></tr> +<tr><td></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td></td><td align="left">Folglich hat er keine Menschenrechte.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>2.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 2 Schlufehler"> +<tr><td align="left">Herodes war ein Fuchs</td></tr> +<tr><td align="left">Alle Fchse haben vier Fe</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also hatte Herodes vier Fe.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>3. Tertullians Schlu:</p> + +<p>Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, +dauernd mit den Fen nach oben und mit dem Kopf +nach unten zu leben.</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 3 Schlufehler: Tertullians Schlu"> +<tr><td align="left">Die Antipoden mten dies</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also gibt es keine Antipoden.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>4.</p> + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel 4 Schlufehler"> +<tr><td align="left">Aller Anfang ist schwer</td></tr> +<tr><td align="left">Miggang ist aller Laster Anfang</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also ist Miggang schwer.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p>5. Der „<em class="gesperrt">Lgner</em>” der Alten. Epimenides der Kreter +sagt: alle Kreter sind Lgner; Epimenides ist aber selbst +ein Kreter, also ist es nicht wahr, da die Kreter Lgner +sind, also sagt auch Epimenides die Wahrheit, also sind +alle Kreter Lgner &c. <span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>&c.</p> + +<p>6. <em class="gesperrt">Der Krokodilschlu</em>: Eine gypterin sah, wie +ihr am Nil spielendes Kind von einem Krokodil ergriffen +wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr das Kind wiederzugeben. +Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurckgeben, wenn du errtst, was ich tun werde. Die +Mutter tat den Ausspruch: Du wirst mir mein Kind +nicht wiedergeben. Beide argumentierten darauf in folgenden +Dilemmen gegeneinander: <em class="gesperrt">Das Krokodil sagt</em>: +Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so habe +ich das Kind nicht zurckgegeben</em>; denn ist deine +Rede wahr, so erhltst du es nicht wieder nach deinem +eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich es nicht +zurck laut unsrer bereinkunft. <em class="gesperrt">Die Mutter erwidert</em>: +Ich mag wahr oder falsch gesprochen haben, <em class="gesperrt">so mut +du mir mein Kind wiedergeben</em>. Denn ist meine +Rede wahr, so mut du es mir geben laut unsrer bereinkunft; +ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: +Du wirst mir mein Kind zurckgeben.</p> + +<p>7. <em class="gesperrt">Das Sophisma des Euathlus.</em> Euathlus nahm +beim Sophisten Protagoras Unterricht in der Sophistik +mit dem Vertrag, der Schler solle die zweite Hlfte des +Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten Proze +gewonnen htte. Als nun nach vollendetem Unterricht +Euathlus keinen Proze annahm und auch seinen Lehrer +nicht bezahlte, verklagte ihn dieser und brachte folgendes +Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den Richtern zu +meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mut du mich bezahlen. Werden +sie dich zur Zahlung verurteilen, so mut du zahlen kraft +dieses Urteilsspruchs; wirst du aber nicht verurteilt, so +mut du unsrem Vertrage gem bezahlen, denn du hast +den ersten Proze gewonnen.” Daraus antwortete Euathlus, +er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> +sei sein erster Proze; verliere er den, so brauche er gem +dem Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, +so brauche er gem dem Urteilsspruche der Richter nicht +zu bezahlen. — Die Richter sollen durch diesen Streit so +in Verlegenheit gesetzt worden sein, da sie ihre Entscheidung +auf unbestimmte Zeit vertagten.</p> + + +<h3><a name="Par_61" id="Par_61"></a> 61. Der Induktionsschlu.</h3> + +<p>Die Induktion ist der <em class="gesperrt">Schlu vom Besonderen +aufs Allgemeine</em>; sie gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen +allgemeine Stze und hat folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Form der Induktion"> +<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +<tr><td align="left">Sowohl <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> als <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> ... ist <span class="antiqua">S</span>.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="center">Jedes <span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td></tr> +</table></div><div><br class="both" /></div> + + +<p>Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion fhrt, +fat entweder <em class="gesperrt">lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare</em>, +nur in Raum und Zeit getrennte <em class="gesperrt">Flle</em> zu +einem <em class="gesperrt">Spezialgesetz zusammen</em>, z. B. der Satz, +da Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem Gewichtsverhltnis +zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +<em class="gesperrt">verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff</em>, +z. B. der Satz: Alle Elementarstoffe verbinden +sich chemisch in bestimmten Gewichtsverhltnissen. Im +ersteren Fall, bei der „<em class="gesperrt">Induktion von Spezialgesetzen</em>” +(Sigwart) wird geschlossen: Was in allen +einzelnen Fllen der gleichen Art gilt, gilt von der Art +berhaupt. Im zweiten Fall, bei der „<em class="gesperrt">generalisierenden +Induktion</em>” wird geschlossen: Was von allen Arten +einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.</p> + +<p>Die Induktion ist eine <em class="gesperrt">vollstndige</em>, wenn <span class="antiqua">M<sub>1</sub></span> +<span class="antiqua">M<sub>2</sub></span> <span class="antiqua">M<sub>3</sub></span> im Untersatz den ganzen Umfang des Begriffs <span class="antiqua">S</span> +ausfllen. Z. B.:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="Beispiel Induktion"> +<tr><td align="left">Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.</td></tr> +<tr><td align="left">Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind die alten Planeten.</td></tr> +<tr><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left">Also haben die alten Planeten Achsendrehung.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + +<p><em class="gesperrt">Unvollstndig</em> heit die Induktion, wenn durch +Aufzhlung der <span class="antiqua">M</span> der Umfang von <span class="antiqua">S</span> nicht erschpft +wird. So wrde das letztgenannte Beispiel eine unvollstndige +Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten berhaupt geschlossen wrde.</p> + +<p>Der Induktionsschlu hat <em class="gesperrt">hnlichkeit mit dem +Syllogismus der dritten Figur</em>, es wre nur +an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der Einteilungsglieder +getreten. Der Unterschied ist nur der, da +der Schlusatz <em class="gesperrt">nicht partikulren, sondern allgemeinen +Charakter</em> hat, und die Eigentmlichkeit +der Induktion besteht gerade darin, da sie unter der +Voraussetzung einer gewissen Gesetzmigkeit und Notwendigkeit +in der Welt von einer Anzahl sorgfltig beobachteter +einzelner Flle aus einen allgemeinen Satz aufstellt, +der auch auf andere noch nicht beobachtete Flle zu +schlieen erlaubt.</p> + +<p>Von den <em class="gesperrt">Fehlern</em>, die bei der Induktion vorkommen, +ist naturgem der hufigste die <em class="gesperrt">falsche Verallgemeinerung</em>, +besonders Verwechslung der bloen +zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem urschlichen Verhltnis +des <span class="antiqua">post hoc</span> mit dem <span class="antiqua">propter hoc</span>.</p> + + +<h3><a name="Par_62" id="Par_62"></a> 62. Der Analogieschlu.</h3> + +<p>In naher Beziehung zu dem Induktionsschlu steht +der <em class="gesperrt">Schlu der Analogie, als Schlu vom Besonderen +oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes</em>.<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> +Daraus, da zwei Arten oder Individuen in einer Reihe +von Merkmalen bereinstimmen, wird geschlossen, da sie +auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende Form:</p> + + +<div class="logic"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Induktionsschlu"> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">P</span>. </td><td align="left">Z. B.: Die Erde ist Trgerin organischen Lebens.</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">M</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">A</span>.</td><td align="left">Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphre, mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.</td></tr> +<tr><td align="left"></td><td align="left"><hr class="table" /></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="antiqua">S</span> ist <span class="antiqua">P</span>.</td><td align="left">Also ist auch der Mars Trger organischen Lebens.</td></tr> +</table> +</div><div><br class="both" /></div> + + + + +<h2><a name="II_Teil_Methodenlehre" id="II_Teil_Methodenlehre"><span class="antiqua">II.</span> Teil. Methodenlehre.</a></h2> + + +<h3><a name="Par_63" id="Par_63"></a> 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.</h3> + +<p>Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen +Elemente des Denkens, Begriffe, Urteile, Schlsse <em class="gesperrt">zum +Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden</em>. Das Ziel der Wissenschaft +berhaupt ist die Erkenntnis der der Wahrnehmung zugnglichen +Welt. Dazu gehrt zuerst ein <em class="gesperrt">Weltbild</em> in +den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, +den die Wissenschaft erst gestaltet und der deshalb nicht +in das Gebiet der Logik fllt. Weiter enthlt das Ideal +der Welterkenntnis ein <em class="gesperrt">vollstndiges Begriffssystem</em>, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt +nach durch <em class="gesperrt">Erklrungen</em> vollkommen verdeutlicht, als +auch ihrem Umfang nach durch <em class="gesperrt">Einteilungen</em> klar +gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> +vollkommener Urteile, welche unser Wissen ber den Zusammenhang +der Welt aussprechen, und einer erschpfenden +Begrndung dieser Urteile durch ein sorgfltiges <em class="gesperrt">Beweisverfahren</em>. +Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annhern kann, so mu +sie sich noch der <em class="gesperrt">Mittel ihres stetigen Fortschrittes</em> +bewut werden, der Methoden, durch welche +eine neue Erkenntnis zustande kommt.</p> + +<p>So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre +zu behandeln hat: die <em class="gesperrt">Begriffsbestimmung</em>, +<em class="gesperrt">die Einteilung</em>, <em class="gesperrt">der Beweis</em> und der <em class="gesperrt">Fortschritt +der Wissenschaft</em>.</p> + + +<h3>1. Die Begriffsbestimmung.</h3> + +<h3><a name="Par_64" id="Par_64"></a> 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Begriffsbestimmung oder Definition +ist ein Urteil, in welchem die Bedeutung eines +einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben +wird</em>, entweder durch <em class="gesperrt">vollstndige</em> Auffhrung +der Merkmale eines Begriffs oder durch Angabe +der <em class="gesperrt">nchsthheren Gattung</em> (<span class="antiqua">genus proximum</span>) und +<em class="gesperrt">des artbildenden Unterschieds</em> (<span class="antiqua">differentia specifica</span>). +Durch das erstere wird der Begriff vollkommen +deutlich gemacht, durch das letztere seine Stellung im geordneten +System der Begriffe angegeben.</p> + +<p>Man unterscheidet gewhnlich zwischen <em class="gesperrt">Worterklrungen</em> +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heit Einteilung, +und <em class="gesperrt">Sacherklrungen</em> (Realdefinitionen), welche +den Inhalt des Gedachten darlegen. Fr die Logik gibt +es aber nur Worterklrungen, die zugleich Sacherklrungen +sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> +bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition +in dem genannten Sinn fllt rein in das sprachliche +Gebiet.</p> + +<p>Die vollstndige Angabe der Merkmale eines Begriffs +ist in den meisten Fllen nicht mglich. Die <em class="gesperrt">gebruchliche +Art der Begriffsbestimmung</em> ist daher diejenige, +welche den bergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm +ist ein Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der +Gattungsbegriff, die Parallelitt der Gegenseiten das Merkmal, +welches das Parallelogramm von anderen Arten des +Vierecks unterscheidet.</p> + +<p>Wird der Begriff im Anschlu an den bestehenden +Sprachgebrauch bestimmt, so heit die Definition <em class="gesperrt">analytisch</em>. +<em class="gesperrt">Synthetisch</em> ist sie, wenn mit einem Wort ein neuer +Begriff ohne oder nur in teilweiser bereinstimmung mit +dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, +der <em class="gesperrt">nur ein Merkmal hat</em>, z. B. Sein, Etwas, kann +eine eigentliche Definition nicht gegeben werden.</p> + + +<h3><a name="Par_65" id="Par_65"></a> 65. Fehler der Begriffsbestimmung.</h3> + +<p>Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, +werden folgende angefhrt:</p> + +<p>1. Die Definition ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn ihr wesentliche +Merkmale fehlen, z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges +Parallelogramm. Sie ist zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu viel Merkmale +aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine geradlinige +Figur mit drei gleichen Seiten.</p> + +<p>2. Die Definition darf <em class="gesperrt">keine berflssigen Merkmale</em> +aufnehmen, die in anderen schon enthalten oder notwendig +mit ihnen gegeben sind (Abundanz); z. B. Parallele +Linien sind solche Linien, die gleiche Richtung und berall +gleichen Abstand voneinander haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p> + +<p>3. Die <em class="gesperrt">Tautologie</em> ist zu vermeiden. Der zu definierende +Begriff darf weder ausdrcklich noch versteckt in +der Definition wiederkehren, z. B. das Gedchtnis ist das +Vermgen, des frher Bewutgewordenen wieder zu gedenken.</p> + +<p>4. Ein <em class="gesperrt">Zirkel</em> entsteht, wo ein Begriff durch einen +zweiten, dritten, vierten und der zweite oder dritte oder +vierte wieder durch den ersten erklrt wird, z. B. Gre +ist das der Vermehrung und der Verminderung Fhige; +da Vermehrung Zunahme der Gre und Verminderung +Abnahme der Gre ist, so ist der Begriff der Gre in +der Definition derselben schon vorausgesetzt.</p> + +<p>5. In der Definition drfen <em class="gesperrt">keine bildlichen Ausdrcke</em> +gebraucht werden, weil sie zu unbestimmt sind, +und <em class="gesperrt">negative Bestimmungen</em> nur da, wo die positiven +nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +groen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, +die keine Ecken hat.</p> + +<p>6. Die Definition <em class="gesperrt">darf nicht mit der Aufzhlung +der Arten des Begriffs verwechselt werden</em>, denn +diese enthalten ihn ja selbst, so da ein Zirkel entstnde; +z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.</p> + +<p>Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch <em class="gesperrt">weniger +strenge Formen</em> angegeben werden, die von der Erklrung +im logischen Sinn unterschieden werden mssen; +z. B. die Beschreibung, die Errterung, die Entwickelung, +die Erluterung.</p> + + +<h3>2. Die Einteilung.</h3> + +<h3><a name="Par_66" id="Par_66"></a> 66. Das Wesen der Einteilung.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Einteilung ist die vollstndige Angabe +der Teile des Umfangs eines Begriffs.</em> Der +Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> +Verhltnis der <em class="gesperrt">Disjunktion</em> zueinander stehen. Die +sprachliche Form der Einteilung ist das <em class="gesperrt">divisive</em> Urteil: +Die Vgel sind teils Luftvgel, teils Erdvgel, teils +Wasservgel.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> einer solchen Differenzierung +eines Gattungsbegriffs in seine Artbegriffe ist, da er +noch in einem oder mehreren seiner Merkmale <em class="gesperrt">unbestimmt +sei</em>. Dasjenige Merkmal, in welchem die Unterschiede +hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, +heit <em class="gesperrt">Einteilungsgrund</em> (<span class="antiqua">fundamentum sive principium +divisionis</span>).</p> + +<p>Die Einteilung geschieht entweder durch <em class="gesperrt">innere Entwickelung +schon vorhandener Merkmale</em> oder +<em class="gesperrt">Hinzunahme neuer</em>. <em class="gesperrt">Im ersten Fall</em> liegt der +Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist +mit dem Begriff der Linie das Merkmal der Richtung +schon gegeben, die als Bewegung vorgestellt wird und +entweder, wie bei der geraden Linie, gleichbleiben kann, +oder wie bei der krummen, sich stetig ndert. <em class="gesperrt">Im zweiten +Fall</em> geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, +das im ursprnglichen Begriff nur als unbestimmte +Mglichkeit gegeben war. So kann der Begriff der +Flssigkeit nach Geschmacksunterschieden eingeteilt werden, +whrend das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines +Merkmals einen Unterschied begrnden.</p> + + +<h3><a name="Par_67" id="Par_67"></a> 67. Arten und Fehler der Einteilung.</h3> + +<p>Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heit die +Einteilung <em class="gesperrt">Dichotomie</em>, <em class="gesperrt">Trichotomie</em>, <em class="gesperrt">Tetrachotomie</em>, +<em class="gesperrt">Polytomie</em>. Oft verlieren sich die Arten in +eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schliet in sich die Arten des Vierecks, des Fnfecks, des<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> +Sechsecks u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen +<em class="gesperrt">natrlicher</em> Einteilung, die sich auf alle wesentlichen +Merkmale eines Begriffes sttzt, und <em class="gesperrt">knstlicher Einteilung</em>, +bei welcher ein einzelnes Merkmal als Einteilungsgrund +bentzt wird, doch womglich so, da die +Modifikationen dieses Merkmals in urschlichem Zusammenhang +mit den Modifikationen der anderen Merkmale stehen. +Im Gegensatz zur natrlichen Einteilung steht z. B. +Linns Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und +Stellung der Staubgefe in 24 Klassen.</p> + +<p>Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung +von dem <em class="gesperrt">logischen Umfang</em> eines Begriffes +oder von dem <em class="gesperrt">empirischen Umfang</em> desselben ausgegangen +wird. Es mten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben smtliche Farben vertreten +sein, auch blau oder grn, whrend die empirische +nur nach den tatschlich vorhandenen Farben klassifiziert. +Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschpft wird, ist damit noch keine Garantie fr +logische Vollstndigkeit gegeben.</p> + +<p>Die hauptschlichen <em class="gesperrt">Fehler</em> der Einteilung sind +folgende:</p> + +<p>1. Die Einteilung ist zu <em class="gesperrt">weit</em>, wenn sie zu viel, +zu <em class="gesperrt">eng</em>, wenn sie zu wenig Einteilungsglieder enthlt. +Zu weit ist z. B. die Einteilung der Dreiecke in rechtwinklige, +schiefwinklige und gleichwinklige.</p> + +<p>2. Die Glieder der Einteilung mssen <em class="gesperrt">einander +ausschlieen</em>, drfen sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung +der Neigungen in Selbstliebe, Neigung zu andern +und gegenseitige Neigung.</p> + +<p>3. Es drfen nicht verschiedene <em class="gesperrt">Einteilungsgrnde +vermischt werden</em>, sonst wird die Einteilung<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> +<em class="gesperrt">verworren</em>, z. B. die der Menschen in Europer +und Schwarze.</p> + + +<h3>3. Der Beweis.</h3> + +<h3><a name="Par_68" id="Par_68"></a> 68. Der Beweis und seine Arten.</h3> + +<p>In einem System der Wissenschaft mssen die Begriffe +durch Erklrungen und Einteilungen ihrem Inhalt +und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese Begriffe +kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen +gewisse Prdikate zu- oder absprechen, und diese Urteile +selbst bedrfen der Begrndung, um gltig zu sein. Dies +geschieht, indem einzelne Schlsse <em class="gesperrt">zum Beweis verbunden +werden</em> und so jedes einzelne Urteil durch +seinen <em class="gesperrt">Zusammenhang mit andern bereits feststehenden</em> +in das System der Wissenschaft aufgenommen +wird.</p> + +<p>Der Beweis ist also die <em class="gesperrt">syllogistische Ableitung +eines Urteils aus anderen Urteilen, die als +gewi und notwendig erkannt sind</em>. Doch bedrfen +auch diese eigentlich wieder des Beweises und so +fhrt genau genommen jeder Beweis zu gewissen Stzen +zurck, die einer Begrndung weder fhig, noch bedrftig +sind, zu den <em class="gesperrt">Grundstzen</em> oder <em class="gesperrt">Axiomen</em>. <em class="gesperrt">Vom +einzelnen Schlu unterscheidet sich der Beweis</em> +dadurch, da das zu beweisende Urteil im voraus +bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis bildet, und +da auch auf die materiale Wahrheit der Prmissen Rcksicht +genommen wird. Auerdem stellt der Beweis gewhnlich +eine ganze Schlukette dar.</p> + +<p>Der Beweis ist ein <em class="gesperrt">direkter</em>, wenn er die Wahrheit +eines Satzes einfach durch kategorischen oder hypothetischen +Schlu aus feststehenden Prmissen ableitet, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> +<em class="gesperrt">indirekter</em> oder <em class="gesperrt">apagogischer</em>, wenn der zu beweisende +Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung +der brigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. +Ein direkter Beweis ist es z. B., wenn daraus, da die +Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich einem Rechten +ist, bewiesen wird, da der dritte Winkel ein Rechter sein +mu; ein indirekter Beweis wre es, wenn von der +Disjunktion ausgegangen wrde: Entweder ist er ein +stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter Winkel, und aus +der Ungltigkeit der beiden ersten Glieder die Gltigkeit +des letzten gefolgert wrde.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Widerlegung</em> (<span class="antiqua">refutatio</span>) ist <em class="gesperrt">der Beweis +der Unrichtigkeit eines Satzes oder eines +Beweises</em>. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt daraus, +da er selbst oder eine seiner Konsequenzen (<span class="antiqua">deductio ad +absurdum</span>) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit +wird also bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen +Gegenteils. Die <em class="gesperrt">Widerlegung eines +Beweises</em> geschieht durch Entkrftung der Beweisgrnde. +Zur <em class="gesperrt">grndlichen</em> Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehrt aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, +als die Widerlegung des gegnerischen Beweises.</p> + + +<h3><a name="Par_69" id="Par_69"></a> 69. Auffindung und Fehler des Beweises.</h3> + +<p>Es erhebt sich noch die Frage, <em class="gesperrt">wie der Beweis +gefunden wird</em>. Da der Beweis durch Schlsse sich +bewegt, so mu er das zu gewinnen suchen, was die +Schlsse mglich macht, einen <em class="gesperrt">Mittelbegriff</em>. Wre +der Satz zu beweisen, da Tugend lehrbar ist, so mte +ein Mittelbegriff gefunden werden, der einerseits der +Tugend als Prdikat zugesprochen werden und andrerseits +das Subjekt zu lehrbar bilden knnte. Ein solcher Mittelbegriff +ist Wissen, daraus ergibt sich der Schlu: Wissen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> +ist lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend +lehrbar. Doch wird nur selten ein einziger Mittelbegriff +gengen. In den meisten Fllen mssen die Vermittlungen +auf umstndlichere Weise gesucht werden.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">hauptschlichsten Beweisfehler</em> sind, +neben den schon genannten Versten gegen die Regeln +des Schlusses berhaupt, folgende:</p> + +<p>1. Die unvollstndige Disjunktion beim indirekten +Beweis.</p> + +<p>2. Eine unrichtige Prmisse, durch welche die ganze +folgende Beweisfhrung in Frage gestellt wird (<span class="antiqua">proton +pseudos</span>).</p> + +<p>3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, +so da etwa in einer der Prmissen der Schlusatz schon +enthalten wre (Zirkelbeweis).</p> + +<p>4. Das, was aus den Prmissen erschlossen wird, +darf nicht von dem zu Beweisenden abweichen (<span class="antiqua">heterozetesis</span>), +weder qualitativ (<span class="antiqua">metabasis eis allo genos</span>), noch quantitativ, +indem zu viel oder zu wenig bewiesen wird.</p> + +<p>Werden diese Fehler mit der Absicht zu tuschen gemacht, +so spricht man von <em class="gesperrt">Erschleichung</em> (<span class="antiqua">subreptio</span>).</p> + + +<h3>4. Der Fortschritt der Wissenschaft.</h3> + +<h3><a name="Par_70" id="Par_70"></a> 70. Die verschiedenen Methoden.</h3> + +<p>Durch Erklrungen und Einteilungen wird das Verhltnis +der Begriffe zueinander geordnet, durch den Beweis +der logische Zusammenhang zwischen den Urteilen +hergestellt; damit ist gezeigt, <em class="gesperrt">wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden</em>.</p> + +<p>Die Wissenschaft begngt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, +sondern <em class="gesperrt">sie schreitet fort</em>; es erhebt sich +also noch die Frage, welche Methoden sie anwendet, um<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> +zu <em class="gesperrt">neuen Erkenntnissen</em> zu gelangen. Hier sind +folgende Wege mglich:</p> + +<p>1. Man geht aus <em class="gesperrt">vom einzelnen tatschlich +Gegebenen</em>, das man beobachten kann, und sucht <em class="gesperrt">daraus +allgemeine Stze</em> zu gewinnen. Dies ist das +<em class="gesperrt">induktive</em> Verfahren.</p> + +<p>2. Man geht aus <em class="gesperrt">von den allgemeinen Stzen</em>, +die man schon gewonnen hat, und sucht durch logische +Verarbeitung derselben neue <em class="gesperrt">Aufschlsse ber das +Besondere und Einzelne</em> zu gewinnen. Dies ist +das <em class="gesperrt">deduktive</em> Verfahren.</p> + +<p>3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet +aber nur <em class="gesperrt">in der Verbindung beider Methoden</em>, +der Induktion und Deduktion, statt, wie sie besonders die +<em class="gesperrt">Hypothese darstellt</em>.</p> + +<p>4. Die Art endlich, wie die <em class="gesperrt">Wissenschaft als +Ganzes</em> fortschreitet, ist bestimmt durch <em class="gesperrt">das logische +Ideal des Systems</em>.</p> + + +<h3><a name="Par_71" id="Par_71"></a> 71. Das induktive Verfahren.</h3> + +<p>Die Induktion als einfacher Schlu wurde schon in +der Elementarlehre behandelt ( 61). Die <em class="gesperrt">wichtigsten +Leistungen der induktiven Methode</em> sind folgende:</p> + +<p>1. Die Induktion fhrt zur <em class="gesperrt">Bildung realgltiger +Begriffe</em>. Unsere Begriffe sind zunchst nur <em class="gesperrt">subjektive +Gebilde</em> und bedrfen der fortwhrenden Verbesserung +durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns +schon gebildeten Begriff fllt, aber ein Merkmal zeigt, das +wir in diesen Begriff noch nicht aufgenommen haben, so +tritt die Frage an uns heran, ob dieses Merkmal mit dem +Begriff <em class="gesperrt">notwendig zusammengehrt oder nicht</em>. +Wir werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> +allen Gegenstnden, die unter diesen Begriff fallen, das +neue Merkmal findet, und je hufiger dies der Fall ist, +mit um so grerer Wahrscheinlichkeit werden wir die +Frage der Zusammengehrigkeit bejahen knnen. Auf +diesem Wege knnen unsere subjektiven Begriffe allmhlich +zu Wesensbegriffen werden, die der Wirklichkeit entsprechen. +In der beschriebenen Weise wird z. B. derjenige verfahren, +der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufgen mu.</p> + +<p>Nun zeigt aber die <em class="gesperrt">Tatsache der Vernderung</em>, +da die Notwendigkeit, welche die Merkmale der Dinge +zusammenhlt, doch keine unbedingte ist, es mte denn +<em class="gesperrt">die Vernderung selbst nach notwendigen Gesetzen</em> +vor sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung +aus dem Wesen der Dinge selbst heraus, wie bei +den organischen Wesen, oder <em class="gesperrt">durch uere Ursachen</em> +veranlat. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion.</p> + +<p>2. Wir gewinnen durch Induktion <em class="gesperrt">allgemeine +Stze ber das Wirken von Ursachen</em>. Besonders +diese Seite der Induktion hat durch <em class="gesperrt">J. St. Mill</em> eine +grundlegende Bearbeitung erfahren.</p> + +<p>Es ist die <em class="gesperrt">gewhnliche Vorstellung</em>, da wir +das Wirken von Ursachen ebenso wie irgend etwas anderes +unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit beobachten wir +nur, da eine Vernderung auf eine andere folgt. Explodiert +eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand +sie berhrt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung +dieses Vorgangs ganz dieselbe, ob die Berhrung +die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein zuflliges +Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, +da wir da ein kausales Verhltnis annehmen, <em class="gesperrt">wo eine +Vernderung regelmig auf eine andere</em><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> +<em class="gesperrt">folgt</em>. Es gilt also der Satz: Die <em class="gesperrt">Ursache</em> ist das +<em class="gesperrt">regelmige <span class="antiqua">Antecedens</span></em>, die <em class="gesperrt">Wirkung das +regelmige <span class="antiqua">Consequens</span></em>. Wenn jene Explosion +unter denselben Umstnden regelmig erfolgen wrde, +so wrden wir schlielich die Berhrung als Ursache annehmen. +Damit aber nicht auch die Nacht als Ursache +des Tages angesehen werde, fgt Mill hinzu, das <span class="antiqua">Consequens</span> +msse dem <span class="antiqua">Antecedens</span> <em class="gesperrt">unbedingt</em>, d. h. unabhngig +von irgend welchen andern bedingenden Umstnden, +z. B. von dem Aufgang der Sonne, folgen.</p> + +<p>Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem +Wege sichere Gesetze ber das Wirken von Ursachen zu +gewinnen, stellt Mill <em class="gesperrt">zwei Hauptmethoden</em> auf, die +Methode der bereinstimmung und die Methode der +Differenz.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Methode der bereinstimmung</em> wird von +ihm in folgendem „Kanon” zusammengefat: „Wenn zwei +oder mehr Instanzen des zu erforschenden Phnomens +nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in +dem allein alle Instanzen bereinstimmen, die Ursache +(oder Wirkung) des gegebenen Phnomens.”</p> + +<p>Bezeichnen wir das Antecedens mit groen und das +entsprechende Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt +sich folgendes Schema:</p> + + +<div class="center"> +<div class="antiqua"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Ursache - Wirkung"> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">D</td><td align="left">E</td><td align="left">a</td><td align="left">d</td><td align="left">e</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">F</td><td align="left">G</td><td align="left">a</td><td align="left">f</td><td align="left">g</td></tr> +</table></div></div> + +<p>Da <span class="antiqua">B C D E F G</span> nicht jedesmal dabei sind, wenn +<span class="antiqua">a</span> auf <span class="antiqua">A</span> folgt, so knnen sie jedenfalls nicht die Ursachen +sein, also mu es <span class="antiqua">A</span> sein. Die Wirkung <span class="antiqua">a</span> sei z. B. +Kristallisation. Wir vergleichen Flle, in denen Krper +kristallinisches Gefge annehmen, aber sonst in nichts +<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>bereinstimmen; zeigt sich, da sie nur <em class="gesperrt">ein</em> Antecedens +gemeinsam haben, nmlich: Ablagerung eines festen Stoffes +aus einem flssigen Zustand, so schlieen wir, da das +Festwerden einer Substanz aus einem flssigen Zustand +ein unabnderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Methode der Differenz</em> wird von Mill +folgendermaen gefat:</p> + +<p>„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende +Phnomen eintritt, und eine Instanz, in der es nicht eintritt, +jeden Umstand bis auf einen gemein haben, indem +dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so ist der +Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, +die Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher +Teil der Ursache des Phnomens.”</p> + +<p>Hier werden also zwei Flle verglichen, die sich durch +nichts anderes unterscheiden, als dadurch, da in dem +einen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">a</span> gegenwrtig ist und in dem andern fehlt, +nach dem Schema:</p> + + +<div class="center"> +<div class="antiqua"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Schema Differenzvergleich"> +<tr><td align="left"></td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left"></td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +<tr><td align="left">A</td><td align="left">B</td><td align="left">C</td><td align="left">a</td><td align="left">b</td><td align="left">c</td></tr> +</table></div></div> + +<p>Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen +wir, da es der Schu war, der ihn ttete, weil er unmittelbar +vorher noch in der Vollkraft des Lebens war +und als neues <span class="antiqua">Antecedens A</span> nur die Wunde hinzukam. +Die Wirkung <span class="antiqua">a</span>, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, +mu deshalb durch <span class="antiqua">A</span> bewirkt sein.</p> + +<p>Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender +Wirkung kann leicht auch knstlich zustande gebracht +werden. Die Differenzmethode ist daher vorzugsweise +die Methode des <em class="gesperrt">Experiments</em>.</p> + +<p>Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte bereinstimmungs- +und Unterschiedsmethode, eine Methode der +Rckstnde und eine Methode der Begleitvernderungen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> + +<p>3. Die Induktion fhrt auch zu <em class="gesperrt">blo empirischen +Gesetzen</em>, die keinen urschlichen Zusammenhang, sondern +nur ein tatschliches Geschehen oder regelmige Zusammenhnge +verschiedener Vorgnge aussagen, z. B., da ein +frei fallender Krper Rume beschreibt, die den Quadraten +der Zeit proportional sind, oder da Ebbe und Flut in +regelmigen Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die +<em class="gesperrt">Aufgabe der Wissenschaft</em>, auch diese zunchst +empirischen Gesetze auf kausale Zusammenhnge zurckzufhren.</p> + +<p>4. Durch die <em class="gesperrt">generalisierende Induktion</em> gelangt +man <em class="gesperrt">von spezielleren Gesetzen zu allgemeineren</em>. +Wenn <span class="antiqua">A B C</span> bereinstimmend das Prdikat +<span class="antiqua">P</span> haben, so wird geschlossen, da dies seinen Grund in +gewissen gemeinsamen Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> habe; aus diesen +Merkmalen <span class="antiqua">E</span> und <span class="antiqua">F</span> wird dann der hhere Gattungsbegriff +gebildet und angenommen, da alle Gegenstnde, +die unter denselben fallen, das Prdikat <span class="antiqua">P</span> haben mssen. +So gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, da +alle Krper, die schwerer sind als Wasser, im Wasser +untersinken. Dabei wird allerdings eine ber die Erfahrung +hinausgehende Voraussetzung gemacht, nmlich die, +da aus bereinstimmenden Grnden auch bereinstimmende +Folgen flieen.</p> + + +<h3><a name="Par_72" id="Par_72"></a> 72. Das deduktive Verfahren.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum +Besonderen und Einzelnen herab</em>: teils setzt sie die +gewonnenen allgemeinen Begriffe und Wahrheiten in Beziehung +zueinander und gewinnt daraus <em class="gesperrt">neue allgemeine +Erkenntnisse</em>, wie dies in ausgedehntem Mae +die Mathematik tut; teils leitet sie aus den erkannten +<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>allgemeinen Gesetzen die <em class="gesperrt">einzelnen tatschlichen Erscheinungen</em> +ab. Es ist daher hauptschlich die Aufgabe +der Deduktion, <em class="gesperrt">die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen +zu erklren</em>. Dies geschieht durch einfache Syllogismen, +welche den gegebenen Fall als Folge eines oder +mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklrt sie z. B. +die Tatsache, da eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, da Wasser beim Gefrieren +sich ausdehnt, und aus dem andern, da das Glas wegen +seiner Sprdigkeit sich nicht ausdehnen kann. Auf demselben +deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer Reihe +von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wre z. B. +die mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklren.</p> + + +<h3><a name="Par_73" id="Par_73"></a> 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und +die Hypothese.</h3> + +<p>Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion +folgt unmittelbar, da <em class="gesperrt">sie einander nicht entbehren +knnen</em>. Die Deduktion geht aus von allgemeinen +Stzen und bedarf deshalb der Induktion, die +allgemeine Stze findet. Die Induktion fhrt nur zu +einem hheren Grade von Wahrscheinlichkeit und bedarf +einer fortwhrenden Prfung ihrer Resultate. Dies geschieht +am besten dadurch, da man aus den allgemeinen +Stzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur +Probe fr ihre Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne +daraus zu erklren.</p> + +<p>Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden +fr die Wissenschaft fruchtbar zu machen, ist die <em class="gesperrt">Hypothese</em>. +Die Hypothese <em class="gesperrt">ist die vorlufige Annahme +der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prfung +an den daraus abgeleiteten Folgen</em>. Jede +einzelne Folgerung aus der Hypothese, die formell richtig +abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen oder anderen wahren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> +Stzen in Widerspruch steht, beweist die <em class="gesperrt">Unwahrheit +der Hypothese</em>. Jede Folge, die materiale Wahrheit +hat, fhrt aber nur zu <em class="gesperrt">grerer Wahrscheinlichkeit</em>, +die sich allerdings der vollen Gewiheit nhern kann. +Die Hypothese ist ferner um so wahrscheinlicher, je einfacher +sie ist und je weniger sie <em class="gesperrt">Hilfshypothesen</em> braucht. +Die Hypothese erlangt Gewiheit und wird zur <em class="gesperrt">Theorie</em>, +wenn es gelingt, sie als das einzig mgliche Mittel zur +Erklrung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen +oder sie von bereits anerkannten Stzen abzuleiten.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Entwickelung der Wissenschaft</em> geht <em class="gesperrt">immer +durch Hypothesen hindurch</em>. Dies zeigt z. B. die +ganze Geschichte der Astronomie; Hypothesen sind ferner +die philologischen Konjekturen, die Versuche zur Erklrung +des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose +des Arztes.</p> + + +<h3><a name="Par_74" id="Par_74"></a> 74. Das System.</h3> + +<p><em class="gesperrt">Das System ist die Verbindung zusammengehriger +Erkenntnisse zu einem logisch geordneten +Ganzen.</em> Die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em> ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen +Erkenntnisse in der Form dieser Verbindung. +Wre die Wissenschaft als System vollendet, so mte +einerseits eine <em class="gesperrt">vollkommene Klassifikation</em>, anderseits +eine <em class="gesperrt">vollkommene Deduktion</em> erreicht sein. Die <em class="gesperrt">Gesamtheit +der Begriffe</em> mte eine <em class="gesperrt">Pyramide</em> darstellen, +deren Spitze der hchste Begriff, deren Grundlage +die untersten Arten bilden wrden, die selbst die gesamte +wirkliche Welt umfaten. Die Deduktion aber wrde alle +<em class="gesperrt">wahren Urteile</em> durch <em class="gesperrt">ein System von Schlssen</em>, +durch eine Kette von Beweisen verbinden, die in ununterbrochener<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> +Reihenfolge zu den letzten Prmissen, zu den +Axiomen zurckfhren wrden.</p> + +<p>Die Wissenschaften sind noch weit von diesem <em class="gesperrt">logischen +Ideal</em> entfernt, aber sie werden dasselbe <em class="gesperrt">nicht +entbehren knnen</em>, wenn sie nicht in Einseitigkeit verfallen +wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder nicht, +ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches +Ziel angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie +der Naturwissenschaft hat <em class="gesperrt">die von unten aufbauende +Methode in den Vordergrund gestellt</em>, und mit +Recht wenden sich die besten Krfte der genauen Erforschung +der Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche +Arbeitsteilung droht das Ganze der Wissenschaft und +der Wissenschaften in lauter kleine und kleinste Teile zu +zersplittern: es ist die <em class="gesperrt">Aufgabe der Philosophie</em>, das +Bewutsein wach zu erhalten, <em class="gesperrt">da die Wissenschaft +nur als Ganzes ihren Zweck erfllt</em>, und da sie +das nur kann, solange sie den Gedanken festhlt, wenn +auch nur als leitenden Grundsatz, da die wissenschaftliche +Arbeit <em class="gesperrt">von unten</em> und die <em class="gesperrt">von oben her</em> einmal <em class="gesperrt">zusammenkommen</em> +mssen.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Literatur" id="Literatur">Literatur.</a></h2> + +<h3><span class="antiqua">A.</span> Einleitung in die Philosophie:</h3> + + +<p><em class="gesperrt">Klpe</em>, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.</p> + +<p><em class="gesperrt">Paulsen</em>, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.</p> + +<p><em class="gesperrt">Volkelt</em>, I., Vortrge zur Einfhrung in die Philosophie der +Gegenwart. 1892.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Prludien, Aufstze und Reden zur Einleitung +in die Philosophie. 2. Aufl. 1903.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.</p> + + +<h3><span class="antiqua">B.</span> Geschichte der Philosophie.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></h3> + +<h4><span class="antiqua">I.</span> Geschichte der Philosophie berhaupt:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Bergmann</em>, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bnde. 1892/93.</p> + +<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. +4. Aufl. 1895/96.</p> + +<p><em class="gesperrt">Eucken</em>, R., Die Lebensanschauungen der groen Denker. +3. Aufl. 1899.</p> + +<p><em class="gesperrt">Rehmke</em>, J., Grundri der Geschichte der Philosophie. 1896.</p> + +<p><em class="gesperrt">berweg-Heinze</em>, Grundri der Geschichte der Philosophie. +4 Bde. 8. Aufl. 1894-97.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.</p> + +<div class="footnote"> + +<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Die Titel derjenigen Bcher von <span class="antiqua">B</span> bis <span class="antiqua">D</span>, welche neben dem +beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen +zur weiteren Einfhrung und zur Vorbereitung auf die groen +systematischen Werke wegen ihrer greren Verstndlichkeit sich eignen, +<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>sind <em class="gesperrt">gesperrt gedruckt</em>.</p></div> + + +<h4><span class="antiqua">II.</span> Alte Philosophie:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Deussen</em>, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span> +1894/99 (Indische Philosophie).</p> + +<p><em class="gesperrt">Gomperz</em>, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken +Philosophie. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>. 1901.</p> + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Zeller"> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Zeller</em>,</td><td align="left">E.,</td><td align="left">Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.</td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">„</td><td align="center" valign="top">„</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundri der Geschichte der griechischen Philosophie</em>. 5. Aufl. 1898.</td></tr> +</table></div> + +<h4><span class="antiqua">III.</span> Neuere Philosophie:</h4> + +<p><em class="gesperrt">Falckenberg</em>, R., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie +von Nikolaus von Kues bis zur Gegenwart</em>. 3. Aufl. 1898.</p> + +<p><em class="gesperrt">Fischer</em>, K., <em class="gesperrt">Geschichte der neueren Philosophie</em>. 9 Bde. +4. Aufl. 1897-1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Hffding</em>, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.</p> + +<p><em class="gesperrt">Windelband</em>, W., <em class="gesperrt">Die Geschichte der neueren Philosophie</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1899.</p> + + +<h3><span class="antiqua">C.</span> Psychologie:</h3> + +<p><em class="gesperrt">Ebbinghaus</em>, H., Grundzge der Psychologie. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Hffding</em>, H., <em class="gesperrt">Psychologie in Umrissen</em>. 3. deutsche +Ausgabe. 1901.</p> + +<p><em class="gesperrt">Hfler</em>, A., Psychologie. 1897.</p> + +<p><em class="gesperrt">Jodl</em>, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.</p> + +<p><em class="gesperrt">Klpe</em>, O., Grundri der Psychologie. 1893.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Lotze"> +<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Lotze</em>,</td><td align="left" valign="top">H.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Grundzge der Psychologie</em>. 4. Aufl. 1889.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. <span class="antiqua">II</span>.</td></tr> +</table></div> +<p><em class="gesperrt">Volkmann</em>, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. +1894/95.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p> + + +<table border="0" cellpadding="3" cellspacing="0" width="100%" summary="Werke Wundt"> +<tr><td align="left" valign="top"><em class="gesperrt">Wundt</em>,</td><td align="left" valign="top">W.,</td><td align="left"><em class="gesperrt">Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele</em>. 3. Aufl. 1897.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Grundri der Psychologie. 4. Aufl. 1901.</td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">„</td><td align="center" valign="top">„</td><td align="left">Grundzge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. Bd. <span class="antiqua">I</span> und <span class="antiqua">II</span>.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Vlkerpsychologie. 1900. Bd. <span class="antiqua">I</span> u. <span class="antiqua">II</span> (die Sprache).</td></tr> +</table> +<p><em class="gesperrt">Ziehen</em>, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. +1900.</p> + + +<h3><span class="antiqua">D.</span> Logik:</h3> + +<p><em class="gesperrt">Erdmann</em>, B., Logik. Bd. <span class="antiqua">I</span>. 1892.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lipps</em>, Th., <em class="gesperrt">Grundzge der Logik.</em> 1893.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lotze</em>, H., Logik. 2. Aufl. 1880.</p> + +<p><em class="gesperrt">Mill</em>, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. +Deutsch von Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sigwart</em>, Ch., <em class="gesperrt">Logik</em>. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.</p> + +<p><em class="gesperrt">berweg</em>, F., System der Logik und Geschichte der logischen +Lehren. 5. Aufl. 1882.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wundt</em>, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.</p> + +<hr class="tb" /> + +<p>Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie +und Logik:</p> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" width="100%" summary="Weitere Werke des Verfassers"> +<tr><td align="left"><em class="gesperrt">Elsenhans</em>,</td><td align="left">Th.,</td><td align="left">Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. 1897.</td></tr> +<tr><td align="center">„</td><td align="center">„</td><td align="left">Das Kant-Friesische Problem. 1902.</td></tr> +</table></div> +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> + + + + +<h2><a name="Namen-_und_Sachregister" id="Namen-_und_Sachregister">Namen- und Sachregister.</a></h2> + + +<p> +Affekt <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Alpdrcken <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Analogieschlu <a href="#Seite_122">122</a> f.<br /> + +Anaxagoras <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +quipollenz <a href="#Seite_94">94</a>.<br /> + +Aristoteles <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Assoziation <a href="#Seite_28">28</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +sthetik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +sthetische Gefhle <a href="#Seite_42">42</a> f.<br /> + +Atomisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Aufmerksamkeit <a href="#Seite_30">30</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Ausdrucksbewegungen <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Axiome <a href="#Seite_129">129</a>.<br /> + +<br /> +Baco <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Begierde <a href="#Seite_55">55</a>.<br /> + +Begriff <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_69">69</a> f.;<br /> + Merkmale des B. <a href="#Seite_70">70</a>;<br /> + Arten der B. <a href="#Seite_72">72</a> ff.;<br /> + Umfang des B. <a href="#Seite_71">71</a> f. <a href="#Seite_128">128</a>.<br /> + +Begriffsbestimmung <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br /> + +Beneke <a href="#Seite_111">111</a>.<br /> + +Bergmann <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Bewegungen <a href="#Seite_66">66</a>;<br /> + unwillkrliche B. <a href="#Seite_53">53</a> f.<br /> + +Beweis <a href="#Seite_129">129</a> ff.<br /> + +<br /> +Charakter <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_67">67</a>.<br /> + +<br /> +Deduktion <a href="#Seite_136">136</a> ff.<br /> + +Definition <a href="#Seite_124">124</a> ff.<br /> + +Denken <a href="#Seite_33">33</a>.<br /> + +Descartes <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Determination <a href="#Seite_127">127</a>.<br /> + +Determinismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br /> + +Deussen <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Deutlichkeit <a href="#Seite_72">72</a>.<br /> + +<br /> +Ebbinghaus <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Eigennamen <a href="#Seite_33">33</a>.<br /> + +Einheit des Bewutseins <a href="#Seite_18">18</a> f.<br /> + +Einteilung <a href="#Seite_126">126</a> ff.<br /> + +Eleaten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Elsenhans <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Empfindung <a href="#Seite_21">21</a> ff.<br /> + +Empirismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Enge des Bewutseins <a href="#Seite_29">29</a>.<br /> + +Entfernung <a href="#Seite_36">36</a> f. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +Enthymem <a href="#Seite_117">117</a>.<br /> + +Entschlu <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Epicherem <a href="#Seite_117">117</a>.<br /> + +Epikureer <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Erdmann, B. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + + „ „ J. <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Erkennen <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Erkenntnistheorie <a href="#Seite_68">68</a>.<br /> + +Ethik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +Euathlus, Sophisma des E. <a href="#Seite_120">120</a>.<br /> + +Eucken <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +<br /> +Falckenberg <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Fehlschlsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br /> + +Fichte <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Fischer, K. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Galenus <a href="#Seite_99">99</a>.<br /> + +Gall <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Gebrden <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Gedchtnis <a href="#Seite_30">30</a> f.<br /> + +Gefhl <a href="#Seite_39">39</a> f. <a href="#Seite_64">64</a> f.;<br /> + Verlauf der G. <a href="#Seite_44">44</a>;<br /> + Abstumpfung der G. <a href="#Seite_45">45</a>;<br /> + Verstrkung der G. <a href="#Seite_45">45</a>.;<br /> + gemischte G. <a href="#Seite_46">46</a>;<br /> + Bedeutung der G. <a href="#Seite_50">50</a> ff.<br /> + +Gefhlston <a href="#Seite_40">40</a>.<br /> + +Gehen <a href="#Seite_63">63</a>.<br /> + +Geisteskrankheit <a href="#Seite_19">19</a>.<br /> + +Gemeinvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Gemt <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Geruch <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Geschmack <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Gesinnung <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Gewohnheit <a href="#Seite_62">62</a> f.<br /> + +Gomperz <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Grundgesetze des Denkens <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br /> + +<br /> +Hegel <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Heinze <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Heraklit <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Herbart <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Hffding <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Hfler <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Hrzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Hume <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Hypothese <a href="#Seite_137">137</a> f.<br /> + +Hypothetisches Urteil <a href="#Seite_77">77</a> ff. <a href="#Seite_85">85</a>-93. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +<br /> +Idealismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Ideenassoziation <a href="#Seite_28">28</a> f.<br /> + +Indeterminismus <a href="#Seite_58">58</a>.<br /> + +Individualbegriff <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Individualvorstellung <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Induktion <a href="#Seite_98">98</a>. <a href="#Seite_132">132</a> ff.<br /> + +Induktionsschlu <a href="#Seite_121">121</a> f.<br /> + +Instinkt <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Intellektuelle Gefhle <a href="#Seite_42">42</a>.<br /> + +Jodl <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Kant <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br /> + +Kausalitt <a href="#Seite_39">39</a>.<br /> + +Kettenschlu <a href="#Seite_118">118</a>.<br /> + +Klarheit <a href="#Seite_72">72</a>.<br /> + +Kontradiktorischer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a>.<br /> + +Kontraposition <a href="#Seite_92">92</a> f. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +Kontrrer Gegensatz <a href="#Seite_73">73</a> f.<br /> + +Konversion <a href="#Seite_90">90</a> ff. <a href="#Seite_97">97</a>.<br /> + +Klpe <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +<br /> +Lachen <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Lebensgefhl <a href="#Seite_46">46</a> f.<br /> + +Leibniz <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Leidenschaft <a href="#Seite_44">44</a>.<br /> + +Lipps, Th. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Locke <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>Logik 8. 13. 66 ff.<br /> + +Lokalisationstheorie <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Lokalzeichen <a href="#Seite_38">38</a>.<br /> + +Lotze <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_38">38</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +<br /> +Materialismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_19">19</a>.<br /> + +Metaphysik <a href="#Seite_8">8</a>.<br /> + +Mill, J. St. <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_112">112</a>. <a href="#Seite_133">133</a> ff. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Mitgefhl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br /> + +Mittelbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Modale Konsequenz <a href="#Seite_96">96</a>.<br /> + +Motiv <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Motorisches Zentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Mller, Joh. <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +<br /> +Nachahmungsbewegung <a href="#Seite_55">55</a>.<br /> + +Nachbilder <a href="#Seite_24">24</a>.<br /> + +Nervensystem <a href="#Seite_19">19</a> f.<br /> + +Neukantianismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Neuplatoniker <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +<br /> +Oberbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Opposition <a href="#Seite_94">94</a> ff.<br /> + +<br /> +Parallaxe <a href="#Seite_37">37</a>.<br /> + +Partialgefhle <a href="#Seite_45">45</a>.<br /> + +Paulsen <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Pessimismus <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_40">40</a>.<br /> + +Petrus Hispanus <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Physiologische Psychologie <a href="#Seite_15">15</a>.<br /> + +Physiologische Zeit <a href="#Seite_53">53</a>.<br /> + +Plato <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Positivismus <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Prmissen <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Psychologie <a href="#Seite_12">12</a>. <a href="#Seite_14">14</a> f.<br /> + +Phytagoreer <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +<br /> +Rationalismus <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Raumvorstellung <a href="#Seite_36">36</a> f.<br /> + +Reflexbewegungen <a href="#Seite_53">53</a>.<br /> + +Reflexhemmungen <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Rehmke <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Religion <a href="#Seite_8">8</a> f.<br /> + +Religise Gefhle <a href="#Seite_43">43</a>.<br /> + +Reproduktion <a href="#Seite_30">30</a>.<br /> + +<br /> +Schauspielkunst <a href="#Seite_61">61</a>.<br /> + +Schelling <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Schlu <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_85">85</a> ff.<br /> + +Schlufiguren <a href="#Seite_103">103</a> ff.<br /> + +Schmerz <a href="#Seite_41">41</a>.<br /> + +Scholastiker <a href="#Seite_103">103</a>.<br /> + +Schopenhauer <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_25">25</a>.<br /> + +Schrift <a href="#Seite_61">61</a>.<br /> + +Seelenvermgen <a href="#Seite_20">20</a> f.<br /> + +Seele und Krper <a href="#Seite_16">16</a> f.<br /> + +Sehzentrum <a href="#Seite_20">20</a>.<br /> + +Selbstgefhl <a href="#Seite_49">49</a> f.<br /> + +Sigwart <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Sinnesenergie, spezifische <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +Sinnestuschungen <a href="#Seite_12">12</a>.<br /> + +Sittliche Gefhle <a href="#Seite_43">43</a>.<br /> + +Sokrates <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Sophisten <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Sorites <a href="#Seite_118">118</a>.<br /> + +Spencer <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Spinoza <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Spiritualismus <a href="#Seite_16">16</a>.<br /> + +Sprache <a href="#Seite_32">32</a> f. <a href="#Seite_60">60</a> f.<br /> + +Stimmung <a href="#Seite_47">47</a>.<br /> + +Stoiker <a href="#Seite_10">10</a>.<br /> + +Subalternation <a href="#Seite_93">93</a> f.<br /> + +Syllogismus <a href="#Seite_98">98</a> ff. <a href="#Seite_110">110</a> ff.<br /> + +System <a href="#Seite_138">138</a> f.<br /> + +<br /> +Temperamente <a href="#Seite_48">48</a>.<br /> + +Thales <a href="#Seite_9">9</a>.<br /> + +Tiefenvorstellung <a href="#Seite_38">38</a>.<br /> + +Totalgefhle <a href="#Seite_45">45</a>.<br /> + +Trauer <a href="#Seite_69">69</a>.<br /> + +Traumzustand <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Trendelenburg <a href="#Seite_11">11</a>.<br /> + +Trieb <a href="#Seite_55">55</a> f.<br /> + +Trugschlsse <a href="#Seite_118">118</a> ff.<br /> + +<br /> +berweg <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +bung <a href="#Seite_29">29</a>. <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_62">62</a>.<br /> + +Umwandlung der Relation <a href="#Seite_93">93</a>.<br /> + +Unbewute Zustnde <a href="#Seite_27">27</a>.<br /> + +Unterbegriff <a href="#Seite_98">98</a>.<br /> + +Urteil <a href="#Seite_33">33</a> f. <a href="#Seite_74">74</a> ff.;<br /> + Einteilung der U. <a href="#Seite_75">75</a> ff.;<br /> + analytische u. synthetische <a href="#Seite_88">88</a> ff.<br /> + +Urteilsarten <a href="#Seite_81">81</a> ff.<br /> + +<br /> +Vernunft <a href="#Seite_34">34</a>.<br /> + +Verstand <a href="#Seite_34">34</a>.<br /> + +Volkelt <a href="#Seite_140">140</a>.<br /> + +Volkmann <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Vorsatz <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +Vorstellung <a href="#Seite_24">24</a> f. <a href="#Seite_32">32</a>.<br /> + +Vorstellungsverlauf <a href="#Seite_25">25</a> ff.<br /> + +<br /> +Wahrnehmung <a href="#Seite_24">24</a> f.<br /> + +Webersches Gesetz <a href="#Seite_23">23</a>.<br /> + +Widerlegung <a href="#Seite_130">130</a>.<br /> + +Wiederholung <a href="#Seite_66">66</a>.<br /> + +Wille <a href="#Seite_52">52</a> ff.; <a href="#Seite_65">65</a> f.<br /> + +Willenszeit <a href="#Seite_54">54</a>.<br /> + +Windelband <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Witz <a href="#Seite_59">59</a>.<br /> + +Wortblindheit <a href="#Seite_24">24</a>.<br /> + +Wundt <a href="#Seite_49">49</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Wunsch <a href="#Seite_56">56</a>.<br /> + +<br /> +Zeitvorstellung <a href="#Seite_35">35</a> f.<br /> + +Zeller, E. <a href="#Seite_141">141</a>.<br /> + +Zerstreutheit <a href="#Seite_30">30</a>.<br /> + +Ziehen <a href="#Seite_142">142</a>.<br /> + +Zirkel <a href="#Seite_126">126</a>.<br /> + +Zorn <a href="#Seite_65">65</a>.<br /> +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + +***** This file should be named 44442-h.htm or 44442-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/4/44442/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/old/44442-h/images/abb_100.png b/old/44442-h/images/abb_100.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b114a20 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_100.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_101_1.png b/old/44442-h/images/abb_101_1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..00dee85 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_101_1.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_101_2.png b/old/44442-h/images/abb_101_2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c819154 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_101_2.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_102.png b/old/44442-h/images/abb_102.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fd55e21 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_102.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_104_1.png b/old/44442-h/images/abb_104_1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..392f4ed --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_104_1.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_104_2.png b/old/44442-h/images/abb_104_2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4d47748 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_104_2.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_104_3.png b/old/44442-h/images/abb_104_3.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..051cafa --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_104_3.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_105.png b/old/44442-h/images/abb_105.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..53a5440 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_105.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_106.png b/old/44442-h/images/abb_106.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cdc7119 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_106.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_1.png b/old/44442-h/images/abb_91_1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..755ee3c --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_91_1.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_2.png b/old/44442-h/images/abb_91_2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f304fff --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_91_2.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_91_3.png b/old/44442-h/images/abb_91_3.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c887ef7 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_91_3.png diff --git a/old/44442-h/images/abb_92.png b/old/44442-h/images/abb_92.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8ccb5fa --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/abb_92.png diff --git a/old/44442-h/images/cover.jpg b/old/44442-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d2402b0 --- /dev/null +++ b/old/44442-h/images/cover.jpg |
