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Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +--------------------------------------------------------------+ + | | + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Der Originaltext war in Fraktur gesetzt und enthielt Text in | + | Antiqua. Der Text in Antiqua ist nur markiert, falls es sich | + | um hervorgehobene Begriffe handelt, einzelne Zeichen dagegen | + | sind nicht markiert. Text in Antiqua ist als %Antiqua% | + | markiert. | + | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert. 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Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7 + § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9 + § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11 + + +Psychologie. + + § 4. »Empirische« und »rationale« Psychologie 14 + + Abschnitt 1. Seele und Körper. + + § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von + Seele und Körper 15 + § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen + Erscheinungen 17 + § 7. Das Nervensystem 19 + + Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + § 8. Die sogenannten »Seelenvermögen« 20 + + 1. Das Erkennen. + + § 9. Die Empfindung 21 + § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24 + § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25 + § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30 + § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32 + § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34 + + 2. Das Fühlen. + + § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39 + § 16. Die körperlichen Gefühle 41 + § 17. Die geistigen Gefühle 42 + § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44 + § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44 + § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46 + § 21. Die Temperamente 48 + § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49 + § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50 + + 3. Das Wollen. + + § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52 + § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55 + § 26. Die Freiheit des Willens 57 + § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59 + § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62 + + Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der + Seele voneinander. + + § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente + voneinander 64 + + +Logik. + + § 30. Die Aufgabe der Logik 67 + + I. Teil: Elementarlehre. + + 1. Die Begriffe. + + § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69 + § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71 + § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72 + § 34. Die Arten der Begriffe 72 + + 2. Die Urteile. + + § 35. Das Wesen des Urteils 74 + § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75 + § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79 + § 38. Übersicht der Urteilsarten 81 + + 3. Die Schlüsse. + + § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85 + + A. Der unmittelbare Schluß. + + § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88 + § 41. Die Konversion 90 + § 42. Die Kontraposition 92 + § 43. Die Umwandlung der Relation 93 + § 44. Die Subalternation 93 + § 45. Die Äquipollenz 94 + § 46. Die Opposition 94 + § 47. Die modale Konsequenz 96 + § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96 + + B. Der mittelbare Schluß. + + § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98 + + § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der + kategorischen Schlüsse 100 + § 51. Die erste Figur 103 + § 52. Die zweite Figur 105 + § 53. Die dritte Figur 107 + § 54. Die vierte Figur 108 + § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu + den Prämissen 109 + § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110 + § 57. Der hypothetische Schluß 113 + § 58. Der disjunktive Schluß 115 + § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117 + § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118 + § 61. Der Induktionsschluß 121 + § 62. Der Analogieschluß 122 + + II. Teil: Methodenlehre. + + § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123 + + 1. Die Begriffsbestimmung. + + § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124 + § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125 + + 2. Die Einteilung. + + § 66. Das Wesen der Einteilung 126 + § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127 + + 3. Der Beweis. + + § 68. Der Beweis und seine Arten 129 + § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130 + + 4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + § 70. Die verschiedenen Methoden 131 + § 71. Das induktive Verfahren 132 + § 72. Das deduktive Verfahren 136 + § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die + Hypothese 137 + § 74. Das System 138 + + Literatur 140 + + Namen- und Sachregister 143 + + + + +Einleitung. + + +§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie. + +_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat, +Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens +herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem +Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von +Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu +Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft +jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der +Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu +erforschen. + +Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer +Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im +Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet +hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf +unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in +sich schließt. + +_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der +Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der +Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt +sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an +jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der +Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie +es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in +Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt. + +Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor, +deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung +von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung +empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische +Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_, +das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen +einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen +treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der +menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat, +Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken, +als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der +Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre +Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide +Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder +Geisteswissenschaft zusammenwirken. + +Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der +Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich, +auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des +Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu +untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die +Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft +beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze +auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen +(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir +der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und +Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie +nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische +Erkennen unerreichbar angesehen wird. + + +§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie. + +Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1 +bezeichneten Aufgaben zu lösen. + +Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die +_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen +Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die +_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz +zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich +verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten, +unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, +Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk +eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach +vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles +bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen +Philosophen der Folgezeit neu begründet werden. + +Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die +griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst +und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ ([+] 399) +beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren +und Guten. _Plato_ ([+] 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den +Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer +Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_ +([+] 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens +zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger +durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der +damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der +Philosophie hereinzog. + +Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten +den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die +Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_ +forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten +einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit +unmittelbar anzuschauen. + +Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des +Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber +erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht. + +In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen, +eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste, +hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem +Engländer _Baco von Verulam_ ([+] 1626), der auf Naturforschung und +Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_, +_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ ([+] 1873) und +_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von +den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_ +([+] 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich +(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch +_Spinoza und Leibniz_. + +Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_ +(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und +seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für +die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während +_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und +Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah +_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der +Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und +gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete +Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten +_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus +1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus +neu zu gestalten. + +In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische +Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der +_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie +zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der +_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ ([+] 1860), in +selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann. + +Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der +_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht +auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und +England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten +lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein +naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht +sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend. + + +§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik. + +Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich +zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders +eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern +philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das +philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik +zu. + +Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der +Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung +der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie +ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen, +daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand +entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß +das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen +selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig +ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme +wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So +erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung +überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen, +nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke +haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung +entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir +etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende, +wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%, +steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen +Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_, +wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der +Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des +philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die +Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann. +Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß +die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem +Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. +Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften +überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik, +Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren +Abschluß in der Metaphysik. + +Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die +Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die +Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und +Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie +noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und +deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur +Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern +bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist +aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet, +weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung +der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen +erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der +schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet. + +Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten +vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der +Psychologie sind. + + + + +Psychologie. + + +§ 4. »Empirische« und »rationale« Psychologie. + +Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie, +welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren +Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere +Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu +erklären sucht. + +Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach +der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem +Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu +anderen Seelen. + +Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst +rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens +und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur +wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische +Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom +festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann +sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme +weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale +Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung +und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_ +Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und +z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten +und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt. + +Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie. + + +Abschnitt I. Seele und Körper. + + +§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und +Körper. + +Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft +mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig +die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich +mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der +Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_, +d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die +neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die +unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von +Seele und Körper. + +Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber +von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton +hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der +Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen +keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß +fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen +entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die +Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu +werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu +setzen. + +Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von +Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier +Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um +deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche +Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers +(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines +oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder +man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle +möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen +oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele +und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens, +stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung +(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische +Parallelismus). + +Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus +nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die +endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen +Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die +tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die +durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten, +soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser +Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, +doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese +Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus +zusammengestellt werden. + + +§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen +Erscheinungen. + +Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich +unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_: + +1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf, +während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere +Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung +eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig. + +2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das +_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe +oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung +desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der +Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller +Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem +Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische +Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein, +und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur +auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte +Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper +verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden. + +Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt +nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche +Merkmale anderer Art: + +1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_, +_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder +Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es +tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden, +Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch +Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das +Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör +durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der +religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als +absolute Einheit sich versenkt. + +2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der +Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in +Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und +werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber +nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_ +oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch +ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein +solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur +vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele +ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche +_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung +gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit +der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne +sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen +Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu +verbinden. + +Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier +Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen +Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe +Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es +ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_. + +An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im +Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus +zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche +die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung +früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin +aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die +einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und +mit deren Resultat gegenwärtig. + + +§ 7. Das Nervensystem. + +Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle +Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In +unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße +Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich +zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese +stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung +(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine +Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das +allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird. +Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des +eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem +Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der +Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden +Glieder zu vermitteln. + +Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte +Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen +(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat +geführt. Eine solche »Lokalisation« bestimmter Geistestätigkeiten bis +ins einzelne, wie sie Gall ([+] 1828) in seiner Phrenologie oder +Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der +Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der +darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte +populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte +der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der +dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen +werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der +Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die +Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum, +Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein +anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, +Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind. +(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl. +Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der +Psychophysik.) + + +Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens. + + +§ 8. Die sogenannten »Seelenvermögen«. + +Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von +_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und +eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen +Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf +die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das +Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem +befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige +Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck »Vermögen«, +teils was die Dreiteilung betrifft: + +1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele +nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch +keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem +Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt. +Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen +Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in +Klassen einteilen. + +2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen, +das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum +einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen +vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen +das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im +folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert +betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit +in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit +nicht gibt. + + +1. Das Erkennen. + + +§ 9. Die Empfindung. + +Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele +zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist +zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, +und schließt drei Hauptmomente in sich: + +1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten +sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem +Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch +Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das +erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören +durch die Schwingungen des Äthers, der Luft. + +2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz +veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum +des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv +durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung. + +3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten, +Riechen, Schmecken. + +Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie +veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum +auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir +können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der +Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf +Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit +Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der +Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b +ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage +aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der +Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann. +Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch +merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu +welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches +Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in +geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in +arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von +3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich +werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg +mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die +verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese +sogenannte »Methode der eben merklichen Unterschiede« ergibt, ein +_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke +bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: +nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen, +also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 +gefunden. + +Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht +durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische +Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_ +erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter +tragen (»spezifische Sinnesenergie«) und deshalb häufig in die +Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das +Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache +führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer +_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes +einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade +die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln. + +Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon +aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. +»_Nachbilder_«. + +Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton, +oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene +Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich +sehen und hören. + + +§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung. + +Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz +aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der +Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die +sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann +_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn +die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine +bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt +und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so +kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine +Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild +des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben +Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als +dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt. +Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen +Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch +vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der +_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das +Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner +Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen +Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets +zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der +Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da +hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, +sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als +gleichbedeutend gebraucht. + +Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen +Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern +_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, +kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie +wird daher auch »_gebundene Vorstellung_« genannt. »_Freie +Vorstellungen_« sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die +Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch +wird aber das Wort »Vorstellung« vielfach auch im _allgemeineren Sinne_ +verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der +auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen +wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in +dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem +Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, +Schopenhauer.) + + +§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen. + +Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst +haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese +Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit +neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen +von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten. + +Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der +Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt +die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt +zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, +die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer +mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr +auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den +Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser +Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_. +Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren +Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder +bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich +lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, +oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des +Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben +unter krankhafter Einseitigkeit. + +Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie +_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie +aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist +die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren +Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß +auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien +Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue +Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der +Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der +Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen +Vorstellungen _wiederkehren_? + +Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt +aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, +wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch +vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der +Seele »unter der Schwelle des Bewußtseins« (Herbart) hinweisen, so die +unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe +von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes +(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel +ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir +aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben +unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur +beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden. + +In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_. +Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung +des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge +beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird +nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies +Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke +von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort +Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden +sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als +Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß +durch die Geschichte eines Mordes gedeutet. + +Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein +auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, +so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere +hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. +Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen +oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und +beruht: + +1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer +Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen +hervor. + +2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_ +(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das +strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines +Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese +Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst +die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines +Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen +Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks +miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser +Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer +zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch +Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet +z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung +eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines +auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer +bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je +häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen +dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier +eine große Rolle (s. § 28). + +Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei +das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern +verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz +der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses +Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich +verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß +allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich +vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung +ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur +eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich +befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. +Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre +_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer +Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das +vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer +Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden +Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der +alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter +e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins +Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand +für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende +_Interesse_ ist, das wir an ihm haben. + + +§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis. + +Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei +Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die +_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und +Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung +festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene +Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_. + +Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_ +Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns +herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben +zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. +eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere +unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit +entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit +veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder +Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, +gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie +von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, +daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der +Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so +entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_. + +Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir +können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie »_besinnen_«, +indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten +ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je +vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit +andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen +uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern +Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_ +durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns +durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung +gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein +auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur +schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in +derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf +_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren +inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere +Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der +euklidischen Geometrie. + +Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_ +und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen +entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch +zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene +Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte, +Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der +Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene +Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders +als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B. +für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene +Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und +visuelles Gedächtnis unterschieden. + + +§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken. + +Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B. +die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus +Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen, +Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung +eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese +Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_ +in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran +haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die +Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur +feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen. + +Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich +jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er +sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer +Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele +ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die +allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die +allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen +die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres +Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und +Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt. + +Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten +aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie +nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem +Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen +für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen +einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die +Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_ +Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die +_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die +Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch +entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: »dieser +Tisch« auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden. + +Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung +genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes +übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als +_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter +Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus +der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von +_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen +_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der +Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was +dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der +bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt +oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen. +Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der +Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach +bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So +bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen +und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff +Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale: +Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und +Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der +Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B. +das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung +eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den +beiden Urteilen: »Dieses Viereck ist ein Parallelogramm« und: »Im +Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig« das dritte als +Schlußfolgerung abgeleitet: »In diesem Viereck halbieren sich die +Diagonalen gegenseitig.« Eine genauere Untersuchung der Bedingungen, +unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse +zustande kommen, ist Aufgabe der Logik. + +Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit +Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem +»Vermögen der Begriffe« wird die begriffliche Verarbeitung der +Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die »als Vermögen +der Ideen« auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden, +des »Übersinnlichen« gerichtet sei. + + +§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen. + +Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen +Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich +zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft, +den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen +finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen, +Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende +Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen +Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt +diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden +Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer +Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform, +durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_. + +Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt +zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben +wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr +ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von +irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen; +denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns +vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl +verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die +Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit, +losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der +räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit +bestimmten Abschnitten möglich. + +Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit +Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir +dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen +Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der +_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt +besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres +Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft +vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen +Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen +zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen +Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt +sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und +wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit +aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen +der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen +gezählt werden. + +Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes +haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so +erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_ +gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so +enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten +eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem +ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei +Dimensionen. + +Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem +Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben +wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das +Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren +Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich +geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das +Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer +schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen +Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer +Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch +daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist, +oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und +nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in +mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende +Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer +oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich +von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und +Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem +dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und +Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder +geringere Deutlichkeit der Umrisse. + +Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die +Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe +der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu +einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei +verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt +ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei +einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen, +als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung +durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand +zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In +dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach +verwendet. + +Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines +Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener +Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch +drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein +Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel +als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf. +Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_ +bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den +Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum +bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten +Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere +Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den +verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und +damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt +dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und +Begrenzung der Körper. + +Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß +_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl +die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese +Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von +den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ ([+] 1881) aufgestellt hat, d. h. die +Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der +Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst +noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den +dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je +nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb, +Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt +werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen +werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung +des Raumes zu erweitern. + +So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein +einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet +sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem +_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_ +auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß +die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses +Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir +wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig +eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von +b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch +die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist. +Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu +untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende +Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach +diesem Kausalitätsgesetz zu deuten. + + +2. Das Fühlen. + + +§ 15. Wesen und Arten des Gefühls. + +Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden +sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich +allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und +Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz +die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der +Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als +die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der +Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem +Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen, +daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als +Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen +und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft, +sie haben einen sogenannten »Gefühlston«, und darin besteht das +_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_, +den wir ihnen beilegen. + +Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die +Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder +Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene +Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften +Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines +schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will, +sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme +addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß +die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für +die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.) + +Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher +beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an +ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach +ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen +Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen +herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen +Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen -- +Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und +Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind -- +unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein +gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die +intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle. + + +§ 16. Die körperlichen Gefühle. + +Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die +_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig. +Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu +einer »angenehmen« oder »unangenehmen« Empfindung macht. Dies gilt +jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton +zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu, +wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich +mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits +kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer +Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden. + +Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche +Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize +haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle, +_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im +Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur +in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit +deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen +unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie +vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die +Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne +begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine +Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage, +was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen +von Farben so im Vordergrund, daß der »Gefühlston« nur bei besonderer +Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von +Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das +Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke +Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist. + + +§ 17. Die geistigen Gefühle. + +Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände, +durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen +selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die +dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen +dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers +verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes +Wort hervorgerufen wird. + +_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der +Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von +Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen +Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer +Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz, +Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die +_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie +sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des +menschlichen Geisteslebens, die »Einheit in der Mannigfaltigkeit« +(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein +Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der +vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt +zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische +Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das +Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die +Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der +_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination +schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem +Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm +geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich +ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches +Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung +folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum +Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade +nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser +Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist, +werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen +des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des +Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter +(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten +Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das +Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das +_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu +Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem +sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt, +werden zu Trägern sittlicher Ideale. + + +§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer. + +Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß +es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen +beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_, +z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer +bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_, +beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu +unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe, +Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit +gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen +frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch +größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren +Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist +das _Gemüt_. + + +§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle. + +Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen +sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die +Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl +auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert. +Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung +vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen +in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben +Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der +betreffenden Umstände. + +Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den +Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der +Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes +Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_. +Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen +Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust +ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand +der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger, +als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie +in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur +ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz. + +_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der +häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden. +Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt +Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung +in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen +Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die +wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen +Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem +die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des +Tonstücks eindringt. + +Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem +_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen +höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt +sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes +aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der +Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der +Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen. + +Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse +Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von »_gemischten +Gefühlen_«. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von +Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran. + + +§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung. + +Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das +sogenannte »_Lebens_«- oder »_Gemeingefühl_«. In jedem Augenblick +unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein +allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten +»Gemeinempfindungen« (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen +entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen +unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers +beziehen, nicht »lokalisieren« läßt. + +Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern, +setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören: + +1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu +_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen. + +2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber +auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz. + +3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im +Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens +gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B. +Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier +Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des +Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das +Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der +»_Stimmung_«, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen +Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl +die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte +Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen. + +Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die +Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine +Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet +haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_ +Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der +_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_ +bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl. + +Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des +»Lebensgefühls« und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die +Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise +verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit +auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung +damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige +Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so +sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis +entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen +des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt, +ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die +gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in +einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal +gewesen zu sein. + + +§ 21. Die Temperamente. + +Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender +Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter +Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, +wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert +werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen +sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der +körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es +eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht +schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente +herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen: +das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische +Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke +zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen) +und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_: +dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen). + +Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen +Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der +gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_ +Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige +Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung, +daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der +Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere +Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem +Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_: +starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der +Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_: +große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber +Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft +zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele. + +_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der +Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit, +und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente: + + _Starke:_ _Schwache:_ + + _Schnelle_ cholerisch sanguinisch + _Langsame_ melancholisch phlegmatisch. + +Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt, +und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit +zu vermeiden. + +Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker, +Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in +jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art +angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz +zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen +der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust. + + +§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl. + +Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir +machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst, +bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch +der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird. +Mit »Ich« bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden +Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus, +daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers, +die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste +Grund für diese Unterscheidung unseres »Ich« von andern liegt im +»_Selbstgefühl_«. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen +Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch +fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden, +zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im +Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich +auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist, +das _Selbstbewußtsein_, indem das »Ich« lernt, sich denkend von seinen +Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder +dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen. + + +§ 23. Die Bedeutung der Gefühle. + +Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das +menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach +auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine +Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen +Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der +Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt +als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem +Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende +Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit +einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst +bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen +Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch +ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des +geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die +daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist +nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste +Aufgabe der Lebensklugheit. + +Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der +umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung +auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem +Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die +theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht +nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so +vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb +geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit +verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar +nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender +Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit, +sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm +verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so +geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die +Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt +unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl. + +So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust, +die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des +einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte +der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der +Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es, +die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler +Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung +entgegenführen. + + +3. Das Wollen. + + +§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen. + +Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des +Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen +Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer +eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des +Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu +bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden +Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher +auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum +eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht +werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden +soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung. + +Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst +Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom +Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen +Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in +Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten +Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder +eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich +kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen +Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt, +allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden +können. + +Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche +_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines +Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die +Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt +Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung +nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der +eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber +ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu +jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß +diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung +unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei +Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch +wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße +ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar +noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger +Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen +Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die +sogenannte »_physiologische Zeit_« nachweisen, d. h. die Zeit, welche +zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer +Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und +durchschnittlich etwa 1/5 Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß +diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen +Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen +Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die +motorischen eine bestimmte, sogenannte »Willenszeit« zur +Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den +elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft +weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der +Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der +durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen +bringt. + +Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen +Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der +bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem +Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens +oder durch die Willenskraft das »Zusammenfahren« verhindert wird. Die +Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie +werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung, +mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die +_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen +_Reflexhemmungen_. + +Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des +_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln +zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie +gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine +Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer +Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei +geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten +ihrer Gattung angesehen werden müssen. + +Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne +eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer +zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_ +der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren +Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines +Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern +unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung +einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß +der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt +sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung +gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas +anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung +infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung +der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück. + + +§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen. + +Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt +näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto +enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So +unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr +oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der +Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz +erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_ +über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem +zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes +gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden, +zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt +leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung +begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem +das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die +Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das +Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also +der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_. + +Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar +zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten +mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen +Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr +bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es +entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der +Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck +gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel +anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung +entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher +Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die +Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn +sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden: +»der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.« Erfolgt aber +die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen +Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die +Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form +des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern, +desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der +Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet +haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit +haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der +unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung +entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des +Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig +ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die +strafrechtliche Beurteilung. + +_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht, +daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun +auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln +herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur +erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt +in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen +Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen +wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht +werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, +diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer +inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, +sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, +jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen. + + +§ 26. Die Freiheit des Willens. + +Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß +faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern +Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben +vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich +vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die +Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese +Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, +ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist, +die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz +außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der +Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der +Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes: + +1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des +Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben +müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_. +Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit +des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt +weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen. + +2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_ +hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das +Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß +man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt +hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde +Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung +bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl +zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen +Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an +eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und +aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben. + + +§ 27. Die Ausdrucksbewegungen. + +Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen +innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren +Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen +und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie +verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen +Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser +Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in +äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch +_Gebärden_ genannt. + +Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die +aber häufig zusammenwirken: + +1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum +Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen +erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. +Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der +Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck +körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern +es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz +einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der +Witz auf der »plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in +Nichts« (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein +Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier +besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in +einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das +_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein +Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. +Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln +begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind. + +2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher +Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche +der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen +des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden +Geschmacksempfindungen verbunden sind. + +3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch +mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht +dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der +Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des +betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden. +So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch +kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das +Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und +dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird. + +Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die +_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den +gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in +ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. +Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden +begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung +den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer +unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche +Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten +_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird, +wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die +erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer +Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das +Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und +abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, +gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_: +zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und +dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde +die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die +Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die +Ausbildung des Denkens überhaupt. + +Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer +Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren +Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die +natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, +hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten +Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den +inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen +ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt, +so erscheint sein Spiel als ein »Gemachtes«, weil es eben nicht +»Ausdruck« eines Innern ist. + + +§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter. + +Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das +geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere +Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen +Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch +Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die +Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder +kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel +dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der +Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen +Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden +wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der +Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben +(vgl. o. S. 36). + +Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von +den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die +motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln +geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche +gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. +die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für +unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das +eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt +sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der +betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch +Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe +in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben +geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange +her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist +uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als +ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: +das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu +erklären. + +Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung +erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer +besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen +Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt +scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und +beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall +der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des +Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, +und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder +Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der +Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch +hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein. + +Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich +einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber +macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner +eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der +Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns, +einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf +sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen +Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind. +Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene +Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige +Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine +besondere Entscheidung des freien Willens statt. + + +Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele +voneinander. + + +§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander. + +Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon +erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht +entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten +Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer +ergeben, wie eng sie zusammengehören. + +1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist +das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es +verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert, +den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für +uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst +würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und +diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, +die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des +_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt. + +2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von +Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt, +um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit +den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie +sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine +deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung +der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die +höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen, +religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf +sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann +wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen +bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen +Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls +verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann +mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die +Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es +sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter +Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen +läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird +unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, +in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den +Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur +dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen +wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie +eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen +Strebens verhindert. + +3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er +bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses +Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die +Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen +Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu +erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand +ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen +planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige +Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur +Leitung des Willens aufgestellt werden. + +So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der +verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen +Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille +vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches +Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen +vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und +_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale +Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen +Geistes. + + + + +Logik. + + +§ 30. Die Aufgabe der Logik. + +Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_. +Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der +Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner +_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen +Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie +das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik +hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das +geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die +Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der +Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, +wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt. + +Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben, +_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das +nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, +dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber +der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt +werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung +vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich +zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir +auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis +des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen +Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die +Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_ +abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht +vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit +gelten zu können. + +Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges +Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das +richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir +finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu +denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die +Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen, +unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande +kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab +_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von +gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat, +durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie +unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das +Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm +unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen +eigenen Gesetzen. + +Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik +_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die +Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß +die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der +logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen +angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die +Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn +wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt, +so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu +handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist +diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder +besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie +und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer +klaren, sicheren Methode abhängig ist. + +Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den +_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese +Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft +als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des +wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik +einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_. + + +I. Teil. Elementarlehre. + + +1. Die Begriffe. + + +§ 31. Der Begriff und seine Merkmale. + +_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in +einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. § +13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen +und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird, +gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so +nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht +werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können, +_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale +des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang; +außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl +gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in +keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes +stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der +Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder +die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang +zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der +Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich +wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks +schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann +aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden. + +Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in +_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_ +eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen +zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein +ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der +Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben. + +Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet +wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren, +sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten +sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen +wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen, +indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen +aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen. + + +§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs. + +An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit +der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der +Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den +Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und +Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate, +Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier: +organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere, +Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w. + +Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale +aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu +eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird +der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff +Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält, +denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid +ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: +Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit +dem Begriff des Vierecks zusammen. + +_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je +größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und +Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis +zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang +des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld +und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal +Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von +Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen +erweitert (Abstraktion). + + +§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe. + +Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt +die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn +man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann, +was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung +möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von +Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein +Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für +sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der +von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine +klare Vorstellung hat. + + +§ 34. Die Arten der Begriffe. + +Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_ +Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale +enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; +zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil. + +Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man +_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und +_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der +unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man +_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder +aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen +nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der +Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der +Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen +können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt +der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier, +organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren +Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im +Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet +werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und +Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann +auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert +besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: +Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, +Individuum. + +Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet +sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B. +Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da +die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem +gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz +(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den +Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die +Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und +ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_ +Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie +sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen +sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt, +ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer +sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden +zugleich. + +Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach +Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und +der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der +Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der +nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders +hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres +Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_, +wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und +gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man +diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen +höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und +Tapferkeit. + + +2. Die Urteile. + + +§ 35. Das Wesen des Urteils. + +_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe, +der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die +sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird +etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das +_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung +beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula +ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das +Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff +und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet +wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus +(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung, +die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist +geflügelt. + + +§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile. + +Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von +Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei +jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_, +_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_. + + +1. Die Quantität. + +Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das +Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle +Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das +Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind +P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_ +Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P; +Bismarck ist ein großer Mann. + +Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der +_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil +könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das +Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall, +daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur +von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine +besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als +selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so +daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige +S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind +sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein +vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung, +oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde, +hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß +unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem +unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die +Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung +und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf +einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen. +Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines +Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt, +an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben +gleiche Diagonalen. + + +2. Die Qualität. + +Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder +affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2. +_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3. +_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten +Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P. + +Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie +fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden +diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist +nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen +Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses +unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich +nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht +alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr +ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil +zu verneinen. + +Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben +sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben +a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P +(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär +bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S +sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe) +und %nego% (ich verneine) entnommen. + + +3. Die Relation. + +Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und +Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache +Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt +etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so +entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches +aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten +jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind +entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder +die Franzosen oder die Deutschen werden siegen. + +Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des +Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und +Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder +behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird, +noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als +_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die +Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen +sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise +auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich +die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der +Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist, +so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es +auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist, +so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat. + +Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher +Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang +des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist +R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern +im _konträren_ Gegensatze stehen. + + +4. Die Modalität. + +Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_, +wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als +Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren +Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_, +deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein. + +Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen +Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive +Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des +Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive +Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts +Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine +Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit +eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des +Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der +es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft +Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen +assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil, +also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit +vollzogen wird. + + +§ 37. Die »zusammengesetzten« Urteile. + +Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und +zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_ +Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und +_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen, +unterschieden. + +Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten +hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet: + +1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere +Prädikate bejaht oder verneint. + + { sowohl } { als } { als } + S ist { } P { } P^1 { } P^2. + { weder } { noch } { noch } + +2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe +Prädikat bejaht oder verneint. + + Sowohl } { als } { als } + } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P. + Weder } { noch } { noch } + +3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen +Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P +teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum +disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv +ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder +gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils +krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck +voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von +denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder +gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach +seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien +(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile, +welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen +sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von +Ewigkeit her oder geworden. + +Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit +dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven, +zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen +Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein +keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch +bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als +einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen, +wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides +besitzen. + +Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das +konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes +Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene +selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen +kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil +in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine +Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann +neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn, +obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden; +alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der +Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich +daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen, +sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile, +die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen +Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer +sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile. + +Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten +lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das +_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine +eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und +Prädikats tretenden Sätzen. + + +§ 38. Übersicht der Urteilsarten. + +Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und +Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen +verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten +Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der +allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe +(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt +oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch +genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der +Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die +verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen +wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als +einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den +Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und +Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich +ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben: + + +I. Nach den Subjektsformen. + +1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile: + + a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten + Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen + bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön. + + b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine + Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten + Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_ + deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb. + +2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität): + + a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches + Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen + Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der + sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form + gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet. + Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_. + + b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils + _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt + bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt. + + c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter + Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs + des Subjektsbegriffs_: + + mindestens } + } einige S sind P. + nur } + + d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die + unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund + der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines + Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem + letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner, + auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt, + z. B.: das Tier hat Empfindung. + + +II. Nach den Prädikatsformen. + +Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen, +wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht +oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_ +unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen +gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren +_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der +Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den +Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen: +Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln. + +Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion +selbst modifizieren. + +1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff, +in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist +Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier. + +2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine +Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich. + +3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt +beigelegt: Schnee ist weiß. + +4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf +einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten +Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene +_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön; +die Bewegung der Brieftaube ist schnell. + +5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen +verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier +ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein +ausgesprochen. + + +III. Nach den Beziehungsformen. + +Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das +Subjekt bezogen wird: + +1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_ +(Qualität): + + a) _Bejahende Urteile_: S ist P. + + b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P. + +2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation): + + a) Kategorische: S ist P. + + b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B. + + c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D. + +3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität): + + a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist + vielleicht P. + + b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein. + +Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten +betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich, +nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a), +2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I. +unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c), +3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter +1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b). + + +3. Die Schlüsse. + + +§ 39. Die Grundgesetze des Denkens. + +Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar +Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim +Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden. + +Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt. + +1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in +seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist +sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der +_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem +Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden. + +2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%) +lautet nach Aristoteles: »Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in +derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.« +_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist +nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus +der Wahrheit des einen die Falschheit des andern. + +3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi +tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte +Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch +sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist +ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des +andern. + +4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis +sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._ +Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im +Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des +logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit +der Folge der Grund aufgehoben._ + +Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der +des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich +betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in +Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist +nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine +_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität +eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben +Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies +ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der +Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_ +beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der +Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger +Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können +nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu +verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B, +nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs +ausgeschlossen ist. + +Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu +unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische +Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden +veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder +_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die +Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das +Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine +Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu +knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer +Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht +zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für +mathematische Folgerungen bilden. + +So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des +Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und +Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem +es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige +Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7). + + +A. Der unmittelbare Schluß. + + +§ 40. Der Schluß aus einem Begriff. + +_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren +anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt +_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer +Schluß_. + +Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils +gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff +abgeleitet werden können. + +Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem +Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der +vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: »In +allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat +gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. +Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem +Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer +dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im +ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern +synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also +diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte +durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne +Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren +könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen, +weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts +hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe +zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren; +dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat +hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine +Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.« So ist +nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches, +denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das +Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein +synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem +bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also +auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil +gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt. + +Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei +Seiten berichtigt werden. + +1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt +mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe +Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den +andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere +schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht +aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des +Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein +analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann +nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig +ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet +werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist +wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine +besondere Art des Schlusses anzusehen. + +2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber +zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_ +ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne +ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose, +die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein +synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose +veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für +ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen. + + +§ 41. Die Konversion. + +Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung +des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen +aufgeführt. + +Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin, +daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im +kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum +Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der +Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne +Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio +per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%). + +Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität: +allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e +und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes: + +1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten +Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine +Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent. +_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der +Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle +gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der +Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt +sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in +den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich +decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter +Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur +unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist. + +[Illustration: a.1.] + +2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind +regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In +dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden +gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der +Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist +die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle +Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und +4., wo sich wieder i ergibt. + +[Illustration: i.1. 2. 3. 4.] + +[Illustration: e.] + +3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich, +kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind +vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S. + +4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist +das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus +gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus +möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als +Subjekt daraus ableiten. + +[Illustration: o.1. 2. 3.] + + +§ 42. Die Kontraposition. + +Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung, +das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die +Qualität des Urteils wird verändert. + +1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S +oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt +auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser +Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt, +alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch +außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist. + +2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP +S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es +jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts +Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut. + +3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige +NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S +außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.: +einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig. + +4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige +NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4. +zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die +Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige +NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S. + + +§ 43. Die Umwandlung der Relation. + +Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung +der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B, +kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es +B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist, +so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere +hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder +B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so +ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen +stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen +sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_ +aussprechen. + + +§ 44. Die Subalternation. + +Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen +Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem +Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des +partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen +Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der +Unwahrheit von i die von a. + + +§ 45. Die Äquipollenz. + +Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des +Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz: +%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil +hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.: +jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich +wäre. + + +§ 46. Die Opposition. + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der +Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird +_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem +kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im +kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine +dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende +und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das +partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen +Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere +Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein +verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das +partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B. +falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von +hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis +unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär +verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der +_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen +gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte +auch auf einen Teil desselben beziehen. + +Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema +veranschaulichen: + + A -- Konträrer Gegensatz -- E + + | \ / | + | \ / | + + K z + o t + n a + t s + r n + a e + d g + i e + U k G U + n t n + t o r t + e r e e + r i h r + o sc o + r i h r + d r e d + n o r n + u t u + n k G n + g i e g + d g + a e + r n + t s + n a + o t + K z + + | / \ | + | / \ | + + I -- Subkonträrer Gegensatz -- O + +Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden +Regeln: + +1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines +kontradiktorischen Gegenteils. + +3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr +entgegengesetzten. + +4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden +subkonträren. + + +§ 47. Die modale Konsequenz. + +Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der +Urteile verändert wird; dann folgt: + +1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden +assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des +assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der +Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch +tatsächlich zwei Rechte. + +2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des +assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des +apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist +es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein. + + +§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse. + +Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer +Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale +Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie +Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche +Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch +Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige +sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter +entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung +der logischen Formen schärfen. + +Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition. +Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen +Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein +bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat +nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind. +Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die +wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig +ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der +Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet +sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht. + +Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch +dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in +denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere +Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem +Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem +Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom +hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die +genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a: +Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus, +daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des +Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A +nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß, +wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft +ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A +gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck +des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund +aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen +wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der +Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz +geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so +wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch +noch an andere Gründe geknüpft. + + +B. Der mittelbare Schluß. + + +§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses. + +Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das +Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im +ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten +_Induktion_. + +Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein +_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist. +Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen +_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil +_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den +Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff +gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der +im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das +Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das +untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den +Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige, +welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%) +enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die +_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%). + +Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in +verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung +des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen +Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in +der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten +offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat +und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit +S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen +sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen: + + 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M + S M S M M S M S + --- --- --- --- + S P S P S P S P + +Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die +vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus ([+] 200 n. Chr.); sie wird +daher die galenische genannt. + +Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von +Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16 +Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste +Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht. + + a a e a i a o a + a e (e e) (i e) (o e) + a i e i (i i) (o i) + a o (e o) (i o) (o o) + +Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder +Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl +als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren +gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen +Figuren widersprechen. + + +§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen +Schlüsse. + +1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis +nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich. + +a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß +sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da +aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P +bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses +Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von +Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende +Veranschaulichung durch Kreise zeigt: + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_: +e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die +unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch +die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von +a) nur vermehrt ist. + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b) +Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere. + +Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo. + +2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere +particularibus nihil sequitur%). + +a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der +Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das +Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die +folgenden Figuren, die alle i i entsprechen. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.] + +b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär +verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe +von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl. +die Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3. 4.] + +c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt +sich mit 1. c). + +Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12 +weitere Modi. + +3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_ +ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz. + +a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein +verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser +Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der +Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als +Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der +Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden +Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes +Resultat, vgl. Fig. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und + +c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und +2. ausgeschlossen. + +Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi +im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern +bezeichnet sind. + +Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze +der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die +übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch +Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und +anschaulicher ist der Beweis durch Kreise. + + +§ 51. Die erste Figur. + +Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als +Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen +auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz +verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben +nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von +Petrus Hispanus ([+] 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen +Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des +Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste +Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein +bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi +der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt: + + %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque. + Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae. + Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton, + Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae + Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.% + +1. Barbara + +hat die Form + + M a P Alle Menschen sind sterblich + S a M Alle Könige sind Menschen + ------------------------------------ + S a P Alle Könige sind sterblich. + +[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.] + +Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus +entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen +oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der +selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt. + +2. Celarent + + M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum + S a M Alle Logiker sind Menschen + ----- -------------------------------- + S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P +getrennt sein. + +3. Darii + + M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind + regelmäßige Figuren + S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel + ----- -------------------------------------------------- + S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren. + +[Illustrationen: 1. 2.] + +Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen +mindestens diese »einige S« auch in P liegen. + +4. Ferio + + M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert + S i M Einige Güter sind vergänglich + ----- ------------------------------------------ + S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert. + +[Illustration: 1. 2. 3.] + +Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M +sind, ebenfalls außerhalb P liegen. + + +§ 52. Die zweite Figur. + +Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß +allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1. +fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls +4 übrig: ea, ae, ei, ao. + +1. Cesare + + P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz + S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz + ----- -------------------------------------- + S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte. + +[Illustration: 1. 2.] + +Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P +getrennt sein. + +2. Camestres + + P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem + gehörenden Weltkörper muß die Bahn des + Uranus vollständig bestimmen + S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems + aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus + vollständig + ----- ------------------------------------------------ + S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres + Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen. + +Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun +durch Galle (1846). + +Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen +vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe. + +3. Festino + + P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit + S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit + ----- ------------------------------------------------- + S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst. + +Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M +fallen, von P getrennt sein. + +4. Baroco + + P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die + rechte Gesinnung + S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte + Gesinnung + ----- --------------------------------------------------------- + S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen + Menschen. + +Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M +fallen, auch nicht in Kreis P fallen. + + +§ 53. Die dritte Figur. + +Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen +Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz +bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig +bleiben. + +1. Darapti + + M a P Alle Wale sind Säugetiere + M a S Alle Wale sind Wassertiere + ----- ---------------------------------------- + S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere. + +Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer +Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen +Beweise. + +2. Felapton + + M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ + M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten + ----- --------------------------------------- + S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen. + +3. Disamis + + M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind + der Casusflexion fähig + M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der + französischen Sprache + ----- ------------------------------------------------ + S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der + Casusflexion fähig. + +4. Datisi + + M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt + M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige Unschuldige werden geschädigt. + +5. Bocardo + + M o P Einige Amphibien haben keine Füße + M a S Alle Amphibien sind Tiere + ----- ---------------------------------- + S o P Einige Tiere haben keine Füße. + +6. Ferison + + M e P Kein Mensch ist fehlerlos + M i S Einige Menschen sind bewundernswert + ----- -------------------------------------------- + S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos. + + +§ 54. Die vierte Figur. + +Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als +Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär +verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit +einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also +noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig. + +1. Bamalip + + P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme + zu erhalten + M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter + ----- --------------------------------------------------- + S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind + wollene Kleider. + +Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu +Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt. + +2. Calemes + + P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme + M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez + ----- ------------------------------------ + S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid. + +3. Dimatis + + P i M Einiges Angenehme ist verwerflich + M a S Alles Verwerfliche ist schädlich + ----- ---------------------------------- + S i P Einiges Schädliche ist angenehm. + +4. Fesapo + + P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig + M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt + ----- -------------------------------------------------- + S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden. + +5. Fresison + + P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten + M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut + regiert + ----- ---------------------------------------------------- + S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch. + + +§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen. + +Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die +Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio +sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder +verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein. +Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder +partikulär sein. + +Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen +Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_ +nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein +verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o. + +Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz +derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist +apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder +problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch +ist. + + +§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen. + +Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener, +und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein +formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle +gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form +%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die +brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die +allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige +Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren +Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die +unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten +Figur. + +_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes +Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich +nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion +des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf +lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn +das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die +einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder +verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius, +repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal +des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch +dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des +Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten +%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und +einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder +einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu +dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder +auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies +geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von +Begriffen_ stellen. + +Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus +eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt +sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution +eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt. +_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während +_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur +_allgemeingültigen_ zu machen. + +_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57) +die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle +Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit +dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei. +So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige +Formel: + +Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X + + 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B + -------------------------------------------------- + Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X + + 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X + -------------------------------------------------- + Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B + +Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_ +werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen +seine Brauchbarkeit. + +Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind +sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse +der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch +ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine +Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der +Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen +Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen +Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom +Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit +des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen +Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl +Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen +Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens. + +Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß +_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf +Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer +Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer +von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener +Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen +des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit +seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_, +der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der +_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme +gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der +Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins +Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet. + +Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus +zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser +Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise +das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns +beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der +Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der +Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist +im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten +Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß +ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen +werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied +berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar +gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten +Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem +Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann +es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit +fortschreiten. + + +§ 57. Der hypothetische Schluß. + +Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der +_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn +die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So +versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich +denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen +Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form: + + Wenn A gilt, so gilt X + A gilt oder X gilt nicht + ------------------------------------ + also gilt X also gilt A nicht. + +Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des +Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit +der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%). + + Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß. + Nun hat es geregnet + ------------------------- + Also ist es naß, + +aber nicht umgekehrt: + + nun ist es naß + --------------------- + also hat es geregnet, + +ebensowenig: + + nun hat es nicht geregnet + -------------------------- + also ist es nicht naß, + +dagegen richtig: + + nun ist es nicht naß + --------------------------- + also hat es nicht geregnet, + +oder, bei verneinendem Nachsatz: + +Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung. + + Nun gibt es eine Vorsehung + --------------------------- + Also gibt es keinen Zufall, + +oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua +non%): + +Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung +nicht aufrecht erhalten werden. + + Nun ist dieser Satz nicht richtig. + ---------------------------------------------------------- + Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden. + +Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen. +Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch +Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist +dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema: + + Wenn A gilt, so gilt M + Wenn M gilt, so gilt X + ----------------------------- + Also wenn A gilt, so gilt X. + +Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so +ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_. + + Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die + Pendel der Uhren. + + Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die + Schwingungen verlangsamt. + + Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach. + -------------------------------------------------------------------- + Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach. + + +§ 58. Der disjunktive Schluß. + +Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives +Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion +ausgesprochenen Verhältnis der Glieder. + +Es kann also + +I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der +übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist B + ---------------- + Also ist A weder C noch D; + +II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller +übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%): + + A ist entweder B oder C oder D + A ist weder C noch D + ---------------------------- + A ist B. + +Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder +stumpfwinklig. + + Nach I. Nun ist es rechtwinklig + -------------------------------------- + Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig. + + Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig + ----------------------------------------------- + Also ist es rechtwinklig. + +Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I. +ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied +verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt +sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach +bejahende Urteil. + +Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_, +_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der +Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer +gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen. + + Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C + Nun gilt weder B noch C + ---------------------------- + Also gilt auch A nicht; + +oder kategorisch gefaßt: + + A ist entweder B oder C + Nun ist S weder B noch C + ----------------------------------- + Also ist S auch nicht A. + +Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz: + + Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen + möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt, + oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht + hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der + göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das + zweite, noch das dritte wahr, + ------------------------------------------------------------------ + also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten. + + +§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse. + +Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame +Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so +angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse +des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des +dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%). +Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt +der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem +_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der +Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_ +oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_. + + Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos + Der Anspruchslose ist zufrieden + --------------------------------- + Der Tugendhafte ist zufrieden. + + 2. Der Tugendhafte ist zufrieden + Der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------ + Der Tugendhafte ist glücklich. + + progressiv in der Richtung: 1. 2. + regressiv in der Richtung: 2. 1. + +Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt +ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat +ein Verbrechen begangen. + +Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine +Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_. + +Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem +letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die +_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem +Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem +_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598 +von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen +Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden +Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen +Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form: + + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz A ist C) + (Untersatz A ist C) + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + ------------------------------------------ + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + +Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche +in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren +Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form: + + Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich + Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden + ----------- + (Schlußsatz B ist D) + (Obersatz B ist D) + Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos + ------------------------------------------- + Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich. + + +§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse. + +Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er +auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu +täuschen, hervorging. + +Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze +des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden +Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des +Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen +der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%). + +Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze +des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine +sophistische Verwendung des Dilemmas. + + 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte + Der Neger ist kein Kaukasier + -------------------------------------- + Folglich hat er keine Menschenrechte. + + 2. Herodes war ein Fuchs + Alle Füchse haben vier Füße + ------------------------------ + Also hatte Herodes vier Füße. + +3. Tertullians Schluß: + +Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den +Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben. + + Die Antipoden müßten dies + ------------------------------ + Also gibt es keine Antipoden. + + 4. Aller Anfang ist schwer + Müßiggang ist aller Laster Anfang + ----------------------------------- + Also ist Müßiggang schwer. + +5. Der »_Lügner_« der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter +sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht +wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die +Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c. + +6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes +Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr +das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir +zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den +Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide +argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil +sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind +nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht +wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich +es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag +wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind +wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut +unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du +wirst mir mein Kind zurückgeben. + +7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras +Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die +zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten +Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus +keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte +ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: »Sowohl wenn du von den +Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen +verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur +Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs; +wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß +bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.« Daraus antwortete +Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies +sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem +Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem +Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen +durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre +Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten. + + +§ 61. Der Induktionsschluß. + +Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie +gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat +folgende Form: + + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P. + Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S. + -------------------------------------- + Jedes S ist P. + +Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder +_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und +Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der +Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem +Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt +_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz: +Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten +Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der »_Induktion von +Spezialgesetzen_« (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen +Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten +Fall, bei der »_generalisierenden Induktion_« wird geschlossen: Was +von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst. + +Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den +ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.: + + Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als + Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung. + + Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind + die alten Planeten. + ------------------------------------------- + Also haben die alten Planeten Achsendrehung. + +_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der +Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel +eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten +Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde. + +Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten +Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der +Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der +Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und +die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter +der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in +der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus +einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht +beobachtete Fälle zu schließen erlaubt. + +Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der +häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der +bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des +%post hoc% mit dem %propter hoc%. + + +§ 62. Der Analogieschluß. + +In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der +Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben +nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder +Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird +geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende +Form: + + M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen + Lebens. + + M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + + S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender + Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre, + mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w. + ----------------------------------------- + S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen + Lebens. + + +II. Teil. Methodenlehre. + + +§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre. + +Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens, +Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems +verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die +Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein +_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung +zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst +gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter +enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_, +in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_ +vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_ +klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener +Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen, +und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges +_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der +Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der +_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch +welche eine neue Erkenntnis zustande kommt. + +So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln +hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der +_Fortschritt der Wissenschaft_. + + +1. Die Begriffsbestimmung. + + +§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung. + +_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die +Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_, +entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs +oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des +artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere +wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine +Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben. + +Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_ +(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und +_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten +darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich +Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit +einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem +genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet. + +Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten +Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist +daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den +artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein +Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die +Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von +anderen Arten des Vierecks unterscheidet. + +Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt, +so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit +einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung +mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein +Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht +gegeben werden. + + +§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung. + +Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende +angeführt: + +1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen, +z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu +_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine +geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten. + +2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in +anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind +(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche +Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben. + +3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf +weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B. +das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu +gedenken. + +4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten, +vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten +erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung +Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der +Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben +schon vorausgesetzt. + +5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht +werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da, +wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im +großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken +hat. + +6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs +verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein +Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w. + +Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_ +angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden +werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung, +die Erläuterung. + + +2. Die Einteilung. + + +§ 66. Das Wesen der Einteilung. + +_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines +Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im +Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der +Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel, +teils Erdvögel, teils Wasservögel. + +Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs +in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner +Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die +Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt +_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%). + +Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon +vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt +der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem +Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als +Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie, +gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im +zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das +im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war. +So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden +eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht +notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen +Unterschied begründen. + + +§ 67. Arten und Fehler der Einteilung. + +Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung +_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren +sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks +schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks +u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die +sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und +_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als +Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen +dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der +anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht +z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung +der Staubgefäße in 24 Klassen. + +Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem +_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_ +desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung +der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder +grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben +klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs +erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische +Vollständigkeit gegeben. + +Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende: + +1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu +wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der +Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige. + +2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen +sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe, +Neigung zu andern und gegenseitige Neigung. + +3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_, +sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in +Europäer und Schwarze. + + +3. Der Beweis. + + +§ 68. Der Beweis und seine Arten. + +In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen +und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese +Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse +Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der +Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse +_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen +_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der +Wissenschaft aufgenommen wird. + +Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus +anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch +bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau +genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung +weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_. +_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu +beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis +bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht +genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze +Schlußkette dar. + +Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach +durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden +Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu +beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der +übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es +z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich +einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein +muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen +würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter +Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die +Gültigkeit des letzten gefolgert würde. + +_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines +Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt +daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad +absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also +bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die +_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der +Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden +Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die +Widerlegung des gegnerischen Beweises. + + +§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises. + +Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der +Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was +die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu +beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden +werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und +andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher +Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist +lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird +nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen +müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden. + +Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten +Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende: + +1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis. + +2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende +Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%). + +3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in +einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis). + +4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu +Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis +allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen +wird. + +Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man +von _Erschleichung_ (%subreptio%). + + +4. Der Fortschritt der Wissenschaft. + + +§ 70. Die verschiedenen Methoden. + +Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe +zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen +den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente +wissenschaftlich verarbeitet werden_. + +Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern +_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche +Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier +sind folgende Wege möglich: + +1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man +beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies +ist das _induktive_ Verfahren. + +2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen +hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse +über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_ +Verfahren. + +3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der +Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie +besonders die _Hypothese darstellt_. + +4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist +bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_. + + +§ 71. Das induktive Verfahren. + +Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre +behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_ +sind folgende: + +1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere +Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der +fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen +Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten +Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch +nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses +Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir +werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen, +die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je +häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden +wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege +können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden, +die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B. +derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal +der gespaltenen Zunge hinzufügen muß. + +Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit, +welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist, +es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor +sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der +Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere +Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine +weitere Hauptaufgabe der Induktion. + +2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von +Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_ +eine grundlegende Bearbeitung erfahren. + +Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen +ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit +beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt. +Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie +berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz +dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein +zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir +da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf +eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das +_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_. +Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde, +so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber +nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill +hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig +von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang +der Sonne, folgen. + +Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze +über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei +Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der +Differenz. + +Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem »Kanon« +zusammengefaßt: »Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden +Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem +allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des +gegebenen Phänomens.« + +Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende +Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema: + + A B C a b c + A D E a d e + A F G a f g + +Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können +sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung +a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper +kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen; +zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich: +Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so +schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen +Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation +ist. + +Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt: + +»Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und +eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen +gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so +ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die +Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des +Phänomens.« + +Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes +unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und +in dem andern fehlt, nach dem Schema: + + B C b c + A B C a b c + +Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß +war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft +des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die +Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A +bewirkt sein. + +Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann +leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist +daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_. + +Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und +Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der +Begleitveränderungen. + +3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen +ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder +regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß +ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit +proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen +Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der +Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale +Zusammenhänge zurückzuführen. + +4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren +Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P +haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen +gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird +dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle +Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So +gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die +schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings +eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich +die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen +fließen. + + +§ 72. Das deduktive Verfahren. + +_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen +herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und +Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine +Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils +leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen +tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe +der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_. +Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als +Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie +z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert, +zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und +aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht +ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer +Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die +mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären. + + +§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese. + +Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar, +daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von +allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine +Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von +Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer +Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen +Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre +Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären. + +Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft +fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die +vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an +den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der +Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen +oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die +_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat, +führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der +vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so +wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie +_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur +_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur +Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie +von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten. + +Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen +hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie; +Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur +Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des +Arztes. + + +§ 74. Das System. + +_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem +logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung +der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in +der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet, +so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine +_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_ +müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff, +deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die +gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren +Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen +verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten +Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden. + +Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt, +aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in +Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder +nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel +angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft +hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und +mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der +Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das +Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und +kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das +Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren +Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken +festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die +wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal +_zusammenkommen_ müssen. + + + + +Literatur. + + +A. Einleitung in die Philosophie: + +_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898. + +_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900. + +_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart. +1892. + +_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die +Philosophie. 2. Aufl. 1903. + +_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901. + + +B. Geschichte der Philosophie.[A] + + +I. Geschichte der Philosophie überhaupt: + +_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93. + +_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl. +1895/96. + +_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899. + +_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896. + +_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8. +Aufl. 1894-97. + +_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900. + + [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem + beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur + weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen + Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind + _gesperrt gedruckt_. + + +II. Alte Philosophie: + +_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99 +(Indische Philosophie). + +_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie. +Bd. I und II. 1901. + +_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92. + + " " _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_. +5. Aufl. 1898. + + +III. Neuere Philosophie: + +_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von +Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898. + +_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl. +1897-1901. + +_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96. + +_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2. +Aufl. 1899. + + +C. Psychologie: + +_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901. + +_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901. + +_Höfler_, A., Psychologie. 1897. + +_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903. + +_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893. + +_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883. + +_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889. + + " " Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II. + +_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95. + +_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl. +1897. + + " " Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901. + + " " Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902. +Bd. I und II. + + " " Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache). + +_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900. + + +D. Logik: + +_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892. + +_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893. + +_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880. + +_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von +Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877. + +_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93. + +_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5. +Aufl. 1882. + +_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95. + + * * * * * + +Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik: + +_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894. + + " " Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. +1897. + + " " Das Kant-Friesische Problem. 1902. + + + + +Namen- und Sachregister. + + +Affekt 44. + +Alpdrücken 27. + +Analogieschluß 122 f. + +Anaxagoras 9. + +Äquipollenz 94. + +Aristoteles 9. 103. + +Assoziation 28. 31. 66. + +Ästhetik 8. + +Ästhetische Gefühle 42 f. + +Atomisten 9. + +Aufmerksamkeit 30. 68. + +Ausdrucksbewegungen 59. + +Axiome 129. + + +Baco 10. + +Begierde 55. + +Begriff 33. 69 f.; + Merkmale des B. 70; + Arten der B. 72 ff.; + Umfang des B. 71 f. 128. + +Begriffsbestimmung 124 ff. + +Beneke 111. + +Bergmann 140. + +Bewegungen 66; + unwillkürliche B. 53 f. + +Beweis 129 ff. + + +Charakter 63. 67. + + +Deduktion 136 ff. + +Definition 124 ff. + +Denken 33. + +Descartes 10. 16. + +Determination 127. + +Determinismus 58. + +Deussen 141. + +Deutlichkeit 72. + + +Ebbinghaus 141. + +Eigennamen 33. + +Einheit des Bewußtseins 18 f. + +Einteilung 126 ff. + +Eleaten 9. + +Elsenhans 142. + +Empfindung 21 ff. + +Empirismus 10. + +Enge des Bewußtseins 29. + +Entfernung 36 f. 62. 66. + +Enthymem 117. + +Entschluß 56. + +Epicherem 117. + +Epikureer 10. + +Erdmann, B. 142. + + " " J. 140. + +Erkennen 33. 64. 68. + +Erkenntnistheorie 68. + +Ethik 8. + +Euathlus, Sophisma des E. 120. + +Eucken 140. + + +Falckenberg 141. + +Fehlschlüsse 118 ff. + +Fichte 10. + +Fischer, K. 141. + + +Galenus 99. + +Gall 20. + +Gebärden 59. + +Gedächtnis 30 f. + +Gefühl 39 f. 64 f.; + Verlauf der G. 44; + Abstumpfung der G. 45; + Verstärkung der G. 45.; + gemischte G. 46; + Bedeutung der G. 50 ff. + +Gefühlston 40. + +Gehen 63. + +Geisteskrankheit 19. + +Gemeinvorstellung 32. + +Gemüt 44. + +Geruch 39. + +Geschmack 39. + +Gesinnung 44. + +Gewohnheit 62 f. + +Gomperz 141. + +Grundgesetze des Denkens 85 ff. + + +Hegel 11. + +Heinze 140. + +Heraklit 9. + +Herbart 11. 16. 27. + +Höffding 141. + +Höfler 141. + +Hörzentrum 20. + +Hume 10. + +Hypothese 137 f. + +Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97. + + +Idealismus 11. + +Ideenassoziation 28 f. + +Indeterminismus 58. + +Individualbegriff 32. + +Individualvorstellung 32. + +Induktion 98. 132 ff. + +Induktionsschluß 121 f. + +Instinkt 54. + +Intellektuelle Gefühle 42. + +Jodl 141. + + +Kant 10. 25. + +Kausalität 39. + +Kettenschluß 118. + +Klarheit 72. + +Kontradiktorischer Gegensatz 73. + +Kontraposition 92 f. 97. + +Konträrer Gegensatz 73 f. + +Konversion 90 ff. 97. + +Külpe 140. 141. + + +Lachen 59. + +Lebensgefühl 46 f. + +Leibniz 10. 16. + +Leidenschaft 44. + +Lipps, Th. 141. 142. + +Locke 10. + +Logik 8. 13. 66 ff. + +Lokalisationstheorie 20. + +Lokalzeichen 38. + +Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142. + + +Materialismus 11. 16. 19. + +Metaphysik 8. + +Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142. + +Mitgefühl 49 f. + +Mittelbegriff 98. + +Modale Konsequenz 96. + +Motiv 56. + +Motorisches Zentrum 20. + +Müller, Joh. 23. + + +Nachahmungsbewegung 55. + +Nachbilder 24. + +Nervensystem 19 f. + +Neukantianismus 11. + +Neuplatoniker 10. + + +Oberbegriff 98. + +Opposition 94 ff. + + +Parallaxe 37. + +Partialgefühle 45. + +Paulsen 140. + +Pessimismus 11. 40. + +Petrus Hispanus 103. + +Physiologische Psychologie 15. + +Physiologische Zeit 53. + +Plato 9. + +Positivismus 11. + +Prämissen 98. + +Psychologie 12. 14 f. + +Phytagoreer 9. + + +Rationalismus 10. + +Raumvorstellung 36 f. + +Reflexbewegungen 53. + +Reflexhemmungen 54. + +Rehmke 140. + +Religion 8 f. + +Religiöse Gefühle 43. + +Reproduktion 30. + + +Schauspielkunst 61. + +Schelling 11. + +Schluß 33 f. 85 ff. + +Schlußfiguren 103 ff. + +Schmerz 41. + +Scholastiker 103. + +Schopenhauer 11. 25. + +Schrift 61. + +Seelenvermögen 20 f. + +Seele und Körper 16 f. + +Sehzentrum 20. + +Selbstgefühl 49 f. + +Sigwart 111. 142. + +Sinnesenergie, spezifische 23. + +Sinnestäuschungen 12. + +Sittliche Gefühle 43. + +Sokrates 9. + +Sophisten 9. + +Sorites 118. + +Spencer 10. + +Spinoza 10. + +Spiritualismus 16. + +Sprache 32 f. 60 f. + +Stimmung 47. + +Stoiker 10. + +Subalternation 93 f. + +Syllogismus 98 ff. 110 ff. + +System 138 f. + + +Temperamente 48. + +Thales 9. + +Tiefenvorstellung 38. + +Totalgefühle 45. + +Trauer 69. + +Traumzustand 27. + +Trendelenburg 11. + +Trieb 55 f. + +Trugschlüsse 118 ff. + + +Überweg 140. 142. + +Übung 29. 31. 62. + +Umwandlung der Relation 93. + +Unbewußte Zustände 27. + +Unterbegriff 98. + +Urteil 33 f. 74 ff.; + Einteilung der U. 75 ff.; + analytische u. synthetische 88 ff. + +Urteilsarten 81 ff. + + +Vernunft 34. + +Verstand 34. + +Volkelt 140. + +Volkmann 141. + +Vorsatz 56. + +Vorstellung 24 f. 32. + +Vorstellungsverlauf 25 ff. + + +Wahrnehmung 24 f. + +Webersches Gesetz 23. + +Widerlegung 130. + +Wiederholung 66. + +Wille 52 ff.; 65 f. + +Willenszeit 54. + +Windelband 140. 141. + +Witz 59. + +Wortblindheit 24. + +Wundt 49. 111. 140. 142. + +Wunsch 56. + + +Zeitvorstellung 35 f. + +Zeller, E. 141. + +Zerstreutheit 30. + +Ziehen 142. + +Zirkel 126. + +Zorn 65. + + + + + +End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PSYCHOLOGIE UND LOGIK *** + +***** This file should be named 44442-8.txt or 44442-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/4/4/44442/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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