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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***
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+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
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+ | S. 55 "Selbstberrschung" in "Selbstbeherrschung" geändert. |
+ | S. 110 "die einzelne Modi" in "die einzelnen Modi" geändert. |
+ | S. 122 "demseben" in "demselben" geändert. |
+ | S. 141 "184/95" in "1894/95" geändert. |
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+ Sammlung Göschen
+
+
+ Psychologie und Logik
+ zur Einführung
+ in die
+ Philosophie
+
+ Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium
+
+ dargestellt von
+ Dr. Th. Elsenhans
+
+ Mit 13 Textfiguren
+
+ _Vierte, verbesserte Auflage_
+
+ Zweiter Abdruck
+
+ _Leipzig_
+ G. J. Göschen'sche Verlagshandlung
+ 1904
+
+
+ _Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von
+ der Verlagshandlung vorbehalten._
+
+ Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Einleitung.
+
+ Seite
+ § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7
+ § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9
+ § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11
+
+
+Psychologie.
+
+ § 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14
+
+ Abschnitt 1. Seele und Körper.
+
+ § 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von
+ Seele und Körper 15
+ § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+ Erscheinungen 17
+ § 7. Das Nervensystem 19
+
+ Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+ § 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20
+
+ 1. Das Erkennen.
+
+ § 9. Die Empfindung 21
+ § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24
+ § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25
+ § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30
+ § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32
+ § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34
+
+ 2. Das Fühlen.
+
+ § 15. Wesen und Arten des Gefühls 39
+ § 16. Die körperlichen Gefühle 41
+ § 17. Die geistigen Gefühle 42
+ § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44
+ § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44
+ § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46
+ § 21. Die Temperamente 48
+ § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49
+ § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50
+
+ 3. Das Wollen.
+
+ § 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52
+ § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55
+ § 26. Die Freiheit des Willens 57
+ § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59
+ § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62
+
+ Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der
+ Seele voneinander.
+
+ § 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente
+ voneinander 64
+
+
+Logik.
+
+ § 30. Die Aufgabe der Logik 67
+
+ I. Teil: Elementarlehre.
+
+ 1. Die Begriffe.
+
+ § 31. Der Begriff und seine Merkmale 69
+ § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71
+ § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72
+ § 34. Die Arten der Begriffe 72
+
+ 2. Die Urteile.
+
+ § 35. Das Wesen des Urteils 74
+ § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75
+ § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79
+ § 38. Übersicht der Urteilsarten 81
+
+ 3. Die Schlüsse.
+
+ § 39. Die Grundgesetze des Denkens 85
+
+ A. Der unmittelbare Schluß.
+
+ § 40. Der Schluß aus einem Begriff 88
+ § 41. Die Konversion 90
+ § 42. Die Kontraposition 92
+ § 43. Die Umwandlung der Relation 93
+ § 44. Die Subalternation 93
+ § 45. Die Äquipollenz 94
+ § 46. Die Opposition 94
+ § 47. Die modale Konsequenz 96
+ § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96
+
+ B. Der mittelbare Schluß.
+
+ § 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98
+
+ § 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der
+ kategorischen Schlüsse 100
+ § 51. Die erste Figur 103
+ § 52. Die zweite Figur 105
+ § 53. Die dritte Figur 107
+ § 54. Die vierte Figur 108
+ § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu
+ den Prämissen 109
+ § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110
+ § 57. Der hypothetische Schluß 113
+ § 58. Der disjunktive Schluß 115
+ § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117
+ § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118
+ § 61. Der Induktionsschluß 121
+ § 62. Der Analogieschluß 122
+
+ II. Teil: Methodenlehre.
+
+ § 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123
+
+ 1. Die Begriffsbestimmung.
+
+ § 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124
+ § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125
+
+ 2. Die Einteilung.
+
+ § 66. Das Wesen der Einteilung 126
+ § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127
+
+ 3. Der Beweis.
+
+ § 68. Der Beweis und seine Arten 129
+ § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130
+
+ 4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+ § 70. Die verschiedenen Methoden 131
+ § 71. Das induktive Verfahren 132
+ § 72. Das deduktive Verfahren 136
+ § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die
+ Hypothese 137
+ § 74. Das System 138
+
+ Literatur 140
+
+ Namen- und Sachregister 143
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
+
+_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,
+Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens
+herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem
+Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von
+Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu
+Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft
+jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der
+Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu
+erforschen.
+
+Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer
+Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im
+Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet
+hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf
+unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in
+sich schließt.
+
+_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der
+Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der
+Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt
+sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an
+jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der
+Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie
+es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in
+Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
+
+Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,
+deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung
+von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung
+empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische
+Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_,
+das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen
+einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen
+treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der
+menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,
+Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,
+als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der
+Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
+Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide
+Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder
+Geisteswissenschaft zusammenwirken.
+
+Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der
+Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich,
+auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des
+Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu
+untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die
+Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft
+beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze
+auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen
+(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir
+der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und
+Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie
+nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische
+Erkennen unerreichbar angesehen wird.
+
+
+§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.
+
+Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1
+bezeichneten Aufgaben zu lösen.
+
+Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die
+_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen
+Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die
+_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz
+zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich
+verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,
+unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,
+Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk
+eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach
+vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles
+bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen
+Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.
+
+Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die
+griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst
+und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399)
+beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
+und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den
+Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer
+Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_
+(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens
+zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger
+durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der
+damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der
+Philosophie hereinzog.
+
+Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten
+den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die
+Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_
+forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten
+einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit
+unmittelbar anzuschauen.
+
+Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des
+Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber
+erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.
+
+In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen,
+eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,
+hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem
+Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und
+Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,
+_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und
+_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von
+den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_
+(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich
+(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch
+_Spinoza und Leibniz_.
+
+Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_
+(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und
+seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für
+die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während
+_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und
+Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah
+_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der
+Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und
+gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete
+Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten
+_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus
+1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus
+neu zu gestalten.
+
+In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische
+Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der
+_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie
+zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der
+_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in
+selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
+
+Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der
+_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht
+auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und
+England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten
+lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein
+naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht
+sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.
+
+
+§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
+
+Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich
+zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders
+eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern
+philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das
+philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik
+zu.
+
+Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der
+Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung
+der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie
+ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen,
+daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand
+entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß
+das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen
+selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig
+ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme
+wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So
+erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung
+überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,
+nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke
+haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung
+entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir
+etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,
+wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,
+steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen
+Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,
+wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der
+Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des
+philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die
+Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.
+Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß
+die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem
+Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.
+Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften
+überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik,
+Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren
+Abschluß in der Metaphysik.
+
+Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die
+Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die
+Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und
+Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
+noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und
+deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur
+Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern
+bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist
+aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,
+weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
+der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen
+erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der
+schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
+
+Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten
+vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der
+Psychologie sind.
+
+
+
+
+Psychologie.
+
+
+§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.
+
+Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,
+welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren
+Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere
+Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu
+erklären sucht.
+
+Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach
+der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem
+Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu
+anderen Seelen.
+
+Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst
+rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens
+und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur
+wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische
+Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom
+festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann
+sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme
+weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale
+Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung
+und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_
+Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und
+z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten
+und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.
+
+Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.
+
+
+Abschnitt I. Seele und Körper.
+
+
+§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und
+Körper.
+
+Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft
+mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig
+die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich
+mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der
+Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,
+d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die
+neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die
+unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von
+Seele und Körper.
+
+Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber
+von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton
+hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der
+Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen
+keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß
+fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen
+entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die
+Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu
+werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu
+setzen.
+
+Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von
+Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier
+Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
+deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche
+Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers
+(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines
+oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder
+man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle
+möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen
+oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele
+und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens,
+stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung
+(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
+Parallelismus).
+
+Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus
+nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die
+endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen
+Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die
+tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die
+durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,
+soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser
+Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
+doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese
+Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus
+zusammengestellt werden.
+
+
+§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
+Erscheinungen.
+
+Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich
+unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:
+
+1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,
+während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere
+Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung
+eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
+
+2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das
+_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe
+oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung
+desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der
+Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller
+Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem
+Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische
+Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,
+und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur
+auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte
+Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper
+verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.
+
+Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt
+nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche
+Merkmale anderer Art:
+
+1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_,
+_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder
+Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es
+tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,
+Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch
+Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das
+Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör
+durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der
+religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als
+absolute Einheit sich versenkt.
+
+2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der
+Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in
+Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und
+werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber
+nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_
+oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch
+ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein
+solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur
+vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele
+ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche
+_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung
+gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit
+der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne
+sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen
+Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu
+verbinden.
+
+Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier
+Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen
+Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe
+Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es
+ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
+
+An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im
+Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus
+zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche
+die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung
+früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin
+aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die
+einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und
+mit deren Resultat gegenwärtig.
+
+
+§ 7. Das Nervensystem.
+
+Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle
+Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In
+unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße
+Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich
+zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese
+stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung
+(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine
+Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das
+allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird.
+Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des
+eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem
+Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der
+Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden
+Glieder zu vermitteln.
+
+Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte
+Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen
+(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat
+geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis
+ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder
+Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der
+Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der
+darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte
+populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte
+der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der
+dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen
+werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der
+Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die
+Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,
+Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein
+anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle,
+Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.
+(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.
+Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der
+Psychophysik.)
+
+
+Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
+
+
+§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.
+
+Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von
+_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und
+eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen
+Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf
+die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das
+Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem
+befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige
+Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”,
+teils was die Dreiteilung betrifft:
+
+1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele
+nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch
+keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem
+Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt.
+Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen
+Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in
+Klassen einteilen.
+
+2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen,
+das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum
+einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
+vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen
+das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im
+folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
+betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit
+in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit
+nicht gibt.
+
+
+1. Das Erkennen.
+
+
+§ 9. Die Empfindung.
+
+Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele
+zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist
+zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust,
+und schließt drei Hauptmomente in sich:
+
+1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten
+sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem
+Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch
+Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das
+erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören
+durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.
+
+2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz
+veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum
+des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv
+durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.
+
+3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten,
+Riechen, Schmecken.
+
+Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie
+veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum
+auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir
+können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der
+Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf
+Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit
+Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der
+Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b
+ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage
+aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der
+Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann.
+Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch
+merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu
+welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches
+Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in
+geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in
+arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von
+3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich
+werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg
+mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die
+verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese
+sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein
+_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke
+bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen:
+nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen,
+also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16
+gefunden.
+
+Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht
+durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische
+Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_
+erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter
+tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die
+Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das
+Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache
+führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer
+_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes
+einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade
+die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.
+
+Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon
+aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog.
+„_Nachbilder_”.
+
+Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton,
+oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene
+Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich
+sehen und hören.
+
+
+§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.
+
+Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz
+aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der
+Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die
+sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann
+_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn
+die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine
+bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt
+und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so
+kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine
+Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild
+des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben
+Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als
+dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt.
+Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen
+Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch
+vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der
+_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das
+Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner
+Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen
+Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets
+zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der
+Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da
+hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt,
+sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als
+gleichbedeutend gebraucht.
+
+Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen
+Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern
+_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,
+kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie
+wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie
+Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die
+Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch
+wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_
+verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der
+auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen
+wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in
+dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem
+Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant,
+Schopenhauer.)
+
+
+§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.
+
+Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst
+haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese
+Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit
+neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen
+von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.
+
+Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der
+Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt
+die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt
+zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken,
+die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer
+mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr
+auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den
+Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser
+Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_.
+Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren
+Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder
+bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich
+lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,
+oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des
+Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben
+unter krankhafter Einseitigkeit.
+
+Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie
+_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie
+aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist
+die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren
+Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß
+auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien
+Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue
+Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der
+Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der
+Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen
+Vorstellungen _wiederkehren_?
+
+Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt
+aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie,
+wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch
+vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der
+Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die
+unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe
+von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes
+(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel
+ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir
+aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben
+unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur
+beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.
+
+In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_.
+Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung
+des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge
+beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird
+nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies
+Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke
+von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort
+Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden
+sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als
+Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß
+durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
+
+Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein
+auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein,
+so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere
+hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist.
+Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen
+oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und
+beruht:
+
+1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer
+Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen
+hervor.
+
+2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_
+(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das
+strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines
+Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese
+Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst
+die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines
+Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen
+Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks
+miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser
+Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer
+zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch
+Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet
+z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung
+eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines
+auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer
+bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je
+häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen
+dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier
+eine große Rolle (s. § 28).
+
+Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei
+das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern
+verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz
+der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses
+Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich
+verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß
+allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich
+vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung
+ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur
+eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich
+befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden.
+Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre
+_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer
+Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das
+vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer
+Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden
+Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der
+alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter
+e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins
+Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand
+für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende
+_Interesse_ ist, das wir an ihm haben.
+
+
+§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.
+
+Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei
+Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die
+_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und
+Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung
+festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene
+Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.
+
+Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_
+Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns
+herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben
+zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B.
+eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere
+unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit
+entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit
+veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder
+Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht,
+gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie
+von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch,
+daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der
+Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so
+entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.
+
+Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir
+können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”,
+indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten
+ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je
+vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit
+andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen
+uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern
+Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_
+durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns
+durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung
+gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein
+auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur
+schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in
+derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf
+_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren
+inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere
+Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der
+euklidischen Geometrie.
+
+Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_
+und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen
+entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch
+zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene
+Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte,
+Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der
+Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene
+Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders
+als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B.
+für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene
+Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und
+visuelles Gedächtnis unterschieden.
+
+
+§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.
+
+Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B.
+die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus
+Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen,
+Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung
+eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese
+Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_
+in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran
+haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die
+Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur
+feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.
+
+Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich
+jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er
+sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer
+Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele
+ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die
+allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die
+allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen
+die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres
+Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und
+Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.
+
+Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten
+aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie
+nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem
+Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen
+für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen
+einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die
+Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_
+Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die
+_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die
+Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch
+entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser
+Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.
+
+Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung
+genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes
+übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als
+_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter
+Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus
+der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von
+_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen
+_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der
+Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was
+dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der
+bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt
+oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen.
+Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der
+Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach
+bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So
+bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen
+und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff
+Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale:
+Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und
+Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der
+Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B.
+das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung
+eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den
+beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im
+Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als
+Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die
+Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,
+unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse
+zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.
+
+Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit
+Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem
+„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der
+Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen
+der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden,
+des „Übersinnlichen” gerichtet sei.
+
+
+§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen.
+
+Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen
+Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich
+zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft,
+den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen
+finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende
+Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen
+Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt
+diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden
+Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer
+Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform,
+durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_.
+
+Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt
+zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben
+wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr
+ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von
+irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen;
+denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns
+vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl
+verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die
+Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit,
+losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der
+räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit
+bestimmten Abschnitten möglich.
+
+Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit
+Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir
+dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen
+Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der
+_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt
+besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres
+Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft
+vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen
+Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen
+zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen
+Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt
+sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und
+wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit
+aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen
+der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen
+gezählt werden.
+
+Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes
+haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so
+erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_
+gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so
+enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten
+eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem
+ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei
+Dimensionen.
+
+Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem
+Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben
+wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das
+Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren
+Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich
+geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das
+Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer
+schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen
+Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer
+Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch
+daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist,
+oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und
+nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in
+mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende
+Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer
+oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich
+von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und
+Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem
+dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und
+Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder
+geringere Deutlichkeit der Umrisse.
+
+Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die
+Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe
+der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu
+einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei
+verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt
+ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei
+einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen,
+als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung
+durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand
+zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In
+dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach
+verwendet.
+
+Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines
+Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener
+Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch
+drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein
+Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel
+als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf.
+Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_
+bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den
+Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum
+bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten
+Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere
+Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den
+verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und
+damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt
+dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und
+Begrenzung der Körper.
+
+Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß
+_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl
+die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese
+Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von
+den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die
+Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der
+Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst
+noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den
+dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je
+nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb,
+Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt
+werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen
+werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung
+des Raumes zu erweitern.
+
+So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein
+einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet
+sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem
+_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_
+auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß
+die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses
+Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir
+wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig
+eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von
+b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch
+die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist.
+Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu
+untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende
+Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach
+diesem Kausalitätsgesetz zu deuten.
+
+
+2. Das Fühlen.
+
+
+§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.
+
+Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden
+sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich
+allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und
+Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz
+die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der
+Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als
+die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der
+Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem
+Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen,
+daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als
+Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen
+und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft,
+sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das
+_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_,
+den wir ihnen beilegen.
+
+Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die
+Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder
+Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene
+Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften
+Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines
+schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will,
+sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme
+addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß
+die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für
+die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)
+
+Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher
+beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an
+ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach
+ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen
+Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen
+herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen
+Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen --
+Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und
+Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind --
+unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein
+gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die
+intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle.
+
+
+§ 16. Die körperlichen Gefühle.
+
+Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die
+_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig.
+Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu
+einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt
+jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton
+zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu,
+wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich
+mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits
+kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer
+Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden.
+
+Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche
+Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize
+haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle,
+_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im
+Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur
+in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit
+deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen
+unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie
+vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die
+Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne
+begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine
+Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage,
+was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen
+von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer
+Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von
+Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das
+Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke
+Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.
+
+
+§ 17. Die geistigen Gefühle.
+
+Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände,
+durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen
+selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die
+dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen
+dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers
+verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes
+Wort hervorgerufen wird.
+
+_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der
+Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von
+Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen
+Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer
+Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz,
+Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die
+_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie
+sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des
+menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit”
+(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein
+Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der
+vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt
+zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische
+Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das
+Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die
+Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der
+_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination
+schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem
+Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm
+geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich
+ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches
+Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung
+folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum
+Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade
+nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser
+Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist,
+werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen
+des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des
+Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter
+(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten
+Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das
+Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das
+_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu
+Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem
+sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt,
+werden zu Trägern sittlicher Ideale.
+
+
+§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.
+
+Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß
+es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen
+beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_,
+z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer
+bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_,
+beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu
+unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe,
+Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit
+gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen
+frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch
+größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren
+Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist
+das _Gemüt_.
+
+
+§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.
+
+Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen
+sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die
+Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl
+auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert.
+Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung
+vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen
+in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben
+Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der
+betreffenden Umstände.
+
+Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den
+Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der
+Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes
+Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_.
+Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen
+Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust
+ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand
+der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger,
+als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie
+in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur
+ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.
+
+_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der
+häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden.
+Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt
+Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung
+in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen
+Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die
+wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen
+Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem
+die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des
+Tonstücks eindringt.
+
+Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem
+_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen
+höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt
+sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes
+aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der
+Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der
+Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.
+
+Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse
+Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten
+Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von
+Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.
+
+
+§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.
+
+Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das
+sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick
+unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein
+allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten
+„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen
+entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen
+unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers
+beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.
+
+Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern,
+setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:
+
+1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu
+_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.
+
+2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber
+auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.
+
+3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im
+Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens
+gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B.
+Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier
+Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des
+Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das
+Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der
+„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen
+Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl
+die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte
+Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.
+
+Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die
+Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine
+Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet
+haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_
+Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der
+_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_
+bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.
+
+Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des
+„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die
+Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise
+verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit
+auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung
+damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige
+Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so
+sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis
+entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen
+des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt,
+ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die
+gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in
+einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal
+gewesen zu sein.
+
+
+§ 21. Die Temperamente.
+
+Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender
+Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter
+Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird,
+wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert
+werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen
+sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der
+körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es
+eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht
+schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente
+herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen:
+das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische
+Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke
+zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen)
+und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_:
+dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).
+
+Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen
+Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der
+gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_
+Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige
+Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung,
+daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der
+Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere
+Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem
+Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_:
+starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der
+Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_:
+große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber
+Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft
+zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.
+
+_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der
+Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit,
+und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:
+
+ _Starke:_ _Schwache:_
+
+ _Schnelle_ cholerisch sanguinisch
+ _Langsame_ melancholisch phlegmatisch.
+
+Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt,
+und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit
+zu vermeiden.
+
+Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker,
+Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in
+jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art
+angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz
+zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen
+der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust.
+
+
+§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.
+
+Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir
+machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst,
+bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch
+der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird.
+Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden
+Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus,
+daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers,
+die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste
+Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im
+„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen
+Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch
+fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden,
+zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im
+Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich
+auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist,
+das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen
+Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder
+dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen.
+
+
+§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das
+menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach
+auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine
+Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen
+Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der
+Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt
+als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem
+Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende
+Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit
+einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst
+bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen
+Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch
+ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des
+geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die
+daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist
+nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste
+Aufgabe der Lebensklugheit.
+
+Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der
+umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung
+auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem
+Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die
+theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht
+nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so
+vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb
+geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit
+verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar
+nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender
+Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit,
+sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm
+verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so
+geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die
+Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt
+unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl.
+
+So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust,
+die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des
+einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte
+der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der
+Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es,
+die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler
+Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung
+entgegenführen.
+
+
+3. Das Wollen.
+
+
+§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.
+
+Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des
+Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen
+Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer
+eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des
+Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu
+bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden
+Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher
+auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum
+eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht
+werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden
+soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung.
+
+Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst
+Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom
+Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen
+Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in
+Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten
+Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder
+eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich
+kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen
+Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt,
+allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden
+können.
+
+Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche
+_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines
+Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die
+Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt
+Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung
+nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der
+eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber
+ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu
+jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß
+diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung
+unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei
+Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch
+wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße
+ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar
+noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger
+Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen
+Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die
+sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche
+zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer
+Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und
+durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß
+diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen
+Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen
+Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die
+motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur
+Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den
+elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft
+weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der
+Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der
+durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen
+bringt.
+
+Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen
+Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der
+bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem
+Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens
+oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die
+Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie
+werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung,
+mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die
+_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen
+_Reflexhemmungen_.
+
+Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des
+_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln
+zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie
+gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine
+Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer
+Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei
+geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten
+ihrer Gattung angesehen werden müssen.
+
+Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne
+eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer
+zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_
+der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren
+Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines
+Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern
+unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung
+einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß
+der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt
+sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung
+gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas
+anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung
+infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung
+der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück.
+
+
+§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
+
+Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt
+näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto
+enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So
+unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr
+oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der
+Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz
+erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_
+über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem
+zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes
+gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden,
+zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt
+leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung
+begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem
+das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die
+Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das
+Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also
+der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_.
+
+Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar
+zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten
+mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen
+Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr
+bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es
+entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der
+Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
+gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel
+anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung
+entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher
+Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die
+Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn
+sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden:
+„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber
+die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen
+Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die
+Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form
+des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern,
+desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der
+Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet
+haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit
+haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der
+unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung
+entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des
+Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig
+ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die
+strafrechtliche Beurteilung.
+
+_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht,
+daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun
+auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
+herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur
+erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt
+in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen
+Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen
+wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht
+werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält,
+diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer
+inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein,
+sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft,
+jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
+
+
+§ 26. Die Freiheit des Willens.
+
+Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß
+faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern
+Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben
+vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich
+vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die
+Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese
+Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen,
+ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist,
+die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz
+außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
+Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der
+Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
+
+1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des
+Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben
+müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_.
+Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit
+des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt
+weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
+
+2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_
+hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das
+Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß
+man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt
+hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde
+Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung
+bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl
+zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen
+Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an
+eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und
+aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
+
+
+§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
+
+Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen
+innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren
+Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen
+und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie
+verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen
+Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser
+Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in
+äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch
+_Gebärden_ genannt.
+
+Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die
+aber häufig zusammenwirken:
+
+1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum
+Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen
+erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten.
+Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der
+Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck
+körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern
+es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz
+einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der
+Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in
+Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein
+Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier
+besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in
+einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das
+_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein
+Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen.
+Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln
+begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
+
+2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher
+Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche
+der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen
+des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden
+Geschmacksempfindungen verbunden sind.
+
+3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch
+mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
+dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der
+Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des
+betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden.
+So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
+kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das
+Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und
+dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
+
+Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die
+_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den
+gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in
+ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet.
+Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden
+begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung
+den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer
+unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche
+Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten
+_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird,
+wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die
+erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer
+Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das
+Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und
+abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
+gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_:
+zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und
+dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde
+die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die
+Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die
+Ausbildung des Denkens überhaupt.
+
+Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer
+Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren
+Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die
+natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind,
+hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten
+Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den
+inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen
+ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt,
+so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht
+„Ausdruck” eines Innern ist.
+
+
+§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
+
+Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das
+geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere
+Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen
+Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch
+Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die
+Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder
+kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel
+dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der
+Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen
+Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden
+wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der
+Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben
+(vgl. o. S. 36).
+
+Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von
+den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die
+motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln
+geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche
+gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B.
+die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für
+unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das
+eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt
+sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der
+betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch
+Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe
+in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben
+geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange
+her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist
+uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als
+ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen:
+das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu
+erklären.
+
+Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung
+erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer
+besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen
+Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt
+scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und
+beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall
+der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des
+Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen,
+und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder
+Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der
+Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch
+hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
+
+Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich
+einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber
+macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
+eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der
+Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns,
+einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf
+sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen
+Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind.
+Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene
+Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige
+Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine
+besondere Entscheidung des freien Willens statt.
+
+
+Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele
+voneinander.
+
+
+§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
+
+Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon
+erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht
+entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten
+Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer
+ergeben, wie eng sie zusammengehören.
+
+1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist
+das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es
+verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert,
+den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für
+uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst
+würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und
+diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen,
+die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des
+_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
+
+2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von
+Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt,
+um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit
+den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie
+sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine
+deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung
+der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die
+höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen,
+religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf
+sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann
+wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen
+bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen
+Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls
+verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann
+mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
+Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es
+sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter
+Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen
+läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird
+unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen,
+in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den
+Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur
+dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen
+wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie
+eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen
+Strebens verhindert.
+
+3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er
+bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses
+Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die
+Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen
+Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu
+erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand
+ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen
+planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige
+Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur
+Leitung des Willens aufgestellt werden.
+
+So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der
+verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen
+Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille
+vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches
+Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen
+vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und
+_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale
+Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen
+Geistes.
+
+
+
+
+Logik.
+
+
+§ 30. Die Aufgabe der Logik.
+
+Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_.
+Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der
+Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner
+_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen
+Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie
+das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik
+hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das
+geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die
+Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der
+Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
+wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.
+
+Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben,
+_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das
+nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen,
+dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber
+der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt
+werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung
+vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich
+zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir
+auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis
+des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen
+Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die
+Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_
+abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht
+vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit
+gelten zu können.
+
+Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges
+Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das
+richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir
+finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu
+denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die
+Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen,
+unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande
+kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab
+_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von
+gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat,
+durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie
+unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das
+Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
+unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen
+eigenen Gesetzen.
+
+Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik
+_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die
+Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß
+die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der
+logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen
+angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die
+Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn
+wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt,
+so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
+handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist
+diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder
+besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie
+und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer
+klaren, sicheren Methode abhängig ist.
+
+Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den
+_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese
+Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft
+als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des
+wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik
+einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.
+
+
+I. Teil. Elementarlehre.
+
+
+1. Die Begriffe.
+
+
+§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.
+
+_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in
+einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. §
+13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen
+und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird,
+gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so
+nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht
+werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können,
+_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale
+des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang;
+außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl
+gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in
+keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes
+stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der
+Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder
+die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang
+zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der
+Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich
+wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks
+schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann
+aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.
+
+Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in
+_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_
+eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen
+zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein
+ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der
+Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.
+
+Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet
+wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren,
+sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten
+sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen
+wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen,
+indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen
+aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.
+
+
+§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.
+
+An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit
+der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der
+Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den
+Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und
+Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate,
+Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier:
+organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere,
+Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.
+
+Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale
+aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu
+eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird
+der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff
+Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält,
+denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid
+ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:
+Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit
+dem Begriff des Vierecks zusammen.
+
+_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je
+größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und
+Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis
+zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang
+des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld
+und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal
+Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von
+Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen
+erweitert (Abstraktion).
+
+
+§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.
+
+Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt
+die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn
+man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann,
+was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung
+möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von
+Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein
+Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für
+sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der
+von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine
+klare Vorstellung hat.
+
+
+§ 34. Die Arten der Begriffe.
+
+Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_
+Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale
+enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum;
+zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil.
+
+Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man
+_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und
+_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der
+unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man
+_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder
+aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen
+nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der
+Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der
+Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen
+können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt
+der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier,
+organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren
+Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im
+Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet
+werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und
+Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann
+auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert
+besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:
+Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,
+Individuum.
+
+Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet
+sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B.
+Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da
+die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem
+gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz
+(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den
+Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die
+Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und
+ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_
+Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie
+sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen
+sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt,
+ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer
+sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden
+zugleich.
+
+Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach
+Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und
+der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der
+Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der
+nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders
+hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres
+Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_,
+wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und
+gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man
+diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen
+höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und
+Tapferkeit.
+
+
+2. Die Urteile.
+
+
+§ 35. Das Wesen des Urteils.
+
+_Das Urteil ist der Akt der Ineinssetzung oder Trennung zweier Begriffe,
+der mit dem Bewußtsein seiner Allgemeingültigkeit vollzogen wird._ Die
+sprachliche Form des Urteils ist der _Aussagesatz_. In jedem Urteil wird
+etwas von etwas ausgesagt. Das, wovon etwas ausgesagt wird, ist das
+_Subjekt_ und das, was ausgesagt wird, das _Prädikat_. Die Ineinssetzung
+beider wird durch die _Kopula_ vermittelt. Sprachlich wird die Kopula
+ausgedrückt durch die Flexionsendung des Verbums. In dem Urteil: das
+Eisen glüht, ist Eisen der Subjektsbegriff, glühen der Prädikatsbegriff
+und die Flexionsendung t das Mittel, die Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat darzustellen. Auch wo das Verbum _sein als Kopula_ verwendet
+wird, sagt es nicht zugleich die Existenz des Subjekts aus
+(Existentialurteil), sondern dient nur als Träger der Flexionsendung,
+die das Subjekt mit dem Prädikat verknüpfen soll, z. B. der Pegasus ist
+geflügelt.
+
+
+§ 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile.
+
+Die herkömmliche Einteilung der Urteile, die in ihren Grundzügen von
+Kant aufgestellt wurde, ist die nach den 4 Gesichtspunkten, die bei
+jedem Urteil in Betracht kommen sollen, nach der _Quantität_,
+_Qualität_, _Relation_ und _Modalität_.
+
+
+1. Die Quantität.
+
+Nach der Quantität unterscheidet man 1. _allgemeine_ Urteile, wo das
+Prädikat von dem ganzen Umfang des Subjekts gilt: alle S sind P; alle
+Menschen sind sterblich; 2. _besondere oder partikuläre_ Urteile, wo das
+Prädikat nur von einem Teil des Umfangs des Subjekts gilt: einige S sind
+P; einige Könige waren Philosophen; und 3. _einzelne oder individuelle_
+Urteile, wo das Prädikat von einem einzelnen Individuum gilt: S ist P;
+Bismarck ist ein großer Mann.
+
+Soll diese Einteilung festgehalten werden, so bedarf sie jedenfalls der
+_Ergänzung_. Es wurde mit Recht angeführt, das _individuelle_ Urteil
+könne auch als allgemeines betrachtet werden, da auch bei ihm das
+Prädikat vom ganzen Umfang des Subjekts gelte. Doch ist dieser Fall,
+daß das Prädikat, wenn auch vom ganzen Umfang des Subjekts, so doch nur
+von einem Individuum gilt, eigenartig genug, um als solcher eine
+besondere Art zu begründen. Das _partikuläre_ Urteil kann als
+selbständiges nur festgehalten werden, wenn es näher bestimmt wird, so
+daß es entweder lautet: _nur_ einige S sind P, oder: _mindestens_ einige
+S sind P. Das ganz unbestimmte partikuläre Urteil: einige Menschen sind
+sterblich, ist wertlos; nur wenn es entweder das entsprechende allgemein
+vorbereitet, z. B.: (mindestens) einige Fixsterne haben eigene Bewegung,
+oder ein allgemeines verneint, z. B.: (nur) einige Planeten haben Monde,
+hat es selbständige Berechtigung. Beim _allgemeinen_ Urteil muß
+unterschieden werden zwischen dem empirisch allgemeinen und dem
+unbedingt allgemeinen. Beim _empirisch allgemeinen_ beruht die
+Behauptung, daß das Prädikat in allen Subjekten vorkommt, auf Erfahrung
+und Zählung, z. B. in dem Urteil: alle Geladenen sind gekommen, auf
+einer Vergleichung der Zahl der Gekommenen mit der Zahl der Geladenen.
+Beim _unbedingt allgemeinen_ Urteil wird das Prädikat auf Grund eines
+Wesenszusammenhanges im voraus auch von denjenigen Subjekten ausgesagt,
+an denen es noch nicht beobachtet wurde, z. B.: alle Rechtecke haben
+gleiche Diagonalen.
+
+
+2. Die Qualität.
+
+Nach der Qualität werden die Urteile eingeteilt in 1. _bejahende_ oder
+affirmative, wo Subjekt und Prädikat in eins gesetzt werden: S ist P; 2.
+_verneinende_ oder negative, wo Subjekt und Prädikat getrennt werden; 3.
+_unendliche_ oder limitierende, wo das Subjekt mit einem verneinten
+Prädikat verknüpft wird: S ist Nicht P.
+
+Diese letztere Form kann jedoch nicht als eine besondere gelten, sie
+fällt vielmehr mit dem verneinenden Urteil zusammen. _Unendlich_ werden
+diese _Urteile_ genannt, weil z. B. in dem Urteil: dieser Mensch ist
+nichtschuldig, dem Subjekt die unendliche Anzahl aller möglichen
+Prädikate, mit Ausnahme des einen: schuldig, beigelegt wird. Dieses
+unendliche Prädikat ist aber nicht vorstellbar und wird auch tatsächlich
+nie vorzustellen versucht. Man denkt sich unter dem Nichtschuldig nicht
+alle möglichen Prädikate, z. B. blau, sechseckig, gasförmig, vielmehr
+ist auch hier die Absicht immer nur, das entsprechende bejahende Urteil
+zu verneinen.
+
+Aus der Kombination der Einteilungen nach Quantität und Qualität ergeben
+sich _vier Arten von Urteilen_, die in der Logik durch die 4 Buchstaben
+a e i o bezeichnet werden: 1. das allgemein bejahende: alle S sind P
+(a); 2. das allgemein verneinende: kein S ist P (e); 3. das partikulär
+bejahende: einige S sind P (i); 4. das partikulär verneinende: einige S
+sind nicht P (o). Die Buchstaben sind den Wörtern %affirmo% (ich bejahe)
+und %nego% (ich verneine) entnommen.
+
+
+3. Die Relation.
+
+Nach der Relation, d. h. nach der Art der Beziehung zwischen Subjekt und
+Prädikat unterscheidet man 1. _kategorische_ Urteile, die eine einfache
+Aussage enthalten: S ist P; 2. _hypothetische_ Urteile, die nur bedingt
+etwas aussagen: wenn X ist, so ist S P; wenn das Glas gerieben wird, so
+entwickelt sich Elektrizität; 3. das _disjunktive_ Urteil, welches
+aussagt, daß dem Subjekt von mehreren sich ausschließenden Prädikaten
+jedenfalls eines zukomme: S ist entweder P oder Q oder R; Dreiecke sind
+entweder spitzwinklig oder rechtwinklig oder stumpfwinklig; entweder
+die Franzosen oder die Deutschen werden siegen.
+
+Im _hypothetischen_ Urteil sind also an die Stelle des Subjekts und des
+Prädikats zwei Sätze getreten, die in das Verhältnis von _Grund und
+Folge_ zueinander gesetzt werden. Es wird in dem obigen Beispiel weder
+behauptet, daß in einem bestimmten Augenblick das Glas gerieben wird,
+noch daß sich Elektrizität entwickelt, sondern es sind zwei als
+_Hypothesen_ aufgestellte Sätze, von denen nur behauptet wird, daß die
+Gültigkeit des einen die notwendige Folge der Gültigkeit des anderen
+sei. Die _Negation_ kann beim hypothetischen Urteil in vierfacher Weise
+auftreten, je nachdem Vordersatz oder Nachsatz oder beide oder endlich
+die notwendige Folge selbst verneint werden. Beispiele: 1. Wenn der
+Himmel bewölkt ist, fällt kein Tau. 2. Wenn eine Linie nicht krumm ist,
+so ist sie gerade. 3. Wenn ein Dreieck nicht gleichseitig ist, so ist es
+auch nicht gleichwinklig. 4. Wenn ein Parallelogramm rechtwinklig ist,
+so ist es darum nicht notwendig ein Quadrat.
+
+Zum _disjunktiven_ Urteil gehört eigentlich eine _Reihe möglicher
+Sätze_, die sich gegenseitig ausschließen, und die zusammen den Umfang
+des Subjekts- oder Prädikatsbegriffs erschöpfen: S ist P, S ist Q, S ist
+R, die also bei zwei Gliedern im _kontradiktorischen_, bei mehr Gliedern
+im _konträren_ Gegensatze stehen.
+
+
+4. Die Modalität.
+
+Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_,
+wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als
+Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren
+Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_,
+deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein.
+
+Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen
+Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive
+Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des
+Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive
+Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts
+Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine
+Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit
+eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des
+Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der
+es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft
+Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen
+assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil,
+also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit
+vollzogen wird.
+
+
+§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.
+
+Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und
+zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_
+Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und
+_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen,
+unterschieden.
+
+Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten
+hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet:
+
+1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere
+Prädikate bejaht oder verneint.
+
+ { sowohl } { als } { als }
+ S ist { } P { } P^1 { } P^2.
+ { weder } { noch } { noch }
+
+2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe
+Prädikat bejaht oder verneint.
+
+ Sowohl } { als } { als }
+ } S^1 { } S^2 { } S^3 ist P.
+ Weder } { noch } { noch }
+
+3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen
+Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P
+teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum
+disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv
+ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder
+gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils
+krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck
+voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von
+denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder
+gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach
+seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien
+(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,
+welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen
+sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von
+Ewigkeit her oder geworden.
+
+Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit
+dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven,
+zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen
+Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein
+keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch
+bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als
+einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,
+wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides
+besitzen.
+
+Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das
+konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes
+Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene
+selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen
+kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil
+in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine
+Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann
+neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn,
+obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden;
+alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der
+Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich
+daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen,
+sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile,
+die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen
+Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer
+sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile.
+
+Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten
+lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das
+_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine
+eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und
+Prädikats tretenden Sätzen.
+
+
+§ 38. Übersicht der Urteilsarten.
+
+Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und
+Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen
+verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten
+Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der
+allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe
+(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt
+oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch
+genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der
+Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die
+verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen
+wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als
+einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den
+Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und
+Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich
+ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben:
+
+
+I. Nach den Subjektsformen.
+
+1. In Beziehung auf die _Zeit der Gültigkeit_ der Urteile:
+
+ a) _Erzählende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Individualvorstellung zu Grunde, die als solche einer bestimmten
+ Zeit angehört. Das Urteil selbst ist daher _nur für einen
+ bestimmten Zeitabschnitt gültig_, z. B.: diese Blume ist schön.
+
+ b) _Erklärende_ Urteile. Dem Subjektsbegriff liegt eine
+ Gemeinvorstellung zu Grunde, die als solche an keinen bestimmten
+ Zeitabschnitt gebunden ist. Das Urteil selbst _bezieht sich_
+ deshalb _auf keinen einzelnen Zeitpunkt_, z. B.: das Gold ist gelb.
+
+2. In Beziehung auf den _Umfang ihrer Gültigkeit_ (Quantität):
+
+ a) _Urteile mit Impersonalien._ Das Subjekt ist ein unpersönliches
+ Fürwort. Das Urteil gibt nur der unmittelbaren sinnlichen
+ Wahrnehmung als solcher Ausdruck, das Fürwort ist nur der
+ sprachliche Ersatz eines Subjektes, der als leere Form
+ gewohnheitsmäßig hinzugefügt wird, z. B.: es blitzt, es regnet.
+ Daher ist auch der _Umfang der Gültigkeit des Urteils unbestimmt_.
+
+ b) _Individuelle Urteile._ Der Umfang der Gültigkeit des Urteils
+ _beschränkt sich auf den Individualbegriff_, der das Subjekt
+ bildet, z. B.: Cäsar hat gesiegt.
+
+ c) _Partikuläre Urteile._ Das Subjekt steht in unbestimmter
+ Mehrzahl. Das Urteil gilt zunächst nur _für einen Teil des Umfangs
+ des Subjektsbegriffs_:
+
+ mindestens }
+ } einige S sind P.
+ nur }
+
+ d) _Allgemeine Urteile._ Das Subjekt umfaßt alle Individuen, die
+ unter einen bestimmten Begriff fallen, und zwar entweder auf Grund
+ der Erfahrung (_empirisch allgemein_) oder auf Grund eines
+ Wesenszusammenhangs (_unbedingt allgemein_) (s. S. 76). Bei dem
+ letzteren wird die Allgemeinheit statt durch: alle, jeder, keiner,
+ auch durch den einfachen Singular des Gattungsbegriffs ausgedrückt,
+ z. B.: das Tier hat Empfindung.
+
+
+II. Nach den Prädikatsformen.
+
+Je nach den Vorstellungen, die dem Prädikatsbegriff zu Grunde liegen,
+wechselt die Art der Anknüpfung des Prädikats an das Subjekt, die bejaht
+oder verneint wird. Es lassen sich _fünf Hauptarten von Vorstellungen_
+unterscheiden, die auch von der Sprache durch verschiedene Wortformen
+gekennzeichnet sind: die Vorstellungen von _Dingen_, von deren
+_Tätigkeiten_ und _Eigenschaften_, von den _Modifikationen_ der
+Tätigkeiten oder Eigenschaften und von den _Beziehungen_ zwischen den
+Dingen. Diesen Vorstellungsarten entsprechen die Wortformen:
+Substantiva, Verba, Adjektiva, Adverbia, Partikeln.
+
+Danach ergeben sich _fünf Prädikatsformen_, welche die Urteilsfunktion
+selbst modifizieren.
+
+1. _Subsumtionsurteile._ Der Prädikatsbegriff ist ein Gattungsbegriff,
+in dessen größeren Umfang der Subjektsbegriff fällt, z. B.: dies ist
+Eisen, der Walfisch ist ein Säugetier.
+
+2. _Tätigkeitsurteile._ Der Prädikatsbegriff spricht dem Subjekt eine
+Tätigkeit zu: die Erde bewegt sich.
+
+3. _Eigenschaftsurteile._ Das Prädikat wird als Eigenschaft dem Subjekt
+beigelegt: Schnee ist weiß.
+
+4. _Modifikationsurteile._ Die Tätigkeiten und Eigenschaften werden auf
+einer höheren Stufe des Denkens _für sich betrachtet_ und zu _abstrakten
+Substantiven_ gemacht. Sie können dann selbst verschiedene
+_Modifikationen als Prädikate_ erhalten, z. B.: dieses Rot ist schön;
+die Bewegung der Brieftaube ist schnell.
+
+5. _Beziehungsurteile._ Das Prädikat sagt eine Beziehung zwischen
+verschiedenen Gegenständen aus, z. B.: die Stadt liegt am Rhein. Hier
+ist eine räumliche Beziehung zwischen der Stadt und dem Rhein
+ausgesprochen.
+
+
+III. Nach den Beziehungsformen.
+
+Die Urteile unterscheiden sich durch die Art, wie das Prädikat auf das
+Subjekt bezogen wird:
+
+1. _Nach der Gültigkeit oder Ungültigkeit der Beziehung überhaupt_
+(Qualität):
+
+ a) _Bejahende Urteile_: S ist P.
+
+ b) _Verneinende Urteile_: S ist nicht P.
+
+2. _Nach der Art der Beziehung_ (Relation):
+
+ a) Kategorische: S ist P.
+
+ b) Hypothetische: Wenn A gilt, so gilt B.
+
+ c) Disjunktive: A ist entweder B oder C oder D.
+
+3. _Nach der Art der Gültigkeit der Beziehung_ (Modalität):
+
+ a) Bedingt gültige Urteile: die Vermutung und die Hypothese: A ist
+ vielleicht P.
+
+ b) Unbedingt gültige Urteile: S ist P oder muß P sein.
+
+Jedes Urteil läßt sich nach diesen verschiedenen Gesichtspunkten
+betrachten. So fallen z. B. die Urteile: alle Menschen sind sterblich,
+nach I. unter 1. b), 2. d), nach II. unter 3., nach III. unter 1. a),
+2. a), 3. b); Hannibal mußte entweder siegen oder untergehen, nach I.
+unter 1. a), 2. b), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. c),
+3. b); zuweilen, wenn der Blitz einschlägt, zündet er, nach I. unter
+1. b), 2. c), nach II. unter 2., nach III. unter 1. a), 2. b), 3. b).
+
+
+3. Die Schlüsse.
+
+
+§ 39. Die Grundgesetze des Denkens.
+
+Bei dem Schlußverfahren werden gewisse einfache Regeln befolgt, die zwar
+Grundgesetze des Denkens überhaupt sind, die aber besonders beim
+Schließen hervortreten und deshalb am besten hier behandelt werden.
+
+Es werden gewöhnlich _vier Grundgesetze des Denkens_ gezählt.
+
+1. _Der Grundsatz der Identität_ (%principium identitatis%) lautet in
+seiner ursprünglichen Form: A ist A, _jeder Begriff, jedes Urteil ist
+sich selbst gleich_; als dazu gehörig wurde auch der Grundsatz der
+_Einstimmigkeit_ aufgestellt: A, welches B ist, ist B, von einem
+Begriff kann jedes Merkmal, das er hat, ausgesagt werden.
+
+2. Der _Grundsatz des Widerspruchs_ (%principium contradictionis%)
+lautet nach Aristoteles: „Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in
+derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme.”
+_Kontradiktorisch einander entgegengesetzte Urteile: A ist B und A ist
+nicht B, können nicht beide zugleich wahr sein._ Vielmehr folgt aus
+der Wahrheit des einen die Falschheit des andern.
+
+3. _Der Grundsatz des ausgeschlossen Dritten_ (%principium exclusi
+tertii%) lautet: _Zwei kontradiktorisch einander entgegengesetzte
+Urteile_: A ist B und A ist nicht B, _können nicht beide zugleich falsch
+sein_, ein drittes Urteil über dieselbe Beziehung zwischen A und B ist
+ausgeschlossen. Aus der Falschheit des einen folgt also die Wahrheit des
+andern.
+
+4. Der _Grundsatz des zureichenden Grundes_ (%principium rationis
+sufficientis%) lautet: _Jedes Urteil muß einen zureichenden Grund haben._
+Die Art, wie dieses Verhältnis von Grund und Folge zum Fortschritt im
+Denken benützt wird, ist noch genauer formuliert in dem Grundgesetz des
+logischen Zusammenhangs: _Mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit
+der Folge der Grund aufgehoben._
+
+Die wichtigsten dieser Sätze sind der Grundsatz des Widerspruchs und der
+des zureichenden Grundes. Der _Grundsatz der Identität_ ist, für sich
+betrachtet, gänzlich _inhaltslos_; er kommt für das Denken erst in
+Betracht, wenn dem Satze: A ist A, der andere gegenübertritt: A ist
+nicht A, wenn er also in den Satz des Widerspruchs übergeht. Eine
+_psychologische Forderung_ ist allerdings im Satz der Identität
+eingeschlossen, nämlich _die Forderung, dieselbe Vorstellung, denselben
+Begriff, dasselbe Urteil immer wieder in demselben Sinn zu fassen_; dies
+ist aber eine Voraussetzung für alles Denken, die nicht erst von der
+Logik festzustellen ist. Der _Grundsatz des ausgeschlossenen Dritten_
+beruht auf dem Satz des Widerspruchs in Verbindung mit dem Charakter der
+Verneinung überhaupt und wird deshalb besser nicht als ein selbständiger
+Satz festgehalten. Die beiden Urteile: A ist B und A ist nicht B, können
+nicht beide falsch sein; denn nehmen wir an, beide wären falsch, also zu
+verneinen, so würden sich die beiden Sätze: A ist nicht B und A ist B,
+nebeneinander als wahr ergeben, was durch das Gesetz des Widerspruchs
+ausgeschlossen ist.
+
+Von dem _logischen Grund_ der Wahrheit eines Urteils ist zu
+unterscheiden der -- ebenfalls jedesmal vorhandene -- _psychologische
+Grund_ seiner Gewißheit, die subjektiven Gründe, die den Urteilenden
+veranlassen, das Urteil als wahr auszusprechen. Dem logischen Grund oder
+_Erkenntnisgrund_ steht ferner gegenüber der _Realgrund_ oder die
+Ursache im Verhältnis zur Wirkung, die reale Kausalität. Z. B. das
+Sinken der Temperatur kann von uns als Grund benützt werden, um eine
+Folge, z. B. das Fallen der Quecksilbersäule des Thermometers, daran zu
+knüpfen, und die Mehrzahl logischer Gründe beruht auf solcher realer
+Kausalität; aber es gibt auch viele Erkenntnisgründe, welche nicht
+zugleich Realgründe sind, z. B. alle, welche den Ausgangspunkt für
+mathematische Folgerungen bilden.
+
+So bleiben also als die beiden Grundgesetze des Denkens der _Satz des
+Widerspruchs und der Satz des logischen Zusammenhangs von Grund und
+Folge_ übrig. Durch sie bewegt sich das fortschreitende Denken, indem
+es durch Vermeidung des Widerspruchs Einheit, durch allseitige
+Begründung Zusammenhang herzustellen sucht (vgl. S. 7).
+
+
+A. Der unmittelbare Schluß.
+
+
+§ 40. Der Schluß aus einem Begriff.
+
+_Der Schluß ist die Ableitung eines Urteils aus einem oder mehreren
+anderen Urteilen_; die Ableitung eines Urteils aus einem andern heißt
+_unmittelbarer Schluß_, die Ableitung aus mehreren andern _mittelbarer
+Schluß_.
+
+Der unmittelbare Schluß wird gewöhnlich durch Umformung eines Urteils
+gewonnen, er soll aber auch auf analytischem Wege aus einem Begriff
+abgeleitet werden können.
+
+Dieser _Schluß aus einem Begriff_ berührt sich nahe mit dem
+Unterschied zwischen _analytischen_ und _synthetischen_ Urteilen. Der
+vieldeutige Unterschied wird von Kant folgendermaßen bestimmt: „In
+allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
+gedacht wird, ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich.
+Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem
+Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer
+dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im
+ersten Falle nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern
+synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
+diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekte
+durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne
+Identität gedacht wird, sollen synthetische heißen. Die ersteren
+könnte man auch Erläuterungs-, die andern Erweiterungsurteile heißen,
+weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts
+hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe
+zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren;
+dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat
+hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine
+Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden.” So ist
+nach Kant das Urteil: alle Körper sind ausgedehnt, ein analytisches,
+denn man dürfe den Begriff eines Körpers nur zergliedern, um das
+Prädikat darin anzutreffen; das Urteil: alle Körper sind schwer, ein
+synthetisches, denn es sei etwas ganz anderes als das, was in dem
+bloßen Begriff eines Körpers überhaupt gedacht werde. Man könnte also
+auf dem einfachen Wege der Analyse des Begriffs Körper das Urteil
+gewinnen: alle Körper sind ausgedehnt.
+
+Will man diese Begriffsbestimmung Kants festhalten, so muß sie nach zwei
+Seiten berichtigt werden.
+
+1. Kant setzt voraus, daß es _Begriffe von allgemein anerkanntem Inhalt
+mit gleicher Wortbezeichnung gebe_. In Wirklichkeit könnte dasselbe
+Urteil: alle Körper sind schwer, für den einen ein analytisches, für den
+andern ein synthetisches sein, je nachdem sie das Merkmal der Schwere
+schon in ihren Begriff des Körpers aufgenommen oder noch nicht
+aufgenommen hätten. Es hängt also _von dem Bildungsstande des
+Urteilenden und von der Stufe der Wissenschaft ab_, ob ein Urteil ein
+analytisches oder ein synthetisches ist. Das analytische Urteil ist dann
+nur unter der Voraussetzung richtig, daß der Subjektsbegriff richtig
+ist, oder mit andern Worten: daß die Prädikate, die aus ihm abgeleitet
+werden, ihm schon durch wirkliche Urteile zugesprochen wurden; daher ist
+wohl auch die Ableitung eines Urteils aus einem Begriffe nicht als eine
+besondere Art des Schlusses anzusehen.
+
+2. Kant redet beim analytischen Urteil nur _von Begriffen_, es wird aber
+zugegeben werden müssen, daß es auch auf dem Gebiete der _Wahrnehmung_
+ein analytisches Urteil gibt. Das Urteil: diese Rose ist gelb, gewinne
+ich nur durch Analyse meiner unmittelbaren Anschauung der gelben Rose,
+die ich vor mir habe. Nur für denjenigen wäre dieses Urteil ein
+synthetisches, den ich durch meine Beschreibung der gelben Rose
+veranlassen würde, zu seinem Begriff der Rose das Merkmal gelb, das für
+ihn nicht unmittelbar darin enthalten war, hinzuzufügen.
+
+
+§ 41. Die Konversion.
+
+Die Ableitung eines Urteils aus einem andern erfolgt durch _Umformung
+des gegebenen Urteils_. Es werden gewöhnlich 7 Arten solcher Umformungen
+aufgeführt.
+
+Die erste derselben ist die _Konversion_ (Umkehrung). Sie besteht darin,
+daß die Glieder des Urteils ihre Stellung wechseln; es wird z. B. im
+kategorischen Urteil das Subjekt zum Prädikat und das Prädikat zum
+Subjekt, im hypothetischen Urteil der Vordersatz zum Nachsatz und der
+Nachsatz zum Vordersatz. Diese Umkehrung geschieht mit oder ohne
+Veränderung der Quantität; im ersten Fall heißt sie _unreine_ (%conversio
+per accidens%), im zweiten Fall _rein_ (%conversio simplex%).
+
+Für die einzelnen Formen der Kombination von Quantität und Qualität:
+allgemein bejahende a, partikulär bejahende i, allgemein verneinende e
+und partikulär verneinende o, ergibt sich folgendes:
+
+1. _Aus a wird i_ (unreine Umkehrung). Z. B. der Satz: alle kongruenten
+Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem Inhalt, läßt nur eine unreine
+Umkehrung zu: einige Dreiecke von gleichem Inhalt sind auch kongruent.
+_Reine Umkehrung_ ist nur als Ausnahme in dem Fall möglich, wenn der
+Umfang des Subjekts- und des Prädikatsbegriffes sich decken; z. B.: alle
+gleichseitigen Dreiecke sind auch gleichwinklig. Das Verhältnis der
+Begriffe läßt sich am besten durch Kreise veranschaulichen. Es zeigt
+sich, daß der dem Subjektsbegriff S entsprechende Kreis entweder ganz in
+den Umfang des Kreises P fällt, wie bei 1., oder daß beide Kreise sich
+decken, wie bei 2. Daraus ergibt sich, daß jedenfalls einige S, unter
+Umständen alle in den Umfang des Kreises P fallen, so daß bei 1. nur
+unreine, bei 2. reine Umkehrung möglich ist.
+
+[Illustration: a.1.]
+
+2. _Aus_ i _wird_ i (reine Umkehrung). Einige Parallelogramme sind
+regelmäßige Figuren, einige regelmäßige Figuren sind Parallelogramme. In
+dem für i natürlichen Falle 1. schneiden sich die Kreise, und der beiden
+gemeinsame Raum versinnlicht die Möglichkeit der reinen Umkehrung. Der
+Kreis P kann aber auch ganz in den Kreis S fallen, wie bei 2., dann ist
+die Umkehrung unrein, z. B.: einige Parallelogramme sind Rechtecke, alle
+Rechtecke sind Parallelogramme; oder S in sich schließen, wie bei 3. und
+4., wo sich wieder i ergibt.
+
+[Illustration: i.1. 2. 3. 4.]
+
+[Illustration: e.]
+
+3. _Aus_ e _wird_ e (reine Umkehrung). Kein Schuldloser ist unglücklich,
+kein Unglücklicher schuldlos. Die beiden Kreise S und P sind
+vollständig getrennt, kein S ist P und kein P S.
+
+4. Aus o _folgt nichts_. Durch das Urteil: einige S sind nicht P, ist
+das Verhältnis von S und P zu wenig bestimmt, als daß etwas daraus
+gefolgert werden könnte. Die Fälle 1., 2. und 3. sind alle von o aus
+möglich, es läßt sich aber kein allen gemeinsames Urteil mit P als
+Subjekt daraus ableiten.
+
+[Illustration: o.1. 2. 3.]
+
+
+§ 42. Die Kontraposition.
+
+Bei der _Kontraposition_ wechseln die Glieder des Urteils ihre Stellung,
+das kontradiktorische Gegenteil des Prädikats wird zum Subjekt und die
+Qualität des Urteils wird verändert.
+
+1. _Aus_ a _wird_ e. Aus: jedes S ist P, folgt: alle NichtP sind nicht S
+oder kein NichtP ist S; z. B.: jeder wirklich religiöse Mensch handelt
+auch sittlich; wer nicht sittlich handelt, ist kein wirklich religiöser
+Mensch. Nach den Figuren § 41 für a ist klar, daß, da S ganz in P liegt,
+alles, was außerhalb des Kreises P liegt, also NichtP ist, auch
+außerhalb des Kreises S liegen muß, also nicht S ist.
+
+2. _Aus_ e _wird_ i. Wenn kein S P ist, so sind mindestens einige NichtP
+S, vgl. die Fig. § 41 e; denn da S ganz von P getrennt ist, so fällt es
+jedenfalls in den Raum außerhalb P, d. h. von NichtP; z. B.: nichts
+Gutes ist unschön, einiges nicht Unschöne ist gut.
+
+3. _Aus o wird i._ Wenn einige S nicht P sind, so sind mindestens einige
+NichtP S. Nach den 3 Figuren § 41 o muß jedenfalls ein Teil von S
+außerhalb P liegen, also mit einigen NichtP zusammenfallen; z. B.:
+einiges Lebende ist nicht beseelt, einiges Unbeseelte ist lebendig.
+
+4. _Aus i folgt nichts._ Durch Kontraposition würde sich ergeben: einige
+NichtP sind nicht S, und dies würde für Figur § 41. i. 1. 3. 4.
+zutreffen, aber bei Fig. 2 ist die Möglichkeit denkbar, daß S die
+Gesamtheit alles Seienden umfaßt, dann wäre es nicht richtig, daß einige
+NichtP nicht S sind, denn alle NichtP wären S.
+
+
+§ 43. Die Umwandlung der Relation.
+
+Eine dritte Art des unmittelbaren Schlusses beruht auf der _Veränderung
+der Relation. Aus dem einfachen kategorischen_ Urteil: alle A sind B,
+kann ein hypothetisches abgeleitet werden: wenn etwas A ist, so ist es
+B, z. B.: jeder Feigling ist verächtlich; wenn einer ein Feigling ist,
+so ist er verächtlich. Aus dem _disjunktiven_ Urteil können mehrere
+hypothetische abgeleitet werden. Das disjunktive Urteil: A ist entweder
+B oder C, schließt die beiden hypothetischen ein: wenn A nicht B ist, so
+ist es C, und: wenn A nicht C ist, so ist es B, z. B.: die Menschen
+stammen entweder von einem oder von mehreren Paaren ab. Ebenso lassen
+sich zusammengehörige _hypothetische_ Urteile in _einem disjunktiven_
+aussprechen.
+
+
+§ 44. Die Subalternation.
+
+Bei der Subalternation wird daraus, daß ein Urteil von dem _ganzen
+Umfang_ des Subjektsbegriffes gilt, geschlossen, daß es auch _von einem
+Teil_ desselben gilt. Dagegen folgt _aus der Verneinung des
+partikulären auch die Verneinung des entsprechenden allgemeinen
+Urteils_. Es folgt 1. aus der Wahrheit von a die von i, 2. aus der
+Unwahrheit von i die von a.
+
+
+§ 45. Die Äquipollenz.
+
+Bei dem unmittelbaren Schluß durch Äquipollenz wird die Qualität des
+Urteils selbst und die des Prädikats verändert und nach dem Grundsatz:
+%Duplex negatio affirmat%, ein mit dem ersten übereinstimmendes Urteil
+hergestellt. Aus: alle S sind P, wird: kein S ist ein NichtP, z. B.:
+jede Lüge ist verwerflich; es gibt keine Lüge, die nicht verwerflich
+wäre.
+
+
+§ 46. Die Opposition.
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition besteht darin, daß _aus der
+Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit seines Gegenteils_ gefolgert wird
+_und umgekehrt_. Wie die Begriffe, so können auch die Urteile in einem
+kontradiktorischen und in einem konträren Gegensatz stehen. _Im
+kontradiktorischen Gegensatz stehen zwei Urteile, von denen das eine
+dasselbe bejaht, was das andere verneint_, also: das allgemein bejahende
+und das partikulär verneinende, das allgemein verneinende und das
+partikulär bejahende. Im _konträren_ Gegensatz stehen diejenigen
+Urteile, von denen zwar nur eines wahr sein kann, die aber weitere
+Möglichkeiten übrig lassen: das allgemein bejahende und das allgemein
+verneinende; denn beide können falsch sein, und dann ist noch das
+partikulär bejahende und das partikulär verneinende möglich, z. B.
+falsch a und e, richtig i: einige Menschen erreichen ein Alter von
+hundert Jahren. Daneben wird noch das _subkonträre_ Verhältnis
+unterschieden, in welchem das partikulär bejahende und das partikulär
+verneinende Urteil zueinander stehen, und das Verhältnis der
+_Subalternation_ (vgl. § 44) oder Unterordnung, das von solchen Urteilen
+gilt, die das von dem ganzen Umfang des Subjektsbegriffes Ausgesagte
+auch auf einen Teil desselben beziehen.
+
+Diese Verhältnisse der Urteile lassen sich in folgendem Schema
+veranschaulichen:
+
+ A -- Konträrer Gegensatz -- E
+
+ | \ / |
+ | \ / |
+
+ K z
+ o t
+ n a
+ t s
+ r n
+ a e
+ d g
+ i e
+ U k G U
+ n t n
+ t o r t
+ e r e e
+ r i h r
+ o sc o
+ r i h r
+ d r e d
+ n o r n
+ u t u
+ n k G n
+ g i e g
+ d g
+ a e
+ r n
+ t s
+ n a
+ o t
+ K z
+
+ | / \ |
+ | / \ |
+
+ I -- Subkonträrer Gegensatz -- O
+
+Der unmittelbare Schluß durch Opposition erfolgt demgemäß nach folgenden
+Regeln:
+
+1. Aus der Wahrheit eines Urteils folgt die Unwahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+2. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit seines
+kontradiktorischen Gegenteils.
+
+3. Aus der Wahrheit eines Urteils die Unwahrheit des konträr
+entgegengesetzten.
+
+4. Aus der Unwahrheit eines Urteils die Wahrheit des entsprechenden
+subkonträren.
+
+
+§ 47. Die modale Konsequenz.
+
+Die _modale Konsequenz_ besteht darin, daß die sogenannte Modalität der
+Urteile verändert wird; dann folgt:
+
+1. Aus der Gültigkeit des apodiktischen Urteils die des entsprechenden
+assertorischen und des problematischen, und aus der Gültigkeit des
+assertorischen die des problematischen Urteils. Z. B.: die Summe der
+Winkel eines Dreiecks beträgt notwendig und deshalb immer auch
+tatsächlich zwei Rechte.
+
+2. Aus der Ungültigkeit des problematischen Urteils die des
+assertorischen und apodiktischen, und aus der des assertorischen die des
+apodiktischen Urteils. Ist die Vermutung unrichtig, daß A B ist, so ist
+es auch tatsächlich nicht so und muß nicht so sein.
+
+
+§ 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse.
+
+Die unmittelbaren Schlüsse sind von _ungleichem Werte_. Von geringerer
+Bedeutung sind die Äquipollenz, die Subalternation, die modale
+Konsequenz und die Veränderung der Relation, teils weil sie
+Selbstverständliches aussagen, teils weil sie nur sprachliche
+Umformungen darstellen. Doch können die letzteren, so z. B. durch
+Umwandlung der Relation, dazu dienen, den Urteilen _diejenige
+sprachliche Form zu geben_, die am meisten ihrem logischen Charakter
+entspricht, und so überhaupt den Blick für die sprachliche Einkleidung
+der logischen Formen schärfen.
+
+Wichtiger sind: die Opposition, die Konversion und die Kontraposition.
+Die _Opposition_ führt zur scharfen Fassung des gegenseitigen
+Verhältnisses der Urteile. Die _unreine Konversion_ des allgemein
+bejahenden Urteils gibt Aufschluß darüber: 1. daß Subjekt und Prädikat
+nicht notwendig zusammengehören, 2. daß sie miteinander vereinbar sind.
+Die _reine Konversion_ des allgemein verneinenden Urteils vermittelt die
+wichtige Erkenntnis, daß zwei Begriffe A und B einander gegenseitig
+ausschließen. Die _Kontraposition_ stellt die negative Seite der
+Zusammengehörigkeit zweier Begriffe dar: wenn alle S P sind, so findet
+sich überall, wo P sich nicht findet, auch S nicht.
+
+Konversion und Kontraposition des kategorischen Urteils erleiden jedoch
+dadurch eine _gewisse Einschränkung_, daß sie Urteile voraussetzen, in
+denen das Prädikat auch wirklich Subjekt werden und als der höhere
+Begriff gegenüber dem Subjektsbegriff angesehen werden kann, wie in dem
+Beispiel: alle kongruenten Dreiecke sind auch Dreiecke von gleichem
+Inhalt. Dagegen lassen sich alle diese unmittelbaren Schlüsse auch _vom
+hypothetischen Urteil aus_ vollziehen, und hier gewinnen besonders die
+genannten beiden Formen größere Bedeutung. Die unreine Konversion von a:
+Wenn A gilt, so gilt B: zuweilen wenn B gilt, gilt A, drückt dann aus,
+daß aus der Wahrheit der Folge nicht einfach auf die Wahrheit des
+Grundes geschlossen werden kann; _die reine Konversion_ von e: Wenn A
+nicht gilt, so gilt B nicht, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht: daß,
+wenn mit der Verneinung des Grundes die Verneinung der Folge verknüpft
+ist, auch das Umgekehrte wahr ist. Die _Kontraposition_ aber: Wenn A
+gilt, so gilt B, wenn B nicht gilt, so gilt A nicht, wird zum Ausdruck
+des Gesetzes der logischen Notwendigkeit, daß mit der Folge der Grund
+aufgehoben ist, z. B. das Urteil: Wenn einer durchs Herz geschossen
+wird, so stirbt er, gestattet unmittelbar den Schluß aus der
+Kontraposition: Wenn einer nicht stirbt, so wurde er nicht durchs Herz
+geschossen, aber nicht den durch reine Konversion: Wenn einer stirbt, so
+wurde er durchs Herz geschossen; denn die Folge, das Sterben, ist auch
+noch an andere Gründe geknüpft.
+
+
+B. Der mittelbare Schluß.
+
+
+§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses.
+
+Der mittelbare Schluß ist entweder ein Schluß _vom Allgemeinen auf das
+Besondere_ oder ein Schluß _vom Besonderen auf das Allgemeine_. Im
+ersteren Fall heißt er _Syllogismus_ im engeren Sinn, im zweiten
+_Induktion_.
+
+Der Syllogismus ist ein _einfacher_, wenn er aus zwei Urteilen, ein
+_zusammengesetzter_, wenn er aus mehr als zwei Urteilen abgeleitet ist.
+Die Urteile, aus denen das neue Urteil abgeleitet wird, heißen
+_Prämissen_ (%propositiones praemissae%), das abgeleitete Urteil
+_Schlußsatz_ (%conclusio%). Die Möglichkeit, den Schlußsatz aus den
+Prämissen abzuleiten, beruht darauf, daß die Prämissen einen Begriff
+gemeinsam haben, den sogenannten _Mittelbegriff_ (%terminus medius%), der
+im Schlußsatz nicht mehr vorkommt. Diejenige Prämisse, welche das
+Subjekt des Schlußsatzes, den _Unterbegriff_ (%terminus minor%), oder das
+untergeordnete Satzglied, z. B. beim hypothetischen Urteil den
+Vordersatz, enthält, wird _Untersatz_ (%propositio minor%), diejenige,
+welche das Prädikat des Schlußsatzes, den _Oberbegriff_ (%terminus major%)
+enthält, _Obersatz_ (%propositio major%) genannt. Alle zusammen bilden die
+_Elemente_ des Schlusses (%syllogismi elementa%).
+
+Die Syllogismen werden je nach der Stellung des Mittelbegriffes in
+verschiedene _Schlußfiguren_ eingeteilt. Es sind _4 Fälle der Stellung
+des Mittelbegriffs_ möglich. Er ist entweder in beiden Prämissen
+Prädikat, oder in beiden Subjekt, oder in der einen Prämisse Subjekt, in
+der andern Prädikat; der letztere Fall läßt wieder zwei Möglichkeiten
+offen, da der Mittelbegriff entweder im Ober- oder im Untersatz Prädikat
+und im andern Subjekt sein kann. Bezeichnet man den Subjektsbegriff mit
+S, den Prädikatsbegriff mit P und den Mittelbegriff mit M, so lassen
+sich die 4 Schlußfiguren in folgendem Schema darstellen:
+
+ 1. M P 2. P M 3. M P 4. P M
+ S M S M M S M S
+ --- --- --- ---
+ S P S P S P S P
+
+Die drei ersten Figuren wurden schon von Aristoteles aufgestellt, die
+vierte von dem Arzt und Philosophen Galenus († 200 n. Chr.); sie wird
+daher die galenische genannt.
+
+Innerhalb einer jeden Figur würden sich nun durch Kombination von
+Quantität und Qualität der Prämissen nach den Buchstaben a e i o 16
+Formen denken lassen, die folgende Tafel darstellt, wobei der erste
+Buchstabe auf den Obersatz, der zweite auf den Untersatz sich bezieht.
+
+ a a e a i a o a
+ a e (e e) (i e) (o e)
+ a i e i (i i) (o i)
+ a o (e o) (i o) (o o)
+
+Im ganzen würden sich also _64 Kombinationsformen der Prämissen oder
+Modi_ denken lassen. Von diesen erweist sich aber eine größere Anzahl
+als unbrauchbar, teils aus allgemeinen Gründen, die für alle 4 Figuren
+gleichmäßig gelten, teils weil sie den besonderen Gesetzen der einzelnen
+Figuren widersprechen.
+
+
+§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen
+Schlüsse.
+
+1. _Aus rein verneinenden Prämissen folgt nichts_ (%ex mere negativis
+nihil sequitur%). Es sind drei Fälle möglich.
+
+a) _Beide Prämissen sind allgemein verneinend_: e e. Daraus folgt, daß
+sowohl S als P von dem Mittelbegriff M vollständig getrennt sind; da
+aber durch den Mittelbegriff das gegenseitige Verhältnis von S und P
+bestimmt werden soll, so kann unter diesen Umständen über dieses
+Verhältnis nichts erschlossen werden. Es ergibt sich eine Reihe von
+Möglichkeiten, über die nicht entschieden werden kann, wie die folgende
+Veranschaulichung durch Kreise zeigt:
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Die eine Prämisse ist allgemein, die andere partikulär verneinend_:
+e o. Über das Verhältnis von S und P läßt sich nichts aussagen, weil die
+unbestimmte partikulär verneinende Prämisse neben andern Formen auch
+die allgemein verneinende nicht ausschließt, so daß die Unsicherheit von
+a) nur vermehrt ist.
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: o o. Da das bei b)
+Gesagte hier noch mehr gilt, so ist die Unsicherheit eine noch größere.
+
+Durch diese Regel werden 4 Formen beseitigt: ee, eo, oe, oo.
+
+2. _Aus rein partikulären Prämissen folgt nichts_ (%ex mere
+particularibus nihil sequitur%).
+
+a) _Beide Prämissen sind partikulär bejahend_: i i. Das Verhältnis der
+Begriffe S und P zu M ist zu unbestimmt, als daß daraus über das
+Verhältnis von S und P etwas erschlossen werden könnte; vgl. die
+folgenden Figuren, die alle i i entsprechen.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4. 5.]
+
+b) _Eine_ Prämisse ist _partikulär bejahend_, die _andere partikulär
+verneinend_: io, oi. Auf Grund der Voraussetzung ergibt sich eine Reihe
+von Möglichkeiten, zwischen denen nicht entschieden werden kann; vgl.
+die Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3. 4.]
+
+c) _Beide Prämissen sind partikulär verneinend_: oo. Dieser Fall deckt
+sich mit 1. c).
+
+Es fallen also außer oo noch weg: ii, io, oi in jeder Form, also 12
+weitere Modi.
+
+3. Aus einem _partikulären Obersatz_ und _einem verneinenden Untersatz_
+ergibt sich kein logisch gültiger Schlußsatz.
+
+a) Der Obersatz ist _partikulär bejahend_, der Untersatz _allgemein
+verneinend_: i e: Einige M sind P. _Kein S ist M._ Aus den unter dieser
+Voraussetzung möglichen Kreiskombinationen ergibt sich zwar der
+Schlußsatz: Einige P sind nicht S; aber wenn der Oberbegriff P als
+Subjekt verwendet wird, so sind die Voraussetzungen verändert, der
+Schluß ist dann aus einem partikulären Untersatz und einem verneinenden
+Obersatz gewonnen worden. Sonst aber ergibt sich kein bestimmtes
+Resultat, vgl. Fig.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+b) Der _Obersatz_ ist _partikulär bejahend_: oe und
+
+c) der _Untersatz_ ist _partikulär verneinend_, sind schon durch 1. und
+2. ausgeschlossen.
+
+Durch diese Regel fällt ein neuer Modus weg: i e, so daß von den 64 Modi
+im ganzen 32 beseitigt wurden, die in der Tafel S. 99 durch Klammern
+bezeichnet sind.
+
+Außerdem wurden aber noch verschiedene Modi durch die besonderen Gesetze
+der einzelnen Figuren ausgeschlossen. Der _Beweis_ für die
+übrigbleibenden Modi wurde von Aristoteles und den Scholastikern durch
+Zurückführung auf die Modi der ersten Figur geführt; deutlicher und
+anschaulicher ist der Beweis durch Kreise.
+
+
+§ 51. Die erste Figur.
+
+Die erste Figur hat den _Mittelbegriff als Subjekt im Obersatz, als
+Prädikat im Untersatz_. Aus ihren Modi sind noch diejenigen
+auszuscheiden, 1. deren Obersatz partikulär und 2. deren Untersatz
+verneinend ist. Es fallen also noch weg: ia, oa, ae, ao, und es bleiben
+nur folgende 4 übrig: aa, ea, ai, ei. Von den Scholastikern, zuerst von
+Petrus Hispanus († 1277 als Papst Johann XXI.), wurden den einzelnen
+Modi Namen gegeben, deren drei Vokale nacheinander die logische Form des
+Obersatzes, des Untersatzes und des Schlußsatzes bezeichnen. Der erste
+Modus der ersten Figur, dessen Prämissen samt dem Schlußsatz allgemein
+bejahenden Charakter haben, also aaa hieß daher %Barbara%. Sämtliche Modi
+der 4 Figuren wurden in folgenden %Versus memoriales% zusammengefaßt:
+
+ %Barbara, Celarent primae, Darii Ferioque.
+ Cesare, Camestres, Festino, Baroco secundae.
+ Tertia grande sonans recitat Darapti, Felapton,
+ Disamis, Datisi, Bocardo, Ferison. Quartae
+ Sunt Bamalip, Calemes, Dimatis, Fesapo, Fresison.%
+
+1. Barbara
+
+hat die Form
+
+ M a P Alle Menschen sind sterblich
+ S a M Alle Könige sind Menschen
+ ------------------------------------
+ S a P Alle Könige sind sterblich.
+
+[Illustrationen: 1. 2. 3. 4.]
+
+Nach allen diesen 4 Figuren, die den Voraussetzungen dieses Modus
+entsprechen, ergibt sich, daß der Kreis S innerhalb des Kreises P liegen
+oder mit demselben sich decken muß, weil er in den Kreis M fällt, der
+selbst von P umschlossen wird oder mit demselben sich deckt.
+
+2. Celarent
+
+ M e P Kein Mensch ist frei von Irrtum
+ S a M Alle Logiker sind Menschen
+ ----- --------------------------------
+ S e P Kein Logiker ist frei von Irrtum.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Da M ganz von P getrennt ist, so muß auch S, das ganz in M liegt, von P
+getrennt sein.
+
+3. Darii
+
+ M a P Alle Figuren mit gleichen Seiten und Winkeln sind
+ regelmäßige Figuren
+ S i M Einige Dreiecke haben gleiche Seiten und Winkel
+ ----- --------------------------------------------------
+ S i P Einige Dreiecke sind regelmäßige Figuren.
+
+[Illustrationen: 1. 2.]
+
+Kreis M muß ganz in Kreis P liegen; wenn also einige S M sind, so müssen
+mindestens diese „einige S” auch in P liegen.
+
+4. Ferio
+
+ M e P Nichts Vergängliches hat unbedingten Wert
+ S i M Einige Güter sind vergänglich
+ ----- ------------------------------------------
+ S o P Einige Güter haben keinen unbedingten Wert.
+
+[Illustration: 1. 2. 3.]
+
+Da M ganz außerhalb P liegt, so müssen mindestens diejenigen S, die M
+sind, ebenfalls außerhalb P liegen.
+
+
+§ 52. Die zweite Figur.
+
+Bei der zweiten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Prädikat_. Die beiden Regeln für diese Figur sind: 1. der Obersatz muß
+allgemein und 2. eine der beiden Prämissen muß verneinend sein. Durch 1.
+fallen noch ia und oa, durch 2. aa und ai aus, und es bleiben ebenfalls
+4 übrig: ea, ae, ei, ao.
+
+1. Cesare
+
+ P e M Die Affekte beruhen nicht auf Vorsatz
+ S a M Die Tugenden beruhen auf Vorsatz
+ ----- --------------------------------------
+ S e P Also sind die Tugenden nicht Affekte.
+
+[Illustration: 1. 2.]
+
+Da P ganz von M getrennt ist, so muß auch S, das in M liegt, ganz von P
+getrennt sein.
+
+2. Camestres
+
+ P a M Die Gesamtzahl der zu unserem Sonnensystem
+ gehörenden Weltkörper muß die Bahn des
+ Uranus vollständig bestimmen
+ S e M Die bekannten Weltkörper unseres Sonnensystems
+ aber bestimmen nicht die Bahn des Uranus
+ vollständig
+ ----- ------------------------------------------------
+ S e P Folglich bilden die bekannten Weltkörper unseres
+ Sonnensystems nicht die Gesamtzahl aller vorhandenen.
+
+Dieser Schluß des Astronomen Leverrier führte zur Entdeckung des Neptun
+durch Galle (1846).
+
+Camestres hat Ähnlichkeit mit %Cesare%, nur S und P haben ihre Rollen
+vertauscht. Der Beweis ist daher mit veränderten Zeichen derselbe.
+
+3. Festino
+
+ P e M Keine wahre Kunst ist bloß mechanische Tätigkeit
+ S i M Manche Virtuosität ist bloß mechanische Tätigkeit
+ ----- -------------------------------------------------
+ S o P Manche Virtuosität ist keine wahre Kunst.
+
+Da M von P getrennt ist, so müssen auch diejenigen S, die in den Kreis M
+fallen, von P getrennt sein.
+
+4. Baroco
+
+ P a M Alle wirklich sittlichen Menschen haben auch die
+ rechte Gesinnung
+ S o M Manche, die legal handeln, haben nicht die rechte
+ Gesinnung
+ ----- ---------------------------------------------------------
+ S o P Manche, die legal handeln, sind keine wirklich sittlichen
+ Menschen.
+
+Da P ganz in Kreis M fällt, so können diejenigen S, die nicht in Kreis M
+fallen, auch nicht in Kreis P fallen.
+
+
+§ 53. Die dritte Figur.
+
+Bei der dritten Figur ist der _Mittelbegriff in beiden Prämissen
+Subjekt_. Als Regel für die dritte Figur gilt, daß der Untersatz
+bejahend sein muß. Es fallen also ae und ao weg, so daß 6 Modi übrig
+bleiben.
+
+1. Darapti
+
+ M a P Alle Wale sind Säugetiere
+ M a S Alle Wale sind Wassertiere
+ ----- ----------------------------------------
+ S i P Also sind einige Wassertiere Säugetiere.
+
+Der Beweis ergibt sich für diesen und die noch folgenden Modi aus einer
+Betrachtung der Kreisverhältnisse nach Analogie der vorangegangenen
+Beweise.
+
+2. Felapton
+
+ M e P Kein Mohammedaner ist ein Christ
+ M a S Alle Mohammedaner sind Monotheisten
+ ----- ---------------------------------------
+ S o P Einige Monotheisten sind nicht Christen.
+
+3. Disamis
+
+ M i P Einige Pronomina der französischen Sprache sind
+ der Casusflexion fähig
+ M a S Alle französischen Pronomina sind Wörter der
+ französischen Sprache
+ ----- ------------------------------------------------
+ S i P Einige Wörter der französischen Sprache sind der
+ Casusflexion fähig.
+
+4. Datisi
+
+ M a P Alle strafrechtlich Verurteilten werden geschädigt
+ M i S Einige strafrechtlich Verurteilte sind unschuldig
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige Unschuldige werden geschädigt.
+
+5. Bocardo
+
+ M o P Einige Amphibien haben keine Füße
+ M a S Alle Amphibien sind Tiere
+ ----- ----------------------------------
+ S o P Einige Tiere haben keine Füße.
+
+6. Ferison
+
+ M e P Kein Mensch ist fehlerlos
+ M i S Einige Menschen sind bewundernswert
+ ----- --------------------------------------------
+ S o P Einiges Bewundernswerte ist nicht fehlerlos.
+
+
+§ 54. Die vierte Figur.
+
+Der Mittelbegriff ist im Obersatz Prädikat, im Untersatz Subjekt. Als
+Regeln für die vierte Figur gelten: 1. Keine Prämisse darf partikulär
+verneinend sein. 2. Ein allgemein bejahender Obersatz darf nicht mit
+einem partikulär bejahenden Untersatz zusammentreffen. Es fallen also
+noch weg: oa, ao und ai und es bleiben fünf Modi übrig.
+
+1. Bamalip
+
+ P a M Alle schlechten Wärmeleiter sind Mittel, die Wärme
+ zu erhalten
+ M a S Alle wollenen Kleider sind schlechte Wärmeleiter
+ ----- ---------------------------------------------------
+ S i P Einige von den Mitteln, Wärme zu erhalten, sind
+ wollene Kleider.
+
+Die Prämissen sind hier wie bei Calemes und Dimatis im Verhältnis zu
+Barbara, Celarent und Darii nur umgestellt.
+
+2. Calemes
+
+ P a M Alle Rhomboide sind Parallelogramme
+ M e S Kein Parallelogramm ist ein Trapez
+ ----- ------------------------------------
+ S e P Kein Trapez ist ein Rhomboid.
+
+3. Dimatis
+
+ P i M Einiges Angenehme ist verwerflich
+ M a S Alles Verwerfliche ist schädlich
+ ----- ----------------------------------
+ S i P Einiges Schädliche ist angenehm.
+
+4. Fesapo
+
+ P e M Kein bescheidener Mensch ist hochmütig
+ M a S Alle Hochmütigen sind beschränkt
+ ----- --------------------------------------------------
+ S o P Einige beschränkte Menschen sind nicht bescheiden.
+
+5. Fresison
+
+ P e M Kein demokratischer Staat hat erbliche Regenten
+ M i S Einige Staaten mit erblichen Regenten sind gut
+ regiert
+ ----- ----------------------------------------------------
+ S o P Einige gut regierte Staaten sind nicht demokratisch.
+
+
+§ 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen.
+
+Für die logische Form des Schlußsatzes aller vier Figuren wurde die
+Regel aufgestellt: _Der Schluß folgt dem schwächeren Teil_ (%conclusio
+sequitur partem debiliorem%). Ist also eine der Prämissen partikulär oder
+verneinend, so muß auch der Schlußsatz partikulär oder verneinend sein.
+Sind beide Prämissen allgemein, so kann der Schlußsatz allgemein oder
+partikulär sein.
+
+Demgemäß ergeben sich für die _erste Figur_ Schlußsätze von allen
+Formen: a e i o, für die _zweite_ nur negative: e o, für die _dritte_
+nur partikuläre: i o, für die _vierte_: partikulär bejahende, allgemein
+verneinende und partikulär verneinende Schlußsätze: i e o.
+
+Ebenso folgt in _Beziehung_ auf die _Modalität_ der Schlußsatz
+derjenigen Prämisse, welche die _geringere Gewißheit hat_; er ist
+apodiktisch, wenn beide Prämissen apodiktisch sind, assertorisch oder
+problematisch, wenn eine der Prämissen assertorisch oder problematisch
+ist.
+
+
+§ 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen.
+
+Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen ist ein sehr verschiedener,
+und es ist ein _Hauptmangel_ des traditionellen Systems, daß es im _rein
+formalen Interesse_ der vollständigen Klassifikation _alle
+gleichberechtigt nebeneinander_ stellt. Am wertvollsten ist die Form
+%Barbara%; ihr folgt besonders die mathematische Beweisführung. Die
+brauchbarsten sind überhaupt die allgemein bejahenden Schlußsätze. Die
+allgemein verneinenden geben wenigstens über die gegenseitige
+Ausschließung zweier Begriffe, die partikulären Schlußsätze über deren
+Vereinbarkeit oder nicht notwendige Zusammengehörigkeit Auskunft. Die
+unnatürlichsten Formen finden sich in der später hinzugefügten vierten
+Figur.
+
+_Die Voraussetzung der traditionellen Lehre_ ist ein schon vorhandenes
+Begriffssystem, das mit der Wirklichkeit übereinstimmt, so daß es sich
+nur um eine Über- oder Unterordnung der Begriffe und um eine Subsumtion
+des einzelnen unter die Begriffe handeln kann. Mit Rücksicht darauf
+lassen sich die einzelnen Modi auf _zwei Hauptformen zurückführen_. Wenn
+das Urteil gilt: S ist P oder nicht P, so können offenbar auch die
+einzelnen Merkmale, die P enthält, von dem Subjekt S bejaht oder
+verneint werden, nach dem Grundsatz: %_Nota notae est nota rei ipsius,
+repugnans notae repugnat rei._% (Das Merkmal des Merkmals ist ein Merkmal
+des Gegenstandes selbst; was dem Merkmal widerspricht, widerspricht auch
+dem Gegenstand.) Ebenso kann das P von allem, was in den Umfang des
+Subjektes S fällt, bejaht oder verneint werden, nach dem sogenannten
+%_dictum de omni et nullo_%: Was von allen gilt, gilt auch von einigen und
+einzelnen; was von keinem gilt, gilt auch nicht von einigen oder
+einzelnen. Es ist natürlich, daß die Schlüsse, solange sie nur dazu
+dienen, die _schon vorhandenen Begriffsverhältnisse immer wieder
+auszulegen_, zum Fortschritt des Wissens nichts beitragen. Dies
+geschieht erst, wenn sie sich in den Dienst der _Neubildung von
+Begriffen_ stellen.
+
+Es wurden daher _Versuche verschiedener Art_ gemacht, dem Syllogismus
+eine fruchtbarere und einheitlichere Form zu geben. _Beneke_ schließt
+sich noch nahe an die traditionelle Lehre an, indem er die Substitution
+eines Begriffes für einen andern als Prinzip des Syllogismus aufstellt.
+_Lotze_ stellt das disjunktive Urteil in den Vordergrund, während
+_Wundt_ vor dem Versuche warnt, irgend eine Schlußform zur
+_allgemeingültigen_ zu machen.
+
+_Sigwart_ sieht in dem _gemischten hypothetischen Schluß_ (s. u. § 57)
+die allgemeinste Form alles Schließens und führt dementsprechend alle
+Schlußformen auf den Satz der logischen Notwendigkeit zurück, daß mit
+dem Grunde die Folge gesetzt und mit der Folge der Grund aufgehoben sei.
+So ergibt sich z. B. für alle Modi der 1. und 2. Figur eine einzige
+Formel:
+
+Gemeinsamer Obersatz: Wenn etwas B ist, ist es A -- nicht X
+
+ 1. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist B
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz C (alles, einiges, ein C) ist A -- nicht X
+
+ 2. Figur: Untersatz C (alles, einiges, ein C) ist nicht A -- ist X
+ --------------------------------------------------
+ Schlußsatz: C (alles, einiges, ein C) ist nicht B
+
+Doch darf die Bedeutung des Syllogismus auch _nicht unterschätzt_
+werden. Dies geschieht besonders auf Grund von zweierlei Einwänden gegen
+seine Brauchbarkeit.
+
+Es wurde darauf hingewiesen, in dem Schlusse: alle Menschen sind
+sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich, müsse
+der Schlußsatz im Obersatz schon vorausgesetzt werden: solange es noch
+ungewiß wäre, ob Sokrates sterblich ist, könnte auch der allgemeine
+Satz: alle Menschen sind sterblich, nicht ausgesprochen werden, der
+Schlußsatz setze also _das schon voraus, was er beweisen wolle_. Diesen
+Einwand gab J. St. Mill zu und wich ihm aus, indem er den allgemeinen
+Satz überhaupt fallen ließ und an Stelle des Syllogismus den Schluß vom
+Besonderen auf das Besondere setzte. Der Schluß auf die Sterblichkeit
+des Sokrates würde also nicht von dem Grundsatz der allgemeinen
+Sterblichkeit ausgehen, sondern nur von der Beobachtung, daß eine Anzahl
+Menschen sterblich sind. Der Syllogismus selbst, mit seinem allgemeinen
+Satz, dient nach Mill nur zur Sicherung des Verfahrens.
+
+Vom Standpunkt der Psychologie aus ist allerdings nicht zu leugnen, daß
+_tatsächlich das bewußte Schließen vielfach nur von Besonderem auf
+Besonderes übergeht_, aber für die logische Betrachtung ist es außer
+Zweifel, daß die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Schlusses immer
+von der richtigen Verwendung des allgemeinen Satzes abhängig ist. Jener
+Widerspruch aber ist nur gültig, wenn von den tatsächlichen Bedingungen
+des menschlichen Denkens abgesehen wird. Wer _den allgemeinen Satz mit
+seiner Anwendung auf alle einzelnen Fälle beständig gegenwärtig hätte_,
+der bedürfte keines Schlusses; wenn aber tatsächlich einmal der
+_Versuch_ sich einstellt, _dem allgemeinen Satz gegenüber eine Ausnahme
+gelten zu lassen_, wie z. B. gegen jenen allgemeinen Satz von der
+Sterblichkeit in der Sage vom ewigen Juden, dann wird die Regel ins
+Gedächtnis gerufen und auf den einzelnen Fall angewendet.
+
+Damit hängt ein zweites Bedenken gegen die Brauchbarkeit des Syllogismus
+zusammen: im wirklichen Leben werden die Schlüsse _nie mit dieser
+Umständlichkeit vollzogen_, der Syllogismus könne also in keiner Weise
+das richtige Denken unterstützen. Jedenfalls ist richtig, daß wir uns
+beim Denken selten der einzelnen Bestandteile des Schlusses nach der
+Tafel der Syllogismen bewußt sind. Nach den psychologischen Gesetzen der
+Übung und Gewöhnung ist dies aber auch nicht zu erwarten. Vielmehr ist
+im voraus anzunehmen, daß auch bei diesen unzähligemal verwendeten
+Formen _die Mittelglieder dem Bewußtsein entfallen_ (vgl. § 28), so daß
+ganze Reihen von Schlüssen mit mechanischer Schnelligkeit vollzogen
+werden. _Nur bei Fehlern und Schwierigkeiten_ wird Glied für Glied
+berücksichtigt; mancher Streit im täglichen Leben dreht sich um unklar
+gedachte logische Gesetze. Die Wissenschaft geht diesen halbbewußten
+Elementen nach und stellt sie heraus; und sie leistet damit auch dem
+Denken einen wichtigen Dienst, denn nur auf Grund dieser Kenntnis kann
+es seine Irrwege als solche erkennen und mit stetiger Sicherheit
+fortschreiten.
+
+
+§ 57. Der hypothetische Schluß.
+
+Der hypothetische Schluß ist ein _Schluß, in welchem_ mindestens der
+_Obersatz ein hypothetisches Urteil_ ist. Ein Schluß heißt _rein_, wenn
+die Prämissen gleiche Relation haben, im andern Fall _gemischt_. So
+versteht man unter _gemischtem hypothetischen Schluß_ gewöhnlich
+denjenigen Schluß, dessen Obersatz ein hypothetisches, und dessen
+Untersatz ein kategorisches Urteil ist, von der Form:
+
+ Wenn A gilt, so gilt X
+ A gilt oder X gilt nicht
+ ------------------------------------
+ also gilt X also gilt A nicht.
+
+Der gemischte hypothetische Schluß ist also die einfache Anwendung des
+Grundgesetzes, daß mit dem Grund die Folge gesetzt (%modus ponens%), mit
+der Folge der Grund aufgehoben ist (%modus tollens%).
+
+ Z. B.: Wenn es geregnet hat, so ist es naß.
+ Nun hat es geregnet
+ -------------------------
+ Also ist es naß,
+
+aber nicht umgekehrt:
+
+ nun ist es naß
+ ---------------------
+ also hat es geregnet,
+
+ebensowenig:
+
+ nun hat es nicht geregnet
+ --------------------------
+ also ist es nicht naß,
+
+dagegen richtig:
+
+ nun ist es nicht naß
+ ---------------------------
+ also hat es nicht geregnet,
+
+oder, bei verneinendem Nachsatz:
+
+Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keine Vorsehung.
+
+ Nun gibt es eine Vorsehung
+ ---------------------------
+ Also gibt es keinen Zufall,
+
+oder, bei Verneinung der Bedingung und des Bedingten (%conditio sine qua
+non%):
+
+Wenn dieser Satz nicht richtig ist, so kann die ganze Beweisführung
+nicht aufrecht erhalten werden.
+
+ Nun ist dieser Satz nicht richtig.
+ ----------------------------------------------------------
+ Also kann die ganze Beweisführung nicht aufrecht erhalten werden.
+
+Der _reine hypothetische Schluß_ hat zwei hypothetische Prämissen.
+Daraus, daß etwas Folge des Grundes ist, wird geschlossen, daß es auch
+Folge dessen sein muß, dessen Folge der Grund ist. Der _Schlußsatz_ ist
+dann also selbst _hypothetisch_, nach dem Schema:
+
+ Wenn A gilt, so gilt M
+ Wenn M gilt, so gilt X
+ -----------------------------
+ Also wenn A gilt, so gilt X.
+
+Das Gesetz dieses reinen hypothetischen Schlusses läßt sich auch kurz so
+ausdrücken: _Die Folge der Folge ist auch Folge des Grundes_.
+
+ Z. B.: Wenn sich die Temperatur erhöht, so verlängern sich die
+ Pendel der Uhren.
+
+ Wenn die Pendel der Uhren sich verlängern, so werden die
+ Schwingungen verlangsamt.
+
+ Wenn die Schwingungen verlangsamt werden, so gehen die Uhren nach.
+ --------------------------------------------------------------------
+ Also: Wenn die Temperatur sich erhöht, so gehen die Uhren nach.
+
+
+§ 58. Der disjunktive Schluß.
+
+Der disjunktive Schluß ist ein Schluß, _dessen Obersatz ein disjunktives
+Urteil_ ist. Der Schluß beruht auf dem in der Disjunktion
+ausgesprochenen Verhältnis der Glieder.
+
+Es kann also
+
+I. _von der Gültigkeit eines bestimmten Gliedes auf die Ungültigkeit der
+übrigen geschlossen werden_ (%modus ponendo tollens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist B
+ ----------------
+ Also ist A weder C noch D;
+
+II. _auf die Gültigkeit eines Gliedes von der Ungültigkeit aller
+übrigen_ geschlossen werden (%modus tollendo ponens%):
+
+ A ist entweder B oder C oder D
+ A ist weder C noch D
+ ----------------------------
+ A ist B.
+
+Z. B.: Dieses Dreieck ist entweder rechtwinklig oder spitzwinklig oder
+stumpfwinklig.
+
+ Nach I. Nun ist es rechtwinklig
+ --------------------------------------
+ Also weder spitzwinklig noch stumpfwinklig.
+
+ Nach II. Nun ist es weder spitzwinklig noch stumpfwinklig
+ -----------------------------------------------
+ Also ist es rechtwinklig.
+
+Ist die Disjunktion eine _mehrgliedrige_, so ergibt sich für den Fall I.
+ein konjunktiv verneinendes Urteil, für den Fall II. eine um ein Glied
+verkleinerte Disjunktion. Bei einer _zweigliedrigen_ Disjunktion ergibt
+sich im ersten Fall das einfach verneinende, im zweiten Fall das einfach
+bejahende Urteil.
+
+Eine besondere Art des disjunktiven Schlusses ist das _Dilemma_,
+_Trilemma_, _Polylemma_ (%syllogismus cornutus%). Hier wird aus der
+Verneinung aller Glieder der Disjunktion die Verneinung ihrer
+gemeinschaftlichen Voraussetzung erschlossen.
+
+ Wenn A gilt, so gilt entweder B oder C
+ Nun gilt weder B noch C
+ ----------------------------
+ Also gilt auch A nicht;
+
+oder kategorisch gefaßt:
+
+ A ist entweder B oder C
+ Nun ist S weder B noch C
+ -----------------------------------
+ Also ist S auch nicht A.
+
+Ein Trilemma ist z. B. die folgende Beweisführung von Leibniz:
+
+ Wäre die wirklich existierende Welt nicht die beste unter allen
+ möglichen Welten, so hätte Gott die beste entweder nicht gekannt,
+ oder nicht hervorbringen und erhalten können, oder nicht
+ hervorbringen und erhalten wollen; nun aber ist (infolge der
+ göttlichen Weisheit, Allmacht und Güte) weder das erste, noch das
+ zweite, noch das dritte wahr,
+ ------------------------------------------------------------------
+ also ist die wirkliche Welt die beste unter allen möglichen Welten.
+
+
+§ 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse.
+
+Im _zusammengesetzten Schluß_ sind mehrere Schlüsse durch gemeinsame
+Glieder zu einem Ganzen vereinigt. Sind die einzelnen Schlüsse so
+angeordnet, daß der Schlußsatz des ersten Schlusses zu einer Prämisse
+des zweiten, und der Schlußsatz des zweiten zu einer Prämisse des
+dritten wird, so entsteht die _Schlußkette_ (%syllogismus concatenatus%).
+Derjenige Schluß, in welchem der gemeinsame Satz Schlußsatz ist, heißt
+der _Vorschluß_ (Prosyllogismus) im Verhältnis zum folgenden, dem
+_Nachschluß_ (Episyllogismus). Bewegt sich die Schlußkette in der
+Richtung vom Vorschluß zum Nachschluß, so heißt sie _episyllogistisch_
+oder _progressiv_, im andern Fall _prosyllogistisch_ oder _regressiv_.
+
+ Z. B. 1. Der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Der Anspruchslose ist zufrieden
+ ---------------------------------
+ Der Tugendhafte ist zufrieden.
+
+ 2. Der Tugendhafte ist zufrieden
+ Der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------
+ Der Tugendhafte ist glücklich.
+
+ progressiv in der Richtung: 1. 2.
+ regressiv in der Richtung: 2. 1.
+
+Ein Schluß, der durch Weglassung einer der beiden Prämissen verkürzt
+ist, heißt ein _Enthymem_; z. B.: er muß gestraft werden, denn er hat
+ein Verbrechen begangen.
+
+Wird in einem einfachen Schluß zu einer der beiden Prämissen eine
+Begründung hinzugefügt, so entsteht das _Epicherem_.
+
+Wenn in einer progressiven Schlußkette alle Schlußsätze außer dem
+letzten weggelassen werden, so entsteht eine einfachere Form, die
+_Kettenschluß_ oder _Sorites_ genannt wird. Man unterscheidet nach dem
+Verhältnis, in welchem die Begriffe aufeinander folgen, zwischen dem
+_aristotelischen_ und dem _goklenischen Sorites_ (zuerst behandelt 1598
+von dem Marburger Professor Goklenius). Bei dem _aristotelischen
+Sorites_ fehlen diejenigen Schlußsätze, welche in dem folgenden
+Syllogismus Untersätze werden, er schreitet also von den niederen
+Begriffen zu den höheren fort und hat folgende Form:
+
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ Obersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz A ist C)
+ (Untersatz A ist C)
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ ------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+Bei dem _goklenischen Sorites_ fallen diejenigen Schlußsätze aus, welche
+in dem folgenden Syllogismus Obersätze werden, es wird von den höheren
+Begriffen zu den niederen weitergegangen, er hat also folgende Form:
+
+ Obersatz C ist D der Zufriedene ist glücklich
+ Untersatz B ist C der Anspruchslose ist zufrieden
+ -----------
+ (Schlußsatz B ist D)
+ (Obersatz B ist D)
+ Untersatz A ist B der Tugendhafte ist anspruchslos
+ -------------------------------------------
+ Schlußsatz A ist D der Tugendhafte ist glücklich.
+
+
+§ 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse.
+
+Ein unrichtiger Schluß wird _Fehlschluß_ (%paralogismus%) genannt, wenn er
+auf Irrtum beruht, _Trugschluß_ (%sophisma%), wenn er aus der Absicht, zu
+täuschen, hervorging.
+
+Solche Schlußfehler beruhen teils auf einer _Mißachtung_ der _Gesetze
+des Schließens_, insbesondere der für die Schlußfiguren geltenden
+Regeln, teils auf der _Mehrdeutigkeit eines Begriffs, besonders des
+Mittelbegriffs_. Es sind dann statt der drei Begriffe vier, aus denen
+der Schluß gezogen wird (%quaternio terminorum%).
+
+Von den folgenden Beispielen enthält 1. und 5. Fehler gegen die Gesetze
+des Schließens, 2. 3. 4. eine %quaternio terminorum%, 6. und 7. eine
+sophistische Verwendung des Dilemmas.
+
+ 1. Der Kaukasier hat Menschenrechte
+ Der Neger ist kein Kaukasier
+ --------------------------------------
+ Folglich hat er keine Menschenrechte.
+
+ 2. Herodes war ein Fuchs
+ Alle Füchse haben vier Füße
+ ------------------------------
+ Also hatte Herodes vier Füße.
+
+3. Tertullians Schluß:
+
+Es widerspricht den Bedingungen menschlicher Existenz, dauernd mit den
+Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten zu leben.
+
+ Die Antipoden müßten dies
+ ------------------------------
+ Also gibt es keine Antipoden.
+
+ 4. Aller Anfang ist schwer
+ Müßiggang ist aller Laster Anfang
+ -----------------------------------
+ Also ist Müßiggang schwer.
+
+5. Der „_Lügner_” der Alten. Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter
+sind Lügner; Epimenides ist aber selbst ein Kreter, also ist es nicht
+wahr, daß die Kreter Lügner sind, also sagt auch Epimenides die
+Wahrheit, also sind alle Kreter Lügner &c. &c.
+
+6. _Der Krokodilschluß_: Eine Ägypterin sah, wie ihr am Nil spielendes
+Kind von einem Krokodil ergriffen wurde. Die Mutter bat das Tier, ihr
+das Kind wiederzugeben. Das Krokodil antwortete: Ich will es dir
+zurückgeben, wenn du errätst, was ich tun werde. Die Mutter tat den
+Ausspruch: Du wirst mir mein Kind nicht wiedergeben. Beide
+argumentierten darauf in folgenden Dilemmen gegeneinander: _Das Krokodil
+sagt_: Du magst wahr oder falsch gesprochen haben, _so habe ich das Kind
+nicht zurückgegeben_; denn ist deine Rede wahr, so erhältst du es nicht
+wieder nach deinem eigenen Ausspruch, ist sie aber falsch, so gebe ich
+es nicht zurück laut unsrer Übereinkunft. _Die Mutter erwidert_: Ich mag
+wahr oder falsch gesprochen haben, _so mußt du mir mein Kind
+wiedergeben_. Denn ist meine Rede wahr, so mußt du es mir geben laut
+unsrer Übereinkunft; ist sie aber falsch, so ist das Gegenteil wahr: Du
+wirst mir mein Kind zurückgeben.
+
+7. _Das Sophisma des Euathlus._ Euathlus nahm beim Sophisten Protagoras
+Unterricht in der Sophistik mit dem Vertrag, der Schüler solle die
+zweite Hälfte des Honorars erst dann bezahlen, wenn er seinen ersten
+Prozeß gewonnen hätte. Als nun nach vollendetem Unterricht Euathlus
+keinen Prozeß annahm und auch seinen Lehrer nicht bezahlte, verklagte
+ihn dieser und brachte folgendes Dilemma vor: „Sowohl wenn du von den
+Richtern zu meiner Bezahlung verurteilt, als wenn du nicht von ihnen
+verurteilt werden wirst, mußt du mich bezahlen. Werden sie dich zur
+Zahlung verurteilen, so mußt du zahlen kraft dieses Urteilsspruchs;
+wirst du aber nicht verurteilt, so mußt du unsrem Vertrage gemäß
+bezahlen, denn du hast den ersten Prozeß gewonnen.” Daraus antwortete
+Euathlus, er sei auf keinen Fall zur Zahlung verpflichtet, denn dies
+sei sein erster Prozeß; verliere er den, so brauche er gemäß dem
+Vertrage nicht zu bezahlen, gewinne er ihn aber, so brauche er gemäß dem
+Urteilsspruche der Richter nicht zu bezahlen. -- Die Richter sollen
+durch diesen Streit so in Verlegenheit gesetzt worden sein, daß sie ihre
+Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagten.
+
+
+§ 61. Der Induktionsschluß.
+
+Die Induktion ist der _Schluß vom Besonderen aufs Allgemeine_; sie
+gewinnt aus einzelnen Wahrnehmungsurteilen allgemeine Sätze und hat
+folgende Form:
+
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist P.
+ Sowohl M_1 als M_2 als M_3 ... ist S.
+ --------------------------------------
+ Jedes S ist P.
+
+Der allgemeine Satz, zu welchem die Induktion führt, faßt entweder
+_lauter gleiche begrifflich nicht unterscheidbare_, nur in Raum und
+Zeit getrennte _Fälle_ zu einem _Spezialgesetz zusammen_, z. B. der
+Satz, daß Sauerstoff und Wasserstoff sich in bestimmtem
+Gewichtsverhältnis zu Wasser verbinden; oder er vereinigt
+_verschiedene Arten in einem Gattungsbegriff_, z. B. der Satz:
+Alle Elementarstoffe verbinden sich chemisch in bestimmten
+Gewichtsverhältnissen. Im ersteren Fall, bei der „_Induktion von
+Spezialgesetzen_” (Sigwart) wird geschlossen: Was in allen einzelnen
+Fällen der gleichen Art gilt, gilt von der Art überhaupt. Im zweiten
+Fall, bei der „_generalisierenden Induktion_” wird geschlossen: Was
+von allen Arten einer Gattung gilt, gilt auch von der Gattung selbst.
+
+Die Induktion ist eine _vollständige_, wenn M_1 M_2 M_3 im Untersatz den
+ganzen Umfang des Begriffs S ausfüllen. Z. B.:
+
+ Sowohl Merkur, als Venus, als Erde, als Mars, als
+ Jupiter, als Saturn haben Achsendrehung.
+
+ Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn sind
+ die alten Planeten.
+ -------------------------------------------
+ Also haben die alten Planeten Achsendrehung.
+
+_Unvollständig_ heißt die Induktion, wenn durch Aufzählung der M der
+Umfang von S nicht erschöpft wird. So würde das letztgenannte Beispiel
+eine unvollständige Induktion darstellen, wenn statt auf die alten
+Planeten auf die Planeten überhaupt geschlossen würde.
+
+Der Induktionsschluß hat _Ähnlichkeit mit dem Syllogismus der dritten
+Figur_, es wäre nur an die Stelle des Mittelbegriffs die Gesamtheit der
+Einteilungsglieder getreten. Der Unterschied ist nur der, daß der
+Schlußsatz _nicht partikulären, sondern allgemeinen Charakter_ hat, und
+die Eigentümlichkeit der Induktion besteht gerade darin, daß sie unter
+der Voraussetzung einer gewissen Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit in
+der Welt von einer Anzahl sorgfältig beobachteter einzelner Fälle aus
+einen allgemeinen Satz aufstellt, der auch auf andere noch nicht
+beobachtete Fälle zu schließen erlaubt.
+
+Von den _Fehlern_, die bei der Induktion vorkommen, ist naturgemäß der
+häufigste die _falsche Verallgemeinerung_, besonders Verwechslung der
+bloßen zeitlichen Aufeinanderfolge mit dem ursächlichen Verhältnis des
+%post hoc% mit dem %propter hoc%.
+
+
+§ 62. Der Analogieschluß.
+
+In naher Beziehung zu dem Induktionsschluß steht der _Schluß der
+Analogie, als Schluß vom Besonderen oder Einzelnen auf ein demselben
+nebengeordnetes Besonderes oder Einzelnes_. Daraus, daß zwei Arten oder
+Individuen in einer Reihe von Merkmalen übereinstimmen, wird
+geschlossen, daß sie auch andere gemeinsam haben; er hat also folgende
+Form:
+
+ M ist P. Z. B.: Die Erde ist Trägerin organischen
+ Lebens.
+
+ M ist A. Die Erde ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+
+ S ist A. Der Mars ist ein unsere Sonne umkreisender
+ Planet mit Achsendrehung, mit Atmosphäre,
+ mit Wechsel der Jahreszeiten u. s. w.
+ -----------------------------------------
+ S ist P. Also ist auch der Mars Träger organischen
+ Lebens.
+
+
+II. Teil. Methodenlehre.
+
+
+§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre.
+
+Die Methodenlehre hat zu zeigen, wie die einzelnen Elemente des Denkens,
+Begriffe, Urteile, Schlüsse _zum Ganzen eines wissenschaftlichen Systems
+verarbeitet werden_. Das Ziel der Wissenschaft überhaupt ist die
+Erkenntnis der der Wahrnehmung zugänglichen Welt. Dazu gehört zuerst ein
+_Weltbild_ in den Formen von Raum und Zeit, das wir durch die Anschauung
+zu gewinnen suchen. Dieses bildet den Stoff, den die Wissenschaft erst
+gestaltet und der deshalb nicht in das Gebiet der Logik fällt. Weiter
+enthält das Ideal der Welterkenntnis ein _vollständiges Begriffssystem_,
+in welchem die Begriffe sowohl ihrem Inhalt nach durch _Erklärungen_
+vollkommen verdeutlicht, als auch ihrem Umfang nach durch _Einteilungen_
+klar gegeneinander abgegrenzt sind. Endlich aber bedarf es vollkommener
+Urteile, welche unser Wissen über den Zusammenhang der Welt aussprechen,
+und einer erschöpfenden Begründung dieser Urteile durch ein sorgfältiges
+_Beweisverfahren_. Da aber die Wissenschaft diesem Ideal der
+Welterkenntnis sich immer nur annähern kann, so muß sie sich noch der
+_Mittel ihres stetigen Fortschrittes_ bewußt werden, der Methoden, durch
+welche eine neue Erkenntnis zustande kommt.
+
+So ergeben sich vier Hauptpunkte, welche die Methodenlehre zu behandeln
+hat: die _Begriffsbestimmung_, _die Einteilung_, _der Beweis_ und der
+_Fortschritt der Wissenschaft_.
+
+
+1. Die Begriffsbestimmung.
+
+
+§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung.
+
+_Die Begriffsbestimmung oder Definition ist ein Urteil, in welchem die
+Bedeutung eines einen Begriff bezeichnenden Wortes angegeben wird_,
+entweder durch _vollständige_ Aufführung der Merkmale eines Begriffs
+oder durch Angabe der _nächsthöheren Gattung_ (%genus proximum%) und _des
+artbildenden Unterschieds_ (%differentia specifica%). Durch das erstere
+wird der Begriff vollkommen deutlich gemacht, durch das letztere seine
+Stellung im geordneten System der Begriffe angegeben.
+
+Man unterscheidet gewöhnlich zwischen _Worterklärungen_
+(Nominaldefinitionen), z. B. Division heißt Einteilung, und
+_Sacherklärungen_ (Realdefinitionen), welche den Inhalt des Gedachten
+darlegen. Für die Logik gibt es aber nur Worterklärungen, die zugleich
+Sacherklärungen sind. Jede Definition gibt an, welcher Begriff mit
+einem bestimmten Wort zu verbinden ist. Die Nominaldefinition in dem
+genannten Sinn fällt rein in das sprachliche Gebiet.
+
+Die vollständige Angabe der Merkmale eines Begriffs ist in den meisten
+Fällen nicht möglich. Die _gebräuchliche Art der Begriffsbestimmung_ ist
+daher diejenige, welche den übergeordneten Gattungsbegriff und den
+artbildenden Unterschied angibt, z. B.: Das Parallelogramm ist ein
+Viereck mit parallelen Gegenseiten: Viereck ist der Gattungsbegriff, die
+Parallelität der Gegenseiten das Merkmal, welches das Parallelogramm von
+anderen Arten des Vierecks unterscheidet.
+
+Wird der Begriff im Anschluß an den bestehenden Sprachgebrauch bestimmt,
+so heißt die Definition _analytisch_. _Synthetisch_ ist sie, wenn mit
+einem Wort ein neuer Begriff ohne oder nur in teilweiser Übereinstimmung
+mit dem Sprachgebrauch gebildet wird. Von einem Begriff, der _nur ein
+Merkmal hat_, z. B. Sein, Etwas, kann eine eigentliche Definition nicht
+gegeben werden.
+
+
+§ 65. Fehler der Begriffsbestimmung.
+
+Als Hauptfehler, die bei der Definition vorkommen, werden folgende
+angeführt:
+
+1. Die Definition ist zu _weit_, wenn ihr wesentliche Merkmale fehlen,
+z. B. das Quadrat ist ein gleichseitiges Parallelogramm. Sie ist zu
+_eng_, wenn sie zu viel Merkmale aufnimmt, z. B. das Dreieck ist eine
+geradlinige Figur mit drei gleichen Seiten.
+
+2. Die Definition darf _keine überflüssigen Merkmale_ aufnehmen, die in
+anderen schon enthalten oder notwendig mit ihnen gegeben sind
+(Abundanz); z. B. Parallele Linien sind solche Linien, die gleiche
+Richtung und überall gleichen Abstand voneinander haben.
+
+3. Die _Tautologie_ ist zu vermeiden. Der zu definierende Begriff darf
+weder ausdrücklich noch versteckt in der Definition wiederkehren, z. B.
+das Gedächtnis ist das Vermögen, des früher Bewußtgewordenen wieder zu
+gedenken.
+
+4. Ein _Zirkel_ entsteht, wo ein Begriff durch einen zweiten, dritten,
+vierten und der zweite oder dritte oder vierte wieder durch den ersten
+erklärt wird, z. B. Größe ist das der Vermehrung und der Verminderung
+Fähige; da Vermehrung Zunahme der Größe und Verminderung Abnahme der
+Größe ist, so ist der Begriff der Größe in der Definition derselben
+schon vorausgesetzt.
+
+5. In der Definition dürfen _keine bildlichen Ausdrücke_ gebraucht
+werden, weil sie zu unbestimmt sind, und _negative Bestimmungen_ nur da,
+wo die positiven nicht ausreichen, z. B. der Staat ist der Mensch im
+großen; negativ und zu weit: der Kreis ist eine Figur, die keine Ecken
+hat.
+
+6. Die Definition _darf nicht mit der Aufzählung der Arten des Begriffs
+verwechselt werden_, denn diese enthalten ihn ja selbst, so daß ein
+Zirkel entstünde; z. B. Planeten sind Venus, Erde, Mars u. s. w.
+
+Der Inhalt eines Begriffs kann auch durch _weniger strenge Formen_
+angegeben werden, die von der Erklärung im logischen Sinn unterschieden
+werden müssen; z. B. die Beschreibung, die Erörterung, die Entwickelung,
+die Erläuterung.
+
+
+2. Die Einteilung.
+
+
+§ 66. Das Wesen der Einteilung.
+
+_Die Einteilung ist die vollständige Angabe der Teile des Umfangs eines
+Begriffs._ Der Gattungsbegriff wird in die Artbegriffe zerlegt, die im
+Verhältnis der _Disjunktion_ zueinander stehen. Die sprachliche Form der
+Einteilung ist das _divisive_ Urteil: Die Vögel sind teils Luftvögel,
+teils Erdvögel, teils Wasservögel.
+
+Die _Voraussetzung_ einer solchen Differenzierung eines Gattungsbegriffs
+in seine Artbegriffe ist, daß er noch in einem oder mehreren seiner
+Merkmale _unbestimmt sei_. Dasjenige Merkmal, in welchem die
+Unterschiede hervortreten, auf welchem also die Einteilung beruht, heißt
+_Einteilungsgrund_ (%fundamentum sive principium divisionis%).
+
+Die Einteilung geschieht entweder durch _innere Entwickelung schon
+vorhandener Merkmale_ oder _Hinzunahme neuer_. _Im ersten Fall_ liegt
+der Einteilungsgrund in dem gegebenen Begriffe selbst; so ist mit dem
+Begriff der Linie das Merkmal der Richtung schon gegeben, die als
+Bewegung vorgestellt wird und entweder, wie bei der geraden Linie,
+gleichbleiben kann, oder wie bei der krummen, sich stetig ändert. _Im
+zweiten Fall_ geschieht die Determination durch ein neues Merkmal, das
+im ursprünglichen Begriff nur als unbestimmte Möglichkeit gegeben war.
+So kann der Begriff der Flüssigkeit nach Geschmacksunterschieden
+eingeteilt werden, während das Merkmal des Geschmacks ihm gar nicht
+notwendig zukommt. Daher kann auch das Fehlen eines Merkmals einen
+Unterschied begründen.
+
+
+§ 67. Arten und Fehler der Einteilung.
+
+Je nach der Zahl der Einteilungsglieder heißt die Einteilung
+_Dichotomie_, _Trichotomie_, _Tetrachotomie_, _Polytomie_. Oft verlieren
+sich die Arten in eine unendliche Reihe, z. B. der Begriff des Vielecks
+schließt in sich die Arten des Vierecks, des Fünfecks, des Sechsecks
+u. s. w. Man unterscheidet auch zwischen _natürlicher_ Einteilung, die
+sich auf alle wesentlichen Merkmale eines Begriffes stützt, und
+_künstlicher Einteilung_, bei welcher ein einzelnes Merkmal als
+Einteilungsgrund benützt wird, doch womöglich so, daß die Modifikationen
+dieses Merkmals in ursächlichem Zusammenhang mit den Modifikationen der
+anderen Merkmale stehen. Im Gegensatz zur natürlichen Einteilung steht
+z. B. Linnés Einteilung des Pflanzenreiches nach der Zahl und Stellung
+der Staubgefäße in 24 Klassen.
+
+Es macht ferner einen Unterschied, ob bei der Einteilung von dem
+_logischen Umfang_ eines Begriffes oder von dem _empirischen Umfang_
+desselben ausgegangen wird. Es müßten z. B. bei der logischen Einteilung
+der Menschen nach Farben sämtliche Farben vertreten sein, auch blau oder
+grün, während die empirische nur nach den tatsächlich vorhandenen Farben
+klassifiziert. Aber auch wenn der ganze empirische Umfang eines Begriffs
+erschöpft wird, ist damit noch keine Garantie für logische
+Vollständigkeit gegeben.
+
+Die hauptsächlichen _Fehler_ der Einteilung sind folgende:
+
+1. Die Einteilung ist zu _weit_, wenn sie zu viel, zu _eng_, wenn sie zu
+wenig Einteilungsglieder enthält. Zu weit ist z. B. die Einteilung der
+Dreiecke in rechtwinklige, schiefwinklige und gleichwinklige.
+
+2. Die Glieder der Einteilung müssen _einander ausschließen_, dürfen
+sich nicht kreuzen, z. B. die Einteilung der Neigungen in Selbstliebe,
+Neigung zu andern und gegenseitige Neigung.
+
+3. Es dürfen nicht verschiedene _Einteilungsgründe vermischt werden_,
+sonst wird die Einteilung _verworren_, z. B. die der Menschen in
+Europäer und Schwarze.
+
+
+3. Der Beweis.
+
+
+§ 68. Der Beweis und seine Arten.
+
+In einem System der Wissenschaft müssen die Begriffe durch Erklärungen
+und Einteilungen ihrem Inhalt und Umfang nach genau bestimmt sein. Diese
+Begriffe kommen aber nur zustande durch Urteile, welche ihnen gewisse
+Prädikate zu- oder absprechen, und diese Urteile selbst bedürfen der
+Begründung, um gültig zu sein. Dies geschieht, indem einzelne Schlüsse
+_zum Beweis verbunden werden_ und so jedes einzelne Urteil durch seinen
+_Zusammenhang mit andern bereits feststehenden_ in das System der
+Wissenschaft aufgenommen wird.
+
+Der Beweis ist also die _syllogistische Ableitung eines Urteils aus
+anderen Urteilen, die als gewiß und notwendig erkannt sind_. Doch
+bedürfen auch diese eigentlich wieder des Beweises und so führt genau
+genommen jeder Beweis zu gewissen Sätzen zurück, die einer Begründung
+weder fähig, noch bedürftig sind, zu den _Grundsätzen_ oder _Axiomen_.
+_Vom einzelnen Schluß unterscheidet sich der Beweis_ dadurch, daß das zu
+beweisende Urteil im voraus bekannt ist und die Veranlassung zum Beweis
+bildet, und daß auch auf die materiale Wahrheit der Prämissen Rücksicht
+genommen wird. Außerdem stellt der Beweis gewöhnlich eine ganze
+Schlußkette dar.
+
+Der Beweis ist ein _direkter_, wenn er die Wahrheit eines Satzes einfach
+durch kategorischen oder hypothetischen Schluß aus feststehenden
+Prämissen ableitet, ein _indirekter_ oder _apagogischer_, wenn der zu
+beweisende Satz aus einem disjunktiven Urteil durch Aufhebung der
+übrigen Disjunktionsglieder gewonnen wird. Ein direkter Beweis ist es
+z. B., wenn daraus, daß die Summe zweier Winkel eines Dreiecks gleich
+einem Rechten ist, bewiesen wird, daß der dritte Winkel ein Rechter sein
+muß; ein indirekter Beweis wäre es, wenn von der Disjunktion ausgegangen
+würde: Entweder ist er ein stumpfer oder ein spitzer oder ein rechter
+Winkel, und aus der Ungültigkeit der beiden ersten Glieder die
+Gültigkeit des letzten gefolgert würde.
+
+_Die Widerlegung_ (%refutatio%) ist _der Beweis der Unrichtigkeit eines
+Satzes oder eines Beweises_. Die Unrichtigkeit eines Satzes folgt
+daraus, daß er selbst oder eine seiner Konsequenzen (%deductio ad
+absurdum%) einem wahren Satze widerstreitet. Die Unrichtigkeit wird also
+bewiesen durch den Beweis des kontradiktorischen Gegenteils. Die
+_Widerlegung eines Beweises_ geschieht durch Entkräftung der
+Beweisgründe. Zur _gründlichen_ Widerlegung einer entgegenstehenden
+Ansicht gehört aber sowohl der Beweis der eigenen Ansicht, als die
+Widerlegung des gegnerischen Beweises.
+
+
+§ 69. Auffindung und Fehler des Beweises.
+
+Es erhebt sich noch die Frage, _wie der Beweis gefunden wird_. Da der
+Beweis durch Schlüsse sich bewegt, so muß er das zu gewinnen suchen, was
+die Schlüsse möglich macht, einen _Mittelbegriff_. Wäre der Satz zu
+beweisen, daß Tugend lehrbar ist, so müßte ein Mittelbegriff gefunden
+werden, der einerseits der Tugend als Prädikat zugesprochen werden und
+andrerseits das Subjekt zu lehrbar bilden könnte. Ein solcher
+Mittelbegriff ist Wissen, daraus ergibt sich der Schluß: Wissen ist
+lehrbar, die Tugend ist Wissen, also ist die Tugend lehrbar. Doch wird
+nur selten ein einziger Mittelbegriff genügen. In den meisten Fällen
+müssen die Vermittlungen auf umständlichere Weise gesucht werden.
+
+Die _hauptsächlichsten Beweisfehler_ sind, neben den schon genannten
+Verstößen gegen die Regeln des Schlusses überhaupt, folgende:
+
+1. Die unvollständige Disjunktion beim indirekten Beweis.
+
+2. Eine unrichtige Prämisse, durch welche die ganze folgende
+Beweisführung in Frage gestellt wird (%proton pseudos%).
+
+3. Das zu Beweisende darf nicht vorausgesetzt werden, so daß etwa in
+einer der Prämissen der Schlußsatz schon enthalten wäre (Zirkelbeweis).
+
+4. Das, was aus den Prämissen erschlossen wird, darf nicht von dem zu
+Beweisenden abweichen (%heterozetesis%), weder qualitativ (%metabasis eis
+allo genos%), noch quantitativ, indem zu viel oder zu wenig bewiesen
+wird.
+
+Werden diese Fehler mit der Absicht zu täuschen gemacht, so spricht man
+von _Erschleichung_ (%subreptio%).
+
+
+4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
+
+
+§ 70. Die verschiedenen Methoden.
+
+Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe
+zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen
+den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente
+wissenschaftlich verarbeitet werden_.
+
+Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern
+_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche
+Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier
+sind folgende Wege möglich:
+
+1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man
+beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies
+ist das _induktive_ Verfahren.
+
+2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen
+hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse
+über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_
+Verfahren.
+
+3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der
+Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie
+besonders die _Hypothese darstellt_.
+
+4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist
+bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_.
+
+
+§ 71. Das induktive Verfahren.
+
+Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre
+behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_
+sind folgende:
+
+1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere
+Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der
+fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen
+Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten
+Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch
+nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses
+Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir
+werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen,
+die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je
+häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden
+wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege
+können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden,
+die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B.
+derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal
+der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.
+
+Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit,
+welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist,
+es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor
+sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der
+Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere
+Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine
+weitere Hauptaufgabe der Induktion.
+
+2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von
+Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_
+eine grundlegende Bearbeitung erfahren.
+
+Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen
+ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit
+beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt.
+Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie
+berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz
+dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein
+zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir
+da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf
+eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das
+_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_.
+Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde,
+so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber
+nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill
+hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig
+von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang
+der Sonne, folgen.
+
+Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze
+über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei
+Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der
+Differenz.
+
+Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon”
+zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden
+Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem
+allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des
+gegebenen Phänomens.”
+
+Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende
+Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema:
+
+ A B C a b c
+ A D E a d e
+ A F G a f g
+
+Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können
+sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung
+a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper
+kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen;
+zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich:
+Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so
+schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen
+Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation
+ist.
+
+Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt:
+
+„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und
+eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen
+gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so
+ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die
+Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des
+Phänomens.”
+
+Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes
+unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und
+in dem andern fehlt, nach dem Schema:
+
+ B C b c
+ A B C a b c
+
+Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß
+war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft
+des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die
+Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A
+bewirkt sein.
+
+Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann
+leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist
+daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_.
+
+Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und
+Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der
+Begleitveränderungen.
+
+3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen
+ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder
+regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß
+ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit
+proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen
+Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der
+Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale
+Zusammenhänge zurückzuführen.
+
+4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren
+Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P
+haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen
+gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird
+dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle
+Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So
+gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die
+schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings
+eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich
+die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen
+fließen.
+
+
+§ 72. Das deduktive Verfahren.
+
+_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen
+herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und
+Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine
+Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils
+leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen
+tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe
+der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_.
+Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als
+Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie
+z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert,
+zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und
+aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht
+ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer
+Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die
+mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.
+
+
+§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese.
+
+Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar,
+daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von
+allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine
+Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von
+Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer
+Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen
+Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre
+Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären.
+
+Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft
+fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die
+vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an
+den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der
+Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen
+oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die
+_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat,
+führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der
+vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so
+wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie
+_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur
+_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur
+Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie
+von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.
+
+Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen
+hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie;
+Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur
+Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des
+Arztes.
+
+
+§ 74. Das System.
+
+_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem
+logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung
+der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in
+der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet,
+so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine
+_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_
+müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff,
+deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die
+gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren
+Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen
+verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten
+Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden.
+
+Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt,
+aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in
+Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder
+nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel
+angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft
+hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und
+mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der
+Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das
+Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und
+kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das
+Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren
+Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken
+festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die
+wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal
+_zusammenkommen_ müssen.
+
+
+
+
+Literatur.
+
+
+A. Einleitung in die Philosophie:
+
+_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.
+
+_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.
+
+_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart.
+1892.
+
+_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die
+Philosophie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.
+
+
+B. Geschichte der Philosophie.[A]
+
+
+I. Geschichte der Philosophie überhaupt:
+
+_Bergmann_, J., Geschichte der Philosophie. 2 Bände. 1892/93.
+
+_Erdmann_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2 Bde. 4. Aufl.
+1895/96.
+
+_Eucken_, R., Die Lebensanschauungen der großen Denker. 3. Aufl. 1899.
+
+_Rehmke_, J., Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1896.
+
+_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 4 Bde. 8.
+Aufl. 1894-97.
+
+_Windelband_, W., Geschichte der Philosophie. 2. Aufl. 1900.
+
+ [A] Die Titel derjenigen Bücher von B bis D, welche neben dem
+ beginnenden Studium der Originalwerke der klassischen Philosophen zur
+ weiteren Einführung und zur Vorbereitung auf die großen systematischen
+ Werke wegen ihrer größeren Verständlichkeit sich eignen, sind
+ _gesperrt gedruckt_.
+
+
+II. Alte Philosophie:
+
+_Deussen_, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Bd. I und II 1894/99
+(Indische Philosophie).
+
+_Gomperz_, Th., Griechische Denker. Geschichte der antiken Philosophie.
+Bd. I und II. 1901.
+
+_Zeller_, E., Die Philosophie der Griechen. 5 Bde. 3.-5. Aufl. 1879-92.
+
+ „ „ _Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie_.
+5. Aufl. 1898.
+
+
+III. Neuere Philosophie:
+
+_Falckenberg_, R., _Geschichte der neueren Philosophie von Nikolaus von
+Kues bis zur Gegenwart_. 3. Aufl. 1898.
+
+_Fischer_, K., _Geschichte der neueren Philosophie_. 9 Bde. 4. Aufl.
+1897-1901.
+
+_Höffding_, G., Geschichte der neueren Philosophie. 1895/96.
+
+_Windelband_, W., _Die Geschichte der neueren Philosophie_. 2 Bde. 2.
+Aufl. 1899.
+
+
+C. Psychologie:
+
+_Ebbinghaus_, H., Grundzüge der Psychologie. Bd. I. 1901.
+
+_Höffding_, H., _Psychologie in Umrissen_. 3. deutsche Ausgabe. 1901.
+
+_Höfler_, A., Psychologie. 1897.
+
+_Jodl_, F., Lehrbuch der Psychologie. 2. Aufl. 1903.
+
+_Külpe_, O., Grundriß der Psychologie. 1893.
+
+_Lipps_, Th., Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883.
+
+_Lotze_, H., _Grundzüge der Psychologie_. 4. Aufl. 1889.
+
+ „ „ Mikrokosmus. 3. Aufl. 1876 ff. Bd. II.
+
+_Volkmann_, A. W., Lehrbuch der Psychologie. 2 Bde. 4. Aufl. 1894/95.
+
+_Wundt_, W., _Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele_. 3. Aufl.
+1897.
+
+ „ „ Grundriß der Psychologie. 4. Aufl. 1901.
+
+ „ „ Grundzüge der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1902.
+Bd. I und II.
+
+ „ „ Völkerpsychologie. 1900. Bd. I u. II (die Sprache).
+
+_Ziehen_, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie. 5. Aufl. 1900.
+
+
+D. Logik:
+
+_Erdmann_, B., Logik. Bd. I. 1892.
+
+_Lipps_, Th., _Grundzüge der Logik._ 1893.
+
+_Lotze_, H., Logik. 2. Aufl. 1880.
+
+_Mill_, J. St., System der deduktiven und induktiven Logik. Deutsch von
+Schiel. 3 Bde. 4. Aufl. 1877.
+
+_Sigwart_, Ch., _Logik_. 2 Bde. 2. Aufl. 1889/93.
+
+_Überweg_, F., System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 5.
+Aufl. 1882.
+
+_Wundt_, W., Logik. 3 Bde. 2. Aufl. 1893/95.
+
+ * * * * *
+
+Weitere Werke des Verfassers vorliegender Psychologie und Logik:
+
+_Elsenhans_, Th., Wesen und Entstehung des Gewissens. 1894.
+
+ „ „ Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie.
+1897.
+
+ „ „ Das Kant-Friesische Problem. 1902.
+
+
+
+
+Namen- und Sachregister.
+
+
+Affekt 44.
+
+Alpdrücken 27.
+
+Analogieschluß 122 f.
+
+Anaxagoras 9.
+
+Äquipollenz 94.
+
+Aristoteles 9. 103.
+
+Assoziation 28. 31. 66.
+
+Ästhetik 8.
+
+Ästhetische Gefühle 42 f.
+
+Atomisten 9.
+
+Aufmerksamkeit 30. 68.
+
+Ausdrucksbewegungen 59.
+
+Axiome 129.
+
+
+Baco 10.
+
+Begierde 55.
+
+Begriff 33. 69 f.;
+ Merkmale des B. 70;
+ Arten der B. 72 ff.;
+ Umfang des B. 71 f. 128.
+
+Begriffsbestimmung 124 ff.
+
+Beneke 111.
+
+Bergmann 140.
+
+Bewegungen 66;
+ unwillkürliche B. 53 f.
+
+Beweis 129 ff.
+
+
+Charakter 63. 67.
+
+
+Deduktion 136 ff.
+
+Definition 124 ff.
+
+Denken 33.
+
+Descartes 10. 16.
+
+Determination 127.
+
+Determinismus 58.
+
+Deussen 141.
+
+Deutlichkeit 72.
+
+
+Ebbinghaus 141.
+
+Eigennamen 33.
+
+Einheit des Bewußtseins 18 f.
+
+Einteilung 126 ff.
+
+Eleaten 9.
+
+Elsenhans 142.
+
+Empfindung 21 ff.
+
+Empirismus 10.
+
+Enge des Bewußtseins 29.
+
+Entfernung 36 f. 62. 66.
+
+Enthymem 117.
+
+Entschluß 56.
+
+Epicherem 117.
+
+Epikureer 10.
+
+Erdmann, B. 142.
+
+ „ „ J. 140.
+
+Erkennen 33. 64. 68.
+
+Erkenntnistheorie 68.
+
+Ethik 8.
+
+Euathlus, Sophisma des E. 120.
+
+Eucken 140.
+
+
+Falckenberg 141.
+
+Fehlschlüsse 118 ff.
+
+Fichte 10.
+
+Fischer, K. 141.
+
+
+Galenus 99.
+
+Gall 20.
+
+Gebärden 59.
+
+Gedächtnis 30 f.
+
+Gefühl 39 f. 64 f.;
+ Verlauf der G. 44;
+ Abstumpfung der G. 45;
+ Verstärkung der G. 45.;
+ gemischte G. 46;
+ Bedeutung der G. 50 ff.
+
+Gefühlston 40.
+
+Gehen 63.
+
+Geisteskrankheit 19.
+
+Gemeinvorstellung 32.
+
+Gemüt 44.
+
+Geruch 39.
+
+Geschmack 39.
+
+Gesinnung 44.
+
+Gewohnheit 62 f.
+
+Gomperz 141.
+
+Grundgesetze des Denkens 85 ff.
+
+
+Hegel 11.
+
+Heinze 140.
+
+Heraklit 9.
+
+Herbart 11. 16. 27.
+
+Höffding 141.
+
+Höfler 141.
+
+Hörzentrum 20.
+
+Hume 10.
+
+Hypothese 137 f.
+
+Hypothetisches Urteil 77 ff. 85-93. 97.
+
+
+Idealismus 11.
+
+Ideenassoziation 28 f.
+
+Indeterminismus 58.
+
+Individualbegriff 32.
+
+Individualvorstellung 32.
+
+Induktion 98. 132 ff.
+
+Induktionsschluß 121 f.
+
+Instinkt 54.
+
+Intellektuelle Gefühle 42.
+
+Jodl 141.
+
+
+Kant 10. 25.
+
+Kausalität 39.
+
+Kettenschluß 118.
+
+Klarheit 72.
+
+Kontradiktorischer Gegensatz 73.
+
+Kontraposition 92 f. 97.
+
+Konträrer Gegensatz 73 f.
+
+Konversion 90 ff. 97.
+
+Külpe 140. 141.
+
+
+Lachen 59.
+
+Lebensgefühl 46 f.
+
+Leibniz 10. 16.
+
+Leidenschaft 44.
+
+Lipps, Th. 141. 142.
+
+Locke 10.
+
+Logik 8. 13. 66 ff.
+
+Lokalisationstheorie 20.
+
+Lokalzeichen 38.
+
+Lotze 11. 16. 38. 111. 141. 142.
+
+
+Materialismus 11. 16. 19.
+
+Metaphysik 8.
+
+Mill, J. St. 10. 112. 133 ff. 142.
+
+Mitgefühl 49 f.
+
+Mittelbegriff 98.
+
+Modale Konsequenz 96.
+
+Motiv 56.
+
+Motorisches Zentrum 20.
+
+Müller, Joh. 23.
+
+
+Nachahmungsbewegung 55.
+
+Nachbilder 24.
+
+Nervensystem 19 f.
+
+Neukantianismus 11.
+
+Neuplatoniker 10.
+
+
+Oberbegriff 98.
+
+Opposition 94 ff.
+
+
+Parallaxe 37.
+
+Partialgefühle 45.
+
+Paulsen 140.
+
+Pessimismus 11. 40.
+
+Petrus Hispanus 103.
+
+Physiologische Psychologie 15.
+
+Physiologische Zeit 53.
+
+Plato 9.
+
+Positivismus 11.
+
+Prämissen 98.
+
+Psychologie 12. 14 f.
+
+Phytagoreer 9.
+
+
+Rationalismus 10.
+
+Raumvorstellung 36 f.
+
+Reflexbewegungen 53.
+
+Reflexhemmungen 54.
+
+Rehmke 140.
+
+Religion 8 f.
+
+Religiöse Gefühle 43.
+
+Reproduktion 30.
+
+
+Schauspielkunst 61.
+
+Schelling 11.
+
+Schluß 33 f. 85 ff.
+
+Schlußfiguren 103 ff.
+
+Schmerz 41.
+
+Scholastiker 103.
+
+Schopenhauer 11. 25.
+
+Schrift 61.
+
+Seelenvermögen 20 f.
+
+Seele und Körper 16 f.
+
+Sehzentrum 20.
+
+Selbstgefühl 49 f.
+
+Sigwart 111. 142.
+
+Sinnesenergie, spezifische 23.
+
+Sinnestäuschungen 12.
+
+Sittliche Gefühle 43.
+
+Sokrates 9.
+
+Sophisten 9.
+
+Sorites 118.
+
+Spencer 10.
+
+Spinoza 10.
+
+Spiritualismus 16.
+
+Sprache 32 f. 60 f.
+
+Stimmung 47.
+
+Stoiker 10.
+
+Subalternation 93 f.
+
+Syllogismus 98 ff. 110 ff.
+
+System 138 f.
+
+
+Temperamente 48.
+
+Thales 9.
+
+Tiefenvorstellung 38.
+
+Totalgefühle 45.
+
+Trauer 69.
+
+Traumzustand 27.
+
+Trendelenburg 11.
+
+Trieb 55 f.
+
+Trugschlüsse 118 ff.
+
+
+Überweg 140. 142.
+
+Übung 29. 31. 62.
+
+Umwandlung der Relation 93.
+
+Unbewußte Zustände 27.
+
+Unterbegriff 98.
+
+Urteil 33 f. 74 ff.;
+ Einteilung der U. 75 ff.;
+ analytische u. synthetische 88 ff.
+
+Urteilsarten 81 ff.
+
+
+Vernunft 34.
+
+Verstand 34.
+
+Volkelt 140.
+
+Volkmann 141.
+
+Vorsatz 56.
+
+Vorstellung 24 f. 32.
+
+Vorstellungsverlauf 25 ff.
+
+
+Wahrnehmung 24 f.
+
+Webersches Gesetz 23.
+
+Widerlegung 130.
+
+Wiederholung 66.
+
+Wille 52 ff.; 65 f.
+
+Willenszeit 54.
+
+Windelband 140. 141.
+
+Witz 59.
+
+Wortblindheit 24.
+
+Wundt 49. 111. 140. 142.
+
+Wunsch 56.
+
+
+Zeitvorstellung 35 f.
+
+Zeller, E. 141.
+
+Zerstreutheit 30.
+
+Ziehen 142.
+
+Zirkel 126.
+
+Zorn 65.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Psychologie und Logik, by Theodor Elsenhans
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44442 ***