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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
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+ korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+ sich am Ende des Textes.
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
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+ Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.
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+
+
+
+
+Sklaven der Liebe
+
+Ein Verzeichnis
+der Werke Knut Hamsuns
+findet sich am Schluß
+dieses Buches
+
+KNUT HAMSUN
+
+SKLAVEN DER LIEBE
+
+und andere Novellen
+
+Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann*
+
+5. und 6. Tausend
+
+
+
+
+
+
+
+Albert Langen
+Verlag für Literatur und Kunst
+München 1922
+
+
+
+
+Inhalt
+
+ Seite
+
+ Sklaven der Liebe 1
+
+ Der Sohn der Sonne 17
+
+ Zachäus 31
+
+ Über das Meer 61
+
+ Ein Erzschelm 101
+
+ Vater und Sohn 139
+
+
+
+
+Sklaven der Liebe
+
+
+Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu
+erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine
+frohen Tage.
+
+Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei
+Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so
+viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur
+er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar
+und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen
+Anflug von Bart auf der Oberlippe.
+
+Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine
+ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
+gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging
+durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich
+ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer
+Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange
+Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung
+und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.
+
+Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon
+sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig
+und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige
+Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?
+
+Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm
+wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
+wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt.
+Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren
+gestern nicht hier.«
+
+»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu
+seinen Kameraden.
+
+»Bier?« fragte ich.
+
+»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei
+Seidel.
+
+Ein paar Tage vergingen.
+
+Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...«
+
+Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
+der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.
+
+Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.
+
+»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.
+
+»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«
+
+»Nein.«
+
+Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:
+
+»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«
+
+Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
+ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
+ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen
+sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
+einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die
+eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog
+ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
+Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab
+und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«
+
+Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
+über den Rücken.
+
+Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
+Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
+sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei
+dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und
+zog seine Hand sofort zurück.
+
+Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für
+ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er
+berührt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
+bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
+und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch
+liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
+Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte
+bei mir: Wladimierz F. heißt er.
+
+Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
+fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:
+
+»Erwarten Sie jemand?«
+
+Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:
+
+»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«
+
+»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«
+
+»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«
+
+Und er gab mir die Blumen.
+
+Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
+hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam
+mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
+sollte.
+
+»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.
+
+»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.
+
+»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«
+
+»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«
+
+Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den
+Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.
+
+»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit
+dem Bier davon.
+
+F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
+erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:
+
+»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«
+
+Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich
+bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft
+hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht,
+Wladimierz.
+
+Am Morgen darauf regnete es.
+
+»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?«
+dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
+also an.« Ich war sehr heiter.
+
+Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
+wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
+an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
+spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich
+wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei
+mir.
+
+Am Abend kam Wladimierz ins Café.
+
+»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.
+
+»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den
+Blumen.«
+
+»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.
+
+Er zuckte die Achseln und entgegnete:
+
+»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«
+
+Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
+war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
+sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
+Wladimierz!
+
+Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:
+
+»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«
+
+»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes
+Mädchen.«
+
+Da sah er mich an und sagte lächelnd:
+
+»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«
+
+»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich
+habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«
+
+»Zu Hause? Nicht hier?«
+
+Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
+mir, wenn wir schließen.«
+
+Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.
+
+»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
+meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.
+
+»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner
+Hausthür stehen blieben.
+
+»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«
+
+Er wartete.
+
+Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:
+
+»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
+Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
+Trinkgeld geben.«
+
+Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der
+Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
+eine Mark geben.
+
+Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht
+zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte.
+Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.
+
+»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie
+wissen: die gelbe Dame!«
+
+»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner
+Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«
+
+»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.
+
+Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
+Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
+lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
+hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
+erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich
+kehre nie wieder zurück.«
+
+»Danke,« entgegnete sie.
+
+Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett
+und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr
+zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir
+einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.
+
+Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
+bis an meine Hausthür.
+
+»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.
+
+Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
+trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.
+
+»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie
+bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
+kleine Kammer.«
+
+»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«
+
+Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß
+aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
+lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von
+dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«
+
+»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.
+
+»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«
+
+»Sind Sie seine Frau?«
+
+Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«
+
+Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir
+mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
+zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und
+mehrere lachten deshalb über ihn.
+
+»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld
+von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
+mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«
+
+Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber
+nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte
+es nicht.
+
+Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es
+mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
+Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«
+
+»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte
+einer seiner Freunde.
+
+»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.
+
+Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in
+das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf
+meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast
+unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.
+
+»Danke!« sagte er.
+
+Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
+und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.
+
+»Danke!« sagte er abermals.
+
+Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich
+sagte:
+
+»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
+zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine
+Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er
+ergriff meine Hand.
+
+Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte,
+wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die
+vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
+aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.
+
+»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob
+sich.
+
+Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also
+in vierzehn Tagen!«
+
+Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
+ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken,
+ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
+von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben
+Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
+niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
+wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er
+geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«
+
+Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
+Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer
+neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und
+Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
+meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte
+ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
+sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
+ich Wladimierz und mich retten ...
+
+Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
+ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam
+erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo
+geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
+zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.
+
+Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
+nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände;
+dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
+mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
+den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte.
+Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
+ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
+und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich
+mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das
+ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«
+
+»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.
+
+Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.«
+
+Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und
+jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.
+
+
+
+
+Der Sohn der Sonne
+
+
+Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel
+lag über der Erde.
+
+Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen
+Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er
+fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu
+singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang
+zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich,
+ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen,
+schräg abfallenden Schultern zuckten.
+
+Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine
+andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
+Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
+langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
+sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
+seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines
+Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes
+Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt
+waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
+ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
+Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
+lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch
+das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer
+beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten,
+-- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
+anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im
+Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
+feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
+Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
+Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft
+aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des
+elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf
+und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
+Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
+die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
+halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
+heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
+geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge
+Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein
+jähes Ende.
+
+Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.
+
+Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
+am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --
+
+Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
+Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
+Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
+der Hase heute leben!
+
+Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt
+das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
+Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
+Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
+jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
+Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
+zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf
+beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.
+
+Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
+allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
+eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
+alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
+Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß
+das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch
+diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch
+die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in
+anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein
+Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein
+Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume
+beunruhigten.
+
+Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte,
+konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
+Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge
+waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
+seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
+Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe
+niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er
+selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
+Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man
+sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße
+beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
+über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
+Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe
+sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
+ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
+suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
+einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
+die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
+Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
+umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
+Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
+Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
+Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
+
+Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang
+herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
+Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so
+sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während
+seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
+geerntet hatte, leben und sterben.
+
+ -30° Celsius.
+
+Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben
+auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
+und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
+der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
+wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme,
+kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da,
+wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
+Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
+kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie
+Talg.
+
+Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
+zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
+Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen
+Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr
+und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
+wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
+gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
+dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
+zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
+sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
+bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen
+Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
+dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten
+umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
+Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
+
+Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den
+Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
+Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren
+liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
+Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
+seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er
+ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß
+auf die Stirn.
+
+Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
+unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem
+Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den
+Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
+dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror
+nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz
+verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
+nie.
+
+Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr
+Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte
+gethan! denkt er mit zitternder Seele.
+
+In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und
+wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
+wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde.
+Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.
+
+Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den
+Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von
+gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren
+Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte
+ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
+Trommeln rührte.
+
+Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein
+Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
+wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über,
+eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh
+nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
+gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
+derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
+Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten
+ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen
+Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und
+mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
+zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
+
+Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und
+sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
+Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
+Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie
+Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und
+Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
+seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
+sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie
+Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz
+im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
+der Ferne verliert.
+
+Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
+Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
+Scheitel bis zur Sohle. -- --
+
+Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde
+und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine
+ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während
+fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
+Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --
+
+Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
+und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
+Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
+fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
+an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine
+Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
+den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
+sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas
+daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
+sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
+Männer geraten.
+
+Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
+demselben Tage an kennen ihn alle. -- --
+
+Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
+mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
+vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
+der Sonne_ heißt.
+
+
+
+
+Zachäus
+
+
+I
+
+Tiefster Friede ruht über der Prärie.
+
+In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
+Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
+Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde
+und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
+Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige
+Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
+Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein
+anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen
+unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig
+nahe.
+
+Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten
+Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt,
+und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen.
+Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine
+Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
+
+Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum
+späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
+beschäftigt.
+
+Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
+Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen
+Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
+Frau auf der Billybory-Farm.
+
+Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern
+in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt
+die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
+
+Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen,
+spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt
+wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner
+beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie
+feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
+Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als
+das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und
+auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei
+Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
+
+Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig,
+von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht
+offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von
+aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit
+einem Papagei hat.
+
+Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
+ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch
+ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte
+Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
+er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche
+liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben.
+Und er benutzt sie mit großem Fleiß.
+
+Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und
+eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um
+darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch
+anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor
+seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung
+des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der
+Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich
+seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die
+Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und
+lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
+
+Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
+schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
+jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung
+eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er
+sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht
+nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat?
+Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern
+gekalbt?
+
+Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den
+Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
+anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er,
+Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung
+wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh'
+nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!«
+
+Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in
+dem wütenden Gesicht.
+
+Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den
+beiden Landsleuten. -- --
+
+Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und
+speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von
+allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen
+sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten
+während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das
+Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und
+kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen
+fahren wieder nach der Farm zurück.
+
+Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und
+Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly
+selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum
+tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren
+Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
+Polly wieder Soldat.
+
+
+II
+
+Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen
+mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten
+waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot
+gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und
+mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen,
+Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher,
+alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen.
+Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren
+Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen,
+ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt
+vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über
+die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich
+die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
+
+Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von
+Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
+seinen Rücken brannte.
+
+Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem
+großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln
+in die Nacht hinaus.
+
+Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit
+Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser
+sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu
+Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.
+
+Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd
+ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
+es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er
+pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
+
+Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe
+in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
+
+»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
+
+Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus
+zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
+
+»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
+
+»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast
+es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
+
+Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem
+an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
+
+Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
+Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
+lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
+
+Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem
+kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
+
+»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um.
+»Ich habe es benutzt!«
+
+Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst
+du die?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus.
+
+»Ich will sie dich kosten lassen!«
+
+»Wenn du es wagst!«
+
+Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und
+im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen
+ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres
+Beifalls und Wohlbehagens.
+
+Zachäus aber hielt nicht lange stand.
+
+Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze,
+seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten
+zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt
+über den Platz und fiel dann um.
+
+Der Koch wandte sich an die Menge:
+
+»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn
+gefällt!«
+
+»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
+
+Der Koch zuckte die Achseln.
+
+»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
+großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
+den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck
+verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,«
+sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel
+Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich,
+der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie,
+frage ich?«
+
+Und alle bewunderten Pollys Rede.
+
+Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so
+verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du
+Hasenfuß!«
+
+Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
+mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit
+dieser Lampe prügeln!«
+
+Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
+
+Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder
+in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
+es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter
+den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu
+kommen.
+
+
+III
+
+Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras
+auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist
+heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den
+Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar
+Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es
+von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und
+springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
+Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen
+Schritten auf und nieder zu gehen.
+
+Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
+Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?«
+
+Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
+
+Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt:
+»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem
+Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
+
+Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren
+zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus
+wie eine kleine Leiche.
+
+Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend
+an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
+einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen
+davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern
+wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
+Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich
+wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand.
+Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und
+sandte ihn nach der Farm zurück.
+
+Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger
+aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er
+Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
+verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack
+in seiner Pritsche.
+
+Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in
+der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug
+sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag
+da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
+wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal
+vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen
+beschädigte.
+
+Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch
+Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die
+Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde
+lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr
+als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne
+schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so
+ohnmächtig war.
+
+Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen
+und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
+war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu
+sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach
+der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem
+Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter
+Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er
+sie vor sich habe.
+
+Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt
+nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase
+zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich,
+und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus
+außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen
+Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein
+brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber
+Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er
+traf niemals.
+
+Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu
+Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen
+Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute
+sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz
+verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß
+die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem
+Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und
+Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu
+machen.
+
+Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber
+nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen
+an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder
+zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und
+fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu
+lesen.
+
+Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden
+vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der
+Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs,
+der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen
+zu waschen.
+
+Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies
+war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner
+Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann
+die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile
+holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
+seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung
+wieder ausliefern!
+
+Es vergeht eine Minute.
+
+Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus
+liegt da und starrt zum Dach empor.
+
+Polly tritt ein.
+
+»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt
+mitten in dem Raum stehen.
+
+»Nein!« antwortet Zachäus.
+
+»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
+
+Zachäus richtet sich auf.
+
+»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er
+und wird ganz wütend.
+
+Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
+die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
+die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
+
+»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte
+und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von
+neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur,
+mein Freund!«
+
+Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
+»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
+schmutziges Ferkel!«
+
+Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und
+ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er
+sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
+
+
+IV
+
+Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
+Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
+Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
+Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
+flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
+Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und
+Mähmaschinen.
+
+Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche,
+wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
+ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
+Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
+an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
+Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
+wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die
+blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das
+vielleicht nicht gut genug?«
+
+Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein
+Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man
+ihm gab.
+
+»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?«
+knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
+
+»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß
+aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
+
+»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen
+mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
+Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
+
+Und er aß von dem Fleisch.
+
+Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug
+werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
+mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
+nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund
+kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die
+Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
+mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und
+sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
+Flasche war verschwunden.
+
+Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
+verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß
+alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
+Finger?«
+
+Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
+
+Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu
+kichern.
+
+Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
+Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
+ich den nicht wiedererkennen?«
+
+Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die
+wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
+
+»Was hast du eigentlich?« fragt einer.
+
+»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
+erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
+Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
+
+Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los,
+und die Leute schrieen durcheinander.
+
+»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
+gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
+hast die eine Seite abgenagt!«
+
+»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- --
+ich dachte nicht -- --«
+
+Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus.
+
+Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
+wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
+anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
+
+»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
+haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz
+anderen Kessel.«
+
+Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
+Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande,
+man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch
+feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
+
+Zachäus aber war verschwunden.
+
+Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
+immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus
+aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug
+seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er
+konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten
+durchnäßt.
+
+Er setzt seine Wanderung fort.
+
+Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
+Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
+wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen,
+bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
+Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
+bei der Farm an.
+
+Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum
+beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
+guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
+daß er sehr guter Laune ist.
+
+Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
+Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
+schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von
+Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
+mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
+
+Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
+Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
+nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig
+und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche.
+
+Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
+tritt ruhig ein.
+
+»Guten Abend!« sagt er.
+
+Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
+
+»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
+
+Zachäus entgegnet:
+
+»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
+gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
+waschen.«
+
+»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
+
+»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
+
+»Ich rate dir davon ab.«
+
+»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
+
+»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
+
+Und Zachäus geht hinaus.
+
+Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so
+recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem
+Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
+
+Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht
+geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
+Zachäus zu.
+
+»Was machst du hier?« fragt er.
+
+Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
+
+»In meinem Wasser?«
+
+»Natürlich!«
+
+Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich
+davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
+nach dem Hemd.
+
+Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten
+Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
+
+Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
+
+
+V
+
+Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen
+kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen
+Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.
+
+Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
+
+Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu
+hören.
+
+»Du hast ihn erschossen?«
+
+»Ja!«
+
+»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
+
+»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach
+oben.«
+
+»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
+
+»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
+
+»Hast du das gethan?«
+
+Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu
+schlafen.
+
+Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch
+das Gehirn.«
+
+»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch
+das Gehirn, so ist das der Tod.«
+
+Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- --
+--.
+
+Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die
+seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef
+erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.
+
+Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
+weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er
+lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen
+waren; dabei war nichts mehr zu machen.
+
+Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der
+nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
+und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere
+Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und
+meinten es ehrlich damit.
+
+»Wohin gehst du, Zachäus?«
+
+»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht
+nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
+Holzschlagen.«
+
+»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
+Reise!«
+
+Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das
+große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
+
+Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
+Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
+gleichen.
+
+
+
+
+Über das Meer
+
+Ein Reisebrief
+
+
+Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich
+endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu
+senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, --
+der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte
+August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit
+einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in
+eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
+griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute
+Septembergesundheit.
+
+Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis
+zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von
+allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.
+Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der
+Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den
+Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.
+Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
+ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich
+mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken
+vermochte.
+
+ * * * * *
+
+So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem
+wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung
+für die Emigrantenladung abgelegt hatte.
+
+»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger
+Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.
+
+»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«
+
+»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der
+Heimat fort,« schluchzte er.
+
+Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war
+noch nie von Hause fort gewesen.
+
+Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen
+wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von
+Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
+Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen
+Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,
+bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen,
+junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.
+
+»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren
+schon früher drüben?«
+
+»Ja!«
+
+Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne
+Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der
+Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips.
+Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.
+
+»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste
+auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.
+
+»Weshalb verlassen Sie es denn?«
+
+Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war
+Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in
+eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus
+geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine
+Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an
+die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der
+Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief
+geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das
+Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«
+
+»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«
+
+Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche
+Begeisterung:
+
+»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich
+durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine
+Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach
+den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen
+Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen
+den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben
+konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar
+Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,
+von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines
+Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein
+Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil
+ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von
+Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem
+menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne
+Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein
+weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«
+
+Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem
+eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,
+andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer
+Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,
+über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
+
+»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor
+der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu
+glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies
+geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so
+gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man
+keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in
+einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der
+fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will
+euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer
+gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
+
+Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß
+Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des
+Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den
+geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten
+Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
+
+Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und
+blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien
+vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord,
+starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden
+sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das
+Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen
+Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von
+ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht
+vergnügliches Leben an Bord.
+
+Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen
+reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein
+junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben
+auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje
+nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
+
+ * * * * *
+
+In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine
+Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
+Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen
+Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
+der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes
+Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns
+während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie
+seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er
+zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig
+über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine
+drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen:
+nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem
+Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten
+vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
+Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu
+erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während
+Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen
+»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
+
+Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
+
+»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
+
+Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter
+Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann
+mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht
+zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm
+wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich
+trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College
+gedacht.
+
+Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit
+Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde
+das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das
+Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging
+über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als
+Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,
+daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können
+glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch
+ohne andere Hilfe gehen _konnte_.
+
+Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber
+hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.
+
+Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde
+herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte,
+ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger
+Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und
+schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
+angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und
+verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel
+war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt
+_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet
+Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das
+man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am
+Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,
+Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den
+Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte
+dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.
+
+Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die
+Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum
+ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost
+zu ihrem Brot zu schwelgen.
+
+Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer
+Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an
+Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen
+Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich
+konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine
+Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht
+trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er
+mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.
+
+Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im
+Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache
+mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.
+Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir
+hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er
+denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht
+wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
+Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.
+
+ * * * * *
+
+Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich.
+Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
+Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in
+der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf
+Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß
+schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen
+flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.
+
+Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven
+gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus
+Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter
+für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --
+bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren
+es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da
+unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
+tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.
+
+Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er
+trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
+Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.
+
+»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich
+gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«
+
+Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei
+versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel
+gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.
+
+Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die
+Sache.
+
+Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck
+geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir
+Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
+in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen
+war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
+mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln
+und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein
+verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und
+sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner
+erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die
+Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein
+besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,
+das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu
+sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch
+ausbitten!
+
+Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.
+
+ * * * * *
+
+Wir dampften in die Nordsee hinein.
+
+In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar
+Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
+waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier
+getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland
+verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.
+
+Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war
+sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
+schon Stiefel an.
+
+Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende
+Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich
+schlief wieder ein.
+
+Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden,
+die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
+einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um
+Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu
+sehen.
+
+Was gab es denn nur?
+
+Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer
+gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um
+sich zu beklagen.
+
+Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel
+die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten
+des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der
+verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker
+Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
+Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich
+auf Deck.
+
+Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen,
+denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der
+Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die
+See wurde immer unruhiger.
+
+Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich
+über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen
+Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?
+
+Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um
+sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut
+des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache
+nachzudenken.
+
+»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,«
+sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er
+wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«
+
+Nyke senkte sinnend das Haupt.
+
+»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon
+daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich
+zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das
+wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es
+wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach
+er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm
+einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.
+
+Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und
+mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll
+zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse
+hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.
+Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den
+stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch
+war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.
+Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann
+lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht
+hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein
+paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje
+links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche
+Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat
+ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht
+imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
+Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher
+Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
+während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes
+Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über
+die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als
+ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er
+empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm
+glauben.
+
+ * * * * *
+
+Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker
+saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der
+Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch
+genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,
+einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen
+begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne
+Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie
+an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten;
+sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.
+Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie
+mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines,
+schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet
+sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das
+kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre
+Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,
+die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige
+Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht
+möglich ist, sie zu wiederholen -- --
+
+Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte
+hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war
+betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
+glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond
+spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten
+besten Platz und lallte weiter.
+
+Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und
+die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
+lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.
+Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine
+leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker
+saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.
+
+Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte
+wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
+eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später
+erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei
+nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir
+seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und
+jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter
+dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er
+die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen
+hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.
+
+Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke
+sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner
+süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den
+Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir
+einen blutenden Finger.
+
+Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger
+Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich
+nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein
+wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem
+verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
+Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.
+
+Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war
+überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war
+achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im
+letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln
+Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde
+ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
+Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine
+Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir
+uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns
+das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war
+auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
+Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.
+
+Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.
+
+Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:
+
+Also jetzt! -- In Gottes Namen!
+
+Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm
+ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der
+atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß
+darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für
+Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie
+schief, so stürbe man.
+
+»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte
+der Kaufmann.
+
+»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die
+Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der
+Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann
+wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber
+aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«
+
+Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem
+Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen.
+Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die
+durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und
+wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke
+längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich
+machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in
+ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder
+und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei
+Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur
+zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien
+erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel
+aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand
+an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den
+Nägeln.
+
+Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,
+und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein
+Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und
+dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte
+umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu
+können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos
+für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da
+und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und
+stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie
+die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.
+
+Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im
+Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
+wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst
+niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er
+alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück
+Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang
+entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
+dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so
+unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein
+verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter
+Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?
+
+Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem
+gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn
+Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in
+Trümmer.
+
+Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom
+Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur
+der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel,
+der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der
+wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,
+dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.
+
+ * * * * *
+
+Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der
+Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor
+Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden
+Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
+Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es
+sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er
+stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals
+wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so
+wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
+eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit
+ernster.
+
+Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher
+auf den Beinen, und er war sehr blaß.
+
+»Ist Ihnen nicht wohl?«
+
+»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch,
+außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht
+einen elend.«
+
+Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit
+einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn
+das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er
+lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und
+schloß die Augen.
+
+»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm
+lächelnd ins Gesicht.
+
+Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn
+Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte
+seine Unvorsichtigkeit bezahlen.
+
+Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.
+
+Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.
+
+Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit
+jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und
+ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er
+uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte
+bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen
+ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
+sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die
+Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack
+oder einer Kiste elendiglich wieder ein.
+
+Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere
+Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten
+Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die
+Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau
+schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.
+
+»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am
+Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«
+
+Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:
+
+»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das
+Schiff leck ist?«
+
+Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem
+sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das
+Schiff geborsten sei.
+
+Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein
+einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn
+einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
+murmelte er.
+
+Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns
+herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
+bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene
+begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege
+zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten
+seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine
+Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle
+ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord
+wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.
+
+In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer
+traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden,
+daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
+müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern
+eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
+und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz
+oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische
+Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.
+Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie
+versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend
+hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu
+ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell
+wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
+Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« --
+Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu
+werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit
+sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach
+einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß,
+vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer
+flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu
+tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.
+Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man
+vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde
+besinnen.
+
+Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar
+heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
+der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier
+unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
+gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser,
+seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.
+Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues
+Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit
+dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --
+
+Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert
+wurde.
+
+Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff
+hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
+strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte
+Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch
+auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah
+mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje
+geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und
+geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als
+ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje
+zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts
+fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur
+eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. --
+Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«
+
+Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:
+
+»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den
+Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«
+
+Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen
+Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger
+liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes
+Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine
+Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
+Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die
+Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu
+Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte
+er:
+
+»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen
+Gedanken!«
+
+Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte,
+daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in
+seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --
+
+Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage
+konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein
+Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke
+befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war
+auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und
+der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,
+zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen
+Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit
+genesene Patienten besitzen.
+
+ * * * * *
+
+Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise
+unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den
+Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem
+Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den
+Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten.
+Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten
+erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der
+Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem
+Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig
+neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn
+Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch
+nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten
+Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns
+die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern.
+Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und
+sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
+sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark
+fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf
+der wir uns befinden.
+
+Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden
+wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.
+Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich
+versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser
+Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und
+macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.
+
+Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord
+gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,
+und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.
+
+Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,
+gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt
+marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in
+allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,
+wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und
+Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften,
+von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten
+Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.
+
+Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es
+ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere
+unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen
+sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen
+Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und
+ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,
+einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
+begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement
+ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war
+auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand
+er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in
+wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und
+greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte
+Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der
+Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.
+
+Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und
+konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen
+Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und
+der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine
+Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen
+Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und
+ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
+Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.
+
+So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.
+
+
+
+
+Ein Erzschelm
+
+
+Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich
+that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber
+legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine
+Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:
+
+»Störe ich auch?«
+
+Da fing er an:
+
+»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich
+sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit
+einer Handbewegung auf die Gräber.
+
+Wir waren auf dem Krist-Friedhof.
+
+Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben
+geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen
+gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las
+Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen
+pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang
+geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen
+Kastanienbäumen.
+
+Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,
+breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die
+Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
+nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,
+wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.
+
+»Sie sind fremd hier?«
+
+»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«
+
+Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den
+Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und
+französische Zeitungen hervor.
+
+»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte
+er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so
+wenig ausgerichtet.«
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«
+
+Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit
+den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«
+
+»Eine fromme Zwecklosigkeit!«
+
+Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.
+
+»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern
+steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft
+sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,
+errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den
+Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist
+einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja,
+nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal
+hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
+unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine
+Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine
+Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken.
+Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«
+
+Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der
+im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt
+hat, -- nach dem Kapital.
+
+»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.
+
+»Ja!«
+
+Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank,
+blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.
+
+Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock,
+krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht
+Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den
+Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und
+raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt,
+und das von der Sonne getrocknet ist.
+
+»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern,
+nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns
+zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«
+
+Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem
+schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein
+kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug
+eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der
+Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.
+
+»Nun?« fragte er.
+
+»Nun?«
+
+»Haben Sie nichts bemerkt?«
+
+»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«
+
+»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die
+Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns
+entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier
+vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war
+bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
+Handwerk einzuimpfen.« --
+
+»Aber weshalb denn nur?«
+
+»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für
+die Lebenden, die davon leben sollen.«
+
+Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo
+steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der
+Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu
+langweilen.
+
+»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht,
+sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah
+mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:
+haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in
+den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt
+der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit
+gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,
+aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis
+vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe
+wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich
+nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
+
+»Blumen.«
+
+»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer
+Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich
+empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,
+sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die
+Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
+
+Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
+
+»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
+
+Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien
+die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
+
+»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war
+obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt
+war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,
+wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung
+gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in
+der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist
+etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern,
+Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu
+drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei
+Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden
+von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf
+steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,
+ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal
+diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber
+hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß
+kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie
+doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das
+Leben!«
+
+Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller
+Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein
+bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
+Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin
+ich auch heutigen Tages noch.
+
+»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier
+vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen,
+schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
+Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von
+zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu
+so etwas hat, wird er Gourmand.«
+
+Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein
+Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu
+stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was
+der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
+und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der
+Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
+sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös
+zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine
+Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie
+nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich
+Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
+Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm
+zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --
+beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen
+blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.
+Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage
+später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,
+und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu
+folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie
+können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn
+ich habe die ganze Nacht gewacht.«
+
+»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine
+Arbeit.«
+
+Ich erhob mich, um zu gehen.
+
+Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.
+
+»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu
+machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie
+nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor
+neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich
+glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht
+vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die
+Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der
+auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die
+Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog
+die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen
+Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume
+rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das
+hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --
+schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
+war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort
+heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
+Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen
+sei.
+
+Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine
+Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?
+
+»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging
+weiter.
+
+Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.
+
+»Nun? haben Sie sie gefunden?«
+
+»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
+
+Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine
+Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte
+endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute
+die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine
+Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie
+stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja,
+nette Kinder! das mußte man sagen!
+
+Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die
+Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den
+Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing
+an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
+
+»Wo ist das bestohlene Grab?«
+
+»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
+
+Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab
+kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut
+gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die
+Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie
+nirgends mehr.
+
+»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist
+schändlich!«
+
+Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber
+er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei
+an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges
+gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das
+zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter
+Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich
+so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
+war.
+
+Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.
+
+»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?«
+fragte ich.
+
+Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die
+Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir
+nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um
+ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«
+
+Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:
+
+»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas
+Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du
+die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«
+
+Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.
+
+»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben
+wir die Diebin!«
+
+»Wie?«
+
+»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«
+
+Da mußte ich lächeln.
+
+»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die
+kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie
+heißt Elina, ich kenne sie.«
+
+Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der
+Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die
+sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem
+Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht
+einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.
+
+Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden
+Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben
+elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem
+Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich
+auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
+nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht
+gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte
+Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,
+glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese
+beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das
+kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der
+ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu
+ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war
+auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine
+Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine
+Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe
+heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das
+Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft
+habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten
+überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,
+ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.
+
+»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.
+
+Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar
+meine eigenen zwei, drei wieder.
+
+Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und
+sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus,
+sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und
+nahm das Kind mit sich.
+
+Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte,
+sie sagte plötzlich:
+
+»Nein, wo soll ich denn hin?«
+
+Der Totengräber antwortete:
+
+»Auf die Polizeistation!«
+
+»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.
+
+Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,
+wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich,
+sie habe sie nicht gestohlen.
+
+In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß
+fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und
+dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
+
+Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden
+einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
+kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,
+denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
+
+Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war
+ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
+nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage
+mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie
+wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen
+verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das
+Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und
+kann Sie zu ihr führen!«
+
+Er machte eine Pause.
+
+»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie
+zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so
+werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn
+die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche
+sendet vielleicht gar einen Kranz.
+
+Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark
+gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die
+Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht,
+schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt
+bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die
+Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen
+Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich
+die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
+miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren
+Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
+
+Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die
+Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf
+einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch
+nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
+noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen
+hatten? Sie waren warm!
+
+Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu
+zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz
+genau.
+
+Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das
+Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
+ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.
+
+Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.
+
+Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte
+sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße
+spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und
+oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke
+fahren. Sie kauften gewiß Blumen.
+
+Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.
+
+Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe
+kaufen.
+
+Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu
+sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina
+mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend
+abholen, ehe sie verwelkten.«
+
+»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«
+
+»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das
+Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte
+Griechisch als sie noch _so_ klein war.
+
+Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde
+sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen
+unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie
+verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich
+ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es
+auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den
+Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,
+ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und
+bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,
+Gott um Verzeihung zu bitten.
+
+Da zerbricht etwas in ihr.
+
+Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt
+ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen
+verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
+Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen
+zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,
+die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,
+wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein
+gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
+Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt
+ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,
+die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße
+herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --
+-- --
+
+Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.
+Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich
+konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich
+kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden
+war!«
+
+»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.
+
+»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden
+bist, Elina!«
+
+Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum
+Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich
+nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.
+
+Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die
+kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen
+und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.
+
+Als wir hineinkamen, sagte sie:
+
+»Spendieren Sie etwas zu trinken?«
+
+So war sie.
+
+»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann
+hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes
+geschwatzt.«
+
+Sie lachte schrill.
+
+»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder
+kindisch!«
+
+»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.
+
+Da spie sie wütend vor sich hin.
+
+Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind
+sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein
+Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.
+
+»Ja, gern.«
+
+Sie steht auf und geht hinaus.
+
+Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen,
+Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
+zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach
+einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.
+
+Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß,
+sie zündete sich auch eine Cigarette an.
+
+»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.
+
+»Wie lange sind Sie hier gewesen?«
+
+»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«
+
+Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten
+Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.
+
+»Wo haben Sie das gelernt?«
+
+»Im Tivoli.«
+
+»Gehen Sie oft dahin?«
+
+»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr
+was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine
+so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann
+bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas
+Geld geben?«
+
+Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.
+
+Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht
+empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch
+eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich
+ausgepumpt werden.
+
+Der Wein kam.
+
+Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein
+paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
+abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an,
+die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend,
+und sie trugen abgeschnittenes Haar.
+
+Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz
+genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld
+gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich
+um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.
+
+Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten
+sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei
+Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das
+Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch
+und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
+um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte
+gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich
+verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und
+machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und
+Jacke und schickte sich an auszugehen.
+
+»Wollen Sie gehen?« fragte ich.
+
+Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie
+vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die
+Thür nach dem Gang und rief:
+
+»Gina!«
+
+Das war ihre Mutter.
+
+Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.
+Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.
+
+»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden
+Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine
+Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht
+wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch
+jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«
+
+Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte
+unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte
+die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.
+
+»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.
+
+Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die
+Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.
+
+Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:
+
+»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein
+bezahlen und gehen.«
+
+»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.
+
+Ich war ganz betroffen.
+
+»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich
+denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber
+vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.
+
+Die Mädchen fingen an zu lachen.
+
+»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so
+viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
+den Wein bezahlen! Hahaha!«
+
+Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.
+
+»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr
+haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir
+gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und
+Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich
+auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen
+gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht
+Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu
+necken. Ihr sollt aber hinaus!«
+
+Und die Mädchen mußten hinaus.
+
+Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter
+ihnen abschloß.
+
+»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie
+entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen
+ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
+waren?«
+
+»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu
+beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie
+erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette
+Mädchen.«
+
+»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du
+ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der
+Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin
+auf den Tisch geworfen hatte.
+
+»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie
+sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«
+
+»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe
+nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna
+anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und
+übel. Davon kann ich nicht leben!«
+
+»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte
+ich.
+
+Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer
+herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu
+machen.
+
+»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir
+still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl
+verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen
+mag ich nicht.«
+
+»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares
+Leben anzufangen.«
+
+»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?
+Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich
+habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche
+Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen
+sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.
+
+Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein
+vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie
+summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin,
+während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr
+Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder
+auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da,
+sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:
+
+»Bleibst du übernacht hier?«
+
+»Nein!« antwortete ich.
+
+»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- --
+
+Der Erzähler schwieg.
+
+»Nun?« fragte ich.
+
+»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde?
+Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
+Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«
+
+Er sah mich an.
+
+»Ich blieb!« sagte er.
+
+»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem
+Mädchen?«
+
+»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.
+
+»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?
+Waren Sie betrunken?«
+
+»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger
+widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die
+Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war
+mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das
+begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von
+Zügellosigkeit wir versanken!«
+
+Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.
+
+»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß
+sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die
+geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so
+schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von
+übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre
+ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie
+voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen
+könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin
+rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen
+Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß
+gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du
+widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem
+solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch
+bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem
+Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es
+erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie
+jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich
+war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«
+
+Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.
+
+Endlich erwachte er wie aus einem Traum.
+
+»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich
+müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«
+
+Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,
+ich hatte sie zu Hause vergessen.
+
+»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte
+seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da
+kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das
+kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder
+da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
+Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich
+ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein
+Unrecht!« --
+
+Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an
+mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.
+
+»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für
+die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«
+
+Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich
+mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
+meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte
+die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
+verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine
+erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum
+andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch
+einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
+vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie
+gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.
+Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!
+
+Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner
+Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
+Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr
+gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!
+
+Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und
+meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.
+Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.
+Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.
+
+Ich schwieg.
+
+
+
+
+Vater und Sohn
+
+Eine Spielergeschichte
+
+
+I
+
+Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach
+dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem
+Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem
+sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem
+Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer
+Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und
+Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während
+einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
+Leben und großer Umsatz.
+
+Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war
+herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
+Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und
+Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo
+gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war
+das Zelt des Pavo aus Sinvara.
+
+Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der
+Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere
+Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.
+
+Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen.
+Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich
+hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die
+Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des
+größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei
+dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht.
+Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei
+der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft
+sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene
+Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er
+war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.
+
+Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter
+das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet
+hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen.
+Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte
+Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der
+nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank
+angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
+noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte
+er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank
+ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft;
+er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner
+gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln.
+Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle,
+sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.
+
+Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß
+er kommen würde.
+
+ * * * * *
+
+
+II
+
+Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in
+den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte
+der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.
+
+»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch
+kommen!«
+
+Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem
+Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
+kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus
+Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen
+Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
+leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der
+Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach
+umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber
+dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und
+dessen Mutter so viel Kummer bereitete.
+
+»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete
+ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«
+
+Und dann ging der Diener.
+
+Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr
+war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller
+Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die
+Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
+der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren
+Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des
+Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde
+war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten
+einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der
+Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.
+
+Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig
+Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von
+dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart
+und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts
+gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws
+Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil
+sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
+war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und
+antwortete.
+
+Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen
+Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er
+gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem
+Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück.
+Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein,
+auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.
+
+Plötzlich sagt er:
+
+»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«
+
+Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor
+ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.
+
+Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das
+Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein
+brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig
+vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.
+
+Im selben Augenblick ruft der Croupier:
+
+»Dreizehn!«
+
+Er heimst alles Geld ein.
+
+Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze
+Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
+eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von
+neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts
+geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
+einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen
+Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder
+dreizehn!
+
+»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.
+
+Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher
+gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft
+eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen.
+Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener
+stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
+ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des
+Rades, das sich dreht.
+
+»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.
+
+Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles
+darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
+genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es
+sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf
+seinem Stuhl hin und her.
+
+»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er
+arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«
+
+Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein
+Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu
+reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ,
+ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf
+eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.
+
+Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben
+ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
+hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine
+eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb
+hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen
+Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.
+
+»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.
+
+Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:
+
+»Verloren!«
+
+»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von
+mir. Warte, ich will es selber thun.«
+
+Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu
+erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso
+wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«
+
+Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in
+Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.
+
+»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet
+er ein.
+
+»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie
+kommt,« lügt Pavo.
+
+Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein
+Taschenbuch hervor.
+
+»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber
+ganz niedrig, ungefährlich.«
+
+Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt
+Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:
+
+»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom
+Croupier? Sage ihm das doch!«
+
+Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,
+als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine
+heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:
+
+»Setze auf dreizehn!«
+
+Pavo wendet ein:
+
+»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«
+
+Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:
+
+»Ja! Setze auf dreizehn!«
+
+Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer
+dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.
+
+»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das
+Doppelte!«
+
+Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man
+wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
+die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den
+Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,
+seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt
+auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an
+dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.
+
+Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten
+dreizehn nennt, ruft er:
+
+»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«
+
+»Aber --«
+
+»Setze hundert!«
+
+Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,
+dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen
+Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
+siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das
+ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.
+
+»Dreizehn!« ruft der Croupier.
+
+»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara.
+Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er
+sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«
+
+»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt
+wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«
+
+»Setze hundert auf dreizehn!«
+
+»Warum willst du das Geld wegwerfen?«
+
+Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,
+als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
+und sagte:
+
+»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen
+und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu
+zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«
+
+Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem
+Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am
+Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das
+Roulette gelenkt.
+
+»Dreizehn!«
+
+»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das
+Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«
+
+Pavo war ganz bestürzt.
+
+»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen.
+»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«
+
+»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze
+auf Rot!«
+
+Pavo setzte auf Rot und verlor.
+
+Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.
+
+»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man
+hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war
+gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf
+Gerade!«
+
+»Wieviel?«
+
+»Soviel du willst. Setze sechshundert.«
+
+»Sechshundert ist zu viel.«
+
+»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,
+ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«
+
+Gerade verlor.
+
+Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und
+sagte heftig:
+
+»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren.
+Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«
+
+Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein
+Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt
+da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott
+halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten
+Mann, Roulette spielen zu wollen!«
+
+Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem
+Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.
+
+Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe
+neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.
+
+
+III
+
+Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
+Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
+Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
+Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
+Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
+erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig
+geworden.
+
+»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt
+kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«
+
+Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
+Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.
+
+»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
+Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
+konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
+die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie
+zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
+Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«
+
+Pavo steht stumm da.
+
+Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
+kein Wort.
+
+»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht
+vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
+keine Zeit verlieren.«
+
+Und von dannen ging es.
+
+»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns
+hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«
+
+Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
+naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
+Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
+Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
+Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
+mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu
+zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
+Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und
+bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er
+stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
+zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
+einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu
+unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch
+das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.
+Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
+hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
+nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten
+Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.
+
+Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn
+wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
+das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint
+sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.
+
+»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,
+was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
+meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«
+
+Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit
+einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal
+hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
+Schwarz.
+
+»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«
+meldet der Croupier und streicht das Geld ein.
+
+»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«
+sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
+Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
+auf Rot!«
+
+Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
+traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.
+Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
+diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
+von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er
+gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
+einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
+den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
+ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
+mit zitternden Händen.
+
+»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du
+hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
+ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
+bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«
+
+Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß
+sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
+selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
+Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
+Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen
+eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!
+
+Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
+geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er
+-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
+wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde
+darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld
+zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
+retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?
+Fürchtet er das Unglück?
+
+Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
+fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
+plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
+ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
+Vater und Sohn hinüber und sagte:
+
+»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
+schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
+will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
+versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist
+brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater
+ruiniert.«
+
+Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches
+vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
+umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei
+Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln
+und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und
+unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
+sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.
+
+»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.
+
+Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
+zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
+und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in
+den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
+eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
+nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
+sehr finster.
+
+»Dreizehn!« meldet der Croupier.
+
+Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
+blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
+Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der
+Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
+setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
+gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
+einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
+sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
+alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
+einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem
+Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
+links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.
+
+Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und
+sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.
+
+»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
+spiele euch doch alle unter den Tisch!«
+
+Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
+gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf
+die dreizehn.
+
+»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,
+sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«
+
+Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
+zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch
+einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
+der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.
+
+Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
+von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.
+
+»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
+auf dieser dummen Zahl genug verloren.«
+
+Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
+gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
+Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und
+dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,
+sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend
+umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
+junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:
+
+»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«
+
+Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.
+
+»Ja, Herr!« antwortet sie.
+
+»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«
+
+Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
+die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
+reichte ihr noch ein Goldstück.
+
+»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«
+
+Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte
+voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,
+lächelte allen zu und ging.
+
+Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.
+
+»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so
+viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«
+
+Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von
+Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.
+
+»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine
+habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich
+verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
+ist das meine Farbe.«
+
+Rot gewann.
+
+»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist
+ein Versuch.«
+
+Rot verlor.
+
+Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.
+
+»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir
+Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich
+muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben
+Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
+er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
+will dich bessern.«
+
+»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.
+
+»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue
+das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«
+
+Und Pavo erhob sich und ging.
+
+
+IV
+
+Es war fast zwölf Uhr.
+
+Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der
+Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der
+weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen
+Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte
+fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.
+
+Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem
+geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht
+alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In
+zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort
+einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und
+er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der
+als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
+ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.
+
+»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend
+auf.«
+
+Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen
+Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er
+sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch
+genommen, und trank den Wein schweigend aus.
+
+Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er
+gewann dreimal, Schlag auf Schlag.
+
+»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem
+alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch
+genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein.
+Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der
+sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit
+dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er
+beschließt das Spiel.
+
+Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich
+auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er
+sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.
+
+»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.
+
+Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn
+nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger
+seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara
+sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum
+geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
+einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem
+Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in
+sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn
+von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er
+hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
+zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige
+Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine
+nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den
+Papierhüllen.
+
+Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert
+bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.
+
+»Rot!«
+
+Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden
+Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt
+den Tisch.
+
+
+V
+
+Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir
+erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend
+vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo
+dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe
+ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
+habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens
+könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den
+Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das
+andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm
+deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,
+daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«
+
+Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,
+er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen
+halten wollte.
+
+Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte
+überall Bescheid.
+
+»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.
+
+Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine
+Rechnung gebeten.
+
+»Woher weißt du das?« fragte ich.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die
+Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch
+einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«
+
+Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als
+würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
+mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich
+konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein
+paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.
+
+»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.
+
+Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht
+vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
+dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem
+Rücken? Hatte er irgend etwas vor?
+
+»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich.
+Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich
+trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er
+vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet
+und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine
+Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt.
+Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,
+es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich
+zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein
+lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn
+in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt
+herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr
+über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe
+regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf
+den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
+Thür zu.
+
+»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er.
+»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«
+
+Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:
+
+»Geh und hole meine Rechnung!«
+
+Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn
+laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --
+
+Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,
+und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk
+befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
+zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter
+hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen
+seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den
+Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher
+konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß
+in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur
+Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
+Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor
+meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
+Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche
+Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der
+sein Handgelenk verletzt habe.
+
+Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war
+in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der
+Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße
+heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,
+konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:
+
+»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das
+Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen.
+Bringen Sie mir Thee.«
+
+Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,
+sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich
+ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht
+nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch
+unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut
+machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:
+
+»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute
+auch krank.«
+
+Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und
+entgegnete:
+
+»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine
+ganz notwendige Besorgung war.«
+
+Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte
+Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller
+Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
+über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.
+
+»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von
+Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um
+Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette
+ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«
+
+»Es ist gut!« sagte ich.
+
+»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei
+ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche
+Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es
+nicht glauben.«
+
+Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete
+den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der
+Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem
+Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß
+der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld
+holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit
+Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater
+habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen
+lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.
+Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in
+allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle?
+Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen,
+um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die
+ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten
+nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
+an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.
+
+»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so
+eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um
+seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,
+die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«
+
+»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«
+
+»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder
+auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«
+
+Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,
+und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
+war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen
+Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig
+war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu
+halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes
+willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck
+würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein
+ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater
+dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller
+Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten,
+er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe
+unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe
+Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.
+
+»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die
+Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.
+Leb wohl, Pavo!«
+
+Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in
+die Spielhölle gegangen.
+
+»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters
+ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
+fragte ich den Russen.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der
+Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«
+
+Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.
+Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
+höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und
+wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.
+
+»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm
+geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«
+
+Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,
+aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles
+berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer
+am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte
+mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück
+gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle
+er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und
+sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener
+gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.
+
+
+VI
+
+Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
+hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
+einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
+Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege
+kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen
+Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
+Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
+Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich
+nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
+jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.
+
+Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört,
+daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
+fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
+hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
+Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um
+ein ganzes Vermögen geschädigt.
+
+»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
+-- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
+hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
+einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche
+Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
+leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe
+es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
+Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt,
+wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz
+richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«
+
+Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war
+selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des
+vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt
+hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
+tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
+logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
+schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
+roten Mund.
+
+»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.
+
+»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.
+
+»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines
+vernünftigen Mannes nicht.«
+
+Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
+und nieder. Dann stand er still und fragte:
+
+»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe
+gemacht haben, mich aufzusuchen?«
+
+Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im
+Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten
+hatte, entfernte ich mich wieder.
+
+Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich
+zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
+mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem
+zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts
+davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
+eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo
+erzählte.
+
+Die Uhr wurde fünf.
+
+Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von
+Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
+eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
+gelobe er etwas.
+
+Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne
+hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
+Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.
+
+»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen
+operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
+Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.
+
+»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der
+Croupier, indem er sich verneigte.
+
+Das Spiel begann.
+
+Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
+hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
+Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
+macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
+Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
+und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf
+dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er
+wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
+schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
+zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
+ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große
+Summe auf dies Quadrat.
+
+Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
+Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er
+nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen
+Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
+aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er
+atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein.
+Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
+ihr ab.
+
+»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im
+nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
+geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des
+Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das
+schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
+in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und
+das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
+eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.
+
+Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
+völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele
+schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn
+eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung
+mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen,
+beherrscht sich aber und läßt sie stehen.
+
+Das Rad hält an.
+
+»Rot!«
+
+»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den
+Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder
+Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«
+
+Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
+zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
+deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
+ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte
+mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
+Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von
+allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er
+Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er
+arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
+Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand
+voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
+zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
+ihn her flüstern und warten.
+
+»Dreizehn!«
+
+Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der
+Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
+auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null.
+Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
+zurück.
+
+»Null!«
+
+In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen
+fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von
+dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
+ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
+packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.
+
+Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
+daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.
+
+»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er
+seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine
+Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
+Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
+steht auf und geht mit Pavo.
+
+Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach;
+das Spiel gerät ins Stocken -- --
+
+Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
+seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
+eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
+nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
+darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
+Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige
+Zeiten den Rücken wenden.
+
+ * * * * *
+
+
+VII
+
+Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach
+dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und
+alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in
+die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen
+Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand.
+
+»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet
+seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
+wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der
+allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit
+seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede
+gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte,
+hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
+mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten.
+Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws
+Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und
+teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld
+zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause
+reisen.
+
+»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.«
+
+Die Uhr schlug fünf.
+
+Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich
+mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie
+Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der
+Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig
+gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber
+nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:
+
+»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?«
+
+»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade
+herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er
+nicht. Das sieht Pavo ähnlich.«
+
+Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand
+abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt.
+Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.
+
+Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen
+Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren.
+Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber
+sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
+um, auch sie war verschwunden.
+
+Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte
+Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen
+nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er
+geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war
+sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne
+den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den
+Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm,
+und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser
+gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille
+ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz
+sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu
+warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten
+geben können.
+
+Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe
+hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
+die Thür und sehe hinein.
+
+Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat
+ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
+vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am
+Roulette.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Die Königin von Saba
+
+und andere Novellen
+
+Dritte Auflage
+
+
+_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an
+dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden,
+daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten
+der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit
+tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und
+bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit
+seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe
+stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der
+Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von
+Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze
+hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt,
+_das Werk eines echten Dichters ist_.
+
+_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem
+Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so
+oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt
+werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es
+wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er
+versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und
+gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Pan
+
+Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren
+
+Einundzwanzigste Auflage
+
+
+»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,«
+-- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel
+-- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig
+genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich
+atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume
+wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und
+Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich
+sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_
+aus.«
+
+_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger
+Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen
+modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches,
+aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine
+so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
+mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und
+Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler
+ersten Ranges mit der Feder.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Victoria
+
+Geschichte einer Liebe
+
+Fünfzehnte Auflage
+
+
+»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht
+besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie
+Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor
+ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist,
+so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_
+gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der
+ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur
+Hamsun eigen sind.
+
+»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames,
+unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer
+in einer stillen Juninacht_.
+
+_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter
+den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert,
+das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen
+dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten
+inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
+weiß.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_
+aus dem Verlag von _Albert Langen_:
+
+
+ _Hunger_, Roman 18. Auflage
+ _Mysterien_, Roman 12. Auflage
+ _Neue Erde_, Roman 8. Auflage
+ _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage
+ _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage
+ _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage
+ _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage
+ _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage
+ _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage
+ _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage
+ _Schwärmer_, Roman 3. Auflage
+ _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage
+ _Benoni_, Roman 5. Auflage
+ _Rosa_, Roman 3. Auflage
+ _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage
+ _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage
+ _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage
+ _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage
+ _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage
+ _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage
+ _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage
+ _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage
+ _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage
+ _An des Reiches Pforten_, Schauspiel
+ _Abendröte_, Schauspiel
+ _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht
+ _Königin Tamara_, Schauspiel
+ _Spiel des Lebens_, Schauspiel
+ _Vom Teufel geholt_, Schauspiel
+
+
+
+
+Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen.
+
+ S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur)
+ S. 34: später -> späten
+ S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit
+ S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke)
+ S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten
+ S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke)
+ S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt)
+ S. 79: Offnung -> Öffnung
+ S. 116: vorzubringen -> vorbringen
+ S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten)
+ S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine)
+ S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht
+ S. 122: verwelten -> verwelkten
+ S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes
+ S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!)
+ S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn)
+ S. 153: Gerade? -> Gerade!
+ S. 156: Uberblick -> Überblick
+ S. 171: Rechnung! -> Rechnung!«
+ S. 172: Uberfall -> Überfall
+ S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte)
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***